vom Funktionieren – Teil 3, „Realitäten“

Manchmal schon habe ich von Vielen gehört, dass sie „nicht mehr nur funktionieren“ wollen. Für manche ist „einfach nur funktionieren“ das Gleiche wie „einfach nur überleben“. Meiner Erfahrung nach lohnt es sich, hier noch einmal genauer hinzuschauen.

Grundsätzlich steht Funktion jeder Art nie allein. Nicht wirklich. Und ja, auch dann nicht, wenn man sie komplett selbst-entkernt, also dissoziiert, ausführt.
Jeder Funktion gehen Notwendigkeit, Möglichkeit und Fähigkeit voraus und jeder Funktion folgt Wirkung.
Im traumareaktiven, dissoziierten Funktionieren empfindet man sich von all dem abgeschnitten oder unberührt, erlebt vielleicht oftmals gar kein Vorher oder Nachher. Dieses Empfinden bedeutet aber nichts für die Realität von Funktion als Sachstand, der innerhalb von Sachständen passiert. Es bedeutet nur etwas für das Bild, das wir von uns als Funktionsträger_in haben. Für unsere ErLebensrealität. Unser „sich in der Welt fühlen“. Aber nicht für unser tatsächliches „in der Welt passieren“.

Auch hier also wieder ein Aspekt von Grenzen und Abgrenzung. Differenzierung.
Aber auch ein Aspekt von Wahrhaftigkeit und Verantwortungsübernahme.
Aus meiner Sicht ist es eine Art der Realitätsverweigerung, sich vorzunehmen, jedes Funktionieren einzustellen, weil man zum Beispiel in der Aufarbeitung von traumatischen Lebenserfahrungen zu dem Schluss kommt, man habe schon so viel überlebt und immer nur funktioniert. Und jetzt solle damit Schluss sein, denn jetzt ist ja definitiv alles anders.

Die Realität ist die, dass das Leben in dieser Welt in praktisch jedem Aspekt Funktionalität erfordert. Unabhängig davon, wie viel wer wann und warum bereits funktioniert hat. Lebendigkeit ist das Ergebnis von Funktionen des Organismus und dessen direkter Um- und Mitwelt. Es ist noch kein Mensch ohne die Körperfunktion eines anderen auf die Welt gekommen. Noch nie hat ein Mensch zu essen oder zu trinken gehabt, ohne, dass die Funktionen der Natur dies ermöglicht haben. Das ist Fakt. Das ist die Realität, der man hinzugefügt wurde, unabhängig von persönlicher Konstitution oder Wahlmöglichkeit. Menschen sind. Du, die_r du das hier liest, bist. Und dieses Da-Sein, ist sowohl Folge als auch Wirkung von Funktion.

Und es ist genau das, was Komplextraumatisierungen wiederholt und massiv berührt haben. Die Lebendigkeit, die physische und psychische Präsenz. Die soziale Verbundenheit. Die Funktionalität, die man als biologischer, menschlicher Organismus in dieser Welt einfach hat, hat es ermöglicht, so schwer verletzt zu werden. Sie hat es aber auch ermöglicht, diese Verletzung zu überleben.
Und es ist genau die gleiche Funktionalität, die es ermöglicht, zu heilen, zu wachsen, zu integrieren, sich das Leben nach der Gewalt neu, vielleicht auch ganz anders, zu gestalten.

Natürlich hat jeder Mensch einen eigenen Funktionsumfang. Nicht alle können alles. Nicht alle können alles, was sie können, unter allen Umständen. Aber es ist immer möglich, sich an die gegebenen Bedingungen auch funktionell anzupassen. Einfach, „klarzukommen“. Manchmal ist mehr als das einfach nicht drin.

Und ja, so traurig es ist, geht es einfach auch immer ums Überleben. Menschen haben Grundbedürfnisse, um zu überleben. Wir haben diverse soziale Systeme, um als Spezies zu überleben.
Sich dem Funktionieren zu verweigern, ist entsprechend keine funktionelle Aussage. Es ist im Kern eine suizidale Haltung. Eine Lebensverweigerung. Weit entfernt von edgy Opfer-Rebellentum gegen die Macht der Täter_innen oder generell alle und alles, was bedrohlich ist oder war.

Auch als Therapieziel taugt dieses Vorhaben einfach nichts. Ist aber eine schöne Rampe in ein Gespräch, in dem man vielleicht mal genauer hinschaut, was man mit Funktional-sein, so verbindet. Wer Selbstaufgabe und jedes Fehlen eines Widerspruchs auf An- oder Überforderungen meint, könnte überlegen, ob man nicht vielleicht das Formulieren von Widerspruch übt. Und trainiert, die Mechanismen hinter reflexhafter Selbstaufgabe zu verändern.
Auch eingefahrene Beziehungsmuster könnten eine Rolle spielen. Wenn eine Person zum Beispiel immer wieder den Eindruck hat, sie könne oder dürfe im Kontakt „nicht echt“ und also „nur funktional“ auftreten. Da lohnt es sich ja grundsätzlich schon mal zu überprüfen, ob der Eindruck Folge von traumalogischen Annahmen ist oder auf realen Kontakterfahrungen mit der Person basiert. Auch das ist Folge und Wirkung von Funktionen.

Und speaking of Therapie.
Therapie ist so ziemlich das anspruchsvollste Ding, eine der größten Herausforderungen an psychische, kognitive, soziale Funktionen, die man so hat. Wer nicht funktionieren will, weil sie_r annimmt, die Welt ist aus Gerechtigkeitsgründen für Opfer jetzt mal dran mit Funktionieren, kann von einer Therapie wohl kaum profitieren. Gleiches gilt für Betreuungen und andere Hilfemaßnahmen.

Wichtig ist, sich der Realität zu stellen, dass unsere Lebendigkeit Grundlage jeder unserer Funktionalität ist. Sie zu akzeptieren und für sich zu erforschen. Umgänge zu finden, Bedingungen zu formulieren, mit denen es sich gut, heil, kongruent, leben lässt.

vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 3

1,72m, 43 Kilo, Kleidergröße 168, so weit wie die Kluft eines durchschnittlichen Hip-Hoppers der frühen 2000er. Im richtigen Licht, im richtigen Winkel konnte ich die Blutgefäße unter meiner Haut, der größten Grenze zwischen meinem Körperinneren und seiner Mitwelt, erkennen. Meine Knochen lagen darunter, wie Steine unter Sandwehen. Nie zuvor und nie wieder nach dieser Zeit habe ich mich selbst so funktionstüchtig empfunden.
Das Hunger-High hat mich sehr selbstbewusst gemacht. Risikofreudig. Schnell. Impulsiv. Unverbindlich. Und so leicht leicht leicht. Während mein Körper ums Überleben kämpfte, indem er mich aus Energiereserven fütterte, die direkt aus meinen Muskeln und Knochen kamen, verballerte ich alles davon auf Schule, Sport und das Verstecken, Vertuschen, Vermeiden jedes Gedankens aufgrund meiner Lebensangst vor mir selbst und allen, die ich kannte. Und ich war so gut. Ich hab das so verdammt gut hingekriegt. Ich hatte alles im Griff. Alles lief. So lange ich nicht aufgehört habe. So lange ich nicht jeden Tag konsequent wirklich jede einzelne Belastungsgrenze überschritten habe.

Wenn man so unterwegs ist im Leben, dann ist nichts wirklich wichtig. Oder wertvoll. Oder von Sinn über den für sich selbst hinaus. Und ich merke heute, dass dies nicht nur eine Weiterführung des Grenzverständnisses in meiner Herkunftsfamilie war, sondern auch geformt hat, mit was für Menschen ich mich bis heute tendenziell eher umgebe.
Ich finde Leute cool, die sehen, wenn anderen etwas fehlt, und dann etwas dagegen tun wollen. Ich feiere Menschen, die sich nicht sagen lassen, was geht und was nicht, sondern ausprobieren, was durch sie oder mit ihnen oder wegen ihrer Anstrengungen geht und was nicht. Ich umgebe mich gern mit Personen, die sich vernetzen und ihre Kräfte bündeln, um Grenzen zu verschieben, die dazu führen, dass andere leiden.
Dieser Zug an mir, meine eigenen Grenzen zu ignorieren, macht mich in manchen sozialen Bezügen zur_m Aktivist_in, in anderen zur_m Freund_in. Manchmal ergibt sich durch meine Funktionsfähigkeit in diesem Modus ein Match, das viel Potenzial hat, anderen Menschen zu helfen.

Manchmal ergeben sich daraus aber auch sehr ungute Dynamiken.
Meine Therapeutin bezeichnete es als Klassiker. Die Selbstausbeutung in kleinen Vereinen und Initiativen, die viel bewegen und damit alles anders als andere machen wollen. Die Gründer_innenmentalität derer, die tragende Strukturen aus dem Nichts oder im Verbund mit Freund_innen entwickeln – die jedoch zum problematischen Diktat für alle wird, sobald Professionalisierung erforderlich ist.
In einer meiner ersten Wohngruppen war einer der Leiter so. Ich kenne ihn nur rotgesichtig, immer am Telefon, immer umgeben von einer Rauchwolke. Immer verantwortlich für alle und nie wirklich, tatsächlich präsent. Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, war, dass er einen Herzinfarkt hatte. 45 Jahre alt. Ein Klassiker, genau wie die Entfremdung von Familie und Gründungsfreund_innen, die dem Infarkt vorausgingen.

In anderen Betreuungsformen hatte ich es häufiger mit ausgebrannten und wieder- oder neu eingegliederten Betreuer_innen zu tun. Leute, die an ineffizienten Strukturen zerbrochen sind oder davon über Jahre hinweg runtergemahlen wurden. Alle mehr oder weniger unfähig, sich abzugrenzen, immer bereit, immer das eine Mü zu nah an mir dran. In diesen Betreuungsverhältnissen hat mein Recht auf Normalität so gut wie nie eine Rolle gespielt, weil in diesem Zusammenspiel niemand in der Lage war, die Grenzen des Üblichen, des Allgemeinen, des undramatisch Un.Angenehmen als wahrhaft, tatsächlich, sicher, stabil zu erkennen und mit sich in Bezug zu setzen als etwas, worin man auch existieren kann. Ja, im Kern ja sogar mein Ziel war.
Und weil wir uns darin so ähnlich waren, habe ich früher keinen Anlass gehabt, darüber kritisch nachzudenken. Auch das – ein Klassiker. Ganz besonders in den Hilfen für (komplex)traumatisierte und/oder psychisch erkrankte Menschen.

Erst die Kliniktherapeutin, die mich öfter behandelte, hat ein anderes Konzept von Grenzen für mich kommuniziert. Und die queerfeministische Community. Und die anarchistische. Die anti-ableistische Community behinderter Menschen. Die Soziologie. Die akademische Traumabubble. Die Therapeutin, mit der ich heute arbeite.
Erst mit diesen Menschen und Austauschkanälen kam etwas in mein Leben, das mir überhaupt mal ermöglicht hat, auch kritisch darüber nachzudenken, warum ich mich eigentlich so stark mit Sozialrebellen und Ärmel-hoch-Wir-packens-an-Leuten identifiziere. Was die Gemeinsamkeit eigentlich ist.
Und naja, siehe oben.
Leute, die für andere brennen, stehen halt in Flammen. Und statt sich zu löschen, feiern sie ihre Funktion als brennender Dornbusch, neue Grenzenmacher oder was auch immer diese Metapher noch hergeben könnte. Sie sind auf ihre Funktion und deren Wirkung aufs Außen konzentriert, wie durch ein sehr schmal zulaufendes Fernrohr. Genau wie ich vor inzwischen über 20 Jahren und in gewisser Weise auch in den ersten Jahren meines Lebens. Und manchmal, in besonders angestrengten Zeiten, auch heute noch.

Ich blicke auf meinen Funktionsstolz damals vor dem Spiegel zurück und sehe eine Person, die sich nicht bewusst darüber ist, dass sie sich umbringt, weil die Mechanik ihres Funktionierens dem der Menschen, mit denen sie die meiste Zeit verbringt, so ähnlich ist. Ich weiß heute genug über Anorexie, um sicher sagen zu können, dass es die Dysfunktion, die Krankheit, war, die mir das Gefühl gab, funktional zu sein. Und ich weiß genug über Ableismus und Frauenfeindlichkeit, um zu wissen, dass Funktionalität von Lebensqualität und -sinn zu entkoppeln, ein Gewaltakt ist, den viele Menschen internalisieren. Diese Person hatte schon statistisch gesehen unfassbar viel Glück, an diese eine Therapeutin mit einem vernünftigen, schamfreien, für den eigenen Selbsterhalt funktionellen Bezug zur Normalität, dem Mittelmaß, dem mittleren Erregungsniveau, geraten zu sein. Mit dem extra Bonus, dass sie diesen Bezug auch kommunizieren konnte.

Ich will niemals im Leben wieder dahin zurück.
Wir haben uns für das Leben entschieden und diese Entscheidung in allen Aspekten mit Grenzen oder dem Auftrag, die Grenzen zu erforschen, belegt.
Dazu gehört auch, Abstand zu Menschen einzunehmen, die uns in Bezug auf Grenzenlosigkeit und Grenzwahrnehmung allzu ähnlich sind.

vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 1

Das Wiktionary beschreibt „Funktionalität“ als: „die Fähigkeit eines Produktes oder einer Komponente, bestimmte Aufgaben zu lösen“[1]
Ich liebe, dass dort steht „bestimmte Aufgaben“. Da steht nicht „jederzeit und immer alle Aufgaben“, was in der Regel das ist, was (manche selbsternannt „hochfunktionale“) Menschen mit DIS beschreiben oder von sich erwarten, wenn es um das Thema der Funktionalität geht. Die Beschreibung schafft hier etwas, was viele Viele erst in ihrer Auseinandersetzung lernen, nämlich Abgrenzung.
Das ist eins der Themen, die ich am Thema „Funktionalität“ habe. Grenzen.
Punkt 1 darin ist, wo Menschen ohne DIS die Grenzen von Menschen mit DIS verorten und welche Folgen das haben kann.

Die meisten Menschen mit DIS, die ich kennengelernt habe, werden von anderen Menschen grundsätzlich als fähiger eingeordnet, als sie es tatsächlich sind. Sie werden prinzipiell überfordert, ihre Grenzen entlang von völlig unpassenden oder sogar unangemessenen Konzepten von Limits und Kapazitäten verortet und ihre Fertigkeiten in Bezug auf die Funktionalität für die Gesamtperson stets überbewertet. Und das unter anderem aus folgendem Grund: Menschen mit DIS sind in der Lage, das Totalversagen ihres sozialen Umfeldes auf eine Art und Weise zu kompensieren, die ihrem sozialen Umfeld nichts abverlangt – und ihnen bis in den Kern ihres Selbst einfach alles.

Die Funktionalität von Menschen mit DIS wird auch heute noch leider überwiegend als von der chronischen Dissoziation definiert begriffen. Wenn eine Person mit DIS also etwas nicht kann, ist die Annahme oft, dass es aufgrund der Dissoziation so ist. Und wenn sie etwas ganz besonders gut kann, dann wird es damit erklärt, dass die Dissoziation nicht alles vernichtet bzw. geschützt hat. Dieses Verständnis verzerrt die chronische Dissoziation der Menschen mit DIS zu einer Art „Schrödingers Schädigung“ – sie ist gleichzeitig absolut behindernd und absolut befähigend.
Wenn auch nur eine Person im Hilfesystem einer Person mit DIS dieses Verständnis hat, ist kaum davon auszugehen, dass die Interaktion nicht in irgendeiner Weise überfordernd oder grenzverletzend wird. Denn schon die Zuschreibung der Dissoziation als begrenzend oder definierend kann maximal von dem Selbsterleben der betroffenen Person abweichen und ihre ohnehin von Entwicklungs- und Bindungstraumatisierungen beeinflussten Möglichkeiten zur Selbstwahrnehmung beschränken.
Ich beobachte zum Beispiel oft, dass Menschen mit DIS als „besonders clever“ oder „super fit im Kopf“ wahrgenommen werden. Manche professionell betreuenden Menschen sind bis heute davon überzeugt, dass ohnehin nur kluge Köpfe eine DIS entwickeln können. Was in ganz vielen Betreuungszusammenhängen zu mehr oder weniger bösen Überraschungen führt, weil jemand mit DIS auf den durch solche Zuschreibungen ausgelösten Druck mit dissoziativer Anpassung reagiert. Die Person sagt dann einfach nicht, dass sie ihren Schulabschluss nicht verfolgt. Die Wohnung nicht sauber hält. Sich nicht versorgt. Keinen Schimmer davon hat, was selbstbestimmte Versorgung oder Verortung im Leben mit anderen Menschen bedeutet. Sie entwickelt einfach weiterhin überhaupt keinen interaktiven Bezug zu sich selbst in Raum und Zeit über das Hier und Jetzt der Hilfemaßnahme hinaus. Sie kanns vielfach einfach auch nicht, weil sie im Kontakt mit der Person, die sie als so wahnsinnig klug und begabt (oder anders unpassend etwa ausschließlich als tapfere, starke Person, die überlebt hat) anspricht und sozial überfordert, das Bewusstsein um ihre Schwächen und Unfähigkeiten vermeidet bis hin zur reaktiven Dissoziation. Weil sie so mit Überforderungen umgeht. Egal, ob diese aus realer Lebensbedrohung hervorgeht oder nicht.
Wenn beide Seiten keinen Blick für die realen Unfähigkeiten der Person mit DIS haben, was ist zwingend die logische Folge? Richtig – ein Kollaps. Entweder wird das Bild der betreuenden Person von der Person mit DIS kollabieren oder die Person mit DIS bricht „aus heiterem Himmel“ zusammen (dieses rätselhaft komplexe System 🙄).

Hier also auch eine soziale Dynamik, die dazu führt, weshalb manche Viele annehmen, sie wären total lebensunfähig und bräuchten ihr Leben lang bei allem Hilfe, weil sie dauernd dissoziieren und überhaupt keinen echten Überblick über sich und ihr Leben hätten. Wer nie richtig gesehen (und entsprechend angesprochen) wird, kommt nie in die Lage, sich selbst richtig zu sehen und einen entsprechend angemessenen Anspruch an sich (und das Umfeld) zu entwickeln. Das ist 101-Menschenentwicklung. Basic-Grundlage „Wie werden Menschen“. Null Geheimnis, nixi nada special DIS – nur man-made bzw. Komplex-Trauma und seine Folgen.

Die meisten Menschen mit DIS sind in Verhältnissen aufgewachsen, in denen Grenzen verschoben, ignoriert, verzerrt, missbraucht, instrumentalisiert oder auch einfach nie bewusst existiert haben. Grenzerleben und auch das Handling, also die Kommunikation und das Erweitern oder Einengen von Grenzen, sind so fundamental, dass es zum Selbst- und Umwelterleben ganz natürlich dazugehört. Den meisten Menschen ohne DIS oder andere tiefgreifende dissoziative Störung bzw. Aufwachsen mit dauerhaft toxischem Stresserleben muss niemals in ihrem Leben bewusst gemacht werden, dass es nicht nur die Grenze zwischen Leben und Tod, „an“ und „aus“, „da“ und „weg“ gibt. Woran man sie erkennt und wie man sie in Bezug worauf bewerten kann oder wie mit ihnen umzugehen ist. Zu dem großen Fundus des „ungeschlagenen Lebens“ gehört eine gewisse grundlegende Kenntnis oder auch ein gewisses Konzeptverständnis darüber, das einfach so früh gelernt und integriert ist, dass es keiner weiteren Worte braucht, um sie zu formulieren. Es wird eigentlich nur noch Energie dafür ausgebracht sie zu erhalten oder zu verteidigen. Oder nach bestimmten Krisen neu auszurichten.

Viele komplex traumatisierte Menschen mit DIS operieren nur mit dem existenziellen Extrem. „Ich habe X gemacht und das hat funktioniert (Ich lebe noch)“ oder „Ich habe X gemacht und das hat nicht funktioniert (Ich bin irgendwie/seelisch/innerlich gestorben, als ich X gemacht habe)“. Fokus und Maßstab ist (manchmal auch erst am Ende einer traumalogischen Überzeugungskette) fast immer das subjektive Erleben von Todesangst oder Lebensbedrohung.
Zum Beispiel: „Wenn ich nicht alles für meine Familie gebe, bin ich tot, weil * – also gebe ich alles, immer.“ [und konzentriere alles (Bewusstsein, Konzentration, Energie) so stark auf meine Anpassung an die Vorgabe, alles für meine Familie zu tun, dass Dissoziation einsetzt, ich meinen erbärmlichen körperlichen Zustand überhaupt nicht mehr spüre und auch keine Energie mehr da ist, mich mal zu fragen, ob meine Annahme von Lebensbedrohung überhaupt wirklich stimmt, oder mich für die Lernerfahrung zu öffnen, was das überhaupt bedeutet – welche Funktionalitäten ich ausführe –, wenn ich „alles gebe“].

Um nicht-existenzielle, weniger extreme Grenzen kennenzulernen, mit sich selbst in Bezug zu setzen, zu erforschen und einen Umgang mit ihnen zu trainieren, braucht es nicht nur „weniger Dissoziation“ oder „mehr oder andere Funktionalität“, sondern ein Leben, dessen Realitäten nicht stets und ständig, mit hoher Wahrscheinlichkeit, akut bedrohlich sind. Weder in ihren Existenzen noch ihren Grenzen.
In diesem Zusammenhang muss gerade professionell betreuenden oder behandelnden Menschen eindeutig klar sein, dass „sich halt mal zu irren über das, was ihre Klient_innen können und was nicht“ wirklich überhaupt gar nie banal sein kann. Nicht, weil bei einer Fehleinschätzung immer gleich ganz viel kaputtgehen kann, sondern aus meiner Sicht viel schlimmer, etwas ganz grundlegend Wichtiges für die Selbsteinschätzung (der eigenen Lebendigkeit, Fähigkeiten, Wünsche und so weiter) sich weiterhin nicht oder nur sehr begrenzt entwickeln kann.

Gleiches gilt für Partner_innen, Freund_innen, Mitmenschen anderer Bezüge.
Es ist sehr leicht, einen Menschen mit DIS falsch einzuschätzen. Von der Bewertung bestimmter Situationen oder Zusammenhänge überrascht zu werden. Und schon in dem Moment, in dem die Diagnose und ihre Ursachen vermittelt werden, müssen „Fähig- und Fertigkeiten“ in einer Art und Weise behandelt werden, dass sich jedes spontane Einschätzen verbietet, weil das Risiko für eine falsche Einschätzung einfach sehr hoch ist.
Wenn man so will, ist das vielleicht die erste Grenze von Menschen mit DIS (und anderen dissoziativen Störungen nach (komplex)traumatisierenden Erfahrungen), die man als Außenstehende begreifen und immer wahren muss: Jede Annahme über die Fähig- und Fertigkeiten eines Menschen mit derart unterentwickelten Grenzkompetenzen, so umfassender Dissoziation und resultierend schwerer Störung, ist jederzeit gleichzeitig richtig und falsch. Und daher zu keinem Zeitpunkt verlässlich brauchbar.

Der sichere, kontinuierliche, eindeutige und in jeder Hinsicht tatsächliche Kontakt muss hier zum Ausgleich genutzt werden.

[1] Wiktionary: https://de.wiktionary.org/wiki/Funktionalit%C3%A4t

vom Funktionieren – Teil 1, „Systeme“

Kaum ein Thema wird so häufig in der DIS-(Selbst)Hilfe besprochen wie das des Funktionierens. Ob es darum geht, dass man unter der eigenen Funktionalität leidet; dass man sich dazu wie gezwungen oder automatisiert fühlt zu funktionieren, oder dass man spürt, dass man zunehmend weniger gut funktionieren kann oder auch will – es kommt immer wieder auf.
Ich habe an dem Thema etwa drei Themen und einige Punkte.
Und gleich zu Beginn eine kritische Bemerkung zum Wording.

Auch wenn ich anerkenne, dass man sich im Themenkreis offenbar endgültig darauf geeinigt hat, sich nicht primär als Mensch zu bezeichnen – z. B. als Mensch mit DIS oder als „Viele-Mensch“ –, sondern als „System“, möchte ich hier ausschreiben, warum das ein Problem ist. Vor allem, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem Thema der Funktionalität geht.

Soweit ich das überblicken kann, gab es schon immer Menschen mit DIS, die ihre innere Verfasstheit, ihr „Vielesein“, mit Modellen von Systemen beschrieben haben. Manche nannten sich „Bande“, manche „Schwarm“, wieder andere „Truppe“ oder auch „Hausgemeinschaft“. Von einer Person, die sich als „Bienenschwarm“ beschrieb, habe ich einmal gelesen, das Bild würde ihre Rolle als „Host“ (Bienenkönigin) am besten beschreiben und ihr helfen, ihre inneren Kämpfe und Schutzmaßnahmen zu verstehen. Sie hat ganz konkret mit ihrem Wissen über Bienen und deren Organisation gearbeitet, um sich selbst in ihren Fähigkeiten und Grenzen der Funktionalität zu repräsentieren. Die Natur von Bienenvölkern und die Beschaffenheit ihrer Lebensumstände haben in dieser Schilderung eine relevante Rolle gespielt. Das Außen – Wetter, Bedrohungen von Tieren oder Menschen, der Standort der Beute – spielte eine wesentliche Rolle dabei. Es war durchgehend klar, dass die Funktionalität des Schwarms immer im Zusammenspiel mit der Um- und Mitwelt passierte.

Fast forward. 2006 wird „das verfolgte Selbst“ veröffentlicht und mit ihm ein theoretisches, hochabstraktes Modell über die Funktionsweise und -wirkung von (komplex)traumabedingter Dissoziation beschrieben.
Bis 2015 ungefähr war es in den meisten Austauschforen und -chats noch üblich, sich gegen die Einteilung in ANP oder EP auszusprechen, weil es komplexe innere Vorgänge zu stark vereinfacht und bestimmte Aspekte des Er_Lebens mit (und aufgrund einer) DIS verunsichtbart. Bis es irgendwann doch viele einfach angenommen haben. Gerade jüngere Betroffene hatten und haben ihre gesamte Psychoedukation über ihre Erkrankung ausschließlich entlang von diesem Modell. Das war früher stärker noch als heute, als hat man sich entscheiden müssen: Hier der kitschige Individualtüdelüt mit Bienenschwärmchen und Multis im „Zauberwald“ (so hieß mein Forum, I kid you not) und da die klare, wissenschaftliche (wahre, richtige)  Logik der Theorie der strukturellen Dissoziation.
Und klar – was ist denn bitte nicht verführerisch an einer Selbstbezeichnung, die scheinbar wenig emotionalisierbar ist, wenn es Menschen gibt, die Zweifel an der Diagnose über die Emotionalisierbarkeit ihrer Betroffenen (und deren Behandler_innen) schüren?
Wie groß die Anziehungskraft einer Selbstbezeichnung, die mehr Referenz als tatsächliche Identifikation ist, wenn diese nicht erlaubt erscheint? Eine bessere Rampe in die Vermeidung der Erkenntnis, Teil der Welt, der Menschheit und Gesellschaft zu sein – mit allen Konsequenzen, schmerzlich wie wunderbar – gibt es eigentlich nicht.

Welche Rolle Vermeidung und Vermeidungsverhalten bei der Selbstbezeichnung als „System“ spielen, finde ich unübersehbar und gleichzeitig viel zu wenig benannt. Man vermeidet eine Angriffsfläche für False-Memory-Erzählungen. Man vermeidet den ableistischen Vorwurf, aus der eigenen Krankheit eine Identität zu machen. Man vermeidet die Realisation der Traumatisierung der ureigenen Seele und des Leibs als untrennbar von der direkten und indirekten Mitwelt. Man vermeidet die Markierung des eigenen Seins als menschlich. – Als wäre etwas davon gefährlich oder als würde die Vermeidung in irgendeiner Form konstruktiv zur Lösung beitragen. Und nicht etwa Gewalt legitimieren und in ihrer Wirkung normalisieren, was wiederum an ganz anderer Stelle sichtbar wird.
Nämlich dort, wo diese Selbstbezeichnung die Entmenschlichung psychisch erkrankter Menschen erleichtert. Sind ja keine Menschen mehr, die da durch die Kliniken und Praxen tingeln – sind ja „komplexe Systeme“, unlösbare, undurchschaubare Rätsel – wer soll denn dafür Kopf und Zeit haben – in this economy. Was soll da denn menschliche Hilfe bewirken können? Kann ja alles nur ungenügend sein – geht ja gar nicht anders. Mensch und System – wo soll denn die Schnittstelle sein? Wo soll Therapie da ansetzen, wenn nicht bei einer tiefgreifenden Entkernung und Umwandlung vom System hin zum Menschen? Also einer kompletten Umkrempelung, Kernveränderung, Ent-Selbst-ung, wenn man so will. Einer absolut gewaltvollen Anpassungserzwingung. Einer Assimilation.

I know its not that deep für die meisten, die sich „System“ nennen. Aber was, wenn es eben doch so deep ist? Wenn es ausgerechnet die Selbstbezeichnung (aufgrund einer allzu theoretischen, überabstrakten Psychoedukation) ist, die es verhindert, sich selbst tatsächlich und konkret zu begreifen und infolge dessen auch nicht zu merken, wenn sich Gewalt abspielt (und legitimiert oder naturalisiert wird)? Zum Beispiel beim Sprechen (und Schweigen) über die Funktionalität von Menschen mit DIS.

Fundstücke #95

Als würde sie an einer verkrusteten Wundoberfläche kratzen. So fühlt sich das an. Unzufrieden mit dem knusprigen Deckel, allein interessiert an meiner wunden Stelle. Meinen Fragen an sie. Einem Moment von Überlegenheit, weil sie darüber viel mehr weiß als ich. Sie weiß, dass ich eigentlich immer noch gar nichts weiß. Und dass das etwas ist, was ihr Macht über mich gibt. Sie kann mich Schmerzen fühlen lassen, die sie nicht berühren und sie kann mich damit allein lassen.

So aufgeschrieben klingt es, als würde es nur um Macht gehen. Kontrolle. Und einfach nur so draufgeschaut, erinnere ich mich selbst darin an meine Therapeutin, die in der ganzen Zeit unserer Arbeit 4 Mal zum Ausdruck gebracht hat, dass es für sie weder irrelevant noch emotional neutral ist, dass sie manches in meinem Inneren bis heute nicht so richtig überblicken kann. Zumindest was genau diese Dynamiken betrifft. Immer wieder stehen „Schweigegebote?“, „Redeverbote?“, „schlechte Geheimnisse?“, „Scham?“, „Angst vor Konfrontation?“ im Raum und selten kann ich dazu irgendetwas sagen. Wenn ich ihr etwas nicht sagen will, dann meistens, weil ich unser bereits anstrengendes Sprechen nicht überanstrengend für mich werden lassen will. Ich will nicht mehr vor ihren Augen und doch unsichtbar dissoziieren. Für die anderen Innens will ich, kann ich, diesbezüglich nicht sprechen.

Sie, die andere Innere, kommt mir in ihrem Tun eher verspielt vor. Frech. Provozierend vielleicht. „Mal gucken, was passiert, mir kann ja nichts passieren“-sicher. „Was macht ihr, wenn ich das mache?“-neugierig. „Und das? Was, wenn ich das mache?“-beobachtend. Und immer unerwartet, bis heute nicht wirklich von mir selbst vorhersehbar, „Paff!“- unerreichbar weit für mich im Innen verschwindend. Und gleichzeitig ist sie ausströmend. Eine unkontrollierbare Emotionsblutung, die Schweres leicht, Unmögliches möglich, Gefährliches harmlos erscheinen lässt.
Ich weiß ganz genau, wenn sie da war. Sich selbst in ein Thema, einen Gedanken, eine Auseinandersetzung reingemischt hat. Es gibt hinterher immer Probleme. Nerviges Hin und Her im Innen, manchmal auch im Außen. Uneinsheit. Unstimmigkeit. Ungereimtheit. Einen Dammbruch am Rande der Komfortzone. Ein Stück harte Kruste, das die Wunde nicht mehr ganz bedeckt.

Ich glaube, dass sie zuletzt vor etwa 20 Jahren an unserer Therapiearbeit und anderen Lebensbestandteilen aktiv beteiligt war. Aktiv as in „da und beeinflussend“, aber auch as in „ununterdrückt, unabgewürgt von Rosenblätterbuschwurzeln“. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich tatsächlich gezielt gegen dieses Einblutenlassen „aus dieser inneren Ecke“ entschieden habe und keine einzige Therapiestunde, keinen Betreuungstermin, generell überhaupt gar keine Kontakte mit anderen Menschen mehr so gestaltet habe, dass es passieren könnte. An uns kam einfach niemand mehr vorbei.
Alle haben die gleichen Rosenblätter kennengelernt. Keine Kinderinnens, keine jugendlichen Inneren. Alle haben die gleiche biographische Erzählung bekommen, wie wir sie in Kliniken und Heimen eingeübt haben. Die gleichen Erklärungen übers Vielesein bekommen und viel Nebel darüber, was davon auf mich zutrifft und was nicht. Und das konsequent. Auch das ist Vielesein.

Man kann sich als Viele gegeneinander entscheiden. Bestimmen, was wie vermieden wird. Was wie beschützt wird. Es ist eins der unbesprochenen Spezialgeheimnisse, wie wir einander herstellen, wenn es nicht Gewalt ist, die uns zu Keimen zersprengt und verstreut, um irgendwann als irgendwer neu zu wachsen. Man braucht nur vermeiden, sich dieser Entscheidung bewusst zu werden, zu sein, zu bleiben. Nur sehr intensiv, ohne jede Kommunikation mit sich oder der Welt, entscheiden, dass es nun so ist. Wo keine Kommunikation ist, kann keine Brücke sein. Kein Weg, kein Pfad, kein Bild, kein Zeichen, keine Sicht, keine Idee. Ohne Kommunikation keine Verbindung. Assoziation. Ohne Verbindung kein gemeinsamer Prozess.
Das ist die Rolle von Schweigen im ganzen Dissoziationsthema.

Ich will nicht darüber reden, weil sich innere Pfade ergeben, auf denen Innere zu mir gelangen können. Ich will nicht darüber reden, weil es meine Entscheidungen aufhebt. Ich will nicht darüber reden, weil ich meine geistigen Kapazitäten auf mich und mein Gegenüber aufteilen muss. Und immer wieder Grenzen dabei spüre. Zeitliche, räumliche, kapazitäre. Emotionale. Traumabedingte. Meine.
Das besprochene Trauma oder auch das Besprechen des Traumas ist nicht so schlimm. Meine Auflösung ist es. Meine Verwandlung vom verwundeten Selbst zum abreißbaren Wundverschluss ist es. Bisschen witzig, weil es ein Egoding übers Egosein ist, aber auch bisschen tragisch, weil es sich auch nach Verbindung anfühlt, die nicht kommunizierbar ist. Jedenfalls nicht besser als so, wie es jetzt hier steht.

drüber sprechen

„Und was genau soll man denn sagen, hm? Hm? Was solls denn bitte sein? Datenausgabe, emotionaler Tieftauchgang ins Drama der gequälten Seele, detaillierte Selbstauskunft – was zum Fick soll es denn sein, worüber man da reden soll?“ Es scheppert zwischen meinen Synapsen. Das dicke Seil um meinen Magen strafft sich. R. ist in Hochform, vibriert unter meiner Haut wie eine frierende Biene.
Wir hatten das Thema schon. Oft. Wirklich richtig oft. Das Schweigen der Opfer, die Ermutigung der Überlebenden, auszusprechen, was sie bedroht hat, die Anhörungen, die Frage, wer wann wozu genau eigentlich zuhört. Jedes Mal habe ich diese kleine Flipperkugel aus Titan in mir drin, die sich tobend gegen jede Wand schmeißt, als gäbe es dafür Punkte. Und jedes Mal baue ich ihr in Gedanken eine Art Durchknall-Labyrinth. „Nur weil dich niemand verstanden hat, als du geredet hast, heißt das nicht, dass das für alle gilt“ – Batsch – „Wenn niemand etwas sagt, wird ES für unsagbar gehalten.“ – Knall – „Worüber nicht geredet wird, bleibt unverändert.“ – Peng – Meine Phrasenkartei reicht, um ihr einen Sarg sicheren Raum zu zimmern. Irgendwann kann ich nicht mehr sagen, ob ich taub für sie bin oder sie mir gegenüber still.

Dann taumle ich mit Felice durch Bielefeld. Die erzählen, davon, dass sie noch nie in Worten über das gesprochen haben, was ich hier und immer ES nenne. Und ich teile mit ihr und allen, die uns später hören werden, dass ich vor allem über DAS, was Helfer_innen getan haben, spreche.
Später frage ich mich, ob ich da gelogen habe. Weil ich eigentlich nie darüber spreche, sondern vor allem darüber hinweg. Mit Substantiven wie Fixierung, Zwang(smedikation), Übertragung, Verstrickung, Projektion, Machtmissbrauch und anderen großen Phraselboxen, die für Lesende und Zuhörende greifbarer, anschlussfähiger, in autoritären Kontexten wie Akademik, Beruf und Behandlung besser einfügbar sind. Unbeeindruckt von Behandler_innen, die sich und ihre helfende Tätigkeit für richtig gut und fern jeglicher Gewalt halten. Mein Faktenwissen stützt mich. Ich brauche keine Ermutigung, keine Ermunterung und dank meiner Veröffentlichungsmöglichkeiten hier und im Podcast auch keine Erlaubnis, auszudrücken, was für ein bodenlos grausamer Zusammenhang sich aus Hilfe ergeben kann. Und warum es wichtig ist, sich damit zu befassen. Sowohl als Üb.er_lebende von Gewalt als auch als Mensch, der von sich selbst annimmt, das nie und nimmer je getan zu haben oder tun zu werden.

Wenn ich mit Helfer_innen spreche, die das Thema berührt, spreche ich auch nie ganz aus, was ich erlebt habe. Wenn es darum geht, Hilfe für jemanden zu reflektieren oder zu verbessern, dann würde ich damit Raum einnehmen, der für andere hergestellt wurde. Wenn es darum geht, Strukturen zu reflektieren oder zu verbessern, dann ist das Risiko hoch, dass meine Erfahrungen (unabsichtlich) bagatellisiert oder anders nicht angemessen beantwortet werden.
In der Realität ist es so: Ich teile meine Betroffenheit von (Helfer)Gewalt mit und meine Gegenüber reagieren darauf, als wäre das eine Art Outing. Radikale Offenlegung. Voll krass. Mutig. Und die Offenheit! – Und ich lasse das so stehen. Wir können Sinnvolleres tun, als darüber zu reden, dass eine Er.Lebensrealität zu teilen keineswegs Selbstoffenbarung ist. Dass es ihre Stigmatisierung von Opferschaft ist, die es ihnen mutig erscheinen lässt, sie sichtbar zu machen. Wir können uns auf unseren gemeinsamen Nenner konzentrieren und miteinander arbeiten. Und der gemeinsame Nenner ist nie DAS DA. Der gemeinsame Nenner ist, etwas dagegen tun zu wollen. ES als etwas aktiv und pragmatisch Verhinderbares verstehen zu wollen.

Ich finde mein zum Opfer von Helfergewalt geworden sein nicht peinlich. Ich schäme mich nicht dafür und halte nichts davon, jene gewaltvollen Helfer_innen für ihr zum_zur Täter_in geworden sein zu beschämen.
Ich weiß – und weiß, dass es alle Helfer_innen wissen –, dass es moralisch, ethisch, menschlich falsch ist, Menschen zu verletzen, die Hilfe brauchen. Es braucht mich und meine Erfahrungen überhaupt nicht ausbuchstabiert präsentiert, um darüber ins Gespräch und in den Prozess zu kommen. Deshalb kostet es mich so wenig Kraft. Deshalb kann ich mich in diesen Zusammenhängen ganz leicht bewegen. Ich kann über meine Erfahrungen sprechen, ohne über meine Erfahrungen zu sprechen. Lügen, ohne zu lügen. Verstecken vor aller Augen. Vermeiden, ohne zu vermeiden.

Und ja, das trägt überhaupt nicht dazu bei, dass ich überhaupt mal „richtig“ drüber spreche. Aber wenn mein wütendes Titanbienchen R. eins absolut offenlegt, dann ist es die blanke Überforderung vor so einem Unterfangen. Denn, was heißt denn „richtig drüber reden“ genau? Sie hat da auf jeden Fall einen Punkt. Gehts um die W-Fragen? Gehts um Gefühle, die ich damals gar nicht wahrnehmen konnte? Gedanken, die ich gar nicht als Gedanken fassen konnte? Was genau für ein Zauber soll denn passieren, wenn man sagt, was genau war? Und kriegt man von der Therapeutin einen Smiley-Stempel ins Therapiehausaufgabenheft, wenn mans richtig gemacht hat, oder wer genau bewertet eigentlich die Richtigkeit des Ausgesprochenen? Auf welcher Grundlage? Und wie genau ist genau?
Und das alles mal beiseite und rein in die Realität – wer geht in die Therapiestunde oder den Beratungstermin und befindet sich nicht in einer Gesprächssituation? Also einer beiderseits zu organisierenden Interaktion und Kommunikation? Niemand nirgendwo jemals würde in Kontakt treten mit: „Und dann hat mir einer die Schulter ausgekugelt – man, war ich froh, dass die mich eh sedieren wollten.“ Und zwar nicht aus Freundlichkeit oder Rücksicht, sondern, weil zum Reden und Schweigen über Gewalt einfach immer auch die Kommunikation von Kontext gehört. Etwas, das mich extrem anstrengt und häufig auch überfordert. Bis ich fertig damit bin, ist eine Therapiestunde einfach mal um. Und ich frage mich hinterher manchmal: „Hab ich da jetzt eigentlich drüber geredet oder nicht?“

Helfergewalt ist genauso komplex traumatisierend wie Gewalt in der Familie. Heim, Klapse, Knast sind einfach stigmatisiert und Familie nicht. Niemand hinterfragt, warum sie_r in eine Familie gekommen ist. Das macht den Kontext entdeckbar. Eroberbar. Deutbar. Heim, Klapse, Knast sind bereits definiert. In Bezug darauf gibt es selten Zweifel über Bezug und Kontextualisierung. So wenig, dass es mir oft widersinnig erscheint, überhaupt die Kraft aufzubringen, um meine Bezogenheit, den Zusammenhang meiner Verwundung, überhaupt zu benennen. Vor allem in der Psychotherapie, wo der Kontext faktisch weitgehend gleich ist.

„Es ist schwierig“, schreibe ich auf die Phrasenkiste, die ich für mich baue. „Es interessiert ja so jetzt akut auch niemanden“ – Bäm – „Windmühlenkampf“ – Bumm – „Was solls, geht auch ohne“ – Wumms.

„Die Wahrheit ist doch, dass niemand von den Beteiligten richtig mit mir darüber reden will.“

Fundstücke #94

Es ist mein erstes Vorstellungsgespräch seit 15 Jahren.
Ich bin hässlich angezogen, fühle mich ekelhaft und unwürdig. Es ist warm, eine Brise verwirft mein ungünstig fallendes Haar auf dem Weg zum Firmengelände.
Es ist das erste Mal, dass ich mich für eine Stelle bewerbe, die meine gesamte Zukunft nicht weiter beeinflussen soll. Mindestlohn, Mindeststunden, ein Jahr für die Mindestzeit, die es braucht, um bei der Agentur für Arbeit um einen Bildungsgutschein zu bitten, der mich formell dahin bringen soll, wo ich mit besseren Entscheidungen früher bereits hätte hinkommen können, hätte, würde, wäre, wenn …

Eine lächelnde Person mit langen Haaren reicht mir ihre kühle Hand, ich will mich entschuldigen. Ich sollte hier nicht sein, nicht so, nicht ich. Mir wird ein Platz in einem Besprechungsraum und ein Getränk angeboten, um auf den Kollegen zu warten. Mit jedem Schluck Wasser drücke ich meine Selbstablehnung hinter meine Aufmerksamkeit. Es geht hier nicht um mich, es geht hier um gar nichts.
Als die Tür aufgeht, bin ich leer und an. Aufmerksamkeit 3000.
Meine Gegenüber sind vorbereitet, sprechen klar und eindeutig.
Es ist ein ziemlich perfekter Arbeitsplatz für mich. Allein, im Halbdunkel, klimatisiert und im Ruhebereich der Firma für eine Stille, die für die Tätigkeit zwingend erforderlich ist. Nächstes Jahr macht das eine Maschine.

Als ich wieder in die Wärme unseres überhitzten Planeten trete, denke ich an jeden Roboterwitz, der über mich gemacht wurde. An das Autistenklischee der kalten Maschine, des seelenlosen Funktionsautomaten.
In den 4 Monaten Probezeit könnte ich es schaffen, viel von dem, was mich gerade an mir abstößt, abzutrainieren. Jeden Tag 30 Kilometer Radfahren, ein Mal die Woche zum Handball, vielleicht noch ein- oder zweimal schwimmen. Ich könnte mich so geil schreddern, während ich nebenbei nichts weiter tun muss als Dinge zu erledigen. Ich könnte ein Roboter sein und weniger Mensch. Ich hätte von der ganzen Nummer also noch etwas, selbst wenn sie dann merken, dass ichs einfach nicht bringe. Wenn sie mich erkannt, durchmein peinlich angestrengtes so tun als obschaut haben.

Zu Hause empfängt mich Bubi mit seinem Begrüßungsgrinsen. Legt sich zu mir, als ich meinem Mann eine Sprachnachricht über den Verlauf des Gesprächs aufnehme. Über dem Boden des Gartens liegt eine Schicht Insektenbewegung. Der Wind streift das Gras, kitzelt die jungen Blätter des Apfelbaums und verliert sich in den Blütenresten der Kirsche. Es ist still, alle sind fertig mit ihrem Rasen, der Hecke, dem Auto. Es ist alles gut und ich könnte schreien, weil ich meinen Körper nicht verlassen kann. Weil ich gefangen bin in dieser Quelle von Ekel, Hass, Zerstörungswut.
Bubi legt mir seinen Kopf auf die überkreuzten Unterschenkel und streckt sich schmatzend. Mit einem tiefen Seufzen schließt er die Augen und schnurrt, als ich ihm langsam und stetig vom Gesicht in die Ohrenspitzen streiche. Es ist alles gut. Und die absolute Ohnmacht.

crazy shit

Ich sitze im Auto und halte meinen inneren Blick auf dem Symbol für „Pause“. Ein Kreis mit zwei parallelen Strichen. Grau bei Deaktivierung, hellgrün bei Aktivierung. Er ist grün, ich kann mich frei und mühelos bewegen. Sicher Autofahren. Ohne Anstrengung Wörter formen. Keine 5 Minuten vorher konnte ich kaum die Augen offenhalten, meine Arme heben, irgendeinen Muskel gezielt anspannen und halten. Crazy shit.

Vor 22 Jahren konnte ich mich noch nicht so manipulieren überzeugen austricksen reinlegen … Glauben, dass die objektive Realität der Gegenwart gleichzeitig mit meiner subjektiven Realitätswahrnehmung existieren kann. Ich hatte noch keine Kontrollerfahrungen. Kein aktives, bewusstes, ich-liches Selbststeuerungserleben. Mir sind die Dinge passiert. Sie haben etwas mit mir gemacht, das meiste davon habe ich weder konkret und zeitgleich wahrgenommen, noch verstanden, noch umfänglich mit mir in Bezug setzen können.

Die Landschaft fliegt an mir vorbei. Das Halten der Imagination kostet mich überhaupt keine Energie. Der Flashback hat keinen Einfluss mehr auf mein Selbst- und Umweltempfinden. Ich bin in der Lage, Energie in die Anpassung an meine Mitwelt zu stecken.
Später wird mir bewusst, wie lang 22 Jahre eigentlich sind. Ich denke darüber nach, ob der Umstand, dass ich es jetzt kann, dieses hilfreiche Imaginieren, mich selbst umfassend reorientieren, stabilisieren, bedeutet, dass die letzten 22 Jahre in Therapie unnütz waren. Nicht hilfreich. Ineffizient.
Oder ob sie wichtig waren, um eine Chance zu bekommen, die Dinge zu erlernen und zu trainieren, die damals als meine Fähig- und Fertigkeiten vorausgesetzt wurden. Einfach, weil man damals noch weniger als heute durchdrungen hat, was es konkret bedeutet, wenn Selbst- und Weltbezug massiv fragmentiert sind.

Ich bin am Ziel. Steige aus, bewege mich absichtlich raumgreifend und aktivierend. Die Lücken zwischen Tätigkeiten sind für mich inzwischen weniger Kluft als Spalt. Ich bemerke sie, ich bemerke meinen Stress in der Transition und Neuausrichtung, aber ich kenne meine Schrittweite. Meine Sprungkraft. Meine Anlaufbedarfe. Und die andere Seite. Meistens. Und wenn nicht, dann, dass ich mit dem Unbekannten interagieren kann. Es passiert mir nicht mehr. Es passiert mit mir. Das macht mich nicht souverän und stark, selbstsicher und unverletzbar, wie ich mir das früher immer und heute noch manchmal wünsche, aber selbst.bewusst.

Die Luft berührt mich, der Boden hält mich, meinen Schritten folgen Geräusche.
Ich habe Angst zu fallen, unerwartet berührt zu werden, mich in meinen Annahmen über den Ort, an dem ich bin, zu täuschen. Und ich gehe weiter. Ich. Nicht jemand wie ich, oder etwas, das so tut, als sei es ich oder mein Körper, gelenkt von etwas, das eher theoretisch ein Ich sein könnte, oder eine formlose Präsenz, umgeben von ferngesteuerter, komplett eigenimpulsloser Masse.
Es ist erstaunlich irrelevant für diese Tätigkeit, wer ich eigentlich bin. Und wie ich beschaffen bin. Und was ich kann. Oder wie ich es kann. Ich erlebe die Augen der Täter_innen immer noch auf mir und oft genug suche ich Versicherung mit ihrem Blick auf mich. Aber ich kann mich inzwischen auch sehen. Kann mir mehr Augen leihen als die der Menschen, die mich verletzt haben.
Ich gehe hier einfach lang. Bin Teil des Moments wie der Laternenpfahl, der Absperrungspoller, der Straßenverkehr, die Tauben auf Futtersuche. Nichts davon ist egal, aber nicht alles relevant für mein Überleben. Mir passiert nichts mehr. Ich passiere Laterne, Poller, Tauben. Die Eindrücke kommen, wirken und flachen wieder ab.

Meine Angst ist ein paralleles Rauschen unter der allgemeinen Harmlosigkeit der Welt. Der rote Rand um die eitrigen Traumastellen in mir. Ich kann sie umgehen. Und ich kann mich nähern. Ich kann sie berühren, verschieben, manchmal auflösen, wenn ich mich gehalten fühle. Kontextualisiert. Bezogen. Verortet. Eindeutig positioniert, beauftragt, ver.antwort.bar.
Wenn die Umstände stimmen, ist es keine Manipulation, kein Selbstbeschiss, kein Trickbetrug an meiner Wahrnehmung, dass beides da ist. Die Angst, verletzt zu werden zu sterben und die allgemeine Ungefährlichkeit des Lebens.

Vor 22 Jahren stimmten die Umstände noch nicht für mich. Ich habe mich in Lug und Betrug an mir selbst gezwungen, weil ich weder die Welt noch mich selbst genug wahrnehmen und begreifen konnte. Ich kannte die Welt als Gefäß, in dem meine Qual, mein Leiden, mein Schmerz, meine Angst passieren. Als randlose Schale, in der ich hin- und hergeschleudert wurde. Ohne Anfang, ohne Ende, ohne Bedeutung, ohne Ziel und dadurch auch immer wieder, fast immer, ohne mich in mir selbst.
Ich musste glauben, dass irgendwas irgendwas bewirkt – ich hatte nie die Chance zu beobachten, wie irgendwas irgendwas bewirkt. Ich musste annehmen, was mir irgendwer über irgendwas erzählt – egal, was davon stimmte oder nicht, ich habe es sowieso sehr wahrscheinlich weder ganz aufgenommen, noch verstanden, noch den Sinn erfasst. Ich selbst konnte mir nie Quelle von Stabilität oder Kongruenz oder Klarheit sein. Was ich wahrnahm und einordnete, entpuppte sich immer wieder als Trittfalle ins Bodenlose, die Dissoziation.

Wieder fliegt Landschaft an mir vorbei. Meine Kopfhörer halten das Dröhnen des Zuges von mir fern. Mein Körper wackelt. Ich fahre zu einem Therapietermin. Bin eindeutig und klar in meinem Ziel der Stunde. Sicher darüber, was ich dafür und dagegen tun kann, um es zu erreichen. Der Raum ist für mich eindeutig und klar. Meine Optionen für und gegen die Zusammenarbeit sind sowohl mir als auch meiner Therapeutin klar.
Es ist der einzige Raum in meinem Leben, in dem das so ist. Der einzige, in dem diese Umstände in Bezug auf alle Aspekte bestehen. Es ist der Raum in meinem Leben, in dem ich glauben kann, dass ich etwas mache, um etwas zu erreichen, weil ich weiß, dass ich es auch nicht erreichen kann oder nicht sofort oder anders als ich dachte. Ein Kontakt, in dem es tatsächlich immer weitergegangen ist, obwohl ich sehr lange sehr oft darin gestorben bin. Wo immer alles wiederkam, was verschwunden, fragmentiert, dekontextualisiert war, weil nichts – auch ich nicht – verschwunden bleiben musste.

Ich erfahre von den Sparplänen der Bundesregierung.
Rutsche in Scham und Ärger, gleite über einen Schmierfilm von Angst und kann mich letztlich nur an meinem Glauben an die allgemeine Kontinuität festhalten. „Es ist nicht egal, aber jetzt gerade nicht relevant.
Wenn es relevant wird, kann ich immer noch prüfen, ob es mich töten wird. Es gibt Gleichzeitigkeit. Es gibt die Gefahr und die unspektakuläre Existenz.“ Innerlich greife ich in das Knäul aus Information und Gefühl und trenne es wie einen Wurzelballen, den ich in zwei Töpfe lege. Nicht egal links, aktuell nicht relevant rechts. Ich lege einen Deckel drauf und schiebe sie in ein Regal meines Hinterkopfes, das meinem Bücherregal im Büro ähnelt.
Ich mache große, weite Schritte durch die Bahnhofshalle.
Als ich hier vor 22 Jahren ausgestiegen bin, wäre mir diese Imagination gefährlich vorgekommen. Wie ein Angriff auf das, was mich am meisten schützt: meine Todesangst. Jetzt macht es mich handlungsfähig. Interaktionsbereit. Stabil. Selbst zur Quelle einer Ordnung. Crazy shit.

Überraschung

Überraschung ist eine Grundemotion, die ich erst im Zusammenhang mit der Autismusdiagnose näher erforscht habe. In meiner Traumatherapie ging es nie um Überraschung. Es ging um mein Kontrollbedürfnis, meine Ängste. Mein kompensierendes Vermeidungsverhalten. Überraschung und Schockerleben waren dabei nie Thema. Mir war selbst überhaupt nicht klar, dass ich Todesängste habe, wenn ich überrascht werde. Dass ich Überraschung vermeide, weil sie mir Angst macht. Dass ich Kontrollgefühle vor allem dafür brauche, um mit meiner Angst vor der Todesangst auf eine Art umzugehen, die unauffällig ist. Angepasst. Nicht peinlich. Sondern ruhig, rational, beherrscht, bewortbar. So, dass mich niemand verletzt.

Man kann Überraschung nicht vermeiden. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit dafür absehen. Mustererkennung hilft dabei. Aktives Dauerscannen, traumareaktive Hypervigilanz. Katastrophisieren. Permanente Reaktionsbereitschaft. Hold-the-line-Modus, wann immer Quellen für Unvorhersehbares in der Nähe sind. Anderen Menschen mitteilen, dass man Überraschungen – auch die lieb gemeinten – nicht mag, nicht möchte, nicht schätzt.

*

Die Sonne schien. Die Wärme im Auto bildete eine Glocke um mich.
Ich faltete den Brief zusammen und versuchte, meinen Partner anzurufen. Keine Antwort. Bubi legte den Kopf auf die Rückbank und beobachtete das Treiben auf dem Parkplatz. Der Verlust meines Arbeitsplatzes, die Lüge der Vertrauten hinter der Ermutigung, mich um meine Gesundheit zu kümmern, schwemmte über mich hinweg. „Wusst ichs doch“, stand auf jedem Stachel, der sich aus meiner Panzerhaut schob, um alles Panische vom Jetzt abzutrennen.
Nach der Angst, die Härte. Der Haken aus Stahl, der die Unwürdigkeit jeder Form von Zutrauen und Glauben an die Aussagen anderer Menschen, bestätigt.
Als ich nach Hause fahre, kommt die Trauer. Die Trauer um eine Zukunft, um die ich seit Dezember ringe. Auch das also, kaputt. Kein Kind, kein Job, keine Kraft, keine Hoffnung.
Es hätte so anders werden sollen.
Auf dieses Ist bin ich nicht genug vorbereitet.

*

Überraschungen gehören zu dem, was ich als Alltagsterror empfinde. Sie sind der trauma-re.aktivierende Bestandteil meines Lebens mit anderen Menschen, mit dem ich am häufigsten konfrontiert werde. Nicht, weil Menschen nie tun, was ich sage oder will, sondern, weil Menschen für mich nicht eindeutig vorhersehbar tun, was sie sagen; sagen, was sie tun, und es meistens ein unausgesprochenes Rätsel ist, warum, wozu und welchem logischen Schluss folgend sie es tun oder sagen.
Und es ihnen egal ist.
Sie mich nicht trösten. Selten beruhigen. Die wenigsten sich die Arbeit machen, sich mir zu erklären. Nur manche nah genug an mich herantreten, um mich zum Teil ihres Er.Lebens zu  machen.

*

Mein Partner liest den Brief. Atmet ein und sagt: „Ja, scheiße.“
Ich weine, weil ich begreife, dass ich mich nicht verlesen oder in meiner negativen Annahme geirrt habe.

Sie haben mich angelogen. Alle.
Und weil ich ihnen geglaubt habe, wähnte ich mich in einer Sicherheit, die mir jetzt, ohne jede Vorbereitung, ohne jede Chance auf Widerrede, Beeinflussung oder Zugang zu Verständnis, genommen ist.

Ab jetzt er.lebe ich parallel. Gespalten. Gleichzeitig in unterschiedlichen Dimensionen.

*

Überraschung, Schock, ist ein zentrales Element vieler Traumatisierungen.
Wer überrascht wird, kann sich nicht selbstwirksam erleben. Es gibt kein Kontrollgefühl. Keine Sicherheit über die eigene Existenz.
Überraschung kann nur Spaß bereiten, wenn dieses Sicherheitsgefühl grundlegend da ist. Ich habe dieses Gefühl nie. Selbst dann nicht, wenn ich viel Kontrolle habe.
Jede Überraschung rührt direkt an ein Gefühl von realer Existenzbedrohung.
Und jedem Gefühl der Bedrohung folgt die Dissoziation.

*

Ich scanne den Brief und plane die Einberufung aller nötigen Helfer_innen.
Bahne ein Gespräch beim Verlag an.
Speichere die erste Stellensuche auf der Webseite der Arbeitsagentur.

Spüre, wie sie das letzte Jahr resümiert.
Beobachte, wie er versucht abzuschätzen, ob unsere Kraft für psychiatrische Krisenintervention und ihre erwartbar problematischen Folgen reicht.
Höre ihr beim Sprechen ins Mikrofon zu, während die Hände einer anderen vereinzelte Kröten aus Eimern hervorholt.
Registriere Kämpfe um Essen, Schlafen, Lebenswillen und ‑ziele. Notiere ihre Gewinner und Verlierer.

Als ich einen Tag früher als gedacht von meiner Menstruationsblutung überrascht werde, fühlt es sich an, als würde mir ein knöcherner Schalter im Inneren umgelegt werden.
Mein Partner sagt, es nutze nichts, wenn wir beide traurig seien. Ich spüre hinter mir alles zusammenbrechen und im Melt der letzten Tage versinken.

*

Die Blätter einer Rose sind als sogenannte „Fiederblätter“ angeordnet. Ein Fiederblatt besteht aus mehreren Einzelblättern und trägt so zu einer stabilen Form der Pflanze, aber auch ihrer Gesamtfläche zur Fotosynthese bei. Fällt eines ab, gibt es genug andere. Zum Überleben des Organismus braucht es nur eins. Im Winter nicht einmal das.

Draußen beginnt der Frühling.
Ich organisiere an einem Sommer für mich.
Gestalte Ideen und Pläne für mögliche Verläufe im Herbst.
Den Winter in mir drin, blende ich dabei aus.
Ich weiß, dass er von alleine endet.

*

Das Mismatch mit meiner Umwelt über Überraschungen verlangsamt meine Verarbeitungsmöglichkeiten. Um den Kontakt zu meinen Mitmenschen nicht zu verlieren, kann ich mich nicht auf die Überraschung konzentrieren, sondern muss mich auf das fokussieren, was sie mir anbieten.
Die überraschende Nachricht von meiner Kündigung bedeutet für sie, dass wir über Kündigung und Arbeit sprechen – nicht über die Überraschung. Den Verrat. Den erschreckenden Verlust des Sicherheitsgefühls. Die unerwartete Unmöglichkeit aller Pläne für die Zukunft, die zum Sicherheitsgefühl über die Gegenwart führten. Wir reden nicht über Angst. Meine Todesängste sind einfach undenkbar für sie. Und übertrieben, als ich sie andeute.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Zukunft aussieht, weil ich nicht weiß, was dort möglich ist und was nicht. Man erwartet von mir ein Grundvertrauen in das Leben, das ich nicht habe. Ich kann nicht „einfach mal sehen“, „einfach mal abwarten, was sich ergibt“. Wenn ich nicht weiß, was ich sehen soll oder muss oder könnte, dann (vorher)sehe ich da nichts. Und wer nichts (vorher)sieht, kann von allem, was dann passiert, nur überrascht werden.

Das ist der absolute Horror.

only in Gewaltgesellschaft

Viele Menschen, die schlimme Sachen durchgestanden haben, halten sich damit zurück, etwas davon mit anderen Menschen zu teilen, weil sie nicht wie ein rohes Ei behandelt werden wollen. Und die allgemeine Reaktion darauf ist: „Ja, kann ich verstehen“ – statt den Umgang mit rohen Eiern zu hinterfragen.