Schlagwort: Inklusion

Hartzjahre

Unsere Betreuerin rief am Dienstag an, um uns zu sagen, dass es noch nichts Neues vom Jobcenter gibt.
Das ist, was sie uns seit August bei jedem unserer Termine sagt. “Ich habe den Antrag, die Anfrage, die Nachfrage, die Forderung geschickt – es gab noch keine Rückmeldung.”

So kennen wir das. Diese boden- wie himmellose Weite des Kontaktes mit der Behörde, die uns die Existenz finanziert. Das Gefühl, mit einer Maschine ohne Ohren zu sprechen. Der Eindruck von Haltlosigkeit, der zur Fassungslosigkeit wird, wann immer dann doch eine Antwort kommt, weil es darin nie um uns, sondern um das System Hartz 4 geht.

Wir beziehen seit bald 15 Jahren Hartz 4. Noch nie waren wir mit Untätigkeitsverhalten der Behörde konfrontiert. Der Schweigestrafe. Danach fühlt sich das für uns an und löst Erinnern an traumatische Erfahrungen aus. Die Bodenlosigkeit wird unendlich. Die Haltlosigkeit zu dissoziativem Erleben. Irgendwann geht es nicht mehr um das Geld, mit dem unsere Existenz finanziert wird, sondern um alles. Leben oder Tod.

Trotz der langen Bezugszeit leben wir nicht prekär. Wir sind arm, ja. Aber wir sind gebildet. Und wir kommen nicht aus der Armut. Unser Habitus ist bürgerlich, typisch für die Mittelklasse. Und wir sind weiß.
Unsere Hartzjahre sind für die meisten weißen Mittelklassenleute Unfairjahre. Realhorror. Boah-das-könnt-ich-nicht-Jahre. Und deshalb könnten unsere Hartzjahre gut in ein Buch passen, das im Feuilleton besprochen wird.

Wir Langzeitarbeitslosen, die dem Klischee vom dummen Ekelfaulenzer nicht entsprechen, sind oft diejenigen, die in Zeitungen zu sehen sind. Deshalb sind wir die, mit denen sich “die Leute” noch am ehesten identifizieren können.

Diese Identifikation stellt sich für uns als hinderlich dar.
Denn wir sind nicht durch einen unfairen Schicksalsschlag, durch Nichtanerkennung unserer ausländischen Bildungsabschlüsse oder bereits chancenlose Eltern im Leistungsbezug. Wir sind Opfer von Gewalt gewesen und schwerbehindert.

2005 waren wir 19 Jahre alt und noch 2 Jahre vom Ausstieg entfernt.
Wir wurden ausgebeutet und verletzt. Betreut, behandelt und so davor bewahrt, uns das Leben zu nehmen. Der Antrag auf Hartz 4 wurde nötig, weil Hartz 4 gerade eingeführt worden war. Wir waren noch in der Jugendhilfe, später in der Eingliederungshilfe. Dass wir kaum lebensfähig waren, das war so überdeutlich klar, aber dieses System hatte schon damals keinerlei andere Vorgänge für Leute wie mich, als den der permanenten Prüfung auf Arbeitsfähigkeit.

Immer wieder waren wir damit konfrontiert, keinerlei Wert für diese Behörde zu haben, weil wir keinerlei Arbeitsfähigkeit vorweisen konnten. “Sie arbeiten weiterhin an ihrer Stabilisierung”, sagten meine ständig wechselnden und dadurch zunehmend gesichtslos werdenden Sachbearbeiter_innen für die aktiven Leistungen.

Und wir stabilisierten uns. Stiegen aus. Begannen zu heilen. Wuchsen aus der Opferrolle in die Überlebendenrolle in die Selbstbestimmung hinein, die unsere Kontexte gewähren können.
Arbeitsfähigkeit war und ist immer ein Teil dessen, worauf wir hingearbeitet haben.
Wir erwarten von unserer Umwelt nicht, dass sie einfach alles für uns bezahlt. Dass wir in irgendeiner Form von der Gesellschaft, die zugelassen hat, dass unsere ersten 21 Lebensjahre so passieren konnten, wie sie es taten, aufgefangen und aus_gehalten werden. Wir empfangen keine Leistungen und danken dem Sozialstaat. Wir bekommen Geld und manchmal fühlt es sich wie damals an, als uns die Leute, die uns verletzten und benutzten Geld dafür auf den Tisch legten. “Mach damit was du willst, Fickstück.”

Unsere Hartzjahre waren noch nie wie in unserer Kindheit. Immer nur wie die Ausbeutungskontexte danach.
Einfach ins Leere zu fassen wie jetzt, ist ganz eindeutig Kindheitstrauma_wieder.er.leben Keine Ansprechpartner_in zu haben, die irgendetwas verändern kann. Zuständig, ja sogar in der Pflicht ist, zu antworten und sich zu kümmern. Keine Macht zu haben, selbst etwas an der Lage zu verändern, weil die Abhängigkeit so groß ist. Und einzig die Wahl zu haben, sich vom Wohl und Wehe einer weiteren Instanz, nämlich der Justiz, abhängig zu machen, um eventuell vielleicht – mit ungewissem Ausgang, keinerlei Garantie und möglicherweise unangenehmen sozialen Folgen – zu erwirken, dass da etwas passiert.

Man sagt uns, dass das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Erinnert uns daran, dass wir betreut werden, dass wir versorgt sind, auch wenn die Behörde versagt. Versucht, uns die Unterschiede klar zu machen.
Aber darum geht es gar nicht. Das ist nie der Kern unserer Traumatisierungen gewesen. Es ging nie darum, dass uns Menschen verletzt haben oder passiert ist, was passiert ist.
Es geht immer um diese Stille. Diese Leere. Dieses Moment, in dem nichts mehr gespürt werden kann, weil es insgesamt zuviel zu spüren gibt.

Von “unseren Hartzjahren” zu sprechen, bedeutet auch von “unseren Jahren in struktureller Gewalt, die von allen gleichermaßen mitgemacht wird” zu sprechen.
Hartz 4 wird vom Staat finanziert. Wir alle bezahlen Hartz 4. Wir alle bezahlen für die Ausübung struktureller Gewalt durch Jobcenter, Sozial- und Versorgungsämter. Niemand ist unschuldig. Alle sind schuld daran.
Und es ist die gleiche Schuld, wie die an unserem Bluten als Kind, unserer Ausbeutung als Jugendliche_r, der Lebensgefahr, mit der wir bis heute umgehen.

Und, na klar, könnten wir das alles bequemer formulieren. Könnten die Gewalt an uns individualisieren und sagen, dass nur unsere Herkunftsfamilie und Fremde uns verletzt haben. Aber so war es einfach nicht. So ist es einfach nicht.
Gewalt wird gemacht. Auch durch stumme Zeug_innen, die glauben, sie hätten nichts damit zu tun, weil sie weder uns noch die, die an uns zu Täter_innen wurden, kennen.
Das zu benennen, haben wir uns zum Auftrag gemacht. Auch, weil die Menschen in unserem Leben nicht müde werden uns zu sagen, dass sie sehen, wie schlimm das alles ist. Wie unfassbar brutal und ängstigend.
Wir brauchen sie aber nicht nur als mitfühlende Zeug_innen. Die hatten wir schon als Kind. Als Jugendliche. Als junge Erwachsene. Als von-der-Gewalt-Übrige. Und es ist trotzdem passiert. Mit allen Schmerzen, allen körperlichen, wie seelischen Folgen.

Wir brauchen Unterstützer_innen. Brauchen politisches Handeln.
Brauchen, dass die Gewalt an sich anerkannt und in der Konsequenz beendet wird.
Und zwar nicht auf dem leichten Weg durch Reformen mit einem freundlichen Namen, sondern durch die harte, unnachgiebige Debatte um den Wert von Menschenleben, Würde und die Sicherstellung von bedingungsloser Versorgung aller Menschen, mit denen wir zusammenleben. Sei es in unserer Stadt, unserem Bundesland, unserem Land, unserem Staat, unserer Welt.

Wenn es uns wirklich ernst damit ist, niemanden verletzen, demütigen oder sterben lassen zu wollen, dann wird es Wege und Mittel geben, das auch ohne Gewalt zu schaffen. Wenn nicht, dann muss das Grundgesetz umgeschrieben werden. Dann muss sich von der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte distanziert werden. Dann braucht es das Bekenntnis zur Täter_innenschaft. Zur Gewalt, zur Zerstörung.

An dieser Stelle darf es kein Spektrum mehr geben, in dem man sich mit Feigenblatt und 3-Affen-Ignoranz positionieren kann. Denn aufgrund genau dieser Optionen entstehen Leben wie unseres. Erfahrungen und Kontexte, in denen normal ist, was wir überlebt haben und so viele andere Menschen Tag für Tag nicht überleben können. Aus genau diesem Umstand heraus, gibt es überhaupt nur die Chance zu glauben, es wäre genug, vor allem auch Langzeit-Hartz4-Überlebenden, zu sagen, dass man sieht und glaubt, wie schlimm das alles ist.
Dass es reicht Kinderschutzkonzepte zu etablieren. Dass es reicht, Seenotrettung nicht zu illegalisieren. Dass es reicht, sich daran zu erinnern, dass wir alle Menschen sind. Dass es reicht, wenn wir nicht die AfD wählen. Dass es reicht, ein Mal am Tag die Tagesschau zu gucken. Dass es reicht, ein absolut zu bewahrendes Existenzminimum für jede_n Einzelne_n zu definieren. Dass es reicht gegen Kapitalismus zu sein.

Das tut es nämlich einfach nicht.
Man muss sich fragen, was man statt der Gewalt will.
Wenn wir unsere Menschen fragen, was sie sich für uns statt Hartz 4 wünschen, dann antworten sie, dass sie uns einen Job wünschen. Geld. Sicherheit. Autonomie. Dass wir leben können wie sie.
Und wir fühlen uns schlecht dabei. Denn wir wollen Sicherheit und Autonomie – aber ohne jede Bedingung dafür erfüllen zu müssen. Wir wollen, was wir schon als Kind so unbedingt gewollt und gebraucht haben – was alle Kinder so unbedingt wollen und für ihr Überleben brauchen: bedingungsloses Miteinander. Fürsorge, Versorgung, Stimulation.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es das nicht gibt. In der alle jeden Tag in dem Wunsch nach Bedingungslosigkeit enttäuscht werden und manchmal so sehr, dass man sich über kleinste Stückchen davon so sehr freut, dass es eine Welt wird.
Wir finden das traurig. Denken, dass Menschen das besser hinkriegen könnten.
Wenn sie wollten.

Und wenn sie könnten, wie sie wollten.
Bedingungslosigkeit geht aber nur mit Bedingungslosigkeit.
Und genau die gibt es in unserer Kultur, unserem Miteinander gerade nicht.

Wir sind am Arsch.

Hello and thanks for coming to my TedTalk

zum International Disability Day

Gestern war „International Disability Day“, deshalb habe ich darüber nachgedacht, ob ich über unser aktuelles Behinderungsding schreibe, aber

Ich hab erst neulich geschrieben, dass mich meine eigenen Redunanzen nerven. Sie nerven mich und manche tun mir einfach weh, weil ich weiß, dass sie trotz der permanenten Wiederholung nicht an Relevanz verlieren oder tatsächlich auch als Wiederholung verstanden werden.
Sackgasse. Wörterblockade. 5 Gedanken zurück, noch einmal über Los.

Nach der Berufsausbildung hätte eine klitzekleine bezahlte Stelle für mich möglich sein können. Klitzeminiwinzig klein. Mit genau dem Umfang, den ich schaffe. Mit genau genug Geld, um mal einen klitzemini Rentenpunkt zu bekommen und mit gezielt gesetzten Einkünften über Blog, Podcast, eigenes Zeug vielleicht sogar mal ein zwei drei vier Monate im Jahr weder Hartz noch Wohngeld zu brauchen.

Und dann wurde ich vom Jobcenter erneut medizinisch begutachtet, gab es eine anscheinend neue Ausgangslage durch die Ausbildung.
Weil ich nach fast 11 Jahren Arbeitslosigkeit die Ausbildung geschafft habe, wird nun diese miniklitzekleine Stelle in dem Betrieb – den ich kenne und mag und der mich will; wo ich tun kann, was ich kann, wie ich das kann – nicht vom Jobcenter gefördert. Die Ausbildung hat die Arbeitslosigkeit unterbrochen. Eine Förderung durch einen anderen Topf reicht nicht aus. Der Betrieb ist sehr klein, die volle Förderung ist nötig.

Die neue Betreuerin hat mir das letzte Woche am Telefon erklärt. Sagte dabei so etwas wie: „Bei Ihnen ist ja auch nicht davon auszugehen, dass das wieder weggeht“. Ich wollte schreien. Und als ich das jetzt aufschreibe, weine ich zum ersten Mal darüber.

Wieder bin ich an diesem Punkt. Zwischen bodenlosem Einsamkeitsgefühl, Kränkung, Ent_täuschung und der Bewegung, die nur Traumatrigger auslösen. Zwischen inklusionspolitischen Themen und soziologischen Phänomenen, zwischen dem Außermir und der Welt, in der ich lebe.
Das klingt pathetisch und überdramatisch, Hannah, des geht nicht um dein Leben – ja, aber ja, doch auch.

Ich bin vor ein paar Jahren dafür kritisiert worden, dass ich Arbeiten als Privileg beschrieben habe. Ich habe nie direkt darauf reagiert, weil ich kein Interesse an einem Shitstorm mit weißen ablierten Marx-Linken habe, deren Begriff von Arbeit einzig die Ausbeutung und Unterdrückung von Arbeiter_innen kennt. Als ginge Unterdrückung und Ausbeutung nicht auch durch den Entzug von Arbeitsmöglichkeiten. Als wäre der Kapitalismus allein mit der Abschaffung entlohnter Arbeit lösbar.

Als behinderte Person, die zusätzlich auch chronisch erkrankt ist, gibt es für mich die gleichen Perspektiven wie für alle anderen Menschen im Kapitalismus auch: Entweder rein in die Verwertung oder raus aus der Verwertung.
Diese Entscheidung ist zu treffen, ob man will oder nicht und allein der Tod bedeutet das „raus aus der Verwertung“. Denn: selbst wenn man nicht direkt selbst ver_wertet, so ist man im Kapitalismus selbst ein Wert.
Ich bin Teil der Sozialwirtschaft. Ich schaffe mit meinen Bedarfen Arbeitsplätze. Die Verwaltung meiner Belange ist Teil der Arbeit vieler Menschen. Ich esse, ich wohne, ich scheiße, an Weihnachten bestelle ich Geschenke bei Amazon. Landwirt_innen, Haustechniker_innen, die Ab_Wasserwirtschaft und die armen Schweine, die jetzt von Amazon ausgebeutet werden, haben direkt mit mir zu tun – doch ich kann meinen Konsum nicht mit ihrem gleich machen. Mein Geld kommt nicht aus einem Entlohnungskreislauf, sondern aus einem kapitalistisch pervertierten Solidaritätsgedanken, an dessen Anfang mal die Idee stand, dass jeder Mensch jederzeit (chronisch) krank, behindert oder aus anderen Gründen arbeitsunfähig werden kann und damit das Privileg der autonomen Versorgung durch eigene Mittel verliert.

Ganz selbstverständlich ist in diesem Gedanken die Idee, dass Menschen, die in welchem Umfang auch immer nicht autonom handeln können, das Kolletiv brauchen. Doch die Rolle der Menschen im Kollektiv ist bis heute eine, die nicht auf Gleichheit beruht, sondern auf Unterschied.

Mein Wunsch danach arbeiten zu gehen wie andere Menschen auch, entspringt der Selbst-, wie Fremdverortung als nicht gleiche Person. Also meine Exklusion durch meine individuellen Grenzen der Fertig- und Fähigkeiten, die meine Art und Weisen der Arbeit zu etwas anderem macht, als die anderer Menschen.
Wenn ich so etwas schreibe, dann lesen viele ablierte Menschen einen Vorwurf des Ausschlusses. Den formuliere ich an der Stelle aber gar nicht. Ich beschreibe lediglich, dass er passiert und wirkt.

Ganz konkret nämlich genauso, wie ich es in meiner aktuellen Situation erfahre.
Ich bin 14 Jahre in Hartz 4, weil meine damals noch nicht bekannte Behinderung, eine schlechte Versorgungslage und inexistenter Opferschutz, die Behandlung meiner chronischen Krankheit massiv erschweren. Dann wird die Behinderung erkannt, Kompensationsmöglichkeiten entstehen und neue Fertigkeiten werden entwickelt. Eine Berufsausbildung erscheint schaffbar. 3 Jahre und unfassbar viel Bildungs- und Inklusionsarbeit nebenbei später ist sie geschafft, ein Zettel mit dem Beweis der Gleichheit in Fertigkeiten wird erlangt.
Doch die grundlegende Andersheit ist weiterhin da.
„Das geht bei Ihnen ja nicht mehr weg.“

Behindert zu sein (und zu werden) funktioniert nicht wie das Märchen vom hässlichen Entlein, in dem man als Ausgeschlossene_r einfach nur die Gleichen finden muss, um glücklich und zufrieden, gleich im Kollektiv der Gleichen zu sein Es ist viel quälender, denn das Kollektiv der mir Gleichen ist immer das Kollektiv der Ausgeschlossenen.

Ich will an der Stelle nicht darauf eingehen, welches Kollektiv sich nach wem ausrichten sollte. Wer schließt wen aus, welches Kollektiv ist das Gute, welches das Schlechte. Darum geht es mir nicht, obwohl die Frage gestellt werden muss, wer sich nach wem warum ausrichtet. Das ist ja der schmerzhafte Teil – warum will ich denn tun und können, was Leute tun und können, die nicht behindert und/oder chronisch erkrankt sind bzw. ihre Behinderungen und/oder chronische Erkrankungen so gut kompensieren können, dass sie nicht zu Problemen in Produktivität und damit Autonomie führen? Warum sind die mein Maßstab und nicht andere Menschen in meiner Lage?
Na, weil Menschen, die nicht in meiner Lage sind privilegierter sind und ein entsprechend autonomeres und damit freieres Leben führen können. Nicht, weil ich sie für die besseren Menschen halte oder mich selbst für wertlos. Das kommt erst danach, denn das ist der Schluss zu dem meine Lebensrealität zwangsläufig führt (und führen soll).

Das Jobcenter hat mich jetzt wieder als arbeitsunfähig eingestuft.
Obwohl ich im Moment zwischen 12 und 15 Stunden in der Woche arbeite. Das ist mehr als ich jemals zuvor geschafft habe. Ich bin stolz darauf, weil ich weiß, dass ich mit dieser Leistungsfähigkeit viele Urteile über mich Lügen strafe. Ich schäme mich für diesen Stolz, denn ich weiß, dass er in eine Dynamik reinspielt, die am Ende nicht nur mir, sondern allen Menschen schadet.

 

Ich weiß nicht viel über den International Disability Day. Ich bin kein Teil „der Inklusionsbewegung“. Ich kann keine berührenden, empörenden Texte über Beispiele gescheiterter Inklusion, Diskriminierung oder irgendetwas sarkastisch witziges darüber schreiben, als Objekt der Inspiration missbraucht zu werden oder einen Alltag zu leben, in dem fremde Menschen nach meinem Rollstuhl grabschen. Ich kann keine visuell erfassbaren Stereotypen brechen, die auf ihre Existenz aufmerksam machen.
Die Behinderung mit deren Auswirkungen ich lebe, ist von meiner chronischen Erkrankung nur schwer zu unterscheiden. Ich bewege mich in einer Gemengelage doppelter Abwehr und allgemeiner Unkenntnis. In meinem Leben geht es nicht nur darum, zu erklären, was Autismus ist und was eine dissoziative Identitätsstörung und dann die passende Lücke zu finden. Es geht auch darum auszuhalten, dass der Autismus meinen Ausschluss besiegelt und die DIS etwas ist, das mich mit vielen Nicht-Ausgeschlossenen gleich macht.

Ich passe wieder nicht rein. Nicht mal in den International Disability Day.

Buchrezension “I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay”

Dieser Text enthält unbeauftragte Werbung.
Als Teil des Verlagskollektives haben wir das Buch als Freiexemplar erhalten,
jedoch nicht an dessen Umsetzung und Veröffentlichung mitgearbeitet.
Mika Murstein verwendet das Pronomen “mer” für sich, also verwenden wir es in diesem Text auch.

ein Backstein
In jeder Hinsicht ist die 462 Seiten mächtige Gedankensammlung von Mika Murstein, in der unter anderem die Verhältnisse von Be_Hinderung und Geschlecht, von Klassismus und Ableismus, Netzaktivismus und Empowerment besprochen und mit den Diskursen unserer Zeit in Zusammenhang gebracht werden, ein Backstein.

zuweilen erschlagend
Leser_innen jenseits netzaktivistischer Auseinandersetzungen und queerfeministischer Ansichten, dürften Schwierigkeiten haben, sich in Form und Struktur dieser in Text gegossenen Gedankenlandschaft zurecht zu finden. Ja, auch sich selbst zu finden oder in Beziehung zu setzen.
Auch der Satz des Buches und die Sprache, die zwischen amerikanischen wie deutschen Neologismen und Eigennamen springt, erfordern eine sehr hohe intrinsische Lese- und Verständnismotivation, sowie Fähig- und Fertigkeit sich daran anzupassen.

one brick at a time
Murstein leitet und strukturiert mers Gedankengänge von mers eigenen Er_Lebenserfahrungen ab und nterfüttert diese überwiegend mit Theorien und Texten anderer, in Deutschland nicht breit besprochener Aktivist_innen, wobei der Spagat zwischen “zugänglich machen” und “eigenen Punkt machen”, mal mehr mal weniger griffig und allgemein verständlich funktioniert.
Über verschiedenste Aspekte des Er.Lebens zeigt die_r Autor_in auf, wie tief und weitreichend verzweigt ableistische Annahmen, Erzählungen und Handlungen in der Gesellschaft und ihren Strukturen wirken.

Bereits nach wenigen Seiten ist klar: Wo Ableismus beginnt, beginnen auch Klassismus, Rassismus, Sexismus und immer wieder die Aufgabe, sich selbst darin zu verorten, obwohl jedes dieser *ismen mehr oder weniger gezielt zur Ausgrenzung führt und führen soll.
So findet man sich nach einiger Lesezeit in einem vielschichtigen, dicht an dicht gesetztem Gedankengebäude wieder.

Aufbaumaterial
Selbst von Ausschlüssen, aufgrund von Ableismus und/oder anderen Diskriminierungsformen, betroffenen Menschen, erscheinen die eigenen Erfahrungen oft unkonkret und daher auch unbewortbar. Murstein gibt mit “I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay” Beispiel und Grundlage in Worte und Diskussion zu kommen.
Mers Perspektive auf die Themen und Strukturen unserer Zeit, zeigen Wege und Formen des Aktivismus und was darin möglich und nötig ist, aber auch darüber hinaus noch sinnvoll sein könnte.

another brick in the wall
Dieses Buch ist für behinderte Cyborgs, für Schwarze be_hinderte Menschen, für Arme mit Behinderung, für Leute, die dazulernen wollen, für weiße cis Feminist_innen, für Allys … für alle, die das eigene Gedankengebäude zu Inklusion, Netzaktivismus, social justice und die Gleichberechtigungsdiskurse unserer Zeit erweitern oder umbauen wollen, aber auch Anteil an der Dokumentation der Gegenwart be_hinderter und mehrfach marginalisierter Menschen nehmen wollen.

„I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay“ ist im linken, unabhängigen Verlagskollektiv „Edition Assemblage“ erschienen, das sich als Plattform für die Stimmen und Perspektiven mehrfachmarginalisierter Personen.gruppen versteht.
Ihr könnt der Edition Assemblage Rückenwind geben und ihr aktuelles Crowdfunding unterstützen, um Bücher wie dieses auch in Zukunft zu veröffentlichen.

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“Mach dir nicht so viele Gedanken.”, “Mach dir keinen Stress.”, “Reg dich nicht darüber auf.”.
Das sind die Dinge, die uns Menschen zu dem Problem mit dem Lehrer sagen. Und generell zu vielen, den meisten der Probleme, die wir im Leben sehen. Beruf, Zukunft, Lebensausrichtung, die Ordnung unserer Dinge und Handlungen.

So etwas macht einen Schmerz, der immer wieder neu weh tut einerseits und andererseits kaum richtig “echter Schmerz” im Sinne einer emotionalen Verwundung ist. Es ist eher eine, die!, schmerzliche Erinnerung daran, wo die Grenzen zu anderen Leuten verlaufen. Sie verlaufen für uns genau dort, wo Leute annehmen, wir würden uns Gedanken zu Dingen machen, wie man Kuchen backt oder sich selbst eine Frisur macht: zielgerichtet, eine Absicht verfolgend, vielleicht, weil man etwas anderes gerade weder will noch kann oder mag.

Unser Ausdruck von Stress über Dinge entsteht in der Regel erst dann, wenn wir durch die Kommunikation unserer Gedanken zu Dingen als etwas, das frei wählbar und vermutlich die Folge von Vermeidung anderer Optionen sei, merken, dass wir allein mit dem Problem sind. Sicher nicht, weil die Menschen sich dafür entscheiden uns damit allein zu lassen. In der Regel wollen sie ja alle das Beste für uns. Sie sind uns zugewandt und sehen, dass es uns nicht gut geht. Aber sie verstehen uns nicht. Und, sie sehen die Dissonanz zwischen dem, was sie an uns herantragen und dem, was sie sich für uns wünschen nicht. Auch damit sind wir meistens allein.

Wir sind nicht gut in der Lösung von zwischenmenschlichen Problemen. Wir wissen das. Wir merken das. Wir leben schon einige Jahre mit dieser Unfähigkeit und trotz vieler Hilfsmittel und Krücken, die für die andere Partei in der Regel ermöglicht, gute Lösungen zu finden, bleiben wir oft mit dem Wissen zurück, dass wir ein Problem lösen, bei dem wir nichts weiter als ein Kanarienvogel in der Kohlenmine waren.

Wir geraten nie „einfach nur so“ in Schwierigkeiten. Wir zeigen sie auf und werden deshalb als die Problemursache verortet. Schlicht deshalb, weil wir unsere Gedanken nicht „machen“, sondern sie durch all die Fragezeichen und Unstimmigkeiten in der Zwischenmenschlichkeit und der Unmöglichkeit, die Zukunft vorherzusehen, zwangsläufig entstehen.

In ultra autoriären Kontexten hatten wir nie Probleme damit. Darin hatten wir unsere Gedanken und die Spaltung zwischen innen und außen. Wir haben nicht gesagt, was wir denken, haben nie geäußert, was wir uns fragen. Wir haben gehört und gefolgt und am Ende war das Ende. Es gab keine Zukunft, es gab ein Ziel, das ein weiteres Ende sein würde, über das weder nachzudenken, nachzufragen oder sich zu sorgen erlaubt nötig möglich war.

In Momenten wie dem, in dem unsere Therapeutin aus der Sache mit dem Lehrer zum Beispiel etwas macht, das in uns begründet ist; unser Klassenlehrer, dem wir von der Sache erzählten, weil er sagte, wir sollten bei Problemen immer sofort zu ihm kommen und davon erzählen, uns sagt, wir sollen uns weder aufregen noch sorgen; der Begleitermensch schon wieder nicht erreichbar ist, obwohl er uns zugesichert hatte, dass wir in der Schulzeit nicht allein mit solchen Situationen sein müssten,

da ist der Wunsch nach so einem ultra autoritären Kontext wieder da
und ich kann’s verstehen
ja, sogar nachfühlen.

Nicht, weil die Aussicht auf die globale Unterwerfung und Lossagung solcher Problemlagen so toll ist, sondern, weil es weder die real entstehenden zwischenmenschlichen Probleme, noch den Schmerz der Alleinigkeit damit, noch das Spüren der weiterreichenden Konsequenzen dieses Schmerzes gibt.

Es geht ja nicht nur um dieses eine Problem. Sondern auch um die, die da noch kommen werden. Es geht auch darum, immer Kraft für sowas bereit haben zu müssen und niemals vergessen zu dürfen, dass das ein Kraftvorrat ist, der dazu da ist, immer einsetzbar zu sein – egal, wie anstrengend der ganze Rest ist.

Es geht auch um das Gefühl der Isolation. Es gibt Menschen, die mit unserer Selbstbezogenheit wenig mehr als Pathologisierung und Negativbewertung anfangen können. Die meisten brauchen entweder lange oder schaffen es nie zu verstehen, dass wir uns nicht wie sie oder die meisten Leute, über andere Menschen oder die Interaktion mit ihnen spüren. Wir also keinen Wert für uns darin sehen, mit ihnen zu tun zu haben, sondern darin, was konkret wir mit ihnen zu tun haben. Um das etwas näher zu erklären, ein Beispiel.

Eine Person mit der wir befreundet sind, fragt uns, ob wir mit ihr Zeit verbringen. Sagen wir, wir machen eine kleine Radtour. Wir werden uns gut fühlen, weil wir radfahren und sie auch. Weil wir beide das Gleiche tun und einander erzählen können, wie es für uns war. Uns macht daran glücklich, dass wir Rad gefahren sind und, dass wir beide die gleiche Erfahrung gemacht haben und, dass wir einander davon erzählen können. Auch wenn die andere Person es vielleicht nicht so toll fand, so steht für uns nicht das im Vordergrund, sondern die Schönheit der Kongruenz, über die wir uns verbinden können. Wir sind dann nicht glücklich, weil eben genau diese Person da war. Oder weil wir besondere Momente miteinander erlebt haben. Die Gleichheit der Handlung (die planbar, machbar, schaffbar war) erfüllt uns mit Zufriedenheit.

Übertragen auf soziale Problemlagen, wie dem mit dem Lehrer, ist für uns irrelevant, wie er sich fühlt, wenn wir uns schlecht fühlen. Für uns ist seine emotionale oder soziale Bewertung der Situation auch egal. Wir brauchen für uns auch nicht zu wissen, wie es ihm geht, denn uns geht es um das Ergebnis seiner Handlung bzw. einen faktisch existenten Umstand.
Beschäftigen werden wir uns in den nächsten Tagen aber vor allem damit, ihm das klar zu machen, ohne, dass er sich tödlich beleidigt oder missachtet fühlt. Und erst dann können wir vielleicht eventuell zu dem kommen, was für uns eigentlich relevant ist. Ein Problem, das wir nur durch achtsame und sachbezogene, also sehr konkrete, Kommunikation lösen und in der Zukunft verhindern können. Obwohl Schulalltag um uns herum ist, obwohl es für ihn irrelevant ist, obwohl es unbezahlte Mehrarbeit für ihn ist und obwohl es eine Veränderung in seiner Kommunikation bedeutet, von der erst einmal nur wir etwas haben (aber später könnte sich herausstellen, dass alle etwas davon haben – auch er).

Was in der Reihenfolge einfach kräftezehrend für uns ist und auch wieder ganz eigene Unfairheiten mit sich bringt. Denn ihm wird niemand sagen, er solle sich nicht aufregen, sich Gedanken machen, keinen Stress damit haben.
Ihn wird man eher noch bedauern, jemanden wie mich unterrichten zu müssen, obwohl man als Lehrer_in doch so gar nicht darauf vorbereitet wird. Ihm würde man eher noch das Fehlen von eigenen Gedanken dazu entschuldigen, denn, wie hätte er denn je darauf kommen sollen. Niemand würde ihm sagen, er solle sich keinen Stress damit machen, weil man weiß: Er hat eh schon genug unverhinderbaren Stress, weil Lehrer_in zu sein, einfach als stressreicher Job mit enorm vielen Aufgaben gedacht und akzeptiert wird. Und sollte er sich doch Gedanken und Stress machen, dann wird ihm das als Merkmal guten Lehrerseins angetan – nicht als unnötige Selbstsabotage oder Merkmal einer Pathologie der Psyche, wie bei uns.

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von und mit Hartz 4 über.leben

Am 14. 3. 2018 fragte Zeit Online Menschen in Hartz 4, nach ihrer Lebensrealität.
Wir haben einen langen Text geschrieben.
Diesen langen Text haben wir noch einmal ergänzt.

 

Von und mit Hartz 4 überlebe ich seit seiner Einführung im Jahr 2005.
2005, da war ich 18/19 Jahre alt. Jugendhilfekind seit 3/4 Jahren. Betreut in der ersten eigenen Wohnung, aus Gründen, die etwas mit meinem Willen zum Überleben und der Entscheidung zum Leben selbst zu tun hatten.

Eine Wahl, ob ich Hartz 4 in Anspruch nehme oder nicht, hatte ich nie. Um in mein Leben als schwerbehinderte, durch Gewalt in der Familie komplex traumatisierte Person hineinzufinden, brauchte ich institutionelle Hilfen. Die bekommt man als Jugendliche_r nur dann, wenn man nichts hat und niemand sonst dafür aufkommt.

Mein Hilfebedarf und der strukturelle Ausschluss, den ich aufgrund meiner Behinderung erfahre, halten mich bis heute in Hartz 4.  Nach meinem Realschulabschluss an der Abendschule, für den ich aufgrund mehrerer Krankenhausaufenthalte länger brauchte als die Schüler_innen, mit denen ich den Bildungsgang begann,  folgten 10 Jahre Bewerbungsphase, Mangelmangament und ein Kampf um das eigene Leben, der weitestgehend unsichtbar für die Menschen in meinem Leben und vielleicht auch weite Teile der Gesellschaft war.

Bei Antragsstellung auf Hartz 4 konnte ich noch eine Erstausstattung für Möbel, Waschmaschine und Kühlschrank beantragen. 10 Jahre später sind die Pressspanmöbel, die ich von dem Geld im Möbeldiscounter kaufen konnte alle kaputt, denn umziehen kann man mit solchen Möbelstücken nicht besonders oft.
Steigende Mieten bei gleichbleibend niedrigen Wohngeld erforderten aber genau das.
Einen Antrag auf Ausstattung kann man nur einmal stellen. Wenn man später erneut große Anschaffung machen muss, muss man ein Darlehen beim Jobcenter beantragen. Das wird dann in Raten vom Existenzminimum abgezogen.

Heute wohne ich in einer überalterten Wohnung mit Dusche übern Gang und Durchlauferhitzern an allen Wasserhähnen. Und zahle immer noch mehr Miete, als es mein Wohngeldsatz abdeckt.
Warmwasser ist ein Luxusgut in meiner Wohnung. Jedes Jahr streite ich mit der Wohnungsbaugenossenschaft, ob eine Mieterhöhung angemessen ist, oder nicht. Sollte ich diesen Streit einmal verlieren, verliere ich wieder ein Zuhause.

Von der Erstausstattung damals habe ich heute nur noch den Kühlschrank und die Waschmaschine.
Was ich mache, wenn die kaputt gehen? Ich habe keine Ahnung.
Ob, und wenn ja, wie ich solche Gegenstände ersetzt bekomme, passiert in meinem Leben nach dem Zufallsprinzip, das viel mit damit zu tun hat, wie leicht ich meinen Stolz und das bisschen Verlangen nach Würde, das ich durchaus noch habe, hintan stellen kann – noch mehr jedoch mit schierem Glück.

Als mein Backofen kaputt ging, bot jemand bei Twitter an, mir einen neuen zu bezahlen. Die gleiche Person hat mir eine neue Matratze gekauft, als meine alte, die ich schon gebraucht hatte kaufen müssen, nach 8 Jahren nicht mehr nutzbar war. Ich vermeide es aktiv darüber nachzudenken, wie sich das für mich anfühlt. Weil ich weiß, dass es kein gutes Gefühl ist.

Wenn Freund_innen ihre Kleidung aussortieren, schicken sie mir das, was sie nicht mehr wollen.
Seit Jahren sehe ich also überwiegend aus, wie andere Leute nicht mehr aussehen wollen und was würde besser zu einem Menschen passen, der so lebt, wie andere Leute nicht leben wollen?

Jens Spahn meint, mit Hartz 4 müsse man nicht hungern und ich kann ihm darin zustimmen.
Mit Hartz 4 muss man nicht hungern. Man kann wählen, ob man hungern will oder lieber keinen Strom haben. Oder keinen Telefonanschluss. Oder keine Monatskarte für den ÖPNV. Oder keine Schulsachen. Oder keine kulturelle Teilhabe. Oder Möbel. Oder Kleidung.

Ich habe das “Glück” auch noch wählen zu können, ob ich hungere oder auf Medikamente verzichte.
Als die Politik die Praxisgebühren für eine gute Idee hielt, sparte ich an Hausarztbesuchen, um meine regelmäßig notwendigen Facharzttermine haben zu können. Denn Praxisgebühren zusammen mit Rezeptgebühren und den Kostenanteilen für Krankentransporte, übersteigen das Budget, das ich für Medikamente und medizinische Notfälle frei machen kann.

Natürlich gibt es die Möglichkeit von diesen Kosten befreit zu werden, aber natürlich ist auch das wieder an Bedingungen geknüpft. Es muss bereits ein Betrag gezahlt worden sein – den muss man aber erst einmal haben. Und dann muss diese Befreiung auch noch bei der Krankenkasse beantragt werden.
Für mich ist das ein weiterer bürokratischer Akt, der von mir Fähig- und Fertigkeiten abverlangt, die mir aufgrund der Behinderung mit der ich umgehe, nicht nur “nicht so einfach von der Hand gehen” , sondern auch immer wieder Auslöser für psychische Krisen bis hin zur Suizidalität werden.

Als Person im Hartz 4-System ist diese Art der strukturellen Hürden nur allzu bekannt für mich.
Deshalb habe ich mich nach Jahren der Einbrüche in die inzwischen als “Hartz fear” bekannten Ausnahmezustände, für eine freiwillige gesetzliche Betreuung entschieden.
Ein weiterer Punkt an dem meine Würde begrenzt wird. Eine weitere Instanz, die eine Akte über mich und mein Leben in einem Büro stehen hat.
Es ist eine zusätzliche Erinnerung daran, dass ich und mein Leben von gesichtslosen Instanzen verwaltet und bestimmt werden, statt von mir selbst.

Mein Über.Leben mit Hartz 4 halte ich heute nicht mehr unsichtbar.
2008 habe ich angefangen meine Er_Lebensrealität im Internet mitzuteilen. Immer wieder habe ich aufgeschrieben, wenn mir die Existenzangst den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Jede Ablehnung auf eine Bewerbung, jede verspätete Zahlung des Jobcenters, jedes Ringen um Anträge auf Hilfeleistungen, Darlehen und die Zweifel an meinem eigenen Wert als Mensch in dieser Gesellschaft, habe ich in mein Blog geschrieben und tue das noch heute.
Nicht, weil ich mein Leben für besonders exemplarisch halte, sondern, weil es noch viel zu wenig Menschen tun (können) und es so weiterhin als Ausnahme gilt.

Für mich war Hartz 4 nie der Lückenfüller zwischen zwei Jobs oder das, was ich haben kann, während ich etwas tue, was mich perspektivisch davon unabhängig macht.
Hartz 4 hat mich zu dem Problem gemacht, das ich heute für Teile der Gesellschaft bedeute.

Oder eben auch nicht. Es kann ja auch praktisch sein, eine Bevölkerungsgruppe in Armut zu halten, damit man eine Art nachwachsende Masse an Menschenlebensrealitäten hat, mit der man anderen Menschen genug Angst macht, damit diese immer mehr Ausbeutung mit sich machen lassen.

In eineinhalb Jahren werde ich meine Berufsausbildung beendet haben.
Dann bin ich 33 Jahre alt und habe Anlass zur Frage, ob und wenn ja wie Familiengründung und verantwortungsvolle, vielleicht auch autonome Zukunftsplanung für mich möglich sein können.

Als schwerbehinderte Person mit Kinderwunsch, ohne Familie im eigenen Unterstützerhintergrund, wird es in keinem Szenario leichter, einfacher, sicherer, weniger von Zufall und politischem Gusto abhängig, wie ich in Deutschland überleben können werde.

Das Einzige worauf ich mich verlassen kann, ist, dass es immer wieder Menschen geben wird, die versuchen das eigene Selbstbild Gewissen mit Wohlfahrtsgesten  auf zu polieren zu beruhigen. Es wird immer Menschen geben, die Mitleid und den Wunsch haben, die_r Retter_in für die armen, alten und kranken Menschen in der direkten und indirekten Umgebung zu sein. Und es wird immer Menschen geben, die diese Menschen einspannen, um Geschäftsmodelle zu realisieren und zu etablieren, die ihrerseits arme, kranke und alte Menschen in Not brauchen.

Ich selbst habe “die Tafeln” in den letzten 13 Jahren insgesamt 5x in Anspruch genommen.
3 x weil meine Stromkostennachzahlungen den Wert von 3 Wochen Lebensmittel hatten, 2 x, weil ich Winterjacke und –schuhe gegen Essen eintauschen musste.
Ich hätte auch Freund_innen um Geld bitten können. Sie hätten mir alle was gegeben. Doch diese 5 Male konnte ich das einfach nicht ertragen.  Diese 5 Male wollte ich vor meinen Freund_innen nicht die sein, die Geld für Essen erbetteln muss.

“Die Tafeln” haben sich gegründet, um der Lebensmittelverschwendung etwas entgegen zu setzen und sehen ihren Auftrag nicht darin eine Armenspeisung zu machen. Für mich zeigt sich in diesem Selbstverständnis die Ignoranz, die nur entwickeln kann, wer nie (über längere Zeit) auf Hartz 4 und Spenden angewiesen war.
Denn es sind und waren schon immer arme Menschen, die den Müll, den niemand sonst mehr will, im besten Fall geschenkt, in der Regel jedoch zu- und ausgeteilt bekommen.

In Deutschland gibt es meiner Meinung nach keine Sicht auf Spenden und Hilfen, die für die eigene Abschaffung sorgen. “Die Tafeln” sind ein gutes Beispiel dafür.
Lebensmittelverschwendung ist ein Problem, das verantwortungslose Verkäufer_innen verursachen. Anstatt nur so viel einzukaufen, wie auch wirklich verkauft wird, wird so viel eingekauft, das immer ein Überschuss bleibt, dessen Entsorgung durch Müllwirtschaft preisgünstig und einplanbar ist. “Die Tafeln” und andere Lebensmittelrettungsorganisationen kommen zu diesen Verkäufer_innen und nehmen ihnen diese Verantwortung auch noch ab.

Es ist eine Verwertungsschleife. Eine weitere Profitschleife.
Keine Maßnahme, die zu nachhaltigen Veränderungen am Grundproblem führt.
Das Schlimme daran ist nicht, dass das so ist – das absolut Schlimme daran ist, dass es das nie sein sollte: eine echte Veränderung eines Grundproblems.

Meiner Ansicht nach ist das Grundproblem das, überhaupt für Dinge bezahlen zu müssen, die die Grundbedürfnisse von Menschen sichern und befriedigen. In unserem Wirtschaftssystem muss man für das eigene (akute) Überleben ganz direkt bezahlen und hält das für normal.
Lassen Sie das vielleicht einmal richtig einsinken:
Wenn man nicht isst, dann stirbt man.
Wenn man nicht warmgehalten ist, dann stirbt man.
Wenn man krank ist und nicht versorgt wird, dann stirbt man.
Wenn man keinen sicheren Ort hat, dann stirbt man
Wenn man keine soziale und kulturelle Teilhabe hat, dann sieht man keinen Sinn mehr darin zu leben.

Damit man nicht stirbt, bezahlt man Geld. Und zwar immer wieder.
Das Leben selbst hat so in keinem Fall mehr einen “unschätzbaren Wert”.

Wir als Konsument_innen bezahlen nicht dafür, dass Bauer Heinze es sich leisten kann, seine Äcker so zu bewirtschaften, dass er ihn noch so lange nutzen kann, bis er nicht mehr will oder kann. Wir geben ihm Geld für einen Teil seines Ertrages plus den Profit, den der Verkauf einbringen soll.
Damit wir etwas zu Essen haben. Damit wir nicht sterben.

Hartz 4 hat mich lange in der Idee gehalten, immer möglichst viele Lebensmittel für so wenig Geld wie möglich einzukaufen. Dazu gehörte der Konsum von fertigen und durch staatliche Subventionen dauerbillig gehaltene Lebensmittel. Also vor allem Milch und Fleischprodukte, die mir, wie ich heute weiß, gesundheitlich massiv schaden und auf vielen anderen Ebenen hochproblematisch sind.

Ich habe mich lange nicht im wirtschaftlichen/produktiven Sinne gefragt: Wofür leb ich eigentlich?
Denn für mich ist die Antwort darauf schmerzhaft: Als Hartz 4-Empfänger_in (die mit Behinderungen lebt) ist mein Überleben vor allem als Konsument_in wichtig. Nicht als Produzent_in. Nicht als Mit_Gestalter_in. Nicht als Mit_Bestimmer_in.

Mir wird Geld gegeben, damit ich überleben kann, damit Bauer Heinze überleben kann, damit andere Profit machen können, damit alles immer verfügbar ist – egal wie, egal wie lange noch, egal mit welchen Auswirkungen auf die Mitwelt und all die Generationen nach uns.

Niemandem scheint es darum zu gehen, wie lebenswert das Leben ist, das mir genau jetzt mit Hartz 4 gesichert wird.
Niemanden scheint es zu interessieren, was ich und all die anderen Menschen in meiner Lage zu geben haben, wenn wir nicht 24/7 damit beschäftigt sind zu nehmen, um zu überleben.

Das ist kränkend und krank machend. Manchmal auch: krank haltend.
Vor allem, wenn Außenstehende meinen, sie könnten das in irgendeiner Form nachempfinden und besser machen.

 

Ich weiß – sie fragen in Ihrer Zeitung nur danach, wie ich so mit Hartz 4 lebe, aber ich will bei der Gelegenheit auch sagen, was ich mir anders wünsche und von der Regierung fordere

Ich wünsche mir die Möglichkeit als Hartz 4-Empfänger_in vom Jobcenter bei jeder Art von Aus- und Weiterbildung finanziell unterstützt zu werden.
Meine Ausbildung, als nicht mehr Minderjährige wird zum Beispiel finanziell nicht unterstützt, obwohl meine Chancen auf eine Berufstätigkeit mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung steigen wird. Und genau das doch ist, was mich angeblich aus dem System Hartz 4 herausbringen soll.

Ob ich studieren kann, hängt vom Bafög-Amt und dem Engagement für die Inklusion von schwerbehinderten Studierenden einer infrage kommenden Fachhochschule bzw. Universität ab.
Ob Ausbildung und Studium genügen, irgendwann selbst für mich und mein Leben aufzukommen, wird der Arbeitsmarkt und sein Grad an gelebter Inklusion dann zeigen.

Ich fordere von der Regierung die konsequente Inklusion und Entschädigungen für Personen wie mich, die in der Zeit zwischen Unterzeichnung der UN-Menschenrechtskonvention und der konkreten Umsetzung, wegen struktureller Diskriminierung aufgrund einer Behinderung keine andere Wahl hatten als abhängig, arm und ausgeschlossen zu sein.

Den emotionalen Schaden, den die Jahre in Hartz 4 (und damit in Armut, Ausgrenzung, permanentem Mangel und Perspektivlosigkeit) mir beigebracht haben, wird kein Geld der Welt jemals ausgleichen können.
Sich aber wenigstens für eine Weile nicht mehr zwischen der Erfüllung von Grundbedürfnissen entscheiden zu müssen und dadurch Zeit und Raum für Perspektivenentwicklung und Zukunftsabsicherung zu haben – das wäre nur gerecht und angemessen. Eine wahrhafte Grundsicherung.

An die Menschen mit Behinderung bzw. chronischer Krankheit hat man weder bei Konzeption noch Einführung von Hartz 4 jemals gedacht. Man denkt selbst in der Diskussion heute nicht an diese Personengruppe, sondern konzentriert sich auf all die Menschen, die kontinuierlich arbeitsfähig sein könnten, würde es Stellen für sie geben.

Das muss sich ändern.
Deshalb habe ich Ihnen all das hier aufgeschrieben.
Bitte sehr.

von Haien und Sardinen, Ausgrenzung und Selbstvertretung

“Euer Podcast gibt mir immer weniger.”, sagte uns eine Freundin am Samstag, kurz bevor wir den Film starteten, den wir uns ausgesucht hatten. Sie sagte, sie könne für sich immer weniger rausziehen, die Folgen seien zu lang und das Geplänkel zwischendurch wäre mal ganz nett, aber …
Hm ja, dachte ich. Feedback ist wichtig, wir legen uns das mal an die Seite.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, was die Dinge, die wir tun, anderen Leuten überhaupt geben soll und ob wir beeinflussen können, was sie sich nehmen wollen und was nicht.

Am Sonntag bekamen wir Besuch für ein Projekt, in dem es ums Vielesein geht.
Wenn die Person da ist, sprechen wir über uns, wie wir uns wahrnehmen, wie was bei uns funktioniert und was es bedeutet, dass es so ist, wie es ist.

Am Abend stellten wir ein Modell fertig, das unsere “innere Landkarte” symbolisiert.
Eine Arbeit, die wir schon lange für die Therapie machen wollten, aber doch nie gemacht haben.
Zum Einen, weil wir Angst davor hatten, unerwartet mit Dingen konfrontiert zu werden, auf die wir nicht vorbereitet sind. Zum Anderen, weil es in uns nachwievor Unsicherheit darüber gibt, ob das überhaupt wichtig ist. Ob das jemand wissen will. Ob das Sehen unseres Seins etwas ist, das anderen Menschen (der Therapeutin, der Projektperson, den Personen, die das Projekt später sehen oder generell: überhaupt irgendjemandem) “etwas gibt”, was auch uns mit einschließt.

Für uns ist es normal so zu sein, wie wir sind. Wie wir funktionieren, ist für uns nichts fremdes oder besonderes – das ist es erst geworden, nachdem uns gesagt wurde, dass es das nicht sei. Dass es eine Krankheit sei, dass es eine Störung sei, dass das, was dazu geführt hat, unnormal sei. Unrecht. Falsch. Schlecht.
Wir, wie wir sind und wie wir geworden sind, hat also nur durch die Gegenüber- oder Nebeneinanderstellung mit dem Leben und Sein anderer Menschen überhaupt diesen Status von etwas, dem man sich anders widmet und/oder widmen will/muss/sollte, als dem, was diese als üblich wähnen.

Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Dinge, die wir wahrnehmen und denken, teils massiv von dem abweichen, was andere Menschen wahrnehmen und denken. Nicht, weil wir andere politische Haltungen vertreten, nicht, weil wir Dinge mögen, die jemand anders nicht mag – einfach nur, weil unsere Perspektive durch unser Sosein, durch unser Sogewordensein eine völlig andere ist.
Und auch das nicht nur so ein bisschen. So ein bisschen, dass andere Menschen sich eventuell vielleicht doch – mit ein bisschen Anstrengung, Empathie und intellektueller Verdrehung – in uns und unseren Blick auf die Welt hineinversetzen können.

Nein. Wir sind auf eine Art anders gestrickt, dass wir nicht nur ein zwei Aspekte anders erleben und entsprechend einordnen, wenn Wind und Mond mal zufällig komisch stehen oder ein Trigger wirkt oder uns irgendetwas irritiert.
Die grundlegende Struktur ist zu jedem Zeitpunkt anders, als bei Menschen, die nicht viele sind (und zufällig auch noch autistisch).

Für mich beginnt der Unterschied schon dort, dass ich die Normalität der Menschen, die nicht autistisch und nicht viele sind, weder kenne, noch erklärt bekomme, noch als etwas erlebe, das ich als etwas potenziell auch von mir er_lebbares nachvollziehen kann, wenn ich mich in diese Menschen hineinversetze.
Es ist für mich weder denkbar, noch vorstellbar, nicht so zu sein wie ichwir.

Interessanterweise geht mir das auch so mit Tieren.
Ich kann mir nicht im Mindesten vorstellen, wie es ist eine Giraffe zu sein, geschweige denn einen Begriff von ihrem Bewusstsein oder der Art ihrer Wahrnehmung und ihrem Ich-Erleben zu haben.
Dieser Umstand wird von allen Menschen als gegeben akzeptiert. Niemand verlangt es von irgendjemandem und niemand maßt sich selbst ernsthaft an, all das über eine Giraffe zu wissen oder “mit ein bisschen Anstrengung/Empathie schon irgendwie nachvollziehen zu können”.
Es würde sich auch niemand mit vorwurfsvoller Miene vor eine Giraffe stellen und ihr sagen, sie solle sich mal ein bisschen klarer (bitte ohne Geplänkel) ausdrücken, damit man ebenjene Dinge über sie in Erfahrung bringen kann.

Ich will uns und Menschen in ähnlicher Situation nicht mit einem Tier gleichsetzen.
Ich will hier auch nicht zu dem Schluss kommen, dass wir “in einer anderen Welt” als andere Menschen leben. Ich will auch nicht das so oft bemühte “wrong planet”-Bild nutzen.
Ich will aufzeigen, wie groß die Kluft zwischen unseren Wahrnehmungen und Er_Lebensrealitäten ist.
Und wie ungleich groß zuweilen die Bemühungen darum sind, miteinander in Kontakt zu kommen und einander zu verstehen. Und wie verschieden die Motivationen dazu sind, das überhaupt anzustreben.

Ich will es nicht darauf reduzieren, aber schreibe es nun doch so auf:
Ohne die Pathologisierung, die Stigmatisierung, die Ausgrenzung, ohne den tiefen krassen Schmerz, den es bedeutet so wie wir sind in dieser Welt und in diesen Kontexten zu leben, würden wir uns kein Stück um ein Miteinander mit Menschen kümmern. Wir würden es sein lassen.
Wir würden all die Kraft, die es uns kostet in Lautsprache zu denken, zu erklären, zu kommunizieren einsparen und all die Dinge tun, die uns und vielleicht sogar nur uns allein zur Kommunikation und Interaktion mit der Welt dienen.  Wir würden uns nicht erklären, würden nicht all die großen und kleinen sozialen Dressuren aufführen, die es braucht, um überhaupt von als Mensch mit Seele und Sein an_erkannt zu werden.

Wir fragen uns nie, “was es uns gibt” uns die Abbildungen und Darstellungen in Film und Fernsehen, in Romanen, in Erzählungen oder Klatsch und Tratsch von neurotypischen (nicht komplex traumatisierten) Leuten reinzuziehen, weil wir von vornherein wissen, dass das, was dort verhandelt wird, aus einer Perspektive kommt, die wir niemals je selbst einnehmen werden. Da werden Interaktionsmuster gezeigt, die wir nur kopieren, jedoch nie in ihrer Tiefe und Intension selbst auch erfahren. Da werden Werte und Normen repräsentiert, die uns nicht mehr sagen, als, dass sie wichtig für diese Personen sind. Da werden zwischenmenschliche Dramen und Erfahrungen mit_geteilt, die wir selbst entweder gar nicht machen (können) oder, die wir machen, ohne mehr damit anfangen zu können, als das, was wir ohnehin schon 24/7 tun: analysieren, entschlüsseln und mit anderen Erfahrungskontexten abgleichen, bevor sie abgespeichert werden.

Wir wissen, dass uns all diese Medieninhalte nichts geben – wir wissen, dass sie euch etwas geben. Deshalb nehmen wir uns all die Dinge daraus, die uns im Kontakt mit euch eventuell mal hilfreich sein können.

Wir werden daneben übrigens auch nie gefragt, wie das für uns ist nirgendwo kongruent in unserem Sein und Er_leben repräsentiert zu werden.
Manche Menschen erwarten Reaktionen von uns auf Filme, in denen Viele sein oder autistisch sein vorkommt, aber sie erwarten selbst von unseren Reaktionen auf Medien, die Menschen mit einer so krass anderen Perspektive und Er_Lebensrealität über (Aspekte) unseres Seins und Er_Lebens gemacht haben, noch einen Mehrwert für sie und ihre Sicht auf das Thema.
Was sie nicht erwarten ist Unverständnis dafür. Gekränkt davon zu sein, schon wieder von jemandem ohne gleichen Hintergrund für einen Kontext benutzt worden zu sein, in dem wir selbst weder mitgedacht werden, noch sonstwie in einer Art passieren, die auf gegenseitigem Begreifen, Verstehen und inkludiertem Miteinander beruht.

Um ein weiteres Tierbild zu bemühen:
Manche Haie kapieren nicht, dass es Sardinen kränkt, wenn ein Hai einen Sardinenfilm dreht, um unter Haien als der geilste Filmer bekannt zu werden, Haie ins Kino zu bringen, Haien ein weiteres Mittel zur Etablierung einer Haikultur zu schenken, in der sich Haie erkennen und so zu einer Verbesserung oder Veränderung des Haimiteinanders beitragen können.
Und manche Haie haben darüber für Sardinen dann oft auch nicht mehr übrig als “Nja mag ja sein, dass das für dich persönlich jetzt voll blöd ist, aber mich brings voll weiter.” – während die Sardine zurückbleibt. Nicht nur mit ihrer persönlichen Verletzung, sondern auch mit dem Bewusstsein selbst eben nicht weitergekommen zu sein, sondern nur dazu benutzt worden zu sein, einer Gruppe weiterzuhelfen, die nichts außer ebenjene Benutzung mit ihr zu tun hat.
Und, die ihrerseits zu keinem Zeitpunkt überhaupt einen Anlass hat sich einer anderen Gruppe als sich selbst zu widmen.

Die Selbstverständlichkeit mit der sie sich selbst vielleicht mal gut, vielleicht mal eher schlecht repräsentiert wieder_finden können, lässt die Information von komplettem Ausschluss für sie völlig absurd wirken.
Denn selbst sehr schlechte Darstellungen werden ja nur für sie gemacht. Nur sie können die Tiefe, die unausgesprochenen Codes entschlüsseln, nur sie sind gemeint. Nur um sie geht es bei der ganzen Sache. Um ihre Kultur, ihr Miteinander, ihr Sein.

So sitzen wir also da mit der Kritik an einem Projekt, das ist wie es ist, weil wir sind, wie wir (und Renée) sind und sich an Menschen richtet, die sich davon nehmen dürfen sollen, was sie selbst auch nehmen wollen.
Um dann vielleicht auch mal mit Menschen, die erheblich viel anders sind, als sie in an_erkennenden Kontakt zu kommen.

So sitzen wir nun da mit einem Modell von unserem Innen und wissen gleichzeitig, dass wir das Modell des Innen eines Menschen, der nicht viele und nicht autistisch ist, vermutlich niemals zu sehen kriegen werden.
Geschweige denn erklärt und im gleichen Format beschrieben.

Wir sitzen da und fragen uns, was wir denn davon haben, das so zu machen.
Und wieder einmal kommen wir zu dem Schluss, dass wir davon nicht mehr haben als das Wissen, dass wir wenigstens versuchen unseren Schmerz an der Kluft zu anderen Menschen zu lindern. Dass es uns wenigstens nicht so selbstgefällig scheißegal ist, wie es uns damit geht, dass mit uns so umgegangen wird, wie mit uns umgegangen wird.

Wir wissen, dass wir alles dafür getan haben, was wir können, damit es Miteinander gibt. Dass es mehr Möglichkeiten zu Verstehen und Begreifen gibt. Dass niemand sagen kann, wir hätten ja in Wahrheit gar kein Interesse daran.
Wir wissen, dass wir jeden Tag alles was wir können tun, um sowohl uns selbst, als auch anderen Menschen in ähnlichen Lagen zu markieren, dass der Status Quo einer ist, in dem die Mehrheit über aufwendig konstruierte Minderheiten bestimmt.

Wir wissen, dass wir nichts weiter tun und wollen, als uns selbst zu repräsentieren und selbst in unseren Themen und Forderungen zu vertreten.
Und zwar, damit wir selbst am Ende etwas davon haben.
Nämlich die An_Erkennung in unserem Sosein, wie wir sind.
Nämlich die Gewährung von Respekt, von Schutz, von gesellschaftlicher, kultureller, ökonomischer und struktureller Gleichstellung mit genau den Menschen, an deren Normen und Werten entlang, wir, egal wie wir dazu stehen, als anders, fremd, krank definiert werden.

… und raus bist du

Das Gefühl der Ausgrenzung kennen wohl alle Menschen.
Das setze ich an den Anfang des Textes, um zu zeigen: Ich weiß das. Und um anzuzeigen, dass es entsprechend keinen Grund gibt, mir zu sagen, dass meine Gefühle und Gedanken allein deshalb schon nichts besonderes sind.
Wie gesagt: Ich weiß das. Es ändert meine Gefühle und meine Not an ihnen nicht und ich schreibe sie hier auch nicht auf, weil ich denke, dass sie besonders sind.

Wieder einmal schreibe ich etwas dazu auf, gerade weil ich weiß, dass es normal ist, ausgegrenzt zu werden, weil man ist, wie man ist.
Besonders, wenn man anders ist.

Sprung.

In dieser Woche habe ich vielleicht einfach nur ein paar Enttäuschungen zu viel gehabt. Wer weiß. Vielleicht bin ich auch nur müde. Vielleicht steht der Mond ungünstig. Vielleicht hab ich nur noch nicht genug geweint und bin deshalb noch nicht an dem Punkt, an dem ich loslassen kann, um mich Wichtigerem zu widmen.
Vielleicht ist es aber auch einfach Teil meiner Strickweise, dass ich lange brauche um Dinge zu prozessieren, zu verstehen, zu begreifen – sie mir auseinanderzunehmen und als neu hinzugekommene Erfahrungen in mich und mein Bild von der Welt einzubauen. Was weiß ich.

Sprung.

Ich bin frustriert über meine Leistungen in diesem 3 Schulhalbjahr. Nicht, weil sie schlecht sind. Ich bekomme nachwievor selten eine 1, üblicherweise eine 2, wenn ich denke, ich habs ganz verkackt, reicht es noch für eine 3. Ich habe keinen Grund zu glauben versetzungsgefährdet zu sein oder die Ausbildung nicht zu schaffen, weil meine Leistungen nicht ausreichen.

Unzufrieden bin ich damit, dass ich – im Gegensatz zu meinen Lehrer_innen – weiß, dass ich nicht besser werde, wenn mich nur noch mehr motiviere, noch mehr lerne, noch mehr reinhänge, mich mehr öffne oder locker mache.
Ich weiß, dass es in vielen Dingen nur noch um dieses eine kleine µ der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion geht.

Und während ich das weiß und wieder einmal 3/4 meiner Alltagskraft in die Kompensation dessen stecke – merke ich: Sie sehen das nicht. Sie merken das nicht. Sie halten mich für perfektionistisch. Denken, ich sei nur mit Note 1 zufrieden. Ordnen mich als generell schwer zufriedenzustellen ein. Und eben nicht als autistisch und damit behindert im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion.

Sie merken nicht, wie sie mich damit damit jedes Mal neu rauswählen.

Sprung.

Es bleiben mir noch zwei Stellen für eine Bewerbung um ein Berufspraktikum.
52 Stück habe ich seit September letzten Jahres weggeschickt.
Schriftliche Absagen: 11 Stille Absagen: 40 Wartend auf: 1
Niemand schreibt, dass meine Behinderung oder der strukturelle Aufwand, der nötig ist, mich als Praktikantin anzunehmen der Grund dafür ist.
Aber ich weiß, warum wir vor der Ausbildung jetzt mehr als 10 Jahre weder Arbeit noch Ausbildung hatten.

Ich habe nicht viele Informationen. Verstehe zu wenig von der wirtschaftlichen Lage und der Welt, in der Menschen leben, die so arbeiten, dass sie andere Menschen bei sich mitarbeiten lassen können, als dass ich mir selbst gut zureden kann, all die Nichtaussichten für mich wären in Faktor X oder Y – aber auf keinen Fall in mir und meinem So-Sein begründet.

Ich will das alles nicht persönlich nehmen. Doch wie soll ich es denn nehmen? Was soll ich denn denken, machen, glauben, wünschen?
Zufall? Bestimmung? Pech? Jede Niederlage ein Sieg für die Selbsterkenntnis?
Wie lange muss man so eine Situation ertragen, damit es vor anderen Menschen legitimiert ist, sie nie wieder aufzusuchen?

Sprung.

Ich habe erfahren, dass es den Studiengang “Medieninformatik” gibt. Das klingt gut für mich. Nach einer Richtung, die mir ein Tool in die Hand gibt, danach Dinge zu realisieren, die es ermöglichen Informationen auf vielleicht sogar ganz neuartige Art zu übermitteln.
Sehr motivierend so eine Aussicht. Gerade jetzt, wo ich mit den Mitteln, die ich zur Kommunikation nutzen kann, immer wieder scheitere.

Dann war ich gestern beim Tag der offenen Tür des “bib” in Bielefeld. Das bib ist ein privater Bildungsdienstleister, von dem diverse Studien und Ausbildungsgänge angeboten werden. Unter anderem auch Medieninformatik.

Weil ich nicht wusste, dass es ein Privatunternehmen ist, bin ich hin, wie ich bin.
Hätte ich es gewusst, hätte ich mich unter unbequemerer Kleidung und Make up versteckt und hätte die vielen kleinen Demütigungen, die so ein Umfeld für Menschen wie mich bereithält, an mir abprallen lassen können.
So stand ich dann da mit meiner C&A-Jeans und den Resten der Stresspickel, die mir die letzten zwei Schulwochen beschert hatten und versuchte mich mit meinen Wortgewändern und einer Lächelgrimasse anzupassen.

Menschen, die nicht am Existenzminimum leben, wissen meistens nicht, dass sie das tun. Sie glauben oft, dass sie “ja auch kämpfen müssen” und halten das für vergleichbar mit der Lebensrealität von Menschen wie mir. Sie haben häufig keine Rezeptoren für den Schmerz, den sie anderen zufügen, in dem sie die gleichen Sorglosigkeiten und Relevanzbewertungen, wie bei sich selbst, für gegeben annehmen.

Sprung.

Manchmal ist es für mich demütigender, wenn mir Menschen sagen, dass ich mich doch nur locker manchen müsse, weil doch eh alles immer irgendwie läuft, als wenn sie mir direkt sagen, dass ich einfach einer dieser Menschen bin, für den man in dieser Gesellschaft keine Ver_Wert_ung findet.

Ich dachte lange, mein Wunsch doch bitte gleich offen als wertloses Stück Scheiße benannt zu werden, hätte seine Wurzeln allein darin, dass ich mich nach langer Zeit des Gewalterfahrens selbst so sehe.
Heute weiß ich, dass ich in manchen Lebensbereichen noch immer so behandelt werde und es die permanente Anstrengung zur Dechiffrierung dessen in eine klare Aussage ist, die in mir diesen Wunsch logischerweise auslöst.

Es geht also nicht darum, dass ich das gerne hören möchte, um mich in meinem Selbstbild zu bestätigen, sondern darum, dass ich mir wünsche, die Menschen in meiner Umgebung hörten endlich auf, mir ihr Bild von mir nicht offen zu zeigen und/oder auch vor sich zu verschleiern.

Sprung.

Auf meine Frage nach Erfahrungen mit der Integration von Menschen mit Behinderung, erhielt ich eine lange Satzkette mit der kurzen Information “Nein” drin. Trotz dem es die Möglichkeit gibt, für eine Woche zu hospitieren, um zu schauen, wie sich der Lernalltag gestaltet, war ich am Boden zerstört.

Nicht, weil das so ist. Es hätte mich gewundert, wenn die Klientel, die dort lernt und studiert, so divers ist, dass es zu einem reichen Erfahrungsschatz kommen kann. Aber die Bestätigung meiner Annahme war nichts, was ich gern gehabt hätte.

Jeder Beweis für die nachwievor bestehende Ausgrenzung von behinderten Menschen, ist mir ein Beweis für meine Ausgrenzung. Für mein Nichtrepräsentiertsein. Für mein Nichtmitdabeisein. Und dafür, dass jeder einzelne Schritt inmitten dieser Menschen(gruppen/klassen) für mich einer ist, der allen Beteiligten neu, fremd, anstrengend, ängstigend… über_heraus_fordernd ist.

Und auch hier: Ich wünschte, ich könnte das nicht so persönlich nehmen. Es geht dabei ja nicht um mich persönlich.
Aber wie soll ich es denn nehmen? Es ist ja nicht so, dass sich an den entsprechenden Stellen jemand persönlich als verantwortlich bereiterklärt.

Sprung.

Und wie soll es für mich weitergehen?
Ich bin nicht gut darin mich selbst so tiefgreifend zu belügen und mich darauf aufbauend zu immer mehr Leistung zu motivieren. Ich brauche Perspektiven. Sicherheiten. Gewissheiten. Ich brauche Unterstützung und sehr viel öfter soziales Cheerleading, als ich das einfordere oder zum Ausdruck bringe.
Ich brauche mehr als das, was ich im Moment habe, um damit umzugehen, leider draußen bleiben zu müssen.

Nicht, weil ich behindert bin, sondern, weil ich es zusätzlich dazu oft auch noch werde und beides oft genug noch nicht einmal bemerkt und anerkannt wird.

Und wenn ich das so schreibe, dann bedeutet das nicht, dass ich mir wünsche, umgeben von Leuten zu sein, die mir ein Taschentuch geben und mich an ihrer Schulter ausweinen lassen, damit ich neue Kraft für den nächsten Kampf um Teilhabe, Zukunft und Lebensqualität tanken kann.
Ich wünsche mir mehr Leute in meiner Umgebung, die mit mir zusammen weinen, weil sie mit_fühlen, wie tief diese ganze Scheiße jeden einzelnen weiteren Tag weh tut – und mit mir zusammen kämpfen, damit das weder ich noch andere Menschen jeden einzelnen Tag weiter durchmachen müssen.

Was “kämpfen” an der Stelle bedeutet?
Es kann bedeuten weder mir noch anderen behinderten /Menschen/ mit Behinderung zu sagen, ihre Forderung nach Teilhabe unter Berücksichtigung und entsprechender Anpassungsleistung ihrer Umgebung, sei eine andere Forderung, als die als auch normaler Mensch anerkannt zu werden.
Es ist keine überzogene Forderung, wenn man bitte nicht ausgegrenzt und dadurch auch entmenschlicht werden möchte.

Es kann aber auch bedeuten, die eigenen Bedürfnisse und Bedarfe auszusprechen, um die Lebensumgebung aller mitzugestalten.
Je offener der Umgang mit der Vielfältigkeit des Menschseins und den Facetten dessen, was Menschen täglich leisten oder auch nicht leisten können, desto weniger besonders wird das, was man jetzt als Abweichung wahrnimmt.

Außerdem wird man so darin trainiert, sich schneller und effizierter an wechselnde Anforderungen anzupassen. Es wird leichter. Und dadurch auch weniger daran gebunden, wie sympathisch, wertvoll, menschlich man jemanden oder etwas einordnet. Man macht es dann einfach, weil es kein Akt mehr ist, es überhaupt zu machen.

Es kann auch bedeuten, sich der eigenen Ignoranz zu stellen, die man gegenüber der Thematik von Ausgrenzung allgemein, und der Inklusion, als gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit, hegt und eventuell sogar pflegt, ohne es bewusst zu haben.

Ja, Inklusion ist eine Riesenumwälzung. Ja, alles würde sich verändern. Ja, viele Dinge kosten Geld. Ja, Inklusion ist für manche Menschen fremd, neu und vielleicht auch zu viel, um sie sich überhaupt als Realität vorzustellen.
Aber all das sollte neugierig machen. Motivieren.
Und wenn schon nicht das, dann wenigstens erschrecken und beschämen, gerade weil sie noch nicht passiert ist.

Denn nichts anderes ist ein jeder “… und du bist raus”-Moment in unserer Gesellschaft, egal wem gegenüber und warum.
Beschämend und erschreckend.

Bewerbungen nach Übersee

Merkwürdig ist es eine Bewerbung in englischer Sprache zu verfassen.

Die meiste Zeit denke ich: “Ey, hör doch auf so zu übertreiben”. Den Rest der Zeit: “Christian Lindner würde noch eins draufgeben und die Stelle kriegen”.
Also geb ich noch eins drauf und hoffe, dass die Leute, die meine Bewerbung lesen, mich dort, wo ich mich so fleißig hingestapelt hab, überhaupt noch sehen.

Heutzutage schreibt man nicht mehr auf, wo man überall ein freiwilliges Praktikum gemacht hat – heute besticht man durch die Ecken und Kanten, die man sich geschlagen hat. “Experience” und “Skills”. Wichtig wichtig diese Ecken und Kanten, denn nur eine 0 hat keine.
Ich unterschlage trotzdem die riesige Delle in meiner Bildung. Beginne mit der Kunstschule und Ende bei der aktuellen Ausbildung. Mehr für einen Beruf im Mediendesign relevantes ist eh nicht passiert in meinem Leben.

Was nicht stimmt und trotzdem nicht in meine Bewerbungsunterlagen kommt.

Keine Sau interessiert, wie toll ich gelernt hab, mich normal zu verhalten oder mich zumindest auf ein normalverträgliches Mindestlevel durchgeknallter Awkwardness runterzuregulieren. Und ja ach – von mir aus. Mich interessiert ja auch nicht so richtig, wie andere Leute es schaffen, sich Tag für Tag als so normal wie möglich zu verkleiden.

Aber eigentlich ist das doch schade.
Schade, dass ich keine der DBT-Skills in meinen Lebenslauf schreiben sollte, wenn ich eine Chance haben will, dass sie mich nehmen.
Denn Klapsenskills deuten auf ein Problem – während meine guten Gartenarbeits- und Arsch-abwisch-Skills nicht darauf deuten, wie ich mal monatelang eine bettlägerige Omi gepflegt hab, die sich keinen Gärtnerbesuch mehr leisten konnte.

Das ist doch schräg.

Während ich denke wie schräg das ist, sehe ich auch, wie lang meine Liste der Experience ist. Sie wird zu lang für Skills.
Aber vielleicht ist das eben so? Die weirde Awkwardness des Unausgewogenen, die meine Normalität so gut wie nichts anderes widerspiegelt und sich dort auf dem Papier verfangen hat. So viele Erfahrungen – so wenig “echte Skills” und so viel Schweigen.

Es ist doch schade, denke ich und formuliere im Kopf wie meine Lebensverläuflichkeit eigentlich aussehen müsste.
Meine Experience und Skills.

Ich bin Gewalt-erfahren. Mein größter Skill: überleben
Darin habe ich 21 Jahre kontinuierlich stabile Leistungen vollbracht.

Außerdem habe ich seit 2001 durchgehend an meinen sozialen und psychischen Kompetenzen gearbeitet – freiwillig und jahrelang, ohne etwas davon zu haben. Ich bin super durchhaltevermögend. Durchhalten, das kann ich heute mit vollen Händen aus dem Fenster schmeißen. Manchmal bau ich mir daraus auch – kreativ und eigenverantwortlich wie ich bin – die Strukturen und Hilfsmittel, die ich brauche, um die Behinderungen in meinem Leben zu kompensieren. Allein_verantwortlich. Selfadministrated sozusagen.

Hochmotiviert – denn von Motivation hab ich mehr als genug in jeder Hinsicht – arbeite ich nachwievor am Abbau meiner manchmal überzynischen Fatalistizität. Wenn das ein Wort ist, das auch noch andere Leute kennen, als die mit denen ich mir Denken und Leben, Klamotten und Freund_innschaften teile.

Würd ich an der Gestaltung der Zukunft arbeiten, ich würd jemanden wie mich sofort einstellen. Gerade wegen all der Arbeit, die ich gestemmt hab, um da anzukommen, wo ich jetzt bin.

Aber ich merks mal wieder an mir selbst. Selbst vor mir zählt es nicht als “echte Fähigkeit”, es seit inzwischen einigen Jahren geschafft zu haben, niemandem weh zu tun, weil sie_r mich einen Moment zu lange angeguckt, unvermittelt angesprochen oder berührt hat.
Wie toll wir das inzwischen schaffen, nicht mehr bei jeder Angst davon überzeugt zu sein, dass die Welt untergeht. Wie super wir unsere Impulse zur Selbstverletzung managen. Was für eine Leistung das ist, nicht mehr sterben zu wollen, weil man weiß, dass diese Probleme für immer und immer eine Rolle in unserem Leben spielen werden.

Noch stehts nicht im Bewerbungsgedöns. Was für ein_e Alltagsheld_in wir neben all dem, was wir in der Schule und Lebenswirklichkeit der letzten Jahre gelernt haben, auch noch sind. Da steht nicht: Hey von uns kannst du auch was lernen.
Aber ich denk: Genau das sollte da drin stehen.
Nicht nur um die Stelle zu kriegen.

Sondern, um sie zu kriegen und dann zu zeigen, dass wir noch so viel mehr können, als das, was auf eine Seite “Experience und Skills” draufpasst.

„Ausbildung inklusive“, Episode 9: „Solidarität und Mut“

Eigentlich ist meine Reihe “Ausbildung inklusive” tot.
Sie starb den für so manche meiner Textserien natürlichen Tod durch Zeit- und Ressourcenmangel. Doch auch: Fluffmangel
Ich wollte das gerne so: leicht, unterhaltsam, fluffig, augenzwinkernd.
Da meine Ausbildung aber schon damit begann, dass ich bis weit in die Ausbildungsanfänge kein Geld hatte, war von fluffiger Leichtigkeit keine Spur.

Und so ging es weiter.
Auf jedes leichte, schöne Moment, sei es mit meinen Mitschüler_innen oder den Lehrer_innen, folgte ein strukturelles Kackscheißeloch, das sich zusammen mit dem, was ich jeden Tag kompensieren muss, oft genug zu etwas entwickelte, vor dem ich am Ende schlicht die Segel streichen musste.
3 Wochen vor den Ferien und mitten in der Prüfungszeit war für mich Schluss. Mit einer Krampfanfallrate von bis zu 4 pro Woche und einem Nervenkostüm, das mir die blanken Nerven aufscheuerte, konnte ich einfach nicht mehr. Nicht einmal mehr wollen, konnte ich.

Jetzt beginnt das zweite Schuljahr.
Und diesmal wünscht sich die Schule eine Integrationshilfe. Nicht für mich. Für sich.
Dabei spielen Angst vor Verantwortung und Personalmangel in der Schule eine Rolle.
Ich will das nicht. Ich will keine Integrationshilfe.
Ich will aber gut mit der Schule zusammenarbeiten.

Also beantragte ich eine Integrationshilfe beim Sozialamt meiner Stadt.
Das tat ich vor den Sommerferien, denn wie man weiß, werden frische Anträge an Behörden in den tiefen Katakomben unter der Stadt aufgehängt, bis diese von allein zurück ins Büro der zuständigen Bearbeitungsperson laufen können.

Weit vorher beantragte ich übrigens eine Verlängerung meines Bafög. Das kann aber erst im Oktober beschieden werden, weil ich ja sonst frei von existenzieller Angst wäre, was meiner Aus_Bildung eventuell nur schadet.

Ja. Ich bin sarkastisch. Und – das liest sich hier vielleicht nicht so deutlich raus: wütend.
Denn ich habe nun einen Zwischenstand vom Sozialamt zu meinem Antrag auf die Integrationshilfe.
Von dort heißt es, sie wären nicht zuständig. Aber das Jobcenter. Vielleicht. Eventuell. Kann man nicht wissen. Muss man prüfen.

Das muss das gleiche Jobcenter sein, wie das, was es 12 Jahre nicht geschafft hat, mich in eine Berufsausbildung zu bringen, weil ich für vorhandene Stellen nicht genug oder falsch behindert war. Das gleiche Jobcenter, das mich in den letzten Jahren nur noch spricht, um mich als “nicht zur Verfügung stehend” oder als “in Stabilisierung” in die Datenbank einzutragen.
Ganz sicher ist es die Ausbildung, die mich jetzt behindert genug oder richtig behindert für irgendeine Leistung macht, die jetzt für mich infrage kommt.

Daneben – neben dieser strukturellen Achse – ist der konkrete Schulalltag, der jetzt wieder begonnen hat.
Ich war in den Sommerferien 5 Wochen überwiegend allein und selbstbestimmt auf dem Rad durch Deutschland unterwegs. Es hat mich gestärkt, mich erholt, mir “Fell wachsen lassen”. Meine Akkus sind wieder voll, mein Gefühl für meine Bedarfe und Grenzen wieder geschärft.

Eigentlich ist es der beste Start. Ich kenne das Gebäude, die Mitschüler_innen, das Tempo, die Lehrer_innen. Ich weiß, in welchem Fach was wichtig ist und wie lange ich in etwa für welche Aufgaben brauche. Ich weiß, wieviel Essen ich mitnehmen muss und was ich mir für den Resttag noch vornehmen kann und wann ich ins Bett gehen muss, auch wenn ich vielleicht gar nicht will.
Ich bin gut kalibriert. Ein großer Teil der Anstrengungen im letzten Jahr fällt jetzt weg.

Bis auf ein paar neue Lehrer_innen wissen alle, wie ich ticke. Was ich mache, wenn ich etwas brauche und wobei ich etwas Zuspruch brauche.
Wir haben uns kennengelernt und gleichen uns nunmehr ab, ob das immernoch so ist, statt immer wieder zu erforschen, was wie ist.

Nun machen wir es so:
Als Ersatz für eine I-Kraft, war der Begleitermensch die ganze erste Woche mit dabei.
Er saß mit im Klassenraum und verfolgte den Unterricht, war ansprechbar für mich und für die Lehrer_innen. Zwei Mal versuchten Lehrer_innen mit ihm über mich zu sprechen. Einmal in meiner Anwesenheit, einmal nachdem ich weg war.
Jedes Mal blockte er das Gespräch ab. Weil er weiß, dass ich für mich allein sprechen will und kann.
Eine fremde Person hätte das vielleicht (wahrscheinlich) nicht gemacht. Eine fremde Person, die nicht der Begleitermensch ist, hat ja auch nie erlebt, was es mit mir macht, wenn ich mit solcherart Gewalt konfrontiert bin.
Einer fremden Person würde ich nicht erzählen, dass mich sowas in Todesängste triggern kann.
Vor einer fremden Person bin ich lieber behindert als komplex traumatisiert.

Eigentlich sollte am Montag eine Lehrerbesprechung sein. Wie siehts aus – was wird gebraucht – was ist der Stand in Sachen I-Kraft. Diese Besprechung ist jetzt verschoben. Der Begleitermensch kann diese Woche aber nicht jeden Tag kommen.

Meinetwegen braucht er es auch nicht.
Ich komme morgens jetzt mit dem Fahrrad. Nach sportlichen 45 oder ruhigen 55 Minuten Schulweg, bin ich weich, warm und entspannt.
Ich habe Präsenzstunden (Prüfungsfächer) und Projektstunden (praktische Aufgaben bzw. PC-Arbeiten). Jeden Tag bin ich also mindestens für einen Block auf jeden Fall da – für den Rest nur soweit ich kann oder brauche, um meine Aufgaben (zu Hause oder in einem ruhigen Nebenraum) allein zu erledigen.
In jedem Fall fahre ich nach Hause, wenn ich müde werde und weiß, dass ich den Weg nach Hause auf dem Rad noch gut schaffen kann.
Es ist eine gute Anfallsprophylaxe und eine gute Stressregulierungsmaßnahme.

Der Begleitermensch sagte mir heute: Es braucht keine I-Kraft.
Ich denke dazu: Das sagte ich die ganze Zeit.
Was die Schule dazu denkt, werde ich irgendwann bald wohl erfahren.

Ich verstehe, dass es jemanden braucht, der für und mit mir sein kann, wenn ich einen Anfall hatte. Ich bin ja nicht die einzige Schülerin, die beaufsichtigt werden muss. Andererseits ärgere ich mich maßlos darüber, dass die Schule keinen eigenen Geldtopf dafür hat, Menschen einzustellen, die so eine Rolle übernehmen können.

Überhaupt ärgere ich mich darüber, wie, ja, man muss es einmal so sagen: strukturell gefickt so eine wichtige Institution ist, wenn es darum geht, es den Menschen, die darin arbeiten und lernen zu ermöglichen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Es wären ja nicht nur Hilfskräfte gut. Es wären auch Schulungen oder Coachings für die Lehrer_innen gut, die Angst davor haben, eine_n behinderte_n Schüler_in kaputt zu machen, wenn sie sie_ihn wie einen Menschen behandeln.
Und ach, so viele andere Dinge.

Einmal hatte Mareice aufgeschrieben, wie eine Wunschzukunft mit Inklusion drin, für sie aussähe.
In meiner Wunschzukunft ist Schule eigenverantwortlicher und selbstbestimmter. Es gibt Geld und Mittel, Unterstützung von außen sowohl bei Bedarf als auch bei üblichem Lauf der Dinge.

Schule in Deutschland kann nicht inklusiv sein. Jedenfalls nicht im Moment.
Denn bereits die “Schultauglichkeitsprüfung” im Kindergarten ist die ableistische Praxis, die eine Schule “für alle” effektiv verhindert.
Doch selbst wenn es behinderte /Kinder/mit Behinderung in die Schule schaffen, so sind sie nicht mitgedacht, in den Strukturen darum herum.

Selbst die Hilfen, die von/für behinderte Schüler_innen beantragt werden können, werden oft nur bis zu einem bestimmten Alter oder Schulstufe finanziert.
Weil Kinder und Jugendliche mit bestimmten Behinderungen (in dem Fall auch “chronische Erkrankungen”) nicht mitgedacht sind a) so alt zu werden und b) auch etwas von der “höheren Bildung” mitzunehmen (oder mitnehmen zu können, obwohl eine Behinderung vorliegt).
Inklusion, gestärkte Selbstbestimmung und die Ergebnisse ableistischer Förderungspraktiken stellen den strukturellen Apparat vor Zuständigkeitsdilemma.
Ironischerweise sind es Dilemma, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht entständen wären, wären behinderte Menschen an der Konstruktion der Strukturen beteiligt gewesen.

So denke ich im Moment oft: Ja, was habt ihr denn erwartet?
Und weiß: nichts haben sie erwartet. “Sie”, das sind in dem Fall die grauen Herren, die darüber bestimmen, wer was bekommt, weil X und Y vorliegen. Die grauen Herren, die nicht mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten leben. Die lange nicht mehr in einem Schulalltag oder anderen autoritären Kontexten passieren. Sie, die nichts erwarten, weil man nur dort erwartet, wo man Entwicklungen sieht.

“Sie” sind manchmal aber auch “die anderen” für mich. Die, die nicht mein Er_Leben teilen und eigentlich froh darum sind, denn alles, was mit mir zu tun hat ist kompliziert und viel und fremd und schwer und ach – immer gibt es Abhängigkeiten, gegen die man sich nicht entscheiden kann, ohne ganz grundlegend etwas zu verlieren.

Ich kann mich nicht einfach gegen eine I-Kraft entscheiden.
Selbst dann nicht, wenn ich sie nicht brauche. Jemand von meinen Lehrer_innen braucht sie, weil die Person Angst hat.
Angst, etwas falsch zu machen. Angst, nicht genug für mich da zu sein. Angst, nicht zu genügen. Weder sich selbst, noch mir, noch der Gesellschaft oder anderen Beobachter_innen, in dem eigenen Tun zu genügen.
Es tut mir leid, dass da so viel Angst ist.
Und es macht mich wütend.

Denn die Lösung für diese Art der Ängste ist keine I-Kraft, sondern Hannah-Kraft.
Lehrer_innen- und Hannah-Kraft zusammen.

Vor den Ferien habe ich mit einer Freundin darüber geredet, wie bald ich aus dem Schul_Alltag gehen müsste, würde ich nicht jeden Tag aufs neue meine eigenen Grenzen überschreiten.
Würde ich nicht jeden Tag meine Behinderungen auf das Level kompensieren, das meine Umwelt jetzt von mir kennt, würde diese Umwelt nicht einmal wissen, dass es mich gibt.
Und das ist der Punkt.

Das dabei sein – meine bloße Anwesenheit erscheint erstmal immer total selbstverständlich. Doch das Ausmaß an Kraft, das ich in jeden einzelnen Tag hineinpumpe, um an dieser Welt teilzuhaben, ist unvorstellbar für so viele Menschen.
Es ist also auch kein besonders kämpferischer Move von mir, zusammen mit meiner Schule für eine gute Zusammenarbeit zu sein. Für mich ist das normal. Ich weiß, dass ich für Miteinander und mehr als Überleben so weit über meine Grenzen muss, dass ich mich selbst verlasse.

Es ist die Art normal, die am Maßstab anderer Menschen unfassbar belastend, zermürbend und vielleicht auch schrecklich ist.
Nun frag dich mal, wie es ist, wenn ich an mit meinem Maßstab sage: das ist zermürbend, belastend, viel.

Die Schulsache macht mich wütend, weil sie mich ohnmächtig macht. Oder besser gesagt: ohnmächtig fühlen lässt. Denn natürlich kann ich jede Wahl treffen, die ich will. Nur scheiße ist das Ergebnis in jede Richtung. Ich kann nicht sagen: “Okay – ich lasse das hier jetzt sein.” Kann nicht von der Schule verlangen, sich selbst in schwierige Situationen zu bringen, indem sie auf Unterstützung verzichtet. Weiß: Wenn ich sage: “Ich will und kann alles allein verantworten” – dann hat das ein anderes Gewicht, als wenn es jemand sagt, di_er nicht ich ist.

Für mich fühlt es sich an, als müsse ich etwas verlieren, damit eine nicht greifbare Entität mich eventuell vielleicht etwas gewinnen lässt.
Menschen mit Erfahrungen ritueller Gewalt – Hände hoch, wem das bekannt vorkommt.

Vielleicht ist manchen Leser_innen hier nicht ganz klar, was ich verliere, wenn die Schule die Hilfe einer I-Kraft an mir hat. Es gibt ja noch immer Menschen, die glauben, dass behinderte /Menschen/ mit Behinderung jede Hilfe, die nur möglich ist, brauchen. Je mehr, desto besser.
Mehr ist mehr. Ein Dorf für ein Kind. Bla bla bla.

Die gleichen Menschen verpassen es, sich die Frage zu stellen, was Hilfe eigentlich ist. Um wen und um welches Problem es eigentlich geht. Und um wessen Problem.
Im Fall der I-Kraft ist es nämlich so, dass sowohl über die Strukturen, als auch über die Lehrer_innenangst alle Probleme an mir allein verhaftet werden. Es kommt zu einer Problembündelung an mir. Meiner Person.
Und eben nicht am Zusammenspiel von mir und der Schule.

Das Problem für die Schule sind versicherungstechnische und rechtliche Auflagen, bei gleichzeitiger Unfähigkeit diesen aus eigenen Mitteln je nach Bedarf entsprechen zu können. Es ist ihr Problem eine Schülerin zu haben, deren Schulbesuch etwas erforderlich  macht, das sie nicht leisten können.
Was wäre an der Stelle hilfreich?

Aus meiner Sicht: rechtliche Auflagen beim Träger der Schule, dafür zu sorgen, dass jede Schule jederzeit das Personal einstellen und bezahlen kann, das wichtig ist

Würde man an der Stelle sagen: Hilfreich wäre, wenn die Schülerin nicht zum Schulbesuch zugelassen würde, würde man das Menschenrecht auf Nichtbenachteiligung aufgrund einer Behinderung (oder anderen Faktoren) dieser Schülerin beschneiden.
Was ja viele Menschen nicht stört, da sie glauben Sonder- oder Förderschulen, Werkstätten oder Sonderarbeitsbereiche wären das perfekte Äquivalent zu Wahlfreiheit, Bildungschancen und Selbstbestimmung.
Und weil Menschenrechte nicht einklagbar sind. Noch nicht.

Meine Verluste sind aber auch konkreter.
Durch die Schulwoche mit dem Begleitermenschen habe ich ein paar davon gespürt.
Es gibt Kraftverluste, denn ich muss mehr sprechen, mehr Absprachen einhalten, eine weitere Person mit einberechnen (anhören, verstehen und überlegen, was ich wie wo wann sage). Die Anforderung auf Signale zu reagieren ist höher. Ich fühle mich verantwortlich für diesen Nichtschülernichtlehrer, der mit im Klassenzimmer sitzt, weil ein Problem an mir manifestiert wurde.
Zuweilen fühle ich mich als das Problem, das mit der “helfenden Person” wie eine Leuchtboje markiert wird.
Ich fühle mich beobachtet. Und wenn nicht, dann tut mir die Person leid, die sich statt meiner beobachtet fühlt.

Die ganze Zeit denke ich: Ich will das nicht.
Und merke, wie dieser Gedanke so an alte Wunden rührt, dass es sich zuweilen anfühlt, als seien sie frisch geschlagen.
Darüber verliere ich manchmal den Bezug zu Zeit und Raum. Zu mir als erwachsene Person, die selbst bestimmen kann, was sie will und was nicht.

Nach der Schule verbringe ich viel Zeit damit mich meinem Hier und Jetzt zu widmen. Mich so stark und fähig wie ich bin wahrzunehmen und auch: wie unproblematisch meine Anwesenheit eigentlich ist.
Danach verbringe ich viel Zeit damit mich darüber zu ärgern, mich erneut in meinem Leben wie Problemstoff zu fühlen. Deplatziert, falsch, störend, ängstigend. Wie immer wieder in meinem Leben: Die erste, die – neutral gesagt – etwas in Bewegung bringt, was als Unruhe und Belastung bei den Mitbeteiligten ankommt.

“Hilfe ist, was hilfreich ist”, sage ich immer. Und ob mir etwas hilfreich ist, erkenne ich daran, wie nützlich mir etwas ist.
Den Begleitermenschen als I-Kraft in der Schule zu haben, war mir für nichts weiter hilfreich als für das Wissen, dass ich mich gegenüber der Schule absprachegerecht verhalte und niemandem absichtlich Probleme bereite.

Seine Anwesenheit hätte, wäre die Woche anders gelaufen, eher einen Krampfanfall ausgelöst, als ihn verhindert.
So wie das ganze Gesprächstermine haben, Anträge laufen haben und immer wieder zwischen Schule, Begleitermensch, gesetzliche Betreuerin und Behördenperson umhertingeln viel mehr zu Stress und ergo: Krampfanfällen führt, als alles, was man sich für mich wünscht.

Nützlich ist mir das alles nicht.
Mein Ziel ist die Berufsausbildung mit Fachabitur. Nach Möglichkeit in einem Gesamtzustand, der mit einer gewissen Lebensqualität in Einklang zu bringen ist.

Das ist kein besonderes Ziel. Es ist keine besondere Herausforderung, das zu erreichen.
Die Herausforderung ist, dieses Ziel zu erreichen, obwohl die Umgebung und die Strukturen nicht für Menschen wie mich konstruiert ist.
Die Herausforderung ist, manche Dinge neu und anders zu machen.
Und sie normal werden zu lassen.
Jemanden wie mich an diesem Ort normal werden zu lassen.

Ich hoffe, dass die Schule vor dieser Herausforderung nicht einknickt.
Ich hoffe, dass meine Schule solidarisch mit mir ist, wie ich es für sie zu sein versuche.
Ich hoffe, dass das reicht.
Solidarität und Mut zur Herausforderung.

“deine Behinderung ist dein Vorteil…

…“normal” gibts schon genug.”

Einerseits ist so eine Aussage hochtoxisch.
Sie setzt das Leben mit einer Behinderung in einen Wettbewerb, der aufwendig zu kompensierende Behinderungen gar nicht mitdenkt und negiert die Relevanz von Normalität bzw. die Relevanz, die es hat als “normal” gelesen zu werden.

Andererseits gibt es aber doch Dinge, die ich ohne die Behinderungen in meinem Leben, nicht so gelernt hätte, wie ich sie gelernt habe. Und ohne die ich heute manchmal erheblich mehr Unterstützung bräuchte, mehr auffallen würde und auch abhängiger von Menschen wäre. (Doch natürlich ist die Behinderung hier nur der Anlass zur Entwicklung in anderen Kontexten vorteilhafter Fähigkeiten – nicht die Fähigkeit selbst!)

Wir haben gestern am Inklusionscamp in Dortmund teilgenommen und in einer Session über Kommunikation als Herausforderung in der Bildung gesprochen.
Beziehungsweise war das mein Vorhaben, das ich dann aber in etwas umwandelte, das sich auf konkrete Lösungen bezog, was auch gut und hilfreich war.

Aber.
In ebenjener Session wurde mir das gesagt. Dass meine Sicht auf die Dinge, gerade im Bereich der Kunst und Gestaltung etwas sein könnte, das mich abhebt und interessant macht.

Später auf dem Heimweg dachte ich, wie ungut das ist.
In der Kunst geht es miruns um Ausdruck. Manchmal um Abbildung. Manchmal darum, sich Dinge genau ansehen zu können. Es geht aber weder prim- noch sekundär darum angesehen zu werden. Ausgesucht zu werden.
Es geht mehr darum verstanden zu werden. Verbindungen zu schaffen.

Und heute einen Tag später denke ich, dass der Kunst und Kulturbetrieb eben doch wieder ein Betrieb ist.
Und ich das ausgeblendet habe gerade weil meine Wahrnehmung und meine Ausdrucksformen dort überdurchschnittlich oft ge.wert.schätzt werden.
Gerade weil ich oft mit Gewinn daraus hervorgehe. Vielleicht, weil ich einen Vorteil habe, den andere Menschen nicht haben.

Daneben sind und Kunst- und Kulturangebote nichts, was in meiner gesellschaftlichen Schicht passiert. Beziehungsweise nicht in der Form, dass es üblich ist regelmäßig ins Theater, ins Museum oder in Galerien zu gehen.
“Meine Leute” putzen die Toiletten in Galerien oder verkaufen als Aushilfe die Tickets dazu. “Meine Leute” studieren Schauspiel und tingeln zwischen Bühne und Burgerbraterei. “Meine Leute” machen Kunst auf Kopierpapier und teilen sie Instagram, bevor sie sie ins Altpapier geben.

Ich schreibe lieber “freie Autorin” auf meine Selbstdarstellung als “Künstlerin”, damit ich nicht als jemand gelesen werde, di_er entweder Geld hat oder darauf hinarbeitet mal (viel) Geld für etwas zu bekommen, das eigentlich jede_r machen könnte, worin aber nur wenige anerkannt und gewertschätzt werden.
Vielleicht ist das Teil meiner prekären Sozialisierung und damit Teil des Problems, das Kunst und Kultur hat.
Aber was soll ich sagen – ich muss zwischen Kunstkonsum und Kunstproduktion entscheiden. Entweder gehe ich ins Kino oder Theater oder kaufe mir drei vier mittelgroße Leinwände bei Xenos. Entweder lerne ich für meine schulische Berufsausbildung oder ich fahre zu Barcamps und anderen Veranstaltungen um zu netzwerken.

Prekäre Verhältnisse werden in so mancher neuen Kunst zur Performance pervertiert und damit nicht mehr als belastende (strukturelle) Behinderung, sondern als kreative Challenge, die – mit genug Einfallsreichtum begegnet – neue, bessere, besondere Fähig- und Fertigkeiten als Belohnung verheißt, dargestellt.
Diese neue Kunst ist es für mein Gefühl auch zunehmend, die sich behinderten /Künstler_innen/mit Behinderungen öffnet. Aus der gleichen Idee von Bereicherung und Kreativitätsvermehrung durch Teilhabe an den Kämpfen von Menschen, die sich ihre Kämpfe nicht aussuchen können.
Das Wort dazu ist “Inspirationporn” und ausgeblendet wird dort die Unfreiheit behinderter /Menschen/ mit Behinderungen bzw. wird die Auseinandersetzung damit vermieden.

Thema “inklusiver Künste” wird oft die Behinderung, die an den Personen verortet wird. Das kann eine Blindheit genauso wie ein Autismus sein – seltenst jedoch der Umstand, dass die behinderte /Person/ mit Behinderung sich kaum die Materialien und Assistenzen für ihre Kunstproduktion leisten kann und – aller guten Kompensationen zum Trotz – auch oft darum kämpfen muss überhaupt etwas mehr zu er_schaffen, als die Aufrechterhaltung des eigenen Lebens.

Es ist ein Ding geworden, als behinderte /Person/ mit Behinderung die an sich verortete Behinderung zu thematisieren. Nichts dagegen – aber das ist kein “inklusiver Kunst- und Kulturbetrieb”.
Einen solchen würde ich persönlich daran erkennen, dass ich erst in der Auseinandersetzung mit der Kunst selbst oder der Person hinter der Kunst etwas von den Behinderungen, die zur Erschaffung des Stücks zu kompensieren waren, erfahre. Und zwar als ganz üblicher Teil der Präsentation – und nicht als herausgestelltes Merkmal ebenjener Kunst.

Die Behinderungen mit denen Menschen leben, sind keine besonderen Merkmale der Personen.
Sie sind Merkmale der Normalität, die sie leben.

Diese Normalität auszudrücken, passiert wohl kaum in einem Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Prestige.
Viel mehr ist es doch so, dass diese Normalität auszudrücken und mit.zu.teilen, ein noch immer unterschätzter und nachwievor exklusivierter Beitrag zur Inklusion ist, der von behinderten /Menschen/ mit Behinderung selbst kommt.

In diesem Sinne weiter zu arbeiten, darin hat mich das Barcamp gestern sehr bestärkt.
Nicht, weil ich es als Vorteil begreife mit Behinderungen leben und  infolge dessen immer wieder kreativ in der Lösungsfindung sein zu müssen, sondern weil mir noch einmal bewusster wurde, dass es noch ganz viel mehr Bewusstsein für verschiedene Normalitäten braucht. Auch in der Kunst und ihren Betrieben.