Schlagwort: Psychopharmaka

der Rosenblätterhulk marschiert wieder

Willkommen zum neusten Durchbruch des Rosenblätterhulks, welcher von „Wie kann man nur so blind sein?!“ skandierenden Rosenblättern durch den Blogartikel begleitet wird.

Heute wurde der neuste Arzneimittelreport der BARMER GEK veröffentlicht.
Uh- ja es gibt einen Anstieg von 41% bei der Verordnung von Antipsychotika bei Kindern und Jugendlichen! Huch jeder zweite Senior zwischen 80 und 94 Jahren ist von Polypharmazie betroffen!
Oh mein G’TT !!! Wer hätte das denn ahnen können!!! Oh nein!!!

Wir brauchen ganz doll dringend eine elektronische Vernetzung der Ärzte!!!! Ganz doll schnell verdammt, sonst…. DA DA DA DAAAAAAA könnte jemand auf die Idee kommen, die Ärzte, Pfleger- oder… oh my fucking G’dness DIE PATIENTEN SELBST zu unterstützen und sich den Faktoren für steigende Arzneimitteltherapieverordnungen selbst widmen!

Wir könnten die Mediziner noch mehr ausbeuten, indem wir sie noch effizienter (heißt schneller schneller schneller) zu arbeiten zwingen. Wir könnten von „technischem Versagen“ sprechen und nicht von einem medizinischen Kunstfehler, wenn aufgrund der Wechsel- und Nebenwirkungen von Medikamenten ein Mensch verstirbt. Ach und nebenbei könnten wir auch noch viel besser den Patienten mangelnde Mitarbeit und/ oder riskantes Verhalten beweisen, wenn es ihnen nach einer bestimmten Zeit mit ihrer Erkrankung nicht besser geht! So sparen wir viel mehr Geld im Bereich der Heilbehandlungen!

Nur in den Pflegeheimen, da müssen wir uns etwas überlegen. Ist ja immer medizinisch begründet, wenn Menschen mit Demenz mit Benzodiazepinen und Neuroleptika abgefüllt werden. Die sind ja dement und nicht etwa zusätzlich noch posttraumatisch belastet und in Unterkünften, die gerade mal eben so eine Grundversorgung schaffen. Da so mit einer examinierten Pflegekraft, einer Aushilfe und einer studentischen Hilfskraft auf der 25 Bettenstation…

Boa Leute echt mal. Das kann doch nicht wahr sein!

Da wird erst mal gleich zu Beginn, am Anfang von allem, einem Wirtschaftsunternehmen die Aufgabe der medizinischen und krankheitstherapeutischen Grundversorgung von Menschen zugetragen. Fail Nummer eins. Gesundheit dürfte nichts kosten! Genauso wenig, wie sauberes Trinkwasser (Hint: Nestlé) und ein Dach über dem Kopf (Hint: Wohnungsknappheit durch Bevorzugung bei der Baugenehmigung von Luxushäusern).

Und dann gibt man ihnen auch noch so viel Raum, dass sie sich aufgrund dieser Monopolposition als Allwissende über sämtliche Faktoren, die eine Medikation oder Heilbehandlung nötig macht, stellen kann.

Verdammt nochmal- es liegt nicht an zunehmenden Krankheiten oder der Zunahme von Diagnosestellungen, die zu steigender Arzneimittelverordnung führen (immerhin wurde dies im Artikel auch erwähnt). Es liegt an beschissener Versorgung und ausreichender- konstant und gründlich durchgeführter- Hilfe!

Wie soll sie denn auch passieren, wenn immer knapper kalkuliert wird, um die Gier an der Konzernspitze zu befriedigen?! Sowohl bei den Geldgebern, als auch an den Konzernspitzen der Geldnehmer!

Nehmen wir mal an, ein Arzt bräuchte für seine kleine Praxis nicht um die 150 Patienten um seine Praxis so zu führen, dass er sich ausreichend weiterbilden und selbst ernähren kann. (Ich weiß nicht wie viele Patienten ein Arzt tatsächlich braucht- es ist fiktives Modell, dass ich hier darlege)
Sagen wir, er bräuchte nur noch die Hälfte. Er hätte doppelt so viel Zeit, sich der Anamnese zu widmen, hätte doppelt soviel Zeit sich die Akte des Patienten durchzulesen  Hätte doppelt soviel Zeit sich die Rote Liste vorzunehmen und eine Arzneimitteltherapie so risikoarm wie möglich zusammenzustellen.
Er hätte sogar die Möglichkeit seine Patienten ohne Medikamente zu versorgen, sondern bei der Änderung ihrer Lebensumstände hilfreich zu sein. Er hätte die Zeit sich mit den anderen BehandlerInnen über seinen Patienten auszutauschen und abzustimmen.

Meiner Meinung nach, würde ein elektronisches Datennetz zum Patienten dazu führen, dass der Arzt selbst im Grunde genommen nur noch dazu da wäre, die Symptome seiner Patienten in einen Computer einzugeben. Und selbst das, könnten die Patienten im Wartezimmer in vielen Fällen bereits allein tun, in dem man ihnen einen Ankreuzdatensatz vorlegt.
Der Arzt würde zum Rezepteschreiber degradiert- noch einmal mehr, als er es heute oft genug bereits ist.

Beispiel?
Meine Neurologin und mein Hausarzt zum Beispiel.
Ich ging zu meinem Hausarzt, saß 5 Minuten da und sagte ihm, dass ich in der Psychiatrie auf das typische Traumatriple ABN (Antidepressiva, Benzodiazepine und Neuroleptika)  eingestellt wurde und laut Klinik eine Folgebehandlung nötig sei. Er hatte nicht die Zeit eine weitere Anamnese zu erstellen, außerdem fällt die psychiatrische Behandlung von Patienten in den Fachbereich der Neurologen/ Psychiater. Er fragte nach dem Namen der Mittel und schrieb sie auf. Dann fragte er nach sonstigen Erkrankungen. Ich gab an allergisch auf Penicillin zu reagieren, am Reizdarmsyndrom zu leiden und leichten Heuschnupfen zu haben, sowie zu somatoformen Dissoziationssymptomen zu neigen.
So- für ihn war alles klar. Ich bin psychisch krank- nicht sein Fachgebiet- Überweisung und fertig.

Meine Neurologin, nahm meine Klinikzettel entgegen und verschrieb mir durchgehend ein Mittel, das mir als Nebenwirkung Krampfanfälle verursachte. Ich ging damit in eine Klinik, die auf epileptoforme Erkrankungen spezialisiert ist. Diese gab mir einen Zettel für die Psychiaterin mit auf dem stand, ich hätte keine Epilepsie, sondern dissoziative Krampfanfälle.

Meine Psychiaterin schrieb mir dies auf einen Zettel für die Psychotherapeutin.
Ich fand heraus, das meine Krampfanfälle aber keinen seelischen Effekt hatten (wie es typisch für dissoziative Krampfanfälle ist). Also ging ich zu meinem Hausarzt und sagte ihm, dass ich mir unsicher in Bezug auf meine Medikation sei und dringend einen Rat brauchte, wo ich zu Informationen dazu komme. Ich sagte ihm, dass ich an eine Wechselwirkung mit den verschiedenen Psychopillen glaube.
Mein Hausarzt hatte 5 Minuten für mich. Zu wenig die rote Liste zu studieren und festzustellen, dass daran tatsächlich etwas dran sein könnte. Meine Neurologin hatte 10 Minuten für mich. Zu wenig, um dies zu tun, denn etwa 8 Minuten brauchte ich, ihr alle Zusammenhänge zu erklären und zu formulieren, was meine Gedanken dazu waren. Meine Behandlungszeit ging für die Zusammenfassung meiner Behandlung durch 3 verschiedene BehandlerInnen drauf!
Meine Psychotherapeutin hatte 50 Minuten für mich, in denen sie mich anhörte und das Gespräch beenden musste mit: „Sprechen Sie mit ihrem Arzt darüber.“.

Natürlich hätte ich davon profitiert, wenn es eine zentral abrufbare Akte für mich gegeben hätte. Aber ich hätte genauso davon profitiert, wenn sich meine BehandlerInnen ausführlich und vernünftig mit meinem Fall hätten auseinandersetzen können. Nämlich mit Zeit, die sie auch vernünftig bezahlt bekommen hätten.

Und ganz ganz klar, kann ich heute sagen, dass ich keines der Medikamente überhaupt je wirklich gebraucht hätte, hätte es bereits in der psychiatrischen Klinik Zeit und Ressourcen gegeben, die mir den Umgang meiner Traumafolgestörung ohne Medikamente vermittelten.

Ich persönlich hätte überhaupt nie in die Klinik gemusst, wenn es in den Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen Zeit und Ressourcen gegeben hätte, meine Hölle von Kindheit zu verarbeiten.

Ich hätte überhaupt nie in eine Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung gemusst, wenn mir nie Gewalt und Ausbeutung passiert wäre!

Mir wäre nie Gewalt und Ausbeutung geschehen, wenn es keine Profiteure und Geld als Garant für Sicherheit und Machtbefriedigung gäbe.

Und so schließt sich der Kreis.108423_web_R_by_Claudia Hautumm_pixelio.de
Er wird sich nichts verändern mit elektronischer Patienten- oder Behandlungsüberwachung. Er wird nur besser organisiert, verschleiert und verschärft die wahren Probleme, die hinter Massenmedikationen stecken.

Es ist wieder ein Versuch sich vor der wirklichen Aufgabe als Unternehmen mit Gesundheitsdienstleistungen kostengünstig zu verkriechen.
Ein Ding, das den Rosenblätterhulk marschieren lässt.

Wir werden in der nächsten Zeit immer mehr Ergebnisse dieser Studie in den Massenmedien lesen und wir werden wieder erleben, dass in diesen Artikeln nicht von Zeitnot der MedizinerInnen gesprochen wird. Dass nicht davon gesprochen wird, dass Angehörige gezwungen sind, ihre dementen Familienmitglieder in Heime bringen zu müssen, weil sie selbst arbeiten und zu Recht um ihre Existenz und Kraft fürchten müssen, wenn sie sie zu Hause pflegen müssten. Wir werden nicht davon lesen, dass Eltern so eine Angst um die Zukunft ihrer Kinder haben, dass sie ihrem „Zappelphillip“ Medikamente geben, um ihm Chancen zu erhöhen in der Gesellschaft zurecht zu kommen. Wir werden nicht davon lesen, dass nur 10% der Menschen, die eine psychiatrische Diagnose haben, überhaupt eine Chance auf eine richtige Behandlung haben. Wir werden wieder nichts davon lesen, dass es ein Klima der Angst um Leib und Leben ist, von dem unsere „Gesundheitskassen“ profitieren.

Wir werden nur lesen, dass das bestehende Elend besser organisiert werden muss.
Machen wir nicht Fehler, dies zu glauben!

von der Psychiatrie und der unbezahlbaren Hilfe

Ein Artikel über die Psychiatrie.
Als Aperitif gibts ein Horrorfoto.
Thema: Legalisierung von Zwangsbehandlung im Hauptgang.
Definitions-Allmacht von (überarbeiteten, im Verhältnis zur Arbeitszeit unterbezahlten, eher einseitig fortgebildeten) Ärzten zum nur hauchzarten (kaum erwähnenswerten) Dessert.

In meinem Kopf rattert sie Uhr tornadoardoartig rückwärts.
2001- 14 Jahre alt.
Gerettet aus einem Gefängnis- entkommen aus einer versteckt gespaltenen Welt
Erneut eingesperrt in ein Gefängnis und in eine ganz offen gespaltene Welt.

Weil es keine Alternative gibt.
Weil mir dort geholfen werden kann, wie sonst nirgends.
Weil ich dort verstanden werde.
Weil es mir dort besser geht.

Niemals war auch nur ein Mensch so ehrlich zu uns zu sagen, dass sie schlicht hilflos waren. Weil es keine andere Möglichkeit des Schutzes gibt. Dass wir diese Internierung aushalten mussten, weil die Menschen uns nicht aushalten konnten oder wollten. Weil sie unsere Geschichte nicht aushalten konnten oder wollten. Weil sie die Folgen davon nicht aushalten konnten oder wollten.

Sie haben es sich leicht gemacht und mich abgeschoben- weggesperrt- verwahrt- ausforschen- verbiegen bis zum Brechen lassen.

Sie haben nicht gesehen, dass sie ab dem Zeitpunkt unserer Aufnahme dort, nun unsere Eltern ersetzten. Und wie deutlich sie das taten… Himmel ja WIE verdammt noch mal deutlich sie genau das Gleiche getan haben, wie unsere Familie. Nur haben sie es nicht “Pseudoreligion” genannt, sondern “Hilfe”.

Es war ein Tausch nichts weiter. Hellgraue gegen Arztseifenweiße Folter

Was sie gesehen haben war eine 14 Jährige, die sich immer wieder selbst verletzte. Eine 15 Jährige die den vierten, fünften, sechsten, siebten, achten…. fünfzehnten Suizidversuch gerade eben so mal noch überlebt hat. Eine 16 Jährige, die plötzlich aus heiterem Himmel anfängt zu schreien, niemanden zu erkennen scheint und auf Mitarbeiter losgeht. Eine 17 Jährige, die so abgeklärt über psychische Krankheiten spricht, als wäre sie selbst die Ärztin.

Was wir waren war eine lichtentwöhnte 14 Jährige, die den Boden küsste über den sie laufen durfte- komplett verwirrt über das was mit ihr passierte- ausgeliefert unmündig und hilflos.
Eine 15 Jährige, die sich von ihrem ambulanten Therapeuten hat missbrauchen lassen, weil sie unter anderem befürchten musste, wieder eingesperrt zu werden. Wieder ausgeliefert, unmündig und hilflos. (Und zu dem Zeitpunkt schon völlig allein auf sich gestellt).
Eine 16 Jährige, die anfängt sich an die erlittene Gewalt zu erinnern und gerade mal so das Glück hat, in einer psychosomatischen Klinik zu sein- statt in einer Psychiatrie, wo es alles noch viel schlimmer hätte sein können.
Eine 17 Jährige, die in 3 Jahren durch 7 Kliniken und 5 Jugendverwahrungseinrichtungen hindurch geflippert wurde und deren einziger Hoffnungsfunke auf Heilung und Leben ohne Gewalt, eine dreizeilige Email in ihrer Hosentasche ist; geschrieben von einem Menschen, mit dem sie vielleicht 2 Stunden Zeit verbracht hat und nicht einmal wirklich kennt.

Wir waren die ganze Zeit allein und hatten keine Menschenseele, die sich darum geschert hat, was mit uns dort passiert. Die, die Entwürdigung der Massenabfertigung und den Raub der Selbstbestimmung für uns beklagt hat. Da war niemand, dem wir unsere Gewalterfahrungen mit Pflegern hätten sagen können, ausser den Patientenvertretern zu denen wir aber keinen Kontakt aufnehmen konnten, ohne die Hilfe des Personals. Zusammen mit einer Diagnose die gleichbedeutend mit Unzurechnungsfähigkeit und  Realitätsverlust ist, hatten wir schlicht keine Chance.

Es war wie in der Hölle, die gerade vorher verlassen hatten.

Was wir durchgemacht haben ist unglaublich. Es ist unglaublich schlimm, unglaublich viel, unglaublich viel Nichthilfe. Und was wir in Bezug darauf heute wahrnehmen, ist unglaublich viel Ungläubigkeit.
Nein, uns wurde nicht das Gehirn unter Strom gesetzt. Nein, unser Frontallappen wurde nicht therapeutisch wertvoll verletzt. Unser Gehirn wurde uns ausgedörrt in den vielen hundert Stunden zwischen den “Behandlungen”, in denen man völlig auf sich geworfen ist- äußerlich strengstens reglementiert, während der Same des Wahnsinns unter dem tumben Starren auf Klinikflure, Klinikessen, Kliniktüren, Klinikroutine, Klinikklinikkliniklinikatmosphäre überhaupt erst zu wachsen in der Lage ist.

Wir wissen (zum Glück) nicht, wie es für Erwachsene ist, so in Not und ohne ausreichendes soziales Netz zu sein, dass man sich in eine Klinik begeben muss, um Schutz vor sich selbst (oder anderen Menschen) zu erfahren. Und freiwillig werden wir das auch nicht erfahren.

Die Psychiatrie war für uns das Trauma nach dem Trauma.
Die ersten 2 Therapiejahre nach der letzten Entlassung brauchten wir dafür auf, überhaupt auch nur wieder irgendeinen Helfer (nicht nur Menschen überhaupt)  näher als eine Diagnostik an uns heranzulassen. Ein öffentliches Feindbild wie zum Kindesmisshandler gibt es für Helfer nicht. Eine Hetzpropaganda, wie aktuell gegen die Institution Kirche, gibt es nicht für die Institution Psychiatrie. Vor der breiten Öffentlichkeit steht man vor solchen Erlebnissen ganz genauso verlassen und ohnmächtig, wie vor der gezielten sexuellen Ausbeutung von kleinen Kindern mitten in Deutschland. Jeder kriegt einen Schauer der den Rücken herunter rieselt, jeder hat seine Gedanken dazu. Doch wenn es darum geht eine Hand zu reichen, wird sich weggedreht und unsichtbar gemacht. Und in beiden Fällen muss man sich mehr oder weniger krassen Eigenschuld- (im Sinne einer Eigenverantwortungs-) zuweisungen aussetzen.

Vor ein paar Wochen noch, bekam unsere Therapeutin die volle Breitseite dessen ab, was hier los geht, wenn uns jemand mit der Einweisung bedroht. Und für uns beginnt die Bedrohung schon mit der überhaupt-igen Nennung der Psychiatrie als Option für Hilfe.

Keiner- absolut kein Mensch auf dieser Welt würde das, was real in einer Psychiatrie vor sich geht, als hilfreich bezeichnen, wenn man das Ganze schlicht losgelöst vom Status der „Retter der Gemütskranken“ heraushebt:
Eine Woche hat 168 Stunden
minus jeweils 8 Stunden Schlaf, ergibt das 112 Stunden Wachsein.
Davon werden ca. 8 Stunden therapeutisch gestaltet (je nach Klinik- ich nehme einfach mal den Standard aus meinen Zeiten in der Ballerburg).
Das ergibt unterm Strich: 104 Stunden geistig- seelische Nulllinie, die man mit Kettenrauchen, Gedankenkarussell, Patientengesprächen, Illustrierte lesen, nicht-an-seine-Probleme-denken-aber-doch-dazu-zwingen-weil-man-ja-dafür-da-ist und mit dem intensivem Beobachten aller emotionalen und sozialen Vorgänge auf der Station wiederzubeleben versucht.
Würde man diesen Behandlungsstandard auf ein akutes Herzversagen oder auch eine chronische Lungenentzündung übertragen hieße das unter Umständen: “Wie jetzt hier- sie kriegen so wenig Luft- sie kriegen doch schon 8 Stunden am Tag die Maschine an den Hals!”; “Ich hab schon 8 Sekunden mit der Lebensrettung verbracht- was will der denn noch?!”

Man führt ein Leben wie Schrödingers Katze:  eingesperrt in einer Box und ob man noch lebt oder nicht ist Definitionssache. Und die Macht über diese Definition, könnte mit dem Gesetz nun auch noch in jedem Fall- egal wie diese ausfällt (ob zutreffend oder nicht) rein bei den Ärzten bleiben. Komplett unhinterfragt oder in der Lage die Box zwecks Überprüfung zu öffnen.

Es ist ein Witz. Es ist infam. Es ist eine gesellschaftliche Schande, dass wir solche großen, relativ sicher finanzierten Kästen wie die Psychiatrie, überhaupt noch haben und sogar brauchen.
Es ist die medizinisch-kapitalistisch-sozialdarwinistische Vermeidungsblase, die uns davor bewahrt den Wahnsinn, Kontrollverluste und schiere menschliche Natur zu nah uns heranzulassen. Realitätsverlust als “kann mal vorkommend” zu betrachten. Menschliches Elend von uns fern zuhalten. Uns nicht zu belasten. Uns nichts ans Bein zu binden. Um uns vor gesellschaftlicher Verantwortung zu drücken.
Uns selbst nicht zu fragen, wie wir verhindern können, dass es anderen Menschen schlecht geht.

Uns daran zu hindern jedem unserer Freunde zu sagen, dass sie auch mitten in der Nacht bei uns klingeln dürfen, um von uns vor sich geschützt zu werden-von mir aus auch eingeschlossen zu werden und die nötigen Mittel aufgedrängt zu bekommen und die Hand durch die Neben- und Nachwirkungen zu halten.

Wir sind dankbar dafür, dass wir uns in der Hinsicht auf unsere Gemögten verlassen können. Niemand von ihnen würde uns abweisen, stünden wir mit diesem Anliegen vor ihrer Tür.

Als wir (noch vor 6 Jahren) nicht in der Lage waren zu essen wie Menschen, gab uns unser mit uns verbündeter Mensch den Rahmen der nötig war- ohne uns zu verachten. Als wir nicht wussten, ob und wenn ja wer, von uns Kontakt zu Tätern aufnehmen könnte/versuchen würde, sich das Leben zu nehmen/versuchen würde, ihn zu verletzen… Als wir so depressiv waren, dass sogar das Heben der Augenlider eine einzige Qual war… Als schon ein unsichtbares Geräusch Innenkinder hochspülte die noch mitten im Traumaerleben sind… Als wir so richtig tief in der psychischen Scheiße standen- alle Weichen auf Psychiatrie standen, brauchte es doch nur jemanden, der schlicht da war und den Schlüssel zur Wohnung versteckte. Taschentücher, Kotzeimer, Schlaftabletten, ein starkes Rückgrat und ein liebevoll fürsorgliches Herz hat.

Leider ist das etwas, das die Krankenkasse nicht leisten kann und der Staat, oder diejenigen die es leisten könnten, nicht leisten wollen.

Denn die wahre Hilfe kommt von Menschen, deren freies starkes Dasein einfach unbezahlbar ist.

Interessantes und Nützliches zum Thema
– die schlaue Patientenverfügung gibt hier zum Download
– Steinmädchen schreibt auf ihrem Blog über “Psychiatrisch- Patriarchale Kontrolle” und unterstreicht die Notwendigkeit von geschlechtsspezifischen Therapiemöglichkeiten
– viele Bücher, Sachwissen und Zugang zu Alternativen bietet der Antipsychiatrieverlag von Peter Lehmann
– die internationale Arbeitsgemeinschaft “Soteria” stellt sich und seine Ziele hier vor
– das Berliner “Weglaufhaus” sollte jedem sofort in den Kopf kommen, wenn es um Alternativen zur Psychiatrie geht- es braucht so viele NachahmerInnen, sowie offene UnterstützerInnen wie nur möglich
– zum Thema Psychopharmaka und Psychiatrie mein Artikel „auf wundersame Weise“
– als weitere hilfreiche Anlaufstelle bietet sich auch der sog. „Trialog“ (Patient, Klinik, Mittler) der Stadt an- Kontakt hierzu bekommt man über den sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt in der man wohnt
– zu: „einem erweiterten Verständnis psychischer Störungen, neuem Wissen über genesungsfördernde Faktoren in der Psychiatrie, der Entwicklung neuer Methoden und umfassender Inhalte in der Fachkräfteausbildung und innovativen Angeboten psychiatrischer Dienste“ informaiert und aktiviert „Ex-In„. Ein vielversprechendes und umfangreiches Pilotprojekt. Weitere Informationen zur Genesungsbegleitung durch „Ex-In“ gibt es auch auf dieser Website.
– grundsätzlich muss das Motto derzeit leider noch immer sein: „Niemals allein Kontakt mit der Institution „Psychiatrie“ haben- hab immer jemanden mit im Boot, der dich im Zweifel da raus streitet und für dich eintritt“

 

Vielleicht an alle die aus Angst vor Täterkontakten regelmäßig in de Psychiatrie gehen (müssen):
Immer wenn ihr raus seid- greift zum Weberschiffchen und vernetzt euch. Es ist schwer und gruselig- vielleicht sogar noch verboten. Aber wenn ihr etwas anderes erreichen wollt, als das was ihr jetzt gerade durchmachen müsst, dann müsst ihr auch etwas anderes tun als jetzt.

So gemein es klingt, hatte Einstein schon Recht als er sagte:
“Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun, aber immer ein anderes Ergebnis zu erwarten.”

Immer wenn ihr eine Fingerspitze aus der Scheiße herausstrecken könnt- versucht nach echten Helfern zu greifen. Es lohnt sich, denn es geht um euer Leben und eure persönliche Freiheit.
Ihr dürft das.

ich erklärs dir mal…

Es ist zu eng, zu fern, zu weit von diesem Kind, das viel nah unter der Oberfläche ist.
Dort ist kein Platz- kein Millimeter mehr, um mich dazwischen zu drängen, meine Schwingen auszubreiten, es aufzufangen und in die Höhle auf meinem Rücken zu heben.

Es gibt für mich keine Möglichkeit- ich kann nicht in das Kellerloch, aus dem es um sein Leben schreit- ich kann nicht die steife, harte- stummblinde Verschalung, die sich Frontfrau nennt, sprengen, wenn so etwas passiert.

So ist es für mich, wenn “Herr Trigger” bei ihr anklopft..

Wenn das Schreien herausbricht, das Kind in einer Realität landet, die es nicht kennt.. dann ist niemand da, der es hört. Da ist niemand der sein Leiden beendet.
Es ist stockfinstere Nacht und wir sind allein in unserer Wohnung.
Es weiß nicht, wie das Telefon funktioniert, es hat keine Ahnung von mir, es weiß nicht, dass ihm nichts passiert. Es ist was es ist: das verselbstständigte Flehen um ein Leben, das nicht mehr ihm gehört. Es hört nur noch das Lachen jenes Monsters, dass es in dieses Loch schmiss und sieht nur noch die Wände von eben diesem.

Manche glauben ich sei Nähe in Reinkultur. Ein Beschützertier. Ein allmächtiger Schwan.

Dabei bin ich nur das, was sie einen ewigen Zeugen nennen.
Ich bin nur das, was sich von dort unten befreien konnte.

Ich kenne sein Leiden nicht aus eigenem Überleben.
Aber ich habe nie vergessen können, woraus ich mich befreit habe.
Und was ich dort zurück zulassen gezwungen war.

Ich wünsche mir, mit den gerecht wütenden und den starken Aufrechten zusammenzukommen.
Vielleicht könnten wir dieses meiner Herzen retten
und die Frontfrau stünde nicht so stumpf-ertaubt sich fragend, wieso dieser Konflikt sie nicht mehr zu weinen aufhören lässt, in unserer Wohnung.

Ich spüre wie es in mir summt. Die Tränen laufen mir schon seit Stunden einfach aus den Augen heraus. Auch wenn ich nicht genau weiß warum und wem  wirklich gegenüber merke ich, dass ich mich dringend erklären muss- unbedingt und jetzt und sofort.
Nicht nur- als ob- sondern weil, mein Leben davon abhängt.

[Und weil wir schon mal dabei waren uns eh dumm und dusselig zu erklären und uns irgendwie einfach nur noch zu retten, haben wir uns auch noch einen Notarzt ins Haus gerufen, um uns weiter zu erklären… Kopf —-> Schreibtisch
Grandios, dass wir in einem Land leben, wo es das gibt. Also die Möglichkeit jemanden zum helfen ran zurufen. Scheiße ist leider, dass man oft irgendwie an Leute gerät, die einfach nur immer ihr Schema F durchziehen wollen. Nachhaltig denken? Vielleicht bisschen realistisch logisch?
Es kommt immer wieder das “Angebot” in “eine Klinik”  gebracht zu werden. Da könne uns viel besser geholfen werden. Hmm, jo… Eigentlich war die Dosis Diazepam schon gar nicht mehr nötig, so wie ich mich über diese Kurzsichtigkeit aufgeregt und mich damit gut geerdet hab. (Haben die dann bestimmt anders gesehen haha).
Es ist nämlich keine Hilfe auf nen Samstagabend für 3 Tage zur “Krisenintervention” eingewiesen zu werden, wo wir den Sonntag verpennt hätten und am Montag nicht mehr im Alltagssystem “geordnet” wären, sondern in genau dem System, dass uns die Umgebung “Psychiatrie” immer hat überleben lassen. Diesem System ist unser Leben hier egal- es hat damit nichts zu tun. Wozu also auf Entlassung pochen…?
Auch fies- wenn so was ist und man schon jemand ruft, damit die einen einfach nur für diese Nacht bitte körperlich abschießen, dann sprechen sie schon nicht mal mehr mit uns- die darum gebeten hat, sondern nur noch mit der Gemögten, die mit unserer Rechtsanwältin rum droht, falls sie uns gegen unseren Willen irgendwo hinbringen,]

Und dann- wenn hier endlich wieder Ruhe ist, wir medikamentös versorgt sind und es nur noch eine Weile dauert, bis wir wissen, dass wir dieses schreiende Innenkind, ohne die körperliche Panik im Nacken versorgen können, dann sind wir wieder allein.

Das ist der Moment in dem ich mich an den Rand des Lochs setze und versuche zu erklären…

 

 

 

P.S. Ich bin erschreckt, wie sich unsere Art zu schreiben, verändert, wenn Medikamente im Körper sind. Diejenige, die sonst unsere Einzelbeiträge zu den Artikeln verbindet, ist nicht erreichbar.
Obwohl mir diese Art nicht gefällt, veröffentliche ich diesen Artikel doch. Er zeigt viel von uns- zeigt aber auch einen Grund, weshalb wir Medikamente für uns so strikt ablehnen. Diesen Artikel so zu sehen, hilft auch mir, meinem Innen in dem Wunsch beizustehen und achtsamer mir gegenüber zu sein, wenn ich einen Konflikt zu lösen versuche.

nur wollen

„Wir können alles schaffen genau wie die toll
dressierten Affen wir müssen nur wollen
Wir können alles schaffen genau wie die
toll dressierten Affen wir müssen nur wollen
wir müssen nur wollen
wir müssen nur wollen
wir müssen nur wollen
wir müssen nur
(müssen nur)
müssen nur
wir müssen nur wollen…
(Wir sind Helden- aus: “Reklamation”)

Ach ja… die Nummer mit dem Wollen, die aufgedrückte Ausrede um Verantwortung zu verteilen,
die gemeine Art (sich) zu sagen, man sei selbst Schuld…
Phu es dauerte lange, bis wir aus dem Kreislauf raus waren und eins gleichmal vorweg- unsere damaligen Helfer waren dabei keine Hilfe.

ca. 3/4 bis etwas über 14 Jahre alt, “Wenn du es nicht anders willst…” – zerstörende Qualen

15 Jahre alt, Suizidversuch Nummer 9 [oder 10?- Man-Hallo?! Irgendwie war es doch immer das Gleiche], Einweisung in eine psychiatrische Krisenstation, schon wieder.
“Wenn du eine Veränderung wollen würdest, dann würdest du das nicht immer wieder machen.”

15 Jahre alt, Tick Tack- Therapeut, Suizidversuch Nummer 10 [oder 11 weiß der Geier], Rausschmiss aus der Wohngruppe: “Du willst dich ja nicht an die Absprachen halten.”

16 jahre alt, Diagnose Schizophrenie, Nebelwand aus Neuroleptika, Tranquilizern und Antidepressiva, Täterkontakte und Maschinenfunktion in Reinkultur:
“Du musst schon reden wollen, sonst muss ich denken, dass du die Hilfe hier nicht willst”

17 Jahre alt, Leben in der xten Wohngruppe, das xte nichtsagende Gesicht vor Augen,
“Du musst das hier auch wollen, sonst können wir nichts für dich tun”

Himmel wie wir wollten!!! Wollen wollten. Wollten, dass sie alle wollten!
Wie sehr wir in dieser Zeit hinter den Augen standen und aus allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln heraus geschriehen haben, dass wir wollen. Dass wir ein Ende wollen, dass wir Rettung wollen, dass wir Hilfe wollen, dass wir Erlösung von all dieser Qual wollen.

Aber wie das so ist… wenn der Dressierte versucht zu dressieren, kann das prima klappen- aber auch fürchterlich in die Hose gehen, wenn es sich um ein bereits anders dressiertes Tier handelt.
Sie haben es sich leicht gemacht. Sie haben uns gesagt, wir würden nicht wollen, um nicht anerkennen zu müssen, dass sie uns in jedem Fall nicht hätten helfen können. Egal wie sehr wie nach aussenhin deutlich erkennbar wollen würden. Egal was wir gemacht oder nicht (mehr) gemacht hätten- sie hätten uns weder retten, noch erlösen können.
Nur schützen und annehmen. Aber dafür gab es keinen Platz.

Jugendhilfeeinrichtungen sind Heime. Nachwievor. Es sind Gruppen in denen soviele Jugendliche wie möglich verschwinden, damit an anderer Stelle Handeln gezeigt werden kann. Was dann passiert, ist allen egal- ausser jenen die direkt beteiligt sind.
Wie absurd wenig Zeit es dort für die Bewohner gibt, wie abgegrenzt- teils abwertend und auch durch viele frustriend-ohnmächtig machende Momente- verhärmt die Betreuer dort sind; was für eine Verwahrung bis zur Vollährigkeit dort passiert…
“Was sollen wir denn machen, um ihnen zu helfen?- Die wollen ja nich!”
Die moderne Psychiatrie existiert nicht. Man nennt sie so, weil offensichtliche Folter dort auch endlich (weitestgehend) verboten ist. Der Rest ist gleich geblieben. Dort werden alle hingekarrt, für die es sonst nirgendwo genug soziale Anbindung und Nähe während der Krise gibt.  Was dann mit ihnen passiert bleibt lieber verschwiegen… [Ja… Märchen und Mythen alles was man so hört. Ist doch alles ganz anders…] und auch hier wird den Menschen gesagt, sie müssten zeigen, dass sie wollen, dann würde schon geholfen werden und alles würde gut werden. Und auch hier geht es darum an anderer Stelle ein Handeln vorschützen zu können.

Für uns ist es bis heute nicht wieder gut geworden, weil wir gezeigt haben, dass wir wollen.
Es ist besser geworden, als da jemand war, der einfach ganz selbstverständlich sagte:
“Ja aber natürlich wollen Sie! Das sehe ich doch jeden Tag, wenn Sie wieder hier in der Klinik ankommen!”
Rumms! Endlich! Da waren wir 18einhalb.
Ja! Der Mensch sah unsere Kämpfe und erkannte unsere Erfolge an. Es gab Ermutigung und stetiges Cheerleading, hier und da ein Hinweis auf Erfolge, die wir selbst nicht sahen, ab und an ein Schubs der half den Rücken aufzurichten.
Da war dann plötzlich ganz einfaches Vertrauen da hinein, dass wir schon alles tun, was nötig ist, um nicht zu sterben, andere Menschen oder uns selbst zu verletzen.
Und als wir das nicht genau sagen konnten, wurde gefragt, was uns helfen würde. Ganz einfach so.
Ganz offen und ohne den Unterton den der Satz  “Wenn du es nicht anders willst…” mitbringt.
Und mit dem festen Glauben, daran, dass es etwas gibt, das hilft.
Wir hatten immer den Eindruck, dass der Mensch immer etwas Helfendes wusste und es uns im Notfall sogar in die Hand drücken würde.

Wir mussten nie wieder beweisen, dass wir eine Veränderung, eine Heilung, ein Leben wollten.
Endlich hatten wir die Möglichkeit die Energie, die wir sonst für das Schreihen um Hilfe und das “sich Erklären” verwendet hatten, in Dinge zu bringen, die uns das Handwerkszeug dazu erschaffen liessen und nachwievor lassen.

Nein- man muss nicht nur wollen, um zu erreichen, was man will. Man braucht auch jemandem der einem genau das glaubt- egal wie wenig “Wollen” nach aussenhin sichtbar ist.

Als Helfer so fest an seine Klienten/ Patienten zu glauben allerdings, erfordert eine gewisse Art des Nicht-dressiert- seins. Die Helferinnen, die uns am besten unterstützten und teils nachwievor begleiten sind so. Sie erkennen das peitschenschwingende Männchen an, dass ihnen Finanzknüppel; unmögliche Strukturen bei der Arbeit etc. vor die Füße schmeißt, hopsen aber mehr oder weniger offen darüber hinweg und tun das, was sie wollen: Helfen- ohne Wenn und Aber.
Sie machen was von ihnen verlangt wird- aber sie tun es so, wie sie es für richtig und wichtig und sinnvoll halten. Ganz gleich was es für Unsicherheiten gibt oder was ein schlauer Lehrinhalt ihrer Ausbildung dazu sagt. Sie benutzen ihren Kopf, der auf ihrem starken breiten Rückgrat steckt.

“Solange es Ihnen hilft- mache ich das eben”

So ein Geschenk auszuhalten ist wieder eine andere Sache.
Aber es hilft zu wissen, dass es da ist und, dass man es nicht wollen muss, um es anzunehmen.

auf wundersame Weise oder: Psychopharmaka- wenn man schluckt was man fühlt- obwohl man gar nichts fühlt

Psychopharmaka

Sag dieses Wort zu mir und in meinem Kopf ploppen die Tabellen, Listen, Berechnungen und halbe Neurologiestudiengänge auf.

Wie bereits berichtet Klick setzten wir in einem Anfall von “Verdammte Hacke 10 Jahre künstliche Stimmung- ich schmeiß die jetzt alle weg”, alle unsere Medikamente ab.

Zu diesem Zeitpunkt schluckten wir etwas gegen Depressionen, tropften uns in den Schlaf mit Neuroleptika und betäubten aufkommende Panik mit chemischen Tranquillanzien. Trautes Trio für inzwischen fast jeden Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder Traumafolgestörung.

Die Verordnungen von Medikamenten denen eines gemein ist- nämlich die symptomatische Beeinflussung von psychischen Erkrankungen bzw. Leiden, welches nach psychischer Erkrankung aussehen könnte (eventuell vielleicht…)- ist in den Jahren von 2000 bis 2009 wie folgt angestiegen:

Antidepressiva 419 Mio. DDD – 1058 Mio. DDD

Neuroleptika 219 Mio. DDD – 294 Mio. DDD

Tranquillantien 185 Mio. DDD – 133 Mio. DDD

(DDD=  defined daily dose Quelle: klick  )

Wer ausser mir hört noch dieses Klingeln?  Nein nein- keine Stimmen! Es ist ein lautes überdeutliches Klingeln! Und zwar in den Kassen der pharmazeutischen Unternehmen.  Naja- von irgendwoher muss ja die Rettung kommen. Jemand muss die Pille ja erfinden, produzieren und verkaufen. Ist doch nur gerecht, wenn jemand der dafür sorgt, dass es so vielen Menschen besser geht und dafür dann Geld erhält.

Ja. Richtig.

WENN es den Menschen dann wirklich besser geht! Befindet sich etwa flüssiges Glück in den kleinen Tablettchen, Tröpfchen und Pastillchen? Felix felicis! Ist Harry Potter mit seinem Zaubertrankbuch etwa bei Pfitzer und Eli Lilly angestellt?!

Nein, natürlich nicht. (Wir Unschizophrenen wissen das ja lol )

Warum nehmen dann soviele Menschen diese Mittel ein? Und wieso werden es immer mehr?

Für mich ist die Antwort inzwischen ziemlich klar:

Leidensdruck bei gleichzeitiger Alternativlosigkeit; chemische Gewalt durch Ärzte in der Psychiatrie und inzwischen auch in Altersheimen und: (gezielte) Desinformation zum Zwecke der Wirtschaftlichkeit von künstlicher Befindlichkeit. 

Ich erinnere mich als wäre es gestern an meinen ersten Besuch bei einer Psychiaterin. Wir gerade 15 Jahre alt, bereits zweimal in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Diagnose “Anpassungsstörung, Borderline Syndrom”, selbstverletzendes Verhalten

Nach einem Gespräch von insgesamt 10 Minuten ging ich mit einem Handzettel für meinen nächsten Termin (6 Monate später) und einem Rezept über Antidepressiva in der Hand hinaus. Mein Leidensdruck war riesig. (Wie riesig wusste ich aber damals noch nicht) Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits 6 Suizidversuche überlebt und hatte überhaupt keine Ahnung wieso ich das getan hatte (ICH hatte das ja auch nicht getan…).  Jeder Helfer aussen nahm eine Not war und konnte aber nicht so helfen wie er vielleicht gewollt hätte. Man brauchte eine schnelle effiziente, kurzfristig wirksame Lösung. Sonst hätte es ja beim 7ten Versuch klappen können und man hätte sich der Frage stellen müssen: Wieso wurde nichts unternohmmen?   (So gesehen kommt mir die tägliche Pille fast wie ein Entschuldigungsbonbon vor)

Also Antidepressiva. Aus meinem bereits existierendem “Mittelstimmungsfeld” wurde ein :

“MIttel”= es geht mir gut

“niedrig”= es geht mir nicht so gut

Ich habe mich immer neutral gefühlt vorher. ich war nie traurig- nie obermäßig happy. Ich fühle mich wie ich bin: neutral- alles ist da- alles okay- alles hat seine Seiten und ist eben wie es ist.

Unter diesem Mittel wurde ich: depressiv und latent suizidal. Meine Fähigkeit alle Seiten beleuchten zu können wurde einwattiert und unbrauchbar. Diese Empfindungen sind übrigens sogenannte “paradoxe Nebenwirkungen” wie sie insgesamt recht häufig auftreten (es handelt sich hier also nicht um ein besonders seltenes Phänomen- sondern um etwas, dass man billigend in Kauf nimmt)

Ich konnte das alles damals überhaupt nicht kommunizieren- deshalb sind Verordnungen dieser Mittel an unter 18 jährige Menschen auch eher in einer psychiatrischen Kliniken oder in einem allgemein streng überwachten Setting angesagt. Bei uns war das in der Form gar nicht möglich, weil dann ja schon unser Flipperkugelleben durch die verschiedenen Heime und Kliniken losging. Die Namen der Präparate änderten sich und irgendwann kam es bei uns ja auch zur – so scheints-  unvermeidlichen Diagnose der Schizophrenie (ehrlich- ich werde nie verstehen, wieso jede/r Multiple, den ich bisher (ob virtuell oder real)  traf mindestens einmal als psychotisch oder schizophren diagnostiziert wurde).

Nun kamen noch die Neuroleptika dazu. Ohne Diagnostik, Nennung einer Alternative, ohne Hinweise auf Nebenwirkungen und ohne Hilfe beim Umgang mit selbigen. Da waren wir gerade 16. Von 59 auf 78 Kilogramm in 2 Monaten- und niemand hat was dazu gesagt ausser: “Ja keine Sorge- das ist bei allen so die das Mittel bekommen.” Großartig. Ganz großartig.

Unser Gehirn war zu der Zeit im biologisch bedingtem Umbau. Es bildeten sich noch immer Verbindungen. Wenn man 16 ist dann schreiht der Körper: “Attacke- jippie yeah- auf zur vollständigen Reife!!!”   Ob und wenn ja was genau aus meinem Gehirn noch (mehr als jetzt) hätte werden können, wenn es nicht so tiefgreifend gestört worden wäre, mag ich mir gar nicht so genau ausmalen. Zum Glück ist die Forschung in dem Punkt auch noch nicht so weit, als dass ich anfangen könnte traurig darüber zu werden.

Fakt ist, dass bei unsin unserem speziellen Fall– diese Mittel im Grunde – zu genau diesen Zeitpunkten und unter diesen Umständen ein schlicht falsches Hilfsmittel waren. Uns wäre geholfen gewesen, wenn wir sicher gewesen wären. Angenohmmen, respektiert und nachsozialisiert. Uns hätte viel erspart werden können. Wir wären ein sehr viel billigerer Patient gewesen, wenn wir von vornherein schlicht und einfach einen richtig ordentlichen Traumatherapeuten vor die Nase gesetzt bekommen hätten, statt ein Rezept nach dem anderen.

Später kam die richtig fette PTBS. Natürlich dann als die Gewalt und der Stress von aussen nachliess und Selbstbestimmung wirklich und echt möglich wurde. Es gab Zeiten in denen Schlaf nur alle 3-4 Tage möglich war. Wochen und Monate an denen kaum ein Tag ohne Panik, Angst oder Flashbacks verging. Da bekamen wir dann den nächsten chemischen Freund- nennen wir ihn mal “BENZO”.

Benzo trat in unser Leben und es wurde schön. Schlafen ging mit Benzo, denken ging mit Benzo, leben ging mit Benzo. Angst ging weg mit Benzo. Angst vor Angst ging mit Benzo.

Jaaaa bis dann auf einmal ganz ganz viel Benzo in unserem Leben war. Soviel Benzo, dass man gar nicht mehr ohne konnte!

Der Entzug war kompliziert- aber es hat geklappt. Ein Erfolg den wir mit jeder selbst durchstandenen Krise zementieren müssen, um uns von unseren Fähigkeiten zu überzeugen.

Wir haben inzwischen viel gelernt um Angst vor der Angst, Panik der Innenkinder, Flashbacks, Bildererleben und Intrusionen selbst  und aus uns heraus zu versorgen. Ich schreibe hier ganz konkret nicht: “zu bewältigen” oder zu “überwinden”, weil es darum nicht geht. Angst ist wichtig, Flashbacks erfordern aufmerksames Analysieren und Wahrnehmen der Ursache, Innenkinder brauchen unglaublich viel Fürsorge… (überwinden und bewältigen können nur Medikamente- aber nicht das was das Problem ist- sondern den, der mit dem Problem zu kämpfen hat!)

Nun ist seit unserem eigenmächtigen Absetzen der Medikamente 1 Jahr vergangen.

Wie ich damals bereits beschrieb haben wir seit dem Absetzen des letzten Antidepressivums keine Krampfanfälle mehr gehabt. Inzwischen habe ich viel über das Mittel an sich, die Psychopharmaka allgemein und die Reaktion des Gehirns auf Psychopharmaka im Besonderen gelernt.

Es geht uns gut. Besser als vorher. Jetzt können wir nämlich völlig klaren Geistes wütend über die Nonchalance unserer früheren Ärzte sein. Ich bin wieder in der Lage ganz unwattiert alle Aspekte des Lebens und Miteinanders zu betrachten und Schlüsse zu ziehen.

Ich habe meine Mittelfeldstimmung wieder. Ich kann teilhaben, wenn ein Innens bei uns spontan in der Lage ist zu lachen oder zu weinen- was in den Jahren von 2001 bis 2011 nur sehr selten vorkam.

Ich möchte ermutigen.

Seid kritisch! Wenn euch ein Arzt ein Medikament nach 10 Minuten Konsultation verschreibt so ist das nicht in Ordnung! Ihr habt ein Recht umfassend und neutral über alle Nebenwirkungen und die Wirkungsweise informiert zu werden! Mit “lesen Sie den Beipackzettel” ist es nicht getan- denn den hat in der Regel nicht einmal der Arzt selbst wirklich gelesen. Wenn ihr auf der Suche nach unabhängigen Informationen zum Thema Psychopharmaka seid, so ist ein Gang über die Neurologie absolut empfehlenswert.

Auch das Buch von  Stefan Weimann “Erfolgsmythos Psychopharmaka” ist sein Geld absolut wert!

In diesem Artikel soll es nicht darum gehen Medikamente als unwirksam oder schlecht darzustellen. Es geht mir darum anhand meiner Fallgeschichte (eine mit der weder Ärzte noch Pharmakonzerne werben können) zu zeigen, welche Dimension die Einnahme von Psychopharmaka auch haben (können).

Wir habe von den Mitteln auch profitiert und etwas gewonnen. Aber eine viel größere Kraft hätten wir fast gar nicht entdeckt, wenn wir sie nicht abgesetzt hätten

Uns selbst.