Sicherheit* unterm Radar

P1010176„Du musst den Täterkontakt abbrechen und dich anonym halten, sonst bist du nicht sicher.“
Das ist so einer der Sätze, mit denen ich in diesem Bundesland empfangen wurde. In einer „anonymen“ Unterkunft für Jugendliche in Not. Mehrere hundert Kilometer zwischen mir und dem, was noch immer einige Innens „zu Hause“ nennen.
Diese Zeit in der Einrichtung war nicht lang- ich glaube nur 3 Wochen- aber sie hat gereicht, um mich bis heute ziemlich wütend zu machen und immer wieder darüber nachzudenken, wie die Wichtigkeit und Funktionsmechanismen von Schutz durch Anonymität vermittelt werden können.

In meinem Fall hatte sich damals schon niemand an meine Seite gestellt und sich dafür eingesetzt, dass ein Antrag auf Amtshilfe in der neuen Stadt passiert, um mich gänzlich (oder zum Teil) abzulösen.
Stattdessen wurde die ganzen Jahre der Jugend- und später auch Erwachsenen-  Hilfe in schöner Regelmäßigkeit meine Wohnadresse, meine Hilfepläne, so wie sämtliche Aktivitäten an ein Amt geleitet, das immer wieder einen Datenfluss in Täterhände lenkte.
Ich hatte das immer wieder gesagt, hatte es immer wieder als Änderungswunsch angebracht. Im Zuge des Betreuungswechsels dann, versuchte ich es mit juristischen Hebeln, um aus der Sache rauszukommen und scheiterte, weil ich zu schwach war.
Ich hätte mindestens eine Strafanzeige gegen die Täter stellen (Recht bekommen) und dann alles Nötige erwirken lassen müssen.
Aber eine Strafanzeige erstattet sich nicht so einfach. Bis heute nicht.

Das Gemeine für mich- der richtig fiese Haken: meine damalige Therapeutin und alle alle alle Bücher und Tipps für  Menschen mit DIS (und Täterkontakten), die ich damals fand, hackten auf mir als die undichte Stelle im Sicherheitsnetz herum.
Immer wieder wurden dort die inneren Abhängigkeits- , Hörigkeits- , (Todes-) Angstdynamiken thematisiert und verdeutlicht, wie wichtig es ist, die innere Kommunikation so weit aufzubauen, dass sich Innens nicht an die TäterInnen wenden und so weiterhin Gewalt erfahren. Wir haben diese Problematik auch gehabt und mussten daran arbeiten. Was in Bezug auf den Abbruch von Täterkontakten wichtig war, schilderte ich bereits in der Serie „
Täter- Kontakte 1- 5 “ 

Der Punkt meines Ärgers über den Satz in der Einleitung und der Buchinhalte ist, dass das einfach nicht alles war und bis heute ist.
Wir erfahren seit einigen Jahren keine Gewalt mehr- doch befreit von destruktiven Verbindungen sind wir erst, seit wir vor dem Gesetz als „erwachsen“ und damit komplett mündig gelten (Also seit dem 27 sten Geburtstag- dies ein Hinweis an Betroffene mit Schwerbehinderung und darauf fußenden Amtshilfen seit der Jugend).

Die Idee von „es kann mir nichts passieren- ich bin anonym und in Sicherheit“ ist Schwachfug.
Wer wissen will- wer es wirklich wissen und herausfinden will, wie mein Passname ist, wo ich wohne und was sonst noch in Bezug auf mich relevant ist- der wird das auch herausfinden. Wer mir wirklich unbedingt Gewalt antun will, wird das tun können und nichts und niemand wird das verhindern. Aber ich kann es etwas schwieriger machen.

P1010183Das Leben in Anonymität hat für mich viele kleine und große Unsichtbarkeiten und mit ihnen Angstmomente, die völlig unvermittelt kommen können; jeden wie auch immer gearteten Kontakt und auch die Art, wie Kontakte geknüpft werden, beeinflussen.
Die Verluste, die ich mit der Entscheidung zum Leben ohne Gewalt, mit neuem Namen und Dunkelfeld „Vergangenheit“ eben auch „gewählt“ habe, sind unfassbar groß und schmerzhaft.
Ich entfernte nicht nur Destruktivität aus meinem Leben- grenzte mich nicht nur von Gewalt in verschiedenen Gewändern ab. Ich war gezwungen zum Messer zu greifen und mir alles was „vorher“ war abzuschneiden. Das Vorher, das auch viele schöne Momente, tolle Menschen und Möglichkeiten umfasst und mich mit viel mehr Leichtigkeit agieren ließe.

Ich bin gestern via Facebook mal wieder über jemanden aus „dem verbotenen Früher“ gestolpert. Die Folge war nicht: „Ach guck an…“ sondern richtig harte 20 Minuten, in denen ich Tränen aus meinen Augen rausschreien wollte und nicht konnte.
20 Minuten, in denen mir erneut diese Gefühle von emotionaler Zwangsaskese zum Wohle meiner Sicherheit durch die Brust jagten. Erinnerungen an „früher“, alle Wünsche, alle Hoffnungen, alles was ich damals … hätte würde wäre wenn

Mein Heute umfasst eine Achtsamkeit und Vorsicht auf allen Ebenen durch mich selbst, aber auch eine Abhängigkeit von Verbundenheitsgefühlen und gut kommunizierten Beziehungen zu den Menschen, die mich umgeben.
Ich kann noch so oft verschweigen, wo ich eigentlich herkomme; wie mein Passname lautet; darauf verzichten meinen supertollen Hund im Internet zu zeigen oder wie ge-ni-al ich meine Haare frisiert habe. Ich kann noch so oft meine Hand abhacken, wenn sie ins Früher telefonieren will, um dort wieder einzuziehen. Ich kann noch so oft ins Facebook schauen und denken: „Ach dieser Mensch hat mir ja nichts getan- ich könnte…“ und dann doch hart bleiben.
Sobald auch nur eine meiner Gemögten, HelferInnen und Verbündeten oder irgendjemand außerhalb meines Kontrollbereichs mich als diejenige welche mit Passnamen XY im Kontext von AB in Stadt CD outet, ist es vorbei.

Alles was ich tun kann ist in einem Heute zu leben, das kein breit bekanntes Früher hat.

Ich muss mich darum bemühen meine Kontakte auf eine Art zu pflegen, die entweder davon geprägt ist, dass diverse Informationen nie Thema werden bzw. „einfach so unbemerkt in ihrem Fehlen sind“ oder bekannt sind mit einem Mit-Verantwortungsbündel obendrauf, das nicht jeder Mensch tragen kann (und/ oder will).
Keine meiner Gemögten weiß alles über mich und die Tatsache, dass sie es auch nicht zu wissen einfordern, entlastet und schützt mich sehr.
Für die Beziehung, die wir haben sind weitere Informationen nicht wichtig- sie wissen aber alle von den Netzen, in denen wir uns bewegen. Sollte mir etwas passieren, wäre niemand von ihnen allein und direkt mitbedroht.
Das Nichtwissen schützt sie also- solange sie nicht-wissen „dürfen“.

Im Falle der Facebookverbindung musste ich so scheißverdammt mutig sein, wie ich es eigentlich gar nicht war in dem Moment. Ich musste fragen: „Kennst du diesen Menschen persönlich?“

Weiß der Mensch, dass wir uns kennen? Muss ich dich jetzt auch aus meinem Leben streichen, obwohl ich dich toll finde und es mir weh täte? Muss ich schon wieder umziehen und alle meine Hilfsnetze umkrempeln, weil du weißt, wo ich wohne?

Ich musste meine Gemögte irritieren, ihr etwas abverlangen, was sie genauso einfach hätte ablehnen wie annehmen können.
Ich musste sie ins Vertrauen- in meine Scheiße ziehen und konnte nichts weiter tun, als zu hoffen, dass sie vollständig begreift, was ich da sage- die ganze Tragweite sieht, ohne davon erdrückt zu werden.
Ich muss ihr vertrauen diese Schwere zu tragen- nicht nur jetzt, sondern noch eine ganze Weile länger, weil für mich etwas daran hängt.
Ich musste sie wissen lassen- sichtbar(er) werden für sie und hoffen, dass sie diese Sichtbarkeit mit mir vor anderen Menschen unsichtbar hält.


Es klingt immer so einfach: Täterkontakt beenden, neuer Name, neue Adresse, Traumatherapie und fertig.
Im Falle organisierter Gewalt ist es damit einfach nicht getan.
Diese Dinge hängen alle an Privilegien- an Sicherheiten, die extrem instabil sind und von nichts und niemandem bedingungslos und durchgängig gewährt werden. Die Realität nach Ausstieg und in Anonymität wird damit nicht gestreift.

Damit ich direkte Gewaltkontakte beenden konnte, brauchte ich eine starke Gemögte, die mich halten und tragen konnte- die an meiner Seite stand und sich selbst in dieser Zeit total zurückstellte- ohne irgendetwas dafür zu verlangen.
Um meinen Passnamen zu verändern muss ich (neben finanziellen Ressourcen) auch darauf hoffen, dass ich in meinem Leben als Opfer von organisierter Gewalt anerkannt werde, auch ohne eine Strafanzeige zu stellen.
Um anonym zu wohnen muss ich mich darauf verlassen, dass sämtliche Ämter und Behörden meine Rechtsanwältin als meine Fürsprecherin akzeptieren und sämtlicher Informationsfluss über ihre Kanzlei läuft- was nicht selbstverständlich ist.
Um meine Geschichte traumatherapeutisch auf- und verarbeiten zu können, hilft nur hoffen und beten, dass ich in meiner Therapeutin einen Menschen habe, der mutig genug ist, mit mir gegen die Krankenkasse vorzugehen und zu kämpfen um für seine Arbeit auch bezahlt zu werden, wenn diese anfängt ihre Richtlinien zu Gesetzen wachsen zu lassen und mir die Behandlung verwehrt.

Unterm Radar zu fliegen heißt „nicht gleich sichtbar und damit geschützt vor suchenden Blicken zu sein“.
Heißt aber auch, dass jede Untiefe der Berg sein kann, an dem ein Leben zerschellt.
Es heißt sich mehr als fünfmal seiner Unsichtbarkeit zu versichern.
Es heißt unsichtbar zu trauern.
Es heißt Sichtbarkeit als ein Privileg einzuordnen, das genauso instabil ist, wie alles andere.

Es heißt, dass eine Ebene der Angst auch dann noch da ist, wenn „eigentlich“ alles* „gut“ und sicher* ist.
Es heißt, dass nichts sicher ist.
Es heißt, dass die Begrifflichkeit der Sicherheit* ein Sternchen braucht, um die Fragilität und Vielschichtigkeit zu markieren, die sie für mich hat.

vom Lesen, Schreiben und dem Recht auf Begreifen

179721_web_R_K_B_by_S. Hofschlaeger_pixelio.deVor ein paar Wochen hatte sie mich angesprochen.
Ich weiß nicht warum- vielleicht hatte sie gesehen, dass ich mich mit dem
anderen Nachbarn unterhielt.

Fortan grüßten wir einander, wie es hier in unserem Bullergeddo so üblich ist. Ich streichelte ihren dicken Yorki und lächelte sie an, während wir sprachen. Über das Wetter, die Sanierungsarbeiten an den Häusern, manchmal über NakNak*.

Dann klingelte sie eines Tages bei mir. Ob ich mich mit Heimunterbringung auskennen würde.
Ich sagte ihr, dass ich keine Fachfrau bin und es immer wieder Änderungen in dem Bereich gibt, dass ich aber grundsätzlich nicht unwissend bin.
Wir trafen uns also in ihrer Wohnung mit Teppichboden, Vorhängen und einer Sitzgarnitur, die zur Tapete passt.

Sie schilderte mir ihre Schwierigkeiten und Unklarheiten. Vertraute mir ihre Sorgen und Ängste an, während ich still den felligen Klops zu meinen Füßen streichelte und versuchte meine Irritation, über ihren Schritt an mich heran, zu verbergen.
Ich konnte sie beruhigen und vermitteln, wo sie gut hin kann, um das Problem zu klären; handlungsfähig zu bleiben und nicht unter die Räder des Systems zu geraten.
Ich dachte, damit sei es getan. Dachte: „Sie weiß ja nun, wo sie sich einlesen kann, da steht ja alles und jetzt wird sie mich nicht mehr brauchen.“
Ich ging nach Hause und war so wahnsinnig stolz auf mich.
Fühlte mich so erwachsen und mächtig, weil ich jemandem helfen konnte, sich selbst zu ermächtigen und Hilfe zu bekommen.

Zwei Wochen später, hatte ich einen Zettel von ihr im Briefkasten.
„Wenn du mal Zeit hast kannst du mich anrufen“ stand dort in ungelenk-unsicheren Druckbuchstaben mit einer selbstausgedruckten Visitenkarte dazu.
Ich hatte aber keine Zeit.
Und mir war nicht klar, ob es sich um eine Aufforderung oder eine Frage handelte. Ich wollte sie nicht zwischen Tür und Angel- zwischen Termin und Reorientierungsphase drücken, sondern für beides Zeit haben und mich ihr widmen.

Gestern dann lag ein Schreibentwurf von ihr in meinem Briefkasten. Ein offizielles Schreiben an den Heimleiter der Einrichtung, in der ihre Mutter nun lebt, das mich umkippen ließ. Nicht, weil es so schlecht war, sondern weil ich mich wirklich schämte.
Sie kann ganz offensichtlich nicht gut schreiben und lesen. Hat ganz offensichtlich Schwierigkeiten komplexe Zusammenhänge zu erkennen und zu formulieren. Wer weiß, ob sie die Texte, die ich ihr zu lesen empfahl, überhaupt erfassen konnte.

Heute wurde die OECD-Bildungsstudie veröffentlicht, die offenbart, dass jeder sechste deutsche Erwachsene so und so ähnlich gelagerte Probleme hat.

Meine Nachbarin ist so vertraulich, weil ich ihr überlegen bin.
Nicht, weil sie mich wirklich nett findet.
Sie hat sich an mich gewandt, weil ich vermittelte, ich könne diese Texte und Sachverhalte verstehen.
Ich bin beschämt, weil ich ihre Problematik nicht erfasste und so arrogant war, anzunehmen, sie würde mich einfach so nett finden und deshalb Kontakt wollen.
Außerdem bin ich wütend, weil mir nun klar wird, wieso es für sie so aussieht, als könnten ihr alle zuständigen Beratungs- und Hilfestellen nicht helfen: diese Stellen, werden, wie ich, davon ausgegangen sein, dass sie diese Probleme nicht hat und ihr Dinge gesagt bzw. so erklärt haben, als hätte sie die Grundlagen bereits verstanden.

Ich bin wütend auf den Menschen, der sie einen Vertrag hat unterschreiben lassen, ohne ihn ihr zusätzlich mündlich zu erklären mit der Intension, sie begreifen zu lassen. Für sie muss es gewirkt haben, als hätte er bzw. „das Heim“ (ich weiß nicht, mit wem sie dort gesprochen hatte) ihr nur gesagt, wie toll es ihre Mutter haben würde und damit das alles von ihr auch erlaubt ist, müsse sie nur schnell die Unterlagen unterzeichnen.

Sie ist nicht so machtlos, wie es für sie wirkt- sie ist aber nicht in der Lage, ihre Rechte so durchzudrücken, wie andere, weil sie sie nicht ausgedrückt bekommt, was diese Hilflosigkeit auslöst.
Doch selbst dies wiederum auszudrücken, ist für sie offenbar nicht so möglich, dass sie leicht erfasst werden kann.

Ich bin beschämt, weil auch ich dachte: „Naja, sie ist halt ein bisschen einfach gestrickt, ich nehme hier und da mal ein bisschen was raus, vereinfache das, und dann wird das schon.“, anstatt mal 2 Meter weiter zu gehen und zu fragen, ob sie überhaupt eine Sicherheit über die Grundlagen hat. Mich doch noch ein bisschen mehr darüber zu wundern, dass sich ein erwachsener Mensch von bestimmt Ende 50/Anfang 60 , an einen Menschen, der ganz offensichtlich weniger Lebenserfahrung hat, wendet, obwohl schon einige zentrale Anlaufstellen abgeklappert wurden.

Jetzt wird mir klar, wie groß ihr Hilfebedarf tatsächlich ist, damit sie überhaupt ihre Rechte und Wünsche zum Ausdruck bringen kann und durchgesetzt bzw. gewahrt bekommt.
Eigentlich müsste jedes Mal jemand dabei sein, wenn sie Gespräche mit zum Beispiel den Heimmenschen hat.
So lange bis es für sie selbstverständlich ist, sich den Raum und die Zeit zu nehmen, die ihr eigentlich zur Verfügung stehen.

Sie hat das Recht jedes Mal, wenn es um vertragliche Dinge geht; jedes Mal, wenn aufgrund diverser Bestimmungen und Regelungen Probleme für sie im Raum stehen, so lange nachzufragen, bis sie es verstanden hat. Sie hat das Recht darauf zu pochen, dass ihr Dinge noch mal anders erklärt werden.
Sie hat das Recht begreifen zu können.

Und genau dieses Recht wird ihr beschnitten mit dem Anspruch so eine Fähigkeit zum Text- und Zusammenhangverständnis zu besitzen, wie andere Menschen. Er ist unausgesprochen und lediglich in der Form des Textes bzw. der Situation an sich impliziert.

Inzwischen fühle ich mich nicht mehr nur erwachsen mächtig, sondern auch erwachsen verantwortungsbeladen.
Ich weiß es jetzt. Weiß, was da gebraucht ist.
Weiß aber auch, dass ich die falsche Adresse bin.

Weiß eigentlich, dass das nicht meine Verantwortung ist.
Ich weiß aber auch, dass sie sie nicht formuliert bekommt und alle anderen Kackbratzen da auf ihren Amtssesseln diese Verantwortung negieren, mit dem Verweis darauf, dass sie ja erwachsen ist und für sich selbst eintreten muss.

Ich weiß, dass sie sich gedemütigt fühlen wird, wenn ich ihr sage, dass sie sich unbedingt eine/n FürsprecherIn besorgen muss für den Kontakt mit diesen Ämtern und beteiligten Menschen. Mal abgesehen davon, dass ich nicht einmal weiß, wo sie so eine/n FürsprecherIn finden könnte. Eigentlich ja dort, wo sie schon mal war. Doch da müsste ich sie erst mal wieder hinbekommen, nachdem diese Stellen jetzt erst mal die „Bösen“ sind, die ihr nicht helfen…

Es sind nur Buchstaben und Satzzeichen.
Aber sie sind verdammt mächtig.
Nur weil wir, die wir gut lesen und schreiben, sowie Texte inhaltlich verstehen können, dürfen wir ihre Macht nicht unterschätzen.
Es ist eine Macht, die mit Verantwortung einher geht.

Verantwortung, die getragen werden muss.

mein Schweigen und die Therapie

helldunkelmischNachdem ich in der letzten Woche so mit einem Schweigen rang, so sehr um meine Lautsprache kämpfen musste, saß ich in der Therapiestunde und versuchte das Schweigen weiter in Worte zu wickeln. So fest wie es ging, um es an einem Ende der Therapeutin in die Arme zu legen.

Hatte sie doch gesagt, sie könne etwas aus-halten.
Wollte ich doch nur, dass sie etwas mit mir hält, was mich drückt.

Mir fiel auf, wie viele Schichten Worte ich über die Jahre bereits darum gewickelt habe.
Und wie sie anfing eine Schicht nach der anderen abzutasten- lose Fäden ohne Sicherung herunter hängen zu lassen und das Bündel immer wieder zurückzuschieben, wenn der leere Kern erste Schatten voraus warf.
Immer dann wenn ich denke: „Jetzt ist es gut verpackt und liegt auch noch woanders- jetzt kann ich- jetzt darf ich das Verschwiegene bündeln und aus seinem Nest in meinem Bauch- und Rippenfell herausklauben.“, dann liegt mein Schweigen wieder unverpackt- unversichert- ungebunden auf meinem Schoß und versucht sich wie ein Korsett um meine Mitte zu legen.

Seine Fänge wandern meinen Hals hinauf und drücken zu. Stopfen mir Mund und Nase zu, bringen mich dazu durch die Augen atmen zu wollen. Mein Schweigen ist ein nebulösschwarzschreiendes Biest, das mir die Ohren rauschen macht und mir das Denken vernebelt.

Am Ende war ich dankbar um die Wut der verletzten Ungeholfenen hinter mir.
Ließ mich und meinen Mund sagen, dass es doch nicht die Hilfe der Psychologie- der Psychotherapie- sein kann, für alles ein Wort zu haben.
Sie begann einen Satz mit „Doch….“

und das Schweigen tötete mich für einen Moment.

Jetzt sind viele Stunden vergangen und ich halte es, wie auf eine Spindel gespießt, in der Hand und wickle erneut Worte darum herum.

Ein anderes Innen soll herausfinden, was gesagt werden darf.
Ich fange an zu zweifeln, ob je eines meiner gewickelten Worte gehört wurde.
Frage mich wieder, ob ich selbst das Schweigen bin.

Bin ich für sie?
Sichtbar?
Hörbar?
Warum sagt sie mir nicht, was sie hört, damit ich höre, ob sie mein Schweigebündel gehört hat und mit mir hält?

Ich fühle mich alleingelassen mit meinem Schweigen.
Und jetzt auch noch hilfe-los, weil ich beim „Therapie machen“ versage, obwohl ich mich an die Regeln halte.

Die Ungeholfenen brüllen und haben Recht.
Helfer sollen helfen. Sie sollen nicht lügen, dass man Hilfe bekommt, wenn es keine Hilfe ist. Hilfe ist nicht allein Erkenntnis. Sprache ist hilfreich- aber keine Hilfe.

Ich schweige- trotz funktionierender Sprache.

Und nun weiß ich endgültig nicht mehr, was ich dort in der Therapie soll.
Weiß nicht einmal mehr in welche Richtung ich überlegen soll, wenn sie immer wieder sagt, wir sollen uns überlegen, was wir bei ihr wollen.
Waren die Antworten darauf falsch oder hat sie sie nicht gehört?

man muss nicht glauben, um zu helfen

Ich bin vorhin über die Türschwelle zum Multiland im Internet gestolpert und mitten in eine Welt geplumpst, in der mein Risiko an Hirndiabetis zu erkranken um Faktor 100 erhöht wurde.

Die versierten SucherInnen werden sie kennen, diese Seiten auf denen über Multiple „aufgeklärt“ wird. Jaja, ich  meine die, mit den wackelnden Gifs von weinenden Engeln, den Webringfackeln und den verniedlichenden Begriffen.
Ich sehe die Bildchen und denke: Kitsch. Sehe „Webring“ und denke: Angst vor der Offline-Welt. Lese so Dinge wie: „Innie“, „Multi“, „Darki“ und denke an Vermittlungsseiten von Tierheimhunden.

Da ist erst mal keine Wertung drin (auch wenn meine Assoziation dazu im Allgemeinen negativ konnotiert werden). Ich versuche trotzdem die Seiten zu lesen und würdige, die Arbeit die dahinter steht. Der Wunsch der Auseinandersetzung mit dem Thema, ist bei mir ja auch vorhanden.
Aber ich versuche mich in LeserInnen hineinzuversetzen, die selbst keine DIS haben und aus einem bestimmten Grund Informationen zum Thema gesucht haben und in Folge dessen schlage ich vor solche Seiten die Hände überm Kopf zusammen.
Wenn ich so eine Seite durch habe, glaube ich selber nicht mehr an dissoziative Identitäten oder satanistische Kulte und das finde ich schlimm.

Schlimm deshalb, weil ich noch immer von HelferInnen und Hilfseinrichtungen höre, die „nicht an „solche Sachen“ glauben“. In den letzten Nebensatz hätte ich noch viel mehr Gänsefüße setzen müssen.
Vielleicht so: nicht an „solche“ „Sachen“ „glauben“.

„solche“? Welche?
„Sachen“? Welche Objekte -tote Gegenstände- werden im Zusammenhang mit DIS und destruktiven Kulten benannt?
„glauben“ Wer verlangt Glauben, wenn es die Ratio ist, die angesprochen wird?

Wir sprechen von einer Dynamik der Macht und Ohnmacht, der Gewalt und des Überlebens, wenn wir von Menschen in destruktiven Gruppierungen sprechen. Etwas, woran man nicht glauben muss, um zu wissen, dass es das gibt, weil wir alle Ähnliches in anderen Rahmen gleichsam erleben. Stichwort Bürokratie, Kapitalismus, Rassismus… der Weihnachtsmann.
In allen Zusammenhängen wird uns eine Struktur aufgedrückt, die die Welt oder Aspekte in ihr erklärt und definiert. Es liegt bei uns, ob wir danach leben wollen oder nicht.
Kinder glauben nicht an den Weihnachtsmann- sie glauben, daran, dass ihre Eltern ihnen die Wahrheit sagen, wenn sie ihnen erzählen, dass er die Geschenke unter den Baum legt. Sie hören auf es zu glauben, wenn sie so reif und frei sind, ihre Eltern zu hinterfragen oder beim Geschenkekauf „erwischen“ oder oder oder

Ja, ich habe wenig Verständnis dafür, wenn mir erwachsene HelferInnen erzählen wollen, dass sie nicht an (rituelle Gewalt in) destruktive(n) Kulte(n) glauben, weil ihnen das so entfernt vorkommt. Oder sie sich das einfach nicht vorstellen können.
Liebe HelferInnen:
Niemand verlangt eine genaue Vorstellung der Gewalt- bitte- schützen sie ihr Gehirn vor solchen Bildern! Sie werden falsch sein, weil Sie sie nicht erfahren haben.
Transponieren sie einfach nur die Fakten: Da ist ein Mensch, der viel Einfluss auf andere Menschen ausübt, in dem er ihnen die Welt definiert und ihnen ihre Identität abspricht. Sie zur Nummer macht, ihnen biologische, soziale, psychische Andersartigkeit zuschreibt und dies in eine Struktur einbettet. Einfach, weil er es kann und will.Vielleicht eigene Bedürfnisse befriedigt, in dem er die Grundbedürfnisse anderer Menschen ausbeutet.
Fertig. Da haben sie, was sie nicht glauben wollen.
Sie erfahren, das Gleiche jeden Tag. Nein?
Wie viele Nummern sind sie? Steuernummer, Versicherungsnummer, Kundennummer…
Wie viele Begriffe gibts für sie? Das N- Wort? Das Wort, dass ihr berufliches Wirken bezeichnet? Ihre Diagnose(n)? Das Wort, das ihren Familienstatus benennt?
Es ist das Gleiche. Das gleiche Muster, der gleiche Einfluss auf das, wer sie sind und was sie an Macht dadurch zugesprochen oder aberkannt bekommen.

Nur die Gewalt und die geistige Auslegung ist anders.
Bei ritueller/ ritualisierter Gewalt in destruktiven Gruppierungen, hat man es mit einem globalen Angriff auf die Menschen zu tun. Sie werden auf allen Ebenen verletzt, die es gibt. Auf der körperlichen, sozialen, psychischen, ökonomischen und der spirituellen Ebene. (Etwas, das ein religiös fanatischer Partner übrigens auch kann! Üben wir doch gleich mal das Transponieren…)

Oft höre ich Zweifel darüber, wie „das denn alles möglich sein soll“, „wie „sowas“ denn unbemerkt bleiben kann, von Außenstehenden, der Polizei usw.“ oder auch das vielgebrachte Argument der Zweifler: „Es müsste zig Leichen geben…“.

Es ist einfach etwas monströs „Schlechtes“ zu tun oder völlig legal zu planen.
Achtung Transponierungsalarm: „Prism“, Wasserprivatisierung, gentechnisch verändertes Saatgut, Steueroasen, das Brechen des Willens von Menschen in geschlossenen Einrichtungen, sexuelle Misshandlung in Kirchen und anderen Einrichtungen… soll ich weiter machen?

Menschen suchen Erklärungen und nehmen nur allzu oft unhinterfragt alles an, was ihnen geboten wird, wenn es etwas ist, das für sie greifbar (transponierbar) ist.
Wenn ich Verletzungen hatte und von jemandem darauf angesprochen wurde, sagte ich etwas von Unfällen, von einer Prügelei oder Selbstverletzung. Die meisten Menschen, haben mir geglaubt und nie wieder nachgefragt.
Und die Menschen, die nachgefragt haben, haben es spätestens nach Kenntnis der Wahrheit bereut. Nicht, weil die Wahrheit so schrecklich war, sondern, weil ihnen klar wurde, wie sehr an ihnen gezweifelt werden würde, würden sie dies mit anderen Menschen teilen. Ihnen wurde klar, was für einen Aufwand sie betreiben müssen, um mit jemandem darüber zu sprechen, ohne wegen der Annahme meiner Geschichte belächelt, angezweifelt oder offen verhöhnt zu werden.

Dazu kam, dass ich selbst nur gegenüber jenen die Wahrheit sagte, von denen ich annahm, einen Schutz vor der Strafe, die ich von der Gruppierung zu erwarten hatte, erhalten zu können.
Ich gehörte jemandem, der mir ein Schweigen und den absoluten Gehorsam aufgezwungen hatte. So wie allen anderen Menschen, die involviert waren, auch.

Wer schweigt, sagt nichts. Wer schweigen muss, um am Leben zu bleiben, erst Recht.
Spuren zu verwischen ist nicht besonders schwer. Was bereits für nur wenige Menschen sichtbar ist, kann leicht auch gänzlich schwinden gemacht werden.
Das kennt doch jeder, der mal unbeobachtet Äpfel geklaut hat. Schnell aufessen und niemand wird je davon erfahren.

Ich verstehe, dass unfassbar schlimme Gewalt unfassbar im Sinne von unbegreiflich ist.
Und ich verstehe, dass die Folgen, die vor allem in den Überlebenden absolut subjektive Muster entstehen lassen, nie übertragbar sind. Eine Objektivierung dessen, wird immer etwas übrig lassen, was Zweifel aufgrund von Unvergleichlichkeit mit der eigenen Wahrnehmung stehen lässt.
Doch die Folgen im Betroffenen selbst gänzlich verstehen zu wollen ist nicht nötig, wenn man sich mit der Ursache befassen muss oder will.

Das ist mein Kritikpunkt.
Wenn eine Website dafür sorgen will, destruktive Kulte und Sekten zu erklären, dann reicht ein kurzer Hinweis auf die Folgen. Wenn eine Website über die Folgen allein aufklären will, ist es nicht förderlich über die Ursachen (in diesem Fall die explizite Darstellung der Gewalt) zu schreiben.
Das Eine bedingt das Andere, natürlich. (Und will man die Gesamtdynamik erklären, dann lohnt eine Darstellung beider Seiten) Doch das Eine ist vielfältig übertragbar- das Andere nicht.
Das Eine, hat das Potenzial einen weiteren Überlebenden (Betroffenen) zu produzieren. Stichwort: PTBS-Symptome bei HelferInnen von traumatisierten Menschen.
Das Andere könnte zum Tod des Überlebenden führen bzw. dafür sorgen, dass weitere Menschen in die Gruppierung eingebracht werden oder außerhalb dessen Gewalt erfahren.

HelferInnen oder auch Menschen, die mit der Betreuung von Menschen mit diesem Hintergrund, beauftragt sind, haben nicht die Pflicht, an den Hintergrund zu glauben. Sie müssen nicht davon überzeugt sein, all die Gewalt als „echt“ einzustufen.
Doch sie sind definitiv dazu verpflichtet, ihren Klienten mit allen Problemen, die ihm durch die Folgen der Gewalt entstanden sind, als „echt“ anzunehmen und sie zu unterstützen, diese zu lösen oder mit ihnen ein Leben zu führen, das sie mindestens nicht umbringt. Um dies „gut“ zu tun und schwerwiegende Fehler zu vermeiden, ist eine Kenntnis über den Hintergrund hilfreich- keine Frage. Aber das Leiden und die Probleme, liegen in den Schwierigkeiten der Überlebenden und stehen im Vordergrund.

Auch in der Hilfe kann man transponieren ohne Ende.
Es muss nicht heißen: „Oh wei, oh wei- ein Mensch mit DIS- der braucht eine Sonderbehandlung!“. Es reicht zu sagen: „Ein Mensch dem Gewalt angetan wurde/ der kein Vertrauen leichtfertig annimmt/ der noch immer Angst hat/ der Hilfe braucht, um in ein Leben ohne Gewalt zu finden.“.

Es ist völlig egal, welche Profession man hat. Es ist völlig egal, in welcher Funktion man sich für ihn einsetzt.
Das Wichtigste ist ihn anzunehmen, wie er ist. Ihn ernst zunehmen. Ihm beizustehen. Hilfe ist Begleitung in der Gegenwart. Ehrlich, offen, gewaltfrei, menschlich. Egal, wie nah oder fern. Egal, wie überzeugt man selbst ist von dem, was dem Klienten passiert ist.

Die besten Helferinnen, die mich begleitet haben, waren jene, die das getan haben und noch immer tun.
Manchen habe ich nie die Gewalt erzählt, manchen gegenüber erwähne ich „Überschriften“. Doch nur meiner Anwältin und meinen Therapeutinnen gegenüber, habe ich jemals wirklich erinnerte Gewaltserlebnisse geschildert.
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Sie alle aber waren und sind hilfreich, weil sie da sind. Weil sie mich mit allem Guten und Schlechten an und in mir ernstnehmen und mir ihre Hände reichen, wenn ich sie brauche.
Ich weiß nicht, wie viel sie glauben, woran sie zweifeln, was sie denken oder gedacht haben, als sie von meiner DIS und dem was sie verursacht hat erfuhren. Und das ist mir auch egal. Sie sind da- hier und heute- und das ist alles, was ich je gebraucht habe.

Und…
es ist so oft, so wahnsinnig viel mehr, als ich mir je zu wünschen erlaubt habe.

Heim, Klapse, Knast

Wir haben einen interessanten Menschen kennengelernt.
Als er uns zum ersten Mal bei uns besuchte, freuten wir uns sehr, weil wir damals gerade wieder eine dieser stummen Kurzphasen hatten. Wir hatten bereits wieder 4 Tage kein Wort gesagt

„Seltsam,“ dachte ich, „dass mir diese Sprachlosigkeit erst unangenehm auffällt, wo ich die direkte Möglichkeit zu sprechen habe.“
Im Laufe der folgenden Stunden sollte sich das Sprechen sogar richtig auswachsen. In ein Reden, Kommunizieren… in ein Aussagen.
Es wurde mein erstes richtiges Gespräch über die Psychiatrie und meine Zeit darinnen seit 2005.

Nicht in die Tasten gedonnert oder durch die Feder meines Füllers gedrückt. Sondern richtig gesprochen und gehört, während ich selbst hörte.
Hörend- da spricht jemand von Kasernierung- wo ich immer von Internierung gesprochen hatte.
Hörend- da kann jemand meinen Gedanken zur Verstärkung einer Essstörung durch Esspläne und Strafsysteme drum rum, ohne Wenn und Aber unterstreichen und ergänzen.
Spürend- da ist soviel Unausgesprochenes, das vermutlich noch nicht einmal vor sich selbst aussprechbar ist- genau wie für mich.

Dass ich nicht allein bin mit meiner Psychiatriekritik, weiß ich schon eine ganze Weile.
Dass ich nicht die Einzige bin die Dinge twittert wie: „Liebe Ethik, könntest du mal im Gesundheitssystem vorbei kommen und mit deiner Anwesenheit glänzen? Du fehlst. Liebe Grüße, die Patienten.“ ist auch klar.
Aber wache, produktiv- reflektierte Bitterkeit habe ich lange nicht mehr gesehen.

Bitterkeit begegnet mir oft. Resignation. Ohnmacht. Wut. Natürlich. Gerade bei anderen Psychiatrieüberlebenden und deren Verbündeten.
Doch Wachheit nicht. Bewusstsein. Ungetrübte Wahrnehmung. Die Möglichkeit ein zwei Gedanken mehr als: „Ist halt ein Scheißsystem das da abgeht“ zu haben.

Ich treffe auch oft auf Alternativforderungen.
Und bin dann doch wieder mit Absonderungsideen konfrontiert. Sei es, dass man sich komplett von dem bestehenden Wissen und allen Erfahrungen der Psychiatrie als medizinischer (und sozio-kultureller) Zweig abwendet, oder doch wieder klassifiziert in „behandelbar“ und „unbehandelbar“.

Im ICD- Rosenblatt gibt es keine Krankheiten.
Da gibt es den chronischen Flauschmangel, die überbordenden (und belastenden) Ideen und die kreativ gewachsenen Gehirne und Körper. Also nichts, was in irgendeiner Form Absonderung und Dressur erforderlich macht, sondern Zuwendung, Austausch, Abklärung und Neukonstruktion der Lebensumgebung.

Also irgendwie: ein Zuhause mit offenen Ansprechpartnern.

Und da ist der Haken. Wir haben noch kein gesellschaftliches Klima in dem solche Räume Usus sind. Wenn es uns schlecht geht, sind wir privilegiert, wenn wir Verbündete haben. Eine Familie, die uns bedingungslos um- und versorgen will/kann/ darf, wenn wir auf Unterstützung, Nähe, Wärme, Zeit und Raum angewiesen sind.

Die Blüten die meine oben erwähnten „Krankheiten“ treiben, haben sowohl ihre Wurzeln in der Abwesenheit von Selbigem oder verursachen keine feste Anbindung an solche sozialen Kontakte.

Wer irre ist, ist einsam. Abhängig und doch haltlos.
Es ist, als sei man falsch gepolt- im wahrsten Sinne des Wortes. Man ist ein Plus-Pol in einer Masse von Plus-Polen und nicht in der Lage von sich aus zu einem anziehenden Minus zu werden. Das ist die „Krankheit“. Das fehlen der Kraft aus sich heraus andere Pole an sich anzuziehen.

Die Lösung dieses Problems war einen einheitlichen Minuspol zu gestalten, der bedingungslos anzieht. Und anzieht und anzieht und anzieht. Alles was auch nur einen Hauch Plus in sich trägt (oder vorgibt), wird unter Umständen angezogen und festgehalten.
Was Plus ist und was Minus, ist immer wieder im Wandel.
Doch immer immer immer wird „das Andere“- das was in einer Masse, als „anders“, „unpassend“, „unangepasst“, „unvereinbar“ bezeichnet wird,  abgestoßen. Es passiert keine Integration des „Anderen“ in seiner Mitte, sondern eine Absonderung, um die eigene Konformität, seine Normen und Werte zu zementieren.

Wir haben gestern Abend über Bethel gesprochen.
Bethel ist ein Stadtteil von Bielefeld, der bekannt ist für seine Epilepsieforschung, seine Hilfseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen, für seine sozialpsychiatrischen Betreuungs- und Behandlungsangebote.
Ich hatte mich ein bisschen in meiner Kritik verrannt und es als abgeschlossenes Ghetto für alle die arm, alt, krank, hilflos bzw. hilfsbedürftig, behindert und schwach gelten, bezeichnet. Das stimmt auch. Bethel schaltet und waltet nach Kirchenrecht. Alles was dort passiert, bleibt dort. Die Bedürftigen haben nicht Kraft zu streiken und Mitarbeiter haben kein Streikrecht.
Aber es ist auch ein Beispiel für die Art Integration „des Anderen“ die heute passiert.

Die Menschen, die diese Menschen versorgen und behandeln sind ein Minuspol und sind einzig durch ihre Fähigkeit ohne Hilfe eine Selbstversorgung zu schaffen (und entsprechend in der Lage auch von dort wegzugehen) überlegen. Sie brauchen ihre „Patienten“/ Klienten, weil sie ihren Arbeitsplatz stellen und gehen so in eine Symbiose.
Das ist der Grund, weshalb es so einfach ist, in den Bereichen, der Pflege und Medizin von Wirtschaftlichkeit zu sprechen. Die Hilfsbedürftigkeit der Menschen wird zum Werkzeug, um dessen Nachschub man sich keine Sorgen machen muss. Man beutet also im Grunde die „Irren“, die Kranken, die Schwachen, die Armen und jene, die sich nicht selbst versorgen können aus, ohne dass ein Widerstand von irgendeiner Seite kommt.

„Wieso denn auch- ist doch gut, wenn sich einer um „die da“ kümmert. Die müssen ja nun mal irgendwo hin.“

Nein! Müssen sie nicht! Sie müssen versorgt werden bzw. Hilfe bei der Selbstversorgung (im Falle von Gefängnissen, Hilfe die Gründe für ihre Straffälligkeit zu verstehen und „draußen“ verändern/ verhindern/ regulieren/ abschaffen zu können) haben- mehr nicht.
Es sind nicht sie, die sich hergeben müssen oder die sich anpassen müssen, obwohl sie genau das noch nicht- oder auch nie können.
Das was jemand lernen muss um massekonform zu leben, lernt er nicht in einer Masse, die „anders“ ist, wie er selbst. Und so, wie der Kapitalismus auf diese Symbiose einwirkt, reicht der Einfluss der „Minusse“ (in Form der HelferInnen, PflegerInnen, TherapeutInnen, ÄrztInnen) nicht aus. So ergibt sich ein gewisser Masseerhalt „der Anderen“ und das Rad dreht sich weiter wie bisher. Kapitalismus funktioniert nur mit der Billigung von Ausbeutung.

Was wäre, wenn wir die Bedürftigen unter uns hätten? Wenn wir unsere Kraft aufwendeten und selbst zum Minus würden?
Wir müssten neu lernen. Neue Werte und Normen konstruieren, vielleicht auf Konformität verzichten.
Ja, vielleicht stünde dann öfter mal jemand auf der Straße und brüllt uns an.
Ja, vielleicht hätten wir viel mehr Kontakt mit Körperflüssigkeiten, als uns lieb ist.
Ja, vielleicht würden wir sogar Käfige für unsichtbare Tiger bauen.
Aber was ist denn daran so schlimm? Wer hat denn einen Schaden davon?
Was davon bleibt für immer? Einer der brüllt, ist irgendwann auch fertig. Einer der sabbert, kann lernen sich auch selbst den Mund abzuwischen oder kann einfach auch immer trocken gewischt werden- das machen wir doch bei Babys auch.
Wen stört ein Käfig in der Wohnzimmerecke oder in der Innenstadt? Wir stellen doch auch hässliche Kunstgerüste in die Landschaft.

Es ist ein hinderndes „Kosten-Nutzen-Rechnen“ und die eigene Unwilligkeit, die uns hier im Weg steht und über viele hundert Jahre in Form von Heimbauten und der Institution Psychiatrie bedient wurde.
Wir müssten uns umstellen für eine Gruppe von Menschen, die uns nichts geben kann, womit wir unsere Familie ernähren können.
Streng biologisch betrachtet, also Ballast sind, dessen man sich zum Wohle des eigenen Fortbestands entledigen muss. Würden wir noch in Höhlen leben, wären diese Einrichtungen also etwas, das zum Wohle aller beiträgt. Doch nie war es so einfach seinen Fortbestand zu sichern und zu nähren, wie heute.

Heute sind wir einfach nur unwillig neu zu konstruieren und zu integrieren. Als sei dies etwas, das unseren Fortbestand und unsere Lebensqualität in den Grundfesten unsicher macht. Dabei ist das Einzige was berechtigt Gefühle von Unsicherheit oder auch richtiger Angst hervorrufen könnte, die vor dem uns Unbekanntem.

Wir sollten also alle anfangen uns einander bekannt zu machen. Ohne Stereotype, ohne Wertung, ohne die eigene Lebensrealität im Anderen zu erwarten oder zu suchen.
Doch das gelingt aus freiwilligem Bemühen einzelner Menschen nicht. So lange es Abschiebeinstitutionen gibt, wird abgeschoben.
Heim, Klapse, Knast- übrigens alles Einrichtungen, die von Menschenrechtlern regelmäßig besucht und beanstandet werden. In Deutschland macht dies zum Beispiel die „nationale Stelle„.
Zuhause oder im Sportverein braucht es solche Begutachtungen nicht. Dort ist man Mensch, dort darf man sein. Dort wird man nicht zwangsweise hingebracht. Dort gilt das Grundgesetz.

Es ist nötig den Menschen im „Anderen“ zu erkennen.
Wären unsere Abschiebemöglichkeiten jetzt plötzlich weg, so glaube ich, würden wir das endlich tun. Es wäre krass, es wäre hart, es würde uns oft und an vielen Stellen über unsere Grenzen hinaus belasten. Doch es könnte gehen. Ich glaube, dass das möglich ist.
Ich glaube, wir hätten darin eine Chance, uns mit allen die uns umgebenden Gewalten auseinanderzusetzen und ein Miteinander zu erschaffen, in dem es Ausgewogenheit auf vielen Ebenen gibt.
Wir müssen uns nur trauen.

7 Erwachsene

Sie sucht herum und weiß nicht wohin. Sucht das Heute von Gestern und findet nur noch freie Fläche. Ihre Geschichte wird Stück für Stück gefressen von der Karies am Zahn der Zeit.

Stumm ist sie gezwungen zu sehen, dass ihre Schulen und sogar Kindergärten und Heime abgerissen wurden. Es ist nur noch ein leerer Platz, dort wo ihre Worte hallten und in niemandes Kopf zu dringen vermochten.

„Wo ist mein Gesagtes jetzt?“.
Sie steht da und wartet noch immer auf eine Antwort, dreht und wendet ihre Worte wie Steine in ihrem Mund herum. Ab und an beißt sie darauf, um ihre Festigkeit zu prüfen. Sich zu versichern, dass es noch die Gleichen sind wie vor 19 Jahren. Um dem kleinen Herzen, das in ihren Haaren wohnt, sagen zu können, dass sie gewappnet sei, falls doch die Erzieherin wiederkäme und sie nochmal fragte.

Sie steht noch immer an dem mehrschichtig lackiertem Karussell. Versucht zu ergründen, wieviele Farbschichten es bedecken und pult mit ihrem abkauten Fingernagel daran herum. 316455_web_R_K_B_by_mondstein_pixelio.de

„Hier sind wir lang gelaufen. Es war Sommer mit 37°C und sie haben Wasserschläuche hier hingelegt mit Löchern drin. Da konnte man nackig durchlaufen und es war so schön. Es gab Capri- Eis zum Mittag.“

Jetzt ist nichts mehr davon da.
Der Ort an dem die Not aus Versehen sichtbar wurde, existiert nicht mehr.
Es ist, als sei die Chance nun noch endgültiger als damals vergangen.

Das Heute hat das Gestern gefressen.
Was bleibt ist das Mädchen, das erzählte, dass es Monster gibt, die Kinder schlagen und auseinanderreißen.

Das Mädchen, das noch immer da steht und sich fragt, wo sein Gesagtes jetzt ist.

Im Schnitt muss ein (sexuell) misshandeltes Kind, 7 Erwachsene ansprechen, bis es gehört wird

Hilfe ist, was hilfreich ist

462315_web_R_by_Maren Beßler_pixelio.deEs begab sich Folgendes auf meinen letzten Jammerartikel.
„Vi“ schrieb vom Weinen das kommen und den haltenden Händen, die irgendwann da sein werden. Und noch bevor eine Ausrichtung der Ohren im Innen passieren konnte, knallte die Tür mit der Aufschrift: “Um G’ttes Willen- alles- bloß das nicht!” zu. Sie schrieb, sie kenne dies und fühle sich dann hilflos als Helfer und fragte, was für ein Verhalten ich mir dann wünschen würde von den Menschen.

Einfach platt runterzurasseln, was gut wäre, und wieso und in welcher Situation zum Beispiel, erscheint mir nicht so sinnig, weil es für uns oft mehr auf eine Haltung und ganz subtile Grundlagen ankommt, als auf bestimmte Handlungen. So wirklich ausformuliert haben wir das noch nicht- entsprechend bitte ich um etwas Nachsicht, wenn sich das nun Folgende etwas gestückelt liest und noch eben nicht so klar macht, worum es mir geht. (Kommentarfunktion ist an und nutzbar: Fragen, Gedanken, Impulse… bitte immer gern)

Also:
Sonntagmorgen fiel auf, dass wir seit Mittwoch nichts gegessen hatten. Die Schwächung, die zusammen mit diesem Wust aus Körpererinnerung, Ängsten und Doppelbildern einher geht, triggert immer tiefere Schichten des Innen an. Es war klar, dass der Hunger-Schwächezenit bald erreicht sein und sich in wahllosem Fressen, Selbstverletzung der chirurgisch relevanten Art oder auch Täterkontakt entladen würde.
Dann klingelte das Telefon: „So, ich bin in 10 Minuten da. Ich bitte euch alle, mir die Tür aufzumachen.“ Eine Gemögte von uns hatte eine Not-SMS bekommen. (Standardisiert in den SMS-Entwürfen abgelegt, abrufbar mit zwei Tastenschlägen und abgesprochen in stabilen Zeiten).
Die ganzen 10 Minuten redete sie davon, wer sie sei und warum sie käme und was sie machen wollte. Es wurde ein Gespräch, das uns eine Art Haltestange zur Wohnungstür wurde und ermöglichte sie zu öffnen.

Es ist eine Extremsituation für uns gewesen.
Nicht, weil gerade etwas Extremes geschehen ist. Nur, weil es sich in genau diesem Moment ganz genau nach einer Extremsituation anfühlte. In solchen Momenten sind wir wirr und flackern wie die Poltergeister zwischen absolut basischer Existenz, die uns in ein animalisch anmutendes Sein fallen lässt, und einer Mischung von sowohl überdeckender als auch schützend- abwehrender Rationalität jeder jemals in den Kopf eingebrachten Überzeugung.
Wir werden zu einer Chimäre, die sich wie das Wachs einer Lavalampe immer wieder verändert. Es ist Stasis und Anpassung in einem- zusammengestückelt und nicht in der Lage sich der Gesamtsituation als solcher anzupassen.
Da ist der Schmerz- er ist da- doch auch wieder nicht, denn die verursachende Verletzung ist schon über 20 Jahre verheilt. Da ist Hunger und ein Isolationsgefühl- doch ein voller Kühlschrank, Tageslicht und die Möglichkeit sich zu bewegen. Da ist das begangene „Verbrechen“ und da aber viele Stimmen, die sich positiv dazu äußern.

Und in all das hinein kommt etwas ganz Neues: ein Mensch der real für uns da sein will.
Allein das ist für uns schon so krass, weil es in jedem dieser, gerade in dem Moment gefühlten, Umstände entweder erst gar keine Menschen gab- oder nur Menschen die uns verletzt haben. Und es sind auch entsprechend nur Innens „da“, die genau davon ausgehen.
Die Gemögte, die gestern kam, schrieb mir heute morgen, dass es sie immer wieder schockiert, dass sie in solchen Zeiten am Telefon mit uns Alltagsleuten sprechen kann (die relativ gefasst in Worte fassen können was mit ihnen passiert)- es aber sofort kippt, sobald sie dann vor uns steht. „Ich sehe wie euer Körper sich fast augenblicklich in diese verkrümmte Haltung zieht und die Pupillen aufspringen. Das ist so krass immer wieder.“

Wir haben mit der Zeit bemerkt, dass es uns hilft, wenn sie „über uns drüber“ agiert – aber nicht direkt mit uns.
Gestern zum Beispiel, ging sie einfach ruhig weiter sprechend durch bis in die Küche, während wir im Türrahmen des Schlafzimmers hockten. Sie begrüßte (und beruhigte) unseren Hund, räumte unser Chaos beiseite und erzählte einfach da weiter wo wir aufgehört hatten. Von der langweiligen Bildungssache, die sie verlassen hat; was sie gerade tut; wieso sie gekommen ist und was sie jetzt machen wird und womit und warum. Als würden wir antworten und als sei das hier jetzt gerade die normalste Sache der Welt. Sie schaut uns nicht an und erwartet keine Antwort- macht aber immer wieder Nischen frei in die wir einsteigen könnten.

In solchen Momenten mit Reorientierungsskills und was weiß ich zu kommen, würde nur schief ankommen- es passt nicht in die Situation- ist nicht erlernt, wie wir Frontgänger das gelernt haben. Die Reorientierung passiert durch genau die Möglichkeit festzustellen, dass der normale Lauf der Dinge gerade ein ganz Anderer ist.
Allein dadurch, dass dort jemand (aus sicherer Entfernung beguckbar) steht und eben nicht direkt mit uns interagiert, passiert schon eine deutliche Markierung die zu trennen hilft.

Für mein Gefühl passiert die Hilflosigkeit der Außenstehenden oft dadurch, dass sie sich machtlos fühlen. „Ich kann nicht machen, dass sie mit mir in ein Gespräch und darüber in ein Gefühl und darüber dann einen anderen Zustand kommen“. Da wird die Macht der Normalität oft sehr unterschätzt und an einem Niveau angesetzt, das oft(noch) gar nicht da ist. Es wird dann oft davon ausgegangen, dass es erträglich ist zu sprechen (dass man es in dem Moment überhaupt kann oder es von innen überhaupt erlaubt ist) oder auch: dass es überhaupt aushaltbar ist Gefühle zu spüren bzw., dass da eine Sicherheit im Umgang damit ist oder auch immer wieder gern genommen: dass wir überhaupt wissen, was das da für ein Gefühl (oder auch Innen) ist.

Tatsache ist für uns immer wieder, dass unsere Gemögten dann nicht hilflos sind. Sie fühlen sich nur so, weil sie nicht bewusst haben, dass allein ihr da sein, schon Hilfe sein kann. Einfach nur feste, klare, sicher ruhige Anwesenheit ist mir schon so oft mehr Hilfe gewesen, als ein gereichter Igelball, offene Arme zum Reinweinen oder ein aufgezwungener Dialog, der meine Aufmerksamkeit in die Gegenwart fesseln soll.
Ja ich verwende hier „aufgezwungen“ und „fesseln“ sehr bewusst- weil sich für uns genau solche Dinge oft, wie „Verhelfgewaltigung“ anfühlen. Der Imperativ und Hilfe schließen sich für uns gegeneinander aus. „Ich will, dass du jetzt…!“, „Mach jetzt…!“, „Fass XY an!“, „Spüre ABC!“. Diese Sätze haben wir oft in anderen Zusammenhängen gehört und es gibt ein Umschalten auf genau diesen Modus. Aber keine Orientierung und erst recht kein Ankommen in einer Gegenwart, in der wir uns gleichberechtigt mit unserem Gegenüber erleben können (und damit „sicher“ im Sinne von „geschützt“- da wir uns nie auf anderer Menschen Schutz verlassen, ist es unabdingbar für uns, uns jederzeit in der Lage zu fühlen, uns immer selbst in Sicherheit bringen zu können).

Inzwischen dauert es bei uns nicht mehr sehr lange bis jemand „da“ ist, der diese Gegenwartsmarker erkennt. Früher waren es auch mal Stunden, in denen unsere Gemögte „Normalität spielen“ musste bzw. es irgendwann einfach so auch tat, weil ihr das „so tun als ob“ zu anstrengend wurde und ihr klar wurde, dass sich dadurch nichts verändert. Sie fügte sich in ein (für sie gefühlt passives) Da(bei)sein und wurde dadurch gleich viel weniger bedrohlich und plötzlich auch ansprech-annehmbar für uns.

Hinter meiner Ablehnung von Gefühlen bedürftiger Innens steht unsagbare Angst vor Kontrollverlust. Nicht nur die Angst vor „Himmel- wie das jetzt wirken muss!“, sondern auch vor „Kann mein Gegenüber überhaupt aushalten, was ich da so viel mächtiger, als ich mich selbst, fühle, wahrnehme?“ und dem realen Kontrollverlust in Form von dissoziativer Amnesie durch „Anwesenheit“ eines anderen Innens und dem was es erzählt (denn das bedeutet für mich: das Gegenüber weiß etwas über mich, das ich selbst nicht weiß).
Das heißt aber nicht, dass meine Gemögten deshalb hilflos meiner Not gegenüber sind. Sie sind nur machtlos gegenüber meiner Verweigerung Kontrolle (mich) abzugeben, damit sie mir meine Not abnehmen können. Sie „aktiv meine Not behandeln können“.
Ganz fies ausgedrückt: Sie müssen nur damit klar kommen, dass ich meine Fähigkeit mich zu schützen und für mich zu sorgen „höher/ besser“ einschätze, als das, was sie für mich tun können- egal ob das aus objektiver Sicht stimmt oder nicht. In meinem Gehirn läuft eine Hilfe, die sich schon zig mal mehr bewährt hat, als das was mir Helfer angetragen haben- das anzuerkennen ist etwas, dass ich inzwischen von Helfern und Gemögten tatsächlich verlange. Sie müssen es nicht glauben und bestätigen- aber hinnehmen und anerkennen definitiv. Ich erkenne ja auch ihre Hilfsmöglichkeiten an und respektiere den Rahmen in dem sie sie bieten können.

Sie können mir, trotz aller Abwehr, noch eine Bereitschaft vermitteln, dass sie es aushalten könnten. Dass sie keine Angst vor dem was mir so diffus beängstigend übermächtig vorkommt haben. Sie können trotzdem da sein- präsent und verankert sein. Sie können mir trotzdem, da wo ich fassungslos- sprachlos- wirr bin, einen Rahmen in Verbalisierung (oder allgemeiner: Kommunikation) und Sortierung bieten. Sie müssen nur aushalten, nicht zu wissen, ob ich es auch tue und ob mir ihr mächtiges Handwerkzeug auch wirklich hilft.

Das wird, meiner Meinung nach, viel zu oft auch falsch in der Ausbildung zum Helfer beigebracht. Dort wird gelernt, dass man die und die Technik- das und das Handeln (Katalog XY) abspulen muss, um zu helfen. Das mag auf einer handwerklichen Ebene stimmig und wichtig sein (zum Beispiel für Chirurgen oder so) aber sobald ein Miteinander nötig ist, ist es oft eher die Fähigkeit auch einfach mal die die Hände vor den Mund zu nehmen (und da zu lassen), mit dem Herzen zu hören und mit dem Körper und dem Sein _da_ zu_sein_, die wirklich als hilfreich ankommt.

Viele Helfer lernen früh abstinent zu sein. „Grenzen sie sich ab“ heißt es dann ganz viel und direkt wird eingeübt, sich komplett aus einem entstehenden Miteinander herauszuziehen, statt diesen ganzen (zu dem Zeitpunkt ja total jungen!) Menschen erst mal Gelegenheit zugeben, ihre Grenzen für sich allein zu spüren und zu festigen. Zu merken: Ja, wann genau ist Nähe zum Klienten eigentlich eine Belastung für mich? In dem Moment in dem ich ihm zuhöre und Stress von meinem Arbeitgeber bekomme, weil ich zu viel Zeit investiere/ mir unterstellt wird, ich würde keine Distanz wahren etc.- oder in dem Moment in dem mein einstudierter Katalog nicht mehr greift und ich mich machtlos fühle- obwohl doch mein Studium mir genau beigebracht hat, wie ich Menschen ausrechnen, einkategorisieren und doch irgendwie auch manipulieren kann? Oder in dem Moment in dem mir klar wird: „Ja, jetzt ist Passivität gefragt und ich habe noch nicht gelernt, diese zu praktizieren.“? Oder ist es tatsächlich doch der Moment, in dem ich keine Grenze mehr ziehen kann zwischen meinen Empfindungen und denen meines Gegenübers?

Das was ich da gerade miterlebe (eine unserer peripheren Gemögten ist derzeit in der Ausbildung zum Psychotherapeuten) ist eine Dauerbeschallung in: Grenzen sie sich ab – ohne genauere Definition dessen oder Handlungsalternativen zum Katalog der Schemen F bis K. Die Hände in den Schoß zu legen und einfach nur da zu sein- zu warten bis der Klient tatsächlich und wirklich von sich aus Kontakt aufnimmt, wird gar nicht gelehrt.

Eine unserer Gemögten hat mal gesagt, sie sei dankbar, dass wir diese tierisch-niederen Anteile haben, weil es für sie keinen besseren Augenöffner hätte geben können. Sie musste warten, warten, warten. Wusste- würde sie konfrontativ agieren, würde sie verletzt, wusste aber auch, dass diese Anteile nur da waren, weil es eine extreme Bedürftigkeit gab, die nichts mit ihr zu tun hatte (das kommt ja auch gerne mal- die Nummer mit: Sie werden von ihrem Gegenüber manipuliert, damit sie ihm Aufmerksamkeit schenken …). Für sie war es ein Lehrstück in Sachen: Du gestaltest die Realität in der du bist.
Sie hatte damals einfach nur etwas getan, dass für diese Anteile früher niemals jemand getan hat: sie hat sie nicht angefasst, nicht angestarrt, ihnen Zugang zu Licht, Wasser und Nahrung gewährt und sonst nichts. Das hat schon gereicht, um Hilfe zu sein. Es war ein deutlicher Marker und entsprechend gab den Versuch sich an die so gestaltete Realität anzupassen (es gab einen Wechsel zu anderen Innens).

Sie musste gar niemanden halten- sie musste „nur“ aushalten, dass wir vor langer Zeit etwas nicht ausgehalten haben und, dass sie dies nicht rückgängig machen und von uns nehmen kann.

Ich schrieb in dem letzten Artikel, dass es ein Warten auf die Tränenexplosion ist.
Auf die Frage von Vi schrieb hier bei mir jemand: Ja was glaubt sie denn wer da weinen würde? Sie glaubt doch nicht ernsthaft, dass da jemand weinen würde, der damit klar käme und darauf vertrauen würde, dass da Hände sind, die nur halten (nicht anfassen und weh tun) wollen?!
Wieso erkennen so viele nicht an, dass sie uns (jenen die die Türen zuschmeißen) erst mal zugestehen müssen, die Bestimmer zu sein und sie uns erst mal davon zu überzeugen haben, dass das auch wirklich klar geht alles und, dass wir uns erst mal sicher sein müssen, das auszuhalten- ohne dass sie gleich denken, dass es an ihnen liegt oder so?

Ich kann mir grob vorstellen wie das sein muss, zu wissen: „Boa die Rosenblätter die sind nur noch grüner Flattersalat: denen gehts schlecht. Und dann beißen sie mich auch noch, wenn ich ihnen sage, dass ich sie mag und ich sie aushalte und sie bei mir ruhig weinen dürfen. Sie schubsen mich ja richtig weg- als würden sie mich gar nicht mögen und als sei ich total inkompetent…“
Ich weiß aber auch, dass wir hier schon solche Szenen von Hilfe durch Halt, Trost und Nähe erlebt haben- eben immer dann, wenn wir die ganze Zeit bestimmen konnten und uns in dem was wir taten selbst sicher waren.

Es hilft mir, wenn ich Helfer habe, bei denen ich den Eindruck habe, einfach sein zu dürfen, weil sie einfach sind. Zeigen sie mir reale Normalität mit allen guten und auch furchtbaren Gefühlen, traue ich mir meine Normalität und auch Gefühle hinter dieser Tür zu zeigen und anzuschauen. Zeigen sie mir, dass sie sich trauen, das auszuhalten, dann traue ich mich das auch…

Hilfe ist was hilfreich ist- nicht was als hilfreich irgendwo dargestellt wird.
Hilfreich ist was hilft und manchmal ist genau dies einfach nur das, was früher in Zeiten der Gewalt fehlte: Jemand der helfen wollte, sehen wollte, verstehen wollte… da sein wollte.

von dem Wunsch ein Chamäleon zu sein

“Ich mag so gern ein Chamäleon sein. Dann säh ich immer gleich unter Gleichen aus und 133375_web_R_by_Elsa_pixelio.denichts an mir ist falsch, ungenügend, zu viel…”
– ”Aber…”, ich beuge mich herab, lasse sie mich spüren, “mein Herz, du wärst trotzdem noch immer ein Chamäleon.”

Sie tritt einen Schritt von der inneren Klippe zurück, lehnt sich enger an meinen Flügel.
”Aber ich könnte ein bisschen mehr so sein, wie sie mich wollen.”
– “Vielleicht, ja. Und dann wollen sie dich. Weil du dann aussiehst, wie das was sie sich vielleicht wünschen. Aber schau, du und wir alle tun schon fast immer, was sich die Menschen wünschen, weißt du?”

Sie schaut mich an, fährt mit den Fingern über die Linien meines Federkleides.
“Hm.. ein bisschen denke ich das manchmal, ja.”
– “Wir sind gut darin herauszufinden, was andere Menschen wollen und wenn wir das wissen, dann ist immer da, wer es am Besten geben kann. Nicht wahr?”

Ich fühle wie sie sich an meine Seite hockt, den Kopf auf den Knien, den Rücken an mich gedrückt.

“Ja, eigentlich sind wir schon immer wie ein Chamäleon, richtig?”
– “Ja. Ich finde schon.”

Da kommt er vorbei. Seine wilden Locken in alle Richtungen stehend, der Trotz trieft aus allen seinen Poren. “Er ist ziemlich breitschultrig”, denke ich schon wieder, als ich sehe, wieviele kleine Herzen er auf ihnen trägt.
”Ich find- N. hat Recht. Ist voll krass, wie wir uns immer voll alles rausreißen, damit uns welche draussen was so wie ne Audienz erlauben oder so halt- dass die uns helfen oder einfach nur nett zu uns sind und uns keine reinhaun. Das is so als wärs voll unsere Schuld alles. Dabei könn wir ja jawohl nich immer für alles Schuld sein, ne?”.

Er schaut mich an, wartet auf mein bestätigendes Nicken. Als ich es tue, nickt er bekräftigend und fährt fort: “Eigentlich, ne- die ganze Zeit haben wir uns so als ganze Eine… halt so als Einsmensch, immer voll verstückelt und warn voll nie ganz so wie man halt so ist. So ne- guck ma H. zum Beispiel- die is nich immer nur voll krass so mutig oder so. Die heult auch ma und so. Und wir? Voll krass ey- du kannst nich mal heuln, weil dus halt gar nich kannst. Das wurd irgendwann ma abgeschafft, weil das aussen einer nich wollte. HALLO?! Wie abartig is das bitte?! Das is doch irgendwie so krank wie Chihuahuahs zu züchten die in ne Teetasse passen, weils noch süßer is für so Tussis, die sich nich ma Mühe machen zu denken, wies dem Vieh dann geht, wenns so mini is!”

Er spuckt den Abgrund runter und schaut uns an.
”Ihr habt gesagt, dass die Seelenfrau weiß wie das is mit Viele-Leuten.”
Wir nicken stumm.
”Na also- vielleicht sagt sie ja auch einfach nich was sie von uns will, weil sie welche alle von uns ma wissen will? Vielleicht is sie ja sowas wie so ne komische Einfach- mal- drauf- zu- Seele oder so. Wenn sie gecheckt hat was Viele- Sein is, dann weiß die doch ehwieso, dass welche immer so machen was sie will. Aber wir gehn doch dahin damit wir machen was wir alle so wollen. Also naja- so mit erstmal merken was wir eigentlich wollen und so und dann bereden und dann eben auch machen. Wär doch voll Affenscheiß wenn wir dann immer nur machen was sie will.”

“Ja vielleicht! Du sagst vielleicht! Und aber was ist, wenn es nicht so ist?”

Über uns knallen die Ahnungsdonner und unter uns zittert der Boden. Wir verstummen.
Unter diesen Schreien, die aus den kleinen Herzen auf meinem Rücken kommen, kann man, selbst wenn man selbst zum Schrei würde, einander nicht mehr hören.

Die beiden krabbeln unter meine Flügel, während ich versuche eine schlimme Gegenwart, als sichere Gegenwart darzustellen und zwischen meine Federn zu bringen.

Vor den Horden die das Vielleicht noch ausschmücken und uns Beweise für ihr Wissen vorhalten wollen, gibt es leider keinen Schutz.
Noch nicht.

Die Erde über die sie stampfen ist bereits ausgedörrt und rissig.
Es ist lediglich eine Frage der Zeit, wann es zu Spalten kommt.

von der Psychiatrie und der unbezahlbaren Hilfe

Ein Artikel über die Psychiatrie.
Als Aperitif gibts ein Horrorfoto.
Thema: Legalisierung von Zwangsbehandlung im Hauptgang.
Definitions-Allmacht von (überarbeiteten, im Verhältnis zur Arbeitszeit unterbezahlten, eher einseitig fortgebildeten) Ärzten zum nur hauchzarten (kaum erwähnenswerten) Dessert.

In meinem Kopf rattert sie Uhr tornadoardoartig rückwärts.
2001- 14 Jahre alt.
Gerettet aus einem Gefängnis- entkommen aus einer versteckt gespaltenen Welt
Erneut eingesperrt in ein Gefängnis und in eine ganz offen gespaltene Welt.

Weil es keine Alternative gibt.
Weil mir dort geholfen werden kann, wie sonst nirgends.
Weil ich dort verstanden werde.
Weil es mir dort besser geht.

Niemals war auch nur ein Mensch so ehrlich zu uns zu sagen, dass sie schlicht hilflos waren. Weil es keine andere Möglichkeit des Schutzes gibt. Dass wir diese Internierung aushalten mussten, weil die Menschen uns nicht aushalten konnten oder wollten. Weil sie unsere Geschichte nicht aushalten konnten oder wollten. Weil sie die Folgen davon nicht aushalten konnten oder wollten.

Sie haben es sich leicht gemacht und mich abgeschoben- weggesperrt- verwahrt- ausforschen- verbiegen bis zum Brechen lassen.

Sie haben nicht gesehen, dass sie ab dem Zeitpunkt unserer Aufnahme dort, nun unsere Eltern ersetzten. Und wie deutlich sie das taten… Himmel ja WIE verdammt noch mal deutlich sie genau das Gleiche getan haben, wie unsere Familie. Nur haben sie es nicht “Pseudoreligion” genannt, sondern “Hilfe”.

Es war ein Tausch nichts weiter. Hellgraue gegen Arztseifenweiße Folter

Was sie gesehen haben war eine 14 Jährige, die sich immer wieder selbst verletzte. Eine 15 Jährige die den vierten, fünften, sechsten, siebten, achten…. fünfzehnten Suizidversuch gerade eben so mal noch überlebt hat. Eine 16 Jährige, die plötzlich aus heiterem Himmel anfängt zu schreien, niemanden zu erkennen scheint und auf Mitarbeiter losgeht. Eine 17 Jährige, die so abgeklärt über psychische Krankheiten spricht, als wäre sie selbst die Ärztin.

Was wir waren war eine lichtentwöhnte 14 Jährige, die den Boden küsste über den sie laufen durfte- komplett verwirrt über das was mit ihr passierte- ausgeliefert unmündig und hilflos.
Eine 15 Jährige, die sich von ihrem ambulanten Therapeuten hat missbrauchen lassen, weil sie unter anderem befürchten musste, wieder eingesperrt zu werden. Wieder ausgeliefert, unmündig und hilflos. (Und zu dem Zeitpunkt schon völlig allein auf sich gestellt).
Eine 16 Jährige, die anfängt sich an die erlittene Gewalt zu erinnern und gerade mal so das Glück hat, in einer psychosomatischen Klinik zu sein- statt in einer Psychiatrie, wo es alles noch viel schlimmer hätte sein können.
Eine 17 Jährige, die in 3 Jahren durch 7 Kliniken und 5 Jugendverwahrungseinrichtungen hindurch geflippert wurde und deren einziger Hoffnungsfunke auf Heilung und Leben ohne Gewalt, eine dreizeilige Email in ihrer Hosentasche ist; geschrieben von einem Menschen, mit dem sie vielleicht 2 Stunden Zeit verbracht hat und nicht einmal wirklich kennt.

Wir waren die ganze Zeit allein und hatten keine Menschenseele, die sich darum geschert hat, was mit uns dort passiert. Die, die Entwürdigung der Massenabfertigung und den Raub der Selbstbestimmung für uns beklagt hat. Da war niemand, dem wir unsere Gewalterfahrungen mit Pflegern hätten sagen können, ausser den Patientenvertretern zu denen wir aber keinen Kontakt aufnehmen konnten, ohne die Hilfe des Personals. Zusammen mit einer Diagnose die gleichbedeutend mit Unzurechnungsfähigkeit und  Realitätsverlust ist, hatten wir schlicht keine Chance.

Es war wie in der Hölle, die gerade vorher verlassen hatten.

Was wir durchgemacht haben ist unglaublich. Es ist unglaublich schlimm, unglaublich viel, unglaublich viel Nichthilfe. Und was wir in Bezug darauf heute wahrnehmen, ist unglaublich viel Ungläubigkeit.
Nein, uns wurde nicht das Gehirn unter Strom gesetzt. Nein, unser Frontallappen wurde nicht therapeutisch wertvoll verletzt. Unser Gehirn wurde uns ausgedörrt in den vielen hundert Stunden zwischen den “Behandlungen”, in denen man völlig auf sich geworfen ist- äußerlich strengstens reglementiert, während der Same des Wahnsinns unter dem tumben Starren auf Klinikflure, Klinikessen, Kliniktüren, Klinikroutine, Klinikklinikkliniklinikatmosphäre überhaupt erst zu wachsen in der Lage ist.

Wir wissen (zum Glück) nicht, wie es für Erwachsene ist, so in Not und ohne ausreichendes soziales Netz zu sein, dass man sich in eine Klinik begeben muss, um Schutz vor sich selbst (oder anderen Menschen) zu erfahren. Und freiwillig werden wir das auch nicht erfahren.

Die Psychiatrie war für uns das Trauma nach dem Trauma.
Die ersten 2 Therapiejahre nach der letzten Entlassung brauchten wir dafür auf, überhaupt auch nur wieder irgendeinen Helfer (nicht nur Menschen überhaupt)  näher als eine Diagnostik an uns heranzulassen. Ein öffentliches Feindbild wie zum Kindesmisshandler gibt es für Helfer nicht. Eine Hetzpropaganda, wie aktuell gegen die Institution Kirche, gibt es nicht für die Institution Psychiatrie. Vor der breiten Öffentlichkeit steht man vor solchen Erlebnissen ganz genauso verlassen und ohnmächtig, wie vor der gezielten sexuellen Ausbeutung von kleinen Kindern mitten in Deutschland. Jeder kriegt einen Schauer der den Rücken herunter rieselt, jeder hat seine Gedanken dazu. Doch wenn es darum geht eine Hand zu reichen, wird sich weggedreht und unsichtbar gemacht. Und in beiden Fällen muss man sich mehr oder weniger krassen Eigenschuld- (im Sinne einer Eigenverantwortungs-) zuweisungen aussetzen.

Vor ein paar Wochen noch, bekam unsere Therapeutin die volle Breitseite dessen ab, was hier los geht, wenn uns jemand mit der Einweisung bedroht. Und für uns beginnt die Bedrohung schon mit der überhaupt-igen Nennung der Psychiatrie als Option für Hilfe.

Keiner- absolut kein Mensch auf dieser Welt würde das, was real in einer Psychiatrie vor sich geht, als hilfreich bezeichnen, wenn man das Ganze schlicht losgelöst vom Status der „Retter der Gemütskranken“ heraushebt:
Eine Woche hat 168 Stunden
minus jeweils 8 Stunden Schlaf, ergibt das 112 Stunden Wachsein.
Davon werden ca. 8 Stunden therapeutisch gestaltet (je nach Klinik- ich nehme einfach mal den Standard aus meinen Zeiten in der Ballerburg).
Das ergibt unterm Strich: 104 Stunden geistig- seelische Nulllinie, die man mit Kettenrauchen, Gedankenkarussell, Patientengesprächen, Illustrierte lesen, nicht-an-seine-Probleme-denken-aber-doch-dazu-zwingen-weil-man-ja-dafür-da-ist und mit dem intensivem Beobachten aller emotionalen und sozialen Vorgänge auf der Station wiederzubeleben versucht.
Würde man diesen Behandlungsstandard auf ein akutes Herzversagen oder auch eine chronische Lungenentzündung übertragen hieße das unter Umständen: “Wie jetzt hier- sie kriegen so wenig Luft- sie kriegen doch schon 8 Stunden am Tag die Maschine an den Hals!”; “Ich hab schon 8 Sekunden mit der Lebensrettung verbracht- was will der denn noch?!”

Man führt ein Leben wie Schrödingers Katze:  eingesperrt in einer Box und ob man noch lebt oder nicht ist Definitionssache. Und die Macht über diese Definition, könnte mit dem Gesetz nun auch noch in jedem Fall- egal wie diese ausfällt (ob zutreffend oder nicht) rein bei den Ärzten bleiben. Komplett unhinterfragt oder in der Lage die Box zwecks Überprüfung zu öffnen.

Es ist ein Witz. Es ist infam. Es ist eine gesellschaftliche Schande, dass wir solche großen, relativ sicher finanzierten Kästen wie die Psychiatrie, überhaupt noch haben und sogar brauchen.
Es ist die medizinisch-kapitalistisch-sozialdarwinistische Vermeidungsblase, die uns davor bewahrt den Wahnsinn, Kontrollverluste und schiere menschliche Natur zu nah uns heranzulassen. Realitätsverlust als “kann mal vorkommend” zu betrachten. Menschliches Elend von uns fern zuhalten. Uns nicht zu belasten. Uns nichts ans Bein zu binden. Um uns vor gesellschaftlicher Verantwortung zu drücken.
Uns selbst nicht zu fragen, wie wir verhindern können, dass es anderen Menschen schlecht geht.

Uns daran zu hindern jedem unserer Freunde zu sagen, dass sie auch mitten in der Nacht bei uns klingeln dürfen, um von uns vor sich geschützt zu werden-von mir aus auch eingeschlossen zu werden und die nötigen Mittel aufgedrängt zu bekommen und die Hand durch die Neben- und Nachwirkungen zu halten.

Wir sind dankbar dafür, dass wir uns in der Hinsicht auf unsere Gemögten verlassen können. Niemand von ihnen würde uns abweisen, stünden wir mit diesem Anliegen vor ihrer Tür.

Als wir (noch vor 6 Jahren) nicht in der Lage waren zu essen wie Menschen, gab uns unser mit uns verbündeter Mensch den Rahmen der nötig war- ohne uns zu verachten. Als wir nicht wussten, ob und wenn ja wer, von uns Kontakt zu Tätern aufnehmen könnte/versuchen würde, sich das Leben zu nehmen/versuchen würde, ihn zu verletzen… Als wir so depressiv waren, dass sogar das Heben der Augenlider eine einzige Qual war… Als schon ein unsichtbares Geräusch Innenkinder hochspülte die noch mitten im Traumaerleben sind… Als wir so richtig tief in der psychischen Scheiße standen- alle Weichen auf Psychiatrie standen, brauchte es doch nur jemanden, der schlicht da war und den Schlüssel zur Wohnung versteckte. Taschentücher, Kotzeimer, Schlaftabletten, ein starkes Rückgrat und ein liebevoll fürsorgliches Herz hat.

Leider ist das etwas, das die Krankenkasse nicht leisten kann und der Staat, oder diejenigen die es leisten könnten, nicht leisten wollen.

Denn die wahre Hilfe kommt von Menschen, deren freies starkes Dasein einfach unbezahlbar ist.

Interessantes und Nützliches zum Thema
– die schlaue Patientenverfügung gibt hier zum Download
– Steinmädchen schreibt auf ihrem Blog über “Psychiatrisch- Patriarchale Kontrolle” und unterstreicht die Notwendigkeit von geschlechtsspezifischen Therapiemöglichkeiten
– viele Bücher, Sachwissen und Zugang zu Alternativen bietet der Antipsychiatrieverlag von Peter Lehmann
– die internationale Arbeitsgemeinschaft “Soteria” stellt sich und seine Ziele hier vor
– das Berliner “Weglaufhaus” sollte jedem sofort in den Kopf kommen, wenn es um Alternativen zur Psychiatrie geht- es braucht so viele NachahmerInnen, sowie offene UnterstützerInnen wie nur möglich
– zum Thema Psychopharmaka und Psychiatrie mein Artikel „auf wundersame Weise“
– als weitere hilfreiche Anlaufstelle bietet sich auch der sog. „Trialog“ (Patient, Klinik, Mittler) der Stadt an- Kontakt hierzu bekommt man über den sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt in der man wohnt
– zu: „einem erweiterten Verständnis psychischer Störungen, neuem Wissen über genesungsfördernde Faktoren in der Psychiatrie, der Entwicklung neuer Methoden und umfassender Inhalte in der Fachkräfteausbildung und innovativen Angeboten psychiatrischer Dienste“ informaiert und aktiviert „Ex-In„. Ein vielversprechendes und umfangreiches Pilotprojekt. Weitere Informationen zur Genesungsbegleitung durch „Ex-In“ gibt es auch auf dieser Website.
– grundsätzlich muss das Motto derzeit leider noch immer sein: „Niemals allein Kontakt mit der Institution „Psychiatrie“ haben- hab immer jemanden mit im Boot, der dich im Zweifel da raus streitet und für dich eintritt“

 

Vielleicht an alle die aus Angst vor Täterkontakten regelmäßig in de Psychiatrie gehen (müssen):
Immer wenn ihr raus seid- greift zum Weberschiffchen und vernetzt euch. Es ist schwer und gruselig- vielleicht sogar noch verboten. Aber wenn ihr etwas anderes erreichen wollt, als das was ihr jetzt gerade durchmachen müsst, dann müsst ihr auch etwas anderes tun als jetzt.

So gemein es klingt, hatte Einstein schon Recht als er sagte:
“Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun, aber immer ein anderes Ergebnis zu erwarten.”

Immer wenn ihr eine Fingerspitze aus der Scheiße herausstrecken könnt- versucht nach echten Helfern zu greifen. Es lohnt sich, denn es geht um euer Leben und eure persönliche Freiheit.
Ihr dürft das.

von der richtig echten Prävention von (sexueller) Misshandlung an Kindern

Mich treibt schon seit einer ganze Weile etwas um.
Es geht um die Frage, ob mir der Missbrauchspräventionskram genutzt hätte oder nicht.

Klar, machen wir uns nichts vor, diese Frage ist nichts weiter als eine Variation des “kleinen Warum?´s”. Immer wieder die Frage, ob es etwas gegeben haben könnte, dass mich davor hätte bewahren können, so verletzt und ausgebeutet zu werden. Und selbstverständlich immer mit dem lauernden Paar Augen dahinter, ob ich denn vielleicht einfach doch alles gewollt habe und Chancen, die sich eröffneten einfach ungenutzt ließ, weil ich es ja doch irgendwie toll fand von jemandem besessen zu werden. Etwas Besonderes zu sein. Ein besonderes Geheimnis zu haben.
Ich habe diesen Zug in mir, diesen arroganten Geltungsdrang. So ein Innen, das es schön findet für andere wichtig zu sein, sogar ein richtiger Leader zu sein und (be)geachtet zu sein. Vielleicht war das ja früher schon so und ich hab das Leiden angenommen, weil ich das Ergebnis so toll fand?

>Dann aber fallen wir mir Bilder in den Schoß, stolpere ich über Briefe und werde urplötzlich von Gefühlen der absoluten Angst und apokalyptischen Schmerzes überschwemmt. Dann sitze ich mal in einer Therapiestunde und merke, wie verdammt schwer es fällt, dort zu sitzen und einfach nur angeguckt zu werden. Was für eine Scham, was für ein Gefühl von Nacktheit dann wütet.
Und plötzlich weiß ich dann, dass keine Führerpersönlichkeit auf der ganzen Welt so einen Preis zu zahlen bereit ist, für so ein kurzes Gefühl der Bestätigung.

Ich schrieb die Frage an mein Innen, ob mit uns als Kind über sexuelle Misshandlungen gesprochen wurde, über Sex mit Erwachsenen, über Privatsphäre, über “gute und schlechte Geheimnisse”, gab es eine Aufklärung? Wurden Kinderrechte in der Schule erklärt?
Eine Antwort war: Nein.
Eine Antwort war: Wann denn?
Und eine Antwort war: Es gab im Fernsehen mal die Serie “Die Rechte der Kinder” , die hab ich mal heimlich im Fernseher von F. geguckt.
Meine Antwort war: Ich habe erst mit 16 gelernt, wie Babys genau entstehen, nachdem mich jemand gezielt fragte, ob ich das wüsste.

Als das Thema in der Grundschule dran war, waren wir “krank”. Als das Thema am Gymnasium dran war, wurde ich in der Stunde “krank”. Freunde, Verbündete oder Pausenhofgespräche zum Thema gab es nicht (und wenn doch, dann schätze ich mal ganz frech, wird genau dieses Thema der Grund gewesen sein, weshalb es spätestens DANN keine Freunde mehr gab).
Heute gibt’s richtige Projektwochen für die Kinder in den Grundschulen. Ob die Kinder in der Zeit fehlen dürfen? Gibt es eine Teilnahme- eine Informationspflicht? Gibt es eine Pflicht für Eltern solche Informationen an ihr Kind dringen zu lassen?
Ich schaute mir die Hefte der deutschen BZgA zum Thema Aufklärung, Missbrauchsprävention und Verhütung an und plötzlich wurde mir klar, wieso selbst diese Hefte uns nicht hätten vernünftig aufklären und helfen können.

Zum einen die Art wie ich Zugang zu ihnen fand.
Heute klickt man sich durchs Internet und findet schnell viele Informationen. (Wobei schon hinterfragenswert ist, wie günstig dieser Kanal bei dem Thema ist.) Besser finde ich persönlich, aber nachwievor die Papierform für solche Themen. Man merkt, dass es echt ist. Dass es ein echtes Thema ist und wichtig genug, um nicht nur als Textbild im Internet herumzuschwirren.
Aber wo genau bekomme ich Zugang zu solchen Heften in der Realität?
In der Regel genau dort, wo ich mich hinwende, wenn es schon zu spät ist. Beim Gynäkologen, in der Frauenberatungsstelle, beim Psychologen oder Berater, beim Rechtsanwalt, beim Jugendamt, bei der BZgA, vielleicht noch in der Bücherei (wenn ich mich denn traue “sowas peinliches” öffentlich anzugucken) oder meinem Arzt.
Niemals habe ich einen Flyer vom Frauenhaus, dem Kindernotruf oder überhaupt einem Sebstbestimmungsrelevanten Thema  in einer KiTa rumfliegen sehen, nie im Supermarkt oder an einer Bushaltestelle einen Aushang mit Notrufnummern (wobei hier schon ab und an Aufkleber der Notrufe auftauchen, um dann 3 Wochen später von der Stadtreinigung abgekratzt zu werden). Auf Kinderspielplätzen sehe ich immer nur Schilder auf denen steht, was für die Kinder verboten ist- nie was dort für die Erwachsenen verboten ist! In der Uni wird man (wenn man es drauf anlegt) mit feministischen Pamphleten zugeknallt- aber die Basics bleiben verschwiegen (das ist ja eh so ein Problem des Feminismus: heute sollte man mindestens studiert haben, um den Diskussionen noch folgen zu können).
Unsere Lebensrealität hingegen war so abgeschlossen, dass wir nirgends ein solches Heft hätten lesen können (und was losgegangen wäre, wenn wir sowas zu Hause gehabt hätten… allein die Idee wird mir von meinem Gehirn mit einem Schauer über den Rücken quittiert).

Zum Anderen die Sprache.
Teile meines Innenlebens haben bis heute keine Bezeichnungen für alle Teile des Körpers. Oder sie haben welche die von Tätern stammen. Oder sie haben welche in einer anderen Sprache als Deutsch. Oder sie wissen gar nicht, dass sie diese Körperteile haben. Oder ihre Angst ist so groß, dass sie nie in der Lage sind Zugriff auf das Sprachzentrum zu haben. Oder sie begreifen den Körper grundsätzlich nicht als etwas, das zu ihnen gehört. Diese Teile meines Innenlebens aber lebten mein Leben als Kind.
Es gibt so eine Phase in der Grundschule in der die Worte “Po” ” Pimmel” “Möse” DER Renner sind und über die man sich rund und eckig lacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir diese Phase auch mitgenommen haben. Aber ob es einen Bezug zwischen sich und diesen Worten gab? Schaue ich genau hin, sehe ich genau wieder die Spaltung wie in allen anderen Bereichen auch.

Die gesamte Aufklärung um das Thema sexueller Misshandlung und körperlicher Gewalt allgemein, ist hochgradig abhängig von einem Bezug des Kindes zu seinem Körper, als etwas das ganz allein (zu) ihm gehört. Bei uns ist genau dieser Bezug schon im Kindergarten weg gewesen. Schon damals war klar, dass der Körper immer und immer genau dem gehört, der ihn sich nimmt. Egal, ob er fragt oder nicht. Egal, ob es eine Zustimmung auf irgendeiner Ebene gibt oder nicht.

Was Erwachsene sagen ist immer Gesetz. Für Kinder gibt es da keine Alternative. “Die Großen” haben immer recht und man darf sie nicht hinterfragen.
Und eigentlich ist genau das noch der allergrößte Haken, der sogar noch mit am Liebsten unter den Teppich gekehrt wird, wenn es darum geht zu überlegen was Kinder (und ganz eigentlich alle Menschen egal wie alt sie sind) vor Missbrauch und Gewalt schützt.
Das Nein von Kindern (und Menschen die schwächer als andere sind) gilt Nichts!
Wir hier in Deutschland kommen uns wer weiß wie kinderfreundlich vor, weil wir unseren Nachwuchs durch die Schule gängeln fördern und erst dann körperlich arbeiten lassen und nicht wie in Indonesien, Indien und Afrika schon mit 5-6-7 Jahren hinter den Webstuhl oder die Nähmaschine stellen. Wir halten uns für superfortschrittlich und gnädig erbarmend wenn wir Gesetze schaffen, die Kinder als besonders schützenswert und hilflos (unmündig) gelten lassen. Doch unseren Umgang und unsere Haltung hinterfragen wir nicht!

Wir erwarten von Kindern stumm, tumb, brav und stetig uns gefallend zu sein. Wir tun das nicht mehr im Jahrhundertwendestil, indem wir ganz offen verlangen von ihnen mit “Herr Vater und Frau Mutter” angesprochen zu werden oder hinnehmen, dass sie in der Schule für falsche Antworten und als unangemessen bezeichnetes Verhalten körperlich misshandelt werden. Aber ganz subtil vermitteln wir Erwachsenen unseren Kindern auf so ziemlichen allen ihnen wichtigen Ebenen, dass sie nichts zu bestimmen haben und ihre Sicht der Dinge nebensächlich ist.
Der Kosmos von Kindern ist klein aus unserer Sicht und das Bisschen das sie haben, müssen wir noch unsichtbar machen, weil das kleine Bisschen uns Teile unseres Alltags unbequem macht.

Schönes Beispiel das klassisch schreiende Kind im Supermarkt.
Das Kind (sagen wir, es ist 4 Jahre alt) am Ende des Tages: total übermüdet, wird in den so ziemlich stressigsten (weil reiz- vollsten) Bereich des Alltags mitgeschlürt, weil den Eltern eingefallen ist, dass sie “noch schnell mal” was einkaufen müssen. Für die Erwachsenen sind es 20 Minuten. Für das Kind STUNDEN, die es seinen Körper wach halten, Reize filtern, Wünsche zurückhalten und obendrauf noch “lieb” sein muss.
Was macht das Kind? Es ist natürlich nicht mehr “lieb”, natürlich fängt es an zu quengeln und rumzunerven. Was machen die (meisten) Eltern? Sie sagen dem Kind es soll still sein; aufhören so ein Theater zu machen (mir ist ehrlich gesagt egal, warum sie das tun- ich weiß aber, es gibt genug Eltern die das machen, weil es ihnen schlicht peinlich ist “wenn das Kind so einen Terror macht”).
Sie bürden dem Kind ein Verhalten auf, das nicht dem Ausdruck seiner Verfassung entspricht. Und oft genug auch eines, dass ihrer kindlichen Biologie widerspricht (Stichwort “Schlaflern”programme für Säuglinge und Kleinkinder).>

Sie verlangen von dem Kind unsichtbar und ohne Stimme zu sein.

Und Erwachsene verlangen diese Unsichtbarkeit und Stummheit ständig von Kindern. Kinderzimmer sind meiner Meinung nach auch gerne mal Unsichtbarmachkammern. “Geh in dein Zimmer und denk nach, was du getan hast”. Fernsehverbote- meiner Meinung nach die effektivste Methode das Kind aus dem Wohnzimmer zu verbannen (es wieder unsichtbar zu machen). “Stille Treppen”- ja geht’s denn bitte noch offener? In der Schule heißt es nicht nur in der Stunde “Psst!”, oft genug heißt es das auch noch auf dem Pflaster des Schulhofs.

Wer gegen (sexuelle) Kindesmisshandlung sein will, muss für guten Umgang mit Kindern sein.
Wer (sexuelle) Gewalt an Kindern verhindern will, muss die Ursachen sehen, anerkennen und sein Verhalten modulieren. Aber diese Bereitschaft gibt es nicht überall.
Man muss sich klar machen, wie oft man Kindern vermittelt ihre Wort hätten kein Gewicht. Und dann ist auch ganz offensichtlich, wieso viele Kinder nicht gleich sagen, wenn ihnen jemand weh tut.
Warum viele Kinder sehr leicht in ihren Wunschäusserungen zu manipulieren sind. Warum sich viele Kinder schnell „an Fremde binden” und sich von ihnen abhängig machen bzw. ihnen ihre Wünsche erfüllen wollen.

Es wird zum Beispiel gewünscht, dass Kinder wenig fremdeln bzw. konträr zu ihrer Natur: früh damit aufhören- am Allerbesten gar nicht erst damit anfangen.
Fremdeln stört beim Abgeben in die Krippe, weil es sich kaum eine Familie noch leisten kann (und es auch gar nicht mehr als Luxus betrachtet wird!) sein Kind bis es 3 Jahre alt ist zu Hause zu haben und mit den gleichaltrigen Nachbarskindern spielen zu lassen, während man selbst den Haushalt macht und Zeit mit ihm verbringt. Fremdeln stört wenn man ausgehen will „endlich mal 6 Wochen nach der Geburt”. Fremdeln stört immer, weil man Kinder immer und überall in ihrem Sein als störend betrachtet.
Weil man aber Kindern ihr Sein nicht austreiben kann, wird aberzogen, was verhindert sie woanders hinzugeben. In diesem Fall die biologisch sehr sinnvolle Furcht vor allen Menschen die nicht Mama und Papa sind.
Und das passiert oft so gründlich, dass ein Kind eine enge Bindung zu auch einem es missbrauchenden Babysitter aufbaut und ihm gefallen will. Und wer teilt schon gern ein Geheimnis mit Menschen, mit denen man weniger oft spielt, lacht, weint oder allgemein einfach beisammen ist?

Mir schießen jedes Mal die Tränen in die Augen, wenn ich merke, wie viel Macht Erwachsene über Kinder haben und es nicht merken, nicht wertschätzen und verächtlich schnauben, wenn man es ihnen sagt.
Lehrer, Kindergärtner, Krippenerzieher, Ausbilder, Betreuer in einer Einrichtung… jeder Erwachsene der 8 Stunden pro Tag mit einem Kind zusammen ist, dass er nicht selbst geboren oder gezeugt hat, verbringt ein Drittel des Tages mit ihm. Das ist unter Umständen genau das Drittel des Lebens eines Kindes, dass es in relativer Sicherheit und Freiheit lebt, wenn es zu Hause Gewalt erlebt. Und was passiert in diesem Drittel ständig und wiederkehrend?
PSSST
Sei unsichtbar und still, damit du ein normaler, leistungsstarker, gesellschaftsfähiger Mensch wirst!
Aber- wenn was ist, kannst du es ruhig sagen.
Ein Doublebind, wie ihn MisshandlerInnen ebenfalls gern einsetzen.

Woher zum Geier sollen Kinder so sicher wissen, wann sie etwas (aus)sagen dürfen und wann nicht?! Wann ihnen zugehört wird und wann nicht? Wieso sollen die Kinder das überhaupt wissen? Wieso müssen nicht wir Erwachsenen dafür sorgen, dass die Kinder jederzeit und immer und alles sagen dürfen und können was sie umtreibt- ohne groß nachzudenken?

Wieso verstecken wir uns hinter großen Präventionspaketen aus Plakaten, Ausmalbildern und Phrasen, wenn der Grundstein nämlich die offene Kommunikation und die sichere Bindung noch immer nicht gegeben ist? Nicht möglich ist, weil nicht finanzierbar und oft genug gesellschaftlich nicht als selbstverständlich anerkannt ist? Nicht einmal da, wo die Hilfe walten soll, wenn alles schon zu spät ist!

Wieso gibt es Schleifen gegen Kindesmisshandlung, aber keine Schleifen für den richtigen Umgang mit Kindern? Wieso gibt es Projektwochen für Kinder in denen sie im Rollenspiel mit anderen Kindern (! nicht Erwachsenen!) lernen “Nein” zu sagen, aber keine Projektwochen für Eltern, gratis zum Windelpaket von Pampers, in denen sie lernen, mit ihren Kindern genauso offen und rücksichtsvoll umzugehen, wie sie es sich im Umgang mit anderen Erwachsenen wünschen?

Wissen wir Erwachsenen überhaupt wie wir selbst behandelt werden wollen? Merken wir das überhaupt noch? Und wenn ja: Setzen wir das dann überhaupt durch?
Wie oft legt ein Vater sein Kind übers Knie, weil er selbst übers Knie gelegt wurde und ihm auf die Schnelle keine andere “Strafe” einfällt? (Für ein Verhalten, dass er nur deshalb als bestrafenswert einschätzt, weil er selbst es als “eine Strafe rechtfertigend” vorgesetzt bekam oder von der grauen Masse, die wir oft alle lapidar als “die Gesellschaft” bezeichnen, vorgeschrieben bekommt!)
Wie oft quälen Mütter ihre Töchter in Essstörungen, weil sie ihren eigenen Missbrauch mit Nahrungsmittelfixierung und strikter Kontrolle aller Lebensbereiche kompensieren, ohne es bewusst zu haben?

Es ist so schräg. Fast bin ich dankbar, dass mich meine Geschichte so derartig hat selbstgefährdend werden lassen, dass es unübersehbar wurde. Dass meine Not in seiner Sprache nicht mehr unsichtbar gemacht werden konnte.
Um zurecht zukommen muss ich mich stellen, mir bewusst machen, was welche Gefühle und Affekte in mir auslöst. Mir wird mit diesem Artikel sehr deutlich, was mir- uns früher sehr viel mehr geholfen hätte, als jede aufklärende Präventionsmaßnahme.

>Wir brauchen echte Philanthropie in starken eigenverantwortlichen Erwachsenen, die mutig sind und Kinder als Mitmenschen wie sie selbst sehen können und wollen.
Solche Menschen hatte ich einfach leider nicht in meiner Umgebung. Ich, als Kind, habe alle meine Energie in meine Zerstörung gebracht, weil es sich nicht gelohnt hätte, sie weiter an die Erwachsenen in meiner Umgebung zu richten.

Heute ist, im Zuge dieser schiefen Präventionierei, wenigstens das nicht mehr Tabuthema und damit dann doch schon ein kleiner Erfolg. Man weiß um die Folgen von (sexueller) Misshandlung.
So ist zwar das ursächliche Leiden nicht präventioniert, aber wenigstens ein bisschen der Tod dadurch.

Mehr als das was es mir half, hätte das derzeitige Präventions- und Aufklärungsmaterial also nie helfen können.
Ich hätte also auch mit vollem Zugang und vollem Sprachvermögen nicht wirklich mehr Chancen auf eine Rettung gehabt.