Schlagwort: Integration

spontane Integration

Die Stunde war zu Ende und während ich in die neue Jacke mit den Flauschstellen schlüpfte, trug sie ein Jemand auf dem Arm Stück um Stück tiefer ins Innen.

Wir hatten gearbeitet und ich spürte es an einem flirrenden Zucken unter der Haut. Der Notwendigkeit die Unterwäsche zu wechseln und unter die Dusche zu gehen, als wir zu Hause waren. An dem Wunsch NakNak* immer im gleichen Zimmer zu wissen.
Über den Nachmittag kletterte die Temperatur von 37 auf 38 auf 39 auf 40 Grad und ließ die Wahrnehmung des Heute schwanken. Am Abend begannen die intrusiven Gedanken und Gefühle, Pseudohalluzinationen und schmerzhafte Muskelkrämpfe.

Während ich versuchte der versorgenden Stimme aus dem Nebenmir zu folgen,  Aspirinbrause zu trinken und Lavendelöl auf Brust und Nacken aufzutragen, hörte ich sie schreien.  Später fiel mir auf, dass es mich verwirrt hatte sie schreien zu hören. Wir hatten doch an ihrer Erfahrung, dem Ereignis, das sie zu einem Jemand hatte werden lassen gearbeitet, damit ein Teil des ES zu schreien aufhörte.

Wir waren nicht darauf vorbereitet, dass sie sich trauen würde, sich für den Teil des ES vor ihr zu öffnen und es in sich aufzunehmen. Vielleicht ist dieser Schritt aber auch nichts, was sich vorbereiten lässt.
Manchmal sind die Unterschiede zwischen Innens, die ein Jemand sind und dem, was wir als ein Teil des ES bezeichnen, nur minimal und manchmal braucht es nur eine bestimmte Resonanz vom außen, um die Ebenendifferenzen auszugleichen bzw. anzupassen. Ich stelle es mir vor, als würde der Umstand mit der Therapeutin durch einen Moment zu gehen, eine Art Schmiermittel einbringen, um diesen einen Ausgleich in Gang zu setzen, der früher aus Kapazitätsmangel in der Situation gestoppt wurde.
Das ist, als würde nachträglich etwas passieren, das nötig ist, auch wenn oder vielleicht auch obwohl, es akut keine Auswirkungen auf unser äußeres Funktionieren mehr hat.

In den folgenden Tagen haben wir darüber nachgedacht, ob sie jetzt in diesem Zustand noch überhaupt jemals wieder in der Lage sein kann, so zu funktionieren, wie sie es bisher konnte. Mir fiel dabei auf, wie sich die Annahme hinter der Frage gewandelt hat. Vorher ging es nicht um ihre Fähigkeit – es ging um ihre Intension. Die damaligen Umstände, die Frage nach bestehenden Zwängen oder Verpflichtungen. Zu keinem Zeitpunkt haben wir uns gefragt, ob sie überhaupt die Fähigkeit für ein anderes Handeln hat. Wir sind einfach davon ausgegangen, dass wer verletzend (re-)agieren kann, selbstverständlich und wie einem Naturgesetz entsprechend auch ohne zu verletzen (re-)agieren kann. Obwohl wir selbst wissen, wie tiefgreifend sich die strukturelle Dissoziation unseres Selbst auf das jeweilige Fähig- und Fertigkeitenniveau seiner Bestandteile (also uns Innens und das, was wir Teile des ES, Seelen, Energien… nennen) auswirken kann.

Nicht jedes Innen, das kocht, kann auch essen. Nicht jedes Innen, das weiß was zu tun ist, kann auch tun, was zu tun ist.
Wir haben das in Bezug auf sie ausgeblendet und sind jetzt umso dankbarer, dass wir das im Nachhinein reflektieren konnten.

Manche Menschen fragen sich, ob Innens verschwinden, wenn sie sich integrieren oder mit anderen verschmelzen. Manche fragen sich, was genau da eigentlich passiert, wenn wir sagen “Sie hat es in sich aufgenommen”.
Wir haben noch keine Verschwindeerfahrung von Innens im Rahmen traumatherapeutischer Arbeit gemacht. Uns sind immer nur Innens bzw. ganze Systeme “verschwunden” oder kaputt dissoziiert, wenn wir Gewalt in Kombination Todeserwartung bzw. Nahtoderfahrungen üb.erlebten. Und dabei war es irrelevant, ob die Gewalt von früheren Täter_innen ausging oder von Menschen, die man außen als Teil einer Hilfe bzw. eines Hilfesystems bezeichnet.
Wir haben für uns inzwischen sehr klar, dass die Rechnung “Gewalt = Dissoziationsbereitschaft = Spaltung = DIS, wenn sinnhaft fürs Überleben” eine irreführende ist, die unserer Ansicht auch dringend und gerade in der Öffentlichkeitsarbeit präzisiert werden muss in: “toxischer Stress = Verstärkung bestehender Dissoziationsbereitschaft = erhöhte Wahrscheinlichkeit von Spaltung = Etablierung kompensierender Mechanismen (zum Beispiel einer DIS)”

Uns ist aufgefallen, dass wir davon ausgingen eine größere Veränderung wahrnehmen zu werden, nachdem wir die spontane Integration des Innens mit dem Teil des ES gespürt haben. Doch bis jetzt stellen wir die Veränderung eher an uns und unserem Zugang zu dem Innen fest bzw. merken, dass wir es anders sehen können.
Wir sehen mehr Worte in ihrem Denken und sehen, wenngleich nach und nach weniger deutlich, welche Worte von ihr und welche aus dem Teil des ES sind. Und wir spüren Gefühle in einer Wellenbewegung, wo vorher “emotionsähnliche Reaktionen” wie durch ein Katapult immer die gleiche Linie entlang geschossen kamen.
Sie ist noch die Gleiche. Sie hat keine 180° Kehrtwendung ihrer Ansichten, Ab- und Zuneigungen oder Loyalität gemacht. Aber da ist jetzt ein Schrei in ihr wo vorher keiner war und wir merken, dass wir eine Kehrtwendung in unseren Ansichten von ihr machen.
Von einem Jemand, dem wir uns widmen, weil wir etwas einfordern, wird sie zu einem Innen, das eine innere Sitzwache und viel von unserem Zuspruch braucht, um nicht gleich wieder auseinanderzufallen, weil es einen nun auch eigenen Schmerz nicht mehr aus_halten kann.

Wir merken, wie wir zu ihren Begleiter_innen in einem uns alle verändernden Prozess werden.

Inklusionsjauche am Sonntagabend

 TropfeninPusteblume Gestern Abend – Jauche im Fernsehen.
Ich schaltete ein, weil es um die Einschulung von Henri geht. Der Junge lebt mit Trisomie 21 und wird vom Schul- bzw. Bildungssystem und Le(e)hrkörpern wie Kraus behindert.

Ich fand die Sendung nicht besonders feierlich. Obwohl eine Frau* mit Downsyndrom und eine Frau*, die zeitweise einen Rollstuhl braucht, dort sprechen konnten. Ich nehme Sichtbarkeit und Autonomie in der Selbstdarstellung als wichtig wahr, wenn es um von der (sozialen/kulturellen/ *) Umwelt behinderte Menschen geht.

Ich selbst erlebe meine Behinderung auch nicht als etwas, das nur in mir allein verankert ist und auch nur mit mir allein zu tun hat. Wenn ich allein bin und mir meine Umgebung allein zurecht klöppeln kann, spüre ich nichts bzw. weniger von ihr. Wenn ich aber mit anderen Menschen zusammen lebe (und das ist, was ich gerne möchte), dann geht es darum eine gemeinsame Umgebung zu erschaffen, in der weder ich, noch andere Menschen in irgendeiner Art behindert werden, in dem was sie tun oder tun möchten.

Nun ist es so, dass ich viel in der Diskussion um Inklusion schwierig wahrnehme und mich damit befasse.
Um Negativbeispiele für diesen Diskurs zu finden, war die Jauche am Sonntag wieder einmal perfekt – obwohl es, wie gesagt, löbliche Babystep- Anfänge gibt.

Ich halte es für unpassend, wie der Film zu Karina Kühne gemacht wurde.
Die Sprachführung ist entlarvend für ein Weltbild, in dem Menschen ohne Trisomie die Norm sind und genau das ist das Problem. Man mag mich radikal nennen, aber ich finde, wenn Menschen mit Trisomie 21 oder irgendeiner anderen sogenannten Behinderung ihr Leben und ihre Fähig- und Fertigkeiten zeigen möchten, dann sollten sie das allein tun dürfen bzw. mindestens selbst einsprechen.
Zur Lebenswelt von umfassend behindert werdenden Menschen, gehört es nicht nur “anders” auszusehen oder Dinge “anders” zu machen, sondern auch “anders” zu bewerten und einzuschätzen, was sich wiederum auch in der Art ausdrückt, wie sie darüber sprechen.
Die Norm ist dann nicht der ablierte Körper bzw. “Geist”, wie es das bei nicht gleichsam behindert werdenden Menschen der Fall ist, sondern die, die relevant ist für diese Menschen.
“Man hat der jungen Frau nicht viel zugetraut” – das ist ihre Behinderung und nicht die Trisomie 21 “trotz” der sie Klavier spielen und im Supermarkt arbeiten kann.
Das hätte in dem Film nicht fehlen dürfen.
Tat es aber.
Natürlich.
Wir sind ja bei Jauch.

Ich lese es immer wieder mal, dass die Leidmedien, ein Projekt, das sich mit der Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen auseinandersetzt, als eine Art Sprachpolizei wahrgenommen werden. Auch an mich wird immer wieder herangetragen, ich solle mich zurückhalten mit meiner Kritik an der Sprachführung zu Gewalt und anderen Themen.
Interessant ist dabei, dass es in der Debatte dazu nie um den Kern “Machtbestätigung bzw. – erhalt durch diskriminierende, behindert/ klein/ schwach/ ohnmächtig machend/ haltende Sprache” und, dass sehr oft auch hier der ablierte weiße Mann als Norm nicht in Frage gestellt wird, sondern als etwas gilt und weiter gelten soll, an das sich “trotz aller Wider und Missstände” anzupassen; zu integrieren ist- ja ja ja- notfalls auch zu inkludieren ist.

Gemerkt?
”Ja ja ja- auch du mit deiner Behinderung darfst dich mir jetzt anpassen- ich sperre dich nicht mehr ins Heim, wenn ich es nicht schon vorher mittels Pränataldiagnostik geschafft habe dein Leben zu verhindern- aber die Sonderbehandlung, die bleibt, denn du bist nicht wie ich.”
Inklusion ist kein Zauberwort, ist kein riesiger Akt, ist nicht sagenhafte, schier unglaubliche Irgendwas, das in unseren Köpfen als Framing aufploppt, wenn wir sehen, das zum Beispiel Karina Kühne, die in der Sendung saß, in einem integrativen (!) Supermarkt arbeitet oder die Norm ist, über Menschen als Teil einer besonderen Gruppe zu sprechen oder immer wieder trennende Marker setzen. Zum Beispiel das “trotz der Trisomie 21” oder auch “behinderte und nicht behinderte Kinder”, das in den Einspielern und Worten Jauchs immer wieder auftauchte.

Das ist Geschwafel im Geiste der Integration, die aber eigentlich lieber die Exklusion hätte.

Inklusion beschreibt in der Debatte eigentlich eine Gesellschaftsform, in der eine Einheit mit vielen unterschiedlichen – auch widersprüchlichen – Eigenschaften entsteht. In der es eben nie “trotz Rollstuhl/ Blindenhund/ Hörgerät/Lernhilfen/ großem Hilfebedarf” heißt, sondern “mit”.

Als These zur Behinderung der Debatte, denke ich über den Einfluss der Marktwirtschaft nach.
Es drängt sich mir eine Verlagerung im Diskurs auf, die viel mit kapitalistisch verwertbaren Eigenschaften und Potenzialen zu tun hat. Wir sprechen über inklusiven Schulunterricht – aber (noch) nicht über inklusive Ausbildungsmodelle außerhalb von integrativen Werkstätten (in denen es btw weder Streikrecht noch gleichen Lohn gibt!). Wir sprechen auch noch lange nicht über Inklusion im Alter. Und wir sprechen auch nicht, und darüber schrieb ich bereits im
Artikel über das Teilhabegesetz, über Inklusion für alle Menschen mit Behinderung.
Des weißen Mannes liebstes Lockbonbon ist wirtschaftliche Machtsicherung durch Menschenmaterial, das nutzbar bis ausbeutbar ist.
Wir würden überhaupt gar nicht erst über Inklusion sprechen können, wenn es diesen Faktor nicht gäbe.

Und vielleicht ist es auch dieser Faktor, der mich bei der bis heute (und noch immer überwiegend) stattfindenden Berichterstattung zum Thema “Behinderung”, an Menschenausstellungen der Jahrhundertwende denken lässt.
Da ist der Blick auf die Defizite – aber hochmodern und integrativ: auch der Blick auf das “was noch zu retten und zu nutzen ist”.

Das ist ekelhaft und genau das sollte, meiner Meinung nach, endlich ganz ganz dringend hinterfragt werden.

Ich will nicht in eine Gesellschaft inkludiert werden, die mich in seine Mitte lässt, weil sie in mir etwas sieht, was sie nutzen kann und mir ebenjenen Platz nur im Tausch anbietet. Ich will mir Inklusion nicht mit meinen Potenzialen quasi erkaufen, sondern selbstverständlich angeboten bekommen bzw. später selbstverständlich inne haben.
Wenn es nur um diese meine Potenziale geht, wie es jetzt gerade passiert, dann geht es auch darum, diese zu suchen und zu finden, zu rechtfertigen und einzuschätzen- völlig an mir vorbei und ausschließlich unter wessen Norm? Richtig- die der mächtigen weißen reichen nicht gleichsam behindert werdenden Männer*.

Wenn man sich ständig auf die Suche nach verwertbaren Funktionen und Potenzialen machen muss, dann kann es durchaus passieren, dass man Menschen dann auch einfach mal so als Last bezeichnet, wie es Kraus dann in der Sendung- Sonntagabend im ZDF – vor Millionenpublikum getan hat.
Ohne rot zu werden oder aus der Sendung geworfen zu werden.

Ich glaube, wir gehen die Sache mit der Inklusion falsch an.
Es funktioniert nicht, wenn wir nicht die grundlegenden Machtstrukturen unserer Gesellschaft in Frage stellen und ihre Ausläufer verändern.

“Wir sind Viele” ~ Teil 10 ~

TröpfchenaufBlüte “Ein Körper mit System” wurde gezeigt.
Ein Film von den Nickis, der ihre Lebensrealität beschreibt und versucht das Viele sein begreifbar zu machen.

Im Hinblick auf den Akt der Selbstermächtigung und der Kraft, die der Erstellung eines Filmes (Buches, Blogs oder anderen Medien) zu Grunde liegen, kann man so einen Film nur feiern. Kein Roman, kein “Profi” der über jemanden mit DIS spricht, sondern der Mensch selbst gewährt Eindrücke, die ihm wichtig erscheinen.

Für uns war der Film in Sachen “Hoffnung auf Zukunft” eine Katastrophe.
Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass wir einfach furchtbar übermüdet waren. Ob es an den von mir aufgenommenen Mechanismen im Workshop lag, die mich ganz subtil getriggert haben oder, ob mir in dem Moment klar wurde, dass dort gerade viele Menschen sitzen und hören, dass Viele sein ein Zustand für immer ist.

Es kommt ganz am Ende und sie sagen sinngemäß: “Ich kannte eine, die hat sich integriert und kam in die Geschlossene.”. Und die gefilmte Therapeutin sagt in etwa: “Ja klar, denn sie wurden Viele, weil eine allein, die Gewalt nicht ertragen hätte.”.

Wir hielten noch etwas aus. Hofften, dass sich der Abstand zu der Lebensrealität dieser Überlebenden wieder vergrößerte und gingen in den von Licht gefluteten Park, als die Tränen fast schon aus dem Kopf fielen.

Da waren sie wieder die Jugendlichen, die vor BetreuerInnen, Krankenschwestern, ÄrztInnen stehen und hören: “Du wirst die geschlossene Psychiatrie nie verlassen.”, die fixiert in einem leeren Raum liegen, während ein Pfleger um sie herum geht und ihnen sagt, wie unheilbar krank sie sind.
Da stand Sie und fragte sich, ob sie gerade sich selbst in 10 Jahren gesehen hatte und, ob es sich überhaupt lohnt in Therapie zu gehen, wenn sie “diese Missbrauchssache” nicht einmal wirklich richtig spürt, wenn “das mit den Anderen” doch nie “weggeht”.
Da war Frau Wüterich und schwenkte ihre Fäuste asynchron zum Kopfschütteln “soneveralteteKackscheißeverdammtkanndochnichseindassdiesowashierzeigenverfickterDreckskack…
GegengenausowasschreibenwiranverdammteScheiße… ORRRRRRRR”
Und mittendrin ein Kinderinnen, das seine Kugel aus Hoffnung in der Hand hielt und den dicken Sprung auf der Oberfläche betrachtete.

Wir hatten schon lange nicht mehr so einen Moment, in dem wir darüber zerfielen, was noch aus uns werden könnte.
Zum Team “ich bin Viele und das ist total okay für mich” gehören wir nicht.
Zum Einen, weil wir es immer wieder unfassbar bereichernd wahrnehmen, wenn eine Integration oder auch vorher schon mehr Nähe untereinander passiert und zum Anderen, weil wir diesen Schaden einfach nicht akzeptieren wollen.

Wir haben massive Gewalt ertragen und nicht nur in Abgründe sehen, sondern haben in ihnen leben müssen. Andere Menschen haben unseren Körper, unsere Seele und auch noch unser Denken an sich gerissen, manipuliert und ausgenutzt. Wir sind ein Mensch, der sich so oft von sich und seiner Umgebung abtrennen musste, dass er sein Selbst und Dasein bis heute als fremd wahrnimmt.
Ich fühle mich nie willkommen und okay. Nirgends, nie und bei niemandem. Nicht einmal in mir selbst. Nichts, aber auch gar nichts in meinem Leben ist einfach oder leicht. Jeder Aspekt meines Alltags wird in Definitionsdebatten zwischen früher und heute, an Wertmaßstäben jeder Couleur überprüft und in Frage gestellt. 24 Stunden am Tag und das schon seit Jahren. Was ich bin, ist ein Flickwerk, das mir mindestens einmal am Tag zusammenkracht, wieder aufgebaut wird, um dann vor Angst vor dem nächsten Krachen zu zittern.

Mein Leben ist nicht schön. Es ist zum Kotzen. Es besteht aus Angst vor der Angst, permanenten Todeserwartungen und Belastungssymptomen, die so tiefgreifend an den Kräften fressen, dass bloßes Dasein an manchen Tagen schon zu viel ist.
Mein Leben ist: Blümchen pflanzen, wo 21 Jahre lang Brandrodung betrieben wurde.
Ich lebe es, weil es das Einzige ist, das mir geschenkt wurde, ohne, dass ich darum gebeten habe.
Meine Existenz ist es, an der Raubbau betrieben wurde. Rücksichtslos, gierig, aus Lust am Sadismus. Sie haben mir das einzige Geschenk, das ich jemals einfach so haben durfte zerstört, verschoben und verknotet.
Und wenn es die Chance gibt, nämlich die Therapie, nämlich sich jedem Riss, jeder Delle, jedem abgeplatzten Fetzen zu widmen und ihn so, wie es sich für mich/uns allein gut anfühlt, zusammenzufügen, dann ist es das, was wir machen.

Auch wenn das heißt, dass wir vielleicht nie passen werden. Vielleicht nie in eine Arbeit kommen, die von der Gesellschaft akzeptiert wird. Vielleicht nie die Art der Familienplanung, die wir uns wünschen, machen können. Vielleicht heißt es, dass wir uns immer in Grauzonen bewegen müssen, die in den existierenden Strukturen unsichtbar sind.

Aber wir werden unser Leben bzw. die Arbeit daran, die wir tun können, nicht beenden, bevor es sich nicht wenigstens ein einziges Mal okay und zusammengehörig angefühlt hat.

“Das ist nicht mein Leben in dem Film”. Ich schüttelte meinen Kopf so sehr, wie ich konnte und strich mit der Fingerspitze über die Rinde eines Baumes neben mir. “Ich bin noch keine 30, wir haben endlich eine gute Therapeutin gefunden, haben Menschen um uns herum, die sich ehrlich an unseren Erfolgen und unserem Zusammenwachsen innen erfreuen. Das da ist nicht mein Leben gewesen. Ich will nicht Viele bleiben, also werde ich das nicht.”.
Ich atmete ein, schmirgelte die verlaufene Wimperntusche von der Haut unter den Augen ab und ging zurück in Richtung Tagung.

Mit jedem Schritt das Kraftmantra:
Ich will das
Ich kann das
Ich mach das

Dem Kinderinnen dabei zuschauend, wie es mit meiner Energie den Riss in seiner Hoffnung kittete.

Finde, was dir begegnet- nicht was du suchst

618754_web_R_K_B_by_pogobuschel_pixelio.deIch finde ja, dass der Film einen falschen Titel hat. Er sollte nicht „Findet Nemo“ heißen, sondern „Findet Freunde und Verbündete“.

Marlin und seine Frau Cora sind an den Stadtrand gezogen, weil die Schulen in der Gegend gut sind und die Aussicht so toll. Wenn ihr mich fragt, klingt das nach dem Reden von Menschen, die sich die gefährlichste Gegend am Rand aussuchen mussten, weil die Innenstadt zu teuer und kinderfeindlich gestaltet ist.
Klar, wenn man um die 400 Kinder hat, ist ein Appartement im Luxusviertel eher Garant für Ärger und Vorurteile, als für Zufriedenheit und guten Kontakt zur Nachbarschaft. 

Noch am ersten Tag in der neuen Wohnung, wird die junge Familie zerstört. Marlin wird verletzt und sinkt ohnmächtig in seine Korallenwohnung, während Cora und ihre Kinder under construction bis auf eines gefressen werden. Marlin behütet das verletzte Ei seines einzig überlebenden Kindes und nennt es Nemo.

Auch eine Art einen Film beginnen zu lassen, der vor Actionelementen nur so wimmelt. Der Zuschauer ist genauso gestresst, wie die Figuren und findet nur noch logisch, wie absurd sich Marlin gegenüber Nemo verhält. Klar! Das war ja wohl auch ein Riesenbarracuda! Und er hat alle gefressen mit seinen rasiermesserscharfen Zähnen und klar, hat Marlin jetzt immer nur noch Angst um sich und sein Kind! So sehr, dass er alles, was Nemo kann in Frage stellt und am schlimmstmöglichen Fall bemisst. Dass Nemos Seitenflosse nach dem Angriff verkrüppelt ist, gibt ihm dabei wohl noch den größten Grund.

Doch Nemo ist resilient und aufgeweckt. Er will in Ruhe spielen, Abenteuer entdecken, zur Schule gehen. Einfach leben und die Welt erkunden. So kommt also der Tag, an dem Marlin ihn zur Schule gehen lässt.
Offensichtlich in eine Integrationsschule, denn weitere Clownfische sind dort nicht.

Sie unternehmen einen Ausflug an den Abgrund, wo es so kommt, wie es kommen musste. Mutprobe unter den Kindern- wer traut sich „das Bo“ anzufassen? Nemo will nicht so ängstlich sein, wie ein Vater, und als er unter dem Geschimpfe des Vaters das Boot über sich berührt und sich auf den Weg zurück macht- vielleicht mit der Botschaft: „Guck mal Papa, die Welt ist gar nicht so gruselig, wie du es mir immer einreden wolltest“, kommen Taucher am Riff vorbei, blenden Marlin mit dem Blitzlicht ihrer Fotoapparate und nehmen Nemo gefangen.
Na- wer hatte jetzt Recht du dummes Kind?! Hunderttausend Mal hab ich dir gesagt, dass das Meer gefährlich ist! Wieso hast du nicht auf mich gehört? Ich will dich schützen! Immer und vor allem! Ich hab Todesängste- die sollst du auch haben, denn sie bewahrt dich davor zu sterben!

Marlin schwimmt dem Boot hinterher so schnell es sein posttraumatisch bedingter Übererregungszustand ihm ermöglicht. Doch er verliert die Spur.

Sein Wunsch Nemo wieder bei sich zu haben, verdrängt seine Angst das Riff zu verlassen und er schwimmt in einer ungewohnten Umgebung. Verdrängt alles, was ihm sonst die Pflege seines Angstkäfigs ermöglicht.
Nach kurzer Zeit trifft er auf Dorie, einen Palettendoktorfisch mit Gedächtnisproblemen.
Sie ist liebenswert und doch irgendwie auch sein Anker. Er fühlt sich irgendwann für sie verantwortlich, ist vielleicht beruhigt, als er erkennt, dass er für Dorie da sein kann, wie er es für Nemo immer sein wollte. Sicherheit durch Wiederholung. Das Trauma ist nicht bearbeitet, also muss er reinszenieren und sei es, dass er dabei die kognitiven Probleme anderer Lebewesen auf einer egoistischen Ebene ausnutzt. Es ist ihm nicht bewusst (und wird im ganzen Film nicht deutlich gemacht).

Sie treffen auf essgestörte Haie und geraten in eine Situation, in der es wieder um Leben und Tod geht. Wieder eine Actionszene, die ich persönlich für einen Kinderfilm absolut unangebracht halte.

Währenddessen findet sich Nemo in dem Aquarium einer Zahnarztpraxis wieder und wird in die Gruppe der Mitgefangenen aufgenommen. Die Problematik, die mit dem Thema „Wildfang fürs Aquarium“ einher geht, wird mit einem kurzen Aufschrei des Entsetzens von der Krabbe mit Putzzwang, wegen der möglichen Keime, die Nemo an sich haben könnte, dargestellt. Toll. Nicht.
Die emotionalen Störungen und Verhaltensveränderungen, die Gefangenschaft mit sich bringen, gelten in diesem Gefängnis als normal. Ob man anfängt sein Spiegelbild als jemand anderen zu empfinden, wie Luv (die dem Wind zugeneigte Seite) ihre „Schwester“ Lee (die dem Wind abgeneigte Seite), oder der entstellte Skalar Kahn, der seine Bitterkeit in nebligem Schweigen verbirgt- ph- alles normal. Wir sind hier alle nicht wie die Anderen und unsere Versuche uns befreien, drehen sich alle ums Klo des Zahnarztes. (Oder, wie man es in der Psychiatrie oder geschlossenen Heim, macht: den Moment in dem die Aufsicht die Schlüssel zur Ausgangstür irgendwo verliert).

Gemeinsam erschaffen sie eine Situation die den Aquarianer dazu verleiten soll, sie alle aus dem Becken herauszuholen, um es zu reinigen. Doch der Plan scheitert an den ökonomischen Möglichkeiten des Zahnarztes- er kauft einfach einen besseren Filter und bleibt bei seiner Idee, Nemo an seine rücksichtlos Fische tötende Nichte Darla zu verschenken.

Unterdessen kämpfen sich Marlin und Dorie durch das Meer, springen durch eine Quallengruppe und werden von einem Schildkrötenverband durch den ostaustralischen Strom getragen. Marlin erfährt dort, wie der Schildkrötenvater Crush damit umgeht, wenn eines seiner Kinder in Gefahr gerät. Er gibt ihnen die Chance sich selbst zu helfen und würdigt erfreut alle ihre Erfolge. Marlin nimmt diese Haltung in sich auf und bewahrt sie sich, kann sie dennoch nicht gleich auch auf Dorie übertragen, die einen Wal dazu bringt, sie an die Küste von Sydney zu bringen. Dort werden sie flugs hochgepustet und landen dort, wo sie hinwollten. Doch endlich angekommen, wird Marlin die Aussichtslosigkeit des Unterfangens klar und er trennt sich von Dorie, um zurück zu schwimmen.

Die Kunde vom Clownfischvater, der nach Sydney kommt, um seinen Sohn zu retten, ist aber inzwischen überall im Umlauf. Auch beim Pelikan Niels, der ab und an im Fensterrahmen der Zahnarztpraxis einen Plausch mit den Gefangenen hält und ihnen entsprechend auch davon erzählt. Nemo schöpft Hoffnung und der Pelikan wird in einen Fluchtplan eingebunden.

Er stellt sich tot und der Zahnarzt handelt fast wie gewünscht. In einer weiteren übermäßig aufregenden Szene landet Nemo schließlich doch in den Abwässern und kommt so ins Meer zurück.
Dort trifft er auf die herumirrende Dorie, die eine Verschlechterung ihrer Gedächtnisses betrauert, seit sie von jemandem getrennt wurde. Es fällt ihr aber nicht mehr ein von wem.
Nemo hat inzwischen erkannt, wie wichtig Begleiter und Freunde sind und schwimmt an ihrer Seite.
Dieses Erleben und die Beschriftung eines der Abwasserrohre, lässt bei Dorie die Zahnräder im Kopf wieder ineinandergreifen und sie bringt ihn zu Marlin.

Die Erlebnisse davon, was Gemeinschaft bewirken kann, helfen ihnen, einen Schwarm Fische dazu zu bringen sich gemeinsam gegen ein Netz in Richtung Meeresboden zu schwimmen und sich so zu befreien. Kurz glaubt Marlin seinen Sohn gänzlich verloren zu haben, als dieser benommen zurückbleibt. Doch er hat überlebt und endlich vereint treten sie die Reise zurück zum Riff an.

Hurra hurra- alles geschafft. Doch was die Figuren fanden, als sie Nemo suchten, bzw. während nach ihnen gesucht wurde, wird nicht genannt und geht immer wieder unter durch die Eindrücke viel zu eindringlicher Actionszenen.
Die Erkenntnis allein nichts bewegen zu können, doch in der Gruppe mit Verbündeten an der Seite. Das Wissen, um die eigenen Stärken und die Anerkennung selbiger von anderen. Die Erfahrung, dass manche Ängste berechtigt und hilfreich beim Selbstschutz sind, doch nicht immer und in jeder Situation gleich.
Die Folgen von einem Handeln, dass andere Lebewesen integriert und nicht ausschließt.

Es ist ein Film, der mir zu viele wichtige Botschaften für das tägliche Miteinander zu unausgesprochen lässt und mit viel zu vielen Szenen um Leben und Tod erschlägt.
Alles, was er sehr deutlich zeigt ist, wie es jenen ergeht, die niemanden haben, der für sie eintritt:
Sie treiben separiert von einander in Plastiktüten, im Hafen von Sydney herum, wo sie verhungern werden.

„Ich bin nicht die Anderen- aber ich bin nicht anders, als die Anderen.“

Wiederholtes Plingkonzert, gestern Nachmittag.

Ich schrieb über Twitter mit einer Leserin des Blogs, die mir schrieb, dass sie sich mit Kommentaren bei persönlichen Einträgen zurückhält, weil sie nicht durch das Erzählen eigener Erfahrungen vermitteln möchte: „Hey, ich kenne das auch alles- aber irgendwie doch nicht so, nur anders- aber es ist irgendwie so gleich und …“.

Ich finde es immer schön, wenn jemand hier kommentiert und gerade auch, wenn jemand seine eigenen Erfahrungen und Empfindungen teilt bzw. das für sich so kann und möchte.

In dem Reiter „über dieses Blog“ steht ein wichtiger Satz drin, der mir zu Beginn den Anreiz für das Blog gab.
„Das Leben mit DIS wird meiner Meinung nach von den (Massen)Medien unnötig aufgehyped, verzerrt und gleichsam falsch, wie fast alle Themen rund um (die Gesichter, die Folgen und Ursachen von) Gewalt, aufgenommen.“
Ich hatte damals vernünftige Literatur und Medien gesucht, um jemandem in meiner Umgebung meine Wahrnehmung und Schwierigkeiten darzustellen. Außer Sachbücher konnte ich ihm nichts geben und selbst bei der Auswahl musste ich noch viele Abstriche machen.

Gab man damals „multiple Persönlichkeit“ bei Google ein, landete man bei „Höllenleben“, medizinischem Kauderwelsch, reißerischen Zeitungsartikeln und Links zu Foren, die nicht öffentlich lesbar sind.
Das Bild, das sich ergab, war einfach nicht das, was ich vermitteln wollte: Die Fachwelt streitet und zweifelt (was damals schon nicht mehr ganz stimmte!), die Presse sucht die Story und die Betroffenen verschanzen sich aus Angst um Leib und Leben „müssen sie ja auch, kommen ja alle aus einem Kult“ (O-Ton des Menschen damals).

Heute ist die „dissoziative Identitätsstörung“ als komplexe Traumafolgestörung bekannt und sowohl im DSM 5 als auch im ICD 10 anerkannt. (Im Gegensatz zu so opferverhöhnender Bedeckmantelei, wie das „False Memory-Syndrome“). Heißt: Wenn einem heute ein Arzt sagt, so etwas wie multiple Persönlichkeiten gäbe es nicht, kann Mensch davon ausgehen, dass es sich um einen Arzt handelt, der nicht fortgebildet ist oder ein Interesse daran hat, Gewalt und seine Folgen zu negieren.

Die Presse und auch das Fernsehen, wird allzu oft dafür bezahlt, eine Story zu liefern. Wichtig ist, was gesehen wird- nicht das, was gehört und an Informationen aufgenommen wird. Gesucht wird die Andersartigkeit- nicht die Gleichheit. So begegnete mir auch schon die Aussage, für mehr Authentizität, sei es notwendig Aufnahmen vom Betroffenen an Tatorten zu zeigen.
Die Irre daran wird leider oft übersehen.
Wenn man einen Film über DIS macht, macht man einen Film über die Gegenwart. Filmt man den Betroffenen an Orten, an denen er in der Vergangenheit gequält wurde, provoziert man beim Zuschauer die Notwendigkeit, sich diese Qualen vorzustellen in dem er sich den Betroffenen als Kind vorstellt und den leeren vermodernden Keller in möbliert und mit Tapete an den Wänden. So entsteht ein anderes Bild, als die Wirklichkeit. Es ist ergo nicht kongruent mit dem, was der betroffene Mensch tatsächlich erlebt hat.
Außerdem gibt es den Effekt, dass nicht das Leben mit den Folgen davon im Kopf bleibt, sondern das Grauen allein. Das ist total basal- wir alle wissen, dass uns negative Dinge eher im Gedächtnis bleiben, als neutrale oder positive.

Doch wenn ein Film starke Gefühle erzeugt, die „hängen bleiben“, gilt er als gut. Egal, ob das, was gezeigt wird stimmt (grausamer oder weniger grausam, als im Kopf des Zuschauers entstanden). Umso schlimmer  finde ich es, wenn ich von einer „packenden Dokumentation über eine multiple Persönlichkeit“ höre. Eine Dokumentation bildet ab- sie ist in der Regel sachlich und informativ- nicht „packend“.
Eine Reportage hingegen, hat einen anderen Rahmen, oder ein Portrait. Sie soll „packend“ sein, damit sie verkauft wird.

Ich bin keine Journalistin, habe aber eine grobe Ahnung vom Auftrag der journalistischen Ethik und der Verantwortung, die man trägt, wenn man über etwas schreibt, das in manchen Bereichen stellvertretend veröffentlicht wird. Man unterstreicht die allgemeinen Gemeinsamkeiten und zeichnet die individuelle Ausprägung als so individuell, wie sie ist.

Es ist bekannt, dass alle Menschen dissoziieren. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Unser Gehirn funktioniert in der Hinsicht ganz basal gleich.
Es ist bekannt, dass jeder Mensch, im Laufe seines Lebens das Verhalten anderer Menschen studiert und introjeziert. Das ist Teil der menschlichen Entwicklung und evolutionär bewährt. Beobachten, bewerten, imitieren. Ebenfalls ganz basal gleich.
Es ist bekannt, dass Schmerz schmerzt und vermieden werden will.
Und es ist bekannt, dass jeder Mensch subjektiv bewertet und verschieden (re-) agiert.

Mehr braucht es eigentlich nicht zu wissen, wenn man vernünftig über etwas schreiben will, was bei sich selbst los ist und von anderen Menschen verstanden werden soll.
Ich sitze hier und mache das große: „YES!“, wenn mir jemand ohne DIS schreibt, er kenne dies und das von sich und gehe damit so und so um. Weil es mir zeigt, dass er die Gleichheit für sich wahrgenommen hat und meine individuelle Wahrnehmung als solche von sich abgrenzen kann.
Für mich bietet sich dann die Chance zu beobachten, zu bewerten und vielleicht zu imitieren. Heißt, einen neuen vielleicht hilfreichen Umgang mit Dingen zu lernen.

Ein großes schlimmes Ding an Traumafolgestörungen ist die Einsamkeit. Das Gefühl aufgrund seiner Erfahrungen- die man selbst ganz allein erfuhr, über die man nicht sprechen will/ kann/ darf- ; dem subjektiven Leiden darunter und der persönlichen Reaktion/Kompensation in Bezug darauf „anders zu sein, als die Anderen“. Ungleich zu sein.

Mir sind schon Menschen begegnet, die diese Ungleichheit für sich wichtig finden, gleichzeitig jedoch verzweifelt sind, über ihre Einsamkeit.
Das Gefühl besonders zu sein, ist ja auch ein Schönes. Man hebt sich ab, spürt seine Individualität sehr deutlich. Ist von anderen Menschen abgetrennt.
Wenn ich etwas Besonderes erschaffe, habe ich natürlich auch den Wunsch, dass es als so besonders wahrgenommen wird, wie ich es empfinde. So wie hier mein Blog. Er ist Freiheitspraxis deluxe mit Glitzersteinchen drauf. Jeden Tag aufs Neue. Ich gebe mir viel Mühe beim Schreiben und Suchen von Themen. Es ist ein schönes Gefühl, wenn ich dann unter den Artikeln die Bilder von anderen BloggerInnen sehe, denen der Artikel gefällt. Oder wenn meine Statistik Beulen bekommt, weil es Artikel gibt, die von vielen Menschen gelesen werden. Oder wenn ich viele Rückmeldungen bekomme, die Dank, Verständnis und Lob ausdrücken. Hach!
Ich bin aber nicht der Typ, der gern von anderen Menschen abgegrenzt ist.

Für mich bedeutet „anders sein“ von je her direkte Gefühle von existenzieller Bedrohung. Als Kind gab es die Notwendigkeit von Gleichheit mit den Menschen, von denen ich abhängig war, um nicht zu sterben. Als Jugendliche gab es die Notwendigkeit von Verhaltenskongruenz, um nicht von Heim zu Heim, von Klinik zu Klinik abgeschoben zu werden und heute, als Erwachsene, suche ich die Kongruenz, um mich, wie andere Menschen auch, selbst zu versorgen und meine Bedürfnisse zu befriedigen.

Gleichheit bedeutet für mich Sicherheit auf vielen Ebenen.
Werde ich hervorgehoben, als „anders“ dargestellt, spüre ich direkt den Drang, meine Gleichheit mit anderen Menschen auf allen Ebenen, neben dem „Besonderen“ zu unterstreichen.
Neulich kam eine Email von jemandem, der schrieb, ich sei jemand ganz Besonderes, weil ich hier schreibe. Ich schickte ihm den Link zu WordPress.com und antwortete: „Meld dich an, machs dir nett und du „bist“ auch so besonders.486908_web_R_K_by_sokaeiko_pixelio.de Danke, dass du mein Schreiben, als besonders empfindest. Aber mein Sein, ist es nicht.“. 

Ich habe eine dissoziative Identitätsstruktur. Nehme mich und die Umwelt anders wahr, als andere Menschen. Trotzdem bin ich ein Mensch, wie sie auch.

Das so zu fühlen ist für mich immer wieder wichtig und schön. Vor allem, wenn meine Umwelt mir dabei hilft.

Heim, Klapse, Knast

Wir haben einen interessanten Menschen kennengelernt.
Als er uns zum ersten Mal bei uns besuchte, freuten wir uns sehr, weil wir damals gerade wieder eine dieser stummen Kurzphasen hatten. Wir hatten bereits wieder 4 Tage kein Wort gesagt

„Seltsam,“ dachte ich, „dass mir diese Sprachlosigkeit erst unangenehm auffällt, wo ich die direkte Möglichkeit zu sprechen habe.“
Im Laufe der folgenden Stunden sollte sich das Sprechen sogar richtig auswachsen. In ein Reden, Kommunizieren… in ein Aussagen.
Es wurde mein erstes richtiges Gespräch über die Psychiatrie und meine Zeit darinnen seit 2005.

Nicht in die Tasten gedonnert oder durch die Feder meines Füllers gedrückt. Sondern richtig gesprochen und gehört, während ich selbst hörte.
Hörend- da spricht jemand von Kasernierung- wo ich immer von Internierung gesprochen hatte.
Hörend- da kann jemand meinen Gedanken zur Verstärkung einer Essstörung durch Esspläne und Strafsysteme drum rum, ohne Wenn und Aber unterstreichen und ergänzen.
Spürend- da ist soviel Unausgesprochenes, das vermutlich noch nicht einmal vor sich selbst aussprechbar ist- genau wie für mich.

Dass ich nicht allein bin mit meiner Psychiatriekritik, weiß ich schon eine ganze Weile.
Dass ich nicht die Einzige bin die Dinge twittert wie: „Liebe Ethik, könntest du mal im Gesundheitssystem vorbei kommen und mit deiner Anwesenheit glänzen? Du fehlst. Liebe Grüße, die Patienten.“ ist auch klar.
Aber wache, produktiv- reflektierte Bitterkeit habe ich lange nicht mehr gesehen.

Bitterkeit begegnet mir oft. Resignation. Ohnmacht. Wut. Natürlich. Gerade bei anderen Psychiatrieüberlebenden und deren Verbündeten.
Doch Wachheit nicht. Bewusstsein. Ungetrübte Wahrnehmung. Die Möglichkeit ein zwei Gedanken mehr als: „Ist halt ein Scheißsystem das da abgeht“ zu haben.

Ich treffe auch oft auf Alternativforderungen.
Und bin dann doch wieder mit Absonderungsideen konfrontiert. Sei es, dass man sich komplett von dem bestehenden Wissen und allen Erfahrungen der Psychiatrie als medizinischer (und sozio-kultureller) Zweig abwendet, oder doch wieder klassifiziert in „behandelbar“ und „unbehandelbar“.

Im ICD- Rosenblatt gibt es keine Krankheiten.
Da gibt es den chronischen Flauschmangel, die überbordenden (und belastenden) Ideen und die kreativ gewachsenen Gehirne und Körper. Also nichts, was in irgendeiner Form Absonderung und Dressur erforderlich macht, sondern Zuwendung, Austausch, Abklärung und Neukonstruktion der Lebensumgebung.

Also irgendwie: ein Zuhause mit offenen Ansprechpartnern.

Und da ist der Haken. Wir haben noch kein gesellschaftliches Klima in dem solche Räume Usus sind. Wenn es uns schlecht geht, sind wir privilegiert, wenn wir Verbündete haben. Eine Familie, die uns bedingungslos um- und versorgen will/kann/ darf, wenn wir auf Unterstützung, Nähe, Wärme, Zeit und Raum angewiesen sind.

Die Blüten die meine oben erwähnten „Krankheiten“ treiben, haben sowohl ihre Wurzeln in der Abwesenheit von Selbigem oder verursachen keine feste Anbindung an solche sozialen Kontakte.

Wer irre ist, ist einsam. Abhängig und doch haltlos.
Es ist, als sei man falsch gepolt- im wahrsten Sinne des Wortes. Man ist ein Plus-Pol in einer Masse von Plus-Polen und nicht in der Lage von sich aus zu einem anziehenden Minus zu werden. Das ist die „Krankheit“. Das fehlen der Kraft aus sich heraus andere Pole an sich anzuziehen.

Die Lösung dieses Problems war einen einheitlichen Minuspol zu gestalten, der bedingungslos anzieht. Und anzieht und anzieht und anzieht. Alles was auch nur einen Hauch Plus in sich trägt (oder vorgibt), wird unter Umständen angezogen und festgehalten.
Was Plus ist und was Minus, ist immer wieder im Wandel.
Doch immer immer immer wird „das Andere“- das was in einer Masse, als „anders“, „unpassend“, „unangepasst“, „unvereinbar“ bezeichnet wird,  abgestoßen. Es passiert keine Integration des „Anderen“ in seiner Mitte, sondern eine Absonderung, um die eigene Konformität, seine Normen und Werte zu zementieren.

Wir haben gestern Abend über Bethel gesprochen.
Bethel ist ein Stadtteil von Bielefeld, der bekannt ist für seine Epilepsieforschung, seine Hilfseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen, für seine sozialpsychiatrischen Betreuungs- und Behandlungsangebote.
Ich hatte mich ein bisschen in meiner Kritik verrannt und es als abgeschlossenes Ghetto für alle die arm, alt, krank, hilflos bzw. hilfsbedürftig, behindert und schwach gelten, bezeichnet. Das stimmt auch. Bethel schaltet und waltet nach Kirchenrecht. Alles was dort passiert, bleibt dort. Die Bedürftigen haben nicht Kraft zu streiken und Mitarbeiter haben kein Streikrecht.
Aber es ist auch ein Beispiel für die Art Integration „des Anderen“ die heute passiert.

Die Menschen, die diese Menschen versorgen und behandeln sind ein Minuspol und sind einzig durch ihre Fähigkeit ohne Hilfe eine Selbstversorgung zu schaffen (und entsprechend in der Lage auch von dort wegzugehen) überlegen. Sie brauchen ihre „Patienten“/ Klienten, weil sie ihren Arbeitsplatz stellen und gehen so in eine Symbiose.
Das ist der Grund, weshalb es so einfach ist, in den Bereichen, der Pflege und Medizin von Wirtschaftlichkeit zu sprechen. Die Hilfsbedürftigkeit der Menschen wird zum Werkzeug, um dessen Nachschub man sich keine Sorgen machen muss. Man beutet also im Grunde die „Irren“, die Kranken, die Schwachen, die Armen und jene, die sich nicht selbst versorgen können aus, ohne dass ein Widerstand von irgendeiner Seite kommt.

„Wieso denn auch- ist doch gut, wenn sich einer um „die da“ kümmert. Die müssen ja nun mal irgendwo hin.“

Nein! Müssen sie nicht! Sie müssen versorgt werden bzw. Hilfe bei der Selbstversorgung (im Falle von Gefängnissen, Hilfe die Gründe für ihre Straffälligkeit zu verstehen und „draußen“ verändern/ verhindern/ regulieren/ abschaffen zu können) haben- mehr nicht.
Es sind nicht sie, die sich hergeben müssen oder die sich anpassen müssen, obwohl sie genau das noch nicht- oder auch nie können.
Das was jemand lernen muss um massekonform zu leben, lernt er nicht in einer Masse, die „anders“ ist, wie er selbst. Und so, wie der Kapitalismus auf diese Symbiose einwirkt, reicht der Einfluss der „Minusse“ (in Form der HelferInnen, PflegerInnen, TherapeutInnen, ÄrztInnen) nicht aus. So ergibt sich ein gewisser Masseerhalt „der Anderen“ und das Rad dreht sich weiter wie bisher. Kapitalismus funktioniert nur mit der Billigung von Ausbeutung.

Was wäre, wenn wir die Bedürftigen unter uns hätten? Wenn wir unsere Kraft aufwendeten und selbst zum Minus würden?
Wir müssten neu lernen. Neue Werte und Normen konstruieren, vielleicht auf Konformität verzichten.
Ja, vielleicht stünde dann öfter mal jemand auf der Straße und brüllt uns an.
Ja, vielleicht hätten wir viel mehr Kontakt mit Körperflüssigkeiten, als uns lieb ist.
Ja, vielleicht würden wir sogar Käfige für unsichtbare Tiger bauen.
Aber was ist denn daran so schlimm? Wer hat denn einen Schaden davon?
Was davon bleibt für immer? Einer der brüllt, ist irgendwann auch fertig. Einer der sabbert, kann lernen sich auch selbst den Mund abzuwischen oder kann einfach auch immer trocken gewischt werden- das machen wir doch bei Babys auch.
Wen stört ein Käfig in der Wohnzimmerecke oder in der Innenstadt? Wir stellen doch auch hässliche Kunstgerüste in die Landschaft.

Es ist ein hinderndes „Kosten-Nutzen-Rechnen“ und die eigene Unwilligkeit, die uns hier im Weg steht und über viele hundert Jahre in Form von Heimbauten und der Institution Psychiatrie bedient wurde.
Wir müssten uns umstellen für eine Gruppe von Menschen, die uns nichts geben kann, womit wir unsere Familie ernähren können.
Streng biologisch betrachtet, also Ballast sind, dessen man sich zum Wohle des eigenen Fortbestands entledigen muss. Würden wir noch in Höhlen leben, wären diese Einrichtungen also etwas, das zum Wohle aller beiträgt. Doch nie war es so einfach seinen Fortbestand zu sichern und zu nähren, wie heute.

Heute sind wir einfach nur unwillig neu zu konstruieren und zu integrieren. Als sei dies etwas, das unseren Fortbestand und unsere Lebensqualität in den Grundfesten unsicher macht. Dabei ist das Einzige was berechtigt Gefühle von Unsicherheit oder auch richtiger Angst hervorrufen könnte, die vor dem uns Unbekanntem.

Wir sollten also alle anfangen uns einander bekannt zu machen. Ohne Stereotype, ohne Wertung, ohne die eigene Lebensrealität im Anderen zu erwarten oder zu suchen.
Doch das gelingt aus freiwilligem Bemühen einzelner Menschen nicht. So lange es Abschiebeinstitutionen gibt, wird abgeschoben.
Heim, Klapse, Knast- übrigens alles Einrichtungen, die von Menschenrechtlern regelmäßig besucht und beanstandet werden. In Deutschland macht dies zum Beispiel die „nationale Stelle„.
Zuhause oder im Sportverein braucht es solche Begutachtungen nicht. Dort ist man Mensch, dort darf man sein. Dort wird man nicht zwangsweise hingebracht. Dort gilt das Grundgesetz.

Es ist nötig den Menschen im „Anderen“ zu erkennen.
Wären unsere Abschiebemöglichkeiten jetzt plötzlich weg, so glaube ich, würden wir das endlich tun. Es wäre krass, es wäre hart, es würde uns oft und an vielen Stellen über unsere Grenzen hinaus belasten. Doch es könnte gehen. Ich glaube, dass das möglich ist.
Ich glaube, wir hätten darin eine Chance, uns mit allen die uns umgebenden Gewalten auseinanderzusetzen und ein Miteinander zu erschaffen, in dem es Ausgewogenheit auf vielen Ebenen gibt.
Wir müssen uns nur trauen.

F.

F. war 5, als sie sich das erste Mal die Nase am Aquarium des mit uns verbündeten Menschen, die Nase platt drückte.
Auf die Frage wer sie denn sei, schwieg sie beharrlich, hatte sie doch eine Mission. „Achtung, jetzt kommt was- Augen und Ohren auf, mach dich ganz weit, damit alle hinter dir in Sicherheit sind.“

„Wenn ich groß bin, werd ich Ichtikologin. Das sind Leute, die sich mit Fischen auskennen. Hast du das gewusst?“. Elegant sind ihre Aufforderungen zum Vermeidungstanz bis heute.

Sie kauften ein zweites Aquarium zusammen. Einen „Fischekäfig“.
F. durfte mit aussuchen. Sie wurde gefragt, welche Fische sie schön fand und sie wurden dann auch gekauft.

In der Schreibtischschublade bei uns zu Hause, wuchs der Stapel von Bildern, auf denen zu sehen war, was sie alles auf einmal durfte. Katzen streicheln, Fische aussuchen, Blumen pflücken, Süßigkeiten essen, albern sein, etwas über „Prokojoten und Eukanidoten“ (Prokaryoten und Eukaryoten) erfahren, Spongebob gucken, eine Verbündete haben, Sachen fragen und erklärt bekommen…

Und dann, nach vielen solcher Momente, wurde sie zur Helferin für unsere Verbündeten.
„Sag mal F. kennst du das Innen, das…? Weißt du was es will? Was kann man da machen?“.
F. wusste es nicht immer, aber oft schon. 184426_web_R_K_B_by_Verena N._pixelio.de

Sie richteten unsere Guppyfarm ein. Wenn der Mensch mal keine Zeit für sie hatte, saß sie davor und fing an, den Fischen von ihm zu erzählen, während im Innen die Ohren aufgingen und lauschten.

F. ist gewachsen.
Jeder Moment mit diesem Menschen, der sie so ernstnahm und achtete, brachte sie mit weniger klar umrissenen Innens zusammen. Sie erwarb Kompetenzen wie Geduld, die Möglichkeit sich klarer auszudrücken und die Fähigkeit Gefühle, die ihr vorher fern lagen, wahrzunehmen.

Nach ein paar Jahren, stand sie dann da und sagte, dass sie jetzt „zweistellig ist“. Sie fühle sich älter und würde keine Babywörter mehr sagen. „Das ist kein Fischkäfig!“- sie atmete ein und sagte, als würde sie mit einem Menschen sprechen, der es nicht wüsste: „Das ist ein A-qua-ri-um! Ich bin nicht mehr klein. Du kannst jetzt ruhig mit Erwachsenenwörtern reden.“.
Es wurde gewürdigt. Das Wort blieb trotzdem. „Weils so niedlich ist.“

Wir haben von F. und über F. viel über uns selbst erfahren.
Ihre Aufgabe ist wichtig- auch wenn ihre Anwesenheit einen Hintergrund hat, den wir bis heute nicht kennen und ihr Auftauchen oft nicht an äußeren Umständen festmachen können. Sie hat einen Blick auf die Welt und ihre Menschen, der uns Alltagsinnens komplett fern und doch etwas ist, dass uns schon manches Mal geholfen hat, wenn er uns reflektiert wurde.

Sie ist ein Innenkind. Kindlich- doch das schon sehr lange. Sie versteht nicht immer alles gleich, aber sie kennt keine Scham wenn es darum geht, Dinge herauszufinden oder die Vermittlung dessen einzufordern. Sie mag Tiere und weiß, wie man mit ihnen umgehen muss. Ihr Blick dafür ist messerscharf und gleichsam intuitiv.

Sie wartet nicht darauf, dass sie jemand schützt. Sie wartet darauf, dass das Gegenüber merkt, dass es das bereits durch sein Sein tut.

Und doch.
Wenn sie im Körper war, habe ich blaugraulila Fingerspitzen und kalte Füße. Fühle in mir einen schrecklichen Gefühlsnachhall und Blitze in der rechten Sichtperiphere, während ich auf dem linken Auge lange nur sehr unscharf sehe.
Ihre innere Weite kommt mir manchmal vor, wie die liebenswerte Verpackung einer Bombe. Dann bin manchmal froh, dass sie für manche Menschen auf immer „die Kleine mit dem Fischekäfig“ sein wird und nicht die Stallhüterin der inneren Apokalypsenreiter, der sie auch ist.

Wir lernen an ihr, dass Innenkinder mehr sind, als der Einsmensch „C. Rosenblatt“ als Kind; oder als eine Ansammlung von Bewältigungsstrategien für die Gewalt in unserem Leben, die irgendwann abgepalten wurden, ohne sich weiter zu entwickeln. Sie ist ein Teil von uns, der sich doch bis heute nie ganz gezeigt hat, obwohl er, wenn er da ist, unübersehbar ist.

Das breite Lächeln und der leicht federnde Vermeidungstanz, ist dann doch immer wieder das, was überwiegt.
Bis sie sich vielleicht doch irgendwann mal eine Pause erlauben kann.

ein paar behinderte Gedanken zu Menschen mit Behinderungen und Behinderungen an sich

Morgen haben wir einen Termin in der Abendschule.
Es geht darum sich vorzustellen, seine Bewerbung, seine letzten Zeugnisse und Unterlagen zur Person abzugeben. Es wird darum gehen zu schauen, ob wir dort sein können, was wir für Unterstützung bekommen können, was für Anforderungen gestellt werden.
Ich bin schon angekritzt darüber, nicht einfach nur meine Unterlagen dorthin schicken zu können und dann nur noch auf einen Anmeldebestätigung warten zu müssen.
Aber wir fallen aus den Aufnahmekriterien heraus, also bleibt uns keine andere Wahl.
Voraussetzung ist eine abgeschlossene Berufsausbildung und 2 Jahre Arbeit, sowie Arbeit oder ein zu versorgendes Familienmitglied nebenbei.
Tja, damit können wir leider nicht dienen- und wenn wir es könnten, würden wir uns sicher nicht noch mal 3 Jahre Abendschule geben.

Ich fand mich richtig gut in dem Telefonat mit der Sekretärin. Ich war sachlich, logisch und nicht defensiv.
Ich sagte, ich hätte gerne einen Termin mit dem Schulleiter, um abzuklären ob und wenn ja was für Möglichkeiten es für mich gibt, auch mit meiner Schwerbehinderung (Bumms! Ich habe das Wort gesagt!) teilnehmen zu können und wie die Lage in Bezug auf Unterstützung von Seiten der Schule aussieht.
Die Sekretärin gab mir einen Termin und stellte dann die Preisfrage: „Darf ich Sie fragen- sitzen Sie im Rollstuhl?“. Ich antwortete, das sie mich natürlich fragen darf und, dass ich nicht im Rollstuhl sitze.
(Btw: Was ist das bitte für eine Sprachführung?! Den Rest des Tages fragte ich mich, ob sie mich nur fragen wollte, ob ich einen Rollstuhl benutze oder, ob sie mich fragen wollte, mich etwas zu fragen zu dürfen und dann die Frage nach der Behinderung stellte, und ob ich nun richtig reagiert hatte oder nicht.)

Es ist eine kleine Episode. Total normal und nicht schlimm.
Aber wieder kreiseln in meinem Kopf viele Gedanken wüst hin und her.
Da ist zum Beispiel der Gedanke zum „Standartbehinderten“ in der breiten Masse.
Ich bin mir nicht sicher, aber viele Menschen auf die ich so treffe, oder gerade so in Bezug auf normierende Bürokratie, wie jetzt zum Beispiel in der Verwaltung der Schule, scheint es die Verknüpfung: Schwerbehinderung= das Plakat von „Aktion Mensch“ zu geben.
Schwerbehinderung, das heißt, Rollstuhl, Blindenführhund, Gebärdensprache, eine futuristische Prothese oder die spezifische Physiognomik von Menschen mit Down-Syndrom. Schwerbehinderung das heißt: „Himmel wie kommt der Mensch bloß klar?! Der muss ja total viele Sachen im Alltag anders machen. Der braucht ja richtig viel Hilfe, weil er was nicht kann, was sein Körper (und hier biologistisch eingeflochten der „Geist“ wie der derzeit einzig ausmessbare Intellekt falsch benannt wird bei „geistiger Behinderung“) ihm verweigert.“
Schwerbehinderung heißt auch: „Boa guck mal, was der Mensch TROTZDEM (nicht etwa MIT) kann.“ Heißt auch: Aussagen von den betreffenden Menschen „Ich leide nicht unter meiner Behinderung- ich leide darunter, wie meine Umwelt mit mir umgeht.“. Heißt immer und immer und immer: anders als „DIE ANDEREN“.

Nun ist es so, dass man, wenn man länger als 6 Monate an der gleichen Sache erkrankt ist, als chronisch krank gilt. Und damit ebenso als schwerbehindert.
Und Peng!- steht man vor einer Gruppe von Menschen mit Behinderungen die sogar „anders als die anderen Schwerbehinderten“ ist.
So wie ich.

Für mich ist es eine Bombenhürde zu diesem Termin zu gehen. So bombig, dass ich den Termin höchstwahrscheinlich nicht einmal erinnere. Der Besuch der Schule ist für ich eine Ansammlung von Barrieren, die nicht weggeräumt werden können (und um Himmels Willen auch nicht sollen), um mir den Zugang zu erleichtern. An mein reflexhaftes Umschalten auf Todesangst und in der Folge anpassendes Dissoziieren, kann man weder Rampe, noch Bildtafel, noch Audiomitteilung, noch leichte Sprache dran stellen, um sie (wenigstens in Teilen) zu kompensieren. Ich kompensiere ja selbst bereits in der Situation und breche erst nach einer Überbeanspruchung dieser Fähigkeit zusammen und werde handlungsunfähig. Erst dann kann ich Unterstützung erhalten.
Ich kann sehr gut verstehen, warum es dann schwer fällt, mich als „jemand mit grünem Ausweis“ wahrzunehmen. Wir turnen in der Schule rum, sind produktiv, motiviert, engagiert, geistig fit, aktiv und zuverlässig… bis ich vielleicht das Pech habe, von einem Lehrer in zwei Fächern gleichzeitig unterrichtet zu werden. Bis Mitschüler versuchen außerhalb des Unterrichtes mit mir Kontakt zu haben. Bis es eine Hausarbeit oder ein Projekt über einen Zeitraum wie die Ferien gibt. Bis es außerhalb des Schulkontextes eine so schwere Krise gibt, dass die Somatik sogar bei den Schulgängern ankommt. Also bis zu ziemlich genau dem Zeitpunkt in dem unser Kompensationsmodus zur Kompensation des Gesamtzustandes werden muss.
Es ist gut, wenn ich zum Beispiel jetzt in der Schule einen Menschen habe, dem ich das so erkläre und mit dem ich Absprachen treffe, die mich davor bewahren, mich vor Lehrkräften auch noch erklären zu müssen oder indem sie mich nicht rausschmeißen, weil ich dauernd fehle, mir den Stoff nach Hause bringen oder ein Pauschalattest für Fehlzeiten akzeptieren und mir Gelegenheit geben Tests nachzuholen.
Doch mit der Kompensation der Behinderung selbst bleibe ich auf eine Art allein, die unsichtbar und der als Krankheit bezeichnete Zustand ist. Man sieht sie von außen nicht, man merkt sie mir nur an, wenn man drauf achtet und sogar ich selbst kann dies erst formulieren, wenn ich nicht mehr mehr genau dort in der Schule sitze, sondern hier bei mir zu Hause. Dann nämlich, wenn ich hier sitze und halbgeist-kopfig Hausaufgaben zu erledigen versuche, die ich nicht verstehe und einen Tag nachzuvollziehen versuche, den ich nicht gelebt habe.

Ich könnte nun auch sagen: „Ja ich leide ja nicht unter meiner Behinderung- meine Umwelt geht nur falsch mit mir um“. Das stimmt ja aber nicht. Meine Umwelt geht total richtig und entsprechend mit meinem Verhalten und Wirken mit mir um. Was kann denn meine Umwelt dafür, wenn mein Gehirn nicht für diese Normalität ausgerüstet ist und mein Verhalten und Wirken eben nicht mit MIR(in jedem meiner Zustände) zusammen passiert?
Meine Umwelt hat gar keine andere Chance als für mich unpassend zu sein und ich bin dankbar dafür. Doch das ist etwas das konträr zur stetigen Forderung steht, Barrieren für Menschen mit Behinderung abzuschaffen. Meine Barriere bin in erster Linie mein Erleben meiner selbst (und meiner Umwelt) und erst dann die ungünstigen Normen und Bestimmungen außen.
Wir könnten ja auch das Abitur im Fernlehrgang machen. Ich bin aber abhängig davon in diesen „Schulgängerzustand“ zu geraten, um Zugriff auf das Schulwissen der Abendrealschule und der Schulen zu erhalten. Ich bin also abhängig davon „unter meiner Behinderung zu leiden“, weil ich sonst gar nicht erst die Chance auf Bildung und damit dann später vielleicht ein Studium und noch später vielleicht einen Beruf und damit dann endlich Unabhängigkeit habe.P5310032

Ich stelle mir viele Fragen rund um die Themen der Menschen mit Behinderung und fühle mich dabei behindert.
Da sind die Normen der Leistungsgesellschaft und da die Kritik und die Änderungswünsche derer, die ihnen nicht entsprechen können.
Da ist der Nutzen von pränataler Diagnostik und da die 95% der Fälle von Abtreibung der Föten mit nachgewiesener Wuchsrichtung jenseits der Norm.
Da ist der Ruf nach Inklusion und da das Unterstreichen (müssen) von Andersartigkeit.
Da ist das Leiden und da die Verneinung eines solchen.
Da ist das Versprechen mehr für Menschen mit Behinderung zu tun und da die Förderung von Werkstätten in denen des schlechte Bezahlung und keine Aufstiegschancen gibt.
Da gibt es die Entwicklung von bionischen Prothesen und da die strukturelle Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen, die dafür sorgt, dass sie nie genug Geld für genau diese Prothesen haben werden.
Da gibt es den Beruf des Inklusionshelfers und da aber die Ablehnung von Bewerbern darauf, die selbst einen grünen Ausweis haben. (Boa! Ich hab mich so so so sehr darüber geärgert!)

Manchmal bin ich froh darum, dass wir mit vielen Menschen „anderer Wuchsrichtung“ zusammen gelebt und mit ihnen zusammen gearbeitet haben. Auch wenn wir natürlich keine globale Ahnung von ihrer Lebensrealität haben, haben wir so doch das Bewusstsein, dass die Menschen mit Behinderungen sind- nicht „Behinderte“.
Doch komme ich nicht umhin mich doch noch anders zu fühlen.
Ich bin bis jetzt die einzige Multiple, die ich kenne, die sich diese Störung als Schwerbehinderung hat anerkennen lassen.
Ich hätte es auch anders machen können. Aber in einem Anflug von politischem Trotz war es wichtig für uns gewesen, zu unterstreichen, dass die erlebte Gewalt so schwer war, dass die Folgen heute uns so sehr beeinträchtigen, wie das Fehlen einer körperlichen Fähigkeit.

Es war gut und richtig das zu tun. Wir lassen uns in der Hinsicht nichts anderes mehr sagen, weil es für uns bedeutet hätte, wieder etwas unsichtbar zu machen, wenn wir das nicht getan hätten.
Aber es war auch das Übernehmen einer Aufgabe, die ich mit allen Menschen mit Behinderung teile: Das Eingestehen und Vermitteln meiner (hochprivaten) Probleme an Menschen die genau dieses oben benannte Bewusstsein nicht unbedingt auch haben.
Eine Aufgabe, an der ich, als Innen in diesem Einsmensch hier, genau wegen dieser Probleme scheitern werde.

von Intelligenz, Bildung und Giftsuppe

„Glotz nich so dämlich!“
„Du bist dumm, wie Bohnenstroh und das kann man nicht mal essen!“
„Frag nich so bescheuert!“
„Was weißt du denn schon?!“
„Du hälst dich wohl für oberschlau!“

Sätze von Menschen die unser gesamtes Versorgungsuniversum dargestellt haben.

Jemandem zu vermitteln, er sei dumm und intellektuell fehlentwickelt geht ganz einfach. Man vermische soziale (und auch gerne strukturelle) Minderwertigkeit mit einem Biologismus und Voila! zeichnet man jemandem ein Selbstbild in den Kopf, dass eine Dummheit, eine Retardierung von Natur aus beinhaltet und genau deshalb keine ernstzunehmende Meinung oder allgemeiner: Aussage, aus ihm heraus kommen kann.

Ich weiß noch, was der erste Intelligenztest für Folgen hatte. Es war eine Zahl, die auch genannt wurde, doch ihre Wertigkeit war egal- wichtig war nur: „Habe ich bestanden? Darf ich noch in die gleiche Schule gehen oder muss ich jetzt in eine Sonderschule?“. Es wurde nicht weiter darüber gesprochen. Irgendwo im Innen versackte diese Episode, denn nichts hätte sich verändert, außer eben das Denken, dass man wohl bestanden haben muss, weil man ja auf seiner Schule bleiben durfte.
Der zweite wurde in einer Klinik gemacht. Huch- ja hm, nennt man „überdurchschnittlich“ . Okay… und das bedeutete nun was?
Nichts! Klinikschule wie bisher, nach der Entlassung auf die Hauptschule. Nicht mehr aufs Gymnasium. Versagerin mit dreistelligem Nummernschild.
Der dritte war ein Marathon. An den erinnere ich mich, weil ich ihn gemacht habe.
Gerade muss ich schmunzeln, weil ich noch weiß, wie dumm es mir erschien, meine Dummheit hier so in Mustern, Reihenfolgen, Zahlen und meiner Fähigkeit zur Übertragung ausgeschlossen sehen zu wollen. Der Psychologe fragte mich, wieso ich so unwillig sei („Oder willst du für immer hier bleiben? Du musst schon mitmachen!“) und ich wunderte mich darüber, wie unglaublich eng sein Kopf mit dem Brett davor verwachsen gewesen zu sein schien. Ich war voll bis oben hin mit Neuroleptika, Tranquilizern und Antidepressiva. Gegessen hatte ich noch nichts und es war 9 Uhr morgens (eine Zeit in der mein Gehirn noch schläft- ob nun chemisch niedergeknüppelt oder nicht) und dieser Mensch meinte ernsthaft, er würde in diesem meinen Zustand, einen realistischen Überblick über die Art Intelligenz erhalten, die er mit seinen Parametern erfassen kann?
Wir mussten uns beugen. Meine Wut darüber, dass jemand der so eine Kurzstreckendenkweise verfolgt, darüber bestimmen darf, wann ich frei gelassen werde, hatte mich angestachelt. Ich lief zur Hochform auf.
Am Ende wurde uns ein Zettel, auf dem „Hochbegabung“ draufstand, um den Hals gehängt.
Aus dem Nummernschild wurde ein Aushängeschild, das dann aber doch niemand genauer betrachtete. Die Diagnose der Schizophrenie hat manchmal diese Wirkung. Du kannst unglaubliches Potenzial haben- doch wenn entweder das was als Wahn bezeichnet wird, oder die chemische Keule das Gehirn dazu abschaltet, ist es nichts weiter, als eine Art Projektionsfläche des eigenen Ideals, über dem andere Menschen stehen und beweinen, was jemandem so durch die Lappen gehen kann.

Wie es kam, dass uns niemals eine wirkliche Förderung dieses Potenzials entgegen gebracht wurde?
Tja… Wir sind ja nun ziemlich gestört, nicht wahr?
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„Gestört“ war das neue „Dumm“.
Wozu einen hoffnungslosen Fall fördern?
In den verschiedenen Klinikschulen sagte man uns uns nicht, dass wir dumm seien. Eher im Gegenteil, doch akademische Förderung ist in diesem Setting schlicht nicht möglich, wie an einer Regel- oder Förderschule.

Mit 17 hatten wir bereits zwei Hauptschulabschlüsse. Zusammengestückelt in einer Gewerbeschule- irgendwo zwischen Tür und Angel aus Alltagstraining und Entlassung aus der Klinik in der wir bereits über ein Jahr wohnten.
Heute haben wir insgesamt vier Hauptschulabschlüsse und einen Realschulabschluss von einer Abendschule.
Wenn wir das Abendgymnasium schaffen, werden wir sagen können: Ich habe 6 Hauptschul(entsprechende)- und 2 Realschul(entsprechende)abschlüsse, 1 Fachabitur und 1 Vollabitur.
Ich bin mir noch nicht so sicher, ob ich darüber lachen oder weinen will. Erscheint mir doch weniger mein Hirnschmalz verschwendet, als jede Menge staatlicher Ressource.
Für die wiederum ich mich zu entschuldigen gezwungen fühle, weil ich noch immer nichts dafür getan habe, um diese Ressourcen in irgendeiner Form zurück zu erwirtschaften. Was aber dann eigentlich wiederum gar nichts mit mir selbst zu tun hat, sondern damit, das man in Deutschland einer gewissen Norm entsprechen muss, um leicht an Förderung oder Maßnahmen zur Integration zu kommen. Sie ist nicht verwehrt, wenn man dieser Norm nicht entspricht, doch es macht kaputt, wenn man beginnt, dafür zu kämpfen. Und das ist, so mein aktuelles Empfinden, gerade auch im Hinblick auf meine Verwahrung in der Rehaabteilung der Agentur für Arbeit, schlicht auch so gewollt.
Schwund ist immer. Menschen sind eine nachwachsende Ressource.

Letzten Freitag saß ich dann abends beim Netzfeministischen* Bier zusammen mit lauter Akademikerinnen.
Vielleicht ist das interessant: Hätte ich in einer Runde offen psychisch erkrankter Menschen gesessen, die alle einem Beruf oder einem Studium nachgehen, hätte ich mich im Bereich „zu gestört, um so schlaue Dinge zu tun, wie sie“- verortet. So saß ich auf dem alten „zu dumm, um jemals in ihre Sphären stoßen zu können“- Giftsuppentopf.
Wir saßen da, schauten den Rauchkringeln zu, hörten, verstanden, sprachen, wurden nicht ausgelacht.
Und dann haben sie Topf angestoßen. Einfach so.
Ich hatte gedacht, vielleicht sei es eine Art Vorwarnung vor eventuell komplett dummen Dooffragen, wenn ich zugebe, dass ich zeitweise knietief im Büchern stehe, um (feministische) Texte zu verstehen. Große Augen: „Was?! Echt jetzt?!“
Nachfragen. Anerkennung der Bemühung.
Kein Lachen.
Irgendwo da unter dem Stuhl, den ich besetzte, dunstet nun dicker Schwapp dieser Giftsuppe vor sich hin.

Ja, wir studieren, um politische, feministische, soziologische, naturwissenschaftliche Texte und Theorien überhaupt erst einmal zu verstehen. Wir studieren, ohne Student zu sein, ohne die Berechtigung zum Studium zu haben oder einen offiziellen Gasthörerstatus zu haben. Nicht weil wir müssen, sondern, weil wir wollen. Und auch, weil wir sonst verdursten würden. Verwissensdursten sozusagen.
Und auch, weil es nicht anders geht.
Man mag es niedrig einschätzen, wenn man im Elfenbeinturm (oder im Fachbereich seiner Uni sitzt) und vielleicht ist es auch nicht sonderlich wichtig, denn viel des Wissens ist meiner Meinung nach Theorie über Theorien, die nur erschaffen wurden, um Dinge zu beweisen oder zu erklären, die auch ohne all das passieren und stimmen und wahr sind. Ich betrachte die Universitäten immer eher als eine Art Dampfstampfpressdruckmaschine zur Wortproduktion von Zusammenhängen. Vorne rein- durch viele Wortsiebe und Aufsatzformen hindurch- und am Ende, kommt ein (meist englischer) Begriff heraus, der nur in der Maschinerie selbst verstanden werden kann. Und das, obwohl er wichtig für das Verstehen des Geschehens (oder auch der Natur und den Menschen) außerhalb selbiger sein kann.

„Du dumme Kuh- du weißt nicht, wovon du sprichst!“
Wissen ist Macht. Die Macht eine Meinung zu haben. Die Macht eine Meinung haben zu dürfen, weil man weiß, wovon man spricht.
Die Macht sich vor Mächtigen nicht still und klein halten zu müssen.
Die Macht eigenständig und frei zu sein, weil man keinen mehr über sich stehen hat.

Heute Nacht dann blinzelte mir ein Halbsatz mit Bezug auf mich ins Auge, gerichtet an viele Menschen: „eine kluge Frau“
Von jemandem der global um mich weiß. Sowohl von der Unbildung, als auch der Gestörtheit.

Und plötzlich waren es meine Wangen, auf denen die Giftsuppe zu verdunsten die Chance bekam.

Klug.
Trotzdem.
Trotz dem Ganzen.
Ich, in der Wertung eines anderen Menschen.

Darauf ein Lakritzbonbon.

Wie wär´s mit der Kategorie Mensch?

Jemand sucht eine Kategorie für sich.
Ich schlage “Mensch” vor und stoße auf Unverständnis bei einem Dritten.

Und stehe wieder da und wundere mich.
Nicht böswillig oder wütend. Einfach nur verwundert. Und auch traurig.

Das Finden von für mich-uns passenden Kategorien war eine sehr lange Zeit, Dreh- und Angelpunkt im Leben. Und oft genug wurden dann diese zum Leben selbst. Zum Hauptentsprechungsrahmen.

Das fing für mich ganz deutlich an, als die Diagnose der DIS stand.
Immerhin- hier dachten Innens sie müssen sich regelmäßig auf eine bestimmte Art verletzen, um “die Würmer aus ihrer Seele rauszukriegen”; dachten, sie stürben jeden Moment an malignen Hirntumoren; dachten welche, sie seien schon unheilbar geisteskrank auf die Welt gekommen- selbstverständlich haben wir uns in das Selbstdefinitionskleid gewandet, das uns am Besten passte!

Und völlig logisch haben wir vehement (an manchen Stellen auch zu vehement) selbiges verteidigt, wenn wir dachten, jemand wolle uns das absprechen. Und völlig logisch, haben wir uns eine Filterbubble aufgepustet, die nur aus gleichsam betroffenen Menschen bestand.

Nur haben wir dabei sehr oft etwas übersehen, nämlich, dass es sich dabei um nichts Globales handelt. Dass, das nicht alles ist, was uns ausmacht.

Das ging für uns schon damit los, dass wir merkten, dass es selbst innerhalb unserer Filterbubble/ Kategorie noch Unterschiede gab. Da gibts den Berufsmulti, den Leidensmulti, den heroisch-fauchenden-komm-mir-nicht-zu-nahe-Multi, den körperlich eingeschränkten Multi, den Multi mit Hintergrund X/ A/ B /C…
´”Buuuhuuu” saßen wir dazwischen und dachten: “Nicht mal hier hin gehören wir!”. Was mir rückblickend total absurd vorkommt- aber naja. Ich glaube, jeder Mensch macht diese Erfahrung. Nur in anderen Kontexten vielleicht. Später machte ich ja auch die Erfahrung, dass jede “Themenbubble” in sich ähnlich aufgeteilt ist.

Jedenfalls litten wir schon ziemlich darunter, uns nicht so gemeinsam mit den Menschen in der Filterbubble fühlen zu können, wie wir das eigentlich gewollt hätten. Und tun das noch heute- siehe Drama um die Selbsthilfeforen. Sowas nimmt uns immer wieder richtig schwer mit, obwohl wir wissen und uns vor Augen halten können, dass Gemeinsamkeit schlicht zwei Seiten braucht die aufeinander zugehen und nicht jeder, der sich von uns abwendet oder die Gemeinsamkeit mit uns ablehnt, direkt etwas gegen uns als Person haben muss.

Ich begann darüber nachzudenken, was mich ausmacht und wo ich vielleicht eine Gemeinsamkeit empfinden könnte. Und machte damit einen Schritt, der mir- uns heute sehr hilfreich ist.
Ich rannte nicht mehr auf Grenzen zu, “um zu sehen wo mein Schutz aufhört” (wie es mal ein Innen formulierte). Ich ging an die Grenze und schaute nach Gemeinsamkeiten.

Wir haben uns sehr lange Objektifizieren lassen müssen und begehrten auch nicht auf, als dies nach der Befreiung weiter ging- allerdings auf einer anderen Ebene. Wir kannten nichts anderes- wurden nicht anders behandelt. Da war niemand, der mir dies über mich konkret formuliert rückgemeldet hätte.
Das Opfer
Die Diagnose
Der Klient
Der Patient
Die Fallnummer
Das Beispiel
Das DAS Das ES
das nicht näher definierte Etwas

Ich erinnere an dieser Stelle mal an den Umbruch, den ich damals hier schon einzufangen versuchte. Wir begannen uns übers Mensch-Sein Gedanken zu machen, weil uns unsere Therapeutin einfach so annahm. Und völlig selbstverständlich von unserer Menschlichkeit zu543897_web_R_K_B_by_uschi dreiucker_pixelio.de sprechen begann und uns vermittelte, dass sie uns als Gesamtperson- als Mensch-  mit allen die wir da waren- sie anmeckerten, idealisierten, mochten, hassten, rempelten, stupsten, belächelten, bewunderten, sich einem anderen Geschlecht zugehörig fühlten, anders liebten, sie verachteten…- sah und akzeptierte.
Plötzlich breitete sich der Rahmen aus. Unsere kleine Selbstdefinitions/ Kategorien/ Filterbubble dehnte sich in alle Richtungen aus. Aus der grundlegenden Akzeptanz, der Innens, die nicht in der Lage sind sich anders auszudrücken, als sie es tun, wurde eine Akzeptanz dessen in allen Menschen.
Wir gingen an den Rand und guckten was andere Menschen denn auch so machen und in sich tragen…

Das ist etwas, das uns sehr viele Möglichkeiten eröffnet mit anderen gemeinsam zu sein. Uns zu verbünden und einander Gutes zu tun. Dinge zu teilen und zu vermehren. An einander zu wachsen, weil man sich gegenseitig halten kann. Miteinander für oder gegen Dinge zu kämpfen. Schutz und Wertschätzung zu erfahren durch Gemeinschaft.

Als wir uns  noch auf nur einen Teil unserer Globalität konzentrierten, weil uns dieser vorkam, als würde er alles an und in uns erklären, konnten wir kaum etwas teilen. Da konnten wir auch kaum etwas geben. Und entsprechend auch nicht wirklich gemeinsam sein. Weder innen noch außen.

Alles was uns daran gehindert hatte in der ganzen Zeit vorher, war, dass wir niemanden hatten der uns das genau so vermittelt hatte und zeigte, wie es konkret geht. Wie “man es genau macht”.
So bin ich sehr traurig wenn ich merke, das jemand eine umschließende Kategorie für sich sucht- gerade, wenn er so oder so schon in einer drin steckt, die ihn nicht einmal als global-mehrdimensionales Wesen anerkennt oder gar benennt. Dann denke ich, dass derjenige unglaublich einsam sein muss und niemanden hat, der ihn wirklich annimmt.

Ich schrieb vorhin bei Twitter:
Gruppenlabels sollten immer Add-Ons sein- nie das Maingame

und so sehe ich das auch.
Statt jedes Mal, um auf etwas aufmerksam zu machen, einen Oberbegriff oder eine viele Facetten ausblendende Kategorie zu kreieren, sollten wir uns öffnen und uns mit jenen verbünden, die alle diese Facetten annehmen und mit ihnen gemeinsam und gut miteinander zu sein.
Und sei es, dass wir uns dabei auf unser aller grundlegendste Gemeinsamkeit berufen.

Unser Menschsein.

Die Gruppenzugehörigkeit kann ein Sahnehäubchen sein. Das Schöne eben, das einen ganz bestimmten Teil in uns berührt und hält. Aber bitte nicht so, als gäbe es nur diesen Teil. Das führt nur zu Spaltung. Und wie tief Spaltung greift, wie verletzend, verstümmelnd und auch einsam machend diese sein kann, weiß- so denke ich- jeder von uns.
Auch ohne, so wie ich, in sich drin gespalten zu sein. (Hint: da ist eine Gemeinsamkeit haha)