Schlagwort: Grundbedürfnisse

Notizen zu Freiheit, Liebe und dem Ende der Gewalt

Obwohl ich oft dankbar um die Gnade der späten Geburt bin, bin ich dieser Tage oft traurig nicht schon die 60 er, 70 er, 80 er und 90 er Jahre so erlebt zu haben, wie ich die Zeit heute erleben kann.
Ich frage mich, wie sich die Diskurse entwickelt haben und wo die Punkte waren, die Ereignisse und Impulse, die es uns heute ermöglichen immer breiter, immer weiter und diffiziler auf Themen zu schauen, die in Gesellschaften, in denen es sowohl gesetzlich festgeschriebene als auch verdeckte doch gesellschaftlich alltägliche Diskriminierungen gibt, üblich sind.

Gestern habe ich auf Facebook ein Video [graphic!] gesehen, das Yoko Ono hochgeladen hatte. Ich fragte mich, wie Plakate mit der Aufschrift “WAR IS OVER (if you want it)” heute auf der Meinungsseite einer Zeitung kommentiert würden. In den Köpfen von Menschen, die sich an einem Montagabend im Dezember in die Stadt stellen und Plakate auf denen “Hass” in unterschiedlichen Wortgewändern steht, hochhalten.
In meiner Twittertimeline.
In mir selbst.

Als wir im Zug von Berlin nach Hause saßen, hatte ich mir vorgenommen, mich fester mit meiner Freiheit und meinen Privilegien zu verbinden. Mich mir selbst mehr anzunähern, weil ich irgendwo tief drin spürte, dass ich selbst die größte Bedrohung für mich, meine Freiheit, meinen Frieden, meine Fähigkeit zu lieben bin.

Ich glaube nicht an Angst als Auslöser für Gewalt. Viel mehr erscheint mir das Heranholen solcher Erklärungsmodelle als ein Akt der Angst vor der Erkenntnis der Üblichkeit von Unfreiheit, Hass und Gewalt jeder Art.
Es ist mir im Grunde auch egal, warum sich Menschen für Vertreibung, Abwertung und Menschenverachtung, den Willen zum Schmerz, den Wunsch zum Leid anderer Menschen entscheiden. Das ist kein Wissen, das ich brauche, um die Folgen solcher Entscheidungen zu verhindern. Das ist auch kein Wissen, das unsere Politik braucht, um Gewalt gegen sogenannte “Minderheiten” zu verhindern oder zu beenden.

Was ich erfahren möchte ist, was es braucht, um ein Mit – und Beieinander zu leben, in dem Gewalt als Mittel zum Zweck weder brauch-bar erscheint, noch ist.

Immer wieder wird viel Kraft und Wert in Bemühungen gesteckt neue Gesetze zu entwerfen, die Gewalt verbieten und/oder unter Strafe stellen sollen – Bemühungen darum, die geschehene Gewalt miteinander aufzuarbeiten und zu tragen, erlebe ich eher selten.
Die Sinnhaftigkeit von Strafen und Strafbarkeit entzieht sich mir immer mehr, auch weil ich selbst zum Opfer von Straftaten wurde und weiß, dass keine Strafe der Täter_Innen etwas an meiner (Er-)Lebensrealität verändern würde – sehr wohl aber eine Bedingungslosigkeit der Hilfen und Unterstützungen, der Solidarität mit mir und ein spürbarer Schutz vor Wiederholung.

Bedingungslos gute, nährende, persönliches Wachstum fördernde Behandlung von unseren Mitmenschen einzufordern, ist das Radikalste, Beängstigendste, was Menschen heute in unserer Gesellschaft tun können. Dabei war es das Erste, das wir nach unserer Geburt getan haben und wird das Letzte sein, das wir fordern, bevor wir für immer die Augen schließen.

Ich weiß nicht, ob eine Besinnung auf diesen Umstand etwas ist, was nötig ist, um Gedankengut und persönliche Überzeugungen, die sich in Hass, Hetze und Schmerzzufügung entladen, zu verändern, aber ich merke, dass es mir hilft, mich immer wieder daran zu erinnern, um was für basale Bedürfnisse es mir geht, wenn ich mich zu feministischer Theorie, zum Inklusionsdiskurs, zu Opferschutz und zwischenmenschlicher Gewalt äußere.
Und es beruhigt mich, denn ja: Feindbilder werden immer härter kontrastiert, immer schärfe Abgrenzungslinien werden gezogen, aber zerstörbar sind Liebe und Menschlichkeit dann eben doch nicht.

Zumindest für mich nicht und das macht mich vielleicht innerlich auf eine Art frei, wie sie nicht antastbar ist.

monströs

Es gibt so viele Möglichkeiten, Menschen für den Rest des Lebens die Botschaft mitzugeben, dass sie es nicht verdient haben, Grundbedürfnisse erfüllt zubekommen, sobald sie etwas tun, was einen anderen Menschen verärgert/ ängstigt/ schmerzt/ bloßstellt/ nicht bestätigt.
Ein Grundbedürfnis ist der Kontakt zu anderen Menschen, zu Nähe, zu Wärme- dieses eine kleine Fünkchen, das um Mehrsamkeit versichert.

Egal, wie stark, wie mutig, wie autark und unabhängig das Handeln sein kann- das erste Geräusch von einem anderen Menschen, das sich an einen richtet und über das Dasein auf Erden in Zeiten und Sphären bewusst und versichert sein lässt,
– es ist ein verdammt großes Himmelreich in dem Zeppeline mit der Aufschrift: “Ja, du bist am Leben” herumfliegen, das Licht, das einem in die Augen schießt, irgendwas zwischen Glitzer und ätzender Säure ist und die Luft nach Freiheit schmeckt- egal, woraus sie besteht.

Es ist der Moment, in dem es die Chance auf einen Anfang gibt. Ein besseres; ein lieberes; ein artigeres; ein gleicheres Sein möglich ist. So eine Chance, sein Überleben durch Vollständigkeit der Optionen seine Grundbedürfnisse zu erfüllen noch sicherer zu machen.
Das Alte, Böse, das Monster, das man wegsperrte, von sich schob, mit dem Gesicht in die Zimmerecke stellte; auf die stille Treppe setzte; aus dem Klassenzimmer verwies; ins Gefängnis, in die Psychiatrie, ins Heim schickte, dem man jedes Gespräch, jede Klarheit, jedes (An-) Recht verweigerte- das ist ja weg.
Das bleibt da in seinem Käfig, als Kokonrest aus dem ein Schmetterling geschlüpft ist.

Als wir gestern im Gang des Ausweichzugs standen, in ein Abteil hinein starrten und den freien Platz darin nicht in Anspruch zu nehmen wagten, wurde mir klar, dass Isolation ein Sterben mit seinen 5 Phasen ist: Verleugnung, Wut, Verhandlung, Depression, Akzeptanz, und das auch noch viele Jahre später.

Am Ende ist so viel akzeptiert, dass alles okay ist, was nicht auch noch die Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung auf physischer Ebene eingrenzt.
So wird der Umstand ein Monster zu sein- auf immer und ewig- ohne Chance auf ein Sein als Schmetterling, zum Preis für ein physisches Überleben, das in einer unendlichen Schleife in Frage gestellt wird, durch die Befreiung noch vor Ende des Prozesses.

Genau deshalb meide ich Abhängigkeiten.
Genau deshalb ist meine mutigste Tat, mich an andere Menschen zu wenden und darauf zu verlassen, dass diese mir sagen, was ich tun kann/ darf/ soll/ muss, wenn ich es nicht weiß. Entweder, weil ich manche Dinge noch nie gemacht habe, oder weil mir (uns als Einsmensch) Lebenserfahrungsqualitäten fehlen.
Ich weiß, was ich machen muss, damit mir die Füße nicht weh tun- wie man sich stellen kann, wenn man tagelang irgendwo stehen muss. Ich weiß, wie man warm wird, wenns eisig ist; weiß, dass verhungern lange dauert; weiß, wie Durst in ganze, halbe und viertel Tropfen eingeteilt werden kann. Ich kann Dinge überleben, von denen andere Menschen hoffen, sie nicht einmal in Filmen sehen zu müssen.

Ich bin mit meiner Wut in die Freiheit gekommen.
Und jetzt fühlt es sich an, als hätte der Mensch, der mich fand ein Monster raus gelassen.
Ich kann nur Wut und Verhandeln.
Sowas will niemand und stößt es deshalb von sich.

Daran haben wir haben uns angepasst. Wir sind viele und können entsprechen.
Da sind Innens, die leugnen Bedürfnisse, akzeptieren alles und fragen ins Innen, ob sie so gefährlich sind, dass sie sterben sollten. Denken darüber nach, wie ein Sterben möglichst unauffällig und am Außen vorbei passieren kann- genauso, wie da Innens sind, die in Menschen immer “die Guten” sehen, die nett sind, sich kümmern, Klarheit um Umstände möglich machen.

Wir sind viele und genau deshalb bleibe ich wohl immer dieses Monster, das besser niemals raus gelassen worden wäre.

MonströsIch hab mich zu verpissen. Bin Affekt, bin bescheuert und nicht in der Lage Probleme zu erfassen- das einzige Problem ist ja, dass ich wütend bin. Schön mal beruhigen, dann kommt schon ein anderes Innen raus und man kann einsehen lassen, dass es ja gar kein Problem gibt- verhandeln hieße, etwas einzugestehen und ach- von wem ist das denn bitte abzuverlangen?

In meinem Innen gibt es mein Gefängnis noch.
Ich finds tröstlich, dass ich mich, wenigstens für mich allein, immer wieder einsperren und befreien kann.

Allein. Autark.
Monströs stark.