Schlagwort: Vermeidung

Lesung aus „aufgeschrieben“ und Austausch zu Gewalt, Strafe und Gerechtigkeit

 

Wir waren am 17. Oktober nach Wien eingeladen worden, um dort im schönen Café „Fett und Zucker“ aus unserem Buch „aufgeschrieben“ zu lesen und in einem Austausch über Gewalt und die Beziehungen zu Täter_innen zu sprechen.

Geworden ist daraus dann auch ein Austausch zu Ideen von Gerechtigkeit nach Gewalt, der begleitet von Kühlschränken, Geschirrspülern und anderen kompressorbetriebenen Gerätschaften, einen reichhaltigen Debattenbeitrag leisten kann.

 

shownotes:

 

 


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Fundstücke #72

Woche 8 nach dem Umzug, ich durchsuche die Kartons auf denen “Unterlagen” steht. In Niedersachsen braucht es einen Sachkundenachweis, ich habe den bereits erbracht. Vor 11 Jahren oder so, bei einem Tierarzt, den ich zuletzt vor … hm … 5 Jahren aufgesucht habe?
In der Praxis findet man mich nicht mehr, sie können mir den Beweiszettel nicht nochmal zukommen lassen. Uff.

Aber ey – 11 Jahre, wer hebt schon 11 Jahre irgendwelche Quatschzettel auf? – sprachs und wühlte sich durch bald 20 Jahre alte Klinik- und Jugendhilfeberichte la li la

Zwei Boxen fallen mir in die Hände. Die eine voller Kleinigkeiten mit dem alten Namen drauf. Schülerausweis, Schwebi-Ausweis, ein Stück von dem Handtuch. Mir kommt es vor wie ein creepy Totenschrein, aber ich weiß auch, dass es das nicht ist. Irgendjemand lebt da drin, muss noch da drin bleiben. Im Dunkeln, allein, sicher vor Heute, Hier und mir. Der übliche Vieleshit, wenn man so will, aber ich bin ja grad nicht Viele. Das legt sich wie eine zweite Schutzhaut um mich drum, nichts von all diesem staubigen, grauen Schrunz kann mich wirklich anfassen.
Es ist alles wie doppelt und dreifach fern. Vor allem die zweite Box.

Hier ein Zertifikat über irgendein Handywerksdings – ach ja ach ja die Handwerksphase, dachts und fühlte wie ein erinnertes Geräusch versucht, sich durch den Kopf zu fressen. Nothing to see here la li la

Diese bescheuerte Rumgetänzel, dieses dumpfe Sichselbstverweigern dummdummdudumm du dumm dumm dumm

Ich finde den Zettel nicht, denke darüber nach, ob und wie wir weiter ausräumen, einräumen, Möbel bauen wollen. Wir. Denn da ist es eben doch. Die Wahrheit über mich. Dieses beschissene Vielesein. Ich kann mich denken hier und jetzt, aber wie ich etwas tue, das über Augen zu und lalala hinausgeht, beinhaltet die Anderen wie die Luft in meinen Lungen.
Die Anderen und ihren Scheiß.
Ihren g’ttverdammten Traumascheiß.

der Monsterzyklus

Tag 21, Woche 3 nach dem Umzug.
Es ist der 33ste Tag meines Zyklus und ich spüre das wie etwas, das von innen an jede einzelne Zellwand trommelt. Solche Monsterzyklen sind untypisch für uns geworden. In den letzten Jahren können wir unsere Regelblutung als „regelhaft“ bezeichnen und das ganz klar an Therapiefortschritten und einer dadurch allgemein verbesserten Lebenssituation festmachen.
Es ist nicht mehr normal für uns über Wochen und Monate hinweg, konstant gestresst, angespannt, beuruhigt oder vielleicht sogar (todes)verängstigt zu sein und wie super ist das, wenn es bedeutet, nicht mehr ständig mit Sorgen um eine unerwartete Schwangerschaft oder ernsthaften Erkrankungen befasst zu sein?!

Jetzt passieren viele Dinge gleichzeitig. Nichts davon ist ungewollt – außer der Stress, den es auch bedeutet. Auch Spaß, Glück, Erfolg, das freudige Verfolgen gewünschter Prozesse ist Stress. Wir verdrängen das gern. Ich ganz besonders, denn ich möchte vermeiden, vor anderen Menschen, aber vor allem mir selbst zu wirken, als wäre nie irgendwas einfach problemlos.

Die Realität aber ist die, dass wir mit einer tiefgreifenden Stressverarbeitungsstörung und einer generell nicht neurotypischen Art der Reizverarbeitung leben. Für uns ist nichts jemals einfach „problemlos“ im Sinne von „nicht beachtenswert“ oder „vernachlässigbar“. Selbst dann nicht, wenn wir so tun, als ob es doch so wäre. Wenn es eine Konstante gibt auf die ich mich in Bezug auf meine Möglichkeiten des Funktionierens verlassen kann, dann ist es der Umstand, dass meine Fresse mehr Bodenkontakt als empfehlenswert ist bekommt, wenn ich so handle, als gäbe es die Grenze zu unserem individuellen und jeden Tag etwas anderem „zu viel“ nicht.

Trotzdem wirkt in mir natürlich meine Sozialisierung. Selbst in mir, die nie die Gewalt der Anderen erlebt hat, wirken schädigende Ansprüche an mein Funktionieren. Ich erwarte von mir eine Verfügbarkeit und entsprechend auch eine Produktivität, die mein „zu viel“ konsequent ausblendet.
Eine Strategie, um mich damit zu konfrontieren ist der „braindump“. Das bloße Runterschreiben der Dinge, die ich gerade in mir und meinem Tagesgeschehen jongliere. Was mich beschäftigt und auch, was mich ängstigt oder besorgt. Diese Liste hat für mich an guten Tagen 3 bis 5 Items – seit Februar diesen Jahres umfasst diese Liste konstant 15 und mehr. Und zu welchem Zeitpunkt fällt mir das auch endlich auf? Richtig – ein halbes Jahr später, als mein Zyklus mich zu blutlüsternden Gedanken verleitet, die sonst nur Graf Dracula hat. Und das, obwohl ich mich regelmäßig damit konfrontiert habe, dass gerade alles ganz schön viel, und oft viel zu weit über „zu viel“ hinaus ist.

Es liegt übrigens auch nicht ausschließlich an der Dissoziation, dass das so ist. Die ist ja immer nur die Reaktion auf etwas. In meinem Fall die Unfähigkeit, mit den Konsequenzen von Unproduktivität, Planänderungen und Versagen umzugehen. Zum Einen sehe ich mich selbst einfach lieber als produktiv, kraftvoll und kompetent, zum Anderen bin ich mental nicht so flexibel, wie es Planänderungen oder (unerwartete) Veränderungen in der Regel erfordern. Selbst dann nicht, wenn ich mich ganz easypeasy offen special tiefenentspannt und enttraumatisert darauf einlasse. An dieser Stelle renne ich gegen eine Mauer, die gegen ganz doll wollen und super hart anstrengen immun ist. M.Eine Behinderung.

So wie meine Umwelt in der Regel mit m.einer Dysfunktionalität nicht gut umgehen kann, kann ich es auch nicht. Und genauso wie meine Umwelt auf dieses Problem reagiert, reagiere ich selbst mir gegenüber auch: Wenn ich das Eine nicht schaffe, dann muss ich das Andere schaffen. Alles ist nicht schlimm, so lange ich noch irgendwas anderes schaffe. Als Trostpreis, als Teilnehmer_innenurkunde im Alltagsfunktionieren.

Das zu wissen und zu spüren, dass mich so ein selbstverliehener Trostpreis auch tatsächlich tröstet, ist schmerzhaft für mich. Kein Wunder, dass ich das lieber dissoziiere.
Denn das Nachdenken darüber, was man anders machen könnte, wie es anders laufen sollte, wäre wieder ein Item mehr auf der Liste. Ein Ding mehr im Bereich jenseits des zu vielen.

Folgerichtig baue ich jetzt mal noch ein paar Regale zusammen, der Kühlschrank kommt heute und dann können hurra hurra endlich noch ein paar weitere Kisten geleert werden…

mit freundlichen Grüßen, eine “vermeidende ANP”

Nach manchen Therapiestunden mache ich mir Sorgen darüber, ob wir ~das~ jemals ~richtig~ hinkriegen werden.
Vor allem nach Stunden, wie den letzten, in denen das Vermeiden wieder deutlich spürbar als Verb im Raum stand nicht als das Ich, das in dem Moment da war.

Ich weiß nicht, ob wir unsere Kaputtness irgendwie falsch eingeordnet haben oder auch dort wieder Vermeidung eine Rolle spielt. Vielleicht ist das so, vielleicht ist aber auch der Umstand, dass wir viele Jahre lang als ein zusammenhängendes System gesehen und angesprochen (und entsprechend therapiert) wurden ein Faktor dabei.

Auf der “Fakt-Seite” ist mir klar, dass der strukturelle Aufbau der anderen Funktionssysteme in uns nicht sehr anders ist als der von uns Rosenblättern. Es gibt Innens, die das Trauma direkt an sich erlebten, Innens, die es beobachteten, Innens, die versuchten es zu kommunizieren, Innens, die amnestisch für das Trauma sind und allgemein eher einen Fokus auf die Aufrechterhaltung dessen haben, was sie als funktional und dem eigenen Überleben dienlich oder notwendig einordnen. Und ja, letztere sind bei uns in der Regel die, die – wie ich – mit enormen Fremdheitsgefühlen gegenüber anderen Innens zu kämpfen haben.

Und das ist die Basis. Damit ist noch nicht einmal gemeint, was andere Innens machen oder mögen oder wollen oder finden. Oder, was sie erlebt haben. Es ist schon furchtbar fremd und fern, dass sie da sind – so furchtbar und fremd, dass man es vermeidet, sie genauer zu erspüren.

Das ist die “Fühl-Seite”. Die, auf der ich mich jeden Tag damit konfrontieren muss, dass ich den Impuls einen Schritt zurückzugehen, auszuweichen, mich wegzuducken oder dem Gefühl eines Kontrollverlustes nachzugehen, unterdrücken oder umleiten muss, weil ich ja damit vermeide.
Mir passieren gruselige Dinge an und mit mir selbst – aber Angst haben darf ich nicht davor, denn das bin ja alles ich. Ich erlebe mich so oft so viel kleiner, zarter, durchlässiger, als ich bin – aber das darf mir nicht das Herz in die Hose rutschen lassen, mich ohnmächtig und schutzlos fühlen lassen, denn das bin ja alles ich – das ist ja alles mein Gefühl zu irgendwas und aber in Wahrheit ist ja alles ganz anders.
In Wahrheit bin ich erwachsen und kann meine Dinge tun. Nichts kann mich treffen. Mich berührt gar nichts – außer dieses fremde, in mir drin wühlende Sein der anderen. Und das soll ich irgendwie genuin in mich reinbringen. Dass das in Wahrheit alles gar nicht fremd ist, sondern ich. Obwohl es sich nicht so anfühlt.

Dabei soll ich sonst alles so machen, wie es sich für mich richtig anfühlt. Grenzen beachten, schauen was geht und was nicht. Bei allen möglichen Dingen soll ich das so machen – nur nicht, wenn es um mich und mein Gefühl für mich und meine Vergangenheit geht. Da ist, was sich für mich richtig anfühlt “Vermeidung” und damit die Aufrechterhaltung der Dissoziation. Und also, so fühlt es sich manchmal an, die Sabotage der gesamten Therapie.

Wie ungerecht das ist, habe ich in den letzten Therapiestunden verstanden. Einfach, weil ich es zum ersten Mal mit einem Innen tun hatte, dessen innerer Kosmos absolut nachvollziehbar, ja sogar nach-, mit-, ichlich fühlbar für mich ist. Und die Therapeutin ihm im gleichen spezifisch konfrontativen Ton wie mir sagte, es würde vermeiden, als sei das eine aktive Tätigkeit und nicht der Reflex als den sowohl ich als auch das Innen das erleben.

Für mich ist es nicht mehr die Art von Reflex, die aus Todesangst heraus greift. Das ist vielleicht ein Unterschied. Ich bin nicht so jung wie dieses andere Innen, lebe in unserem Alltag, mir fehlen die Erinnerung an unser Erwachsenwerden nicht. Meine Angst zu sterben ist eine andere als die dieses Innens.
Der Mechanismus hinter unserer Vermeidung ist aber der gleiche: Wir wissen nicht wie wir leben sollen, wenn wir nicht tun, was wir tun oder sind, wie wir sind.

Jedes Mal, wenn ich versucht habe Erinnerungen oder Sein anderer Innens als meines anzunehmen, hatte ich das Gefühl zu lügen und nach einigen Tagen des Aushaltens dessen, bin ich zerfallen. Ob ich wollte oder nicht, ob ich mich tiefenspecial darauf eingelassen habe, dass das alles ich bin und alles zu mir gehört und la la la Es hat mich verdisst, mir fehlten einige Tage und erst irgendwann Monate später in irgendeiner anderen Therapiestunde merkte ich an irgendeiner Kleinigkeit, dass mir die Erinnerungen und Bezüge, die ich doch annehmen wollte, komplett fehlen. Ja, dass ich manchmal nicht einmal mehr weiß, worum es grob dabei ging und in welchem Zusammenhang ich versucht habe, das anzunehmen.

Das ist jedes Mal ein Moment von Versagen für mich. Und jedes Mal denke ich an die ganze Zeit, in der wir schon arbeiten, die ganze Kraft, die es sowohl mich und uns als auch die Therapeutin gekostet hat und möchte im Boden versinken vor Scham.
Obwohl ich weiß, dass das – genau das – das ist, was die DIS zu einer Diagnose macht und, dass es so etwas wie eine Entscheidung zur Vermeidung oder Dissoziation nicht gibt. Ich weiß das und ich ziehe viel Kraft, die Therapie überhaupt weiter zu machen daraus, denn diese “Krankheit” ist ein Zustand. Die Diagnose bezieht sich auf die Zustände und die Desintegration dessen in einer einzelnen Person – ich bin ein Zustand. Ein Ich-Zustand. Die anderen sind ein anderer Ich-Zustand – von mir oder von jemand, die_n es jetzt vielleicht noch gar nicht gibt, weil da einfach nichts genug miteinander verbunden ist, um Selbst zu sein.
Zustände sind veränderlich. Ich kann mich ändern. Ich will mich verändern. Ich weiß nur nicht, wie ich “anders sein” machen muss oder kann. Als Tätigkeit.

Es ist ungerecht das auszublenden, nur weil es nicht der gleiche Lerninhalt ist, wie der mit dem Innens, die nie etwas anderes als Gewalt und Not erlebt haben, zu kämpfen haben.
Ich lerne hier auch gerade, wie man ohne Todesangst haben zu müssen, lebt.

Fundstücke #69

“Es ist kein Traumakitsch”, das hatte Mithu Sanyal über “aufgeschrieben” gesagt und ich war erleichtert.
Uff, ja, es ist kein Traumakitsch, es geht nicht einmal um das Trauma. Das Trauma ist in den Buch drin, wie in mir. Jede Zeile, jede Stimme darin, ist aus Trauma gemacht. Nimmt man dieses Buch in die Hand, nimmt man einen Batzen Trauma hoch und merkt es nicht einmal. So ist es im Leben jeden Tag.
Jeden Tag spricht man mit Überlebenden, mit Erlebenden, mit Zeug_innen, mit Täter_innen und merkt es nicht einmal. Traumakitsch würde man merken. Die Heroisierung des Überlebens, den Ausdruck den manche Menschen finden, um ihren Kampf um Normalität, Sicherheit, Alltag be_greifbar zu machen, das ist leider oft Traumakitsch.

Mir gefällt sowas nicht. Es ist mir zu krass, zu überzeichnet, es nimmt dem Alltag des Lebens mit den gemachten Erfahrungen die Banalität und damit das, was es zu einem Teil der Normalität macht, die immer gegeben ist.
Andererseits ist es verständlich. Eindeutig. Eindeutig schlimm. Eindeutig ungerecht. Eindeutig nicht selbst verschuldet. Eindeutig Opfer. Eindeutig Täter_in.
Und: Es ist nicht zu übersehen.
Als etwas, dass nicht hätte passieren sollen. Dürfen.
Als etwas, dass etwas macht. Dass etwas bedeutet.

Es ist nicht wie bei uns. Sowohl hier im Blog als auch in “aufgeschrieben”.
Traumakitsch ist immer etwas, das über etwas entwickelt wird. Die Erzählung, die es braucht um Mythos, Wunder, Bemerkenswert zu entwickeln, zu nähren, zu stützen. Die Hülle, der Schutzbezug, den es braucht, damit andere Menschen in Kontakt damit gehen.

Wir machen das nicht und finden das gut so. Wir muten uns zu. Erkennen die Zumutung an. Wissen, dass es schwer ist. Schwerer als ein Text darüber, wie fertig man man nach Flashbacks, Traumaerinnerungen und Gedanken an die frühere Not ist.

Es ist schwerer in diesem Text hier etwas über mich zu verstehen. Schwerer das Trauma, aus dem ich bin, zu erkennen. Vielleicht ist sie zu fremd. Die Idee, dass es nicht nur so etwas wie “ein Trauma erleben oder erlebt haben” gibt. Vielleicht zu fremd um darin für irgendjemanden sichtbar, erkennbar, fühlbar, verstehbar, begreifbar zu sein.
Aber auf mir liegt nichts drauf. Mich berührt man nicht mit Schutzbarriere.
Wenn man mich versteht, dann ist man ganz bei mir und wenn nicht, dann spüre ich die Entfernung sehr stark.
Wenn man mich sieht, dann ganz. Und wenn jemand sieht, dass ich, dass wir so sind und Dinge so machen, wie wir sie machen, dann fühlt sich das gut an. So als wäre das ganz okay so.

mutig ist okay

Eingerahmt von Übersprungsgeräuschen dachte ich, wie mutig unsere Therapeutin eine Email vorlas, die wir beide erhalten hatten. Von jemandem von uns.
Das ist neu in seiner Altheit. Und erschlagend in seiner Realität.
Dinge wie Anfang der 2000er zu tun, als wäre nichts anders – als hätten wir auch heute noch keinen privaten, einzig von uns allein einsehbaren Emailaccount – bedeutet Teenager-Innens. Bedeutet die Notwendigkeit von Mut.

Bedeutet zu lernen, dass es noch immer Internetcafés gibt. Dass man ein Mailpostfach nicht verliert, nur weil man es zuletzt vor 14 Jahren benutzt hat. Dass ein Ich noch genauso rasend ablehnen und das eigene in den Ohren rauschende Blut gegen eine fremde Verzweiflung pressen kann wie früher.
Als. wäre. nichts. passiert.

Es ist nicht überraschend passiert. Wir wollten das. Wollen das.
Aber.
Und.

Irgendwie – nicht so.
Ich will diese Party machen können von der ich in einem Quatschratgeber für Vielemenschen gelesen habe.
Ich will hingehen – Vorhang auf – tadaa ach da bist du ja – komm rein altes Haus, hier isses richtig geil. Im Vergleich zu dem woher du kommst. Nimm dir Kuchen, halt die Nase in die Sonne, das Leben gibt heute einen aus!
Aber so läuft das nicht bei uns. So lief das noch nie.
Schon weil wir diesen Vorhang nicht haben. Eher einen Schleimblobb aus Nebel, Angst und Dunkelheit, der dann und wann Gedanken, die auch gut Einbildungen sein könnten oder Gefühle, die genauso gut Übersprungshumbug sein könnten, durchlässt. Bevor wir wissen: Ah das ist ein Innen – bevor wir in diese achtsame Mutigkeit von unserer Therapeutin kommen, exerzieren wir das Falsememory-Einmaleins und unsere Diagnosensammlung durch, obwohl wir wissen wie völlig Banane das ist und auch wie destruktiv.
Und: wie selber Anfang der 2000er, dem inneren “Ich habe sicher einen Hirntumor und werde bald tot sein”-Zeitalter.

Der Therapeutin zuzuhören und zu denken: “mutig”, war irgendwie gut. In fact, war das mein klarster Gedanke in der ganzen Stunde und als sie am Ende sagte, dass es okay war, dachte ich: “mutig ist okay” und das war irgendwie gut. Merkwürdig entwickelt, seltsam dissig eingebaut, aber irgendwie … gut.

Gut wie ein . am Ende eines Satzes.

Zukunftsmusikdisco

Als ich mich für ein Brot mit Erdbeermarmelade entscheide, wird der Regen in weißen Streifen durch die Luft gewogt. Als sich die Marmelade gerade in das weiche Margarinenbett kuscheln will, kommt die Sonne raus. Es ist hell und strahlend, der rote Bobbel vor mir leuchtet wie ein Stück Theatereingeweide.

Ich lass es liegen. Werd schon nicht verhungern.
Was mach ich jetzt. Nichts mach ich.
Die Langeweile zieht mich vor Netflix. Die Schwangerschaft mit unserem Buch hält uns da. Oder vor dem Wolkehaushalt in die Sims3. Nicht denken, nicht machen. Einfach nur so durchfischeln. Das geht. Meistens. Oft genug.

Die Dinge in unserem Leben jetzt, sind alle nicht spruchreif. So viel Zukunftsmusik, dass mir die Ohren klingeln und der eingeigelte Stummtaubblindverkrümel zu werden, ist oft das einzige, was wirklich hilft.
Alles was wir für diese Zukunft wollen, können wir nicht einfach entscheiden. Wann ausziehen, wann umgezogen sein – der Freund muss mitreden, hat eigene Dinger am Laufen, braucht auch Sicherheiten. Nicht so einfach. Alles muss daran angepasst werden. Das ist wie noch einmal 5 Lautstärkestufen rauf mit der Zukunftsmusik unter der das Knacken und Knirschen unserer Anpassungsprobleme unhörbar werden. Alles eine Frage der Kommunikation. Schwierig so auf die Distanz.

Am Donnerstagmorgen hatte ich Erdbeermarmeladenbrot und abends den Brief mit der Begründung für eine Namensänderung in der Hand. Wir fuhren sehr spät nachts noch mit dem Rad hin, um ihn einzuwerfen, aber dann doch nicht.
Bist du wirklich sicher? wummerte die Zukunft mit grellen Lichtblitzen auf mich ein. Ich bin nicht sicher. Ich bins nicht, ich werds nie sein. Zukunft, das ist die falsche Frage. Es geht nicht darum, wie sicher ich mir bin, es geht darum, wie sicher ich mir bin, damit umgehen zu können, wenn Dinge nicht so richtig klappen. Oder völlig anders als gedacht. Frag mich, wie bereit ich dafür bin, daran zu arbeiten, dass es so wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Frag mich nach meiner Kompromissbereitschaft. Frag mich, ob ich dich mögen werd, auch wenn du mir weder grüne Wiesen im Sonnenschein noch Fettlebe mit Zuckerguss zu bieten hast.
Zukunft, wenn du so fragst, dann ich will dich bitten mir aus dem Weg zu gehen. und das hatten wir doch schon so oft. Wir wissen beide, dass das nicht geht.

Am Freitag klebte ich eine Grüffelo-Briefmarke auf den Antrag und warf ihn in einen Briefkasten.
Fuhr nach Hause. Kochte Süßkartoffelsuppe. Draußen regnete es und drinnen fragte ich mich, ob das Buch denn wohl bald fertig gedruckt ist.
Dann schaltete ich den PC ein, um nach Familie Wolke zu sehen.
Um mich herum Zukunftsmusikdisco.

zum DID-Awareness-Day

Klingt komisch. Awareness-Day.
Ein Bewusstseinstag für eine “Erkrankung”, die so vieles unbewusst bleiben lässt.
Und irgendwie auch schlimmer wird, je mehr Bewusstsein für sie entsteht.

Die dissoziative Identitäts”störung” ist mehr als ein psychiatrisches Krankheitsbild von besonders dispositionierten Individuen.
Sie ist auch eine soziale Diagnose, denn die Ursachen sind überwiegend soziale Akte.
Misshandlung, Vernachlässigung, emotionale Grausamkeit, sadistische Quälerei, sexualisierte Ausbeutung, psychische Manipulation, jahrelang anhaltende latente Lebensgefahr, Folter. Zum Beispiel.
Das liest man schnell mal so weg und die Abstraktion der Begriffe geht soweit, dass sie die Menschen darin oft mitnimmt. Der soziale Akt, die Menschlichkeit, die auch Gewaltbereitschaft, Lust an Gewaltausübung, Selbsterhöhung durch Erniedrigung anderer enthält.

Ein Bewusstseinstag für DIS kann nicht nur ein Tag sein, an dem man sagt: Guck mal hier, das gibts!
Das wäre zu wenig, auch wenn es für die meisten Menschen dann doch wieder zu viel ist.

Mit dem Bewusstsein für Menschen wie uns, für Menschen, deren Identitätsstruktur von dissoziativen Brüchen definiert ist, kommt die Konfrontation mit der eigenen Dissoziation.
Der Dissoziation, die vor dem Bewusstsein schützt, dass die Welt auch ein gefährlicher, schlimmer, schlechter grauenhafter, moralisch abstoßender, erschreckender, bestialischer Ort sein kann. Jederzeit und genau jetzt für so viele Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt absolut schutzlos darin befinden.
Die Dissoziation um die Wahrheit, dass es wahr ist, wenn Menschen über Menschen sagen, dass sie das gefährlichste Lebewesen auf der Welt sind.
Die Dissoziation um die Realität der Überlebenden. Um die relative Nähe zueinander.

Ich halte es für problematisch nicht auch dafür Bewusstsein herzustellen.
Denn allein das Wissen um eine Problematik, Erkrankung, Störung reicht nicht, um Umgänge zu finden oder Ideen um Fragen nach Heilung, nach Rehabilitation, nach Verarbeitung zu diskutieren.
Nicht alle Menschen mit DIS sehen sich als krank. Wir sind einer davon. Deshalb nennen wir es Identitätsstruktur, sprechen von “Traumafolgen” oder “Traumafolgeproblemen”.

Die Diagnosekriterien der DIS sagen uns nur, dass wir gesehen und erkannt, eingeordnet und klassifiziert werden können. Das bedeutet: die Diagnose validiert uns aufgrund dessen, was jemand außen verstanden und anerkannt hat.  Es geht dabei um uns, wie wir “wir” sind. Dass wir da sind und uns als Ichs im Leben eines Einsmenschen erleben.
Es geht nicht um die Flashbacks, es geht nicht um dissoziative Phänomene wie Krampfanfälle, Sinnesausfälle, Depersonalisation, Derealisation. Es geht nicht um Angst, nicht um Depressionen. Es geht nicht um die Isolation unter Menschen, deren Identität so grundlegend anders strukturiert ist.
Nicht einmal gestreift wird dieser Aspekt des Lebens in einer Gesellschaft, die jene Umstände zulässt, aus denen wir hervorgegangen sind, und kollektiv an der Aufrechterhaltung der Dissoziation dazu arbeitet. Nie gedacht an den Verrat, den das auch bedeutet.

Die Diagnose selbst ist das Ergebnis dieser kollektiven Gewaltdissoziation.
Es gäbe eine völlig andere Struktur der Hilfen, der Forschung, der Heilungsdiskurse, wäre das nicht so.
Es erscheint so vielen Menschen unvorstellbar, sich Menschen frei von Gewalt zu widmen, dass es noch mehr von ihnen undenkbar ist.
Wie soll man jemandem helfen, wenn man gar kein Doktor ist?
Hmm wenn die Person viele ist ach nee da soll mal lieber ein Profi dran – ein_e echte_r Psycholog_in am Besten!

Das ist Vermeidungsverhalten. Und zwar eins das an allen Ecken und Enden in unserer Gesellschaft nicht problematisiert wird. Es wird im Gegenteil sogar bestärkt, gestützt und als natürlich gegebene Funktionalität unserer Gesellschaft als Ganzes verhandelt.

Aber Menschen, die Viele sind, die bekommen solcherart Stützen nicht. Die versuchen das oft sehr lange und sehr aufwendig in ihrem Leben aufzubauen. Versuchen sich mehr oder weniger erfolgreich in ihre Wechsel und Brüche, ihre Vermeidungen, ihre Symptome und Schwierigkeiten hineinzuorganisieren, doch scheitern endgültig in dem Moment, in dem ihnen gesagt wird: “Das ist krank. Was du da machst, wie du bist, was du da erlebt hast und bis heute erlebst, das ist nicht normal.”
Obwohl es extrem normal ist. Es ist extrem normal Gewalt zu erleben. So viele Menschen erleben genau jetzt Gewalt. Genau jetzt, während du das hier liest, sterben Kinder an Gewalt, die ihnen angetan wurde. Genau jetzt überleben wer weiß wie viele Menschen Folter, Qual und Not.
Krank werden diese Überlebenden aber erst mit dem einordnenden Blick einer dazu legitimierten Macht.

Das ist wichtig zu verstehen.
Denn Viele zu sein bzw. mit einer dissoziativen Identitätsstruktur zu leben, ist keine Krankheit, sondern ein Zustand. Und zwar einer, der ganz natur_logisch eingebaut entstehen kann, wenn er nötig ist um zu überleben. Nichts daran ist krank oder falsch oder irgendwie künstlich.

Was krank und falsch ist ist, wenn die gleichen Leute, die das Erlebte entnormalisieren und das Gelebte pathologisieren sagen: “Wenn du normal sein willst und also unterstützt, versichert, heil und gut, dann offerieren wir dir diesen wunderbunten Strauß der Optionen, aus dem du frei* wählen kannst. Wenn du nichts wählst, ja dann kann dir auch niemand helfen. Selbst schuld. Stirbste halt doch vielleicht.” [*solche Entscheidungen sind niemals frei, denn in unserer Gesellschaft ist niemand frei]

Das hier soll kein Text sein, der dazu führt, dass man Therapien und Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen, die mit einer DIS leben, ablehnt oder für allesamt falsch erklärt.
Aber er soll dazu beitragen sich bewusst zu machen, dass das der Kosmos ist, in dem dieser Zustand nicht nur be- sondern auch verhandelt wird.

Spricht man über oder von DIS, dann nutzt man psychologische, psychiatrische, medizinische Modelle des Menschseins. Man bewegt sich in psychologischer, psychiatrischer, medizinischer Terminologie. Man denkt an die Möglichkeiten und Grenzen der Veränderung, man forscht und seziert die Mechanik der Psyche durch die Brille ganz spezifischer Deutungshoheiten über objektifizierte, also versachlichte, Subjekte.

Das ist ein ernstes Problem, denn es trägt nicht dazu bei, dass die ursächliche Gewalt nicht mehr passiert.
Es trägt nicht zu einem Verständnis der verschiedenen Lebensrealitäten der Betroffenen bei.
Es trägt einzig zur Einordnung, Klassifizierung, Erforschung und Veränderung des Zustands überlebender Individuen bei.
Das ist viel, ja, aber nicht alles.
Und längst nicht genug.

Das möchten wir in diesem Text bewusst machen.
Wir wissen, dass die meisten Leute lieber eine fesche Infografik wollen, irgendein witziges Meme, das verlinkt ist mit irgendeinem psychologischen Text, der sagt: “Ja, gibts wirklich. Ja, ist echt schlimm. Ja, muss man therapieren.”
Wir wissen, dass man den Überbau dazu lieber vermeiden will.
Deshalb machen wir das so und nicht anders.

Anders machen andere schon genug.
–> #DIDawarenessday (auf Twitter)
–> “Separating Fact from Fiction: An Empirical Examination of Six Myths About Dissociative Identity Disorder” (PDF aus der US national library of medicine der national institutes of health)
–> DID Research (amerikanische Info-Webseite)

Wenn ihr eine informative Seite habt oder kennt, könnt ihr sie gern in den Kommentaren teilen.

22

Das ist eine Weile her. Essen mit Autoaggressionshintergrund.
Unnötig eigentlich. Mehr Gewohnheit, als Notgeburt.

Vielleicht meine Art, neue Wege zu gehen. Bisschen vorpreschen, etwas überfordern, – wohl wissend, dass es schwierig ist und schwierige Folgen hat – aber dann war ich immerhin schon einmal da, wo ich später mal hin will, ohne, das sich akut etwas verändert. Und zur Bestätigung, dass sich auch wirklich nichts verändert, ein Kilo Schrott mit Schrott obendrauf in den Mund, in den Magen bis es einfach nur noch weh tut und das Atmen schwer fällt.
Das ist beruhigend. So schräg das klingt.

Es fühlt sich irgendwie gut an, an etwas so richtig wirklich selbst schuld zu sein und zu wissen, was hätte würde müsste anders gelaufen sein.

Kurz vorher hatte ich mich von der Therapeutin verabschiedet. Unser Punkt in der Therapie gerade: Annäherung an täterloyale Innens und meine einerseits phobische Vermeidung und andererseits absolute Klarheit darum, dass wir nicht weiterkommen, wenn wir sie ständig ausklammern. Und, sie sich ausgeklammert sein lassen.

Wir zogen uns die Jacke an, sie hatte sich etwas zu trinken in der Teeküche gemacht. Und ich hatte sie gefragt, ob ich noch etwas sagen dürfte. Sie antwortete: „Ja“, und ich fragte sie, ob sie sich noch daran erinnern könnte, wie ich ihr damals – 2012 – in der zweiten oder dritten probatorischen Sitzung gesagt hatte, ich würde genau das nicht mehr wollen. Keine Vermeidungstänze mehr.

Ich erinnere mich noch, wie ich damals auch eine Vorstellung von Strenge mir selbst gegenüber hatte.
Wie ich damals durch die Erstgespräche mit Therapeut_innen ging und alle abgelehnt hatte, die mit zartem Tüchlein um den Hals und Wallawalladuftölkerze in ihrem Rattansessel saßen und mir butterweich durch die Wahrnehmung geglitten sind.
Ich konnte mich kaum fühlen – mir war klar, dass ich nicht Kraft haben würde, auch noch so jemanden erfühlen müssen. Zusätzlich zu schwammigen “Und was bedeutet das…?”, das zur tiefenpsychologischen Gesprächstherapie gehört, wie Eiter zur Pest.

Ihr das zu sagen, war einer dieser Vorpreschmomente. Mir gings schon schlecht, zu verlieren hatten wir nur noch die Hoffnung. Die Angst mit der ich dann umgehen musste, löste sich durch die Reaktion der Therapeutin damals gut auf. Sie hatte nämlich keine Angst oder Sorge. Und wenn, dann hat sie sie gut von uns ferngehalten. Ich hab ihre Präsenz gespürt und das hat mir schon gereicht, um mich einzunorden. Zu ordnen. Zu positionieren. Und in den letzten Jahren auch immer besser zu fühlen.

Natürlich hatten wir Vermeidungstänze in den Stunden. Selbstverständlich haben wir manchmal auch über einen längeren Zeitraum um Themen rumgetanzt. Manchmal hat sich dann rausgestellt, dass Vermeidungstänze auch Anlauf nehmen sind. Oder sich locker machen. Quasi Stress raustanzen oder auch: sich desensibilisieren.

Wo wir jetzt sind, ist das nicht so. Da ist es mehr eine Art reflexhafter Tarantella in nur eine Richtung, nämlich: Weg vom Thema. Vom Schmerz. Von der Angst. Vor dem, was spürbar, fühlbar, denkbar ist, und trotzdem überhaupt nicht greifbar.

Und da ist dann auch wieder der Wunsch nach Strenge mir gegenüber. Und gleichzeitig die Erkenntnis, dass ich meinen Wunsch nach Strenge mit mir, nach Forderungen an mich stellen und einfordern diesen auch nachzukommen, nur auslagern kann.
Denn ich bin nicht streng mit mir. Ich bin vernichtend mit mir. Selbstverletzend. Mir selbst das Maul stopfend, wenn ich Dinge äußere, von denen ich weiß, dass ich sie brauche, weil ich sie selbst nicht hinkriege.

Ich bat sie, mich beim nächsten Mal an diese Sitzung und meinen Wunsch keine Vermeidungstänze mehr zu machen, zu erinnern. Nicht um Druck auszuüben, sondern mich einzunorden. In mir selbst. Ich kann dann ja immer noch entscheiden, was ich in dem Moment dann für gut und wichtig halte.

Aber entscheiden will ichs können und das kriege ich einfach nicht hin. Im Moment entscheide ich an relevanten Stellen der Auseinandersetzung nämlich gar nichts. Ich reagiere, analysiere meine Reaktion, reagiere beim nächsten Mal doch wieder. Reflexhaft, unbewusst, dissoziativ. Als hätte es die letzten 7 Jahre Traumatherapie nie gegeben.

Ihr nach der Stunde nochmal etwas zu sagen, über das ich vorher nicht viel nachgedacht habe, war ein Ausbruch. Ein Vorpreschen. Unüberlegt vor möglichen Konsequenzen.
Und vielleicht der erste Schritt da raus, der nötig war.

Mal sehen.

5

“…so show me family
(Hey) all the blood that I will bleed
(Ho) I don’t know where I belong
(Hey) I don’t know where I went wrong
(Ho) but I can write…”
(“Hey Ho”, the Lumineers)

Man kann es nicht als neue Geschichte bezeichnen, wahrlich nicht. Eine der Figuren in „Grindelwalds Verbrechen“. Es ist einfach wieder ein „besonderer Junge“, nach dem gegriffen wird. Ein weißer Junge mit schwerer Geschichte. Ein Junge, der krasse Dinge passieren lassen kann. Vor allem, wenn er ~Emotionen~ hat. Es ist mehr Budenzauber, ja. Mehr soziale Verwicklung und ach… das Bad in der Zauberwelt – das ist einfach toll.

Und dann sind da die Parallelen.
Der Junge ist kein Junge. Es ist ein Mann, der als Junge gesehen und gedacht wird, weil er seine Kraft und damit einen profunden Teil seiner Selbst nicht im Griff hat. Dessen Suche und Kampf um sich selbst und seine Geschichte von so vielen Leuten erzählt, gedacht … gemacht wird, dass er selbst nur glauben, doch nie wissen kann. Und obwohl er ahnt, dass er gerade – erneut – misshandelt und ausgenutzt wird, bleibt. Und folgt.

“Ein Obskurus entsteht nur in einem Klima extremer Einsamkeit und Gewalt” – oder so ähnlich, erklärt der junge Dumbledore, das große schwarze Ding, das regelmäßig ausbricht und mehr oder weniger gezielt alles um sich herum zerstört. Und tötet. “Hätte er nur Geschwister gehabt, die ihn mochten oder einen Freund… Er braucht so jemanden, das kann schon alles verändern…”

Wieder schrieb Rowling also eine Geschichte über Täterintrojekte bzw. Traumafolgen.
Und wieder kriegts mich.
Diesmal anders. Auch anders, als bei der Geschichte um Lord Voldemort in den Harry Potter-Bänden.

Ich kenne diese schwarze krasse Macht in mir drin. Und ich weiß, dass sie aus einem Klima extremer Gewalt, tiefster Einsamkeit, Verlassenheit, Not kommt. Weiß, dass sie schon verletzt und zerstört hat.
Ich weiß, dass sie kontrollierbar ist. Ich weiß, dass es keine kontextlose Naturgewalt ist, die unberechenbar und übermächtig ist.
Ich weiß aber auch, mit wieviel extremer Gewalt und Ablehnung ich sie in mir drin halte. Weder anspreche, noch bewege, noch wirklich glaube, dass ich sie halten kann, sollte sie versuchen sich ernsthaft nach außen hin auszudrücken.

Niemand entwickelt eine so tiefgreifende Spaltung von Selbst und Sein, gäbe es keine Kräfte, die brechend auf sie einwirken. Das ist das eine.
Das andere ist, dass das kein Leben ist, sondern ein Zustand.
Ein Zustand, der weh tut, obwohl kein Blut fließt. Ein Zustand, der nicht nur das Früher fragmentiert, sondern auch das Heute und dadurch auch jede Idee an die Zukunft.
Das geht in Beschreibungen des Viele-Seins wie “Wir leben alle in diesem Haus und das Haus ist der Körper” unter. Ja, man lebt, von mir auch in einem Haus. Aber die Zimmer in diesem Haus sind das Ergebnis langjährigen Bohrens, Reißens, Schlagens, Kratzens, Ätzens, Brennens… letztlich: Verdrängens dessen, was vorher da war. Und zwar jedes Zimmer. Nicht nur das der Räume, in denen die krasse Todeswolke drin ist.

Ich ging aus dem Film und fragte mich, ob Credence Barebone (der junge Mann mit dem Obscurial in sich) deshalb von J. K. Rowling erfunden wurde, weil es weißen verletzten Männern leichter zu glauben ist, dass man sie besser nicht kränkt oder verletzt, weil sie eine scheiß gnadenlose Wolke des Todes in sich tragen.
Nach dem ersten Teil (“Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind”) hatte ich mich schließlich auch gefragt, ob sie ihn als Jungen erdacht hat, um der Misshandlung, der er ausgesetzt war, in ihrer realen Krassheit und Schlimmheit glaubwürdiger zu machen, um sein Rotz und Wasser heulen und die spätere Totaleskalation nicht als irrational (oder – ding dong – “hysterisch”) erscheinen zu lassen.

Wäre Credence eine Frau oder eine Person anderen Geschlechts, hätte das Publikum die Gewalt konkreter miterleben müssen – und die Verführung faschistoider Kräfte wäre viel weniger subtil passiert. Grindelwald hätte eine Frau sexuell verführt oder in irgendeiner anderen Form sowohl emotional als auch strukturell an sie gebunden. Ein Versprechen von einer Zukunft in Würde durch Geschichte und Identität, wäre dann niemals Thema gewesen.

Das mag irrelevant für die Filme sein – die sind ja nun einmal wie sie sind – es ist aber nicht irrelevant für mich. Denn aufgrund dieser Tatsache fällt auch dieser Film wieder als etwas raus, das ich für meine eigene Auseinandersetzung nutzen kann.
Denn mir wird keine Todeswolke im Inneren geglaubt. Nicht, weil es Todeswolken in Menschen nicht gibt, sondern weil die Annahme von zerstörerischem Gewaltpotenzial nachwievor an Männer oder als männlich eingeordnete Menschen herangetragen wird. Und eben nicht an Menschen wie mich, die mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit in ebenjenem Klima der Gewalt aufwachsen und dadurch – entsprechend der Logik der Entstehung von Todeswolken aka Obskurialen aka Täter_innenintrojekten – erheblich viel wahrscheinlicher auch so ein Ding entwickeln.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, dass ich nur Kämpferinnenfiguren kenne, die sich ihre Kraft und auch ihre Zerstörungsenergien in irgendeiner Form entwickelt haben. Keine war einfach so krass stark und Beherrscherin ihrer eigenen Kräfte. Sie haben alle hart trainiert, sind schonungslos gegen sich selbst angetreten oder waren, ohne es zu wissen, einfach schon immer eine Halbgöttin und deshalb “von Natur aus” interessiert an Kampf und Krassgedöns.
Erst recht kenne ich keine einzige nicht binäre Person, die einfach so mit ihrer Todeswolke konfrontiert war und dann genauso einfach so dagegen angehen konnte.

Das ist auch Einsamkeit. Keine Vorbilder zu haben, die die Fragmente einer Zukunft auffüllen und überbrücken helfen könnten. Das ist auch Verlassenheit. Wenn man weiß: Eigentlich gibt es Selbsthilfegruppen, Foren und Treffs, in denen man Leute, die das schon hinter sich haben oder auch auf dem Weg sind, treffen und fragen könnte – aber nicht für sich selbst. Weil man “zu politisch” ist. Weil man zu wenig hilfe_bedürftig ist. Weil man einfach schon viel zu viel über sich und die eigenen Erfahrungen verstanden hat, um mit dieser Thematik noch als die Person gesehen und anerkannt zu werden, die man – trotz alle dem und so viel erfolgreicher Arbeit – auch noch ist: Eine Person, die vor manchen Aspekten der Gewalt- und Traumafolgen einfach so derartig überfordert ist, dass sie nichts anderes _kann_, als mit Gewalt alles in sich niederzuknüppeln, was nicht anders beherrschbar ist.

Das ist auch Not.
Denn wo Gewalt ist, ist immer auch Not.

“Love we, need it now
Let’s hope, for some
‚Cause oh, we’re bleedin‘ out”