Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

Trauma, Trigger, Volvo fahren

Neulich stand ich mit einer Freundin in einem Laden. Aus den Lautsprechern dudelte “This Love” von den Maroon 5. Ein Song aus dem “Dragostei din tei-Sommer”. Dem Sommer, in dem wir 18 wurden und wussten, dass wir nie wieder einfach mal eben so in eine Psychiatrie abgeschoben werden konnten. Der Sommer, in dem wir zwischen neuen Betreuer_innen, Lebensperspektiven und erneutem Kontakt zu Menschen, die uns ausgenutzt haben, standen.

Für mich war er wieder da. Komplett mit den klebrigen Händen, dem zuckenden Augenlid und dem inneren Drive, den man hat, wenn man versucht sich dazu zu zwingen nichts zu essen, nichts zu verraten, nichts falsch zu machen – und trotzdem das Moment relativ greifbaren Schutzes und Schönen zu verinnerlichen.

Vor ein paar Jahren hätte ich nicht so darüber schreiben können wie heute. Mein Flashback – mein unkontrolliertes, spontanes Erinnern (Assoziieren) – hätte sogar aus dem „im Nachhinein darüber reden“ heraus mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit weitere spontane Erinnerungsprozesse katalysiert. Oder, wie man auch sagen kann, “angetriggert” oder “ausgelöst” oder “angestoßen” oder “angemacht”.
Mehr bedeutet “Trigger” nicht. Nur: “Ding, das macht, das was passiert”.

“Flashbacks” werden oft auch als “Wiedererleben” bezeichnet. Meistens werden sie auch unter “Erinnern” bzw. “Assoziieren” mitgemeint.

Erinnern ist normal. Flashbacks sind normal.
Einmal den Macarena anhören und zack: Flashback in den Sommer, als die halbe Welt einen peinlichen Tanz zu überwiegend unverständlichem „Gesang“ machte.
Für manche Menschen ist dieser Song ein Trigger in Erinnerungsprozesse an den Spaß daran – für andere an schwierige bis traumatische Erfahrungen in dem Sommer.

Heute hilft uns in Momenten wie neulich einfach nur auszudrücken oder mitzuteilen, dass wir uns erinnern.
Einfach nur so. Ohne groß weiter auf das einzugehen, woran genau oder sich dem sonst wie zu nähern. Alle Menschen um uns herum kennen Flashbacks – viele kennen nur das Wort dazu nicht. Sie nennen das manchmal auch “sich zurückversetzt fühlen” oder wie gesagt: “erinnern” und erwarten auch keine näheren Worte zu dem, was es in mir macht. Es hilft uns, wenn Menschen dann sagen: “Ah ja kenne ich auch…” ebenfalls ohne groß daran hängen zu bleiben.

Uns ist das wichtig geworden. Denn der allgemeine Umgang mit dem Thema Trauma und dem Umgang mit traumatisierten Menschen ist häufig geprägt von Furcht, (Über)Vorsicht und gerade bei Menschen, bei denen Erinnern in zwei Richtungen kompliziert ist, manchmal auch mit der Idee “alles (von früher) rauszukriegen” bzw. dabei helfen zu wollen.
Wir brauchen unsere Art zu erinnern und gleichzeitig auch (noch) nicht erinnern zu können (und/oder als von sich selbst erlebt zu erinnern) normalisiert.

Einfach, weil wir erheblichen Schaden daran genommen haben, dass viele Betreuer_innen, Freund_innen und Verbündete unser Erinnern besonders gemacht haben. Zum Einen hat uns “alles rauskriegen” und “alles explizit aussprechen” müssen/sollen immer wieder nur überflutet, überfordert und in der Folge immer tiefere Spaltungen verursacht und zum Anderen, ist es selten eine Erinnerung selbst, die uns hilft etwas zu verstehen oder aufzulösen, sondern die Auseinandersetzung mit der Perspektive, die wir auf eine Erinnerung einnehmen können.

Wir leben mit einer dissoziativen Amnesie, die weite Teile von Kindheit und Jugend betreffen. Da sind Brocken und Krümel, aber keine zusammenhängenden Stränge. Keine spontanen und konkreten Antworten auf Wann, Wer, Warum, Wo…? möglich.
Das heißt übersetzt soviel wie: Das damals Erlebte ist nicht zusammenhängend abgespeichert worden. Warum auch immer.
Es gibt Modelle, die sagen, dass manche unaushaltbare/schwere/schlimme Dinge einfach zu schrecklich sind, um sie in ihrer Gänze in sich aufnehmen zu wollen (bzw. bewusst haben zu wollen) und es gibt das Modell um toxischen Stress, der es neurologisch unmöglich macht die üblichen Reizverarbeitungs- und Re-Assoziationsvorgänge vorzunehmen.

Letzteres ist das Modell an dem wir uns orientieren. Zum Einen, weil wir uns bis heute nicht als jemanden erleben, di_er sich für oder gegen Wahrnehmung oder Bewusstsein entscheidet und zum Anderen, weil wir insgesamt einfach nicht sehr viel mit tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Modellen anfangen können.

Was ist toxischer Stress?
Der Stress, der macht, dass man weder lernen, noch denken, noch aufnehmen kann. Der Stress, den man erleben kann, wenn man in einer lebensbedrohlichen Situation ist oder glaubt in einer zu sein (ohne Hilfe in Aussicht zu haben oder zu erhalten/ohne sich selbst in Sicherheit bringen zu können).
Toxischer Stress ist also auch nicht gleich „Gewalt erfahren“. Dieses Stresslevel können auch Menschen haben, wenn sie Gewalt ausüben, Gewalt beobachten, Gewalt miterleben oder auch „nur“ glauben gleich Gewalt zu erfahren/beobachten/miterleben oder auch selbst ausüben zu sollen/müssen/zu wollen (!).

Wenn Menschen mit diesem Level an Stress (egal wodurch konkret ausgelöst) aufwachsen, passt sich ihre gesamte Biologie an diesen Umstand an.
Denn Stress ist ein Nervengift, ähnlich wie Alkohol. Mal hier und mal da ein moderates klitzebisschen in guter Gesellschaft ist kein Problem – jeden Tag bis ins Blackout rein, hat erhebliche Schäden zur Folge. Und der Körper gewöhnt und passt sich daran an.

Wie Menschen, die regelmäßig viel trinken, bei kleinen Dosen nicht mehr betrunken werden, kann bei chronisch mit toxischem Stress konfrontierten Menschen die Empfindlichkeit für bestimmte Hormone und Neurotransmitter nachlassen, die üblicherweise Dinge rückmelden wie “körperliche Nähe/Sex wär mal wieder gut”, “Ich hab genug gegessen” oder auch “Ich bin grad nicht so gut versorgt” und viele andere.
Doch nicht nur Hormone wirken dann anders. Auch die vielen kleinen und großen Helferlein, die für Reiz.Verarbeitungsprozesse gebraucht werden, werden nicht mehr in der Menge produziert und/oder auf den Weg gebracht und/oder aufgenommen.

Was für spätere Erinnerungsprozesse schwierig ist, aber auch gerade im Fall von Klein_Kindern bedeutet, dass beispielsweise auch das Hirn.Wachstum verlangsamt bis verunmöglicht wird. Es gibt Studien, die physische Löcher in Gehirnen von schwer misshandelten und vernachlässigten Kleinkindern mit diesen ausbleibenden Prozessen in Verbindung bringen.

Warum habe ich jetzt diese Stressschleife gemacht?
Weil Stress auch später, wenn die Gewalt vorbei ist, noch eine Rolle spielt. Der gute Stress (das “mittlere Erregungslevel”) wird gebraucht, um Verarbeitungsprozesse anzutriggern – der auf das Erleben von toxischem Stress konditionierte Körper reagiert darauf aber manchmal nicht so, dass das auch wirklich passiert.

Und hier komme ich zu einem wirklich wichtigen Ding in der ganzen Trauma-Sache.
Es ist etwas anderes, ob man von Geburt an bis man erwachsen ist mit toxischem Stress zurecht kommen muss, oder ob man damit als Berufssoldat_in, als Polizist_in, als Rettungssanitäter_in oder während eines einmaligen Erlebnisses konfrontiert ist.

Es verändert nichts am Leiden darunter selbst.
Oder daran, wie ernst man das nehmen muss.
Oder wer wie viel Hilfe mehr oder weniger verdient hat.
Aber es verändert den Rahmen innerhalb dessen die betreffenden Personen ganz real damit umgehen können.

Eine Person, die sich in ihrem Leben immer als selbstwirksam, umgeben von hilfreichen, freundlichen, liebevollen Menschen und in grundsätzlich guter Versorgung erleben konnte, entwickelt völlig andere Fähig- und Fertigkeiten um mit toxischem Stress umzugehen, als eine Person, bei der das alles nicht oder nicht ausreichend vorlag.

Es braucht für viele schon in der Kindheit misshandelte Menschen lange Phasen der (Re-)Sensibilisierung für Üblichkeit im Vergleich zu Unüblichkeit.
Das haben wir vor ein paar Texten und in unserem Podcast zu Energieproblemen mit der Entdeckung der Langeweile gemeint. Wir haben (grob überschlagen) 4 Jahre voller Nichts bzw. Wenig mit Ausschlägen ins Viel(zu Viel) gebraucht, um überhaupt eine Idee davon zu entwickeln wie sich “nicht gestresst/angespannt den Überfall/die Überforderung/die Überflutung vorhersehen wollend/überachtsam sein” anfühlt.

Und erst jetzt in den letzten paar Jahren haben wir die Fertigkeiten, um uns selbst zur Entspannung und Beruhigung zu befähigen. Was nachwievor nicht heißt, dass wir diese Fähigkeiten dann auch immer wirklich nutzen können, aber unsere Trefferquote hat einen klaren Aufwärtstrend.
Und das hilft beim Umgang mit Flashbacks jeder Art.
Denen, die kommen und wieder gehen und denen, die kommen und weitere unkontrollierte Prozesse anstoßen.

Wenn wir mit Menschen darüber sprechen, was eine posttraumatische Belastung.störung zu einer Belastung macht, dann fangen wir immer mit der Unkontrolle an.
Damit wie das ist, wenn man sich erinnert, ohne sich das vorzunehmen, geschweige denn zu wollen. Wie das ist, wenn man urplötzlich an einer noch nicht verheilten Wunde berührt wird, ohne, dass man sich dieser Wunde als einer solchen bewusst ist oder weiß, welcher Umgang damit gut tut oder schadet.

Denn das bedeutet der Begriff “Trauma”: “Wunde” oder auch “Verletzung”.
Nicht mehr, nicht weniger.
“Trauma” bedeutet nicht: “Krieg” oder “sexueller Miss.ge.brauch” oder “Vergewaltigung” oder “Hassnachrichten übers Internet” oder “Stalking”.
Ein Trauma ist niemals ein Ereignis oder ein Verb. Niemals. Unter keinen Umständen oder irgendwelchen perspektivischen Definitionsansätzen.

Krieg ist Krieg.
Krieg kann zu Traumatisierungen in und an den Menschen, die ihn üb.er(ge)lebt haben verursachen.
Krieg ist deshalb aber immer noch kein Trauma. Krieg ist ein Ereignis. Ein unter Umständen auch traumatisierendes Ereignis.
Aber auch das ist es nicht in 100% der Fälle.

Nur 33% der Menschen, die Krieg erlebten, haben kurze Zeit später eine akute posttraumatische Belastungsreaktion auf dieses Ereignis. Ein weiteres Drittel erlebt eine verzögerte Belastungsreaktion.
Ein Drittel zeigt diese Reaktion jedoch nicht.
Obwohl es in 100% der Fälle ist ein sicherlich belastendes Lebensereignis, das die Menschen geprägt und verändert hat ist.

Es ist ein meiner Ansicht nach gefährlicher Fehlschluss, aus belastenden/prägenden Lebensereignissen
a) auf ein Trauma
b) mit tiefgreifenden Folgen wie zum Beispiel einer PTBS oder anderen Traumafolgediagnose
c) umfassende Hilfe- und/oder Rettungsbedarfe (also anhaltend globale Ohnmacht der betroffenen Person)
zu schließen.

Denn.
Das ganze Ding hat vier Achsen.
1. Die Subjektive
Die Wunde, das Trauma, das nur die Person, die damit lebt überhaupt selbst spüren und definieren kann. Und niemand sonst. Auch nicht die Personen, die dabei waren. Oder die Personen, die ähnliches einmal erlebt haben. Oder die Personen, die Menschen mit ähnlichen Erfahrungen behandeln.

2. Die sogenannt “Objektive” (der Behandler_innen aus Psychiatrie, Medizin und Psychotherapie)
Die Belastungsreaktion, die aus beobachteten Verhaltensweisen und interpretierten Schilderungen abgeleitet und mit einer Diagnose bewortet wird. Die dann entsprechend behandelt wird.

3. Die der Verbündeten/der Freund_innen/der Begleiter_innen
Die Auswirkungen auf Alltag und soziale Beziehungen innerhalb der gemeinsamen Kontexte. Mit all dem, was diese Personen für richtig und wichtig halten.

4. Die Strukturelle
Die Ebenen der Gesellschaftsordnung, ihrer Bürokratien und Versorgungsmöglichkeiten. Die Rechtsprechung, die Politik, die gemeinsamen Werte.

Wenn man so wie wir das Thema Trauma als Spezialthema im Leben hat, stößt man sich oft an bestimmten Art, wie das Thema aufgenommen wird.
So ärgere ich mich sehr, wenn Menschen nur Soldat_innen oder Unfallopfern das Erleben posttraumatischer Belastungen zugestehen, weil sie zum Beispiel Aktivist_innen, die 24/7 gestalkt und beschimpft, gedemütigt und bedroht werden, keine Todesängste oder Lebensbedrohungsgefühle in der Situation zugestehen können.

Das verärgert mich, denn: es ist niemals die Art eines Ereignisses selbst, die sich traumatisierend auswirkt.

Wenn Jonas noch nie irgendwas Schlimmes passiert ist – Jonas aber urplötzlich von einem Hund angesprungen und abgeleckt und gekratzt wird – und sich nicht wehren kann und glaubt, er würde jetzt sterben und er keine Hilfe kriegt – und ihm später noch von allen gesagt wird, da wär ja nix gewesen (ihm also auch kein Trost zuteil wird) – stehen die Chancen nicht schlecht, dass Jonas Verarbeitungsprobleme bekommt, die auch darin münden können, dass dieses Ereignis eine offene Wunde für ihn bleibt.

Traumatisierungen entstehen durch mehrere Faktoren, die zwar ein paar Dinge immer gemeinsam haben (Todesangst, Hilflosigkeit, Ohnmachtsgefühle, keine Hilfe, kein Trost, keine Möglichkeit/Fähigkeit der Selbstwirksamkeit währenddessen und/oder danach) – aber eben doch nicht immer alles.

Zum Beispiel spielt die körperliche Bedrohung bzw. Versehrung nicht immer eine Rolle. Manchmal ist das Ereignis selbst auch gar nicht das verletzende Moment, sondern ein Konflikt um einen nicht erfüllten Auftrag und die daran geknüpften Erwartungen von sozialer Isolation oder gesellschaftlichem Statusverlust.
Deshalb wirken und arbeiten zum Beispiel Soldaten- und Rettungssanitätertruppen immer wie eine Art Familie – man weiß wie viel leichter die Verarbeitung der selbst ausgeübten Gewalt bzw. der Anblick von schrecklichen Szenen fällt, wenn man offen sagen kann: “Das war echt schrecklich für mich”, ohne ausgeschlossen zu werden und allein damit bleiben zu müssen.

Ich ärgere mich aber auch, wenn von PTBS betroffene Menschen in allen anderen Menschen, die gerade durch schwierige Zeiten gehen oder eine ähnliche Erfahrung gemacht haben wie sie selbst, die gleiche Belastung/Störung/“Krankheit” sehen bzw. “diagnostizieren”, mit der sie leben.
Eine Traumafolge.störung ist keine persönliche Eigenschaft und zeigt sich niemals in der traumatischen Situation selbst, sondern immer danach.
Deshalb heißt es “post (also: “nach”) traumatische Belastungsstörung”.
Ich wünsche mir da häufig etwas mehr Abgrenzung und Differenzierung – kann aber natürlich auch sehen, dass es den Menschen, die sowas machen, manchmal auch darum geht ein Bindungsmoment auszudrücken. Also zu sagen: “Ich finde etwas von mir und meinen Erfahrungen, in der Person und ihrem Umgang mit schwierigen Dingen.”.
Warum man sowas dann nicht gleich sagt, entzieht sich meinem Verständnis.

Auch problematisch finde ich, wenn ich Angehörige oder Verbündete von traumatisierten Menschen sehe, die übergriffig und sachunverständig “helfen” (wollen) und nicht reflektieren (können/wollen), dass sie mit reinstem Gewissen echte Gewalt ausüben.
Hier geht es immer wieder um die Grundannahme, dass die traumatisierte Person  immer und in ausnahmlos allem hilflos, ohnmächtig ausgeliefert ist und jemanden/etwas außerhalb von sich braucht, um klar zu kommen.

Vielleicht ist das eine kontroverse Äußerung jetzt aber: In den meisten Fällen ist diese Annahme der totale Bullshit.
Ja – viele Personen, die mit PTBS und anderen Traumafolgediagnosen leben, erleben sich auch bestimmten Symptomen gegenüber erstmal hilflos und haben das Gefühl das würde nie wieder aufhören und es gäbe da keine Hoffnung und ach überhaupt ist doch so oft alles wie damals als sie wirklich gar nichts tun konnten und ihr Leben bedroht war.
Aber: was gibt es alles neben diesem Empfinden?

Meiner Ansicht nach müssen sich Verbündete und Angehörige sehr klar machen, dass genau sie immer neben diesem Empfinden stehen müssen. DANEBEN – nicht mittendrin!

Eine der Anpassungen an das Leben in chronisch toxischem Stress kann sein, die Überforderung immer und überall zu erwarten. Das heißt immer eher davon auszugehen in einer Pfütze zu ertrinken, als nasse Füße zu kriegen.
Wenn eine Person aber nicht mehr in Kontexten lebt, in denen diese Erwartungen lebensrettend sind, dann wird es Zeit zu schauen, welche anderen Erwartungen sich wahrscheinlicher erfüllen werden.

Um beim Pfützenbeispiel zu bleiben, kann es sein, dass eine Person bei Regen nicht rausgeht, oder unkontrollierbare Panikattacken hat, wenn es regnet oder sie an einer Pfütze vorbei gehen muss. Eine verbündete Person tut dann gut daran, weder die Person über die Pfütze zu tragen, noch über die Erfahrungen der Person mit zum Beispiel Beinahertrinken zu reden, noch sich selbst in die Pfütze zu schmeißen um dessen Harmlosigkeit zu beweisen.

Wir haben sowas nie als hilfreich erlebt. Im Gegenteil.
Uns über eine Pfütze zu tragen, bedeutet uns abzuerkennen, dass wir das selbst schaffen könnten (wenn wir es wollten). Im Moment des angetriggerten Erinnerungs- und Reaktionsprozesses über die unverarbeitete Erfahrung dahinter zu sprechen hilft nicht, diese als vergangen einzuordnen (dazu komme ich gleich nochmal).

Und Verbündete, die sich selbst zum Maßstab der “wirklichen” oder “echten” oder “eigentlichen” Realitäten machen, sind keine Verbündeten, sondern eine Gefahrenquelle. Denn da wirkt etwas, das sich um etwas in der verbündeten Person dreht – und nicht um die Situation oder den Wunsch jemandem zu helfen, um der Person selbst Willen, sondern für sich selbst.
Sowas ist gefährlich. Ohne Mist.

Wenn:
– dir jemand nur hilft, weil si_er es nicht ertragen kann, dass es dir schlecht geht oder du bestimmte Erfahrungen gemacht hast
– dir nur hilft, wenn du bestimmte Verhaltensauflagen, die dir (zu) viel Kraft abverlangen und/oder nicht einmal dir selbst (auch) nutzen, einhältst
– nur dann für dich da ist, wenn du hinterher in irgendeiner Form eine Dankbarkeit zeigst
– von dir hören will, dass nur diese Person dir wirklich richtig und eigentlich als einzige richtig gut hilft
– dir die eigene Wahrnehmung von Dingen als krank, verzerrt oder grundlegend immer und bezüglich allem als falsch beschreibt

dann: Abstand einnehmen!

Wenn man mit Belastungen lebt, die bestimmte Situationen macht, in denen man sich (immer wieder) extrem hilflos fühlt (weil man eine frühere extreme Hilflosigkeit wiedererlebt), dann ist es total verführerisch, sich auf Personen einzulassen, die sicher und ruhig und furchtlos und mächtig wirken.
Aber es sind nicht die Personen, die dich davor schützen jemals wieder an Schlimmes zu erinnern oder es wiederzuerleben, die die “guten Verbündeten” sind.

Die Guten sind jene, die dich vor einer solchen Situation fragen, was dir helfen könnte, dich in einer Situation des Wiedererlebens daran zu erinnern, dass das früher Geschehene vorbei ist und du heute, hier und jetzt Möglichkeiten hast, die du früher in der erinnerten Situation nicht hattest. Es sind die, die sich für deine neuen Erfahrungen und veränderten Erwartungen interessieren.

Die guten Verbündeten haben so viel Abstand zu dir, dass ihre Fähig- und Fertigkeiten kein Ersatz für deine Unfähig- und Fertigkeiten sind – stehen aber so nah, dass sie hören, was du als Ersatz gebrauchen könntest (und dir helfen, diesen Ersatz zu entwickeln oder aufzutreiben).
Die guten Verbündeten wissen nicht alles – sind aber bereit mit dir zusammen zu lernen und zu erkunden.

Die guten Verbündeten nehmen dich grundsätzlich als Person mit eigenem Kosmos, der okay ist wie er ist, an.
Gibt es diese Grundannahme nicht passieren Fehler.

Als ein gerade gegenüber Menschen mit retrograder bzw. dissoziativer Amnesie passierender Fehler-Klassiker ist beispielsweise die “Du musst dich an alles genau erinnern”-Katharsis-Idee nachwievor weit verbreitet und führt immer wieder zu unnötigem Leiden.
Wir haben selbst lange daran geglaubt und uns darüber mehrfach fast zugrunde gerichtet, weil wir nach Außen entsprechen wollten und durch den Anspruch an sich geglaubt haben, es sei uns “in Wahrheit” möglich uns zu erinnern. Wir müssten uns nur anstrengen, müssten nur ehrlich sein, müssten nur aufrichtig sein, müssten nur stärker sein, um mit den Gefühlen umgehen zu können.

Die Amnesie, mit der wir leben, funktioniert aber nicht so, dass wir sie bewusst spüren. Wir wissen nicht, was wir nicht erinnern. Entsprechend haben wir keinen konkreten Raum innerhalb dessen wir uns überlegen können, ob wir uns jetzt erinnern wollen oder nicht.
Was wir entscheiden können ist, ob wir die Auseinandersetzung vermeiden oder nicht.
Das ist etwas anderes und hat mit der Amnesie an sich erstmal wenig zu tun.

Das Vermeiden der Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen ist eine typische Reaktion von traumatisierten Menschen.
Eine total schlaue Reaktion ist das, weshalb sie sich in der menschlichen Evolution auch schon fantastillionen mal bewährt hat. Es ist einfach schlau Dinge zu meiden, die weh tun oder potenziell lebensbedrohlich sind. Es gäbe weniger Menschen gäbe es dieses Muster nicht.

Viele Menschen, die ein posttraumatisches Reiz- und entsprechend auch Stressverarbeitungsproblem haben, meiden bestimmte Dinge oder Umstände, weil sie sie in unkontrollierte Erinnerungsprozesse bringen könnten, ohne, dass sie diesen Vorgang beeinflussen können.
Wir haben das sehr lange als “Ich vermeide Trigger” bezeichnet, wissen heute aber, dass das eigentlich falsch gesagt ist. Denn Trigger kann man nicht vermeiden.

Leben triggert. Alles triggert alles.

Es ist nie nur ein bestimmtes Symbol oder eine bestimmte Aussage, die ein Erinnern bei uns auslöst und uns schwierige Dinge wiedererleben lässt. Erinnern ist ein multifaktor-needed Prozess.
In entspannter Grundstimmung sind wir viel weniger leicht in unkontrollierte Prozesse zu triggern, als in der ängstlichen Grundhaltung jetzt gleich sofort könnte uns ein Trigger von der Seite anspringen. Wenn wir etwas tun, von dem wir genau und sicher wissen wann, wie, wo und wofür wir etwas tun, sind wir auch nicht so einfach darüber zu verwirren, ob wir gerade soviel können, wie damals als… oder so viel wie heute als Person im Alter von… mit Auftrag X zum Zweck Y, aufgrund der Fähigkeit …

Sind wir ängstlich, verwirrt, auf vielen Ebenen irgendwie zu irgendwas gezwungen oder verpflichtet, können/dürfen/sollen wir die Situation nicht aktiv mit.bestimmen, weil irgendeine evtl. schwierige Konsequenz droht oder drohen könnte, stehen wir schon mit anderthalb Beinen im Flashback und kein Triggervermeidungsversuch der Welt kann da irgendwas verhindern.

Wir fordern die Menschen, die mit uns zu tun haben immer wieder dazu auf, einfach ganz normal/üblich mit uns umzugehen, weil es uns Angst macht, wenn die Menschen um uns herum Angst haben. Auch Angst davor uns aus Versehen einem Trigger auszusetzen oder etwas zu tun, dass uns traurig macht oder ängstlich oder was auch immer.

Es ist das schlimmste für uns, wenn außenstehende Menschen Angst vor unseren Traumafolgeproblemen haben. Denn das bedeutet, dass wir nicht mehr nur für uns die Verantwortung für den Umgang damit tragen müssen, sondern auch für sie. Und das bedeutet für uns: Menschen meiden (um sie davor zu schützen) oder ihnen gegenüber verschweigen, dass wir damit leben (was nicht geht, denn wir sind viele und das wirkt sich früher oder später einfach immer irgendwie aus).

Viele Menschen glauben, dass sich traumatisierte Menschen einigeln und isolieren, weil sie sich schuldig fühlen, dass ihnen passiert ist, was ihnen passiert ist.
Für manche viele Menschen kann das stimmen.
Wir haben uns nie deshalb isoliert. Wir fühlen uns bis heute nicht schuldig, dass Dinge passiert sind. Schuld spielt für uns einfach keine eigene Rolle.

Wir haben uns isoliert, weil viele Menschen in unserer Umgebung Angst vor dem hatten, was uns passiert ist und aus dieser Angst heraus die wildesten, manchmal auch gewaltvolle, Ideen dazu hatten (und umgesetzt haben), uns davon zu „befreien“ oder zu „heilen“.
Das war uner anderem der erwähnte “Du musst dich an alles erinnern und aussprechen”-Fail.

An der Stelle vermischten sich die Idee, dass wir als Viele nicht normal und auch üblich sind, wie wir sind und die eigenen angstauslösenden Schlüsse über die Wirk.Mächtigkeit dessen, was uns passiert ist. Die Person sah uns als kaputt und krank und dachte, unser Vermeidungsverhalten fuße auf Schweigegeboten und dem Verbot sich zu erinnern, damit wir keine Strafanzeige erstatten.

Zu keinem Zeitpunkt hat uns die Person mal gefragt, ob wir überhaupt eine Strafanzeige stellen wollten (überhaupt, was wir wollten) oder sich damit befasst, wie Viele sein überhaupt entsteht oder sich darüber informiert, wie sich Traumafolge.störungen überhaupt entwickeln. In ihrer Vorstellung funktionierte ein Trauma wie eine Infektion mit etwas, das man mit Konfrontation allein bekämpfen kann. Also quasi wie ein Gegensatzpaar, das sich gegenseitig ausgleicht und dadurch alles normalisiert.
Wir schwiegen und litten eher passiv-reaktiv vor uns hin – also mussten wir ihrer Ansicht nach reden und aktiv ins Kämpfen/Angreifen kommen.

Das endete darin, dass wir Angst davor bekamen, in ihrer Anwesenheit zu erinnern, weil die Person aus jedem von ihr miterlebtem Flashback eine stundenlange Aktion der Konfrontation und Aussprache machte, bei der in uns immer mehr und mehr völlig desorientierte Innens angestoßen wurden, die ihrerseits keine Chance bekamen zu sehen, dass “ihre Zeit” schon längst vorbei war und die Gewalt, die uns da gerade passierte, eine völlig andere war.

Die Person hat uns am Ende, glaube ich, nicht mehr als “Hannah, die schwierige Erfahrungen gemacht hat” gesehen, sondern als “wegzumachende, schwierige Erfahrung, die Hannah als gemacht nicht akzeptieren will, weshalb sie sie vermeidet, weshalb man sie ihr 24/7 sagen und verlangen muss, dass sie sie ausspricht, damit sie sie endlich akzeptiert und loslässt”.

Needless to say, dass wir ziemlich gelitten haben, oder?
Im Rückblick hatten wir damals aber noch Glück. Es war nur eine “Freundin” und kein_e Behandler_in. Auf der Suche, die dann bei unserer jetzigen Therapeutin endete, hatten wir ein Vorgespräch bei einer Psychoanalytikerin, die diese invasive Konfrontation als Therapie an uns verbrochen hätte, hätten wir nicht schon gewusst, dass uns diese Form der Auseinandersetzung nur schadet.

Aber wie ist das denn nun mit dem Erinnern und Vergessen und Verdrängen und Trauma und Amnesie und Verarbeiten?
Wie kommt es, dass wir uns heute kaum an die Kindheit erinnern, aber trotzdem sagen können, dass wir schwere Gewalterfahrungen gemacht haben?
Wie kann es sein, dass wir von Erinnerungen gequält werden, aber gleichzeitig eigentlich gar keine haben?
Und: sind Erfahrungen überhaupt eigentlich wirklich “vergessbar”?

In diesem Blog haben wir schon viele Bilder für diese Fragen gefunden, deshalb denke ich mir kein neues mehr aus und bleibe bei einem Klassiker:
Alltägliche Erfahrungen zu machen ist üblicherweise wie eine Überlandfahrt in einem geräumigen Volvo.
Es passen viele Schnick-Schnack-Informationen in den Kofferraum hinein, man hat die Ruhe und Gelassenheit mal aus dem Fenster zu sehen und Ähnlichkeiten festzustellen. Man kann Freund_innen und Bekannten davon erzählen, weil man ein Fotoalbum anlegen konnte, auf das man auch später immer wieder zurückgreifen kann.

Eine traumatische Erfahrung ist eine Überschallreise in einer winzigkleinen Schutzkapsel.
Es passt nur der eigene Körper (das eigene Ich) hinein und man ist froh, dass man lebendig wieder heraus kommt. Man hat eine Zilliarde Informationsschnipsel, die man ungeordnet und zusammenhanglos in eine Rumpelkammer schaufelt, weil man selbst nicht mehr weiß, was jeweils wozu gehört. Es ist ein so extremes Ereignis, dass man davon ausgehen muss: Niemand wird verstehen, was ich davon erzähle. Oder auch selbst weiß: “Würde mir jemand so schreckliches/krasses und/oder unzusammenhängendes Zeug erzählen, ich würde ihn für bekloppt halten/nicht gut verstehen/nicht zuhören wollen.”.

In unserem Fall kommt dazu, dass wir die Informationsschnipsel, die uns manchmal aus der “Rumpelkammer” vor die Füße rutschen, meistens nicht einmal mit uns jeweils in Verbindung bringen, sondern mit jemand anderem. Zum Beispiel einem anderen Innen. Oder einer völlig außenstehenden Person. Oder einem Film, den wir denken gesehen zu haben. Oder einem abgefahrenen Traum.

Erinnerungen sind immer das, was ein Gehirn aus Reizrohmaterial und vorhandenen (bereits verarbeiteten und eingeordneten) Reizinformationen macht.
Das ist der Grund weshalb 50 Leute das gleiche Ereignis auf 50 verschiedene Arten beschreiben.
50 Perspektiven, 50 Er_Lebenshintergründe, 50 verschiedene Reizverarbeitungsbefähigungen, 50 verschiedene Erinnerungen.

Schon allein deshalb lehnen wir es ab von Erinnerungen auf Wahrheiten zu schließen und sehen an der Stelle auch das Gerangel zwischen False Memory- Anhänger_innen und Traumatherapeut_innen und Justiz kritisch.

Wir sehen unsere Erinnerungen als Hinweis auf unsere Perspektive auf ein Ereignis, bei dem wir dabei waren.
Nicht mehr und nicht weniger.
Für uns ist nicht relevant, was damals “wirklich” passiert ist. Als Handlung bzw. als äußeres Geschehen – relevant ist, wie wir das üb.er(ge)lebt haben, denn das ist, womit wir heute leben und worauf die heutigen Erfahrungen immer wieder auftreffen.
Denn die Rumpelkammer bzw. das Fotoalbum in dem Bild sind das Gedächtnis.

Das Gedächtnis spielt nicht nur eine Rolle, um sich aktiv an Dinge zu erinnern – es ist auch von zentraler Bedeutung neue Dinge einzuordnen und sich selbst zu verorten und in Kontexte zu setzen. Hat man ein hübsch sortiertes Fotoalbum des eigenen Lebens, braucht es ein zwei Schritte und man weiß wer man ist, was man kann, welche Erwartungen lebensrettend sind und welche eher unwahrscheinlich eintretend. Man hat ein relativ kongruentes Bild von sich in Bezug auf die eigene Um- und Mitwelt.

Hat man eine wilde Mischung aus Fragmenten in eine Rumpelkammer gestopft, sieht die Lage ganz anders aus. Da wird geraten, grob und schnell entschieden/”eingeordnet” und aufgepasst, dass einem da nicht alles auf einmal wieder rauspurzelt (denn das wäre der Flashback, den man unbedingt vermeiden will).

Man denkt immer, man könne das eigene Gedächtnis gezielt und alleinig benutzen, weil man gemeinhin annimmt, Erinnerungen wären immer nur die Dinge, die man beworten kann. Also die man beschreiben und erzählen kann.
Tatsächlich greift man aber schon dann auf das Gedächtnis zu, wenn man aufwacht und guckt, wo man ist. Wenn man ein Plakat anguckt und weiß: das ist ein Plakat. Wenn man aufs Klo geht und sich die Hosen runterzieht. Wenn man Hunger hat und zu einem Lebensmittel statt einem Backstein greift.

Spätestens jetzt sollte jede_r verstanden haben, was ich meine, wenn ich schreibe: Leben triggert
Trigger sind in 100% der Lebensfälle wichtig und richtig und gut für uns, denn sonst wären wir tot.

Die Erinnerungen, die wir beworten können aber, sind uns gerahmter und bewusster als die, die wir jeden Tag on the daily turn vornehmen. Das hat mit der Gewohnheit zu tun, aber auch damit, dass die Assoziationswege viel kürzer sind. Gegenstände und ihre Namen haben einen Weg – Erfahrungen, die mit körperlichen Empfindungen, emotionalen Vorgängen, sozialen Beziehungsgeflechten und eventuell einem extrem ungewöhnlichen Charakter zu tun haben, nehmen viele Wege ein.

Wir können das an der Struktur, die wir für Lautsprache entwickelt haben, auch ganz gut ablesen.
Wir haben uns das Sprechen in Clusterstrukturen beigebracht – also bewussten Assoziationsketten (aktiv gesammelter und eingeprägter Wörter im Zusammenhang sozialer Interaktion).
So steht das Wort “Baum” im Raum “Natur” der im Raum “draußen” passiert.
Im Raum “Baum” stehen “Borke”, “Laub”, die verschiedenen Namen von Bäumen, jeweils umgeben von den Worten, die man benutzt um ihre Merkmale zu beschreiben und und und…
Angebunden an den Raum “Baum” ist der Raum zu Wörtern um eigene Empfindungen im Kontext des Baumes auszudrücken.
Dieser Raum ist einer auf den wir auch von anderen Worträumen aus zugreifen können. Denn das Empfinden eines Baumes oder die Reaktion auf einen Baum ist zwar besonders – Empfinden und Reagieren an sich ist aber etwas, das in Bezug auf andere Dinge oft ähnlich ist. Wir können beeindruckt von einem Baum sein, aber auch von einem Bäumchen oder einem Ast oder einem Wasserfall oder einem Gefühl oder einem Gedanken.

Das macht den Raum “Empfindungen” zu etwas das uns ganz nah ist und nicht viele Schritte braucht – den Raum “draußen” hingegen aber zu etwas, das wir nur kontextabhängig mal brauchen und entsprechend auch immer erstmal finden müssen (weil wir immer erst vom klitzekleinen ins kleine ins mittlere ins große ins Gesamtbild gehen).

Im Fall von alltäglichen Erinnerungen gibt es so viele kleine Dinge, die den meisten Menschen nicht bewortet werden, weil sie so üblich sind.
Erinnerungen an krasse überfordernde fragmentarisch aufgenommene Erfahrungen können oft nicht bewortet werden, weil erst durch die Verknüpfung mit alltäglicheren Erfahrungen ein Zugang zu Worten und damit ein gezielt ansteuerbarer Weg entsteht.
Da spielt auch mit hinein, dass Lautsprache evolutionär betrachtet noch neumodischer Schnickschnack ist und sich in einer Hirnregion befindet, die nicht so fix bedient wird, wie jene, die es schon länger gibt.

Ein Punkt übrigens, weshalb Sprechen für alle Menschen in gewisser Weise auch anstrengend ist. Es ist ein energieaufwendiges Ding dieses Gehirnstück. Und Sprechen an sich ist auch eine motorisch recht lernintensive Sache (hat schon einen Grund weshalb Menschen von Geburt bis in die Kindheit dafür so ihre Zeit brauchen).
Gibt man dieser Anstrengung noch die Schwierigkeit hinzu traumafolgebedingte Aspekte (und die eigenen Reaktionen darauf) kompensieren zu müssen, kommt man auf eine krasse Energiebedarfsbilanz.
Just for the record.

Wir erleben unsere Erinnerungsprobleme manchmal wie das Spiel “das verrückte Labyrinth”.
Jedes Innen hat eigene Zugriffe und Ordnungen in der von uns allen genutzten Rumpelkammer und bringt jeweils eigene Erfahrungsschnipsel mit ein. Dadurch verändert sich immer wieder das ganze Bild und auch die jeweils möglichen Zugänge zu mehr Informationen.

Das bedeutet, dass auf unsere Schnipselsammlung bis heute noch keine geordnete Sammlung trifft, sondern immer wieder nur mal hier ein Schnipsel und mal da einer.

Wir funktionieren nachwievor so, als würde jeder Moment des Lebens wie die lebensgefährliche Fahrt in der Überschallkapsel passieren.
Denn so sind wir aufgewachsen. Unsere Reaktion auf die Anforderungen des Lebens war es viele kleine Ichs in eine Kapsel zu setzen und auf dem Weg wenn (überlebens)nötig welche rauszuschmeißen.
Einen Volvo zur gemütlichen Überlandfahrt hatten wir nur ganz selten zur Verfügung. So selten, dass wir uns mit seiner Benutzung noch gar nicht so gut auskennen. Deshalb gehen wir heute nochmal zur Fahrschule. Quasi.
Oh man… vielleicht ist diese Metapher doch etwas schräg. Sorry. ^^

Also “Fahrschule” meint an der Stelle die Therapie.
Wir holen in der Therapie keine verdrängten Erinnerungen hervor. Wir versuchen uns Innens alle an einen Tisch (auf ein gemeinsames Stresslevel) zu kriegen, um zu schauen, wer welchen Überschallflug wann durchgemacht hat, um eine Idee zu bekommen, welche Schnipsel wozu gehören.
Um dann eine gemeinsame Erinnerung als solche erfahrbar zu machen. Und als gemeinsam selbst gemacht zu begreifen. Und als beendet und vergangen zu begreifen. Und an einen Platz in der Rumpelkammer zu stellen, wo man sie sicher und stabil gelagert erreichen kann, ohne ständig irgendetwas anderes umzuschmeißen.

Es geht also nicht um eine Tiefenwanderung zur Ergründung von Wahrheiten aus den Tiefen der Seele.
Es geht uns darum überhaupt erstmal richtig zu schnallen, was da los war, welche Innens beteiligt waren und was ihre Perspektive für unser Leben heute bedeutet.

“Verdrängung” ist so ein Begriff aus der Tiefenwanderungsszene. Wir haben nie irgendwas verdrängt, um uns nicht zu erinnern.

Um uns nicht zu erinnern, haben wir nie irgendwas gemacht. Wir konnten nie mehr machen als schlicht zu überleben bzw. dem Impuls folgen alles mögliche zu tun, um das eigene Leben zu retten bzw. nicht zu gefährden. Dazu gehört damals wie heute auch Vermeidungsverhalten.
Wir haben da den Begriff des „Vermeidungstanze“ für bestimmte Schlängeleien, wenn wir Angst davor haben die Kontrolle zu verlieren oder an etwas zu rühren, das möglicherweise sehr weh tut, ohne, dass wir uns selbst dann helfen können.

Wir haben da aber auch das Bewusstsein um Momente, in denen es nur Vermeidungsverhalten ist, was uns davor bewahrt im Alltag an Funktionalität zu verlieren.
Weshalb wir durchaus verstehen, wie es heute nun dazu kommt, dass der Traumabegriff so oft verwässernd benutzt wird.

Würde man sich umfassend damit auseinandersetzen, was Traumatisierungen (über lange (Entwicklungs)Zeiträume) bedeuten und auch, was es bedeutet, wenn Menschen genau das eben nicht tun, könnte man zu der Erkenntnis und darüber vielleicht sogar an einen emotionalen Einblick dahin kommen, wie tatsächlich (posttraumatisch) belastend es ist, eine (komplex) traumatisierte Person zu sein.

Und das muss man erstmal aushalten können.
Und wollen.

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Autismus und DIS, DIS?, Innenansichten, Lauf der Dinge

adultistischer Ableismus und Kinderinnens

Wir haben ein Problem an dem Umgang mit Kindern.
Das macht unsere Texte über Kinderinnens oft zu einer unflauschigen Angelegenheit.
Zu Beginn schreibe ich hier über Außenkinder, um die Abgrenzung aber auch den Bezug zu Innenkindern (Kinderinnens) deutlich erkennbar vorzunehmen.

Ziemlich stark ist in uns die Ablehnung von Kindern als “die Zukunft”.
Und richtig kirre macht uns der west-wohlstandsgesellschaftliche Blick auf Kinder, in dem sie so kostbar sind, dass man sie 24/7 fördern muss, damit sie auch nur den Hauch einer Chance haben, den übersteigerten Erwartungen und Ansprüchen der Generationen vor ihnen in irgendeiner Form nachzukommen.

Kinder können ja nix. Sie sind ja immer gefährdet. Man muss sie schützen. Man muss sie bewahren. Kinder sollen die Erwachsenen mal machen lassen, damit diese ihnen “das Beste” antun können. Damit Erwachsene noch immer mehr Gründe haben, weitere Forderungen als legitimiert einfordern können.
Und selbstverständlich wissen nur Erwachsene, was genau “das Beste” eigentlich ist.

Adultismus ist das Wort dazu.

Adultismus ist ein Kind des Ableismus und gehört also zur Familie der Scheiße-ismen, die das zwischenmenschliche Miteinander unserer Gewaltkultur vollständig durchdrungen haben.
Es geht um Macht und damit auch um Gewalt.en.
Im Falle des Adultismus, geht es um die Macht bzw. die Diskriminierungen, die erwachsene (dezidiert umfänglich befähigte) Menschen über noch nicht erwachsene (also (in der Mehrheit der Fälle) aufgrund des anderen Reifegrades anders umfänglich befähigte) Menschen inne haben und ausüben.

Diese Macht bzw. diese Diskriminierung manifestiert sich in normalisierten Handlungen, gleichzeitig aber auch in Handlungen, die gesellschaftlich abgelehnt werden.
Es ist üblich Kinder einfach so zu einzuordnen und zu reglementieren, ohne sie zu fragen. Und selbst in Familien, die Wert darauf legen, dass die Kinder ihre Grenzen selbst festlegen dürfen, gibt es X Ausnahmesituationen, in denen ebenjene Grenzen aufgeweicht werden, um etwas durchzusetzen, das als “das Beste” für das Kind verstanden wird – ohne, dass das Kind ein Bestes für sich definieren kann oder darf.

An dieser Stelle will ich nicht auf “Ja, aber Kinder können doch noch gar nicht wissen/entscheiden…” eingehen. Denn: Ja mag sein, dass ich keinen Konsens mit einem einjährigen oder dreijährigen Kind über eine Impfung aushandeln kann – aber ich muss mein übergriffiges Handeln nicht damit rechtfertigen, dass ich mehr weiß oder mehr kann, als mein Kind und leugnen, dass ich an der Stelle gerade etwas entschieden habe, weil ich das konnte und wollte und sollte und vom Gesetz zugestanden auch: durfte – und das Kind nicht.
Es ist nur ehrlich und fair, wenn ich an der Stelle transparent um mein Handeln bin und so dem Kind ermögliche (im Rahmen der zu dem Zeitpunkt bestehenden Möglichkeiten) zu erkennen, was da gerade passiert ist, um selbst eine Einordnung vorzunehmen.

Für die Kinder in dieser unserer Gesellschaft gibt so wenig frühe Chancen, die Erwachsenen um sich herum und deren Handeln auch mal scheiße zu finden, ohne selbst sofort um Leib und Leben fürchten zu müssen. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass Kinder niemals in der Lage sind ganz und gar autark zu meinen oder zu finden oder zu urteilen. Und folglich auch: zu fordern oder zu wollen.
Was im Zusammenspiel mit den wenig geschätzten Fähig- und Fertigkeiten überhaupt erst zu ebenjener Abhängigkeit vom “good will” der sozialen Umgebung führt, die allgemein mit Kindern in Zusammenhang gebracht wird.

Wie gesagt: Wir müssen nicht darüber reden, dass Kinder nicht die 20 Sahnetorten haben können, die sie gerne hätten.
Aber wir müssen darüber reden, aufgrund welcher Machtstrukturen es die erwachsenen Menschen sind, die ihnen diese Sahnetorten verwehren und was das für die Realitäten der Kinder bedeutet.

Aus Kindern, die in adultistischen Umfeldern aufwachsen, werden Erwachsene, die eine spezifische Sicht auf die eigenen Fähig- und Fertigkeiten internalisiert haben und, die sie folglich immer entlang von Autoritäten oder in Abgrenzung zu versagen/scheitern/noch nicht können, definieren.
Ein Marker dafür kann die ständige Ausrichtung auf die Zukunft der eigenen Fähig- und Fertigkeiten sein.
Ein kindliches: “Wenn ich groß bin, dann …”, kann zu einem erwachsenem: “Wenn ich meine Koch- und Backskills als Masterdiplom of the universe schriftlich mit Brief und Siegel hab, dann…”, werden.

Gleiches gilt für die Bewertung eigenen Handelns.
”Wenn Mama/Papa/Lehrer_in/Doktor_in/Richter_in/Bürgermeister_in/Bundeskanzler_in… sagt, was ich gemacht hab, war gut/schlecht, dann… ”.

Adultismus ist ein wichtiges Instrument der Kontrolle über Menschen.
Im Kontext der konkret körperbezogenen Gewalt an Kindern, kommt es so zu einer ganzen Reihe von Diskriminierungsfaktoren, die auch nach der Tat bestehen bleiben und so verhindern können, die strafbare Gewalt durch Erwachsene von der legalisierten/normalisierten Gewalt abzugrenzen.

Aus so miss.be.handelten Kindern, können folglich Erwachsene werden, die zum Einen den adultistisch-ableistischen Blick auf sich internalisiert haben, zum Anderen aber auch eine diffuse Haltung gegenüber der Frage, welches Verhalten wie übergriffig ist und welches Verhalten womit zu legitimieren oder begründen sein könnte.

In der Auseinandersetzung mit Kinderinnens haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Idee vom erwachsenen Menschen eine ist, die einem Kind immer und in jeder Situation überlegen ist. Aufgrund der jeweiligen Fähig- und Fertigkeiten.

Die Schieflage ist uns gefallen, nachdem wir die gleiche Haltung uns gegenüber von Mediziner_innen und anderen Behandler_innen erlebten, die sich uns überlegen fühlten, weil sie diverse Fähig- und Fertigkeiten, als bei uns fehlend oder “krankhaft” eingeordnet hatten.
Nachdem wir in unseren früheren Lebenskontexten festgestellt hatten, dass man uns als weniger wert einordnet, weil wir bestimmte “Leistungen” nicht erbringen konnten.

Diese Parallele mit “Ableismus” beworten zu können, ist etwas, das uns heute sehr stärkt. Denn es gibt uns ein Wort für die Dynamik selbst, ohne näher an die Personen, die so mit uns interagiert haben, herantreten zu müssen.

Mit dem Verständnis des Ableismus haben wir auch ein Werkzeug zur Erkennung von Umfeldern, in denen wir sicher sind, in denen wir wachsen und werden können. In einem Umfeld, in dem wir unsere eigenen Fähig- und Fertigkeiten entwickeln können, ist genauso viel Raum zum Versuchen, wie zum Scheitern.
In Umfeldern, wo unsere Fähig- und Fertigkeiten beobachtet werden, um anhand von Leistungs- und Beurteilungsschemata eingeordnet zu werden, gibt es weder Versuchen noch Scheitern. Dort gibt es eher “Daumen hoch” oder “Daumen runter”, wie damals in Cäsars Arena. Was einer DER Trigger für komplex traumatisierten Menschen ist.

Für einen komplex traumatisierten behinderten /Menschen/ mit Behinderungen ist letzteres Szenario also zwangsläufig wie eine durchgehende Gewalterfahrung(swiederholung).
Denn sowohl die Gegebenheiten, welche die Behinderung letztlich verursacht, als auch die Traumatisierung, die gewisse Anpassungen abverlangt (und ihrerseits zu Gegebenheiten führt, welche Behinderungen (mit)verursachen), erfordern häufig Leistungs- und Beurteilungsschemata, die anders aufgebaut sind, als jene, die an Menschen ohne diese Eigenschaften angelegt werden.

Im Ableismus ist der normale Mensch, dem man mit Respekt und unter Wahrung seiner Würde begegnet, “gesund”, “reif”, “kognitiv umfassend befähigt”, “körperlich voll funktionsfähig”.
Das “gesund”, “reif”, “kognitiv umfassend befähigt” und “körperlich voll funktionsfähig” behinderter Menschen – aber auch von Kindern – ist grundsätzlich ein anderes. Jedoch nicht, weil geforderte Leistungen auf einem anderen Weg erbracht werden – nein. Die Notwendigkeit einen anderen Weg zur Erbringung einer Leistung gehen zu müssen, ist bereits ein Ausschlusskriterium von der Norm.

Mich hat diese Erkenntnis damals schockiert. Nicht zuletzt, weil sie mir damals schon – mit 14/15, als wir zum ersten Mal in einer KJP untergebracht waren – aufzeigte, dass mir die kleine Welt, in der ich lebte, ein Ort ist, der mich wegstößt, isoliert und als noch einmal anders, als ich mich selbst anders erlebte, wegsortiert. Nur, weil meine Art mit dem umzugehen, was mir passiert war, ein anderer Weg war, als der von all den anderen tausenden Menschen, die das Gleiche jeden Tag erlebt haben.

An dieser Stelle ein kurzer Ausschwiff.
Wir haben vor Jahren einmal einen Artikel geschrieben, in dem wir sagten, dass es im “DSM-Rosenblatt” keine Krankheiten gibt, sondern nur Reaktionen.
Heute würden wir sagen, dass wir keine Krankheiten sehen, sondern Reaktionen und spezifisch begründete Wege zum Ziel.
Gesundheit ist ein ableistischer Machtbegriff. Gerade, weil in der Betrachtung dessen, was als “krank” (aber auch “behindert”) gilt, weder die Menschen als grundsätzlich variable Basis, noch ihre Er_Lebenswege als unterschiedlich begehbar anerkannt und angenommen werden.

Hinzu kommt die Problematik, dass kritische Bildung in Psychologie, Psychiatrie und Medizin so leicht zu umgehen ist.
Ans akademische Ziel kommt es sich bequemer, wenn man die eigenen (ableistischen, sexistischen, rassistischen…) Annahmen als gegeben und einzig verifizierbar etabliert.
Das heißt: wenn man sich eine Idee macht und dann nur noch nach Beweisen dafür – und nicht dagegen – sucht.
Kritische Bildung (also eine Idee zu entwickeln und alle Hinweise dafür und/oder dagegen in die Ergebnisse fließen zu lassen) könnte zu Wisssenschaftler-/Behandler_innen führen, die zu arbeitsintensiven Forschungs-/Diagnose- und Behandlungsphasen führen.
Oh Schreck.

Kapitalismus und wirtschaftlich orientierte Räume, wie Krankenhäuser und andere Orte psychiatrisch, psychologischen oder medizinischen (wissenschaftlichen) Wirkens mögen sowas gar nicht.

Aber auch der zwischenmenschliche Wettkampf um Egostreichelei und Reputation spielt eine Rolle.
Turbo-Abi mit 17/18 – im OP-Saal eine Aorta abklemmen mit 25 – tollster Retter aller Zeiten mit 35. Auf dem Klassentreffen mit 40 die Person, die reden kann, wie es vor ein paar Jahrzehnten nur 70 – 80 jährige Rentner_innen konnten. Nach dem Tod eine Institiution für Generationen sein.

Viel ist viel – viel ist aber nicht zwangsläufig “viel Gutes”.
Geschweige denn: “nicht gewaltvoll” im Sinne von “nicht diskriminierend”.
Um viele Patient_innen durchzuschleusen, muss man menschlich wie fachlich bestimmte Aspekte diskriminieren. Das geht nicht anders.
Schwierig ist jedoch, dass es dabei um Menschenleben und Individuen geht. Wenn man daran etwas abschneidet, verstößt man gegen das Prinzip weder Leid noch Schaden an seinen Patient_innen zu machen.
Und sichert sich damit selbst die Arbeit bis zum Ende der Karriere.

“Nachhaltige Gewaltwirtschaft” nennen wir das.

Wer daraus aussteigen will, muss sich selbst zurückstellen. Muss sich auf die Kernelemente des menschlichen Lebens konzentrieren. Muss in der Lage sein, seine Arbeit zu kritisieren, ohne sich selbst dabei gekränkt zu fühlen. Muss sich mit Gewalt und ihren Formen außerhalb von „schlagen, foltern und beschimpfen“ befassen. Muss sich selbst als jemand an.erkennen, di_er Gewalt ausübt, ohne in den reaktiven Täter-Opfer-Dyadismus zu verfallen.
Muss langsam bleiben.

Ausschwiff Ende.

Als mir zum ersten Mal gesagt wurde, ich hätte mich wie ein kleines Kind verhalten, ohne dass ich mich daran erinnern konnte, verfiel ich in den eigenen internalisierten Ableismus: “Ich muss mich mehr zusammenreißen. Besser funktionieren, mich besser kontrollieren, meiner Entwicklung in Richtung “erwachsen sein” stärker nachgehen.”.
Und versagte.

Ich war 16 Jahre alt, in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und wenn ich eines nicht über mich und mein Leben hatte, dann war es Kontrolle. Und Verstehen. Und Ruhe oder Freiraum mich selbst unter nicht ableistischen Aspekten wahrzunehmen.

Die Diagnose der DIS wurde gestellt, eine Dauermedikation mit Tranquilizern wurde begonnen (diese sollte erst 5 Jahre später enden) und ich (wir) entwickelten alle möglichen Kontrolletti“krankheiten” (eine restriktive Essstörung, neue zwanghafte Anwandlungen, sehr strikte Vermeidungsmoves in der psychotherapeutischen Gesprächstherapie).

Auftauchende Innenkinder waren (sind) für mich der absolute Kontrollverlust. Die Rückmeldung von Außenstehenden darüber, eine nicht nur peinliche, sondern mitunter auch sehr demütigende Situation. Denn wo Außenkinder als nicht kompetent und bestenfalls süß (harmlos) und amüsant gelten, da gelten Kinderinnens wie eine Art Beweis für die “in Wahrheit” bestehende Inkompetenz, Harmlosigkeit und Berechtigung belächelt zu werden, einer gleichzeitig doch erwachsenen Person.

Erst als wir mit einer Therapeutin zusammenarbeiteten, die respektvoll und mit einer grundlegend offenen Haltung – trotz all der ableistischen und anderen Gewaltdynamiken um unsere gemeinsame Arbeit herum! – auf uns alle, die wir Innens in diesem einen Menschen sind, zuging, konnte sich das alles ein bisschen auflösen.
Bei ihr und auch bei der Therapeutin, die heute mit uns arbeitet, hatten wir nie das Gefühl, dass Kinderinnens nichts beitragen können. Oder ein aufreibender Quirk sind, der unnötig Zeit und Raum erfordert. Sie haben uns durch ihren Umgang vorgemacht, welche Sicht wir noch auf sie haben können und wie ein damit kongruenter Umgang aussehen kann.

Das ist so ein Aspekt, den wir oft nicht bewusst bei Behandler_innen (aber auch Verbündeten und sogar selbst Betroffenen) sehen. Es gibt einige, die Liebe und Fürsorge für Kinder(innens) “predigen”, aber Harmlosigkeit und Inkompetenz (die zu leiten/managen/kompensieren ist) dem eigenen Umgang zugrunde legen.
Also adultistische Interaktion vorleben bzw. fordern.

Dazu gehört zum Beispiel die Annahme, dass Kinderinnens nur bestimmte Dinge wollen oder brauchen könnten. Zum Beispiel spielen oder umsorgt werden.
Dazu gehören aber auch Forderungen danach, dass man nur mit erwachsenen Anteilen/Innens zu sprechen verlangt. Oder nur erwachsene Anteile/Innens zu sprechen erlaubt. Oder auf einer Station in einer Klinik verbietet, dass Kinderinnens irgendwo anders als heimlich ausnahmsweise in einzeltherapeutischen Settings sind.

Solche Forderungen sind im Kontext vom Bemühen um den effizienten und reibungslosen Klinikalltagsablauf, unter unmöglichen personellen und anderen strukturellen Gegebenheiten natürlich nachvollziehbar.
Unter dem Aspekt dessen, was Patient_innen mit so schweren Traumafolgestörungen brauchen, um von der Therapie_Zeit zu profitieren, jedoch nicht.

Im Gegenteil offenbaren solche Forderungen ein Verständnis der Dynamiken innerhalb dissoziierter Systeme, das nicht vereinbar ist mit dem, was die Diagnosen letztlich überhaupt erst definiert.
So ist das Verbot irgendwelcher Wechsel bei Menschen, die ihr ganzes Leben mit Wechseln jeder Art gerettet haben und deren Diagnose genau davon gekennzeichnet ist zu wechseln, wie das Verbot zu husten, wenn man Tuberkulose hat: irrational, sinnlos, ableistisch gesagt: strunzendumm.

Und: es reduziert die Personen selbst zur alleinigen Quelle ihrer Probleme und macht die Behandler_innen (und andere umgebende Personen) zu unbeteiligten Dritten und Räume wie Kliniken oder Praxen zu „neutralen“ Orte, die sie niemals sind und niemals werden können!

Doch gerade bei Traumafolgestörungen handelt es sich um Reaktionen auf Umfelder.
Um Anpassungsmechanismen, die nach Umfeldsveränderungen mehr oder weniger plötzlich dysfunktional sind.
In eine Klinik zu gehen bedeutet eine Umfeldveränderung.
In eine Praxis für Psychotherapie zu gehen bedeutet einen Umfeldveränderung.
In eine Selbsthilfegruppe zu gehen bedeutet einen Umfeldveränderung.
Neue Personen bedeuten eine Umfeldveränderung.

Für manche Behandler_in ist die Information, dass auch sie Akteur_innen im Leben(sabschnitt) ihrer Patient_innen sind, mehr oder weniger flash news.
Die sie von sich weisen (müssen).
Weil “professionelle Distanz”.
Statt “Anerkennung zwischenmenschlicher Beziehung in definierten Grenzen”.

Auch an der Stelle taucht manchmal wieder eine adultistisch-ableistische Grundannahme auf: “Jemand di_er als Kind so gelitten hat, dass si_er Kinderinnens entwickelt hat, braucht eine Art der Fürsorge und Nähe, wie sie im Kontext der Behandlung/Pflege unangemessen (“von mir nicht leistbar”) ist.”.

Die bei Außenkindern als notwendig anerkannte bedingungslose Globalfürsorge, wird bei Erwachsenen mit anderen Befähigungen (also Behinderungen oder Krankheiten) zu etwas, das nicht kritisch hinterfragt wird, sondern als mit oder von der Person ausgehende An_Forderung, die angenommen und/oder vorausgesetzt wird.

Das bedeutet für Menschen mit DIS, die (noch) oft zu Kinderinnens wechseln, dass sie nicht als erwachsene (befähigte) Person, die mit kindlicher Strategie auf etwas reagiert, gesehen wird, sondern als Person, die im Kern (auch) noch kindlich ist (oder schlimmer: sein will, weil sie ihr Umfeld kontrollieren oder manipulieren will).

Für uns haben sich Umfelder als hilfreich bewährt, die sich selbst als auch Wechsel/Flashback/Problem auslösende Quelle verstanden haben bzw. verstehen.
Denn ihr Umgang mit diesem Selbstverständnis liefert uns Ideen und Verhaltensblaupausen zum moderaten Umgang bzw. zur alternativen Strategieentwicklung für uns selbst.

Von Menschen, die dysfunktionales Verhalten einzig abstrafen und zu kontrollieren abverlangen, können wir auch nur lernen, unser dysfunktionales Verhalten abzustrafen und zu kontrollieren abzuverlangen.
Von Menschen, die andere Wege (als die eigenen, oder die der Mehrheit der Menschen) zum Ziel für unnormal, krankhaft, falsch, nervig … halten, können wir auch nur das übernehmen.

Von Behandler_innen wird nicht zuletzt deshalb auch ein grundsätzlich wertschätzender, anerkennender, respektvoller Blick bzw. wertschätzende, anerkennende, respektvolle Grundhaltung auf Klient_innen/Patient_innen abverlangt. Da geht es nicht darum einander zu mögen oder gut zu heißen, was die Personen jeweils tun. Da geht es darum, einander nicht zu demütigen oder herabzuwürdigen, weil man ist, wie man ist.

In einem früheren Artikel beschrieben wir Kinderinnens als eine Art innere “apokalyptische Reiter”.
Noch heute betrachten wir sie so.
Wir wissen, dass das Auftauchen eines Kinderinnens bei uns niemals für eine gute innere Gesamtverfassung spricht.
Immer geht es darum, sich (uns) so in Not und Bedrängnis oder innerer Inkongruenz zu erleben, dass ein früherer Zustand eintritt, der nur noch ganz spezifische Strategien zur Aufrechterhaltung des Lebens oder der Kommunikation – und Interaktion möglich macht.
Dieser Zustand ist es den wir mit “Kinderinnen” oder “Innenkind” bezeichnen.

Menschen, die nicht viele sind, können dazu sagen: “Ich fühle mich, als wäre ich wieder ein Kind.” – denn sie erinnern sich daran, wie es war ein Kind zu sein. Sie leben nicht mit einer umfassenden dissoziativen Amnesie für die eigene Biografie und können ihre inneren Zustände weniger fragmentiert erinnern.

Wir jedoch haben vermutlich schon als Kind dissoziiert er_lebt und erinnert. Entsprechend sind solche (erinnerten) Zustände fragmentiert und erlebt.
Durch das Zusammenspiel der fragmentarischen Wahrnehmung und immer wieder nötigen Dissoziation haben sich daraus Ich-Zustände entwickelt. Also etwas, das wir heute als “konsistentes Ich” also “Innens” bezeichnen.

Das bedeutet für uns in der therapeutischen Arbeit, dass wir uns nicht als eine Person, die in manchen Aspekten “unreif/kindlich/weniger befähigt” ist, sehen, sondern als Person, die unterschiedliche Zustände aus Zeiten der relativen Unreife/Kindlichkeit/weniger ausgeprägten Befähigung nicht kongruent und umfassend assoziiert.

Dieser Unterschied ist für uns ein wichtiger Punkt in er Therapiearbeit gewesen.
Denn lange saßen wir einem Missverständnis auf, das uns viele Jahre gekostet hat.
Man sagte uns (teilweise auch einzelnen von uns) immer wieder und wieder, wir müssten die Kinderinnens (aber natürlich auch alle anderen Innens) als Teil von uns akzeptieren und integrieren.
In unserem Verständnis bedeutete dies: Uns damit abfinden, dass wir ein fragmentierter und also immer irgendwie unfähiger, unreifer Mensch sind, der nicht in der Lage ist, jemals irgendwie kontinuierlich befähigt zu sein, wenn wir das nicht endlich mal begreifen.

Nun kann es sein, dass wir aufgrund unseres autistischen Strickmusters einfach sehr anfällig dafür sind, so fatale Missverständnisse über so unkonkrete Sprache zu entwickeln.
Daneben besteht jedoch durchaus auch die Möglichkeit, dass man sich als Behandler_in, gerade bei so diffizilen Diagnosen wie der DIS und DDNOS, die mit ihrem psychoanalytischen Überbau und der ganzen anderen Historie der Deutungshoheiten, sowieso schon immer irgendwie bedeutet, mit einem Bein in der Unglaubwürdigkeit oder dem Skandal zu stehen, lieber einmal mehr zu schwammig/waberig/unkonkret ausdrückt, als zu viel.

Auch hier wieder eine Stelle für flash news: Wo geraten werden muss, da kann falsch geraten werden – und wenn Menschen sich selbst ein Rätsel sind, dann hilft weiteres Rätselraten in 100% der Fälle nicht weiter.

Uns sind Behandler_innen, die das Rückgrat zum Fehler machen haben, in jedem Fall lieber, als “wischiwaschi irgendwie so durchschlängel-Künstler_innen”, denen das eigene Ego und die eigene Reputation am Ende wichtiger ist, als die Ergebnisse der Zusammenarbeit mit ihren Klient_innen.

Heute haben wir Kinderinnens als Marker für unseren allgemeinen Orientierungsstatus und als Informationsträger für bestimmte Strategien in unsere innere Arbeit inkludiert. Das heißt: Wir haben sie nicht als Teil von uns integriert, sondern als Teil dessen, was wir für unser (Über-) Leben zu leisten fähig sind.

Dass wir sie nicht als Teil von uns integriert haben, hat den einfachen Grund, dass wir nachwievor keinen umfassenden Ich bzw. Selbstbegriff haben, der uns alle umfasst, weil neben dem intellektuellen Erfassen von einander, noch kein emotionales/inneres/tieferes Begreifen und “natürliches” (also “unangestrengtes/unbewusstes”) Assoziieren von einander steht.

Wir sind nicht “Eine mit vielen” – wir sind “viele Eine mit vielen”. Ein Selbst haben wir nie entwickelt.
Es hat in unserem Fall also keinen Sinn, Kinderinnens als etwas zu sehen, das sich von einem Kern abgeleitet entwickelt hat und ergo zurück in diesen Kern hineinentwickeln könnte.

Unser Weg ist der, unsere Fähigkeiten jeweils miteinander zu erfassen, zu synchronisieren, miteinander kompatibel zu machen, gut zusammenarbeiten zu lassen und irgendwann vielleicht zu sehen, dass bestimmte Systeme zu einem System verschmelzen. Und dann mit einem anderen. Und dann mit einem nächsten.
Wenn sich daraus dann ein Kern entwickelt – dann können wir über die Anerkennung und Integration von Anteilen in diesen Kern sprechen.
Bis dahin besteht unser Kern aus dem Körper selbst als kleinster gemeinsamer Nenner.

Unsere Art Kinderinnens mit ihren Fähig- und Fertigkeiten in die innere Arbeit und auch Teile des Alltags zu integrieren, sieht wie folgt aus:

– wir analysieren die Situationen, in denen sie aufgetaucht sind, auf mögliche Trigger
– diese Trigger analysieren wir in der Therapie auf Missverständnisse (fehlerhafte Assoziationen traumatischen Materials, die die Ausentwicklung der Zustände zur Folge hatten, die wir heute als Kinderinnens wahrnehmen)

– wir versuchen herauszufinden, wie sie sich verhalten haben, welches Bild sie von sich und der Welt haben
– wir besprechen diese Dinge in der Therapie, um uns ihrer Perspektive anzunähern (um ihre Perspektive auf bestimmte Situationen, allgemein mitbedenken zu können, um Missverständnissen aktiv vorbeugen zu können)

– wir setzen uns mit Ableismus und Adultismus auseinander und arbeiten daran internalisierte Grundannahmen über unsere Fähig- und Fertigkeiten durch konkrete Selbsterfahrung zu revidieren oder zu ergänzen oder zu falsifizieren
– wir folgen Impulsen kindlicher Begeisterung und Neugier bzw. begleiten sie mit der Absicht sie durch unsere erwachsene Außenpräsenz (und damit auch den Rechten und Privilegien, die wir als erwachsene Person haben) zu unterstützen
(Konkreter formuliert: wenn wir merken, dass ein Kinderinnen etwas im Außen spannend findet, dann widmen wir uns dem spannenden Ding gemeinsam und ermöglichen die Auseinandersetzung damit als Person, die das auch darf – nicht weil sie erwachsen ist, sondern, weil man da etwas wahrgenommen hat, das man spannend findet)

– wir schützen unsere Kinderinnens vor adultistischen Übergriffen außenstehender Personen (“Oh wie süß ein Innenkind!”)
– wir schützen unsere Kinderinnens vor der Idee, sie wären “das Kind, dass wir nie sein durften”
– wir bieten unseren Kinderinnens Raum sich auszudrücken (in der Therapie, in der Freizeit, in Bereichen des Alltags, wo wir nur für uns funktionieren und Verantwortung tragen müssen)

– wir öffnen uns für ihre Erfahrungen, als Erfahrungen, die wir gemeinsam gemacht haben, obwohl es sich in den meisten Fällen nicht so anfühlt

Kinderinnens sind kein amüsantes Feature in Menschen, die viele sind.
In vielen Fällen sind autark nach außen agierende Kinderinnens der Grund, weshalb Menschen, die viele sind, überhaupt in psychiatrische Einrichtungen oder Psychotherapie müssen. Daran ist nichts amüsant oder niedlich.

Wir haben ein Kinderinnen, das sich tot stellt, wenn es sich (uns) zu stark von Menschen bedrängt erlebt.
Es gibt ein Kinderinnen, das Dinge erst isst, wenn sie so verfault sind, dass Maden drin rumkriechen.
Wir haben Kinderinnens, die Menschen nur anstarren und darauf warten miss.be.handelt zu werden.

Nichts daran ist süß. Keinem von ihnen hilft es betüddelt  und mit Liebe überschüttet zu werden. Sie brauchen völlig andere Räume und Wege, um sich überhaupt der Idee annähern zu können, dass ihr Er_Leben heute auch ein anderes sein könnte.
Da reicht oft auch nicht unser 10 km Waldwanderweg, auf dem wir uns einander nähern und der Welt bekannt machen.

Bei unseren Kinderinnens geht es um das 24/7 zu haltende Bewusstsein, dass sich (selbst) zu fühlen variabel und innerhalb bestimmter Grenzen von Zeit und Raum passieren kann. Dass Dinge und Erfahrungen einem_einer nicht einfach nur passieren, sondern auch selbst gemacht werden können oder selbst verhindert werden können. Dass es Kontexte gibt, in denen Verantwortung und verschiedene soziale Fertigkeiten eine Rolle spielen.
Adultistischer Ableismus verhindert jedoch genau diese Erfahrungen systematisch.

Deshalb wollen wir nicht, dass irgendjemand unsere Kinderinnens oder das was sie tun, für süß, niedlich oder harmlos hält.
Wir wollen, dass andere Menschen wissen, dass sie befähigt sind.
Dass sie Wege und Ziele kennen.
Dass sie Geschichten und Perspektiven auf den Lauf der Dinge haben.
Genauso wie wir erwachsenen Innens.

Sie haben den gleichen Respekt und den gleichen Anteil der Therapiearbeit verdient, wie wir.

 

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Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

10 Jahre später

10 Jahre sind seit unserem Ausstieg vergangen.
10 Jahre, die ein Drittel unseres Lebens sind.

Manchmal denke ich: “Ach das ist doch wie ein Rezept. Ein Teil Freiheit, ein Teil Gewalt und ein Teil Lauf der Dinge…” und stelle mir uns und unser heute-am-leben-sein, wie einen Hefeteig vor, der wächst und reift und sich entwickelt und … zu etwas wird, das man anders benennen kann.
Kuchen, Keks, Butterbrot – mir egal. Hauptsache irgendwie fertig.
Fertiger als jetzt.

Als wir uns damals dazu entschieden haben, der Selbstverständlichkeit unserer Verfügbarkeit etwas entgegenzusetzen, taten wir das ohne konkrete Vorstellungen oder Ideen davon, was dann so passieren würde.
Wir taten es nicht, wie es in zahlreichen Büchern zum Thema vorgeschlagen oder angeraten wird. Wir taten es nicht getragen von einer großen inneren Übereinkunft, dass der Ausstieg das Beste für uns sei. Wir taten es nicht einmal im Bewusstsein aller Innens.

Wir haben diesen neuen Lebensabschnitt angefangen, wie wir alle neuen Lebensabschnitte angefangen haben.
Überfordert, dissoziativ und letztlich: allein.

Das macht unseren Ausstieg nicht zu einem falschen Ausstieg oder zu einem, der nicht echt ist.
Es ist nur einer, der die Kluft zwischen außen und innen verstärkt hat.

Ausstieg, das klingt, als würde man eine Tür öffnen und von einem Raum in einen anderen treten.
Tatsächlich sind wir einfach in irgendeine Richtung gelaufen und merkten erst viele Jahre später, dass wir nicht mehr “im Ausstieg” waren, sondern mitten in einem Niemandsland aus Therapie, Selbstreflektion, klar kommen, wachsen, schrumpfen, verzerren, zerfallen, sich sammeln, erstarken, Hoffnung schöpfen, doch Bitterkeit schmecken.

Für uns war das eine Zeit, in der Stabilisierung wichtig war. In alle Richtungen.
Essen, trinken, schlafen, ausscheiden, interagieren, sicher sein – um nicht viel anderes haben sich diese ersten Jahre gedreht, denn nichts davon hat normgerecht funktioniert.

Wir haben nicht über das, was vor dem Ausstieg war, gesprochen.
Die, die vor dem Ausstieg waren, haben bis heute nicht gesprochen.

Aber gefunden haben wir sie. Wir sind uns ihrer inzwischen bewusst.
Haben verstanden, dass wir nur ihre Schutzschicht, ihr Beiwerk, eine Art funktionaler Alltagsschmuck sind.
Verstehen uns als ihre Dissoziation auf das Trauma, das unser Ausstieg für sie war.
Denn unser Ausstieg – unser ach so gutes uns selbst retten, war ihr Kontrollverlust, ihre Todesangst, ihre Vernichtungserfahrung ohne Hilfe oder Rettung von außen.

10 Jahre, das kann man so lesen und denken: “Boa das ist aber ganz schön viel Zeit.”.
Das kann man denken, wenn man erlebt, wie Tag und Nacht einander abwechseln, wie sich eine Woche in Tage hacken und hintereinander wegleben lässt und Zeiträume zwischen “Anfang” und “Ende” klemmen kann.
Wenn es diese Eindrücke des Selbst- und Umwelterlebens jedoch nicht gibt, sind 10 Jahre eine bloße Zahl in einem irrelevanten Kontext.

Gestern hatten wir Anlass darüber nachzudenken, ob es ein Zurück geben könnte.
Könnte man heute noch so auf uns zugreifen, wie vor 10 Jahren?
Könnten wir heute noch so funktionieren, wie es vor 10 Jahren wichtig war?
Was, wenn die letzten 10 Jahre nur eine Pause, ein Spiel, Teil eines Plans sind und das überbordende Gefühl der Innens, denen unser Ausstieg passiert ist, dass das alles einfach gar nicht wahr ist, stimmt?

Wir sind heute nicht mehr so allein wie vor 10 Jahren.
Wir sind heute auch nicht mehr so einsam und insgesamt dysfunktional wie damals.
In den Jahren seit dem Ausstieg haben wir uns so viel Bewusstsein erarbeitet, so viele dissoziative Brüche verschlossen – haben uns eingebracht und die Welt angefasst.
Aber ist das ein Schutzschild?

Wir wissen noch immer nicht, woraus wir da eigentlich ausgestiegen sind. Wissen nur, dass wir ausgestiegen sind, weil wir dachten, dass das unsere Aufgabe ist. Dass man so Therapie macht, wenn man viele ist und andere Menschen das ausnutzen.
Wir haben das nicht für uns gemacht.

Wir konnten es aber auch nie für uns machen.
Wir wussten damals noch gar nicht wer wir sind, was wir können und wollen.
Was wir wünschen und was wir empfinden.
Wovor wir Angst haben und was das überhaupt sein soll: Leben

Das hat sich inzwischen verändert.
Wir wissen umeinander. Wir wissen um unsere Vorstellungen und Ideen. Haben Ziele, die über akute Bedürfnisbefriedigung hinausgehen.
Wir haben ein Bild von uns als Körper, der re_agiert und auf den hin re_agiert wird.
Nichts davon ist in jeder Situation sicher abrufbar – aber es ist da und wird mal schneller, mal erst nach einiger Zeit als fehlend erkannt, wenn es nicht da ist.

Realistisch gesehen ist das kein Schutz vor Täter_innenzugriff. Wir wissen, dass wir als inneres System nur dann funktionieren, wenn wir auch “an” sind. Wird ein anderes System angesprochen, funktioniert dieses System. Das ist nachwievor so und wir würden uns bescheißen, würden wir das ausblenden.
Aber unsere Funktion und unsere Arbeit bisher ist ein Schutzfaktor.

Bewusstsein ist keine Einbahnstraße. Therapeutische Arbeit keine Punktlandung. Interaktion mit anderen Menschen keine Einzelaktion.
Wir können nicht wissen, was es mit bisher noch gar nicht oder wenig für das Heute bewussten Innens macht, wenn wir mehr von ihnen oder über uns verstehen. Wir können nie ausschließen, dass die Entwicklungsschritte, die wir machen, nicht auch die Entwicklungsoptionen der anderen Innensysteme begrenzen oder erweitern oder in ihrer Form modifizieren.

Aber das Risiko erneuter Übergriffe müssen wir als immer bestehend anerkennen und akzeptieren.
Das ist, was einfach nicht in unserer Verantwortung liegt.

Vielleicht liest sich das ernüchternd für andere (Viele), die im Ausstieg sind oder auf ihren Ausstieg, der schon eine Weile zurückliegt, schauen.
Vielleicht gibt es die Idee, dass 10 Jahre später ALLES vorbei ist, das Leben gut, alles verarbeitet – insgesamt einfach: alles tutti paletti – und dann schreiben wir so einen Text und alles steht wieder in Frage.

Dazu möchten wir Folgendes sagen: Herzlichen Glückwunsch zu der Idee an sich.
Es ist gut eine zu haben und wichtig sie sich zu bewahren – ganz egal, als wie realistisch umsetzbar sie sich später entpuppt.
Es gut alles verarbeiten zu wollen.
Es ist gut, eine Idee davon zu haben, wie “alles tutti palletti” konkret aussehen könnte.

Wir haben ungefähr 7-8 Jahre bis zu dieser Idee gebraucht. Und 9 bis wir verstanden haben, dass es weder falsch noch böse, noch zu viel verlangt, noch etwas, wofür man eine Erlaubnis braucht, ist, sie zu verfolgen und ihre Umsetzung im eigenen Leben zu wünschen. (Und wer weiß, wie lange wir noch brauchen, bis wir dieses Verstehen in eine echte innere Wahrheit, die für alle Innens passt, transformieren können.)

Aus Kontexten jeder Art auszusteigen (und das gilt für die, die gut tun genauso wie für die, die eher schädigen) bedeutet immer einen Weg zu gehen. Entwicklung zu machen. Manche machen das wie wir, indem sie einfach so vorwärts stolpern ohne nach links und rechts oder auf sich selbst zu schauen (also hoch dissoziativ und reaktiv auf äußere Impulse hin) und manche sehr bewusst, einen Schritt nach dem anderen. Manche verfolgen mit ihrem Ausstieg ein konkretes Ziel, manche verstehen das Ziel erst im Ausstieg selbst und manche begreifen erst am Ziel, was sie eigentlich erreichen wollten.

In der Literatur finde ich diese Varietät der Ausstiegsarten, bzw. der Wege an sich, nicht so vertreten. Schon gar nicht der Entwicklungsverläufe danach.
Das wird aber auch an der Literatur liegen. Beziehungsweise daran, dass wir dazu nur psychologische Fachliteratur gelesen haben.
Nicht alle Aussteiger_innen haben 10-20 Jahre nach dem Ausstieg noch die gleichen Behandler_innen wie zu Ausstiegszeiten und nicht alle Aussteiger_innen haben 10-20 Jahre nach dem Ausstieg noch Therapiebedarfe. Oder den Wunsch oder die Motivation oder den Mut oder irgendeinen Anlass, ihre Erfahrungen aufzuschreiben und zu teilen.

Darum schreiben wir unseren Weg und unsere Auseinandersetzung damit auf.

Wir können jetzt, gut 10 Jahre später, nicht zurückgelehnt in einer Hängematte sitzen und davon ausgehen, dass wirklich alles von dem ALLES vorbei ist.
Wir wissen noch nicht alles über ALLES.
Erinnern noch nicht alles – schon gar nicht als selbst erlebt.
Aber wir haben mit unserem Ausstieg einen Raum verlassen, in dem wir immer wieder darin gestört werden, uns damit auseinanderzusetzen.

Das hat unser Ausstieg uns ermöglicht und in diesem Stadium angekommen, können wir sehen, dass wir so etwas wollten bzw. dass die Personen um uns herum damals, genau das für uns wollten: eine Unterbrechung permanenter Reaktion auf Todesangst, Verletzung und konkrete Bedrohung.

Es ist bitter für uns, am Ende des Tages mit der Dankbarkeit für 10 Jahre freien Entwicklungszeitraum im Herzen, die Realität von wer weiß vielen Jahren, die da noch kommen werden, Unsicherheit darüber, ob ES wirklich ganz und gar vorbei ist, im Hinterkopf vereinen zu müssen.
Aber so ist es.

Genauso wie viele andere Dinge auch.

Lauf der Dinge

Fundstücke #43

Am Abend liege ich im Bett und komme nicht umhin zu spüren, dass es mich gibt.
Mich, meine Krise, mein Ge.Denken, meine Muskeln, die wie mit glühender Lava gefüllte Weintrauben an meinen Knochen hängen.

Ich liege da und denke darüber nach wie das so ist.
Wie weh es tut und doch kein Schmerz ist, den ich anderen zufügen kann.

Es ist dieser Punkt, den ich als turning point kenne und fürchte.
Ein Bein steht im Lauf der Dinge. Arbeitet. Funktioniert. Kreiert. Ist offen und reagibel.
Und ein Bein steht in der Stasis. Ist dumpf. Existiert. Nimmt für wahr, doch keinen Anteil an dem was passiert.

“Wir haben jetzt keine Zeit für eine suizidale Krise. Wir haben noch Hausaufgaben, eine Buchrezension und andere Dinge zu tun.”, sagt es im Innen und ich merke, wie sie versuchen sich aus dem Treibsand zu strampeln. Sie streiten sich über Freitod und ich bin froh, dass die Menschen um mich herum sie nicht hören, sehen, fühlen können wie ich.
Wie absurd das ist, denke ich und möchte lachen, aber es kommt nur weinen heraus, das mir noch absurder vorkommt.

Und wieder denke ich, dass die Linderung meines Leidens unter dem was ist, einem Eigentlich folgt, für das ich mich entscheiden kann. Muss. Soll. Darf.
Eigentlich geht es um Assoziationsprozesse dissoziierten Materials früherer Traumatisierungen.
Eigentlich geht es um Überforderung durch die Schule.
Eigentlich geht es um schwierige Lebensverhältnisse.
Eigentlich sind wir einfach nicht passend für diesen Lauf der Dinge.

Es gibt so viele Eigentlichs, die sein könnten, dass wir damit überfordert werden, überhaupt nur einen Schritt zu tun. Eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung zu treffen, sich zu entscheiden.

Es zieht in alle Richtungen.
Und wir ziehen uns in alle Richtungen.
Von mitten rein bis so weit raus, dass es uns nicht mehr gibt.

Jetzt in eine depressive Episode zu rutschen, ergibt so viel Sinn.
Neuronaler Selbstschutzkrisenüberlebensschlaf – ich kann ihn so nachvollziehen.

Autismus und DIS, Innenansichten, Lauf der Dinge

diese Tage, an denen man fürs Leben lernt

Es gibt Tage und es gibt Tage. Und “diese Tage”.

An “diesen Tagen” wartet man schon seit einer Ewigkeit darauf, dass die Menstruation jetzt endlich einsetzt, damit sich das schäbige Allgemeinbefinden endlich verändert. Man hält  beim Duschen die Luft an, weil die vielen kleinen Wasserstrahlen auf der Haut so exorbitant mehr weh tun als sonst. Man heult das erste Mal, wenn man sich daran erinnert, dass die alltime-favorite-Bekleidung aus Rock und Strumpfhose nachwievor unmöglich ist und schluckt das zweite Geheul herunter, als einem auf dem Weg zur Straßenbahn der Grünflächenpflege-Rasenmäher-Horrorschwadron entgegen kommt.
Man quetscht sich Small Talk aus dem Wörterpansen direkt hinter den Rachenmandeln, um der Person, die eine_n freundlich anquatscht, ebenso freundlich zu begegnen.
Und man weiß, dass ab jetzt absolut nichts mehr passieren darf, weil sonst das gesamte Kartenhaus des Hier und Jetzt in sich zusammenkracht.

Murphys Law sei Dank, passieren aber natürlich Dinge.
In der Schule riecht es heute nach Waffeln, wir warten lange auf den Lehrer und stehen in der Einflugschneise des Kellerganges. Hunderte Schüler schlurfstöckelschlappen an uns vorbei und niemand von ihnen versucht, wenigstens eine der zwei Türen nicht in den Rahmen knallen zu lassen.
Meine Mitschüler_innen schaffen es zu reden, zu lachen, ein bisschen dösend zu warten. Ich bin froh NakNak* unter meinen Finger zu spüren und so zu wissen, wie groß ich tatsächlich bin. In meinem Gefühl gibt es meinen Körper nicht mehr. In meinem Gefühl, bin ich ein Wesen ohne Haut über den bloßen Nervenenden.
In mir drin schreit ein Kleinkind in Todesangst.
Ich merke, wie die Ankunft des Lehrers für mich zu etwas wird, das mich retten soll. Alles aufhören lassen soll. Wie ich das Warten mit jeder Minute mehr nur deshalb durchhalte, weil ich mehr und mehr davon überzeugt bin, dass dann alles gut werden würde.

Es ist eine bittere Enttäuschung, als er dann da ist und doch nicht genau das passiert.
Es wird erschreckend und schlimmschlimmschlimm als wir, wie er auch, anerkennen müssen, dass auch heute unser Unterricht nicht wie geplant passieren kann, weil die Internetverbindung in der Schule gestört ist.
Für mich verschwindet die Schule als Struktur. Als greifbares Element, dass mich halten kann. Aushalten kann. Mich und den Puls, der über mein Sein hinwegrauscht, wie ein Wasserfall.

An “diesen Tagen” nähere ich mich einer Verständnisebene für das Leiden in unserem Leben und einer Idee von dem Leiden, mit dem wir früher unser Leben gestaltet haben werden.

Wir haben Unterricht im Rechnerraum. Dort stehen etwa 25 PC’s mit Knubbeltastatur und Hartplastikmäusen. Von der Decke leuchten ca. 12 Leuchtstoffröhren auf die LCD-Bildschirme und den Tafelersatzbeamer. Es rauscht vom Boden nach oben, tickt asynchron von der gesamten Decke nach unten. Dazwischen zucken die Mausklicks und versuchen sich durch das dichte Murmeln aus den Menschenmündern zu bewegen. Drehstühle knacken. Kleidung raschelt. NakNak* kratzt sich. Auf meiner Haut wird es feucht und kalt.
Das Unterrichtsthema interessiert mich. Ich würde mich gern mit einem Buch darüber in meine Flauschhöhle verkriechen und mich damit befassen. Aber ich sitze hier und versuche mich damit zu trösten, dass ich das ja nur 90 Minuten aushalten muss und dann nochmal was Interessantes für 90 Minuten erfahre und wir uns dann überlegen können, ob wir uns ein Buch über dieses Thema besorgen.

Ich spüre, wie der Schwan etwas aus meinem Träumen vom Lesen in der Flauschhöhle nimmt, um das Kleine einzuwickeln und wie ein Teil meiner Kraft an seine Stelle verschoben wird.
Die Störung kann nicht behoben werden und wir sitzen in einem zunehmend weißer werdendem Rauschen. Ich kann nicht mehr denken. Meine Gedanken sind die Geräusche um mich herum und ein mehr und mehr nach mir greifender Gefühlsstrudel. Ich gehe raus. Ertrage Schüler um Schüler, der durch den Flur an uns vorbei läuft, anguckt und dann durch die Tür geht, um sie hinter sich zuknallen zu lassen.
Ich gehe rein, packe meine Sachen, melde mich beim Lehrer ab.

Ich fühle mich verrückt und habe Angst davor, vielleicht, ohne es zu merken bereits eine Grenze überschritten zu haben, die eingehalten werden muss, um einen Ausbruch chaotischen Seins zu verhindern.
Jemand schreit mich an “Warte nur bist du zu Hause bist!” und ich denke zum x-ten Mal in den letzten Monaten, wie schön das wäre, kämen wir nach Hause und würden von jemandem erwartet. Ich kommentiere so ausführlich, wie ich es noch schaffe, was ich tue. In welcher Stadt ich gerade in die Straßenbahn steige, in welche Linie und von wo bis wo sie fährt und alles, was ich aus dem Fenster erkennen kann.

Wir fahren an dem Wohnort einer Gemögten vorbei, am Arbeitsort des Begleitermenschen, an der Praxis der Therapeutin, an dem Wohnort einer Freundin und ich halte mich daran fest, wie uns jede_r Einzelne_r dieser Menschen sagen würde, dass es okay ist zu gehen, wenn es nicht mehr geht, oder nötig ist, um schwerwiegendere Probleme zu vermeiden.
Merke, dass es etwas macht, daran zu denken.

Ich steige aus der Bahn und fühle mich schwindelig. Es ist warm und der Zug von NakNak*s Leine wabert im Grenzbereich eines Schmerzempfindens.
Mein Trinkwasser ist fast leer und beinahe rutsche ich schon wieder in meinen Ärger darüber, ständig irgendwas irgendwie zu brauchen. Doch dann ärgere ich mich über meinen Ärger.
Weil die Energie gerade sowieso da ist und es mir leichter fällt aus einem Ärger über mich heraus, etwas zu verändern.

Vielleicht drehe ich deshalb um und laufe in die Stadt.
In ein Fachgeschäft für gutes Hören.

Ich trete in den Laden wie ein Cowboy in den Salon und ziehe meine ganze Kraft aus dem Boden unter mir.
Die Person sagt, man müsse immer erst mal beim HNO prüfen lassen, ob mit den Ohren alles in Ordnung sei und ich bekomme von hinten rechts die Bilder von Ärzten mit Stirnspiegel, die unfassbar schmerzhaftes Licht in Ohren bündeln; der Mutterfrau, die sich über das Kind, das nicht normal auf Ansprache reagiert bekla.sor.gt, die fingerdicken Tabletten, die es zu jedem Ohrenschmerz gab…
Mich für diese Erinnerung bedankend drehe ich mich aus den Bildern heraus und antworte: “Das Problem sind nicht meine Ohren.” und strahle sie an. “Das Problem ist mein autistisches Gehirn!”.

Die Person nickt und sagt, sie verstünde das Problem. Dann greift sie nach einem Katalog und zeigt uns verschiedene Ohrstöpsel und Gehörschutzkopfhörer.
Hinter mir steht ein murmelndes Innenhäufchen und schwankt zwischen der Aufnahme der Informationen über die verschiedenen Möglichkeiten und Materialien und Fassungslosigkeit darüber, wie nicht schlimm war, dass ich gesagt habe, was ich gesagt habe.

Wir kaufen ein Paar “PartyPlug” von Alpine und lassen uns zeigen, wie man sie einsetzt, entfernt und reinigt. Als wir den Laden verlassen, fühlt es sich an, als hätten wir eine Unterrichtsstunde gehabt. Vielleicht in “Mut zur Selbstfürsorge lohnt” und “Mut zur Offenheit lohnt” und “Es ist okay”.
_______________

Einen Tag später tragen wir die Ohrenstöpsel mit Schulbeginn.
5 Zeitstunden später, hatten wir noch keine Angstmomente, kein Gefühl der unaushaltbaren Überreizung und kamen zu Hause mit genug Kraft für einen Blogartikel an.
Sie jucken ein bisschen in den Ohren, aber nicht durchgehend. Sie sind weich und damit gut tragbar für uns– absolut kein Vergleich zu den Oropax, die wir früher schon ausprobiert haben.

Es ist eine Erfahrung, die Mut macht.
Mut zur Hoffnung, dass es vielleicht doch gar nicht so schwer schaffbar ist.

Dieses Dings und alles.

 

P.S. : Kostenpunkt für die Ohrstöpsel: 13,10€
Es ist möglich diesen Gehörschutz individuell an den Gehörgang angepasst zu bekommen
– das kostet ca. 125€.
Es gibt sie auch noch für andere Frequenzbereiche.

DIS?, Innenansichten, Lauf der Dinge

“ein Ich macht noch kein Selbst”– ein verkürztes 101 Vielesein

Und plötzlich sind wir wieder mitten unter Menschen mit Er_Lebensrealitäten, die anders sind als unsere.

In der Schule sprachen wir viel über unsere Reizwahrnehmung und was uns hilft, sie auszuhalten. Was wir brauchen und wo sich Probleme ergeben könnten. Wir tasteten nach Bereitschaften sich auf individuelle Lösungssuchen zu begeben und blicken nun auf eine gute Grundlage mit unseren Lehrer_innen und Mitschüler_innen.
In “Ausbildung inklusive” werden wir näher darüber schreiben.

Am Mittwoch und Donnerstag fand außerdem die Tagung „Mutige Einblicke in düstere Welten. Rituelle Gewalt verstehen und handeln“ in Münster statt.
Wir waren dort, um unsere Projekte “Viele-Sein”, “das Nachwachshaus” und auch dieses Blog zu bewerben, uns mit Menschen, die das Thema teilen zu vernetzen und zusammen mit der freien Journalistin Claudia Fischer einen Workshop über Täter_innenstrategien zu geben.
Während der Tagung sprachen wir mit vielen unterschiedlichen Menschen über Gewalt als Normalität, die Problematik des Täter-Opfer-Dualismus, soziale Absicherung traumatisierter Menschen als Politikum, Religion und Spiritualität nach extremer Gewalt und ganz viel 101 “Vielesein”.

Es tut uns gut in der Auseinandersetzung ums Vielesein immer wieder mal mit Menschen in Kontakt zu kommen, die nichts oder nicht viel darüber wissen. So werden wir immer wieder daran erinnert, wie klein unsere Blase ist. Wie lange wir uns bereits in diesem Diskurs bewegen und welche Aspekte wir hier und da an die Seite gestellt haben, weil sie zu früheren Zeitpunkten keine Relevanz für uns hatten.
Wir werden aber natürlich auch daran erinnert, dass es gefährliche, im Sinne von gefährdende, Ansichten aufs Vielesein gibt und kommen in eine Situation, in der wir mit Erinnerungen an die eigenen Krisen und Nöte während der ersten Jahre mit der Diagnose “DIS” konfrontiert sind.

Für uns ist es immer wichtig vor welchem Hintergrund sich jemand mit dem Vielesein auseinandersetzt, denn wir haben auch auf dieser Tagung wieder die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit spirituell-esoterisch-philosophischer™ Grundhaltung häufig nicht anerkennen können, wie quälend das Vielesein mit all seinen Konsequenzen und Qualitäten sein kann und welche Qualen vor dem Vielesein stehen.

So standen wir an einem Tisch mit der Abendsonne im Rücken und bemerkten wie privilegiert wir mit unseren 14 Jahren Auseinandersetzungs- und Prozesserfahrung um das Thema sind. Einfach, weil wir vor 14, 10, 8 Jahren nach einer Aussage wie: “Wenn die DIS für Sie keine Störung und keine Krankheit ist, wo ist dann das Problem? Das sind ja alles nur Gedanken.”, in unseren Zweifeln ertrunken wären, die Therapie und sonstige Hilfen beendet und uns zurück in den Kampf um die Zerstörung der “Gedanken” begeben hätten.

Das Modell der dissoziativen Identitätsstruktur beschreibt auf eine versachlichte, inzwischen stabil theoretisierte Art und Weise die Folgen globaler Verunmöglichung von innerpsychischer Kongruenzentwicklung in einem Individuum. Es geht nicht um den wissenschaftlichen Beweis darum, was man sich so alles ausdenken kann, wenn man sich etwas ausdenken muss.
Niemand kann sich überlegen “Ich werde jetzt einfach viele.” oder “Ich mach das nicht mehr mit – das macht jetzt eine andere Person.”.
Um eine DIS oder eine DDNOS oder andere tief in eine wie auch immer ausgestaltete Persönlichkeit hineingreifende dissoziative Problematik zu entwickeln, “reicht” auch das bloße Erleben von Gewalt und Todesnähe nicht.

Das ist 101 Traumawissen: nicht jedes Ereignis mit Todesnäheerfahrung zaubert eine posttraumatische Belastungsproblematik, geschweige denn eine DIS in einen Menschenkopf hinein.
Doch jedes Ereignis mit Todesnäheerfahrung birgt das Potenzial dazu und kann darin durch diverse Faktoren weiter verstärkt werden.
Etwa allein, ungesehen und unverstanden mit der Erfahrung zu sein. Die Erfahrung innerhalb größerer sowieso latent lebensgefährlicher Kontexte gemacht zu haben und so keine Räume zur Verarbeitung zu haben. Und vieles mehr.

Ebenfalls 101 Traumawissen: Menschen – alle Menschen! – verfügen über unterschiedlich gelagerte Resilienzfaktoren. Manche nennen das “Überlebenstrieb”, “innere Stärke”, manche meinen das, wenn sie sagen, sie hätten einen “unbezwingbaren Willen zu leben”.
Unserer persönlichen Ansicht nach, ist es kein Ergebnis von Resilienz eine DIS zu entwickeln, sondern Zufall im Rahmen der Möglichkeiten, die maßgeblich von neurobiologischen Entwicklungschancen und sozialen Dissoziationsprozessen (bzw. der sozialen Dissoziationskultur, die vorgelebt wird) abhängen.

Nach unserem eigenen Empfinden ist es bei Vorliegen einer DIS – ausgeschrieben: im Status tertiärer Dissoziation – sachlich falsch von “Persönlichkeit” oder “Identität mit diversen Merkmalen” zu sprechen. Die Diagnose bzw. das Modell beschreibt bereits die absolute Desintegration all dessen, was nötig ist, ein kongruentes Selbst (im Sinne einer “Persönlichkeit” oder “Identität”) zu er_leben und nach außen wirken zu lassen.

Ein Ich macht noch kein Selbst.

Es gibt diverse sprachliche Probleme über das fragmentierte Selbst zu sprechen, ohne defizitär, anmaßend, abwertend oder schmerzhaft für andere Betroffene zu agieren. Auch deshalb weisen wir an dieser Stelle erneut darauf hin, dass wir im Blog von Vielen ausschließlich von uns und über uns schreiben.

Wir sind ein dysfunktionaler Mensch, weil wir kein kongruentes Selbsterleben haben (und in einer sozio-kulturellen Umgebung leben, die nicht auf unsere Art der Informationsverarbeitung ausgelegt ist). Das ist für uns die Essenz des Vieleseins.

Das Erleben des eigenen Selbst kann man sich nicht überlegen. Das ist keine theoretische Idee, die man sich darüber macht, wie man ist und funktioniert. Es ist auch keine Wahrnehmung auf die man sich konzentrieren kann. Entweder man hat es, weil es mehr oder weniger konkret benennbare Wahrnehmungserfahrungen gibt oder man hat es nicht, etwa weil, wie im Falle der tertiären Dissoziation vorliegend, dissoziative Barrieren/Klüfte zwischen (Reiz-)Sender und (Wahrnehmungs-)Empfänger liegen.

Was wir von uns wahrnehmen sind Ichs bzw. Ich-Zustände. Jemande. Etwasse. Seins.
Wir nennen konsistente Ich’s in der Regel “Innens”. Kein einziges Innen von uns ist eine “Persönlichkeit” oder hat, was mit “Identität” benannt wird. Doch jedes Innen hat ein Gefühl für und ein Bild von sich.
Jedes Innen hat unterschiedlich viel und unterschiedlich zuverlässig Zugriff auf Informationen. Das können Informationen über gemachte Lern_Erfahrungen sein, häufig sind es aber auch Wahrnehmungs- und Er_Lebenserfahrungen.

Wir alle sind in unserem Re_Aktionsradius in der Regel an das Erregungsniveau des Körpers und physiologische, wie innerpsychische Prozesse gebunden. Unser Erregungsniveau und andere physiologische Prozesse wiederum sind häufig Reaktionen auf die soziale und natürliche Umwelt, in der wir uns bewegen. Häufig – nicht immer und ausschließlich.

An dieser Stelle ein weiteres 101 Traumawissen: Posttraumatische Belastungsstörungen/probleme/reaktionen basieren auf Stress(informations)verarbeitungsproblemen  und daraus hervorgehend fehlerhafter Informations/Erfahrungsintegration.
Die dissoziative Identitätstruktur ist die psychostrukturelle Antwort auf eine permanent bestehende Stress(informations)verarbeitungsproblematik bei gleichermaßen permanent bestehender Überreizung durch toxischen Stress oder latent bestehender Gefahr dessen (etwa in einer dysfunktionalen/gewaltvollen (familiären) Umgebung).

Menschen mit traumatischen Erfahrungen im Zuge von zwischenmenschlicher Gewalt in der frühkindlichen Entwicklung, haben in der Regel neurophysiologisch nachweisbare Anpassungen an toxischen Stress entwickelt. Der Hippocampus und ein Teilbereich des Stirnlappen sind kleiner, der Mandelkern deutlich sensibler – das gesamte System von gewalterfahrenen Menschen ist auf die Wahrnehmung von Gefahren eingestellt.

Angst ist ein Erregungszustand. Einer, der allen Menschen gleich das Leben rettet, wenn nötig.
Angst ist leicht lernbar – und schwer verlernbar.
Ein System, das in weiten Teilen auf Angstgefühlen und den entsprechenden Körperprozessen basiert, funktioniert anders. Der Körperstoffwechsel ist ein anderer, das Immunsystem ist anders aufgestellt, die sozialen Fähig- und Fertigkeiten schwanken zwischen oft zwischen “Kampf”, “Flucht”, “Starre”, das Leben ist ein Kämpfen um Funktionalität, Er_Leben.s.Qualität und Sicherheit mit für vor sich selbst.

Wir erleben uns selbst so, dass wir häufig mittels starrem Kampfverhalten vor Menschen und anderen Gefahrenquellen flüchten und ordnen uns dieses Phänomen als typisch für Menschen mit DIS ein. Wir haben die Annahme, dieses Reaktionsmuster bereits bei vielen anderen mit DIS (wichtig: nicht DDNOS, ESD oder anderen dissoziativen Problemen) diagnostizierten Menschen gesehen zu haben. [Da wir uns hier auch irren können, steht dort “Annahme”].
Unserer Ansicht nach ist diese Reaktion vor allem deshalb möglich, weil die Dissoziation (“Starre”) quasi das Hintergrundrauschen unserer Lebensrealität ist. Bis heute.

Es vergeht für uns kein Tag ohne amnestische Lücken, Depersonalisation, Derealisation – immer wieder in Sekundenbruchteilen wegfunktionalisiert durch Wechsel in unterschiedlich reagible Zustände (“Innens”, Jemande, Etwasse…) und immer wieder innerhalb bestimmter Funktionsinseln oder zwischen den verschiedenen hin und her.
Während Menschen, die nicht viele sind, jeden Tag auf einem Level dissoziieren, das ihnen die Informations- und Stressverarbeitungsprozesse nicht erheblich erschwert oder gar verunmöglicht, ist unser Level und die psycho-physische Bereitschaft dazu quasi “von Haus aus” übermäßig hoch – selbst dann wenn augenscheinlich keinerlei bedrohliche Stressoren auf uns einwirken.

Die Dissoziation wird häufig – gerade in den von mir erwähnten spirituell-esoterisch-philosophischen™ Kreisen – mit dem Nirwana, einer meditativen Trance oder der vollständigen Auflösung in Frieden und Kosmos verwechselt. Für viele nicht traumatisierte Menschen ist eine “out of body-experience” ein geiler Kick, eine freiwillig gesuchte Erfahrung, die sie im Zusammenhang mit Drogen oder extremer Körperbelastung hervorrufen.
Für manche Nihilist_innen ist das Vielesein als Zustand vollkommener Auflösung des Selbst, der Beweis für die Richtigkeit der eigenen Orientierung am Nichts, womit verschiedene (alle) Verhaltensnormen für absurd und sinnlos erklärt werden.

Es sind jene Menschen, von denen wir uns manchmal in unserem aktiven Bemühen um mehr Kongruenzgefühle, adäquate Re_Aktionsmusternutzung und Verarbeitung unserer Erfahrungen beschämt und verachtet empfinden.
Für sie ist unser Zustand der Beweis für ein theoretisches Weltbild, das gerne zur Legitimation antisozialen und/oder antinormativem Handelns gegenüber anderen Menschen verwendet wird – und nicht der Beweis für die Zerstörungskraft ebensolchen Verhaltens gegenüber Kindern unter 5 Jahren.

Vielesein ist keine Entscheidung. Es ist kein Lifestyle.
Wenn man uns am falschen Tag fragt, ist es nicht einmal ein Life.

Pauline_s haben vor Kurzem ein paar Artikel dazu geschrieben, was “multipel sein” für sie bedeutet.

Für uns ist das Vielesein unser Sein.
Nicht mehr, nicht weniger.
Das Blog von Vielen sagt genug, was das für uns bedeutet.

 

P.S. für mehr Informationen zur dissoziativen Identitätsstörung als Krankheit bzw. komplexe Traumafolgestörung empfehlen wir folgende Literatur:
”Das verfolgte Selbst” von E. Nijenhuis, “Trauma und die Folgen” von M. Huber und  “Dissoziative Identitätsstörung bei Erwachsenen” von U. Gast & G. Wirtz

Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

Tage mit Rettungsauftrag

Tage, wie heute sind „zu rettende Tage“. Tage mit Rettungsauftrag. Tage, die kaputt beginnen und nur durch Routinen oder Elemente dieser Routinen zu etwas „zu rettendem“ werden, damit sie zu etwas werden, das wir gelebt haben.

Der heutige Tag ist nicht durch irgendwas bestimmtes „zu rettend“ geworden. Es war einfach schon alles falsch, als ich vom Wecker aus einem komatösen fast 10 Stunden-Schlaf gerissen wurde und mich fühlte, als wäre mein Gehirn ein ausgetrockneter Schwamm, der von innen am Schädelknochen entlang reibt.
Ab dem Moment wusste ich, dass es ein Tag wird, an dem es darum geht, ihn als gelebt abzuspeichern und extrem darauf zu achten, welche Trigger was wann in welchen Ecken von uns machen. Gerade jetzt.
Und ab dem Moment wusste ich schon, dass wir in den nächsten Stunden zunehmende Schmerzen haben werden, überreizen werden und dennoch durchhalten müssen. Weil unsere Lage im Moment keine ist, in der wir nach unseren Kräften gehen können. Wir müssen nach Deadlines und Abläufen gehen, denen es scheißegal ist, wie viel Kraft wir für sie haben.

Dabei ist dann im Krisen- oder Ankergespräch später immer wieder die Frage: “Wie kann ich Ihnen helfen?” oder “Was könnte denn jetzt helfen?” vor der wir (gerade an „zu rettenden Tagen“) stehen und denken: Is doch egal, was jetzt „helfen“ kann – a) was heißt “was” und b) was heißt “kann” (und c) helfen! –PH! Nix! Gar nix! Niemals! Je! Irgendwas!) – Hauptsache irgend___was passiert und hilft dann auch wirklich.
Es ist das kindliche ABERJETZTSCHNELLSOFORTGLEICHMITOHNEABERHÄTTEWÜRDEWENNPLANUNG – JETZTJETZTJETZT like: JETZTSOFORT!!!!!! in Kombination mit einem Egoding, neben dem Gefühl sowieso keinen Überblick zu haben und keine Priorität einordnen zu können, neben dem Wunsch einfach irgendwie ein großes Stopp in die Vorgänge zu halten und ausruhen zu können.

Vorhin habe ich ein Video gesehen, das meiner Wahrnehmung von heute ziemlich nah kommt (Wir sehen nicht so verwackelt wie in dem Film umgesetzt, sondern immer eher so als wäre die Umgebung eine durcheinanderwirbelnde Schachtel Puzzleteile – also viele Details, aber nie ganze Räume oder Personen)

Aufgewacht bin ich um 7:30 Uhr mit einem Wahrnehmen wie ab 0:42 – heulend auseinandergebröselt, bin ich aber erst gegen 15:50 Uhr – nach 4 Straßenbahnfahrten, einmal Tierarzt plus Geldsorgen und Familienkontaktwunschgegensteuern, intensiv arbeiten an Stiftungsschreiben, intensiv arbeiten in einer ungewohnten/fremden Arbeitsumgebung mit ungewohnten/fremden Umgebungsgeräuschen (die zwei Baustellen, eine Hauptstraße mit Straßenbahn und Passanten enthielt), eine neue Person kennenlernen, fremdes Frühstück essen und dem Versuch mich mit meinen Gefühlen und meinem Wahrnehmen (ab 0:53 bis 1:18) verständlich auszudrücken (und nicht zu schreien, mir absichtlich weh zu tun oder sonst irgendwas lautes bzw. überintensives zu tun).
Die 11 Sekunden zwischen 0:42 und 0:53 waren im Grunde unser Tag von „Aufwachen“ bis „dem Begleitermenschen am Telefon vollheulen und sich die Kopfhaut reiben bis aufkratzen“.

Letztes Jahr um diese Zeit wusste noch nicht, was ein Overload ist und erst Recht nicht, dass es um Überforderung und Überreizung geht und nicht darum, dass ich mich einfach anders fokussieren muss.
Ich wusste nicht, dass es in echt ein Zuviel geben kann, das nicht viel mit dem zu tun hat, was andere Menschen auch wahrnehmen und merken und wissen. Vielleicht sogar nachfühlen können, wenn sie sich das vorstellen, sondern um ein Zuviel, das nur wir merken, weil nur wir die Welt so wahrnehmen, wie wir sie wahrnehmen, weil wir eben so wahrnehmen, wie wir wahrnehmen.

Was in dem Video ein zunehmend dunkler Hintergrund ist, ist bei uns mal ein weißer Nebel (Dissoziation, die zu Wechseln führt und eine dissoziative Amnesie, aber auch Fugue-Erfahrungen und Krampfanfälle für mich bedeutet), mal ein milchiger Schleier (dissoziatives Erleben im Sinne von Depersonalisation oder Derealisation), als aber auch so ein dunkles Loch (wo dann nichts mehr geht – weder sprechen, noch denken, noch orientieren, noch sitzen, noch laufen – dann brauchen wir unseren dunklen engen Käfig und eine ganze Weile ganz viel Nichts).

An vielen „zu rettenden Tagen“ verlasse ich mich darauf, dass wir einfach alles wegdissen. Dass wir funktionieren, weil wir funktionieren müssen. Und zwar einfach manchmal wirklich müssen, weil ausruhen, Pause, Stopp, langsam und Schritt und für Schritt zu viel Zeit frisst und wir nach wie vor nicht immer und überall hingeben können: „Ich kann gerade nicht, weil ich nicht kann.“
Und: weil wir weder einfach delegieren können, noch wollen.

Wir haben an wenig Dingen ein Egoding dran.
Aber Dinge, die wir wollen (weil wir sie brauchen oder von denen wir den Eindruck haben, dass sie uns helfen können) machen wir alleine. Weil wir das können. Weil wir schon viele Dinge geschafft haben und ja: Dinge, vor denen andere Menschen abkacken, weil sie nicht die Fähigkeiten dazu haben, sie zu schaffen.
Ja, da ist ein Vergleich und ja, da ist ein: “Wir können etwas sehr sehr gut, das andere nicht können” und ja: da ist ein Egoding dran. Kein Überlebensstolz, aber ein Fähigkeitenstolz.
Ein Fähigkeitenstolz, den wir uns auch klemmen könnten, weil sich funktional zu dissen keine wirklich trainierbare Fähigkeit wie gute Manieren oder ein Handwerk ist, sondern das Ergebnis von Gewalterfahrungen, die uns auch ganz greifbar und konkret das Leben hätten kosten können – aber er ist da und er erfüllt einen Zweck nur für uns allein. Nämlich den, sich durch Tage wie den heutigen zu bringen und daran auch noch etwas Gutes zu finden.

Unsere Gemögten und der Begleitermensch und ganz viele andere Menschen, möchten uns immer wieder so gerne helfen. Fragen, was sie tun können oder sagen uns, dass sie gerne helfen würden, aber nicht können.
Und wir schwanken jedes Mal zwischen: “Ja, okay dann hilf mir ABERJETZTSCHNELLSOFORTGLEICHMITOHNEABERHÄTTEWÜRDEWENNPLANUNG-JETZTJETZTJETZTlike: JETZTSOFORT!!!!!!” und “Ph, ich krieg das schon hin. Ich hab ja schon Dinger geschafft…” und “Ja, ich weiß ja auch nicht oben unten Zeit Raum schwalla la la la la ach ja…”
Und in aller Regel schlängeln wir uns aus den Angeboten raus oder nehmen sie an und kriegen kein Gleichgewicht mehr hin. Können Schulden nicht (schnell oder wie geplant) zurückzahlen, können nicht so viel emotionalen Saft reingeben, wie es der Umgang mit uns erfordert, können nicht die Freuden schenken, die wir schenken wollen würden, fangen an den Kontakt zu zerstören, weil anfangen uns zu überanstrengen möglichst keine Konflikte oder Reibungsflächen aufzumachen.

Alles alleine zu schaffen schützt uns vor diesem Dilemma. Und fühlt sich nachträglich auch noch super an. Irgendwann.
Jahre später, wenn man zurückblickt und denkt: “Alter, wasn krasser Scheiß – Ausstieg während Abendschule und Therapie – krasse Leistung!”. Ich ziehe daraus den Gedanken: “Ja, dann schaffe ich das jetzt hier auch.” und impliziere damit auch: “Ich schaffe das genauso alleine wie damals, als wir alles alleine bzw. fast alleine und immer einfach auf gut Glück ohne Netz und doppelten Boden machen mussten, weil es anders nicht ging. Ganz klar und konkret, ohne eventuell vielleicht hätte würde wenn man könnte … nicht anders ging, als alleine, funktional gedisst und über alle Grenzen und Maßen hinaus auch leidend.

Damals hatten wir kaum Gespür für uns als uns. Hatten kein Gefühl für Grenzen und es ging über Jahre darum zu merken, wann das Stresslevel so hoch war, dass wir gedisst haben und mit welchen Strategien wir versucht haben, etwas dagegen zu tun.
Jetzt geht es darum zu merken, warum wir dissen und welche Strategien ein nice try, aber sinnloser Bullshit sind.

Und die Konsequenzen daraus.
Und die fressen mein Egoding. Aber das sollen sie doch nicht machen. Ich mag es nicht, wenn logische Konsequenzen meine Egodinger aufessen. Ich hab nicht viele davon, deshalb verwechsle ich sie auch manchmal mit Würdedingern, die man gesellschaftlich akzeptiert auch mal harsch verteidigen darf. Weil unantastbare Würde und so.

Daneben ist es aber auch so, dass wir immer wieder die “bedürftige Hannah” sind. Entweder die “bedürftige Hannah, die aber nicht jammert, sondern macht und kämpft” oder die “bedürftige Hannah, die ja einfach nur mehr XY und weniger AB machen müsste, damit…” oder die “bedürftige Hannah, die ein Mahnmal dafür ist, wie gut man es doch selbst hat” oder die “bedürftige Hannah, die so wahnsinnig inspirierend ist, in ihrem Kämpfen um den eigenen Weg”.

Wir sind selten die Hannah, die ganz sicher sein kann, dass alles okay ist und bleibt, wenn sie hunderttausend Dinge nicht mehr macht, weil sie ernst nimmt, wie sehr sie sich damit auch quält.
Oder die Hannah, die nichts (vor allem keine existenziellen Notlagen) zu befürchten hat, wenn sie im eigenen Tempo, im eigenen Level tut, was zu tun ist.
Und wir wissen, wie wenig wir in dieser Gesellschaft eine “kompetente, ernstzunehmende, professionelle, im Leben stehende Hannah” sein können, wenn wir Menschen brauchen, die uns  sagen: “Du bist erschöpft – tu jetzt, was dir gut tut, anstatt zu tun, was du tun musst.” oder “Du quälst dich (andere Innens), weil du (für sie) ein Wiedererleben traumatischer Situationen erzwingst – mach eine Pause.”, weil wir es sonst nicht merken oder merken  und:  “Aber trotzdem! Aber will, weil brauch und dafür wollen sollen muss!” rufen und mit dem Kopf durch die Wand und die Wände hinter ihr wollen.

Es geht an „zu rettenden Tagen“ manchmal auch darum, dass wir merken, dass wir sie retten können.
Dass wir nicht schaffen, was uns üblicherweise (durch Routinen, Tagesplan und bestimmte Inseln des Ist) darin versichert, dass ein Tag ist und war und von uns mit_gestaltet und von uns gelebt wurde, aber, dass wir uns ihren Anfang und ihr Ende ganz sicher und klar vor Augen halten können.

Und sei es mit einem Blogartikel, der das letzte bisschen Denkleistung aufgegessen hat.