note on: Selbstvertretung von Vielen, die nicht selbst sind

Vor einigen Wochen hatten wir Kontakt mit jemandem die_r Viele ist und uns lange beschäftigt hat, weil uns die Person irgendwie leer vorkam. Nicht im Sinne von „hat keine Hobbys“ oder „hat keine Gefühle gezeigt“, sondern eher im Sinne von „hat keine Persönlichkeit“ oder „ist nicht greifbar“. Also ein klassisches Schutz- und Abwehrverhalten von Menschen, die Viele wurden, weil Menschen, auf die sie angewiesen waren, sie misshandelt haben.

Es hat mich beschäftigt, weil es Wut in mir ausgelöst hat. Wut und Aggression.
Und später die Frage, wie man Menschen, die so sein müssen oder wollen (oder auch einfach so sind) in eine mehr oder weniger organisierte Selbstvertretung integrieren könnte.
Als ~“Aktivistin“~ zeigen mir solche Menschen auf, dass sich selbst zu vertreten, sich für die eigenen Belange hörbar zu machen und Forderungen zu formulieren, einfach „high level“ ist. Man muss entweder schon einigermaßen weit in der Therapie sein oder sehr privilegiert im eigenen sozialen Netz, um eben nicht beim kleinsten kritischen Unterton, beim ersten Konflikt, einer Meinungsverschiedenheit oder schlicht „grad keinen Bock haben, wenn alle lostoben wollen“ zu einer waberig ätherischen Masse zu werden, und sich aus der Situation zu verpdissen.

Aber was macht man denn dann als Community, die sich selbst vertreten will?
Das Leben ist bedrohlich. Menschen haben Konflikte. Selbstvertretung bedeutet, sich vor Menschen für das eigene Leben einzusetzen. Es ist eine Triggerbombe 3000. Aber wenn man weiter zulässt, dass ausschließlich Psychologie, Medizin, profitorientierte Medien oder praktisch entmenschlicht organisierte Stellvertreter_innen-Organisationen über Viele sprechen und sie so definieren, wird das auch immer so bleiben.
Und wenn immer nur die aktiv sind, immer nur die gehört werden, die das schon können, dann werden diese Leute zu Stellvertreter_innen, für jene, die es noch nicht können. Man würde also im Kleinen wiederholen, was im Großen schon problematisch war.

Ich habe gemerkt, dass ich anfange, mich zu fragen, ob manche Menschen das aber auch gar nicht anders wollen.
Dass sie uns sagen: „Yeah Selbstvertretung!“, weil sie wissen, dass wir keinerlei Vorteile darin erkennen, sich von Autoritäten beschreiben und behandeln zu lassen, statt selber zu schreiben und zu handeln. Und weil sie wissen, dass wir sie in ihrer Haltung kritisch herausfordern würden. Allein schon durch die Frage: „Wie sieht du dich selbst?“ oder schlimmer noch: „Wer bist du und was möchtest du für dich erreichen?“

Heute Morgen dachte ich, dass das vielleicht einfach nicht zu lösen ist. Man hat die gleichen Spannungsfelder auch in politischen Gruppen. Und Widersprüchlichkeit ist ja auch, was Viele ausmacht. Es ist eben genau die Problematik, nicht an sich selber heranzukommen. Genau dieses Ausgeliefertsein vor den eigenen Schutzmechanismen, die von anderen Menschen dissoziieren, auch wenn man sich die Verbindung sehr wünscht. Vielleicht können die Vielen nur von ihrer Existenz vertreten werden und sonst nichts.
Das ist machbar, wenn man sie als Menschen an.erkennt, erfordert jedoch, unsere Gesellschaft entsprechend zu bilden und ihre kulturellen wie sozialen Praxen dahin gehend zu beeinflussen. Und wie sieht es an der Stelle aus? Man lässt Menschen im Mittelmeer ertrinken, Polizisten junge Menschen töten, man plant den Tod von Menschen am gleichen Reißbrett wie die Profite von Konzernen.

Ist das vertretbar?

Diagnosen, Kontext, Autismus-Lifestyle

In der ASS-Bubble wird schon wieder über „Lifestyleautisten“ geredet und darüber, dass auch Selbstdiagnosen valide seien. Es scheint die Faker-Diskussion zu sein, die wir bis heute auch in der DIS-Bubble immer wieder beobachten.
Wer ist echt, wer hat wirklich ASS – wie echt ist die Person, die über sich schreibt, sie hätte eine DIS aber keine Diagnose bliblablö
Als Person mit offiziellen Diagnosen ist es natürlich immer leicht, sich dazu so genervt und abwertend zu äußern, wie ich das hier tue. Ich hab die Diagnosen ja, ich muss ja nicht um Anerkennung meiner Probleme/Symptome kämpfen. Ich muss ja nie damit rechnen, dass jemand kommt und mich einen Fake oder eine_n Lifestyleautist_in nennt (und mich damit beleidigt? abwertet?)

LOL
als ob

Als ob es in diesen Diskussionen jemals wirklich um die Diagnosen geht.
Als ob es je wirklich bloß um die Anerkennung der Sorgen, Nöte, Probleme, Besonderheiten oder Individualitäten geht.

Wäre dem so, dann würde es diese Diskussion einmal geben und dann nie wieder, weil es ganz praktische Lösungen für diese Ansprüche gibt. Es geht aber nicht darum und es ist hochproblematisch dies zu negieren oder zu missachten.

Diagnosen sind Begriffe aus dem medizinischen Kontext und in diesem allein funktionieren sie so wie sie sollen.
Ärzt_innen müssen einander vermitteln können, was sie wann wie wo wahrgenommen haben und den Kolleg_innen mit aller den Umständen gebotenen Präzision kommunizieren, in welchen darüber liegendem Kontext sie diese Beobachtungen (am ehesten) einordnen.
Es geht also um zwei Dinge: die an einem Objekt wahrgenommenen Eigenschaften und dessen Verwaltung. Nicht mehr, nicht weniger. Es ist relevant, einen Beinbruch diagnostisch von einer Prellung zu unterscheiden, weil die Verwaltung, also der Umgang mit dem Befund jeweils ein anderer sein muss, um das definierte Hauptziel von Behandler_innen zu erreichen: Heilung und, wo diese nicht möglich ist, Palliation.
Die Diagnose „Beinbruch“ sagt nichts über das subjektive Empfinden dessen aus. Sie sagt nicht: „Tut mehr weh als eine Prellung“ und auch nicht „Birgt schlimmere Konsequenzen als Prellung, Verstauchung, Abschürfung…“ Sie sagt nicht einmal „Dr. XY hat auf dem Röntgenbild einen gebrochenen Knochen gesehen.“, sondern „Dr. XY hat das, was sie_r auf dem Röntgenbild gesehen hat, als Bruch eines Knochens interpretiert.“

Damit sind Diagnosen keine Fakten. Egal, ob sie zutreffend sind oder nicht. Egal, wer sie wann nach welcher Untersuchung/Diagnostik wie und warum formuliert hat, hat keine unumstößlichen Fakten oder Wahrheiten geschaffen, sondern eine Beobachtung zusammengefasst, die von vielen Faktoren beeinflusst wurde und auch nach der Diagnostik weiter beeinflusst wird.

Im Lebensalltag sind Diagnosen gewissermaßen Werkzeuge in Laienhänden. Manche benutzen sie genauso effizient und effektiv wie Mediziner_innen oder auch Forscher_innen und manche benutzen sie, um Probleme zu benennen oder auch zu lösen, die mit anderen Werkzeugen besser zu lösen und auch zu benennen sind. Diagnosen sind extrem präzise, Menschen hingegen extrem diffus. Das, was im medizinischen und auch therapeutischen Bereich mit Diagnosen gemacht wird, ist im Alltag nicht gleichermaßen umsetzbar, weil der gesamte Kontext ganz grundlegend anders funktioniert.
Die (westliche) Medizin ist einer extremen Ordnung unterworfen. Das zeigt sich am weißen Kittel und der Personalhierarchie im Krankenhaus genauso wie daran, dass jede Zelle, jeder körperliche wie seelische Vorgang eine eigene, extrem präzise Bezeichnung, Kategorie und Umgangsvorgabe hat. Jemand sagt jemandem ein Wort und ein Zahnrad greift in das andere, damit eine bestimmte Funktion erfüllt werden kann. Es geht immer um befundete Eigenschaften und ihre Verwaltung. Erkenntnis und Ordnung.
Der zivile Alltag hingegen enthält neben Erkenntnis und Ordnung auch noch die individuelle Bedeutung dessen, da hier der soziale Status miteinander verhandelt wird, der maßgeblich zum Erhalt von Macht ist.

Da Diagnosen im medizinischen und therapeutischen Kontext, der an sich bereits vielen Menschen Autorität und also Macht ver_ortet, so eine im wahrsten Sinne des Wortes bestimmende Funktion hat, erscheint es vielen Menschen logisch, diese Funktion könne genau so auch in den Alltagskontext übertragen werden. Die (vermeintliche) Eindeutigkeit von Diagnosen wird als der Diagnose zu eigen betrachtet – nicht dem medizinischen Kontext, die diese Eindeutigkeit erforderlich macht und entsprechend produziert.
Nun führen Diagnosen aber keinesfalls zu bedeutungslosen Wertungen und Einordnungen im Alltagsleben. Schon gar nicht in einem Alltagsleben, das von Gewalt in verschiedensten Formen definiert ist.

So kann es nicht verwundern, dass die gleichen Diagnosen in den unterschiedlichen sozialen Klassen, Schichten, Gruppen… unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben werden.
Wer prekär lebt und entsprechend kaum Zugang zu adäquater Versorgung/Therapie aber auch zu dem Wissen um die mit der Diagnose benannten Beobachtungen hat, bewertet eine Diagnose ganz anders als Menschen, die selbst Mediziner_innen sind oder Zugang zu Geldmitteln haben, die ihnen Zugänge verschaffen. Aber auch soziale Peergroups bewerten sowohl den Umstand, dass man eine Diagnose hat als auch verschiedene Diagnosen unterschiedlich. Vielleicht ist in einer Gruppe eine DIS zu haben ganz üblich und hat die Bedeutung eines Markers für Zugehörigkeit – in ebendieser Peergroup aber ist es vielleicht ein Ausschlussgrund daneben noch eine andere Diagnose zu haben oder ein anderes Symptomwirken als die meisten in der Gruppe zu haben.

So muss die Diskussion um „Lifestyleautist_innen“ und „DIS-Faker“ als etwas (für) wahr.genommen werden, das mit der Gruppenzugehörigkeit der Diskutanten zu tun hat, aber auch mit der Bedeutung von Diagnosen in diesen Kontexten.

Ich habe meine ersten DIS-Fake-Diskussionen als arme, alleinstehende Person Anfang 20 geführt. In Foren, die praktisch mein einziger Sozialkontakt neben denen zu Täter_innen, Psychotherapeut_innen und unsicher gebundenen Betreuer_innen waren. Ich musste meine DIS sehr eindeutig für diese Gruppe kommunizieren – diese Eindeutigkeit war erforderlich, denn menschliche Diffusion war für die ebenfalls komplex traumatisierten Menschen mit DIS in dieser Peergroup nicht auszuhalten. Ein Trigger, der immer, bei wirklich jedem einzelnen Post mit im Raum stand und von allen mit großem Kraftaufwand vermieden wurde. Jede Person, die diesen Code in, sagen wir, zwei, drei Posts nicht zu übernehmen vermochte, wurde mit einem (traumabedingten) Misstrauen beäugt und oft auch schon des Fakes bezichtigt. Und da man nichts beweisen kann, das man nicht ist, blieb dieses Forum auch immer sehr klein. Sehr exklusiv. Die Administratorin dieses Forums hatte irgendwann eine Hierarchie etabliert, die man, wenn es um andere Inhalte gegangen wäre, sehr leicht als faschistoid erkennen hätte können. Man durfte als „normale_r User_in“ gar nicht mehr anders ein.ordnen als in „Fake“ und „echt“ und selbst „richtig“ eingeordnet zu sein war enorm wichtig. So wichtig, dass man Klinikberichte und Überweisungszettel vorzeigen musste, um nicht gebannt zu werden.
Ich konnte mich dem erst entziehen als mir klar wurde, dass ich in dieser Gruppe für meine Heilung mit Ausschluss bestraft werden würde, denn dann stünde in meinen Zetteln nicht mehr DIS, sondern entweder etwas anderes oder auch gar nichts mehr. Und was sollte ich dann in diesem Forum? Ich war da nicht, um meine Diagnose zu zelebrieren.

Sogenannten „Lifestyleautist_innen“ wird genau das übrigens unterstellt:
Sie wollen „den Lifestyle“, aber ohne die Diagnose. Sie wollen behandelt und anerkannt werden als hätten sie eine, aber haben vielleicht gar keine. Sie wollen für Autist_innen reden, aber die Kämpfe von Autist_innen nicht kämpfen (z. B. den Kampf darum überhaupt gehört (und verstanden) zu werden).
Soweit die Vorwürfe, die ich bisher so wahrgenommen habe.
Für mich zeigen sich darin sehr viele interessante Annahmen. Allein schon die Idee mit einer Diagnose sei ein (erstrebenswerter?) Lifestyle verknüpft, den man wählen könne, weil er sich durch die Diagnose ergibt und nicht durch die Schwierigkeiten/Besonderheiten/Behinderungen/Notwendigkeit zur Kompensation der Dinge, die beobachtet und mit einer Diagnose mit.teilbar gemacht wurden.
Es zeigt sich aber auch hier die soziale Bedeutung der Diagnose. Es gibt Menschen für die eine ASS-Diagnose die gleiche Eindeutigkeit wie Fakten und also gewisse Wahrheiten hat. Und viele dieser Menschen verknüpfen diese Eindeutigkeit mit Autorität und damit der Macht Anspruch auf Vorrechte zu erheben; der Macht (über) andere Menschen zu be.stimmen; der Macht andere Menschen mit der gleichen absoluten Gewalt zu ordnen, wie es die Medizin zum Beispiel tut, um systematisch Wissen zu schaffen und mitzu.teilen.

An dieser Stelle ist wichtig zu verstehen, warum ich immer wieder auf die Autorität der Medizin zu sprechen komme.
Die Medizin und ihre Fachgebiete (zu denen ich hier die Psychologie hinzuzähle, obwohl sie üblicherweise anders kategorisiert wird) sind nicht und waren nie gewaltfrei, heile heile Segen und warme Worte zum Geleit, deshalb haben sie den Stellenwert, den sie heute haben. Ja, Medizin macht vieles gut, was vorher schlimm war, Mediziner_innen sind extrem gut ausgebildete Menschen mit enorm viel Wissen, von dem alle profitieren und die meisten Mediziner_innen setzen ihr ganzes Wissen und Können ein, um zu helfen und zu heilen.
Das löst sie jedoch nicht aus dem Kontext einer Ordnung, in der menschliche Diffusion missachtet, beschnitten, zuweilen sogar negiert werden muss, um zu funktionieren. Und auch nicht aus der Autorität, zu der Mediziner_innen gemacht werden und die manche von ihnen auch wollen/wünschen/einfordern/als natürliches Recht wahrnehmen.
Aber auch nicht aus dem Kontext des Alltagslebens, in dem die Medizin einen auch sozial ordnenden Platz hat.

Medizinisches Wissen gibt Sicherheit durch den Eindruck von Orientierung (durch ihre Ordnung). Menschen, die schwer verständliche medizinische Inhalte vermitteln können, Menschen, die als Erfahrungsexpert_innen sowohl die eigene Erlebenswelt mit einer Krankheit/Störung/diagnostizierbaren Varianz als auch dessen Verortung in der Medizin kennen und mit.teilen können, profitieren von der Rolle der Medizin im Alltagskontext. Sie werden von Geordneten zu Ordnenden. Vom Objekt zum Subjekt in einem Gebilde, das zu Tode erschrecken würde, hätte es nicht schon so viel Gutes für Menschen ermöglicht.

Wer Menschen Diagnosen abspricht oder zuweist, tut das praktisch nie aus Gründen der Verbindung oder Einung, sondern immer aus Notwendigkeiten heraus. Etwa, weil man Diagnosen mit Charaktereigenschaften oder Markern für soziale Zugehörigkeit verwechselt oder weil man die Macht der Autorität ge.braucht. Oder, weil eine Diagnose möglicherweise das einzige ist, das man mit anderen Menschen teilt (oder glaubt zu teilen) und sich (und den eigenen Lifestyle) darüber definiert. Das erscheint manchen Menschen vielleicht erbärmlich, weil eine Diagnose in der Regel sehr wenige Eigenschaften umfasst – aber im Fall einer ASS (und auch einer DIS und anderen „Störungen“) handelt es sich um Clusterdiagnosen, die sehr viel vom Er_Leben einer Person umfassen und benennen.

Problematisch in der Lifestyleautist_innen-Debatte ist für viele Leute der Alltagskontext, in dem sie passiert. In diesem als Betroffene_r (oder Angehörige_r die_r entitled genug ist, sich wie selbst betroffene Menschen zu äußern) aufzutreten und zu bestimmen, wer autistisch ist und wer nicht, negiert, dass Diagnostik eine soziale wie medizinische Ressource ist, die ungleich verteilt und ungleich zugestanden wird – aber auch ein Instrument der Ordnung und damit Gewalt ist.
Menschen, die wissen, dass sie autistisch sind, aber keine Diagnose darüber wollen existieren und die haben jedes Recht sich zu verweigern – und jede Unterstützung zu erhalten, die sie brauchen, um gut zu leben.
Ja, Formalitätendeutschland mit seiner Zettelgewaltwirtschaft konditioniert lehrt uns, dass wir ohne Autorität (ohne Experteninstrumente wie eine Diagnose zum Beispiel) keine Ansprüche erfüllt bekommen, das ist aber keine Aussage über die Legitimität von Ansprüchen an sich. Einigt man sich darauf, dass alle Menschen das Recht auf ein gutes Leben haben, kommt man nicht umhin festzustellen, dass bürokratische Strukturen allein nicht das Mittel sein können dieses Recht durchzusetzen. Schon, weil es auch hier um präzise Ordnung geht, die menschlicher Diffusion nicht entspricht, sie wohl aber verwaltet und also ordnet.

Dies gilt übrigens auch für Menschen, die sich selbst diagnostiziert haben und Menschen, die eine Diagnose erhalten haben, für die ihrer Ansicht nach nicht genug oder die falschen Aspekte ihres Leidens oder Seins einbezogen wurden.
Ja, man bekommt keine kassenfinanzierte Therapie ohne Diagnose, man bekommt aber auch keine Schokolade ohne zu bezahlen. Sich für oder gegen eine Diagnose zu entscheiden bedeutet also auch, sich für oder gegen eine Einbeziehung in Kontexte, die, ob krass oder nicht krass, schmerzhaft oder hilfreich für eine_n selbst, gewaltvoll sind, zu entscheiden.
Es hat derzeit, in diesen unseren gesellschaftlichen Verhältnissen, keinen Sinn sich ohne offizialisierte Diagnose hinzustellen und Umgänge mit sich zu fordern, die Behandlung, Unterstützung oder auch professionelle Pflege beinhalten, wenn man sie vom Staat oder der Krankenversicherung bezahlt bekommen muss. Eine von Expert_innen gestellte Diagnose ist in diesen Kontexten ein Marker mit Funktion – sagt aber wiederum nichts über die Menschen, die sie bekommen haben. Mit allen schlimmen wie vorteilhaften Konsequenzen.

Wo aber hat es Sinn Umgänge zu fordern, ohne eine solche Diagnose vorzuweisen?
Richtig: im nicht medizinischen oder bürokratischen Alltagskontext. In der eigenen Familie, bei Freund_innen, bei Kolleg_innen, in den Bereichen des Lebens, die man selbst mit anderen Menschen gestaltet, ohne von medizinischer oder bürokratischer Ordnung eingeschränkt zu werden.
Diese Kontexte sind die letzten kleinen Räume für Freiheitspraxis, die man in unserer Gesellschaft noch hat und man sollte sie sich meiner Meinung nach unbedingt freihalten von gewaltvoller Ordnung und Gewalt.
In diesen Räumen muss Diagnosen nicht das gleiche Gewicht, die gleiche Bedeutung, zukommen wie im medizinischen oder bürokratischen Kontext. Es muss okay sein, Diagnosen zu benutzen, um sich der eigenen Diffusion anzunähern oder eigene Eigenschaften zu benennen oder zu verstehen und gleichzeitig muss man sich bewusst sein und anerkennen, dass eine Diagnose in diesem Kontext einfach nicht mehr leisten kann als das. Sie kann einfach nicht bedeuten, dass alle Freund_innen darauf reagieren wie Diagnostiker_innen oder Behandler_innen oder, dass Menschen, die ihre Diagnose ausschließlich im Behandlungskontext nutzen oder benutzt erleben, sich den Menschen gleich fühlen, die sie nur im freien, privaten Alltagskontext ge.brauchen.

Ich merke bei mir selbst, dass ich meine ASS Diagnose und ihre Bedeutung für mich im Alltagskontext besonders gut mit erwachsenen Autist_innen besprechen kann, die wie ich erst später im Leben diagnostiziert wurden. Nicht, weil ihre ASS meiner gleicht, sondern weil sich die Erfahrung der Konfrontation und zuweilen radikalen Umdeutung einiger Eigenschaften ähnelt. Es geht also nicht um die Diagnose an sich, erfordert aber die Erfahrung des spät diagnostiziert worden seins. Damit sagen wir nicht, dass andere Leute mit ASS nichts mit uns zu tun haben sollen und erst recht nicht, dass wir Selbstdiagnostik für Lifestyle-Seeking halten, weil nur Autist_in ist, wer vor dem fünften Geburtstag von zwei Psycholog_innen und drei Psychiater_innen diagnostiziert wurde – damit wollen wir aber auf jeden Fall sagen, dass wer dies vertritt, sich aus unserem Freiraum raushalten soll. Denn ja, sicher gibt es irgendwo irgendwen die_r das aus Gründen behauptet, aber hier bei uns, in unserem kleinen Raum für Freiheitspraxis und Leben um des Lebens willen, spielt das keine Rolle und soll auch nie eine spielen.
Das haben wir so entschieden, weil wir das hier so entscheiden können und niemand dabei zu Schaden kommt.
Ja, damit machen wir etwas an der Repräsentation von autistischen Menschen; ja, damit stellen wir uns nicht immer an die Front aller Versorgungskämpfe und ja, vermutlich kreieren wir damit einen ziemlich netten Lifestyle, um den uns andere beneiden. Aber ey – was ist kaputt in deinem Life, wenn du anderen Leuten neidest, dass es ihnen einfach ok geht, sie einfach eingebunden werden, sie einfach mit.teilen dürfen, wie es ihnen mit Dingen geht und was sie sich wie wünschen?

Sicher nicht, dass du eine offizielle Diagnose hast und sie (vielleicht) nicht.

der Thread, in dem Hannah aufschrieb, dass Inklusionsaktivismus nur wie ein Serviervorschlag funktioniert

Ich habe gestern diese Grafik von @PacingPixie bei Instagram entdeckt und sie bei Twitter ausformuliert. Lief nicht. War klar. Ist trotzdem wichtig, deshalb hier nochmal. Für mich, für euch, for whom it may concern. Mit weniger Fehlern und einigen Ergänzungen.
3 Kreise, die sich alle überschneiden und 4 Flächen ergeben1. Does not confront ableism2. Productive under capitalism3. Appearance aligns with beauty standardsergibt 4. Palatable disabled people
Für uns zeigt dieses Bild die deutsche Inklusionsbubble.
Wir haben sie oft kritisiert, aber nie mit den Worten „konfrontiert Ableism nicht“. Aber es ist so wahr! Aufklärung darüber, was Ableism ist; reverse „Witzigkeit“
über ableistische Praxis; sarkastisch-zynische Antworten auf ableistische Diskriminierung sind keine Konfrontation. Das ist Aufzeigen, aufklären, erklären. Und ja, das kann für Leute, die leugnen oder vermeiden wollen, konfrontierend wirken, hat am Ende aber doch immer eher die Wirkung wie der Hinweis „Serviervorschlag“ auf Fertigessen: Man formuliert das Offensichtliche (nämlich, dass Dinge anders sein könnten, als sie es sind, wenn man nichts damit macht), weiter nichts.
Ableism im Grundsatz zu konfrontieren ist etwas, dass (sich) die meisten behinderten (rassistisch, klassistisch … diskriminierten) Leute gar nicht leisten können, denn wir leben in einer Gesellschaft, in der praktisch jede Infrastruktur, jede Interaktion auf dem basiert, was Diskriminierung bewirkt: Ein globales Ungleichgewicht der Macht und also Einflussbereiche und also Kapital, das diese Position sowohl etabliert als auch stabilisiert und sichert (und also auch erweitern hilft). Sich dagegenzustellen, kann jede Lebens- und Schutzgrundlage entziehen und also Lebensgefahr bedeuten.
>Ich weiß, dass das, was ich hier gerade aufschreibe 0 anschlussfähig ist. 0 Mainstream. 0 Komma 000 einfach verständlich, aber genau das ist, was Ableism ist und für behinderte Menschen bedeutet. Das muss konfrontiert werden – da muss der Kampf, wenn man findet, dass es einen braucht – hin. Weg von individuellen Umgängen damit, wie es ist, man zum tausendsten Mal erklärt hat, dass man XY nicht kann oder AB braucht, um Zugang zu bekommen. Weg davon, sich möglichst edgy auszudrücken, wenn jemand übergriffig war oder wenn man nicht zeigen will, dass die Briefe vom Sozialamt richtig krass weh tun oder nerven oder unsinnig sind – gerade, weil man weiß, dass sie eine_n da entmenschlichen.
Wir müssen dahin kommen, zu sagen: „Ich werde ohnmächtig gemacht – ich werde entmachtet, weil ich behindert/chronisch erkrankt bin – mir werden Menschenrechte nicht
gewährt, weil mächtige Menschen etwas davon haben, dass ich behindert bin.“ Als Beispiel. <
Zweiter Punkt: Ist euch aufgefallen, dass die behinderten Aktivist_innen, die ihr im Fernsehen oder im Netz total oft seht, einen Job haben oder ihren Aktivismus zum Beruf gemacht haben (machen mussten)? Ist ein Privileg. Eins, das die wenigsten behinderten Leute haben und das, worüber man aber noch am ehesten relatable für Leute ist, die Behinderungen leicht und einfach kompensieren können. So genannte „Nichtbehinderte“, die DER Maßstab sind. Immer noch. Bei allem. Auch für Sender und Sponsoren. Zum Beispiel.
>Ich halte es für wichtig das aufzuzeigen, weil es bedeutet, dass das eine Achse ist, über die behinderte Leute benutzt werden, während sie für ihre Sache eintreten und dass es also vermutlich total egal ist, ob man in der Rolle über Inklusion und Menschenrechte redet oder eine Erklärfunktion hat oder als Diversity-Marker platziert ist. Jede wie auch immer gestaltete Öffentlichkeit ist in erster Linie von und für das „nicht behinderte“ Publikum gemacht und ja, nein, man wird nicht öffentlich, prominent, berühmt, Publikumsliebling oder eine Stimme, auf die alle hören, wenn man dieser Öffentlichkeit sagt, dass sie 24/7 Unrecht tut (obwohl sie das in der Regel gar nicht will und bewusst bemerkt) und praktisch alles, worauf ihr Welt- und Wertbild fußt sich ändern muss, um das zu beenden.<
Der dritte Punkt: Schönheit. Der Freund hat mir das neulich ganz selbstverständlich aufgezeigt, als ich mich darüber aufgeregt habe, wieso so viele Leute, einer unangenehmen Inklusionsbubbleperson folgen. „Ja, guck sie dir doch an.“
Soziales Kapital über Style zu generieren, geht in Zeiten der Hyperindividualisierung total einfach. Klar hilft es, wenn dein Körper normschön ist, aber wer, wenn nicht behinderte Leute können völlig logisch legitimiert ihren ganz eigenen Style fahren und damit anziehen?
>Ja, viel davon kommt aus der Not und ist keine freie Entscheidung, aber das war auch noch nie anders. Looking at Schwarze Leute, at arme Leute etc. deren Styles sich auch so entwickeln bis sie von mächtigen (weißen, reichen) Leuten übernommen werden, weil es das ist, was sie tun und nur so legitimieren können, dass die deren Style sie übernohmmen und verzerrt haben, überhaupt so aussehen dürfen, wie sie es tun. Bedeutet: Ja, du hast vielleicht keine 90-60-90 mit thigh-gap und Zähne wie ein Gartenzaun, aber deine bunten Haare und die Exzentrik deiner Musterwahl ist für viele Leute einfach nachzumachen – sie können dich spiegeln und dir deshalb nachsehen, dass du behindert bist. So können sie dich als Mensch annehmen und denken – und eben nicht einfach, weil du tatsächlich einer bist.<
Und so, dieser Gemengelage entstehen tatsächlich die „palatable disabled people“ – die angenehmen behinderten Leute, die den Leuten, die an ihrer Diskriminierung aktiv wie passiv beteiligt sind, schmackhafte Inklusionshäppchen servieren. Kostenlos. 24/7. Ohne Kante, ohne Aua, ohne den Gesichtsverlust, der damit einhergeht, wenn man anerkennt, dass man mit behinderten Menschen umgeht als wären sie eigentlich, ja so richtig wirklich, keine Menschen.
Keine Ermächtigung entsteht durch Einsicht der Mächtigen in ihre Privilegien und Verfehlungen. Niemand wird kommen und sagen: „Aah, ja, jetzt hab ich verstanden, wir müssen alles von Grund auf ummodeln und anders denken, damit alle teilhaben können und gleiche Möglichkeiten haben, alles zu machen, was sie wann wie wo wollen – ja dann mal los.“
Won’t happen.
Ich will mit dem Thread sagen, dass wir wegen der Unkonfrontierbarkeit nicht vorankommen mit unseren Forderungen als Aktivist_innen für Inklusion. Seid schön, arbeitet, macht mit ~“Nichtbehinderten“~, was ihr wollt, aber tut nicht so, als würdet ihr damit voll was gegen Ableism machen.
Ableistische Diskriminierung entsteht nicht aus einem Bildungsdefizit darüber, dass es Ableismus gibt oder welche Formen er hat oder mit welchen Worten er kommuniziert wird, sondern aus der ganz alltäglichen Erfahrung, dass jede_r in den Arsch gebissen ist, wenn sie_r irgendetwas (noch) (niemals) so kann, wie es erwartet wird – und dass das niemanden schert außer alle anderen Gebissenen.
Man kann immer nur etwas gegen den Ableismus machen, den man selber hat und den man selber ausübt. Niemand wird etwas gegen Ableismus machen, solange man so viel davon hat. Egal, ob behindert oder (vermeintlich) nicht.
Und ja, so leid es mir tut: Die deutsche Inklusionsbubble, der ganze „Wir machen hier Inklusionsaufklärung, guck der Rollifahrer da ist unser Moderator und der erzählt uns was über seine Arbeit für die Gesellschaft“-Apparat, hat ebenfalls voll was davon, dass es Ableismus gibt.
Und das ist ein Problem.

Hartzjahre

Unsere Betreuerin rief am Dienstag an, um uns zu sagen, dass es noch nichts Neues vom Jobcenter gibt.
Das ist, was sie uns seit August bei jedem unserer Termine sagt. “Ich habe den Antrag, die Anfrage, die Nachfrage, die Forderung geschickt – es gab noch keine Rückmeldung.”

So kennen wir das. Diese boden- wie himmellose Weite des Kontaktes mit der Behörde, die uns die Existenz finanziert. Das Gefühl, mit einer Maschine ohne Ohren zu sprechen. Der Eindruck von Haltlosigkeit, der zur Fassungslosigkeit wird, wann immer dann doch eine Antwort kommt, weil es darin nie um uns, sondern um das System Hartz 4 geht.

Wir beziehen seit bald 15 Jahren Hartz 4. Noch nie waren wir mit Untätigkeitsverhalten der Behörde konfrontiert. Der Schweigestrafe. Danach fühlt sich das für uns an und löst Erinnern an traumatische Erfahrungen aus. Die Bodenlosigkeit wird unendlich. Die Haltlosigkeit zu dissoziativem Erleben. Irgendwann geht es nicht mehr um das Geld, mit dem unsere Existenz finanziert wird, sondern um alles. Leben oder Tod.

Trotz der langen Bezugszeit leben wir nicht prekär. Wir sind arm, ja. Aber wir sind gebildet. Und wir kommen nicht aus der Armut. Unser Habitus ist bürgerlich, typisch für die Mittelklasse. Und wir sind weiß.
Unsere Hartzjahre sind für die meisten weißen Mittelklassenleute Unfairjahre. Realhorror. Boah-das-könnt-ich-nicht-Jahre. Und deshalb könnten unsere Hartzjahre gut in ein Buch passen, das im Feuilleton besprochen wird.

Wir Langzeitarbeitslosen, die dem Klischee vom dummen Ekelfaulenzer nicht entsprechen, sind oft diejenigen, die in Zeitungen zu sehen sind. Deshalb sind wir die, mit denen sich “die Leute” noch am ehesten identifizieren können.

Diese Identifikation stellt sich für uns als hinderlich dar.
Denn wir sind nicht durch einen unfairen Schicksalsschlag, durch Nichtanerkennung unserer ausländischen Bildungsabschlüsse oder bereits chancenlose Eltern im Leistungsbezug. Wir sind Opfer von Gewalt gewesen und schwerbehindert.

2005 waren wir 19 Jahre alt und noch 2 Jahre vom Ausstieg entfernt.
Wir wurden ausgebeutet und verletzt. Betreut, behandelt und so davor bewahrt, uns das Leben zu nehmen. Der Antrag auf Hartz 4 wurde nötig, weil Hartz 4 gerade eingeführt worden war. Wir waren noch in der Jugendhilfe, später in der Eingliederungshilfe. Dass wir kaum lebensfähig waren, das war so überdeutlich klar, aber dieses System hatte schon damals keinerlei andere Vorgänge für Leute wie mich, als den der permanenten Prüfung auf Arbeitsfähigkeit.

Immer wieder waren wir damit konfrontiert, keinerlei Wert für diese Behörde zu haben, weil wir keinerlei Arbeitsfähigkeit vorweisen konnten. “Sie arbeiten weiterhin an ihrer Stabilisierung”, sagten meine ständig wechselnden und dadurch zunehmend gesichtslos werdenden Sachbearbeiter_innen für die aktiven Leistungen.

Und wir stabilisierten uns. Stiegen aus. Begannen zu heilen. Wuchsen aus der Opferrolle in die Überlebendenrolle in die Selbstbestimmung hinein, die unsere Kontexte gewähren können.
Arbeitsfähigkeit war und ist immer ein Teil dessen, worauf wir hingearbeitet haben.
Wir erwarten von unserer Umwelt nicht, dass sie einfach alles für uns bezahlt. Dass wir in irgendeiner Form von der Gesellschaft, die zugelassen hat, dass unsere ersten 21 Lebensjahre so passieren konnten, wie sie es taten, aufgefangen und aus_gehalten werden. Wir empfangen keine Leistungen und danken dem Sozialstaat. Wir bekommen Geld und manchmal fühlt es sich wie damals an, als uns die Leute, die uns verletzten und benutzten Geld dafür auf den Tisch legten. “Mach damit was du willst, Fickstück.”

Unsere Hartzjahre waren noch nie wie in unserer Kindheit. Immer nur wie die Ausbeutungskontexte danach.
Einfach ins Leere zu fassen wie jetzt, ist ganz eindeutig Kindheitstrauma_wieder.er.leben Keine Ansprechpartner_in zu haben, die irgendetwas verändern kann. Zuständig, ja sogar in der Pflicht ist, zu antworten und sich zu kümmern. Keine Macht zu haben, selbst etwas an der Lage zu verändern, weil die Abhängigkeit so groß ist. Und einzig die Wahl zu haben, sich vom Wohl und Wehe einer weiteren Instanz, nämlich der Justiz, abhängig zu machen, um eventuell vielleicht – mit ungewissem Ausgang, keinerlei Garantie und möglicherweise unangenehmen sozialen Folgen – zu erwirken, dass da etwas passiert.

Man sagt uns, dass das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Erinnert uns daran, dass wir betreut werden, dass wir versorgt sind, auch wenn die Behörde versagt. Versucht, uns die Unterschiede klar zu machen.
Aber darum geht es gar nicht. Das ist nie der Kern unserer Traumatisierungen gewesen. Es ging nie darum, dass uns Menschen verletzt haben oder passiert ist, was passiert ist.
Es geht immer um diese Stille. Diese Leere. Dieses Moment, in dem nichts mehr gespürt werden kann, weil es insgesamt zuviel zu spüren gibt.

Von “unseren Hartzjahren” zu sprechen, bedeutet auch von “unseren Jahren in struktureller Gewalt, die von allen gleichermaßen mitgemacht wird” zu sprechen.
Hartz 4 wird vom Staat finanziert. Wir alle bezahlen Hartz 4. Wir alle bezahlen für die Ausübung struktureller Gewalt durch Jobcenter, Sozial- und Versorgungsämter. Niemand ist unschuldig. Alle sind schuld daran.
Und es ist die gleiche Schuld, wie die an unserem Bluten als Kind, unserer Ausbeutung als Jugendliche_r, der Lebensgefahr, mit der wir bis heute umgehen.

Und, na klar, könnten wir das alles bequemer formulieren. Könnten die Gewalt an uns individualisieren und sagen, dass nur unsere Herkunftsfamilie und Fremde uns verletzt haben. Aber so war es einfach nicht. So ist es einfach nicht.
Gewalt wird gemacht. Auch durch stumme Zeug_innen, die glauben, sie hätten nichts damit zu tun, weil sie weder uns noch die, die an uns zu Täter_innen wurden, kennen.
Das zu benennen, haben wir uns zum Auftrag gemacht. Auch, weil die Menschen in unserem Leben nicht müde werden uns zu sagen, dass sie sehen, wie schlimm das alles ist. Wie unfassbar brutal und ängstigend.
Wir brauchen sie aber nicht nur als mitfühlende Zeug_innen. Die hatten wir schon als Kind. Als Jugendliche. Als junge Erwachsene. Als von-der-Gewalt-Übrige. Und es ist trotzdem passiert. Mit allen Schmerzen, allen körperlichen, wie seelischen Folgen.

Wir brauchen Unterstützer_innen. Brauchen politisches Handeln.
Brauchen, dass die Gewalt an sich anerkannt und in der Konsequenz beendet wird.
Und zwar nicht auf dem leichten Weg durch Reformen mit einem freundlichen Namen, sondern durch die harte, unnachgiebige Debatte um den Wert von Menschenleben, Würde und die Sicherstellung von bedingungsloser Versorgung aller Menschen, mit denen wir zusammenleben. Sei es in unserer Stadt, unserem Bundesland, unserem Land, unserem Staat, unserer Welt.

Wenn es uns wirklich ernst damit ist, niemanden verletzen, demütigen oder sterben lassen zu wollen, dann wird es Wege und Mittel geben, das auch ohne Gewalt zu schaffen. Wenn nicht, dann muss das Grundgesetz umgeschrieben werden. Dann muss sich von der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte distanziert werden. Dann braucht es das Bekenntnis zur Täter_innenschaft. Zur Gewalt, zur Zerstörung.

An dieser Stelle darf es kein Spektrum mehr geben, in dem man sich mit Feigenblatt und 3-Affen-Ignoranz positionieren kann. Denn aufgrund genau dieser Optionen entstehen Leben wie unseres. Erfahrungen und Kontexte, in denen normal ist, was wir überlebt haben und so viele andere Menschen Tag für Tag nicht überleben können. Aus genau diesem Umstand heraus, gibt es überhaupt nur die Chance zu glauben, es wäre genug, vor allem auch Langzeit-Hartz4-Überlebenden, zu sagen, dass man sieht und glaubt, wie schlimm das alles ist.
Dass es reicht Kinderschutzkonzepte zu etablieren. Dass es reicht, Seenotrettung nicht zu illegalisieren. Dass es reicht, sich daran zu erinnern, dass wir alle Menschen sind. Dass es reicht, wenn wir nicht die AfD wählen. Dass es reicht, ein Mal am Tag die Tagesschau zu gucken. Dass es reicht, ein absolut zu bewahrendes Existenzminimum für jede_n Einzelne_n zu definieren. Dass es reicht gegen Kapitalismus zu sein.

Das tut es nämlich einfach nicht.
Man muss sich fragen, was man statt der Gewalt will.
Wenn wir unsere Menschen fragen, was sie sich für uns statt Hartz 4 wünschen, dann antworten sie, dass sie uns einen Job wünschen. Geld. Sicherheit. Autonomie. Dass wir leben können wie sie.
Und wir fühlen uns schlecht dabei. Denn wir wollen Sicherheit und Autonomie – aber ohne jede Bedingung dafür erfüllen zu müssen. Wir wollen, was wir schon als Kind so unbedingt gewollt und gebraucht haben – was alle Kinder so unbedingt wollen und für ihr Überleben brauchen: bedingungsloses Miteinander. Fürsorge, Versorgung, Stimulation.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es das nicht gibt. In der alle jeden Tag in dem Wunsch nach Bedingungslosigkeit enttäuscht werden und manchmal so sehr, dass man sich über kleinste Stückchen davon so sehr freut, dass es eine Welt wird.
Wir finden das traurig. Denken, dass Menschen das besser hinkriegen könnten.
Wenn sie wollten.

Und wenn sie könnten, wie sie wollten.
Bedingungslosigkeit geht aber nur mit Bedingungslosigkeit.
Und genau die gibt es in unserer Kultur, unserem Miteinander gerade nicht.

Wir sind am Arsch.

Hello and thanks for coming to my TedTalk

„hey there – look at my butt – whoohoo“*

Vor Kurzem wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass eine Veranstaltung der „Rhein-Main-Skeptiker“ bei der auch L. Benecke von der „Satanic Panic reloaded“ sprechen würde, nach vielstimmigem Protest von Opferschutzorganisationen und Gewaltbetroffenen abgesagt wurde.
An sich schon ein Ereignis – doch kurz darauf veröffentlichte die Betreiberin M. Kreusel von „Blumenwiesen“ (einer schon lange laufenden Webseite zu Themen rund um Traumafolgen und Persönlichkeitsstörungen) einen offenen Brief (bei Facebook) an M. Huber (ihres Zeichens Pionierin auf dem Gebiet der Traumaforschung und Psychotherapeutin) und unterstellte ihr persönlich, „die Aufklärung“ zu stören.

Interessant ist an der ganzen Geschichte eigentlich nichts, wäre da nicht der von allen Parteien als Begründung für das eigene Handeln herangezogene Opferschutz.
Und wäre es nicht genau das, was damals in den 80er Jahren überhaupt zur ersten sogenannten „Satanic Panic“ geführt hat.

Keine Ahnung, worum es dabei ging? Kein Problem – die Times hat eine Retrospektive dazu veröffentlicht:

 

Interessanterweise sprechen manche Journalist_innen heute auch von einer „moral panic“, wenn es darum geht, was damals passiert ist. Hier in Deutschland würde man von einer „Massenhysterie“ sprechen. Wenn man misogyn ist. Ich nenne es „logische Folgen von systematischem Versagen sämtlicher Strukturen“.

Logisch deshalb, weil sexualisierte Gewalt in den 80er Jahren noch ein viel größeres Tabu, noch viel mehr mit Sexualität verknüpftes Thema war und es schlicht keinen etablierten, an Kindern, an Medien, an dem Rechtssystem erprobten Umgang mit Fällen (organisierter) sexualisierter Gewalt an Klein.Kindern gab.

Es war eine von Gefühlen und (eigenen Opferschaftserfahrungen) geleitete Welle, die diese Lücken damals aufzeigte (und die Weiterentwicklung anstieß) und es sind selbst ernannte „Skeptiker“, die bis heute, aller Forschung, aller Weiterentwicklung und aller bisher geschehener Rechtsprechung zum Trotz, immer noch verbreiten, dass Meldungen über (organisierte (rituelle)) Gewalt an Kindern „skeptisch“ zu begegnen sei. Was in ihrer Welt soviel heißt wie Einzelpersonen und Betroffene, die dazu seit Jahren und Jahrzehnten forschten, arbeiten und aufklären, bloßzustellen, zu beschämen und sich ihnen ergo gewaltvoll gegenüber zu verhalten. Weil man ja die „echten Opfer schützen“ will.

Für mich wirkt das, als hielte es jemand für schlau ein Haus anzuzünden, um zu verhindern, dass sich da drin jemand am Herd verbrennt.
Und es ist ein Verhalten, dass mich an das „Oh, my, God Becky – look at her butt – Its so big„- Meme erinnert.

Das Meme der beiden weißen jungen Frauen, die den Po einer schwarzen Frau auf eine abwertende, herablassende Art kommentieren. Ganz so, wie man das eben tut, wenn man sich kolossal überlegen fühlt, aufgrund von wirkmächtigen Strukturen wie Rassismus in dem Beispiel.

Nun kommentiert L. Benecke nicht den Körper von Personen, auf die sie offensichtlich aus Gründen von ableistischer bzw. saneistischer Haltung herabsieht, sondern die Personen als Ganzes. Etwas, das man als professionell arbeitende Psychologin vielleicht mal reflektiert oder eher nicht auch noch aufzeichnen lässt.
Schon der Umstand, das eigene „Aufklärungsprogramm“ auf Füße zu stellen, die in den 80ern und 90ern vielleicht noch Halt gefunden hätten, in den 2010er Jahren, aber nicht mehr, zeigt vor allem das: Selbstüberschätzung durch Blasendynamik. Denn sie spricht in keinem Fall für die Opfer von Gewalt, oder „die Wissenschaft“, sondern für Selbstversicherung vor Leuten in ihrer Privilegienblase. Weiße Akademiker(_innen), die sich selbst aufgrund ihrer Meinungen und Werte als nicht so dumm/verblendet/beeinflusst sehen, wie „die Anderen“. Die Spinner, die Verschwörungstheoretiker, die Nichtwissenschaftler, die Kranken, die Verrückten, die ihres Respektes, ihrer Achtung nicht würdigen Leute.

Hier wollen also Leute, die sich gewaltvoll gegenüber anderen Leuten verhalten, etwas für die Opfer von Gewalt tun. Ja herzlichen Dank, ich verzichte. Egal, wie „fundiert“ ist, was sie formulieren. Egal, wie richtig und wichtig Zweifel und rationale, wissenschaftliche Prüfung bestimmter Aspekte ist.
Wenn das nur passiert, um sich selbst zu versichern und andere Menschen runterzumachen, dann geht es nicht darum, was ~wirklich~ passiert ist oder um den Schutz Gewalt.üb.erlebender, sondern um das, was Gewalt von jeher in diese Welt bringt und darin hält.

Aus dem Grund ist der offene Brief von Webseitenbetreiberin Kreusel so irritierend wie symptomatisch für die Folgen des Opferschutzversuchs der Skeptiker.
Man sollte ja meinen, dass jemand, die_r Verschwörungstheorien gegenüber skeptisch ist, erkennt, wenn sie_r selbst eine produziert bzw. vertritt. Aber nein, offensichtlich verschwören und spinnen in dieser Blase tatsächlich immer nur „die anderen“ auf Kosten Dritter.

Eine nachwievor verbreitete Lüge ist zum Beispiel die, dass es so etwas wie „falsche Erinnerungen“ gibt.
Hier werden zwei völlig verschiedene Komplexe miteinander vermischt und dank einer Medienlandschaft, die es seit Jahren nicht schafft, die bereits geleistete Forschung dazu zu kommunizieren, der False Memory-Truppe und nun auch noch „Skeptikern“ immer weiter am Leben gehalten.
Wie in der Retrospektive der Times beschrieben, ist es nicht schwer – und war es speziell in den 80ern und 90ern nicht schwer, wo es die Erfahrungsgrundlage einfach noch nicht gab – durch bestimmte Fragestellungen und Behandlungsmethoden Menschen dazu zu bringen, bestimmte Dinge als erinnert zu äußern.
Das macht diese Dinge aber nicht zu Erinnerungen. Weder richtigen/echten noch falschen/unechten.

Das aufzuklären passt anscheinend irgendwie nie in einen Skeptiker- oder False Memory-Vortrag von einer Stunde und mehr, zu wohlig anscheinend das Gefühl sich schon seit gut 40 Jahren als letzte Bastion des Rationalen zu inszenieren und sich darin gegenseitig zu bestärken.

In ihrem Brief gibt sich Kreusel als Betroffene zu erkennen, die etwas gegen Behandlungsmethoden machen möchte, die sogenannte „falsche Erinnerungen“ fördern und deshalb die Skeptiker und Vorträge wie die von L. Benecke unterstützt – aber Leuten wie M. Huber, die seit Jahrzehnten an vorderster Front daran arbeiten, dass es vernünftige, passende, bedarfsgerechte Behandlungen für Opfer von Gewalt jeder Art gibt, vorwirft, die Aufklärung zu stören bzw. verhindern zu wollen.

Eine interessante Entscheidung ist das. Sich lieber an weiße Beckys hängen, als an Leute, die allen Widrigkeiten zum Trotz in bald 40 Jahren eine Datenlage erschaffen haben, die erheblich viel schmerzhaftere Schlüsse zulassen als den, dass es „die satanistische Weltverschwörung“ gar nicht gibt und, dass es Menschen gibt, die fabulieren oder lügen, um sich selbst (vor gewaltvoll handelnden Therapeut_innen und Bezugspersonen, also: Autoritäten) zu schützen.

Als Gewaltbetroffene, die mit schwerwiegenden Folgen der Gewalt lebt, ist es ungleich schmerzlicher für mich miterleben zu müssen, wie sich hier um etwas bemüht wird, das zu genau nichts führt, was es mir leichter macht kompetente Traumatherapeut_innen zu finden; was es mir ermöglicht unterscheiden zu können, welche Behandlungsmethoden eigentlich mehr wie Folter auf mich wirken könnten oder, was es mir ermöglicht klar und sicher einordnen zu können, welche Rückschlüsse ich aus meinen Erinnerungen und der Art wie ich erinnere, ziehen kann, ohne fürchten zu müssen, dabei Fehlschlüsse zu machen.

Als Gewaltbetroffene brauche ich niemanden mehr, die_r mir sagt, dass ich niemandem vertrauen kann.
Ich brauche niemanden mehr, die_r mir sagt, dass ich nicht einmal mir selbst vertrauen kann.
Ich weiß schon immer, dass es niemals ich bin, die irgendetwas davon hat, wenn Leute mich für ihre Privilegien und deren Erhalt miss.ge.brauchen oder instrumentalisieren.
Ich weiß, dass die Welt kompliziert ist und niemand jemals da sein wird, die_r sie mir zeigt, wie sie „in Wirklichkeit ist“.

Das sind Wahrheiten, zu denen ich durch meine Gewalterfahrungen gekommen bin und wie sie viele andere Gewaltüberlebende auch in sich tragen. Niemand von uns braucht Skeptiker, False Memory oder inkompetente Psychotherapeut_innen, um uns durch eine („DIE EINZIG WAHRE!!!“) Erklärung der Welt zu schützen.

Aber sie miss.brauchen uns Überlebende, um sich selbst in ihrem gewaltvollen Handeln zu legitimieren und das ist, worauf jeder von Gewaltbetroffenen initiierte Widerstand meiner Ansicht nach fußen sollte.

 

*

** Dieser Text wurde editiert nachdem wir darauf hingewiesen wurden, dass rassistische Diskriminierung nicht in der Form mit ableistischer bzw. saneistischer Diskirminierung gleichzusetzen ist, da sich die ableistische bzw. saneistische Diskriminierung für rassistische diskriminierte Personen als etwas zusätzlich wirkendes und also verstärkend greift.

 

Fundstücke #66

In den letzten drei Tagen haben wir eine Broschüre zum Thema “Zero Waste” zusammengestellt.
Eine Aufgabe aus dem Schulalltag, das Ergebnis von 3 Wochen Internetrecherche und etwas mehr als 2 Jahren Veganismus aus Gesundheits- und Klimagründen.
Um die Broschüre zu bebildern, durchsuchten wir wieder das Internet und stießen dabei auf verstörende, krasse, schlimme Bilder von Tieren mit Plastik im Bauch, Tieren mit Plastik in der Nase, Tieren, die nicht an Plastik gestorben sind, weil ihr Körper darum herum gewachsen ist. Bilder von Kindern knietief im Plastikmüll an ihrem Strand, Kindern auf Müllhalden, Kindern umringt von Plastikspielzeug, Plastikkleidung, Lebensmitteln in Plastik verpackt. Bilder von Natur, dabei zu ersticken – an Plastik-Müll.

Das Zeug ist einfach überall und nirgends wirklich so problematisiert, wie es sein müsste. Das ist belastend.
Doch noch belastender finde ich, dass die Welt sich einfach weiter dreht. Weiter in die Scheiße reindreht, wenn man so will.
Die einen halten zero waste, vegan, plastikfrei und nachhaltig für einen Trend, den sie einfach nicht mitmachen, weil sie zu cool für Trends sind. Die nächsten sind zu belastet dafür, die übernächsten wollen überlasteten Leuten nicht helfen, damit auch sie Dinge anders machen können. Meine Recherchen für Informationen zur Verweildauer von Gegenstand x aus Kunststoff y auf der Welt unter Umstand z, nehmen viel Raum ein und die Ergebnisse kann ich oft nicht teilen, weil sich jede_r gleich davon belehrt, gerügt, abgemahnt, gemaßregelt, beschämt, bedrängt, verängstigt fühlt. Und überhaupt: der Wissenschaft ist doch heute auch nicht mehr zu trauen. Alle gekauft. Schweineverein.

Neulich hab ich gelernt, dass ich ein Millenial bin. Ein Millenial aus der Generation Y.
Die Einen sagen, das bedeute was, die Anderen sagen, das ist alles Quatsch. Ich glaube, es bedeutet was, denn meine Generation und ich, wir sind mit Dingen aufgewachsen, die für ältere Menschen einzelne Stationen einer Entwicklung waren, während sie für uns direkt Alltag und Grundlage des heutigen Wertesystems wurden. Für mich gab es nie die DDR meiner Eltern, nie das Westdeutschland der Menschen, die mich heute mehrheitlich umgeben.
Ich erinnere mich an die Nachtbildkameraaufnahmen in der Tagesschau der mittleren 90er Jahre und meine Frage an die Mutterfrau, ob die Kinder in Bosnien-Herzegowina denn zur Schule gehen können. Erinnere mich an die – Plastik – Spielzeugsammlung, die wir in der Schule für die verlassenen Kinder in Rumänien gemacht haben. An die ersten Werbungen, in denen um Geld für hungernde Menschen in Somalia gebeten wurde. Erinnere mich an die Erzieherin der Wohngruppe, die mit uns am elften September das Flugzeug in den zweiten Turm hat fliegen sehen und nicht aufhören konnte zu weinen.

Für mich hat die Welt schon immer irgendwo gebrannt. Irgendwo war immer Krieg, hat immer irgendjemand Reiches irgendjemand Armes unterdrückt, ausgebeutet und um ein Leben mit Zukunft gebracht. Industrie war für uns nie ein Erfolgsversprechen oder eine Verheißung besserer Zeiten. Die besseren Zeiten waren immer schon da und sie rochen immer nach Plastik, Konsum und Ausbeutung. Wir wussten immer, dass wir früher oder später vor einer ökologischen Katastrophe stehen würden.

Das macht etwas aus. Es macht Fragen leicht. Leichter noch als für frühere Generationen, die so viel und vor allem sich selbst so dringend unhinterfragt haben wollen. Vielleicht auch: müssen. Denn wer keine Antworten hat, muss Fragen vermeiden.

Einen Text wie den hier, wollte ich hier nie schreiben, aber warum eigentlich nicht. Warum soll ich nicht auch das dokumentieren, berührt es doch nicht nur mich, die_r nun hier und heute ist, sondern auch die_r, die_r sich für dieses Leben entschieden hat, obwohl es auch diese Realität darin gibt.

Wir haben nur dieses eine Leben. Das sagt man doch so. Wir haben auch nur diesen einen Planeten. Dieses eine Jetzt und Hier. Das ist so wenig, wenn man mal darüber nachdenkt. Schau mal, wie kurz Jetzt ist. Und wie doch weit entfernt schon jetzt das Morgen ist. Obwohl Morgen nur Jetzt überhaupt sein kann, denn wenn Morgen ist, dann ist es bereits Jetzt.
Hirnqirl? – Sorry, aber so ist es doch.
Das ist auch Realität. Das ist auch, was Veränderung so wichtig und nötig macht.
Denn jetzt ist dein Handy noch ein Handy und wenn es kaputt ist, ist es schon Müll. Eben noch ein Papiertaschentuch, einen Schnäuzer später ist es Müll. Jetzt ist es noch eine leichte Flasche aus Kunststoff in 50 Jahren tötet es eine Fischlarve, weil sie die Kunststoffpartikel für Futter hält.
Dinge sind, wie das Leben, so vergänglich und zerbrechlich, sich darauf zu stützen ist “ein schmales Brett”, wie eine Gemögte von uns immer sagt.

Was uns wirklich wichtig ist, das haben wir seit Jahren in einer Zigarrenschachtel an einer Stelle an die wir im Notfall immer schnell drankommen. Warum? Weil wir mit Büchern wie “die Wolke” und “Die letzten Kinder von Schewenborn”, mit Filmen wie “The day after tomorrow” und Serien wie “Akte X” aufgewachsen sind und einen Notfall, eine Regierung, die auf uns scheißt, eine spontane Katastrophe außerhalb unseres kleinen Alltagskosmos mitzudenken so normal ist, dass es einfach nicht mehr für die Bezeichnung “neurotischer Spleen” reicht.
Eine beruhigende Erkenntnis übrigens, gehört doch auch das Katastrophisieren und Sorgen, Ängstigen und Immer-bereit-sein, irgendwie zum Biotop des posttraumatischen Klärschlamms in meinem Kopf, ist aber ganz klar etwas anders, als das, was mich dazu gebracht hat, unsere wenigen wirklich wichtigen Dinge so zu behandeln.

Vorhin habe ich die Rede von Greta Thunberg in Katowice angehört.
Ich fing an zu weinen, weil alles was sie sagte, einfach nicht neu ist. Es ist alles nichts Neues. Nichts, wovon man noch nie gehört hat. Es ist einfach wahr und real und Jetzt, wie Morgen.
Und trotzdem wird Morgen kommen und ich werde mich auf einem guten Weg fühlen, denn ich weiß, wo meine Sachen sicher sind und, dass ich viele Stoffbeutel für meinen fast ganz plastiklosen Einkauf habe und nur noch eine Zahnpasta aus Plastikverpackung ausbrauchen muss, um mein Badezimmer plastikfrei zu haben.
Morgen wird mein Jetzt sein und das Plastik in den Meeren, das Co2 in der Atmosphäre, der Kapitalismus und die Ignoranz anderer Leute für das, was Plastik und Abgase, Gier und Gewalt in dieser Welt bewirken, wird auch noch da sein.

Wir können, wie Greta sagt, die Veränderung wollen und machen, aber der Schaden ist da. Jetzt und Morgen und Übermorgen.
Und ich weiß nicht, ob es reicht, nur die Macht zu haben, die Dinge zu verändern.
Macht muss man auch können.

Todesstrafe für sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”

Donnerstag morgen.
Wie wunderbar ist das Gefühl mit einem dicken Pinsel voller Buchbinderleim über die Deckelpappen zu streichen. Schmitz schmatz hmmm ausatmen, Bezugsstoff ausbreiten, Pappen auflegen, einatmen, andrücken, ausatmen, verstreichen.

Über mir brummte das Neonlicht, am Schreibtisch vorne brummte meine Buchbindelehrerin über ihre Zeitung. Wir waren allein, denn meine Klasse hatte Sport und sie frei. Wir waren allein und es war herrlich.
Sie las mir eine absurde Meldung über einen Gerichtsprozess vor und wir kamen zu juristischen Ungerechtigkeiten. Zu Recht haben und Recht bekommen und dann zur Todesstrafe für Menschen, die Kinder missbraucht haben.

Ich hörte ihr zu und nahm mir die Zeit für die Pause, die es braucht, zu antworten, was ich antworten will. Ich wischte mir die klebrigen Finger ab und fragte: “Du, weißt, dass mich das Thema betrifft, oder?“ “Nein, weiß ich nicht”, antwortete sie und ich stellte mich sofort mit beiden Füßen und allem, was ich hab, auf die Stille, die sich in mir auftürmen wollte, um der Scham mehr Platz zu lassen. “Na dann weißt dus jetzt – Also es betrifft mich und deshalb hab ich mir schon oft Gedanken zur Todesstrafe für Menschen, die sowas machen, gemacht. Willst du das hören?”
Sie sagte einfach “Ja” und schon das machte mich unendlich dankbar. Wie sie wieder einmal unterstützte, dass ich mich vor ihr nicht schäme für irgendetwas, das mit Mangel, Defizit oder Ungänze zu tun hat.

Ich erzählte, dass das Thema aus mir selbst heraus nie aufkam, obwohl es mich betrifft.
Ich habe nicht den Wunsch nach einer Todesstrafe für die, die an mir zu Täter_innen wurden, doch komme ich nicht umhin, wie viele – oft weit rechts von mir stehende – Menschen diesen Wunsch haben und zuweilen sogar als Forderung formulieren.
Mir ist nicht klar, was Strafen für diese und vielleicht auch noch andere Menschen bedeuten. Ich verstehe das Konzept von Strafe nicht als etwas, das etwas macht, wovon man insgesamt etwas hat. Eine Strafe ist nicht das Gleiche, wie Rache; ist nicht das Gleiche wie Genugtuung, Ausgleich oder Wiedergutmachung.
Strafe ist einfach nur die mögliche Folge eines Urteils, das jemand fällt, die_r sich die Macht dazu gibt oder übertragen bekommen hat und bedeutet an sich weder Gutes noch Schlechtes, Konstruktives oder Destruktives. Strafen sind ein eindeutiges Merkmal von Autorität. Also einem Machtungleichgewicht. Also einer ungleichen Verteilung von Selbstbestimmung und Freiheit über sich selbst.

Warum sollte ich nach einer Gewalterfahrung – die einzig in autoritärer Konstellation überhaupt passieren konnte – Interesse an noch mehr Autorität in meinem Leben haben? Was in aller Welt soll ich denn in so einem Setting finden, wenn nicht die Bestätigung der Täter_innenwahrheit, nach der ich nichts zu bestimmen und zu sagen habe, aber eine warum auch immer und wodurch auch immer legitimierte andere Autorität?

Und was genau soll eine Strafe der Täter_innen mit mir machen? Oder: für mich?
Ich spreche hier noch nicht einmal von der Todesstrafe, sondern von sagen wir einem Jahr in Haft. Oder 5. Oder 10. Oder 15. Ich bin heute kein Kind mehr. Mir passiert die Gewalt nicht mehr. Früher, vor 25 Jahren, da hätte es mir etwas gebracht, denn damals wäre ich noch als kleines Kind in eine Pflegefamilie gekommen und viele Dinge wären nicht passiert. Es wäre zwar immer noch heftig und schlimm, vor allem, weil es einfach scheiße ist, wenn die eigenen Eltern im Knast sitzen und später als fremde aus dem Knast entlassene Leute, ja auch irgendwie noch mit einem_einer zu tun haben wollen, aber sie wären an mir nicht mehr zu Täter_innen geworden. Sondern vielleicht jemand anderes. Sporttrainer_in, Lehrer_in, fremder Onkel, unangenehme Tante, die_r erste Freund_in, der Typ von einer Party, der mir k.o.-Tropfen ins Getränk mischt. Zum Beispiel.

Haftstrafen werden allerdings nicht leichtfertig verhängt, sondern gelten als das was sie sind: eine hohe Strafe.
Das bedeutet, dass eine spezifische Schwere der Schuld, eine spezifische Tatsituation festgestellt worden sein muss. Kann das Gericht dies nicht feststellen – warum auch immer! – gibt es eine andere Strafe und was dann? Was wäre dann für die Person, die zum Opfer geworden war, konkret anders?
Sicher, manche fühlen sich bestärkt von Gerichtsverfahren. Für manche ist es enorm wichtig und auch heilend, von einer Autorität in der Sache anerkannt zu werden. Aber was genau wird davon in Bezug auf die Wunde der Tat und ihrer sozialen, psychischen, körperlichen, ökonomischen, ideellen Auswirkungen konkret besser?

Ich stecke da nicht drin, kann mir nichts vorstellen. Allein der Akt von Anzeige, Rede und Antwort, Aussage, Briefe, Reden, Erklären, Anwaelt_in suchen, Anwaelt_in finden, Anwaelt_in bezahlen können müssen, Gerichtsverhandlung mit Täter_innen- und Tatkonfrontation – allein die Vorstellung macht mich müde, ängstlich und damit bereits in meinem Selbsterleben klein und schwach.
Aber gut – andere Menschen, sind anders als ich.

Zurück zum Strafgedanken.
Was genau ist an einer Haftstrafe, die Strafe? Richtig – die Haft. Der Entzug der Freiheit über den eigenen Lauf der Dinge. Also: eine Gewalterfahrung. Obendrauf noch eine, die man hinnehmen muss, denn da sie durch maximale Autorität ausgeübt wird, gibt es weder sozial noch juristisch die Möglichkeit davon entschädigt zu werden, so lange diese Strafe als richtiges Strafmaß eingeordnet wird.

Vielleicht ist das irritierend für andere Menschen, aber das ist nicht, was ich anderen Menschen wünsche. Auch denen nicht, die mir so viel Schmerz bereitet haben und mich so nachhaltig verletzten. Nicht, weil mein Herz so groß ist, sondern, weil ich weiß, wie sich so eine Gewalterfahrung anfühlt und wieviel mehr als konkrete Verletzungen dabei entsteht.

Eine Todesstrafe würde solche Dinge nicht entstehen lassen. Aber sie wäre tödlich und damit etwas, das meiner Haltung zum Leben widerspricht. Wir leben nicht, um alles immer richtig zu machen oder alle um uns herum glücklich. Wir leben als Faktor der Entwicklung anderer Lebewesen, um eine Entwicklung zu machen – egal welche. Gut, böse, reich und geizig, oberflächlich und egozentrisch, liebevoll – das kann man bestimmen und wählen – das MUSS wählbar und selbst bestimmbar sein.
Menschen, die Schlimmes getan haben, zu töten, würde bedeuten, Menschen zu töten und damit einen Teil der ganz realen Entwicklungsfaktoren des Lebens zu eliminieren.
Um es zu sagen, wie ich es meiner Lehrerin gesagt habe: “Was soll ich davon haben, wenn meinen Geschwistern die Eltern abgemurkst werden, weil die mir etwas angetan haben?”

Damit meine ich keinesfalls, dass Straftäter_in zu sein eine natürliche oder g’ttgegebene Aufgabe ist, die man akzeptieren muss, sondern, dass es immer und immer und immer eine Entscheidung zur Straftat ist, die jemanden eine Straftat begehen lässt. Und, dass man sich mit den Gründen und Motiven auseinandersetzen muss, die diese Entscheidung innerlich wie äußerlich ermöglicht haben bzw. ihr zugrunde liegen.

Damit meine ich auch nicht, dass ich finde, dass heute hier in Deutschland strafbare Handlungen ohne jede Konsequenz bleiben sollen. Aber eine Konsequenz ist etwas anderes, als eine Strafe. Und das ist, worum es mir geht.
Ich will wissen und verstehen, warum mir das passiert ist.
Und ich werde es nie erfahren, denn diese Auseinandersetzung zu machen, würde weit mehr erfordern als einen Gerichtstermin und eine Handvoll Therapiestunden für mich allein. Sie erfordert Kontakt zu den Täter_innen, es erfordert ihr Einsehen und die Bereitschaft dazu. Es erfordert ihre Entscheidung dazu und die wird nicht kommen. Niemals.

Gar nicht mal, weil sie nicht dazu in der Lage sind, oder reflektionsunfähig, sondern, weil es für sie keinen Anlass dazu gibt. Es ist normaler einander vor Gericht mit Staatsgewalt zu bedrohen, als sich hinzusetzen und die zwischenmenschliche Gewalt, die Entscheidungen, die man getroffen hat, auszusprechen. Es ist üblicher einander zu verurteilen, als einander zu verstehen und das ist etwas, von dem mir niemand erzählen kann, dass das kein ganz erheblicher Anteil daran ist, dass Menschen einander gewaltvoll begegnen.
Es ist nicht normalisiert von sich aus für Schäden aufzukommen, die man anderen Menschen beigebracht hat – es ist normalisiert zu Schmerzensgeldzahlungen verurteilen zu lassen und einen Antrag auf Opferentschädigung bei einer Behörde zu stellen. Also: Autoritäten für sich entscheiden und ver.walten zu lassen.

Ich sagte meiner Lehrer_in, dass ich den Impuls verstehen kann, weil man vielleicht die Idee hat, speziell diese Form der Gewalt würde einen Menschen für immer zerstören oder zeichnen. Sagte ihr, dass das in meinem Fall auch nicht ganz unrichtig ist – aber ganz richtig ist es eben auch nicht. Und etwas, das so uneindeutig ist, kann doch nicht mit so eindeutigen Dingen, wie dem Tod (der Täter_innen) begegnet werden.

Vor Kurzem erst hatte ich in einer Tweetkette über die Verjährungsfristen bei sogenanntem sexuellen Kindesmissbrauch geschrieben, dass ich es in Ordnung finde, wenn diese Verjährung bestehen bleibt.
Dabei ging ich darauf ein, warum Verjährungen sinnvoll sind und versuchte folgenden Umstand zu beschreiben.
Egal, womit die Menschen, die an mir zu Täter_innen wurden, heute von einem Gericht bestraft werden würden, es stünde nicht mehr im Verhältnis zur Tat. Denn meine Verarbeitung dieser Tat, mein inneres Framing dessen und das, was es als Mensch aus mir gemacht hat, das war vor 10, 20 Jahren ein völlig anderes als heute. Meine Bedarfe aufgrund dieser Tat und ihrer Folgen für mich sind völlig andere und nicht mehr nur auf diese Tat zurückzuführen.
Sie sind damit im wörtlichsten Sinne nicht mehr eindeutig strafbar und das ist gut so. Denn diese Regelung traut mir zu, auch als Person, die zum Opfer wurde, eine Entwicklung zu machen. Also: zu leben, zu wachsen, zu werden und zu sein. Obwohl, weil, trotz … das passiert ist bzw. als passiert vom Gericht anerkannt werden könnte.

Diese Regelung berührt zu Recht nicht die Täter_innen, denn auch diese könnten sich weiterentwickeln. Und zwar so, dass sie sich immer wieder zu Straftaten entscheiden. Die Verjährungsfrist beginnt jedoch immer wieder neu.
Immer wieder haben zu Opfern gewordene Menschen also die Möglichkeit, sich für eine Anzeige zum Zweck des Schutzes anderer Menschen zu entscheiden. Doch ich persönlich muss das deshalb nicht zwingend auch machen. Ich muss diese Verantwortung nicht tragen. Ich muss es nicht und ich will es auch nicht.

Ich will andere Verantwortungen in der Sache tragen. Will mich anders einbringen, auf anderen Wegen dazu beitragen, dass andere Menschen gut geschützt sind und eine gute Entwicklung er.leben können.

Mein Gespräch mit meiner Lehrerin endete bei einem völlig anderen Thema und ich fand das schön.
Früher wäre ich daran kleben geblieben, hätte es immer und immer wieder und in mir bewegt, hätte mit der Scham um mein ungeplantes Outing gerungen und mich nicht getraut eine feste Position in der Thematik einzunehmen. Heute ist das anders und ich merke viel innere Stabilität in mir – trotz der Brüchigkeit in mir drin, trotz der Verwundung, die natürlich auch wieder schmerzhaft spürbar war. Trotzdem sich nun plötzlich auch unser Verhältnis zueinander ein wenig verändert hat. Ich habe keine Angst mehr vor dem, was meine eigenen Erfahrungen für andere Menschen sind.

Ich hätte diese Stabilität und Ruhe nicht in mir, wäre ich verpflichtet zur Strafanzeige, gäbe es Todesstrafen oder keine Verjährungsfrist. Ich hätte mich nicht entwickeln können, ohne diese Freiheit.
Und ohne diese meine Entwicklung könnte ich anderen Betroffenen, bei denen es wieder völlig anders ist als bei mir, nicht gut zuhören. Könnte hier nicht schreiben, hätte so viel in den letzten 11 Jahren schlicht weder angefangen noch wenigstens mal als Idee verfolgt.

Ich könnte niemals mit irgendjemandem darüber reden, müsste ich jederzeit damit rechnen, dass noch heute ein Gerichtsverfahren mit möglicherweise tödlichem Ausgang für jemanden passieren könnte, das schon so lange her ist. Es gäbe in den Statistiken weniger sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”, weil mehr zu Opfern gewordene Menschen schweigen würden. Es gäbe nicht weniger sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”.

Diese Illusion gilt es aufzuzeigen.

note on: der Polizei die Bilder der eigenen Gewalterfahrung zugänglich machen?

Die Dokumentation von sexualisierter Gewalt am eigenen Körper, an der eigenen Seele, der Polizei übergeben, um in geschlossene Foren einzudringen und Mit.Täter_innen so ausfindig zu machen.
Das ist ein Vorschlag, den Ingo Fock, Vorsitzender von “ gegen Missbrauch e.V. ” kürzlich in einer Live-Diskussion mit der hessischen Justizministerin Eva Kühne-Hörmann aufbrachte und auch in einem Interview im Infoportal Rituelle Gewalt besprach.
Im Folgenden möchte ich beschreiben, wie ich das sehe.

Grundsätzlich: Auch Menschen, deren Gewalterfahrungen gefilmt, fotografiert, schriftlich beschrieben oder sonst wie dokumentiert wurden, haben Persönlichkeitsrechte an dem Material. Schon deshalb ist die Verbreitung von solchen Medien ein weiterer Gewaltakt, der den Gewalterfahrenen angetan wird.
Für mich: Völlig unabhängig davon, wer sie dann zu sehen bekommt.

Es stellt mich bereits vor eine enorme Hürde damit umzugehen, dass sich in meiner Therapeutin unweigerlich Bilder von mir in diesem Körper, in der von mir geschilderten Situation, entwickeln. So funktionieren Gehirne und weder ich noch sie können etwas dagegen tun.
Was wir tun können ist, diese Bilder zu entfernen und als das nehmen, was sie sind: die Art, wie Gehirne Aufgenommenes (Erfahrenes) verarbeiten.
Das heißt: Wir können einen Umgang damit finden, dass es sie gibt und, dass sie verschwinden, sobald sie verarbeitet sind.

Genau das passiert mit Gewaltdokumentationen, die von Mit.Täter_innen und Konsument_innen sexualisiert und benutzt werden, nicht. Auch nicht, wenn die Polizei sich das Material angesehen hat und die_n Täter_in.nen gefunden und evtl. (!) verurteilt wurden.
Da stellt sich mir die Frage: Wozu sollte ich das Material, von dem ich weiß, dass es das von mir gibt und kursiert, zur Verfügung stellen, wenn es doch weiterhin existieren muss/soll (und also potenziell immer wieder angesehen werden kann)?

Viele Mit.Täter_innen benutzen solches Material nicht als Ersatz für tatsächliche Handlungen, sondern als Erinnerungsstück oder auch als Trophäe. In Bezug auf Tauschplattformen und Foren auch als Währung, als Statussymbol, als wirtschaftliche Anlage.

Das ist wichtig zu wissen: Es geht nicht um die Personen, die abgebildet sind.
Es geht um Besitz. Um Macht. Um die Mit.Täter_innen und um Verewigung.

In dem SternTV-Beitrag wird vorgeschlagen, computergeneriertes Material zu erstellen, um in geschlossene Foren, in denen Material getauscht wird, einzudringen.
Für mich ist das ehrlich gesagt blanker Zynismus und wieder ein Punkt, auf den ich als Aktivist_in zeige und sage: Auf genau so eine Idee kann nur kommen, wer sich nie mit den Gewaltüberlebenden, Gewalterfahrenen, Gewalthinterbliebenen, Gewaltausübenden und Konsument_innen von Gewaltdokumentation auseinandergesetzt hat.

Denn: den Ersteller_innen, den Täter_innen, den Konsument_innen, den Verbreiter_innen, den Wegbereiter_innen ist es egal, ob da eine Animation abläuft oder ein echter Mensch gequält wird.
Auch digital erstelltes Material, das Gewalt an Menschen darstellt, ist Material, das Gewalt an Menschen darstellt.
Es wird Konsument_innen finden. Einen Fetisch gibts für alles und ja, auch animierter Gewaltsex* gehört dazu.
Es verhindert nichts, nur weil es keine reale Szene zeigt. Die Szene wird durch den Film real und das ist, was zu verhindern ist.

Meiner Ansicht nach, ist es die Aufgabe der Polizei die Produktion und die Umstände, durch die diese möglich wird, sowie die Verbreitung solchen Materials zu verhindern. Für mich auch: egal, ob real oder digital animiert oder in Form von “so tun als ob” (zum Beispiel Material, das zeigt, wie Menschen Puppen, die Kindern nachempfunden sind, “sexualisiert misshandeln”).
Was die Polizei aber tatsächlich tut ist: ermitteln, wenn es bereits passiert ist.

Das ist ein altes Dilemma der Strafverfolgungsbehörden, das weiß ich – es ändert aber nichts daran, dass der Staat Deutschland sich einen, was die Straftatsprävention- und –intervention, die “Sicherheitsherstellung- und aufrechterhaltung” angeht, doch eher dysfunktionalen Apparat hält, um sich nach innen und außen zu sichern und zu schützen.

Hinzu kommt ein Aspekt den Herr Fock im Interview mit dem Infoportal Rituelle Gewalt aufbringt: Irgendwann sieht eine digitale Figur einem real existierendem Menschen sehr ähnlich – und was macht das für ein Fass auf? Und wer kommt für daraus entstehende Schäden und Schwierigkeiten auf?

Fock betont wie Wichtigkeit der Freiwilligkeit, wenn es um die Frage nach der Zurverfügungstellung des Materials von eigenen Gewalterfahrungen geht. Er sagt auch, bei den Ermittlungsbehörden brauche es eine Anlaufstelle für Menschen, die sich das vorstellen können oder darüber nachdenken oder auch: sich fragen, ob es Material von ihnen im Internet gibt.

Die Gedankenkreisel um genau diese Ungewissheit ob oder ob nicht irgendwas im Netz gelandet ist, kenne ich auch.
Heute bin ich jedoch an einem Punkt, an dem mir das die Weiterentwicklung und Aufarbeitung der Gewalterfahrungen nicht mehr erschwert oder verwehrt. Ich gehe pauschal davon aus, dass es Material von meinen Gewalterfahrungen im Internet gibt, einfach, weil es in den Kontexten, in denen definitiv welche produziert wurden, eine logische Verwertungsinstanz darstellt.

So sehr das Außenstehende vielleicht auch erschüttert: Mir hilft es heute zu wissen, dass es bei all dem nie um mich ging, sondern um diese Menschen und ihre Interessen. Es hat meinen Körper getroffen, aber das Ziel war und ist bis heute (mindestens im Welt- und Selbstbild der Mit.Täter_innen) etwas anderes.
Und genau das kann man Mit.Täter_innen und Konsument_innen meiner Ansicht nach nehmen.

Zum Beispiel, indem Material jeder Art gelöscht bzw. unzugänglich bis zur polizeilichen Bearbeitung gemacht wird oder, indem Forenbetreiber_innen zur Zusammenarbeit mit Ermittlungsbehörden gezwungen werden können, sobald diese auch nur den begründeten Verdacht hat, dass es sich um eine Plattform zum Tausch von illegalem Material handelt.

Daneben aber auch, indem man Mit.Täter_innen mit den Überlebenden und Hinterbliebenen ihrer Tat.en konfrontiert.
In Konkreten natürlich nur, wenn diese dem auch zustimmen, im Allgemeinen jedoch mit einer verbesserten Präsenz von Gewalterfahrenen, –überlebenden, – hinterbliebenen in der Öffentlichkeit.

Vielen Menschen ist nicht klar, dass aus vielen Kindern im Wort “Kinderpornografie”, irgendwann Erwachsene werden bzw. geworden sind.
Genauso, wie manche von der Gewalt traumatisierte Menschen, sich immer wieder hilflos, ausgeliefert, misshandelt und gedemütigt wie ein Kind erleben, weil sie mit Flashbacks und anderen Traumafolgen umgehen müssen, so haben die Täter_innen ihre Opfer für immer als Opfer, als kindlichen Körper, als unterlegenes Objekt in Erinnerung, auf Band oder Fotopapier.

Und genauso wie es für Gewalterfahrene wichtig ist, sich als mündiges Subjekt, als selbstbestimmte erwachsene Person zu begreifen und erleben, um zu heilen, Abstand zu gewinnen, zu verarbeiten, halte ich es für wichtig auch Mit.Täter_innen diesem Realitätscheck zu unterziehen und ihr Material als etwas zu enttarnen, dessen Sinn und Zweck ganz allein in ihnen passiert.

Nicht, damit sie begreifen, was sie getan haben, sondern, dass sie es einem Jemand angetan haben. Einem Jemand, das heute erwachsen ist, wie sie es damals waren und heute sind.
Und damit sie begreifen, dass sie sich selbst mit etwas umgeben, dass nur deshalb ewig bleibt – ihnen “nicht genommen werden kann” – weil sie sich selbst nur in dieser Vergangenheitsform erleben können/wollen.
Und nicht, weil das, was sie ihren damaligen Opfern angetan haben, auf ewig so geblieben ist, wie sie es angerichtet haben.

Natürlich ist besonders Letzteres etwas, das wenig mit der Strafverfolgung zu tun hat oder damit, was man machen kann, um Foren und Plattformen aufzulösen. Ich glaube jedoch, dass es wichtig ist, solche Aspekte und Möglichkeiten nicht außer Acht zu lassen, denn sie formen die gesellschaftlichen Kontexte, in denen man über den strafrechtlichen Umgang mit solchen Straftatbeständen nachdenkt.

Einen Schritt in diese Richtung hat Ingo Fock mit seinem Beitrag geleistet.
Gewalterfahrene als Personen zu markieren, die Rechte an den Materialien haben, die sie jedoch selbst nicht einfordern können, ist eine neue Art auf die Problematik der Gewaltdokumentation zu schauen.

Es wird deutlich: für diese Herangehensweise gibt es keine Strukturen. Gäbe es Strukturen, ergäben sich neue Mittel und Wege, wie mit dem Problem, wie mit dem Umstand, dass diese Gewalt passiert, umgegangen werden kann. Es zeigt auf: an erwachsene ehemalige Opfer und ihre Rechtsansprüche über das Unrecht, das ihnen mit der dokumentierten Gewalt geschah, hinaus, hat man bisher noch nicht gedacht.

Wie denn auch, spricht man doch nachwievor überwiegend von Kindern, die zu Opfern werden, statt von Erwachsenen, die Kinder waren, als sie zu Opfern gemacht wurden.

der Nichtschweigeskill

Wir gehen gerade mit einer Situation um, in der eine Person etwas über eine andere Person behauptet und sich das weiterträgt. Gossip, Klatsch, Rufschädigung, Gerüchtestreuung. Sowas in etwa.

Wir haben nicht oft mit solchen Dingen zu tun, denn die meisten Leute, die uns so etwas antragen, tun das in der Regel nur ein Mal. Mit uns macht sowas einfach keinen Spaß, denn wir reden mit möglichst mit allen Leuten gleich, sind froh, wenn wir nicht vor den Einen dieses und vor den Anderen jenes sagen müssen, um mit ihnen Zeit verbringen zu dürfen. Wir haben keine Kraft dafür, denn es kostet uns schon Kraft uns zusammenzuhalten. Mitzukriegen, wer von uns mit wem was wie laufen hat – das können wir im Außen einfach nicht tragen. Vielleicht mal kurz, wenn eine Situation das erfordert, aber selbst dann brauchen wir Leute, denen wir sagen können, dass wir da grad was tragen, damit wir das schaffen.

Jedenfalls.
Diese Situation und das was sie macht, erinnert mich an Schweigegebote.

Schweigegebote haben für uns mit “mitmachen” zu tun. Gebote sind für uns Regeln, denen man zu folgen strebt.
“Sag nichts, dann passiert irgendetwas, wofür sich das lohnt/ passiert was Gutes/Wichtiges/Richtiges”.
Das heißt: man verspricht sich etwas davon oder bekommt etwas versprochen.

Im alltagsgewaltvollen Umgang bedeutet das, dass viele Leute Dinge einfach nicht sagen, weil sie sich etwas davon versprechen. Keinen Stress und akute Harmonie vielleicht. Jemandem nicht zu sagen, dass sie_r krassen Mundgeruch hat ist zum Beispiel so eine Sache. Man redet nicht darüber. Es gibt ein soziales Schweigegebot darüber. Vielleicht ist es auch ein Tabu – wobei mir dazu gerade die Abgrenzung nicht einfällt und ich eigentlich auch gar nicht über Tabus schreiben will.

Anyway.
Interessant finde ich, wenn Gewaltüberlebende/Gewalterfahrene und ihre Verbündeten (und deren Behandler_innen)so etwas miteinander machen. Die Einen über die Anderen, diese über jene und “Ach DIE also NEE!”, bei gleichzeitiger Weitergabe von so etwas wie “Aber pscht, ne?!” oder schlimmer noch: von sich selbst wegtransferierte Verantwortung für die Weitergabe von Gerüchte, Klatsch und Hörensagen über Personen, die nicht im Raum (und bereits damit konkret unterlegen!) sind.

Der Klassiker ist da das Gerücht ohne Urheber_in.
Dem kann man nichts entgegnen, man kann evtl. zugrunde liegende Missverständnisse oder Fehlinformationen nicht aufklären. Als Opfer/Ziel von einem Gerücht ohne Urheber_in ist man maximal ohnmächtig und soll es auch sein. Man soll nur die negativen Auswirkungen zu spüren kriegen und die_r Urheber_in im Schutz der Unsichtbarkeit bleiben können.

Interessant finde ich das, weil es ein Verhalten von Kindern ist, die die Schwächen/”Fehler” anderer zielsicher finden und gegen sie zu verwenden, sobald diese sie verlassen oder kränken oder verletzen oder oder oder. Solche Kinder haben meistens lügen, tarnen, verwässern und verwischen gelernt, um zu überleben. Und das ist ein Skill. Einer, der sehr feine, gut funktionierende Antennen für soziale Geflechte und eine gewisse “akute Skrupellosigkeit” im Miteinander erfordert.
Lügen, zum Beispiel, bedeutet ja nicht nur die Unwahrheit zu sagen oder Dinge vorzugeben, die nicht stimmen – man muss in der Regel schnell sein, erfassen, wie und womit sich das Gegenüber überhaupt täuschen lässt und dann darf man die Lüge das ganze Leben lang nicht vergessen, weil man ja vielleicht immer mit der Person zu tun hat.
Deshalb nenne ich das einen Skill. Menschen so lesen zu können, kann an anderen Stellen sehr hilfreich sein.

In einer Szene, die sich zusammenfindet, weil es Menschen gibt, die andere Menschen von Kleinkindalter an belügen, verwirren, ihre Motivationen verwässern und und und, ist das meiner Ansicht nach so zynisch wie logisch.
Das Eine schließt das Andere nicht aus und trotzdem ist es bitterbitterbitter, weil das bedeutet, dass solche Zusammenschlüsse (noch) nicht als etwas gesehen werden (können), in denen neue Möglichkeiten probiert und gelebt werden können, um bewährte Fähig- und Fertigkeiten umzumünzen in etwas, das die Gewalt nicht weiterträgt.

Wir sprechen sowas immer an. Sind transparent mit dem was uns über andere Leute erzählt wird, vorrangig um uns selbst zu entlasten, denn wie gesagt: wir sind nicht gut in so etwas.
Wir erkennen den sozialen Sinn für uns nicht*, erkennen aber sehr wohl die Gewalt darin und das, was sie machen soll. Gerüchte sollen verunsichern. Niemand soll sich mit einer Person sicher fühlen – bei urheber_innenlosen Gerüchten geht es oft sogar darum sich gar nirgendwo und mit gar niemandem sicher zu fühlen.
Wie das bei Menschen andockt, die sowieso schon jeden Tag mit Angst umgehen und enorm vieles leisten, um sich sicher zu fühlen, ist denke ich klar.

Manchmal merke ich, dass unser Umgang mit solchen Sachen irritiert, Schuldgefühle auslöst oder sogar als Zeichen von Unsolidarität gelesen werden. Und dann fühle ich mich nicht nur sozial unfähig, weil ich wieder denke, dass es da vielleicht doch irgendeinen geheimen Wink gibt, den zu erkennen ich einfach unfähig bin, sondern auch noch mies, weil wir damit umgehen, wie wir damit umgehen: nicht schweigend oder verdeckend.

Wir machen das nicht, weil wir uns für ein moralisches Neutrum halten, wir machen das, weil die beste soziale Interaktion, die wir hinkriegen die dingliche/sachbezogene ist.
Wenn wir klar haben worum es geht, warum wir was wie machen und wollen und was das Ziel sein soll, dann kann es für uns auch mal emotional werden oder um Dinge gehen, die heikel sind. Aber wir brauchen den konkreten Bezug.
Und der konkrete Bezug ist Leuten, die Gerüchte oder Gossip oder auch einfach bloßen Klatsch verbreiten, meistens scheiß egal oder völlig wegdissoziiert. Die meisten Leute, die das machen, haben nicht klar, dass es um sie geht, wenn sie über andere (schlecht) reden.

Wir kennen jemanden, die_r wenn wir sie_ihn treffen, immer schlecht von Leuten redet, mit denen sie_r selbst persönlich überhaupt nichts zu tun hat. Einfach so als normaler Talk, ganz oberflächlich und manchmal auch ganz in dem Ton wie Bunte, Glamour und Bild der Frau titeln.
Wenn die Person mit den Leuten an einem Tisch säße, würde sie ihnen das nie sagen.
Durch unsere Beziehung und eben diesem Hang zum Reden über andere Leute vor anderen Leuten, habe ich Angst jemals irgendwen von den Leuten zu treffen, über die diese Person spricht. Was wenn ich sie mal treffe und dann macht sie diese Sache von der die Person so schlecht geredet hat? Darf ich dann sagen, was ich von wem darüber gehört hab? OF COURSE NOT!

Oder doch?
Wovor ich Angst habe ist, dass die Person von da an auch schlecht über mich redet. Wobei sie das vermutlich sowieso schon tut, ich bis jetzt nur noch nichts davon weiß. Sicher kann ich mir darüber nicht sein.
Gesetzt den Fall ich würde es sagen, wäre die unangenehme Situation da und das Moment, in dem eine oder vielleicht auch wir beide anerkennen müssen, dass es vor allem deshalb unangenehm ist, weil man plötzlich nicht nur mit “Verrat” oder “Gebotsbruch” umgehen muss, sondern auch damit, dass es keine Routine im gewaltfreien Umgang mit solchen Situationen gibt.

Wir sind nicht so gut in sozialer Ausschlussperformance – also: Schweigen als soziales Mittel, Leute dissen oder Leute anziehen, um sie “auf unsere Seite zu bringen”, darin sind wir ziemlich schlecht.
Was wir können sind Reflektionen, Analysen, Auseinandersetzung, Fragen stellen, Klarheit schaffen und daraus Überlegungen anstellen, was helfen könnte.
Very konkret, much dinglich.
Und: ohne Schweigen
Unser ganz eigener Nichtschweigeskill.

Ich persönlich finde das okay so.
Und ich denke, dass das vielleicht auch ein guter Skill ist. Also heute jedenfalls.
Früher war das oft nicht sehr hilfreich. Und auch heute ist es im sozialen Miteinander eher irritierend.
Aber heute bedeutet Irritation keine Lebensgefahr mehr. Wir müssen nicht schweigen und wir müssen die verschiedenen Schweigerituale anderer Menschen nicht mitmachen – auch wenn wir uns deshalb manchmal nicht gut damit fühlen, weil wir nachwievor allzu oft allein damit sind. Obwohl wir uns in Szenen bewegen, die viel von unserem Er_Leben teilen.

Aber wir sind ja nicht die einzige Person auf der Welt, der es manchmal so ergeht, oder?

 

*@mthsblgr hat uns gestern noch geschrieben, dass der soziale Sinn für manche Leute darin liegt, sich über die Abgrenzung zu anderen Menschen mit jemandem zu verbünden bzw. eine Bindung aufzubauen, ohne sich selbst sehr zu öffnen.

Da muss man erstmal drauf kommen. Für uns ergibt das keinen Sinn. Muss es ja aber auch nicht.

Fundstücke #60

Wenn ich lese, dass “der Feminismus” alle Männer zu Tätern (sigh) erklärt, dann denke ich mir den Verfasser des Textes als jemanden, in dessen Leben ich gerne einmal hineinschlüpfen möchte.
An der Stelle geht es mir nicht ums Privileg oder darum, mal zu schauen zu schauen, wie das so ist als Mann mit Dingen konfrontiert zu sein. Ich frage mich wieder einmal, wie das wohl ist, wenn man nicht von anderen Menschen traumatisiert wurde.

Ich wurde von zwischenmenschlicher Gewalt in der eigenen Familie, in Institutionen, in erweiterten sozialen Gruppenkontexten traumatisiert. Tatsächlich bedeutet heute jede Person– unabhängig von jeglichen Eigenschaften, die sie von einer anderen Person unterscheidet – für mich eine potenzielle Gefahr.
Immernoch. Obwohl das Schlimmste inzwischen schon seit gut 11 Jahre vorbei ist.

Wenn ich Sätze aufschnappe wie: “Die (Feminist_innen) erklären alle Männer zu Tätern!”, dann denke ich sofort, dass das ein falscher Satz ist. “Täter_in” ist ein Wort, das eine im Nach-etwas-das-passiert-ist-hinein-Begrifflichkeit ist. Es muss etwas passiert sein – jemand muss etwas getan haben, um Täter_in zu sein. Einfach so, pauschal kann man das über niemanden sagen. Weder über Männer, noch über Menschen, die keine Männer sind.

Das ist wichtig. Gerade, wenn es um die (feministische) Auseinandersetzung mit sexistischer Alltagsgewaltpraxis geht. Die sexistische Alltagsgewalt wird von manchen als Tat eingeordnet und bedeutet in der Folge, viele aktive Täter-, Ermöglicher-, Mittäter_innen (!) , die auch als solche benannt werden.
Ob das jetzt so nötig, ist, um Sexismus als solchen abzuschaffen, kann ich nicht abschließend sagen, aber, dass es in dem Fall keinen generellen Outcall an Männer gibt, sie seien Täter, ist an der Stelle klar. Hoffe ich.

Was ich aber auch verstehe ist, dass das ungerecht vorkommen kann.
Wenn es in der eigenen Wahrnehmung so normal ist sexistisch zu sein, zu handeln, zu denken und zu bewerten, und es zusätzlich noch eine krasse Ausnahmesituation ist im eigenen Da_Sein, Handeln, Denken und Werten kritisiert, bezweifelt, und aufgrund dessen vielleicht sogar im sozialen Rahmen abgewertet und ausgeschlossen zu werden, ja dann kann einem die Welt schon mal brennen.
Das bedeutet aber noch lange nicht, dass andere dafür zuständig sind, das wieder in Ordnung zu bringen.

Für mich sind  WWcM*-Texte deshalb interessant, weil ich darin etwas finde, das mir sehr fremd ist.
Und damit meine ich nicht den öffentlichen Ausdruck von Unzufriedenheit mit der eigenen Situation und auch nicht den Umstand, dass dort eine völlig fremde Perspektive auf etwas fassbar wird.
Ich meine die Grundhaltung zu anderen Menschen.

Für mich sind andere Menschen im günstigen Fall etwas, deren störender Einfluss auf mich, in irgendeiner Form erwartbar ist. Im ersten Moment sind sie jedoch eine Gefahr. Das ist die Macke, die man mitnimmt, wenn man von klein auf damit konfrontiert ist, dass es so etwas wie einen “sicheren Menschen” schlicht nicht gibt..

Ich habe mich noch nicht viel mit anderen Menschen beschäftigt. Keine meiner Beziehungen ging über klar eingegrenzte Miteinander-Tätigkeiten hinaus, ich habe keine Menschen im Leben, die ich in allen Alltagssituationen und Zuständen einschätzen oder verstehen kann.
Eine “tiefe innige Verbundenheit” empfinde ich zu niemandem.

Mein neutrales – nicht von Anpassungen an Traumafolgen oder allagsgewaltbedingten Sozialmustern verformtes – Interesse an Menschen habe ich erst entwickelt, nachdem ich begriff, dass in jedem Menschen ein anderer Kosmos wirkt. Da waren wir etwa 21 Jahre alt. Heute weiß ich, dass das vielen Autist_innen so geht und nichts ist, was mich zurm Psychopath_in oder gefühlskalten Egoman_in macht. Und auch nicht zum „unfähig zur Liebe traumatisiertem Opfer“.

Ich weiß heute, dass soziale Interaktion nichts naturgegebenes ist, sondern das Ergebnis eines lebenslangen Lernprozesses, der immer nur in dem Rahmen passieren kann, der individuell zur Verfügung steht..

Vielleicht ist es an der Stelle schwierig für Lesende, die Parallele zum Täter_innenvorwurf zu finden.
Deshalb schreibe ich es so:
Manchmal mache ich mir Sorgen, dass mir Ähnliches gesagt wird, wenn ich meine Sicht auf Menschen so klar ausdrücke, wie ich sie erlebe. Dass ich alle Menschen vorverurteilen würde oder, dass ich Menschen instrumentalisiere, (weil ich sie als minderwertig(er als mich selbst) einordne) oder dass ich damit aufhören solle. Als wäre das etwas, was im ersten Schritt von mir gewählt wurde und ich mir im zweiten Schritt nicht selbst anders wünschen würde.

Diese Welt, die WWcM in ihren Texten als Schreckensszenario aufmachen, ist bereits meine Lebens_Realität.
Ich kann schon immer nicht einfach sagen, was ich wirklich denke, glaube und werte, gerade weil es sexistische, ableistische, klassistische Alltagsgewalt gibt, die mir Alltagspraxen und Verhaltenskorsette aufzwingen, in denen es mir in irgendeiner Form schadet, wenn ich ausdrücke (verkörpere) wer und was und wie ich bin, denke, glaube, handle, werte.

Mich beschäftigt die Frage, wie das ist, wenn das nicht so ist.

Wie ist das die Wohnung zu verlassen und einfach keine Angst zu haben?
Wie ist das an der Straßenbahnhaltestelle zu stehen und nicht schon längst von den Umgebungsreizen bis ins Mark aufgeschürft zu sein?
Wie ist das Menschen, die entgegen kommen oder von hinten überholen, nicht darauf abzuscannen, ob ihre Hand erhoben, das Gesicht verzerrt, die von ihnen ausgehende Lautstärke auf eine_n gerichtet ist?

Wie ist das, wenn man morgens aufsteht und einfach irgendwie weiß und glaubt, dass die Welt ein Ort für eine_n ist? Vielleicht sogar nicht einmal so klar und bewusst – sondern so ganz tief drin. Ganz sicher und fest.
Ohne jeden Zweifel. Jemals.

Ist es besser? Oder ist es anders?

Wie ist dieses Normal?
Wie ist es sich in einer Welt zu bewegen, in der man selbst die Regel und nicht die Ausnahme ist – ganz egal, wo, wie, warum man sich mit wem befindet?

In meiner Vorstellung ist da unheimlich viel Potenzial.
Zeit und Raum und Kraft für Schöpferisches, für Entdeckungen, für Kunst, für Fürsorge, für die Lösung von Problemen. Das ist zumindest was ich an mir feststelle, wenn ich in einem Moment von Okaysein in der Welt und meiner direkten Umgebung bin. Dann geht mir keine Energie daran verloren, mich zu schützen oder zu rechtfertigen. Dann habe ich keine Angst vor dem was andere Menschen an oder von mir verurteilen. Dann bin ich einfach da und mache meine Dinge und die Dinge, die anderen Menschen vielleicht etwas geben.
Das ist nicht die Erfüllung – aber es ist einfach so ein Passieren und Da-Sein, von dem ich denke: „Das ist Leben.“. Einfach so.

Da ist aber auch Machtpotenzial.
Wenn man so viel Kraft zur Verfügung hat, dann gibt es vielleicht auch einen Willen dazu, sie um jeden Preis zu erhalten. Notfalls mit Gewalt. Mit jenen *istischen Gewalten, von denen unsere Gesellschaft bereits durchzogen ist.

Ich habe damals vor 11 Jahren unseren Ausstieg unterstützt, weil wir verstanden hatten, dass Gewalt unser Leben bestimmt. Damals noch mehr als heute ganz im wortwörtlichen Sinne. Wir sind für Gewalt an uns aufgestanden, nachdem wir uns mit Gewalt (mittels Medikamenten, Alkohol und Drogen) in den Schlaf gebracht haben. Wir sind zur Schule gegangen, weil die Staatsgewalt, das so vorschreibt. Wir haben unser Verhalten und Da_Sein an jenen Instanzen ausgerichtet, die uns mit Gewalt zu was auch immer zwingen konnten, wenn sie nur gewollt hätten. Jedes Wollen und Wünschen wurde mit Gewalt beantwortet – manchmal von außen, manchmal von uns selbst.

Wir haben damals gesagt, dass wir keine Gewalt mehr leben und ausüben wollen.
Und heute denke ich, dass es deshalb überhaupt nur geklappt hat. Wir haben uns als aktiv Gewalt ausübend erlebt und akzeptiert– obwohl uns damals schon Jahre und Jahre lang gesagt wurde, dass es “die Täter_innen” waren, die uns Gewalt angetan haben.
Für uns war damals klar, dass es eine sich gegenseitig immer wieder anstoßende Gewaltspirale war, in der wir uns bewegt haben – egal, wie andere Menschen (Verbündete und Helfer_innen) das eingeordnet haben.

Sich selbst davon zu entfernen und nach Alternativen zu suchen, hätte nicht funktioniert ohne dieses Bewusstsein.

So denke ich das auch in Bezug auf solche Diskursblüten wie die, mit der dieser Text angefangen hat.
Ich denke, dass es wichtig ist zu verstehen, dass selbstverständlich alle Menschen potenzielle Gewalttäter_innen sind und auf jeden Fall auch schon einmal Gewalt ausgeübt haben. Darüber darf es keine Zweifel, von dieser Annahme, darf es keine Ausnahmen geben, denn wir leben (noch) nicht in einer Gesellschaft, in der es so etwas wie Gewaltlosigkeit nicht gibt.

Das schreibe ich nicht, weil ich als Teil eines Wir in diesem Körper, die Gewalt zu der Menschen fähig sind so genau kenne und sie mir deshalb nicht mehr als friedliche Wesen denken oder glauben kann.

Ich schreibe das, weil ich fest davon überzeugt bin, dass es Diskurs wie diesen weder gäbe noch bräuchte, wären Menschen diese friedlichen Wesen, als die sie sich selbst gerne verorten möchten.
Friedliche Wesen hätten die Kraft neugierig aufeinander zu sein. Schöpferisch und kreativ miteinander zu sein. Fürsorglich und nachhaltig mit sich und der Mitwelt umzugehen.

Friedliche Wesen haben keine Angst vor einander.

 

*weinende weiße cis Männer