Schlagwort: Vermeidung

Zukunftsmusikdisco

Als ich mich für ein Brot mit Erdbeermarmelade entscheide, wird der Regen in weißen Streifen durch die Luft gewogt. Als sich die Marmelade gerade in das weiche Margarinenbett kuscheln will, kommt die Sonne raus. Es ist hell und strahlend, der rote Bobbel vor mir leuchtet wie ein Stück Theatereingeweide.

Ich lass es liegen. Werd schon nicht verhungern.
Was mach ich jetzt. Nichts mach ich.
Die Langeweile zieht mich vor Netflix. Die Schwangerschaft mit unserem Buch hält uns da. Oder vor dem Wolkehaushalt in die Sims3. Nicht denken, nicht machen. Einfach nur so durchfischeln. Das geht. Meistens. Oft genug.

Die Dinge in unserem Leben jetzt, sind alle nicht spruchreif. So viel Zukunftsmusik, dass mir die Ohren klingeln und der eingeigelte Stummtaubblindverkrümel zu werden, ist oft das einzige, was wirklich hilft.
Alles was wir für diese Zukunft wollen, können wir nicht einfach entscheiden. Wann ausziehen, wann umgezogen sein – der Freund muss mitreden, hat eigene Dinger am Laufen, braucht auch Sicherheiten. Nicht so einfach. Alles muss daran angepasst werden. Das ist wie noch einmal 5 Lautstärkestufen rauf mit der Zukunftsmusik unter der das Knacken und Knirschen unserer Anpassungsprobleme unhörbar werden. Alles eine Frage der Kommunikation. Schwierig so auf die Distanz.

Am Donnerstagmorgen hatte ich Erdbeermarmeladenbrot und abends den Brief mit der Begründung für eine Namensänderung in der Hand. Wir fuhren sehr spät nachts noch mit dem Rad hin, um ihn einzuwerfen, aber dann doch nicht.
Bist du wirklich sicher? wummerte die Zukunft mit grellen Lichtblitzen auf mich ein. Ich bin nicht sicher. Ich bins nicht, ich werds nie sein. Zukunft, das ist die falsche Frage. Es geht nicht darum, wie sicher ich mir bin, es geht darum, wie sicher ich mir bin, damit umgehen zu können, wenn Dinge nicht so richtig klappen. Oder völlig anders als gedacht. Frag mich, wie bereit ich dafür bin, daran zu arbeiten, dass es so wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Frag mich nach meiner Kompromissbereitschaft. Frag mich, ob ich dich mögen werd, auch wenn du mir weder grüne Wiesen im Sonnenschein noch Fettlebe mit Zuckerguss zu bieten hast.
Zukunft, wenn du so fragst, dann ich will dich bitten mir aus dem Weg zu gehen. und das hatten wir doch schon so oft. Wir wissen beide, dass das nicht geht.

Am Freitag klebte ich eine Grüffelo-Briefmarke auf den Antrag und warf ihn in einen Briefkasten.
Fuhr nach Hause. Kochte Süßkartoffelsuppe. Draußen regnete es und drinnen fragte ich mich, ob das Buch denn wohl bald fertig gedruckt ist.
Dann schaltete ich den PC ein, um nach Familie Wolke zu sehen.
Um mich herum Zukunftsmusikdisco.

zum DID-Awareness-Day

Klingt komisch. Awareness-Day.
Ein Bewusstseinstag für eine “Erkrankung”, die so vieles unbewusst bleiben lässt.
Und irgendwie auch schlimmer wird, je mehr Bewusstsein für sie entsteht.

Die dissoziative Identitäts”störung” ist mehr als ein psychiatrisches Krankheitsbild von besonders dispositionierten Individuen.
Sie ist auch eine soziale Diagnose, denn die Ursachen sind überwiegend soziale Akte.
Misshandlung, Vernachlässigung, emotionale Grausamkeit, sadistische Quälerei, sexualisierte Ausbeutung, psychische Manipulation, jahrelang anhaltende latente Lebensgefahr, Folter. Zum Beispiel.
Das liest man schnell mal so weg und die Abstraktion der Begriffe geht soweit, dass sie die Menschen darin oft mitnimmt. Der soziale Akt, die Menschlichkeit, die auch Gewaltbereitschaft, Lust an Gewaltausübung, Selbsterhöhung durch Erniedrigung anderer enthält.

Ein Bewusstseinstag für DIS kann nicht nur ein Tag sein, an dem man sagt: Guck mal hier, das gibts!
Das wäre zu wenig, auch wenn es für die meisten Menschen dann doch wieder zu viel ist.

Mit dem Bewusstsein für Menschen wie uns, für Menschen, deren Identitätsstruktur von dissoziativen Brüchen definiert ist, kommt die Konfrontation mit der eigenen Dissoziation.
Der Dissoziation, die vor dem Bewusstsein schützt, dass die Welt auch ein gefährlicher, schlimmer, schlechter grauenhafter, moralisch abstoßender, erschreckender, bestialischer Ort sein kann. Jederzeit und genau jetzt für so viele Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt absolut schutzlos darin befinden.
Die Dissoziation um die Wahrheit, dass es wahr ist, wenn Menschen über Menschen sagen, dass sie das gefährlichste Lebewesen auf der Welt sind.
Die Dissoziation um die Realität der Überlebenden. Um die relative Nähe zueinander.

Ich halte es für problematisch nicht auch dafür Bewusstsein herzustellen.
Denn allein das Wissen um eine Problematik, Erkrankung, Störung reicht nicht, um Umgänge zu finden oder Ideen um Fragen nach Heilung, nach Rehabilitation, nach Verarbeitung zu diskutieren.
Nicht alle Menschen mit DIS sehen sich als krank. Wir sind einer davon. Deshalb nennen wir es Identitätsstruktur, sprechen von “Traumafolgen” oder “Traumafolgeproblemen”.

Die Diagnosekriterien der DIS sagen uns nur, dass wir gesehen und erkannt, eingeordnet und klassifiziert werden können. Das bedeutet: die Diagnose validiert uns aufgrund dessen, was jemand außen verstanden und anerkannt hat.  Es geht dabei um uns, wie wir “wir” sind. Dass wir da sind und uns als Ichs im Leben eines Einsmenschen erleben.
Es geht nicht um die Flashbacks, es geht nicht um dissoziative Phänomene wie Krampfanfälle, Sinnesausfälle, Depersonalisation, Derealisation. Es geht nicht um Angst, nicht um Depressionen. Es geht nicht um die Isolation unter Menschen, deren Identität so grundlegend anders strukturiert ist.
Nicht einmal gestreift wird dieser Aspekt des Lebens in einer Gesellschaft, die jene Umstände zulässt, aus denen wir hervorgegangen sind, und kollektiv an der Aufrechterhaltung der Dissoziation dazu arbeitet. Nie gedacht an den Verrat, den das auch bedeutet.

Die Diagnose selbst ist das Ergebnis dieser kollektiven Gewaltdissoziation.
Es gäbe eine völlig andere Struktur der Hilfen, der Forschung, der Heilungsdiskurse, wäre das nicht so.
Es erscheint so vielen Menschen unvorstellbar, sich Menschen frei von Gewalt zu widmen, dass es noch mehr von ihnen undenkbar ist.
Wie soll man jemandem helfen, wenn man gar kein Doktor ist?
Hmm wenn die Person viele ist ach nee da soll mal lieber ein Profi dran – ein_e echte_r Psycholog_in am Besten!

Das ist Vermeidungsverhalten. Und zwar eins das an allen Ecken und Enden in unserer Gesellschaft nicht problematisiert wird. Es wird im Gegenteil sogar bestärkt, gestützt und als natürlich gegebene Funktionalität unserer Gesellschaft als Ganzes verhandelt.

Aber Menschen, die Viele sind, die bekommen solcherart Stützen nicht. Die versuchen das oft sehr lange und sehr aufwendig in ihrem Leben aufzubauen. Versuchen sich mehr oder weniger erfolgreich in ihre Wechsel und Brüche, ihre Vermeidungen, ihre Symptome und Schwierigkeiten hineinzuorganisieren, doch scheitern endgültig in dem Moment, in dem ihnen gesagt wird: “Das ist krank. Was du da machst, wie du bist, was du da erlebt hast und bis heute erlebst, das ist nicht normal.”
Obwohl es extrem normal ist. Es ist extrem normal Gewalt zu erleben. So viele Menschen erleben genau jetzt Gewalt. Genau jetzt, während du das hier liest, sterben Kinder an Gewalt, die ihnen angetan wurde. Genau jetzt überleben wer weiß wie viele Menschen Folter, Qual und Not.
Krank werden diese Überlebenden aber erst mit dem einordnenden Blick einer dazu legitimierten Macht.

Das ist wichtig zu verstehen.
Denn Viele zu sein bzw. mit einer dissoziativen Identitätsstruktur zu leben, ist keine Krankheit, sondern ein Zustand. Und zwar einer, der ganz natur_logisch eingebaut entstehen kann, wenn er nötig ist um zu überleben. Nichts daran ist krank oder falsch oder irgendwie künstlich.

Was krank und falsch ist ist, wenn die gleichen Leute, die das Erlebte entnormalisieren und das Gelebte pathologisieren sagen: “Wenn du normal sein willst und also unterstützt, versichert, heil und gut, dann offerieren wir dir diesen wunderbunten Strauß der Optionen, aus dem du frei* wählen kannst. Wenn du nichts wählst, ja dann kann dir auch niemand helfen. Selbst schuld. Stirbste halt doch vielleicht.” [*solche Entscheidungen sind niemals frei, denn in unserer Gesellschaft ist niemand frei]

Das hier soll kein Text sein, der dazu führt, dass man Therapien und Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen, die mit einer DIS leben, ablehnt oder für allesamt falsch erklärt.
Aber er soll dazu beitragen sich bewusst zu machen, dass das der Kosmos ist, in dem dieser Zustand nicht nur be- sondern auch verhandelt wird.

Spricht man über oder von DIS, dann nutzt man psychologische, psychiatrische, medizinische Modelle des Menschseins. Man bewegt sich in psychologischer, psychiatrischer, medizinischer Terminologie. Man denkt an die Möglichkeiten und Grenzen der Veränderung, man forscht und seziert die Mechanik der Psyche durch die Brille ganz spezifischer Deutungshoheiten über objektifizierte, also versachlichte, Subjekte.

Das ist ein ernstes Problem, denn es trägt nicht dazu bei, dass die ursächliche Gewalt nicht mehr passiert.
Es trägt nicht zu einem Verständnis der verschiedenen Lebensrealitäten der Betroffenen bei.
Es trägt einzig zur Einordnung, Klassifizierung, Erforschung und Veränderung des Zustands überlebender Individuen bei.
Das ist viel, ja, aber nicht alles.
Und längst nicht genug.

Das möchten wir in diesem Text bewusst machen.
Wir wissen, dass die meisten Leute lieber eine fesche Infografik wollen, irgendein witziges Meme, das verlinkt ist mit irgendeinem psychologischen Text, der sagt: “Ja, gibts wirklich. Ja, ist echt schlimm. Ja, muss man therapieren.”
Wir wissen, dass man den Überbau dazu lieber vermeiden will.
Deshalb machen wir das so und nicht anders.

Anders machen andere schon genug.
–> #DIDawarenessday (auf Twitter)
–> “Separating Fact from Fiction: An Empirical Examination of Six Myths About Dissociative Identity Disorder” (PDF aus der US national library of medicine der national institutes of health)
–> DID Research (amerikanische Info-Webseite)

Wenn ihr eine informative Seite habt oder kennt, könnt ihr sie gern in den Kommentaren teilen.

22

Das ist eine Weile her. Essen mit Autoaggressionshintergrund.
Unnötig eigentlich. Mehr Gewohnheit, als Notgeburt.

Vielleicht meine Art, neue Wege zu gehen. Bisschen vorpreschen, etwas überfordern, – wohl wissend, dass es schwierig ist und schwierige Folgen hat – aber dann war ich immerhin schon einmal da, wo ich später mal hin will, ohne, das sich akut etwas verändert. Und zur Bestätigung, dass sich auch wirklich nichts verändert, ein Kilo Schrott mit Schrott obendrauf in den Mund, in den Magen bis es einfach nur noch weh tut und das Atmen schwer fällt.
Das ist beruhigend. So schräg das klingt.

Es fühlt sich irgendwie gut an, an etwas so richtig wirklich selbst schuld zu sein und zu wissen, was hätte würde müsste anders gelaufen sein.

Kurz vorher hatte ich mich von der Therapeutin verabschiedet. Unser Punkt in der Therapie gerade: Annäherung an täterloyale Innens und meine einerseits phobische Vermeidung und andererseits absolute Klarheit darum, dass wir nicht weiterkommen, wenn wir sie ständig ausklammern. Und, sie sich ausgeklammert sein lassen.

Wir zogen uns die Jacke an, sie hatte sich etwas zu trinken in der Teeküche gemacht. Und ich hatte sie gefragt, ob ich noch etwas sagen dürfte. Sie antwortete: „Ja“, und ich fragte sie, ob sie sich noch daran erinnern könnte, wie ich ihr damals – 2012 – in der zweiten oder dritten probatorischen Sitzung gesagt hatte, ich würde genau das nicht mehr wollen. Keine Vermeidungstänze mehr.

Ich erinnere mich noch, wie ich damals auch eine Vorstellung von Strenge mir selbst gegenüber hatte.
Wie ich damals durch die Erstgespräche mit Therapeut_innen ging und alle abgelehnt hatte, die mit zartem Tüchlein um den Hals und Wallawalladuftölkerze in ihrem Rattansessel saßen und mir butterweich durch die Wahrnehmung geglitten sind.
Ich konnte mich kaum fühlen – mir war klar, dass ich nicht Kraft haben würde, auch noch so jemanden erfühlen müssen. Zusätzlich zu schwammigen “Und was bedeutet das…?”, das zur tiefenpsychologischen Gesprächstherapie gehört, wie Eiter zur Pest.

Ihr das zu sagen, war einer dieser Vorpreschmomente. Mir gings schon schlecht, zu verlieren hatten wir nur noch die Hoffnung. Die Angst mit der ich dann umgehen musste, löste sich durch die Reaktion der Therapeutin damals gut auf. Sie hatte nämlich keine Angst oder Sorge. Und wenn, dann hat sie sie gut von uns ferngehalten. Ich hab ihre Präsenz gespürt und das hat mir schon gereicht, um mich einzunorden. Zu ordnen. Zu positionieren. Und in den letzten Jahren auch immer besser zu fühlen.

Natürlich hatten wir Vermeidungstänze in den Stunden. Selbstverständlich haben wir manchmal auch über einen längeren Zeitraum um Themen rumgetanzt. Manchmal hat sich dann rausgestellt, dass Vermeidungstänze auch Anlauf nehmen sind. Oder sich locker machen. Quasi Stress raustanzen oder auch: sich desensibilisieren.

Wo wir jetzt sind, ist das nicht so. Da ist es mehr eine Art reflexhafter Tarantella in nur eine Richtung, nämlich: Weg vom Thema. Vom Schmerz. Von der Angst. Vor dem, was spürbar, fühlbar, denkbar ist, und trotzdem überhaupt nicht greifbar.

Und da ist dann auch wieder der Wunsch nach Strenge mir gegenüber. Und gleichzeitig die Erkenntnis, dass ich meinen Wunsch nach Strenge mit mir, nach Forderungen an mich stellen und einfordern diesen auch nachzukommen, nur auslagern kann.
Denn ich bin nicht streng mit mir. Ich bin vernichtend mit mir. Selbstverletzend. Mir selbst das Maul stopfend, wenn ich Dinge äußere, von denen ich weiß, dass ich sie brauche, weil ich sie selbst nicht hinkriege.

Ich bat sie, mich beim nächsten Mal an diese Sitzung und meinen Wunsch keine Vermeidungstänze mehr zu machen, zu erinnern. Nicht um Druck auszuüben, sondern mich einzunorden. In mir selbst. Ich kann dann ja immer noch entscheiden, was ich in dem Moment dann für gut und wichtig halte.

Aber entscheiden will ichs können und das kriege ich einfach nicht hin. Im Moment entscheide ich an relevanten Stellen der Auseinandersetzung nämlich gar nichts. Ich reagiere, analysiere meine Reaktion, reagiere beim nächsten Mal doch wieder. Reflexhaft, unbewusst, dissoziativ. Als hätte es die letzten 7 Jahre Traumatherapie nie gegeben.

Ihr nach der Stunde nochmal etwas zu sagen, über das ich vorher nicht viel nachgedacht habe, war ein Ausbruch. Ein Vorpreschen. Unüberlegt vor möglichen Konsequenzen.
Und vielleicht der erste Schritt da raus, der nötig war.

Mal sehen.

5

“…so show me family
(Hey) all the blood that I will bleed
(Ho) I don’t know where I belong
(Hey) I don’t know where I went wrong
(Ho) but I can write…”
(“Hey Ho”, the Lumineers)

Man kann es nicht als neue Geschichte bezeichnen, wahrlich nicht. Eine der Figuren in „Grindelwalds Verbrechen“. Es ist einfach wieder ein „besonderer Junge“, nach dem gegriffen wird. Ein weißer Junge mit schwerer Geschichte. Ein Junge, der krasse Dinge passieren lassen kann. Vor allem, wenn er ~Emotionen~ hat. Es ist mehr Budenzauber, ja. Mehr soziale Verwicklung und ach… das Bad in der Zauberwelt – das ist einfach toll.

Und dann sind da die Parallelen.
Der Junge ist kein Junge. Es ist ein Mann, der als Junge gesehen und gedacht wird, weil er seine Kraft und damit einen profunden Teil seiner Selbst nicht im Griff hat. Dessen Suche und Kampf um sich selbst und seine Geschichte von so vielen Leuten erzählt, gedacht … gemacht wird, dass er selbst nur glauben, doch nie wissen kann. Und obwohl er ahnt, dass er gerade – erneut – misshandelt und ausgenutzt wird, bleibt. Und folgt.

“Ein Obskurus entsteht nur in einem Klima extremer Einsamkeit und Gewalt” – oder so ähnlich, erklärt der junge Dumbledore, das große schwarze Ding, das regelmäßig ausbricht und mehr oder weniger gezielt alles um sich herum zerstört. Und tötet. “Hätte er nur Geschwister gehabt, die ihn mochten oder einen Freund… Er braucht so jemanden, das kann schon alles verändern…”

Wieder schrieb Rowling also eine Geschichte über Täterintrojekte bzw. Traumafolgen.
Und wieder kriegts mich.
Diesmal anders. Auch anders, als bei der Geschichte um Lord Voldemort in den Harry Potter-Bänden.

Ich kenne diese schwarze krasse Macht in mir drin. Und ich weiß, dass sie aus einem Klima extremer Gewalt, tiefster Einsamkeit, Verlassenheit, Not kommt. Weiß, dass sie schon verletzt und zerstört hat.
Ich weiß, dass sie kontrollierbar ist. Ich weiß, dass es keine kontextlose Naturgewalt ist, die unberechenbar und übermächtig ist.
Ich weiß aber auch, mit wieviel extremer Gewalt und Ablehnung ich sie in mir drin halte. Weder anspreche, noch bewege, noch wirklich glaube, dass ich sie halten kann, sollte sie versuchen sich ernsthaft nach außen hin auszudrücken.

Niemand entwickelt eine so tiefgreifende Spaltung von Selbst und Sein, gäbe es keine Kräfte, die brechend auf sie einwirken. Das ist das eine.
Das andere ist, dass das kein Leben ist, sondern ein Zustand.
Ein Zustand, der weh tut, obwohl kein Blut fließt. Ein Zustand, der nicht nur das Früher fragmentiert, sondern auch das Heute und dadurch auch jede Idee an die Zukunft.
Das geht in Beschreibungen des Viele-Seins wie “Wir leben alle in diesem Haus und das Haus ist der Körper” unter. Ja, man lebt, von mir auch in einem Haus. Aber die Zimmer in diesem Haus sind das Ergebnis langjährigen Bohrens, Reißens, Schlagens, Kratzens, Ätzens, Brennens… letztlich: Verdrängens dessen, was vorher da war. Und zwar jedes Zimmer. Nicht nur das der Räume, in denen die krasse Todeswolke drin ist.

Ich ging aus dem Film und fragte mich, ob Credence Barebone (der junge Mann mit dem Obscurial in sich) deshalb von J. K. Rowling erfunden wurde, weil es weißen verletzten Männern leichter zu glauben ist, dass man sie besser nicht kränkt oder verletzt, weil sie eine scheiß gnadenlose Wolke des Todes in sich tragen.
Nach dem ersten Teil (“Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind”) hatte ich mich schließlich auch gefragt, ob sie ihn als Jungen erdacht hat, um der Misshandlung, der er ausgesetzt war, in ihrer realen Krassheit und Schlimmheit glaubwürdiger zu machen, um sein Rotz und Wasser heulen und die spätere Totaleskalation nicht als irrational (oder – ding dong – “hysterisch”) erscheinen zu lassen.

Wäre Credence eine Frau oder eine Person anderen Geschlechts, hätte das Publikum die Gewalt konkreter miterleben müssen – und die Verführung faschistoider Kräfte wäre viel weniger subtil passiert. Grindelwald hätte eine Frau sexuell verführt oder in irgendeiner anderen Form sowohl emotional als auch strukturell an sie gebunden. Ein Versprechen von einer Zukunft in Würde durch Geschichte und Identität, wäre dann niemals Thema gewesen.

Das mag irrelevant für die Filme sein – die sind ja nun einmal wie sie sind – es ist aber nicht irrelevant für mich. Denn aufgrund dieser Tatsache fällt auch dieser Film wieder als etwas raus, das ich für meine eigene Auseinandersetzung nutzen kann.
Denn mir wird keine Todeswolke im Inneren geglaubt. Nicht, weil es Todeswolken in Menschen nicht gibt, sondern weil die Annahme von zerstörerischem Gewaltpotenzial nachwievor an Männer oder als männlich eingeordnete Menschen herangetragen wird. Und eben nicht an Menschen wie mich, die mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit in ebenjenem Klima der Gewalt aufwachsen und dadurch – entsprechend der Logik der Entstehung von Todeswolken aka Obskurialen aka Täter_innenintrojekten – erheblich viel wahrscheinlicher auch so ein Ding entwickeln.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, dass ich nur Kämpferinnenfiguren kenne, die sich ihre Kraft und auch ihre Zerstörungsenergien in irgendeiner Form entwickelt haben. Keine war einfach so krass stark und Beherrscherin ihrer eigenen Kräfte. Sie haben alle hart trainiert, sind schonungslos gegen sich selbst angetreten oder waren, ohne es zu wissen, einfach schon immer eine Halbgöttin und deshalb “von Natur aus” interessiert an Kampf und Krassgedöns.
Erst recht kenne ich keine einzige nicht binäre Person, die einfach so mit ihrer Todeswolke konfrontiert war und dann genauso einfach so dagegen angehen konnte.

Das ist auch Einsamkeit. Keine Vorbilder zu haben, die die Fragmente einer Zukunft auffüllen und überbrücken helfen könnten. Das ist auch Verlassenheit. Wenn man weiß: Eigentlich gibt es Selbsthilfegruppen, Foren und Treffs, in denen man Leute, die das schon hinter sich haben oder auch auf dem Weg sind, treffen und fragen könnte – aber nicht für sich selbst. Weil man “zu politisch” ist. Weil man zu wenig hilfe_bedürftig ist. Weil man einfach schon viel zu viel über sich und die eigenen Erfahrungen verstanden hat, um mit dieser Thematik noch als die Person gesehen und anerkannt zu werden, die man – trotz alle dem und so viel erfolgreicher Arbeit – auch noch ist: Eine Person, die vor manchen Aspekten der Gewalt- und Traumafolgen einfach so derartig überfordert ist, dass sie nichts anderes _kann_, als mit Gewalt alles in sich niederzuknüppeln, was nicht anders beherrschbar ist.

Das ist auch Not.
Denn wo Gewalt ist, ist immer auch Not.

“Love we, need it now
Let’s hope, for some
‚Cause oh, we’re bleedin‘ out”

Autismus, Trauma, Kommunikation #4

Von Menschen misshandelt zu werden, verändert den Blick der misshandelten Person auf Menschen.
Manchmal ganz pauschal, manchmal ganz spezifisch. Manchmal sehr stark und manchmal nur ein wenig.
Dass das passiert ist keine Entscheidung, sondern Glanzstück menschlicher Evolution.
Es dient der Anpassung, sich sehr genau mit allen möglichen Anzeichen tödlicher Bedrohungen zu befassen und darauf zu reagieren. Zum Beispiel, in dem man die innere Einstellung, die innere Haltung, die innere Bewertung in Bezug auf das, was einmal als (auch konkret versehrende/ traumatisierende) Bedrohung erfahren wurde, verändert.

Viele Menschen, die von Menschen misshandelt, gequält, gefoltert, ausgebeutet wurden, sind Beobachtungsspezialist_innen für das, was andere Menschen tun, sagen, machen – oder genau nicht tun, sagen und machen. Manchen Menschen hilft bei dieser Beobachtung ein erhöhtes Erregungslevel (der Hyperarousel), bei dem durch den entsprechenden Stresshormonspiegel eine zeitweise erhöhte Leistungsbereitschaft gegeben ist. Viele Menschen, die von anderen Menschen misshandelt und sogar davon traumatisiert wurden, erleben andere Menschen als Trigger (Auslöser) für das Erinnern/Wiedererleben an die Misshandlungserfahrung.
So ergibt sich für viele dieser Menschen eine quasi automatische Dauerleistung, wenn sie unter Menschen sind. Und ein entsprechender Energieabfall, wenn die Situation vorbei ist. Manchmal verbunden mit Erinnerungslücken, depressiven Verstimmungen, extremer Müdigkeit und Antriebslosigkeit.

Wir nennen das “Aufregungsachterbahn” und haben viele Jahre unserer Traumatherapie damit zugebracht daraus auszusteigen. Denn dieses (stresshormonbedingte) Energie- auf-und –ab hat bei uns viele ungute körperliche Auswirkungen gehabt. Von Tagen/Wochen/Monaten, in denen wir etwa 3-4 Stunden am Tag “echt” schlafen konnten, zu Tagen/Wochen/Monaten, in denen uns 20 Stunden liegen und “schlafen” noch viel zu wenig war, bis zu Zeiten, in denen dieser krasse Energieabfall sogar zu Suizidversuchen aus “heiterem Himmel” geführt hat, war für uns viel dabei. Geblieben ist uns ein Stoffwechsel, der dazu führt, dass wir sofort sehr viel zunehmen oder sofort sehr viel abnehmen, wenn bei uns irgendwas irgendwie ~traumastressig wird; aber auch, dass wir völlig unberechenbar auf Medikamente reagieren.

Kurzer Einschub dazu: Es gibt die Erzählung, dass verschiedene Innens bei Menschen, die viele sind, verschieden auf Medikamente reagieren. Können wir bestätigen, allerdings alles auf Basis des Erregungslevel bzw. den für das Innen jeweils typische Hormonmix. Wir alle Innens sind unterschiedliche Mixturen – logisch, reagieren wir unterschiedlich auf die Mixtur, die wir uns reintun.
Allerdings ist die Wirkung von Medikamenten auf lange Sicht bei uns dann doch relativ ähnlich und wir vermuten, dass das daran liegt, dass wir als Einsmensch dann eben doch am Ende des Tages irgendwie “durchschnittlich” (also “normal” im Sinne von “traumatisiert und daher erwartbar abweichend”) durchmischt sind.

Warum dieses Trauma 101?
Weil es ebenjenes Beobachten war und ist, dass uns sehr lange nicht als auch autistisch erkennbar gemacht hat.
Die meisten Menschen verbinden mit Autismus die völlige Abwesenheit von Blickkontakt und/oder generellem Interesse an dem, was andere Menschen tun, denken, wollen, fordern.
Autistischen Menschen wird auch oft abgesprochen lernen zu können oder sich in irgendeiner Form anpassen zu können. Genauso wie noch viel zu viele Menschen glauben, autistische Menschen könnten nicht traumatisiert werden, weil sie scheinbar keine Emotionen haben bzw. generell einfach gar kein emotionales Selbst_Erleben haben.

Wenn wir sehr konzentriert und aufmerksam sind für das, was uns jemand sagt, dann schauen wir die Person nicht an. Wenn wir höflich und sympathisch wirken wollen (und die Kraft dafür haben), dann schauen wir einer Person auf den Mund bzw. die Stelle zwischen Nase und Mund.
Wenn wir uns vor einer Person fürchten oder aus irgendeinem Grund irgendwie wissen, dass sie uns gefährlich ist oder sein könnte (das sind für uns besonders Autoritäten oder uns überlegene Personen), machen wir etwas mit unseren Augen, das schwierig zu erklären ist. Wir schauen sie an – aber sehen nichts. Wir wissen nicht, wie das im Spiegel aussieht – vielleicht schielen wir oder drehen sie irgendwie anders merkwürdig? Auf jeden Fall sieht es so aus wie Blickkontakt, ist aber keiner. Wir wissen ganz genau, wie wir das gelernt haben und, dass wir das nicht freiwillig gelernt haben, so wie man vielleicht lernt, ohne Stützräder mit dem Rad zu fahren.

Aufzuwachsen in einer Umgebung, in der das, was Menschen tun, nie vorhersehbar und begreifbar war, hat sicherlich dazu beitragen, dass wir einen gesteigerten Antrieb haben, Anzeichen für Gewalt an uns möglichst vorherzusehen oder zu erahnen bzw. begreifen zu wollen, was da passiert (ist).

Unser Problem: Wir haben das auch bei banalen Alltagsdingen, die 0,0000irgendwas0 mit Gewalt, Angst, Furcht, Trigger oder so zu tun haben.
Anzeichen für die Intension eines Verhaltens erkennen und einordnen zu können, erfordert zwingend die Fähigkeit (und bis zu einem Punkt auch Fertigkeit) sich vorstellen zu können, was die andere Person denkt und also glaubt und fühlt (also auch: ein gewisses Mitfühlen dafür zu haben, was was in einer Person auslösen könnte) Stichwort dazu: “theory of mind” – nicht: “Empathie”

Uns in die Sicht anderer Menschen hinzuversetzen, bedeutet enorm viele Optionen für uns und enorm viele Endergebnisse, die für uns alle gleich wahr, alle gleich realistisch, alle gleich wahrscheinlich und alle gleich relevant erscheinen. Erst mehr Zeit und Ruhe ermöglicht uns, das alles auseinanderzuhalten und zu ordnen.
Und erst Rückfragen, “Testfragen” oder andere aktive  Wahrscheinlichkeitsüberlegungen versichern uns dann am Ende.

Im letzten Text habe ich das schon einmal formuliert und endete damit, dass man sich vorstellen möge, wie es ist, so zu funktionieren und dann in eine Gesprächspsychotherapie zu gehen.

Man kann sich das so vorstellen, dass diese Form der Psychotherapie für uns das Anstrengendste aus allen Welten bereithält und entsprechend irgendwo zwischen “Ich mach das, weil ich Schiss hab, aus Versehen zu sterben, weil ich mich nicht genug um meine “Heilung” kümmere” (also etwas, was wir aus einer gewissen Todesangst~Überlebenschance heraus tun – egal wie anstrengend es ist) und “Ich mach das, weil es keine Alternative zu dieser Form gibt”, rangiert.

Wir arbeiten in der Therapie. Und das machen wir nachwievor mit all der Motivation, die wir angesichts der Alternativen eben aufbringen können. Allerdings haben wir in dieser bei uns ja doch sehr langen Arbeitszeit übermäßig lange eher so “Basiserfolge” gehabt, die durchaus hätten mehr sein können.

Das schreiben wir nicht, weil wir überhöhte Ansprüche an uns stellen. Wir haben nicht die Idee, dass wir schon längst hätten geheilt sein können oder wenigstens mal ein komplett hergestelltes biografisches Erinnern im normalen Rahmen oder nicht mehr viele sein oder oder oder.
Das schreiben wir, weil wir merken, was für eine steile Kurve wir genommen haben, seit die Autismusdiagnose steht, gezielt an Probleme herangegangen wurde und wir dadurch selbst ganz konkret merken: so komplett kaputt und gefühlskalt traumatisiert, wie wir von einigen Therapeut_innen eingeordnet wurden, sind wir überhaupt nicht.  Wir sind ja gar nicht unfähig, dieses tiefenpsychologische Gerede zu verstehen – da war jemand unfähig zu verstehen, dass wir nicht vermeiden (oder sich eine Soziopathie zeigt), wenn wir sagen, dass wir Dinge, die uns Therapeut_innen oder auch Selbsthilfemedien antragen, nicht nachvollziehen können.

Wir sind jahrelang immer wieder darüber gestolpert, dass wir gefragt wurden, was es bedeutet, wenn wir etwas fühlen oder denken oder glauben.
Manchen neurotypischen Menschen hilft diese Formulierung, einen anderen Blick und eine andere Ebene in Bezug auf sich selbst einzunehmen und so ihre Schwierigkeiten anders zu betrachten. Uns hat es einfach nur verwirrt und manchmal auch frustriert, denn es hat dazu geführt, dass wir uns Therapeut_innen massiv unterlegen gefühlt haben, weil sie unserem Verstehen nach etwas zu sehen bzw. um etwas gewusst zu haben schienen, von dem wir weder wussten noch selbst etwas empfanden. Und selbst nach ewiger Auseinandersetzung, Konfrontation und sogar Explorationen traumatischer Erfahrungen (auch nicht für uns allein) auf den gleichen Stand gekommen sind.
Wir haben deutlich gemerkt, dass uns da etwas fehlt – und es wurde immer als Ergebnis der Dissoziation angenommen. „Sie sind dissoziiert, deshalb sind sie getrennt von Gefühlen (für andere)“. Das mag für traumatisierende Situationen (oder Situationen, die daran erinnern aufgrund des erwähnten Stresshormonmixes) stimmen, passt aber nicht mehr in Alltagssituationen.

Nun frage man sich, was das mit uns gemacht hat, nach dem gewaltvollen Leben in Manipulation und permanenter Ansage, man wisse alles von und über uns, ausgerechnet in einem therapeutischen Setting immer wieder in genau diese Verwirrung bzw. dieses Gefühl der Unterlegenheit bzw. „Durchschautheit“ zu kommen.
Richtig: es hat Spaltung gemacht. Dissoziation. Und zwar gründlich.
Wir Rosenblätter sind daraus (und aus anderen negativen Erfahrungen mit Menschen, die (therapeutisch, medizinisch, pflegerisch) helfen wollten oder “geholfen haben”) entstanden. Ein System, dass damit umgehen kann; die Kraft dafür aufbringen kann und trotz aller Kampfverluste einfach immer weiter dahin gehen kann, statt hinzuschmeißen und aufzugeben.

Auf unserem traumatherapeutischen Weg ist also schon mal grundlegend was schief gelaufen.
Ich denk, das können wir ruhig so festhalten und auch entsprechend bitter, enttäuscht, frustriert und zuweilen auch maßlos verärgert darüber sein. So lange wir wollen und müssen.
Denn nicht zuletzt war und ist für uns die Möglichkeit von Psychotherapie immer auch ein Versprechen von Veränderung und Verbesserung. Immer Alternative zu dem, was wir als unaushaltbares Leiden empfunden haben. Es so oft nicht eingelöst bekommen zu haben und das einfach, weil man wahlweise eine (und manchmal auch unsere) Symptomatik oder eine (und doch nie unsere) Persönlichkeit diagnostiziert und behandelt hat, aber nie bis an das Funktionieren als Mensch, der wir sind und der auch dafür ein eigenes Bewusstsein entwickeln musste,  herangegangen ist, ist eine wirklich heftige Erkenntnis. Eine bittere heftige Erkenntnis, mit dessen Schmerzensdimensionen wir mal mehr mal weniger allein sind.

Einen Erkenntnis gebenden Punkt wollen wir hier aufführen.

diagnostische Fragebögen – bzw. das Dilemma um konkrete Nachfragen

Eigentlich sind wir Fragebögen und besonders multiple choice – Fragebögen sehr offen gegenüber.
Die wählbaren Optionen geben bereits die Kategorie der Antwort vor – es fallen enorm viele Antwortoptionen weg.
Bei Sachfragen sind sie also großartig für uns.
Bei emotionalen Fragen sind sie das weniger.

So gibt es in der Klinik, in der wir einige Intervalle mitgemacht haben, einige Fragebögen, die man zu Beginn der Behandlung ausfüllen soll. Darunter ist mindestens einer, der sich auf ein “Vorher” in den Fragen bezieht, das nicht näher definiert ist.
Da sieht eine Frage beispielsweise etwa so aus: Ich mag mich weniger als vorher 1 nein Ich mag mich 2 ja ich mag mich etwas weniger als vorher 3 ja ich mag mich meistens weniger als vorher 4 ja ich hasse mich

Konfrontiert mit der Frage, haben wir Nachfragen (zum Beispiel: Was heißt “Ich mag mich?” Aussehen? Verhalten? Werte? Körper? Können? Was bedeutet hier “Ich” in Bezug auf uns?), die wir uns nicht beantworten lassen können, weil diese Fragen allein zu beantworten vorgesehen sind, zum einen und zum anderen, weil dafür keine Zeit ist. Man hat einen Termin á 50min in der Woche und das wars. Daran zu rütteln ist böse böse und sowieso sinnlos, denn es geht dabei um Geld und nicht um Menschen_sach_verstand.

Die Daten aus dem Fragebogen sollen dazu dienen, am Ende des Aufenthalts einen Therapieerfolg oder –misserfolg zu errechnen. Es geht also einen Scheiß darum, was die Fragen anstoßen oder was man überhaupt “richtig” (im Sinne von “bewusst reflektiert”) beantworten kann, ob Fähig- und Fertigkeiten da sind, die Fragen zu beantworten.
Es geht dabei nicht um das Innenleben und die echte Selbstwahrnehmung der Klient_innen, es geht um Schätzwerte. Also um Kaffeesatzlesen.

In unserem Fall einen Kaffeesatz, unter dem wir ja genau gelitten haben, da es die umfassende dissoziative Problematik war, die es uns verunmöglicht hat, irgendetwas von uns so bewusst wahrzunehmen, dass wir es als eigen und selbstzugehörig empfinden können. Über wessen Selbsthass, Depressionen und Essverhalten – ja sogar dissoziative Symptomatik sollten wir nun Fragen beantworten? Wir lebten alleine – wir konnten nicht mal mehr etwas angeben, das andere über uns und unsere Symptomatik als Einsmensch zurückgemeldet hatten.

Auch wenns jetzt drüber klingt: Das ist echt heftig und in keinster Weise als etwas zu sehen, das man ja vernachlässigen kann, weil es ja am Ende um nichts geht, was mit unseren inneren Themen zu tun hat.
Für uns ging es um etwas und diese Herangehensweise führte für uns zwangsläufig in ein erstes Versagen.

Eins, dass wir schon kurz nach der Autismusdiagose nicht mehr so annehmen wollten. Wir haben an den Rand der Fragebögen geschrieben, haben Bemerkungen dran gemacht, haben uns mit jemandem besprochen, was bei Frage X wohl gemeint sein könnte.
Erst dabei ist uns dann aufgefallen, wie oft wir in diesen Fragebögen jahrelang falsche Angaben gemacht haben, weil wir von völlig anderen Dingen ausgegangen sind.
Aber glücklicherweise war es ja eh nicht so wichtig?
(Glaub ich nicht – will ich nicht glauben.)

Kurzer Schwenk.
Eins unserer Geschwiste ist ebenfalls autistisch. Es hatte größere Schwierigkeiten als wir, frei über Erlebnisse zu erzählen. Auf die Frage: Was gabs im Hort zum Mittagessen?, konnte es keine Antwort formulieren. Auch hier war das multiple choice-Verfahren hilfreich. Auf die Frage: Gab es Nudel, Kartoffeln oder Reis?, konnte es antworten. Wir brauchten dieses Verfahren zu solchen Ereignissen nicht. Wir hatten den Essensplan auswendig gelernt, sobald er unten an der Küchentür hing. Vorbereitung ist alles für uns. Immer. Bei allem. Bis heute kommen wir in Stress sobald wir uns nicht auf Situationen vorbereiten und einstellen können.

Wo wir heute multiple choice Fragen sehr gut gebrauchen könnten, wären Therapiegespräche.
Aber.
Das geht so einfach nicht, denn wo vorgegebene Antwortmöglichkeiten sind, da ist Raum zur Beeinflussung – und zwar weitaus mehr, als ohnehin schon durch die vielen Übertragungsdynamiken entsteht.

Für uns bedeutet es eine Was gab es zum Mittagessen?-Fragesituation ohne ausgehängten Speiseplan, wenn eine Therapiestunde anfängt mit einer offenen Einladung durch die Frage: Und? Wie ist die Lage?
Zu viele Antwortoptionen. Zu viele möglicherweise gemeinten Themenfelder. Zu viele mögliche Perspektiven, die eingenommen werden müssten. Keine Vorbereitungsmöglichkeit.
Wir haben auf solcherlei unkonkrete Fragen also in der Regel keine Antwort. Sagen: Ich weiß nicht. Oder geben eine Wörterantwort, ohne Konsistenz. Und wirken dadurch viel dissoziierter (alltagsamnestischer) als wir sind.

Eine konkrete Frage wäre: Konnten sie in der letzten Woche ausreichend* schlafen? oder Konnten sie in der letzten Woche ausreichend essen und trinken? (*ausreichend natürlich vorher klar definiert)
Für uns wäre es super, würde jede Therapiestunde eine so gestaltete Bestandsaufnahme am Anfang haben.

Denn:
Für uns bedeutet das Geeier auf die Frage, wie es uns denn geht, keineswegs ein erwartbares Ding, auf das wir uns dann doch gezielt vorbereiten könnten. Dadurch, dass wir diese Frage einfach immer irgendwie beantworten und es immer irgendwie klappt, wissen wir noch lange nicht, ob das jetzt die Antwort war, um die es ging. Dabei geht es uns nicht einmal mehr darum, “die richtige Antwort” zu geben. Darum ging es aber lange, als wir die Therapie anfingen, weil wir damals noch dachten, richtige Antworten seien ein Schutz vor Gewalt.

Es bedeutet jedes Mal eine neue Unsicherheitssituation, die zuweilen auch triggern kann.
Und es bedeutet eine Situation, in der uns unser “Ölmolekül”-Sein in Bezug auf die “Wasser”-Therapeutin (s. #3) manchmal sehr schmerzhaft bewusst wird. Wir merken, wie wir ihr Dinge nicht sagen können, weil wir nicht wissen wo anfangen, was ist gefragt, wie wichtig ist was, wofür ist die Antwort wichtig. Wir merken, wie wir in eine Redesperre geraten, die absolut 0 mit Redeverboten oder Schweigegeboten zu tun haben.
Das macht Ohnmachtsgefühle und kratzt total an der Motivation die Therapie weiterzuverfolgen.

In Bezug auf das Sprechen über schwierige Erfahrungen stehen wir vor einem noch größeren Dilemma.
Denn da insbesondere Therapeut_innen, die Menschen mit DIS und anderen Traumafolgeproblemen behandeln, nachwievor immer mal wieder unter Verdacht gestellt werden, sie würden ihren Patient_innen Erinnerungen einreden, ist es komplett ausgeschlossen, dass wir mit unserer Therapeutin nach multiple choice-Vorgehen über Gewalterfahrungen sprechen können.
Eine Nische bietet zwar Kunsttherapie bzw. das Aufmalen von Aspekten, die zwecks Deutungssicherheit nachgefragt werden müssen (Like: Ist das eine Person? Wie heißt diese Person? Was macht diese Person da?) – das kriegen wir jedoch bei weitaus weniger Dingen hin, als wir das bräuchten. Besonders, weil wir einander beim Aufzeichnen schneller gegenseitig mit Material fluten und insgesamt nicht gut tun, als wenn wir in der Therapiesituation selbst sind und uns dort auseinandersetzen.

Jetzt sind wir in einer privilegierten Situation.
Unsere Therapeutin kann sich mehr Zeit für uns nehmen und nimmt sie auch, wenn wir über schwierige Dinge reden wollen. Das ist leider durch nichts anderes zu ersetzen. Wir könnten hier noch das teilen, was wir machen, bevor wir zur Therapie gehen und wie wir uns womit vorbereiten, aber am Ende ist es einfach immer nur dieses Mehr an Zeit und damit auch Mehr an Raum das, was auf uns einströmt, wenn wir uns dafür öffen, zu ordnen und zu kommunizieren, das uns hilft, über das Erlebte zu sprechen.

Es ist auch mehr Raum für Fehler, für “sich nicht gleich zurecht finden”, für “die Reihenfolge erst rausfinden” – was für uns alles in dem Moment, in dem wir beschließen etwas auszusprechen, noch überhaupt nichts mit dissoziativer Fragmentierung zu tun hat oder damit, dass uns gesagt wurde, wir dürften nicht darüber sprechen, sondern damit, dass diese traumatisierenden Erfahrungen manchmal schon vorher völlig überreizend für uns war und an sich schon weder Kontext, noch Reihenfolge, noch Sinn hatte.
Oder, manchmal auch, weil die Orte, an denen etwas passierte, fremd für uns war – und besonders früher war ein Raum für uns schon dadurch fremd und völlig neu, wenn jemand einfach die Lampe verstellt hat oder ähnliches. Das Problem haben wir noch heute, wenn auch in weitaus weniger ängstigenden Dimensionen.

Was außerdem neulich hilfreich war, war eine Bildbeschreibung, die für uns gut funktioniert.
Seit wir uns mit barrierefreier Webgestaltung auseinandersetzen, versuchen wir mehr darüber zu lernen, wie man Bilder für blinde und anders sehbehinderte Menschen beschreibt, damit sie wissen, was alles auf dem Bild zu sehen ist. Das ist für uns eine echte Herausforderung, weil auch dabei sehr viele Details, die wir sehen, vielleicht gar nicht erwähnt werden müssten, um ein Bild zu beschreiben.
Für Erinnerungsbilderbeschreibung gehen wir ähnlich vor. Wir stellen uns vor, dass die Therapeutin diese Bilder nicht sehen kann (und machen damit einen Schritt, den wir vorher nicht gemacht haben, weil wir genau diesen Umstand nicht mit im Bewusstsein hatten – zing: theory of mind).

Dann gehen wir von außen nach innen in das Bild.
Raumbeschreibung, [manchmal schieben sich dann schon die ersten nächsten Bilder dazu]
Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (zu Hause, fremd, bekannt, Ort, wenn bekannt)],
Personenbeschreibung, Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (zu Hause, fremd, bekannt, sozialer Bezug)],
Handlungsbeschreibung, Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (Gefühle, Gedanken, Häufigkeit)].

Für manche Menschen ist so eine schematische Vorgehensweise vielleicht undenkbar, besonders, wenn Bilder und Erinnerungen noch total schwierig zu kontrollieren sind und scheinbar völlig willkürlich aufkommen.
Wir haben das Gefühl mehr Kraft für die nötige Reorientierung zu haben, seit wir so schematisch und unter Beachtung unserer Strukturierungsschwierigkeiten an diese Arbeit herangehen.

Da passiert aber auch eine Dopplung, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.
Einerseits kommt uns das eigene Erinnern klar und fest und dadurch aussprechbar vor, wenn wir an die Auseinandersetzung damit, wie an ein Arbeitsprojekt angehen – andererseits ist natürlich auch das eine Distanzierungsnummer – aka Vermeidungsdings, das uns das Gefühl gibt, dass wir potenziell vielleicht gar nicht so nah an Gefühle dran müssen, weil wir ja jederzeit aussteigen können.
Es hilft, dass unsere Therapeutin in jedem Distanzierungsatmungsmoment fragt, ob wir weitergehen wollen oder nicht.

der Triebwagenführer, das große Bild und unser Regal

Wir saßen in einem überhitzten Abteil auf dem Weg vom Praktikumsort nach Hause, als der Triebwagenführer vorbei kam. Die Klimaanlagen sind ausgefallen, lasst die Fenster zu, Kinderwagen werden an die dafür vorgesehenen Plätze gestellt, Füße vom Sitz. Sein sächsischer Dialekt richtete mir den Rücken auf.

Wir sind 32 Jahre alt. Die DDR haben wir nie bewusst erlebt. Aber ihre Hinterbliebenen. Und das sind oft Menschen wie dieser Triebwagenführer gewesen. Allzeit bereit.
Mit ihnen geht es mir wie mit Leuten aus Brandenburg und Berlin: Ich weiß nie, ob sie mich gerade anscheißen oder herzlich anknuffen. Vorschriften sind ein Muss, menschliche Gesten daneben aber auch.

So kam es, dass wir alles über die Klimaanlage erfuhren, dass es Zugbegleiter gab und dass er sich darum kümmerte, es so erträglich wie möglich für alle zu machen.
Am nächsten größeren Bahnhof gab es eine Zugwechselaktion. Dort war nur noch ein Abteil überhitzt, eine Notfallflasche kaltes Waser wurde besorgt. Für Fahrgäste, die es brauchen. Das erzählte der Triebwagenführer nachdem er allen Fahrgäst_innen und seinen Zugbegleitern für ihre Zusammenarbeit bei der Aktion gedankt hatte und erneut sagte, dass er sein Bestes gibt.

Wir haben schon Schlimmeres mit der deutschen Bahn erlebt und es war dieser Vergleich, der uns etwas anderes bewusst machte. Denn das, was der Triebwagenführer tat, als er uns dankte und seine Bemühungen mitteilte, war eine Bestätigung der Belastung und der Ungewöhnlichkeit der Situation für alle Beteiligten. Ohne sich selbst davon auszunehmen, indem er sich an die (westsoziale?) Vorschrift der Sachlichkeit und Autorität zurückzog.

Was es uns bewusst machte, war Folgendes.
Am Dienstag hatten wir einen Termin mit dem Begleitermenschen.
Wir haben beim “Fonds sexueller Missbrauch” beantragt, dass er für seine Arbeit mit uns bezahlt wird. Damit das geht, wurden wir darum gebeten den Umfang der Unterstützung und die konkreten Kosten dafür aufzulisten.
Und so saßen wir dann gemeinsam an unserem Schreibtisch und listeten.

Früher hatten wir ein Regal für Komplimente oder schmeichelhafte Bemerkungen über uns. Eine Distanzierungstechnik, die uns half über die Unsicherheit des Nichtwissens einer angemessenen Reaktion hinweg zu kommen. Seit dem Narzissmusding in der Klinik machen uns anlasslose bzw. nicht nachvollziehbare Komplimente und schon die Idee, wir könnten irgendwas ziemlich gut (geschweige denn besser als andere) nur noch Stress und Angst – wir befassen uns nicht mehr damit. Die Dinge, die wir schaffen und können, schaffen und können wir und fertig. Ein größeres Bild oder irgendwelche Gefühle dazu, lassen wir nicht mehr an uns ran.

Nun mussten wir zusammen darüber nachdenken, wie das war. Damals. Im Frühjahr und Sommer 2015 als wir uns kennenlernten. Wir uns und wir irgendwiealle den Begleitermenschen. Der trotz all unserer Helferdinger und Klapsentraumafolgeprobleme bis heute Wege findet, über die Dinge zu sprechen, die davon ins Jetzterleben getriggert werden und das Heuteleben be.ver.hindern.
Wie das war, als wir mit dem Aspergerdiagnosezettel in der Landschaft standen und erst mal nicht wussten, was das jetzt bedeutet. Was für Angst wir hatten, die Therapie bei unserer Therapeutin könnte deshalb enden.
Wie hilfreich es war, als er uns erklärte welche Mechanik hinter Autismusdiagnosen und Behandlungen steckt und was unser Zettel nach einem Fragebogen und einem Interview letztlich aussagt.

Wie das war, als wir erstmals über die Ausbildung mit ihm sprachen und wie gut es war genau so kleinteilig und zweifelsorgenzerklüftet über Wünsche, Sorgen und Ängste in Bezug darauf zu sprechen, wie es nötig war. Wie das vor dem Klinikding war und wie es bis heute hilft, dass er direkter Zeuge dessen war, was da alles so schlimm schief für uns gelaufen ist.

Und während wir über die Schule und seine Unterstützung dort sprachen, dachte ich, dass wir das schon längst mal hätten machen müssen: Uns das gemeinsame große Bild anschauen.
Von dem, was dieser Mensch da für uns tut. Seit inzwischen 3 Jahren, ohne dafür bezahlt zu werden und immer mit all unserem autistischen Traumakorks, der sicherlich weder einfach noch kurzweilig ist.
Nicht, um ihm den Heldengesang schreiben zu können, den er verdient, sondern um sowohl ihm als auch uns die Anstrengung, die Arbeit, die Außerordentlichkeit dieser Beziehung bewusst zu machen.

Denn es ist anstrengend. Es ist Arbeit. Es ist außergewöhnlich.

Vor dem Klinikding und der Ausbildung war das alles normal für uns.
Menschen sind anstrengend, Hilfe und Unterstützung erbitten, managen, annehmen und nutzen ist Klient_innenarbeit und, dass es jemand länger mit uns aushält, obwohl sie_r selbst nichts davon hat, ist krass außergewöhnlich.

Und nach dem Klinikding wurde diese Normalität für uns beängstigend. Denn wir sind ganz gerne mal stolz auf geschaffte Dinge. Gerade dann, wenn wir viel für oder an etwas gearbeitet haben. Dann wollen wir Bestätigung dafür. Wollen von anderen Menschen hören, dass sie Dinge unter Umständen auch anstrengend, arbeitsaufwendig und/oder außergewöhnlich finden. Zwischenmenschliche Kongruenz in der Einordnung solcher Empfindungen ist manchmal so eine Art Versicherung oder Legitimation. Eine Möglichkeit empfundenen Stolz als legitim und sicher an und vielleicht auch in sich selbst zu zementieren.

Wir haben das von uns weggeschoben. Stolz ist ja auch nicht konstruktiv. Sich selber bei oder wegen etwas gut finden – das ist kein Skill, der hilfreich ist, die Ausbildung gut zu durchlaufen oder an Dingen zu arbeiten.
Klick klack Robotermodus an. Dissoziationsmechanismen rasten ein.
Entferne dich von dir selbst, richte dich aufs Arbeiten, Ver_Dienen und Zer.eins.zelte ein.
Du bist nicht gut oder okay, du bist nicht schlecht oder scheiße.
Du bist, das reicht für dich, weil “in Wahrheit” ist das schon schlimm genug, um alles andere verwirkt zu haben.

Eine andere Ebene der Dissoziation, die uns nach dem Klinikding passierte ist die, ja “in Wahrheit” den Begleitermenschen gar nicht zu brauchen, neben “in Wahrheit” gefährdet zu sein, weil wir ihn eben doch brauchen, neben “in Wahrheit” nie zuvor genau diese richtige, wirklich hilfreiche Hilfe im Alltagsleben gehabt zu haben, neben “in Wahrheit” es niemals zu schaffen, wieder gut zu machen, zu entschädigen, zu entlohnen, was dieser Mensch für uns tut und getan hat in den letzten Jahren, neben “in globaler Echtwahrheit” keinen Grund zu haben zu glauben, wir hätten irgendetwas mit dem zu tun, was Produktives, Gutes, Bestolzbares aus der Arbeit mit ihm hervorgeht oder für uns entsteht.

Eine Ansprache wie die des Triebwagenführers hätten wir über die Arbeit mit dem Begleitermenschen nicht ertragen. Aber diese Liste war gut. Das Moment, in dem wir bemerkten, dass auch der Begleitermensch seine Distanzierungsmethoden hat und gleichermaßen nicht so bewusst hatte, wie viel er und wir schon gearbeitet haben. Es war gut, weil das Ziel der Auflistung nicht war uns das bewusst zu machen, sondern um das darzulegen, was de facto da ist. Ohne, dass irgendjemand daran herumdeuteln oder ein “in Wahrheit” daneben legen kann.

Es ist gut und tut gut zu sehen, dass da gute Sachen einfach gut laufen, weil wir zusammen mit dem Begleitermenschen gute Arbeit machen.

Mal sehen, ob wir uns das in unser Regal tun können.

von Freiräumen und der Frage, was man mit der Vergangenheit macht

Es ist ein bisschen so, als würde man Muskeln ansteuern, die noch gar nicht da sind, als die Therapeutin fragt: “Geht es ein bisschen darum, was sie damit machen? Mit ihrer rituellen Vergangenheit..?”.

Ich weiß, worum es geht. Weiß, es ist die Dissoziation, die mir alles Gesagte, Mit.geteilte und Erinnerte in dieser Stunde fremd und fern erscheinen lässt. Weiß, es geht um mich. Weiß, es geht um meine Vergangenheit.
Aber ja: Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

Was soll ich denn auch anfangen mit einem Tier, das um sich beißt. Mit einem Kind, dass blind vor Panik an Türen kratzt. Mit einem Selbst, das weder Ich noch Nichtich ist. Mit Innens, für die alles außerhalb dieses einen Ists nichts außer Lug und Trug ist.
So eine Truppe ist der Stoff aus dem abgefahrene Road-Trip-Filme sind, aber mein Leben hat keine Räume für sie.

Wir bemühen uns allgemein darum allen Innens ihre Räume zu geben und zu lassen.
Bei uns meint das nicht, dass wir schauen, dass alle von uns ihre Außenzeit haben oder bestimmte Dinge haben dürfen – es meint eher, dass wir soziale wie asoziale Räume schaffen und freihalten, in denen es nicht zwingend ist, dass ausschließlich versorgungs-, schul-, therapie-, freundschafts-, produktivitäts-, oder gewaltfunktionale Systeme bzw. Innens aktiv sind.

Wir sind darin inzwischen ganz gut und durch die Unterstützungen, die wir erhalten, können wir diese Räume auch stabil halten und ausbauen. So ist es nicht mehr schlimm für mich, wenn wir zu Hause auseinanderfallen. Wir sind dort sicher, haben dort alles was wir brauchen, um mit den Konsequenzen der Anwesenheit dieser Innens umzugehen.

Aber das ist vielleicht genau mein Knackpunkt. So gehe ich mit den Anderen in meinem Leben um. Ich mache ihnen Räume, in denen ich das Chaos, die Not, die Unruhe und zuweilen auch Zerstörung, die sie mitbringen oder verursachen, kontrolliert passieren lassen und wieder bereinigen kann.
Ich gehe nicht mit ihnen um. Ich gehe mit den Folgen ihrer Anwesenheit um und das ist so ziemlich genau mal gar nichts anderes, als das, was ich schon immer mit ihnen mache. Heute mache ich das therapeutisch wertvoll und nenne meine Amnesie bzw. das depersonalisierte Erleben, das ich durch ihre Anwesenheit habe, “Freiraum für die Anderen in meinem Leben”.

Das ist nicht gut. Weiß ich. Aber was soll ich denn sonst machen?
Ich merke, dass wir zu wenig adhäsive Eigenschaften für einander haben. Es ist nicht wie in meinem Funktionssystem, wo sich die anderen mehr oder weniger oft zeitgleich – immer jedoch inhaltlich immer zu 100% auf meiner Ebene bewegen. Wir sind füreinander erkennbar, wir haben Kontakt – hatten ihn, bevor wir ihn gezielt gesucht haben. Wenn ich etwas entscheide, dann tue ich das inzwischen automatisch auch irgendwie mit ihnen. Unsere Kluft ist nicht zu, aber sie ist leicht zu überqueren.

Diese meine, unsere “rituelle Vergangenheit” mit der wir uns in der Therapiestunde befasst haben, ist nicht nur etwas, das nicht mir passiert ist, es ist auch noch Innens passiert, mit denen ich damals wie heute nur wenig mehr als Leben und Körper teile.
Das klingt für manche Menschen vielleicht nach viel, für mich ist das jedoch nicht mehr als das, was ich mit meinen Nieren zu tun habe: Ich weiß, dass sie zur gleichen Zeit wie ich geboren wurden und eine lebenswichtige Funktion haben – aber bei unserem nächsten Umzug werden sie mir keine Kiste packen können.

Vielleicht geht es am Ende nur um Akzeptanz? Anerkennung und fertig?
Wir teilen uns die Kenntnis um etwa 6qm Überlebens.zeit_los.raum.
In gewisser Weise teilen wir uns also einen Traumakrümel.

Ich hab nicht diesen ganzen Therapiequatsch mitgemacht, um jetzt noch zu glauben, dass ich mich nicht damit beschäftigen muss, was ihre Perspektive auf meinen Entstehungsort ist. Ich habe aber auch genug Therapiequatsch mitgemacht um zu wissen, dass es mehr als einen Traumakrümel braucht, um eine Perspektive zu verstehen oder mehr Kontakt aufzubauen.

Will ich mich also immer noch nicht damit auseinandersetzen? Vermeidung? ANP-typisches Schutz-Mimimi?

Ja. Nein. Vielleicht.
Alles.

Ich weiß, was ich machen muss. Ich weiß, wie das geht. Wir haben genug Werkzeug uns zu befassen. Wir haben eine gute Therapeutin. Was mir fehlt ist Bezug und eine Idee, wo es hingehen soll.
Ich weiß nicht, was ich verstehen muss, um diese Innens zu verstehen. Ich weiß nicht, was sie verstehen und vielleicht auch können müssen, um mich zu verstehen. Ich weiß nicht, welche Freiräume ich diesen Innens geben muss und wie wir diese dann absichern könnten.

Wir hatten und haben triftige Gründe für ihr Exil so fern im Innen, wie es nur geht.
Für sie kann es noch keine Zeit geben, sich frank und frei in der Welt zu bewegen, ohne uns zu gefährden.

Vielleicht klingt es fies und ist super selbstschädigend und gewaltvoll, aber im Moment denke ich oft, dass ich auch gut damit zurecht kommen würde, sie als so in der Zeit verloren zu akzeptieren, wie sie sind.
Wir haben viele Innens, die das sind. Wir haben sie mit Schutzimaginationen im weißen Rauschen des Inmitten beerdigt und wissen: Was als therapeutisches “in Sicherheit bringen” passiert ist, wird nie als das therapeutische Töten anerkannt werden, dass es auch war.

Nicht alle können reorientiert und für den Alltag nach der Gewalt funktionalisiert werden.
Und Innens, die aus Spaß an der Freude erhalten bleiben, gibt es nicht.

Etwas, was die Frage der Therapeutin berührt hat, ist für mich auch die Frage danach, was ich mit unserer Vergangenheit mache. Im Moment mache ich nichts anderes damit, als sie zum Forschungsobjekt zu machen.
Sie ist das Ziel vieler Fragen und der Grund für Krisen, die auf die Antworten folgen.
Ich mache diese Therapie nicht, um “meine Vergangenheit zu verarbeiten” – ich will eine Vergangenheit haben und muss dafür therapeutisch arbeiten.

Vielleicht auch, um damit klar zu kommen, dass ich nichts mehr mit etwas machen kann, das schon längst vorbei ist.

der Unterschied zwischen Gefängniszelle und Akutpsychiatriezimmer

erstmals erschienen auf Maedchenmannschaft.net, 20. 4. 2018

 

“Depressive sollen wie Straftäter behandelt werden” hieß es in dieser Woche mehrfach in großen Medien, als es um den Gesetzesentwurf eines neues “Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz” ging.
Die Kritik kam schnell und laut. Fachverbände, Interessenvertretungen und Parteien äußerten sich negativ dazu. Auf Change.org gibt es inzwischen sogar eine Petition. Zahlreiche Demonstrationen wurden angekündigt.

Nun gut. Besser als nix, denke ich und bin doch einmal mehr enttäuscht von der scheinbar vergangenen Chance einer umfassenden Systemkritik.
Das bin ich aus Gründen der eigenen Psychiatrieerfahrung und aus Gründen, die etwas mit Menschenrechten zu tun haben.

Zu Beginn ein Beginn:

Was zeichnet Menschen aus, die gesellschaftlich akzeptiert und juristisch legitimiert in totalitär organisierten Kontexten verwahrt, beheimatet, versorgt, am Leben gehalten, bestraft werden?

In aller Regel sind es Menschen, die in irgendeiner Form divergent, also “abweichend” sind. Wovon sie abweichen, ist meistens eine oder sind mehrere gesellschaftliche, kulturelle, medizinisch definierte Norm.en.
Manche sind mit einem Körper geboren worden, der anders gepflegt, anders versorgt werden muss, als die der Mehrheit der Menschen. Manche Menschen haben aus Gründen bestimmte Strategien und Anpassungsfertigkeiten entwickelt, die sich später als etwas herausstellen, das nicht (mehr) bei der Anpassung an die eigenen Lebensumstände hilft.

Manche Menschen haben auch gegen das Gesetz (also eine juristische Norm) verstoßen. Manche, weil sie das wollten, die meisten, weil sie es konnten und ein paar sehr wenige, weil sie sich in einem (vorübergehenden) Ausnahmezustand (zum Beispiel aufgrund einer (chronischen) Erkrankung) befanden.

In unserer Kultur gibt es genau einen strukturell etablierten Umgang mit Abweichung: Kontrolle, Regulierung, Zwang.
Also: Autorität

Autorität steht für viele Menschen als ein Garant für Sicherheit.
Ist da wer, die_r sagt: “X ist gut, Y ist schlecht, aber da kann ich was gegen/mit machen”, ist das für viele Menschen eine Entlastung. Sie müssen sich nicht kümmern, sie können Verantwortung, Belastung und Anstrengungen auslagern. Sie müssen in keiner Form irgendwelche Kompetenzen entwickeln oder das Fehlen einer Kompetenz als Defizit an sich erleben.
Im Kleinen kennen das wohl alle, die mit Vorliebe in Gruppenarbeiten gehen, wenn der oder die Klassenbeste mit dabei ist. Das Problem an so einer Vorliebe ist die Zuweisung von Autorität und damit auch: Macht.

Das Problem mit Macht ist, dass sie absolut werden kann, wenn man selbst keinerlei Kompetenzen oder Befugnisse oder Optionen zur Verfügung hat und also immer davon abhängig ist, ermächtigt zu werden.
Selbst- und Mitbestimmung wird damit zu einem Privileg.

Nun ist es so, dass sowohl das Grundgesetz von Deutschland, als auch die Menschenrechte, genau diese Absolutwerdung von Macht verhindern sollen. Und zwar, indem sie so etwas sagen wie: “Die Würde des Menschen ist unantastbar”.

Besonders im Artikel 1 der allgemeinen Menschenrechtserklärung steht, was so fundamental gebrochen wird, wenn Menschen zum Beispiel in eine Psychiatrie zwangseingewiesen und unter Umständen auch zwangsbehandelt werden:

“Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.”

Nichts an oder in einer Psychiatrie wahrt die Würde eines Menschen. Wirklich. Nichts.
Der Unterschied zwischen einer Gefängniszelle und einem Akutpsychiatriezimmer ist das Klo.

Und während dieser Unterschied marginal ist, so könnte die Ungleichheit von Patient_in und Pfleger_in und Behandler_in besonders in diesem Moment kaum größer sein. Vor allem, wenn man als Akutpsychiatriepatient_in mit Suizid(zwangs)gedanken 24 Stunden Einzelüberwachung (je nach Klinikausstattung auch mal in einem Zimmer, in dem eine Scheibe ist, durch die das Pflegepersonal hineinschauen kann) ertragen muss und nicht einmal allein zur Toilette darf.

Die Ungleichheit besteht dann nicht nur darin, dass die einen Menschen Befugnisse haben, die andere nicht haben. Sie wird auch produziert, indem die einen Menschen als “krank”, die anderen als “helfend” eingeordnet werden.

Und sie wird aufrecht erhalten. Nämlich dann, wenn die Probleme, die zu einer (Zwangs)Behandlung in einer Psychiatrie geführt haben, auch später bestehen bleiben. Um von Menschen behandelt zu werden, die fachlich ausgebildet und kompetent darin sind therapeutisch mit seelisch belasteten Menschen zu arbeiten (also zum Beispiel Psychotherapeut_innen), braucht es erneut eine Diagnose, ein Antragsverfahren zur Finanzierung, wieder entsteht ein Ungleichgewicht der Mächte zwischen Behandler_in und Patient_in. Und selbst, wenn man das alles hinnimmt, wird den Bedarfen oft nicht entsprochen.

Für manche Menschen geht das alles nicht zusammen. Menschenrechtsverletzung und Hilfe(einrichtung).
Das geht für manche nicht zusammen, weil sie sich nicht fragen, was genau Hilfe für wen wann warum sein soll.

Wie genau soll denn fremd- oder selbstgefährdenden Menschen eine aufgezwungene Maßnahme helfen?
Was konkret ist das hilfreiche Moment einer Zwangsunterbringung gegen Halluzinationen und Wahnideen, die einen Menschen als divergent markieren?

Noch weniger Menschen fragen sich, warum die Hilfe woanders passieren soll, als bei ihnen oder den betreffenden Personen zu Hause oder an einem anderen frei wählbaren Ort.

Was außer Unwillen relevanter Instanzen spricht dagegen Regelungen und Betreuungmöglichkeiten im Wohnraum einer Person, sofern sie einen hat, zu etablieren?
(Gewünschte) Medikamente und unterstützende Gespräche wirken auch im heimischen Wohnzimmer mit Zugang zum eigenen Klo, zum eigenen Kühlschrank. Und: zur gewohnten sozialen Umgebung, die durch fachlich fundierte hilfreiche Unterstützung vielleicht Umgangskompetenzen entwickeln kann, die sowohl Stigmatisierungen entgegenwirken, als auch zukünftige Krisen vielleicht sogar ganz allein managen lernen kann.

Sich nicht mit diesen Fragen und Ideen von Behandlungs- und Unterbringungsalternativen auseinanderzusetzen ist das Ergebnis eines Systems.

Eines Systems, das einer von Institutionen verkörperten Instanz die Macht verleiht zu bestimmen, wer krank ist und wer nicht, wer frei sein darf und wer nicht.

Eines Systems, das Diagnosen erstellt, um Divergenz zu konstruieren und festzuschreiben, statt Selbstbeschreibungen anzuerkennen.
Eines Systems, das Heilung verspricht, die aber nur dort oder von dort als solche ausgezeichnet passieren kann.

Eines Systems, das als freiwillig wählbar gedacht wird, jedoch immer aus einer Art Zwang heraus in Anspruch genommen werden muss.
Denn: Es gibt keine Alternativen mit gleichen Befugnissen, mit gleicher Finanzierungssicherheit – mit gleicher Autorität.
Wenn man nur zwischen großer Not zu Hause und großer Not in einer Psychiatrie wählen kann, dann ist das keine echte Wahl. Niemand geht wirklich freiwillig in eine psychiatrische Klinik.

Niemand geht auf die Art freiwillig in ein Pflege- oder Wohnheim. Niemand geht freiwillig in den Knast.
Für manche Leser_innen mag zwischen diesen drei Einrichtungen ein großer Unterschied sein, doch tatsächlich ist es keiner.

Allen drei Bereichen ist eines gemeinsam: sie sind Deutschlands Orte, an denen Menschenrechte legal und von der Öffentlichkeit in keinster Weise infrage gestellt beschnitten werden. Es sind Institutionen, die Ausschluss normalisieren und gesellschaftliche Normen negativ definieren.

Wo Ausschluss passiert, entwickeln sich Dynamiken, die das Gewaltrisiko steigern.
Ältere Menschen die über Nacht ans Bett fixiert werden, die Sedativa (Beruhigungsmittel) verabreicht bekommen, an denen medizinische Studien gemacht werden, ohne ihr Einverständnis einzuholen – ist alles schon passiert und passiert vermutlich noch immer irgendwo.
Pflegekräfte, die ausgebeutet, fachlich wie emotional chronisch überfordert werden – Erzieher-, und Betreuer_innen, die alles dokumentieren müssen, doch kaum zu dem kommen, was sie eigentlich tun wollen: Menschen unterstützen.

Die Gewalt in Institutionen entspringt nicht nur den Strukturen, die sie legitimieren, sondern auch der Gewalt, die sie verkörpern.
Und darüber wird im Moment nicht gesprochen.

Dass es in Deutschland nur deshalb die Heim-Klapse-Knast-Triade gibt, weil es für wichtig, richtig und nötig gehalten wird, divergente Menschen zu normieren.
Und zwar mit allen Mitteln.
Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Reflektion und Abwägung von Langzeitfolgen.

Psychiatrieerfahrene Menschen wie ich schildern schon seit Jahrzehnten von den desaströsen Folgen, die Zwangsbehandlungen und Zwangeinweisungen, Falschbehandlungen und übergriffige Behandler- oder Pfleger_innen für sie hatten und haben.

Hören wollen das die wenigsten, die nie eine Psychiatrie von innen gesehen und üb.erlebt haben. Die meisten jedoch wissen, dass ihnen das auch passieren kann.
Und dass sie am Arsch sind, wenn es ihnen mal passiert.

Die Öffentlichkeit ™ weiß, was für ein rechtsloser Raum solche Einrichtungen sein können.
Trotzdem wird lieber darüber geredet, dass solcherart gestaltete Räume für manche Leute ja schon in Ordnung seien – zur Strafe für eine Straftat zum Beispiel – aber nicht für „psychisch kranke“ Menschen.

Auch da die Frage: Was genau soll die Strafe an einem Gefängnisleben sein? Warum soll die Antwort auf Fremdgefährung oder illegale Handlungen eine Art der Gewalt sein, die ihrerseits nie bestraft werden kann?

Warum ist es so wichtig eine letzte all über allem stehende Gewaltinstanz immer und immer zu behalten?
Aus Gewalt ist noch nie irgendetwas hervorgegangen, was dem menschlichen Miteinander in irgendeiner Form zu mehr Offenheit, Toleranz, Akzeptanz, Respekt, herzlicher Nähe verholfen hat.

Autoritäre Institutionen wie die Psychiatrie und alle, die davon profitieren, werden nicht dazu beitragen sich abzuschaffen und unnötig zu machen.

Aber vielleicht kann man ja mal über Alternativen sprechen.
Und etablierte Alternativen unterstützen, wenn sie Hilfe brauchen.
Wenigstens das.

kein Schicksal

Mein Schicksal teilen, schlägt eine Freundin vor. Ein bisschen hilflos vielleicht. Ganz sicher überrascht von der offensiven Art mit der ich plötzlich von etwas spreche, über das sie mich noch nicht hat sprechen hören.

Ich gehe üblicherweise nicht in Kontakte und sage: “Ich fühle mich gerade ekelhaft, denn der Flashback von vor 20  Minuten lässt mich nachwievor erinnerfühlen, wie mir Sperma den Oberschenkel runterläuft.”. Bis heute.
Und dann sagt sie etwas von Selbsthilfegruppen und Schicksal teilen.

Und mir wird klar, dass es doch etwas ausgemacht hat, “diese Traumadinge” einfach nicht auszusprechen. Denn zumindest für sie ist es noch immer “ein Schicksal” und keine Gewalt_tat, die jemand beging, weil es möglich war.

Mich hat das getroffen. Nicht Wutpanzer-drüber-und-weiter-gehts-getroffen, sondern Tränen-die-nach-innen-abfließen-getroffen. Denn: ein “Schicksal” ist etwas, das niemand beeinflussen kann. Das über den Menschen hereinbricht und von nichts und niemandem verhindert werden kann.

Schicksal, das ist für uns göttlich. Lauf der Dinge. Natur.
Gewalt ist kein Schicksal. Gewalt ist menschlich. Gewalt ist verhinderbar.
Und zwar von jenen, die sie ausüben, die sie legitimieren und von jenen, die sie ermöglichen.

Meine Freundin versteht das nicht.
Sie versteht nicht, dass sie mit dieser Begrifflichkeit die Gewalt an mir zu etwas macht, das nichts mit den Täter_innen zu tun hatte.

Sie versteht nicht, was es mit mir macht, wenn sie meine Gewalterfahrungen mit den Erfahrungen von Tsunami- oder Erdbebenüberlebenden gleichsetzt.

Sie versteht nicht, wie stumm sie mich damit macht. Denn G’tt kann ich nicht anschreien, nicht strafen, nicht anzeigen und für das verurteilen, was durch si*hn mit mir passiert ist.

Sie versteht nicht, dass sie mich mit diesem Framing ohnmächtig macht. Und hält. Denn mehr als teilen kann man Schicksale nicht. Man kann sie nicht auflösen, indem man sie verarbeitet, wie man das mit einer menschengemachten Wunde in Menschenseelen.fleisch tun kann.

Sie versteht nicht, dass wir erstmal eine Weile keinen Kontakt mit ihr haben wollen.

das Loch, die Dunkelbunten und “das Verleugnen der eigenen Vergangenheit”

Jane schreibt bei Twitter, dass ihr die komplette Ausblendung der früheren Leben(sumstände) von Transpersonen problematisch erscheint.
Auf dieses Thema will ich hier nicht näher eingehen, aber ich empfehle sehr, den Thread dazu zu lesen, denn viele Personen, die trans* sind, haben sich dazu geäußert und ich finde, dort gibt es viel zu lernen.

Woran mich Janes Haltung erinnert hatte, nachdem ich verstanden habe, worum es ihr geht, möchte ich hier aufschreiben. Auch, weil das Thema des inneren Ausstiegs und unsere Auseinandersetzung mit den Innens, die wir “dunkelbunt” nennen, im Moment viel da war.

Also.
Es geht darum, dass man irgendwann im Leben etwas von sich versteht. Da wird etwas bewusst und dann wird aus dem Leben, das man immer irgendwie so ertragen hat, etwas, von dem man spürt, dass man es verändern muss. Weil man sonst kaputt geht. Also stirbt.
Entweder, weil man so wie wir real in gewaltvollen Kontexten gelebt hat, die mit Lebensbedrohung einher gingen oder, weil man ganz dringend spürt, dass man sich selbst tötet, um es nicht mehr ertragen zu müssen.

Da beginnt die Zeit, in der man das, was man da (von sich) verstanden hat einordnen muss. In der man anfängt sich zu überlegen: Was bedeutet das jetzt für mich? Was bedeutet das in Bezug zu mir als Person, als (Lebe?-) Wesen und meiner Umwelt? Was kann ich mit dem neuen Wissen über mich anfangen?

Für uns war der erste Moment der, von dem ich schon einmal geschrieben habe.
Der Moment, in dem ich Origamifische, auf denen Anti-Gewalt-Slogans standen, an die Wand meines Zimmer klebte, weil ich verstanden hatte, dass mein Vater mich schlug, weil er selbst geschlagen worden war. Im Zuge dieser Auseinandersetzung fiel mir auf, wie unfair ich es fand, dass er geschlagen wurde – mir selbst gegenüber aber nichts weiter als abgeklärtes Schulterzucken aufbringen konnte.
Das war etwas, das mich irritierte und nie wieder losgelassen hat. Bei keiner Ohrfeige, keiner Demütigung, bei nichts was er mir danach noch antat, konnte ich darüber hinwegdenken, wie schlimm das für ihn gewesen sein muss, das zu erleben, während ich selbst neben mir stand und seine Hand auf ihrem Weg in mein Gesicht beobachtete – und nichts fühlte außer Irritation, Verwirrung und das, was man eben fühlt, wenn man merkt: da ist etwas unfair.

Für uns hat sich damals eine gefährliche Dopplung aufgetan. Denn es war immer schon Irritation, “etwas ist nicht richtig” und “hier läuft etwas nicht, wie es soll” im Raum, bevor er die Kontrolle über sich verloren hat und meine Gefühle kamen noch dazu. Für mich hat damals nichts mehr Sinn ergeben. Weder sein Austicken, noch meine Gedanken und Gefühle dazu.
Meine Auseinandersetzung endete mit der Gewissheit, dass ich selbst nichts daran ändern konnte. Ich konnte mein Bewusstsein nicht wegdrücken und ihn hatten wir noch nie ändern können. Das einzige, was ich, was wir machen konnten, war wegzugehen.

Nicht als großer Selbstbefreiungsschlag, mit Gefühlen der Überlegenheit oder der Idee zu wissen, was genau wir da eigentlich entscheiden, denn wir waren 15/16 Jahre alt und mehr als “Hauptsache das hört auf und ich überlebe”, habe ich nicht gedacht.
Es war auch keine Entscheidung, die sich in Abgrenzung zu den Personen in der Familie° abgespielt hat. Es ging um die Abgrenzung zum Tod, dem wir uns zu der Zeit so nah gefühlt haben, dass das alles war, was wir überhaupt als etwas empfunden haben, wovon wir uns noch abgrenzen können.

In den folgenden Jahren lebten wir anders. Wir wurden gesehen, nicht mehr von den Leuten geschlagen, die uns beschützen sollen. Dass wir viele sind konnten wir endlich mitteilen und als etwas begreifen, das tatsächlich da ist. Das ernstzunehmen ist, das respektiert werden muss, das nie entschieden wurde, sondern ist, wie wir als Einsmensch/Individuum gewachsen sind.
Wir wurden von außen anerkannt und das war die erste Stufe dessen, was wir als Selbst_Verwirklichung bezeichnen. Wir begannen uns als echt zu erleben. Als etwas, das am Leben ist und auch so behandelt werden muss, um es zu bleiben.

Es hat noch viele Momente gegeben, in denen der Tod eine große Rolle gespielt hat, aber mit jedem Mal ist auch das Bewusstsein erstarkt, dass es uns wirklich gibt. Dass wir wirklich leben und da sind und echt sind und wahrhaft sind.
Dieses Bewusstsein haben wir uns hart erkämpft. Das ist uns nicht in die Wiege gelegt worden, indem uns Menschen willkommen geheißen haben und uns bedingungslos geliebt und versorgt haben – nein, das haben wir uns in einem Umfeld erkämpfen müssen, in dem wir von Anfang an nicht willkommen waren, wie wir waren und sind.
Das ist die eigene Familie am Anfang gewesen und heute ist es noch immer die Gesellschaft, die Identitäten in genau zwei Geschlechter, drei Altersklassen, drei Gesellschaftsschichten und zwei Zustände der Befähigung einsortiert.

Wir haben neulich mit Renée darüber gesprochen, wie lange wir schon in Therapie sind und warum.
Dass die Gewalt ihre Spuren und ungünstigen Anpassungen in uns hinterlassen haben, ist das Eine – das Andere ist, dass wir nachwievor darum kämpfen müssen, nicht immer wieder zu vergessen, dass es uns wirklich gibt, obwohl die Gesellschaft und ihre Strukturen da draußen so tut, als gäbe es uns nicht.
Dass wir uns nicht verunsichern lassen, wenn Menschen so tun, als würde die Körperlichkeit darüber bestimmen, wer oder was man “eigentlich” ist.
Dass wir nicht den Mut verlieren, wenn strukturelle Versorgungslücken im System dazu führen, dass wir an Herausforderungen scheitern, weil man uns aufgrund der Abwesenheit von zugänglichen Hilfen, den Bedarf danach abspricht.

Das sind alles wir. Die Gewaltfolgen, der Autismus, das Queersein, das Armsein, das Ohnefamiliesein und damit auch: das Ohnesowiefrühersein.

Wir grenzen uns heute ganz aktiv und ganz bewusst von der Familie° und von Freund_innen ab, die all das nicht in uns annehmen und akzeptieren.
Die, als die wir früher gelebt haben, gibt es heute nicht mehr und nichts von dem, was wir damals mit_gemacht haben (lassen (mussten)), wollen wir heute noch in unserem Leben.

Die Momente, in denen wir an früher denken, sind keine schönen. Auf jede gute Erinnerung, die wir uns annehmen und als gut bewahren wollen, keimt die Bitternis darum auf, dass wir damals schon wussten, dass wir kein “Mädchen” waren, nicht geliebt waren, keinen Tag ohne Verletzung erlebt haben und uns nie “normal” oder in echter Verbindung mit anderen Menschen gefühlt haben, weil wir ganz klar nicht die gleichen Er_Lebenserfahrungen machten. Und, weil wir heute wissen, dass und wie sehr, wir damals schon darunter gelitten haben und das immer wieder beiseite gedrückt und/oder dissoziiert haben.
Manchmal damit sich andere Menschen mit uns wohl fühlten, meistens einfach nur um “keinen Ärger zu machen” oder “uns nicht in den Vordergrund zu drängen” oder “uns nicht wichtig zu machen” – um zu überleben.

So ein Leben nicht weiterführen zu wollen ist legitim. Es ist legitim, wenn wir uns mit Hannah ansprechen lassen, uns als queer bezeichnen und wollen, dass das akzeptiert wird. Es ist legitim, wenn wir nicht 24/7 daran denken wollen, dass es Zeiten gab, in denen das nicht so war. Es gab nichts Gutes in unserem Früher, denn es hatte nichts mit uns zu tun. Es gab immer wieder nur Gutes für Menschen, die es gut fanden (und finden), wenn wir uns so weit zurückstellen, dass es uns nicht mehr gibt. Ganz wahrhaftig und voll und ganz so wie und wer wir sind.

Für uns hat das 0 von “die eigene Vergangenheit leugnen”.
Für uns ist das Leben. Das Leben für das wir uns entschieden haben, nachdem wir bewusst hatten, dass es uns gibt – völlig unabhängig davon, wie und ob andere Menschen uns sehen.

Für unsere “Dunkelbunten” bedeutet das unheimlich schmerzliche Ablösung, der sie sich auf ihre ganz eigene Art entziehen (wollen).
Wir sind heute nicht mehr so unbewusst füreinander wie früher. Sie haben all unsere Entwicklungen immer irgendwie verschlängelt, manchmal verspätet und teilweise auch nur bruchstückhaft mit_wahrgenommen – sich selbst aber nie den Raum genommen (oder von uns zugestanden bekommen) ihre eigenen Erkenntnisse auszubreiten oder sich selbst wahrhaftig am Leben seiend wahrzunehmen.

Ums gleich zu sagen: Es geht dabei nicht darum, dass wir sie gerne ein paar Runden über eine von Sonnenlicht geflutete Wiese mit Bambi und seinen Freunden schicken wollen, damit sie sehen wie toll es doch eigentlich ist und wie viel schlechter es damals war.
Es geht darum, dass unser Bewusstsein um uns auch ihres werden und in ihrer Sicht auf unser Sein in dieser Zeit heute, ganz eigene Auswirkungen haben kann.

Während es für mich immer wieder darum ging, mich zu fragen, wie ich trotz des Lochs, wo mal meine Kindheit und Jugend in der Familie° waren, ein erfülltes Leben haben und gestalten kann, ging und geht es für de Dunkelbunten in weiten Teilen nachwievor darum, wie sie ihren Wunsch/Drang/Impuls am Leben sein zu wollen, damit vereinbaren können, dass sie (durch unser Verhalten und Bestimmen im Außen) gerade überhaupt gar nicht so leben, wie sie es doch so lange sollten und als gutes/richtiges Familienmitglied auch ertragen getan haben.
Das ist ein schwerer Konflikt.

Und mehr als Leben (so wie es jetzt gerade ist)_szeit und Raum darin können wir nicht geben.
Es geht nicht mehr zurück.

Und das ist gut so.