Schlagwort: Vermeidung

Autismus, Trauma, Kommunikation #4

Von Menschen misshandelt zu werden, verändert den Blick der misshandelten Person auf Menschen.
Manchmal ganz pauschal, manchmal ganz spezifisch. Manchmal sehr stark und manchmal nur ein wenig.
Dass das passiert ist keine Entscheidung, sondern Glanzstück menschlicher Evolution.
Es dient der Anpassung, sich sehr genau mit allen möglichen Anzeichen tödlicher Bedrohungen zu befassen und darauf zu reagieren. Zum Beispiel, in dem man die innere Einstellung, die innere Haltung, die innere Bewertung in Bezug auf das, was einmal als (auch konkret versehrende/ traumatisierende) Bedrohung erfahren wurde, verändert.

Viele Menschen, die von Menschen misshandelt, gequält, gefoltert, ausgebeutet wurden, sind Beobachtungsspezialist_innen für das, was andere Menschen tun, sagen, machen – oder genau nicht tun, sagen und machen. Manchen Menschen hilft bei dieser Beobachtung ein erhöhtes Erregungslevel (der Hyperarousel), bei dem durch den entsprechenden Stresshormonspiegel eine zeitweise erhöhte Leistungsbereitschaft gegeben ist. Viele Menschen, die von anderen Menschen misshandelt und sogar davon traumatisiert wurden, erleben andere Menschen als Trigger (Auslöser) für das Erinnern/Wiedererleben an die Misshandlungserfahrung.
So ergibt sich für viele dieser Menschen eine quasi automatische Dauerleistung, wenn sie unter Menschen sind. Und ein entsprechender Energieabfall, wenn die Situation vorbei ist. Manchmal verbunden mit Erinnerungslücken, depressiven Verstimmungen, extremer Müdigkeit und Antriebslosigkeit.

Wir nennen das “Aufregungsachterbahn” und haben viele Jahre unserer Traumatherapie damit zugebracht daraus auszusteigen. Denn dieses (stresshormonbedingte) Energie- auf-und –ab hat bei uns viele ungute körperliche Auswirkungen gehabt. Von Tagen/Wochen/Monaten, in denen wir etwa 3-4 Stunden am Tag “echt” schlafen konnten, zu Tagen/Wochen/Monaten, in denen uns 20 Stunden liegen und “schlafen” noch viel zu wenig war, bis zu Zeiten, in denen dieser krasse Energieabfall sogar zu Suizidversuchen aus “heiterem Himmel” geführt hat, war für uns viel dabei. Geblieben ist uns ein Stoffwechsel, der dazu führt, dass wir sofort sehr viel zunehmen oder sofort sehr viel abnehmen, wenn bei uns irgendwas irgendwie ~traumastressig wird; aber auch, dass wir völlig unberechenbar auf Medikamente reagieren.

Kurzer Einschub dazu: Es gibt die Erzählung, dass verschiedene Innens bei Menschen, die viele sind, verschieden auf Medikamente reagieren. Können wir bestätigen, allerdings alles auf Basis des Erregungslevel bzw. den für das Innen jeweils typische Hormonmix. Wir alle Innens sind unterschiedliche Mixturen – logisch, reagieren wir unterschiedlich auf die Mixtur, die wir uns reintun.
Allerdings ist die Wirkung von Medikamenten auf lange Sicht bei uns dann doch relativ ähnlich und wir vermuten, dass das daran liegt, dass wir als Einsmensch dann eben doch am Ende des Tages irgendwie “durchschnittlich” (also “normal” im Sinne von “traumatisiert und daher erwartbar abweichend”) durchmischt sind.

Warum dieses Trauma 101?
Weil es ebenjenes Beobachten war und ist, dass uns sehr lange nicht als auch autistisch erkennbar gemacht hat.
Die meisten Menschen verbinden mit Autismus die völlige Abwesenheit von Blickkontakt und/oder generellem Interesse an dem, was andere Menschen tun, denken, wollen, fordern.
Autistischen Menschen wird auch oft abgesprochen lernen zu können oder sich in irgendeiner Form anpassen zu können. Genauso wie noch viel zu viele Menschen glauben, autistische Menschen könnten nicht traumatisiert werden, weil sie scheinbar keine Emotionen haben bzw. generell einfach gar kein emotionales Selbst_Erleben haben.

Wenn wir sehr konzentriert und aufmerksam sind für das, was uns jemand sagt, dann schauen wir die Person nicht an. Wenn wir höflich und sympathisch wirken wollen (und die Kraft dafür haben), dann schauen wir einer Person auf den Mund bzw. die Stelle zwischen Nase und Mund.
Wenn wir uns vor einer Person fürchten oder aus irgendeinem Grund irgendwie wissen, dass sie uns gefährlich ist oder sein könnte (das sind für uns besonders Autoritäten oder uns überlegene Personen), machen wir etwas mit unseren Augen, das schwierig zu erklären ist. Wir schauen sie an – aber sehen nichts. Wir wissen nicht, wie das im Spiegel aussieht – vielleicht schielen wir oder drehen sie irgendwie anders merkwürdig? Auf jeden Fall sieht es so aus wie Blickkontakt, ist aber keiner. Wir wissen ganz genau, wie wir das gelernt haben und, dass wir das nicht freiwillig gelernt haben, so wie man vielleicht lernt, ohne Stützräder mit dem Rad zu fahren.

Aufzuwachsen in einer Umgebung, in der das, was Menschen tun, nie vorhersehbar und begreifbar war, hat sicherlich dazu beitragen, dass wir einen gesteigerten Antrieb haben, Anzeichen für Gewalt an uns möglichst vorherzusehen oder zu erahnen bzw. begreifen zu wollen, was da passiert (ist).

Unser Problem: Wir haben das auch bei banalen Alltagsdingen, die 0,0000irgendwas0 mit Gewalt, Angst, Furcht, Trigger oder so zu tun haben.
Anzeichen für die Intension eines Verhaltens erkennen und einordnen zu können, erfordert zwingend die Fähigkeit (und bis zu einem Punkt auch Fertigkeit) sich vorstellen zu können, was die andere Person denkt und also glaubt und fühlt (also auch: ein gewisses Mitfühlen dafür zu haben, was was in einer Person auslösen könnte) Stichwort dazu: “theory of mind” – nicht: “Empathie”

Uns in die Sicht anderer Menschen hinzuversetzen, bedeutet enorm viele Optionen für uns und enorm viele Endergebnisse, die für uns alle gleich wahr, alle gleich realistisch, alle gleich wahrscheinlich und alle gleich relevant erscheinen. Erst mehr Zeit und Ruhe ermöglicht uns, das alles auseinanderzuhalten und zu ordnen.
Und erst Rückfragen, “Testfragen” oder andere aktive  Wahrscheinlichkeitsüberlegungen versichern uns dann am Ende.

Im letzten Text habe ich das schon einmal formuliert und endete damit, dass man sich vorstellen möge, wie es ist, so zu funktionieren und dann in eine Gesprächspsychotherapie zu gehen.

Man kann sich das so vorstellen, dass diese Form der Psychotherapie für uns das Anstrengendste aus allen Welten bereithält und entsprechend irgendwo zwischen “Ich mach das, weil ich Schiss hab, aus Versehen zu sterben, weil ich mich nicht genug um meine “Heilung” kümmere” (also etwas, was wir aus einer gewissen Todesangst~Überlebenschance heraus tun – egal wie anstrengend es ist) und “Ich mach das, weil es keine Alternative zu dieser Form gibt”, rangiert.

Wir arbeiten in der Therapie. Und das machen wir nachwievor mit all der Motivation, die wir angesichts der Alternativen eben aufbringen können. Allerdings haben wir in dieser bei uns ja doch sehr langen Arbeitszeit übermäßig lange eher so “Basiserfolge” gehabt, die durchaus hätten mehr sein können.

Das schreiben wir nicht, weil wir überhöhte Ansprüche an uns stellen. Wir haben nicht die Idee, dass wir schon längst hätten geheilt sein können oder wenigstens mal ein komplett hergestelltes biografisches Erinnern im normalen Rahmen oder nicht mehr viele sein oder oder oder.
Das schreiben wir, weil wir merken, was für eine steile Kurve wir genommen haben, seit die Autismusdiagnose steht, gezielt an Probleme herangegangen wurde und wir dadurch selbst ganz konkret merken: so komplett kaputt und gefühlskalt traumatisiert, wie wir von einigen Therapeut_innen eingeordnet wurden, sind wir überhaupt nicht.  Wir sind ja gar nicht unfähig, dieses tiefenpsychologische Gerede zu verstehen – da war jemand unfähig zu verstehen, dass wir nicht vermeiden (oder sich eine Soziopathie zeigt), wenn wir sagen, dass wir Dinge, die uns Therapeut_innen oder auch Selbsthilfemedien antragen, nicht nachvollziehen können.

Wir sind jahrelang immer wieder darüber gestolpert, dass wir gefragt wurden, was es bedeutet, wenn wir etwas fühlen oder denken oder glauben.
Manchen neurotypischen Menschen hilft diese Formulierung, einen anderen Blick und eine andere Ebene in Bezug auf sich selbst einzunehmen und so ihre Schwierigkeiten anders zu betrachten. Uns hat es einfach nur verwirrt und manchmal auch frustriert, denn es hat dazu geführt, dass wir uns Therapeut_innen massiv unterlegen gefühlt haben, weil sie unserem Verstehen nach etwas zu sehen bzw. um etwas gewusst zu haben schienen, von dem wir weder wussten noch selbst etwas empfanden. Und selbst nach ewiger Auseinandersetzung, Konfrontation und sogar Explorationen traumatischer Erfahrungen (auch nicht für uns allein) auf den gleichen Stand gekommen sind.
Wir haben deutlich gemerkt, dass uns da etwas fehlt – und es wurde immer als Ergebnis der Dissoziation angenommen. „Sie sind dissoziiert, deshalb sind sie getrennt von Gefühlen (für andere)“. Das mag für traumatisierende Situationen (oder Situationen, die daran erinnern aufgrund des erwähnten Stresshormonmixes) stimmen, passt aber nicht mehr in Alltagssituationen.

Nun frage man sich, was das mit uns gemacht hat, nach dem gewaltvollen Leben in Manipulation und permanenter Ansage, man wisse alles von und über uns, ausgerechnet in einem therapeutischen Setting immer wieder in genau diese Verwirrung bzw. dieses Gefühl der Unterlegenheit bzw. „Durchschautheit“ zu kommen.
Richtig: es hat Spaltung gemacht. Dissoziation. Und zwar gründlich.
Wir Rosenblätter sind daraus (und aus anderen negativen Erfahrungen mit Menschen, die (therapeutisch, medizinisch, pflegerisch) helfen wollten oder “geholfen haben”) entstanden. Ein System, dass damit umgehen kann; die Kraft dafür aufbringen kann und trotz aller Kampfverluste einfach immer weiter dahin gehen kann, statt hinzuschmeißen und aufzugeben.

Auf unserem traumatherapeutischen Weg ist also schon mal grundlegend was schief gelaufen.
Ich denk, das können wir ruhig so festhalten und auch entsprechend bitter, enttäuscht, frustriert und zuweilen auch maßlos verärgert darüber sein. So lange wir wollen und müssen.
Denn nicht zuletzt war und ist für uns die Möglichkeit von Psychotherapie immer auch ein Versprechen von Veränderung und Verbesserung. Immer Alternative zu dem, was wir als unaushaltbares Leiden empfunden haben. Es so oft nicht eingelöst bekommen zu haben und das einfach, weil man wahlweise eine (und manchmal auch unsere) Symptomatik oder eine (und doch nie unsere) Persönlichkeit diagnostiziert und behandelt hat, aber nie bis an das Funktionieren als Mensch, der wir sind und der auch dafür ein eigenes Bewusstsein entwickeln musste,  herangegangen ist, ist eine wirklich heftige Erkenntnis. Eine bittere heftige Erkenntnis, mit dessen Schmerzensdimensionen wir mal mehr mal weniger allein sind.

Einen Erkenntnis gebenden Punkt wollen wir hier aufführen.

diagnostische Fragebögen – bzw. das Dilemma um konkrete Nachfragen

Eigentlich sind wir Fragebögen und besonders multiple choice – Fragebögen sehr offen gegenüber.
Die wählbaren Optionen geben bereits die Kategorie der Antwort vor – es fallen enorm viele Antwortoptionen weg.
Bei Sachfragen sind sie also großartig für uns.
Bei emotionalen Fragen sind sie das weniger.

So gibt es in der Klinik, in der wir einige Intervalle mitgemacht haben, einige Fragebögen, die man zu Beginn der Behandlung ausfüllen soll. Darunter ist mindestens einer, der sich auf ein “Vorher” in den Fragen bezieht, das nicht näher definiert ist.
Da sieht eine Frage beispielsweise etwa so aus: Ich mag mich weniger als vorher 1 nein Ich mag mich 2 ja ich mag mich etwas weniger als vorher 3 ja ich mag mich meistens weniger als vorher 4 ja ich hasse mich

Konfrontiert mit der Frage, haben wir Nachfragen (zum Beispiel: Was heißt “Ich mag mich?” Aussehen? Verhalten? Werte? Körper? Können? Was bedeutet hier “Ich” in Bezug auf uns?), die wir uns nicht beantworten lassen können, weil diese Fragen allein zu beantworten vorgesehen sind, zum einen und zum anderen, weil dafür keine Zeit ist. Man hat einen Termin á 50min in der Woche und das wars. Daran zu rütteln ist böse böse und sowieso sinnlos, denn es geht dabei um Geld und nicht um Menschen_sach_verstand.

Die Daten aus dem Fragebogen sollen dazu dienen, am Ende des Aufenthalts einen Therapieerfolg oder –misserfolg zu errechnen. Es geht also einen Scheiß darum, was die Fragen anstoßen oder was man überhaupt “richtig” (im Sinne von “bewusst reflektiert”) beantworten kann, ob Fähig- und Fertigkeiten da sind, die Fragen zu beantworten.
Es geht dabei nicht um das Innenleben und die echte Selbstwahrnehmung der Klient_innen, es geht um Schätzwerte. Also um Kaffeesatzlesen.

In unserem Fall einen Kaffeesatz, unter dem wir ja genau gelitten haben, da es die umfassende dissoziative Problematik war, die es uns verunmöglicht hat, irgendetwas von uns so bewusst wahrzunehmen, dass wir es als eigen und selbstzugehörig empfinden können. Über wessen Selbsthass, Depressionen und Essverhalten – ja sogar dissoziative Symptomatik sollten wir nun Fragen beantworten? Wir lebten alleine – wir konnten nicht mal mehr etwas angeben, das andere über uns und unsere Symptomatik als Einsmensch zurückgemeldet hatten.

Auch wenns jetzt drüber klingt: Das ist echt heftig und in keinster Weise als etwas zu sehen, das man ja vernachlässigen kann, weil es ja am Ende um nichts geht, was mit unseren inneren Themen zu tun hat.
Für uns ging es um etwas und diese Herangehensweise führte für uns zwangsläufig in ein erstes Versagen.

Eins, dass wir schon kurz nach der Autismusdiagose nicht mehr so annehmen wollten. Wir haben an den Rand der Fragebögen geschrieben, haben Bemerkungen dran gemacht, haben uns mit jemandem besprochen, was bei Frage X wohl gemeint sein könnte.
Erst dabei ist uns dann aufgefallen, wie oft wir in diesen Fragebögen jahrelang falsche Angaben gemacht haben, weil wir von völlig anderen Dingen ausgegangen sind.
Aber glücklicherweise war es ja eh nicht so wichtig?
(Glaub ich nicht – will ich nicht glauben.)

Kurzer Schwenk.
Eins unserer Geschwiste ist ebenfalls autistisch. Es hatte größere Schwierigkeiten als wir, frei über Erlebnisse zu erzählen. Auf die Frage: Was gabs im Hort zum Mittagessen?, konnte es keine Antwort formulieren. Auch hier war das multiple choice-Verfahren hilfreich. Auf die Frage: Gab es Nudel, Kartoffeln oder Reis?, konnte es antworten. Wir brauchten dieses Verfahren zu solchen Ereignissen nicht. Wir hatten den Essensplan auswendig gelernt, sobald er unten an der Küchentür hing. Vorbereitung ist alles für uns. Immer. Bei allem. Bis heute kommen wir in Stress sobald wir uns nicht auf Situationen vorbereiten und einstellen können.

Wo wir heute multiple choice Fragen sehr gut gebrauchen könnten, wären Therapiegespräche.
Aber.
Das geht so einfach nicht, denn wo vorgegebene Antwortmöglichkeiten sind, da ist Raum zur Beeinflussung – und zwar weitaus mehr, als ohnehin schon durch die vielen Übertragungsdynamiken entsteht.

Für uns bedeutet es eine Was gab es zum Mittagessen?-Fragesituation ohne ausgehängten Speiseplan, wenn eine Therapiestunde anfängt mit einer offenen Einladung durch die Frage: Und? Wie ist die Lage?
Zu viele Antwortoptionen. Zu viele möglicherweise gemeinten Themenfelder. Zu viele mögliche Perspektiven, die eingenommen werden müssten. Keine Vorbereitungsmöglichkeit.
Wir haben auf solcherlei unkonkrete Fragen also in der Regel keine Antwort. Sagen: Ich weiß nicht. Oder geben eine Wörterantwort, ohne Konsistenz. Und wirken dadurch viel dissoziierter (alltagsamnestischer) als wir sind.

Eine konkrete Frage wäre: Konnten sie in der letzten Woche ausreichend* schlafen? oder Konnten sie in der letzten Woche ausreichend essen und trinken? (*ausreichend natürlich vorher klar definiert)
Für uns wäre es super, würde jede Therapiestunde eine so gestaltete Bestandsaufnahme am Anfang haben.

Denn:
Für uns bedeutet das Geeier auf die Frage, wie es uns denn geht, keineswegs ein erwartbares Ding, auf das wir uns dann doch gezielt vorbereiten könnten. Dadurch, dass wir diese Frage einfach immer irgendwie beantworten und es immer irgendwie klappt, wissen wir noch lange nicht, ob das jetzt die Antwort war, um die es ging. Dabei geht es uns nicht einmal mehr darum, “die richtige Antwort” zu geben. Darum ging es aber lange, als wir die Therapie anfingen, weil wir damals noch dachten, richtige Antworten seien ein Schutz vor Gewalt.

Es bedeutet jedes Mal eine neue Unsicherheitssituation, die zuweilen auch triggern kann.
Und es bedeutet eine Situation, in der uns unser “Ölmolekül”-Sein in Bezug auf die “Wasser”-Therapeutin (s. #3) manchmal sehr schmerzhaft bewusst wird. Wir merken, wie wir ihr Dinge nicht sagen können, weil wir nicht wissen wo anfangen, was ist gefragt, wie wichtig ist was, wofür ist die Antwort wichtig. Wir merken, wie wir in eine Redesperre geraten, die absolut 0 mit Redeverboten oder Schweigegeboten zu tun haben.
Das macht Ohnmachtsgefühle und kratzt total an der Motivation die Therapie weiterzuverfolgen.

In Bezug auf das Sprechen über schwierige Erfahrungen stehen wir vor einem noch größeren Dilemma.
Denn da insbesondere Therapeut_innen, die Menschen mit DIS und anderen Traumafolgeproblemen behandeln, nachwievor immer mal wieder unter Verdacht gestellt werden, sie würden ihren Patient_innen Erinnerungen einreden, ist es komplett ausgeschlossen, dass wir mit unserer Therapeutin nach multiple choice-Vorgehen über Gewalterfahrungen sprechen können.
Eine Nische bietet zwar Kunsttherapie bzw. das Aufmalen von Aspekten, die zwecks Deutungssicherheit nachgefragt werden müssen (Like: Ist das eine Person? Wie heißt diese Person? Was macht diese Person da?) – das kriegen wir jedoch bei weitaus weniger Dingen hin, als wir das bräuchten. Besonders, weil wir einander beim Aufzeichnen schneller gegenseitig mit Material fluten und insgesamt nicht gut tun, als wenn wir in der Therapiesituation selbst sind und uns dort auseinandersetzen.

Jetzt sind wir in einer privilegierten Situation.
Unsere Therapeutin kann sich mehr Zeit für uns nehmen und nimmt sie auch, wenn wir über schwierige Dinge reden wollen. Das ist leider durch nichts anderes zu ersetzen. Wir könnten hier noch das teilen, was wir machen, bevor wir zur Therapie gehen und wie wir uns womit vorbereiten, aber am Ende ist es einfach immer nur dieses Mehr an Zeit und damit auch Mehr an Raum das, was auf uns einströmt, wenn wir uns dafür öffen, zu ordnen und zu kommunizieren, das uns hilft, über das Erlebte zu sprechen.

Es ist auch mehr Raum für Fehler, für “sich nicht gleich zurecht finden”, für “die Reihenfolge erst rausfinden” – was für uns alles in dem Moment, in dem wir beschließen etwas auszusprechen, noch überhaupt nichts mit dissoziativer Fragmentierung zu tun hat oder damit, dass uns gesagt wurde, wir dürften nicht darüber sprechen, sondern damit, dass diese traumatisierenden Erfahrungen manchmal schon vorher völlig überreizend für uns war und an sich schon weder Kontext, noch Reihenfolge, noch Sinn hatte.
Oder, manchmal auch, weil die Orte, an denen etwas passierte, fremd für uns war – und besonders früher war ein Raum für uns schon dadurch fremd und völlig neu, wenn jemand einfach die Lampe verstellt hat oder ähnliches. Das Problem haben wir noch heute, wenn auch in weitaus weniger ängstigenden Dimensionen.

Was außerdem neulich hilfreich war, war eine Bildbeschreibung, die für uns gut funktioniert.
Seit wir uns mit barrierefreier Webgestaltung auseinandersetzen, versuchen wir mehr darüber zu lernen, wie man Bilder für blinde und anders sehbehinderte Menschen beschreibt, damit sie wissen, was alles auf dem Bild zu sehen ist. Das ist für uns eine echte Herausforderung, weil auch dabei sehr viele Details, die wir sehen, vielleicht gar nicht erwähnt werden müssten, um ein Bild zu beschreiben.
Für Erinnerungsbilderbeschreibung gehen wir ähnlich vor. Wir stellen uns vor, dass die Therapeutin diese Bilder nicht sehen kann (und machen damit einen Schritt, den wir vorher nicht gemacht haben, weil wir genau diesen Umstand nicht mit im Bewusstsein hatten – zing: theory of mind).

Dann gehen wir von außen nach innen in das Bild.
Raumbeschreibung, [manchmal schieben sich dann schon die ersten nächsten Bilder dazu]
Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (zu Hause, fremd, bekannt, Ort, wenn bekannt)],
Personenbeschreibung, Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (zu Hause, fremd, bekannt, sozialer Bezug)],
Handlungsbeschreibung, Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (Gefühle, Gedanken, Häufigkeit)].

Für manche Menschen ist so eine schematische Vorgehensweise vielleicht undenkbar, besonders, wenn Bilder und Erinnerungen noch total schwierig zu kontrollieren sind und scheinbar völlig willkürlich aufkommen.
Wir haben das Gefühl mehr Kraft für die nötige Reorientierung zu haben, seit wir so schematisch und unter Beachtung unserer Strukturierungsschwierigkeiten an diese Arbeit herangehen.

Da passiert aber auch eine Dopplung, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.
Einerseits kommt uns das eigene Erinnern klar und fest und dadurch aussprechbar vor, wenn wir an die Auseinandersetzung damit, wie an ein Arbeitsprojekt angehen – andererseits ist natürlich auch das eine Distanzierungsnummer – aka Vermeidungsdings, das uns das Gefühl gibt, dass wir potenziell vielleicht gar nicht so nah an Gefühle dran müssen, weil wir ja jederzeit aussteigen können.
Es hilft, dass unsere Therapeutin in jedem Distanzierungsatmungsmoment fragt, ob wir weitergehen wollen oder nicht.

der Triebwagenführer, das große Bild und unser Regal

Wir saßen in einem überhitzten Abteil auf dem Weg vom Praktikumsort nach Hause, als der Triebwagenführer vorbei kam. Die Klimaanlagen sind ausgefallen, lasst die Fenster zu, Kinderwagen werden an die dafür vorgesehenen Plätze gestellt, Füße vom Sitz. Sein sächsischer Dialekt richtete mir den Rücken auf.

Wir sind 32 Jahre alt. Die DDR haben wir nie bewusst erlebt. Aber ihre Hinterbliebenen. Und das sind oft Menschen wie dieser Triebwagenführer gewesen. Allzeit bereit.
Mit ihnen geht es mir wie mit Leuten aus Brandenburg und Berlin: Ich weiß nie, ob sie mich gerade anscheißen oder herzlich anknuffen. Vorschriften sind ein Muss, menschliche Gesten daneben aber auch.

So kam es, dass wir alles über die Klimaanlage erfuhren, dass es Zugbegleiter gab und dass er sich darum kümmerte, es so erträglich wie möglich für alle zu machen.
Am nächsten größeren Bahnhof gab es eine Zugwechselaktion. Dort war nur noch ein Abteil überhitzt, eine Notfallflasche kaltes Waser wurde besorgt. Für Fahrgäste, die es brauchen. Das erzählte der Triebwagenführer nachdem er allen Fahrgäst_innen und seinen Zugbegleitern für ihre Zusammenarbeit bei der Aktion gedankt hatte und erneut sagte, dass er sein Bestes gibt.

Wir haben schon Schlimmeres mit der deutschen Bahn erlebt und es war dieser Vergleich, der uns etwas anderes bewusst machte. Denn das, was der Triebwagenführer tat, als er uns dankte und seine Bemühungen mitteilte, war eine Bestätigung der Belastung und der Ungewöhnlichkeit der Situation für alle Beteiligten. Ohne sich selbst davon auszunehmen, indem er sich an die (westsoziale?) Vorschrift der Sachlichkeit und Autorität zurückzog.

Was es uns bewusst machte, war Folgendes.
Am Dienstag hatten wir einen Termin mit dem Begleitermenschen.
Wir haben beim “Fonds sexueller Missbrauch” beantragt, dass er für seine Arbeit mit uns bezahlt wird. Damit das geht, wurden wir darum gebeten den Umfang der Unterstützung und die konkreten Kosten dafür aufzulisten.
Und so saßen wir dann gemeinsam an unserem Schreibtisch und listeten.

Früher hatten wir ein Regal für Komplimente oder schmeichelhafte Bemerkungen über uns. Eine Distanzierungstechnik, die uns half über die Unsicherheit des Nichtwissens einer angemessenen Reaktion hinweg zu kommen. Seit dem Narzissmusding in der Klinik machen uns anlasslose bzw. nicht nachvollziehbare Komplimente und schon die Idee, wir könnten irgendwas ziemlich gut (geschweige denn besser als andere) nur noch Stress und Angst – wir befassen uns nicht mehr damit. Die Dinge, die wir schaffen und können, schaffen und können wir und fertig. Ein größeres Bild oder irgendwelche Gefühle dazu, lassen wir nicht mehr an uns ran.

Nun mussten wir zusammen darüber nachdenken, wie das war. Damals. Im Frühjahr und Sommer 2015 als wir uns kennenlernten. Wir uns und wir irgendwiealle den Begleitermenschen. Der trotz all unserer Helferdinger und Klapsentraumafolgeprobleme bis heute Wege findet, über die Dinge zu sprechen, die davon ins Jetzterleben getriggert werden und das Heuteleben be.ver.hindern.
Wie das war, als wir mit dem Aspergerdiagnosezettel in der Landschaft standen und erst mal nicht wussten, was das jetzt bedeutet. Was für Angst wir hatten, die Therapie bei unserer Therapeutin könnte deshalb enden.
Wie hilfreich es war, als er uns erklärte welche Mechanik hinter Autismusdiagnosen und Behandlungen steckt und was unser Zettel nach einem Fragebogen und einem Interview letztlich aussagt.

Wie das war, als wir erstmals über die Ausbildung mit ihm sprachen und wie gut es war genau so kleinteilig und zweifelsorgenzerklüftet über Wünsche, Sorgen und Ängste in Bezug darauf zu sprechen, wie es nötig war. Wie das vor dem Klinikding war und wie es bis heute hilft, dass er direkter Zeuge dessen war, was da alles so schlimm schief für uns gelaufen ist.

Und während wir über die Schule und seine Unterstützung dort sprachen, dachte ich, dass wir das schon längst mal hätten machen müssen: Uns das gemeinsame große Bild anschauen.
Von dem, was dieser Mensch da für uns tut. Seit inzwischen 3 Jahren, ohne dafür bezahlt zu werden und immer mit all unserem autistischen Traumakorks, der sicherlich weder einfach noch kurzweilig ist.
Nicht, um ihm den Heldengesang schreiben zu können, den er verdient, sondern um sowohl ihm als auch uns die Anstrengung, die Arbeit, die Außerordentlichkeit dieser Beziehung bewusst zu machen.

Denn es ist anstrengend. Es ist Arbeit. Es ist außergewöhnlich.

Vor dem Klinikding und der Ausbildung war das alles normal für uns.
Menschen sind anstrengend, Hilfe und Unterstützung erbitten, managen, annehmen und nutzen ist Klient_innenarbeit und, dass es jemand länger mit uns aushält, obwohl sie_r selbst nichts davon hat, ist krass außergewöhnlich.

Und nach dem Klinikding wurde diese Normalität für uns beängstigend. Denn wir sind ganz gerne mal stolz auf geschaffte Dinge. Gerade dann, wenn wir viel für oder an etwas gearbeitet haben. Dann wollen wir Bestätigung dafür. Wollen von anderen Menschen hören, dass sie Dinge unter Umständen auch anstrengend, arbeitsaufwendig und/oder außergewöhnlich finden. Zwischenmenschliche Kongruenz in der Einordnung solcher Empfindungen ist manchmal so eine Art Versicherung oder Legitimation. Eine Möglichkeit empfundenen Stolz als legitim und sicher an und vielleicht auch in sich selbst zu zementieren.

Wir haben das von uns weggeschoben. Stolz ist ja auch nicht konstruktiv. Sich selber bei oder wegen etwas gut finden – das ist kein Skill, der hilfreich ist, die Ausbildung gut zu durchlaufen oder an Dingen zu arbeiten.
Klick klack Robotermodus an. Dissoziationsmechanismen rasten ein.
Entferne dich von dir selbst, richte dich aufs Arbeiten, Ver_Dienen und Zer.eins.zelte ein.
Du bist nicht gut oder okay, du bist nicht schlecht oder scheiße.
Du bist, das reicht für dich, weil “in Wahrheit” ist das schon schlimm genug, um alles andere verwirkt zu haben.

Eine andere Ebene der Dissoziation, die uns nach dem Klinikding passierte ist die, ja “in Wahrheit” den Begleitermenschen gar nicht zu brauchen, neben “in Wahrheit” gefährdet zu sein, weil wir ihn eben doch brauchen, neben “in Wahrheit” nie zuvor genau diese richtige, wirklich hilfreiche Hilfe im Alltagsleben gehabt zu haben, neben “in Wahrheit” es niemals zu schaffen, wieder gut zu machen, zu entschädigen, zu entlohnen, was dieser Mensch für uns tut und getan hat in den letzten Jahren, neben “in globaler Echtwahrheit” keinen Grund zu haben zu glauben, wir hätten irgendetwas mit dem zu tun, was Produktives, Gutes, Bestolzbares aus der Arbeit mit ihm hervorgeht oder für uns entsteht.

Eine Ansprache wie die des Triebwagenführers hätten wir über die Arbeit mit dem Begleitermenschen nicht ertragen. Aber diese Liste war gut. Das Moment, in dem wir bemerkten, dass auch der Begleitermensch seine Distanzierungsmethoden hat und gleichermaßen nicht so bewusst hatte, wie viel er und wir schon gearbeitet haben. Es war gut, weil das Ziel der Auflistung nicht war uns das bewusst zu machen, sondern um das darzulegen, was de facto da ist. Ohne, dass irgendjemand daran herumdeuteln oder ein “in Wahrheit” daneben legen kann.

Es ist gut und tut gut zu sehen, dass da gute Sachen einfach gut laufen, weil wir zusammen mit dem Begleitermenschen gute Arbeit machen.

Mal sehen, ob wir uns das in unser Regal tun können.

von Freiräumen und der Frage, was man mit der Vergangenheit macht

Es ist ein bisschen so, als würde man Muskeln ansteuern, die noch gar nicht da sind, als die Therapeutin fragt: “Geht es ein bisschen darum, was sie damit machen? Mit ihrer rituellen Vergangenheit..?”.

Ich weiß, worum es geht. Weiß, es ist die Dissoziation, die mir alles Gesagte, Mit.geteilte und Erinnerte in dieser Stunde fremd und fern erscheinen lässt. Weiß, es geht um mich. Weiß, es geht um meine Vergangenheit.
Aber ja: Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

Was soll ich denn auch anfangen mit einem Tier, das um sich beißt. Mit einem Kind, dass blind vor Panik an Türen kratzt. Mit einem Selbst, das weder Ich noch Nichtich ist. Mit Innens, für die alles außerhalb dieses einen Ists nichts außer Lug und Trug ist.
So eine Truppe ist der Stoff aus dem abgefahrene Road-Trip-Filme sind, aber mein Leben hat keine Räume für sie.

Wir bemühen uns allgemein darum allen Innens ihre Räume zu geben und zu lassen.
Bei uns meint das nicht, dass wir schauen, dass alle von uns ihre Außenzeit haben oder bestimmte Dinge haben dürfen – es meint eher, dass wir soziale wie asoziale Räume schaffen und freihalten, in denen es nicht zwingend ist, dass ausschließlich versorgungs-, schul-, therapie-, freundschafts-, produktivitäts-, oder gewaltfunktionale Systeme bzw. Innens aktiv sind.

Wir sind darin inzwischen ganz gut und durch die Unterstützungen, die wir erhalten, können wir diese Räume auch stabil halten und ausbauen. So ist es nicht mehr schlimm für mich, wenn wir zu Hause auseinanderfallen. Wir sind dort sicher, haben dort alles was wir brauchen, um mit den Konsequenzen der Anwesenheit dieser Innens umzugehen.

Aber das ist vielleicht genau mein Knackpunkt. So gehe ich mit den Anderen in meinem Leben um. Ich mache ihnen Räume, in denen ich das Chaos, die Not, die Unruhe und zuweilen auch Zerstörung, die sie mitbringen oder verursachen, kontrolliert passieren lassen und wieder bereinigen kann.
Ich gehe nicht mit ihnen um. Ich gehe mit den Folgen ihrer Anwesenheit um und das ist so ziemlich genau mal gar nichts anderes, als das, was ich schon immer mit ihnen mache. Heute mache ich das therapeutisch wertvoll und nenne meine Amnesie bzw. das depersonalisierte Erleben, das ich durch ihre Anwesenheit habe, “Freiraum für die Anderen in meinem Leben”.

Das ist nicht gut. Weiß ich. Aber was soll ich denn sonst machen?
Ich merke, dass wir zu wenig adhäsive Eigenschaften für einander haben. Es ist nicht wie in meinem Funktionssystem, wo sich die anderen mehr oder weniger oft zeitgleich – immer jedoch inhaltlich immer zu 100% auf meiner Ebene bewegen. Wir sind füreinander erkennbar, wir haben Kontakt – hatten ihn, bevor wir ihn gezielt gesucht haben. Wenn ich etwas entscheide, dann tue ich das inzwischen automatisch auch irgendwie mit ihnen. Unsere Kluft ist nicht zu, aber sie ist leicht zu überqueren.

Diese meine, unsere “rituelle Vergangenheit” mit der wir uns in der Therapiestunde befasst haben, ist nicht nur etwas, das nicht mir passiert ist, es ist auch noch Innens passiert, mit denen ich damals wie heute nur wenig mehr als Leben und Körper teile.
Das klingt für manche Menschen vielleicht nach viel, für mich ist das jedoch nicht mehr als das, was ich mit meinen Nieren zu tun habe: Ich weiß, dass sie zur gleichen Zeit wie ich geboren wurden und eine lebenswichtige Funktion haben – aber bei unserem nächsten Umzug werden sie mir keine Kiste packen können.

Vielleicht geht es am Ende nur um Akzeptanz? Anerkennung und fertig?
Wir teilen uns die Kenntnis um etwa 6qm Überlebens.zeit_los.raum.
In gewisser Weise teilen wir uns also einen Traumakrümel.

Ich hab nicht diesen ganzen Therapiequatsch mitgemacht, um jetzt noch zu glauben, dass ich mich nicht damit beschäftigen muss, was ihre Perspektive auf meinen Entstehungsort ist. Ich habe aber auch genug Therapiequatsch mitgemacht um zu wissen, dass es mehr als einen Traumakrümel braucht, um eine Perspektive zu verstehen oder mehr Kontakt aufzubauen.

Will ich mich also immer noch nicht damit auseinandersetzen? Vermeidung? ANP-typisches Schutz-Mimimi?

Ja. Nein. Vielleicht.
Alles.

Ich weiß, was ich machen muss. Ich weiß, wie das geht. Wir haben genug Werkzeug uns zu befassen. Wir haben eine gute Therapeutin. Was mir fehlt ist Bezug und eine Idee, wo es hingehen soll.
Ich weiß nicht, was ich verstehen muss, um diese Innens zu verstehen. Ich weiß nicht, was sie verstehen und vielleicht auch können müssen, um mich zu verstehen. Ich weiß nicht, welche Freiräume ich diesen Innens geben muss und wie wir diese dann absichern könnten.

Wir hatten und haben triftige Gründe für ihr Exil so fern im Innen, wie es nur geht.
Für sie kann es noch keine Zeit geben, sich frank und frei in der Welt zu bewegen, ohne uns zu gefährden.

Vielleicht klingt es fies und ist super selbstschädigend und gewaltvoll, aber im Moment denke ich oft, dass ich auch gut damit zurecht kommen würde, sie als so in der Zeit verloren zu akzeptieren, wie sie sind.
Wir haben viele Innens, die das sind. Wir haben sie mit Schutzimaginationen im weißen Rauschen des Inmitten beerdigt und wissen: Was als therapeutisches “in Sicherheit bringen” passiert ist, wird nie als das therapeutische Töten anerkannt werden, dass es auch war.

Nicht alle können reorientiert und für den Alltag nach der Gewalt funktionalisiert werden.
Und Innens, die aus Spaß an der Freude erhalten bleiben, gibt es nicht.

Etwas, was die Frage der Therapeutin berührt hat, ist für mich auch die Frage danach, was ich mit unserer Vergangenheit mache. Im Moment mache ich nichts anderes damit, als sie zum Forschungsobjekt zu machen.
Sie ist das Ziel vieler Fragen und der Grund für Krisen, die auf die Antworten folgen.
Ich mache diese Therapie nicht, um “meine Vergangenheit zu verarbeiten” – ich will eine Vergangenheit haben und muss dafür therapeutisch arbeiten.

Vielleicht auch, um damit klar zu kommen, dass ich nichts mehr mit etwas machen kann, das schon längst vorbei ist.

der Unterschied zwischen Gefängniszelle und Akutpsychiatriezimmer

erstmals erschienen auf Maedchenmannschaft.net, 20. 4. 2018

 

“Depressive sollen wie Straftäter behandelt werden” hieß es in dieser Woche mehrfach in großen Medien, als es um den Gesetzesentwurf eines neues “Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz” ging.
Die Kritik kam schnell und laut. Fachverbände, Interessenvertretungen und Parteien äußerten sich negativ dazu. Auf Change.org gibt es inzwischen sogar eine Petition. Zahlreiche Demonstrationen wurden angekündigt.

Nun gut. Besser als nix, denke ich und bin doch einmal mehr enttäuscht von der scheinbar vergangenen Chance einer umfassenden Systemkritik.
Das bin ich aus Gründen der eigenen Psychiatrieerfahrung und aus Gründen, die etwas mit Menschenrechten zu tun haben.

Zu Beginn ein Beginn:

Was zeichnet Menschen aus, die gesellschaftlich akzeptiert und juristisch legitimiert in totalitär organisierten Kontexten verwahrt, beheimatet, versorgt, am Leben gehalten, bestraft werden?

In aller Regel sind es Menschen, die in irgendeiner Form divergent, also “abweichend” sind. Wovon sie abweichen, ist meistens eine oder sind mehrere gesellschaftliche, kulturelle, medizinisch definierte Norm.en.
Manche sind mit einem Körper geboren worden, der anders gepflegt, anders versorgt werden muss, als die der Mehrheit der Menschen. Manche Menschen haben aus Gründen bestimmte Strategien und Anpassungsfertigkeiten entwickelt, die sich später als etwas herausstellen, das nicht (mehr) bei der Anpassung an die eigenen Lebensumstände hilft.

Manche Menschen haben auch gegen das Gesetz (also eine juristische Norm) verstoßen. Manche, weil sie das wollten, die meisten, weil sie es konnten und ein paar sehr wenige, weil sie sich in einem (vorübergehenden) Ausnahmezustand (zum Beispiel aufgrund einer (chronischen) Erkrankung) befanden.

In unserer Kultur gibt es genau einen strukturell etablierten Umgang mit Abweichung: Kontrolle, Regulierung, Zwang.
Also: Autorität

Autorität steht für viele Menschen als ein Garant für Sicherheit.
Ist da wer, die_r sagt: “X ist gut, Y ist schlecht, aber da kann ich was gegen/mit machen”, ist das für viele Menschen eine Entlastung. Sie müssen sich nicht kümmern, sie können Verantwortung, Belastung und Anstrengungen auslagern. Sie müssen in keiner Form irgendwelche Kompetenzen entwickeln oder das Fehlen einer Kompetenz als Defizit an sich erleben.
Im Kleinen kennen das wohl alle, die mit Vorliebe in Gruppenarbeiten gehen, wenn der oder die Klassenbeste mit dabei ist. Das Problem an so einer Vorliebe ist die Zuweisung von Autorität und damit auch: Macht.

Das Problem mit Macht ist, dass sie absolut werden kann, wenn man selbst keinerlei Kompetenzen oder Befugnisse oder Optionen zur Verfügung hat und also immer davon abhängig ist, ermächtigt zu werden.
Selbst- und Mitbestimmung wird damit zu einem Privileg.

Nun ist es so, dass sowohl das Grundgesetz von Deutschland, als auch die Menschenrechte, genau diese Absolutwerdung von Macht verhindern sollen. Und zwar, indem sie so etwas sagen wie: “Die Würde des Menschen ist unantastbar”.

Besonders im Artikel 1 der allgemeinen Menschenrechtserklärung steht, was so fundamental gebrochen wird, wenn Menschen zum Beispiel in eine Psychiatrie zwangseingewiesen und unter Umständen auch zwangsbehandelt werden:

“Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.”

Nichts an oder in einer Psychiatrie wahrt die Würde eines Menschen. Wirklich. Nichts.
Der Unterschied zwischen einer Gefängniszelle und einem Akutpsychiatriezimmer ist das Klo.

Und während dieser Unterschied marginal ist, so könnte die Ungleichheit von Patient_in und Pfleger_in und Behandler_in besonders in diesem Moment kaum größer sein. Vor allem, wenn man als Akutpsychiatriepatient_in mit Suizid(zwangs)gedanken 24 Stunden Einzelüberwachung (je nach Klinikausstattung auch mal in einem Zimmer, in dem eine Scheibe ist, durch die das Pflegepersonal hineinschauen kann) ertragen muss und nicht einmal allein zur Toilette darf.

Die Ungleichheit besteht dann nicht nur darin, dass die einen Menschen Befugnisse haben, die andere nicht haben. Sie wird auch produziert, indem die einen Menschen als “krank”, die anderen als “helfend” eingeordnet werden.

Und sie wird aufrecht erhalten. Nämlich dann, wenn die Probleme, die zu einer (Zwangs)Behandlung in einer Psychiatrie geführt haben, auch später bestehen bleiben. Um von Menschen behandelt zu werden, die fachlich ausgebildet und kompetent darin sind therapeutisch mit seelisch belasteten Menschen zu arbeiten (also zum Beispiel Psychotherapeut_innen), braucht es erneut eine Diagnose, ein Antragsverfahren zur Finanzierung, wieder entsteht ein Ungleichgewicht der Mächte zwischen Behandler_in und Patient_in. Und selbst, wenn man das alles hinnimmt, wird den Bedarfen oft nicht entsprochen.

Für manche Menschen geht das alles nicht zusammen. Menschenrechtsverletzung und Hilfe(einrichtung).
Das geht für manche nicht zusammen, weil sie sich nicht fragen, was genau Hilfe für wen wann warum sein soll.

Wie genau soll denn fremd- oder selbstgefährdenden Menschen eine aufgezwungene Maßnahme helfen?
Was konkret ist das hilfreiche Moment einer Zwangsunterbringung gegen Halluzinationen und Wahnideen, die einen Menschen als divergent markieren?

Noch weniger Menschen fragen sich, warum die Hilfe woanders passieren soll, als bei ihnen oder den betreffenden Personen zu Hause oder an einem anderen frei wählbaren Ort.

Was außer Unwillen relevanter Instanzen spricht dagegen Regelungen und Betreuungmöglichkeiten im Wohnraum einer Person, sofern sie einen hat, zu etablieren?
(Gewünschte) Medikamente und unterstützende Gespräche wirken auch im heimischen Wohnzimmer mit Zugang zum eigenen Klo, zum eigenen Kühlschrank. Und: zur gewohnten sozialen Umgebung, die durch fachlich fundierte hilfreiche Unterstützung vielleicht Umgangskompetenzen entwickeln kann, die sowohl Stigmatisierungen entgegenwirken, als auch zukünftige Krisen vielleicht sogar ganz allein managen lernen kann.

Sich nicht mit diesen Fragen und Ideen von Behandlungs- und Unterbringungsalternativen auseinanderzusetzen ist das Ergebnis eines Systems.

Eines Systems, das einer von Institutionen verkörperten Instanz die Macht verleiht zu bestimmen, wer krank ist und wer nicht, wer frei sein darf und wer nicht.

Eines Systems, das Diagnosen erstellt, um Divergenz zu konstruieren und festzuschreiben, statt Selbstbeschreibungen anzuerkennen.
Eines Systems, das Heilung verspricht, die aber nur dort oder von dort als solche ausgezeichnet passieren kann.

Eines Systems, das als freiwillig wählbar gedacht wird, jedoch immer aus einer Art Zwang heraus in Anspruch genommen werden muss.
Denn: Es gibt keine Alternativen mit gleichen Befugnissen, mit gleicher Finanzierungssicherheit – mit gleicher Autorität.
Wenn man nur zwischen großer Not zu Hause und großer Not in einer Psychiatrie wählen kann, dann ist das keine echte Wahl. Niemand geht wirklich freiwillig in eine psychiatrische Klinik.

Niemand geht auf die Art freiwillig in ein Pflege- oder Wohnheim. Niemand geht freiwillig in den Knast.
Für manche Leser_innen mag zwischen diesen drei Einrichtungen ein großer Unterschied sein, doch tatsächlich ist es keiner.

Allen drei Bereichen ist eines gemeinsam: sie sind Deutschlands Orte, an denen Menschenrechte legal und von der Öffentlichkeit in keinster Weise infrage gestellt beschnitten werden. Es sind Institutionen, die Ausschluss normalisieren und gesellschaftliche Normen negativ definieren.

Wo Ausschluss passiert, entwickeln sich Dynamiken, die das Gewaltrisiko steigern.
Ältere Menschen die über Nacht ans Bett fixiert werden, die Sedativa (Beruhigungsmittel) verabreicht bekommen, an denen medizinische Studien gemacht werden, ohne ihr Einverständnis einzuholen – ist alles schon passiert und passiert vermutlich noch immer irgendwo.
Pflegekräfte, die ausgebeutet, fachlich wie emotional chronisch überfordert werden – Erzieher-, und Betreuer_innen, die alles dokumentieren müssen, doch kaum zu dem kommen, was sie eigentlich tun wollen: Menschen unterstützen.

Die Gewalt in Institutionen entspringt nicht nur den Strukturen, die sie legitimieren, sondern auch der Gewalt, die sie verkörpern.
Und darüber wird im Moment nicht gesprochen.

Dass es in Deutschland nur deshalb die Heim-Klapse-Knast-Triade gibt, weil es für wichtig, richtig und nötig gehalten wird, divergente Menschen zu normieren.
Und zwar mit allen Mitteln.
Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Reflektion und Abwägung von Langzeitfolgen.

Psychiatrieerfahrene Menschen wie ich schildern schon seit Jahrzehnten von den desaströsen Folgen, die Zwangsbehandlungen und Zwangeinweisungen, Falschbehandlungen und übergriffige Behandler- oder Pfleger_innen für sie hatten und haben.

Hören wollen das die wenigsten, die nie eine Psychiatrie von innen gesehen und üb.erlebt haben. Die meisten jedoch wissen, dass ihnen das auch passieren kann.
Und dass sie am Arsch sind, wenn es ihnen mal passiert.

Die Öffentlichkeit ™ weiß, was für ein rechtsloser Raum solche Einrichtungen sein können.
Trotzdem wird lieber darüber geredet, dass solcherart gestaltete Räume für manche Leute ja schon in Ordnung seien – zur Strafe für eine Straftat zum Beispiel – aber nicht für „psychisch kranke“ Menschen.

Auch da die Frage: Was genau soll die Strafe an einem Gefängnisleben sein? Warum soll die Antwort auf Fremdgefährung oder illegale Handlungen eine Art der Gewalt sein, die ihrerseits nie bestraft werden kann?

Warum ist es so wichtig eine letzte all über allem stehende Gewaltinstanz immer und immer zu behalten?
Aus Gewalt ist noch nie irgendetwas hervorgegangen, was dem menschlichen Miteinander in irgendeiner Form zu mehr Offenheit, Toleranz, Akzeptanz, Respekt, herzlicher Nähe verholfen hat.

Autoritäre Institutionen wie die Psychiatrie und alle, die davon profitieren, werden nicht dazu beitragen sich abzuschaffen und unnötig zu machen.

Aber vielleicht kann man ja mal über Alternativen sprechen.
Und etablierte Alternativen unterstützen, wenn sie Hilfe brauchen.
Wenigstens das.

kein Schicksal

Mein Schicksal teilen, schlägt eine Freundin vor. Ein bisschen hilflos vielleicht. Ganz sicher überrascht von der offensiven Art mit der ich plötzlich von etwas spreche, über das sie mich noch nicht hat sprechen hören.

Ich gehe üblicherweise nicht in Kontakte und sage: “Ich fühle mich gerade ekelhaft, denn der Flashback von vor 20  Minuten lässt mich nachwievor erinnerfühlen, wie mir Sperma den Oberschenkel runterläuft.”. Bis heute.
Und dann sagt sie etwas von Selbsthilfegruppen und Schicksal teilen.

Und mir wird klar, dass es doch etwas ausgemacht hat, “diese Traumadinge” einfach nicht auszusprechen. Denn zumindest für sie ist es noch immer “ein Schicksal” und keine Gewalt_tat, die jemand beging, weil es möglich war.

Mich hat das getroffen. Nicht Wutpanzer-drüber-und-weiter-gehts-getroffen, sondern Tränen-die-nach-innen-abfließen-getroffen. Denn: ein “Schicksal” ist etwas, das niemand beeinflussen kann. Das über den Menschen hereinbricht und von nichts und niemandem verhindert werden kann.

Schicksal, das ist für uns göttlich. Lauf der Dinge. Natur.
Gewalt ist kein Schicksal. Gewalt ist menschlich. Gewalt ist verhinderbar.
Und zwar von jenen, die sie ausüben, die sie legitimieren und von jenen, die sie ermöglichen.

Meine Freundin versteht das nicht.
Sie versteht nicht, dass sie mit dieser Begrifflichkeit die Gewalt an mir zu etwas macht, das nichts mit den Täter_innen zu tun hatte.

Sie versteht nicht, was es mit mir macht, wenn sie meine Gewalterfahrungen mit den Erfahrungen von Tsunami- oder Erdbebenüberlebenden gleichsetzt.

Sie versteht nicht, wie stumm sie mich damit macht. Denn G’tt kann ich nicht anschreien, nicht strafen, nicht anzeigen und für das verurteilen, was durch si*hn mit mir passiert ist.

Sie versteht nicht, dass sie mich mit diesem Framing ohnmächtig macht. Und hält. Denn mehr als teilen kann man Schicksale nicht. Man kann sie nicht auflösen, indem man sie verarbeitet, wie man das mit einer menschengemachten Wunde in Menschenseelen.fleisch tun kann.

Sie versteht nicht, dass wir erstmal eine Weile keinen Kontakt mit ihr haben wollen.

das Loch, die Dunkelbunten und “das Verleugnen der eigenen Vergangenheit”

Jane schreibt bei Twitter, dass ihr die komplette Ausblendung der früheren Leben(sumstände) von Transpersonen problematisch erscheint.
Auf dieses Thema will ich hier nicht näher eingehen, aber ich empfehle sehr, den Thread dazu zu lesen, denn viele Personen, die trans* sind, haben sich dazu geäußert und ich finde, dort gibt es viel zu lernen.

Woran mich Janes Haltung erinnert hatte, nachdem ich verstanden habe, worum es ihr geht, möchte ich hier aufschreiben. Auch, weil das Thema des inneren Ausstiegs und unsere Auseinandersetzung mit den Innens, die wir “dunkelbunt” nennen, im Moment viel da war.

Also.
Es geht darum, dass man irgendwann im Leben etwas von sich versteht. Da wird etwas bewusst und dann wird aus dem Leben, das man immer irgendwie so ertragen hat, etwas, von dem man spürt, dass man es verändern muss. Weil man sonst kaputt geht. Also stirbt.
Entweder, weil man so wie wir real in gewaltvollen Kontexten gelebt hat, die mit Lebensbedrohung einher gingen oder, weil man ganz dringend spürt, dass man sich selbst tötet, um es nicht mehr ertragen zu müssen.

Da beginnt die Zeit, in der man das, was man da (von sich) verstanden hat einordnen muss. In der man anfängt sich zu überlegen: Was bedeutet das jetzt für mich? Was bedeutet das in Bezug zu mir als Person, als (Lebe?-) Wesen und meiner Umwelt? Was kann ich mit dem neuen Wissen über mich anfangen?

Für uns war der erste Moment der, von dem ich schon einmal geschrieben habe.
Der Moment, in dem ich Origamifische, auf denen Anti-Gewalt-Slogans standen, an die Wand meines Zimmer klebte, weil ich verstanden hatte, dass mein Vater mich schlug, weil er selbst geschlagen worden war. Im Zuge dieser Auseinandersetzung fiel mir auf, wie unfair ich es fand, dass er geschlagen wurde – mir selbst gegenüber aber nichts weiter als abgeklärtes Schulterzucken aufbringen konnte.
Das war etwas, das mich irritierte und nie wieder losgelassen hat. Bei keiner Ohrfeige, keiner Demütigung, bei nichts was er mir danach noch antat, konnte ich darüber hinwegdenken, wie schlimm das für ihn gewesen sein muss, das zu erleben, während ich selbst neben mir stand und seine Hand auf ihrem Weg in mein Gesicht beobachtete – und nichts fühlte außer Irritation, Verwirrung und das, was man eben fühlt, wenn man merkt: da ist etwas unfair.

Für uns hat sich damals eine gefährliche Dopplung aufgetan. Denn es war immer schon Irritation, “etwas ist nicht richtig” und “hier läuft etwas nicht, wie es soll” im Raum, bevor er die Kontrolle über sich verloren hat und meine Gefühle kamen noch dazu. Für mich hat damals nichts mehr Sinn ergeben. Weder sein Austicken, noch meine Gedanken und Gefühle dazu.
Meine Auseinandersetzung endete mit der Gewissheit, dass ich selbst nichts daran ändern konnte. Ich konnte mein Bewusstsein nicht wegdrücken und ihn hatten wir noch nie ändern können. Das einzige, was ich, was wir machen konnten, war wegzugehen.

Nicht als großer Selbstbefreiungsschlag, mit Gefühlen der Überlegenheit oder der Idee zu wissen, was genau wir da eigentlich entscheiden, denn wir waren 15/16 Jahre alt und mehr als “Hauptsache das hört auf und ich überlebe”, habe ich nicht gedacht.
Es war auch keine Entscheidung, die sich in Abgrenzung zu den Personen in der Familie° abgespielt hat. Es ging um die Abgrenzung zum Tod, dem wir uns zu der Zeit so nah gefühlt haben, dass das alles war, was wir überhaupt als etwas empfunden haben, wovon wir uns noch abgrenzen können.

In den folgenden Jahren lebten wir anders. Wir wurden gesehen, nicht mehr von den Leuten geschlagen, die uns beschützen sollen. Dass wir viele sind konnten wir endlich mitteilen und als etwas begreifen, das tatsächlich da ist. Das ernstzunehmen ist, das respektiert werden muss, das nie entschieden wurde, sondern ist, wie wir als Einsmensch/Individuum gewachsen sind.
Wir wurden von außen anerkannt und das war die erste Stufe dessen, was wir als Selbst_Verwirklichung bezeichnen. Wir begannen uns als echt zu erleben. Als etwas, das am Leben ist und auch so behandelt werden muss, um es zu bleiben.

Es hat noch viele Momente gegeben, in denen der Tod eine große Rolle gespielt hat, aber mit jedem Mal ist auch das Bewusstsein erstarkt, dass es uns wirklich gibt. Dass wir wirklich leben und da sind und echt sind und wahrhaft sind.
Dieses Bewusstsein haben wir uns hart erkämpft. Das ist uns nicht in die Wiege gelegt worden, indem uns Menschen willkommen geheißen haben und uns bedingungslos geliebt und versorgt haben – nein, das haben wir uns in einem Umfeld erkämpfen müssen, in dem wir von Anfang an nicht willkommen waren, wie wir waren und sind.
Das ist die eigene Familie am Anfang gewesen und heute ist es noch immer die Gesellschaft, die Identitäten in genau zwei Geschlechter, drei Altersklassen, drei Gesellschaftsschichten und zwei Zustände der Befähigung einsortiert.

Wir haben neulich mit Renée darüber gesprochen, wie lange wir schon in Therapie sind und warum.
Dass die Gewalt ihre Spuren und ungünstigen Anpassungen in uns hinterlassen haben, ist das Eine – das Andere ist, dass wir nachwievor darum kämpfen müssen, nicht immer wieder zu vergessen, dass es uns wirklich gibt, obwohl die Gesellschaft und ihre Strukturen da draußen so tut, als gäbe es uns nicht.
Dass wir uns nicht verunsichern lassen, wenn Menschen so tun, als würde die Körperlichkeit darüber bestimmen, wer oder was man “eigentlich” ist.
Dass wir nicht den Mut verlieren, wenn strukturelle Versorgungslücken im System dazu führen, dass wir an Herausforderungen scheitern, weil man uns aufgrund der Abwesenheit von zugänglichen Hilfen, den Bedarf danach abspricht.

Das sind alles wir. Die Gewaltfolgen, der Autismus, das Queersein, das Armsein, das Ohnefamiliesein und damit auch: das Ohnesowiefrühersein.

Wir grenzen uns heute ganz aktiv und ganz bewusst von der Familie° und von Freund_innen ab, die all das nicht in uns annehmen und akzeptieren.
Die, als die wir früher gelebt haben, gibt es heute nicht mehr und nichts von dem, was wir damals mit_gemacht haben (lassen (mussten)), wollen wir heute noch in unserem Leben.

Die Momente, in denen wir an früher denken, sind keine schönen. Auf jede gute Erinnerung, die wir uns annehmen und als gut bewahren wollen, keimt die Bitternis darum auf, dass wir damals schon wussten, dass wir kein “Mädchen” waren, nicht geliebt waren, keinen Tag ohne Verletzung erlebt haben und uns nie “normal” oder in echter Verbindung mit anderen Menschen gefühlt haben, weil wir ganz klar nicht die gleichen Er_Lebenserfahrungen machten. Und, weil wir heute wissen, dass und wie sehr, wir damals schon darunter gelitten haben und das immer wieder beiseite gedrückt und/oder dissoziiert haben.
Manchmal damit sich andere Menschen mit uns wohl fühlten, meistens einfach nur um “keinen Ärger zu machen” oder “uns nicht in den Vordergrund zu drängen” oder “uns nicht wichtig zu machen” – um zu überleben.

So ein Leben nicht weiterführen zu wollen ist legitim. Es ist legitim, wenn wir uns mit Hannah ansprechen lassen, uns als queer bezeichnen und wollen, dass das akzeptiert wird. Es ist legitim, wenn wir nicht 24/7 daran denken wollen, dass es Zeiten gab, in denen das nicht so war. Es gab nichts Gutes in unserem Früher, denn es hatte nichts mit uns zu tun. Es gab immer wieder nur Gutes für Menschen, die es gut fanden (und finden), wenn wir uns so weit zurückstellen, dass es uns nicht mehr gibt. Ganz wahrhaftig und voll und ganz so wie und wer wir sind.

Für uns hat das 0 von “die eigene Vergangenheit leugnen”.
Für uns ist das Leben. Das Leben für das wir uns entschieden haben, nachdem wir bewusst hatten, dass es uns gibt – völlig unabhängig davon, wie und ob andere Menschen uns sehen.

Für unsere “Dunkelbunten” bedeutet das unheimlich schmerzliche Ablösung, der sie sich auf ihre ganz eigene Art entziehen (wollen).
Wir sind heute nicht mehr so unbewusst füreinander wie früher. Sie haben all unsere Entwicklungen immer irgendwie verschlängelt, manchmal verspätet und teilweise auch nur bruchstückhaft mit_wahrgenommen – sich selbst aber nie den Raum genommen (oder von uns zugestanden bekommen) ihre eigenen Erkenntnisse auszubreiten oder sich selbst wahrhaftig am Leben seiend wahrzunehmen.

Ums gleich zu sagen: Es geht dabei nicht darum, dass wir sie gerne ein paar Runden über eine von Sonnenlicht geflutete Wiese mit Bambi und seinen Freunden schicken wollen, damit sie sehen wie toll es doch eigentlich ist und wie viel schlechter es damals war.
Es geht darum, dass unser Bewusstsein um uns auch ihres werden und in ihrer Sicht auf unser Sein in dieser Zeit heute, ganz eigene Auswirkungen haben kann.

Während es für mich immer wieder darum ging, mich zu fragen, wie ich trotz des Lochs, wo mal meine Kindheit und Jugend in der Familie° waren, ein erfülltes Leben haben und gestalten kann, ging und geht es für de Dunkelbunten in weiten Teilen nachwievor darum, wie sie ihren Wunsch/Drang/Impuls am Leben sein zu wollen, damit vereinbaren können, dass sie (durch unser Verhalten und Bestimmen im Außen) gerade überhaupt gar nicht so leben, wie sie es doch so lange sollten und als gutes/richtiges Familienmitglied auch ertragen getan haben.
Das ist ein schwerer Konflikt.

Und mehr als Leben (so wie es jetzt gerade ist)_szeit und Raum darin können wir nicht geben.
Es geht nicht mehr zurück.

Und das ist gut so.

die Ausnahmesituation

Samstagmorgen.
Wir liegen im Bett und versuchen mehr als erschöpftes abgekämpft sein zu empfinden. Versuchen dem Tag einen Körper zu geben, um ihn erfassen und be_leben zu können. Ich setze Kaffee auf, gehe mit NakNak* raus in den Regen, setze mich ans Küchenfenster und betrachte die Fetzen der letzten Nacht aus über 20 jähriger Entfernung.
Ich wünsche mir ein Haltgefühl, ein Gehörtgefühl, ein Ich-gebe-dir-durch-meine-Idee-eine-Idee-die-dir-vielleicht-weiterhilft-Gefühl und versuche mich nicht verlassen, einsam und verstoßen zu fühlen, nur weil ich weiß, dass ich das gerade nicht bekommen kann. Zumindest nicht von den Menschen, von denen ich es mir wünsche.

Es klingelt.
Meine Nachbarin kommt von draußen rein.
Ich kenne sie noch nicht. Bin in der letzten Zeit aber genervt von ihr, weil sie ihren Müll im Treppenhaus stehen lässt und ich froh sein kann, wenn bei ihr mal vor 23 Uhr so viel Ruhe in der Bude ist, dass ich einschlafen kann.
Sie wohnt noch nicht lange hier und ich hatte die Idee, dass sie mich nicht mag, weil ich einen Hund habe und sie Angst vor Hunden hat.

Sie sagt, sie hätte sich ausgeschlossen und ob ich ihr einen Schlüsseldienst anrufen könne.
Die Worte wackeln und zappeln aus ihrem Mund heraus und ich denke, dass sie müde ist und deutsch einfach nicht ihre Muttersprache. Ich schalte um auf Leichte Sprache und hoffe, dass es hilft. Sie soll sich gerne in meine Küche setzen, sage ich ihr und schließe die Tür zum Büro, in dem NakNak* schläft.
Meine Nachbarin trägt einen durchnässten Pulli und wirkt gleichzeitig erschöpft und überdreht. Eine Decke möchte sie nicht wegen der Hundehaare. Einen trockenen Pulli kann ich ihr nicht anbieten. Meine weggebbaren trockenen Pullis liegen im Altkleidercontainer, weil ich mit ihnen Schluss gemacht habe.

Ich rufe beim Schlüsseldienst an, gebe ihr einen Kaffee. Hunger hat sie keinen, sagt sie. Etwas später zeigt sie mir ihre Zähne, ohne mir zu sagen, was sie an ihnen empfindet. Etwas Schönes kann es nicht sein, denn ihre Halluzinationen sind insgesamt nicht von der Sorte, die man unbeschadet übersteht.
Sie wär gern meine Freundin sagt sie. Weil ich eine berühmte Königin bin und der Hund Frieden ins Haus bringt.
Ich lache und sie lacht mit. Zwischendurch denke ich: “Scheiße, was mach ich jetzt?”, weil ich merke, dass ich in genau so einer Situation bin, von der Mika gerade erst vor ein paar Tagen bei Twitter geschrieben hat.

Ruft man die Polizei oder nicht, wenn jemand in einer psychischen Ausnahmesituation ist? Zum Beispiel wenn jemand suizidal ist. Oder, wie meine Nachbarin, mitten in einem psychotischen Schub, offensichtlich um Kontrolle bemüht, doch vom eigenen Körper und Geist darin sabotiert.

Wie wir dazu stehen, wenn uns jemand die Polizei ins Haus holt, statt sich selbst, weil wir suizidal sind, haben wir schon einmal aufgeschrieben.
Dem füge ich heute noch Folgendes hinzu:

Die Polizei kann nicht helfen. Die Polizei kann nur “etwas tun”, damit “geholfen™” wird/werden kann.
Zum Beispiel jemanden, di_er sich und andere mit einer Waffe bedroht, niederknüppeln und festnehmen, damit jemand anderes – wie ein_e Richter_in oder Mediziner_in – sagen kann, was vielleicht hilft oder grundsätzlich erst einmal wichtig ist. Polizist_innen dürfen nichts einfach so selbst entscheiden oder regeln. Die Polizei ist nicht die Autorität, die dafür da ist, anderen Menschen, jedwede Form von Kontrolle wiederzugeben, die sie gerade nicht haben. Zum Beispiel die Kontrolle darüber, ob sich jemand die_n man kennt, das Leben nimmt oder nicht.

Die Polizei ist mit Rechtsmitteln und Möglichkeiten ausgestattet, die dazu beitragen sollen, die Rechte und Pflichten, sowie formale Verantwortungen zu schützen und/oder akut zu gewährleisten. Es ist keine Sache der Polizei “das Richtige” zu entscheiden – sie ist dazu da, ein Umfeld zu schaffen, in dem das Richtige entscheidbar und durchsetzbar wird. Völlig unabhängig davon, was “das Richtige” wirklich/ “eigentlich” ist.

Meine Nachbarin entschuldigt sich für ihre Aussprache. Redet mit sich selbst und scheint mich zeitweise völlig auszublenden. Sie erzählt mir Dinge, die nicht real sein werden, aber ihre Gefühle schwappen aus ihr heraus in meine Küche, wo ein paar Stunden vorher meine Gewalterinnerungen jeden Spalt umflutet haben. Der Schlüsseldienst schickt jemanden. Ich bin froh um das Bargeld, das ich gestern geholt habe. Draußen fährt ein Polizeiauto an unserem Haus vorbei.

Meine Nachbarin erinnert sich wieder an meine Frage, was passiert ist und erzählt mir, dass sie im Krankenhaus war. Es ging ihr sehr schlecht sagt sie, aber dann habe sie gesehen, was für ein schrecklicher Ort das sei. In den Wänden sind Dinge, sagt sie. Überall sind Leichen. Ich kann ihren Horror auf meiner Haut fühlen und weiß: ich wäre auch weggelaufen, hätte ich das gesehen und nicht gemerkt, dass es eine Halluzination ist.
Sie zeigt mir den Zugang in ihrem Arm und fragt sich, ob das etwas Gutes ist.

Ich schreibe dem Begleitermenschen eine SMS und bitte ihn bei der Polizei nachzufragen, ob meine Nachbarin vermisst wird. Schreibe ihm von dem Zugang und, dass er bitte kommen soll, wenn er kommen kann. Ich bin überfordert von den Gefühlen und Impulsen, die meine Nachbarin hin-und herwerfen, ohne, dass sie selbst sich ausruhen und sortieren kann.
Sie sagt, sie habe einen sehr sehr guten Arzt. Der weiß, was zu tun ist. Ich frag mich, wo dieser sehr sehr gute Arzt war, als sie im Krankenhaus war und Leichen gesehen hat.

Es beruhigt mich zu erahnen, dass sie grundsätzlich weiß, dass sie mit einer Krankheit lebt. Dass sie einen sehr sehr guten Arzt hat und, dass die Polizei ihr auch schon einmal sehr sehr gut geholfen hat. Scheinbar hat sie keine sehr sehr gute Familie, denn es gibt niemanden, den sie anrufen und um Hilfe bitten möchte.

Der Schlüsseldienst kommt und öffnet ihre Wohnungstür.
Ich bezahle und gebe ihr noch 10€ für Zigaretten. Wenn es ihr ansatzweise so geht wie uns noch vor einigen Jahren, denke ich, dann ist Kippengeld und die Möglichkeit die Tür hinter sich zuzumachen, eins der wenigen Dinge, die ich ihr gerade aktiv geben kann, ohne invasiv auf sie einzuwirken.
Dann sehe ich ihre Wohnung. Sehe, wie sie darin umher läuft und außer einem Zigarettenstummel nichts mehr darin hat, das ihr helfen könnte sich irgendwie zu versorgen. Der Begleitermensch meldet sich nicht. Meine Nachbarin streicht nachdenklich über den Zugang in ihrem Arm.

Ich sage, dass ich später nochmal vorbei komme.
Sie beachtet mich nicht. Führt ein Gespräch weiter, das ohne mich stattfindet.

Ich rufe bei der Feuerwehr an, weil ich mit meinen 31 Jahren immer noch verwechsle, welche Nummer zur Polizei und welche zur Feuerwehr führt.
Dann rufe ich bei der Polizei an und frage selbst nach, ob meine Nachbarin als vermisst gemeldet wurde. Sie wurde. Und zwar von dem Krankenhaus, in dem ihr mit der bereits bekannten Krankheit ein Zugang gelegt wurde, ohne sie durchgehend zu betreuen.

Ich merke den Moment, in dem ich das weitere Geschehen aus der Hand gebe. “Es war gut, dass sie angerufen haben”, sagt die Stimme am Telefon und wie sehr weiß ich, dass es das nur dann war, wenn ich alles, was ich über Selbstbestimmung und Inklusion denke, ausblende, niederbrenne und draufkacke.
Denn nein: Es ist nicht okay. Es ist ein scheiß fauler Kompromiss, auf Kosten ihrer Selbstbestimmung, den ich nur deshalb mache, weil sie den Zugang noch im Arm hat.

Was meine Nachbarin gerade sieht, hört und fremd_denkt, mag alles neurologisches Feuerwerk allein sein, aber ihre emotionalen Reaktionen darauf sind echt. Ihr Horror, ihr Ekel, ihr Auflachen, ihre Verwirrung, ihr Unbehagen im Schnelldurchlauf sind echt. Sie ist echt.
Ich weiß leider nicht, wie man solche Zugänge entfernt, ohne zu gefährden oder Schaden anzurichten und ich muss davon ausgehen, dass sie es auch nicht weiß. In einer anderen Zeit – einer, in der ich nicht selbst so hautlos und übermüdet wäre, hätte ich mit ihr die Zeit rumgekriegt bis Montag, wo sie einen Termin mit ihrem sehr sehr guten Arzt hat, der ihr sehr sehr gute Medikamente verschreibt, die ihr üblicherweise sehr sehr gut helfen.
Vielleicht hätte ich auch alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass ihr sehr sehr guter Arzt hier herkommt und ihr ihre Medikamente gibt, damit sie zu Hause bleiben kann, wo sie sich immerhin so sicher gefühlt hat, dass sie zurück kam.

So aber muss ich dazu stehen, dass ich nicht kann. Ich kann gerade nicht stunden- bis tagelang in einem zerschossenen Raucherhaushalt bleiben und in jemandes Chaos die einzige Konstante sein.
Das Ding ist: Ich würde das gerne sein – wünsche ihr das sehr, doch ich weiß auch: ansonsten ist da niemand, di_er sich das für sie wünscht. Da sind nur Leute, die dafür bezahlt werden, da zu sein. Das kann reichen und sicher machen da viele einen ganz tollen Job. Aber sie machen ihn nicht ihretwegen oder nur für sie, sondern weil es Leute wie sie gibt, die Menschen brauchen, die diesen Job machen.

Die Polizei kommt erst hoch in meine Wohnung, in der ich mir vorher schnell das verschwitzt fettige Haar kämme, aus dem nach Angstschweiß stinkenden Schlafanzug steige und mich so schnell wasche, wie in der Zeitschaltuhrendusche auf dem Zeltplatz in Mittelhessen diesen Sommer.

Es sind zwei nette alte Männer, die mich fragen, was ich für einen Eindruck von ihr hatte und ehrlich wirken, als sie sagen, was für eine verzwickte Situation das ist, wenn man mit Menschen zu tun hat, die man nicht einfach mal eben so fragen kann, was sie selbst eigentlich möchten. Es sind die ersten Polizisten “im Psychoeinsatz”, die nicht auf mich wirken wie verhinderte Cowboys, die schnelle kalte Entscheidungen treffen wollen, um “die ganze Sache sauber zu erledigen”. Sie wirken eher wie Sozialarbeiter_innen oder Hebammen und je länger sie später zusammen mit der Betreuerin meiner Nachbarin im Hausflur stehen und darauf warten, dass diese die Tür öffnet, desto mehr gestaltet sich auch so ihre Rolle. Sie sind da und sorgen dafür, dass Lauf der Dinge einen sicheren Rahmen hat.
Nicht mehr, nicht weniger.

Um diesen Einblick bin ich dankbar. Zu sehen, wie sehr es eben doch möglich ist, auch von Polizisten nicht wie ein durchgeknalltes Nerv-Pack, das sich einfach nur nicht zusammenreißen will behandelt zu werden, wenn man gerade an einem sehr tiefen Punkt im Leben ist.

Meine Nachbarin fährt im Krankenwagen weg und wir essen unser Frühstück auf.

Später ruft der Begleitermensch an und bringt etwas auf, woran ich noch nicht gedacht hatte: Die Möglichkeit, dass sie den Zugang wegen einer anderen Krankheit im Arm hatte.
Darüber hatte ich noch nie nachgedacht, wenn ich mich damit auseinandersetze, wie gewaltlose Konsensfindung in solchen Situationen aussehen könnte. Grundsätzlich verändert es für mich nicht viel. Auch wenn eine Person zusätzlich zu psychischer Belastung noch eine Krankheit hat, muss sie unter allen möglichen und unmöglichen Umständen die erste Person sein, die man fragt, was gewünscht ist. Denn ja: im Leben gibt es “Wünsch dir was” und zwar immer und für alle. Die Frage ist, wie man die Erfüllung für alle gleichermaßen gut gestaltet.

Die Wünsche und Rechte anderer Menschen zu beschränken ist etwas, das diskussionsbedürftig ist. Aushandlungssache. Alle Beteiligten müssen damit okay sein, dass sie dürfen, was sie dürfen und, dass sie nicht dürfen, was sie nicht sollen. Das gilt in der Sandkiste genauso wie im Alltag einer jeden Person.

Es ist einfach nur ein nicht alltägliches Szenario, das sich auftut, wenn jemand in einer Ausnahmesituation ist. Vielleicht deshalb, weil eine rein psychische Lage vorherrscht – vielleicht aber auch, weil eine körperliche Situation zu einer wackligen Seelenlage führt.
Für mich war allerdings klar: wenn sie noch eine andere Krankheit hat, dann hatte ich keine Ahnung davon und das ist als Grundlage immer ungünstig für jedes gute (nicht schadende) Miteinander. Sie konnte mir nicht viel über sich sagen, ich kannte sie zu wenig, um viel von ihr zu verstehen.

Und hier findet sich der Grund weshalb wir grundsätzlich dafür sind, Menschen darin zu stärken mehr für einander da zu sein. Weshalb wir die Letzten sind, die sagen: “Ja aber nur ein Arzt kann dieser Person WIRKLICH helfen” oder “Nur die Psychiatrie kann für solche Menschen WIRKLICH da sein.”. Das stimmt einfach nicht. Ein Arzt oder auch eine psychiatrische Klinik hat einfach nur die größere Rechtsabteilung im Fall, “dass etwas schief geht”, hat Mittel und Wege Medikamente zu verschreiben, die Personen besser kennenzulernen, lebt davon als Autorität angesehen zu werden.
Das ist nicht nichts – es ist aber nichts, was nur dort geht.

Eine Person, die sich dagegen entscheidet dort Hilfe zu suchen oder von dort anzunehmen, muss deshalb nicht zwangsläufig damit leben, gar keine Hilfe/Unterstützung zu erhalten. Schlimmer ist, dass es in unserer Gesellschaft Usus ist, dass das aber eben doch genau so ist und passiert.
Weil so eine Einrichtung einfach sehr bequem ist. Sehr gut von etwas fernhält, das man “sozialgesellschaftlichen Vertrag” nennen könnte.

Der Umstand, dass wir alle miteinander zu tun haben, bedeutet für mich persönlich auch, dass man in jeder Situation miteinander zu tun hat. Auch dann, wenn man selbst „nicht so genau weiß“. Wenn man selbst “Angst hat etwas falsch zu machen”. Wenn man selbst merkt: “Wow das hab ich noch nie erlebt…”.
Vielleicht bin ich da verschroben und ganz sicher ist es Teil meiner sozialen Awkwardness und Klapsensozialisierung, aber für mich ist es normal, wenn es Leuten schlecht geht. Ich versuche für sie mit mir ein Umfeld zu ermöglichen, in denen es ihnen gut geht. In denen sie auch dann ernstgenommen und in ihrer Selbstbestimmung unangetastet bleiben, wenn sie außergewöhnliche Dinge tun oder wahrnehmen.

Und das sollte meiner Ansicht nach etwas sein, das viele, nach Möglichkeit alle Menschen, für alle Lebewesen anstreben. Dass man eben nicht nur die Sozialrosinen im Miteinander rauspickt und wenns bitter wird abschiebt/weggibt/ignoriert, was passiert.

Menschen, die „Angst“ vor Suizidalität oder psychotischen Zuständen oder wahnhaftem Erleben haben, sind sicher nicht auch Menschen, die sich nie einen Thriller oder die Titelseite der BILD reingezogen haben. So groß kann diese „Angst“ also nicht sein, denke ich. Aber, so schlimm können die Gefühle sein, die sich auftun, wenn man weiß, dass man in einer Gesellschaft lebt, in der Schuld- und Schande-, Macht- und Ohnmacht-Dynamiken so derartig tief greifen, dass es undenkbar wird, auch selbst und aus sich selbst heraus in irgendeiner Form hilfreich oder guttuend auf und mit anderen Menschen wirken zu können.

Es braucht einfach nicht immer und für alles Autoritäten. Manchmal braucht es Hilfe und Unterstützung und Autoritäten können manchmal vielleicht dabei helfen, das ranzubringen, was man selbst gerade nicht geben kann.
Das können sie aber nur solange, wie ich selbst entweder glaube, dass ich nichts (oder nicht genug) zu geben habe oder zu viel Angst davor habe, etwas zu geben, weil ich mit Strafen oder anderen negativen Konsequenzen rechnen muss. Das ist klassische Psychiatrie/Machtkritik und damit das Ende dieses Textes, in dem wir vor allem aufschreiben wollten, dass wir das heute erlebt haben.

 

Ich hoffe, meine Nachbarin hat weder HIV noch Krebs noch einen Hirntumor, noch irgendetwas anderes, wegen dem sie neben der vergleichbar harmlosen Psychose, die ich in ihrem Verhalten zu sehen glaubte, im Krankenhaus behandelt wurde.
Ich hoffe, sie kann sich in ein zwei drei vier Wochen mit ihren sehr sehr guten Medikamenten und einigen Unterstützungen durch ihren sehr sehr guten Arzt, an nicht mehr viel von heute morgen erinnern.
Ich hoffe, dass ich bald einfach bei ihr klingeln und eine Tasse Kaffee trinken kann, um ihr zu sagen, dass sie beim nächsten Mal, wenn sie wegen etwas ins Krankenhaus fahren muss, nicht allein da sein muss. Ihr zu sagen, dass sie sich vor mir deshalb schämen kann, wenn sie will, aber auch nicht muss.

Ich hoffe, dass ich für sie nicht “die berühmte Königin” bleibe, sondern eine Verbündete werde, die im Fall des Falls, der anders als heute laufen soll, mit ihr zu sein bereit ist.

Themenwoche “Ableismus”

Seit NakNak*s Diagnose haben wir Themenwoche “Ableismus”.
Und weil wir gerade niemandem all das sagen können, was wir sagen wollen, schütten wir unsere Worte mal wieder hier hin.

Es begann damit, dass wir unsere eigene Behinderung und die damit einhergehenden Begrenzungen gespürt haben.
Das informierende, beratende Gespräch mit dem Tierarzt war wenig informativ und vielleicht zu holterdipolter nach der Diagnose, um beratend zu wirken. Er spricht kein glattes Deutsch und was meistens kein Problem ist, war diesmal, wo es mir um wirklich jeden Aspekt der Erkrankung des Hundes ging, ein Riesenproblem.

Ich konnte den Sinn seiner Worte nicht verstehen. Konnte mich nicht auf einer Ebene mit ihm bewegen und entsprechende Fragen stellen. Was ich aber wichtig finde, wenn es darum geht, was für NakNak* gut und wichtig ist. Sie ist scheiße nochmal so sehr davon abhängig, dass wir gute Entscheidungen für sie treffen. Es ist wichtig, dass wir alles verstehen. Und es klappte einfach nicht. Mein Verstehstress, tickte meine Ohnmachtsgefühle an, ein anderes Innen tauchte auf. Scheiterte. Wir kamen richtig in Stress und sind da ~irgendwie~ raus.
Super Leistung.
Nicht.

Wir wissen, dass in uns in solchen Momenten sehr alter Selbsthass wieder angeht, der teils erlernt und von außen nach innen genommen wurde, sich aber auch aus unserem Anspruch an unser Funktionieren ergibt. Und ich weiß, dass viel von unserem Selbsthass aus den ableistischen Demütigungen in  unserer Kindheit und Jugend kommt. Ich weiß, warum es in meinem Kopf 24/7 dauerschleift, dass ich gefälligst reden soll, wenn man mit mir redet. Dass ich nicht so behindert glotzen soll. Dass ich meinen blöden Arsch hochkriegen soll, um Dinge so zu tun, wie man es mir gesagt hat.
Und trotzdem.
Es ist etwas anderes in so einem Moment.

Da reicht es nicht zu wissen, dass das alles vorbei ist. Dass ich, dass wir Dinge können und bla bla bla – denn in diesem Moment ist da eine Behinderung und sie passiert genau da, wo ichwir und meinunsere Fähigkeiten enden. Und allein aus uns heraus kommen wir da auch nicht drüber.
Und so denken wir uns gerade die Zukunft mit NakNak*, die blind wird und uns immer und konsistent klar und auf sie passend eingestimmt braucht: Wir brauchen Hilfe dabei und niemand raffts.

Und wenn wir daran scheitern, dann sind wir die Person, die ihren Hund weggibt, weil sie nur eine funktionierende Maschine benutzen will.

Stichwort “funktionierende Maschine” – das ist die andere Seite
Seit wir das wissen, fragt uns jede_r die_r davon erfährt, ob man das operieren kann. Wegmachen kann. Aufhalten kann.
Und niemand redet mit uns darüber so, als hielte man es für notwendig, dass wir das machen, oder so, als würde man von uns erwarten, dass wir das machen lassen – sondern EINFACH NUR SO – was ich nicht verstehe.
Alle Menschen in unserem Leben wissen, dass wir uns das nicht leisten können und aus Gründen, die mit unserer Haltung zu Speziezismus zu tun haben, auch nicht wollen. Und trotzdem reden sie mit uns lieber über eine Operation, als darüber, wie (ob) wir uns fühlen, welche Ideen wir haben, was für (ob) Gedanken uns bewegen, was man sich als hilfreich für den Umgang vorstellen könnte.

Meistens weiß ich auch gar nicht, wie ich mich fühle. Denn ich hab Themenwoche Ableimus an NakNak* und daneben noch zig andere Baustellen, die teilweise ihr ganz eigenes Feature in ebenjene Themenwoche einfließen lassen.
Die Menschen sind alle zugewandt und wollen mit uns sein – aber es verletzt so sehr, wie sie es versuchen.

Ich, wir, versuchen NakNak*s Blindheit als etwas zu akzeptieren, das passiert. Als das “Risiko”, das wir eingegangen sind, als wir uns dafür entschieden haben, einen gemeinsamen Weg zu gehen. Nicht als etwas, “wogegen man angehen muss”, was “ja eigentlich nicht so schlimm” oder “eine traurige Sache ist”.
Denn genau diesen Scheiß haben wir mit unseren Behinderungen jeden scheiß verdammten Tag schon für und über uns und unsere Un_Fähigkeiten, x-mal am Tag auf dem Tableau.

Es ist nämlich genau das auch mit unserem Autismus. Weil es “bei uns ja nicht so schlimm ist”, sieht niemand unsere Kommunikationsprobleme und überfordert uns immer wieder. Weil “es ja so eine traurige Sache ist”, bietet man uns manchmal Hilfe an, wo wir gar keine brauchen oder bevorzugt uns schneller mal auf sozialen Ebenen. Weil “man ja dagegen angehen muss”, halten so viele Leute unseren überdurchschnittlichen Lern- und Arbeitszeitraum für legitim und nicht das Ergebnis von Bewusstsein über die Notwendigkeit mehr als andere Menschen kompensieren zu müssen.

Kompensation ist, was die Leute sehen, doch nicht begreifen. Sie sehen einen Rollstuhl und denken: “Ah behindert, weil kann wohl nicht (so gut/lange/weit..) laufen.” und eben nicht: “Ah kompensiert mit dem Rollstuhl die Behinderung, die dadurch entsteht, dass…” und das ist der Punkt.

NakNak* war und ist nachwievor etwas und jemand, die_r uns sowohl Kompensations/Hilfsmittel als auch Begleiter_in ist.
Sie ist nicht wichtig für uns, weil wir behindert sind.
Sie ist, wichtig für uns, weil der Großteil von uns nicht sprechen kann/will bzw. nicht spricht, um zu kommunizieren. Sie ist wichtig, weil sie uns damit geholfen hat eine Routine zu etablieren – und bis heute hilft, diese aufrecht zu erhalten. Sie ist wichtig, weil wir in ihr viele Anhaltspunkte für das eigene Stresslevel haben und ach vieles mehr. Manches haben wir Stefan auf dem Podstock erzählt und manches in dem Text über sie letztes Jahr.

Ihre gesamte Ausbildung basierte auf Sicht bzw. alle Signale/Befehle an sie sind (und manche: auch) Handzeichen.
Aus Gründen, die wir nicht einfach mal eben so umstricken können oder wo man einfach so sagen kann: “Ja ach das wird schon…”. Wir hatten uns dabei schon was gedacht und müssen auch heute noch sagen, dass sich keiner dieser Gründe erledigt hat.
Und nein – es ist auch nicht aufmunternd oder tröstlich oder hilfreich, wenn uns Leute schreiben, dass sie in einer ähnlichen Situation auch dachten, sie würden das nie schaffen, aber dann doch geschafft, weil… Das ist es schon deshalb nicht, weil sich sowas aus der Retrospektive immer leicht sagen lässt und Geschichten vom Nichtgeschaffthaben so gut wie nie erzählt/geteilt werden.

Gerade bei Haustieren ist Nichtgeschaffthaben so eine Sache. Ein Tier aus dem Tierheim zu holen ist Gold, wer vom Züchter abkauft, elitärer Scheißspießer, der einen Designerhund will, der dann doch im Tierheim landet, weil besonders so ne Leute doch alle Versager sind. Tierheimtiere brauchen Retter_innen blablabla Ein Herz für Tiere zeigt sich in bedingungsloser Aufopferung kotzbrechbla

Und in so einer Lage, wie meinunserer?
Wo wir uns sehr wohl auch reflektieren müssen, ob wir mit den Problemen, die NakNak* kriegen wird, langfristig wirklich die richtige Person sind, schmeißen wir sie damit weg oder was? Oder denken wir da nicht vielleicht irgendwie doch so verantwortungsbewusst, wie man das von Haustierhalter_innen erwartet?

In einem anderen Haushalt würde man sie vielleicht operieren können (finanziell) und würde sich mit der Entscheidung nicht herumquälen (weil man ihr Einverständnis dazu nicht einholen kann, aber das nicht problematisch findet). In einem anderen Haushalt würde das Leben vielleicht auch nicht auf die Richtung zugehen, wie bei uns mit Auswander- Berufseinstiegverselbstständigungs- und Familienplanungsüberlegungen – da hätte sie vielleicht noch Zeit sich umzugewöhnen, so lange sie noch sehen kann und ist dann bis zum Lebensende supergechillt und glücklich, weil sich nicht dauernd alles ändert?
In einem anderen Haushalt müsste sie nicht mehr arbeiten. Da wären vielleicht Leute, deren Schwierigkeiten im Alltag anders und nicht so kontinuierlich wie bei uns vorliegen?

Ich würde anders darüber nachdenken, wenn wir in den letzten Jahren mehr Fortschritte an den Stellen gemacht hätten, die NakNak* uns kompensieren hilft. Haben wir aber nicht. Auch aus Gründen. (Die völlig okay sind und andere gemachte Fortschritte deshalb nicht abwerten).

Ich weiß im Moment nicht, wie ableistisch mein Blick auf uns ist. Mache ich gerade zu viel von meinunseren Fähig- und Fertigkeiten abhängig? Unterschätze ich die Fähigkeiten, die NakNak* hat, selbst wenn sie blind ist? Entlang welcher Parameter kann man alternativ entscheiden bzw. auseinandersetzen?

Ich wünsche mir im Moment so sehr meine Anti-Ableismus Timeline in die direkte Nachbarschaft.
Wünsche mir lange Stunden mit Auseinandersetzung und Diskurs darüber, wo es langgehen kann, wenn man die ableistischen etablierten Pfade verlassen will.
Ich hätte gern, dass mich niemand trösten will, sondern auf das stößt, was ich gerade ausblende.
Kein Vermeidungstanz, sondern echte aufrichtige Mit-mir-zusammen-Auseinandersetzung.

Zum Einen um dahin zu kommen, einen Umgang zu finden – zum Anderen aber auch, um selbst in der Situation anzukommen.
Denn eigentlich – emotional – stehen wir (Rosenblätter) da noch in der Praxis und verstehen gar nichts außer: Wir haben keine Ahnung, was wir tun sollen und ob wir dem genug sein können.

Während andere Innens Schule, Alltag und Gedöns weitermachen als wär nichts gewesen und wir uns fragen müssen, ob da überhaupt irgendwas von dem Tierarzttermin angekommen ist.

körperlich

Die Luft schmeckt nach einem Gewitter, als ich das Rad abschließe und ein letztes Mal tief einatme.
Ein erstes Mal Fitnessstudio und gucken was geht.

Erstmal gehts rein. Das ist ein erster Schritt und der ist wichtig. Fühlt sich schon sehr sportlich an. Und nach dem Stück Schokolade, das in unseren Gewohnheiten ein enges Verhältnis zu Sportlichkeit hat. Sport und Schokolade sind ein Paar. Auf ewig miteinander verbunden. Unter unserer Haut.
Das kann ich verstehen. Bestimmt ist es da kuschlig.

Jetzt schreibe ich hier quatschig und hab doch einen Rumms-Grund dafür überhaupt etwas aufzuschreiben.
Aber so ist das. Man kann den ganzen Tag rumgeikeln. Witze machen und sich Quatschgeschichten ausdenken. Alltag leben und Facetten erkunden. Und es passiert nichts. Man ist da und es ist wie es ist.
Und dann steht man da in den coolen Sportsachen, ist voller Elan zu tun, was man in Fitnessstudios so tut und dann fragt der Trainer: “Hast du irgendwas Körperliches? Irgendwelche alten Bänderrisse, schwierige Knochenbrüche, Metallstifte im Knochen … sowas irgendwie?”.

Und es ist ein Rumms. Eine dieser Watschen, die so unvermittelt kommen, dass die Wirkung erst Stunden später richtig ankommt.
Nämlich, als ich verschwitzt und schwindelig aus dem Studio laufe und beginne mich nach Innen zu reorientieren, weil der Zustand ein Erinnern antriggert.
Danach fahre ich durch die schwüle feuchte Luft und denke: “Ich hätte auch sagen können, dass ich ein Bänderdings erinnere, mit dem ich aus einer Vergewaltigung zurückgeblieben bin.”. Und dann mache ich einen Witz. Hätte hätte Fahrradkette. höhöhö

Was weiß ich, was wir alles hatten. Gar nichts weiß ich davon. War nie mit irgendwas nach irgendwas bei einem Arzt oder hab mich groß darum gekümmert, wie was heilt oder nicht heilt. Ich habe das einfach immer alles vergessen.
“Vergessen” – ja ja. Ich weiß, es ist eigentlich mehr verdrängt oder auch verdisst. Was weiß ich.
Es ist ja nicht so, dass es Menschen, die zu Opfern wurden, so irre schwer gemacht wird, gar nie an irgendetwas anderes zu denken, als das, was ihnen passiert ist. Oder womit sie aus der Erfahrung hervorgingen.
Es ist ja nicht so, dass Opferschaftserfahrungen per default angenommen und also ganz üblich in Alltagsgespräche einfließen.

Es ist ja nicht so, dass die Folgen von Gewalt und vielleicht auch gerade sexualisierter Gewalt als auch körperliche Langzeitfolgen allgemein besprochen werden. Jedenfalls ist das in der therapeutischen Literatur, die wir dazu bisher gelesen haben, eher nicht so der Fall.
Klar, wird da das eine oder andere Späterdrunterleiden auch als körperlich betrachtet. Aber ich spreche nicht von Essstörungen, Selbstverletzung oder Sportsucht. Ich spreche von Dammrissen, Analfissuren, Bänderrissen, Steißbeinbrüchen, ausgerenkten Hüften und so weiter und so weiter, die vielleicht gar nicht mal so funktional unbeeinträchtigend heilen.

Und trotzdem funktioniert es sich einfach so weiter. Man schüttelt sich aus der geschundenen Haut in eine zweite hinein. Streift sie sich über und hofft, dass sich die Falten schnell glätten.
Man sieht es uns nicht an. Die Folgen der Gewalt in unserem Leben, sind wie die waberweiche Flatterfisselei, die mit dem Begriff “Psyche” bezeichnet wird: auf den ersten Blick nicht zu sehen.
Dass es selten mehr als diesen ersten Blick gibt, gehört auch dazu.

Denn irgendwann kommt er immer. Der Moment, in dem ein Handgelenk aus dem Pulli ragt. Ein Shirt verrutscht. Ein Gespräch so intensiv wird, dass man von Geplänkel zu Themen kommt. Und dann ist etwas zu sehen.
Und dann kommt das Moment, in dem wir uns entscheiden müssen, wie wir damit umgehen und welchen Umgang wir anderen uns gegenüber erlauben wollen.

Denn ja – ich vergesse es. Vergesse mein Hüftding. Mein Bänderding. Mein Steißbeinding. Mir ist das ja auch nicht passiert, sondern meinen Mitbewohner_innen. Meinen Inneren. Meinen Kleinen, denen ich das irgendwie abnehmen will und deshalb so tue, als sei es auch mir passiert. Das ist eine schöne Geschichte, denke ich. Mich würde das irgendwie trösten. Wenn jemand sagt: “Was du erlebt hast, hab ich auch erlebt. Du bist nicht allein.”

Denn allein fühlen wir uns oft damit. Mit all dem. Gerade in so einem Moment wie in dem Fitnessstudio.
Wo ich merke, dass es hinter mir und unter meiner Haut rappelt und zappelt, weil wir von so vielen angeguckt werden. Weil der Körper angeguckt wird und dem eigentlich nur eins folgen kann: Stress und zwischenmenschliche Triggerfallen

Jemand will ein Kompliment machen und in meinem Kopf denkt es in Unterwerfungsschleifen. Jemand will ermuntern und von irgendwo quellen magersüchtiger Ehrgeiz und Versagensangst hoch. Jemand denkt, wir merken es nicht mit Blicken ausgezogen zu werden und eine ganze Kaskade spult sich auf, dem “passend” zu begegnen.
Daneben Schreie im Hals, ein Pulsdonner im Ohr und diffuse Abwehrbewegungsimpulse. Einfach so. Ohne Kontext. Ohne die Möglichkeit eines Anknüpfungspunktes nach Außen. Alles, was ich da erlebe und merke, er_wieder_erlebt sich in mir drin. Bei uns da drinnen. Im Inmitten. Einer Insel so fern von Menschen, Zeit und Raum, dass man sich nur einsam und allein fühlen kann. Bis es vorbei ist.

Dann ist da wieder Alltag. Was weiß ich. Tüdelüt. Lauf der Dinge.
Wo ich so leicht reinschlüpfen kann, weil es nie mehr als ein erster Blick ist, den ich zulasse.
Weil ich hingehe, mache und wieder weggehe.

Und wenn ich einen Mitgliedsvertrag über 12 Monate abschließen soll, obwohl ich nur 6 will, dann komme ich auch nicht wieder.

“…für immer” oder: innere Wahrheiten

Es gibt einen Gedanken, den wir uns, wann immer er sich auszuformen beginnt, zerlegen müssen.
“ES hört nie wieder auf.” Oder: “Für immer wird …/werde ich…”.

Dieser Gedanke ist in uns so fest und stabil gewachsen, dass er eine Wahrheit ist. War.
Er ist so eng in unser Er_Leben gebunden, wie der Gedanke: “Der Himmel ist blau” oder “Regen fällt immer von oben nach unten.”. Genau wie diese beiden Wahrheiten, formte er sich aus alltäglichen Beobachtungen und Erfahrungen.

Kinderwahrheiten sind krass, denn Kinderleben sind krass. Kinder sind Überlebenspunks und das ist gut so. Vor allem ist es gut für sie.
Wenn ein Kind eine Wahrheit für sich etabliert, dann tut es das in jedem Fall, um das eigene Leben zu sichern und zu strukturieren. Es ist wichtig bestimmte Wahrheiten zu haben, um sich eine Basis zu bilden, von der aus die Welt immer wieder neu erkundet und abgeglichen werden kann.

Kinder, in deren Leben Gewalten wirken, die zu Schaden, Schmerz und Todesängsten führen, entwickeln spezifische Wahrheiten.
Was logisch ist, denn Gewalterleben ist spezifisch.
Das Problem: die Wahrheiten aus Zeiträumen eines Gewalterlebens können manchmal nicht mit den Wahrheiten “des restlichen Lebens” verknüpft und/oder differenziert wahrgenommen werden.
Zum Einen, weil sie einander manchmal vielleicht komplett widersprechen (“Erwachsene Menschen sind eine sichere Quelle für Wohlbefinden und Sicherheit” versus “Erwachsene Menschen sind eine (sichere) Quelle für unaushaltbaren Schmerz und Todesangst”) zum Anderen, weil Gewalterleben für Kinder so krass sein kann, dass die, sagen wir mal “Konstruktionsweise” dieser Wahrheiten eine andere ist.

In dem Artikel “Trauma, Trigger, Volvo fahren”, hatte ich bereits angedeutet, wie krass schnellvielzuvielalleszuviel das Erleben einer als lebensbedrohlich und unausweichlich (schmerzhaft/schädigenden) Erfahrung ist. In diesem Text versuchte ich nachvollziehbar zu machen, wie logisch entsprechend der Zerfall der Selbst- und Umweltwahrnehmung ist – mindestens in genau dem Moment, in dem diese Situation passiert.
Um eine zerbröselte Umwelt- und Selbstwahrnehmung lässt sich schlecht eine runde ganze stimmige Wahrheit bilden. Wohl aber um das Gefühl, das mit diesem Zerfall einhergeht. Oder um den Status der eigenen Un_Befähigungen. Oder um den Umstand, der (vermeintlich) zu dem Gewalt_Erleben geführt hat.

Menschliche Gehirne sind supernachtragend, was miese Erfahrungen angeht. Sie merken sie sich ganz besonders gut, um sie nicht noch einmal machen zu müssen. In Sachen Gewalterleben und/oder Verwundetwerden, sind sie Obermegaprofis.
Obermegaprofis mit perfekter Marketingstrategie. Schnell, intensiv, eingängig – so sind Traumawahrheiten gestrickt und speziell traumatisierte Gehirne sind bereit zu jeder Gelegenheit eine Flut von Wahrheiten-Spam rauszuballern, wenn am Horizont etwas auftaucht, das eventuell vielleicht dazu passt.
An dieser Stelle zeichne ich keineswegs nur die Funktion von “Traumatriggern” nach.

Sämtliche Wahrheiten, die Menschen in sich herum tragen, kommen aus allen möglichen Erfahrungen und Beobachtungen. Manche aus Gewalterleben, manche nicht. Unser Gehirn schickt uns aus Wahrheiten-Spam, wenn wir verliebt sind, wenn wir ein Thema total interessant finden, wenn wir uns etwas Neues anschauen oder eine neue Fähigkeit erlernen. Denn alles, was Menschen in ihrem Leben lernen und wahrnehmen, kann sowohl angenehme als auch unangenehme Qualitäten haben.
Dass ich nach einem Treppengeländer greife, hat nichts mit der Wahrheit zu tun, dass Geländer genau dafür da sind – sondern damit, dass ich weiß, wie weh es tut, eine Treppe hinunter zu fallen. Um das zu wissen, musste ich aber erst einmal eine hinunter fallen – dann begreifen, wie das passiert ist – wie ich es besser mache und dann noch, welche Rolle das Geländer dabei spielen kann.
Das heißt: es geht nie um eine Wahrheit bzw. ein Beobachtungsergebnis allein, wenn man dabei ist, eine bestimmte Erfahrung (neu) zu machen. Es geht immer um eine ganze Traube von Wahrheiten. Im Beispiel mit der Treppe geht es um die innere Wahrheit, dass ich laufen kann; dass ich auf eine bestimmte Art laufen kann (um sie hoch und runter zu kommen); dass ich mein Gleichgewicht halten kann usw. usw. usw.

Wahrheiten, die sich aus traumatischem Gewalterleben (also einem Erleben von Gewalt, das traumatische Auswirkungen auf eine Person hatte), herausentwickeln, sind der Premiumspam, den Gehirne auffahren können. Zum Einen, um eine Wiederholung zu verhindern und zum Anderen, um als Teil der aller gemachter Lebenserfahrungen verknüpft zu werden.

Ich kann die Wahrheit “ES hört nie wieder auf” an uns in so vielen Aspekten unseres Lebens reflektieren, dass ich mich manchmal frage, wie wir das überhaupt aushalten, dennoch immer wieder in Momente hineinzugehen. Kontakte zu knüpfen, neue Erfahrungen zu machen und insgesamt scheinbar ständig in Bewegung zu sein.
Und inzwischen weiß ich, dass es genau darum geht.

Nichts kann anfangen nie aufzuhören, wenn alles immer wieder neu begonnen wird.

Jeder Tag, jede Aktivität, jeder Kontakt. Immer wieder neu ist es Hier und Heute.
Wir, als Person, die sich und ihre Umwelt dissoziiert (also eher fragmentarisch (fragmentiert)) erlebt, haben schon kein rundes, ganzes, umfassendes Sein im Alltag. Ist ein Kanal auf, sind alle anderen zu oder nur sehr begrenzt offen. Entsprechend wandeln sich unsere Sichten auf die Welt und damit auch das Set an inneren Wahrheiten, mit denen wir (Innens) jeweils leben und sind.

Es ist nicht so, dass wir jeweils ganz vorn anfangen müssen, uns die Welt zu erklären oder zu bewahrheiten. Es ist aber so, dass wir uns mit diesen Wahrheiten befassen müssen, um mehr Kongruenz füreinander zu er.schaffen (und so die dissoziativen Brüche zu verschließen).
Denn unser Leben mit DIS ist (neben vielem anderen) das unvermittelte Bemerken, dass sich manches Erleben völlig konträr zu dem verhält, was konkret passiert. In einer Innenansicht formuliert würde ich schreiben, dass ich plötzlich merke, wie ein anderes Innen etwas sehr dringend vermeiden will, das mich selbst seit Jahren mit Freude erfüllt, ohne je ein Problem gemacht zu machen.
Das vielleicht nochmal übersetzt in das, was ich von traumatisierten Menschen verstanden habe, die nicht viele sind: “Erst war alles okay (wie immer) – und plötzlich ist alles scheiße (als wäre es nie okay gewesen) und ich weiß nicht, warum.”.

“ES hört nie wieder auf” ist eine Kinderwahrheit bei uns. Eine, die so fest und klar inmitten von uns steht, dass es schwierig ist, sie zu verpflanzen oder zu verändern – vor allem nicht in Momenten, in denen wir sie von den Innens spüren, die sie etabliert haben, weil das ihre Realität war – und bis heute ist.

Was wir dann machen, ist nicht mehr die Schleife, die wir zu Beginn der Therapie erfahren haben. Die “Was du fühlst ist falsch (alt) – IN WAHRHEIT ist jetzt…”- Schleife.
Wir haben inzwischen verstanden, dass wir genau auf diese Ansprache geeicht sind. “Was du denkst/fühlst/wahrnimmst ist falsch – eine andere Instanz/Autorität (!) weiß es besser (du musst machen/glauben (du darfst nicht in Frage stellen oder in Zweifel ziehen), was diese Person sagt oder dir vorgibt).”. Das ist eine Wahrheit, die für uns vermutlich nie mit Dingen verknüpft war, die wirklich und tatsächlich gut für uns waren – sehr wohl aber für Menschen, die etwas davon hatten, wenn wir dem gefolgt sind.

Und hier sind wir an einem Punkt, den wir für wichtig halten.
Natürlich könnten wir uns hinstellen uns sagen: “Die Täter_innen haben einen Mechanismus pervertiert, der eigentlich immer nur Hilfe und Gutes bedeuten soll.”. Oder sagen: “Die Täter_innen haben ausgenutzt, dass wir es nicht besser wussten.”.

Tatsächlich stellen wir uns hin und sagen, dass autoritäre Sozialstrukturen immer gewaltvoll sind. Dass es immer gewaltvoll und ergo immer unterdrückend ist, wenn eine Person die Gedanken, Gefühle und inneren Wahrheiten einer anderen Person als falsch deklariert und durch die eigene oder eine vermeintlich “neutrale” (“echte” oder “wahrhaftige”) ersetzen will.

Für uns gehörte das zu den Wahrheiten, die wir dank der Auseinandersetzung mit Gewalt als menschliche (Sozial)Dynamik inzwischen reflektiert haben.
“Andere haben immer Recht.”. “Meine Sicht ist falsch, weil … (ich ich bin (Tochter von Eltern, die…), ich krank bin (Patientin von Dr. XY, die_r …), ich betreut bin … (Betreute von XY, die_r…) …”. “Meine Gefühle und Gedanken gehören nicht in diese Welt, denn andere teilen sie nicht/verstehen sie nicht/halten sie für falsch oder unpassend.”.
Alles Wahrheiten, die nachwievor da sind, jedoch durch unsere aktive Auseinandersetzung noch eine schöne Traube anderer Wahrheiten an ihrer Seite haben. Zum Beispiel hängt neben “Andere haben immer Recht”: “Manchmal haben wir Recht” und “Recht zu haben bedeutet nicht mehr, als eine Sache richtig/passend eingeschätzt zu haben” und vieles mehr.

So nehmen wir den Gedanken “ES hört nie wieder auf.” als die Wahrheit ernst, als die sie gerade für jemanden passiert.
Ein Kinderinnen, das keinen Zeitbegriff hat, ist schlicht nicht in der Lage eine Idee von Anfang und Ende zu haben. Es hat keinen Sinn so einem Innen zu sagen, dass ES schon aufgehört hat oder aufhören wird, solange es noch keinen Bezug zu Zeit_erleben hat.
Für uns hatte es auch fatale Folgen zu versuchen, in so ein Innen viele neue Erfahrungen hineinzugeben, “damit es sieht, wie toll und sicher das Heute in Wahrheit doch ist.”. So kam es zu einer weiteren Spaltung, in der ein Kinderinnen seine Wahrheit behielt und ein anderes (neues) die Negierung dessen unter dem Zwang (der sich aus dem therapeutischen Machtgefälle ergab) zur “eigentlichen” Sicht auf die Welt (wie sie für das Außen “in Wahrheit” ist, er.trug. Dieses neue Innen war nichts weiter als das, was das Außen wollte: ein Innen, das die Welt im Heute ganz und gar klasse super sicher toll findet (und der Behandlerin das Gefühl gibt alles richtig gemacht zu haben – und also das andere Kinderinnen nicht weiter bedrängt).

Heute haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, uns erwachsene Innens an die Wahrheiten der Kinderinnens anzunähern als etwas, das zu ihrer Zeit – zu unserer Kindheit – tatsächlich wahr war. Für sie. Völlig unabhängig von dem Außen, in dem sie damals gelebt haben.
Was für uns, die wir diese Kindheit nicht bewusst erlebt haben, bereits ein 24/7 Kampf um Wahrheit, Echtheit, emotionale Balance und Erhalt des eigenen Bildes von Welt und Leben ist. Noch lange, bevor wir uns den Erfahrungen dieser Kinderinnens bzw. diesen Kinderinnens selbst zuwenden.

Wir wenden uns nur ihnen und ihrer Wahrheit zu und wollen das im Moment auch nicht anders machen. Wir benutzen unsere inneren Wahrheiten nicht dazu Rückschlüsse auf die Echtheit oder objektive Wahrheit dessen zu ziehen, was damals passiert ist. Sind inzwischen auch soweit okay damit zu sein, sollte sich irgendwann herausstellen, dass von dem, was wir bisher als Erinnerungen eingeordnet und unserer Therapeutin geschildert haben, nur 0,001% auch wirklich richtig objektiv wahr nachweisbar passiert ist. Für uns ist diese Wahrheit nicht wichtig und wir machen unsere Erinnerungen nicht wichtiger als das, was sie sind: das Ergebnis von Reizwahrnehmung und Verarbeitung in unserem ganz persönlichen Rahmen der (neurologischen und psychischen) Gegebenheiten.

Wir können uns das aber auch erlauben. Wir sind nicht in einem OEG-Verfahren oder haben eine Anzeige erstattet.
Um uns diese Form der Auseinandersetzung zu erlauben, haben wir unsere Ansprüche als von Gewalt traumatisierte Person an diesen Staat und diese Gesellschaft, so weit runtergeschraubt, dass immer unsere Schwierigkeiten hier und jetzt eine Rolle spielen. Niemals aber das Leiden oder der Schmerz von dem wir in der Therapie über das Früher erfahren.

Ist nicht unproblematisch.
Muss niemand genauso auch machen.

Doch für uns markiert dieser Umgang einen jederzeit erreichbaren Zeitbezug, der über die Jahre sehr fest und stabil in uns verankert ist. Und zwar für sehr viele von uns. Selbst jene, die nachwievor an der Andersheit unserer Lebenskontexte zweifeln.
Eine Grundvoraussetzung für die Therapie ist, dass wir über früheres als früheres sprechen. Eine Grundvoraussetzung unserer Wohnung, des Hundes, unserer Selbstfürsorge ist, dass früheres nicht mehr als früher Geschehenes ist und heutiges genau heute geschieht.
Das kann man sich als dickes Seil durch unsere Lebensrealität vorstellen, an dem kleine Signalwimpel baumeln.
Es gibt viele Dinge und Dynamiken, die früher auch wichtig waren. Essen und schlafen müssen zum Beispiel. Doch heute hier und jetzt haben sie eine andere Bedeutung als damals und bilden damit Anlass zu neuen Wahrheiten, die in Abgrenzung und Vergleich zu den alten Wahrheiten stehen können, ohne richtiger oder falscher zu sein.

Auch Wahrheiten-Premiumspam kann so in seiner Flut eingedämmt werden.
“ES hört nie wieder auf.” kann von uns gut von Wahrheiten eingedämmt werden, die wir aus anderen Erlebensqualitäten ziehen. Zum Beispiel mit erst einmal banalen Wahrheiten wie: “Der Regen fällt immer von oben nach unten.” oder “Die Welt dreht sich weiter.” oder “Eine Sekunde ist der Abstand zwischen Tick und Tack” oder “Ich stehe hier in meiner Wohnung.” oder “Das ist NakNak*.”.
Es ist extrem anstrengend solche Dinge zu denken, wenn im Kopf diese Flut herrscht. Es ist – ohne das ganze jetzt noch mehr banalisieren zu wollen – tatsächlich so, wie die eine echte Email in einem Postfach hunderter Spammails zu finden, wenn es keine Filterfunktionen und nur teilweise dargestellte Betreffzeilen gibt.
Man hört hunderte Male auf zu suchen. Wird hunderte Male ertränkt. Sieht sich immer und immer wieder den alten Wahrheiten folgen und vermisst nicht mal die neuen, denn es lebt sich ja immer weiter. Mit egal welcher Wahrheit, die man hat und verfolgt.

Ich habe vor einer Weile mitten in einem unkontrollierten Erinnern gemerkt, wie stark die Wahrheit in mir war, das, was ich da fühlte, als wäre es hier und jetzt, würde niemals enden. Wie sehr es mir jeden Widerstand genommen hat. Jede innere Konsistenz. Jeden Horizont. Und auch jedes Maß für das, was tatsächlich mit mir passierte. Ja, ich hatte einen Schmerz, schreckliche Gefühle und die Art Angst, die im Kopf rauscht und die eigenen Ränder weiß macht – aber all das war plötzlich nicht mehr eine Reaktion auf etwas, sondern ich selbst. Ich selbst war der Schmerz, die Gefühle, die Angst und das, was irgendwie gar nicht mehr so richtig ganz ich war. Und ich war ewig. Ohne Anfang und ohne Ende. Ich war das traumatische Moment und ich war für immer.

Aber ich bin auch ein Alltagsinnen. Das heißt: irgendein Alltagsding, hat mich wieder ins Hier und Jetzt gebracht.
Eine Weile später war mir sehr bewusst, dass das nur ein Erinnern an einen Zustand inmitten einer traumatischen Situation war. Etwas, das vergangen ist. In zweierlei Hinsicht. Mein Erinnern war vorbei und das, was ich da erinnert hatte war vorbei. Auch das ist eine Wahrheit: “Mein Erinnern hatte ein Ende, wie das woran ich mich erinnerte eines hatte.”
Eine Wahrheit, die ich ganz dicht neben “Es hört nie wieder auf.” hängen kann. Vielleicht sogar so dicht, dass es die Wahrheit des Innens berührt, dessen Erfahrung ich erinnert hatte.
Es wird mir beim nächsten Mal (und ja, dieses nächste Mal mitzudenken ist Teil meiner Lebensrealität, die sich nicht dadurch verändert, dass ich das nicht tue) sehr banal erscheinen, an das Ende von Erinnern und Erfahren zu denken – aber es macht mir einen Zeitbezug. Einen, den das Innen zur ersten Wahrheit vielleicht auch spüren kann.

Das ist was gemeint ist, wenn Therapeut_innen davon sprechen, das man einander innen bekannt machen soll. Dass man miteinander in Kontakt gehen soll.
Das bedeutet nicht immer, dass man einander mit Namen und Alter vorstellt und aufschreibt wer “wofür zuständig ist” und sich darauf einigt, wer wieviel “Außenzeit kriegt. Bei uns hat das nie gut geendet so vorzugehen, denn diese Vorgehensweise war viel zu invasiv für uns.
Wir widmen uns dem, was wir voneinander mitkriegen.

Und manchmal ist es das so eine Wahrheit.

*Text als PDF zur freien Weitergabe