Schlagwort: Zukunft

Hoffnung

“Sag mal K. – worum geht es dir eigentlich?”, fragt sie mich aus einem zusammengedrückten Gesicht. Das Schleimpfeifen aus meiner Lunge führt meinen rasselnden Atem an wie eine unbeirrbare Vorhut. Dieser Spaziergang ist schon viel zu lang für mich. Die Luft zu dicht, um die Flügel in meinem Oberkörper anzuheben.
Hinter uns grollt ein Wärmegewitter den Berg hinauf, den wir gerade bestiegen haben.

Ich drücke mein Gesicht zusammen, wie ihres und frage, was sie denn mit “eigentlich” meint. Frage sie, was sie denn glaubt für wie viele Eigentlichs ich neben dem, was ich, was wir, so mühsam rausbringen, noch Kraft aufbringen würde.
Wieder bin ich da, wo ich mich frage, ob sie mich für dumm hält, oder heimlich doch nicht glaubt, dass es schwer für mich ist zu sprechen, obwohl ich es tue. Ärgere mich darüber, weil es ineffizient und doch wieder eine Etappe ist.

“Brauchst du jetzt ein Eigentlich von mir, weil dir nicht klar ist, was ich dir gesagt hab oder willst du “den einen schlimmen Aspekt” wissen?” Ich bleibe stehen, hebe die Arme über den Kopf und versuche mich zu weiten.
Sie beobachtet mich. Ich merke, wie ihr jemand ins Gesicht springen will.
Sie fragt: “Gibt es denn mehr als einen schlimmen Aspekt?” und es ist als würde sie mich mit einem Fingerpieks einen Abgrund runterschubsen.

Antworten, die Fragen sind. Sie weiß das. Ich hab ihr das schon so oft gesagt. Warum macht sie das trotzdem.

Ich wühle nach meinem Notfallspray und dem Wasser in meinem Rucksack. Sage nichts mehr, bis wir zu Hause sind. Das Cortison treibt uns an, wir werden schneller als sie. NakNak* läuft voraus. Hält bei jedem Donner inne.
Ich fühle mein Trauma unter meiner Haut. Merke, wie da etwas wühlt, kämpfen will, doch nicht durch meine Haut aus Stein kommt. Das schnelle Gehen fühlt sich falsch an. Die Bewegung ist jetzt, aber nicht in Einklang zu bringen mit dem, was ich wie eine Hülle den Berg hinunter trage.

Unsere Gemögte spricht weiter auf mich ein, doch es kommt mir eher vor, als würde sich mich mit Wörtern abduschen, als mit mir zu kommunizieren. Sie perlen von mir ab, bedeuten nichts außer sich selbst. Versickern spurlos in der Zeit, brauchen weder mich noch sie.

Als wir in der Küche sitzen und dem Donner über dem Haus zuhören, fragt sie, ob es immer noch um die Akzeptanz geht, DAS DA erlebt zu haben. Ich sage “Nein” und denke: “Aber vielleicht doch.”

“Ich verlier die Hoffnung, M.”, sage ich. “Darum gehts mir.”
Sie streichelt NakNak* die Ohren. “Die Hoffnung worauf?”. “Dass wir alles aufgelöst kriegen.”
Es donnert. Draußen raschelt Birkengeblätt im Gewitterwind.

“Ich will Frieden machen mit dem ganzen Scheiß. Ich will es leichter haben. Ich will, dass sich alles auflöst und kein Problem mehr ist.”. Ich nerve mich selbst mit dem was ich sage. Höre auf zu reden. Es kommt mir sinnlos vor.

M., die uns schon lange, mich immerhin seit ein paar Jahren kennt, schweigt mit mir den Moment in die Breite.
Mit einem langen Schluck trinkt sie ihr Glas aus.

“Ich hab noch keine Klientin gehabt, deren Wunden von Hoffnung allein geheilt wurden.”

kreiseln

Gestern Abend bekamen wir eine Email zur Scholarship-Aktion von Ironhack und Kleiderkreisel.
Gute Nachrichten. Irgendwie.
Wir haben 2000€ zugesprochen bekommen – für ein Bootcamp, das 6500€ kostet.

Klassischer LOL-Shit, also.
Irgendwie ist es super – doch ganz praktisch kein echter Gewinn.
Außer für die Firma – bei der dürften nun einige Absagen eintrudeln und am Ende dafür sorgen, dass von den ursprünglich geplanten 100.000€ gar nicht mehr so viel ausgegeben werden muss. Kann.

Mich nervt das.
Ich bin seit Wochen genervt von genau den Gedankenkreiseln, mit denen ich mich beschäftige. Nichts ist eindeutig. Nichts ist fest. Nichts ist klar. Alles besteht nur aus Chancen auf Chancen und eventuell ja vielleicht mal sehen, kommt Zeit kommt Rat, alles bisschen Ja bisschen Nein.
Nach unserem Abschneiden für die Aktion war ja schon klar, dass wir keine Kandidatin für das Vollstipendium sind – umso schlimmer trifft es dann irgendwie keine richtige Absage zu bekommen, sondern eine, die keine ist, aber doch wie eine funktioniert, weil unsere Lebensumstände nicht passig sind.

Ich mach mir Sorgen über das nächste Jahr und das, was danach kommt. Abschluss, Studium – oder doch noch eine Ausbildung? Kriegen wir dann noch Bafög? Was wenn nicht? War dann alles umsonst? Einfach bewerben und gucken? Was kommt da auf uns zu? Hach wär schon geil so ein duales Studium – aber was wenn wir wieder mehr Inklusionsversuchskaninchen als üblich Lernende_r sind? Geht sowas überhaupt in Teilzeit? Und wenn wir doch erstmal aussetzen und wie geplanwünscht den AT wandern? Aber das ist doch Wasser auf die Ablehnungsmühlen vom Bafög-Amt. Nein, diesmal geben wir der Müdigkeit nicht nach – diesmal machen wir weiter. Diesmal machen wirs fertig. Fertiger Beruf. Am Besten einer, der Geld einbringt und nicht für eine Fingerübung eines web/pc-affinen Millenials gehalten wird. Irgendwas Geiles. IT, Elektrotechnik, Medieninformatik, Maschinenbau… Aber was wenn … Aber man könnte ja … Und wenn..?

Das kann ich gerade nicht abschalten, kann es seit Monaten nicht abschalten.
Einerseits – Andererseits – Hoffnung – Realität – Erfahrung – mutiges Vorwärtsspinnen – Enttäuschung – Aufklärung – Einerseits – Andererseits
So geht mir das den ganzen Tag. Und manchmal, wenn ich müde davon bin und mich ohnmächtig, scheiße, unwürdig und weltballastofflich fühle, dann kommt der Traumaschleim hoch.

Ich würde gerne etwas entscheiden, damit wir etwas verfolgen können, statt uns wieder einmal so aufzufasern wie immer, wenn es nicht genug Halt, nicht genug Richtung und Klarheit gibt.
Die Einen machen Bücher, die Anderen lernen Dinge wie Programmieren und Roboterbau, die nächsten recherchieren duale Studiengänge – ich mach mir Sorgen, überesse mich an 7 von 7 Tagen, finde mich in diesem Körper inzwischen so abstoßend, wie meine Gefühle von Überforderung an all dem gutbeschissenem, das uns passiert, wir erleben und haben und und und

Vielleicht brauche ich nur längere Pausen.

Mehr Nichtsmüssen, mehr Zeit die Zeit zu fühlen und mich wieder mit ihr zu verbinden.
Vielleicht muss ich auch einfach nur wieder jeden Tag 20-30km Fahrrad fahren.

Manchmal hilft es ja, wenn man sich kleine neue Routinen in den Alltag einbaut.

… und raus bist du

Das Gefühl der Ausgrenzung kennen wohl alle Menschen.
Das setze ich an den Anfang des Textes, um zu zeigen: Ich weiß das. Und um anzuzeigen, dass es entsprechend keinen Grund gibt, mir zu sagen, dass meine Gefühle und Gedanken allein deshalb schon nichts besonderes sind.
Wie gesagt: Ich weiß das. Es ändert meine Gefühle und meine Not an ihnen nicht und ich schreibe sie hier auch nicht auf, weil ich denke, dass sie besonders sind.

Wieder einmal schreibe ich etwas dazu auf, gerade weil ich weiß, dass es normal ist, ausgegrenzt zu werden, weil man ist, wie man ist.
Besonders, wenn man anders ist.

Sprung.

In dieser Woche habe ich vielleicht einfach nur ein paar Enttäuschungen zu viel gehabt. Wer weiß. Vielleicht bin ich auch nur müde. Vielleicht steht der Mond ungünstig. Vielleicht hab ich nur noch nicht genug geweint und bin deshalb noch nicht an dem Punkt, an dem ich loslassen kann, um mich Wichtigerem zu widmen.
Vielleicht ist es aber auch einfach Teil meiner Strickweise, dass ich lange brauche um Dinge zu prozessieren, zu verstehen, zu begreifen – sie mir auseinanderzunehmen und als neu hinzugekommene Erfahrungen in mich und mein Bild von der Welt einzubauen. Was weiß ich.

Sprung.

Ich bin frustriert über meine Leistungen in diesem 3 Schulhalbjahr. Nicht, weil sie schlecht sind. Ich bekomme nachwievor selten eine 1, üblicherweise eine 2, wenn ich denke, ich habs ganz verkackt, reicht es noch für eine 3. Ich habe keinen Grund zu glauben versetzungsgefährdet zu sein oder die Ausbildung nicht zu schaffen, weil meine Leistungen nicht ausreichen.

Unzufrieden bin ich damit, dass ich – im Gegensatz zu meinen Lehrer_innen – weiß, dass ich nicht besser werde, wenn mich nur noch mehr motiviere, noch mehr lerne, noch mehr reinhänge, mich mehr öffne oder locker mache.
Ich weiß, dass es in vielen Dingen nur noch um dieses eine kleine µ der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion geht.

Und während ich das weiß und wieder einmal 3/4 meiner Alltagskraft in die Kompensation dessen stecke – merke ich: Sie sehen das nicht. Sie merken das nicht. Sie halten mich für perfektionistisch. Denken, ich sei nur mit Note 1 zufrieden. Ordnen mich als generell schwer zufriedenzustellen ein. Und eben nicht als autistisch und damit behindert im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion.

Sie merken nicht, wie sie mich damit damit jedes Mal neu rauswählen.

Sprung.

Es bleiben mir noch zwei Stellen für eine Bewerbung um ein Berufspraktikum.
52 Stück habe ich seit September letzten Jahres weggeschickt.
Schriftliche Absagen: 11 Stille Absagen: 40 Wartend auf: 1
Niemand schreibt, dass meine Behinderung oder der strukturelle Aufwand, der nötig ist, mich als Praktikantin anzunehmen der Grund dafür ist.
Aber ich weiß, warum wir vor der Ausbildung jetzt mehr als 10 Jahre weder Arbeit noch Ausbildung hatten.

Ich habe nicht viele Informationen. Verstehe zu wenig von der wirtschaftlichen Lage und der Welt, in der Menschen leben, die so arbeiten, dass sie andere Menschen bei sich mitarbeiten lassen können, als dass ich mir selbst gut zureden kann, all die Nichtaussichten für mich wären in Faktor X oder Y – aber auf keinen Fall in mir und meinem So-Sein begründet.

Ich will das alles nicht persönlich nehmen. Doch wie soll ich es denn nehmen? Was soll ich denn denken, machen, glauben, wünschen?
Zufall? Bestimmung? Pech? Jede Niederlage ein Sieg für die Selbsterkenntnis?
Wie lange muss man so eine Situation ertragen, damit es vor anderen Menschen legitimiert ist, sie nie wieder aufzusuchen?

Sprung.

Ich habe erfahren, dass es den Studiengang “Medieninformatik” gibt. Das klingt gut für mich. Nach einer Richtung, die mir ein Tool in die Hand gibt, danach Dinge zu realisieren, die es ermöglichen Informationen auf vielleicht sogar ganz neuartige Art zu übermitteln.
Sehr motivierend so eine Aussicht. Gerade jetzt, wo ich mit den Mitteln, die ich zur Kommunikation nutzen kann, immer wieder scheitere.

Dann war ich gestern beim Tag der offenen Tür des “bib” in Bielefeld. Das bib ist ein privater Bildungsdienstleister, von dem diverse Studien und Ausbildungsgänge angeboten werden. Unter anderem auch Medieninformatik.

Weil ich nicht wusste, dass es ein Privatunternehmen ist, bin ich hin, wie ich bin.
Hätte ich es gewusst, hätte ich mich unter unbequemerer Kleidung und Make up versteckt und hätte die vielen kleinen Demütigungen, die so ein Umfeld für Menschen wie mich bereithält, an mir abprallen lassen können.
So stand ich dann da mit meiner C&A-Jeans und den Resten der Stresspickel, die mir die letzten zwei Schulwochen beschert hatten und versuchte mich mit meinen Wortgewändern und einer Lächelgrimasse anzupassen.

Menschen, die nicht am Existenzminimum leben, wissen meistens nicht, dass sie das tun. Sie glauben oft, dass sie “ja auch kämpfen müssen” und halten das für vergleichbar mit der Lebensrealität von Menschen wie mir. Sie haben häufig keine Rezeptoren für den Schmerz, den sie anderen zufügen, in dem sie die gleichen Sorglosigkeiten und Relevanzbewertungen, wie bei sich selbst, für gegeben annehmen.

Sprung.

Manchmal ist es für mich demütigender, wenn mir Menschen sagen, dass ich mich doch nur locker manchen müsse, weil doch eh alles immer irgendwie läuft, als wenn sie mir direkt sagen, dass ich einfach einer dieser Menschen bin, für den man in dieser Gesellschaft keine Ver_Wert_ung findet.

Ich dachte lange, mein Wunsch doch bitte gleich offen als wertloses Stück Scheiße benannt zu werden, hätte seine Wurzeln allein darin, dass ich mich nach langer Zeit des Gewalterfahrens selbst so sehe.
Heute weiß ich, dass ich in manchen Lebensbereichen noch immer so behandelt werde und es die permanente Anstrengung zur Dechiffrierung dessen in eine klare Aussage ist, die in mir diesen Wunsch logischerweise auslöst.

Es geht also nicht darum, dass ich das gerne hören möchte, um mich in meinem Selbstbild zu bestätigen, sondern darum, dass ich mir wünsche, die Menschen in meiner Umgebung hörten endlich auf, mir ihr Bild von mir nicht offen zu zeigen und/oder auch vor sich zu verschleiern.

Sprung.

Auf meine Frage nach Erfahrungen mit der Integration von Menschen mit Behinderung, erhielt ich eine lange Satzkette mit der kurzen Information “Nein” drin. Trotz dem es die Möglichkeit gibt, für eine Woche zu hospitieren, um zu schauen, wie sich der Lernalltag gestaltet, war ich am Boden zerstört.

Nicht, weil das so ist. Es hätte mich gewundert, wenn die Klientel, die dort lernt und studiert, so divers ist, dass es zu einem reichen Erfahrungsschatz kommen kann. Aber die Bestätigung meiner Annahme war nichts, was ich gern gehabt hätte.

Jeder Beweis für die nachwievor bestehende Ausgrenzung von behinderten Menschen, ist mir ein Beweis für meine Ausgrenzung. Für mein Nichtrepräsentiertsein. Für mein Nichtmitdabeisein. Und dafür, dass jeder einzelne Schritt inmitten dieser Menschen(gruppen/klassen) für mich einer ist, der allen Beteiligten neu, fremd, anstrengend, ängstigend… über_heraus_fordernd ist.

Und auch hier: Ich wünschte, ich könnte das nicht so persönlich nehmen. Es geht dabei ja nicht um mich persönlich.
Aber wie soll ich es denn nehmen? Es ist ja nicht so, dass sich an den entsprechenden Stellen jemand persönlich als verantwortlich bereiterklärt.

Sprung.

Und wie soll es für mich weitergehen?
Ich bin nicht gut darin mich selbst so tiefgreifend zu belügen und mich darauf aufbauend zu immer mehr Leistung zu motivieren. Ich brauche Perspektiven. Sicherheiten. Gewissheiten. Ich brauche Unterstützung und sehr viel öfter soziales Cheerleading, als ich das einfordere oder zum Ausdruck bringe.
Ich brauche mehr als das, was ich im Moment habe, um damit umzugehen, leider draußen bleiben zu müssen.

Nicht, weil ich behindert bin, sondern, weil ich es zusätzlich dazu oft auch noch werde und beides oft genug noch nicht einmal bemerkt und anerkannt wird.

Und wenn ich das so schreibe, dann bedeutet das nicht, dass ich mir wünsche, umgeben von Leuten zu sein, die mir ein Taschentuch geben und mich an ihrer Schulter ausweinen lassen, damit ich neue Kraft für den nächsten Kampf um Teilhabe, Zukunft und Lebensqualität tanken kann.
Ich wünsche mir mehr Leute in meiner Umgebung, die mit mir zusammen weinen, weil sie mit_fühlen, wie tief diese ganze Scheiße jeden einzelnen weiteren Tag weh tut – und mit mir zusammen kämpfen, damit das weder ich noch andere Menschen jeden einzelnen Tag weiter durchmachen müssen.

Was “kämpfen” an der Stelle bedeutet?
Es kann bedeuten weder mir noch anderen behinderten /Menschen/ mit Behinderung zu sagen, ihre Forderung nach Teilhabe unter Berücksichtigung und entsprechender Anpassungsleistung ihrer Umgebung, sei eine andere Forderung, als die als auch normaler Mensch anerkannt zu werden.
Es ist keine überzogene Forderung, wenn man bitte nicht ausgegrenzt und dadurch auch entmenschlicht werden möchte.

Es kann aber auch bedeuten, die eigenen Bedürfnisse und Bedarfe auszusprechen, um die Lebensumgebung aller mitzugestalten.
Je offener der Umgang mit der Vielfältigkeit des Menschseins und den Facetten dessen, was Menschen täglich leisten oder auch nicht leisten können, desto weniger besonders wird das, was man jetzt als Abweichung wahrnimmt.

Außerdem wird man so darin trainiert, sich schneller und effizierter an wechselnde Anforderungen anzupassen. Es wird leichter. Und dadurch auch weniger daran gebunden, wie sympathisch, wertvoll, menschlich man jemanden oder etwas einordnet. Man macht es dann einfach, weil es kein Akt mehr ist, es überhaupt zu machen.

Es kann auch bedeuten, sich der eigenen Ignoranz zu stellen, die man gegenüber der Thematik von Ausgrenzung allgemein, und der Inklusion, als gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit, hegt und eventuell sogar pflegt, ohne es bewusst zu haben.

Ja, Inklusion ist eine Riesenumwälzung. Ja, alles würde sich verändern. Ja, viele Dinge kosten Geld. Ja, Inklusion ist für manche Menschen fremd, neu und vielleicht auch zu viel, um sie sich überhaupt als Realität vorzustellen.
Aber all das sollte neugierig machen. Motivieren.
Und wenn schon nicht das, dann wenigstens erschrecken und beschämen, gerade weil sie noch nicht passiert ist.

Denn nichts anderes ist ein jeder “… und du bist raus”-Moment in unserer Gesellschaft, egal wem gegenüber und warum.
Beschämend und erschreckend.

und dann?

“Und dann machst du da jetzt GTA – gut gut – und dann?”, fragte der Leiter der Kunstschule. “Wie: “und dann?””, fragte ich zurück, “Dann habe ich einen Abschluss und dann muss ich sehen”.
“Wie “muss ich sehen” – du musst doch wissen, was du dann willst.”… “Wie alt biste jetzt – 30 – 3 Jahre Ausbildung dann biste 33 – nochmal Studium dran dann biste bald 40 – da musste schon wissen waste willst.” …
“Ja, aber … versuchte ich mich in dieses “Gespräch” einzubringen. Erfolglos.

– “Weißt du, was dein Problem ist…?”

Ja, manchmal weiß ich, was mein Problem ist: Menschen, die ihre Wichtigkeiten zu unseren Wichtigkeiten machen. Menschen, die glauben, wenn man nur weiß was man will, dann würde sich auch alles passend einrichten. Menschen, die uns alleinig dafür verantwortlich machen, was mit uns passiert.
Unser Problem ist, dass diese Menschen nicht merken, was sie da sagen, implizieren und von uns erwarten. Unser Problem ist, dass es unser Problem sein soll.

In den letzten 10 Jahren wollten wir nichts weiter als eine berufliche Perspektive. Eine Chance auf eine Berufsausbildung, die wir gut schaffen können.
Und jetzt, wo wir das geschafft haben – jetzt, wo wir mit diesem großen Geschenk auf dem Arm in der Gegend stehen und glücklich strahlend versuchen darauf klar zu kommen, dass es überhaupt jetzt wirklich und echt da ist, kommen Menschen an uns vorbei, gucken es sich kurz an und sagen: “Ja, aber das ist ja Pippifax für dich. Du kannst viel mehr. Du solltest nach Höherem streben. Du musst größer denken.”. (wie witzig das klingt so kurz nach der Unterstellung narzisstisch zu sein – but, well … alle Experten, ey ¯\_(ツ)_/¯ )

Die Lehrer_innen an der Berufsschule haben das auch gesagt. Dass sie befürchten uns nichts mehr beibringen zu können. Dass sie uns mit dem Stoff unterfordern und den Gegebenheiten des Schulalltags überfordern.
Und wir denken uns, wie gut das für uns wäre. Ein Bereich ist leicht zu schaffen, dann haben wir mehr Kraft für den Bereich, der Kraft frisst. Ein Bereich ist einer, der uns sehr entgegen kommt, weil er etwas enthält, das uns liegt – dann ist mehr Kraft für uns da, sich dem Bereich zu nähern, der uns nicht entgegenkommt.

Wir haben an der Abendrealschule ziemlich gelitten. Das war nicht leicht für uns. Nicht nur, weil wir nebenbei noch ausgebeutet und verletzt wurden, eine unzureichende Betreuung und eine semihilfreiche Therapie hatten. Schule ist einfach schmerzhaft laut, triggernd eng und leistungsbezogen.
Wir haben oft gefehlt und haben viel allein für uns nachgearbeitet. Der Abschluss mit Durchschnittsnote 2,0 war ein Wunder und nicht das Ergebnis eines Verständnisses dessen, worum es in der Prüfung ging.
Und während wir das wissen und wissen, was für Stoffmassen auf uns zukommen werden, weil wir eben auch einige Jahre aus der Lern- und Konzentrationsroutine raus sind, werden wir jetzt auch noch mit einem Imperativ an Zukunftsvisionen genervt.

Daneben denke ich auch: “Alter – lass uns doch erstmal sehen, ob wir in drei Jahren überhaupt noch leben.”.
Denke “Lass mich doch erstmal sehen.”
Verstehe nicht, wie man Dingen, die nicht sicher sind, so viel aufladen kann. Kognitiv verstehe ich es natürlich. Kenne diesen Motivationstrick der Zielvisualisierung und weiß, dass der manchen Menschen auch helfen kann. Doch ich verstehe nicht, wie man sich solche Dinge vorstellen kann, ohne zu wissen wie das Stück dazwischen aussieht. Wie es sich anfühlt, welche Muster in ihm sind, welche Gegebenheiten sich wie entwickeln. Wie machen die Leute das?!

Ich scheitere schon an dem Versuch mir vorzustellen, wie das wird, wenn wir jeden Morgen zu duschen aushalten müssen. Wie das wird, wenn wir jeden Morgen eine Stunde mit der Straßenbahn fahren müssen. Jeden Tag von 7 Uhr 30 bis 14 Uhr irgendwas aufnahmebereit, sozial verträglich, psychisch irgendwie beieinander zu sein. Jeden Tag nach der Schule noch diese Kleinigkeit von “Rest des Tages”, “Haushalt” und “schöne Dinge” zu schaffen. Und dieses kleine Dings – hier – na was war da noch – ach ja Traumatherapie.
Wir wissen noch nicht, ob wir neben der Schule noch arbeiten gehen müssen, um unseren Lebensunterhalt zu finanzieren. Wir haben keine Ahnung, wie wir unsere Projekte umstrukturieren müssen, damit sie nicht einschlafen, nur weil wir ein unheimlich großes Schlafbedürfnis haben werden.

Das Ding, das mich kritzig macht ist: Es geht bei uns nicht um Motivation durch Ziele. Ging es noch nie. Wir haben nie irgendwas gemacht, weil wir dachten: “Oh, wenn wir XY tun, dann wird sicher AB passieren und genau das will ich.”
Das ist eine Herangehensweise, die sämtlichen alltäglichen Erfahrungen, in unserem Leben, die im Zusammenhang mit Menschen bzw. mit von Menschen gemachten Strukturen passieren, widerspricht. Stichwort “soziale heiße-Herdplatte-Erfahrung”.
Unser Alltag besteht in weiten Teilen einzig daraus, zu versuchen, was alle machen und dann das weirde awkward Quirklevel irgendwie auszubalancieren.

Unser Problem ist nicht zu wenig Selbstbewusstsein oder nicht zu wissen, was aus uns werden soll. Unser Problem ist, dass es Leuten wie dem Leiter der Kunstschule nicht in den Kopf kommt, wie es für uns reichen kann, Dinge zu lernen, um sie zu lernen. Dinge zu tun, um sie zu tun.
Unsere Ambitionen erstrecken sich nicht auf Macht, Status oder Besitz, der uns in irgendeiner Form ergänzt oder optimiert, sondern darauf uns zu befähigen.

Wir wollen können, was eine GTA kann, damit wir GTA-Dinge tun können, um sie tun zu können. Vielleicht können wir damit später Geld verdienen, vielleicht kriegen wir uns damit irgendwann unabhängig finanziert. Vielleicht auch nicht – aber dann können wir immernoch, was eine GTA kann.
Das reicht uns, um motiviert zu sein.
Mit der gleichen Motivation stehen wir jeden Morgen auf, obwohl wir nie zu 100% wissen, wie der Tag für uns wird. Denn, auch wenn der Tag schlimm wird, so konnten wir ihn doch er_leben. Weil wir leben können.

Unser Problem ist nicht, keine Vision für die eigene Zukunft zu haben.
Unser Problem ist, eine haben zu müssen, um uns einfach aus solchen verbalen Übergriffssituationen herauswinden zu können, anstatt, das andere Menschen sich einfach mal zurückhalten.

Babythemen

Der Frühling naht, die Babythemen nehmen zu. Und die Diätwerbung auch.

In den letzten Wochen denke ich selbst öfter darüber nach, eine Planung für die nächsten 3 bis 5 Jahre zu machen. Weil ich mir diesmal wirklich Hoffnungen auf den Ausbildungsplatz mache. Und merke, wie sich diese Hoffnung auf eine Gastfamilie und die Therapie überträgt.
Wenn ich nicht gerade Angst habe, dass das alles wirklich klappen könnte und entsprechende Ressourcen von mir abverlangt, dann denke ich mir, wie das laufen könnte.

Wir gehen 3 Jahre zur Schule und können dann richtig gute Sachen machen, mit denen wir Geld verdienen können. Dann ist NakNak* 10 Jahre alt und vielleicht nicht mehr “Border Collie-aktiv” sondern “normaler Hund- aktiv”.
Ich könnte über eine Schwangerschaft nachdenken. Über ein über 9 Monate in mir wachsendes Organ, das ich gebäre und dann als “Baby” bezeichne. Dann begänne ein neuer Alltag, der sich über verschiedene Entwicklungsdekaden des Babys verändert und der wiederum von uns Ressourcen abverlangt, denen wir uns hoffentlich bewusst bleiben können.
Während all dem wird sich die Rolle unseres Seins und unserer Traumatisierung verändern. Und vielleicht denke ich deshalb genau jetzt gerade darüber nach.

Im Moment muss die Traumatisierung für vieles herhalten, was wir nicht können oder schaffen. Oft geht es darum die Traumatisierung als das zu erkennen, was macht, dass sowohl die Dinge die uns schaden, weil wir sie nicht verhindern (Selbstverletzung, Essstörung, diverse soziale Schwierigkeiten), als auch die Dinge, die uns schaden, weil wir sie nicht verhindern können (Arbeitsunfähigkeit im Sinne von Unfähigkeit in derzeit gegebenen Strukturen arbeiten zu können und deshalb auf Hartz 4 angewiesen zu sein) passieren.
Dabei ist es seltenst wirklich die Traumatisierung, die unsere Schwierigkeiten begründet, sondern unsere Versuche damit in einem spezifischen sozialen Kontext umzugehen.

Wenn man ein Kind gebiert, wird man zu einer Mutter und damit in eine soziale Rolle gedrückt, in der eine bestehende Traumatisierung und jedweder Umgang damit a) nur falsch und b) nur unzureichend sein kann. Weil Mütter allgemein in so ziemlich allem was sie tun in erster Linie als a) (auch) falsch und b) nur unzureichend gelten.
Obwohl und gleichzeitig gerade weil sie a) für alles rund um das Kind, sich selbst und ihren sozialen Kosmos (allein)verantwortlich sind und b) einem in aller Regel nur durch Kritik gestalteten Rahmen von den Erwartungen um das erfahren, was als “ausreichend” gilt.

Mutterschaft ist eine der sozialen Rollen, die man getrost als schizophren bezeichnen kann, ohne eine unangebrachte Pathologisierung vorzunehmen.
In unserer westlichen Gesellschaft ist Mutterschaft selten und dadurch etwas, das von Anfang an als etwas gilt, dass es zu perfektionieren und optimieren gilt. Und genau dort beginnt bereits die Arbeit daran Menschenkörper und ihre Arbeit am Wachstum eines Fötus zu kritisieren.

Wie oft lese ich in Foren von schwangeren Personen, die bei einem der tausend Checks und Tests und Untersuchungen im Hoheitsgebiet der Gynäkologie vom zu kleinen oder zu großen Fötus hören, von vielleicht nicht normgerechten Nackenfalten und so vielem mehr. Und dann sind da noch die ganzen Zahlen, die mit dem eigenen Blut in die Plasteröhrchen fließen, die vielleicht hier und da zu hoch oder zu niedrig, in den wenigstens Fällen aber einfach okay sind.
Und dann die Geburt. Unter der viele Menschen überwiegend Angst haben und nur wenige schlichte Neugier und Aufregung darüber, wie sie es schaffen mit der Herausforderung umzugehen.
Und dann die Menschen, die sich nie wohl fühlen können, weil sie permanent misgendert werden. Weil sie keine Frau sind und es doch niemanden schert, denn Schwangerschaft gilt als “Frauensache”.

Ich glaube, dass Schwanger- und Mutterschaft etwas ist, das, so wie es gerade behandelt wird, zu Gefühlen von „sich selbst fremd und fern sein“ führen kann und deshalb zwangsläufig zu etwas werden muss, dass sich unkontrolliert und fremdbestimmt anfühlt.
Und, weil es diese Abwertung bestehender ganz eigener Fähigkeit- und Fertigkeiten, wie Ressourcen gibt, auch noch das Gefühl, dass es eine stetige Kontrolle, Kritik und permanente Selbstoptimierung braucht, um überhaupt irgendwas annähernd in Richtung “okay” zu Stande zu kriegen.
Wie viele zu Eltern gewordene Menschen finden sich 10 Jahre später wieder in einer mittelgroßen Wohnung, in einem mittelsicheren Leben, in einem mittelständischem Bürgerleben und sagen: “Ich habe das nie gewollt.” – ohne sich gleichermaßen trauen zu können dem noch anzustellen: “Ich habe das aber gebraucht und ich brauche das auch jetzt um mich wieder neu zu entdecken.“

Ich schiebe meinen Kinderwunsch und meine Gedanken über das Leben in 3-5 Jahren nicht auf mein Alter und auf Hormone. Ich schiebe es auf mein Gefühl von mehr Sicherheit und mehr Nähe zur üblichen Norm, wenn ich mit einem Ein- und einem Auskommen rechnen kann.
Ich schiebe es darauf, dass ich in meiner Vorstellung mehr Optionen auf selbstbestimmte Entscheidungen habe, in denen ich mich von außen versichern lassen kann.
Wenn und falls ich das überhaupt möchte.
Und ich schiebe es darauf, zu wissen wie Wahnsinn funktioniert und wie wenig dieser in mir allein verankert ist, selbst wenn mir die ganze Welt das Gegenteil sagt.

Da ist ja nämlich auch noch die Idee vom Irre-sein als virulentes und vererbbares Ereignis.
Der Gedanke, eine psychische Belastung der Mutter übertrüge sich immer und in jedem Fall automatisch auf das Kind. Was übrigens ein sehr praktischer Gedanke ist, wenn man a) Kinder als hilflose durch und durch inkompetente und zum Selbstschutz unfähige Wesen betrachtet (sie in ihren Fähig- und Fertigkeiten also komplett missachtet und ignoriert) und b) die Mutter als mächtige Trägerin einer malignen Energie sehen will (noch jemand ohne Hexenassoziation?)

Und natürlich, wie immer, die Idee, dass eine Krankheit immer nur einen Hauptwohnsitz hat.
Es gibt zu wenig die sozialen Kontexte anerkennende Haltungen gegenüber Belastungen jeder Art. Ein Symptom ist noch keine Krankheit und nicht jede Krankheit zeigt sich in Symptomen an denen, die ein Leiden formulieren.

Wir leiden wie gesagt nicht unter der DIS. Wir leiden an den Traumaverarbeitungsversuchen unseres Gehirns, weil sie unser Er_Leben dysfunktional machen. Und darauf reagieren wir. Und so gestaltet sich unser Sein.
Es ist der Gestaltung des Seins anderer Menschen so so so ähnlich.

Es macht mich den Gedanken und Wünschen anderer Menschen so ähnlich.
Ich denke über eine Schwangerschaft nach, weil ich das gerne möchte. Ganz egoistisch. Weil ich neugierig bin, wie das so ist Mutter von einem lebenden Kind zu sein und die Entwicklung eines Menschen ganz direkt miterleben zu dürfen bis ich sterbe oder dieser Mensch stirbt. Oder ich es nicht mehr miterleben soll oder kann. Oder.

Die gesamte westliche Kultur um Mutterschaft ist nicht auf Menschen wie uns ausgelegt. Der ganze Zirkus in pastell und Schulddynamik meint uns nicht. Natürlich wird er nach uns greifen und natürlich gehen wir durch die gleichen Episoden wie ganz viele zu Müttern erklärte Menschen vor uns.
Aber wir haben nicht den Angstgegner “Schuld”, “Wahnsinn” oder “Isolation”.
Wir haben nur Angst vor der Angst.
Und wissen wie sehr uns das privilegiert.

Vielleicht ist das am Ende der einzige Unterschied, den die Traumatisierungen begründen.
Wir sind schon durch mit Schuld, Wahnsinn und Isolation.
Irgendwie.

Ich weiß es nicht.
Aber ich muss es ja auch noch nicht wissen. Im Moment kann ich einfach noch jede Menge Unkraut denken und in meine Fantasien mulchen.

(und noch mindestens 3 Wochen auf Rückmeldung zur Bewerbung warten T-T)

naja ¯\_(ツ)_/¯

Und manchmal erreichen wir so skurrile Punkte in unserer Hartz 4 – Zeit, dass ich mich so frage, warum eigentlich nur ich darüber so die Contenance zu verlieren drohe und nicht meine Sachbearbeiter_innen.

Wir haben keine Berufsausbildung und, obwohl wir das seit Jahren zu ändern versuchen, indem wir uns wie blöd (und tatsächlich wahrscheinlich einfach aus einer Blödheit heraus) bewerben, wo auch immer eine inhaltlich passende Möglichkeit aufgeht und immer wieder auch schauen, wo wir Unterstützungen beantragen können, um uns zwischen den Bewerbungszeiträumen weiterzubilden, nicht stehen zu bleiben, uns geistig satt zu machen, passiert formal exakt nichts, außer, dass wir dafür, dass wir Dinge tun, um Dinge zu tun, bestraft werden bzw. immer wieder in Situationen kommen, die bedeuten überzahlt zu werden und dann vor Nachforderungen zu stehen, die nicht zu begleichen sind.
Überraschend, ne – wie man aus Nichts Nichts machen kann – welch ein Versagen von mir!

So liebe Nicht-Langzeit-Hartz 4-Bezieher_innen macht man Behördenschulden: man agiert nicht kapitalistisch, sondern ehrenamtlich/altruistisch/ohne ausgelagertes Budget

Inzwischen sind wir 10 Jahre dabei. Unser GdB is bei 70% und wir stehen mit der neuen Diagnose nicht mehr an einer Stelle, an der man sagen könnte: “Arbeiten Sie mal an ihrer Gesundung und dann machen wir ne Rehamaßnahme.”. So lange das der Fall war, empfanden wir immer wieder große Dankbarkeit darüber, dass wir so viel Schonung und auch Freiraum erfahren. So schlimm und schwer es in den letzten Jahren auch war, hatten wir dieses kleine Lebensutopia, in das wir uns geistig, emotional hineintherapieren können.
“Eine Ladung Traumaverarbeitung und es gibt mehr Kraft für das, was eine (Vollzeit-)Berufsausbildung abverlangt. “

Jetzt ist klar: Das wird nicht reichen. Es wird vielleicht irgendwann auf eine andere Art ein Thema sein, wie viele Reize, wie lange auf uns einprasseln und wann, wo wie welche Art der Konzentration und allgemeiner Funktion von uns erwartet und verlangt wird – aber es wird als nicht zu unterschätzendes Thema immer da sein.

Ehrlich gesagt habe ich mich heute vor uns erschrocken.
Wir reden eigentlich nicht so viel und eigentlich reden wir auch schon gar nicht so ohne Grenzen, aber diesmal kam das einfach so raus: “Wir werden nicht “gesund” werden.” und “Ja, seit 10 Jahren wird mir gesagt, ich sei ja noch jung und ich hätte noch alles vor mir. Das hilft mir aber nicht”.

Gerade der vorletzte Satz erinnert mich an etwas, was wir in der letzten Klinik anhören mussten: “Sie sind ja noch jung und haben ihre Diagnose früh bekommen – es liegt noch so viel vor ihnen”.
Heute wie damals möchte ich darüber schreien, denn was anderen Menschen vielleicht eine Entlastung verschafft, macht mir einfach nur Angst, weil ich dieses “was alles noch vor mir liegt”, weder kenne, noch sehe, noch weiß, wie ich darauf reagieren soll. Meine gesamte Zukunft ist so furchtbar quälend ängstigend, weil wir hier einfach immer und immer und immer alles alleine stemmen, halten und tragen müssen. Alles und immer. Für immer. (Vielleicht.)
Es wurde in 29 Lebensjahren nie leichter – ich weiß nicht wie und was “leichter” ist und wie das gehen soll.
Wie kann man so etwas wie “Sie haben ja noch alles vor sich” denn bloß als erleichternd oder schön empfinden?! Es ist mir ein Rätsel.

Aber das ist, was uns Menschen an die Hand geben.
Sie finden es toll, dass wir noch machen und tun. Dass wir etwas lernen wollen, dass wir lernen, weil wir das für unsere emotionale Stabilisierung brauchen.
Und das ist wirklich auch ein Problem.
So viele Menschen finden es toll, wenn wir in einer Ecke sitzen und Wissen fressen.
Wären das Torten, würden sie uns verachten.
Ob meine gerade schon wieder an fast Zwanghaftigkeit grenzende Wissensreinfresserei vielleicht genauso leid_voll geprägt ist, wie andere selbstberuhigende Handlungen das sein können, wird da übersehen und das ist wirklich schlimm.

Wenn Menschen sich bilden wollen ist das super – wenn sie gebildet sind (aka:  intellektuell sind), sind sie scheiße, weil tendenziell arrogant.
Wenn Menschen unter Hartz 4 arbeiten und sogar Geld dafür bekommen ist das super – wenn sie das aber nicht mit der richtigen Intension und innerhalb kapitalistischer Verwertungsdynamiken tun, haben sie halt Pech gehabt.

Es ist …
mir fällt nichts mehr dazu ein. Ich bin müde.
Aber ich weiß jetzt so ziemlich “alles” über Existenzgründung und diesbezügliches Steuerrecht und das ist doch supi.
Das wird mir sicher helfen.
Irgendwann.
Bei irgendwas.
Was man noch nicht weiß.

Weil ich ja so jung bin und noch alles vor mir hab.

Orrr
lol

Naja.
Egal.
¯\_(ツ)_/¯

Chancen

Es sind ganz junge Füße, die mich durch die kalte Dunkelheit zu dieser Musik- und Kunstschule tragen. Ich merke das an dem Schwung im Schritt. An der Musik in meinen Ohren. An diesem ganz zarten Glimmen unterm Sternum. An dieser Fragenschleife: “Und dann darf ich das lernen? Also so richtig lernen? Und dann darf ich da was machen? Und dann ist das richtig echt? Und dann…”. An den großen Augen, deren Iris mich fast verschlucken.

Wir bekommen über 80% Rabatt, weil wir von Grundsicherung leben. Der Kurs geht, wenn alles klappt, 12 Monate. Am Ende könnten wir eine Mappe haben. So eine Richtige. Nicht so eine peinliche: “Ach nett, Sie machen also kleine süße Zeichnungen in ihrer Freizeit.” – Mappe, wie wir sie jetzt haben.
Es ist eine Chance.
Wenn sie uns vom Jobcenter als solche anerkannt wird und davor bewahrt, Bewerbungstrainings oder andere Maßnahmen machen zu müssen. Denn arbeitsfähig in dem Sinne sind wir inzwischen wieder. Maximal 4 Stunden am Tag – davon 3 am Stück. Die 4 te geht für den Weg hin und zurück drauf.
Die 4 Stunden, die uns noch zur “normalen Arbeitsfähigkeit” fehlen, die brauchen wir dann zu Hause, um die vorangegangenen 20 Stunden zu be.greifen, in den Mund zu stecken und nochmal zu essen.

Ist halt so. Wir haben die 50% im Schwerbehindertenausweis nicht, weil das Foto von 2004 darin so schön ist.
2004 da hatte das Innen, das sich zwischen die Mütter und Klein.Kinder setzte, um im Schulgewusel anzukommen und die Lautstärke mit den Haarspitzen zu erfühlen, das letzte Mal über eine Zukunft als um des Begreifens Willen lernende Person nachgedacht.
Jetzt krabbeln ihm Kinder mit Kekskrümeln auf den Kullerbäuchen um die Füße herum und könnten aus ihm selbst gekommen sein.

Der Leiter des Kunstbereichs ist nicht sehr angetan von den Zeichnungen. Er mag so gern lieber abstrakte Kunst, dass er uns markiert, wann die Kurse für figürliches Zeichnen sind. Das Innen zittert. Drückt sich die Wunschäußerung raus, alle Kurse des Angebots einmal zu probieren. Er reagiert nicht. Springt auf ehemalige Schüler_Innen zu, die zu Besuch kommen.
Der Leiter der Fotografiekurse kommt an den Tisch. Auf dem Bildschirm ist unser Fotoblog zu sehen.
Das Kinderinnen, das die Fotos macht, schiebt sich zaghaft zwischen das junge Innen, mich, den Schatten der Anderen und das Heute, das plötzlich so viele Gesterns gleichzeitig ist.

“Die Motive sind mir zu lieblich, aber dein Auge ist gut. Die Aufteilung, die Gestaltung, die Farben. Sehr gut. Du hast das drauf. Oh hier die Langzeitbelichtung – sehr sehr schön …” Er scrollt und ich frage das Kinderinnen, ob ich ihn etwas fragen soll. Oder, ob es ihm etwas zu den Fotos sagen möchte. Ob es Fragen zu seinem Kurs hat. Ob es den probieren möchte. Ich frage das mit der Generalschlüsselfrage: “Ist er ein Mensch*?” alles gleichzeitig und mein kleines Herz nickt eifrig. “Hier – niemand macht sich die Mühe so nah an die Wasseroberfläche zu gehen, um so etwas zu fotografieren- das ist sehr gut”, sagt er und erzählt dann, das man sich Kameras ausleihen kann, um bestimmte Dinge zu probieren. Manches von dem, was unsere Kompaktautomatikknipse nicht kann.

Das kleine Herz zappelt unter meinen Federn umher und strampelt sich heraus. Steht mit offenem Mund hinter den Augen und fuchtelt mit den Armen. Meine Wörter legen sich um seine Bewegung und klumpen aus dem Uns heraus. Der Leiter des Fotokurses hört zu. Schaut auf die Fotos. In unser Gesicht. Lächelt seine Augen zu einer dicken Linie zwischen vielen kleinen.

Dann verabschieden wir uns von ihm und folgen dem Kunstleiter durch die Ateliers.
Unser Schritt ist eckig geworden.
Wir sehen junge Menschen. Teenager. Kunst, die uns gnadenlos die Inspiration ins Hirn pumpt und an etwas zerrt, dem immer – dem seit mehr als 13 Jahren ein “hätte” oder “wäre” oder “wenn” vorausgeht.

Ich erinnere, was eines der anderen Herzen in der Therapiestunde aus sich herausstachelte: “Wenn ich nur länger durchgehalten hätte. Wenn ich nicht krank geworden wäre.”, und einfach nicht weiß, dass es in dieser Welt des Heute damit sagt: “Wenn ich die Gewalt, den Schmerz, die Qual, die Not, die Folter, die Ausbeutung nur länger durchgehalten hätte. Wenn ich keine (psychiatrische) Hilfe bekommen hätte.”.
Ich weiß: Es hat auch Recht.
Auf eine dieser perversen Arten, wie sie nur das Leben hervorbringen kann, hat es recht. Wenn wir nur bis zum Abitur durchgehalten hätten. Wir hatten die Chance singen, tanzen, Kunst machen und vieles mehr zu lernen. Wir hätten so viel mehr lernen können als das Notwendigste für Überleben und Realschulabschluss.

Wir kennen diese “Eigentlich wollen wir ja keine Elite sein”- Gymnasiumattitüde, die dann doch Markenkleidung trägt und Privat- oder Kursunterricht, wie den, den wir hier gerade mit unserer Besichtigung stören, erhalten kann. Neben Schüler_Innennachhilfe und Taschengeld, um am Wochenende ins Kino zu gehen.
Wir haben nicht dort reinpassen können und mussten das auch nie.
Aber da war die Chance.
Und wir haben sie nicht genutzt.
Warum auch immer.
Egal wie nachvollziehbar die Entscheidung war, wegzugehen und einen anderen Weg zu wählen.
Die Chance blieb ungenutzt und sie wird nie wiederkommen.

Unser Rundgang endet in einem Raum, in dem die Kurse für figürliches Zeichnen stattfinden. Es gibt einen Leuchttisch und die roten Haare des Innens lecken ihre Hitze bereits wieder in alle Richtungen. Mit einem Leuchttisch, kann es Trickfilmbilder besser zeichnen.
Wir fühlen uns durch den Raum, in dem viele Teenager sitzen, miteinander reden und uns verstohlen anschauen.
Mein Blick fällt auf das Grafiktablett eines der jungen Menschen dort.

Das Teil kostet neu über 800€. Frau Rosenblatt sabbert das Gerät seit der ersten Version durch das Internet an und fühlt jedes Mal den Schmerz des Wissens, dass es mehr kostet als das, was sie zum Leben vom Staat erhält. Weil das ihr Leben in einem Monat kosten darf.
Und dann liegt es einfach da.
Achtlos neben Wassergläsern abgelegt und mit Aufklebern verziert.
Es kostet so viel wie 100 Monate Kunstkurs für eine Hartz 4 Behinderte mit Splitter-Ich.
Würde der Kurs soviel kosten, wie es der Staat für Bildungsausgaben unter Hartz 4 vorsieht: 533 Monate.

Es liegt dort rum und würde es aufstehen und uns sagen: “Siehste- das haste nu davon!” – es wäre nur logisch.

Im Flur vor dem Raum liegt eine braune Labradorhündin und schläft mit dem Gesicht zwischen den Pfoten.
Wir tauschen Floskeln mit dem Kunstleiter und torkeln mit unseren Eindrücken im Kopf in die Kälte hinein.

Ich denke an den Artikel zum 10 jährigen Bestehen der Hartz 4 Gesetze, den wir uns seit Wochen aus dem Herzen rausschreiben wollen und daran, dass so viele Menschen von unserer Armut erfahren und dennoch denken, es hätte für uns jemals ein
“vor Hartz 4” gegeben. Ein “vor der Armut”. Ein “bevor es alles schwierig wurde”. Oder zumindest so mit uns sprechen.
Vielleicht, weil es so normal ist, dass jede_r mal ein “Früher war alles besser” hatte.

Wir hatten das nicht.
Wir hatten nur Chancen.
Und die haben wir nicht genutzt.

Weil wir statt auf ein Über.Morgen hinzuleben, ein Heute erkämpfen mussten.

Wir haben kein greifbares “wenn es vorbei ist”. Keine realistische Vorstellung, wie das Morgen nach dem Überleben, nach der Armut, wie das Ende des Hoffens erreicht werden kann. Wir wissen nur: das Bedürfnis der Therapeutin, der Welt, den Augen, die auf uns drauf schauen zu sagen, dass es in unserem Leben eine strukturell produzierte und aufrecht gehaltene Todesangst gibt, die für andere Menschen einfach nur “Hartz 4” heißt – das wird morgen wieder überlebt sein.

Genau wie alle Gewalt, Schmerz, Qual, Not, Folter und Ausbeutung, die wir überlebt haben bis wir 21 Jahre alt waren.

 

 

nach vorn drehen

Ich erlebe Neujahr, als einen Moment, in dem ich vor Neuem stehe. Die Erwachsenen da draußen in der Welt reden von einer Illusion, die Coolpeople und die, die alles bessergut können, waren gestern um 10 im Bett, muffeln heute ausschließlich über den Abfall draußen und die Geldverschwendung “der Anderen”.
Ich bin kurz nach 3 ins Bett getaumelt, dachte daran, dass morgen alles neu beginnt und schlief selig mit der Nase an NakNak*s Stirn ein.

Sie hat mich mit ihrem üblichen Morgenwüffen, zu ihrer üblichen Zeit geweckt. Ich bin wie üblich an die Kaffeemaschine und wie immer runter in den Garten gegangen.

Das Neue begann mit dem Moment, in dem mich die Stille des Neujahrsmorgen umschloss.
Ich bin richtig aufgewacht und spürte, dass natürlich viel Üblichkeit noch da ist. Nichts ist verschwunden. Nichts verschwindet wirklich jemals.
Aber, wenn man Dinge neu betrachtet, sieht man die Möglichkeiten sie zu verändern. Kleinigkeiten anders zu machen. Vielleicht auch besser oder mehr, aber immer anders.

Mir macht es Angst vor neuen Jahren, Kontakten, Wegen und Möglichkeiten zu stehen, weil es die Wahrscheinlichkeit gibt, dass ich sie kaputt mache.
Dass ich immer alles kaputt mache, ist eine ganz alte Wahrheit und wirklich an Relevanz verloren hat sie im Laufe der Jahre nicht. Aber an Brisanz.

Ich habe lernen dürfen, dass nichts je festgeschrieben ist und immer wieder neu betrachtet werden kann. Ob heute oder morgen, im Februar oder Oktober- ganz egal.
Es gibt die Wörter ‘und’, ‘vielleicht’, ‘auch’. Ich möchte sie leben, um mich lösen zu können.
Meine Freiheit er.leben zu können.

Es gibt viel Schmerzhaftes und Erdrückendes in meinem Leben, das ich nicht verändern oder wegmachen kann und doch glaube ich nicht daran, dass ein gutes Leben dann eines ist, wenn es diese schmerzhaften und er.drückenden Dinge nicht mehr gibt. Ich glaube, es ist gut, wenn ich daneben auch Schönes, Warmes, Liebe.volles habe.

Am Neujahrsmorgen sieht es draußen chaotisch aus und in meiner Wohnung und in mir selbst auch.
Und ich stehe vor diesem einen Tag im Jahr an dem alle Menschen ein bisschen entrückt, ein bisschen neu, ein bisschen fremd, ein bisschen ängstlich, ein bisschen trunken, ein bisschen ungeformt sind und spüre meine Angst, mit jedem Tun etwas kaputt zu machen, neben meinem leichten Mutschwung meine Wohnung aufzuräumen, mir unter der Dusche das alte Jahr abzubrausen und im Spaziergang mit NakNak* meine innere wie äußere Welt anzuschauen.

Es ist dieser Mut zur Gleichzeitigkeit, dieses eine kleine Zeitfenster, in dem es nicht schlimm wäre, irgendetwas oder jemanden zu berühren, den ich mir zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr anzunehmen erlauben kann.
Jetzt kann ichs.

Also tu ichs.

Jahrwünsche

der Zukunftskongress “Inklusion 2025”– ein Rückblick mit neuen Selbst.Ansichten

Ich könnte jetzt einen Artikel schreiben, der hübsch in ein kleines Kästchen passt: “vom 2. bis 3. Dezember fand der Zukunftskongress “Inklusion 2025” ausgerichtet von der “Aktion Mensch” in Berlin statt. Etwa 450 Personen trafen einander und diskutierten. Alles war toll.”

So bin ich aber nicht.
Und jetzt mag ich schreiben: “und genau das ist wichtig.”.

Mein Viel(e)-Sein ist okay. Nicht okay ist, dass es keinen üblichen Platz hat. Weder in der Gesellschaft ™ noch in den Strukturen, die diese Gesellschaft nutzt, um sich selbst zu organisieren.
In den Tagen des 2. und 3. Dezembers sind in mir so ziemliche alle Konflikte, die sich in den letzten Jahren rund um meine Hochbegabung, die DIS, die Gewalterfahrungen, die Lern- und Arbeitsk.r.ämpfe und auch meine Zukunftsängste immer wieder gebildet haben, einmal durchgerauscht.
Da waren Momente von Angst, von Ärger, von Verzweiflung, Hoffnung, Heilung, von Verstehen und Begreifen. Für ein Kästchen ist das zu viel. Ein Kästchen würde abschneiden. Ein weiteres Kästchen mit Informationen, die in jeder Zeitung und auch manchen anderen Webseiten und Blogs stehen, braucht diese Bewegung zu einer inklusiven Gesellschaft einfach auch nicht.

Ich werde nun also wieder ein rosenblattsches Megaepos schreiben. Raum einnehmen.
Nach den zwei Tagen und all den Begegnungen mit Menschen, von denen manche für Zeiteinheiten der Widmung bezahlt werden, hat sich meine Haltung zu negativen Äußerungen darüber noch einmal mehr verändert.
Zum Einen dahin, dass ich mich weniger für den Raum, den ich mit mir als Körper, Geist und Seele.n bilde, noch für den Raum, den ich genau damit – mit meinem Körper, meinem Denken, meinem Seele.n.-Sein – einnehme, entschuldigen will.
Ich habe gemerkt, dass mir die Kraft, die ich permanent für eine Entschuldigung meines Da.Seins aufbringe, fehlt, wenn ich respektvoll, nährend, warm, offen, freundlich, annehmend und einander haltend mit Menschen umgehen möchte. Außerdem habe ich gespürt, dass diese Entschuldigung, dieses mein so vielfach, so tiefgreifend eingewurzeltes Schuldgefühl für meine bloßes Existenz, für den Rest der Welt kontextlos erscheint.

// Ich kann es nicht anders tun, als ich es tue, deshalb tue ich es, wie ich es tue.
Und das ist okay. //

Zum Anderen will ich mich noch häufiger daran erinnern, dass Widmung passiert, wie Leben einfach so passiert.

// Es kommt wie es kommt, es ist wie es ist und es muss nie mehr sein, als das. //

Der Kongress beginnt für mich damit, meinen ersten: “Aaaaah – die kenn ich von YouTube!!!” – Moment zu haben, als ich erst Kübra und später auch Christian, die für die “junge Aktion Mensch” seit 3 Monaten Webshows moderieren, in denen sie jungen Menschen Inklusion vorleben möchten, treffe.
Ich mag nicht alles an der Sendung, bin aber mit meiner Behinderung und meinem Alter wohl auch einfach nicht mitgemeint.  Christian erzählte mir, dass sie vornehmlich versuchen Berührungsängste abzubauen und junge Menschen grundsätzlich erst einmal für das Thema “Miteinander” und “Gesellschaft” zu begeistern.
Warum das mit teils opferfeindlicher Sprache (wie in der aktuellen Webshow zum Thema Mut der Fall ist) und für Menschen mit seelischer Behinderung (die einfach bis heute immer wieder mit “Verrücktheit” gleichgesetzt wird) schmerzlichen Bemerkungen, passieren muss, scheint daran zu liegen, dass “man einfach nicht alles rausnehmen und ja auch nicht mit dem Zeigefinger kommen kann”.

// Autsch.
Darf man Tipps und Ideen einreichen, wie der Zeigefinger ausbleibt und trotzdem solche Wörter und Phrasen nicht mehr vorkommen?//

Dann gibt es bis zur Eröffnung viel Kaffee und das erste Gespräch mit einem Menschen, der Unternehmen darin unterstützt, sich mit der Thematik der Teilhabe von Menschen mit Behinderung auseinanderzusetzen. Sehr spannend und erfreulich. Ich dachte, es gäbe gar niemanden, der das an genau dieser Schnittstelle tut.

// Davon sollten mehr Menschen (und Unternehmen) erfahren. //
In meinem Kopf lege ich einen Faden aus und binde ihm den Menschen an den Schnürsenkel.

Nach der Eröffnung: Professor Jonathan Kaufmann, Denker und Berater in den USA.
Er beginnt damit, dass er seine Behinderung als Geschenk oder auch Gabe empfindet und diese ihm eine ganz einzigartige Perspektive bietet. Er beschreibt, was für ein Potenzial im Leben mit Behinderung läge und wie außergewöhnlich das sei.
Und irgendwann hören seine Worte auf in mir und auf meinen ganzen hochpotenten und doch wertlosen Ichs herumzutrampeln. Nicht, weil sie in ihrem “Yeay – Kapitalismus geht für alle Menschen!” aufhören, sondern, weil ich anfange seine Perspektive stehen zu lassen.

// Ich lasse sie stehen. Unterstütze sie nicht. Ich lasse diese Perspektive einfach nur stehen.
Vielleicht im Geldregen. Aber allein. Für sich. //

Nach ihm spricht Professorin Elisabeth Wacker (TU München Diversitätssoziologie – you why i loved her?! ^^) , die viele gute Sätze formulierte als sie ein “Kursbuch Inklusion” aufbaute.
Sie beschreibt Inklusion als Ziel einer Reise und mir fiel zum ersten Mal auf, dass ich ein Wort falsch benutze.

// Inklusion sollte kein Verb haben. Inklusion wird gelebt – nicht “gemacht”. //

Die “interaktive Kurzpause”, von der ich annahm, sie hätte etwas damit zu tun, das man sich in der Warteschlange vor der Toilette unterhält, bis es weitergeht, füllte die Theaterwerkstatt Bethel mit der Darbietung der “Be.Bots”. Es spielten Menschen mit Behinderungen mit und das hat mir gut gefallen. Was sie dort gespielt haben, hat mir nicht gefallen. Vielleicht, weil ich den Witz nicht verstanden habe.

//Menschenausstellungen. Keine Pointe.
Oder doch? //

Und dann ploppten die Flügel meines Gehirns durch meine Schädeldecke und flirrten in dem großen viereckigen Saal umher, an dessen Decke blaue und grüne Sterne geleuchtet wurden.
Ich dachte an die “
Traumdisco” in Berlin und daran, dass der demographische Wandel, von dem vorne auf der Bühne die Rede war, nicht der demographische Wandel ist, der mich beschäftigt.

// Wer wird sich 2025 kümmern, weil er sich kümmert und eben nicht, weil er dafür bezahlt wird?//

Es gibt Mittagessen und es guckt mich komisch an.
Natürlich.
Es ist gelb und scharf, ist durcheinander gewürfelt und heißt trotzdem nicht “Salat” oder “Müsli”.
Der Salat war kein Salat sondern “Essen das komisch guckt und “Salat” heißt, weil es jemand dran geschrieben hat”. Ich hapse, drücke und schlucke so schnell es geht.
An meinem Tisch sitzen Menschen, die einen Film machen möchten.
Sie fanden “
Gold – du kannst mehr, als du denkst” ganz prima.

//Ich schlucke auch alles, was ich zu dem Film noch sagen möchte, direkt mit einem Puppentässchen Kaffee herunter.
Übrig bleiben viele gute Wünsche für ein Gelingen und Erfolg.
Ich weiß, wie viel Arbeit “Filme machen” bedeutet.//

Nach einer inhaltlichen Einführung geht es in die Themenpanels.
Ich habe mir das Panel “Gesellschaftliche Entwicklung und soziale Verantwortung” ausgesucht und twittere, was ich noch twittern kann, bevor mein Handy mit einem letzten Aufbegehren des Vibrationsalarms den Akkutod stirbt.
Um von mir tot Geglaubtes, geht es auch im Panel. Jeannette Gusko von
Change.org gab einen kurzen Input über das Potenzial von Onlinepetitionen als Bestandteil von Öffentlichkeitskampagnen.
Laut ihren Erfahrungen gibt es nachwievor die Chance über eine Petition auch zu erreichen, was man erreichen möchte. Allerdings nur, wenn daneben noch jede Menge andere Vernetzung und Unterstützung von Verbündeten steht.

// Ich denke an die #idpet und daran, dass die CDU unser Land quasi im Alleingang regiert.
Und schlucke erneut.
Mit Stellvertreter_Innen “neutraler” Plattformen kann man nicht politisch diskutieren. Neutralität ist apolitisch.//

Der Philosoph, Künstler und Kurator Günther Friesinger aus Wien, trägt eine schwarze Kapuzenjacke und ich kann ihn leider nicht fragen, ob er zufällig auch Twitterer ist. ^^
Er versucht und das Internet begreiflich zu machen, indem er uns alle Daumencatchen lässt und dabei miteinander verbindet.

//LOL//

Theoretischer wird es dann wieder mit der Vorstellung der explorativen Studie, die Professorin Dr. Berit Sandberg mit ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter_In vorstellt.
Es geht um die Motivation zu ehrenamtlichem Engagement von Menschen mit Behinderungen. Größte Faktoren: Arbeitslosigkeit und der Wunsch, der Gesellschaft etwas (zurück)zugeben.

// Ich erinnere mich an die “Plattform Inklusion” meiner Stadt und die scheelen Blicke, die mit meiner Nachfrage einhergingen, ob Ehrenämter als die Jobs der Zukunft für Menschen mit Behinderungen betrachtet werden. Aushilfen, die freiwillig und unentgeltlich tun, was sonst vom Jobcenter geschickte Minijobber tun – ja kann denn ein Unternehmerherzchen davor zurückschrecken?//

Studien wie diese sind wichtig.
Ich wünsche der Professorin, dass sie es schafft eine größere Studie zu dem Thema auf die Beine zu stellen.
Sie könnte dazu beitragen, das Vorurteil von einzig betüddelten Menschen mit Behinderungen zu brechen und in ein Bild von auch aktiven Menschen, die mit einer Behinderung leben zu verwandeln.

// Wenn sie es aus dem ewigen Kreislauf im Elfenbeinturm “Wissenschaft” herausschafft.//

In Erinnerung bleibt (weil mit ganzen vielen Geistesherzchen überschüttet) mir auch Dr. Mark Terkessidis, von dem ich nicht einen Satz behalten habe – aber alle Energie, die er in seine Sicht des Themas brachte.

//Geistesherzchen Geistesherzchen Geistesherzchen //

Am Abend treffe ich einen Menschen vom Verein “Menschen helfen Menschen in und um Berlin e.V.” welcher komplett ohne öffentliche Zuschüsse arbeitet und sich nur mit Spenden und ehrenamtlichen Helfer_Innen hält. Die Liste der Tätigkeiten dieses Vereins im Flyer hat mich umgehauen.
Wenn ihr noch ein klitzekleines Scherflein zum Spenden habt – da ist es gut aufgehoben.

//Werden wir es schaffen unser Nachwachshaus* aufzubauen und genauso hartnäckig bei der Sache bleiben können?//

Ich lasse mich von dem Berliner Abend zurück zu meinem Schlafplatz schieben.
Zweifel schlagen über meinem Kopf zusammen und alles Runtergeschluckte drückt sich an meinen Augäpfeln vorbei nach draußen.

Ich kann zu selten sagen, dass mich die Unsichtbarkeit meiner Behinderung als solche bewegt. Ich kann zu selten sagen, dass es mich stört, wie oft apolitisch und vertreter_Innenzentriert Diskussionen zum Thema Inklusion und Teilhabe aller Menschen funktionieren. Ich muss meine Abhängigkeit von anderen Menschen zu oft als Hilfebedürftigkeit bezeichnen. Ich bekomme öfter zu hören, ich müsse mich bewegen und etwas tun, als Fragen danach, wie meine Bewegungen und Projekte unterstützt werden könnten, damit sie überhaupt als solche bemerkt werden. Man kann keine Prothese an mich klemmen. Dass ich viele geworden bin, ist die Prothese, die zu entwickeln ich gezwungen war. Man kann mich nicht mehr gebrauchen und verwerten. Inmitten der Realität, in der wir uns heute befinden, ist meine Behinderung weder Sprungbrett für tolle Perspektiven, noch ist die Tatsache eine Person, die mit einer Behinderung lebt zu sein eine Qualifikation.
Was heute zählt, sind Entwicklungsmöglichkeiten, die sich mit kapitalistischen Strukturen vereinbaren lassen. Vielarmige Krausköpfe wie meiner, die obendrauf nicht einmal kontinuierlich an sind, weil so ziemlich alle Schrauben locker sind, die sind vielleicht noch als Objekte wichtig, wenn es um Lückenforschung geht.

// Wie wichtig Lücken sind, merkt man heute nur noch wenn die Leertaste am MacBook spinnt oder man einen Parkplatz in der Innenstadt sucht//

Ich weine und ekle mich vor dem Geräusch, das mir dabei aus dem Mund kommt.
Ich kann niemanden anrufen. Es ist ja schon alles gesagt. Ich sage seit Jahren kaum etwas anderes als das, was ich jetzt sagen würde. Es würde mich trösten, läge eine Hand auf meiner und sagte jemand: “Es gibt ein Morgen.” und es würde mich zerfetzen, läge eine Hand auf meiner, während mir jemand sagt: “Es gibt ein Morgen.”.
Als ich in die Nacht spüre, höre ich hinter mir Federn rascheln.
Etwas streichelt mein Herz in den Schlaf.

Am Morgen dusche ich die Trümmer des Abends von mir und zeichne kleine Dankegrüße.
Ich gehe mit neuer Kraft in den zweiten Tag des Kongresses. Jeder Schritt von mir zieht ein zartes Federstreichen nach sich.

Wir hören Anja Förster, die querdenken als Business betreibt. Sie erzählt von Fehlern, vor denen Angst zu haben Kraft raubt und die Geschichte von den Blumen in der Wüste, die bestimmte Bedingungen brauchen um zu blühen. Kennen wir schon aus dem schönen Mixtape von KapuzenAuf.

// Warum müssen es eigentlich immer die Blumen sein, die in der Story als lohnenswert erscheinen? Die Fähigkeit lange in der Erde ruhen zu können, ohne seine Potenz zu verlieren, ist ebenfalls ziemlich cool. Kakteen sind verdammt cool. Wüsten sind wichtige Bestandteile unserer Natur. Wüsten als Orte [Räume], sind Konsequenzen aus Folgen von Anpassungen an Gegebenheiten.//

Dinge anders machen zu wollen, finde ich aber gut. Schade, dass es mit dem bewährten “Motivations- Trau dich mal” einher gehen muss, bei einer Veranstaltung, die zu besuchen für viele Personen aus ganz unterschiedlichen Gründen, schon mit sehr viel “Trau dich mal” verbunden ist.
Aber wer weiß, vielleicht war dieser Input ja bei irgendjemandem das Quäntchen Wasser, das gebraucht wurde.

Und dann kam eine “steife Brise” auf – das Improvisationstheater “Steife Brise” um genau zu sein.
Ich kann nicht gut beschreiben, was sie gespielt haben – nur so viel: es hatte damit zu tun, dass das Publikum Wörter einbrachte, die in eine Szene eingeflossen sind und am Ende gab es “Weini” den Weihnachtsmann, der seine Frau an den Metzger verloren hatte und “Stefan”, den Elfen.

//so cool – einfach loslegen und spontane Ideen umsetzen – Fehler sind erlaubt//

Für den zweiten Tag habe ich das Themenpanel “Bildungschancen und Lebensweggestaltung” gewählt und twittere, so viel ich kann.

Dr. Siegfried Saerberg erzählt von der Kunstausstellung “artblind”, die von ihm für den Verein Blinde und Kunst e. V kuratiert wurde. Künstler_Innen, die mit Sehbehinderungen oder Blindheit leben, erfreuen mich. Meine Kunst war bisher eher etwas, das ich jetzt viel mache, weil ich nicht, weiß, wie sich die Funktion meines linken Auges im Alter auswirken wird. Ich profitiere bereits jetzt sehr von digitalen Möglichkeiten der Gestaltung, wenn es um Nachbesserungen oder Arbeiten mit bestimmen Mitteln geht. Aber die Haptik von Materialien ist für mich auch wichtig. Es hat mich ermutigt, zu hören, dass es Menschen gibt, die ihre Kunst nicht nur auf die visuelle Wahrnehmung auslegend machen und dann auch ausstellen.
Wir hören eine Audio Transkription zu einem Bild und werden darüber mit zwei Bildern beschenkt. Das eine entsteht beim Zuhören, das andere beim Sehen. Beides zusammen vermischt sich zu einem runden Subjekt (ja- nicht: Objekt, wie das sonst gerne bei Kunst passiert) in mir drin. Unter der Bildbeschreibung ist Musik, am Ende gibt es Worte zur Aussage des Bildes vom Künstler selbst.

//Schön, dass wir Zeit haben, um uns zu widmen.//

Es spricht Jun. – Prof. Dr. Ingo Bosse über die Medialisierung des Lernens und welche Probleme sich dabei zeigen. Es fehlen ordentliche Lehrmittel und Ausbildungen zum Lehren der Nutzung dieser Mittel.
Ich denke an Dr. Terkessidis und die Parallelwelten, die Rasse, Klasse und Alter voneinander wegspalten.
Ich denke an die Person, die mir im März bei der Tagung “Wir sind Viele” sagte: “Hoffentlich reichen meine technischen Fähigkeiten, Ihr Blog im Internet zu finden.”.
Ich denke daran, dass viele Unternehmer_Innen Facebook für das Internet halten, sich anmelden, Gelder in die Plattform bringen und die Nutzung für Non-Profit oder gemeinnützige Unternehmen und Privatpersonen ad absurdum führen.

//Facebook wird im nächsten Jahr auch ausgeloggte Nutzer_Innen in ihrem Surfverhalten ausspionieren.//

Um Mediennutzung und Einbindung in den Unterricht geht es im Vortrag von Norbert Schröder, der in seiner Schule Jugendliche, die mit körperlichen und Lernbehinderungen leben, unterrichtet. Sie machen Videotutorials zur Nutzung der Gerätschaften, die sie in ihrer Ausbildung verwenden und erstellen so quasi die Lehrmittel der nachkommenden Schüler_Innen – die wiederum die Lehrmittel der vorhergehenden Schüler_Innengeneration überarbeiten oder verbessern.
Eine Idee, die in ihrer Umsetzung mit einem Video gezeigt wurde, das sehr professionell wirkte und komplett von den Schüler_Innen selbst gemacht wurde.

Es folgen Worte von Prof. Dr. Olaf Burow zur Erkennung und Förderung individueller Potenziale, die in der Folge vom Journalist Erik Albrecht in einen Kontext mit Bildung als Lebensbausatzelement erneut auftauchen und von Prof. Dr. Hinz und Ines Boban (tolle Menschen! da flogen wieder Geistesherzchen- beide sitzen im Institut für Rehabilitationspädagogik der Universität Halle-Wittenberg) in einen Kontext des hinterfragbar kapitalistischen Wertes “Bildung” und “Entwicklung” gestellt werden.
Für mich entsteht ein angenehmes Knäul aus losen Fäden, festen Strängen und Mustern, die in der darauf folgenden Diskussion noch ergänzt werden.

// Unser sogenanntes Informationszeitalter instrumentalisiert Bildung vom Begreifen weg. Es wird weniger gelernt, als gebildet. Unsere Bildungssysteme führen zu Abzieh.Bildern, die wir in unsere Stickeralben kleben. Wer das schönste Album vorzeigt, bekommt die Möglichkeit weitere Sticker zu erwerben, um am Ende, das unvorhersehbar, unsicher und von wirtschaftlichem Denken und Taktieren Dritter abhängig ist, ein Einkommen zu haben. Das nicht sicher ist.
Nichts ist sicher und deshalb wünscht man sich eine “Kultur des Vertrauens”. Wir, ich bin Teil der Generation Y. Um mich herum, hätte die Welt schon zwei Mal massiv zerstört werden können. Tschernobyl, Fukushima. Es gab und gibt so viele Kriege und sie kommen alle zunehmend unausweichlich nah, denn jeder Monitor wird zum Fenster in die Nachbarschaft von Menschen, die mit dem Grauen Tür an Tür, oder Hütte an Zelt leben müssen.
Ich denke an transgenerationale und durch unsere technischen Möglichkeiten auch transnationale oder vielleicht besser gesagt: transmediale (Psycho)Traumatisierungen und daran, dass niemand Vertrauen von Menschen lernen kann, die in einer Zeit aufwachsen, in der nichts und niemand wirklich bedingungslos vertrauenswürdig ist, weil einfach nichts und niemand so sicher und kontinuierlich ist, wie der Lauf der Dinge selbst.
Ich sage zum ersten Mal in meinem Leben: “Ich bin hochbegabt – leider.”, vor anderen Menschen und bringe mein Bildungsdrama in einen Kontext von Klasse, als Diskriminierungsachse. Am Ende traue ich mich, meinen Wunsch nach stärkerer Etablierung der Langeweile als Quelle von Kreativität und Sozialität zu äußern.
Ich bin stolz auf mich und spüre, dass meine Worte auch willkommen sind. Es fühlt sich so unfassbar großartig an. //

Das Mittagessen guckt nicht komisch. Es gibt Tomatensuppe, rote Grütze mit Vanillesoße und klitzekleine Süßigkeiten. Der Cateringservice “Lebenswelten” ist übrigens integrativ – es arbeiten auch Menschen mit Behinderung dort. Ich führe wieder ein interessantes Tischgespräch und lerne später eine Mitbegründerin des Vereins “Wild:lachs für alle e.V.” kennen.

//Eine Mutwelle in Richtung Nachwachshaus*//

und dann treffe ich Mareice Kaiser und Raul Krauthausen.
Sie sitzt neben mir im Publikum und wir klatschen Raul auf der Bühne zu, der in der Talkrunde “Inklusion 2025 – Realistisches Gesellschaftsmodell oder Utopie?”, direkt mit wichtigen Punkten
loslegt.
Er sagt: “Überhaupt schon Utopie in dem Kontext Inklusion zu erwähnen, öffnet zu viel Platz für Bedenkenträger.”.
Raul wird als einzige Person geduzt und das ärgert mich. Er hat doch einen schönen Nachnamen, wie alle anderen auf dem Podium auch.

//Inklusion ist das Ergebnis einer emanzipatorischen Bewegung. Emanzipatorische Bewegungen sind wichtig. Man erreicht sie nicht mit Quoten – schon gar nicht mit Quoten wie einer von 30% für Frauen.
Dass diese Emanzipation schwierig ist, wenn Unternehmen und Politik erst auf Druck handeln, und immer wieder mit Optionenhonig um die Vorstand- und Vertreteregos gelockt werden müssen, was wiederum getan wird, weil Abhängigkeiten zu Hilfebedarf umbenannt werden, ist nach dieser Veranstaltung für mich sehr deutlich geworden.

Natürlich können Unternehmer_Innen ihr Konzept nicht von jetzt auf gleich umstellen. “Never touch a running system” – ist in der Wirtschaftslage, die wir nun einmal jetzt haben, wichtig und es doch anzutouchen ist mit einem Mut und einem Grad an Etablierung innerhalb von Systemen von bestimmten rassischen, klassistischen, age-istischen, sexistischen und vielen anderen *istischen Achsen, verbunden, das nicht alle Unternehmen vorweisen können und/oder auch nicht bewusst haben.
Seit dem Zukunftsdialog 2012 habe ich bereits mit verschiedenen Menschen, die aus Unternehmen jeder Schicht kommen, gesprochen und oft – sehr oft – fehlt tatsächlich ein Bewusstsein nach unten, weil der Fokus immer wieder auf dem Bewusstsein und den Vergleich nach oben liegt. Liegen muss, weil ein Überleben daran hängt. Es gibt diese Überlebensmuster auf jeder Ebene und ich erlebe es als wichtig, sie anzuerkennen, bevor kritische Forderungen gestellt werden, die mit Druck einhergehen.
Trotzdem bin ich natürlich nicht objektiv und immer wieder wütend, wie vor sehr großen Unternehmen seit Jahren argumentiert wird, dass Menschen, die mit Behinderungen leben, ein Gewinn seien. Dass es sich wirtschaftlich lohnt oder lohnen muss – je nach Argumentationsstandpunkt – auch Menschen mit Behinderung am Arbeitsleben teilhaben zu lassen oder auch: Menschen in ihrem Arbeitsleben und Er.Schaffen nicht zu behindern. Es widert mich an.
Es triggert Erinnern in mir an, weil ich schon so oft gekauft wurde. Es macht und hält mich “psychisch krank”, weil ich als Mensch mit diversen Eigenschaften nie ohne Verwertungslogik zu folgen betrachtet werde, wenn es darum geht, was von mir kommt. Ich kann das immer wieder in mir aufkommende Bild von Sklavenmärkten und Menschenausstellungen nicht unterdrücken. Ich komme nicht dagegen an, immer wieder an Menschenhandel zu denken.

Viele technische Neuerungen kommen auf den Markt, wie die “Lorm Hand”, die es Menschen mit Seh – und Hörbehinderung ermöglicht, auch digital zu kommunizieren. Unsere rasend schnelle technische Entwicklung wird uns greifbar und im direkten Erleben des Alltags in der Zukunft emanzipieren – von anderen Menschen. Deren direkte physische Präsenz wird dann nämlich nicht mehr wie heute gebraucht. Gleichzeitig müssen diese Hilfsmittel produziert und erdacht werden. Warum es noch so viel Argumentation “Pro Teilhabe” genau daran geben muss – warum Menschen ihre altunwürdigen Denkmuster aus Ökonomie und “hat sich schon immer™ so bewährt” nicht verlassen und erst vom Querdenken überzeugt werden müssen, ist mir unverständlich.
Vielleicht habe ich zu viele Visionen.  Vielleicht hören aber auch noch einfach viel zu viele Menschen Sätze wie: “mit Visionen macht man keine Politik” und erleben es zu selten, wie darauf jemand antwortet “Aber ohne Vision, keine Mission”, wie es Raul Krauthausen tat.

Vielleicht ist es aber doch genau diese meine Sicht, die Professor Kaufmann zu Beginn der Veranstaltung meinte, als er sagte: “das Leben mit einer Behinderung bietet andere Perspektiven”.
Meine Gewalterfahrungen haben mich in einer Art zur Anpassung gezwungen, wie sie nicht vielen Menschen passiert. Die Art, wie ich die Welt und ihre Akteure wahrnehme, in mir verarbeite und mit ihnen interagiere folgt keinem Muster, das einen Bonus zur Folge hat.
Ich lebe, dass ich lebe.
Ich tue, dass ich tue.

und, dass das so ist und, dass es okay ist, dass es so ist; dass ich nicht jeden K.r.ampf ums Mehr und Besser mitmachen muss, um mir wünschen zu dürfen mit anderen Menschen warm, offen, freundlich, respektvoll, nährend und einander haltend in Kontakt zu sein,

das habe ich so bewusst, wie auf der Fahrt nach Hause durch das Dezemberdunkel noch nie gehabt.//

Vielen Dank an die Aktion Mensch, die mir mit ihrer Blogparade zu einem Kongressticket verhalf, der Mädchenmannschaft e.V. , der Redaktion von „Weird„, meinen sichtbaren, wie unsichtbaren Patroni und Gemögten, die mir alle zusammen diesen Artikel ermöglicht haben. Ohne euch hätte es nicht geklappt- vielen vielen Dank!

und in 10 Jahren? #Inklusion2025

Die „Aktion Mensch“ hat eine Blogparade ausgerufen, in der es heißt: “Mit unserer Blogparade #INKLUSION2025 suchen wir … Ihre Ideen dazu, wie unsere Welt in zehn Jahren aussehen wird und was nötig ist, damit daraus eine inklusivere Gesellschaft wird.”.

„Was sollte sich ändern?“, fragst du “Aktion Mensch”
Ich denke: Vielleicht muss man aufhören eine Rederunde nach der anderen zur der Frage “Was muss sich verändern?” zu machen. Vielleicht muss man aufhören so zu tun, als müssten wir jedes Jahr neu darüber nachdenken und verhandeln “Ist das Mensch oder kann das weg?”, sondern loslegen, alle bisher aufgebrachten Vorschläge und Ideen, auf ihre Umsetzbarkeit zu prüfen. In Testläufen, kleinen und größeren Projekten, mit Freiwilligen, mit Lernenden, mit Wachsenden, die unser 2025 mitbestimmen werden.
Was war denn mit dem Zukunftsdialog 2012 – was passiert in jeder Vereinigung, jedem Verband, jeder Mitarbeiter_Innenversammlung, jeder Interessenvertretung, jeder sozialen Einrichtung, die sich um Menschen kümmert bzw. diese im Fokus hat, die mit Behinderungen jeder Art leben?
Jedes Jahr gibt es neue Ideen, jede Woche wird überall geäußert, was sich ändern müsste, damit Inklusion gelingt.

Die Umsetzung scheitert an der Inklusion des Themas “Inklusion” als etwas, das die Gesellschaft angeht. Das auch und immer mehr die Unternehmer_Innen angeht. Das auch Europa angeht.
Inklusion meint nicht nur, dass Lisa ohne Gehör überall ihr Abi machen kann, oder, dass Turgut ohne Beine uns bei den Paralympics vertreten kann.
Es geht nicht nur um die Höhen, die Möglichkeiten, die erreicht werden könnten, würde wäre wenn
Es geht auch darum, inklusives Denken zu ermöglichen und als selbstverständlich zu etablieren.

Dazu gehört sich Zeit für Barrieren und ihren Abbau nehmen zu können.
Dazu gehört Barrieren in erster Linie in sich zu finden – nicht nur in der Treppe, wo eine Rampe sein könnte.

Dazu gehört die Erfassung der Lebens – und Seinsform “Mensch” in all seinen Facetten, ohne Interessen, die von Diskriminierungsdynamiken geleitet werden.

 

Ich schaue nicht nur verheißungsvoll in Richtung 2025.
Meine Zukunft. Meine Zukunft in 10 Jahren.
Oh Baby, wenn wir alt sind…

2025, da werden viele soziale Systeme zusammengebrochen sein. Und von Privatunternehmen als “im Wandel” bezeichnet. Während die Einnahmen natürlich steigen.
Kapitalismus – oh Baby, der wird auch dann noch da sein und Menschenrechte mit Knebelverträgen und Abhängigkeiten untergraben.
Keine Illusionen Baby, das wird uns auch dann noch beschäftigen. Vielleicht auch auf die Straßen gehen lassen.

Wenn ich 38 bin, bin ich für den ersten, zweiten, dritten… Arbeitsmarkt vermutlich tot. Nicht mehr nur wertlos wie jetzt, sondern tot.
Ich werde nebenher laufen in einem anderen Gewand. Im besten Fall: als Selbstständige. Natürlich unterbezahlt, natürlich immer in Sorge: Wann kommt die nächste dürre Zeit? Immer auf der Suche, wie ein Tier auf der Jagd, nach dem nächsten großen Auftrag.

Vielleicht,
ich hoffe und wünsche mir das
begleiten mich Menschen und wirken therapeutisch auf mich ein. Die einen als Profis, die anderen einfach so.
Vielleicht kann ich wirklich heilen. Was auch immer “Heilung” bedeutet.
Vielleicht habe ich bis 2025 ein Level erreicht, auf dem mich so eine Arbeitsjagd nicht mehr an den Rand bringt oder davon herunter schubst.
Ich hoffe, den Krankenkassen wird bis 2025 verboten, Hilfeleistungen nach Wirtschaftlichkeit zu bemessen. Denn das ist ein Verstoß gegen Menschenrechte.

In 10 Jahren habe ich mir vielleicht meinen eigenen Arbeitsplatz geschaffen.
Das Nachwachshaus™  für Menschen, die komplexe Traumatisierungen erfuhren, könnte in 10 Jahren vielleicht schon stehen. Vielleicht sitze ich in 10 Jahren in einem Wintergarten neben jemandem, der eine Zigarette nach der anderen raucht, so wie ich gut 20 Jahre vor ihm allein in einem Wintergarten saß und eine Zigarette nach der anderen rauchte, weil das alles war, was ich noch sicher konnte. Ohne Angst.

Wir, unsere Gemögten und unsere Unterstützer_Innen haben einen Verein gegründet, unsere Fehler zum Lernen gemacht, uns gestritten und versöhnt, geweint, geächzt und gejodelt bei jeder weiteren geschaffen Etappe und könnten 2025 irgendwo sitzen und uns wundern, dass es geklappt hat. Ich könnte dort sitzen und Pastme sagen: “Gucke mal”.
Oh Baby, das wär sowas von krass.

Vielleicht lebe ich als 38 jährige ein Leben, in dem ich wählen kann, ob ich die Kleidung, die Möbel, die ungewollten Produkte anderer Menschen nutze oder mir selbst welche kaufe. Vielleicht lebe ich in einer Gesellschaft, in der nicht mehr zur Debatte steht, ob ich einen Fahrdienst nutzen darf, obwohl ich doch zwei Monate vorher gut ohne klar kam und quer durchs Land reisen konnte.
Oh Baby, wie cool wäre es, wenn in 2025, die konkret betroffenen Menschen definieren und bestimmen, was wann wie nötig ist, ohne sich an der Norm, die niemand eigenständig definierte, orientieren zu müssen.

In 10 Jahren, da werde ich Mode sehen, die fragt, ob man einen Rollstuhl nutzt, viel liegt, viel sitzt. Die auch bequem und passend tragbar ist, wenn man nur ein Bein hat. Oder gar keine. Oder…
Vielleicht wird es eine Modenschau geben oder gar ganz viele, die ganz anders aussehen, als die die heute … in Mode … sind.
Vielleicht meine ich 2025 mit dem Begriff “normschön” etwas völlig anderes, als jetzt.
Oh Baby, ich glaube bald sind Designer_Innen und Modemacher_Innen mutig genug dafür.

Vielleicht bin ich in 10 Jahren Mutter? Oh ich würde dann gern Mutter sein.
Oh Baby, bevor ich zu alt bin um ohne “RISIKOSCHWANGERSCHAFT Faktor eine Zillion” – Stempel im Mutterpass, schwanger, gebärend, wochengebettet sein zu können.

Aber vielleicht gibt’s in 10 Jahren eh keine Hebammen mehr und ich kann das mit der guten Begleitung und weniger Sorgen zu Vereinbarkeit von seelischer Behinderung und Schwangerschaft, Muttersein und allem schon in der Planung vergessen.
Und ach, wahrscheinlich sind Lesben, Schwule, Queers und alle Nichtheteros und “Behinderten” allgemein, dann eh auch noch immer gar keine richtig echt liebenden Menschen vor Gesetz und sogenannter „Mitte der Gesellschaft“ und mögliche Eltern, so, dass echte Ehe, Sperma- und/oder Eizellenspenden oder ähnliche Luxuswege zum eigenen Kind, einfach und legal ohne Nachteile für die Beteiligten funktionieren.

10 Jahre reichen nicht für Gesetzesänderungen und schon gar nicht für so grundlegende Wandlungen in den Köpfen der Gesellschaftsvertragspartner_Innen ™ , wir sehen’s ja jetzt.
ARD Themenwoche.
Oh Baby, wir müssen alt werden, um den Jungen die Rückendeckung zu geben, die wir* heute nicht erhalten.

Vielleicht ist es 2025 nicht mehr außergewöhnlich sich für Inklusion und Solidarität stark zu machen und der Brauch des stellvertretend für alle ™ Sprechens, ist endlich verbrannt.
Vielleicht sind wir 2025 damit beschäftigt uns zusammenzufinden und unsere bisher gesammelten Ideen und Pläne umzusetzen, zu überarbeiten, miteinander abzustimmen.

Oh Baby, vielleicht muss 2025 niemand mehr fragen: “Was muss passieren, damit unsere Gesellschaft inklusiver wird?”
Sondern nur noch fragen, wie inklusives Denken, Teil unserer üblichen Alltagskultur sein und bleiben kann.