Schlagwort: Ich und die Anderen

Fundstücke #16

Wenn ich Eines aus der Woche in die Therapiestunde hinüberretten wollte, dann war es, was ich dann doch eher fahrig herausfaserte als es stabil wie ein mittelgroßes Bäumchen in das Stück zwischen der Therapeutin und mir zu pflanzen: “Könnten Sie für uns in der Klinik anrufen und fragen, wie der Stand ist?”.

Eigentlich wollte ich nur das. Nur das. Weil ich in der ganzen Woche in einem matschigen weißen Rauschen herumgewatet bin und nichts spürte, was mich so fahrig und zwischen thematischer Superabsorbtion und völliger Depersonalisierung oszillieren ließ.
War es die Erkältung? Das “viel zu tun”? Das Warten auf Nachricht von der Klinik? Das viele “nicht allein sein”? Der Konflikt im Fotokurs?

Irgendwann hilft nur noch das systematische Ausschlussverfahren durch Stressorenabbau.
Gesund werden, anfallende Arbeiten durchstrukturieren, Klinikfrage klären, regelmäßiger reflektieren wie viel Kontakt mit wem wie lange wirklich okay ist und entsprechend regulieren, in den Fotokurs gehen und wenigstens für das Wesentliche miteinander sprechen.
Fazit dieses Vorgehens: Erleichterung
Veränderung des Befindens: Nein

Zwischendurch blitzen Paniken bis zu mir vor, die dann aber doch ohne Gesicht bleiben und genauso schnell wieder gehen, wie sie gekommen sind. Seit Kurzem bricht etwas in meinunser Leben ein, dass wir als “Täterenergie” bezeichnen, weil es nicht genug ist für ein Innen. Weil es so viel Wucht und ES ist, das es nicht einmal Gedanken zu haben scheint. Das ist etwas, dem nicht mit einer Kognition zu begegnen ist. Und zu Selbstverletzung führt.

Während die Therapeutin meine Anmerkung eigentlich selbst in der Klinik anrufen zu müssen – aber…, mit einer Hand wegwedelte und dem Freizeichen zuhörte, dachte ich, wie praktisch das ist, dass sie mit den Rosenblättern in den letzten 3 Jahren schon so oft diese “Ich weiß, ich müsste das jetzt können, aber ich kann nicht und ich hasse mich dafür und orr wieso kann ich das nie und orr ich bin so scheiße – ich werde das können, weil ich bin so orr und arrgh und – naja –” – Kreisel miteinander hatten und deshalb für uns alle immer öfter ausbleiben können.

Als ich die Praxis verließ, dachte ich darüber nach,  wie wenig mir die Fähigkeit zur Abstraktion dabei hilft Ideen zu entwickeln, wie eine Begegnung mit solchen “Täterenergien” oder auch aufblitzenden Paniken aussehen könnte.
Ich fragte mich, ob das matschige Rauschen im Innen Emotionen sind. Oder die Emotionen anderer Innens. Oder der Rand der Kognition. Oder das Ende der Worte.

Ich habe mich gefragt, ob ich Angst davor habe, in so eine Begegnung zu gehen und gemerkt: Nein. Eigentlich habe ich eher eine Furcht davor, dass es eine andere Art der Begegnung sein könnte, als die, die ich gewohnt bin: als Beobachterin – abstrakt, intellektuell, ordnend, Worte findend

In unserer Therapie gab es häufig Begegnungen, in denen sich abgesprengte Emotionen oder Innens im Status als eine Art emotionale Lawine entpuppten, die alles unter sich begruben. Und ich stand daneben. Dokumentierte das Geschehen Wort an Wort und legte Zeugnis darüber bei Therapeut_innen ab, welche die zum Teil verheerenden Auswirkungen über den Umstand der Existenz meiner Worte definierten – nicht über die Abwesenheit der Worte anderer Innens und ihrer inneren systematischen Zugehörigkeit.
Wir haben nie darauf bestanden in unserer Unterschiedlichkeit anerkannt zu werden. Als unterschiedliche Systeme. Als auch unterschiedliche Funktionssysteme.  Beziehungsweise als Teile davon.

Die moderne Technik macht Vergleiche möglicher. Wenn ich heute Menschen sage: “Ich funktioniere nach Windows Vista – wo wir hinmüssen, gibts aber nur ein DOS-11.”, verstehen mehr Menschen als noch vor 10 bis 14 Jahren, was genau mein Problem mit der Ausführung einer Begegnung im Innen ist.
Es geht dabei nicht um eine Angleichung von Fähig- und Fertigkeitenniveau – es geht um die Produktion eines passenden Emulators für ganz spezifische Ansprechbarkeit eines ganz spezifischen Bereiches dessen, was erreicht werden will.

An einer Stelle geht es auch nicht um emotionale Phobie oder willentlich steuerbare Vermeidungsimpulse. Das kann ich sagen, weil ich einerseits eine Furcht empfinde – diese sich jedoch gar nicht auf das Traumamaterial bezieht, sondern auf eine allgemeine Veränderung meines Erlebens unter Einfluss eines Innens oder einer Energie aus einem anderen (Funktions)System. Es geht um einen Selbstschutzmechanismus, der, wie in der Psychologie üblich, mit Emotionen belegt wird – meiner Ansicht nach jedoch auch mit der Neuroplastizität des traumatisierten Gehirnes zu tun hat.
Um erneut die Metapher mit den Betriebssystemen von Computern zu bemühen: Nach den ersten Computerviren hat man sich zum Einen darum bemüht diese abzuwehren (Vermeidung), zum Anderen aber auch angefangen Programme zu entwickeln, die das Betriebssystem vor unerwünschten, weil schädlichen Veränderungen schützen (sollen).

In unserem Fall sehe ich die bloße Existenz unserer unterschiedlichen Funktionssysteme, als reaktive Schutzmaßnahme im Rahmen der Möglichkeiten.
Die Option einen Teilbereich (vielleicht eine einzelne Anwendung oder einen einzelnen Order) für die kognitiven, emotionalen, allgemein bioaktiven Aspekte der Traumatisierungen bereitzustellen, ohne den Rest zu gefährden, gab es nach einer Weile vielleicht einfach nicht mehr.
Es gibt neurologische Sollbruchstellen, die in die Lage versetzen können autark von einander zu funktionieren. Das Betriebssystem muss aufgrund der ursprünglichen Konzeption von ganzheitlich verfügbaren Ressourcen jedoch zwangsläufig jeweils ein Anderes sein. Das ist meiner Folgerung aus den letzten Forschungen nach eher effektiv lebenserhaltend, als phobisch vermeidend und damit in Teilen das Dilemma der DIS und ihrer Therapie.

Denn es geht um eine Balance zwischen der Anbahnung und Reizung des traumatisierten Gehirnes eine Reorganisation und Angleichung der verschiedenen Funktionssysteme vorzunehmen, gegenüber der Aufrechterhaltung grundlegender Funktionen, welche jedoch ganz direkt an Selbsterhalt ebenjener Systeme gebunden sind.
Für mich ist das zu trennen von willentlichen Entscheidungen oder emotional aufgeladenen Überzeugungen von uns Innens.

Es ist zu einfach zu sagen, es gäbe Innens, deren Stärke die Kognition sei und deshalb präferiert benutzt und phobisch vermeidend vor traumanahem – konkret re_agierenden Innens. Es ist zu einfach, weil es verkennt, welche grundlegenden Unterschiede es in den jeweiligen Betriebssystemen gibt und welche Optionen etabliert sind, um diese zu kompensieren.

Am Abend lag ich mit dem Hund auf dem Bett und verfolgte die langsam über unserem Kopf ziehenden Seidentücherfeen.
Ich bemerkte, dass ich nicht am Ende der Worte stehe. Wo ich stehe, beginnt nur das Leben und Funktionieren von anderen als mir und das matschig durch meine Wahrnehmung fließende Rauschen ist, womit ich selbst auch wieder neu anfangen könnte.

Eisnacht

imEis“Wieso war mir das jetzt so wichtig nicht alleine nach Hause zu gehen?”, grimme ich mich selbst an.
Aus meinem Handy krümeln die Worte der Gemögten und legen eine Spur von dem Park, in dem ich meine Füße im Ententeich wiedergefunden habe, bis zu mir.

Ihr Mitleid ekelt mich fremd. Ich finde sie peinlich in ihrem Bemühen um uns. Die Angst tritt von innen gegen meine Haut und ich merke an mir, dass ich nicht nur einen Weg nach Hause suche, der die 3 Kilometer abkürzt, sondern mir auch ein Ausweg aus dieser Not.lage ist.
Wäre mein Mund nicht so verklebt würde ich schreien, glaube ich. Einfach nur so. Ohne Wörter.

Sie spricht von Wohnung umstellen, von Türen verschließen, von Zetteln an der Wohnungstür.

“Wenn ich jetzt so ein Loch unter der Nase hätte, dann könnte ich schreien.”, denke ich und ziehe meine durchnässten Hausschuhe aus. “Meine Schreie würden in den Ästen hängen bleiben und es würde aussehen, wie Laubgeister.”.
Sie fragt, ob ich noch da bin. Ich nicke. Sie schubst ihre Stimme noch eine Oktave höher. “Bist du noch da?!”.

Ich schnipse vors Handy. Denke an diese App mit der man einander beim Telefonieren sehen kann.
Sie hat schon wieder vergessen, dass ich keine Lautsprache kann. Sie vergisst ständig, dass ich Text brauche.

“Wieso werde ich ständig vergessen?”, denke ich und halte es für den besten ersten Schrei von mir.

Auf dem Gehweg vor dem Haus liegt der Schlüsselbund.
“Wie bescheuert kann man sein?”, knirsche ich hinter mich und nehme das kalte Metall in die Hand. Die Füße der Legosuperwoman streifen meine Handwurzel.

Die Gemögte will weiter reden. “Ich kann euch doch jetzt nicht allein lassen!”.
“Wenn ich jetzt losschreien würde, dann würde ich die Wohnung damit vergiften.”, denke ich und öffne die Tür, hinter der NakNak* wartet.

“Ich bin nicht mehr allein”, sagt die andere und legt ihr verfrorenes Vogelherz auf die Heizung.
Es ist 5 Uhr 37, als es aufhört weh zu tun und 7 Uhr 3, als ich ins Handy tippe:
„Es ist niemand „weggelaufen“.
Wer „wegläuft“ nimmt sein Handy nicht mit und schließt auch nicht die Tür hinter sich ab.“

Ich tippe auf „senden“ und ziehe die Decke etwas höher.
„Ich wäre gern mein eigener Schrei“, denke ich und schaue dem Tag beim heller werden zu.

 

Selbst- Bilder

Es begann damit, dass die Therapeutin ihren Satz sagte. “Vielleicht ist es eigentlich kein Satz, sondern ein Sinnsubstitut. Ein Platzhalter, der hervorgeholt wird, weil er eigentlich eine Krücke über eine Eselsbrücke ist”, dachte ich.
Immer wieder diese Frage danach, wer die Verantwortung trägt.
Obwohl doch eine/r der VerantwortungsträgerInnen vor ihr saß.

Ich weiß, dass es bei den Bildern um Sichtbarkeit/ Klarheit geht. Vielleicht auch und immer mehr, seit die Themen konkreter werden, manche Dynamiken und auch Innens schärfer konturiert in klareren- logischen Kontexten wahrzunehmen sind. Die Logik der Mechanismen langsam logisch erscheint.
Ich weiß, dass es auch darum geht, zu sehen, dass es immer ein Körper ist.

Das Innen hatte sich fotografiert. Man sieht Wut und auch, wie offensiv und zeitgleich im Dunkeln zu bleiben bemüht es agiert. Es ist sichtbar.
Plötzlich erschien die Frage der Therapeutin nicht mehr kontextunabhängig, sondern nachvollziehbar. Auf den Fotos ist der Blick abgewendet, der Mund verschlossen, der Körper frei und dem Licht zugeneigt. Der Kopf ist zu, der Rest des Körpers bar jeder Verletzlichkeit.
Es gibt keinen äußeren Anhaltspunkt für das, was es für uns trägt.

Ich hatte mir einen großen Spiegel gewünscht und wollte sehen, was zu sehen ist.
Was heil geblieben ist. Was einen Wert hat. Wo keine Sollbruchreisslinien in meinen Hand-und Schulter, Hüft- und Fußgelenken sind, obwohl ich sie im Moment stetig knirschend oder grell aufreißend wahrnehme. Ich wollte sehen, wie es aussieht, wenn ich die Füße auf den Boden stelle. Ob ich meine Füße sehe.

Dann kam die Kunst als Möglichkeit Entlastung zu schaffen. Das Grafiktablet zog ein und mit ihm die Möglichkeit auch unter Schmerzen malen zu können, weil weniger Bewegung gebraucht wird.

Zwei andere Innens machten Fotos von sich. Das eine blitzt verschmitzt an der Kamera vorbei- so wie es immer an Menschen und ihren Augen, auch ihren künstlichen, vorbei blitzt. Das andere macht Quatsch. Kennt die Kamera genau, benutzt sie jeden Tag.
Und ich?

Die sich die ganze Zeit ansehen wollte; vielleicht sich sehen, in und an sich einen Wert sehen will; ein “das Leben wert sein” finden muss- Ich, die das “Sie wissen, sie wurden schwer missbraucht” mit sich in Verbindung zu bringen noch immer scheitert-
Ich schäme mich und halte dennoch gnadenlos drauf.

Ich wunderte mich, dass das Bild am Ende nicht unscharf war. Dass ich es ansehen konnte, nachdem ich wusste, dass ich mich gequält- mich verletzt hatte dafür.

Gestern Abend malte es dann jemand ab. Ich erinnere das Streichen des Stiftes, später auch der Finger über dem Tablet, so als würde ganz vorsichtig über meinen Kopf gestrichen. So als hätte ich mich berührt, obwohl nicht ich die Bewegung dazu ausführte.

Irgendwie war es ein Akt, ein Stück Nichtecht und doch real.
Als hätte das Innen, das mich malte mich gesehen. Nicht nur als das Foto, das dann doch eigentlich nur Haare zeigt, sondern ganz mich in meiner Scham, meinem Selbsthass, in all dem: “Ich will das, aber ich… ich bin so scheiße.”.

Es ist Kontakt.
eine Art Berührung, mit dem MirIchSelbstSein, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Das da bin ich, wie ich etwas auf genau meine Art tun will und daran scheitere. Das bin ich, wie ich mich beim Scheitern, beim mich selbst hassen fotografiere, um im Nachhinein so etwas, wie ein Michzeigen und Michsehen möglich zu machen.

Selbst-Bild2

Ich verstehe jetzt, warum ich noch immer keinen großen Spiegel habe.

frisch gestrichen

Aaaand heeere they are: diese Momente in denen ich in die Welt, in die Ohren, die Köpfe der Menschen hineinpiepse: „Vorsicht- ich bin frisch gestrichen.“

„Sei vorsichtig mit mir- ich hab mich gerade frisch gehäutet.“
„Nicht schubsen- Ich hab ein Trinkpäckchen im Ranzen!“

Ich kann „sozial“ nicht gut. Wirklich nicht.
Und jetzt muss ich. Könnte ich. Eigentlich egal, weil ja meine Entscheidung. Muahahahaha

Selten so viel Haltlosigkeit als Freiheit benannt gesehen, wie derzeit.
Wir drängen euch nicht. Erwarten nichts. Alles kann, nichts muss…

Ich stehe da und puste an mir selbst herum, um schneller zu trocknen. Einen Panzer zu kriegen. Irgendwas, was statt meiner abplatzen könnte, wenn dann plötzlich doch jemand erwartet, sich auf mich setzen zu können. Oder um wenigstens nicht allzu viel Ärger und Dreck auf dem Menschen zu hinterlassen, wenn er mein Piepsen schon nicht bemerkt.

543769_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.deEs ist manchmal wirklich schwierig einem Anspruch genügen zu wollen und nicht zu können.
Sich abzurackern, um Schulbildung zu kompensieren und etwas zu erschaffen.
Und natürlich wäre es mir lieb einfach mit einem Fingerzeig alles gut zu machen.
Aber so ist das Leben nicht- zum Glück!

Jetzt ist vieles weg. Stückchen für Stückchen und alles ist frei entscheidbar.
Auf manchen Achsen ist das gut. Bei den, von denen ich mir eine gewisse Funktion erhoffte hingegen einfach nur blöd. Da reduziert sich dann mein Dasein auf den rein sozialen Punkt und das ist meine absolut frisch gestrichene Stelle.

Und wieder stehe ich da und piepse.
Piepse eigentlich jetzt schon, weil absehbar ist, dass es ab einem Zeitpunkt kein Zurück mehr gibt.

Ich kann nicht einmal sagen, ob es jemand hört oder sonst wie wahrnimmt. Angestarrt fühle ich mich und so als ob alles erwartungsvoll auf mich draufgeguckt… ja, das nehme ich wahr. Zumindest denke ich das. Meine ich zu denken. Woher zum Henker soll ich auch wissen, was andere tun oder denken, wenn sie nichts sagen. Woher soll ich wissen, was ich machen soll, wenn alles „die freie Entscheidung“ ist? Wenn alles egal ist. Wenn ich was machen könnte, aber ja auch nicht.

Hallo- ich bin frisch gestrichen.
Ich mag mich nicht mit komischen Abdrücken- auf mich Eingedrücktem- verändern, wenn ich das schon von vornherein verhindern kann und auch einfach ich bleiben dürfte, wie ich bin.

Ich bin in einer richtig deluxe blöden Situation.
So eine von denen, in der man seinen Mund mit einem Reißverschluss verschließt, um bei niemandem irgendwas anzuditschen, sich aber die eigene Haut schmerzhaft zerschneidet.

So eine in der man schlicht nicht gewinnen kann.
Vor allem nicht, wenn man ein kleines frischgeschlüpftes Vogelbänkchen mit neuem… fast noch tropfendem Anstrich ist, auf das sich jemand setzen könnte, ohne die Warnung wahrgenommen zu haben.

„Ich bin nicht die Anderen- aber ich bin nicht anders, als die Anderen.“

Wiederholtes Plingkonzert, gestern Nachmittag.

Ich schrieb über Twitter mit einer Leserin des Blogs, die mir schrieb, dass sie sich mit Kommentaren bei persönlichen Einträgen zurückhält, weil sie nicht durch das Erzählen eigener Erfahrungen vermitteln möchte: „Hey, ich kenne das auch alles- aber irgendwie doch nicht so, nur anders- aber es ist irgendwie so gleich und …“.

Ich finde es immer schön, wenn jemand hier kommentiert und gerade auch, wenn jemand seine eigenen Erfahrungen und Empfindungen teilt bzw. das für sich so kann und möchte.

In dem Reiter „über dieses Blog“ steht ein wichtiger Satz drin, der mir zu Beginn den Anreiz für das Blog gab.
„Das Leben mit DIS wird meiner Meinung nach von den (Massen)Medien unnötig aufgehyped, verzerrt und gleichsam falsch, wie fast alle Themen rund um (die Gesichter, die Folgen und Ursachen von) Gewalt, aufgenommen.“
Ich hatte damals vernünftige Literatur und Medien gesucht, um jemandem in meiner Umgebung meine Wahrnehmung und Schwierigkeiten darzustellen. Außer Sachbücher konnte ich ihm nichts geben und selbst bei der Auswahl musste ich noch viele Abstriche machen.

Gab man damals „multiple Persönlichkeit“ bei Google ein, landete man bei „Höllenleben“, medizinischem Kauderwelsch, reißerischen Zeitungsartikeln und Links zu Foren, die nicht öffentlich lesbar sind.
Das Bild, das sich ergab, war einfach nicht das, was ich vermitteln wollte: Die Fachwelt streitet und zweifelt (was damals schon nicht mehr ganz stimmte!), die Presse sucht die Story und die Betroffenen verschanzen sich aus Angst um Leib und Leben „müssen sie ja auch, kommen ja alle aus einem Kult“ (O-Ton des Menschen damals).

Heute ist die „dissoziative Identitätsstörung“ als komplexe Traumafolgestörung bekannt und sowohl im DSM 5 als auch im ICD 10 anerkannt. (Im Gegensatz zu so opferverhöhnender Bedeckmantelei, wie das „False Memory-Syndrome“). Heißt: Wenn einem heute ein Arzt sagt, so etwas wie multiple Persönlichkeiten gäbe es nicht, kann Mensch davon ausgehen, dass es sich um einen Arzt handelt, der nicht fortgebildet ist oder ein Interesse daran hat, Gewalt und seine Folgen zu negieren.

Die Presse und auch das Fernsehen, wird allzu oft dafür bezahlt, eine Story zu liefern. Wichtig ist, was gesehen wird- nicht das, was gehört und an Informationen aufgenommen wird. Gesucht wird die Andersartigkeit- nicht die Gleichheit. So begegnete mir auch schon die Aussage, für mehr Authentizität, sei es notwendig Aufnahmen vom Betroffenen an Tatorten zu zeigen.
Die Irre daran wird leider oft übersehen.
Wenn man einen Film über DIS macht, macht man einen Film über die Gegenwart. Filmt man den Betroffenen an Orten, an denen er in der Vergangenheit gequält wurde, provoziert man beim Zuschauer die Notwendigkeit, sich diese Qualen vorzustellen in dem er sich den Betroffenen als Kind vorstellt und den leeren vermodernden Keller in möbliert und mit Tapete an den Wänden. So entsteht ein anderes Bild, als die Wirklichkeit. Es ist ergo nicht kongruent mit dem, was der betroffene Mensch tatsächlich erlebt hat.
Außerdem gibt es den Effekt, dass nicht das Leben mit den Folgen davon im Kopf bleibt, sondern das Grauen allein. Das ist total basal- wir alle wissen, dass uns negative Dinge eher im Gedächtnis bleiben, als neutrale oder positive.

Doch wenn ein Film starke Gefühle erzeugt, die „hängen bleiben“, gilt er als gut. Egal, ob das, was gezeigt wird stimmt (grausamer oder weniger grausam, als im Kopf des Zuschauers entstanden). Umso schlimmer  finde ich es, wenn ich von einer „packenden Dokumentation über eine multiple Persönlichkeit“ höre. Eine Dokumentation bildet ab- sie ist in der Regel sachlich und informativ- nicht „packend“.
Eine Reportage hingegen, hat einen anderen Rahmen, oder ein Portrait. Sie soll „packend“ sein, damit sie verkauft wird.

Ich bin keine Journalistin, habe aber eine grobe Ahnung vom Auftrag der journalistischen Ethik und der Verantwortung, die man trägt, wenn man über etwas schreibt, das in manchen Bereichen stellvertretend veröffentlicht wird. Man unterstreicht die allgemeinen Gemeinsamkeiten und zeichnet die individuelle Ausprägung als so individuell, wie sie ist.

Es ist bekannt, dass alle Menschen dissoziieren. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Unser Gehirn funktioniert in der Hinsicht ganz basal gleich.
Es ist bekannt, dass jeder Mensch, im Laufe seines Lebens das Verhalten anderer Menschen studiert und introjeziert. Das ist Teil der menschlichen Entwicklung und evolutionär bewährt. Beobachten, bewerten, imitieren. Ebenfalls ganz basal gleich.
Es ist bekannt, dass Schmerz schmerzt und vermieden werden will.
Und es ist bekannt, dass jeder Mensch subjektiv bewertet und verschieden (re-) agiert.

Mehr braucht es eigentlich nicht zu wissen, wenn man vernünftig über etwas schreiben will, was bei sich selbst los ist und von anderen Menschen verstanden werden soll.
Ich sitze hier und mache das große: „YES!“, wenn mir jemand ohne DIS schreibt, er kenne dies und das von sich und gehe damit so und so um. Weil es mir zeigt, dass er die Gleichheit für sich wahrgenommen hat und meine individuelle Wahrnehmung als solche von sich abgrenzen kann.
Für mich bietet sich dann die Chance zu beobachten, zu bewerten und vielleicht zu imitieren. Heißt, einen neuen vielleicht hilfreichen Umgang mit Dingen zu lernen.

Ein großes schlimmes Ding an Traumafolgestörungen ist die Einsamkeit. Das Gefühl aufgrund seiner Erfahrungen- die man selbst ganz allein erfuhr, über die man nicht sprechen will/ kann/ darf- ; dem subjektiven Leiden darunter und der persönlichen Reaktion/Kompensation in Bezug darauf „anders zu sein, als die Anderen“. Ungleich zu sein.

Mir sind schon Menschen begegnet, die diese Ungleichheit für sich wichtig finden, gleichzeitig jedoch verzweifelt sind, über ihre Einsamkeit.
Das Gefühl besonders zu sein, ist ja auch ein Schönes. Man hebt sich ab, spürt seine Individualität sehr deutlich. Ist von anderen Menschen abgetrennt.
Wenn ich etwas Besonderes erschaffe, habe ich natürlich auch den Wunsch, dass es als so besonders wahrgenommen wird, wie ich es empfinde. So wie hier mein Blog. Er ist Freiheitspraxis deluxe mit Glitzersteinchen drauf. Jeden Tag aufs Neue. Ich gebe mir viel Mühe beim Schreiben und Suchen von Themen. Es ist ein schönes Gefühl, wenn ich dann unter den Artikeln die Bilder von anderen BloggerInnen sehe, denen der Artikel gefällt. Oder wenn meine Statistik Beulen bekommt, weil es Artikel gibt, die von vielen Menschen gelesen werden. Oder wenn ich viele Rückmeldungen bekomme, die Dank, Verständnis und Lob ausdrücken. Hach!
Ich bin aber nicht der Typ, der gern von anderen Menschen abgegrenzt ist.

Für mich bedeutet „anders sein“ von je her direkte Gefühle von existenzieller Bedrohung. Als Kind gab es die Notwendigkeit von Gleichheit mit den Menschen, von denen ich abhängig war, um nicht zu sterben. Als Jugendliche gab es die Notwendigkeit von Verhaltenskongruenz, um nicht von Heim zu Heim, von Klinik zu Klinik abgeschoben zu werden und heute, als Erwachsene, suche ich die Kongruenz, um mich, wie andere Menschen auch, selbst zu versorgen und meine Bedürfnisse zu befriedigen.

Gleichheit bedeutet für mich Sicherheit auf vielen Ebenen.
Werde ich hervorgehoben, als „anders“ dargestellt, spüre ich direkt den Drang, meine Gleichheit mit anderen Menschen auf allen Ebenen, neben dem „Besonderen“ zu unterstreichen.
Neulich kam eine Email von jemandem, der schrieb, ich sei jemand ganz Besonderes, weil ich hier schreibe. Ich schickte ihm den Link zu WordPress.com und antwortete: „Meld dich an, machs dir nett und du „bist“ auch so besonders.486908_web_R_K_by_sokaeiko_pixelio.de Danke, dass du mein Schreiben, als besonders empfindest. Aber mein Sein, ist es nicht.“. 

Ich habe eine dissoziative Identitätsstruktur. Nehme mich und die Umwelt anders wahr, als andere Menschen. Trotzdem bin ich ein Mensch, wie sie auch.

Das so zu fühlen ist für mich immer wieder wichtig und schön. Vor allem, wenn meine Umwelt mir dabei hilft.

Ebenendifferenz

Vor einer Weile zwitscherte es mich von der Seite an:

Wer die Grundlage der Lebensbedingungen eines anderen derart verkennt und auch keine Klärung zulässt, kann kein ernsthafter Gesprächspartner sein. “ (Quelle:hier )

“Wow, was für ein wahrer Satz!”, dachte ich und überlegte ihm eigens einen Dauerplatz hier einzurichten, damit ich mich immer wieder daran erinnere, was mich immer wieder aus der Bahn wirft, aber nicht allein meine Sache ist: Das Missverständnis anderer Menschen, in Bezug auf meine Lebensart und meine Lebensrealität und- was mich oft noch am meisten trifft: meine Sprache.

Ich habe großes- sehr großes Verständnis dafür, dass jemand mit mehr oder weniger intakter Fähigkeit zur Selbst- und Umwelt- Wahrnehmung, Schwierigkeiten hat, zu verstehen wie es ist, wenn diese Fähigkeit extrem eingeschränkt ist. Ja, es ist verständlich, denn was Menschen können, merken die meisten von ihnen erst dann, wenn sie es plötzlich nicht mehr oder anders oder besser können.

Das Fremdwörterbuch definiert den Begriff der Wahrnehmung als den Vorgang in dem die Sinne mittels Nervenbahnen, Reize aus der Umgebung der Menschen ins Gehirn transportieren. Das was darauf folgt nennt die Psychologie “Perzepte”, was wiederum definiert wird, als das WahrnehmungsErlebnis selbst. Diese werden mit verinnerlichen Konstrukten und/ oder Schemata abgeglichen um eingeschätzt und bewertet zu werden. (So- ich denke jetzt habe ich dann auch deutlich genug gemacht, dass ich, wenn ich Wörter benutze keine ausgedachten Definitionen verdrehe oder vermische)

Es ist, denke ich, eines der Phänomene, welches Missverständnis wachsen lässt: die Unterschiedlichkeit der Wahrnehmung, der Perzeption, der internalisierten Konstrukte und Schemata, sowie der anschließenden subjektiven Bewertung im sozio-kulturellem Kontext.

Ich beginne an der Basis: der Begriff der Wahrnehmung.
Obwohl eigentlich jeder Mensch etwas mit der ganz flachen, möglichst allgemein gültigsten Definition dessen anfangen kann und jeder weiß was gemeint, gibt es noch viele weitere Spezifizierungen und Ein-Ausgrenzungen in jeweils anderen Zusammenhängen. Solange keine Interaktion nötig wird, dient dies vor allem jenen, die sich in diesen Kontexten bewegen- nicht aber jenen, die außerhalb dessen stehen.

Bewegen sich beide Seiten aufeinander zu, wird es wichtig die Spezifikation der verwendeten Begrifflichkeiten zu lockern und allgemeiner-flacher zu verwenden. Dies wiederum verlangt eine grundsätzliche Agilität und Bereitschaft das Gegenüber auch verstehen zu wollen, bzw. verständlich zu sein.
Und dies ist ein sehr spannender Punkt, an dem ich persönlich sehr oft wünsche mehr Ausbildung meines Wissensschatzes erfahren zu haben.
Für das, was ich im Folgenden nur beschreiben und worüber ich (in erster Linie mir selbst-) erklärend mutmaßen kann, gibt es sicher bereits Namen, viele Studien und Bewertungen aus den verschiedensten Wissenschaftsbereichen. (Was zum Beispiel eine mangelnde Spezifizierung zur Folge haben kann, da ich über keine Spezialisierung verfüge und entsprechend auch keine tiefere- spezifizierende Sprache verwenden kann)

Es ist für mich so, dass ich permanent fürchte an einer Aussage festgenagelt zu werden (sehr schlau dann einen öffentlichen Blog zu führen- ja- ich weiß, aber muss jetzt mal grad aus deinem Fokus). Diese Festnagelungsangst ist eher darin begründet, dass meine Selbstwahrnehmung gestückelt ist. Es kommt häufig vor, dass mir jemand sagt: “Du hast aber gesagt…” und ich anfange mein Barbiegesicht zu machen und möglichst genauso tot und nichtssagend auszusehen, während ich versuche herauszuhören/ interpretieren/ deuten/ RATEN was mein Innenleben wann genau gesagt hat.

Ich erwarte kein Verständnis von allen meinen Gegenübern in so einer Situation. Die Menschen, die von meinen Problemen wissen, schieben ein “ich hab mich neulich noch mit… nee warst du das nicht sogar?.. über XY unterhalten und da….” dazwischen.
Die Bekannten und Fremden wissen es nicht und der einzige Vorwurf der vielleicht eventuell an manchen Stellen berechtigt sein könnte, ist der, dass sie nicht über ihre Worte und ihre Aussagen reflektieren. Sie sind nicht dazu gezwungen im Alltag und ich fordere es in der Regel nicht ein, ein bisschen Rücksicht zu nehmen.
Bekannte und Fremde mögen für sich eine grobe Vorstellung von DIS haben, doch sie haben sie nicht Bezug zu mir. Sie haben keine Kenntnis von meiner Art wahrzunehmen und können ergo in den meisten Fällen keine Gespräche mit gegenseitigem „Rundum-Verständnis“ führen.

Einmal abgesehen davon, dass es niemals und unter keinen Umständen die komplette Kongruenz der jeweilig subjektiven Wahrnehmung gibt, da jedes Gehirn die Gewichtung der Reize, die auf es einwirken, unterschiedlich vornimmt und ebenso unterschiedlich dissoziiert und wiederum anders assoziiert (Stichwort: internalisierte Schemata etc.), sollte diese Hoffnung vom Gegenüber wirklich verstanden zu werden, wohl immer mehr Antrieb als real möglich zu befriedigendes Bedürfnis sein.

Und da ist der Punkt: der Antrieb zur Kommunikation. Die Intension meines Gegenübers.
Ich bin als Mensch in einer Umgebung aufgewachsen in der es überlebensnotwendig war, jede Intension des Gegenübers punktgenau zu treffen. Dies bezog sowohl eine genaue Beobachtung des Menschen vor mir ein, sowie eine absolut perfekte Beobachtung meiner Umgebung und der Situation als solcher.
Etwas bei dem ich früher wie heute allerdings gehandicapt bin, ist die Wahrnehmung der Gesamtsituation in einem zeitlich globalen Rahmen.
Ich weiß, dass ich meine Eltern niemals korrekt einschätzen konnte, weil mir ständig Zeit fehlte. Die einzige Konstante für mich als Innen dieses Einsmenschen „C. Rosenblatt“, war: „Erkläre (eigentlich aber: Rechtfertige) dich vor mir!“
Für mich hieß das: „Saug dir möglichst etwas aus den Fingern, dass so gut wie nur irgend möglich mit dem übereinstimmt, wovon du keine Ahnung hast.“. Ich versuchte aus dem was sie mir sagten herauszuhören/ zu interpretieren/ zu deuten/ zu RATEN einen Rückschluss zu ziehen und ihnen unter Abgleichung an meine mir vorliegenden Informationen und (Körper-) Gefühle, Rede und Antwort zu stehen.

Meine Eltern haben eine Art der Kommunikation betrieben, unter der ich niemals gewinnen konnte. Doch meine Intension sie verstehen zu lassen, in dem ich mich (oder div. Umstände) erkläre, war immer da. Warum?
Weil sie in anderen Zusammenhängen so perfekt funktionierte.

Ich habe es immer geschafft andere Menschen auf ihre Worte und Formulierungen festzunageln, weil ich sie mir genau eingeprägt habe; Dinge und Situationen genauestens beobachtet und wie ein Radar feinsten Sensoren abgescannt habe. Andere Menschen (mit niedrigerem Erregungslevel- [Sidestep- meine Art die Umwelt aufzunehmen fußt auf dem sog. „Hyperarousal„: mein Adrenalinstatus ist sehr oder weniger regelmäßig so hoch, dass mein Gehirn auch tatsächlich jede Kleinigkeit aufnimmt, um meinen vermeintlichen Überlebenskampf zu sichern] ) tun dies nicht. Einmal, weil sie nicht so wie ich, gelernt haben zu kommunizieren und einmal, weil sie sich eben nicht chronisch im Hyperarousel befinden, gehen sie Kontakt mit anderen Menschen.
Ihre Basis ist eine Andere. Auch ohne, dass wir auch nur ein Wort gewechselt haben.

Aus dieser Ebenendifferenz heraus zu kommunizieren erfordert also (im günstigsten Fall) eine beiderseitige Anpassung und mindestens die gleiche Basisintension.
Doch wie erreichen?

Ich rede gern mit Therapeuten, weil sie es in der Regel schaffen, mir ein Umfeld zu generieren in dem ich aus rechtlich festgelegten Gründen nicht mit einer direkten Versehrung zu rechnen haben darf. Ergo schaltet mein Metabolismus eine Stufe herunter und ermöglicht so einen Austausch der sowohl fehlerhaft (da nicht gesamtglobal), als auch trotzdem als richtig im Sinne von wahr und glaubhaft gilt.

Im außertherapeutischen Kontext bin ich es selbst, die sich ein Umfeld schaffen muss, in dem diese Erregung nicht nötig ist. Dies gelingt mir in der Regel, wenn ich offen sagen kann, dass ich nicht über alle für diesen Austausch nötigen Informationen verfüge und sich dies nicht bessert, wenn die Anforderung an mich gestellt wird, diese zu haben.
Dieser Umstand erfordert allerdings von meinem Gegenüber eine grundlegende Haltung von Interesse und Empathie. Bleibt dies aus, gibt es ein Gespräch, dass für mein Gehirn einen weiterführenden Überlebenskampf bedeutet.

Und es ist ein Überleben, auch wenn mein physisches Wohlergehen nicht direkt gefährdet ist.

Dies ist eine wichtige Basis, die leider oft vernachlässigt wird.
Große Erregung erfordert große Kräfte.
Diese Kräfte bringt der menschliche Körper immer wieder auf- egal wie geschwächt er als solcher ist. Die Defizite treten an anderer Stelle auf und bedienen eine Dysfunktionalität in verschiedenen Bereichen.
Sei es körperliche Aktivität oder auch die Fähigkeit Zusammenhänge mittels Sprache abzuflachen, um sie verständlich zu machen. Auch die Fähigkeit sich emotional-empathisch auf das Gegenüber einzulassen, wird beeinträchtigt.

Und hier schließt sich der Kreis.
Je mehr dieser Gespräche geschehen- je mehr ich davon am Tag erlebe- desto geschwächter bin ich als Gesamtperson. Die Anpassung an solche Umstände heißt in meinem Fall, dass es vermehrte Wechsel zu anderen Innens gibt, die ihre Gesprächspartner zu „Vermeidungstänzen“ verführen bzw. selbst vermeidend kommunizieren. Es entsteht nach außen der Eindruck, dass es zum Beispiel keine Probleme, Sorgen, Nöte, Konflikte gibt.

Dies ist etwas, dass uns in der Betreuung durch Sozialarbeiter (und auch während Aufenthalten in div. Kliniken) mehr oder weniger um Hilfen gebracht hat. Ab einem Zeitpunkt ist eine Überlastung nicht mehr kommunizierbar (da genau diese gerade durch dissoziative Bewältigungsmuster kompensiert wird) und entsprechend nicht mehr erfassbar für das Gegenüber.
Es sei denn da ist jemand, der genau diese Lebensrealität und genau diese Umstände genau verstanden hat und für sich immer präsent hat.

Die Bereitschaft zu diesem selbstständig immer wieder bewusst gemachten Wissen, hängt allerdings komplett an den Menschen selbst. Für mich bedeutet dies eine Abhängigkeit par excellance- früher wie heute- , dass mir das Gegenüber auf irgendeiner Ebene seiner persönlichen Haltung wohlgesonnen meiner Person gegenüber steht. Ist er es nicht, ist es kein als sicher wahrgenommener Kontakt und ergo niemand mit dem ich mich auf einer verständnisbringenden Ebene austauchen kann. Und dies bedeutet in jedem Arbeitsverhältnis (sei es in einer Betreuung oder in einem therapeutischen Kontext), verschwendete Ressource die eigentlich zu „Hilfe“ gewandelt werden soll.

Dieser Artikel hat keinen Schluss.
Vielleicht nur ein Ende, an dem steht, was für viele BetreuerInnen, HelferInnen und auch TherapeutInnen zu beachten sein kann, wenn sie es mit Menschen zu tun haben, die (komplex) traumatisiert wurden.

Wie wär´s mit der Kategorie Mensch?

Jemand sucht eine Kategorie für sich.
Ich schlage “Mensch” vor und stoße auf Unverständnis bei einem Dritten.

Und stehe wieder da und wundere mich.
Nicht böswillig oder wütend. Einfach nur verwundert. Und auch traurig.

Das Finden von für mich-uns passenden Kategorien war eine sehr lange Zeit, Dreh- und Angelpunkt im Leben. Und oft genug wurden dann diese zum Leben selbst. Zum Hauptentsprechungsrahmen.

Das fing für mich ganz deutlich an, als die Diagnose der DIS stand.
Immerhin- hier dachten Innens sie müssen sich regelmäßig auf eine bestimmte Art verletzen, um “die Würmer aus ihrer Seele rauszukriegen”; dachten, sie stürben jeden Moment an malignen Hirntumoren; dachten welche, sie seien schon unheilbar geisteskrank auf die Welt gekommen- selbstverständlich haben wir uns in das Selbstdefinitionskleid gewandet, das uns am Besten passte!

Und völlig logisch haben wir vehement (an manchen Stellen auch zu vehement) selbiges verteidigt, wenn wir dachten, jemand wolle uns das absprechen. Und völlig logisch, haben wir uns eine Filterbubble aufgepustet, die nur aus gleichsam betroffenen Menschen bestand.

Nur haben wir dabei sehr oft etwas übersehen, nämlich, dass es sich dabei um nichts Globales handelt. Dass, das nicht alles ist, was uns ausmacht.

Das ging für uns schon damit los, dass wir merkten, dass es selbst innerhalb unserer Filterbubble/ Kategorie noch Unterschiede gab. Da gibts den Berufsmulti, den Leidensmulti, den heroisch-fauchenden-komm-mir-nicht-zu-nahe-Multi, den körperlich eingeschränkten Multi, den Multi mit Hintergrund X/ A/ B /C…
´”Buuuhuuu” saßen wir dazwischen und dachten: “Nicht mal hier hin gehören wir!”. Was mir rückblickend total absurd vorkommt- aber naja. Ich glaube, jeder Mensch macht diese Erfahrung. Nur in anderen Kontexten vielleicht. Später machte ich ja auch die Erfahrung, dass jede “Themenbubble” in sich ähnlich aufgeteilt ist.

Jedenfalls litten wir schon ziemlich darunter, uns nicht so gemeinsam mit den Menschen in der Filterbubble fühlen zu können, wie wir das eigentlich gewollt hätten. Und tun das noch heute- siehe Drama um die Selbsthilfeforen. Sowas nimmt uns immer wieder richtig schwer mit, obwohl wir wissen und uns vor Augen halten können, dass Gemeinsamkeit schlicht zwei Seiten braucht die aufeinander zugehen und nicht jeder, der sich von uns abwendet oder die Gemeinsamkeit mit uns ablehnt, direkt etwas gegen uns als Person haben muss.

Ich begann darüber nachzudenken, was mich ausmacht und wo ich vielleicht eine Gemeinsamkeit empfinden könnte. Und machte damit einen Schritt, der mir- uns heute sehr hilfreich ist.
Ich rannte nicht mehr auf Grenzen zu, “um zu sehen wo mein Schutz aufhört” (wie es mal ein Innen formulierte). Ich ging an die Grenze und schaute nach Gemeinsamkeiten.

Wir haben uns sehr lange Objektifizieren lassen müssen und begehrten auch nicht auf, als dies nach der Befreiung weiter ging- allerdings auf einer anderen Ebene. Wir kannten nichts anderes- wurden nicht anders behandelt. Da war niemand, der mir dies über mich konkret formuliert rückgemeldet hätte.
Das Opfer
Die Diagnose
Der Klient
Der Patient
Die Fallnummer
Das Beispiel
Das DAS Das ES
das nicht näher definierte Etwas

Ich erinnere an dieser Stelle mal an den Umbruch, den ich damals hier schon einzufangen versuchte. Wir begannen uns übers Mensch-Sein Gedanken zu machen, weil uns unsere Therapeutin einfach so annahm. Und völlig selbstverständlich von unserer Menschlichkeit zu543897_web_R_K_B_by_uschi dreiucker_pixelio.de sprechen begann und uns vermittelte, dass sie uns als Gesamtperson- als Mensch-  mit allen die wir da waren- sie anmeckerten, idealisierten, mochten, hassten, rempelten, stupsten, belächelten, bewunderten, sich einem anderen Geschlecht zugehörig fühlten, anders liebten, sie verachteten…- sah und akzeptierte.
Plötzlich breitete sich der Rahmen aus. Unsere kleine Selbstdefinitions/ Kategorien/ Filterbubble dehnte sich in alle Richtungen aus. Aus der grundlegenden Akzeptanz, der Innens, die nicht in der Lage sind sich anders auszudrücken, als sie es tun, wurde eine Akzeptanz dessen in allen Menschen.
Wir gingen an den Rand und guckten was andere Menschen denn auch so machen und in sich tragen…

Das ist etwas, das uns sehr viele Möglichkeiten eröffnet mit anderen gemeinsam zu sein. Uns zu verbünden und einander Gutes zu tun. Dinge zu teilen und zu vermehren. An einander zu wachsen, weil man sich gegenseitig halten kann. Miteinander für oder gegen Dinge zu kämpfen. Schutz und Wertschätzung zu erfahren durch Gemeinschaft.

Als wir uns  noch auf nur einen Teil unserer Globalität konzentrierten, weil uns dieser vorkam, als würde er alles an und in uns erklären, konnten wir kaum etwas teilen. Da konnten wir auch kaum etwas geben. Und entsprechend auch nicht wirklich gemeinsam sein. Weder innen noch außen.

Alles was uns daran gehindert hatte in der ganzen Zeit vorher, war, dass wir niemanden hatten der uns das genau so vermittelt hatte und zeigte, wie es konkret geht. Wie “man es genau macht”.
So bin ich sehr traurig wenn ich merke, das jemand eine umschließende Kategorie für sich sucht- gerade, wenn er so oder so schon in einer drin steckt, die ihn nicht einmal als global-mehrdimensionales Wesen anerkennt oder gar benennt. Dann denke ich, dass derjenige unglaublich einsam sein muss und niemanden hat, der ihn wirklich annimmt.

Ich schrieb vorhin bei Twitter:
Gruppenlabels sollten immer Add-Ons sein- nie das Maingame

und so sehe ich das auch.
Statt jedes Mal, um auf etwas aufmerksam zu machen, einen Oberbegriff oder eine viele Facetten ausblendende Kategorie zu kreieren, sollten wir uns öffnen und uns mit jenen verbünden, die alle diese Facetten annehmen und mit ihnen gemeinsam und gut miteinander zu sein.
Und sei es, dass wir uns dabei auf unser aller grundlegendste Gemeinsamkeit berufen.

Unser Menschsein.

Die Gruppenzugehörigkeit kann ein Sahnehäubchen sein. Das Schöne eben, das einen ganz bestimmten Teil in uns berührt und hält. Aber bitte nicht so, als gäbe es nur diesen Teil. Das führt nur zu Spaltung. Und wie tief Spaltung greift, wie verletzend, verstümmelnd und auch einsam machend diese sein kann, weiß- so denke ich- jeder von uns.
Auch ohne, so wie ich, in sich drin gespalten zu sein. (Hint: da ist eine Gemeinsamkeit haha)