die Vermeidungsgewohnheit

Vielleicht hat sich nur das Level verändert, denke ich und kratze mit dem Kamm über meine Kopfhaut.
Die Vögel zwitschern, ein Laster kreischt am Haus vorbei. Mein Kaffee steht in der Küche, zwischen dem Morgen und mir klebt ein Nachtschlafrest wie Wundgaze. Ich versuche zu verarbeiten, was ich am Abend bemerkt hatte. Versuche zu denken, dass das schon immer da war, nur noch nicht verstanden.
Diese Arbeit durch den Gedanken, nicht allein im Schlafzimmer zu bleiben. Diese eine spezielle Anspannung im Bauch, in der Brust, um die Ohren, weil jemand kommen könnte. Bis ich einschlafe. Vor Erschöpfung.

Vielleicht ist es eine Angstgewohnheit, denke ich. Wie die, dass das Auto explodiert, wenn man einen Unfall hat oder die, dass man im Tunnel stecken bleibt. Oder die, dass man geschlagen wird, wenn man eine falsche Antwort gibt oder am Tag immer nur ein Mal um etwas bitten darf, weil man sonst des Kontaktes nicht mehr würdig ist.
Vielleicht wurdest du misshandelt und das schutzlose Liegen, im Dunkeln, erschöpft vom Tag, ist ein Trigger, denkt es neben mir. Ein Bild, ein Gefühl, Vogelzwitschern. Unten bellt NakNak* den Freund zur Raison.

Ich lasse es liegen. Weiß, in der nächsten Zeit habe ich niemanden, mit dem ich darüber reden kann. Die Therapie befasst sich gerade mit anderen Dingen, die Selbsthilfegruppe kann im Moment niemand aufnehmen, meine Anmeldung im Selbsthilfeforum war vermutlich eh eine Schnapsidee. Und am Ende ist es ja auch schon lange vorbei.

sich im Schmerz zu Hause fühlen

Tag 4 mit einem Körper-Gefühl-Flashback, der nicht aufhört.
Wenn ich einschlafe oder zur Ruhe komme, wird es schlimmer. Will ich einen Gedanken konstruieren oder gar festhalten, zerreißt etwas in mir.

Die Sonne scheint, der Wind fährt mal sachte mal ordentlich über die Haut. Die Kätzchen sind zuweilen so aktiv, dass es aus der Scheune rumpelt. Gisela und/oder Bert sitzen mit großer Ausdauer in ihrem Nest. Die Hunde kommen und gehen, zum Schmusen oder zum Spielen. Die Pflanzen wachsen, blühen, tragen Früchte oder Samenkapseln. Eine der Staudenbestellungen im Frühling ist jetzt angekommen. Kleine Babystrubbel, die am Wochenende ihre Füße in unseren Garten stecken können. Heute Nachmittag werden wir zusehen, wie jemand junge Schleiereulen beringt. Alles ist so toll.

Und alles ist so furchtbar, denn mein Körper signalisiert mir akut bedrohlichen Schmerz. Und Schmerz. Und Schmerz. Er ist so durch_dringend, dass es mich verwirrt, wie einfach ich mich gleichzeitig aber bewegen kann. Wie ich doch lebe, wie doch alles geht und niemand da ist, der mir das antut. Wie es keine Quelle für dieses Empfinden gibt, außer meiner Erinnerung bzw. “Erinnerung”. Wohler würde ich mich damit fühlen es “Gedanken” zu nennen, aber ja blabla Vermeidungstanz nein, das machen wir jetzt nicht, aber doch, es fühlt sich stimmiger an.

Ich habe noch nicht viel gemacht, um den Flashback zu beenden, aber das heißt nicht, dass ich es nicht anders will.
Auf eine verwirrend fremde Art fühlt es sich kongruent an, diesen Schmerz zu erleben. In all seiner Furchtbarkeit und in aller Not, die er bedeutet. Ich weiß, dass ich ihn nicht verdient habe, weiß auch, dass stimmt, was die Therapeutin an Tag 0 des Flashbacks sagte: “Schmerz ist Schmerz”.
Er ist eine Konstante.
In all dem, was dieser Flashback mit sich bringt – Bilder, Gedankenfetzen, Impulse, Informationsbrocken, die mir wie zufällig in den Sinn kommen und ab und zu sogar Sinn ergeben – ist er da und ein eindeutiger Ausgangspunkt. Viel eindeutiger als HeuteHierjetzt, obwohl – ja, mega merkwürdig – wir da durchaus einige andere starke Ausgangspunkte haben. Aber die tun nicht weh, die sind nur da.

Andererseits ist genau das die Tücke. Sich im Schmerz zu Hause fühlen, sich darin sicher und klar fühlen, ist so alt. Übersetzt: so früh(kindlich).

es ist falsch, “unvorstellbare Gewalt” zu sagen

Und wieder ist es “unvorstellbar”. Wieder sorgt ein Fall organisierter sexualisierter Ausbeutung von Kindern für Schlagzeilen und wieder wird, ohne jedes Bewusstsein dafür, das Privileg der “Ungeschlagenen” präsentiert.
Ja, Unvorstellbarkeit von Gewalt ist ein Privileg.
Es ist ein Privileg, sich Gewalt nicht vorstellen zu können und nie aufgefordert zu sein, es zu müssen. Es ist ein Privileg so selbstverständlich zu vermeiden und damit alle Opfer und zu Opfern gemachten zu dissoziieren.

Es ist falsch, von “unvorstellbarer Gewalt” zu sprechen, wenn es um Gewalt_taten geht, die mit Gesetzestexten einzuordnen sind. „Unvorstellbare Gewalt“ kann nicht geahndet werden, denn sie ist nicht erkennbar. Jede Vorstellung (von Gewalt) beruht auf Erfahrungen, Beobachtungen, Lerninhalten. Man kann sich nur vorstellen, was man kennt. Selbst das fantastischste Wesen, das man sich ausdenken kann, wird immer aus Elementen des eigenen Wissensschatzes und der inneren Bereitschaft zu neuen Verbindungen entstehen. Was unvorstellbar ist, das ist noch nie geschehen. Wurde noch nie gesehen. Wurde noch nie erfahren.
Gewalt aber haben wir alle schon gesehen. Gewalt geschieht jeden Tag und wir alle er_leben sie in unterschiedlichen Aspekten und Auswirkungen. Einzig unser Bewusstsein und unsere Offenheit zur Wahr_nehmung dafür ist unterschiedlich.

Wer glaubt, es gäbe Menschen, für die manche Gewaltform durchaus “unvorstellbar” ist, spürt das Ziel der Vermeidung und trägt dazu bei, das Privileg der Ungeschlagenen zu erhalten.
Denn wozu dient die Formulierung “unvorstellbare Gewalt”? Vielleicht denken wir erst einmal: “Oh, da gehts um super krasse Gewalt – etwas, das man nicht alle Tage sieht.” – verarbeitet wird daneben aber auch: “Aha, unvorstellbar krass, deshalb ist es vermutlich ganz besonders schwierig, da jetzt irgendwas gegen zu machen – vielleicht sogar viel zu viel. Und, naja, wenn es sogar für die Polizei unvorstellbare Gewalt ist, die jeden Tag richtig viel mit Gewalt zu tun hat, – und es für die vielleicht viel zu viel ist – ja dann ist das ja erst recht nichts für mich. Da kann ich ja nun mal wirklich echt gar nichts machen. Und wenn es für die Profis unvorstellbar ist, dann ist es das für mich vermutlich erst recht.” Und 2 Monate später kommt der nächste bundesweit aufgedeckte Fall und man fasst sich wieder an die Brust.

Es ist bemerkenswert, wie sich – speziell bei Gewalt an Kindern und Gewalt in Kontexten, in denen gleichermaßen ein gesellschaftlicher Konsens über ein Schadenzufügungsverbot besteht, diese Sprachführung als Vehikel zur Beweisanbringung der totalen Überforderung benutzen lässt.
Man drückt damit nicht nur aus: “die Gewalt ist krass”, sondern auch: “der Umstand, dass sie (hier, in Kontexten, wo “wir” uns doch alle einige sind, dass sie dort nicht passieren und Personengruppe XY ganz besonders nicht treffen soll) passiert, ist krass”.
Damit baut man ein Bild von Machtlosigkeit auf. Man tut so, als hätte man gar keine andere Wahl gehabt, als im Nachhinein Spuren zu sichern, Beweise zu sammeln und aufgrund dessen zu verurteilen und evtl. zu bestrafen – es war ja so unvorstellbar – man konnte das ja vorher oder im Moment des Geschehens gar nicht erfassen, begreifen, verstehen und ergo gar nichts tun.
Man sagt, dass eigentlich ja immer alles okay ist, aber diesmal nicht und niemand konnte was dafür – das war ja vorher nie gesehen, nie geschehen, nie erlebt. Von niemandem. Jemals.

Außerdem verstärkt es die Annahme, dass es das nicht gibt. Diese wirklich mega krasse Gewalt, die man den Menschen einfach nicht zutraut. Man kommuniziert damit ein Level der Gewalt, das zutraubar ist – das zu fassen, und zu kontrollieren ist und ein Level, das alle Normen sprengt und ergo keinen Bezug zur Realität (und darin verortet Menschlichkeit) hat. Deshalb fällt es auch dem Ermittlungsleiter Poll so leicht über die Täter_innen so etwas zu sagen wie: „Diese Menschen, wenn man sie überhaupt so nennen kann“.

Die Formulierung “unvorstellbare Gewalt” ist eine Verteidigung all derer, die niemals mal mehr als eine_n „relatable“ Gewaltüberlebende_n angehört haben.
Weil sie nicht müssen. Weil es einfacher ist, weil es mehr heil lässt, weil es ein Privileg ist, für sich im eigenen Bild von der Welt, als jemand zu leben, die_r nie nie niemals irgendwas ~damit~ zu tun hat. Es erhält die Normen innerhalb derer Opferschaft revidierbar, aufhebbar ist und es erhält die Normen innerhalb derer man Gewalt als real (in unserer Gesellschaft) passierend akzeptiert oder auch nicht.

„Wir Gewaltüb.erlebende.n“ werden davon definiert. Wir sind froh, wenn unsere Erfahrungen vorstellbar sind, denn das bedeutet, dass unsere Erfahrungen und damit auch wir, trotz der Erfahrung noch Teil der Gesellschaft sind.
Ist sie es nicht – gelten unsere Erfahrungen als „zu krass um wahr zu sein“, als “unvorstellbar” – haben wir diesen Zugang praktisch verloren. Und das auch – und das ist das Furchtbare für uns immer wieder – wenn Menschen diese Formulierung nicht in dieser Absicht verwenden, sondern nur, um ihre Fassungslosigkeit auszudrücken. Man verhandelt in diesem Vokabular immer automatisch auch den Konsens über die gemeinsame Realität. Und die ist einfach extrem unterschiedlich zwischen “Ungeschlagenen” und “Geschlagenen”.

Ich möchte diesen Beitrag damit beenden, zu sagen, dass das nicht fair ist.
Es ist noch viele andere Dinge für mich persönlich, die_r damit umgehen muss, dass es ist, wie es ist.
Doch alles Persönliche entfernt, ist es einfach nicht fair.

Es ist nicht fair.

Maskenpflicht und Todesangst

Maskenpflicht.
Finden wir gut, wichtig, überfällig.
Und anstrengend, überfordernd, triggernd.

Für uns gibt es an der Stelle keine Diskussion. Kein “Ich will eine Ausnahmeregelung für mich, weil…” versus “Es muss auch andere Wege geben.”, denn es gibt andere Wege und in Kombination mit einer allgemeinen Maskenpflicht steigert sich deren Effizienz.

Ein Problem, das ich habe, ist, dass wir Gewalterfahrungen gemacht haben, an die wir erinnert werden, wenn wir etwas im Gesicht haben bzw. haben sollen und andere Leute uns dabei anschauen.
Und Asthma. Das obendrauf.  Jede Irritation der üblichen Atmung (die schon nicht “normal” ist, weil Asthma zu chronischer Hyperventilation durch unbewusste Anpassung der Atmung an die Erkrankung führen kann) bringt uns aus dem Tritt und damit einen Schritt näher an eine Attacke oder die Überblähung.
Und widersprüchliche Informationen. Hier lese ich dies, hier lese ich das, der Freund, der Krankenpfleger war, sagt jenes und draußen im Laden, auf der Straße passiert noch ganz anderes.
Und Autismus. Die Pandemie hat unsere Wochenroutinen zerstört. Wir brauchten und brauchen Zeit, um das zu realisieren und zu prozessieren. Und Kraft, um neue Routinen zu entwickeln, die sich nicht unsicher anfühlen, weil sie ja nur einen Übergang schaffen. Für uns ist die Pandemie aber eigentlich kein Übergang, sondern der Anfang von etwas Neuem, auf das wir uns nicht vorbereiten konnten, zu dem wir uns nicht entscheiden konnten, das wir in seinem Umfang und seiner Bedeutung für uns noch gar nicht erfassen können. Wir müssen uns davon lösen anzunehmen, dass wir bald wieder montags in der Schule Bücher binden und abends die Therapeutin sehen, dienstags mit C. arbeiten, beim Bäcker “unser Brot” kaufen und ein süßes Teilchen essen, während wir mit NakNak* auf dem Schoß im Zug nach Hause sitzen. Das ist alles vorbei. Es wird so sehr lange nicht mehr passieren. Selbst dann nicht, wenn alle schon fertig sind mit Lockdown und Abstand halten. Wir werden zu den letzten gehören, die sich ohne Ansteckungssorge in Bus und Bahn, Supermarkt oder Arztpraxis begeben können. Jetzt ist alles anders. Wir müssen uns daran anpassen und das kostet uns Kraft.  Der Übergang ist eigentlich nur die Zeit, die wir brauchen, um das zu akzeptieren.

Wir schauen uns deshalb genau an, was wir warum wie verändern sollen. Letzte Woche war eine Maske zu tragen noch freiwillig, jetzt soll es eine Pflicht sein. Wo die Masken für alle herkommen sollen, ist unklar. Zu lernen wie man eine Maske richtig und sicher trägt, pflegt und desinfiziert, gehört nicht zur Pflicht, wird auch nicht breit kommuniziert. Für mich sieht das nicht effizient aus. Eher wie etwas, das mir Kraft wegfrisst, die ich zum Ausgleich der Folgen der Ineffizienz brauche. Auch wie etwas, mit dem weiterhin konsequent zwischen “gesund” und “krank”, “arm” und “reich”, “be.hindert” und “be.hinderungen problemlos kompensieren können”, getrennt wird.

Es sieht mir auch nach etwas aus, das meine Probleme der Anpassung individualisiert und damit auch alle Verantwortung und weiter auch Schuld für mögliches Scheitern und dadurch eventuell entstehende Gefährdung Dritter. Und ja, sicherlich sind all die Dinge, die mir das Tragen einer Maske erschweren individuell – dass es mir schwerfällt eine zu tragen, ist es jedoch nicht. Damit sind aktuell eine ganze Menge Menschen konfrontiert und überfordert.
Es gibt im Moment so wenig, das hilft, sich anzupassen. Sich irgendwie einzufinden. Alle, die ich kenne, wurschteln sich irgendwie da durch, können gar nicht so richtig sagen, was ihnen hilft und was nicht. So oft enden unsere Gespräche mit der Feststellung, dass es ist, wie es ist, wir es akzeptieren und gucken müssen, wie wir durchkommen. Sie enden nie damit, dass wir mehr als symbolisch zusammenstehen müssen. Nie damit, dass man einander sagt, dass man Angst hat zu sterben. Man tröstet sich nicht. Man redet nicht über den Tod und die Angst davor. Immer noch nicht. Man redet darüber, wo man Masken kaufen kann. Dass man eine positive Einstellung haben muss. Dass es anderen viel schlechter geht. Dass man sehen wird, wie sich das alles entwickelt.

Die Angst ist für uns in allem. Unsere Gewalterfahrungen waren mit Todesangst verbunden. Jede Asthmaattacke ist mit Todesangst verbunden. Jeder Routinenbruch ist für uns mit der Angst verbunden, die Welt könnte zerbrochen sein und wir dadurch in Lebensgefahr. Eine Maske, eine Abstandsregel, eine Desinfektionsvorschrift berührt diese Angst nicht, eigentlich lenkt sie nur davon ab, verschiebt den Schwerpunkt der Vermeidung. Man hat einen Gesprächspunkt mehr, durch den man einander nicht sagen muss: “Ich weiß, dass du Angst hast, ich habe auch Angst. Mein Umgang damit ist…”

Wir trainieren uns das Tragen einer Maske jetzt an. Aus Gründen, die weniger mit Corona als damit zu tun haben, dass wir es für eine relevante Fertigkeit halten, eine Maske im Gesicht tolerieren zu können.
5 Minuten-YouTube-Video = 5 Minuten Maske im Gesicht aushalten. Das geht. Die Erinnerungen kommen, mit dem Ende des YouTube-Videos, enden auch sie. Imagination ist nichts anderes als gezielte Dissoziation. Es ist okay, sich durch die Tragezeit einer Maske zu dissoziieren. Es ist okay, Angst zu haben. Die Tragezeit ist begrenzt. Ihr Ende kann man sich deutlich machen, ihren Anfang kann man sich deutlich machen. Man kann kontrollieren, wann und wo und warum man sich ihr aussetzt. Und, ob es das wert ist. Die eigentliche Angst ist immer da. Ob mit oder ohne Maske, die triggert, die Atmung erschwert, den Ausnahmecharakter der Gesamtsituation extrem unterstreicht.

Gegen die Angst hilft nicht, sich gegen eine Maske zu entscheiden oder einfach nicht mehr rauszugehen (wenn man diese Option überhaupt (wirklich) hat). Gegen die Angst hilft nur Beruhigung, durch Sicherheit(sgefühl), durch Versorgung aller Bedürfnisse.
Wie immer.

Öffentlichkeitsarbeit zu DIS – der bessere Thread

Manchmal will ich zu viel von meinen Texten oder Twitter-Threads.
Dann erwarte ich, dass Leute ein Video schauen und einen langen Thread lesen und sich dann vielleicht auch noch dazu verhalten. Einerseits sehe ich kein Problem in der Erwartung – schließlich erwarten wir alle immer irgendetwas von einander und es gehört dazu, diese nicht immer und vollständig zu erfüllen. Andererseits war mir auszudrücken, was ich auszudrücken versucht habe, wichtig und ich war so glücklich, zu den Gedanken und Worten gekommen zu sein. Deshalb teile ich sie noch einmal hier und habe einige Änderungen und Hinzufügungen fürs Verständnis vorgenommen.

Gesehen hatte ich das aktuelle Video von Mailab, in dem es um Wissenschaftskommunikation ging und Virologen in ihrer Medienpräsenz verglichen wurden. Mai hat darin aufgezeigt, dass ein Problem der Wissenschaftskommunikation immer das ist, dass Wissenschaftler_innen (Forscher_innen, Expert_innen…) immer vom Gegenstand ihrer Forschung sprechen – das “What” und wir Laien aber vor allem an dem “So What”, also der Bedeutung des Forschungsgegenstandes für uns interessiert sind.

Mir hat diese Verdeutlichung Worte für die Parallelen in der Öffentlichkeitsarbeit zum Thema DIS gegeben. So begann ich den Thread:

Kurz noch eins: Ich beziehe mich in diesem Text auf keine spezielle Veröffentlichung oder
Öffentlichkeitsarbeit zur DIS oder will mit diesem Text auf komplizierte Art ausdrücken, dass
jemand alles falsch macht oder schlecht “für uns Multis” ist. Die Ebene, die ich kritisiere
bzw. auf der ich mich abgrenze, ist eine andere und geht über Individuen hinaus.

”Seit Jahren werden Beiträge zum Thema mit „Es ist nicht wie bei Jekyll und Hyde“, „Es ist keine Schizophrenie“, „… sondern durch Gewalt entstanden“ eingeleitet. Dann gibts ein Fallbeispiel, ein Einzelfallportrait, ICD oder DSM werden vorgetragen und illustriert und fertig. Das liegt daran, dass für mehr oft kein Raum ist. Dem „What“ wird Raum in Form von Behandler_innen-Interviews und Studienlage gegeben (es wird also eine Datenlage präsentiert – Zahlen, Abstraktes) und das „So What“ sollen die Betroffenen sein.
Sie verkörpern die „Krankheit“ und damit – entsprechend der Kommunikation – auch immer ihre Ursachen. Also im Fall der DIS, toxischer Stress durch massive (organisierte, Rituelle, sadistische, langanhaltende) Gewalt.

Das Ergebnis dieser Kommunikation ist: „DIS = Krankheit (durch Gewalt)“ oder „Gewalt = DIS = krank“ oder „Gewalt = krank = DIS“
Es kann und wird so nie sein: Gewalt = „schlecht“ oder DIS = eine von vielen möglichen, und in an allen Menschen angelegte Anpassungsreaktion auf toxischen Stress.

Hinzu kommt: Öffentlichkeits/Aufklärungs/Antistigmaarbeit macht man immer für eine Gesellschaft.
In unserer Gesellschaft ist es schlecht, krank zu sein. Wer krank ist, ist mit Ableismus konfrontiert. Wer psychisch krank ist, zusätzlich noch mit Saneismus und das von allen Seiten, in allen Lebensbereichen.
Bereits das Konzept von Aufklärung – und also Aufklärungsarbeit an sich, ist ableistisch und klassistisch, denn in unserer Gesellschaft wird den (so eingeordneten) Kranken die Fähigkeit von Wissen und Wissensvermittlung nicht gleichermaßen zugesprochen, wie (als so eingeordnet) Gesunden. Zusätzlich dazu sind Mittel- und Oberschicht, die durch ihren leichteren Zugang zu Bildung und Aufstiegsmöglichkeiten durch Bildung, praktisch immer diejenigen, die in der Position sind, als Expert_in, Wissenschaftler_in, Forscher_in, Behandler_in…, aufzuklären.
Aufgrund dessen darf angenommen werden, dass ergo in dem vermittelten Wissen selten bis nie auch drin steckt, was diese Position verunsichert oder delegitimiert. Das wiederum macht das vermittelte Wissen für Unterschicht und Präkariat, (dessen Zugehörige, in Relation zu anderen Klassenangehörigen, häufiger die Betroffenen der Forschungsgegenstände sind) praktisch wertlos, denn es wird wie gesagt grundsätzlich sowieso nur das “What” vermittelt, aber das “So what” gebraucht – nach Möglichkeit angepasst an von Klassismus, Sexismus, Rassismus, Ableismus, Saneismus… geprägte Lebensumstände. Und das bleibt eben oft aus.
Karen, 32, promovierte Extraspezialistin an der Hochschule Schabala, knallgesund und gut versorgt, hat halt keine Ahnung, wie es ist, den Krebs, den sie unterm Mikroskop erforscht, zu haben, in dem Gesundheitssystem, der ableistischen Gesellschaft und der Armut, in der Friedrich 57, Frisör in Poppenhusen, lebt.
Dass es diese Unterschiede gibt, bedeutet nicht, dass Karens Forschung schlecht ist oder sie für speziell Friedrichs Leben eine Verantwortung trägt, aber es bedeutet, dass die Aufklärung über ihren Forschungsgegenstand im Blick haben muss, dass es Menschen wie Friedrich gibt und die Kommunikation das “So what” von ihm mitdenken muss.

Beim Thema DIS, ist es nun leider so, dass Popkultur und Verschwörungstheorien schneller als der wissenschaftliche Fortschritt war. Da gab es Filme, Romane, örtlich eingrenzbare Massenpaniken, die Schlagzeilen gemacht haben und entsprechend wilde Meinungsbildung in der Gesellschaft. Das macht heute den Grat zwischen Ableismus normierender (und ableistische/saneistische Normen verstärkender) Krankenschau  und Verständnisvermehrung durch Wissensvermittlung extrem schmal.
Die meisten Menschen, die sich heute aufklärerisch zum Thema äußern, sind engagierte_r Behandler_innen, eloquent und abgesichert (durch ding dong, hohen Bildungsgrad, sicheres Einkommen, Weißsein und einer Menge Freund_innen, die das alles auch haben) oder Journalist_innen, die_r in irgendeiner Form gestützt sind (oder sich so fühlen) (und oft die genannten Merkmale der Privilegierung haben) oder eben “wir Betroffenen”, von denen viele zwar auch Privilegien haben, es aber genau diese Betroffenen in der Regel nicht sind, die sich äußern oder den Druck verspüren, sich zu äußern. Aus meiner persönlichen Perspektive sind es immer eher Betroffene, die weniger privilegiert sind.
Das Problem für uns Betroffene in der Rolle der Aufklärenden ist: Wir gelten als krank. Und viele von uns sind arm. Manche auch behindert. Alle haben wir wenig bis keine Aussicht auf bedingungslosen Schutz vor Täter_innen oder Leuten, die es aus anderen (in der Regel niederen) Gründen in Ordnung finden, uns zu verletzen, zu demütigen, zu verleumden oder zu einem schlechten, für uns in der Regel direkt existenziell bedrohlichen, Ruf zu bringen. Ich persönlich kenne in der DIS-Aufklärung bzw. Öffentlichkeitsarbeit niemanden, die_r das nicht billigend in Kauf nimmt und halte das für ein Problem.
Zum Einen, weil es ungerecht ist – denn das bedeutet, dass unsere Aufklärungsarbeit immer mehr enthält, als die bloße Kommunikation von “What” und “So what”, nämlich auch noch die Kompensation aller Barrieren auf eigene Kosten, eigene Verantwortung und eigene Sicherheiten. Wir können nicht sagen: “Das ist unser Job.” Denn selbst, wenn wir es zu unserem Job machen würden, so ist es doch auch immer unser Leben, um das es geht. Ob wir wollen oder nicht. Mit allen Konsequenzen.
Und zum Anderen, weil mit der Bereitschaft in Kauf zu nehmen, dass Menschen ohne DIS, Menschen mit DIS (oder irgendeiner anderen sogenannten “Erkrankung”) als krank und quasi “übrig von der Gewalt” verstehen, auch alle Dynamiken und Umgänge der Gesellschaft mit eben diesen Eigenschaften aktiviert werden.

Ich für mich bin nicht krank, sondern angepasst an etwas, das zu erleben ich niemandem wünsche. Für mich ist Gewalt nicht unnormal, denn ich kann mich und mein Leben in Bezug zu dem anderer Menschen setzen. Ich sehe: Andere erlebten es auch und sie erleben es noch. Jeden Tag.
Würde ich machen, was übliche Öffentlichkeitsarbeit ist, würde ich die Vermeidungshaltung der Gesellschaft triggern und quasi noch während ich spreche, eigentlich schon nicht mehr sprechen. Und das würde niemandem weiterhelfen. Es würde an diversen Stellen sogar dazu führen, gewaltvolle Praxen zu unterstützen und Gewalt zu legitimieren. Hier wirds natürlich wieder akademisch. Man kann mich an dieser Stelle kritisieren und mir – ganz der eigenen Vermeidungshaltung entsprechend und dem (internalisierten) Ableismus freien Lauf lassend – unterstellen, meine Psychiatrie- und Behandler_innen-Traumata würden mir hier die Objektivität verunmöglichen und entsprechend ginge ich hier zu weit, wenn ich sage, dass es gewaltvoll ist, sich der Kategorien “krank” und “gesund” zu bedienen und entlang ihrer vermeintlich klaren Definitionen zu be.urteilen. Da mir hier Raum und Geduld fehlt diesen Punkt zu erklären, lasse ich nur einen Beleg dafür hier: Für so eingeordnete “Gesunde” gibt es keine geschlossenen Einrichtungen. Niemand, die_r als gesund gilt, muss um Selbstbestimmung, Würde und Glaubwürdigkeit fürchten. Wo und in welcher Form auch immer es so etwas gibt, ist es Gewalt. Punkt.

Die Abwehr einiger meiner Kritiker_innen ergibt sich aus der Annahme, Gewalt sei nicht normal. Es sei nicht üblich, dass Menschen einander unterdrücken, in ihren Freiheiten beschneiden, einander verletzen. “Gewalt ist nicht normal und deshalb sind wir dagegen (– wie wir ja immer gegen alles sind, das nicht normal ist).”

Ich sehe das so: Nur, weil nicht alle Menschen gleichermaßen in Form, Ziel und Ergebnis Gewalt erleben, ist Gewalt unnormal. Nur, weil nicht alle Menschen gleichermaßen angepasst auf ihre Gewalterfahrungen entwickelt sind und leben, sind einzelne Anpassungsformen unnormal – ergo krank.

Auf diesen Annahmen fußen aber viele (für mein Verständnis alle) Antistigma-/Öffentlichkeitsarbeiten. „Gewalt ist unnormal, Krankheit ist unnormal, DIS ist unnormal und auch noch krank, und jetzt kommt hier FilmTextBuch und zeigt euch… äh ja hier macht mal was gegen Gewalt. Guckt was sie anrichtet.“ Ganz ehrlich, für mich ist das, als würde ich eine Doku über nasse Lappen gucken, die mich gegen Wasser positionieren soll. So funktioniert das aber nicht. Ich brauche Wasser zum Leben. Und ja, auch wenn diese Wahrheit nicht gefällt: Wir als Gesellschaft brauchen Gewalt. Nichts, wirklich kein einziger unserer Bereiche im Leben ist frei davon. Selbst, wenn wir uns hinsetzen & ganz gewaltfrei miteinander sein wollen – wir werden welche ausüben oder ausgeübt haben und es nicht einmal gemerkt haben oder als solche einordnen, weil ihr Ergebnis uns nutzt. Diese Wahrheit und all ihre Implikationen sind ein tiefes Tal für alle, die wirklich und aus tiefstem Herzen gewaltfrei leben wollen. Ein sehr tiefes, glaubt mir. Aber es ist real und deshalb muss man das immer mitbedenken.

Ich will weder hier noch anderswo für alle Vielen sprechen, weiß, viele (die meisten, vielleicht auch alle) sehen das anders. Viele, die wir kennen, sehen sich als Ergebnis der Gewalt, als Mahnmal, als in der Verantwortung irgendetwas gegen die Gewalt, die sie überlebten und andere noch überleben müssen, zu tun. Bitte, fein. Aber.
Ich halte mein Vielesein für ein Ergebnis meiner Möglichkeiten der (individuellen) Ressourcenentwicklung in dieser Gesellschaft. Wir sind viele geworden, weil andere Möglichkeiten nicht zur Verfügung standen, Gewalt zu erleben, auszuüben und mitzutragen. Ich wurde, wir wurden nicht zu Brei geprügelt und jetzt probieren wir Brei-Leben. Der Druck unter dem wir zu Vielen wurden, ergab sich aus Widersprüchen. Aus Schmerz während man Schmerzen zufügte, aus Ohnmacht inmitten krasser Machtausübung. Aus Liebe für Leute, von denen man deutlich spürbar existenziell abhängig war. Aus dem Versuch mit Erfahrungen zurecht zu kommen, die für mich, für uns, ganz normal waren, während sie von Unbeteiligten als extreme Ausnahme angenommen werden. Der tiefe Konflikt in einer Gesellschaft zu leben, die sich Vielesein zuweilen fast showartig erklären lässt, gleichzeitig Tatort und Dschungelcamp zelebriert UND behauptet, Gewalt sei zu verurteilen.

Ich für mich sehe in dem Publikum, das ich mit üblicher DIS-Öffentlichkeitsarbeit erreichen kann, kein Publikum, das begreifen kann, was Gewalt überhaupt wirklich ist und wirklich bedeutet. Es reicht für mich nicht im Mindesten zu sagen: „Gewalt (also hier …dings… schlagen, “sexuell missbrauchen”, vergewaltigen und töten) ist schlecht, denn das macht krank, zum Beispiel mit DIS“.
Das „So what“ einer so gestalteten Arbeit würde am Ende also immer heißen: “Weiter so – nur nicht mehr so, dass niemand weiß, dass es sowas wie DIS gibt. Ach und alle sollen Gewalt (also schlagen, „sexuell missbrauchen“, vergewaltigen, töten) schlecht finden. Natürlich.”
Ich halte es für entsprechend verfehlten Aktivismus gegen Gewalt, sich nur um zwischenmenschliche Gewalt und ihre individuellen Folgen zu kümmern. Hartz 4 bedeutet auch Gewalt und hat 0,0 mit Geprügel zu tun. Heimzwang, Zwangseinweisungen in die Psychiatrie, Knastkultur ist auch Gewalt. Wenn dir einer sagt, du darfst nicht aufs Gymnasium, weil irgendjemand sagt, das dürftest du als Person mit Down-Syndrom nicht, dann ist das auch Gewalt. Und wenn eine Gesellschaft auch diese Formen von Gewalt in sich hat und trägt und kultiviert und in keinerweise zulässt, dass sich daran etwas ändert, dann wird sich auch für Menschen, die geschlagen, “sexuell missbraucht”, vergewaltigt und gequält werden bis sie eine DIS oder irgendeinander andere Anpassungsform entwickeln, um zu überleben nichts – aber auch gar nichts verändern.

Der Affront, der mit dem, was ich hier schreibe einher geht, ist natürlich erheblich viel größer als ein Heft, in dem Peter Meier sein Leben mit DIS beschreibt und die Krankenkasse anklagt oder ein Film über das Leben einer Person, die Viele ist und in die Kamera sagt, wie schwer es manchmal ist.
Was ich hier mache, bedeutet jeder Menge Leute an den Karren zu pieseln, weil ich sie und ihre Herangehensweisen nicht nur feiere, sondern auch als gewaltvoll beschreibe und zuweilen sogar gleichsetze mit dem, was sie verurteilen. Das ist unbequem, passt nicht in die ausgekügelt system- und ergo auch gewalterhaltenden Projekte und Projektchen, die sich im Engagement gegen Gewalt entwickeln konnten, aber es ist das, was ich sehe und finde und vertrete. Allein. Natürlich, ich will ja nicht, was alle wollen und ich vertrete nicht, was alle vertreten. Bis jetzt. Wer weiß, was sich daraus entwickeln kann. In manchen Projekten bin ich ja trotz und manchmal sogar wegen meiner (kritischen) Haltung erwünscht.

Die Frage, was man mit der eigenen Öffentlichkeitsarbeit erreichen will, ist für viele: „Ich will, dass die Gewalt aufhört“ oder „Vielesein, soll anerkannt werden“. Ich frage mich, wie man heute noch auf so ein Ziel kommen kann, in einer Welt und Gesellschaft wie unserer.
Was Menschen können, werden sie tun. Immer. Für mich ist immer die Frage, ob sie es auch tun würden, könnten sie anderes tun. Und ergo die Erkenntnis: In dieser Gesellschaft, hier und heute, können sie nicht anders – ohne rauszufallen, wie Leute mit DIS (oft) rausfallen. Und hier sehe ich eine, meine Schnittstelle.
Ich glaube, dass die DIS zu einer Perspektive auf die Gewalt, das Leben und die Gesellschaft führt, die sie selbst nicht entwickeln kann. Und ich glaube, dass meine oft als “Öffentlichkeitsarbeit“ bezeichnete Selbstvertretung daraus besteht, dieser Perspektive Raum zu verschaffen. Nicht mehr, nicht weniger.
Mein „So what“ meint immer alles. Auch die Gesellschaft als immer an der Gewalt beteiligte Instanz in jedem Aspekt des Lebens und das ist viel. Viel zu viel.
Ich werde nicht mehr miterleben, ob und wenn ja, was mein Zeug hier verändert, aber das muss ich auch nicht. Wenn es in der Welt ist, reicht mir das. Das ist schon viel, weil ich dafür bis hierhin überleben musste und damit klarkommen muss, dass es jetzt so ist wie es ist und, dass ich es nicht immer richtig gemacht empfinde, was Leute, wie ich machen, um auf Leben, wie unsere aufmerksam zu machen.
Demut im Aktivismus ist auch wichtig. Schwierig, schmerzlich, entgegen allen Wollens – aber wichtig.“

Danke, dass du bis hierhin gelesen hast.

 

Texte wie diesen zu schreiben, ist Arbeit. Du kannst dazu beitragen, dass ich für diese Arbeit bezahlt werde.
Werde Unterstützer_in bei Steady, lade mich als Speaker_in zu deiner Veranstaltung ein, teile die Texte mit anderen Menschen. Auch dafür, herzlichen Dank.

Gastbeitrag: „Alles Verschwörungstheorie? Plädoyer für solide Information zwischen zwei Extremen“

Transparenzhinweis:
2017 haben wir ein Interview mit Claudia Fischer zum Infoportal Rituelle Gewalt aufgenommen. 
Wir arbeiten am Infoportal mit.

 

Eine gemeinsame Stellungnahme von der Emanuelstiftung (Bonn), von Lichtstrahlen Oldenburg e.V. und Mosaik gegen Gewalt e.V., Bielefeld. Alle drei betreiben das Infoportal Rituelle Gewalt. (Veröffentlicht am 18.4.2020)

Die öffentliche Diskussion um das Thema Rituelle bzw. organisierte sexualisierte Gewalt bewegt sich seit längerem in einem Umfeld, in dem

  • auf der einen Seite verschiedenste „Weltverschwörungs“-Narrative Verbreitung finden, die die Ausbeutung von Kindern durch pädokriminelle Täter*innen mit irgendwelchen „weltumspannenden Netzwerken“ verbinden und häufig noch mit anderen kruden, zum Teil sogar antisemitischen oder rechtsextremen Thesen oder Fantasien kombinieren, wobei der Boden jeder nüchternen, sachlichen Betrachtung längst verlassen wurde.
  • Auf der anderen Seite leugnen manche Einzelpersonen und Institutionen immer noch rundweg, dass es in Deutschland, Europa oder weltweit überhaupt zu solch schweren Straftaten kommt, wie Überlebende von organisierter Ritueller Gewalt sie berichten. Hier wird häufig argumentiert, das sei „alles nur von gut vernetzten Therapeut*innen eingeredet“ – eine nicht minder absurde Verschwörungsphantasie.

Beide Unwahrheiten enthalten, wie so oft, wahre Elemente: Natürlich kommt es in Einzelfällen vor, dass Menschen unter dem Einfluss unseriös arbeitender Therapeutinnen zu fehlerhaften Erinnerungen gelangen. Gleichzeitig ist auch immer wieder festzustellen, dass Täterinnen in diesem Bereich der Kriminalität sehr gut miteinander vernetzt sind und zudem individuell relevante gesellschaftliche Positionen einnehmen.

Wer daraus Pauschalaussagen bastelt, kommt aber zwangsläufig zu einer pauschalen Verdrängung oder Übertreibung. Richtig ist nach unseren jahrelangen Recherchen und Erfahrungen:

Weder haben es alle diejenigen, die sich als Betroffene zu erkennen geben, mit unfähigen/böswilligen Therapeut*innen zu tun (viele haben nicht zuletzt bereits Erinnerungen an traumatisch Erlebtes, bevor sie eine Psychotherapie beginnen), noch steht hinter dem, was da an Verbrechen immer wieder in sehr plausibler Form geschildert wird, logischerweise eine einzige große „Weltverschwörung“.

Beide Extreme werden der Realität, bzw. dem, was inzwischen an wissenschaftlichen und empirischen/klinischen Befunden zum Thema existiert, nicht gerecht. Sie führen schlicht zur Desinformation und schaden denen, die wir schützen müssen – nämlich denjenigen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die tatsächlich in schwer zu ertragender und schwer zu vermittelnder Form ausgebeutet und misshandelt werden.

Das eine Extrem: Weltverschwörung
Seit Jahren beobachten wir mit Sorge, dass das Thema Rituelle Gewalt, mitunter vermischt mit rechtsextremen und antisemitischen Aussagen, politisch instrumentalisiert und genutzt wird, um Endzeitgefühle zu erzeugen und Angst zu verbreiten. Entsprechende Websites sprechen dann häufig auch noch die Chemtrail-Gläubigen, Impfgegnerinnen oder Reichsbürgerinnen an oder geben Prepping-Hinweise.

Hiervon grenzen wir uns ganz klar ab und betonen: Von organisierter sexualisierter bzw. ritueller Gewalt haben inzwischen Hunderte von Betroffenen auch in Deutschland glaubhaft berichtet (u.a. in Anträgen beim Fonds Sexueller Missbrauch [1], bei Anhörungen der Aufarbeitungskommission [2], am berta-Telefon oder im Rahmen von wissenschaftlichen Studien [3]). Die damit verbundenen Straftaten tauchen auch im Rahmen von Strafverfahren immer wieder auf [4], und sie haben nichts, aber auch gar nichts zu tun mit einer sogenannten satanischen, jüdischen oder sonstwie gearteten „Weltverschwörung“, die „heimlich die Geschicke unserer Regierungen und Gesellschaften lenkt“. Wir grenzen uns auch ab von der Annahme, es gäbe irgendwelche „Eliten“, die in pauschaler Form in solche Taten verstrickt sein sollen, bzw. von „Pizzagate“ [5], „QAnon“ [6] und ähnlichen plakativen Konstrukten.

Wir sehen die Gefahr, dass derlei Verschwörungsgedanken und die politische Instrumentalisierung den wirklich Betroffenen massiv schaden, weil man sie für „Spinnerinnen“ hält und ihnen die dringend benötigten Hilfen verweigert. Weil Ermittlungen niedergeschlagen werden und weil sich damit die typische Drohung der Täterinnen
bewahrheitet: „Und wenn Du jemals darüber sprichst, wird Dir niemand glauben.“

Unsere Bitte: Wenn Sie helfen wollen, bleiben Sie skeptisch gegenüber solchen Verschwörungstheorien!
Eine Liste seriöser Quellen zum Thema finden Sie auf der Linkseite der Emanuelstiftung [7].

Das andere Extrem: Komplette Leugnung
Gleichzeitig nehmen wir immer wieder Bestrebungen wahr, das Thema Rituelle Gewalt in sehr bemühter Form unter den Tisch zu kehren. Hierzu verweisen wir gern auf die sehr fundierte Stellungnahme des Betroffenenrates beim UBSKM [8] und möchten auf folgende Erkenntnisse aus unserer Arbeit hinweisen:

Wir erleben in großer Zahl Menschen, die sich bei uns melden, weil sie in körperlicher, psychischer und/oder finanzieller Not sind, weil sie von pädokriminellen Straftäter*innen in extremer Form, langfristig, organisiert und/oder rituell sexuell ausgebeutet wurden und werden.

Ähnlich häufig erleben wir Menschen, die sich bei uns melden, weil sie direkt betroffene Personen begleiten. Das sind Ärztinnen, gesetzliche Betreuerinnen, Anwältinnen, Fachleute aus Sozialämtern, Sektenberatungen, Therapie, Krankenhäusern, Kirchen und Politik, aber auch Familienmitglieder von Betroffenen, Nachbarinnen, Freundinnen,
Arbeitskolleg
innen, Arbeitgeber*innen. Und auch das sind viele.

Viele dieser Berichte sind nachvollziehbar, ordentlich belegt und plausibel, auch wenn dies z.B. nicht zur Strafverfolgung oder zu Urteilen geführt hat. Ähnliches gilt für diverse Fälle von Bedrohung und Erpressung, mit denen sich insbesondere Kliniken und Therapeutinnen konfrontiert sehen, die Überlebende behandeln. Viele berichten von entsprechenden Übergriffen (z. B. von Bedrohung und Stalking von Klientinnen selbst bei Klinikaufenthalten). Meist reichen die Erlebnisse aber nicht aus für eine Strafverfolgung oder es gibt gute Gründe
(z. B. Klientinnenschutz oder die Sorge um die Existenz der Klinik), um damit nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Unsere Erfahrung: Täterinnen wissen sehr gut, wie weit sie gehen können. Zu diesem Schluss kommen wir nach solchen Gesprächen immer wieder.

Wir wissen, dass es gut vernetzte pädokriminelle Netzwerke gibt, die Kinder misshandeln, foltern und vergewaltigen (Beispiel aus neuester Zeit: Bergisch-Gladbach).

Wir wissen, dass diese Netzwerke Kinder und Erwachsene untereinander austauschen, anbieten, ausbeuten und vermarkten [9]. Und dass es „Kunden“ dafür gibt, bei diesen Folterungen auch töten zu wollen (s. Staufen [10]). Das ist keine Verschwörung, sondern ein fürchterliches, monströses, reales Geschäftsmodell.

Wir wissen, dass es im Kontext vieler Religionen, Sekten und Ideologien immer wieder auch zu sexualisierter Gewalt kommt und manche extrem gläubige Menschen bereit sind, für ihre Ideologie zu töten. Gerichtsbekannte Fälle dazu finden sich im Infoportal Rituelle Gewalt (infoportal-rg.de). Ob die Religion oder Ideologie dabei Ursache oder Tarnung der ausgeübten Gewalt ist, können wir nicht beurteilen. [11]

Wir wissen, dass kaum einer der gerichtsbekannten Fälle nur auf ein Land beschränkt war. Fast immer gibt es Verbindungen ins Ausland. Auch das ist keine Verschwörung, sondern schlicht und ergreifend eine Täterstrategie, um die Polizei auszutricksen, denn internationale Ermittlungen sind ungleich schwieriger, nicht zuletzt wegen unterschiedlicher behördlicher Strukturen und Ermächtigungen. Das ist häufig schon zwischen Bundesländern innerhalb Deutschlands zu beobachten (siehe Lügde, der Haupttäter hat das Zuständigkeitsvakuum zwischen den Jugendämtern in Hameln-Pyrmont und Lippe geschickt ausgenutzt) [12].

Wir wissen, dass Pädokriminalität und sexuelle Ausbeutung in unterschiedlichen Ausprägungen auch unter Prominenten längst nachgewiesen wurde (Weinstein [13], Epstein [14], Edathy [15] etc.).

Wir wissen von vielen Fällen, in denen Polizei und Justiz den Betroffenen nicht geholfen haben – im Gegenteil: Die Betroffenen selbst und ihre Unterstützer*innen sahen und sehen sich teilweise selbst plötzlich mit Ermittlungen konfrontiert.

Wir wissen nicht, wann es aufhört, dass Rituelle Gewalt als Thema immer wieder heruntergespielt wird – und worin das Interesse bestehen kann, einen besseren Kinderschutz abzulehnen, wie die Fachleute ihn fordern, und Hunderte von Überlebenden per se für unglaubwürdig zu erklären.

Ähnliche Marginalisierungen gab es in jüngerer Vergangenheit bei ähnlichen Themen, z. B. bei der sexualisierten Gewalt gegen Kinder in Familien und Institutionen sowie der rechten Gewalt. Ebenso verhält es sich mit der Diagnose der Dissoziativen Identitätsstörung, die lange Zeit erst ignoriert und dann nicht als typische Folge komplexer, frühkindlicher Traumatisierung anerkannt wurde. Inzwischen hat sich diese Erkenntnis durchgesetzt und wurde durch Einträge der Diagnose in DSM und ICD und die Arbeiten vieler Hirn- und Traumaforscher*innen bestätigt.

Für die betroffenen Kinder und Erwachsenen ist es verheerend, wenn nicht hingeschaut wird.
Auch hier wiederum gilt daher unsere große Bitte: Wenn Sie helfen wollen, sei es als Privat- oder auch als Fachperson, bleiben Sie bitte offen für das, was aus seriöser Quelle (etwa die Website des UBSKM [16]) über die Situation von Betroffenen veröffentlicht wird!

Fazit
Es scheint besonders schwierig zu sein für eine „zivilisierte“ Gesellschaft, in die Abgründe menschlich verursachter Gewalt zu schauen. Weder Übertreibung noch Leugnung bringen uns in der Bekämpfung dieser Gewalt weiter – und vor allem helfen beide Extreme den Betroffenen in keiner Weise. Bleiben Sie nüchtern, empathisch und offen für solide Aufklärung und sachliche Informationen. Damit helfen Sie – gerne an unserer Seite – den Überlebenden am meisten.

Danke dafür!


Quellen:
[1] Alleine von Mai 2013 bis 15.1.2018 haben 476 Antragsteller.innen beim Ergänzenden Hilfesystem Fonds Sexueller Missbrauch in ihren Anträgen „Ritueller/sektenmäßiger Missbrauch“ angegeben. Das ist die Angabe aus den Empfehlungen des Fachkreises „Sexualisierte Gewalt in rituellen und organisierten Gewaltstrukturen“ beim Bundesfamilienministerium (Seite 4): http://ecpat.de/wp-content/uploads/2018/04/Fachkreis_Empfehlungen_2018_web-2.pdf

[2] Zahlen zu Ritueller Gewalt im Bilanzbericht der Aufarbeitungskommission auf Seite 130:
https://www.aufarbeitungskommission.de/bilanzbericht_2019/

[3] An einem Forschungsprojekt des Universitätsklinikums Eppendorf haben zu ritueller
Gewalt haben sich 165 Menschen beteiligt: https://elibrary.klett-cotta.de/article/10.21706/tg-12-3-244

[4] Wir sammeln entsprechende Urteile auf unserer Website https://www.infoportal-rg.de

[5] Unter dem Begriff „Pizzagate“ wurde während des Wahlkampfs von Donald Trump 2016 eine Verleumdungskampagne gegen die US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in die Welt gesetzt: https://www.sueddeutsche.de/politik/neuer-us-praesident-wie-trumps-teamfake-news-streut-1.3283617 und https://www.nytimes.com/2016/11/21/technology/factcheck-this-pizzeria-is-not-a-child-trafficking-site.html

[6] Artikel des Redaktionsnetzwerks Deutschland vom 11.4.2020:
https://www.rnd.de/politik/qanon-der-aufstieg-einer-gefahrlichen-verschworungstheorie-ORTPE4D5YRFRZKVTMJBTFADJTY.html

[7] Linkseite der Emanuelstiftung mit seriösen Quellen zu Ritueller Gewalt:
http://www.emanuelstiftung.info/links/

[8] Statement des Betroffenenrates zum Umgang mit Ritueller Gewalt vom 3.7.2018:
https://beauftragter-missbrauch.de/betroffenenrat/aktuelles/detail/statement-des-betroffenenrates-zum-umgang-mit-ritueller-gewalt

[9] Eine Liste von veröffentlichten Fahndungserfolgen gegen Internet-Netzwerke zur Vermarktung von Kindesmissbrauch führen wir im Infoportal Rituelle Gewalt:
https://www.infoportal-rg.de/2020/02/18/news-kinderporno-ringe-gesprengt-einechronologie/#more-835

[10] Einer der verurteilten Täter aus dem Tatkomplex „Staufen“ hatte aktiv nach einem Kind gesucht, dass er nach dem Missbrauch töten dürfe:
https://www.sueddeutsche.de/panorama/prozesse-karlsruhe-urteil-mann-wegen-geplanter-vergewaltigung-in-psychiatrie-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200108-99-397783

[11] Rubrik „Religiöse und ideologische Hintergründe“ im Infoportal Rituelle Gewalt:
https://www.infoportal-rg.de/motive-und-hintergruende/religioeseideologische-hintergruende/

[12] Der Haupttäter aus Lügde im Kreis Lippe/NRW betreute ein Pflegekind (Mädchen), dessen Mutter in niedersächsischen Kreis Hameln-Pyrmont lebte. Den Behörden lagen Hinweise auf pädokriminelle Neigungen des Täters vor, durch Abstimmungsprobleme und Unklarheiten in den Zuständigkeiten wurde aber erst sehr spät reagiert. Es gibt diverse Analysen dieser Situation, z. B.:
https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/behoerdenversagen-im-missbrauchsfall-luegde-16370504.html

[13] Urteil gegen den ehemaligen Filmproduzenten Harvey Weinstein:
https://www.tagesschau.de/ausland/harvey-weinstein-urteil-haftstrafe-101.html

[14] Einer von vielen Berichten über die Netzwerke des Multimillionärs Jeffrey Epstein, in denen minderjährige junge Frauen sexuell ausgebeutet wurden und an denen viele Prominente beteiligt gewesen sein sollen:
https://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article136257539/Prinz-Andrews-Kumpel-und-seine-Schwaeche-fuer-Girls.html

[15] Der Ex-SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy hat zugegeben, Fotos und Videos von nackten Jungen aus dem Internet geladen zu haben. Das Gerichtsverfahren vor dem Landgericht Verden wurde daraufhin gegen Zahlung einer Geldbuße von 5000 Euro an den Kinderschutzbund eingestellt: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/sebastian-edathy-edathy-raeumt-schuld-ein-a-1021263.html

[16] Definition und Einordnung Ritueller Gewalt vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Berlin: https://beauftragter-missbrauch.de/praevention/was-ist-sexueller-missbrauch/organisierte-sexualisierte-und-rituelle-gewalt

Dissoziation ist kein One-Size-Pullover – Ostern, 13 Jahre später

Im ersten Jahr, war es, als würde ich wie eine Fliege gegen die Fensterscheiben dotzen, ohne wissen, wieso überhaupt. Wieso ich so viel Energie aufbrachte, wo ich hinwollte, was ich erwartete. Erst einige Zeit später bemerkte ich überhaupt, dass ich das getan hatte.
Wir lebten damals in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es gab Schokoeier und mehr ruhige Alleinzeit mit den Pflegepersonen. Alles Dunkelbunte brummte von innen gegen meine Haut an.

Nach unserem Entschluss, es nicht „Ausstieg“ zu nennen, sondern „nicht hingehen – nicht mitmachen – DAS DA stumm schalten und weggucken“ zu machen, war es in den ganzen letzten Jahren auch immer genau so. Als liefe ein stumm geschalteter Fernseher in unserem Rücken. Dunkelbunt-TV, wenn man so will. Und mit jeder Distanzierungsübung ihrer Inhalte, rückten auch sie weiter weg. Und weiter. Und weiter. Bis wir sie auch nicht mehr als etwas fühlten, auf das man wirklich mal achten muss, anstatt es als irreal platt zu machen, zu bügeln und in einen Schrank am Anfang des Nirgendwo zu stecken.

In Wahrheit gibt es sie, aber in Wahrheit kann und will niemand etwas mit ihnen zu tun haben. In Wahrheit haben sie unsere Solidarität, unsere Kraft und alle Ressourcen der Welt verdient, aber in Wahrheit brauchen sie sie überhaupt nicht. In Wahrheit brauchen wir endlich wirkliche Ausstiegsbegleitung, aber in Wahrheit sind wir schon seit inzwischen 13 Jahren ausgestiegen.

Durch die aktuelle Situation können wir gut erkennen, dass es wirklich so ist, dass man immer der jeweiligen Situation angepasst dissoziiert. Die Dissoziation funktioniert bei uns nicht wie ein One-Size-Pullover. Hier einmal um die Dunkelbunten rum und fertig ist der Lack für immer und ewig. Es ist mehr wie eine Kaugummiblase, die man sich dann und wann wieder von der Haut puhlen muss, um eine noch größere zu machen, damit alles reinpasst.
Denn, es ist ja auch nicht so, dass diejenigen in der Blase sich nicht bewegen. Dass sie nicht reagieren.
Es ist ja so, dass wir diejenigen sind, die gelernt haben, dass sie und ihre Reaktionen in dieser unserer jetzigen Lebensrealität weder für uns, noch für andere okay sind. Dass sie uns gefährden und dass das, was sie mitbringen so etwas wie das goldene Ticket ins Balla-Land ist.
Wir sind die, die seit 13 Jahren Kaugummi fressen und schon längst automatisiert haben, Löcher zu stopfen, bevor sie die Blase zum Platzen bringen.

Und jetzt? Jetzt brummt es nicht. Jetzt bewegt sich nichts. Es schneit panische Schreie wie Pollenschirmchen ins Innere.
Was machen wir jetzt Was mache ich jetzt Was ist jetzt los Was bedeutet das jetzt Was mach ich jetzt Was machen wir jetzt Was bedeutet das jetzt Was machen wir jetzt Was mache ich jetzt Was ist jetzt los Was bedeutet das jetzt Was mach ich jetzt Was machen wir jetzt Was bedeutet das jetzt

Und ich pflanze Radieschen. Und ich baue einen Schutzwall für die Radieschen, damit die Spatzen sie nicht fressen, wie sie die Salatpflänzchen gefressen haben.
Was machen wir jetzt Jetzt pflanze ich kleine Kräuterpflanzen ein. Was ist jetzt los Jetzt pflanze ich das Bäumchen ein. Was bedeutet das jetzt Ich kann einen Käfer sehen, der durch die Blütendolde krabbelt. Was mache ich jetzt Jetzt rolle ich 50 Meter verknörgelten Gartenschlauch auf, um ihn morgen wieder abzuwickeln, denn ich habe ein Anschlussstück zu kaufen vergessen. Kaugummi Kaugummi Kaugummi

Es ist keine Verankerung im Außen oder in der Gegenwart, es ist die konsequente Verankerung in mir, die_r das Früher, das Alte überhaupt nicht kennt und Zeit spürt, statt sie zu berühren. In Wahrheit mache ich das hier also eigentlich konsequent falsch, in Wahrheit ist es das Einzige, das funktioniert und Funktion wird belohnt.

Was bedeutet das jetzt
Es ist und wird.
Heute säe ich Erbsen aus.

hier ist ein guter Ort

Ich gehe aus der Stunde und hab sie dabei.
Ich hatte am Ende gezogen. Wollte nicht gehen. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht so. Hatte geredet, über Belanglosigkeiten, um daneben weiter in Anwesenheit der Therapeutin nach einem Ort zu suchen, an dem sie bleiben können. Einfach, damit ich sie nicht mitnehmen muss. Nicht jetzt, nicht so.
Ich bin noch nicht bereit, habe keinen Plan, keine Idee, keine Genehmigung von Innen für meine Reflexe. Nein, deine Vermeidungssuppe ess ich nicht, sagt R. und versperrt mir den Lösungsweg.

Ich habe keine Angst. Rede mir gut zu. Gehe auf S. Zehenspitzen durch den Abend.
Ihr Gestank drängt meine Suche an. Ich merke, wie nicht bereit ich bin. Wie ich kotzen will und nicht kann, wie ich weinen will und nicht kann, wie ich in die Praxis zurück will und nicht kann. Wie ich mehr Sicherheit, mehr Unterstützung möchte und nicht bekommen kann. Wie ich auf mich allein gestellt bin und mit jedem Moment, das Gewicht auf mir mehr wird.

Und dann, wie es wieder leicht wird. Wie ich aus der „Hannah-K. lässt sich ein“-Hülle rausschlüpfe und in die „Hannah-K. kriegt das schon hin“-Hülle reingehe. Wie ich den Impuls, mich gnadenlos zu überessen umschiffe, wie ich meine Mails checke, den nächsten Tag plane, den Sprachkurs mache, ein Video gucke, mich umdrehe und in die Leere meines Ich denke, bis ich einschlafe.

Am Morgen danach, das Gefühl des Versagens. Es geht mir gut, ihnen geht es schlecht, wir haben keinen Ort für sie, wir haben sie nur benannt. Innens und ihre Geschichten hochzuspülen und dann nichts mit ihnen zu machen, war noch nie hilfreich. Entweder wir, ich, versuchen sie zu fühlen und mit uns zu verbinden oder wir lassen sie im Schwan verschwinden. Für immer. Integration oder Dissoziation.
Zwischenschritte sind extrem schwer für uns. Die Woche zwischen den Stunden ist zu lang, wenn wir sie nicht irgendwo unterbringen bzw. mehr Abstand zwischen uns herstellen.
In der Zeit werde ich überschwemmt von Erinnerungen, mit denen ich allein bleiben muss. Manchmal, weil sie auszusprechen oder in irgendeiner anderen Form nach Außen zu bringen, das sichere Therapiesetting erfordert, manchmal, weil es Dinge sind, die nichts mit der Gewalt zu tun haben, sondern mit dem Lebenszeitraum, in dem es michuns noch nicht gab. Und ich nicht weiß, was es auslöst, wenn ich über diese Dinge spreche. Innerlich wie äußerlich. Falsche Nachfragen sind genauso gefährlich für mich, wie die falsche spontane Idee oder Frage oder darauf folgende Erinnerung.
Gefährlich, weil ich nie sicher vorhersagen kann, wann es mich raushaut. Aus meinem eigenen Er_Leben. Wann kann ich nicht mehr kompensieren. Wann greifen meine Strategien nicht mehr. Das weiß ich erst, wenn es zu spät ist. Ich bin nicht triggerfrei. Ich kann nur besser alltagsdissoziieren als andere von uns. Das macht mich nicht belastbarer als sie.

Ich schreibe der Therapeutin eine E-Mail mit einer Idee, noch während ich mit R. verhandle und dann auch sie wieder ganz deutlich spüre. Erneut gegen Brechreiz anatme, mich häuten, weg- in weißes Nichts – laufen will, denke: „Das ist mir zu viel so allein.“ und NakNak* auf meinem Schoß seufzt, während sie den Kopf auf die Tischplatte legt. Es ist mir zu viel, dass das Leben einfach so weitergeht und ich sie, die Anderen, bei mir habe.

Mit dem Klick auf den Sendebutton ist das alles wieder weg. Sie, R., die Erinnerungen.
Es ist Alltag. „Hannah-K.-kommt-klar“-Hülle. Ich kaufe Brötchen zum Frühstück und denke „Wenn ich das jetzt nicht aufschreibe, dann ist es für immer weg. Ich kann wählen, was mir wegfällt. Wer mir wegfällt. Welche Spuren ich mir lege, um in einer Woche wieder da zu sein, wo ich jetzt bin. Ich kann meine Hülle wählen. Zufall ist nicht zuverlässig.

Hier ist ein guter Ort für die „Hannah-K.-setzt-sich-mit-den-Anderen-auseinander“-Hülle.“

Grenzen

Vor 11 oder 12 Jahren war das Wort „Grenze“ etwas, das ich nur im psychiatrischen Kontext kannte. Grenze war, wo Pfleger- und Aerzt_innen stehen. Grenze war von Autoritäten konstruierte Fremdheit.
Dann machten wir die erste Traumatherapie in einer Tagesklinik und sollten mit einem Seil eine Grenze markieren. Mehr, als dass es um ein Seil ging und ich unangenehm leer aus der Sitzung taumelte, erinnere ich heute nicht mehr. Aber das Wort und Kenntnis um die Möglichkeit, Grenzen selbst herstellen zu können, sind geblieben.
Die Transferleistung in unseren Einsmenschalltag blieb damals völlig aus. Ich war nur in therapeutischen Kontexten. Mein Alltag war zu tun, was Therapeut_innen vorschlugen, Klinikroutinen mit meinen Routinen zu synchronisieren, die permanente Vermessung, Beurteilung und Kontrolle von Leib und Seele zu ertragen. Mein Alltag war, die Grenzen der anderen in mir durch meine Anwesenheit vor dem Außen zu schützen. Sobald wir die Klinik verließen, waren ich und meine Schatten nicht mehr und damit auch die meisten Inhalte aus Gruppen- und Kreativtherapien.

Es war die selbstbestimmte Psychoedukation und das zunehmende Bewusstsein für die Traumatisierungen in psychiatrischen Kontexten, die mich den Anderen näher gebracht hat.
Zwischen mir und den Anderen war eine Grenze. Ich war die Fremdheit auf der anderen Seite.
In den letzten Jahren haben uns aneinander gewöhnt. Sie sind mir nicht mehr fremd, ich bin ihnen nicht mehr fremd. Wir haben eine gemeinsame Grenze gefunden. Meine Schatten. Wir sprechen nicht über sie. Wir sprechen nicht mit ihnen. Und jede weitere Psychoedukation verwenden wir, um mehr Abstand zu ihnen zu bekommen. Wir nutzen meine Erfahrungen und die Kraft der Anderen, um eine Grenze aufrecht zu erhalten, das Fremde fremd zu lassen.

Wir haben gelernt unsere eigenen Grenzen zu umfließen. Es werden Ressourcen entwickelt, man verteilt sie bedarfsgerecht und schon verschieben sie sich. Nie stellen wir Bedarfe grundsätzlich in Frage. Niemals tasten wir an, warum eine Grenze da ist und ob es vielleicht nur die Grenze ist, die uns Fremdheit empfinden lässt. Vor der Therapie, weil wir sie als natürlichen Teil unserer Er_Lebensrealität nicht hinterfragten und nun, nach vielen Jahren in Therapie, weil wir mehr über ihre Natur wissen, als Praxis zu haben sie aufzulösen.

Doch heute leben wir nicht mehr allein. Wir spüren Grenzen nach außen, die gar nicht von uns kommen, sondern uns lediglich betreffen. Mit ihnen umzugehen ist eine Herausforderung. Denn es geht nicht darum, ob und wann wir sie übergehen, sondern um ihre Wahrnehmung und Einordnung als nicht akut lebensbedrohlich.

Die Menschen in unserem Leben heute sind keine Autoritäten. Es ist nicht nötig ihre Grenzen zu erahnen, zu erraten, aus sämtlichen Informationen, die sie verbal wie nonverbal produzieren, zusammenzurechnen und zu einem belastbaren Ergebnis zu konstruieren. Wir können sie einfach fragen.
Doch in dieser Neuheit sind wir nicht allein. Es ist schwierig eine Grenze zu benennen, die man selbst an sich noch nie gespürt hat. Man kommt nicht umhin, die eigenen Grenzen zu überqueren oder überquert zu erleben, um sie zu empfinden.

In dieser Auseinandersetzung merke ich, dass meine Schatten viel gemeinsam haben mit denen, die von den Anderen ins Inmitten verbannt sind. Ich sehe, wie die Nowendigkeit der Trennung jeder neuen Lebenserfahrung von den alten traumatischen Lebenserfahrungen, unsere inneren Grenzen verstärkt.
Jedes Mal, wenn wir feststellen, dass Heute Heute ist, stellen wir auch fest, dass meine Schatten und das Inmitten Früher ist. Vergangen. Weg. Nicht hier. Nicht heute.
Die Balance wird schwieriger, je fester wir diese Einordnung vornehmen.

Es kommt die Frage, wo die Grenzen der Balance liegen. Wo ist die Grenze mit der wir nicht mehr okay sind? Welche Grenzen müssen wir zu hinterfragen beginnen, um einander näher zu kommen?

zahnarztschlimme Traumascheiße

„So ist das jetzt also. Wenn ich denke, dass nichts passieren wird, passiert was und ich bin allein. Damit und mit dem, was es mit mir macht. Aha.“ Und in mir drin klickt eins ins andere, als wäre das nie nie nie niemals anders gewesen. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Bin nicht mal wütend, bin Schock, Überwältigung, Not. Es weint und weint und krampft und ich mache Schritte durch die Stadt, die viel zu groß für mich und viel zu klein sind, um so schnell vorwärts zu kommen, wie ich und mein rasendes Herz das wollen. Brauchen.
Der Vertretungsarzt in der kieferchirurgischen Praxis hat uns beim Ziehen der Fäden von der Op vor 10 Tagen, wehgetan. Und weiter gemacht. Und weiter. Und uns angewidert? von den Tränen und der Sprachlosigkeit? weggeschickt.
Und nichts – kein Erklärungsversuch, keine Relation, kein „In Perspektive setzen“ hilft.
Es ist einfach scheiße. Nicht, weil ich das so finde, sondern weil es das immer ist, wenn jemand übergriffig ist. Ab da kann man die Scheiße nur noch aufquirlen, anheizen, verbreiten. Indem man so tut als wäre nichts. Zum Beispiel. Als wärs nicht schlimm, weils schlimmere Dinge gibt.

Unser Zahnarztschlimm hat fast 7 Jahre durchgehend Zahnschmerzen und 3 Zähne, eine Wurzelspitze und ein kreisrundes Stück Kieferknochen gekostet. Es hat bedeutet, keine 2 Minuten in einem Wartezimmer warten zu können – obwohl der Termin so hart umkämpft wurde. Es hat bedeutet über Wochen hinweg Pseudotermine zu brauchen, bei denen nichts passiert außer Konfrontation mit der Umgebung, Werkzeugschau, angucken und untersuchen lassen aushalten – üben! Um zu einer Basis zu kommen, die halbwegs stabil ist und Angst, Panik, rapid switching und andere Anpassungsreflexe aushalten kann. Um glauben zu können, dass diese dann neue Zahnärztin uns so lange Zeit gibt, wie wir brauchen.

Wir haben keine Zahnarztangst entwickelt, weil wir traumatisiert sind und sich unsere Ängste automatisch generell auf alles drauflegen. Wir haben sie entwickelt, weil wir uns zu lange nicht von einer Ärztin getrennt haben, die uns immer wieder wehgetan hat. Und weiter gemacht hat. Und weiter. Und weiter. Wir haben unser Bindungstrauma wiederholt.
Und danach haben wir unseren Ausstieg wiederholt. „Wenn du nicht verletzt werden willst, dann geh halt nicht hin. Zu niemandem von denen mehr. Jemals. Alle, die auch nur ansatzweise so sind wie diese Person, alle, die machen und bieten, was diese Person bietet: nie wieder.“

Wir haben lange mit Zahnschmerzen, Entzündungen und Löchern wie Einzimmerappartements gelebt.
Und als das von der neuen Zahnärztin in einer großen Behandlung unter Vollnarkose behandelt worden war, war das wie ein Sonnenaufgang.

Der Freund bot an, da anzurufen und den Arzt anzumeckern. Das war schön. Schöner Quatsch.
Und dann haben wir aufgelegt. Ich lief in die Innenstadt, fing die restlichen Tränen wie Erkältungsschnodder auf, spürte mich als Lücke zwischen Jahreswechselkälte und abgrundtiefer Kindernot. Dachte wieder: „So ist das jetzt also. Da schreit ein Kind, das niemand außer mir wahrnimmt. Aha.“
Ich konnte nichts tun. War bis spät in den Abend überwältigt. Plattgewalzt von der Willkürlichkeit des Arztes, der sich mit seinem Handeln in eine Reihe überwältigender Ereignisse des Tages, die in ihrer schockierenden Wirkung auf mich von anderen Menschen kaum nachvollziehbar sind, einreihte.

Am 7. haben wir den nächsten Zahnarzttermin.
Ich habe Angst, dass jetzt alles wieder so ist, als wäre nie nie nie niemals irgendetwas anders gewesen.
So ist das jetzt und es ist scheiße.

Traumascheiße.