Schlagwort: Einsamkeit

Zweifel

Es begann mit dem Zeitungsartikel, in dem vom Insektensterben berichtet wurde.
Heute gibt es 75% weniger Insekten im Vergleich zu einem Zeitraum, der noch gar nicht so lange her ist.

Es ging weiter mit Artikeln zum Klimawandel. Nicht als “könnte eventuell vielleicht”-Blablabla, wie ich es als Jugendliche in den 2000ern noch lesen durfte, sondern als “HALLO WERDET AKTIV”- Ausrufezeichen mitten in meine Gefühle der Ohnmacht.
Dazu kam ein Atomstörfall in Russland, eine Regierung, die es gar nicht gibt, weil – ja warum eigentlich? Haben die Leute da vergessen, dass sie mit einem Job beauftragt wurden, oder was? – Puerto Rico hat noch immer keinen Strom überall, Flint kein sauberes Wasser, ständig brennt eine Unterkunft für Geflüchtete und immer noch gibt es Menschen, die anderen Menschen grundlegende Rechte nicht zugestehen wollen.

Ich saß unserer Therapeutin gegenüber und versuchte mich auszudrücken, obwohl ich gleichzeitig von der inneren Gewissheit eingenommen war, dass es sinnlos sein würde, darüber zu sprechen.
Mein Angefasstsein von solchen Dingen gehört einfach in mein kleines Kämmerlein, weil drüber heulen nur genau dort Sinn hat. Außerhalb dessen muss man den Arsch hoch kriegen, weiter machen, immer wieder ansprechen, bewusst machen, wo Verschwendung passiert und wie es anders besser funktionieren könnte sollte müsste.
Müllvermeidung, aufhören Tiere zu essen, Bus- und Bahn statt Auto fahren, solidarisch sein und bleiben, Gefallenen beim Aufstehen helfen – immer weiter immer weiter machen. Nicht aufhören, nicht ergeben, nicht fallen lassen, denn irgendwann bleibt man liegen und wofür hat mans dann überhaupt je gemacht?

Seit dem Klinikding, denke ich dauernd, ich müsse meine Motivationen und Gedanken rechtfertigen. Muss unterstreichen, dass ich wirklich und in echt nicht meinetwegen darüber verzweifle, nicht mehr tun zu können, als meinen Müll zu vermeiden, nachhaltig gewirtschaftet zu konsumieren und andere Leute damit zu nerven, dass sie die x-te Petition gegen Regenwaldzerstörung, Ölbohrungen im Meer, Monsanto und Glyphosat unterstützen sollen.
Jedes Mal drehe ich mich aus dem Gefühl nicht ernst genommen zu werden, weil man sich meine Worte zurechtdreht und in ihrer Wichtigkeit abtut. Jedes Mal unterdrücke ich den Wunsch Leute zu schütteln oder anzuheulen, wenn sie mir sagen, dass das doch eh alles gar nicht reicht oder genug ist. Noch mehr, wenn sie mir in ankumpelnden Ton sagen, sie halten Weltverbesserer für selbstsüchtige Gutmenschen und würden deshalb extra einfach gar nichts verändern.

Jedes Mal, wenn wieder sowas war und ich am Ende doch wieder in meinem Kämmerlein darüber heule, denke ich, dass das eigentlich alles ist, was das mit mir zu tun hat: dass es mich fertig macht und so viele andere nicht.
Vielleicht, eventuell, denn was weiß ich über die Kämmerlein anderer Leute.

Während der Therapiestunde kam noch eine weitere Komponente für mich über uns dazu.
Nämlich die des Dramas von Menschen, die an Dinge glauben und deshalb Dinge tun. Auch in anderen Kontexten.

Es ist ein Thema von uns, Dinge dafür zu tun oder wollen oder zu machen, weil wir davon überzeugt sind, dass sie das Richtige und Wichtige sind, um die Welt zu einem guten Ort für alles und alle zu machen. Dafür mache ich heute viel und dafür haben andere Innens früher viele Dinge getan. Und: an sich tun lassen.
Und zwar nicht, um selbst etwas davon zu haben oder deshalb für sich einzufordern, sondern, weil man ihnen sagte, dass es um den Fortbestand der Welt als eine bessere geht.

Natürlich kann man sich der Erzählung vom Sozialmärchen des Altruismus und der Selbstlosigkeit hingeben. Kann zynisch auf Gruppen wie die, in der wir über_gelebt haben schauen und sehen: “Ja ha genauso läuft das nämlich – mächtige Leute bringen dumme kleine Würstchen dazu zu denken, sie würden etwas für ein höheres Wohl tun, aber in Wahrheit…”
Man kann sich aber natürlich aber auch fragen, warum man selbst kein solches “höheres Wohl” im Kopf hat. Warum man so bereitwillig aufgibt, daran zu glauben, dass es mehr geben kann, als Unterdrückung, Zerstörung und Überlebenskampf. Oder warum man auf Menschen herabschaut, die das nicht tun.

Man kann sich fragen, warum manche Menschen so viel bereitwilliger Verantwortung für den Bockmist anderer einstehen und sich bemühen, Dinge besser zu machen und manche nicht. Warum manche Menschen im Grunde die ganze Zeit damit beschäftigt sind, sich nicht einzumischen, über Macher_innen zu lästern und selbst nichts anderes als Eskapismus zu zelebrieren und warum das für manch andere die schlimmste Form der Kapitulation vor den herrschenden Verhältnissen ist. (Selbst dann, wenn man erkannt hat, dass Eskapismus als solcher auch eine Protestform sein kann!)

Nach der Sitzung schrieb ich bei Twitter, dass ich festgestellt hatte, dass für mich die Apokalypse schon da ist.
Und zwar nicht, weil ich denke, dass jetzt schon alles kaputt ist, sondern weil ich bemerkt hatte, dass ich dieser unserer Gesellschaft nicht (mehr) zutraue, dass sie den Arsch hochkriegt, weil sie begreift, was hier gerade jetzt in dieser unserer gemeinsamen Lebenszeit passiert.
Zu einfach ist es, die Tage mit Dingen zu verbringen, die unser Klima negativ beeinflussen und Ausbeutung fördern, ohne es überhaupt zu bemerken. Zu leicht ist es, sich selbst nicht als Teil dessen zu empfinden, was alles krepiert, wenn Flora und Fauna, Klima und Planet abkratzen.

Und warum fasst mich das so an?

Weil ich dafür nicht überlebt haben will.
Weil ich die Enttäuschung darüber, dass es kein echtes “besser als früher” gibt, nicht einfach so akzeptieren will.

Es war für mich, für uns, damals schon schlimm genug zu merken, dass nach dem Ausstieg nichts aber auch wirklich gar nichts kam, das irgendwie “gut” war. Dass wir uns jedes und es sei es ein noch so kleines “besser” oder “okay” alleine erkämpfen und erbetteln mussten und selbst bei Erfolg nicht einmal davon ausgehen konnten, dass das für immer bleiben würde.
Es ist mir schlimm genug, bis heute diesen de facto unausgleichlichen Mangel im Leben zu haben und zu wissen, dass das niemand nachvollziehen kann, die_r das nicht genauso auch üb_erlebt (hat).

Wir haben in unserer Therapie noch nie viel darüber geredet. Über dieses Gefühl von Beschiss von beiden Seiten. Den “Guten” wie den “Bösen”.
Geschweige denn über das Gefühl, das auch nirgends wirklich genauso ausdrücken zu können, ohne diesen Touch von “Die glaubt wohl sie hätte was besseres verdient” oder “Undankbares Miststück, die Rosenblatt” oder “Das Leben ist kein Ponyhof – deal with it” als Reaktion miterwarten zu müssen.

Denn: ja klar haben wir was Besseres erwartet. Warum sonst hat man uns denn jahrelang damit unter Druck gesetzt auszusteigen und angebotene Hilfen anzunehmen, wenn nicht dafür, dass es uns besser er_gehen soll? (Vielleicht eventuell etwa doch, weil man uns etwas glauben lassen wollte, damit wir etwas tun, was wir aus uns selbst heraus gar nicht getan hätten, wenn wir es nicht geglaubt hätten…?)

Sicher erscheinen wir undankbar, wenn wir sagen, dass es uns nicht reicht so zu leben, wie wir gerade gezwungen sind zu leben. Gerade dann, wenn man sich schwer tut uns zu glauben, dass unser Leben ein unfreies und trotz vieler Fortschritte nachwievor scheiße nochmal schmerz_volles ist. Obwohl wir nicht mehr ausgebeutet und konkret verletzt werden. Und, obwohl es Millionen von Menschen noch ganz viel schlechter geht.

Es ist die Parallele, die es so unaushaltbar macht.
Für mich, weil ich zwar nicht genau weiß, was wir konkret nicht mehr erleben, aber sehr wohl weiß, was es bedeutet, keine Familie, keine gänzlich bewusste Geschichte und keine strukturelle Einbettung zu haben.
Und für uns als Person, die sich in einen Kontext einzubinden versucht, der von Trennung dominiert ist.

In jedem Fall geben wir viel uns weg, strengen uns an, verzichten, nehmen uns Verantwortungen an, auf die andere ganz gezielt scheißen – und bleiben mit nichts weiter da stehen, als dem Wissen, dass wir damit zwar nicht allein, aber auch nicht in einer Masse gemeinsam sind, die genau das verändern kann.
Manche Aktivist_innen beschreiben genau das Gefühl mit dem Begriff “activist burn out”. Das “sich aufrauchen” an einer Herausforderung, die überfordern muss, weil sie weit über das Individuum hinausgeht.

Vielleicht will ich am Ende einfach nur nicht akzeptieren, dass das Leben in dieser Zeit, dieser Gesellschaft, diesem Lauf der Dinge nun einmal so ist und wir einfach reingefallen sind. Vielleicht will ich es am Ende doch aus ganz eigennützigen Gründen nicht akzeptieren, für so eine Scheiße so gelitten und verzichtet zu haben, aber bedeutet das denn zeitgleich, dass meine Bemühungen nie um etwas anderes als mich selbst gekreist sind?

Immer wieder muss ich an den Grabstein denken, von dem H. uns mal erzählt hatte. “Ihr Leben war Last und Müh’ “ hatte da drauf gestanden.
Sowas nicht zu wollen – nicht akzeptieren zu wollen, dass es eventuell sein kann, dass dieses ganze Gekämpfe niemals aufhört, ganz egal was man warum und für wen und für welches Ziel auch immer – Himmel ja das ist egoistisch hoch zehn. Aber ist das nicht auch eine Hoffnung, die man braucht, um neugierig auf das zu sein, was man stattdessen tun könnte?

Als wir uns damals gegen die Familie* und alles entschieden haben, dachten wir, wir könnten ja vielleicht irgendetwas anderes lernen. Irgendwas machen, was für andere hilfreich ist. Irgendwas erschaffen, was das, was danach kommt, zu einem guten Zeit_Raum macht. Sowohl für uns, als auch für andere. Weil wir ja nicht mehr allein sein würden. Weil wir ja nicht mehr so seltsam fern und fremd von dem sein würden, was uns umgibt.
Ich hatte mir das so gut ausgemalt.

Vielleicht zu gut?
Vielleicht hätte ich das nie machen sollen? Würde es dann heute weniger weh tun?

was wir niemals wollten

Unsere Schullektüre ist “Die Bücherdiebin” und einmal mehr ist der Faschismus, der Nationalsozialismus, Hitler, der Krieg, Thema für mich.

Als ich noch zur Regelschule ging, war das Thema nicht viel mehr als Anne Frank, Massenmord und Hitler.
Nazi sein war scheiße. Nicht wegen Krieg und Hitler und den Juden, sondern weil es in meiner Umgebung üblich war, Nazis abzulehnen und Faschismus als Menschenverachtung einzuordnen. Heute frage ich mich, wie die Lage für mich wäre, würde ich noch dort leben, wo ich damals gelebt habe.
Mecklenburg Vorpommern ist wohl mehr als versprengte völkisch-nationalistische Aussteigerkommunen, aber doch viel weniger bunt und anders links bis antifaschistisch, als die Stadt in NRW, wo wir ein anderes Zuhause gefunden haben.

Hier geht man zu einer Gegendemo. Man ist nicht die Gegendemo. Jedenfalls empfinde ich das so.
Niemand will Nazi genannt werden, aber sich wie einer auszudrücken oder zuweilen problematisch zu handeln, das wird man ja wohl… – also ohne jemandem zu nahe treten zu wollen… Ach was, man kennt es doch, dieses unterschwellige, meist nicht einmal bewusste Saatgut des Hasses, das sich bis heute in Menschen hält und weiter verbreitet wird. Kleiner vielleicht. Maskiert. Verwässert. Aber da.
Niemand hier ist Nazi. Man macht nur einfach irgendwie mit.
So nehme ich das jedenfalls manchmal wahr.

Heute kommt niemand mehr umhin, Bilder der Toten und Gequälten zu sehen, wenn man sich Reportagen oder Dokumentationen über den Krieg anschaut. Für mich geht das nicht. Ich kann das nicht sehen, nicht hören, ohne selbst an die eigene Gewalt erinnert zu werden. Obwohl es bei mir nie um diese Art Faschismus ging oder dieses Thema aufgegriffen wurde.
Es ist das Leiden, die Todesangst, der Schmerz, die Ungerechtigkeit an sich, die mir diese Art der Zeugnisannahme zu den Opfern und Geopferten unmöglich macht, möchte ich mich selbst vor Schaden schützen.

Es ist mir wichtig, meine Geschichte nicht mit der anderer Menschen zu vermischen. Wenn mich die Erfahrungen anderer erreichen, dann muss ich hart sein. Da braucht es eine Panzerglasschicht um mich herum, die mir ermöglicht, die andere Person zu sehen und zu hören – auch selbst gesehen und gehört zu sein – aber doch weder emotional noch anders innerlich konsistent berührbar, vermischbar, verfälschbar zu sein.
Und doch wünsche ich mir manchmal das Gefühl mit jemanden in dieser Erfahrung verbunden zu sein. Bezeugt zu werden, in dem was mir passiert ist.

Obwohl ich mich frage, warum bei solchen Filmen die Würde der Gestorbenen, Getöteten, Ermordeten der Konzentrationslager nicht gewahrt wird, verstehe ich gerade sehr gut, dass es sich auch dabei um den Preis handeln kann, den Zeug_innenschaft und darüber Verbundenheit für manche Menschen kostet.
Die Fundamentreste von Buchenwald, sind eben nicht das Buchenwald gewesen, was es für diese Menschen war. Und kaum eines ihrer Worte wird dem Grauen je genug Form geben können, dass je ein anderer Mensch einen annähernd konsistenten Begriff davon bekommt. Aber ein Bild, gemacht von einem Gegenstand, von einem Retter, einer anders beteiligten Instanz, kann noch etwas dazugeben. Kann helfen. Obwohl der Preis so hoch ist. Obwohl es die Toten erneut opfert.


 

Ich habe diesen Text vor einigen Wochen begonnen und dann verworfen.
Wir haben einen Entschluss gefasst und konzentrieren gerade viel Zeit und Energie darauf, dem zu folgen. Wir wollen hier weg und wissen, dass wir uns in den nächsten zwei Jahren auf allen Ebenen dafür aufreiben müssen. Geld verdienen, sparen, eine Fremd- und zwei Programmiersprachen, Schulzeug und Berufshandwerk lernen, arbeiten, Zettelage klären.
Das lenkt gut ab. Produziert einen Tunnelblick mit hellem Licht am Ende.

Dann kamen die Wahlergebnisse aus Österreich. Wieder Gedanken an Faschismus, Krieg, staatlich legitimierte Diskriminierung.
Gerade als ich eine angenehme Lernroutine hatte und nicht mehr überwiegend mit diesem dumpfdrückenden Angstmotor im Nacken zu Motivation fand.

Eine Verwandte von uns hätte in den Dreißigern nach Kanada gehen können. Sie tat es nicht und wir werden vielleicht nie erfahren warum.
Wir denken, dass wir es tun werden, solange wir noch können. Solange man mit einem Personalausweis nach Island oder sonstwohin ins europäische Ausland kann, werden wir das tun und uns einen Ort suchen, wo es nicht besser, doch deshalb schwer ist, weil es fremd und fern und Neuanfang ist.
Weil wir nicht dieses Vertrauen in unsere Umgebung haben.
Und auch, weil wir wissen, was für Wesen noch in Menschen schlummern, wenn es um Leben und Tod, Angst und Schmerz geht.

Wir denken uns die Zeit, in der wir leben, als eine, deren natürlicher Verlauf keiner sein wird, der uns gut tut oder wenigstens: nicht schadet.
Die Verschiebung nach Rechts zusammen mit konservativen Einstellungen und Werten, verstärkt bestehende Probleme. Uns geht es besser als anderswo – doch es geht uns auch nicht gut. Es ist nicht so, dass wir ohne Schaden leben.
Für uns gibt es keinen Grund an “Es wird schon nicht so krass, wie damals als…” zu glauben. Es ist bereits krass und zu wenige, die es hören, sehen, vielleicht emotional empfangen, wollen es glauben.

Ich habe heute kein Buch über den Krieg gelesen, sondern eines über die Zwanziger und Dreißiger Jahre. Das Europa nach dem ersten Weltkrieg und den Alltag in Deutschland, der gar nicht, wie ich das immer dachte, so golden und frei war. Sondern ähnlich aufgeteilt wie heute. Hier die freien Eliten in goldenen Käfigen und da die Armen, die es bleiben, egal was sie tun.

Es war so leicht diese Gesellschaft zu entzweien und zu trennen. Zu selektieren und zu nazifizieren.
Es war so leicht, einander nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu hören und keinerlei Verbindung zueinander einzugehen.

Mit unseren Gewalterfahrungen, geht es uns bereits jetzt sehr ähnlich.
Niemand sieht es uns an. Und hören lassen wir es nur die Therapeutin.
Wir sind unsere eigene kleine Schweigeblase, die durch das Leben geht und darunter leidet, sich nirgendwo ganz und gar öffnen zu können. Zu verschmelzen, in Verbindung zu sein, ohne gleichzeitig an all die hundert Grenzfronten zu denken.

Aber das ist unsere Entscheidung. Nicht ganz und immer, aber doch: unsere.
Für uns geht es beim Weggehen nicht um das Retten des eigenen Lebens. Es geht um den Erhalt der Wahlmöglichkeiten und die Erschaffung einer Art von Freiheit, die hier nicht möglich ist. Denn Schutz für Gewalterfahrene ist hier nicht für alle da.
Nicht für alle, die hier geboren wurden. Nicht für alle, die sich hierhin gerettet haben. Nicht für alle, die hier leben und arbeiten. Nicht für alle, die ihn letztlich herstellen.

In meinen Social Media –Kanälen geht es im Moment viel um Nazis. Man schaut auf die AfD und wartet darauf, dass sie sich zerlegt.
Das hat man zu Zeiten der NSDAP auch getan.

Kann sein, dass sich in den nächsten Jahren noch ganz viel ändert und alles toll und bunt und supi wird. Ja, kann sein – und wenn es so wird, dann ist das super. Aber auch das ist etwas, das man sich anschauen muss.

Wird es super, weil hier niemand verhungert und nur noch Geflüchtete in Lagern Zentren konzentriert untergebracht werden? Wird es super, weil die deutsche Wirtschaft davon profitiert, nicht so zur Verantwortung gezogen zu werden, wie es angemessen wäre? Oder wirds einfach gut, weil wir uns das, was ist, normalisieren und denken, es könnte ja schlimmer sein?
Die AfD allein ist nicht das Problem.
Wir sind es – das Ding, in dem wir alle hier stecken, ist es. Und wie man sich das schön gestaltet – wie man auf die Idee kommen kann, sich das noch zu irgendetwas retten zu können, das irgendwie “gut und schön” genannt werden kann, ohne jemanden auszuschließen – ich komme nicht dahin. So weit weg erscheint mir das. So absurd.

So, als wäre ich kleine abgeschlossene Einheit, die durch die Gegend geht. Abgetrennt. Fremd.körperlich.

Die Bücherdiebin stiehlt Bücher in einer Zeit, in der die meisten an Essen und Überleben denken.
Wir konzentrieren uns auf uns und sammeln Kraft für etwas, das wir noch gar nicht so kommunizieren können, wie es uns ist. Umgeben von einem Lauf der Dinge, der sich noch auf Regierungsbildung, Normalisierung von Terror und hilflos wütend abwertendes Kopfschütteln über Trump konzentriert.

Es macht uns Angst. Diese Unverbundenheit damit.
Es ist die Insel, die wir niemals wollten: wir und unsere Geschichte, eine Zeugin und die Arbeit an einem Weggehen.

Leben triggert

Am Ende einer langen Reihe aneinander klickender Steinchen, berührt eines von ihnen mein Bewusstsein.
Unvermittelt. Einfach so. Wie A auf B folgt, Einatmen auf Ausatmen.
Dann bin ich da und es ist, als wäre das nie anders gewesen.
Und doch braucht es nur einen Gedanken, eine Frage, einen Moment, in dem ich hinter mich schaue, und weiß, dass ich vorübergehend bin.

Selbst ein Dominosteinchen. Auf dem Weg ein nächstes anzustoßen, wie ein Tick ein Tack anstößt.

Leben triggert. Sich selbst. Permanent.
Leben ist Dominosteinchenketten, die stehen und kippen und klicken und standen und kippten und klickten.

Als ich in meinem Bett liege und weiß, dass ich bin, starre ich an die Decke über mir und stelle mir das Rasen unter meiner Haut wie einen Schauer kleiner Dominoketten vor. Domino Night nach Domino Day, denke ich und lasse die Bildersequenzen durch meine Wahrnehmung klicken, wie eine unnötige Zeitlupenaufnahme von etwas, das niemanden mehr interessiert.

NakNak* rollt sich in das C, das mein Körper gerade ist und atmet tief durch. Ich tue es ihr nach.
Wie A auf B folgt.
Es ist vorbei. Ich bin gekippt. Es hat geklickt. Ich bin da und weiß: Es ist wahr.

Einsamer und irdener kann es nicht werden, denke ich. Dieser Moment, in dem es eine Wahrheit ist, die nicht das Ergebnis eines Ausschlussverfahrens ist.
Valide genug zum Weitermachen, doch zu fremd, um als Teil von sich erlebt zu werden.

Neben mir versickert ein gequetschter Schrei. Eine Abwehrbewegung verwest in meinen Muskeln.
Um mich herum sirrt die Nacht, die einem Tag folgte.
Der ein Tag folgen wird.
Leben triggert.

Spiegelneuronen und eine lange Warteschleife

Seit dem Podstock lächle ich mehr oder weniger durchgehend Kringel in die Luft und fühl mich irgendwie düselig.
Wenn ich so durch die Straßen gehe, werde ich oft angelächelt.
Denn Spiegelneuronen sind etwas Geniales. Und verliebt sein. Verliebt sein auch.

Als Spiegelneurone werden Hirnzellen bezeichnet, die bereits dann Signale aussenden, wenn man (in diesem Fall ein Mensch oder ein Primat) eine Handlung nur beobachtet.
Obwohl bereits 1992 bei Primaten entdeckt, kann man bis heute noch nicht erheblich mehr als darüber mutmaßen, welchen Einfluss diese Zellen darauf haben, wie menschliches Mitgefühl und die sogenannte “Gefühlsansteckung” gestrickt sind.
Forschungen haben jedoch gezeigt, dass sie in jedem Fall daran beteiligt sind, wenn man einander unwillkürlich nachahmt und manchmal auch “nachfühlt”.

Ich lächle so vor mich hin – eine andere Person, lächelt zurück.
Ein Baby wird gefüttert – die fütternde Person öffnet den Mund – das Baby öffnet den Mund.
In einem Film weint eine Person über etwas – das zuschauende Publikum weint eventuell auch mit.

Einfach so.
Ohne bewusste Intension.

Menschen sind soziale Wesen und mit Nervenzellen ausgestattet zu sein, die spiegelnde Handlungen einleiten und „mit Gefühlen anstecken lassen“, ist in sozialen Gruppen eine super Sache.
Der Fanblock im Fußballstadion wäre ein langweiliger Leutehaufen mit peinlichen Schals, würde sich die Gruppe nicht gegenseitig in Freude und Aufregung bringen können.  Andererseits wäre so ein Fanblock auch eine weniger gefährliche Sache, würde sich selbige Gruppe nicht auch in Ärger und Zerstörungsrausch bringen können. Denn auch so spiegelt es sich.

Gewalt, die in Gruppen passiert bzw. Gewalt die von Gruppen ausgeübt wird, werden von Spiegelneuronen also anzunehmendermaßen mitbestimmt.
Parallel dazu werden auch die Traumafolgen, mit denen die Menschen aus ebenjenen Gewalten hervorgehen, davon mit beeinflusst.

Hier berühren wir den Punkt, der die Gewalt an Menschen durch andere Menschen so besonders macht.
Denn: Wenn eine Person eine andere Person hasserfüllt anstarrt und ihr Schmerzen zufügt – wie schaut sie die Person an?
Hasserfüllt wahrscheinlich eher nicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit blickt die_r Täter_in in diesem Moment in ein vor Todesangst verzerrtes Gesicht. Oder in ein weinendes Gesicht. Oder in ein Gesicht, das gar keinen Ausdruck zeigt. Oder in ein vom Kampf um Abwehr bewegtes Gesicht.

Spiegelneurone allein können an dieser Stelle nicht weiterhelfen zu verstehen, wie das überhaupt passieren kann.
Wäre dem so, würde ein Hassgesicht einem anderen Hassgesicht gegenüber sein. Oder ein Angstgesicht einem Angstgesicht. In jedem Fall wäre ein Gleichgewicht hergestellt und die zerstörerische Handlung eventuell unterbrochen oder wenigstens gestört. Ein Mensch, der einem anderen Menschen weh tut, müsste (in den eigenen Leib hineingespiegelt) spüren, dass er etwas Schlimmes tut und damit aufhören.

Warum das so oft nicht passiert, beschäftigt nicht nur die Menschen, die diese Erfahrung (egal auf welcher Seite!) gemacht haben, sondern auch Forscher_innen. Es gibt Theorien, die sagen, dass manche Menschen aufgrund bestimmter neurologischer Strickmuster nicht in der Lage sind, auf den Anblick anderer Menschen spiegelnd zu reagieren und es gibt Theorien, dass das Moment der Gewalt selbst, der Spiegelung den Raum nimmt.
Und es gibt Theorien, die Spiegelphänomene ganz und gar außer Acht lassen.

Spiegelneurone und ihre Aktionen können aber erklären, wo der Hass herkommt, der plötzlich in der Person auftaucht, die mit ihm konfrontiert wurde. Tage, Stunden, Monate, Jahre – Jahrzehnte später.
Übersetzt zu uns: wo Innens herkommen, die Hass – auch nach außen – tragen. Scheinbar einfach so.

Wir haben bis heute mal mehr mal weniger mit Innens zu tun, die nichts anderes tragen, als zu hassen, zu zerstören, Schmerz zuzufügen.
Was ich von so einem Innen merke, ist manchmal nichts weiter, als so ein weißer Affekt, der sich die Bahn zu brechen versucht, obwohl er weder Ziel noch mehr Logik hat, als “gegen” oder “NEIN” – selbst dann, wenn kein “echter Anlass” da ist, sich für oder gegen etwas entscheiden zu müssen.

Als wir noch jünger waren, gingen wir durch eine Zeit, in der das gnadenlose “NEIN” schon rausbrach, wenn uns jemand nur angefasst oder auf andere Art invasiv mit uns umgegangen ist. Dazu gehört bis heute uns zu beobachten, länger anzuschauen, zu kommentieren, was wir tun, uns keinen eigenen Raum zu geben bzw. zu lassen.
Heute, wo wir mehr davon erinnern, wie unser ganz üblicher Kinderalltag ausgesehen hat, ist das NEIN kein losgelöster Affekt mehr, der einfach so als Reaktion auf einen Trigger (wie soziale Invasion) auftauchen kann.
Es ist ein reingespiegelter Teil dessen, was uns angetan wurde.

Ich hab gesagt: Nein – Batsch –Schmerz – Schwarz – Weiß – Stunden später: Es ist nie irgendwas passiert

Wie schon beschrieben, bezeichnet der Begriff der Dissoziation das Getrennte, das Unverbundene. Situationen wie diese, waren für uns zum Einen so krass, dass sie nicht zu einer runden, gesamten Erfahrungen verarbeitet wurden, zum Anderen, waren sie aber auch so üblich, dass wir nur sehr selten in den Entspannungsmodus kamen, der die Verarbeitung ermöglicht.
Das heißt: der ganze Kleinscheiß – der Anblick der Person – das Batschgeräusch zwischen Täter_innenhand und eigener Haut, zwischen Kopf und Wand – die Gedanken, Gefühle, Analysen und Berechnungen, die angestellt wurden, um zu verstehen, was da gerade mit uns passiert und warum und wie man sich daraus retten könnte – dieser Schmerz, der wie ein Baumstamm einmal das ganze Ich und Sein durchschießt – und der ganze klebrig unfassbare Dusel, mit dem man direkt danach durch komplett entgegensetzte Situationen ging, diese ganzen kleinen Teile der Gesamterfahrung, blieben wo sie waren.

Eben auch der Anblick der Person und das Moment der Spiegelung.

Unsere Theorie ist, dass für Spiegelphänomene in sozialen Gewaltmomenten keine Kapazität ist. Der Vorgang an sich aber relevant bei der Verarbeitung der Erfahrung. Genauso wie das Erinnern bestimmter Gedanken und Nach_Empfinden bestimmter Gefühle in der Situation, relevant für die Verarbeitung ist.

Gehirne mögen Verarbeitung.
Je mehr zusammenhängende Informationsnetze ein Gehirn zur Verfügung hat, desto weniger Energie geht dafür drauf, von A nach zu B zu greifen, aber C in die Finger zu kriegen und deshalb nur AC fabrizieren zu können, obwohl AB adäquat wäre.
Das ist, was am Ende eine PTBS und dissoziative Störungen letztlich zu “Störungen” macht. Dass das Gehirn eventuell nur sehr wenige wirklich konsistent zusammenhängende Informationscluster aus gemachten Erfahrungen und Reizwahrnehmungen hat stricken können und in der Folge zu “Fehlgriffen” neigt.
Dies kann eine Fehlinterpretation von Situationen bedeuten, kann aber auch “falsche” Emotionen oder Gedanken zu bestimmten Situationen bedeuten.

Wobei zu diskutieren sein dürfte, wie “falsch” Emotionen überhaupt sein können und, ob ich mit den Begriffen “Fehlgriff” oder auch “Fehlinterpretation” eine irreführende Sprachführung nutze.
Denn.
Dissoziation bzw. dissoziative Traumafolgestörungen sind nicht chaotisch.
Können sie gar nicht sein, denn Reizwahrnehmung ist nicht chaotisch.

Menschenkörper funktionieren über alle Sinne. Das sind entgegen der üblichen Annahme nicht nur Hören, Schmecken, Riechen, Tasten, Sehen, sondern auch der Gleichgewichtsinn, das Schmerz – und Temperaturempfinden und die sogenannte “Tiefensensibilität” (für die Lage, die Kraft, die Bewegung des eigenen Körpers).

Es wichtig über diese Sinne Bescheid zu wissen. Auch für die eigene Beschäftigung mit dem, was als Fetzen eigenen traumatischen Kleinscheißes mal eben so in den Alltag fliegen kann, scheinbar ohne Sinn zu ergeben.
Als unsere Auseinandersetzung mit der Dissoziation und ihrer Mechanik begann, lernten wir noch, (grob gesagt) dass wir so viel Angst hatten und so in unserem Urvertrauen erschüttert waren, dass in uns alles durcheinander gekommen ist.
Später dann lernten wir, dass unser Gehirn durcheinander gekommen sei, weil das Erlebte einfach alles zu viel war.

Wir lernten also, dass unser Körper vorrangig Empfänger der traumatisierenden Erfahrung war und darin nicht sehr gut, denn jetzt ist eben alles durcheinander und in kleinen unverarbeiteten Fetzen in unserem Hippodings und macht die DIS.
Hm.

Für mich verband sich das damals alles sehr zu einer Art mir “objektiv wissenschaftlich” zu sagen, dass mein Körper eben Opfer wurde und also ausgeliefert und also zu nichts weiter in der Lage, als dysfunktional zu werden, weil Trauma das eben macht.
Was nicht ganz falsch ist – aber eben auch nicht ganz richtig.

Dazu noch eine Schleife.

In einer traumatisierenden Situation werden alle sensorischen Kanäle mehr oder weniger gleichzeitig überreizt. Selbst dann, wenn gar keine äußeren Reize da sind [denn: Körper finden Reize geil, weil sie so wissen, dass sie sind. Wenn sie keine kriegen, “machen sie sich welche”. Das können zum Beispiel Halluzinationen, Juckreiz oder auch (Wahn)Ideen sein. Diesen Input über einen längeren Zeitraum “machen zu müssen”, ohne sich selbst dafür zu desensibilisieren, führt zu ganzen ähnlichen “Übersteuerungen”/”Überreizungen”, wie es in Situationen mit enormer Reizüberflutung von außen der Fall ist.]

Man kann es sich vorstellen wie damals, als Telefongespräche noch von einem Fräulein bei der Vermittlung von Hand von A nach B zugestellt werden mussten.
Gibt es 20 Anrufwünsche auf einen Anschluss, muss man 19 Anrufer_innen sagen: “Hier ist besetzt – versuchen sie es später nochmal.”. Das muss 19 mal passieren und 19 Mal auch gemacht werden. Was aber, wenn die 20 Leute alle bei der Polizei, der Feuerwehr oder dem Krankenhaus anrufen wollen, weil es genau jetzt in diesem Moment ohne wenn und aber brennt, blutet oder Rettung in Not braucht?
Praktisch wären mehrere Anschlüsse – aber sowohl damals als auch heute in menschlichen Gehirnen, gibt es leider nur den einen.

Ich bleibe bei dem Beispiel.
Nehmen wir an, die 20 Menschen, die beim Krankenhaus anrufen, sind alle am gleichen Unfall beteiligt. Alle sind so aufgeregt, dass sie sagen: “Ok – damit wir alle drankommen, teilen wir uns auf. Jede_r sagt die eine Sache, die wichtig ist für die Leute im Krankenhaus.”.
Der Witz: um zu wissen, dass die Kacke am Dampfen ist, braucht das Krankenhaus keine 20 Anrufe von allen 20 Beteiligten, sondern einen. Dem Rest wird nicht zugehört – sie werden nicht gebraucht, denn die Lebensrettung ist schon eingeleitet.

Übertragen auf die Reizlage in traumatischen Situationen, könnte man sich vorstellen, dass bei komplex traumatisierten Menschen mit dissoziativen Traumafolgen, die 20(0.000 … Anrufer_innen) bis heute in der Warteschleife hängen und das Fräulein in der Vermittlung, sich ab und zu durch einen anderen Anruf an eben diese Anrufer_innen erinnert und spontan mal jemanden durchstellt. (Was auch erklärt, weshalb keine_r dieser Anrufer_innen der Polizei zur Verfügung steht, bzw. das, was sie zu sagen haben – just sayin)

Was hat das jetzt mit den Spiegeldingern zu tun?
Nun. Kann sein, dass ein_e Anrufer_in mal eine Resonanz mitzuteilen hat. Ein Nachempfinden oder “emotionales Spiegeln”, das jetzt keinen Bezug mehr hat – aber damals durchaus hatte. Wichtig hierbei: Ja, es hat jetzt keinen Bezug – das bedeutet aber nicht, dass es unwichtig ist, oder keinen Sinn mehr hat.

Mir war das damals wegen des bloßen Empfänger/Opfermodells nicht so klar.
Ich hatte früher sehr viel häufiger noch als heute, plötzlich Momente, in denen ich von jetzt auf gleich richtig schrille Notgefühle hatte. Entsprechend meines Wissens dachte ich damals noch, dass es sich dabei nur um emotionalen Nachhall handelt. “Ich war mal in Not und bin nicht drauf klargekommen, weil…”. Erst später – “einige verspätet durchgestellte Anrufer-innen später” – wusste ich, dass ich die Notgefühle von einer anderen Person in mir spürte. Einer Person, deren Misshandlung ich beobachtet hatte.

Meine Zeug_innenschaft dieses Moments war für mich genauso überreizend, wie es die Opferschaft dieses Ereignisses für mich gewesen wäre. Auch aus dieser Situation konnte ich nicht weg. Konnte ich mich nicht retten, konnte überhaupt nichts beeinflussen – alle Reizkanäle waren dicht.
Das Überleben war die Aufteilung, die Anrufer_innen mussten 13 Jahre warten.

Die Entdeckung meiner Fähigkeit die Gefühle anderer Menschen (mit/nach)fühlen zu können, war für mich enorm.
Da war ich etwa 21, 22 Jahre alt und erstmals in der Situation zu verstehen, dass in anderen Menschen Dinge passieren. Gefühle, Gedanken, Welten, die meiner ganz unterschieden sind.

Nicht, weil ich das nicht wusste. Ich wusste, wie jemand guckt, der traurig ist und was man dann macht und sagt und sich kümmert.
Begriffen habe ich die Eigendynamik, das Einzelne jedes Menschen in seinem Inneren, aber erst durch diesen sehr schrillen Moment aus einem Früher, das mich zur Zeugin hatte. Ich war nicht beteiligt an der Not der Person. Ich hatte sie nur beobachtet, wie ich immer die Dinge um mich herum beobachtet hatte, die alle irgendwie mal mehr mal weniger Sinn für mich ergaben. Mal mehr, mal weniger vorhersehbar für mich waren. Mal mehr, mal weniger dynamisch lebend – so wie ich mir selbst vorkam – erschienen.

Heute ordne ich sowohl den Zeitpunkt dieser Entdeckung, als auch den Umstand, dass ich diese Entdeckung überhaupt machen musste, dem Autismus zu.
Und eben nicht einer emotionalen Flachheit, die traumatisch bedingt ist.
Emotionales unbeteiligt sein, ist für viele traumatisierte Menschen ein Thema. Manche fühlen sich selbst dumpf und leer, manche nehmen die Interaktion mit anderen Menschen als dumpf und leer wahr. So, als wären da keine Gefühle oder Gedanken oder als wäre das, was da ist, unsinniger Quatsch oder eigentlich doch total egal.

Ich habe dieses Empfinden vor allem in depressiven Episoden. Oder, wenn wir uns nicht mit genügend Abstand traumatischem Material zugewendet haben und ich mit verstärkter Dissoziation darauf reagiere.
Mein Denken von anderen Menschen, als “anderes Ich mit ganz eigenen Dimensionen in sich (so wie ich (wir)), war einfach nicht da. Es fehlte, wie einem die Information fehlen kann, wie die Hauptstadt von Indonesien heißt oder was genau der Bundespräsident von Deutschland so arbeitet.
Es hat mir nicht gefehlt. Aber viel von meinem Verständnis von mir und meinen Fähigkeiten verändert, als ich es dann wusste.

Ich erfuhr von den Spiegelneuronen und davon, dass es für andere Menschen überhaupt kein Thema ist zu fühlen (und eben nicht wie bei uns – zu wissen oder zu schätzen –) was in anderen Menschen vor sich geht.
In den letzten Jahren ist darüber auch noch eine weitere Ebene für mich klarer geworden, die mich, die uns, bisher nie belastet hat: das zwischenmenschliche Trauma

Der Aspekt einer Traumatisierung durch andere Menschen, der daran hängt, wie ein Mensch, den man liebt oder der eine emotional wichtige soziale Rolle hat, so viel Schmerz, Leid, Not auslösen kann.
Bis heute haben wir keine Erinnerung daran, mal gedacht zu haben, dass uns die Liebe oder soziale Rolle einer Person vor Leid durch sie schützen könnte. Oder daran, dass es ein besonderer Vertrauensbruch war, wenn wichtige Personen schreckliche Dinge taten. Oder, dass es einen Unterschied für uns gemacht hat, wenn Person A etwas Schreckliches mit uns gemacht hat oder Person B.
Das hat es nicht. Hat es nie und macht es auch heute im Erinnern nicht.

Wir haben die ganzen Ichs um uns herum, nie als solche erkannt und verstanden.
Und heute denke ich, dass das sehr wichtig ist für unser Verständnis um das, was passiert ist und was es heute für uns bedeutet.
Es ist wichtig, weil es uns aus Ideen herauslöst, unser Leben könnte so schrecklich gewesen sein, dass uns jeden Tag etwas Schreckliches passiert ist und wir niemals so etwas wie Liebe oder Zuwendung erfahren haben. Weshalb wir nie Urvertrauen aufgebaut haben oder jemals eine Bindung zu jemandem hatten.

Wir hatten sicher auch liebevolle Menschen in unserem Leben. Aber wir haben geliebt, was sie uns sagten und uns gezeigt haben – und nicht sie selbst, denn sie selbst konnten wir nicht “sehen” oder “erspüren”.

Es erklärt uns, warum uns bis heute, die ganze Welt als etwas in uns verankert haben, das uns zu jeder Zeit und aus jedwedem Grund tiefgreifend verletzen und zerstören kann. Wenn man sich selbst als Dynamik – alles andere um sich herum aber als mehr der weniger  starre, fremde, ferne, unverständliche und unvorhersehbare Mechaniken erlebt, kann das schon mal vorkommen.
Und ist in der Folge sehr logisch.

Und bedeutet dann eben auch, dass wir über unseren traumatischen Kleinscheiß in der Warteschlange anders denken müssen.
Wir brauchen sie nicht mehr suchen – die Enttäuschung über eine Person, wegen eines Vertrauensbruchs, ein Misstrauen gegenüber einer Person, das vielleicht mal irgendwo war, der Wunsch einer Person zu gefallen oder der Gedanke, etwas zu tun, damit eine Person glaubt, dass … Diesen ganzen sozialen Heckmeck, den wir heute nicht machen, weil wir ihn nicht können, werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit auch früher nicht durchgemacht haben. Er wird also kein Teil unserer Traumatisierung sein.

Wohl aber werden Enttäuschung, Misstrauen, Wünsche oder Gedanken da gewesen sein. Nur eben nicht mit dieser Art von Personenbezug.
Wir beziehen uns anders und haben das schon immer gemacht.
Das zu wissen ergibt Sinn. Und einen enormen Anschub in unseren Erinnerungsprozessen.

Für uns hatte sich schon viel geklärt, nachdem wir verstanden hatten, das manche unserer heute störenden Reaktionen mit traumatischen Erfahrungen zu tun haben. Beziehungsweise damit, dass wir bestimmte Dinge in Anpassung an die ständige Gefahr weiterer traumatischer Erfahrungen gelernt haben.
Mit dieser Schablone braucht man dann nur noch rückwärts gehen und kann sich an das Moment vortasten, zu dem bis heute Anrufer_innen durchgestellt werden.

Uns hat dieses Vorgehen geholfen bestimmte Sachinformationen erinnern. Das ist, in etwa, in dieser und jener Abfolge passiert und wir waren überreizt.
Es hat aber nicht geholfen zu verstehen, warum. Wovon waren wir überreizt? Was genau hat dieses Moment zu einem traumatischen Moment für uns gemacht?

Das ist, worin uns die bestehende Forschung und Literatur kein Stück weitergebracht hat. Ja sogar von unserem Weg weggeleitet hat.
Denn Menschen, die andere Menschen nicht als etwas wie sich selbst wahrnehmen – also Menschen, die nichts von sich in anderen Menschen finden (und ergo suchen) – werden an keiner Stelle mitgedacht.

So erleben wir heute nachwievor ähnliche Überforderungsgefühle wie früher, wenn ich über die Personen nachdenke, die mich verletzt haben.
Ich spüre den heißen, weißen Affekt – spüre den Hass – spüre das NEIN, das mir den Kopf gegen eine Wand wirft – und kann nichts damit anfangen. Außer mir die Information zu geben: Ablehnung. Oder: Nicht unter Kontrolle. Oder: Nein.
Es sagt mir nichts über die Person. Bringt mich ihr nicht näher. Macht nicht, dass ich mich in sie hineinversetzen kann und darüber mehr über meine Situation verstehe.

Ich habe Löcher in meinem Blick auf Situationen und kann diese nicht mehr in jedem Fall mit dissoziativen Brüchen oder normalem Erinnerungsverlust erklären. Schlimmer noch finde ich ganz ähnliche Löcher heute in meinem Blick auf mein ganz alltägliches Leben unter und mit anderen Menschen in ganz alltäglichen Situationen. Und zwar nicht, weil wir viele sind und irgendwie nicht so gut funktionieren. Oder, weil wir es immernoch nicht schaffen, gut zusammenzuarbeiten.
Sondern, weil etwas nicht so da ist, wie das bei so vielen anderen Menschen da ist.

Das macht auch Einsamkeit noch einmal zu einer Sache mit einem anderen Dreh.
Doch dazu im nächsten Text.

*Text als PDF zur freien Weitergabe

körperlich

Die Luft schmeckt nach einem Gewitter, als ich das Rad abschließe und ein letztes Mal tief einatme.
Ein erstes Mal Fitnessstudio und gucken was geht.

Erstmal gehts rein. Das ist ein erster Schritt und der ist wichtig. Fühlt sich schon sehr sportlich an. Und nach dem Stück Schokolade, das in unseren Gewohnheiten ein enges Verhältnis zu Sportlichkeit hat. Sport und Schokolade sind ein Paar. Auf ewig miteinander verbunden. Unter unserer Haut.
Das kann ich verstehen. Bestimmt ist es da kuschlig.

Jetzt schreibe ich hier quatschig und hab doch einen Rumms-Grund dafür überhaupt etwas aufzuschreiben.
Aber so ist das. Man kann den ganzen Tag rumgeikeln. Witze machen und sich Quatschgeschichten ausdenken. Alltag leben und Facetten erkunden. Und es passiert nichts. Man ist da und es ist wie es ist.
Und dann steht man da in den coolen Sportsachen, ist voller Elan zu tun, was man in Fitnessstudios so tut und dann fragt der Trainer: “Hast du irgendwas Körperliches? Irgendwelche alten Bänderrisse, schwierige Knochenbrüche, Metallstifte im Knochen … sowas irgendwie?”.

Und es ist ein Rumms. Eine dieser Watschen, die so unvermittelt kommen, dass die Wirkung erst Stunden später richtig ankommt.
Nämlich, als ich verschwitzt und schwindelig aus dem Studio laufe und beginne mich nach Innen zu reorientieren, weil der Zustand ein Erinnern antriggert.
Danach fahre ich durch die schwüle feuchte Luft und denke: “Ich hätte auch sagen können, dass ich ein Bänderdings erinnere, mit dem ich aus einer Vergewaltigung zurückgeblieben bin.”. Und dann mache ich einen Witz. Hätte hätte Fahrradkette. höhöhö

Was weiß ich, was wir alles hatten. Gar nichts weiß ich davon. War nie mit irgendwas nach irgendwas bei einem Arzt oder hab mich groß darum gekümmert, wie was heilt oder nicht heilt. Ich habe das einfach immer alles vergessen.
“Vergessen” – ja ja. Ich weiß, es ist eigentlich mehr verdrängt oder auch verdisst. Was weiß ich.
Es ist ja nicht so, dass es Menschen, die zu Opfern wurden, so irre schwer gemacht wird, gar nie an irgendetwas anderes zu denken, als das, was ihnen passiert ist. Oder womit sie aus der Erfahrung hervorgingen.
Es ist ja nicht so, dass Opferschaftserfahrungen per default angenommen und also ganz üblich in Alltagsgespräche einfließen.

Es ist ja nicht so, dass die Folgen von Gewalt und vielleicht auch gerade sexualisierter Gewalt als auch körperliche Langzeitfolgen allgemein besprochen werden. Jedenfalls ist das in der therapeutischen Literatur, die wir dazu bisher gelesen haben, eher nicht so der Fall.
Klar, wird da das eine oder andere Späterdrunterleiden auch als körperlich betrachtet. Aber ich spreche nicht von Essstörungen, Selbstverletzung oder Sportsucht. Ich spreche von Dammrissen, Analfissuren, Bänderrissen, Steißbeinbrüchen, ausgerenkten Hüften und so weiter und so weiter, die vielleicht gar nicht mal so funktional unbeeinträchtigend heilen.

Und trotzdem funktioniert es sich einfach so weiter. Man schüttelt sich aus der geschundenen Haut in eine zweite hinein. Streift sie sich über und hofft, dass sich die Falten schnell glätten.
Man sieht es uns nicht an. Die Folgen der Gewalt in unserem Leben, sind wie die waberweiche Flatterfisselei, die mit dem Begriff “Psyche” bezeichnet wird: auf den ersten Blick nicht zu sehen.
Dass es selten mehr als diesen ersten Blick gibt, gehört auch dazu.

Denn irgendwann kommt er immer. Der Moment, in dem ein Handgelenk aus dem Pulli ragt. Ein Shirt verrutscht. Ein Gespräch so intensiv wird, dass man von Geplänkel zu Themen kommt. Und dann ist etwas zu sehen.
Und dann kommt das Moment, in dem wir uns entscheiden müssen, wie wir damit umgehen und welchen Umgang wir anderen uns gegenüber erlauben wollen.

Denn ja – ich vergesse es. Vergesse mein Hüftding. Mein Bänderding. Mein Steißbeinding. Mir ist das ja auch nicht passiert, sondern meinen Mitbewohner_innen. Meinen Inneren. Meinen Kleinen, denen ich das irgendwie abnehmen will und deshalb so tue, als sei es auch mir passiert. Das ist eine schöne Geschichte, denke ich. Mich würde das irgendwie trösten. Wenn jemand sagt: “Was du erlebt hast, hab ich auch erlebt. Du bist nicht allein.”

Denn allein fühlen wir uns oft damit. Mit all dem. Gerade in so einem Moment wie in dem Fitnessstudio.
Wo ich merke, dass es hinter mir und unter meiner Haut rappelt und zappelt, weil wir von so vielen angeguckt werden. Weil der Körper angeguckt wird und dem eigentlich nur eins folgen kann: Stress und zwischenmenschliche Triggerfallen

Jemand will ein Kompliment machen und in meinem Kopf denkt es in Unterwerfungsschleifen. Jemand will ermuntern und von irgendwo quellen magersüchtiger Ehrgeiz und Versagensangst hoch. Jemand denkt, wir merken es nicht mit Blicken ausgezogen zu werden und eine ganze Kaskade spult sich auf, dem “passend” zu begegnen.
Daneben Schreie im Hals, ein Pulsdonner im Ohr und diffuse Abwehrbewegungsimpulse. Einfach so. Ohne Kontext. Ohne die Möglichkeit eines Anknüpfungspunktes nach Außen. Alles, was ich da erlebe und merke, er_wieder_erlebt sich in mir drin. Bei uns da drinnen. Im Inmitten. Einer Insel so fern von Menschen, Zeit und Raum, dass man sich nur einsam und allein fühlen kann. Bis es vorbei ist.

Dann ist da wieder Alltag. Was weiß ich. Tüdelüt. Lauf der Dinge.
Wo ich so leicht reinschlüpfen kann, weil es nie mehr als ein erster Blick ist, den ich zulasse.
Weil ich hingehe, mache und wieder weggehe.

Und wenn ich einen Mitgliedsvertrag über 12 Monate abschließen soll, obwohl ich nur 6 will, dann komme ich auch nicht wieder.

fault

Später dachte ich an die Diagnose der “Anpassungsstörung” und sah mir dabei zu, wie ich die Anführungszeichen abmontierte, um sie um das Wort ‘Diagnose’ zu klemmen.

Die Anpassungsstörung ist da.
Ich bin die Störung und ihre Ursache gleichzeitig.

Anpassung ist etwas, das nur vom Außen gesehen und eingeordnet werden kann.
Anpassung ist ein Entwicklungsbegriff.
Ein Wort aus der Verhaltens_Evolution.
Niemand weiß, ob etwas oder jemand angepasst ist oder nicht. Es sei denn, man hat eine Vorstellung von angepasstem Sein und beobachtet ein Scheitern.

 

Menschen machen es sich mir gegenüber leicht.
Manche erklären das unpassende Fehlersein zur Kunst, zur Revolution, zu einem Teil des fernen Laufs der Dinge, der ach so öde und reizlos, kaum mit ihnen selbst verbunden ist.
Sie hören meine Not daran, doch halten sie für meinem Sein immanent. Nicht dem, das ich mit ihnen teile.

Und manche nutzen es für sich.
Werden von dem, worauf ich deute, was ich mit_teile und aufzeige, inspiriert und angestoßen. Sie stehen neben meinen Kämpfen und wärmen sich an der Hitze meiner Gefechte.
Ohne zu hinterfragen welche Rolle sie dabei spielen könnten.
Welche aktive Rolle sie dabei spielen könnten.
Sie denken an sich und vergessen mich.

Manchmal merke ich, wie ich nicht ernstgenommen werde und denke darüber nach, ob ich mich gekränkt oder unverstanden fühle.
Relativierung ist etwas, das meiner Not immanent ist. Klein machen. Entschärfen. Emotionalisieren. Subjektivieren. Und darüber: entwerten.
Nicht vor mir – aber vor denen, an die ich mich richte. Wenn ich mich an jemande richte.

In der Regel richte ich mich nicht mehr an konkrete Gegenüber.
Wenn ich etwas sage, spreche ich in eine diffuse Idee, die ich mir nicht konkreter wünsche.
Wenn ich etwas sage, dann sage ich es nicht, weil ich mir für mich etwas erhoffe. Sondern, weil es da ist. Und oft nicht okay. Oft ein Skandal. Oft ein Fehler.
Oft etwas, das zu ignorieren mir nicht in den Sinn kommt.
Wer ignoriert denn einen Elefanten im Wohnzimmer?

 

Ich weiß nicht mehr, warum ich mich einmal dazu entschieden hatte, mich und das, was ich sehe mit.zu_teilen.
Es gab nie einen Gewinn zu erwarten. Außer den der Gemeinsamkeit mit dem, was um mich herum ist und passiert.
Miteinander.

 

Miteinander ist für Gewinner_innen.
Nicht für Fehler.
Gewinne werden entlang von Verlusten definiert.

Mit anders sein, ist nicht_s zu gewinnen.

Mondfinsternis

Natürlich wusste ich, worauf ich mich einließ. Natürlich wusste ich, dass es weh tun könnte.
Doch genauso natürlich habe ich mich irgendwie mitgemeint gefühlt, als ich das Programm des Frauengesundheitskongresses las.

“Ich bin keine Frau”, sage ich oft, wenn ich mal wieder als solche einsortiert werde. “Ich bin eine queere Person.” schreibe ich in die noch viel zu selten eingepflegte dritte Option zur Frage nach dem eigenen Geschlecht.
Und doch.

Ich habe einen Körper wie die Menschen, die von der Mehrheit als “Frau” bezeichnet werden, ich mag feminines Sein und Wirken und sehe, dass vieles, das als weiblich benannt wird, etwas mit mir zu tun hat.  Aber ich bin keine Frau.
Selbst wenn ich wollte.
Selbst wenn ich mir für so einen Kongress vornehme mich ganz und gar nur auf meine weiblichen Anteile zu konzentrieren und zu beziehen, merke ich die Unaufrichtigkeit mir selbst gegenüber.
Ich merke einmal mehr: meine queere Identität ist kein Rollenspiel und hat nichts mit einer Ablehnung der “Frauen*rolle™” zu tun.
Ich bin einfach nur keine (Cis)Frau.

Ich kann schwanger werden und mit Glück auch Kinder gebären.
Mit noch mehr Glück lebende Kinder.
Mit noch ganz viel mehr Glück Kinder, die mich beerdigen, statt andersherum.
Das kann ich, weil in meinem Körper ein Organ ist, das das kann. Wenn die Umstände passen.
Ich mag dieses Organ. Ich mag aber auch meine Lunge und mein Herz. Vielleicht, weil ihr Beitrag zu meinem Leben ein klitzebisschen essenzieller ist, als der meines Uterus.
Aber wer weiß das schon.

In sozialen Blasen der “Heil- Kräuter-Lebens- und Kulturkunde” erscheint es mir manchmal so, dass dieses Organ entscheidend dafür ist, wer man ist. Ob man eine Frau, eine Mondin, eine Weise, eine mit der Urkraft der Welt verbundene Person ist – oder nicht.
Es ist als sei dort die Gebärmutter das Ticket für eine Reise zum Ursprung der Welt und des Laufs der Dinge, “wie er wirklich ist”.  Es ist wie ein Wahrhaftigkeitsversprechen, das einer langen Tradition folgend nur jenen gegeben wird, die ihm, im körperlichsten aller Sinne, gewachsen sind.

So fühlt es sich an wie ein Unwürdigkeitsbeweis, wie ich da so stehe, in mir umhersuche und außer einer Direktverbindung zum Schmerz dessen, was ich unterdrücke, um mich in dieser Umgebung passend zu machen und der zunehmend unbequemeren Frage danach, warum ich mir das hier eigentlich antue, nichts von dem finde, was doch in mir sein müsste.

Um konkreter zu werden.
Ich spreche hier nicht davon, dass ich herausgefunden habe, dass ich vielleicht doch keine Kinder möchte oder meine Menstruation gar nicht mal so geil finde, dass ich mir tiefere Gedanken dazu mache oder mich mit Gebräuchen und Erzählungen darüber auseinandersetzen will, oder, dass ich gemerkt habe, dass mir Räucherstäbchen und Meditationen im Wald vielleicht doch ein bisschen weniger gut helfen, um bei mir zu sein oder, dass ich Naturverehrung mit Gesängen zwar nett, aber politische Forderungen nach den Klimawandel abwendenden Maßnahmen noch ein bisschen netter fänd.

Ich spreche davon sich selbst zu respektieren und in den Aspekten zu ehren, oder zu achten, die man an sich selbst wichtig findet.

Ich kann es Menschen sehr gut lassen, sich in dem Umstand zu feiern, dass sie eine Gebärmutter haben und auch all ihre Aufladungen und Wertigkeiten.
Aber ich habe gemerkt, dass es im Gegenzug schwierig für mich ist, aus meiner Demut und meinen Auslieferungsgefühlen gegenüber meiner Körperlichkeit herauszugehen. Und noch schwieriger in so einem Stadium der Auseinandersetzung nicht gedacht zu werden, wenn ich mich in so einer Blase bewege.

Es kann sein, dass ich einfach gar nicht fit genug für diese Veranstaltung war. Viel zu dünnhäutig und überanstrengt von dem Lauf der Dinge, der im Moment ist. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass mir die Enttäuschung zunehmend mehr weh tut und ich es mehr spüre, seit ich weiß, dass ich “queer” zu dem sagen kann, was ich da merke, wenn ich darüber nachdenke, was ich (neben vielem anderen) bin.

Ich merke, dass es als ausgedacht, nicht echt, ein Quirk, eine Unnatur oder Ergebnis einer tiefen Verdrängung gilt, weder Mann noch Frau zu sein.
Das macht es für mich fast undenkbar meine Identität als queere Person jemals so aufzuladen, wie es die weiß alternative Kräuterbrigade für CisFrauen und in Teilen auch für CisMänner tut.
Was es für mich noch einmal schmerzlich macht.

Um es nochmal  zu sagen: ich finde es toll, dass diese Aufladung gibt. Ich sehe wie wichtig und hilfreich es für viele Menschen sein kann, auf einen kulturellen und spirituellen Fundus zurückgreifen zu können, der sich auf ganz verschiedene Aspekte des Lebens bezieht.

Aber ich sehe auch, wie ich aus dem Kongress hervorging und wusste, dass ich, wenn ich von meinem Uterus Gebrauch mache, wie ich es für mich in Kongruenz mit dem was ich bin, für richtig und gut halte, auf gar nichts zurückgreifen kann, außer biologistische Auseinandersetzungen und spirituelle Weisheiten, die Identitäten wie mich negieren.

Tag mit Macke

Es ist 6 Uhr 38 als ich an der Straßenbahnhaltestelle stehe, um zur Schule zu fahren. Unser Unterricht beginnt um 7 Uhr 30 und ich bin beschwingt es geschafft zu haben, in die perfekte Bahn steigen zu können. Sie ist fast leer, ich setze mich mit NakNak* auf “unseren” Platz, verstaue Ranzen und Sportbeutel unter mir.
Der Morgen lief glatt, der Tagesplan scheint einhaltbar.

Bis wir an der Umsteigehaltestelle aussteigen und sehen, dass die Bahnen in falscher Reihenfolge abgefahren sind. Wir müssen 10 Minuten warten, bis wir erfahren, dass unsere nächste Bahn 20 Minuten verspätet ist.

Der Bahnsteig wird voller. Jetzt strömen die Schulkinder durch die Halle, von zweien kann ich die in NakNak*s Richtung schießenden Hände umlenken, ein drittes spreche ich bereits an, als es uns viel zu nah kommt.

Ich könnte heulen, weil mir der ganze Tag durch die Finger rinnt und ich nichts tun kann, als auszuhalten. In der Schule zu fehlen, macht mir Stress – völlig egal, wie ich die Gründe dafür bewerte. Es stresst mich, weil es Mehrarbeit bedeutet. Weil ich nicht unzuverlässig sein will. Weil mich interessiert, was wir da machen und wissen will, was wir dort zu wissen erfahren dürfen. Weil es einfach der Plan in der Woche ist, zur Schule zu gehen.
Es ärgert mich, wie schlecht der Bahnbetreiber auf solche Fälle zu reagieren in der Lage ist. Ich ärgere mich darüber, wie ich wegen NakNak*s Unterstützung von weitem angeguckt werde, während ich so einen Druck erlebe und in getriggerte Gefühle rutsche.

Als ich trotz der Ohrstöpsel alles noch lauter wahrzunehmen beginne, raffe ich meine Sachen und wechsle das Gleis. Steige in die Bahn zurück nach Hause.
Komme in der Wohnung an und zerfalle zu einem Bündel Krampf und Tränen, als die Tür hinter mir zu ist.
Und merke wie groß der Hass für mich selbst in diesem Moment ist.

Weil es doch nur so eine kleine Macke im Tag ist. Weil ich mich doch an x vielen anderen Tagen erfolgreich durch solche Situationen kämpfen konnte. Weil ich nicht verstehe, wie mir solche Ereignisse so einfach den Boden unter den Füßen wegreißen können und mich in einem Zustand zurück lassen, in dem es mir nicht mehr möglich ist, mich als “Ich”, geschweige denn als ein Wesen mit “Selbst” zu erleben.
Es erschreckt mich so tief und unerwartet – obwohl ich es fast jeden Tag erlebe.
Obwohl ich weiß, dass es Gründe mit Wörtern dafür gibt, die in sich erklären, warum es an manchen Tagen kein Problem ist und an manchen jedoch sehr stark.

In unserem Umfeld ist niemand, di_er uns sagt, dass wir irgendwas schaffen müssen oder sollen.
Immer wieder sagen uns Menschen, dass wir uns mit oder wegen der Schule keinen Stress machen sollen und manchmal erlebe ich mich dabei gekränkt. Denn ich will schon auch jemand sein, an die_n man Erwartungen richtet, wie an alle anderen Menschen auch.
Ich will nicht, dass man davor kapituliert dysfunktionale Strukturen (wie zum Beispiel ein all morgendlich wackeliges Verkehrskonzept) zu verändern oder sich verkneift mir zu sagen, welche Teile meiner Strukturen ich zu verändern mal überlegen sollte, weil man sich von vorherein überlegt, keine Erwartungen zu haben.

Mein Schulbesuch ist nicht so etwas wie dieses Blog hier oder das Podcast oder das Nachwachshaus, wo wir enorm viel Zeit, Kraft und Arbeit investieren, weil wir das um das Projekt selbst willen gerne möchten. Es ist etwas, was durchzuziehen sehr schwer wird, wenn man von allen Seiten den Eindruck bekommt, dass es seltsam pseudoirrelevanter Quatsch ist, den wir wider besseren Wissens so angefangen haben, wie wir ihn angefangen haben.

Jedes Mal, wenn uns – und ja tut mir leid, vielleicht ist die Trennung jetzt blöd – nicht autistische/behinderte/traumatisierte Menschen sagen, ihre Ausbildung/ihr Alltag/ihr Leben sei ja auch nicht einfach, aber wir hätten uns ja dazu entschieden das jetzt zu machen, sagen uns damit gleichzeitig auch: “Dann mach es doch einfach nicht. Mach dir keinen Stress, lass es einfach bleiben. (Ist doch sowieso Quatsch – du kannst das doch schon alles.)”.
und lassen uns mit einem Gefühl zurück, das wir niemandem wünschen.

Wenig von dem, was uns im Moment begegnet ist etwas, womit wir rechnen konnten.
Wir sind zuletzt in Zeiten zur Schule gegangen, in denen wir weder Hunger noch Durst, noch Schlafbedürfnisse kannten. Wir saßen teils massiv verletzt in Klassenzimmern und kompensierten dabei eine Behinderung von der wir nicht einmal wussten, dass es eine ist.

Wir kennen die Welt außerhalb von Hartz 4 und der entsprechenden Isolation nur in diesem Modus und sind jetzt nicht nur in der Situation etwas Neues zu erleben und neue Dinge zu lernen. Wir selbst sind anders und neu für uns in dieser Situation und erleben es im Moment oft so, dass unser Außen es nicht schafft, diesen Komplex aus mehreren Ebenen der Unsicherheiten gepaart mit dem überall passierenden Ableismus und unserem Komplex in uns selbst zu erfassen und zu sehen.

Das heißt nicht, dass wir uns in unserer Belastung ungesehen fühlen oder, dass wir finden, alle müssten viel mehr für uns da sein – es heißt einfach nur, dass wir uns allein mit einer komplexen Situation erleben, die wir weder so mitteilen können, wie sie in allen Einzelheiten für uns ist, noch für uns selbst in irgendeiner Form sortieren und verarbeiten können.
Das ist nicht damit lösbar, dass uns unsere Leute flauschen oder sagen, dass sie uns verstehen. Vielleicht macht genau der Umstand, dass unsere Leute das tun, es sogar noch schlimmer, weil Flausch und Verständnis nicht sind, was wir brauchen, um uns mutiger, kräftiger, selbst_sicherer vor dem Er_Leben fühlen, das uns begegnet und in uns wirkt.

Es ist 8 Uhr 30, als ich mit einer Tasse Tee am Fenster stehe und darüber nachdenke, was wir heute noch schaffen können.
Ich setze mich hin, fange an zu schreiben und merke, wie dieser Tag mit Macke von Wort zu Wort zu einem anderen Tag wird.

Zu einem Tag mit Macke, an dem wir eine Freundin besuchen, in die Bücherei gehen und das Wochenende am Nachmittag beginnen lassen.

Fundstücke #36

Immer wieder mal kommen solche Phasen, in denen “Alpträume”, Flashbacks, allgemein intrusives Erleben ein Thema sind.
In diesen Phasen schlafen wir schlecht, wachen aus einer Mischung aus unterschiedlich quälenden Erlebensqualitäten auf, müssen über den Tag verteilt , etwas halten oder umgehen, das zeitver.rückt ist.

Wir wissen, dass es Phasen sind. Wir wissen, dass es auch wieder aufhört.
Es geht schneller, wenn wir darüber sprechen. Es tut mehr weh, wenn wir darüber sprechen. Und dann geht es doch nicht schnell genug, weil das, was man darüber sagen kann, meist doch nur ein aus der Kehle gequetschter Laut ist, der sich echter anfühlt, als jedes Wort, das man aus ihm zu formen versucht.

Wenn wir uns vornehmen, in der Therapie darüber zu sprechen, dann erscheint mir immer alles ganz klar.
Hingehen, was sagen, wieder weggehen.
Und dann sind wir da und es ist, als gäbe es nichts zu sagen. Oder lauter Dinge, die eigentlich nichts sind. Oder Dinge, die man lieber zeigen will, statt sie mit dem eigenen Blick anzufassen und über die Zunge im eigenen Mund nach draußen zu tragen.

Und dann ist da das Problem, dass wir (Rosenblätter) das Erinnerte häufig nicht mit einem Kontext verknüpfen können.

Wir haben uns das immer so leicht vorgestellt. Damals.
Man erinnert sich an etwas – kann das vielleicht sogar planen oder so hübsch in Phasen aufteilen, wie es die kranke Kasse oder Klinikkonzepte mitunter darstellen – und dann ist es bewusst und dann schaut man, dass man das irgendwie gut in sich verpackt bekommt und fertig aus.
Dann ist die Dissoziation in Assoziation umgewandelt und damit der erste Schritt zum Integrationsprozess angestoßen. Den Rest macht das Gehirn von allein – wir sind nur noch dazu da, es dabei möglichst nicht zu stören, sondern mit passendem Verhalten zu unterstützen.

Tatsächlich bin ich seit inzwischen Monaten in so einer Phase des spontan unwillkürlichen Erinnerns und habe erst in der letzten Therapiestunde den Faden zur Frage gefunden, welche Haltung ich, zu dem was ich erinnere, überhaupt einnehmen will.
Das Paradoxe ist ja, dass ich weiß, dass es irgendwie mit mir zu tun hat, denn ich erinnere es. Ich könnte nichts erinnern, wäre nichts von mir dabei gewesen.
Ich weiß aber nicht, was genau, wie, wo, durch wen, warum. Und stoße deshalb immer wieder an den Zweifel, ob es überhaupt Erinnern ist, was da mit mir passiert.

Es könnte ja auch ein einfacher Alptraum sein. Zu viele komische Bücher, zu viele komische Blogs gelesen, zu viele komische Filme gesehen. Zu viele verdrängte komische Phantasien. Sowas gibts – das steht in Büchern, in Blogs, in Filmen und ich kanns mir gut vorstellen.

Ich schaffe es inzwischen, nicht mehr stundenlang implodiert bis ins Kleinste im Bett zu liegen und die in mir wirkenden Empfindungen zu durchleiden, ohne mich davor schützen zu können.
Ich schaffe es, mich aufzurichten, das Licht anzumachen, NakNak* zu streicheln, aus dem Bett zu klettern und mich ans Küchenfenster zu setzen. Ich spiele Candy Crush und sage mir, was ich tun kann. Was alles geht. Was ich alles entscheiden kann.
Ich lüge mich an und spiele mir selbst eine Souveränität im Leben dieses Lebens vor, die ich nicht habe. Die Zettelberglandschaft auf meinem Küchentisch, die sich aus Kassenzetteln, Jobcenter-, Betreuungs- und anderen wichtigen Korrespondenzen zusammensetzt, zeigt mir das gnadenlos auf.

Irgendwann gehe ich zurück ins Bett und zwinge mich mit dem Weckerklingeln aufzustehen. Auch wenn das bedeutet am Ende nur 2-3-4-5 Stunden Schlaf zur Erholung gehabt zu haben. Die Tagesstunden werden schließlich gebraucht, um wenigstens zu versuchen dem Selbstbeschiss zu entsprechen.

Meine Selbstfürsorge basiert auf Beschiss und ich weiß das.
Ich lüge, wenn ich nach innen gebe, dass ich mich darum kümmere, dass wir in Sicherheit sind. Ich lüge, wenn ich nach inne gebe, dass wir sicher sind.
Niemand ist sicher, wenn si_er sich nicht vor sich selbst beschützen kann. Wo “Ich” so ein wackeliger Begriff ist, wo “Sicherheit” so relativ anzusetzen ist, wo die Fähig- und Fertigkeiten sich kompetent kümmern zu können, so unsicher abrufbar sind – da geht es nicht ohne Lug und Betrug.

Vorgestern gab es eine weitere Spitze um unsere Lebensverwaltung. Da ging es um Bafög und ergänzende Hartz 4 – Leistungen und uns, die sich zwischen angesägten Leimholzplatten, Vierkanthölzern und Sägespanschnee befanden.
Inzwischen ist klar, dass die Betreuerin erneut eine für unseren Fall unzutreffende Informationsbasis erstellt hat, die wir berichtigen müssen, um strukturell den Status zu halten, den wir haben. Es ist wie immer und wie immer ist es zu viel.
Und wie immer, wenn ich unsere Absprachen um Selbstschädigung berührt sehe, rief ich unsere Therapeutin an. Wie immer überrumpelte ich sie damit und erneut kam es darüber zu Missverständnissen und Verletzungen.

Ich merkte, wie sehr es mich zum Bahnhof zog. Wie weit weg jemand von uns wollte, um nie wieder zurück zu kommen. Um irgendwo anzukommen, wo es all das nicht mehr gibt. Weder meine Überforderung, noch meinen Selbst.Beschiss für den sie sich lohnen soll.

Am nächsten Tag entschuldigte ich mich bei der Therapeutin dafür, dass ich sie überrumpelt hatte. Mehr für mich als für sie, denn für mich war klar, dass sie mich nicht verletzt hätte, wäre sie nicht so spontan mit meiner unserer Not konfrontiert gewesen. Für mich wurde nur einmal mehr klar, dass sie nicht diejenige ist mit der ich sprechen kann, wenn es mir so geht, wie es mir ging.

Wann immer unsere Lebensverwaltung der Auslöser ist, sprechen die Menschen mit uns über eben jene Lebensverwaltung. Wir reden nicht darüber, dass wir nicht weglaufen müssen. Ich werde nicht von außen daran erinnert, atmen zu können, Dinge zu dürfen, sicher zu sein. Für mich setzt sich niemand ans Küchenfenster, zeigt mir bunte Farben und den Selbstzweck des Lebens.
Ich erwarte das von niemandem und fordere das auch nicht ein. Ich kann mir selbst machen, nicht den Kopf zu verlieren – aber das kostet Zeit, Kraft und nicht zuletzt auch Körper. Was wiederum bedeutet, das von mir immer weniger zu verlangen ist, denn mehr als ich habe, kann ich nicht geben.

Ich hatte die Therapeutin aufgefordert mir aufzuzählen, wozu wir das hier alles durchkämpfen. Wozu das alles sein soll.
Nicht, weil ich das nicht weiß oder, weil wir uns darüber noch keine Gedanken gemacht haben, sondern weil es mir fern, klein, unbedeutend und wahrhaftig gelogen erschien. Und noch immer erscheint.

Denn ich habe nie entschieden vor der Familie* wegzulaufen. Ich habe mich nie gegen die Lebensqualität entschieden, aus der heraus ich entstanden bin.
Ich, K., das monströse Kampfrosenblatt, hatte nie eine Familie. Ich weiß, wie meine Eltern aussehen, weil ich eine Hand voll Fotos aus den 80er und 90er Jahren besitze, die meine Familie* zeigen. Ich weiß, dass ich zur Schule gegangen bin, weil ich Zeugnisse besitze. Ich weiß, dass es mich gibt, weil es Entitäten gibt, die darüber bestimmen, was mit mir passiert, seit ich mich als mich denken kann.
Ich beginne zu einem Zeitpunkt, in dem übergriffige und/oder inkompetente Helfer_innen die zentrale Achse des Alltagsgeschäfts sind. Ich beginne aktiv dort, wo es nicht mehr möglich ist, wegzugehen, weil es nichts mehr gibt, wo man hingehen könnte. Außer die ewigen Jagdgründe.

Ich habe mich immer dafür entschieden nicht einzuknicken. Ich bin nie hingefallen, hab nie nachgegeben, hab nie aufgehört festzuhalten. Nie.
Obwohl ich bis heute nicht weiß, warum. Meine Grundhaltung für dieses Leben und mein Wirken dafür, hat keinen bewusst ursächlichen Kontext für mich. Ich weiß, dass es wichtig für uns alle ist, dass ich tue, was ich tue. Ich weiß, dass es uns das Leben gerettet hat und bis heute tut.
Doch der Ursprung dafür liegt an einem Punkt, den ich nicht begründen kann. Weder mir, noch anderen Menschen.

Ich weiß nicht, wie klar es für Außenstehende wird, wie bedrohlich und kontextlos, unverbunden und haltlos ich mich in der Folge fühle, wenn mir dann in solchen Momenten auch noch der für mich in die Zukunft gerichtete Grund fehlt. Wie das ist, wenn man weder weiß warum man ist, noch, weshalb man bleibt.
Bleiben will.

Unsere Therapeutin sagt an der Stelle oft, ich würde mich dagegen wehren, die Opferschaft anderer Innens als meine anzuerkennen. Weil Opfer ja schwach seien und das nicht mit meiner Stärke  zu vereinbaren sei.
Dass sie diejenige ist, die mich in dem Zusammenhang als stark bezeichnet, habe ich ihr schon oft gesagt.
Sie folgt dem Ansatz, der der Idee folgt, dass der Grund zu bleiben und für mich und uns weiterzukämpfen, quasi automatisch bewusst wird, wenn mir nur klar ist, wogegen man sich entschieden hat. Wovor man geflüchtet ist.

In meinem Fall ist das leider nicht anwendbar und auch das habe ich schon oft gesagt.
Ich treffe meine Entscheidung selten bis nie negativistisch. Also, dass ich mich für Dinge entscheide, weil ich gegen andere Dinge bin. Ich entscheide mich für Dinge, weil ich diese Dinge möchte. Mehr ist da nicht und mehr war da auch nie. Mehr brauche ich in der Regel auch nicht.

Ich muss nicht selbst erfahren haben, wie es ist Gewalt zu erleben, um anzuerkennen, dass jemand sie nicht (mehr) erfahren möchte.
Für mich hat die Familie* noch nie eine größere Rolle gespielt als die, ein nervenaufreibend zu kompensierender Nullpunkt in unserer Lebensverwaltung und –perspektive zu sein.
Eine Waise zu sein, deren Eltern noch leben, ist ein struktureller Gau, wenn man behindert ist. Dennoch habe ich nie den Wunsch gehabt, doch bitte deshalb keine Waise mehr zu sein oder ein besseres/anderes Verhältnis zu ihnen zu haben – sondern den Wunsch leichter bestehende Behinderungen kompensieren zu können, arbeiten zu können, mich und uns selbstbestimmt versorgen zu können.

Am Ende geht es mir in meinem Wirken immer nur darum, das “nicht aufgeben”, “nicht hinfallen”, “nicht loslassen”, “nicht nachgeben” weniger schwer für mich zu machen.

Ich bin egoistisch damit und ich weiß, dass ich Glück damit habe, dass genau das mein Anteil an diesem Inneren der H. C. Rosenblatt ist.
Es gibt andere Innens, deren Wirken besteht in der Zerstörung des Körpers, unserer Bindungen und Werte – deren Wirken wird weitaus stärker sanktioniert als meins. Die dürfen ihren Egoismus nicht im Ansatz so ausleben wie ich und manchmal tut mir das leid für sie.
Sie würden viel besser in solche Argumentationslogiken der Therapeutin passen und könnten sich viel besser auseinandersetzen mit den Themen “Abwertung von Schwäche bzw. Opferschaft” oder “die Familie* bevorzugen, weil hier gerade so viel überfordernder Scheiß läuft”.

Stattdessen höre ich mir das an, frage mich, ob ich in den letzten Jahren nicht schon oft genug gesagt habe, dass das für mich nicht passt, beantworte mir die Frage mit: “Ja, offensichtlich nicht, sonst würde sie ja nicht schon wieder damit ankommen” und falle in ein Loch, denn plötzlich fühle ich mich ihr fern, fremd und unverbunden. Als hätten wir niemals etwas miteinander geteilt oder wären je verbunden gewesen.
Dann warte ich eine Weile, stoße meine Gedanken wie Bergsteigerpickel in den wabbelweichen Haufen aus allen mit ihr gemachten Erfahrungen und schlage mein Zelt auf einer Schicht Fatalismus auf. Ich erzähle mir, wie ich jederzeit aufhören kann, mit ihr zu arbeiten. Wie ich jederzeit aufgeben könnte, wenn ich nur wollte, obwohl ich weiß, dass ich es nicht kann und nie konnte.

Wieder lüge ich mich an und wieder merke ich, dass es das Beste für uns alle ist, das zu tun.

Ich habe der Therapeutin gesagt, was ich sagen konnte und beendete das Gespräch mit der Gewissheit, dass mein Erinnern nutzlos ist, weil es ohne Kontext ist.
Die Therapiearbeit braucht diesen Kontext. Ich kann ihn nicht liefern.

Ich gehöre zu einem anderen Ende dieses Lebens und dieses Ende gehört im Moment nicht zur Therapie.
An meinem Ende passiert nur eine Phase.

Phasen sind irgendwann auch wieder vorbei.
Man muss sie nur durch.stehen.

eine Normale™, werden wir ja eh nie werden

Halb 8 kam die Sperrmüllabfuhr und zermalmte den Möbelleichenberg vor unserer Haustür.
Ich lag im Bett und hörte zu. Dachte darüber nach, noch schnell einige der noch gut funktionierenden Möbel hinzustellen und blieb doch still und unbewegt.
Es hätte mich gefreut, die ganze Bude leer zu haben. Weg mit all dem Scheiß, an dem die Familie* klebt. Weg mit all dem, was nun bei uns ist, weil es für andere Müll war. Weg damit. Raus. Raus. Raus.

Wir kennen Menschen, die haben so etwas schon mal gemacht. Zwei sogar schon mehrmals. Sie haben ihre Wohnungen geräumt und erst wieder gefüllt, als sie das Geld und das gute Gefühl dazu hatten. Sie haben aber auch ihre Kontaktlisten gelöscht, sich die Haare abrasiert und versucht sich zu töten.
Da bekam die leere Wohnung eine völlig andere Bedeutung.

Mir macht so radikales Durchgreifen eher Angst, aber ich kenne auch, wie befreiend es sich anfühlt. Dinge loswerden, Menschen loswerden, so viel von sich loswerden, dass man sich leichter ver.halten kann.

Wir haben noch immer ein Regal von H..
Der H. die uns durch den Ausstieg brachte und dann unbemerkt vergaß.
Wir haben noch Möbel von der Familie*.
Die wir seit der suizidalen Krise letztes Jahr, um diese Zeit, um Unterstützung bitten wollen, weil uns alles zu viel ist. Was wir nicht tun, weil es uns zu anstrengend ist. Ja – genau:  es ist uns zu anstrengend. Nicht: wir sind uns zu viel wert/wir haben uns von ihnen befreit/wir haben sie überwunden
Realitäten, Baby.

Ich merke, dass wir instabil genug sind für radikales Durchgreifen im eigenen Leben. Merke, wie wir kurz davor sind, uns abzusetzen, wegzulaufen, hinzuschmeißen, scheiße zu schreien und uns tot zu lachen.
Nicht, weil alles schlimm ist. Nur, weil es alles so viel größer ist, als alles, was wir geben können.

Wir haben es bis jetzt in diesem Jahr nicht geschafft uns die Hilfen zu holen, die wir uns selbst versprochen hatten, als alles brannte und vielleicht hätten wir uns die Kraft für die Hilfen, die wir versucht haben, sparen sollen. Wären wir im Mai schon zur Radtour aufgebrochen, statt in die Klinik zu gehen, wäre vieles und alles anders gekommen.
Zumindest würden wir weniger stark davon überzeugt sein, dass wir nirgendwo mehr hinkönnen und zu verquert für die stationäre Traumatherapielandschaft Deutschlands sind. Es würde sich weniger anfühlen, als gäbe es für uns keinen doppelten Boden und damit keine Hoffnung für das, worum wir uns kümmern wollten.

Vor ein paar Tagen dachte ich darüber nach, ob es dumm war die Dissoziation des Alltags therapeutisch aufzulösen.
Würden wir heute noch so funktionieren wie 2006, 2007, 2008, hätten wir schon versucht zu gehen, doch wüssten nicht so konkret wie jetzt, warum eigentlich. Wir wären durch die Klinikzeit gegangen, hätten keine Kraft für die Radtour gehabt und alles wäre anders gekommen.

Ich glaube auch, dass wir leichter durch die Schulzeit bis jetzt gegangen wären. Wir hätten den Anfall gehabt, hätten eine Hand voll Tavor eingeworfen, einen Spritzer Neurocil draufgegeben und hätten durchgeschlafen bis zum nächsten Schultag. Und dann wären wir wieder hingegangen.
Heute sind wir so offen und wund, dass das nicht mehr geht. Wir merken jetzt, wenn etwas weh tut. Wir sind so sicher, dass wir uns vor Schmerz schützen können. Und wir wissen jetzt, dass wir uns den Schmerz, die Überforderung, die permanente Überlastung nicht einbilden.

Das ist ein Schach und manchmal ein Schachmatt.
Egal, wie viele Menschen uns noch sagen, dass es nicht so ist und von uns locker kompensierbar wäre, würden wir nur nicht so furchtbar viel unnötigen Quatsch im Kopf haben.

Das erinnert mich an unsere Freundin C. , die bei sich zu Hause Kisten über Kisten mit Steckern Stöpseln, Kabeln, Verschlüssen, Dosen und und und hat und von allen Menschen immer wieder gesagt bekommt, es sei unnötiger Scheiß.
Bis man dann dieses eine bestimmte Kabel braucht.

Später am Tag, säge ich Vierkanthölzer zurecht, die als Tischbeine die Arbeitsplatte in der Küche und die im Arbeitszimmer stützen sollen und merke, dass, was mich so bedrückt, die Wiederholung eines Dramas ist.
Genau wie wir 2002/2003 noch nicht erfahren konnten, ob unsere DIS jemals komplett auflösbar (“heilbar”) ist – können wir heute nicht erfahren, ob Autismus etwas ist das, wenn schon nicht “heilbar”, so doch auflösbar im Sinne von verdünnbar, erleichterbar für uns ist.

Wir können alle Menschen verstehen, die sich diese Frage nicht stellen, weil sie sich weder krank noch kaputt oder dysfunktional erleben. Wenn wir gut durch die Tage gekommen sind, stehen wir auch an diesem Punkt und engagieren uns dafür, in unserem Funktionieren als üblich/normal anerkannt zu sein.
Wenn wir gut durch die Tage gekommen sind, haben wir ja gerade frisch erlebt, dass es geht.
Doch wenn wir so sehr wie in den letzten Wochen (und Monaten und seien wir ehrlich – dem Jahr seit dem Überleben durch stationäre Krisenintervention) immer wieder und wieder ganz bewusst merken, wie schwer und auch erschwert es ist, Tage überhaupt als solche wahrzunehmen und dann auch noch gut durch sie hindurch zu kommen, dann ist es nicht einfach, sich nicht permanent als dysfunktional und minderwertig zu erleben.

Erst 3 – 4 Jahre nach der Diagnosestellung der DIS, wurden wir vollständig darüber informiert, was die DIS eigentlich für eine Diagnose ist. Die Krise folgte auf dem Fuß – auffangen konnte uns nur das letztlich selbstzerstörerische Engagement einer Einzelperson und der Selbstbetrug, den wir an die Heilungsberichte von Menschen, die anders viele waren, als wir es sind, konstruiert hatten.
Und danach: Zeit und Umgangsroutine
Und danach: die Therapie mit der Therapeutin, die wir jetzt haben und in der es noch immer okay ist, weder die Angst vor der Prognose, noch die Realität, die diese Diagnose mitbringt, aushalten zu können.

Die Akzeptanz ist bis heute jedoch nicht vollständig gelungen. Wir ringen uns bis heute eine Toleranz ab, die es anderen ermöglicht mit uns zu arbeiten und umzugehen – doch, die für uns ein aktiven und immer schwelenden Kampf um das eigene Selbst und seine Definitionen bedeutet.
Und das nach inzwischen 13 Jahren.

Heute liegen auf unserem Lesestapel einige Bücher über Autismus und immer immer immer geht es um autistische Kinder. Um Eltern, die ihre Kinder lieben und wollen, dass sie ein gutes Leben haben. Es geht um Therapie – und Fördermöglichkeiten für autistische Kinder und manchmal auch um die Zukunft dieser Kinder als Jugendliche und Erwachsene.
Noch nirgendwo konnte ich etwas über die Lebensrealität traumatisierter Autist_innen lesen. Nirgendwo etwas darüber, wie spät mit Autismus diagnostizierte traumatisierte Menschen verarbeitet haben, was sich ihnen für Wahrheiten und Bitternisse offenbaren.
Wer unter der Unwiederbringlichkeit des Autismus leidet, scheinen laut meiner schlauen Bücher vor allem die Eltern zu sein. Insbesondere die Eltern, die sich um ein normales™ Kind betrogen fühlen oder denen eingeredet wird, sie hätten etwas falsch gemacht bzw. sie wären falsch.

Uns fällt es schwer, diese Kapitel zu lesen. Nachwievor gibt es wenige Erinnerungen an die eigene Kindheit und auf keine davon verlassen wir uns als faktische Wahrheit. Wir wissen nicht, wie auffällig oder unauffällig wir waren. Sehen aber über die Auseinandersetzung, wo Spuren unserer Erziehung und Sozialisierung “autistisches” Verhalten deckeln und sehen uns erneut damit konfrontiert, was für eine Hölle es gewesen sein muss könnte, ein Kind in dieser Familie und diesen früheren Lebensumgebungen zu sein.

Ich fühle mich um die Möglichkeit betrogen, fragen zu können, was ich für ein Kind war. Ich fühle mich um die Chance betrogen,  festzustellen, dass alles nur eine Folge von Missverständnissen war und ich doch eigentlich – in Wahrheit und echt – geliebt wurde. Und jetzt auch vermisst werde. Und mit Sorge bedacht, ob ich denn wirklich gut zurecht komme. Ob ich denn wirklich gut versorgt bin. Ob man mit der Frage, ob es mir gut geht, an mich denkt.
Und zwar nicht, weil man sich gesellschaftlich konventionell dazu verpflichtet fühlt, sich diese Frage zu stellen, weil man uns kennt, sondern weil man mich gemacht und nicht getötet hat.

Ich fühle mich um die Option einer Heilung betrogen.
Das tun nicht alle Rosenblätter und erst recht nicht alle anderen von uns. Aber ich tus.
Nicht, weil ich Krankheit schlimm finde und auch nicht, weil ich glaube, dass eine Heilung bedeutet, ein schönes Leben zu haben.
Ich habe ein Leben, das schön genug ist. Doch genau dieses Leben enthält einen Schmerz, den ich nur schwer in seiner erdrückenden Masse veräußern kann. Vor allem dann, wenn er als selbstgemachte Kopfgeburten abgetan und durch Ignoranz zu kurieren dargestellt wird. Noch dazu von Menschen, die ihn weder selbst kennen noch verstehen.

Ich erwarte nicht, dass andere Menschen verstehen, uns heilen oder versorgen oder ein Nest bauen, das unser Sarg werden darf.
Aber ich merke, dass es die häufig nicht einmal so bewussten Erwartungen anderer Menschen sind, die mir den Wunsch nach Heilung, nach “nicht so sein, wie ich bin” auslösen und mich abgekämpft und einsam mit der täglichen Niederlage zurücklassen.
Unsere Schwierigkeiten mit Behinderungen und Problemen ihrer Kompensation, werden immer und immer als so beweglich und veränderbar betrachtet. Als könnten wir uns dafür entscheiden, ob wir traumatisiert und autistisch sind. Als müssten wir das nur mal kurz vergessen und schon wäre alles kein Problem mehr.

Ich glaube nicht, dass diese Menschen merken, was sie für eine Verführung damit auslösen. Wie sehr ich mir wünsche, es ginge einfach ganz genauso. Als wäre es nur eine Frage wie stark, wie widerständig und kraftvoll wir uns dagegen entscheiden, traumatisiert und autistisch und darunter leidend zu sein. Wie groß das Potenzial einer dissoziativen Aufspaltung in uns wird, wenn ich mich in, für unseren Organismus toxisch stressvollen Lebenslagen, dagegen entscheide, zu sein, wer und was und wie ich bin. Wie wir, was und wer wir sind.

Ich glaube nicht, dass sie merken, wie sehr ich mich jeden Tag dagegen entscheide, darunter zu leiden, dass ich leide.
Dass sie merken, wieviel Kampf schon passiert ist, bis ich mir von ihnen anhören kann, es sei nicht genug oder der falsche Kampf gewesen.

Meine Konsequenz aus diesem Empfinden ist, den Kontakt mit mir unselbstverständlich zu machen.
Mit allen Folgen, die es für uns als Einsmensch haben kann.
Was nicht viele sind, denn ich bin nur eine_r von vielen.

Schwund ist immer.
Und Eine, eine Normale™, werden wir ja eh nie werden.