die Kontrolle der Eier (keine Ostergeschichte)

Feministische Zeiten gerade. Das kann man wohl so feststellen.
Hier würde ich üblicherweise etwas zum Thema der sexualisierten Gewalt schreiben, aber das bewegt mich gerade nicht sonderlich. Alles, was gerade über sexualisierte Gewalt, die digital ausgeübt wird, zu sagen ist, wurde und wird bereits gesagt. Wahrscheinlich ist das bei dem Thema dieses Textes nicht viel anders. Aber ich bin anders, seit ich mich zuletzt damit befasst habe. Also geht es jetzt hier um sogenannte „Leihmutterschaft“, Ei.Zellenspende und den unbedingten Willen zur Körper- und Reproduktionskontrolle.

Kurz zu meiner Perspektive, um diesen Text besser einordnen zu können.
Ich bin eine weiße, behinderte, nicht-binäre Person, die seit inzwischen fast 19 Jahren einen unerfüllten Kinderwunsch hat und aktuell in einer Kinderwunschbehandlung ist.

Schon das, diese 19 Jahre meines unerfüllten Wünschens, haben massiv damit zu tun, dass die Reproduktion von Menschen wie mir alles andere als frei ist.
Werden bereits nicht-behinderte Menschen unter den Ansprüchen und Erwartungen an biologisches Funktionieren und emotionale, soziale wie ökonomische Leidens- und Opferbereitschaft schier zerdrückt, so sind behinderte Menschen dabei von vornherein außen vor. Ob bewusst oder unbewusst, ignoriert die Gesamtgesellschaft bis heute, die gewissermaßen routinemäßige Zwangssterilisation oder Zwangsverhütung bzw. die Sterilisationen oder Verhütung ohne Einwilligung oder Ein.Verständnis von behinderten Menschen. Die teils absichtlich vernachlässigte Aufklärung über Sexualität, Konsens und Reproduktion. Den systematischen Ausschluss von Adoption als Option der alternativen Familiengründung.
Und in der Folge auch, wie viel extremer der Druck auf schwangere behinderte Menschen wird, werden diese quasi „trotzdem“ schwanger und Elternteil. Alles, was Behinderung in unserer Gesellschaft scheiße macht, wird in dieser Position, obwohl man es kaum glauben kann, noch beschissener. Denn dann wirken sowohl die Diskriminierung aufgrund der Behinderung (und damit häufig auch die der Armut(sgefährung)), die aufgrund des Geschlechts und die aufgrund des Alters (nämlich das des Kindes und manchmal auch der Eltern).

Und wie das bei Diskriminierung so ist, betrifft sie nicht nur eine Gruppe.
Das Thema dieses Textes wurde losgetreten von einer empörten/wütenden/kraftvollen TikTok-Debatte, nachdem der Drag-Künstler mit Figurnamen „Candy Crash“ mit seinem Partner durch eine Leihmutter in den USA Eltern wurde. Es geht also um ein aufgrund seiner Sexualität diskriminiertes Paar, das bestimmte Privilegien genutzt hat, um sich den Kinderwunsch im Ausland zu erfüllen.
Selbstverständlich kommen da vor allem erstmal Stimmen aus der zweiten Welle, die das schonmal grundsätzlich nicht richtig finden, weil ihrer Meinung nach schwule Menschen – erst recht jene, die ihr Geld mit der (künstlerisch, übertriebenen Darstellung von) Weiblichkeit verdienen – sich damit Weiblichkeit aneignen. Hier zeigt sich schon Kontrollwille. Wer darf wann wie weiblich sein, handeln, agieren, dies das – dieser Stiefel wurde durch die dritte Welle schon tausendmal durchgekaut, das mache ich hier nicht erneut.
Und dann kommt die Sprache darauf, dass Leihmutterschaft Menschenhandel sei. Eine reproduktive Dienstleistung. Ausbeutung. Die beiden Männer, die sich für die Versorgung eines eigenen Kindes entschieden haben und momentan wahrscheinlich gerade mal oben von unten unterscheiden können, weil sie aktuell die vulnerabelsten Wochen ihres Kindes miterleben – gerade Eltern geworden sind und sich in ihrem neuen Leben, Selbstbild, Rolle im Familiensystem einfinden müssen –, die haben zusätzlich dazu also auch noch mit Vorwürfen von Verbrechen und Täter_innenschaft zu kämpfen.
Ich finde es extrem bezeichnend, sich für den Anstoß dieser öffentlichen Debatte dieses Paar auszusuchen (um nicht zu sagen: „es für die eigene unreflektiert diskriminierende Argumentation zu missbrauchen“). Statt Anke und Bernd, die ihre gesamte Existenz in Deutschland auflösen, um das Gleiche zu machen, weil sie ein Jahr zu alt für Adoption, nicht ausgebildet genug für Pflegeelternschaft sind und Ankes zu lange unbehandeltes PCOS sie steril macht. Oder Maria und Petra. Die beide bereits tausende Euro für Kinderwunschbehandlungen ausgegeben haben, ohne, dass es geklappt hat. Oder Thomas und Christoph, die sich vertragliche Sicherheiten über die Anerkennung ihrer Elternschaft wünschen, die sie in ihrem staatlich nicht anerkannten Beziehungspolykül einfach nicht bekommen können.
Statt die Vielfalt der Hintergründe und struktureller Barrieren, Diskriminierungen und auch medizinischer Grenzen zu beleuchten, wurde hier also ein Ausnahmepaar herausgepickt, das ganz sicher als Eltern abgelehnt wird. Ganz egal, wie das Kind entstanden ist oder zur Geburt getragen wurde.

Und dann mussten es natürlich auch die großen, in diesem Zusammenhang falschen, Worte sein. „Leihmutterschaft“ zum Beispiel. Als ob Mutterschaft verliehen würde. Als ob es bei dem, worum es bei diesem Geschehen, um irgendetwas Geliehenes, Vermietetes oder Gekauftes ginge. Ja, bei einer stellvertretenden Schwangerschaft fließt praktisch immer Geld. Es gibt Agenturen, die Bürokratie kostet, die Versicherung aller Beteiligten, die Rechts.Sicherheit, die Versorgung der schwangeren Person. Und ja na klar wird das ausgenutzt. Es passiert so viel Scheiß und nichts davon ist in Ordnung. Ich sage nicht und billige auch nicht, dass es Menschen gibt, die zu Schwangerschaft und Geburt gezwungen werden. In dem Fall würde ich aber niemals von „Leihmutterschaft“ oder, wie ich es richtiger finde, von „stellvertretender Schwangerschaft“ sprechen, sondern von sexualisierter Gewalt. Von reproduktiver Ausbeutung. In Bezug auf Menschen, deren reproduktive Fähigkeiten systematisch, vielleicht sogar staatlich angeordnet und organisiert ausgebeutet werden, bin ich ganz auf der Seite der Empörung.

Aber in Bezug auf abgesprochene, konsensuell eingewilligte und jederzeit widerrufbare und vielleicht sogar aus sozialer Verbundenheit entstandene stellvertretende Schwangerschaft sehe ich das anders. In diesem Szenario sehe ich soziale Unfreiheiten – also Möglichkeiten, wie Menschen auch ohne objektiv erkennbare Notlage sich gezwungen fühlen können –, aber auch staatlichen Schutz und Unterstützungsoptionen für diese Personen. Also Handlungsoptionen. Sogar Optionen der juristischen Strafverfolgung. Das sind die Faktoren, auf die sich viele lesbische Paare zum Beispiel komplett verlassen müssen, wenn sie ihren Kinderwunsch mit eigenen Zellen umsetzen. Nehmen wir an, Luise und Tina wollen ein Kind. Tina hat keine Eizellen mehr, weil sie als Kind eine Chemotherapie gebraucht hat. Sie ist nun aber gesund und fit. Sie kann schwanger sein und gebären, ohne sich zu gefährden. Luise hat gesunde Eizellen, ist aber schon Anfang 40 und würde mehr Risiken für sich während der Kinderwunschbehandlung und das Kind während der Schwangerschaft und der Geburt eingehen müssen. Also bekommt Tina die von einem Spenderspermium befruchtete Eizelle von Luise eingesetzt.
In der Logik des TikTok-Videos von „@allesscheißeman“, das die Debatte emotional eskaliert hat, würden sich die Behandler_innen dieses Paares des Menschenhandels schuldig machen und Luise ihre eigene Partnerin ausbeuten. Nur die_r Spermaspender_in, eine Person, die in der Regel höchstprivilegiert ist in unserer Gesellschaft, bleibt in dem Zusammenhang komplett unbeleuchtet, obwohl auch sie eine stellvertretende Elternschaft damit eingeht. Das Wort „Leihvaterschaft“  kommt in der Debatte generell überhaupt nicht vor. Logisch. Eltern ohne Uterus werden einfach traditionell nicht in ihren reproduktiven Fähigkeiten kontrolliert. Und seien wir ehrlich, der Anspruch an cis männliche Väter ist doch auch heute noch eher der, ein Stellvertreter für die cis weibliche Mutter zu sein, wenn diese mal nicht kann.

Ein Punkt, der im aktuellen feministischen Gehuddel immer wieder aufgebracht, doch selten wirklich zum Hebel gemacht wird, ist die kapitalistische Grundsituation, in der sexualisierte Gewalt und Ausbeutung, aber eben auch reproduktive Selbstbestimmung passiert.
Eine Eizellspende kostet in Österreich zwischen 10.500 und 12.000 € pro Zyklus. Eine Spermaspende hingegen 600 und 1.110 €. Eine Eizelle ist um so vieles wertvoller, als eine Portion Sperma, in dem Millionen potenter Auslöser einer Schwangerschaft stecken. Das ist der kapitalistische Hebel.
Eine gesunde, befruchtungsfähige Eizelle ist ein knappes Gut, das nur extrem aufwendig, außerordentlich sorgfältig und risikobehaftet für alle Beteiligten für andere als die Person, die damit geboren wurde, verfügbar gemacht werden kann. Es ist also in erster Linie der Person eigen, wie es auch ihr üblicherweise zeitgleich (aber nicht zwingend immer auch) vorhandener Uterus und der Rest ihres Körpers ist. Diese Person hat und muss jedes Recht darüber behalten, was damit passiert. Und wie. Und auch für wen. Und warum. Alles andere ist meiner Meinung nach eine Beschneidung ihrer Eigentumsrechte und reproduktive Unterdrückung.
Auch wenns lieb und als Schutz für die Person gemeint ist. Wer Menschen davor schützen möchte, dass sie ihre Zellen verkaufen oder sozialen Handel damit treiben oder schwanger werden, weil sie Versorgung brauchen, soll sie versorgen. Oder sich wenigstens solidarisch mit ihnen verbünden, damit sie ihre Versorgung erstreiten können. Das ist der antikapitalistische Kern von feministischem Kampf, besonders in Fragen der reproduktiven Ungerechtigkeiten, die sich nur allzu gern in biologistischen und essenzialistischen Nebendebatten wegverstecken.

Ich bin der Ansicht, dass es in Ordnung ist, zu kritisieren, dass reiche Menschen sich ihren Kinderwunsch aufgrund ihres Reichtums leichter erfüllen können, als arme.
Diese Kritik jedoch an Individuen aufzuhängen, zeigt mir als jemand, die_r inzwischen wirklich weiß, wie brutal schlimm, wie umfassend furchtbar ein unerfüllter Kinderwunsch sein kann, dass dieser Umstand in der Debatte komplett missachtet wird.
Fortpflanzung ist triebhaft. Man kann diesen Trieb sehr stark spüren oder nur schwach oder nur dann und wann, manche Menschen spüren ihn auch gar nicht. Aber kontrollieren kann man ihn nicht. Man kann nur kontrollieren, wer ihm wann wie wo nachgehen kann. Und dieser unbedingte Wille zur Kontrolle – der gehört für mich immer wieder hinterfragt. Vor allem, wenn er sich primär auf Menschen erstreckt, die schwanger werden, sein, bleiben und Kinder gebären können.

mit allem Rechnen: Angst + Kontrolle = Selbstsabotage

Woran ich in dieser Woche erinnert wurde: Selbstsabotage

Menschen mit Ängsten so wie ich sind oft richtig super darin, sich Angst zu nehmen, indem sie weit vorausdenken. Planen. Organisieren. Sich ziemlich konkrete Annahmen ableiten, um Vorhersagen machen zu können.
Das ist eine super Strategie, denn wenn man immer mit allem rechnet, kommt am Ende immer ein Plus – nie ein Minus – raus.
Man hat doppelten Schutz: Man wird nie überrascht und selbst wenn doch, hat man es ja schon vorher gewusst. Und einen ziemlich konkreten Plan, was dann zu tun ist, was was wie bedeutet und zu managen ist und so weiter.

Erstes Problem dabei: Man kommt nie in die Situation, dass man keine Angst hat. Das beruhigende Plus am Ende des „mit allem Rechnens“ ist, dass die Angst immer berechtigt ist. Dass es immer gut ist, Angst zu haben. Und dass man den Selbstschutz immer als Reaktion trainiert und statt als etwas, das immer ein wenig da ist und gewissermaßen die Ausgangslage für jedes Handeln bildet.

Zweites Problem: Wenn man die so sorgfältig vortrainierten Katastrophenrettungspläne nicht ausführen kann, wie geplant, kann es zu massivem Selbsthass, Abwertung und Selbstbestrafung kommen und das nächste Angstfeld eröffnet sich.
Bei mir ist das oft Angst vor mir selbst, weil mich die Brutalität in mir drin erschreckt. Ich habe aber auch Angst davor, dann mit anderen Menschen darüber zu reden, weil sie mich nicht verstehen oder nicht mehr mögen könnten. Der Kontakt könnte die nächste Situation werden, nach der ich denke, dass meine Angst berechtigt war.

Und was mache ich, um damit umzugehen?
Ja, richtig: Einen wasserdichten Plan mit allen Toppings aus der Auslage.
Mehr ist mehr.

Die Strategie des Antizipierens und Planens vermittelt oft Kontrollgefühle. Das ist zwar nicht das gleiche wie Sicherheitsgefühle, aber wenn man sich mit Sicherheitsgefühlen noch nicht so gut auskennt, dann verwechselt man das auch schnell mal.
Ich habe mir eine Liste erstellt, woran ich diese Gefühle unterscheiden kann:

  • Wenn ich Kontrollgefühle habe, fühle ich mich total potent – auch in Bereichen, in denen ich nicht mal Kompetenzen habe.
  • Bevor ich Kontrollgefühle habe, habe ich viele Szenarien analysiert, bewertet, durchgespielt – meine Denkarbeit dafür ist enorm.
  • Wenn ich Kontrollgefühle habe, dann kann ich viel machen – aber tendenziell weniger fühlen, was außerdem noch da ist.
  • Ich habe vor allem dann Kontrollgefühle, wenn ich allein bin. Das heißt, dass ich (wenn ich den Eindruck habe, es könnte hart auf hart kommen) andere Leute (auch die, zu denen ich gerne Kontakt hätte) wegstoßen, vernachlässigen, ausblenden muss.
  • Ich bin extrem unflexibel, wenn ich Kontrollgefühle habe. „Never touch a running system“ ist dann mein Modus. Niemand bewegt sich – nichts darf sich ändern. Und sei es noch so viel vorteilhafter. Total egal. Ich hab grad mal alles im Griff und bin kein zitternder Angstaal – jetzt ändert sich hier gefälligst mal gar nichts.

Sicherheitsgefühle wirken anders.

  • Wenn ich mich sicher fühle, dann sage ich, was ich kann und wobei ich Unterstützung, Begleitung, Hilfe brauche. Meine Erwartung an das, was ich kann, ist viel realistischer.
  • Und ich sage, was ich brauche, dann nicht mit exorbitantem Vorfühlen und Abtasten und Prüfen, sondern einfach so.
  • Wenn ich mich sicher fühle, dann kann ich die Erfahrung vollständig erinnern. Handeln und Fühlen sind in der Regel kongruent. Ich kann daraus alles Mögliche (und eben nicht nur das Unmögliche) lernen.
  • Im Sicherheitsgefühl belastet mich der Kontakt mit anderen Menschen weniger. Wenn ich mehr Zeit zur Anpassung brauche, dann empfinde ich das irgendwie mehr als Teil des Kontaktes insgesamt.
  • Im Sicherheitsgefühl kommt meine Kreativität, Neugier, Spielbereitschaft, Humor und meine Fähigkeiten, Zuneigung und Liebe auszudrücken, zum Vorschein. Andere Menschen haben dann die Möglichkeit, mich vollständig als Mensch zu erleben – und ich habe die Möglichkeit, vollständig im Kontakt zu sein. (Ist auch gruselig sowas – aber mehr so „Uhuuu „gruselig“-gruselig“)
  • Im Sicherheitsgefühl fühlt es sich manchmal auch gut an, nicht alles unter Kontrolle zu haben. Der Spruch „Augen zu und durch“ ist in diesem Zusammenhang nicht die ignorante Floskel, die sie ist, wenn man um Kontrollgefühle ringt.

*

Die Erinnerung an den selbstsabotierenden Aspekt des vorausschauenden Planens gegen die Angst hat mir heute in Bezug auf meine Fahrschulstunde geholfen.

Denn was ich die letzten Male seit dem Meltdown ständig versucht habe, ist die Kontrolle über mich und die ganze Situation zu behalten. Ich habe unfassbar starke Ängste, von anderen als gefährlich wahrgenommen zu werden. Ich will nicht abgewehrt eingesperrt bestraft erzogen werden, weil ich mich nicht im Griff hatte. Mein Fokus ist dem Fokus der Fahrlehrerin und allen, denen ich von der Situation erzählt habe, gefolgt: Hauptsache durch da. Irgendwie einfach schaffen und fertig. Nicht weiter drüber nachdenken – machen.
Kontrolle haben und halten und halten und halten und halten – und nebenbei dann halt lernen.

Mich sicher zu fühlen, erschien mir als gefährlich. Nach dem Meltdown hatte ich vor mir selbst das Recht darauf verwirkt. Ich hatte meinen Versuch, den habe ich verkackt. Es war irgendwie logisch, dass es mir ab dem Zeitpunkt nur noch scheiße ging, wenn ich im Fahrschulauto saß oder an die Fahrschule dachte, selbst wenn ich durch den Ort der Fahrschule fuhr.
Obwohl es inzwischen ein halbes Jahr her ist. Niemand verletzt wurde. Allen Beteiligten klar ist, dass es bei einem Meltdown nicht um steuerbare Impulse geht. Heute die ganze Konstellation eine andere ist.

Meine eigentlich ganz hilfreiche Eigenschaft des konsequent seins hat sich richtig ungünstig mit meiner Angst vermischt und mein Umgang damit hat keinen Raum gelassen, die Erfahrung zu integrieren. Im Gegenteil hat er meine Angst immer wieder bestätigt und mich daran gehindert zu begreifen, dass wieder alles okay ist. Soweit man das halt realistisch sagen kann.
Und das ist ein Klassiker der Selbstsabotage.

Also back to the roots.
Wenn man was anders haben will, muss man was anders machen.

Ich habe 8 Stunden geschlafen. Gegessen. Mir was angezogen, das sich gut anfühlt. Habe auf der Fahrt zur Fahrschule einen Podcast gehört, den ich schon seit 9 Jahren jeden Tag mindestens ein Mal höre. Bin eine Strecke gefahren, die ich kannte. War pünktlich. Habe erst aktiv an die Stunde gedacht, als sie wirklich losging. Mich aktiv darauf aufmerksam gemacht, dass die Lehrerin eingreift, wenn nötig bzw. wie sie sich immer dafür bereit macht. Ich habe ausschließlich auf das geachtet, was tatsächlich passiert ist und ausgesprochen, was ich in dem jeweiligen Szenario annehme, was passieren könnte. Die Lehrerin hat mir dann gesagt, was davon realistisch ist und was nicht.

Ich bin nach einer Stunde ausgestiegen und war nicht komplett im Arsch mit Nerven, Geist und Seeligkeit.
Das war richtig gut.
Mach ich nächstes Mal wieder so.

das innere Chaos begreifen – ein Plädoyer gegen die Demokratisierung des Inneren

Anfang der Woche sah ich die Formulierung der „Demokratie im Inneren“ mal wieder im Kontext der Traumaheilung und DIS. Wenig verwunderlich, denn diese Formulierung, diese Zielsetzung zum inneren Frieden gibt es schon lange in der Welt.
Ich halte sie für problematisch und schreibe hier, warum.

Zwei Dinge.
Erstens ist Demokratie eine Herrschaftsform. Eine Struktur, um Macht in einer Gruppe (Gesellschaft) herzustellen, anzuerkennen, durchzusetzen und aufrechtzuerhalten.
Traditionell ist keine Herrschaftsform gewaltlos. Wo Herrschaft ist, ist auch Macht und wo Macht ist, ist Gewalt. Demokratie, aber auch Diktaturen oder Autokratien und viele andere *kratien können sozusagen als Verwaltungssystematiken gedacht werden. Ein ganz spezieller Zettelkasten, in denen die Rechte und Pflichten, Verbote und Gebote des Zusammenlebens ganz spezifischen Menschen(gruppen) zugeordnet werden. Bereits diese Gruppierung und Zuordnung sehe ich als gewaltvolle Praxis an, da sie zu gewalttypischer Distanzierung führt, die ihrerseits sowohl als Funktion als auch als Ziel zur Weiterführung von Gewalt als System einzuordnen ist.
Die Zuordnung von Rechten und Pflichten, Ver- und Geboten ist in der Folge als Privilegierung bzw. Deprivilegierung zu sehen. Also etwas, das sowohl die getane Zuordnung in Gruppen definiert als auch aufrechterhält. So durften bereits in den frühen Demokratien verschiedene Personengruppen nicht wählen und hatten deshalb praktisch keine Möglichkeiten, ihrer Deprivilegierung auf demokratischem Wege entgegenzuwirken. Die Folgen waren unvermeidbare Aufstände, Kämpfe, Kriege. – Gewalt.

Nun mögen manche einwerfen, dass solche Demokratien heute gar nicht mehr existieren. Sklaverei wurde ja abgeschafft und das Frauenwahlrecht gibt es ja auch. Darauf möchte ich zum einen mit einem Mini-Serien-Tipp antworten: „Amend, the fight for america“ [Esquireartikel] und zum anderen daran erinnern, dass erst 2019 bestimmte Gruppen von betreuten und behinderten Menschen ihre Stimme bei der Europawahl abgeben durften. Und dass Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren auch zum Volk gehören. Weiterhin ist wählen zu dürfen auch in unserem Land keine Selbstverständlichkeit für alle gleich. [Tagesschauartikel]
Demokratie war nie von allen, für alle vom Volk gedacht und wird entsprechend auch bis heute nicht für alle angewandt, um Fragen des Zusammenlebens, Wirtschaftens und Ge.Waltens zu beantworten. Demokratie war schon immer ein Werkzeug, den mächtigsten Positionen in einer Gesellschaft den größten Einflussradius zu verschaffen. Nicht: den mächtigsten Menschen – aber den mächtigsten sozialen Positionen sowie darin begründete Ideen und Werte, die von (heute) mehrheitlich gewählten Gruppen (Parteien) (die wiederum mit viel Machteinsatz von ihren Ideen und Werten überzeugt haben) zu Taten kommen. Also dann irgendwann Gesetze oder Verbote werden und Gruppen der Gesellschaft privilegieren oder deprivilegieren.

All dem liegt weiterhin wie dereinst in den ersten Demokratien unserer westlichen Kulturen die Idee zugrunde, dass die mächtigsten die Richtigsten sind und deshalb immer schon eher Recht haben als andere. Hinzu kommt noch der „die Mehrheit hat immer Recht“-Gedanke, der meiner Meinung nach schon deshalb ein Fehlschluss ist, weil die Mehrheit in der Regel einfach nur immer die Macht hat. Eine Mehrheit kann Minderheiten zerstören, entrechten, ausschließen usw. Das gibt ihr kein Recht – aber eine mächtige Mehrheit braucht auch nicht darauf warten, dass ihr Recht gegeben wird – sie kann es sich einfach nehmen.

Und hier kommen wir zu meinem zweiten Punkt und in einem Bogen zur persönlichen inneren Struktur.

Du hast vielleicht gerade deine DIS-Diagnose oder pDIS-Diagnose oder wie auch immer benannte „Anteile-nach-Trauma“-Diagnose bekommen. Du weißt von einem oder mehren Anteilen, die irgendwie dauernd in dein Leben hineinfunken oder dir Entscheidungen unmöglich machen. Oder du spürst immer wieder, dass du mit Erinnerungen geflutet wirst, die dich quälen oder dass du dein Leben einfach nicht genießen oder bestimmte Therapiefortschritte nicht machen darfst. Ständig ist Krieg in deinem Inneren und du wünschst dir vor allem Ruhe, Frieden, Einigkeit, Harmonie.
Und dann liest du die Formulierung „Demokratie im Inneren“ und du denkst: „Ahja Demokratie, so machen wir das ja im Außen mit allen möglichen Entscheidungen. Alle sagen, was sie wollen und dann machen wir, was die meisten wollen und damit müssen alle zufrieden sein, denn so läuft es nun einmal.“

Das denkst du aber vielleicht nicht, wenn du gerade mit den tausenden Menschen in ganz Deutschland gegen die demokratisch gewollte gewählte AFD auf die Straße gehst, oder? Da gehst du ja hin, weil du sie nicht gewählt hast und nicht willst, dass sie so viel bestimmen dürfen wie die AFD, die sich CDU/CSU nennt. – Die du ja vielleicht auch schon nicht gewählt hast, die du aber irgendwie hingenommen hast, weil du ja mit deiner Stimme für SPD, Grüne oder Linke schon noch ein Gegengewicht herstellen konntest. Hast du jedenfalls gedacht. Sie habens ja versprochen. Im Wahlkampf. Wo sie jedem potenziell Wählenden alles erzählt haben, was sie hören wollten.
Aber vielleicht machens sie es ja noch wahr. Große Veränderungen dauern ja.

Nun spielen wir den Gedanken mal weiter, als hättest du keine demokratiekritische Haltung und du versuchst diese Demokratie in deinem Inneren herzustellen.
Okay: Welche Konflikte gibt es bei euch? Welche Entscheidungen müsst ihr treffen? Welche Überzeugungen und Werte sind für euch bei Abstimmungen relevant? Welche Parteien habt ihr im Inneren? Welche Koalitionen und welche Oppositionen gibt es? Habt ihr eine Struktur in euch, die eure Entscheidungen legitimiert? (Also eine Legislative, eine Justiz?) Habt ihr eine Struktur in euch, die dafür sorgt, dass sich alle von euch (auch, aber vor allem die Minderheiten, die Verlierer jeder Mehrheitsabstimmung) an eure Entscheidungen halten? (Also eine Polizei oder Armee?) Wie prüft ihr, ob eure Entscheidungen nicht totaler Quark sind?
Was macht ihr, wenn trotz innerer Demokratie gar nicht die Ruhe eintritt, die ihr haben wollt?
Wie geht ihr mit Aufständen, Großdemos und gewaltvollen Attacken um? Welcher Instanz, welcher Stelle außerhalb von euch selber, überlasst ihr in dem Fall die Kontrolle (die Macht) über euch?

Allein diese Fragen für sich beantworten zu können, erfordert unfassbar viel Wissen über „die Anderen“, über euch als System und über euch als Menschenkörper sowie das Leben als Mensch in der gesellschaftlichen Position, in der ihr lebt. Es ist überfordernd und zwangsläufig auch frustrierend. Denn gerade am Anfang, vor allem wenn auch noch PTBS oder andere traumabedingte Belastungsstörungen wie Essstörungen, Süchte, dysfunktionale Beziehungsmuster oder Persönlichkeitsstrukturen unreflektiert wirken und gebraucht werden, um den Tag zu überstehen, kommt man nicht „auf einen grünen Zweig“ beim inneren Demokratieaufbau. Viele halten sich dann für therapieunfähig oder in Annahmen über generelle Unfähigkeit bestätigt oder schlicht für einen hoffnungslosen Fall.
Dabei ist das, was da oft passiert in meinen Augen eine total gute, gesunde, heile Reaktion. Wozu denn ein System der Herrschaft etablieren, wenn doch im Inneren gerade eigentlich alle nur mal die Nase in den Wind oder den Kopf aus dem Sand stecken und die Augen aufmachen? Die Anfangszeit rund um die Diagnosestellung ist doch vor allem deshalb so grauslig: Da sind auf einmal welche, die irgendwas machen und wollen und man versteht nicht, wieso und wozu – und wenn doch, dann ist man erstmal total erschreckt und will das alles vielleicht gar nicht.
Warum zu dem Zeitpunkt erst mal alles kontrollieren? Alles ordnen, Posten verteilen, gruppieren, mit Namen versehen, wer keinen hat, umbenennen, wer peinlich oder verräterisch klingt und Regeln nebst Strafen aufstellen?
Für mich ist das eine gewaltvolle Traumareaktion. Man kriegt Schiss wegen des Kontrollverlustes und die Reaktion ist der Versuch Kontrolle herzustellen. Dabei ist die bedürfnisgerechte Reaktion auf diese Furcht, diesen Schiss, eigentlich, sich zu versichern. Also nicht diesen Schritt zu machen: „Ich will die Kontrolle nicht verlieren – also sichere ich mir die Kontrolle.“ – sondern: „Ich habe Angst vor Kontrollverlust, also begebe ich mich in eine sichere Umgebung, einen versichernden Kontakt, in dem ich keine Angst vor dem Kontrollverlust haben muss.“

Diese Art der Analyse eigener Bedürfnisse können komplex traumatisierte Menschen mit DIS, pDIS, DDNOS etc. in der Regel gar nicht vornehmen, weil sie ihre Grundbedürfnisse aufgrund der strukturellen Dissoziation nicht als solche (für) wahr.nehmen, einordnen und kongruent befriedigen können.
Die meisten können auf Angst – egal wovor und egal, wie bewusst ihre Auslöser für sie sind – nicht anders als traumareaktiv re.agieren.
Was bedeutet das aber für den Aufbau innerer Strukturen für den Systemfrieden?

Das bedeutet erst einmal, dass die bestehenden inneren Strukturen verstanden, wertgeschätzt und akzeptiert werden müssen, wie sie sind und sich zu überlegen, was „innerer Systemfrieden“ diesbezüglich überhaupt sein kann.

Dazu gehört auch eine grundlegende Akzeptanz für inneres Chaos zu entwickeln – und auch von Außen innerlich chaotisch gelassen zu werden, solange dadurch kein körperlicher Schaden für die Person und deren Mitmenschen entsteht. So manches „Chaos“ ist in Wahrheit eine Expedition von Innens nach Außen oder Versuche des Andockens an die Gegenwart. Was ich selber auch oft als Chaos wahrgenommen habe (und manchmal noch so empfinde) ist der Versuch herauszufinden, wie ich was eigentlich wahrnehme und für mich allein bewerte – während ich aber gleichzeitig merke: „Oh Shit, ich kann das aus mir allein heraus gar nicht.“ Dass ich so etwas merke und dann innerlich ganz zerwurschtelt in meinem Wollen und Können und Fühlen und Denken bin, ist per se überhaupt kein Problem, solange ich sicher und versorgt herumprobieren kann, was ich wie will und brauche und möchte. Es ist weder ein spezieller Spezialaspekt meines Vieleseins, noch etwas psychologisch Pathogenes – es ist ein vollkommen normaler Lern- und Selbst.Erfahrungsvorgang.

Einer, der auch beim Kompetenzaufbau zur alltagsorientierten Überlebenssicherung hochgradig relevant ist.
Priorisieren, rechnen, strategische Überlegungen anstellen, Planung über mehrere Tage hinweg – das sind Fähig- und Fertigkeiten, die eine umfängliche Hirn- bzw. Körperfunktion erfordern. Dafür müssen bei sehr vielen komplex traumatisierten Menschen erst einmal passende neuronale Netzwerke entstehen. Denn chronisch toxisches Stresserleben (wie beim Aufwachsen in traumatisierenden Lebensumfeldern üblich) verhindert dies. Viele komplex traumatisierte Menschen wirken vielleicht so, als wären diese Aufgaben kein Problem – sie sind es aber und sie versteckt von Grund auf (neu) zu lernen, weil Außenstehende sie erwarten, ist ein ungeheuer großer Kraftaufwand.

Das Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur bzw. Er_Leben, das von dissoziativer Selbst- und Umweltwahrnehmung beeinflusst ist, bedeutet sehr viele Herausforderungen, die die meisten nicht komplex traumatisierten Menschen mehr oder weniger unkompliziert und liebevoll begleitet in ihren ersten Lebensjahren meistern. Das heißt, dass auch das Verständnis von diesen Menschen für „Viele“, was das angeht, oft nicht groß ist. Man redet nicht oft darüber, auf welcher Basis „die Ungeschlagenen“ ihr Leben und sich selbst auf die Kette kriegen, weil sie sie oft schon einem Alter aufgebaut haben, in denen niemand von ihnen erwartet, ihre Herausforderungen zu beworten. Meiner Meinung nach heißt das für „späte Neulernende“: Ihr solltet das auch nicht machen müssen, um darin unterstützt und gesichert zu werden.

Und das – das Nichtbeworten und das Beobachten, um zu verstehen ohne einzugreifen – ist die Haltung, die ich für den Anfang der Auseinandersetzung für zielführend halte. Sowohl von Außenstehenden als auch allen im System.
Aus dem, was sich mit dieser Haltung vor mir aus meinem Inneren auftut, ist keine Demokratie oder sonst wie strukturierte Herrschaft aufzubauen. Nicht ohne ein Bewusstsein dafür zu bekommen, was für heftige Ein- und Übergriffe ich damit vornehme – und was für Spannungen ich aufbaue, halte und gewaltvoll legitimiere, die früher oder später wieder zurückkommen.

Mit diesem Plädoyer möchte ich nicht sagen, dass eine „innere Demokratie“ zu wünschen oder zu haben falsch ist. Wer das für sich erreicht hat und zufrieden ist, ist in meinen Augen deshalb kein schlechter Mensch.
Das macht meine Aussage über die Gewalt, die Demokratie bedeutet, auch nicht kleiner. Aber vielleicht ist dieser Beitrag eine Stimme für diejenigen, die nichts mitbestimmen dürfen, weil sie sehr traumanah erleben oder weil sie etwas (noch) nicht hinbekommen im Außen oder weil sie von den Bestimmenden der inneren Demokratie bislang nicht gehört wurden.

Und vielleicht ist dieser Text auch ein Impuls, sich mit Konzepten von radikaler Fürsorge, Communitycare und anarchistischer Gruppenorganisation auseinanderzusetzen. Denn letztlich brauchen wir als Viele primär gar nicht die Kontrolle über uns, um in dieser Welt zu bestehen, sondern Sicherheit, Fürsorge, Raum zum Wachsen und Freiheit für den ganz eigenen Selbstausdruck.

Zwangshilfe

Der Begriff kam bei der Lesung auf. Am Ende. Ob vor oder nach der Frage danach, was denn meiner Meinung nach die Alternative sei – „Jemandem sagen, er soll springen, oder wie?“ – das weiß ich nicht mehr.
Was ich weiß und meine ist, dass diese Frage eine Waffe ist. Eine rhetorische Waffe. Benutzt bei einem Angriff, zur Verteidigung.

Ich lese oft die Kapitel „alle finden schlimm, was mir passiert“ und „die Einsicht“ vor. Sie drücken für mich am besten aus, worum es beim Thema Diagnose, Kontrolle und institutionelle Hilfekontexte geht – nämlich darum, dass es sich um Gewalt handelt, die gewollt ist und Aus.Wirkungen hat.
Niemand will, dass sich jemand das Leben nimmt, also zwingen wir einander dazu zu leben und damit wir gar nicht erst merken, was für ein übergriffiger, gewaltvoller Akt das ist, zementieren wir diesen Übergriff in unser Wertesystem. Bauen Institutionen, konstruieren Strafe und Pflicht um Ansprüche, die nie hinterfragt werden sollen. Wir sollen Angst davor haben, dass sich jemand suizidiert. Angst vor dem sozialen Tod, wenn wir zulassen, dass Menschen selbst gehen. Wir erzählen uns Geschichten darüber, wie froh Überlebende einer Depression über ihr Leben sind, wie dankbar für ihre Rettung vor dem Suizid, damit wir denken, dass wir das Beste, weil Richtigste getan haben.
Und weil die Toten nicht mehr sprechen können. Die Suizident_innen keine Stimme mehr haben.
Über sie wird gesagt, sie seien zu krank gewesen für eine richtige Entscheidung. Sie wären nicht in der Lage gewesen zu denken und zu entscheiden, wie ein normaler, gesunder Mensch und deshalb sei ihre Entscheidung falsch gewesen. Unsinnig. Krank. Absolut gestört.
Selbst im Tod ist der Mensch also nicht sicher vor Ableismus. Vor Gewalt.
Bitte – wie schrecklich ist das?

Warum ist unsere Angst, dass die Menschen in unserem Leben kein für sie lebenswertes Leben führen, nicht genauso groß wie vor ihrem Suizid? Warum kostet es uns allen nicht den Schlaf, das Herz, das Wohlgefühl, dass es so so so viele Menschen auf dieser Welt gibt, die absolut keinen Einfluss darauf haben (können, dürfen, sollen), wie sie leben?

Viele Überlebende eines Suizidversuches sagen, wie ich schon als 14 jährige_r, dass sie leben wollen – aber nicht so. Dass es so wie es ist, unaushaltbar ist. Dass sie die Dinge, die sich ändern müssten, nicht ändern können. Und die Menschen, die sie ändern könnten, sie nicht ändern wollen.
Nach dem gescheiterten oder verhinderten Suizidversuch kommen viele in die Phase der Hilfe, auch der Zwangshilfe. In der Phase werden Ressourcen aufgebaut, soziale Netze gestrickt, Zukunftsversprechen entwickelt und manchmal auch mit Medikamenten unterstützt. Wenn das denn alles funktioniert. Wenn nicht gerade Personalmangel ist. Die zuständige Kasse überhaupt bezahlt. Wenn man überhaupt ein_e weiße_r Überlebende_r in Deutschland ist und Rechte auf diese Behandlung geltend machen kann.

Suizid ist für alle – Hilfe, die hilfreich ist, nicht. Auch das muss man sich klarmachen. Auch das gehört zu den Gewalten, in denen wir einander Gesellschaft machen.
Hilfe ist ein Privileg, deshalb soll man sie gefälligst auch annehmen.
Wer das nicht tut, wird für die Gewalt der Zwangshilfe alleinverantwortlich gemacht. Dann sprechen andere darüber, was der Suizidversuch eigentlich bedeutet hat. Wie man welche Geste in Wahrheit einordnen muss. Und natürlich kommt dabei oft heraus, dass, wer sich dabei erwischen oder finden lässt, doch um die Hilfe gebeten hat. Wer es nicht schafft, wollte es also eigentlich auch gar nicht schaffen. Gut, dass dann jemand da war … oder?

Ich versuche bei meinen Lesungen möglichst wenig mit meiner eigenen Geschichte zu argumentieren. Beim Thema Zwang und Gewalt im Kontext der Hilfe geht es einfach nicht um mich. Es ging schon damals, als mir Hilfe aufgezwungen wurde, nicht um mich. Ich bin nicht die Person, die darüber bestimmt hat, wie mit mir umgegangen wurde und ich würde es in vergleichbarer Situation erneut nicht sein.
In Situationen des Zwangs und also der Gewalt geht es nie um ihre Opfer. Es geht um die Bedürfnisse der agierenden Instanz. Das ist bei Zwangsmaßnahmen zur Lebensrettung genauso wie bei Vergewaltigung, Raub, Mord, Steuerhinterziehung. Gewalt ist Täter_innensache. Immer.

Diesen Umstand zu negieren, legitimiert die Unfreiheit der Opfer. In jedem Fall.
Egal, wie gut gemeint. Wie nicht in böser Absicht getan. Wie her die Ziele auch sein mögen – wer sagt, dass Hilfe auch mal aufgezwungen werden muss, ermächtigt sich selbst und entmächtigt jemand anderen. Das ist ein Kernmerkmal von Gewalt.

Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, ist eins der Ziele, das ich mit „Worum es geht, Autismus, Trauma und Gewalt“ verfolge. Ich will mit dem Buch nicht ausdrücken, wie böse dieser Arzt oder jene Psychologin mal zu mir war – ich will den Kern des Dramas dieser Erfahrungen aufblättern. Eine Idee davon geben, was für ein Leben mir damals ständig gerettet wurde. Klarmachen, dass die, die mir die Handgelenke zugenäht und den Magen ausgepumpt haben, nicht diejenigen waren, die mich aus dem organisierten Verbrechen gerettet haben. Und dass es auch nicht die organisierte Intensiventspannung nach Gongschlag eingehüllt in Lavendelduft war, die mir in irgendeiner Weise dazu verholfen hat, meine Perspektive als autistische und komplex traumatisierte Person in einer nicht-autistischen Welt zu validieren, zu normalisieren und zu verkörpern.
Das Leben, das mir damals mit so viel Gewalt zu retten versucht worden war, war unfassbar grauenhaft. Ich hatte keinen Anlass zur Dankbarkeit. Und wäre ich gestorben, so wäre das inzwischen auch längst vergangen und überhaupt nicht mehr wichtig. So wie es auch jetzt eher theoretisch als praktisch wichtig ist, wie viele Menschen gerade jetzt, in diesem Moment, genauso ausgebeutet und verletzt werden, wie ich damals. Und nichts anderes mehr wollen als zu sterben. Weil sich niemand für ihre Lebensqualität interessiert. Weil niemand da ist und was ändert oder ändern hilft.

Es ist nicht an mir, mir Alternativen zu Gewalt zu überlegen. Ich übe sie nicht aus.
Zumindest speziell diese Art der Gewalt, die mit dem Begriff der „Zwangshilfe“ benannt wird.

Ich werde niemals in meinem Leben jemanden dazu zwingen, sich nicht das Leben zu nehmen. Ich werde immer fragen, was sich ändern soll. Immer versuchen, Unterstützung beim Ändern von Dingen zu sein, die unaushaltbar sind. Immer für alle da sein, die es nicht allein durch- und aushalten wollen, können, sollen. Aber ich werde niemals von anderen Menschen erwarten, dass sie aushalten und ertragen, woran ich zerbrochen bin. Niemals.

*

Dass ich daran zerbrochen bin – das kam gerade einfach aus mir rausgeschrieben.
Großes krasses Wort. Zerbrochen. Klingt nach tot, kaputt und unwiederbringlich. Was gut passt zu meinem Gefühl für das, was ich empfinde, wenn es um Vertrauen in Helfer*innen und helfende Instanzen geht. Um alle, die es gut meinen und alles tun würden, um zu helfen.
Es hat sich in den vergangenen Jahren verändert, dieses Gefühl.
Es hindert mich nicht mehr sehr daran, offen mit meiner Therapeutin zu sprechen. Unterstützung anzufragen oder zu erbitten, wenn ich sie brauche. Ich kann inzwischen mit Behandler_innen und Helfenden sprechen, ohne mich leer und taub zu fühlen. Kann ihre Perspektive sehen, begreifen und in ihren Kontexten akzeptieren. Und manchmal schon ist es mir gelungen, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um Hilfen neu zu denken, umzusetzen und gewaltvolle Strukturen aufzulösen.

Was offen bleibt, ist jedoch meine Wunde aus diesen Kontexten.
Es gab nie und wird vermutlich auch nie irgendeine Wieder_Gutmachung geben. Oder gar Entschädigung. Zu begreifen, was mir angetan wurde, ist vielleicht das Einzige, was ich selbst irgendwie herstellen und weitergeben kann. Auf, dass es anderen nicht mehr passiert. Und wenn doch, dann nicht gleichsam unentschuldigt, unverantwortet, allgemein legitimiert.

Ich bin nicht bereit Helfergewalt zu decken und mich dem Druck zur Komplizenschaft zu beugen.
Meine Traumatisierung durch Helfer_innen und Behandler_innen wird häufig individualisiert und ableistisch abgewehrt. Man tritt mir oft mit der Idee gegenüber, ich hätte damals nur irgendetwas missverstanden oder aus meiner frühkindlichen/autistischen Irre heraus irgendeine Fürsorge für mich nicht wahrgenommen. Es wird oft überhört, dass dem nicht so ist. Diese so zerreißende Ebene überhaupt nicht verstanden. Wie es ist zu merken, dass man mit aller Liebe verletzt oder aus größster, wärmster, innigster Fürsorge heraus jeder Selbstbestimmung beraubt wird – das ist ein Kern meiner Helfertraumatisierung. Das ist der ganze irre widersinnige Moloch dessen, was eine komplexe Traumatisierung ausmacht.
Das ist, worum es bei Zwangshilfe und ihren Folgen geht.
Für mich. Die_r sie mehrfach üb.erlebt hat.

Fundstücke #78

„Kalte Wärme“ will ich es nennen, tatsächlich ist mir aber nur warm unter meinem morgenkalten von Radfahrschweiß feuchtem Körperspeck, den ich eingeschlossen im Bahnhofsklo trocken tupfe und dann in frische, zivile Kleidung stecke.
Wir sind zum Bahnhof geradelt, das sind 18 Kilometer. Es war neblig, feucht, kühl, wundervoll. Dort angekommen sahen wir die Zugausfälle und hörten außer den Durchsagen: nichts. Ok, das stimmt nicht, aber es tat nicht weh und so hört sich das Restnichts eines Bahnhofs ohne ständige An-, Ab- und Durchfahrt für mich an. Schmerzlos.

Ich twittere das und registriere dann den Gedanken, dass das vielleicht zu intim war. Danach, dass diese Einschätzung einer alten Perspektive entspringt, die nie genauso zu meinem Alltag gehörte. Ich werde nicht ständig beobachtet und beurteilt. Niemand teilt mir zu, wo ich anfange, ob und wenn ja bis wohin meine Intimsphäre reicht und wenn ich etwas von mir mit.teile, dann ist das prinzipiell in Ordnung, denn ich bin keine Ressource, die jemandem gehört.
Später frage ich mich, ob es an meinem PMDS liegt, dass mir so scheiß egal ist, wer diesen Gedanken hatte und wieso. Ob ich gerade brutal vermeide und zarte Versuche von Kinderinnens und – Jugendlichen, sich ein Bild vom Heute, meinem Heute, zu machen zerschmettere – oder daran, dass diesem Gedanken, auch diesem fremdvertrauten Kindergefühl der ständigen Beobachtung, Kontrolle, Überwachung, eine Angst zugrunde liegt, auf die ich einfach keinen Bock habe. Like: Wirklich keinen Bock, keinen Nerv, keine Zeit, weil mein Heute tausend andere, viel nützlicher mit Angst befühlbare Dinge enthält.
Und ja, weil ich meine Angst nutzbar haben will. Es ist meine Angst, mein Schmerz, meine Gefühle, meine Gedanken, alles meins und ich kann mir aussuchen, was ich damit anfangen will. Manchmal nur theoretisch, fein, aber meistens auch praktisch.

Ich hatte immer Angst vor meiner Angst, weil sie der Grund für viele Kontrollthemen in meinem Leben ist. Entweder ich musste kontrolliert werden, weil ich Angst hatte oder weil ich „allen“ Angst gemacht habe. Mich als Behältnis, als Quelle der Angst zu kontrollieren war der Umgang, der irgendwie immer möglich war, die Nutzbarkeit meiner Angst eine Idee, die ich erst umsetzen konnte, als ich begriff, dass ich dieses hin und her aus Angst für mein ganzes Leben hielt, statt einen Teil davon. Einen nutzbaren Teil. Einen von mir für mich nutzbaren Teil. 

Ja, da wäre ich nie hingekommen, hätte ich mich meinen Kinderinnens und Jugendlichen immer so gewidmet, wie ich das jetzt mache. Abwehrend, abwertend, ungeduldig, vermeidend. Aber ich frage mich auch, warum ich mich ihnen widmen soll, wenn sie sich auch mir widmen könnten. Besonders, wenn sie schon wissen, dass sie Kinder in einem Erwachsenenleben sind. Dass 2021 ist. Dass heute ein anderes Heute ist. Denn durch dieses Wissen treffen sie eine Entscheidung, wenn sie in ihrem früheren Erleben bleiben. Jedenfalls theoretisch. Dass das viel mit Gewohnheit, Unbewusstsein und einem unfassbar großen Lernprozess zu tun hat, weiß ich auch. Aber.
Wer sich mir in den Kopf und in die Gefühle hängen kann, um mein Überleben zu retten, obwohl es nicht mal im Ansatz gefährdet ist, kann sich mein Leben auch angucken und checken, dass alles anders ist.

So wie S., der sich im Zug neben mich setzt und so etwas wie Gedanken wie ein Echolot an mich richtet, um zu prüfen, ob immer noch alles ist, wie beim letzten Mal: Alles ok.

Perfektionismus

Jemanden, die_r Fehler und Lücken schnell sieht und sie benennt, wird oft als perfektionistisch und kontrollierend gerahmt.
Perfektionismus gilt als etwas, mit dem man Kontrolle ausübt oder herstellen möchte. Über sich oder über alles und alle im direkten Umfeld. Oft schwingen dabei Ideen mit, in denen es um das Selbstbild der perfektionistischen Menschen geht, manchmal aber auch Ideen darum, dass (komplex) traumatisierte Menschen mit ihrem Perfektionismus die Konfrontation mit dem Bewusstsein um die Ohnmacht und den globalen Kontrollverlust während traumatischer Erfahrungen vermeiden.

Perfektionismus kann aber auch ein Werkzeug sein, die Menge und Art zwischenmenschlicher Interaktion zu kontrollieren, das habe ich vor Kurzem an mir reflektiert. Die meisten Menschen stecken sehr viel Interaktion und Kommunikation über Fehler, Mängel, Imperfektion. Für Sieger_innen gibt es 5 Minuten Angeguckt werden auf einem Podest, für Verlierer_innen eine unabsehbar lange Zeit, in der das Versagen besprochen und bearbeitet wird. Beides ist mir unangenehm, denn beides bedeutet Druck. Beides bedeutet eine unkontrollierbare Aufmerksamkeit auf mich, die_r sich selber in einem ständigen Kampf um Kontrolle über die eigene Körper_Sprache und das eigene Selbst befindet.
Mache ich etwas einfach perfekt, dann ist eindeutig, wann diese Aufmerksamkeit endet und dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nett gemeint ist (also keine Lebensgefahr bedeutet, obwohl mein traumatisierter Körper mir das vielleicht so rückmeldet).
Unter neurotypischen Menschen kann man nie nichts machen. Immer immer immer bedeutet irgendwas irgendwas und immer werden Annahmen formuliert, die eine Absicht implizieren. Etwa: „Du willst immer die_r Beste sein, um jemand besseres zu sein.“ oder „Du willst nur positive Aufmerksamkeit, damit niemand deine negativen Seiten bemerkt.“ oder „Du musst dich perfekt fühlen, um deine Annahme alle anderen seien weniger wichtig/richtig/gut, als du zu bestätigen.“
So klar eingerahmte Absichten wie die, die ich_wir tatsächlich verfolgen, werden mir_uns oft nicht geglaubt. Unter anderem, weil man Absichten an sich nicht wahrnimmt (zum Beispiel durch Verhaltens_Beobachtung), sondern die wahrgenommenen Reize mit der eigenen neurotypischen Lebenserfahrung, sozialen Werten und ihren Maßstäben und daraus resultierenden Erwartungen vermischt. So wird aus „Hannah rückt ein Bild gerade“ ein „Hannah kontrolliert ihre Umgebung, indem sie bestimmt wie ein Bild an der Wand zu hängen hat.“ oder eben aus „Hannah will die volle Punktzahl erreichen“ ein „Hannah will mal wieder die Geilste von allen sein.“

Perfektionismus wird häufig negativ gerahmt. Viele Menschen halten perfektionistische Menschen für dumm, weil diese etwas versuchen, was sie für unmöglich halten, weil es extrem anstrengend ist und es die Idee gibt, man hätte mehr Energie für „die wirklich wichtigen Dinge“ (wobei mir nach wie vor schleierhaft ist, was das konkret für Dinge sein sollen), würde man nicht immer in allem perfekt sein wollen. Dass es bei perfektionistischem Verhalten vor allem darum gehen könnte, den Kontakt zu Menschen zu reduzieren, die sich weder für den individuellen Begriff von Perfektion interessieren noch gleichermaßen wertschätzen (und also gar nicht auf die Idee kommen, wie sehr sich die Anstrengung dann eben doch lohnt) wird in aller Regel ausgeblendet.

Auch, dass „unter Perfektionismus zu leiden“ an sich oft gar nicht der Punkt ist, wenn perfektionistische Menschen leiden.
Perfektion macht einsam, weil sie überwiegend als Leistung(sergebnis) und weniger als Momentum wertgeschätzt wird. Ich für mich glaube, dass es kein Gefühl gibt, dass mir mehr Sicherheitsgefühle, mehr Ruhe, Gelassenheit und Entspannung vermittelt als das Wissen darum, dass etwas perfekt ist, einfach, weil ich weiß, dass ich in dem Moment absolut für mich und mit mir bin und sein darf – und niemandes Erwartung enttäusche oder eine andere Gefahr übersehe, der ich dann schutzlos ausgeliefert bin.
Wenn ich früher darunter gelitten habe, etwas nicht perfekt zu schaffen, dann habe ich darunter gelitten, dass ich eine Aufgabe, eine Herausforderung durchhalten muss, obwohl am Ende dieses Moment der Ruhe und „MitMir-Samkeit“ ausbleiben würde und sich vor mir ein unüberblickbarer Zeitraum von Sprechen und interagieren müssen vor mir ausbreitet. Von dem ich weiß, dass ich ihm nicht gewachsen bin, dass ich ihn nicht durchqueren kann, ohne mich selber zu verlieren und der in mir den Wunsch zu sterben aufkommen lassen wird, um mich entziehen zu können – und mit all dem allein, ungesehen, unverstanden, ohne jede Hilfe oder Rettung zu sein.
Mir in solchen Momenten zu sagen, dass man nicht in allem perfekt sein kann, war niederschmetternd für mich, denn das bedeutete ja, dass ich mich damit würde abfinden müssen, dass ich in meinem Leben überwiegend leiden muss, weil das eben so ist. Weil es anders ja gar nicht geht.

Zusammen mit dem, was mir_uns über die Gründe für die Gewalt an uns gesagt wurde, war das unfassbar schlimm.

 

Nachklapp Hartz 4

Wenn man einen Text schreibt, der zufällig den Ton der Zeit trifft. Zufällig von Leuten geteilt und empfohlen wird, die ihn ihrerseits lesen und teilen. Zufällig zu in die Diskussionen des Moments passen.
Das haben wir hier mit unserem selbstreferenziellen Egokickipups nicht so oft. Aber wenn dann ist es nie “wegen Trauma”. Nie wegen der ganzen Scheiße, die uns hier hin gebracht hat. Nie. Und das ist doch interessant. Wie die Gründe für Dinge noch immer nicht so gern angefasst werden.

Ich habe ein paar Antworten unter Tweets von Teilenden gelesen.
In einem Forum wurde über uns als Autorin des Textes geschrieben.
Deshalb ist es mir aufgefallen.
Dass es nie um die Gewalt geht. Selbst dann nicht, wenn man einen Text damit anfängt.

Mir ist eingefallen, dass ich noch nie “gut” mit Geld umgehen konnte. Dass das etwas ist, womit ich schon als Schulkind enttäuscht habe. “Umgang” bedeutete damals offenbar “wegtun und vergessen, dass es da ist” und nicht: “Verschenken, wenn jemand welches braucht” oder “Dinge kaufen, die man möchte”.

Wie Menschen heute über Menschen in Hartz 4 reden ist ähnlich.
Da ist eine unbewortete Idee von einem “richtigen” oder “guten Umgang” mit Geld, den man einfach mal eben so machen und pflegen muss. Oder “lernen” muss.
Was der Maßstab für “guten Umgang mit Hartz 4 Geld” sein soll, ist mir noch immer nicht klar, denn ich kriege weder mich noch mein Leben von Geld getrennt. Mein Leben und meine Lebensqualität hängt direkt an dem, was Monat für Monat, mal mehr mal weniger pünktlich auf meinem Konto landet. Manchmal auch einfach nicht, weil ein Stempel falsch sitzt oder es einen Zettel, den es schon tausend Mal in meiner Akte gibt, noch ein tausendundeinstes Mal braucht.

In der letzten Woche habe ich viele Erfahrungsexpert_innen gelesen, die ihre Verhältnisse komplett offenlegen. Und ich dachte wieder, wir müssten das auch machen. Als wäre das kollektive Nacktsein vor Angezogenen etwas, das etwas verändert. Die Debatte weniger schlimm, weniger demütigend macht. Als wäre das die Art Solidarität, die “uns Hartzis” irgendwie verbinden würde. Und eine Revolution auslöst.

Ich bin mit 15 in die Jugendhilfe gekommen. Mein Geld für jeden Posten war abgezählt. Als ich mit 18 in die ambulante Hilfe und dann ins Hartz kam, löste ich jede Woche einen Scheck ein.
Das war und ist bis heute mein Umgang: Niemals länger als zwei Monate im Voraus, Schuldengefahrabwehr vor Dingen in Kühl- oder Kleiderschrank.
Endziel: in der letzten Monatswoche noch was haben.

Pflicht: Rechnungen und Versorgung des Assistenzhundes
Kür: eigene Versorgung auf einem Level das halbwegs reicht
Schwierigkeitslevel: chronisch krank sein, extra Ausgaben an Dingen, die mir helfen Behinderungen zu kompensieren und dieser verflixte Wunsch nach Musik, Büchern, mal zum Friseur, ein zwei Farbfilme entwickeln zu lassen, mal den Fernbeziehungsherzmenschen besuchen, daneben Ehrenämter und Herzensprojekte mit_tragen

Mit abgezähltem Geld umgehen zu können ist nicht der “gute Umgang”, an den Menschen denken, die nicht so wirtschaften. Der “gute Umgang mit Geld” schließt Vorsorge mit ein. Und die ist utopisch unter Hartz 4.
Selbst wenn man es schafft am Ende eines Monats, vielleicht sogar zweien oder dreien etwas übrig zu haben, dann muss man Zahnbehandlungen zuzahlen, braucht eine neue Brille, muss mal jemanden dafür bezahlen als Assistenz irgendwohin mitzukommen, wo der Hund nicht mitdarf.
Das ist, was wir als “Mangelwirtschaft” bezeichnen. Das Weitermachen, obwohl es nie reicht.

Armut, Hartz 4 ist kein individuelles Schicksal. Kein persönliches Versagen.
Wenn man arm ist, dann gibt es kein “hättste mal besser”, das in irgendeiner Form berührt, worum es eigentlich geht.

In ihrem Buch “Gegen den Hass” schreibt Carolin Emcke, dass Armut eine gesellschaftliche Konstante ist. Und, dass arme Menschen nicht als Gruppe wahrgenommen werden.
Deshalb kommen Menschen auf die Idee, Jens Spahn würde etwas aus einem selbst erlebten Hartz 4-Monat lernen. Tatsächlich würde er mehr lernen, wenn er einen Monat lang täglich mit Menschen in Hartz 4 und anderen prekären Lagen reden und zusammenleben müsste.

Ich habe ein paar Leute gelesen, die den Ton von meinem Text als “scharf” bezeichnen. Das gefällt mir.
Ich will scharf klingen. Ich will so abgegessen, frustriert, verbittert und wütend gelesen werden, wie ich bin, wenn sich Politik und Feuilleton mit dem Thema befassen, als würde es sich bei Hartz 4 um etwas handeln, dass “ja eigentlich ganz gut” oder “mehr oder weniger schnell vorrübergehend” ist.

Verdammt ich hab seit meiner Flucht und meiner Entscheidung für das Leben noch nicht einmal über der staatlich hingerechneten Grenze gelebt. Mag sein, dass ich mit Ende 80 zurückblicke und denke, dass diese 13 + wer weiß wie viele da noch kommen, Jahre etwas Vorrübergehendes waren.
Jetzt gerade sind sie mein Leben nach der Gewalt.
Und wenn ich gewusst hätte, dass es das mitmeint – diese Form der Gewalt, gegen die man sich weder zur Wehr setzen noch aktiv um Schutz davor bitten kann – ich weiß nicht, ob ich mir damals die Kraft zugetraut hätte, das so lange zu ertragen. Und immer weiter und weiter zu versuchen etwas zu finden, was ein Weg heraus sein könnte.

Deshalb dachte ich an die Gewalt.
Auch wenn es um die transgenerationale Weitergabe von Traumatisierungen geht, klingt die Idee von “gutem Umgang” durch. Immer wieder komme ich in der Auseinandersetzung mit der Gewalt an mir an die Frage, ob und wenn ja in welchem Ausmaß meine Familie vielleicht genau deshalb so dysfunktional war, weil da eigene unreflektierte Traumafolgen gewirkt haben.

Wie ist das für Hartz-Eltern, dem eigenen Kind beim Antritt in die vererbte Armut beistehen zu müssen?

Wie wird das für mich wenn ich ein Elter bin?
Welcher Umgang mit der Gewalt, die mir passiert ist und der ich nachwievor einen gewissen Raum in meinem Leben geben muss, um sie zu verarbeiten, ist denn “der gute”?
Soll ich auch vom Familie gründen besser ausgeschlossen sein?
Von einem der urmenschlichsten aller Dinge?
Oder kompromisslicherweise durchkontrolliert und abgezählt bis man alles auf die nächste Generation abladen kann, indem man sagt, jede_r sei des eigenen Glückes Schmied?

Ein bisschen was habe ich auch vom bedingungslosen Grundeinkommen bzw. Bürgergeld gelesen.
Auch so eine Hippieidee ohne ernsthafte Anerkennung von Armut als tragenden Wirtschaftsfaktor.
Reichtum braucht Armut.
Kapitalismus braucht Reichtum.
Allen das ihre und weiter wie bisher, lässt Armut nicht verschwinden. Leider nicht.

Bedingungslose Versorgungssicherheit und ein Miteinander, das nicht von Gewalt geprägt ist, lässt Armut verschwinden. Zumindest in der Form wie wir sie heute kennen.
Davon bin ich bis zum Gegenbeweis überzeugt.

bisschen mehr zu #Diätkacke

Ich habe vorhin den #Diätkacke erfunden.
Weil mit voranschreitendem Welken eines jeden Jahres auch eine häufigere Darbietung selbiger auf so ziemlich jeder frei verfügbaren Plattform zu verzeichnen ist. Und, weil es mich ernsthaft wenig wundern würde, wären in Slimfast, Almased und Co mehr Inhalts- und Nährstoffe, als in einem mittelgroßen Kackeklops.

Diäten sind vielschichtig und pauschal nicht zu kritisieren. Letztlich steht das Wort nur für eine bestimmte Komposition von Nahrungsmitteln, die man zu sich nimmt. Nicht jede Diät zielt auf Gewichtsverlust ab, doch ist dies das Ding, das vorm Weihnachtsfest und vor der Freibadzeit in unsere Konsument_innenköpfe gedrückt wird.

Wir haben hier schon oft über unser Leben mit „Anxiety“ geschrieben und davon, wie gnadenlos und doch auch angenehm sie sich so zeigt.
Seit der großen Krise, in der wir in wenigen Monaten viel Gewicht verloren haben, haben wir uns stabilisiert. Wir haben ein Mal am Tag gegessen – immer irgendwas zwischen 1000 und 1800 Kalorien. Bis wir irgendwann keine Zahlen mehr brauchten und die Lebensmittel wieder mehr die Bausteinchen in der Tätigkeit „essen“ wurden, wie es zum Beispiel Kleidungsstücke in der Tätigkeit „anziehen“ sind.

Das haben wir mit Routine und Menschen, die uns emotional unterstützen, zu mehr Sicherheit und Gefühl für unseren Kontrollbereich verhalfen, geschafft.
Aber der Zauber ist nicht vorbei.

Gerade Feiertage sind eine prädestinierte Zeit für das Gefühl wenig unter Kontrolle zu haben und immer mehr oder weniger mit sich machen lassen zu müssen.
Unsere Gemögten und Nahmenschen feiern alle keine jüdischen Feste – sie feiern die christlichen. Das heißt für uns aktuell: wir erholen uns noch von Chanukka und bekommen Weihnachtsgeschenke und Weihnachtsbesuchseinladungen und Weihnachtspartymitkommwünsche und hier ein Kekschen und da ein Glühweinchen und hier ein Schokoweihnachtsmann und da ein Nüsschen …

Wir verstehen diese sozialen Gesten und freuen uns darüber.
Und hoffen, diese Menschen besuchen uns in den nächsten 4 bis 5 Monaten nicht, weil sie sehen könnten, dass die Sachen häufig noch eine Weile liegen bleiben, weil sie nicht besonders gut mit den aktuellen Essensplänen zusammenpassen oder für Fressanfälle gebunkert werden.
Ja – wir nutzen Süßigkeitengeschenke für die Planung unserer Fressanfälle. Immernoch.
Weil Fressanfälle teuer sind und, weil es die Demütigung perfekt macht, wenn man Geschenke frisst wie ein Monsterschwein, obwohl sie geschenkt wurden, um zu geniessen wie ein Mensch.

In der akuten Krise vor 2 Monaten konnten wir bis zur Klinikeinweisung weder mehr als 3-4 Stunden schlafen, noch einmal am Tag essen ohne vom Plan abzuweichen. Die Welt klapperte in ihren Angeln und wir torkelten in ihr umher.
Der neue Plan sieht zwei Mahlzeiten vor, weil wir ein Medikament einnehmen, das gesteigerten Appetit zur Folge hat.
Es gibt Uhrzeiten, von denen wir nicht abweichen dürfen, Marken und Geschmacksrichtungen die wir nicht spontan wechseln können, es gibt Mischverhältnisse, die nicht übermäßig abweichen dürfen, es gibt innerhalb der Woche einen Freiraum für Abweichungen (zum Beispiel, wenn ein Termin in die Esszeit fällt und man evtl. nicht kochen kann) und einen für geplanten Genuss.
Alles andere bringt uns durcheinander und löst Ängste aus, die noch nicht bewortbar sind.

Das hat weniger mit „Anxiety“ selbst zu tun, als mit der Reaktion, auf die hin sie wieder angestoßen wird. Einen spannenden Talk zum Thema „Reaktion auf Lebensmittel und Essstörungen“ hat übrigens Dr. Laura Hill gegeben.
Sie empfiehlt, dass ihre Klient_innen ein Ausweichessen mitbringen, wenn es eine besondere Situation ist und dies mit einem Umgang einer Reaktion in sich zu erklären.

Ich finde diese Idee gut. Es kann vielleicht entlasten, wenn so ungeplante oder auch sozial kolossal überladene Essenssituationen bevor stehen. (Wenn man es denn schafft, das zu erklären und ein Umfeld hat, das in der Lage ist, so etwas zu akzeptieren)

Daneben aber, halte ich es für wichtig nicht permanent „Diät = Abnehmen“, „wenig Körpergewicht = schlank/dünn = gesund“,  „schlank/dünn = schön“ und „schön = okay“ zu verknüpfen.
Für mich bedeutet meine Diät sowohl mich selbst, als auch mein Körpergewicht als auch meine Reaktionen auf soziale Ereignisse jeder Art halbwegs stabil zu halten und das ist nach so vielen Jahren mit „Anxiety“ ein echtes Arbeitsergebnis.

Übrigens habe ich über Diätkacke auch geschrieben, weil die wenigsten mit einer Essstörung im Leben mal über ihre Kackprobleme reden.
Wenn man wochenlang nur Wasser und Brot zu sich nimmt, folgt die Verstopfung auf dem Fuß. Wenn man sich über Monate hinweg ausschließlich von Putenbrust und Hühnereiern ernährt, ebenso. Nicht wenige, die ihre Umstellung von omnivor auf vegetarisch oder vegan umstellen (was im Fall einer Essstörung dann bedeutet ein Blättchen nach einem Gräschen zu knuspern und genau nicht das überlegte und ausgewogene Zusammenstellen einer bedarfsgerechten Ernährung ohne Fleisch bzw. tierische Produkte) quälen sich Schafdrops raus und stellen innerhalb von ein paar Wochen auf Abführmittel um, weils halt anders kaum aushaltbar ist.
Abführmittel werden zur Nebenwirkungsbehandlung der kruden Diät und dann dauerts nicht mehr lange zum treuen Freund und Begleiter, wann immer man am Abkacken mit sich selbst, seinem Körper und dem Leben an sich ist.

Wir haben noch immer 3 Großpackungen im Kleiderschrank stehen.

Unsere Ausschlußdiagnose vom Reizdarmsyndrom und auch die Zuckerproblematik konnte erst passieren, als wir ein ernstes extrem peinliches Gespräch mit unserem Arzt übers Kacken, die Kacke und das was sie vorher mal war, geführt haben.
Wir waren dankbar, als wir erfuhren, dass wir uns den Bauch nicht irreparabel kaputt gemacht haben, sondern, dass er eine bestimmte Diät braucht um problemlos zu funktionieren.
(Natürlich hat es auch dazu geführt, dass wir nun wissen, welches Essen zuverlässig furchtbare Schmerzen bereitet – aber das ist wieder ein anderes Thema.)

So – ich sag jetzt „Ende“, weil mir keine andere gute Ausleitung einfällt.

hö hö
Verstehste? – Ausleitung
höhöhö

Datensammeln (für einen bestimmten Zweck) ist Stalking

Habt ihr eigentlich verstanden, wie die geplante Vorratsdatenspeicherung eigentlich so funktioniert? Also was das soll und wieso und überhaupt?

Ich hab mich lange gescheut einen Artikel zu schreiben, der offensichtliche Parallelen zu Gewalt in Form des Stalkings, also dem Nachstellen einer Person, gegen ihren Willen und vornehmlich ohne, dass sie es weiß, offensichtlich macht.
Irgendwie dachte ich immer: Naja, die die das mit mir aktuell (und offenbar schon über ein Jahr lang) machen, haben halt Angst. Da gibt es die Not, vielleicht den Zwang mich zu kontrollieren, weil sie Angst davor haben, ich könnte sie (wieder) verletzen.

Außerdem weiß ich: sowohl mein Twitteraccount, als auch mein Blog – so ziemlich jede meiner Aktivitäten im Netz ist offen für alle, die es interessiert. Jede:r kann dort lesen, mit mir interagieren, sich Gedanken darüber machen, wer ich denn so bin.

Öffentlichkeit ist nicht gleichzusetzen mit einer Masse, der ich egal bin, oder die mir wohlgesonnen ist. Öffentlichkeit bedeutet erst mal nur: nicht privat, nicht versteckt, nicht still.
Es bedeutet nicht, dass es okay ist, mir auf eine Art nachzustellen, die bedeutet jedes meiner Worte, jedes Stück Content, in dem ich mich ausdrücke, zu sammeln, um sie im Fall eines “Fehlers” gegen mich zu verwenden.

Während wir in Sachen VDS oft darüber sprechen, wie beschissen es ist, dass unser Rechtsstaat seine Bürger_innen unter Generalverdacht von Straftaten jeder Art stellt, um Überwachung zu rechtfertigen und letztlich durchzusetzen, sind wir bei Stalker_innen, die das Gleiche tun und sich dabei mehr und mehr in diverse Gedanken und Vorstellungen verrennen, die unvorhersehbare Folgen haben können, erstaunlich ruhig.

Zu erklären ist dies wieder einmal mit der Gewaltkultur in der wir leben.
Entsprechend dieser Gewaltkultur stehen viele Deutsche da und sabbeln irgendwas von “Wenn man nix zu verbergen hat, ist es kein Problem” (ha ha) oder “Ja, was schreiben die Leute denn auch alles ins Internet” bzw. “Was machen die Leute denn auch außerhalb von rechtschaffender Arbeit und Freizeitspaß im eigenen Hinterhof noch irgendwas?”
Nun, lasst mich antworten: diese Menschen leben, interagieren, kommunizieren, versuchen sich weiterzuentwickeln, weniger einsam zu sein, manche arbeiten auch übers und manche ausschließlich fürs Internet.

Bei Stalking passiert das Gleiche und wird über bestehende Stereotype von zum Beispiel (cisheterosexueller) (romantischer) Liebe die gesamte Situation verklärt und fehlinterpretiert. „Stalker sind krank vor Liebe“ oder „Stalker sind durchgeknallte Fans“, heißt das dann.
Bei Personen des öffentlichen Lebens, bzw. Personen, die für die Öffentlichkeit zugänglich und sichtbar arbeiten, übersieht man daher oft Personen, die auf eine Art stalken, die nicht mit täglichen Anrufen, Auflauern in der Öffentlichkeit oder allgemeiner: Kontaktaufnahmen allgemein einhergeht.
Was am Ende dennoch gleichsam zu victim blaming (also dem Verantwortlichmachen der Person, die zum Opfer einer Gewaltausübung wurde) führt.. Das sind dann Sabbelphrasen wie: (okay Achtung jetzt kommt ein Knaller) „Wieso schreibst du denn auch ein öffentliches Blog?!“ oder „Wieso machst du denn auch dein Leben so öffentlich?!“ oder „Wieso twitterst du denn öffentlich?!“.

Ah well…
Also ja: ich werde gestalkt – immer noch und von zwar von jemandem, den ich nicht kenne. Also außerhalb des Internet. Ich kenne weder den Klarnamen, noch den Wohnort, noch sonst irgendwas, was dieser Person zu einer Struktur und Konsistenz über ihren Nicknamen in einem Forum, in dem wir gemeinsam aktiv waren, hinaus, führen könnte.
Umgekehrt ist das anders.
Für uns ist es kein Problem gewesen, sich gegenüber jemandem mehr zu öffnen, mit dem man fast täglich schreibt, weil Kommunikation und Miteinander so funktioniert. Auch übers Internet. Es gibt keinen einzigen Grund, weshalb man die Kommunikation in “Netz” und “Echt” einteilen sollte.

Und dann kam der Bruch und damit die Notwendigkeit mich zu kontrollieren.
Unter dieser Notwendigkeit wurde alles, was ich tue, schreibe, öffentlich mache zu etwas, das man sammeln und auf Verdächtigkeiten hin durchsuchen muss.

Der Generalverdacht ist im Fall von (anonymem) Nachstellen (im Netz) in der Regel der, dem Nachstellenden irgendwas zu tun.
Irgendwas wegnehmen, irgendwas kaputt machen, irgendwas unangenehm machen, irgendwas böses tun.
Keine der Informationen, die diese Person je von mir erhalten hat, reichen ihr, mich als jemanden anzuerkennen, den man beruhigt aus seinem Alltag streichen kann. Kein Wort von mir selbst – willentlich, gezielt und ausschließlich an diese Person gerichtet, hat Bestand – weil ich mindestens eine Lügnerin bin, die dieser Person irgendetwas tut. Etwas Schlimmes. Natürlich. Kennt man ja von mir.

Häufig geht es dann beim Akt des “Recherchierens” (the fuck: des stalkens!) darum, die Öffentlichkeit™ vor der bestalkten Person und “ihren Umtrieben” zu warnen, oder im Fall von Konflikten: Beweise über Beweise über “das wahre Gesicht” auffahren zu können. Bei manchen Personen geht es auch darum auf ein Moment hinarbeiten zu können, in dem sie sagen können: “HAB ICH EUCH DOCH GLEICH GESAGT.”, was dann eben auch mit Narzissmus zu tun hat bzw. mit so einem Wunsch nach Anerkennung für all die investierte “Arbeit” und “die Schläue”, sich von niemandem reinlegen zu lassen.

Kennt ihr die Entstehungsgeschichte des Begriffs “die Achse des Bösen”? Oder, um ein eurozentrisches Beispiel zu nehmen: des Ministerium für Staatssicherheit in der DDR?
Es ist das gleiche Strickmuster im Format 1: X  und immer geht es um Macht durch Kontrolle und nicht um Sicherheit durch Solidarität, Miteinander und Vertrauen. Es geht darum etwas zu sichern und zu verteidigen.

Ich denke, der Vergleich sei zu groß. Irgendwie übertrieben, weil … ta daaa: Frau Rosenblatt hat auch ihre Vorurteile, was traumatisierte Personen angeht.
Mein Verstehen der Lage von Menschen, die ihr Leben lang getreten wurden, führt mitunter dazu, dass ich grenzverletzendes Verhalten anders werte, als bei Personen, die ich nicht als Personen lese, die Gewalt erfuhren. Ich entschuldigte auch das Stalking der Person, von der ich sicher weiß, dass sie meine Texte und Tweets liest um sich in meiner Boshaftigkeit, Falschheit, Lügerei zu bestätigen, genau damit, dass sie halt kognitive Verzerrungen erlebt, weil alles in ihr auf Verteidigungsmodus ist. Weil sie, wie ich vermute, (Todes?) Angst hat.

Das Problem damit ist natürlich, dass ich mich über sie stelle – also ganz klar, es ist nicht cool jemandem abzusprechen noch ganz klar im Kopf zu sein, nur, weil si:er Dinge tut, die ganz und gar nicht danach aussehen.
Und es ist natürlich ein Problem, weil ich in das Verhalten der Person etwas hineindeute, das sie mir selbst nicht mitgeteilt hat.

Die Frage ist halt, ob diese problematische Situation gelöst werden kann, indem ich mit dieser Person spreche, wenn doch aber alles, was ich sage in ihrem Kopf als Lüge, List und Gefahr für sich selbst anzukommen scheint bzw. sie sich so verhält, als wäre dem so.
(Hint: nein diese Situation ist nicht lösbar – sie ist nur verschiebbar – siehe: Entwicklungsgeschichte des Begriff “die Achse des Bösen” und “Stasi” )

Was also jetzt?
Ich habe vorhin recherchiert, dass es in jedem fünften Fall von Stalking zu körperlicher Gewalt kommt und jede 400ste Frau* von ihrem Ex-Partner* getötet wird. Außerdem habe ich kurz nachgesehen wie viele Menschen von der Stasi und im “Krieg gegen Terror” ermordet wurden.

Dann habe ich mich erinnert, was ich damals alles in meinen Accounts und auch hier im Blog verändert hatte, nachdem die stalkende Person mir mit irgendeiner abstrusen Mischung meiner Daten und ihren Unterstellungen Angst gemacht hatte und klar war, dass keine wie auch immer geartete Reaktion von mir das klären und richtig(er) stellen kann.

Damals hatten wir noch nicht viel Reichweite hier und schrieben noch einfach so drauf los. Wir beschrieben Krisen, beschrieben, was wir in der Therapie besprechen, schrieben darüber, was wir erinnerten.
Der Blick von einer Person, die mich beim Lügen erwischen wollte, sorgte dafür, dass ich anfing zu lügen. Ich verfälsche Orte, straffe Dialoge, verändere Verläufe. Das Blog von Vielen ist weniger authentisch geworden, ich führe Blogs, die niemand lesen kann. Schweige über Dinge, über die ich früher geschrieben hätte.

“Was schreibst du auch dein Leben ins Internet – bist selber schuld, wenn Leute das lesen und sich Bullshit draus stricken” – wie oft mussten wir uns schon mit dieser Form des victim blaming auseinandersetzen?
Ich habs nicht gezählt, weil ich irgendwann anfing zu zählen, wie oft “Die Opfer müssen sich zeigen!” oder “Die Opfer müssen sichtbarer werden” in Veranstaltungen zu Gewaltprävention und Strafverfolgung von Gewalttaten gefordert wird.
Für uns ist klar, dass wir aus vielen Gründen, die wohlbemerkt nicht alle etwas damit zu tun haben, dass wir uns vor Täter_innen schützen müssen! , nicht einfach ins Fernsehen setzen oder eine Biografie schreiben. Für uns ist das Bloggen, das Twittern, das Einnehmen von virtuellem Raum die barrierenärmste Option um selbst mit dem Thema und der Auseinandersetzung damit sichtbar zu werden.

Wir sind nicht eng verbunden mit “der Betroffenenszene” bzw. der “Multiszene”. Aus Gründen, die auch mit dieser stalkenden Person und eben zunehmender Netzreichweite zu tun haben. Wo können wir uns denn wohl noch offen austauschen? Für wen sind wir denn nicht mehr das Bild, dass sie sich über das Blog oder Twitter oder auch Facebook von uns gemacht haben? Es gibt für uns keine Optionen des breiten Austauschs mehr und außerhalb existenzieller Krisen oder großer Umschwünge leben wir auch einfach irgendwie damit, wie wir früher damit gelebt haben, dass andere Menschen bestimmen, was von uns wie zu lesen ist und welche Auswirkungen das auf unsere Möglichkeiten hat.

Und dann haben wir einen Fehler begangen. Beziehungsweise: unser Kopf, in dem es nun einmal eine DIS gibt und Hals über Kopf stecken wir als Einsmensch in der Scheiße und müssen versuchen das irgendwie zu regeln.
Was gerne vergessen wird in dem Bild von uns übers Blog ist, dass wir nachwievor mit der kompletten Symptomatik einer DIS leben. Das heißt: mehrere Leben nebeneinander, mehrere innere Haltungen nebeneinander. Wir verlieren Zeit, verletzen uns massiv selbst, haben schwerwiegende psychosomatische Ausfälle und schlafen im Moment so ungefähr 3-4 Stunden am Tag. Wir leben mit Flashbacks und der Not, die man eben hat, wenn man nicht weiß, ob “echt” ist, was man erinnert.

Wir leiden. Hier schreibt ein Mensch, der wirklich und echt auch, neben ganz vielem anderen: leidet.
Egal, ob unsere Texte anderes vermuten lassen oder nicht, ist es da und es wirkt sich aus.

Irgendwann gab es eine erneute Anmeldung in dem Forum mit der stalkenden Person drin und wir haben es nicht sofort bemerkt. Es wurde ein anderer Name gewählt, einige Beiträge geschrieben und scheinbar gab es keine Schwierigkeiten. Aufgefallen ist uns das erst, als wir unsere Passwortänderungsrunden durch die Mailpostfächer machten. Wir haben versucht uns zu kümmern, haben Bescheid gegeben und uns mit der Not der Innens, die sich da angemeldet haben zu befassen versucht.

Ratet, wie das bei jemandem ankommt, der unsere verlogene Falschheit ja schon immer auf dem Schirm hatte.

Tja. Ja.
Ich habe aus diesem Fehler (oder wie ich es lieben nennen würde: dem Versuch meines Innens, sich irgendwie Unterstützung durch Austausch mit gleichermaßen Betroffenen zu holen in einer Zeit, in der es ihm sehr schlecht geht) gelernt:
– ich muss meinem Innen erneut reingeben: “Selbsthilfegruppen und – foren sind nichts für uns. Austausch mit anderen Betroffenen ist nicht für uns.”, mit allen Konsequenzen, die das hat (Isolation, Überforderung, das Gefühl mit seinen Erfahrungen und Gedanken dazu allein bleiben zu müssen, zum Beispiel)
– Menschen fühlen sich gezwungen gut zu finden, was wir hier versuchen auch für Personen zu tun, die zu Opfern von Gewalt wurden und verlangen von uns mit einer DIS zu leben, wie sie das für wahrhaft halten und was wahrhaft ist, bestimmen sie (nicht wir, obwohl es um uns geht, weil wir schlecht/falsch/böse/verlogen sind – für sie)
– die Person stalkt uns noch immer (mit allen Folgen, die so lange gepflegter Generalverdacht eben hat) [und ja the fuck nicht jede_r Stalker_in ruft täglich 20x irgendwo an – manche hocken auch einfach in einem Eierkopfaccount bei Twitter und sammeln Daten zum Zwecke der sozialen Zerstörung einer Person]

Das ist, was man persönlichen Fehlern ja auch mal zu Gute halten kann: es gibt immer etwas zu lernen, was über die Verhinderung in der Zukunft hinaus geht. Wir kriegen das nicht zu 100% sicher hin Dinge nicht zu tun, die wir uns ganz fest nicht zu tun vorgenommen haben.
Ich stehe jeden Morgen auf und widme mich dem Leben – ich denke das beweist diesen Fakt ganz gut.

Heute morgen irgendwann kam mir der Gedanke, das mein Leben ziemlich schlimm ist und merkte, wie in mir drin etwas aufatmete.
“Ja, so soll das auch sein. Du hast nichts anderes verdient.”.

Wie schlimm mein Leben tatsächlich ist, wurde mir erst damit wirklich bewusst.

 

 

P.S. Nein, gegen Stalker_innen, die öffentliche Daten lesen und sich Hirnmüll daraus basteln, kann man sich nicht wehren.
Aber es gibt
eine interessante Webseite, die sowohl allgemeine Informationen, als auch Optionen für Stalkende, wie Gestalkte aufzeigt. Das, was wir hier erfahren ist eine Form des „Cyberstalking“, die leider von ausübenden Personen mit üblicher Recherche bzw Mediennutzung verschleiert werden kann. Da bestehende Strukturen auf physikalische Handlungen ausgerichtet sind, ist klar: Ich bin der destruktiven Intension des Geistes dieser Person mehr oder weniger ausgeliefert.
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So hoffen wir einfach, dass uns die stalkende Person weder körperlich angreift, noch tötet, weil sie meine Furchtbarkeit nicht erträgt und sie der Welt nicht länger zumuten will.

und Stille

Dass man nie allein ist. War. Das ist mir gerade eingefallen.

Sie nennen es Kraft der Familie°, Stärke der Gemeinschaft, einer für alle. Und deshalb gehen die Missionierenden nie allein. Sie kommen nie alleine und halten mir den Wachtturm hin und fragen, ob ich mal etwas lesen möchte. Sie stehen auch nie wirklich allein in der Stadt und halten die klitzekleinen Heftchen in der Hand. Ein paar Meter weiter stehen die anderen.
Und unterstützen.

Wenn sie nach Hause gehen, fragen sie einander, wie die Gespräche mit den Menschen waren. Worum ging es, was war das für ein Mensch, hat er seine Wohngegend genannt, damit wir ihn mal besuchen können? Was hast du gedacht? Hat dich das Gespräch im Glauben gestärkt oder geschwächt?

Es gibt keine Momente am Tag, in denen sich eigene Gedanken verfestigen können. Wenn man nie allein ist, dann ist Einsamkeit der Tod.
Dann wird Stille zu etwas, dass einem den Kopf von innen nach außen totätzt. Also erzählt man sich, was einem zuerst einfällt.
Man betet. Und merkt nicht, dass man bittet. Irgendwann: bettelt.

Der “Sch…”- Laut ist groß. Schande. Schuld. Scham. “Sch!”.

Das ist der Laut unter dem sich die Mehrsamkeit, die Gruppe, die Unterstützung, zu Kontrolle und Doktrin verwandeln.
Der Punkt, an dem man merkt, das man nicht gehen kann. Nicht unbemerkt. Nicht ohne einen “Sch”-Laut zu provozieren. Es ist eine Angst vor diesem Laut- nicht vor den Menschen, die ihn ausstoßen.

Manchmal ist man ohne sie irgendwo. Dann hat man einen Tinnitus aus “Sch!”-Geräusch.
Man wird hilflos, weil man nicht mehr hören, nicht mehr reagieren kann.
Dann ist es die Gruppe, die Familie°´, die die Last des “Sch!” von einem nimmt. Psalmenweise. Mit Budenzauber. Lichtershow.

Zusammen mit anderen.

Man kann nie bündeln. Man kann niemanden allein lieben oder hassen, ignorieren oder in Gedanken haben.
Wenn man interagiert, dann schließt man die Person, die Macht und die Familie° mit ihrem Auge auf und den Händen in, dem Kontakt, dem Wort, dem Moment zwischenmenschlicher Privatheit, gleich mit ein.

Man lernt das Fasern nach außen und trägt es in sich hinein.

Sie kommen seit Wochen und klingeln bei mir.
Zeugen Jehovas.

Zwei. Es sind immer zwei. Nicht einmal mein “Ich möchte in den nächsten Wochen bitte keinen Besuch bekommen”, kann ich bündeln auf eine Person. Ich muss es abschwächen durch die Aufteilung auf zwei Personen. Ich sage es der Einen und entschuldige mich bei der Zweiten.

Sie wissen nicht, dass ich das “Sch!” in ihrem Kopf hören kann.
Besonders, wenn da Stille ist.