Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe

bäng

2014. Da wurden wir “freie Autorin” und hatten das offiziell auf einem Namensschild stehen.
Das Schild gehörte zu der Konferenz “Wir sind Viele” in Mainz, die Bezeichnung noch nicht zu uns.

Benita hatte gestern einen Text von uns zu dieser Konferenz ausgegraben und ich finde ihn super gut. Jaja lang – schwafelig – es dauert bis der Teil kommt, der wirklich knallt. Aber er knallte nach der Veröffentlichung und das tut er noch.
Damals war mir das wichtig. Es muss knallen, es muss klar sein, was ich denke. Jetzt sind hier schon so viele Leute, die unser Zeugs lesen, dann kann ich ihnen ja auch gleich sagen, was ich denke. Buff bam bäng.

So wie heute.
Nur anders.

Eben habe ich für unseren I-Kraft-Zirkus, der uns nicht weiter belasten soll, aber doch natürlich bedeutet, dass ich schon wieder metertief in Unterlagen stecke, die psychologische und die psychiatrische Stellungnahme zu unserem Hilfe-/Unterstützungsbedarf aufgrund einer vorliegenden autistischen Störung und der bestehenden Komorbiditäten rausgesucht.
Von Anfang und Ende 2015.

Inzwischen sind wir fertig damit es knallen zu lassen.
Die zusätzliche Diagnose des Autismus hat bei uns etwas überlaufen und einen Damm reißen lassen.
Vielleicht einen, der es uns früher ermöglicht hat, uns mit unseren Erfahrungen, in die von uns so wahrgenommene Helfer-/Hilfe-/Behandler_innenblase zu begeben und an ein mögliches Miteinander auf Augenhöhe zu glauben, das „einfach so passiert“.

Vielleicht aber auch einen, der uns daran gehindert hat zu wachsen und zu erfahren, dass wir nicht für alles zwingend immer in ein Miteinander gehen müssen, sondern auch einfach, so wie wir das können, aufzuzeigen, dass wir dafür offen sind, dass andere mit uns in ein Miteinander gehen. Wenn sie wollen und können und so weiter.

Heute vor zwei Jahren lernten wir den Begleitermenschen noch kennen und kletterten durch unsere alten Klinikberichte, Klinikerfahrungen und Erinnerungen daran, wie das alles so war damals. Erster IQ-Test, zweiter IQ-Test, das Geschwist, das ebenfalls hochbegabt und auf dem Spektrum ist, die erste Psychologin, die zweite, die dritte, die erste Klinik… der ganze Scheiß vor der DIS-Diagnose und der ganze Scheiß danach.
Nur um immer klarer zu bemerken, dass wir trotz so vieler Fortschritte auf hohem Niveau, die „banalsten“ Dinge nachwievor nie richtig geschafft und verstanden haben.

Dann kam die lange anstrengende Sitzung mit dem Begleitermensch, von der wir wussten, dass es der letzte Klops der Diagnostik sein würde.
Und danach die Krise.
Nicht sofort, denn erst wars gut.
Gut zu wissen. Das Ding hat einen Namen, viele Menschen laufen damit rum und manchen gehts sogar ganz okay damit. Alles prima.

Und dann – während wir versuchten uns damit zurecht zu finden – die Frage: Wieso erst jetzt?
Mit 29/30, nach so vielen diagnostischen, teilweise wirklich entwürdigenden, demütigenden, tief verletzenden, Beschlechtgutachtungen, nach so viel Expertise. Nach so viel Arbeit von unserer Seite. Durchgehend und über Jahre – zu dem Zeitpunkt 15 an der Zahl.
Wieso so spät?

Und: Wie kann es sein, dass eine so exotisierte Diagnose wie die DIS (die in vielen Fällen erst nach 3-7 Jahren im Hilfesystem überhaupt als solche erkannt wird) bei uns so derartig früh gestellt wurde, nämlich mit 16 Jahren – aber eine Entwicklungsstörung wie Autismus, die schon da war, als wir geboren wurden, erst mit fast 30?

Wir kennen inzwischen alle für uns relevanten Antworten auf diese Frage.
Wir werden als Mädchen/Frau eingeordnet – wir haben eine komplexe, unser Verhalten als Einsmensch massiv beeinflussende, dissoziative Identitätsstruktur – wir werden als “intelligent” eingeordnet – wir sind weiß – wir lebten als Kind nicht in der Unterschicht – Ärzt_innen und Psycholog_innen sind besser auf akute und extreme Symptome geeicht, als auf subtile…

Aber die eine Antwort, die uns fertig gemacht hat, war die, die uns der Klinikaufenthalt, der uns eigentlich helfen sollte uns zu sortieren und klar zu kommen, aus Versehen, zufällig sehr deutlich gegeben hat: zu viele Leute sehen, was sie sehen wollen. Und wenn sie lieber eine narzisstische Arroganzpatientin sehen wollen, als das, was da ist, dann sehen sie eben nur das.
Und dabei ist es scheiß egal, welche Profession dahinter steht, welcher Intention da nachgegangen wird und auch, was die angeguckte Person tut bzw. welche Dynamik gerade greift.

Und so kommt es, dass ich zwei Jahre nach der Diagnose und drei Jahre nach meinem Artikel, der wirklich einen echten Punkt hat, der in den Diskurs gehört, der in die Auseinandersetzung zu guter Traumatherapie und echter Hilfe für Menschen mit Traumafolgestörungen jetzt echt mal ohne Scheiß REINMUSS, hier sitze und denke: “Ach ja … damals…”.
Und den Text wegklicke, wie alle meine Beiträge zu diesen Dingen weggeklickt, weggenickt, abgelächelt und totgeschwiegen werden. Nicht, weil sie von mir kommen. Nicht, weil sie falsch sind.
Sondern, weil sie nicht aussehen.

Weil es nicht aussieht mit Patient_innen anderer Therapeut_innen außerhalb eines Behandlungskontextes irgendwie zu tun zu haben, als seien diese normale Menschen, wie man selbst. Weil es nicht für alle gleich gut kommt, wenn man nicht versteckt, dass man sich für “die Perspektive der anderen Seite” interessiert – geschweige denn aufhört so zu tun, als gäbe es diese andere Seite “in Wahrheit” ja gar nicht, weil man ja ganz “neutral und objektiv über den Dingen steht” (vor allem über jenen, die auch Patient_innen sind).

Es geht um sozialen Heckmeck. Um Statusgekröse und Vermeidungstänze.
Um Dinge für die wir sehr lange, sehr viel Kraft aufgebracht haben, weil wir dachten, irgendwann würden wir das nachvollziehen können. Irgendwann würde der Moment kommen, in dem uns die emotionale Ebene in den Menschen, die das machen und zu wollen scheinen, selbst auch zugänglich. Irgendwann würden wir das auch können und dann mitmachen und das begreifen können.

Und heute sehen wir, dass unsere Fähig- und Fertigkeiten nicht zu so etwas taugen. Zu so einer Blase, zu so einer Art des Miteinanders. Zu so einer Art Zusammen_Arbeit. Zu solchen Menschen.
Für uns, die sich eine Zeitlang wirklich gut vorstellen konnte sich da reinzubegeben, zu helfen, Dinge mit anzustoßen und damit vielleicht auch etwas zurückgeben zu können, ist das jetzt durch.

Wir machen eigene Dinge und öffnen uns für Menschen, die auf uns zukommen, weil sie das gerne wollen. Und siehe da: es funktioniert. Auf eine ganz eigene Weise. Eine, die vielleicht für manche anstrengend und langwierig und zuweilen awkward ist – aber so sind wir und so ist, was wir tun.

Neben aller Abgeklärtheit dazu, sind wir darüber natürlich auch traurig. Weil das Thema einfach mehr verdient hat als die weithin normalisierten Stimmen derer, die etwas davon haben, dass Menschen damit leben und also natürlich auch der eigenen Daseinsberechtigung entgegenarbeiten müssen.
Und auch: weil wir mehr verdient haben, als unsere Sätze und Thesen fancy aufbereitet irgendwo anders wiederzufinden. Wo mehr Reichweite ist, wo mehr “lieb lieb” ist und ja: auch Refinanzierung ist – aber kein Hinweis darauf, von wo der Input kam.

Wir haben mit der Autismusdiagnose so viel über uns und unsere Wirkung auf andere Menschen gelernt, dass wir heute in Interviews oder auch Workshops so Dinge sagen wie: “so bin ich und jetzt müssen wir mal gucken, wie wir damit so zusammen klar kommen” – buff bam bäng
Wir knallen heute anders und finden das gut.

Es hilft zu wissen, dass wir und unsere Punkte gehört werden, auch wenn sie vielleicht nicht da landen, wo wir sie gerne hätten. Wir wissen so: es ist nicht für alle unansehnlich uns anzuhören und mit uns zu denken. Es ist nicht für alle irgendwie weird oder wichtig sich besser zu fühlen, als wir sind – sondern relevant, was wir zu sagen und zu teilen haben.

Unsere Betroffenheit – unser Patient_in sein definiert unsere Perspektive mit und das ist großartig, denn nur wir haben genau diese eine Perspektive.

Wir werden nie die sein, die von irgendwo zu vielen spricht – aber wir sind schon eine von vielen, der zugehört wird. Obwohl wir wir sind und für manche ganz schrecklich. Ist egal – selbst mit denen haben wir was gemeinsam. Besonders toll finden wir uns nachwievor auch nicht. Aber akut etwas dagegen tun können wir nun einmal nicht – also bleibt es auch vor jenen bei Umgangsfragen und Diskurs.

Unser Umgang ist der, dass wir der Überzeugung folgen, dass die Themen Trauma und Traumatherapie, Gewalt und Über_Leben als queere, behinderte, traumatisierte Person, wie unsere.s mystifiziert werden, weil zu wenige etwas davon mit.teilen. Aus genau ihrer ureigensten Perspektive.
Wir denken: Das Drüber_schreiben, reden, mit.teilen ist, was wir machen können. Also machen wir das. Einfach so. Weil wir kein Wunder sind. Weil wir nicht besonders sind. Weil wir und unser Leben so eine scheiß logische Abfolge von Ursache und Wirkung ist, dass es ein Skandal ist, wie viele Menschen bis heute glauben, das könne ja gar nicht wirklich echt real sein.

Und: weil es tragisch ist. Weil wir so viele Tränen geweint und so viele Nöte durchgestanden haben, die nicht hätten sein müssen.
Wenn mehr Leute sich dafür interessieren würden, was verdammt nochmal da ist – und nicht, was sie sehen wollen (möchten/müssen/sollen/dürfen).

 

bäng

das hat gut getan
danke

Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?

ein „bisschen viele sein“

(~ Fortsetzung ~)

“Ein bisschen verrückt sind wir ja alle.”, “Wir sind doch alle irgendwie viele”…
Mich machen solche Worte wütend, weil sie mich verletzen und ich mich ohnmächtig davor fühle.

Nein, wir sind nicht alle ein bisschen irgendwie verrückt und irre. Und nein, wer nicht viele im Sinne einer DIS ist, die:r ist nicht irgendwie auch ein bisschen viele.

Verrückt oder auch irre sein bedeutet nicht “some crazy shit” zu machen oder “voll irre Dinger abzuziehen”. Also Dinge zu tun die anders sind als andere – wagemutig, halsbrecherisch, gegen die Konventionen, gegen alle Regeln.
Menschen, die von sich sagen, dass sie viele sind, sind keine Menschen, die viele verschiedene soziale Rollen erfüllen/ sozialen Erwartungen gerecht werden müssen.

Diagnosen sind keine Label, die man sich selbst aussuchen und bedienen kann.
Eine medizinische oder psychiatrische Diagnose ist ein anderes Wort für “Abgrenzung vom Üblichen”. Dieses Übliche, das könnte dieses ominöse “Wir” in “Wir sind doch alle irgendwie verrückt” sein.

Wenn wir versuchen Menschen klar zu machen, was viele sein bedeutet, dann versuchen wir es mit einer Abgrenzung des Üblichen – nämlich der sozialen Rollen, die in unserer westlichen Gesellschaft üblich sind.
Und ja, soziale Rollen und der Umstand, dass die Menschen diese Abgrenzungen verstehen haben sehr viel mit unserem westlichen Selbstverständnis und auch mit dem Kapitalismus in unserer Gesellschaft zu tun.

Heute ist es so, dass niemand nur eine Rolle in unserer Gesellschaft inne hat.
Selbst wenn man völlig allein lebt ist man immernoch gleichzeitig auch Single, Steuerzahler_in, Konsument_in, Arbeitskollege/Arbeitskollegin, Leistungserbringer_in, jemandes Tochter/Sohn, und alles, was man an sich selbst noch bemerkt und beachtet.
Der Übergang von Identität und sozialer Rolle erscheint oft fließend und, weil das so ist, machen es sich manche Menschen sehr leicht: sie tun einfach so, als ob das Eine das Andere ist. Und weil der Kapitalismus genau diesen Mechanismus nutzt, um seine Konsumenten zu erreichen (aber auch: sie zu binden und zu definieren), fühlen sich viele Menschen darin bestätigt. Stichwort Gendermarketing.

Was nun genau der Unterschied zu Identität und sozialer Rolle ist, wird viel diskutiert und ich fürchte eine leichte Antwort darauf gibt es nicht, denn ganz losgelöst von einander sind sie dann eben doch nicht.
Was für das Verstehen des viele seins wichtig ist, ist, dass es kein aktiv gelebtes Bewusstsein um die Gleichzeitigkeit gibt. Selbst dann, wenn sie (durch die Diagnose und vielleicht auch eine begonnene Therapie) bewusst gemacht wurde und der Ratio klar ist, dass es sie gibt, wird sie nicht als solche erlebt, weil an dem Punkt die Dissoziation as in “dissoziative Identitätsstruktur” ins Spiel kommt.

Für mich als Innen (18 Jahre alt, K., Autorin so ziemlich jedes Rants in diesem Blog) ist mein sein – mein viele sein – verbunden mit Angst und Unsicherheiten vor denen ich mich ohnmächtig fühle. Ständig passiert mir irgendwas, was mich in genau diesen Zustand – mein Ich, mein ganz eigenes “Da_sein” – bringt und ich kann mich nicht erinnern, dass das jemals anders war.
Mein Kopf weiß, dass ich auch lachen und ausgelassen sein kann – ich habe das aber noch nie erlebt und dabei das Gefühl gehabt, dass ICH das erlebte.

Entweder schwebe ich neben solchen Momenten irgendwie daneben und achte – ich weiß nicht mal wieso genau – einfach nicht drauf (und denke in solchen Momenten auch nicht: “Oh ich weiß ja, dass ich mal besser drauf achten sollte” und hasse mich inzwischen für genau das, weil ich denke: “Das soll die Therapie doch auslösen – wieso tut sie das nicht?!”.
Oder ich bin einfach nicht dabei und weiß von diesen Momenten so lange nichts, bis mir jemand mitteilt, dass mein Körper diesen Moment erlebte. Wenn ich dann zurückdenke und mich aktiv darauf konzentriere, dann kann ich eine Ahnung davon fühlen. Vielleicht ist das aber auch nur Einbildung, weil ich mir wünsche, ich würde genau das fühlen, denn faktisch würde ich nicht merken, wenn ich ausgelassen und fröhlich bin, weil ich es einfach noch nie war.
Ich würde merken, dass etwas anders ist als sonst – dass ich anders bin als sonst und würde – ta da: Angst bekommen und mich ohnmächtig fühlen und würde darüber wütend werden.

Es gibt eine Idee vom Viele sein, die sagt, dass die Innens in Menschen, die viele sind, da sind um bestimmte Funktionen zu erfüllen und bei einer sekundären DIS kann ich mir dieses Modell auch gut passend vorstellen.
Bei einer sekundären DIS gibt es eine sogenannte Hauptperson (manche sagen auch “Host”), die für frühere Traumatisierungen (und manchmal auch traumanahe Situationen) amnestisch ist, und eine Reihe von Innens, die gar nicht oder nur teilweise amnestisch sind. Für uns klingt die Konstruktion dieser Innenleben von Personen, die viele sind, reichlich defizitorientiert, weil sie impliziert, dass die Hostperson ein Hohlbrot ist, das ohne die anderen Innens im Grunde nicht lebensfähig ist. Tatsächlich ist das aber nicht so.
Wenn man schon davon anfangen will, dass Innens einander brauchen und irgendwo auch von einander abhängig sind, dann sollte man schon so eine Einteilung in “Hauptperson” [A(nscheinend)N(ormale)P(ersönlichkeit)] und “das andere Gekröse” [E(motionale)P(ersönlichkeit)] einfach mal lassen.
Manche Menschen mit DIS tun das für sich schon, in dem sie sich selbst im Innen als “System” bezeichnen.

Es gibt aber eben auch die tertiäre DIS mit der wir leben und in der sich die Innens nicht mehr 1:1 immer und in Bezug auf alles zuordnen lassen, weil es mehrere (Funktions-)Systeme gibt, für die es untereinander ebenfalls eine Amnesie gibt.
Mit so einem Innen ist es durchaus möglich mehrere Leben, die tatsächlich autark nebeneinander her ablaufen zu haben,  wenn man sieht, welche Funktionsbereiche diese bedeuten.
Wir haben erst gemerkt, dass wir von der Kunstschule eigentlich nichts weiter wissen, als, dass wir da tatsächlich hingehen und einen Fotokurs mitmachen, als wir danach gefragt wurden, was wir da nun eigentlich konkret machen. Die Kunstschule fordert ein Funktionslevel ab, das ein anderes Funktionssystem bei uns abruft/anspricht, als das Bloggen im Büro zu Hause.

Genauso solche “Huch-  Ääääh hä?!” – Momente, wenn uns jemand dann nach Details aus uns innerlich fremden Funktionsbereichen fragt, bestimmen unser Leben.
Das war tatsächlich noch nie anders und die Leistung – wenn man denn überhaupt von Leistung bei Anpassungsreaktionen sprechen will – ist, dass wir über diese Momente nie an einen Punkt gekommen sind, an dem wir nicht mehr weiterleben konnten.

Frage an alle, die bis hierhin gekommen sind: Gemerkt, dass wir gerade von “Leistung” und “Funktion” sprechen und nicht mehr von “Identität”?

Im Zuge diverser Veröffentlichungen zum Thema DIS (egal ob sekundär oder terziar oder im Fließbereich zu anderen dissoziativen Störungen* (wie der DDNOS oder auch (!Achtung, wir sortieren das so – Psychiatrie/Medizin nicht!) das Borderlinesyndrom) wird vom “fragmentierten Selbst” oder der “zersplitterten Seele” oder dem “multiplen Ich” gesprochen.
Es werden also Formulierungen verwendet, die nichts mit Leistung (Anpassungsleistung) oder Funktion zu tun haben,  sondern welche, die wiederum mit Identitäten und darüber dann wieder um sozialer Rolle vermengbar sind.

Das wiederum macht es sehr schwer seine Lebensrealität als Mensch, der viele ist und eben mit einer tertiären DIS lebt, irgendwie klar zu machen, denn einerseits ist dieses Schema um DIS sehr gut um zu erklären, wo Defizite liegen, wie welche Funktionen warum sinnhaft und logisch (wenn auch unter Umständen dysfunktional in äußeren Kontexten) sind; andererseits sind diese Schemata unbrauchbar als Kartografie des Ich eines Menschen.

Für uns als Einsmensch braucht es aber ein Ich an dem ein Verständnis von eigener Identität kleben kann, ohne, dass es eventuelle andere Identitäten und Ichs in sich ausklammert, um sich als Teil des “Wir” zu betrachten, das in Sätzen wie “Wir sind doch alle irgendwie verrückt” steckt.
Ich, K. gelte als Autorin, weil ich Dinge schreibe und Menschen zu Menschen, die schreiben sagen, sie seien Autor_innen.

Ich für mich bin einfach immer nur K. die wütend wird, wenn sie sich ohnmächtig fühlt. Ich definiere mich über meinen Zustand. Ich betrachte mich als Zustand eines ICH, das in Folge der erlebten Gewalt nicht in der Lage war sich so im Außen zu finden, dass es eine Identität entwickeln konnte.
Und nein – der Umstand, dass ich einen Namen habe, bedeutet nicht, dass ich eine Identität habe – das bedeutet nur, dass ich mich so benenne.

Für uns ist klar, dass das Vielesein keine Identität ist. Die soziale Rolle, die Menschen, die viele sind gern aufgedrückt wird, schwankt irgendwo zwischen Opfer, Kranke, Verrückte, Überlebende – alles Rollen, die mit einer Leistung bzw. einem Status verknüpft sind, die nichts mit den Menschen und ihrem Selbst zu tun haben. Man muss kein Ich haben, um Opfer (geworden) zu sein, um krank zu sein, um verrückt zu sein oder überlebend(e) zu sein – man muss nur etwas sein, das jemand anderes benennt.
“Opferidentität” ist auch deshalb ein Arschnasenwort, das bitte gerne auch nicht mehr verwendet werden muss.

Für mich ist klar, dass es schwierig ist das, Ich in meiner Selbstbeschreibung irgendwie von dem ICH, dessen Zustand ich bin zu trennen. Das liegt aber nicht daran, dass das nicht sein kann oder daran, dass ich hier unlogisches Zeug daher rede, sondern daran, dass der Begriff von Selbst und Sein und Ich und Identität und dem, was den Menschen als Menschen mit Seele und der Fähigkeit zwischen sich und anderen zu unterscheiden ausmacht, noch nicht fertig und klar und einfach zu definieren ist.
Schon gar nicht, wenn man es möglichst einfach haben will.

Die Menschen, die mir früher immer wieder gesagt haben, meine Probleme und alles, womit wir uns an sie gewendet haben, wären ja viel zu viel, die haben in aller Regel nicht mal so weit gedacht, dass das Kernproblem aller Probleme in unserem Leben nicht die Tatsache ist, dass wir funktionieren, wie wir funktionieren, sondern, dass wir immernoch funktionieren und einfach immer wieder vor der Frage stehen, ob wir überhaupt für ein ICH oder ein Selbst funktionieren und wenn ja, was das eigentlich genau ist. (Und wenn nein: Sind wir dann noch etwas, was man als „Mensch“ bezeichnet?)

Wenn wir nicht gerade gegen massive dissoziative Symptome anleben oder mit den Folgen, die unverarbeitete Traumatisierungen eben mit sich bringen beschäftigt sind und uns 24/7/365 um das eigene noch-immer-am-Leben = im Funktionieren – sein versichern.

So zu er-leben, wie es Menschen tun, die viele sind, ist eine Lebensrealität die “verrückt” im Sinne von „nonkonform“ zu nennen, schlicht ignorant und versimpelnd ist.

~ Fortsetzung folgt ~

Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?

Ambitionen

“Tut’s sehr weh?”.
Die Frage brandet durchs Telefon um die Ohrmuschel. “Geht.”, antwortet er und legt seine freie Hand auf den Brustkorb des Hundes neben ihm.

“Wir waren im Tierpark und haben sie getroffen.”, sein Gesicht lächelt an die Zimmerdecke.
Er atmet an etwas in seinem Hals vorbei. “Sie hat ein Kind geboren.”.
“Oh. Hast du das gewusst als ihr euch verabredet hattet?”. Das Rauschen wird leiser. Fast ist es, als würde sie neben ihm auf dem Bett liegen und ebenfalls den Knick der Dachschräge mit den Augen nachzeichnen.
“Hmm. Ja.”.

“Habt ihr euch verglichen?”. Ihre Frage sticht in ein offenes Feld hinein und lässt das Innen auflodern.
”Ja.”. Sein Blick fliegt über das Inmitten und wendet sich zurück nach draußen. “Mir ist aufgefallen, dass ich erst Mutter werden müsste, um meinem Kind ein Vater zu sein.”.
Er schluckt und hält die Luft an. Wartet auf das unausweichliche Missachten seines Seins in diesem Körper. Wartet auf das Weh im Ich und das Moment, in dem ein Rauschen aufbrandet und ihn gegen Felsen wirft.
“Oh.”, antwortet sie, “Das ist ein interessanter Gedanke.”.
In der Küche knackt etwas. Die Nacht drückt gegen die Fensterscheiben.
“Ich wusste gar nicht, dass der Kinderwunsch für dich auch ein Thema ist.”.

“Ich habe ja auch keinen Kinderwunsch. Glaub ich. Ich hab einen Vater sein – Wunsch. Irgendwie.”. Er wird rot und die Scham drückt seine Mitte zusammen. Er atmet ein. “Ich weiß ja, was die Leute so über Eltern, die sie so als “psychisch krank” bezeichnen, denken. Wahrscheinlich gebären wir nie ein Kind, weil wir diesen Scheiß von außen nicht aushalten wollen, aber ich … “, er nimmt noch einmal Anlauf und schubst die Worte aus dem Mund: “Irgendwie denke ich, dass ich das schon gut hinkriegen könnte.”.

“Weißt du was? Ich habe absolut keinen Zweifel daran, dass du und die anderen auch, es hinkriegen könntet, einem Kind ein gutes Elter zu sein.”. Ihr Lächeln rinnt durch den Hörer und tropft in sein Ohr.
“Aber.”, sagt er.
“Aber.”, bestätigt sie.

Sie schweigen nebeneinander her.

“Es kotzt mich so an, dass nichts leichter geworden seit damals.”, er schluckt. “Dass nichts aber auch wirklich gar nichts wirklich vorbei ist, obwohl die Zeit vergangen ist und sich viel verändert hat.”. Er verschiebt das ICE Pack auf seinem Rippenbogen. “Ich hab mich heut irgendwie noch mehr verkleidet gefühlt als sonst. Aber nicht wegen der Klamotten oder so, sondern wegen allem anderen und jetzt denk ich, vielleicht liegt das daran, dass ich nur anders überleben wollte und weiter nichts. Ich hätte vielleicht was anderes für mich wollen sollen. Vielleicht wärs dann anders gekommen.”. Er stößt das Weinen hinter sich gegen die Kehle, wo es langsam die Speiseröhre herunterrinnt.

“A. willst du hören, was ich darüber denke?”, fragt sie mit einer Stimme, die weite Wellen hat. Er zuckt mit den Schultern. “Ja. Von mir aus.”.

”Ich denke, es ist nicht deine Aufgabe – eure Aufgabe als Jugendliche, die ihr Leben rettet, weil es die Erwachsenen um sie herum nicht tun, etwas anderes zu wollen, als das bloße Überleben. Ich glaube, das Beste oder besser gesagt: das Bestmögliche für euch zu wollen, lag bei denen, die für euch gesorgt haben und denen ihr euch anvertrauen musstet, weil ihr euch noch nicht alleine versorgen konntet.
Ich habe neulich mit K. darüber gesprochen, wegen des Nachwachshauses. Sie hat gesagt: “Das größte Geschenk, was man Menschen in Abhängigkeiten jeder Art machen kann ist, das Bestmögliche für sie zur Basis zu machen und nicht nur das, was ihr Existieren sichert.” oder so ähnlich. Ihr habt dieses Geschenk nicht bekommen. Das ist traurig und eine sehr bittere Wahrheit über das, was “Hilfe” für viele Menschen bedeutet. Man hat euch so sehr verletzt und geschadet. Dass ihr als Jugendliche und junge Erwachsene nie Ambitionen nach dem Bestmöglichen für euch entwickelt habt, ist kein Fehler oder ein Beweis dafür, dass die Ambition oder der Wunsch heute falsch ist.”

Er dreht sich zur Seite und legt seinen Kopf in das Halbrund, das der Hund  mit seinem Körper macht.
Und legt seinen Arm, um das weinende Mädchen neben sich.

Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?

Rettungsschleifen

“Ich möchte nicht, dass durch meine schwierigen Erfahrungen und dessen Folgen, Nachteile für das Projekt entstehen…”.
Wir sitzen in unserem ersten Austauschtreffen. Hannah, ich und eine dumpf schwebende Masse, die nicht weiß, wo sie hingehört.

Hannah redet von “Erfahrungen”. Von “schwierigen Erfahrungen”, die mit “unserer Jugend” zu tun haben, und hat diese Zeit selbst gar nicht gelebt.
Was ich im Außen, an anderen Menschen ablehne – nämlich über Lebensrealitäten zu sprechen, die man selbst nicht gelebt hat oder noch selbst lebt – das macht sie gerade und außer ihr zuzuranzen, dass sie still sein soll, fällt mir keine Handlungsoption ein.
Sie ist ja auch “Ich” – würde ich sie rauswerfen, würde ich mich rauswerfen.
Am Ende bleibt das Gefühl ihretwegen keine Berechtigung zu haben. Auch wenn’s Quatsch ist, weil wir dieses Treffen ja initiiert haben.
Trotzdem.

Mir wird immer wieder nachgesagt, ich würde die Latte zu hoch hängen für uns. Würde viel zu viel verlangen oder erwarten. Immer wieder soll ich Ansprüche runterschrauben, wenn es um Leistung geht.
Oft geht es dann darum, mir zu vermitteln, dass ich nicht omnipotent und auch nicht omnipräsent sein muss.
Und oft ist es ein wichtiger und richtiger Weg komplex traumatisierten Menschen wie mir(uns) zu vermitteln, dass dieser Anspruch an “alles können”, “alles wissen”, “alles im Griff haben müssen/wollen/sollen”, einer ist, der aus einer Zeit kommt, in der die mächtigste Instanz – die, die über Wohl und Wehe, Leben oder Tod entscheidet – die ist, die (aus der Perspektive der Unterlegenen) “alles kann”, “alles weiß”, “alles im Griff hat (haben muss/will/soll)”.

Und für mich? Für mich ist es so, dass ich ständig das Gefühl habe, zum Einen beweisen zu müssen, dass es mir bei meinen Ansprüchen und Forderungen nicht um Macht oder Sicherheit geht (also die Projektion auf mich, ich sei rein traumareaktiv abzukratzen) – sondern, um Dinge, die ich für realisierbar halte, wenn ich nur gelassen werde und die ich für die Sache für wichtig halte.
Und zum Anderen erlebe ich meine Abhängigkeit von anderen Menschen, die mich immer wieder zwischen Anspruch und eigener (unreflektierter?) Unfähigkeit hängen lassen, um mich daraus “heraus zu retten”. Weil man ja so gerne hilft. Weil es ja schön ist, zu helfen. Weil es ja auch überhaupt gar kein Problem ist, immer wieder die Krisen (die aus einem unbesprechbaren Kontext heraus entstanden sind) zu bewältigen.

Genau diese Schleife sind meine “schwierigen Erfahrungen” mit Menschen, die anderen Menschen Hilfe anbieten.
Wir haben hier schon oft über die Gewalt im Helfersmantel geschrieben, weil als “psychisch erkrankt” gelabelte Menschen keine Lobby haben, die sich für ihre Belange einsetzt. Diese “Rettungsschleife” ist ein Teil davon – aber sie ist nichts, worauf man einen Paragraphen anwenden kann.
Sie ist auch nichts, was spezifisch ist, wenn es um das Miteinander mit mir als komplex traumatisierte Person geht.
Aber sie ist etwas, was zu einem echten Problem wird, wenn sie bereits Teil eines Traumas war.

Wie bei uns.

Wir sind kein Mensch mit dem man es länger aushält. Das ist kein Wissen, das mir irgendwie einfach mal so in den Kopf geflogen ist, als mich ein Familien*mitglied misshandelt hat oder ich einer anderen “schwierigen Situation” war. Das habe ich als Reflektionsergebnis mitgenommen, immer wenn ich mal wieder fragen musste: “Hm, wieso bin ich denn schon wieder alleine? Wieso hab ich eigentlich keine “beste Freundin”? Wieso mag mich eigentlich niemand genug, um mich zu seinem Geburtstag oder Ähnlichem einzuladen? Wieso ist es eigentlich immer nur cool, mich zu kennen, wenn es um Kognition und Wortfindung geht?”.

Wir sind ein Mensch, dem zuzuhören anstrengend ist, weil wir uns mit jedem Reden zu sehr darum bemühen verstanden zu werden und uns dann einfach immer wieder den selbstgezogenen Schleifen erhängen. Wir haben gelernt die Traurigkeit und die Empfindungen, die mit Kränkung und Trennung durch Unverständnis von anderen Menschen einhergehen, als etwas zu akzeptieren, das nichts mit anderen Menschen zu tun haben kann, weil wir ja etwas falsch machen. Wir müssten uns nur… Wir müssten nur einfach anders reden und denken, als wir das eben tun. Wir müssten halt einfach nur die Fresse halten, wenn wir selbst die dritte, vierte, fünfte Schleife aufmachen, weil wir denken, das würde dazu beitragen, verstanden zu werden.
Ist doch ganz einfach.
Wir müssten nur an den Punkt kommen, in dem es uns egal ist, was und wie andere Menschen uns verstehen.
Nur müssten wir dazu die Dinge, über die wir reden, viel weniger wichtig nehmen.
Also im Grunde genauso dumpf bis desinteressiert, wie so viele andere Menschen auf diesem Planeten sein.
Kann doch nicht so schwer sein, so zu sein, wie “alle anderen”!

Das ist es aber nun einmal eben doch.
Man hat es nicht leicht mit uns – nie.
Wir sind viele. Wir sehen viel. Wir sind wurtschtelig bis unheimlich.

Und neben all dem sind wir auch fähig dazu Dinge zu tun. Sind wir auch “leistungsfähig” und “funktional”.
Und inzwischen so weit sozialkompatibel, dass wir Menschen nicht offen bloßstellen oder anbrüllen, wenn sie uns wieder in eine soziale Rolle oder Situation bringen, die genau das verunsichtbart bis negiert.
Ich habe den Eindruck, dass von mir erwartet wird, kein Wort darüber zu verlieren, wie abhängig mein Handeln von anderen Personen ist, weil es lieber gesehen wird, dass ich ohne die Rettungsmissionen anderer gar nicht wäre, wo ich bin.
Die Beschämung, die während solcher Rettungsmomente entstehen oder dann auch mit nicht erreichten Zielen vor Dritten einhergeht, darf aber bei mir liegen. Hat dann wieder was mit zu hohen Ansprüchen und Zielen zu tun. Nicht damit, dass Rettung eben immer nur Rettung ist und nicht Konstruktion.

Und die Moral von der Geschicht? Sei mit anderen Menschen nicht.

Was wiederum die gleiche Moral ist, wie sie andere Innens, die tatsächlich in der Familie, der Familie*, der Psychiatrie, von unfähigen Betreuer_innen miss_be_handelt wurden, für sich gezogen haben und an massive Gefühle von Todesnähe, Angst, Schmerzen, Horror und Schock gebunden ist. Die also tatsächlich traumareaktiv ist.

Das Ende meiner Kontaktmoral ist der Beginn ihres Erinnerns und definiert meinen Alltag in der Folge.
So geht multipel. So geht meine Lebensrealität, die kein anderer Mensch mit mir zusammen erlebt.
Weil.

Inmitten dieses wert_vollen, spannenden Treffens spielte sich die Reinszenierung einer Qual ab, die wir vor fast einem Jahr gerade so überlebt haben, weil ich noch genau die Dinge fertig kriegen will, an denen ich gerade arbeite. Das klingt jetzt heute auf eine Art dramatisch, wie wir sie in dem Moment, in dem sie passierte gar nicht artikulieren konnten und selbst ja auch überbrüllt haben, aber so war es halt.
Eine Traumatisierung, die mit nahen Personen zu tun hat, ist eben auch dramatisch.

Und jetzt ist ein Tag vergangen.
Mir gehts schlecht, weil ich Hannah die ganze Zeit angeranzt habe und damit genau das getan habe, was wir beide, wir alle, die “das Nachwachshaus” realisieren möchten, verhindern wollen: unsere Traumafolgen negativ auf das Projekt auswirken lassen. Zwar nur nach innen – wie gesagt: nach außen, war das Treffen super. Da hat sich viel Fruchtbares ergeben und es gibt Grund zur Zuversicht.
Aber, ich bin als Erste da gewesen und stand am Ende als Letzte vor der Tür.
Alleine.

Mir gehts schlecht, weil ich seit knapp 24 Stunden weinen, schreien, zwei Menschen ganz platt und stumpf verprügeln will – und nicht kann. Einfach genauso stumpf nicht _kann_.
Ich erreiche die Therapeutin nicht. Die Schule geht heute wieder los. Alles ist mir zu viel, tut mir weh und was würde ich hören, würde ich jetzt mit Menschen, die da waren, darüber reden?
Richtig: “Das ist nur der Druck, der jetzt von dir abfällt. Du machst dir einfach immer zu viel Druck, K. Komm, lass mich das mal für dich machen. Ich mach das gerne. Ich helfe wirklich gerne. Das ist alles echt kein Problem. Du kannst dich darauf verlassen, dass das schon alles werden wird.”

Ich weiß, dass mein Löwinnengebrüll eine spezifische Wirkung nach außen hat.
Dass ich das brauche, um mich aus diesen destruktiven Schleifen zu befreien, sehen die, die mich da auch immer wieder mit reinmanövrieren nicht.
Scheinbar.
Ich hab keine Ahnung, was diese Personen sehen und denken.

Sie reden ja nicht mit mir.
Ich muss ja noch nicht wieder mal gerettet werden.

Innenansichten, Lauf der Dinge

fliegende Tische

“Ich habs ihr gesagt”, sagt sie mit einer Stimme zwischen Sandelholz und Lavendel. “Ich hab ihr gesagt, dass wir zur Therapie gehen, um Dinge zu verstehen. Euch Menschen und diese Welt zu verstehen, nicht um irgendwas an uns zu verändern.”.

Ich höre ihrem Telefongespräch zu und denke, wie seltsam dieser Gedanke ist. Obwohl – vielleicht nicht wirklich seltsam – seltsam ist, dass wir Wasser aus Plastikflaschen trinken, obwohl sauberes aus der Leitung kommt. Eigentlich ist es mehr fremd für mich.
Ich denke spontan darüber nach, ob sie vielleicht doch eins dieser Innens ist, das arrogant ist. Vielleicht hält es sich ja für toller, als es ist – bzw. nach außen sein kann, mit mir Versagerin am Seelenbein. Vielleicht muss es in der Therapie verstehen, dass es durch mein Versagen in Sachen gesellschaftlicher Verwertbarkeit, zu Veränderungen an sich kommen muss. Vielleicht muss es verstehen, dass ich es hindere und hemme und dann wird es sich selbst verändern und lernen, wie es mich abstoßen kann. Oder verändern. Was weiß ich.
Am Ende ist dieses Gesellschaftskonzept “Therapie” doch nichts weiter als eine Reparaturmaßnahme, um von anderen Dingen, als denen, die in mir drin sind, zerstört zu werden.

“Oh, und was hat Frau N. dazu gesagt?”.
”Sie hats aufgeschrieben, damit wir nächste Woche darüber reden können.”.
“Und wie ist das für dich?”.

Ich werfe den ersten Tisch durchs Innen. Bin wütend, weil mich unsere Rolle der Person, die man fragen muss, wie es ihr mit irgendwas geht, so ankotzt.

“Ich find gut, dass ich jetzt nur noch dran denken muss, dass das aufgeschrieben ist. Dann kann sie ja auch alles aufschreiben und erklären und dann ist das ja fertig- also dies “Therapie machen”. Vielleicht muss ich dann nur noch einmal da hingehen, wenn ich was nachfragen will oder so.”.

Ein bisschen geschockt bin ich ja schon. Sitzt sie da und schwebt in so einer Illusion, die in sich so unschlagbar logisch ist. Denn klar ist für sie die Therapie dann zu Ende, wenn sie die Dinge erfahren hat, die sie erfahren will. Aber das ist nicht “Therapie”.
Erklär aber bitte mal jemand “Therapie”.

Was ist denn “Therapie”? Was ist denn “therapeutische Hilfe”? Eigentlich ist es nie etwas anderes als ein Prozess bzw. die Begleitung eines Prozesses in dem es darum geht zu verstehen. Vielleicht zu akzeptieren, vielleicht zu verstehen, wie wichtig es ist, dass Toleranz wichtig ist, wo Akzeptanz nicht gewollt ist, weil es schädigend bis tödlich für einen selbst sein könnte.

Ich finde, wir missbrauchen das Konzept “Therapie”. Denn eigentlich gehts nicht darum zu verstehen oder an einen Punkt zu kommen, an dem wir das, was uns angetan wurde, als Teil unseres Lebens und als Teil der gesamtgesellschaftlichen Kontexte, in die wir als Einsmensch geboren wurden. zu akzeptieren. Würden wir das tun, würden wir einen so extrem unlogischen Schritt tun, der das, was uns angetan wurde, durch Üblichkeit legitimiert – was wiederum der Bullshit ist, der diese Gewaltstrukturen und so kaputte Existenzen wie unsere überhaupt erst produziert.

BlütenkunstEigentlich ist unsere Therapeutin eine Zeugin.
Wir benutzen sie nur, damit ein äußeres Jemand weiß, was passiert ist.
Das könnten wir auch bei der Polizei tun, aber was wär das denn bitte für ein Umweg in die geschlossene Abteilung bis die Kasse nicht mehr zahlt und man sich ein ambulant arbeitendes Ohr ohne Mund suchen soll.

Es ist irgendwie einfach viel Erzählen, das #ausGründen schwer ist. Aber wenn wirs geschafft haben, dann könnten wir gehen.
Dann ist alles raus und wir müssten uns den Platz im Grab nicht mit so viel Horror, Schmerz, Angst und irgendwie ja auch “Leiden” teilen.
Ich verstehe nicht, wieso Innens wie dieses uns dabei stören*.

Um dem Ausdruck zu verleihen, schmeiße ich einen weiteren Tisch in ihre Richtung.

“Ja, dann hättest du die Therapie für dich gut genutzt.”, unsere Gemögte hmmt zustimmend, “und wie gehts dann weiter? Weißt du schon, wie du mit dem, was du verstanden hast, umgehen willst?”.

Stille.
Ein Tischbein steckt dem Innen im Hinterkopf. Ich pflücke es, wie ein Partyhäppchen, vom Vorne und schnipse es ins Inmitten zurück. “Passt schon”, denke ich. Innens können nicht sterben.

“Sie ist nicht mehr da.”
”Oh.”
”Tja. Ach. Egal.”

“Hm. Wir waren aber gerade im Gespräch.”
”Tja… sORR!y ?!”

“R.?”
”Was?”

“Irgendwas ist bei euch los.”.

Im echten Leben lassen sich Tische nicht so leicht durch die Gegend schmeißen.
Schade eigentlich.

 

*[Wobei- doch: Es merkt halt unser „Leiden“ nicht und kann deswegen auch nur denken, was es eben so denkt]

Lauf der Dinge

das Gespräch

Was ich immer wieder auch spannend finde – und ja tatsächlich auf die Art spannend, wie sie zum Streichen eines langen weißen Bartes Anlass gäbe, besäße ich einen solchen – ist die Art Beschämung oder auch peinlich berührt seins von Menschen, denen ich von meiner Behinderung erzähle, mit der Intension gemeinsam zu einem Umgang zu kommen, der weder für mich erniedrigend und schlicht nicht hinnehmbar ist (wie etwa die Notwendigkeit sich auf den Boden eines Schulklos legen zu müssen, weil sich auf die Schnelle kein anderer Ort finden lässt, an dem es einem einigermaßen privat grottenschlecht gehen kann) noch für andere Personen mit Überforderung oder auch dem Eindruck verbunden ist, irgendwie benachteiligt oder gestört zu werden.

Dass ich mit dem Lehrer, dessen Verhalten am Vortag massiv dazu beigetragen hatte, nicht zu sagen: “Äh – du ich kriege gleich einen Krampfanfall – wo ist bitte ein ruhiger Raum/eine stille Ecke/ eine Möglichkeit das hier nicht zu einem riesen Ding werden zu lassen?” , noch nicht gleich reden konnte, war mir klar. Vielleicht, werde ich das erst nächste Woche können, oder in zwei Monaten. Mir ist das erst einmal egal, weil ich weder den Lehrer noch den Kurs im Moment als etwas erlebe, das ich akut wirklich brauche. (Letztlich brauche ich ihn natürlich doch, weil meine Mappe auch solche Sachen, wie die, die wir da machen können, braucht.)
Wichtig war mir einen “Verbündeten” zu finden, dem ich sagen kann: “Hör mal – ich lebe mit diesen Krampfanfällen und ich brauche einen Landeplatz, an den ich gehen kann, wenn ich merke, dass einer anrauscht und ich brauche eine Person, die davon weiß, damit es im Fall, dass ich es mal nicht mehr dorthin schaffe – ja sorry diese Möglichkeit gibts auch – jemanden gibt, der anderen Leuten sagen kann, was los ist.”
Ich habe also versucht eine Ver-Bindung herzustellen und ich glaube, wie schwer so etwas Personen fällt, denen genau das immer wieder zum (lebensbedrohlichen) Verhängnis wurde, kann man sich ein bisschen vorstellen.

Ich habe mir am Abend nochmal durchgelesen, was das schlaue Buch zu gewaltfreier* Kommunikation so rät, habe im Internet nach Texten und Foreneinträgen gesucht, in denen es darum geht, mit Menschen, die nicht mit der gleichen Behinderung wie man selbst leben, über solche Dinge zu reden.
Selbstverständlich habe ich das noch am gleichen Abend gemacht, obwohl mir jeder Muskel wehgetan hat und ich eigentlich Dinge wie menschliche Nähe und Wärme, Trost und das Gefühl von aufgehoben und nicht verlassen sein, gebraucht hätte.
Aber hey, man kann ja nicht alles haben. Das Leben hart und die Welt ist kalt – nach 8 Jahren Herzischaukeln im Kuschelparadies ohne Lohnarbeit oder Bildungsmaßnahmen unter anderen Menschen, darf man sich auch nicht so verhätscheln. (Ja – mein Kopf denkt solche Sachen wirklich, lacht sich aber gleichzeitig auch aus dafür, weil klar ist, was das für ein Schwachfug ist)

Die Hannah Rosenblatt von vor 8 Jahren, hätte nicht wieder in die Schule gehen können. Sie hätte vielleicht im Sekretariat angerufen, den Bildungsvertrag gekündigt und sich auf unbestimmte Zeit mit Dingen wie hungern, fressen, sich aufschneiden, Medikamente überdosieren oder 24/7 Deals mit Täter_Innen eingelassen und sehr wahrscheinlich an keiner Stelle etwas von ihren Gefühlen und Gedanken abgestellt.
Die Hannah Rosenblatt von vor 8 Jahren hätte schlicht keine gehabt.

Heute weiß ich, wie auch politisch mein Re-Agieren in solchen Situationen ist. Für mich ist es keine persönliche Agenda, die sich um meine Flauschgefühle dreht, wenn ich an einen Ort gehe, an dem ich mich einige Zeit am Tag bewege und schaue, wie dieser mit meiner Behinderung nutzbar ist.
Zu einer persönlichen Sache gemacht, erlebte ich aber meine Formulierung dessen, als ich dann vor dem Leiter des Fachbereichs stand und ihm zuhörte.
Ich weiß jetzt nach ein paar Gesprächen und Austauschen und auch eigener Reflektion, dass ich alles richtig gemacht habe, aber vor einer Person stand, die mir zum Einen nicht den gleichen Respekt entgegenbringt, wie ich ihr und zum Anderen, vermutlich noch nie bewusst und aktiv mit der Behinderung eines anderen Menschen umgegangen ist, weil sie es nie musste.

Ich stand in diesem Büro, gestählt aus tausend Gesprächen dieser Art in der Jugendhilfe, den Hilfen für junge Erwachsene, der Psychiatrie, jeder – wirklich jeder – “Diskussion” im Internet und dieser etwa 25 Jahre ältere Mann fängt an, mir eine Vermeidungstanzrevue vorzumachen, die den Titel “ein Kessel Buntes” sehr gut tragen könnte.
Erst die Leugnung eines Problems über Derailing, dann der Apell an mich “dramatisier mal nicht”, dann die Individualisierung des Leidens unter der Situation, dann der oberpeinliche Versuch mir ein Vorbild und Role-Model zu sein “ich würde an deiner Stelle…” und dabei zu vergessen, dass ich diejenige mit den Anfällen bin und nicht er, dann kommt der Höhepunkt über den Versuch mich mit völlig unangebrachten Komplimenten zum Schweigen zu bringen “Hannah du hast Talent und du bist ein toller Mensch – echt jetzt”, die ich – 10 Jahre Psychotherapie olé! – mit einem schlichten “Ja, weiß ich, danke.” beantwortete, was er dann wiederrum scheiße finden musste, damit er mich darauf hin als borniert in die Situation stellen kann und seinen Vermeidungstanz mit einem lösungsbefreitem Schweigevorhang beenden konnte.

Ich glaube, es war ihm peinlich und wirklich unangenehm sich von mir angesprochen zu sehen. Vielleicht hätte ich ihn noch mehr flauschen müssen in der Situation, aber ehrlich gesagt halte ich es für falsch, mir solche Dinge, wie einen ruhigen sauberen Ort zum Krampfen bzw. zum gegen das Krampfen anarbeiten und ein Miteinander in dem meine Behinderung wenigstens bekannt ist, quasi zu erschleichen oder zu ermanipulieren. Mal abgesehen davon, dass einfach nicht gut darin bin, Menschen zu manipulieren oder “mir zurecht zu biegen” oder sowas. 

Es ärgert mich, dass das Gespräch so gelaufen ist, wie es gelaufen ist, weil ich jetzt zwar weiß, dass es einen ruhigen Raum gibt, aber noch immer keinen Notfallkontakt unter der Lehrer_Innenschaft habe und also im Fall des Falls immer noch genug Kraft und (neurologische) Fähigkeit haben muss, um Personen, die keine Ahnung haben und vor denen ich vielleicht in dem Moment auch ein bisschen Angst habe oder so, zu sagen: “Bitte schließ mir den Raum auf, ich darf da sein.”.
Ich fühle mich allein gelassen mit etwas, das nicht nur mit mir allein zu tun hat, aber nur so betrachtet werden will.

Und ich kann das verstehen.
Wenn man mit Menschen mit Behinderungen immer wieder so umgeht, als sei das Leben mit einer Behinderung eine Privatsache, die ganz eigentlich ergo im öffentlichen Leben keine Rede wert sein darf, dann sind solche Haltungen wie von dem Fachbereichsleiter logisch und üblich.
Ich habe gemerkt, dass ich ihn mit meiner Festigkeit im Thema irritiere und überfordere. Dass ihn meine Forderung nach Würdigung meiner Gefühle von auch Demütigung und nach einem Umgang mit solchen Situationen, der ihn mit einbezieht, auch erschreckt, weil plötzlich Grenzen (Barrieren) für ihn sichtbar wurden, die lange nicht sichtbar waren.
Deshalb habe ich ihn letztlich auch in Ruhe gelassen, obwohl ich genau weiß, dass es nur einen Krampfanfall die Treppen runter dauert, bis er seinen Bezug zu meiner Behinderung unumgänglich fühlt, weil ihm dann nämlich Versicherung und Schulleitung aufs Dach steigen und Schuld ein Thema wird, das dann wieder zu mir wandern muss und letztlich wieder für mich einen Bildungsweg verunmöglicht.

Ich bin 28 Jahre alt und dort, weil das die einzige zeitlich flexible Vorbildungsoption für mich ist um meinen Lebenslauf aufzumotzen, um mich irgendwo zu bewerben, wo man mich am Ende mit 100€ im Monat entlohnt, wo andere Menschen etwa 1.200€ erhalten.
Mein Leben ist kein Ding in dem ich mir den flauschigsten Ort für mich suchen kann, weil es ja so wahnsinnig viele Optionen gibt.

Ich weiß, dass ich von Menschen, die ihr Leben lang nie so massive Abhängigkeiten gefühlt haben, wie ich, nicht erwarten kann zu verstehen, wie groß der Druck für mich ist, mich zurecht zu finden und freiwillig am Leben zu bleiben.
Aber ich weiß auch, dass es keine falsche Forderung an diese Menschen ist, meine Behinderung als Teil eines gemeinsam verlebten Tagesgeschehens zu sehen, die einen bestimmten Umgang miteinander erfordert.

Wie es jetzt weiter geht, weiß ich noch nicht.
Aber das weiß ich im Moment ja sowieso in Bezug auf nichts in meinem Leben und vielleicht muss ich das jetzt einfach aushalten.
Das Leben ist hart und die Welt ist kalt.

Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

K.r.ämpfe

Es ist eine Autoritätsperson, die ihr etwas beibringen soll.
Sie möchte das. Fragt an dem Kloß im Hals vorbei. Wird losgeschickt. Ohne Zielangabe. Um der Erfahrung Willen. Natürlich. Wozu auch sagen, was auf sie zu kommt? Wozu auch vorbereiten – das Leben fragt auch nicht.
Die schwarze klebrige Farbe schwemmt Ekel hoch. Sie soll sie auf der Platte verteilen, mit Gaze in die Rillen drücken und vom Rest abwischen. Sie reibt und schiebt gegen das Erbrechen an. Ist still, wie die Jugendlichen um sie herum.
Es redet ein Junge im Kumpelton. Unter Kumpels ekelhaftes Zeugs anfassen, nicht wissen worum es geht – irgendwo wird nach Wörtern gejagt, um Luft gekämpft.
“Oh G’tt heute wurde so viel um irgendwas zum Festhalten, um Klarheit, um ein Später gekämpft.”. Die Welten krachen kreischend ineinander.

Es wird immer mehr ekelerregende klebrige Schwärze. Sie schaut hoch. Sieht in ein leeres Gesicht, das sie betrachtet. Erschrickt. Macht ihr verqueres Lächelgesicht. Reibt weiter. Die Autorität guckt. “Ich glaub, ich hab zu viel Farbe genommen – kann ich was tun, um…?” – “Ja ist gut, dass du zuviel genommen hast- das ist ne Erfahrung. Ohne gehts nicht.” umgeht er ihre Frage. Sie reibt. Kann sich wieder nicht durchsetzen.
Der Lehrer geht durch den Raum und redet von der Wichtigkeit von Fehlern. Alle wissen, dass es um sie geht. Niemand sagt etwas. Niemand sagt ihr etwas.

Sie steht auf. Sucht den Wasserhahn. Er steht vor ihr, breitet die Arme aus, versperrt ihr den Weg. “Nee jetzt nich Hände waschen, mach doch weiter – das ist doch…”

“Ja blöd ist das. Total blöd. So blöd. Ich bin so blöd. Ja ich bin so blöd. Ich bin so blöd, dass ich dachte, du bringst mir was bei. Ich bin so blöd. Wieso bin ich immer so blöd. Wieso gehe ich auch hier hin?”. Sie sagt: “N… kann nich.”.
Im Inmitten hat es zu schreien angefangen. Ein erster Krampf in der linken Hand bahnt sich seinen Weg.

Sie zieht sich an. Zittert, haspelt, stolpert mit ihren Lauten durch den Raum. Will was sagen und kann nur wurtscheln. Ein Kumpeljunge lacht. Ein zweiter stimmt ein. Kein Beistand. Keine Beruhigung. Kein Raum. Keine Luft. “Wieso bin ich so blöd Wieso bin ich immer so blöd Wieso bin ich hier hingegangen Wieso hab ich was gesagt”

Ein Zucken, das im Krampf endet. Lichtblitze. Rauschen im Kopf.
Wieso bin ich so blöd Ich habe vergessen, nach einem ruhigen Raum zu fragen Ich habe vergessen, mir einen Notfallkontakt unter den Lehrer_Innen zu besorgen Ich habe vergessen, mir ein Netz für solche Fälle zu machen Ich habe vergessen, nicht nur okay gefunden werden zu wollen

Ich habe vergessen, jemandem von meiner Behinderung zu erzählen
Ich habe vergessen mein Lernumfeld barrierenärmer für mich zu machen
Ich wollte hier nichts von “diesem DAS DA” haben

und liege kurze Zeit später auf dem Boden eines stinkenden Schulkos.
Hoffe, dass niemand – keines der gefühlten tausend Kinder und Jugendlichen, die im Schulgebäude herumlaufen – reinkommt und mich so sieht.

Ich weine ein bisschen, schaue der anderen beim Erdungstwittern zu, bemerke, wie andere überlegen, ob sie einfach in einen anderen Kurs gehen. Höre Gedanken zu einem Projekt, zu einer Gemochten, die wie ein weißes Rauschen schon den ganzen Tag begleiten. Das Inmitten ist still. Weint statt mir weiter. In meinem Innen herrscht Ebbe mit Springsinflut.
Die Erde dreht sich weiter.
Das unwillkürliche Zucken bleibt.
“Ich muss endlich einen Termin bei diesem special Neurologen machen”, raunzt es neben mir. Jemand wechselt Strumpfhose und Unterwäsche. Tastet den Kopf ab. Es ist so eine erbärmliche Krisenroutine. Oder erbarmungswürdig. So richtig weiß ich nicht, was ich dazu fühle.

Der Lehrer ist so einer, der sich vielleicht entschuldigt, aber nicht nachfragt, was schwierig ist. Er ist einer, der gesagt bekommen will und nicht begreift, was für ein Umfeld manches zu Sagendes braucht. Vielleicht lieber von Empfindlich- und Befindlichkeiten ausgeht, als von echten, komplexen Problemen, die auch irgendwie mit ihm, seiner sozialen Rolle, seinem Status zu tun haben, obwohl es mein Körper, mein Gehirn, mein einfach von Traumata schief und krumm verwurschteltes Ich ist, das quer schießt.

Als ich nach Hause gehe, höre ich Jugendliche einander “voll behindert” an den Kopf werfen.

Die Welt guckt komisch und die Erde dreht sich weiter.
Und heute nachittag werde ich ein Gespräch einleiten mit “Es tut mir leid, dass ich gestern aus dem Kontakt gegangen bin. Ich hätte dir sagen müssen, dass …”

Nichtbehinderte Menschen finden es meistens geil, wenn die Menschen, die Rücksicht auf ihre Behinderungen einfordern, so reden, als hätten sie eigentlich überhaupt nichts damit zu tun.
Als wären sie kein Teil der Barrieren.
Kein Teil des Lebens mit Behinderung eines anderen Menschen.

Sie finden es geil, wenn die Leute, die ein Problem haben, sich alleine drum kümmern. Sie finden es geil, weil sie dann denken können “Ach, dieses Inklusionsding ist ja total einfach.”. Sie findens geil, wenn sie nichts weiter wissen müssen. Sie findens geil, wenn die Behinderung etwas ist, was sie nicht stört.
Eigentlich wollen die meisten nur wissen, was sie potenziell stören könnte an meiner Behinderung.
Sie wissen ja nicht, dass ich weiß, dass ihnen das Herz einmal durchs Hosenbein rutscht, wenn ich irgendwo nahe einer der Altbautreppen hinfalle und einen Krampfanfall habe. Sie wissen ja nicht, wie das ist, kleinen Kindern zu erklären, “was die Frau da hatte”. Sie wissen ja nicht, wie mich Sanitäter_Innen und so ein Massenauflauf nach einem Anfall nur noch mehr stresst und meine Sprache ganz weg geht. Sie haben ja keine Vorstellung davon, was für eine innere Hölle Krankenhäuser in mir aufmachen. Sie wissen ja nicht, dass ich kein flexibles Notfallnetz mehr habe.

Beziehungsweise: Ich weiß, dass ich nicht davon ausgehen kann, dass sie es wissen.
Die Mehrheit der Menschen lebt eben nicht mit dissoziativen Krampfanfällen nach komplexer Traumatisierung.

Die Mehrheit kann einfach mal losziehen und ihre Erfahrungen machen.