Schlagwort: Gewaltfolgen

was wir niemals wollten

Unsere Schullektüre ist “Die Bücherdiebin” und einmal mehr ist der Faschismus, der Nationalsozialismus, Hitler, der Krieg, Thema für mich.

Als ich noch zur Regelschule ging, war das Thema nicht viel mehr als Anne Frank, Massenmord und Hitler.
Nazi sein war scheiße. Nicht wegen Krieg und Hitler und den Juden, sondern weil es in meiner Umgebung üblich war, Nazis abzulehnen und Faschismus als Menschenverachtung einzuordnen. Heute frage ich mich, wie die Lage für mich wäre, würde ich noch dort leben, wo ich damals gelebt habe.
Mecklenburg Vorpommern ist wohl mehr als versprengte völkisch-nationalistische Aussteigerkommunen, aber doch viel weniger bunt und anders links bis antifaschistisch, als die Stadt in NRW, wo wir ein anderes Zuhause gefunden haben.

Hier geht man zu einer Gegendemo. Man ist nicht die Gegendemo. Jedenfalls empfinde ich das so.
Niemand will Nazi genannt werden, aber sich wie einer auszudrücken oder zuweilen problematisch zu handeln, das wird man ja wohl… – also ohne jemandem zu nahe treten zu wollen… Ach was, man kennt es doch, dieses unterschwellige, meist nicht einmal bewusste Saatgut des Hasses, das sich bis heute in Menschen hält und weiter verbreitet wird. Kleiner vielleicht. Maskiert. Verwässert. Aber da.
Niemand hier ist Nazi. Man macht nur einfach irgendwie mit.
So nehme ich das jedenfalls manchmal wahr.

Heute kommt niemand mehr umhin, Bilder der Toten und Gequälten zu sehen, wenn man sich Reportagen oder Dokumentationen über den Krieg anschaut. Für mich geht das nicht. Ich kann das nicht sehen, nicht hören, ohne selbst an die eigene Gewalt erinnert zu werden. Obwohl es bei mir nie um diese Art Faschismus ging oder dieses Thema aufgegriffen wurde.
Es ist das Leiden, die Todesangst, der Schmerz, die Ungerechtigkeit an sich, die mir diese Art der Zeugnisannahme zu den Opfern und Geopferten unmöglich macht, möchte ich mich selbst vor Schaden schützen.

Es ist mir wichtig, meine Geschichte nicht mit der anderer Menschen zu vermischen. Wenn mich die Erfahrungen anderer erreichen, dann muss ich hart sein. Da braucht es eine Panzerglasschicht um mich herum, die mir ermöglicht, die andere Person zu sehen und zu hören – auch selbst gesehen und gehört zu sein – aber doch weder emotional noch anders innerlich konsistent berührbar, vermischbar, verfälschbar zu sein.
Und doch wünsche ich mir manchmal das Gefühl mit jemanden in dieser Erfahrung verbunden zu sein. Bezeugt zu werden, in dem was mir passiert ist.

Obwohl ich mich frage, warum bei solchen Filmen die Würde der Gestorbenen, Getöteten, Ermordeten der Konzentrationslager nicht gewahrt wird, verstehe ich gerade sehr gut, dass es sich auch dabei um den Preis handeln kann, den Zeug_innenschaft und darüber Verbundenheit für manche Menschen kostet.
Die Fundamentreste von Buchenwald, sind eben nicht das Buchenwald gewesen, was es für diese Menschen war. Und kaum eines ihrer Worte wird dem Grauen je genug Form geben können, dass je ein anderer Mensch einen annähernd konsistenten Begriff davon bekommt. Aber ein Bild, gemacht von einem Gegenstand, von einem Retter, einer anders beteiligten Instanz, kann noch etwas dazugeben. Kann helfen. Obwohl der Preis so hoch ist. Obwohl es die Toten erneut opfert.


 

Ich habe diesen Text vor einigen Wochen begonnen und dann verworfen.
Wir haben einen Entschluss gefasst und konzentrieren gerade viel Zeit und Energie darauf, dem zu folgen. Wir wollen hier weg und wissen, dass wir uns in den nächsten zwei Jahren auf allen Ebenen dafür aufreiben müssen. Geld verdienen, sparen, eine Fremd- und zwei Programmiersprachen, Schulzeug und Berufshandwerk lernen, arbeiten, Zettelage klären.
Das lenkt gut ab. Produziert einen Tunnelblick mit hellem Licht am Ende.

Dann kamen die Wahlergebnisse aus Österreich. Wieder Gedanken an Faschismus, Krieg, staatlich legitimierte Diskriminierung.
Gerade als ich eine angenehme Lernroutine hatte und nicht mehr überwiegend mit diesem dumpfdrückenden Angstmotor im Nacken zu Motivation fand.

Eine Verwandte von uns hätte in den Dreißigern nach Kanada gehen können. Sie tat es nicht und wir werden vielleicht nie erfahren warum.
Wir denken, dass wir es tun werden, solange wir noch können. Solange man mit einem Personalausweis nach Island oder sonstwohin ins europäische Ausland kann, werden wir das tun und uns einen Ort suchen, wo es nicht besser, doch deshalb schwer ist, weil es fremd und fern und Neuanfang ist.
Weil wir nicht dieses Vertrauen in unsere Umgebung haben.
Und auch, weil wir wissen, was für Wesen noch in Menschen schlummern, wenn es um Leben und Tod, Angst und Schmerz geht.

Wir denken uns die Zeit, in der wir leben, als eine, deren natürlicher Verlauf keiner sein wird, der uns gut tut oder wenigstens: nicht schadet.
Die Verschiebung nach Rechts zusammen mit konservativen Einstellungen und Werten, verstärkt bestehende Probleme. Uns geht es besser als anderswo – doch es geht uns auch nicht gut. Es ist nicht so, dass wir ohne Schaden leben.
Für uns gibt es keinen Grund an “Es wird schon nicht so krass, wie damals als…” zu glauben. Es ist bereits krass und zu wenige, die es hören, sehen, vielleicht emotional empfangen, wollen es glauben.

Ich habe heute kein Buch über den Krieg gelesen, sondern eines über die Zwanziger und Dreißiger Jahre. Das Europa nach dem ersten Weltkrieg und den Alltag in Deutschland, der gar nicht, wie ich das immer dachte, so golden und frei war. Sondern ähnlich aufgeteilt wie heute. Hier die freien Eliten in goldenen Käfigen und da die Armen, die es bleiben, egal was sie tun.

Es war so leicht diese Gesellschaft zu entzweien und zu trennen. Zu selektieren und zu nazifizieren.
Es war so leicht, einander nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu hören und keinerlei Verbindung zueinander einzugehen.

Mit unseren Gewalterfahrungen, geht es uns bereits jetzt sehr ähnlich.
Niemand sieht es uns an. Und hören lassen wir es nur die Therapeutin.
Wir sind unsere eigene kleine Schweigeblase, die durch das Leben geht und darunter leidet, sich nirgendwo ganz und gar öffnen zu können. Zu verschmelzen, in Verbindung zu sein, ohne gleichzeitig an all die hundert Grenzfronten zu denken.

Aber das ist unsere Entscheidung. Nicht ganz und immer, aber doch: unsere.
Für uns geht es beim Weggehen nicht um das Retten des eigenen Lebens. Es geht um den Erhalt der Wahlmöglichkeiten und die Erschaffung einer Art von Freiheit, die hier nicht möglich ist. Denn Schutz für Gewalterfahrene ist hier nicht für alle da.
Nicht für alle, die hier geboren wurden. Nicht für alle, die sich hierhin gerettet haben. Nicht für alle, die hier leben und arbeiten. Nicht für alle, die ihn letztlich herstellen.

In meinen Social Media –Kanälen geht es im Moment viel um Nazis. Man schaut auf die AfD und wartet darauf, dass sie sich zerlegt.
Das hat man zu Zeiten der NSDAP auch getan.

Kann sein, dass sich in den nächsten Jahren noch ganz viel ändert und alles toll und bunt und supi wird. Ja, kann sein – und wenn es so wird, dann ist das super. Aber auch das ist etwas, das man sich anschauen muss.

Wird es super, weil hier niemand verhungert und nur noch Geflüchtete in Lagern Zentren konzentriert untergebracht werden? Wird es super, weil die deutsche Wirtschaft davon profitiert, nicht so zur Verantwortung gezogen zu werden, wie es angemessen wäre? Oder wirds einfach gut, weil wir uns das, was ist, normalisieren und denken, es könnte ja schlimmer sein?
Die AfD allein ist nicht das Problem.
Wir sind es – das Ding, in dem wir alle hier stecken, ist es. Und wie man sich das schön gestaltet – wie man auf die Idee kommen kann, sich das noch zu irgendetwas retten zu können, das irgendwie “gut und schön” genannt werden kann, ohne jemanden auszuschließen – ich komme nicht dahin. So weit weg erscheint mir das. So absurd.

So, als wäre ich kleine abgeschlossene Einheit, die durch die Gegend geht. Abgetrennt. Fremd.körperlich.

Die Bücherdiebin stiehlt Bücher in einer Zeit, in der die meisten an Essen und Überleben denken.
Wir konzentrieren uns auf uns und sammeln Kraft für etwas, das wir noch gar nicht so kommunizieren können, wie es uns ist. Umgeben von einem Lauf der Dinge, der sich noch auf Regierungsbildung, Normalisierung von Terror und hilflos wütend abwertendes Kopfschütteln über Trump konzentriert.

Es macht uns Angst. Diese Unverbundenheit damit.
Es ist die Insel, die wir niemals wollten: wir und unsere Geschichte, eine Zeugin und die Arbeit an einem Weggehen.

hab den Mut deine eigene Stimme zu benutzen – ein Rant

Es war nach der Meldung über die unabhängige Aufarbeitungskommission und vor der Mail, die mir erzählte, dass Yoko Ono “Testamente des Leids” für eine Kunstaktion in Empfang nimmt.
Der bittere Moment, in dem mir klar wurde, dass ich als öffentlich schreibende Person, die Gewalt überlebte und die Folgen davon im Leben hat, die Rampensau bin, während all die “guten Opfer” sich bei der Aufarbeitungskommission melden oder ein Bild ihrer Augen über ein Schriftstück heften, das sie Yoko Ono schicken.

Immer wieder heißt es, Gewalt solle benannt werden. Immer wieder wird mit großen Worten ein Wertschätzungsluftballon aufgepustet, der den Mut der Überlebenden, der Betroffenen, der Menschen, die ES erfahren haben, der Menschen, die bis heute nicht wissen, zu wem oder was die Gewalt sie hat werden lassen, verkündet.

“Geschichten, die zählen” heißt es in der Broschüre der Aufarbeitungskommission.

“Profiliert sich im Internet mit ihrer Diagnose und (angeblichen) Geschichte”, heißt es, wenn man genau das Gleiche tut, jedoch nicht darauf wartet, dass eine Institution oder irgendein_e Künstler_in Bock auf die Auseinandersetzung mit Leid und Not hat.

“Ihre Geschichten helfen, zu verstehen.” heißt es grob übersetzt auf der Webseite des UBSKM.

“Wertet sich selbst damit auf, für Fachpersonal Workshops und Vorträge zu geben.”, ist aus unserem letzten Klinikbericht zu übersetzen.

“Was ist das bloß für eine Diskrepanz?”, könnte man sich da fragen. Und tut es doch nicht, denn die Dissoziation ist wichtig.
Es ist wichtig, hier die guten, die jungen, die starken, die resillienten Opfer zu haben, deren Kraft zum Widerstand, zur Autonomie, zur Macht über die eigene Stimme, die eigene Geschichte, die eigene Wahrheit, das eigene Selbst, dann doch aber bitte nur bis kurz vor das Ego der Helfer_innen, der Retter_innen, der Verkünder_innen eines selbst nie erfahrenen Leids, reicht.

Es ist wichtig dort die schlechten, die alten, die unfähigen, “die Anderen” zu haben. Die, bei denen “es dann doch wahrscheinlich alles ein bisschen anders war.”. “Die, “die noch ganz andere Probleme haben, als…”. Die, für die es nie hätte anders laufen können.
Man braucht sie, um sich Kraft zu sparen. Sich zu erhöhen. Sich zu trösten. Es ist so wichtig immer wieder jemanden zu haben, auf dessen Rücken man klettern kann, um selbst ein Wunder zu vollbringen oder wenigstens von einem angestrahlt zu werden. Es ist so wichtig, dass alles einen Sinn hat, den man sich ohne viel Anstrengung konstruieren kann.

“Meine Geschichte”, werde ich nie mit einer Öffentlichkeit teilen, die so funktioniert.
“Meine Geschichte” enthält so viele Geschichten und keine einzige davon ist es wert, zu etwas erhoben zu werden, das so tief eingegrabene Gewaltmuster aushebeln kann.
Ich wurde einfach nur misshandelt und ausgebeutet. Und aus Versehen hab ich das auch noch überlebt.
Sowas passiert. Jeden Tag. Immer.
Und wieder.

Viel schlimmer als das ist, was jeden Tag mit mir gemacht wird, nur weil ich das üb.erlebt habe.
Dass die Kenntnis über diese meine Erfahrungen ausreicht, um meine Intensionen, meine Person, mein Selbst, mein Werden und Wirken zu entwerten, zu pathologisieren und von Fremden für sich allein benutzen zu lassen.

Ich bin kein Opfer für dich Yoko.
Ich bin kein Opfer für dich UBSKM.
Ich bin kein Opfer für dich [random Stelle, die “den Opfern eine Stimme geben will”]

Ich war ein Opfer.
Ich bin ein Mensch mit Erfahrungshintergrund.
Wie jeder andere auch.

Was ich schlimm finde ist, für wen ich das ewige Opfer sein muss, um sich mit Gewalt auseinanderzusetzen oder die Auseinandersetzung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene immer wieder anzustoßen.
Das sind nicht immer die großen Held_innen der Psychotraumatherapie. Das sind nicht immer die aufopferungsvollen Pädagog_innen. Die against all odds pro Bauchgefühl – Menschen.

Das sind oft Menschen, die davon profitieren, dass unsere Gesellschaft eine Gewaltgesellschaft ist, in der sogar mit Not und Scheiße noch an Geld und Macht zu kommen ist. Die davon profitieren, dass die Wahrheit des Unterlegenen zum Vorteil des Überlegenen erklärt werden kann.

Wir wollen niemandem davon abraten sich an dem Vorhaben der unabhängigen Aufarbeitungskommission zu beteiligen. Oder an dem fancy Kunstdings von Frau Ono.
Es ist wichtig, dass über Gewalt gesprochen wird. Es ist wichtig, dass über die Folgen und die Leben danach gesprochen wird. Es ist wichtig, dass niemand sagen kann, si_er hätte noch nie davon gehört.

Aber – es ist wichtig, dass es direkt von denen zu hören ist, die es erlebt haben.
Nicht von irgendwelchen Stellvertreter_innen. Nicht von irgendwelchen Institutionen. Nicht von Menschen, die davon profitieren, dass sie die Stimme einer zum Opfer gewordenen Person im Hinterkopf haben und die eigene Stimme hörbar für alle erheben.

Ja, viele mit Gewalterfahrungen im Leben, haben Angst davor offen damit zu sein.
Es ist nicht geil, solche Kommentare auf das Ergebnis der eigenen Versuche in Worte zu kommen lesen zu müssen, wie wir sie hier mitunter reingedrückt kriegen.
Es ist verletzend zur Rampensau erklärt zu werden, weil man sich nicht versteckt. Es ist erschreckend welche negativen Konsequenzen es haben kann, wenn man offen als früheres Opfer von Gewalt vor andere Menschen tritt.
Man selbst hat nichts davon. Niemals. Unter keinen Umständen.

Aber es ist gesagt. Und je nach Form ist es unübersehbar. Unüberlesbar. Unausblendbar. Unzerstörbar da.

Und niemand kann je sagen, man hätte ja nicht wissen können, dass es so etwas wie zum Beispiel unser Leben und Sein, Wirken und Werden tatsächlich gibt.

Wir möchten euch sagen, dass ihr nicht warten müsst, um zu erzählen, was war. Um auszudrücken, was jetzt ist. Um sich mit den gemachten Erfahrungen auf die ganz individuelle Art zu befassen, wie es sich am Okaysten anfühlt.
Niemand wird kommen und euch danach fragen. Noch lange Zeit werdet ihr es sein, die von weit her dazu aufgefordert werden, etwas zu sagen und mit einer sozialen Umgebung zu teilen, der es nicht primär um euch und euren kleinen persönlichen Kosmos geht, sondern um die Gewalt und ihre Macht.

Ihr braucht keine Erlaubnis für euren Ausdruck, denn die Redefreiheit gilt euch für euch.

Ihr braucht nur den Mut, euch der eigenen Stimme zu bedienen.
Weil es sagbar ist.

betroffene Profis #2

betroffene Profis #2

Wenn es einen Satz gibt, der uns seit 13 Jahren begegnet und exakt nichts sagt, weil er in  dem Kontext, in dem er uns immer wieder begegnet dumm ist, dann ist es “Sie sind der Profi für ihr eigenes (Er_)Leben”.

Immer sind es Kliniken, Behandlungspraxen, Beratungsstellen, Betreuungsbüros, in denen dieser eine Satz wie ein Zierdeckchen auf meine Problemberge draufgelegt wird, um mir zu signalisieren: “So und nun gucken sie mal, wie sie klarkommen. Behalten Sie dieses Deckchen immer im Blick, denn niemand kann Ihnen das abnehmen, was Sie tun müssen, um sich besser zu fühlen. Sie allein sind es, die das kann. Sie sind so [hier wird eingefügt, was von zur Mehrheit der Menschen erklärten Masse als positiv ermutigend und stärkend gilt – also so etwas wie “mutig”, “stark”, “klug”, “eloquent”, “kämpferisch”, “resilient”, “kraftvoll”] – es gibt Hoffnung für Sie – Sie müssen nur wollen und machen.”

Vielleicht geht nichts anderes. Vielleicht sind die Bedingungen unter denen Menschen heute anderen Menschen helfen wollen, können, müssen, sollen, so beschissen, dass nur noch das geht. Das “Sie sind der Profi- Zierdeckchen” klöppeln in der Verhaltenstherapie, in Mandalaform zum Ausmalen hingeben in der Kunsttherapie, in regelmäßigen Trommelschlägen in Bongos tippen in der Musiktherapie – in Myriaden von Worten verpacken in der Gesprächstherapie.
Ja, vielleicht geht nicht mehr. Ja, vielleicht ist der Ansatz bewährt. Ja, vielleicht macht so ein Satz sogar, dass man als Patient_in irgendwann sogar tatsächlich einen professionellen, kompetenten Umgang mit sich und seinem Erleben findet, der Leidensdruck und äußere Kontexte mit einem Flickenteppich aus immer komplexeren Zierdeckchen bedeckt bis es zur zweiten Haut wird.
Und ist.

Und dann? Dann ist man tatsächlich ein_e kompetent_e Patient_in.
Ach du Scheiße.

Dann gibt es keine großen Halleluja-Momente der Aufklärung über diverse Faktoren der eigenen Diagnose und auch die Idee davon nicht verrückt und unzurechnungsfähig zu sein, ist bei weitem keine mehr über die man einen roten Kopf bekommt und sich so erleichtert fühlt, dass man über einen Stein am Gürtel nachdenkt.

Nachdem fast unser halbes Leben aus einer Therapie besteht, die uns vor allem den Umstand unserer Zurechnungsfähigkeit, unserer Resilienzfaktoren und der Existenz der Berechtigung von Respekt, der uns entgegen gebracht werden soll, obwohl wir wir sind, in den Kopf pflanzt und dafür sorgt, dass wir das nicht vergessen, weil Inhalte aus der anderen Hälfte unseres Lebens immer wieder diese Pflänzchen kaputt zutreten versucht, geht es für uns nicht mehr darum von einer gesellschaftlich und kulturell über uns stehenden Instanz über das Vorhandensein dieser Inhalte als für uns und unsere Zustandsverbesserung als relevant und in Ordnung aufgeklärt zu werden.

Es geht darum diese zu sichern und genau so weit erstarken zu lassen wie bei anderen Menschen ohne unsere Erfahrungen.

Doch haben wir das vielleicht nicht genug bedacht, denn nun stehen wir erneut an einem Punkt an dem wir merken: Ja, jetzt sind wir so weit, dass es für uns kein fast g’ttgleiches Geschenk mehr ist, wenn uns jemand glaubt, dass es uns gibt. Dass wir sind. Dass wir leben, lieben, leiden.
Sondern, dass wir wissen: Therapie ist ein Arbeitsverhältnis. Therapie ist Arbeit an und Auseinandersetzung mit sich, wie der ganzen Welt. Auch dann, wenn sich “die Welt” durch den kleinen Einpersonenhaushalt mit Haustier und Ehrenamt auszeichnet, so ist es ein Kosmos, der eine Wandlung mit macht.

Wir wissen, es muss grundlegende Regeln geben. Wissen, dass diese Regeln auch Bereiche berühren können, die privater sind, als bei einem Arbeitsverhältnis bei dem es um die Errichtung eines Gartenzauns geht. Doch selbst in so einem Arbeitsverhältnis wird miteinander geredet. Ist man miteinander, weil man weiß, wie sehr man von einander abhängig sein kann.
Psychotherapie funktioniert nicht so. Therapieverhältnisse sind Abhängigkeits- und damit auch Gewaltverhältnisse. Nicht zuletzt auch deshalb, weil nur eine von beiden Professionalitäten als echt und wahrhaft auf ihrem gesicherten, etablieren Raum bestehen darf – obwohl die eine ohne die andere weder gebraucht noch produziert werden kann.

So nehme ich uns derzeit wahr wie Frankensteins Monster.
Wir waren eine Art tote Masse, die erst durch das Handwerk idealistischer, kompetenter und hoffungsvoller Menschen zu etwas kommen konnte, das man Leben nennen kann. Man feiert unsere Erfolge, freut sich mit uns über das eigene Wachstum, doch dann: [Schlaglicht und eine bizarre Musik im Hintergrund] haben wir eine Forderung. Wir wollen als das anerkannt sein, was man uns immer vermittelte und wollen einen entsprechenden Umgang mit uns.

Wir wollen respektvoll angehört werden, wenn es in einem Gespräch um uns als Person geht. Wir wollen die Möglichkeit unser Arbeitsverhältnis mitzugestalten. Wir wollen nicht weiter ausschließlich als in Schöpfung betrachtet werden, sondern auch als in Bestand.

Ich habe natürlich einen persönlichen und aktuellen Anlass das Thema aufzugreifen – zu anderen Zeiten aber habe ich diesen Anlass ebenfalls.
Auch zu anderen Zeiten gibt es Bereiche, in denen kompetente Patient_innen unter die Räder von Sozialpolitik und Professionsgeklüngel geraten und exakt keine Mitspracherechte bzw. exakt keine Gewichtung ihrer Mitsprache in Bezug auf ihre eigene medizinische, psychiatrische, psychologische und sonstige Behandlung, Versorgung, Pflege und unter Umständen auch juristische Genugtuung  erhalten.

Zu keinem Zeitpunkt seit unserer ersten F – Diagnose gab es je keinen Anlass sich mal zu fragen, ob sich denn niemand darüber wundert, was für ein seltsamer Weg beschritten wird um Leiden zu begegnen und zu lindern. Zu keinem einzigen Zeitpunkt in unserer gesamten Behandlungszeit gab es so ein Moment nicht.

Und lange dachten wir, dass wir uns darüber wundern und das in Frage zu stellen hätte etwas mit unserer Kaputtheit, unserem Leidensdruck, der beschissenen Lebensrealität mit der wir jeden Tag umgehen zu tun.
Nicht damit, dass da tatsächlich Kackscheiße passiert.

Und daneben die Frage, warum werden “wir Patient_innen” (und: “Wir, die wir Opfer von Gewalt wurden”) denn bitte so sehr gestärkt und in unseren Rechten auf Selbstbestimmung, Unversehrtheit und bestmögliche Versorgung im Sinne von Umgang und Begegnung versichert, wenn wir diesen nicht gleichermaßen auch von denen einfordern dürfen, die uns beigebracht haben, dass wir ein Recht darauf haben?

In den letzten Jahren haben wir so viel über die Sollbruchstellen des Antistigmatisierungsaktivismus gelernt. Haben so viel über die tiefgreifenden Wurzeln von Selbststigmatisierung im Zusammenhang von Konsumgesellschaft und patriarchaler Gesellschaft gelernt, dass wir vor uns selbst nicht umhinkommen, durch die Straßen und jeden einzelnen Tag zu laufen und merken, was hier eigentlich passiert. Obwohl und trotzdem so viele Menschen glauben, vieles (alles) ginge auch ganz anders als jetzt.

Nämlich: auch ohne Gewalt

“Fehlerbekämpfung”

Kennst du diese Filme, milchig verträumspielt, glitzernd und leicht. Es geht mehr um Atmosphäre und Gefühl, als um die Bilder.
Am Ende ist da Leere und die Rasierklinge in deiner Hand ist nicht mehr, was sie ist.

In so einem Film hört man im Hintergrund immer ein Windspiel oder ein Xylophon, das so tut als wäre es eins. Es gibt Text, den man in der immer gleichen Moll-Tonart gesprochen hört und die Worte der gezeigten Menschen werden zum Stimmenwind_spiel.
Kurze Sätze. Nichts weniger.
Als Kunst.

Irgendwie so.
Tropf tropf.

Ich denke manchmal, ich bin zu alt für den Scheiß.
Vor 600 Jahren noch, wurden die Menschen in Europa etwa 30 Jahre alt und ich werde in 2 Monaten 29.

Mein erstes weißes Haar habe ich nicht wachsen sehen und bin traurig darüber. Ich habe es erst entdeckt, als es bereits wie eine kleine Antenne aus meinem Scheitel ragte. In meinem eigenen Kunstfilm wäre es eine Aufnahme mit wanderndem Schärfebereich und Linsenpunkten.

Das Tropfen auf den Boden, wäre vielleicht eine schwarz-weiß Aufnahme.
Es hätte so viel WÄMMS wenn anderer Menschen Augen das Schwarz von aus mir raus sähen.
Es wäre so traurig.

Kennst du diese Filme, die eigentlich nichts erzählen. Dich aber berieseln mit milchigem Bilderfluss und Windspielplinkerplänker.
So ist mein Bluten von dem ich denke: Ich bin zu alt für diesen Scheiß.
Es sind bald 20 Jahre Selbste verletzendes Verhalten. Schlitzritzratz. Bluttropftropf.

Ich bin zu alt um nicht mehr zu sein. Wenn man etwas angefangen hat, dann sollte man es auch zu Ende gehen lassen können.
Und aufhören zu versuchen, es gar nicht erst zu beginnen.
Wenn etwas angefangen hat, dann geht es nicht mehr zurück.
Es geht nur noch so, wie es gehen kann.

In mir drin ist die Erinnerung daran, wie sehr ich ein Fehler war. Bin.
Nicht “wie ich bin”, nicht “was oder wer ich bin”, sondern ich. Physisch, psychisch, Ich.

Wie gut, dass entschieden ist, dass ich ein Fehler bin.
In meinem Film, wäre das ein Bild von meinen Füßen. Leicht überbelichtet, milchig, Fokus auf die Fesseln.
Links und rechts tropft es fast unmerklich auf den Boden der Tatsachen und man hört das Schluchtzecho mehr, als das Weinen selbst.

Ich habe die Angewohnheit zu denken, wenn man ein Fehler sei, dann müsse man sich berichtigen.
Obwohl gerade Fleischgeist gewordene Fehler nicht gerade dafür bekannt sind, irgendwann berichtigt zu sein. Am Ende ist es das Los des Fleischfehlers ein ewiges Mahnmal zu sein.

Kennst du diese Filme, die kurz nach der Erstausstrahlung als Thinspirations in deinem Fress-Kotz-Hungerhungerhungerforum auftauchen. Verlinkt auf irgendeinen nicht europäischen Server. Out of focus. Out of space. So wie du mit diesem Hungerbauch voller Lebensmittel, die deine Lunge quetschen und in mühevoller Arbeit auf kalten Fliesen rausgewürgt werden müssen. Müssen, weil es so  weh tut. Weil es einfach zu viel ist um rausgeblutet zu werden.

Dafür verwendet man ebenfalls viel Licht. Harte Schatten. Der Fokus liegt auf dem Aufklatschen des Erbrochenem.
In meinem Film wären die Hände zu sehen. Das Rauschen. Dieses Moment, in dem man mittendrin nicht mehr kann, nicht mehr will, nicht weiß, wer wo wann wieso man ist. So viel mehr als weniger.

Das Rauschen wäre mein Windspielplinkplank.
Die Stille, die direkt aufs Gedankenhören drückt.

Mein Film wäre eine lange Reihe von Schreitoden, die man überleben wollen muss.
Weil es kein Ende gibt. Keine schlichte Buchstabenzeile, die dich wissen lässt, dass alles gut wird.

Vielleicht gäbe es ein Stillleben am Ende. Eine Aufnahme von 20 Sekunden, in dem das, was ich in einer einzigen Fressattacke esse, angeordnet ist. Neben dem Verbandszeug, den Klingen. Einem Zettel auf dem steht:
Ich bin seit 29 Jahren und kämpfe seit 20 Jahren dagegen an.

“Fehlerbekämpfung” könnte er heißen.
Und nichts verändern.
Aber ich hätte gezeigt, dass ich versuche, etwas wieder gut zu machen.
Etwas Jemanden Mich zu berichtigen.

ein Nachmittag mit Erkenntnis

“Jetzt hat sich mein Auge wohl ganz verabschiedet”. Ich denke den Verlust zu einem Klumpen Erkenntniskalk und bröckle ihn mir auf den Schreibtisch.
“Wie gut, dass es ein Projekt ist, das nicht perfekt sein muss und ein bisschen … therapeutisch wert -vollbetankt… auch nicht perfekt sein soll.”.

Trotzdem.
Das Kind zum Auge klebt mir wie eine Fliegenfalle hinter dem Gemüt und schmaucht seinen Unbehagensgnatsch zu einer Aura um mich herum.
Es stresst mich, mich nicht auf meine Sinne verlassen zu können. Es stresst mich, so viele fast lauter “DAS DA” herausbrüllende Kinderinnens auf dem Arm zu haben und gleichzeitig meine Sachen zu regeln.
Ich bin bei meiner Kommentiererei nach innen geblieben, obwohl ich merke, dass ich vor allem mich damit beruhige und nur ab und an etwas davon da ankommt, wo ich es haben will.

Heute Mittag wurde ich, beim Überqueren einer Straße, fast angefahren. Ich hatte nicht gemerkt, dass sich mein Hören zu einem Rauschen verändert hatte. Zusätzlich zum Nichtsmehrsehen auf dem linken Auge.
Immerhin hatte mir der Schreck das Bewusstsein für die Unvollständigkeit meiner Sinneseindrücke ermöglicht.

“Ich glaub, ich hab sie nicht mehr alle”, tippte ich in eine SMS an meine Gemögte.
Sinnesausfälle sind für mich worst case Symptome. Das ist mehr als “Oh ich habe ein bisschen Stress- mal auf den Schlaf, die Ernährung, die Bewegung, die Versorgung des verletzten Innereiengekröses fokussieren”.
Es gehört zu genau der Art apokalyptischer Reiter, wie das Kinderinnen mit dem Auge. Auf ihren Fahnen steht nicht: “Bitte eine Imaginationsübung zur Rettung der inneren Landschaft”, sondern: “So, ich mach das jetzt hier. Ich bin das Notstandsgesetz und ich tue, was ich will. (because of fucking darum)”

Sie forderte mich auf zu fühlen, wo “sie” denn jetzt hinfließen. Ob ich das spüre. Ob ich mich an unsere gemeinsame These erinnere, nach der jedes abgetrennte Wahrnehmen (dissoziierte Inhalte allgemein) als etwas irgendwo neu oder fremd wieder auftaucht.
Was ich spürte, waren knallharte Muskeln, galoppierender Puls und eine Art Machtbewusstsein mit Namen irgendwie genau darunter.
”Mit so einem Selbst- Bewusstsein würde ich auch aufs Hören und doppelgesichertes Sehen verzichten können.”, dachte ich.

Meine Gemögte fragte, was ich noch erledigen müsste und später, ob sich für mich etwas verändert, wenn ich mir das Vorhaben “zum Gericht gehen” nochmal ganz genau in allen nervigen Kontexten und Einzelheiten vorsage.
Ich hatte die schon gar nicht mehr im Kopf. Also noch eine Stufe weiter zurück. Kontext sammeln.

Gerade frisch dem Tod von der Motorhaube gehopst, taub und halbblind, fängt Frau* Rosenblatt erst mal an sich zu überlegen, warum sie eigentlich gerade tut, was sie tut und versucht dabei nur halb so dämlich auszusehen, wie sie sich fühlt. Klassiker since ever.
Es hat aber geholfen. Im Laufen habe ich mir selbst alles nochmal erzählt, mir die Berechtigung für mein eigenes Handeln versichert und nebenbei noch etwas von diesen Inhalten unter meinen Puls geschickt.

Ich konnte die Beamtin im Gericht gut verstehen, die mich fragte, zu wem genau ich denn wollen würde und mir damit aus Versehen fast das Hasenherz hat explodieren lassen.
“Wenn ich auf jemanden wie mich aufpassen müsste, würde ich wohl auch drauf achten meinen Puls nie zu weit absinken, die Muskeln nie ganz entspannt zu lassen…”
Ach Erkenntnis- why so schmerzhaft immer wieder?!

Nur das mit dem Auge klappt so nicht.
Warum weiß ich noch nicht.

Wie gut, dass mein Projekt nicht perfekt sein muss. Wie gut, dass ich dafür auch ein bisschen halbblind sein kann.

 

(und wie- ein bisschen- gut, dass da jemand oder etwas in mir so viel weniger Sicherheiten als ich braucht, um im Fall des Falls auch agieren zu können- das ist so krass wie ein persönliches Hulkbaby)

Scheiße, die sind nett zu mir!

oder: “Wie viel Dissens verträgt der Konsens?”

Dass “Freiwilligkeit” kein Synonym für “Konsens” ist, ist für mich Fakt, weil ich persönlich das Konzept des freien Willens ablehne. Freiheit gibt es nur dort, wo nichts ist (Abwesenheit von Machtdynamik und damit Machtungleichgewicht = Abwesenheit von Gewalt = alle und alles ist gleich (ohn/mächtig) – wir* aber leben in einem Land, dass von mindestens Staatsgewalt dominiert und normiert ist, welche wiederum patriarchaler (Norm)Gewalt entsprungen ist. Also keineswegs in einem gewalt(en)freien Raum.

So bedeutet Konsens für mich ein Konzept, das bestehende Machten (Gewalten) anerkennt und eine beider/allerseits gleich be/er/entmachtende Positionierung ermöglicht und damit arbeitet.
Die Grundlage für Konsens ist neben Anerkennung von Unter- und Überlegenheiten, auch das Anerkennen, das Unter- wie Überlegenheit mit spezifischen Anpassungs- und Reaktionsmustern, Habitus, körperlichen, kognitiven und psychischen Befähigungen (aber auch ihrem Fehlen) und einem individuellem (Un-) Bewusstsein für eigene Präferenzen einhergeht.

Mein Tweet “Ich bin aufgewacht und der erste Mensch, der mich anschaut, lächelt. Vielleicht schlaf ich noch? <3”, ist für mich entsprechend sehr groß, da er mir selbst viel reflektiert:

– ich habe es geschafft unter Menschen zu schlafen
– ich habe es ausgehalten, dass mich ein Mensch anschaut, so dass ich merken konnte, dass er mich anlächelt
– ich konnte mir bewusst werden, dass sich das für mich angenehm und unwirklich neu anfühlte

Doch was stelle ich mit dieser Erkenntnis an?
Es ist das Eine zu spüren, das Freundlichkeit wenig mehr, als den Wunsch nach Harmonie und das Privileg der Gemeinschaft, die in Harmonie miteinander sein möchte, braucht, das Andere ist, in sich selbst genau das als neue Option, neue und fremde Interaktionsgrundlage zu empfinden.

Als ich die erste Nacht in der Hütte lag und versuchte meinen Körper auszuruhen, erkannte ich, dass ich den Trigger unterschätzt hatte, den es für mich bedeutet, wenn sich Nachts die Tür zu dem Raum öffnet, in dem ich schlafe.
Mein Denken und Fühlen passte sich an, schrumpfte, wurde weich, waberte wie Morgennebel ganz dicht neben meinem Gesicht.

Um mich herum wuselte es sachte. Einzelnes Lachen, gedämpfte Stimmen und das Rauschen des Waldes rahmten den Campkontext ein und allein mein Erinnern bildete für sich einen Dissens in all dem.
Diese Scheiße gehört in der Form nicht in eine Gruppe in der Diskriminierungen und andere Gewalten benannt und beendet werden wollen. Dieser rostige Nagel, den mir mein Kopf immer wieder neu in meine eiternden Wunden reintreibt, passt einfach nicht. Für mich. Als Fakt.

Mir wurde einmal mehr bewusst, wie viel von der Gewalt, die ich er- mit- ge- lebt habe, in mir selbst verankert ist und nicht durch den Konsens einer Ablehnung oder den Wunsch zur Veränderung verschwindet.
Auch in meinem Workshop wurde es kurz zum Thema, als ich sagte, dass man ein Trauma- ich möchte es ab sofort lieber “eine Erfahrungsverwundung” nennen – nicht “überwinden” kann. Wunden, Verletzungen, Schmerzen, die über physische Versehrungen hinausgehen, sind nichts, was man Kraft seiner geistigen Entscheidung oder Haltung allein “hinter sich lassen“ kann.
Wunden sind Löcher, Täler, die man durchschreiten oder mühsam umgehen muss.
So erlebe ich das jedenfalls. Was man überwinden kann – wo die Berge und Huckel zum überwinden und beklettern sind- sind meiner Meinung nach die Art Ängste, die erneute Ängste vor Verletzung, Ausbeutung und Verrat anhäufen.

Ich kann nicht in Gruppen sein, in denen meine Position heißt “Mach mal einfach- das wird schon alles passend sein.”. Gesagt mit Lächeln, ist es der Overload.
Dann muss ich sowas denken wie: “Vielleicht schlaf ich noch? <3”. Als Übersprungshandlung, weil Overload. Wohin mit all meiner Okayheit? Wie lange gilt mein Okaysein, als okay? Wie viel Nichtokaysein von mir wird geflissentlich übersprungen, kompensiert oder hobelt sich im Lauf der Zeit zu einem Huckel im Okaysein ab? Woran werde ich merken, wenn ich nicht mehr okay bin und mein Verhalten allen Konsens auf die Grundfesten reduziert und zu Gunsten einer Wunschvorstellung zwangsweise immer wieder neu belebt wird, wenn nicht durch Gewalt? Das ist doch woran ich immer und überall all mein Nichtokaysein merke! Absolut verlässlich und auf allen Ebenen.

Ich hätte es nicht ausgehalten, dort zu sein, wenn ich nicht den Workshop/Vortrag gemacht hätte. Ich brauchte meine innere Positionierung innerhalb einer Verwertungsgewaltendynamik (die nur vor mir selbst und einem nicht vorhandenen äußeren Beobachter von Belang und Bestand war!) um mir das Mehrsamsein in dieser großartigen neuen Form erlauben zu können.
Ich hätte nicht den Mut gehabt, nicht die innere Erlaubnis der Annahme zu vertrauen, dass sich jede/r* gut und hilfreich für die Gemeinschaft einbringen kann. Der Mut zur Überprüfung wäre nicht da gewesen.

Wieviel meiner Gewalt(en)sozialisierung ist umlernbar umerfahrbar überschreibbar durch Erfahrungen in konsensualen Miteinanders?
Ich reproduziere doch für mich selbst Gewalten bzw. Machtungleichgewichte, um mir diese Erfahrungen zu erlauben- sind sie dann noch purer Konsens oder eher das, was von meinem Eitersumpf übrig bleibt?

es gibt meine Schuld und ich will sie haben

rosenblüte Es gibt kein Wort, keine Wendung, die ich häufiger in meinem Alltag verwende als: “Entschuldigung” und kein häufiger von Abhängigkeit geleitetes Gefühl in mir, als das der Schuld.

Als unsere Welt geplatzt war, gab es diese Botschaft von “Es war nicht deine Schuld”. Ich weiß noch, dass mein erster Impuls einer Entgegnung war: “Doch doch, ich hab ja Mist gemacht. Es war mal meine, aber jetzt ist sie ja bei ihm.”.
Ich weiß noch, dass meine Vorstellung von Schuld damals, als ich noch mitten in der Dynamik von Gewalt war, sehr viel fluider war, als sie es heute ist, wo ich allein Dynamiken von Gewalt aufbauen (und reproduzieren und halten) muss. Ich sehe bis heute das Zentrum von Schuld in mir, bin aber gezwungen sowohl Schulddefinition, als auch Schuldabsolution allein zu erteilen und bin einer Zwickmühle, denn gelernt habe ich ja, sowohl in der Familie, als auch in anderen Kontexten, vor allem, dass ich mal so gar nichts zu definieren habe bzw. aufzuheben, weil [… beliebige Ohnmachtsrolle einsetzen…].
Und dort beginnt die Schwierigkeit im psychotherapeutischen/psychiatrisch-medizinischen Diskurs:

Selbstzerstörung und Selbstbestrafung wird für meine Begriffe oft mit einer “nicht echten” oder “nur eingebildeten” Schuld erklärt, weil es nur einen Punkt der Wirkung gibt und, weil Konzepte der Autonomie generell als “nicht echt”, weil “ja nur für einen Menschen gültig” betrachtet werden.
Das ist der Nährboden für die Pathologisierung von allem, was man wegen sich selbst für sich selbst tut: die Subjektivität auf allen Ebenen, obwohl man sich doch in einer sozialen Gesellschaft befindet, in der die objektive Sicht auf Subjekte allein als alles bestimmend gilt- heißt: Es ist pathologisch, weil Außenstehende nicht involviert sind bzw. sein dürfen – es gilt als krank, weil andere, die keine Rolle darin spielen, nicht mitmachen dürfen.

Das heißt: selbstverständlich erzählen mir alle TherapeutInnen, es sei nicht meine Schuld gewesen, wenn XY passiert ist- denn jede Bestätigung meines Komplexes könnte die Bestätigung von irgendwann mal in mich eingebrachte TäterInnenwillkür oder SadistInnenlogik bedeuten. Ob ich sie vielleicht als meine wahrnehme, und es völlig unerheblich für meine subjektive Schuld- Schulderlassungsdynamik ist, woher das nun kommt, spielt da erst mal keine Rolle.

PsychiaterInnen/PsychologInnen- objektiv betrachtet, spiele ich beendete Kindheitsgewalt (bei der sie weder damals noch heute dabei waren) nach und deshalb ist es krank, falsch, schlecht… und, ob ich mich dann schuldig fühle (weil ich diese Therapie falsch mache, weil ich das ja weder so fühle, noch so wahrnehme und deshalb eh alles eine einzige Lüge ist und böse böse böse und damit wiederum eine Bestätigung für mein Schuldzentrum), muss wiederum in mir drin bleiben, um dann in weiteren Schuldkomplexen seine Schneisen zu brennen bis ich sie irgendwie umgewandelt bekomme.

Ich glaube heute, dass alle unsere “Familientherapie”- sitzungen genau deshalb immer diesen total bekloppten Satz “Wir reden hier nicht über Schuld” hatten.
Denn doch- eigentlich haben wir ausschließlich über Schuld gesprochen, die wir uns reihum wie das Ringlein gereicht haben, weil wir sie alle gebraucht haben. Ich und meine Geschwister brauchten sie, um die Gewalt an sich bzw. die Zeugenschaft der Gewalt aneinander in einen Kontext zu bringen; mein Vater brauchte sie, um sein Handeln zu legitimieren und meine Mutter brauchte sie, um ihre Selbstzerstörung aufrecht zu erhalten.
Was es gebraucht hätte, wäre anzuerkennen, dass wir eine Misshandlungsfamilie waren, die (überlebens)abhängig von Schuld(bindung) war/ist und den Wunsch nach Autarkie von ihr zu wecken. Stattdessen wurde die Familie in Abhängigkeit von psychiatrischer/juristischer Deutungshoheit gebracht und völlig zerfetzt.

Und genau deshalb komme ich bis heute in Druck, wenn mir irgendjemand sagen will, ich hätte keine Schuld oder meine Schuldgefühle, die mir immer wieder hochkriechen wären nicht echt im Sinne von „nicht richtig begründet“: Was wenn nicht Schuld, ist denn sonst bitte die Ursache dafür, dass ich mich so grottenscheiße fühle und wer außer mir, soll das denn bitte objektiv (und damit gesellschaftlich konsensual) belegend bestätigen?

Mein Wunsch ist es, mich schuldig fühlen zu können (zu dürfen) ohne dem Reflex von Gewalt an mir folgen zu müssen, um mir auch autark verzeihen zu können.
Es ist mir egal, warum ich mich für Dinge schuldig fühle, die anderen eher egal sind. Es ist mir egal, warum ich die Dinge bewerte, wie ich sie bewerte- wichtig ist mir die Folge davon.
Ich lebe heute so autonom, wie ich das eben kann und möchte im Laufe des Lebens noch mehr Bereiche meines Lebens autonom tragen- dazu gehört auch, dass ich keine bzw. weniger Gewaltdynamiken (mit anderen Menschen) brauche um Verzeihen bzw. Absolution in mich einbringen zu können.
Das bedeutet auch, dass ich als Grundvoraussetzung meine Schuld haben muss- denn wenn da nichts ist, gibt es nichts zu tragen außer meiner sogenannten Krankheit und damit einhergehend aller Abhängigkeit von dem Kontext, der das so benennt.

Ehrlich gesagt erlebe ich “Es war nicht deine Schuld” heute wie eine Ohrfeige, die mich tiefer und unrettbarer fallen lässt, als jede Prügel früher.
Einfach, weil es von Menschen kommt, die einen Scheiß von meiner Schuld verstehen und vielleicht auch verstehen wollen. Es ist eben leichter über ein sogenanntes Opfer als “nicht schuldig” zu urteilen. Ist ja eh passiv so ein Opfer. Hat ja nix, kann ja nix, wird nix… so ein un_schuldiges Opfer.
Guck wie krank Gewalt macht- dieses Opfer will sogar seine Schuld haben – schlimm, ne?”


Es gibt sie aber, meine Schuld.
Es gibt sie, wie es die Schuld bei den TäterInnen gibt.
Sie steht neben dem Leiden, das ebenfalls nicht nur ich zu tragen und in mein Leben zu integrieren hab.
Von der Gewalt betroffen bin nämlich nicht nur ich, die Geschlagene, sondern auch die, die mich geschlagen haben (nachdem sie selbst als Kind von früher Geschlagenen geschlagen wurden…).

 

Multimythen Teil 3: “Oh wie süß- ein Innenkind!” oder: Wieso diese Mythenreihe?

Bläschen2verkleinert Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass die Denkleistung zur Verortung der hier aufgeführten Multimythen weiterginge als bis zu: “Die Rosenblätter schreiben über MultifakerInnen.”.
Ich beziehe mich hier auf den doch recht spezifischen Kosmos in Selbsthilfeforen, Mailinglisten und auch mancher Klinikkontexte.
Was “der Rest der Welt” über Multiple denkt, ist wunderbar in Film und Kunst, sowie in den parapsychologischen Ramschregalen jedes Antiquariats zu erforschen.
Hier und da wird sich aber inzwischen auch in der Wissenschaft mit dem Mechanismus der Dissoziation (so objektiv es die Wissenschaft* eben kann) auseinandergesetzt und nach (in Deutschland) inzwischen fast 20 Jahren, in denen das Thema “multiple Persönlichkeit”/ dissoziative Identitätsstörung rein psychologisch (also hochgradig individuell und an der Persönlichkeit und den Erfahrungen der PatientInnen allein verhaftet) aufgegriffen wurde, tat das auch dringend Not.

Es gibt diese zuckersüße Seelendiabetisecke im Multimythenbrutkasten des Internets. Kleine wackelnde Engel und glitzernde Tierchen, die ganze Homepages aussehen lassen wie die MySpaceseite eines Prä-Teenagers, aus den Anfängen des Internets.
Klar Geschmackssache, kann man hier angeben, da sich dies aber mit einer bestimmten Haltung paart, führe ich das mit an.
Genau auf solchen Seiten begegnen mir nämlich gleichsam oft Sätze wie: “Wenn die Seele zerschmettert wird, erwächst daraus eine wunderbare Chance”- als sei Gewalt ein Ding, dass Menschen noch besser machen würde, noch schützenswerter, noch besonderer und ach. (Während die Nachtigall ihre TäterInnendoktrin trapst…)

Klar, wem das hilft bitte- mit der Realität hat das aber nichts zu tun.

Ein durch dieses nach Außen getragene Kindlichsein bestärkter Multimythos ist: “Oh wie süß- ein Innenkind- voll niedlich- gleich mal einen Teddy in die Hand drücken.”
Innenkinder sind ein Garant für Spielkram und oft genug auch eine seltsame Verdrehung der Verhältnisse im Außen. Gleich ploppt überall ein Mamiding auf und wenn man Pech hat- egal, ob man nun wirklich multipel und für diesen Wechsel amnestisch ist oder weniger stark dissoziiert und sich dabei beobachtet, oder die soziale Rolle eines Kindes reflexhaft einnimmt bzw.. bewusst wie ein Kind agiert, weil es noch immer sicherer* erscheint
– mit der Entgegnung, wie einem echtem Kind gegenüber, ist die Chance in diesen Zuständen eine Verbindung dazu zu bekommen, dass sie heute, hier und jetzt, erwachsen sind, kraftvoll, stark und eigenmächtig, geringer, als sie sein könnte und mitunter auch einfach ein Helfer in Sachen: “Ich machs mir hier gemütlich in meinem “Ich kann dies nicht, ich kann das nicht, weil ich bin ein Opfer”-Nest”, ist.

Das heißt nicht, dass ich eine Befürworterin davon bin, Innenkinder gnadenlos zu konfrontieren.
Wenn eines auftaucht, hat das einen Grund, der bewusst werden muss. Und darum gehts.

Viele der Innenkinderstorys im Multimythoswunderland drehen sich darum, dass die Innenkinder Dinge tun, die die Menschen sonst nie tun würden. Nein- wer hätte das gedacht!
Immer geht es darum, Verantwortung abzuwälzen, Dinge zu verdrängen bzw.. mit irgendwas zu überlagern, was mehr oder weniger entfernt ist, von dem, was wirklich schmerzt bzw.. „richtig” mit (evtl.) erlebter Gewalt zu tun hat.
Was kommt da gelegener als das Bild eines Angehörigen einer (inzwischen) Minderheit, die früher wie heute, das am meisten glorifizierte und gleichsam am meisten missachtete Mitglied unserer Gesellschaft ist?
Was ist, früher wie heute, am Sichersten gegenüber Kindern* zu erwarten, wenn nicht der Muttertüddelmodus, den die Nazis zum Ideal hochglühten und die kapitalistische Medienlandschaft in ihrem Verkaufswahn am Glühen hält?

Sich dessen zu bedienen, bedient in meinen Augen auch TäterInnenschaft und Gewalt.
Da geht es um Manipulation, Instrumentalisierung und Unterwerfung, Untermauerung patriarchaler Gesell(en)schaftskonstruktion und Legitimierung der Vermeidung, Mechanismen der Gewalt in personen/befindensunabhängigen Kontexten zu betrachten.
Heißt: Wer immer Muttitüddel (= Hilfe nach Mamis Art) einfordern muss/kann/darf/soll, ist/ macht/ hält kindlich (= schwach) und muss/ lässt sich nicht damit belasten, was es für Auswirkungen auf andere Menschen in einer Gesamtgesellschaft mit all ihrer Verantwortung bedeutet, wenn man “Gewalt” als Ursache dafür angibt, aber nicht als Grund nimmt, dieses Agieren umzulernen bzw. sich dessen Funktionieren bewusst zu werden.

Gewalt in der Vergangenheit, als Ursache gegenwärtiger physischer, wie psychischer Beschwerden, Verhaltensweisen und noch nicht ausreichend wissenschaftlich erklärter Phänomene, ist noch jung. Und immer immer immer gibt es bei so einer Begründung, (macht- oder schlicht Gier-zentrale) Interessen, diese Begründung auszuhebeln.

Der Multimythos von den Kinderinnens, die allerlei Schabernack machen und rundum süß sind und, von deren Agieren, ja dem eigentlich erwachsenen Menschen nichts zu verantworten gemacht werden kann, ist ein wunderbarer Hebel für zum Beispiel die False Memory Bewegung, die bis heute viel strukturierter und finanziell abgesicherter ist, als jede wissenschaftliche Traumaforschung, die sich mit Dissoziation als Überlebensmechanismus in Gewaltsituationen auseinandersetzt, was an sich wiederum so ein übles Unding ist, das mir gleich die Aorta aus dem Hals springt, wenn ich noch länger darüber nachdenke.

Also nein- es geht nicht nur um Menschen, die so tun, als ob sie multipel wären.
Es geht mir um die Konsequenz, die die Mystifizierung von Menschen mit DIS, für selbige bzw.. auch andere Betroffene für Gewalt hat.

Frei- von- heit

145840_web_R_by_bbroianigo_pixelio.deFrei- von- heit
Schnurstraks darauf zu gestolpert, gefallen, aufgerappelt und immer weiter im Takt des pulsenden Wunsches auf Erfüllung einer Hoffnung.
Und plötzlich setzt er aus.
Der Boden bricht weg.
Ein Fallen oder ein Schweben?

Haltlosigkeit bringt beides hervor.
Was jetzt?
Fragen kann man stellen. Aufstellen. In sich hineinbohren, wie in ein Nadelkissen und hoffen, dass sie zu einem Verbindungsglied werden. Vielleicht eine Antwort finden und darauf eine Siedlung erbauen lassen.

Mit jeder nicht beantworteten- ignorierten- herabgewürdigten Frage, bohre ich sie mir tiefer hinein und blute irgendwann sogar nach Außen. Irgendwann schmerzt jede Berührung und niemand sieht mehr warum.

Aus mir brechen nur noch Wortbrocken und geronnener Schmerz. Ich bin unverständlich, wie mein Befragtes, kann mich nirgendwo mehr lagern, ankommen, passen, irgendwo sein, ohne blindtaubstumm vor Weh zu sein.

Über allem liegt dieser drückende Nebel aus Unsicherheit bis zur handfesten Angst auf allen Ebenen.
Bindungsunsicherheit durch Abwesenheit von Halt.
Verhaltensunsicherheit durch Ver- Halt. Stasis aus Angst vor der Angst.
Überzeugungsunsicherheit durch Abwesenheit von Be-Zeugung.

Wo bin ich? Was mache ich? Was ist jetzt? Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich? Was darf ich?
Wo sind die Menschen? Was machen sie? Was ist jetzt mit ihnen? Wer sind sie eigentlich? Was wollen sie? Was können sie? Was dürfen sie?

Habe ich zu viel in Frage gestellt? Warum gibt es keine Antwort? Oder bemerke ich sie nicht? Stehe ich eigentlich schon längst in meiner Siedlung und habe es noch nicht gemerkt? Wenn ja, wieso merke ich es nicht? Woran sollte ich es denn merken? Ist es die Abwesenheit von Schmerz auf die ich warte, die aber nie kommen wird? Muss ich das jetzt für immer aushalten? Ist das Ziel „Freiheit“ also eigentlich von Anfang an ein Trugbild gewesen? War ich so durstig, dass ich eine Fata Morgana sah und Sand zu trinken versuche? Habe ich noch die Kraft für den Weg zurück? Würde ich ihn überhaupt zurück finden? Kann ich überhaupt noch irgendeinen Weg sehen?

Da ist ein Schaukeln und Ruckeln um mich herum. Ist es der Rhythmus, der sich weiter drehenden Welt oder sind es Halluzinationen kurz vor meinem Auseinanderbrechen?

Nein.
Es sind die Frontgänger, die mir die Fragen aus dem Sein zu operieren versuchen. Zaghaft, mit feinsten Pinzetten. Eiterpralle Abszesse aufstechend und mit neuen Lebensoptionen füllend. Blutverlust mit Solidarität auszugleichen versuchend, während die Federn des Schwans mit mir verdreckt werden. Meinem Gedankendreck. Meinem stinkenden Angsteiter. Den Splittern von meinem inzwischen verwestem Weltbild, das mich nicht mehr tragen kann.

Ich verdrecke alles. So bin ich wohl.

Doch, egal wie oft ich ihnen in dieser Operation sage, dass sich nicht mit mir beflecken sollen; ich es nicht aushalte und sehe, dass auch sie schweißbedeckt und zitternd arbeiten… Es mir leid tut, ihnen ihren Schwan zu verdrecken… sie machen weiter und sagen mir, ich solle sehen, wie alles von den Federn tropft.

Es ist eine Operation mit ungewissem Ausgang. Bei vollem Bewusstsein und ohne Hilfe von erfahrenen Operateuren. Das ist bei neuen Verfahren wohl immer so.
So ist es wohl in der neuen Welt der Frei- von- heit.
Ich weiß nicht, ob der richtige Patient dafür bin.
Und niemand beantwortet mir diese Frage.

Gegengewalt

In der Nacht von gestern zu heute erlebte ich live mit, wie jemand aus meiner Twittertimeline in der S-Bahn einen sexualisiert motivierten Übergriff erlebte.
#Aufschrei wurde von der Stand-by- in die Top-Aktuellschleife verlegt.
Und wieder kamen die bösartigen- auch hasserfüllten Tweets von anderen Menschen und damit weitere Gewalt in meine Timeline.

Erst die Keule des Liveaufschreis, dann die der Gewalt der eben genannten und dann die Keule der eigenen Gefühle. Es ist immer ein Schlag, wenn wir mit Gewalt konfrontiert werden. Ich saß hier, hielt mein Icepak fest, war dankbar über die vielen Tweets mit Anleitungen wie Zivilcourage umgesetzt werden kann, froh um jeden Support den die Betroffene erhielt und trieb ansonsten wie Totholz in meiner eigenen Suppe.

Ich weiß, dass ich in der gleichen Situation nicht sofort hätte handeln können. Ich weiß genau, dass ich nie sofort handeln kann, wenn ich so konfrontiert werde. Mein Gehirn fährt seinen Dissoziationsschutzschild auf und ich stehe dahinter. Gedanken- und Impulslos. Ohnmächtig und unfähig.

Auch unfähig zu Gegengewalt.
Ich schaffe es nie einem bösartigen Twitterer oder einer bösartigen Twitterin so etwas wie „Verpiss dich in das Loch aus dem du gekrochen bist“ oder „Dem Arsch gehört in die Eier getreten“ zu schreiben.
Und das ist gut so!

Als Teenie habe ich den“Schunder- Song“ der Ärzte gehört. Darin singen sie: „Gewalt erzeugt Gegengewalt- hat man dir das nicht erzählt? Oder hast du dabei, wie so oft, im Unterricht gefehlt?“

Gut- es ist fraglich, welchen Unterricht sie meinten, denn ich kann mich nicht erinnern in der Schule eine Unterrichtseinheit: „Wie wir für ein friedliches Miteinander wirken können“, genossen zu haben. Davon abgesehen, halte ich Bildung allein nicht für einen Garant für Kenntnis über diesen Fakt, aber egal.
Die Grundaussage stimmt: Gewalt erzeugt Gegengewalt

Wenn das Ziel aber ein gewaltloser, friedlicher, respektvoller Umgang sein soll, ist es schlicht kontraproduktiv Gegengewalt auszuüben.

Doch was dann? Man muss doch etwas tun können! Man muss doch eine Möglichkeit haben, Grenzen aufzuzeigen und die Achtung selbiger einfordern können.

Was mir bei vielen der Hasstweets aufgefallen ist, ist, dass sie die Grenzen der Menschen, die damals schon zu #Aufschrei ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus twitterten, erst einmal grundsätzlich in Frage gestellt haben. Dort oft auch grundlegend eine Unkenntnis darüber vorgeschützt wurde.
Auch sehr bezeichnend in dem Zusammenhang Günther Jauch und der „Pick-up- Artist“ Maximilian Pütz.
In der Sendung tippte Herr Jauch, Anne Wizorek auf die Schulter und fragte, ob dies bereits sexuelle Belästigung sei. Das gleiche Muster benutzte der „Pick-up Artist“ in einer ZDF- Sendung ein paar Tage später, als er vertrat, Männer könnten Frauen nicht lesen und hätten somit keine Kenntnis darüber, was diese als Belästigung auffassten und was nicht. Dabei ist der Kontext jeweils sehr eindeutig gewesen.
Günther Jauch tippte Anne Wizorek an, um ihre Aufmerksamkeit des Gesprächs auf ihn zu richten- ergo keine sexuelle Belästigung.
Der „Pick-up- Artist“ bringt Männern mit sexuellem Interesse bei, an Frauen so nah heran zu treten bis sie sich massiv wehren müssen, wenn sie den Kontakt nicht wünschen- ergo Anleitung zur potenziellen sexuellen Belästigung.

Beide jedoch dominierten die Situation. Sie nahmen die Definitionsgewalt über den Kontext an sich – noch während sie- ja fast- jammerten, die Betroffenen seien jene, die bestimmten, wann etwas als Belästigung gilt und wann nicht. Dabei würden sie in der gleichen Bedrängnis mit Sicherheit vehement auf genau dieses Recht pochen!275472_web_R_K_B_by_Michael Ottersbach_pixelio.de

Und da ist ein Punkt: Selbstreflektion.
„Wie würde ich mich fühlen, wenn mir XY geschehen würde?“
Das haben diese beiden Herren und meiner Meinung nach die meisten der bösartig twitternden Menschen nicht getan. Sie haben den wichtigsten Punkt im sozialen Miteinander ausgelassen- übersprungen, schlicht nicht gemacht.

Warum?
Selbstreflektion hat etwas mit „sich- seiner- selbst- bewusst- sein“ zu tun. Wer bin ich, was kann ich, was sind meine Bedürfnisse, wo ende ich und wo fängt mein Gegenüber an? Was für Auswirkungen hat das Verhalten anderer Menschen auf mich? Welche Wirkung hat mein Verhalten auf andere Menschen? Was genau ist meine Handlungsintension?

Sich solche Fragen zu stellen kostet Raum, Mut, Kraft und Unterstützung bei der Verarbeitung der Krise, die eventuell darauf folgt.
Krise? Welche Krise?
Erinnern Sie sich an ihren ersten dicken Weltschmerz? Den ersten furchtbaren Liebeskummer? Da haben sie ihre Krise die folgt, wenn man sich diese Fragen stellt.

Raum für die eigenen Bedürfnisse und Unterstützung finden wir nur bei mit uns verbündeten Menschen. Mut und Kraft entwickeln sich in diesem Kontakt und je nachdem, wo unsere Bedürfnisse gelagert sind, erwächst daraus unser Handeln.
Männer haben eine Machtposition in unserer Gesellschaft. Sie können ihre Bedürfnisse nach Kontrolle (und damit Macht) mit weniger Hindernissen befriedigen als Frauen. Es gibt Ausnahmen- na klar- auch Männer sind von Sexismus betroffen- doch noch immer sitzt am Ende der langen Machthierarchie ein Mann.

Es geht nicht darum niemandem Kontrolle zu gewähren. Niemandem soll Macht abgesprochen oder genommen werden- wozu auch? Zur normalen Dynamik im menschlichen Miteinander gehört auch die Dominanz in einer Situation. Doch Dominanz ist etwas anderes als Gewalt!

Dominant ist der Mensch, dem besonders nützliche Fähigkeiten anerkannt werden, aufgrund derer er eine Situation verantwortungsbewusst (den Bedürfnissen seiner Gruppe- oder seinen eigenen entsprechend) agieren kann. (Das ist ja der Punkt der mich bei Jauch immer so aufregt: Jeder sieht, dass er ein schlechter Moderator ist. Doch weil ihm die Sendung gehört, gilt er als „Chef“- er dominiert, obwohl es andere besser könnten.)

Das ist der Grund, weshalb ich die Menschen in meiner Twittertimeline so mag. Die meisten haben überlegt wie man der Betroffenen helfen kann, haben überlegt, wie man sich in solchen Situationen verhalten kann. Haben, wie ich jetzt, über die Gründe der Situation nachgedacht. Sie haben sich reflektiert und waren deshalb für mich eine gute Dominanz während ich so ohnmächtig und traurig war.

Ich möchte versuchen solchen bösartig twitternden Menschen mit der Frage zu begegnen, wie es ihnen ginge, würden sie so eine Situation erleben- auch wenn ich weiß, dass viele von ihnen noch viel zu dick eingepackt sind in ihren Schutz vor dem Schmerz und der Ohnmacht, die sie überkommen könnte, wenn ihnen bewusst wird, was sie eigentlich gerade tun. Wie vielleicht auch einsam sie sind. Wenn ihnen klar wird, dass sie etwas tun, was sie sich für sich selbst nicht wünschen.

Ich stürze mich nicht in die Begegnung mit ihnen. Dazu bin ich nicht stark genug. Aber wenn einer kommt, will ich nicht mehr schweigen. Der #Aufschrei war laut- wieso sollte ich leise bleiben, wenn ich doch meine zu wissen, was gebraucht wird, um ihn auch von allen Menschen gehört und verstanden zu wissen, auf dass eine Veränderung der Ursachen geschiet?