Schlagwort: Verantwortung

Macht_Struktur

Nach 8 Jahren wieder Schulbetrieb.
Massenschleuse und automatisierte Abläufe, die keine Augen haben.
Es gibt diese ganz spezifisch Desorientierung, die zum “neu sein” und “fremd sein” dazu gehört und eine Abhängigkeit erschafft, für die manche Personen nicht sensibel sind.

Steile These: es gibt so etwas wie Informationsbroschüren, Lagepläne und Laufzettel,
sowie automatisierte Abläufe, damit bestimmte Personen diese Sensibilität auch nicht haben müssen.
Manchmal glaube ich wirklich, dass Personen, die in Lehrbetrieben tätig sind, tatsächlich nur über die ständig perpetuierte Annahme, Kinder bzw. alle Personen, die +/- 5 Jahre jünger sind, als man selbst, seien “unfertige”/ “unterentwickelte”/unreife/ “unerleuchtete” Wesen, denen man “von Natur aus” alles häufiger sagen muss, sich überhaupt die Mühe machen, noch so etwas wie sachdienliche Informationen abzusondern. Obwohl eine verstehbare, stabil verlässliche Erklärung der Gesamtstruktur auch reichen würde.
Aber das würde ja Machtstrukturen auflösen, in denen Wissen Macht ist und einzig diese wiederum es ist, die den Unterschied zwischen den Personen macht.

Mir fallen solche Strukturen immer wieder auf und ich kann sie nicht ignorieren, wie es andere tun. Für mich ist es eine wirklich große Erleichterung, das auch so klar zu haben, denn oft genug wird und wurde mir vermittelt, es sei ein persönliches Problem von mir, ein Wille zur Macht oder Dominanz, ein willkürlich gesetzter Impuls zur Opposition von mir, wenn ich innerhalb (sozialer) Strukturen genau diese Komplexe aufzeige.
Mir liegt nichts daran andere Menschen zu beschämen oder sie zu entmachten, wenn ich ihnen sage: “Hör mal- du hast mir gesagt… aber du hast XY und deshalb…”. Meistens geht es mir in solchen Situationen darum klar zu machen: “Hallo – du hast gesagt, ich könnte mich auf dich verlassen/ du würdest mich versichern/ du würdest mir Möglichkeiten zur Orientierung geben und jetzt stehe ich hier und nichts davon nehme ich wahr.”.
Wären Menschen sensibel für Abhängigkeiten würden sie merken, wie schwer in mir die angetriggerten Empfindungen von ausgeliefert und verlassen sein, in einer potenziell lebensbedrohlichen Situation sein und so weiter, kreisen.
Einfach, weil nur wer Abhängigkeit versteht und begreift, auch Gewalt und ihre Folgen
versteht und begreift.

Wer spürt, dass es Abhängigkeiten gibt, der spürt auch die Gefühle ausgeliefert, verlassen, bedroht zu sein.
Wer Abhängigkeiten lediglich als etwas betrachtet, was man einfach mit einem neuen Ordner, einer neuen Aufgabe, einem Neuarrangement der Abläufe regeln kann, der wird sich von den Abhängigkeiten anderer Personen vielleicht eher ge- oder auch überfordert fühlen und sich mehr oder weniger reflexhaft darum bemühen sich selbst zu erheben. Notfalls auch mittels Individualisierung des Problems über Pathologisierung, Marginalisierung – schlicht: Ab- bis Entwertung der Person, die letztlich gar nichts weiter getan hat, als seine eigene Abhängigkeit offen zu legen.

Ich denke, dass es mir leichter fallen würde, solche Machtdynamiken und – strukturen zu übergehen oder zu ignorieren, würde ich einerseits weniger stark in traumaassoziierte Empfindungen getriggert werden und andererseits, mehr Handlungsalternativen haben und jeweils akut auch nutzen können.
Ich meide Gruppen in aller Regel nicht, weil ich Hierarchie ablehne oder, weil ich die Nasen der Personen nicht mag, sondern, weil ich sie in dem, was ich tun will in 90% der Fälle nicht brauche, um zu tun, was ich tun oder können möchte.
Ich gehe in Gruppen, weil ich etwas will und die Gruppe dazu ge-brauchen kann. Im Gegensatz zu manchen Personen, die diese Gruppen leiten oder auch nur organisieren. Die brauchen die Gruppe oft, um sie zu ge-brauchen – häufig wollen sie sie aber nicht. Weil sie Arbeit machen, Kraft kosten, viel schwere Verantwortung bedeuten und nicht zuletzt in eine Lage versetzen, in der eigene Abhängigkeiten etwas sind, das nie nie nie und nimmer Thema sein darf, weil sie potenziell am eigenen Machtstatus knabbern und es ein Risiko bedeutet, zu überprüfen, ob das tatsächlich so ist.

Man mag mir sagen: “Ätschibätsch – dein Wollen und Brauchen macht dich schwach und jetzt rufst du ein Mimimi in die Luft, weil dich das anpisst, anstatt dich selbst darum zu kümmern, dass du kriegst, was du brauchst.”. Von mir aus kann das jede Person sagen, die sich über solche Gewaltausübung an mir besser fühlt – es ändert aber nichts.
Nicht jedes Brauchen ist durch von Wollen geleitetem Kämpfen auch erreichbar.

Wäre dem so, gäbe es keine der Strukturen von denen ich gerade sprach.

… und beleuchte die Dunkelheit

Gestern Abend hatte ich es mal wieder in der Hand
“… und besiege die Finsternis” von Marie Balter, geboren 1930.
Psychiatriepatientin. 20 Jahre lang.
In den Anstalten der 50 er Jahre.
Zu Zeiten der massenhaften Medikalisierung. E- Eis- Insulinschock- Folter im Namen der medizinischen Hilfe.
Das ist keine leichte Kost. Aber ich mochte das Buch.

Sie hat überlebt, wurde Ärztin und sprach dann für die Betroffenen. Sie ist 1999 verstorben.

Das letzte Kapitel des Buches heißt “Eine Stimme für die psychisch Kranken”.
Damals, als ich das Buch zum ersten Mal las, verbrachte ich die meiste Zeit des Lesens getriggert und mich und mein Leiden kleinredend.
Das letzte Kapitel erschien mir so wohltuend in all dem, was dort steht.
Sie schreibt von ihren Vorträgen, den Reaktionen der ZuhörerInnen, aufbauschenden, oberflächlichen JournalistInnen, ihrer Angst abzustumpfen, ihren Gebeten, den Menschen, denen sie bei der Verfilmung ihres Lebens begegnete.
Und: “Anderen Menschen Hoffnung zu bringen, heißt ihnen die Macht geben zu ändern, was sie bedrückt. Wir, die wir Möglichkeit haben, müssen sie nutzen. Doch das darf nicht so weit gehen, dass andere nicht mehr eigenständig handeln können.”

Vor 2 Wochen habe ich das Exposé für mein Buch bei einer Literaturagentur landen lassen. Als Leseprobe ist ein Artikel dabei, der meine Zeit in einer der vielen Kinder- und Jugendpsychiatrien aufnimmt. Ich glaube nicht, dass ich damit Hoffnung verbreite.

Mir fiel aber auch auf, dass ich denke: “Ja haaaa ICH muss anderen Menschen Hoffnung geben, denn ich habe ja überlebt. ICH muss den Menschen ja sagen, dass man das alles überleben kann. Und das dann alles besser ist…”. Ich merke, dass ich mir schon wieder ein Kostüm in einem Schrank anschaue, das mir weder passt noch gefällt. Das ich mir aber natürlich trotzdem anziehen würde, weil … darum.
Während bei vielen Vielen das Thema “Überlebensschuld” kreiselt, kreiselt bei mir “Überlebensverpflichtungen”. Immer wieder der Komplex: “Ich habe überlebt und jetzt? Was gebe ich jetzt zurück und wie stelle ich das an?”.

Ich glaube nicht, dass ich heute keine Psychiatriepatientin mehr bin (oder auch die Gewalt überlebte, die mich dort hinbrachte), weil meine Seele so besonders stark ist, oder weil in mir irgendein Schalter umgelegt wurde, der mich zu neuer Hoffnung und Kraft brachte. Ich glaube auch nicht, dass ich überlebt habe, weil an oder in mir irgendetwas ist, dass mich durch die Momente der Todesnähe trug und etwas zu erhalten vermochte, als scheinbar nichts (und niemand) mehr in mir war.
Ich weiß, dass ich keine Schuld an meinem Überleben trage, weil niemand Schuld an seinem Sterben trägt.

Aber ich merke, dass ich nicht nur etwas überlebt habe, sondern auch von etwas zeuge. Meine Schäden sind ein Er-Zeugnis der Gewalt. Wenn ich beschreibe, was ich sah und erlebte, dann ist es eine Art Zeugnis ablegen von dem, was für andere- die Verschonten, die Ungeschlagen, wie C. Emcke sie so treffend nennt, unsichtbar, unerlebt- und un- über-lebt ist.

Das Überleben ist mir einfach so passiert. Ich habe weder darum gebeten, noch dafür gekämpft.
Die Lebensrealität in der ich und die Zerstörung an mir unsichtbar sind, und sogar gehalten werden, hingegen, betrachte ich als unbedingt zu verändern. Denn es ist eben genau die Unsichtbarkeit, in der Gewalt geboren und genährt wird. Es ist immer wieder genau das Moment, in dem man Gewalt nicht Gewalt nennt, auch das Moment, in dem Gewalt triumphiert und sich weitere Opfer einverleibt.

Ich stelle mir nicht die Frage “Warum ist mir das passiert?” oder “Warum habe ich überlebt, aber dieser und jener Mensch nicht?”.
Ich habe meine Antworten dazu und daraus eben auch die Anforderung an mich, zu verhindern, dass es anderen Menschen auch so ergeht. Dieser Überlebenskult, diese Mystifizierung des Überlebens und dessen, was es abverlangt, ist in meinen Augen eine zwar nachvollziehbare menschliche Eigenschaft, doch nicht hilfreich, wenn es darum geht, einen Weg zu gehen, der ohne Gewalten auskommt und so immer wieder Menschen zum Überleben zwingt.

Es kann nicht sein, dass wir in einer Gesellschaft leben, der es einerseits völlig egal sein kann und darf, was in Psychiatrie, Heim, Gefängnis, Misshandlungsfamilie passiert, die Überlebenden dann aber in eine Position bringen darf, in der besonders wertvolle Eigenschaften impliziert sind, die sich zeigten, als es dieses Umfeld und die ihm inne liegende Gewalt, abverlangte!

Marie Balter hatte zu ihrer Zeit immer wieder betont, dass es nicht reicht, die Menschen rauszuholen. Sie war eine der ersten, die darauf zeigte, wie unterschiedlich die Welten “Psychiatrie” und “draußen” sind. Was es für einen krassen Bruch bedeutet von der Rechtlosigkeit in die Stigmatisierung; aus dem Klima eines menschenverachtenden Nihilismus in ein Klima des Anspruchs dem (noch bzw. nicht immer sofort) zu entsprechen ist, zu gehen.
Sie sagte immer wieder, wie wichtig es ist, dass entlassene Menschen aufgefangen werden und Orientierungshilfen bekommen.
Heute gibt es Peer to Peer- Hilfen, ambulante Betreuungen, ein bis heute ausbaufähiges obgleich immer weiter zusammengespartes und so dauermarodes System von Hilfen, die Menschen über den Bruch helfen und in ein Leben in Eigenständigkeit hinein begleiten soll.

Aber Gewalt taucht in all dem als Begriff nicht auf.
Hilfe darf nicht auch Gewalt genannt werden, obwohl hier und da schon Verknüpfungen bekannt sind, beobachtet werden und Überlegungen angestellt werden, wie sie zu verhindern sein könnten. Alles natürlich systemimmanent und orientiert am Status Quo, den zu hinterfragen komplex und unbequem ist.

Ich habe das Buch weggetauscht und werde es auf die Reise schicken.
Gestern dachte ich noch, dass ich in der Geschichte so viel Schönes gelesen habe und nicht noch einmal groß darüber nachdenken möchte. Heute ist mir klar, dass ich diesen Absatz “Anderen Menschen Hoffnung zu bringen, heißt ihnen die Macht geben zu ändern, was sie bedrückt. Wir, die wir Möglichkeit haben, müssen sie nutzen.” in meinem Denken umändern muss.

Vielleicht in “Anderen Menschen von der Dunkelheit erzählen, heißt ihnen Macht zu geben Licht zu verbreiten. Wir, die wir beides kennen und die Möglichkeiten haben, müssen sie nutzen.”.

unspeakable inhumanity ~ strukturelle Gewalt

OLYMPUS DIGITAL CAMERAda war sie wieder: die Begrifflichkeit „unspeakable inhumanity“
Ich kenne sie. Nutze sie aber nicht. Zumindest nicht so.
Als ich mich mit dem Überleben und den Überlebenden der Shoa auseinandersetzte und dann irgendwann bei einem der vielen amerikanischen „researchprojects“ wiederfand, stolperte ich auch schon über diese Formulierung.

Diese Begrifflichkeit verbindet zwei Dinge miteinander, die im großen Rhizom um die Fragestellungen, die Gewalt an uns als Menschheit stellt, immer wieder auftauchen.
Zum einen die Frage nach der eigenen Menschlichkeit-der Menschlichkeit als solcher, die, meiner Meinung nach, noch immer nicht klar definiert ist und zum Anderen, die nach der Sprache und ihrem Fassungsvermögen, als Transportmittel zum Begreifen innerhalb menschlicher Fähigkeiten zu ebenjenem.

Gäbe es so etwas, wie „unspeakable inhumanity“, wüssten wir* nichts davon, denn Unsagbares, kann nicht vermittelt werden.
Gäbe es so etwas, wie „inhumanity“ also Unmenschlichkeit, als Option eines direkten Handelns als Mensch, dann müssten wir Menschen entweder unsere Selbstbezeichnung verändern, oder anerkennen, dass wir uns eigenständig aus unserer genetischen Struktur herausbegeben können, wie transmorphe Fabelwesen, denn Menschen sind immer Menschen- egal, was sie tun.

Trotzdem transportiert dieses Wortpaar etwas.
 In meinen Augen ist es der Versuch eine überfordernde Kraft oder Macht zu beschreiben, die von Menschen ausgegangen ist oder ausgeht.
Obwohl alles Handeln von Menschen menschlich ist- also nur innerhalb menschlicher Fähigkeiten, passieren kann, ist es durchaus Teil menschlicher Fähigkeit, zu abstrahieren und zu diffundieren, wie auch die Fähigkeit zu transponieren und zu assoziieren. So werden zum Beispiel aus „Tante Ilse und Onkel Kurt“ in einem anderen Kontext zu „Kundennummer 1 bzw. 2“.
Diese Leistung erscheint vielleicht nicht besonders groß, da die Inhalte die an „Tante Ilse und Onkel Kurt“ gebunden sind, unbekannt sind. Dieser Umstand erleichtert das Abschneiden dieser Inhaltscluster, (wie es ja bereits die Begriffe: „Onkel“ und „Tante“ durch das Abschneiden ihrer Inhalte- nämlich die die Schwester oder der Bruder der eigenen Mutter/ des eigenen Vaters zu sein, tun).

Meiner Ansicht nach ist diese Leistung aber groß.
 In meinen Augen ist es eine Fähigkeit, die sich proportional zur Fähigkeit der Selbstversorgung eines Menschen bzw. seiner Machtrefugien verhält. Es ist nicht wichtig zu wissen, in welchen Verwandtschaftsverhältnis zum Beispiel Onkel und Tante tatsächlich zur eigenen Person stehen (ob sie an Mutter oder Vater gebunden sind), wenn weder Onkel noch Tante noch Mutter noch Vater gebraucht werden, um diese Menschen in meinem von mir zu definierenden Bereich zu positionieren.
Der Bereich über den ich als Person die Macht habe, braucht nur so viel, wie ich brauche, um ihn zu erhalten.

 Würde ich also ergo ein Geschäft leiten, wäre die Notwendigkeit eben nicht an Onkel und Tante, sondern an Kundschaft, die in Hoffnung auf ein nachvollziehbares (definierbares) Wachstum nummeriert wird.

Es gibt Machtbereiche in denen Namenlosigkeit eine Säule dieser Machtbereichssicherung darstellt.
Als Fragestellung bliebe hier, ob dies als Angriff auf die Identität dessen was mit einem Namen belegt sein könnte zu werten ist, oder es sich tatsächlich um ein System handelt in dem Selbstbild, Identität und Identifizierung aus der Position eines Namen/Identität zugestehenden Systems heraus, als solche schlicht nicht nötig/ gewollt und aktiv unterbunden ist.

An dieser Stelle ist das Konzept „Jobcenter“ für mich spannend, weil es die Frage nach demjenigen aufwirft, der Machtgewinne erfährt.
Die bedürftigen Menschen
– (im Staatsmachtsystem „BürgerInnen“ genannt (Inhaltscluster: muss sich an die Gesetze halten, die u. A. sagen: „Geh zum Jobcenter, wenn du kein Einkommen hast“- ergo bereits hier nicht als „Mensch“ anerkannt)-
werden zu KundInnen des Jobcenters
– (Inhaltscluster: KundInnennummer- (als Teil einer Statistik im weiteren Verlauf der Diffusion) und gleichzeitig VertragspartnerIn (seines/ihres Zeichens menschlich- denn mit Tieren/ Pflanzen werden keine Verträge geschlossen)- ist der Macht des Jobcenters* komplett unterworfen, da existenziell abhängig)

Die MitarbeiterInnen des Jobcenters
 – (im Staatsmachtsystem „BürgerInnen“ genannt (Inhaltscluster: muss sich an die Gesetze halten, die u. A. sagen: „Wenn du arbeitest, hast du dich an deinen Arbeitsvertrag zu halten“)
werden zu SachbearbeiterInnen
– (Inhaltscluster: MitarbeiterInnennummer- (als Teil einer Statistik im weiteren Verlauf der Diffusion) und gleichzeitig
VertragsvermittlerInnen zwischen „dem Jobcenter*“ und den KundInnen, die im Laufe der Jahre an ihnen vorüberziehen – dem Jobcenter* in sofern unterworfen, als dass die Arbeit und damit das Mittel zur Sicherung der eigenen Existenz durch den Arbeitsvertragspartner definiert wird)

In Anbetracht der Tatsache, dass als MachthaberIn hier allein ein Name (Jobcenter*) auftaucht, sollte die Frage nach der Menschlichkeit des Systems „Jobcenter“ hinreichend geklärt sein.
 Nun mag der berechtigte Einwurf kommen, dass es sich bei der Agentur für Arbeit (Jobcenter*) um ein ausführendes Organ handelt- es bleibt dennoch ein System, das von vornherein, nicht als Mensch vor einem Menschen auftaucht und sich eben darum auch die Verunmenschlichung von BürgerInnen, die- fern aller Machtbereiche- Menschen sind, erlauben darf, was wiederum, meiner Meinung nach, etwas ist, das der Staat, der sich als solcher verpflichtet hat, die Menschen als solche zu schützen (vor eben jenem Umgang als Nichtmensch), als Aufgabe zur Durchsetzung im Grundgesetz stehen hat.

Was hier als strukturelle Gewalt (Unterwerfung/ Ausgrenzung/ Dominanz mittels eines verunmenschlichenden Systems) bezeichnet wird, ist gleichsam als „inhumanity“ betrachtbar, da es sich um ein System handelt, das als System (Nichtmensch) nur unmenschlich auftreten kann.

Dies als Faktum akzeptierend sollte nun verdeutlichen, dass alles Einfordern einer Menschlichkeit- gar die Gewährung diverser Menschenrechte gerichtet an „das Jobcenter*“/ „die Krankenkasse*“/ „die PolitikerInnen*“ sinnlos ist und niemals zu Erfolg führen kann.
Es ist eine Forderung, die an eine vom Staat wegdiffundierte Verantwortung gerichtet ist, welche wiederum in sich ein Produkt aus Sicherungsgier und Gewaltexistenz ist.

Diese Problemstellung ist transponierbar.
Am Ende steht, dass es Unmenschlichkeit nicht gibt, nur unmenschliche Systeme, die von Menschen gemacht sind, die alle Gewalten in ihrem Leben internalisieren, auf ihr Leben transponieren, alle Werte, die ihr System nicht braucht, abschneiden und anderen Menschen oktruieren oder sie dazu bringen, davon zu profitieren (sie in eine Mitverantwortung zu bringen).

Fortsetzung folgt

die * stehen hier für all Variablen, die durch die Eingrenzung mittels Artikel vor dem Wort abgeschnitten werden bzw. beim „wir“ als „wir als Menschheit mit allen Facetten“

 

vom Lesen, Schreiben und dem Recht auf Begreifen

179721_web_R_K_B_by_S. Hofschlaeger_pixelio.deVor ein paar Wochen hatte sie mich angesprochen.
Ich weiß nicht warum- vielleicht hatte sie gesehen, dass ich mich mit dem
anderen Nachbarn unterhielt.

Fortan grüßten wir einander, wie es hier in unserem Bullergeddo so üblich ist. Ich streichelte ihren dicken Yorki und lächelte sie an, während wir sprachen. Über das Wetter, die Sanierungsarbeiten an den Häusern, manchmal über NakNak*.

Dann klingelte sie eines Tages bei mir. Ob ich mich mit Heimunterbringung auskennen würde.
Ich sagte ihr, dass ich keine Fachfrau bin und es immer wieder Änderungen in dem Bereich gibt, dass ich aber grundsätzlich nicht unwissend bin.
Wir trafen uns also in ihrer Wohnung mit Teppichboden, Vorhängen und einer Sitzgarnitur, die zur Tapete passt.

Sie schilderte mir ihre Schwierigkeiten und Unklarheiten. Vertraute mir ihre Sorgen und Ängste an, während ich still den felligen Klops zu meinen Füßen streichelte und versuchte meine Irritation, über ihren Schritt an mich heran, zu verbergen.
Ich konnte sie beruhigen und vermitteln, wo sie gut hin kann, um das Problem zu klären; handlungsfähig zu bleiben und nicht unter die Räder des Systems zu geraten.
Ich dachte, damit sei es getan. Dachte: „Sie weiß ja nun, wo sie sich einlesen kann, da steht ja alles und jetzt wird sie mich nicht mehr brauchen.“
Ich ging nach Hause und war so wahnsinnig stolz auf mich.
Fühlte mich so erwachsen und mächtig, weil ich jemandem helfen konnte, sich selbst zu ermächtigen und Hilfe zu bekommen.

Zwei Wochen später, hatte ich einen Zettel von ihr im Briefkasten.
„Wenn du mal Zeit hast kannst du mich anrufen“ stand dort in ungelenk-unsicheren Druckbuchstaben mit einer selbstausgedruckten Visitenkarte dazu.
Ich hatte aber keine Zeit.
Und mir war nicht klar, ob es sich um eine Aufforderung oder eine Frage handelte. Ich wollte sie nicht zwischen Tür und Angel- zwischen Termin und Reorientierungsphase drücken, sondern für beides Zeit haben und mich ihr widmen.

Gestern dann lag ein Schreibentwurf von ihr in meinem Briefkasten. Ein offizielles Schreiben an den Heimleiter der Einrichtung, in der ihre Mutter nun lebt, das mich umkippen ließ. Nicht, weil es so schlecht war, sondern weil ich mich wirklich schämte.
Sie kann ganz offensichtlich nicht gut schreiben und lesen. Hat ganz offensichtlich Schwierigkeiten komplexe Zusammenhänge zu erkennen und zu formulieren. Wer weiß, ob sie die Texte, die ich ihr zu lesen empfahl, überhaupt erfassen konnte.

Heute wurde die OECD-Bildungsstudie veröffentlicht, die offenbart, dass jeder sechste deutsche Erwachsene so und so ähnlich gelagerte Probleme hat.

Meine Nachbarin ist so vertraulich, weil ich ihr überlegen bin.
Nicht, weil sie mich wirklich nett findet.
Sie hat sich an mich gewandt, weil ich vermittelte, ich könne diese Texte und Sachverhalte verstehen.
Ich bin beschämt, weil ich ihre Problematik nicht erfasste und so arrogant war, anzunehmen, sie würde mich einfach so nett finden und deshalb Kontakt wollen.
Außerdem bin ich wütend, weil mir nun klar wird, wieso es für sie so aussieht, als könnten ihr alle zuständigen Beratungs- und Hilfestellen nicht helfen: diese Stellen, werden, wie ich, davon ausgegangen sein, dass sie diese Probleme nicht hat und ihr Dinge gesagt bzw. so erklärt haben, als hätte sie die Grundlagen bereits verstanden.

Ich bin wütend auf den Menschen, der sie einen Vertrag hat unterschreiben lassen, ohne ihn ihr zusätzlich mündlich zu erklären mit der Intension, sie begreifen zu lassen. Für sie muss es gewirkt haben, als hätte er bzw. „das Heim“ (ich weiß nicht, mit wem sie dort gesprochen hatte) ihr nur gesagt, wie toll es ihre Mutter haben würde und damit das alles von ihr auch erlaubt ist, müsse sie nur schnell die Unterlagen unterzeichnen.

Sie ist nicht so machtlos, wie es für sie wirkt- sie ist aber nicht in der Lage, ihre Rechte so durchzudrücken, wie andere, weil sie sie nicht ausgedrückt bekommt, was diese Hilflosigkeit auslöst.
Doch selbst dies wiederum auszudrücken, ist für sie offenbar nicht so möglich, dass sie leicht erfasst werden kann.

Ich bin beschämt, weil auch ich dachte: „Naja, sie ist halt ein bisschen einfach gestrickt, ich nehme hier und da mal ein bisschen was raus, vereinfache das, und dann wird das schon.“, anstatt mal 2 Meter weiter zu gehen und zu fragen, ob sie überhaupt eine Sicherheit über die Grundlagen hat. Mich doch noch ein bisschen mehr darüber zu wundern, dass sich ein erwachsener Mensch von bestimmt Ende 50/Anfang 60 , an einen Menschen, der ganz offensichtlich weniger Lebenserfahrung hat, wendet, obwohl schon einige zentrale Anlaufstellen abgeklappert wurden.

Jetzt wird mir klar, wie groß ihr Hilfebedarf tatsächlich ist, damit sie überhaupt ihre Rechte und Wünsche zum Ausdruck bringen kann und durchgesetzt bzw. gewahrt bekommt.
Eigentlich müsste jedes Mal jemand dabei sein, wenn sie Gespräche mit zum Beispiel den Heimmenschen hat.
So lange bis es für sie selbstverständlich ist, sich den Raum und die Zeit zu nehmen, die ihr eigentlich zur Verfügung stehen.

Sie hat das Recht jedes Mal, wenn es um vertragliche Dinge geht; jedes Mal, wenn aufgrund diverser Bestimmungen und Regelungen Probleme für sie im Raum stehen, so lange nachzufragen, bis sie es verstanden hat. Sie hat das Recht darauf zu pochen, dass ihr Dinge noch mal anders erklärt werden.
Sie hat das Recht begreifen zu können.

Und genau dieses Recht wird ihr beschnitten mit dem Anspruch so eine Fähigkeit zum Text- und Zusammenhangverständnis zu besitzen, wie andere Menschen. Er ist unausgesprochen und lediglich in der Form des Textes bzw. der Situation an sich impliziert.

Inzwischen fühle ich mich nicht mehr nur erwachsen mächtig, sondern auch erwachsen verantwortungsbeladen.
Ich weiß es jetzt. Weiß, was da gebraucht ist.
Weiß aber auch, dass ich die falsche Adresse bin.

Weiß eigentlich, dass das nicht meine Verantwortung ist.
Ich weiß aber auch, dass sie sie nicht formuliert bekommt und alle anderen Kackbratzen da auf ihren Amtssesseln diese Verantwortung negieren, mit dem Verweis darauf, dass sie ja erwachsen ist und für sich selbst eintreten muss.

Ich weiß, dass sie sich gedemütigt fühlen wird, wenn ich ihr sage, dass sie sich unbedingt eine/n FürsprecherIn besorgen muss für den Kontakt mit diesen Ämtern und beteiligten Menschen. Mal abgesehen davon, dass ich nicht einmal weiß, wo sie so eine/n FürsprecherIn finden könnte. Eigentlich ja dort, wo sie schon mal war. Doch da müsste ich sie erst mal wieder hinbekommen, nachdem diese Stellen jetzt erst mal die „Bösen“ sind, die ihr nicht helfen…

Es sind nur Buchstaben und Satzzeichen.
Aber sie sind verdammt mächtig.
Nur weil wir, die wir gut lesen und schreiben, sowie Texte inhaltlich verstehen können, dürfen wir ihre Macht nicht unterschätzen.
Es ist eine Macht, die mit Verantwortung einher geht.

Verantwortung, die getragen werden muss.

übers Schweigen schweigen (3)

P1010047Sprache, Sichtbarkeit und Schweigebruch sind Privilegien.
Ich habe nicht mehr viel zu verlieren und die Aussichten auf das, was ich gewinnen kann, rechnen mein Ableben mit ein. Wenn jemand aufhören könnte zu schweigen, dann bin das wohl ich.

Und dann kann ich es nicht, weil Privilegien auch Verantwortungen mit sich ziehen.
Ich schreibe als Betroffene. Schreibe, was andere betroffene Menschen (noch) nicht schreiben (können/ wollen).
Menschen lesen hier und bekommen einen Einblick. Manche basteln sich daraus eine Schablone und versuchen sie auf sich, ihre Mitmenschen oder das Leben zu übertragen.

Manche verstehen meine Sprache auch nicht.
Suchen in dieser Artikelreihe etwas, das mit Absicht gar nicht da ist.
Suchen in mir etwas, das mit Absicht nicht gezeigt ist.
Übergehen das, was sie eigentlich anspringt, weil es das Übliche ist.

Ohne „das Übliche“ als genau das zu sehen, was Schweigen bricht und sichtbar macht.
Übers Schweigen schweigen heißt: Nicht zu sagen, was andere Menschen nicht sagen.

Fortsetzung folgt

warum ich nicht mehr von „Trollen“ und „Hatern“ spreche

Gestern Abend rumpelte es einigermaßen in meiner Twittertimeline.
Für mich war es ein Rumpeln mit Pling am Ende und einem neuen Vorsatz.

Ich werde nicht mehr von „Trollen“ oder „Hatern“ sprechen, wenn ich Menschen meine, die sich mehr oder weniger aggressiv, gewalttätig, „kritisch“ (was nicht meint, sich inhaltlich kritisch zu äußern, oder sachlich fundiert zu kritisieren, sondern den Autor/ die Autorin als Person anzugreifen) oder in beleidigender Form in Blogs, Foren und Kommentarspalten schreiben.
Ich werde von „Menschen, die mittels Internet Gewalt ausüben“ sprechen und schreiben.

In dem Konflikt am Abend ging es um den Vortrag den Jasna Strick bei der Openmind13 in Kassel hielt.
Der Titel lautet „Ihr gehört nur mal ordentlich durchgevögelt- Hate Speech und Victim Blaming nach dem #aufschrei.
Sie macht die Gewalt sichtbar, der sie und viele andere Menschen, die sich Anfang des Jahres durch ihr Engagement für den Hashtag und ihrem Bekanntheitsgrad ausgesetzt waren und bis heute sind. Der Vortrag enthält keine Klarnamen von Akteuren und fasst lediglich gebündelt zusammen, was ihr und anderen Menschen seit einem halben Jahr begegnet.

So weit so gut, wichtig und legitim. Seit einigen Jahren gibt es die Website Hatr.org , die das Gleiche tut und seit einigen wenigen Jahren hat das Thema „virtuelle Gewalt“ auch endlich Platz im Bereich der Präventionsarbeit von Vereinen, nachdem einige Fälle von Gewalt mittels Internet zu Suizid geführt hatten.

Warum hatte es jetzt gerumpelt?
Eine der Personen, die dort zitiert und deren Tweets gezeigt werden, forderte aus dem Video herausgenommen zu werden und ein paar Menschen sprangen auf den Zug der „Rettet die Persönlichkeitsrechte“ an der Seite stehen hat. Plötzlich war das Video im Kanal der Veranstalter auf privat gestellt. Wie es scheint ohne Absprache.
Sich an schiefen Täterschutz erinnert zu fühlen, ist, meiner Meinung nach, legitim. Alle gezeigten Tweets sind öffentlich und für immer lesbar. Immer steht der Nickname des Menschen darüber und ist klar, worum es geht: um Gewalt.
Andere Menschen stellten daraufhin das Video zum Download bereit oder nahmen es in ihren eigenen YouTube-Account. So.

Nach der ganzen Aufregung schaute ich mir erst mal ein anderes interessantes Video der #om13 an. Nämlich den von Anatol Stefanowitsch mit dem Titel „Macht, Meme und Metaphern„, in dem er gegen Ende zur Art kommt, wie wir über das Internet sprechen. Er zeigt auf, dass sich die Sprache darüber in einer Ortsmetaphorik bewegt, die die allgemeine Vorstellung von dem Internet als Ort- als abgeschlossenen Bereich verfestigt.

Die Sprache stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein und öffnet Tür und Tor für verschiedene Fehlannahmen und Haltungen, die gerade in Bezug auf Gewalt fatal sind.
Das Internet ist ein Mittel zur Kommunikation bzw. Informationsaustausch, wie das Telefon auch, nur, dass wir bleibende Inhalte generieren und immer wieder aufrufen können, um zu ergänzen oder zu verändern.
Gleichzeitig ist es aber auch eine Kommunikation, die getrennt von der direkten Begegnung passiert, was ihr einen gewissen Besondersheitsbonus zu kommen lässt.

Und da sind wir an einem Punkt, der mir in dem Vortrag über die „Trolle“ und „Hater“ fehlte bzw. den ich mir deutlicher hervorgehoben gewünscht hätte.
Keiner dieser Kommentare und Tweets passiert nur im Internet. All das, was dort steht, ist für einige Menschen, die übliche Art Gewalt auszuüben. Online, wie offline.
Die einzige Besonderheit, bei dieser Art Gewalt, ist die Nachvollziehbarkeit von Anfang bis Ende.

Auch in der direkten Begegnung passiert so etwas. Und auch dort bleibt in vielen Fällen nur das, was in Bezug auf die Internetkommunikation „Blocken“ genannt wird. Gemeint sind: Hausverbote und gerichtliche Verfügungen, die definieren, wie sich die Menschen noch begegnen dürfen.
Wenn sich der Mensch, gegen den diese Verbote und Regelungen ausgesprochen wurden, nicht daran hält, passiert meistens was? Ein paar Tage Ordnungshaft oder ein Bußgeld.
Wenn der Mensch in der Internetkommunikation Blockierungen umgeht (etwa in dem er sich bis zu 30 neue Accounts erstellt oder einfach auf seiner eigenen Homepage weiter Beleidigungen und Hetze ausübt) passiert was? GAR NICHTS

On- wie offline gibt es eine Ohnmacht, derer die sich schützen wollen. Und oft genug erlebte auch ich selbst, etwa, als ich die Kommentare der Menschen, die mir eine Lust am Vergewaltigtwerden unterstellten oder von der freien Wahl der Kinder die gefilmt werden, wenn man sie (sexuell) misshandelt, zu überzeugen versuchten, samt ihrer Email- und IP-Adressen bei der Polizei meldete, die Ortsmetaphorik, die dazu beitrug, die Gewalt an mir zu verharmlosen oder mir unterzuschieben, ich solle „einfach weggehen aus diesem Internet“. Gesehen? Victim Blaming: „Selber schuld- was gehst du auch dahin?!“.
Das Internet gilt als freier Ort- nicht als Mittel zum Zweck.

Natürlich führte dies in meinem Fall nicht dazu, dass meine Anzeigen nicht aufgenommen wurden- doch unterm Strich passierte das Gleiche, das passiert wäre, wenn ich zur Wache gekommen wäre und Name und Wohnort einer Person angegeben hätte, die in mein Wohnzimmer gepoltert kam und mir das Gleiche gesagt hätte.

Viele Opfer von Partnerschaftsgewalt oder Stalking hören übrigens auch den „hilfreichen Tipp“, ihre Angreifer „einfach nicht mehr in die Wohnung zu lassen“ oder „einfach zu ignorieren“.
Oft sogar dann noch, wenn eine Gewaltschutzanordnung oder gerichtliche Verfügung existiert. Häufig genug versackt die Informationsweitergabe irgendwo zwischen Kenntnisnahme der Polizei und den Handlungsoptionen selbiger im Fall eines Verstoßes.
Am Ende steht ein Opfer wieder grün und blau geprügelt, verbal gedemütigt oder bedroht in seiner Wohnung, während die Polizei den Angreifer entweder nach Hause schickt oder mit zur Wache nimmt und zum Einsatzende noch so etwas sagt wie: „Beim nächsten Mal…“. Das passiert natürlich nicht immer. Auch bei der Polizei gibt es Fortbildungen, von denen manchmal auch etwas hängen bleibt.

Doch es ist nicht genug. Letztlich gibt es immer erst dann eine als „richtig“ wahrgenommene Handlungsoption, wenn körperliche Verletzungen und/ oder Sachbeschädigung angezeigt werden kann.

Die Sicherheit, die sich ein Opfer von Gewalt schon vor Schäden und Verletzungen dieser Art wünscht und braucht, gibt es bis heute nicht ohne eine kräftige Portion „selber schuld“ und „Ignorier das doch einfach“.
Weder in Bezug auf das Internet, noch in Bezug auf die direkte (im Sinne der physischen) Begegnung.

Noch immer wird davon ausgegangen, dass Gewaltanwendung die Folge von Umständen im außen und in direktem Bezug zum Opfer stehend ist. Nicht etwa die Folge von inneren Umständen (Zuständen) und in Bezug auf den Menschen, der die Gewalt ausübt(e), stehend.

Es wird nach Schuld gesucht- nicht nach Verantwortung für Schmerz und/ oder (Sach-) Schäden.
Schuld ist im allgemeinen Verständnis etwas, das mit Buße in irgendeiner Form abgegolten werden kann. Schuld kann wieder los werden.
Verantwortung nicht. Dieser muss man sich stellen. Sein Verhalten reflektieren und verändern, um eine Veränderung der Umstände zu erreichen. Werden TäterInnen zur Verantwortung gezogen, so geht diese heute noch mit einem Schuldbegleichungsakt einher. Nur in wenigen Fällen, werden sie dazu aufgefordert sich selbst oder ihr Verhalten nachhaltig zu verändern, etwa mit einer Psychotherapie.

Es gibt sogar einen Punkt dabei, für den mich evtl. der eine oder andere Verein kritisieren möchte, weil er genau davon profitiert, um seine Arbeit machen zu können.
Es ist Usus, dass manche StraftäterInnen im Falle einer Verurteilung ein Bußgeld an gemeinnützige Vereine oder Opferhilfen zahlen müssen, statt in Haft genommen zu werden oder eine Therapie beginnen zu müssen. Sie dürfen sich von ihrer Schuld freikaufen.
Sie müssen sich nicht ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen.
Sie dürfen weiterhin nicht damit konfrontiert werden, was Gewalt- vielleicht genau die Gewalt, die sie selbst ausgeübt haben- bei den Opfern anrichtet.

In dieser Hinsicht hat das Internet wiederum einen Besonderheitsstatus.
Hier haben wir es mit kraftvollen Gruppendynamiken zu tun. Gewalt erzeugt Gegengewalt.
So bekommt heute so ziemlich jeder Mensch, der im Internet gewalttätig agiert, ebenfalls eine Gewaltkeule ab, sobald das Opfer diese öffentlich macht und es entsteht nichts weiter als Schmerz und Schaden auf allen Seiten. Am Ende geht es soweit, dass der Dialog zwischen den Menschen, die ursprünglich im Konflikt waren, kaum noch möglich ist.

Miteinander Frieden zu schließen und die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, gelingt nicht mehr, ohne etwas zu verlieren. Sei es die Glaubwürdigkeit vor der Peergroup oder Gefühle von Macht. Über das Internet passiert das, was wir in der direkten Begegnung „Lynchmob“ nennen würden, für mein Gefühl weitaus häufiger, als im direkten Bezug.

Jemanden zu kennen, der ein Rückgrat hat und sich seiner Verantwortung nicht entzieht wird absurder- wenn auch logischerweise, wenn man sich unser Miteinander und auch das deutsche Recht ansieht, weniger hoch anerkannt, als jemand der sich mit Fäusten, Fäkalsprache und Ellenbogen „durchsetzt“- ergo: Gewalt anwendet.

Meine Entscheidung nicht mehr von „Trollen“ oder „Hatern“ zu sprechen, setzt genau an dem Punkt an.
Der Begriff des „Trolls“ entmenschlicht und würdigt den Menschen, der da an seinem Computer sitzt und mich verletzt, herab. So fällt es mir unter Umständen leichter zum Mittel der Gegengewalt zu greifen. Mit dieser Sprachführung würde ich tun, was Kriegstreiber, Rassisten, Antisemiten und andere GewalttäterInnen tun, um ihre Gewalt zu rechtfertigen und mir selbst das Erreichen meines Ziels, nämlich (Zu)Frieden(heit) mit meinem eigentlichen Tun erschweren, wenn nicht gar unerreichbar machen.

Als ich hier einer Kritik meiner Person ausgesetzt war, habe ich jemanden geblockt.
Das werde ich auch weiterhin tun- doch nicht durchgängig und für immer. Ich hatte in der Zeit für mich reflektiert, dass ich mich nur deshalb besser und sicherer hier fühle, weil ich jemanden ausgeschlossen habe. Weil ich meine Macht als Administratorin nutzte- weil ich jemanden unterdrücken konnte- weil ich Gewalt angewendet habe.
Das ist nicht die Art, wie ich mit Menschen in Kontakt treten möchte und die ich mir für das Miteinander online wie offline wünsche.

Das heißt nicht, dass ich mich als Adressat für Gewalt zur Verfügung stelle und in Kauf nehme verletzt zu werden. Wenn ich mich schützen möchte, tue ich das. Doch ich werde die Verantwortung dafür übernehmen und Möglichkeiten einräumen zu einem Kompromiss zu finden. Und sei es der, dass man einander ignoriert und in Frieden lässt.

Mein erster Schritt dazu ist, die Gewalt auch offen und klar Gewalt zu nennen und das Internet nicht als Ort oder Raum darzustellen, sondern als eine Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten, die an die Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland gebunden sind.
Es geht mir dabei um den Bereich der Sichtbarkeit.
Das Internet bietet sich als öffentliches Archiv der Sichtbarkeiten an. Alles was digital aufruf- und generierbar ist, gibt es auch analog! Es ist in dieser Sammlung von Texten und Bildern, die wir uns auf den Bildschirm holen, allerdings deutlich sichtbarer und für immer da, was analog geäußerte Worte und Begebenheiten hingegen nicht immer sind.

Gemäß dieser Sichtweise brauchen wir ergo auch keine speziellen „Internetgesetze“, sondern lediglich ein breites Bewusstsein für diese erweiterte Kommunikation bzw. Begegnung von Menschen und eine verbesserte Strafgesetzgebung bzw. Durchsetzung selbiger.
Wir schreiben das Jahr 2013- ich kann mir nicht vorstellen, dass Gesetze, wie das Gewaltschutzgesetz zum Beispiel, nicht auch auf eine technische Ebene übertragen werden und dazu beitragen kann, so, dass nicht die Opfer selbst zu Gewalt ausübenden Menschen werden müssen, in dem sie Menschen in ihren Blogs blockieren, um sich zu schützen (so lange, wie sie das für nötig halten).

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Also nein. Mit „Ignorier sie halt- sind halt Trolle- die sind halt so“, gebe ich mich nicht zufrieden.
Ich will Gewalt weder ignorieren, noch selbst mit Gegengewalt begegnen.
Da es sich anbietet, fange ich mit meiner Sprachführung an. Also bei mir, meinen Wünschen und meiner Verantwortung.

 

Vom Fühlen ins Handeln kommen

Diese Woche wurden Ergebnisse einer sozialwissenschaftlichen Studie der Uni Bielefeld bekannt gegeben. Sie zeigte, dass fast ein Viertel (22,3 Prozent) von Erwachsenen oft oder manchmal geschlagen (28 Prozent davon sind Kinder ab sechs Jahren, etwa 17 Prozent Jugendliche) werden.
Die „
Bild“ hat daraus gleich mal einen Schlachtruf: „Rettet die Kinder“ gemacht und die „Taz“ stürzte sich auf die sozialen Umfelder der Kinder.

Ich saß hier und fragte mich, wieso ausgerechnet der Pharmariese Bayer diese Studie in Auftrag gegeben hat und nicht der Staat selbst. Dieser steht nämlich in der Pflicht die Menschen in diesem Land vor Gewalt zu schützen und sollte, meiner Meinung nach, folgerichtig auch dafür sorgen, dass erlassene Gesetze eingehalten werden. Indem er zum Beispiel eine Umgebung schafft, in dem Kinder zu ihrem Recht auf gewaltfreie Erziehung kommen und dies mittels Studien/ Bevölkerungsumfragen überprüft.

Mehr gibt es nämlich nicht. Nur dieses Recht auf Gewaltfreiheit. Nicht etwa: ein Verbot von Gewalt (an Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und erwachsenen Menschen).

In den letzten Jahren wird immer öfter über Kinder berichtet, die von ihren Eltern getötet, schwer misshandelt und auf verschiedene Arten gequält wurden. Es folgt eine Welle der Empörung, der „Kinderschänder an die Wand“- Rufe und Schimpftiraden auf das zuständige Jugendamt. Dann ist die Story abgenudelt und wir kommen zum Sport, zum Wetter und den Stars.

Immer wieder kommt im Empörungsrausch: „Ja wieso haben die das Kind da nicht rausgeholt?“, „Wieso wird so viel Gewalt gebilligt, bis da endlich mal was passiert?!“, Schlechte Eltern!“.

Ich persönlich, kenne keine schlechten Eltern. Aber viele Menschen, die Eltern wurden und schlecht mit ihren Kindern umgingen, weil sie es nicht „gut“ konnten oder auch nicht wollten.
Diejenigen die es nicht können, profitieren sehr von Hilfestellungen von außen und können die Gewaltspirale verlassen.
Die, die es nicht wollen, wissen entweder, wie sich sich aus dem Radar des Staates herausziehen können oder fallen durch die Raster der Möglichkeiten der Hilfen. Sie fallen erst auf (und werden zur Story), wenn ihre Kinder tot sind.

Ich habe ein gewisses Grundverständnis dafür in großer Emotion die Ratio, Ratio sein zu lassen und die Sache mit dem Weiterdenken auf später zu verschieben. In Bezug auf Gewalt an Kindern hingegen, so denke ich, sollten wir seit den Erfolgen der großen Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts eigentlich langsam mal fertig sein mit dem Emotionswirken allein. Zu der Zeit begann man bereits sein Handeln und Denken zu hinterfragen und bildete die Grundlage für neue Ansätze und Umgänge, die sich bis heute immer wieder neu aufnehmen und mühelos anpassen lassen.

Wir sind soweit, dass wir Gewalt ablehnen.
Aber immer noch nicht soweit, zu gucken, wie man ohne zurecht kommt. Ob nun als Opfer oder als Täter.
Und wir denken immer noch, Heime seien besser für Kinder als ein Leben in einem Umfeld, das ihnen nicht gut tut- aber Chancen zur Veränderung hat!

Meiner Meinung nach, spielt hier mit rein, was ich im Artikel „Heim, Klapse, Knast“ schrieb: „Weggeben ist leichter als Annehmen.“. Doch wem hilft das?

Eine Familie die im Chaos lebt, dessen Spitzen sich an den Kindern entladen, hört nicht auf im Chaos zu leben und Gewaltpotenzial zu nähren, wenn die Kinder da raus sind. Die Eltern lernen keinen anderen Umgang mit ihren Kindern, wenn diese nicht bei ihnen wohnen. Sie können gebildet werden, können sich Wissen aneignen, wie ein gewaltloser und friedfertiger Umgang aussehen kann. Doch an dieser Stelle denke ich, haben wir es mit einem klassischen Fall von: „Bildung hilft- nutzt aber nix.“ zu tun.
Was nützt der beste Vorsatz und das festeste Wissen, wenn die Kinder dann wieder da sind und alle auf einmal Brechdurchfall haben, die Nachbarn auf jedes Mucken aus der Wohnung der „schlechten Eltern“ mit dem Jugendamt drohen (und damit eine Instanz, die Hilfen zu vermitteln verpflichtet ist, zur Waffe machen!) und niemand dann (und zwar genau DANN!) zur Seite steht?

Was geht in den Kindern vor, wenn sie auf einmal in ein Heim sollen?
Es hat sich viel getan in der (Heim- und auch Schul-) Pädagogik und doch ist es eine Massenverwahrungsstelle in der man die Aufmerksamkeit und Nähe zu Erwachsenen nicht nur durch die Anzahl der Geschwister, sondern die Anzahl der Mitbewohner, des Telefons, des Alltagsgetümmels teilen muss, noch während man seine Eltern vermisst, die Umgebung und Gegebenheiten verarbeiten und in sich integrieren muss, was man nach Jahren von Gewalt- und unsicheren/ chaotischen Bindungserfahrungen nur schwer bis gar nicht kann.

Ein Heimkind ist in der Regel einsam.
Alles was mit ihm zu tun hat, ist diffundiert in Behörden, Gesetze, Richtlinien und Konzepte. Für ein Kind ist das eine graue Eminenz, die alles bestimmt, doch nie mit ihm spricht.
Das Umfeld verdient an der Obhut Geld. Zeit und Raum werden zum heiligen Gral der Privilegien.

Wir wissen heute so so so viel mehr darüber was Gewalt für Folgen hat und doch nutzt uns all diese Bildung nichts, wenn wir wieder von solchen Studienergebnissen, der schrecklichen Lebensrealität von Kindern oder Gewaltopfern allgemein stehen.

Mich hat diese Studie nicht überrascht. Sie gleicht unzähligen Studien aus anderen wissenschaftlichen Bereichen und hat für mich lediglich Aktualitätswert. Außerdem halte ich es für eine Frechheit, dass sich Pharmakonzerne auf Kosten der Opfer mit einem „Wir sind sowas von sozial engagiert und nah am Menschen“- Aufkleber bedeckt, gleichzeitig aber an ihrem Leiden verdient, in dem es Psychopharmaka und andere medizinisch relevante Mittel herstellt.

Ich warte auf Lösungen und Handlungen, die solchen Zahlen entgegen wirken.
Ein Zweig davon ist bereits installiert, doch mangelhaft. Das Jugendamt und all seine Möglichkeiten zum Beispiel, Familienberatungsstellen, die dünn gesät und überlaufen sind, sowie das Modell der „
Elternschulen„.

Das Stigma der „schlechten Eltern“, ist durchschlagend und hinderlich.
„Wer ein schlechtes Elter ist, kann ja gar nichts richtig machen. Ist minderwertig/ böse/ schlecht durch und durch, vielleicht nicht ganz dicht und gehört selber auch weggesperrt.“
Wer hört, er sei ein schlechtes Elter, kommt in Anpassungsstress und den Druck es Außenstehenden recht zu machen (nicht es sich und seinen Kindern recht zu machen!). Dabei ist Druck und Stress das Letzte was jemand, der sich in Gewaltorgien Luft macht, noch braucht.
Und welches „schlechte Elter“ geht irgendwo hin und sagt: „Ich brauche Hilfe.“?

Aber welches auch „schlechte Elter“ würde es ablehnen, wenn jemand käme und sowas sagt wie: „Boa, du siehst aber schlecht aus- soll ich mal ein paar Stunden auf die Kinder aufpassen, damit du deine Sachen in Ordnung bringen und dich mal ausschlafen kannst?“- es ist eher das Elter, dass das Leid seiner Kinder wirklich will (und braucht), als das, das echt unterm Zahnfleisch läuft.

Die Annahme, dass jedes Elter das Beste tut, was es eben gerade kann, brauchen wir. Wir alle. Auch wenn wir andere Maßstäbe und Anforderungen an uns selbst haben.
Für die einen Eltern ist der Anspruch seine Kinder von 8 bis 18 Uhr  in Sprache, Sport oder was weiß ich auszubilden- für die Anderen die Kinder grundversorgt zu bekommen, ohne zum Täter an ihnen zu werden.

Ich habe die Schnauze voll davon, dass sich sogar Eltern untereinander ihre Elternschaft zum Wettbewerb machen und das in die ganze Gesellschaft hinaus tragen. Dass so oft und immer wieder die Basis- nämlich das Leben der Kinder selbst- so massiv zur Seite geschoben wird und man sich in Kürschnörkeln rund um „gut“ und „schlecht“ verliert (und dabei dann eben auch abschiebt, statt anzunehmen), nur um seine Angst vor dem Versagen als Eltern zu beruhigen.

Man ist ein Elter sobald man ein Kind gezeugt oder geboren hat. Dann ist man Mensch mit Versorgungsauftrag und Verantwortung über ein Kind. Nicht mehr und nicht weniger. Der Begriff des Versagens über diesen Auftrag allein, reicht nicht um etwas zu verändern.
Zu versagen kann immer passieren- doch das heißt nicht, dass damit immer und in jedem Fall der Auftrag als solcher abzunehmen ist. Er hat erst einmal unterstützt zu werden, vielleicht umkonstruiert zu werden.

Gewalt an Kindern geht weder weg, noch wird sie ungeschehen dadurch, dass man sie in Heimen oder Pflegefamilien unterbringt.
Gewalttäter hören nicht auf Gewalt auszuüben oder zu leben, oder zu phantasieren, wenn sie keine Opfer mehr im Haushalt haben.

Was wir wissen müssen, um Gewalt zu verhindern und zu verwandeln, wissen wir längst.
Es wird Zeit dieses Wissen anzuwenden und zwar mit allen verfügbaren Hilfsstrukturen die wir haben. Und seien es unsere eigenen zwei Hände, die wir helfend hinhalten, wenn wir sie selbst gerade frei haben.

von Gewalt, Vermeidung und Sokrates

“ „Missbrauch ist doch nur Anfassen- geht doch noch“ Aus meiner Kehle kriecht ein krächzender #aufschrei
-„Wo findest du nur immer so einen Mist? Ich bin entsetzt.“

Ein Austausch bei Twitter. Ich fand den Satz in den Kommentaren eines ganz normalen Nachrichtenblogs, der sich in einem Artikel mit dem Thema „sexuelle Misshandlung“ befasste.
Es ist Teil der ganz alltäglichen Debattenkultur im Internet, der ich begegne, seit ich mich auch politisch aktiv mit dem Thema auseinandersetze.

Ich treffe auf Verharmlosung, verbale Gewalt, Leugnung, offenem Anzweifeln am Wahrheitsgehalt der Erlebnisse, die ab und zu geschildert werden. Es ist teilweise eine Hybris der Gewalt, die zum Opfer gewordenen Menschen entgegenschlägt.

Bei manchen denke ich mir, dass es eine gewisse Bildungslücke gibt und auch eine Art „es nicht genau wissen wollen“, also Vermeidungsverhalten.
Etwa bei VerfasserInnen von Sätzen, wie oben. Die Unkenntnis darüber, was der Begriff „sexueller Missbrauch“ eigentlich meint. Tatsächlich kann man anhand des Wortes allein auch keine Herleitung vornehmen- es sagt ja nur etwas von einem falschen Benutzen von Sexualität bzw. ganz eigentlich nur von etwas „Sexuellem“.

Unbildung ist nicht schlimm- dem kann man abhelfen. Dummheit hingegen ist schädlich- und sei es die Dummheit zu glauben, die eigene Unbildung fiele niemandem auf und würde ohne Rückmeldung akzeptiert, wenn sie die Ursache einer Verletzung bei jemandem ist.
Es gibt immer jemanden, der es besser weiß. Und es gibt immer jemanden, von dem man lernen kann, auch ohne bloßgestellt zu werden. Man muss nur bereit, schlau und mutig genug sein, sich dafür zu öffnen. Und sei es vor sich selbst.
Unser StGB ist ausführlich in Bezug auf „sexuellen Missbrauch“, „Nötigung“ und viele spezielle Straftatbestände. Langsam aber stetig öffnen sich zum Opfer gewordene Menschen öffentlich und sprechen oder schreiben über die erlebte Gewalt. Man muss es nur lesen oder zuhören. Und lesen bzw. hören wollen.

Doch das tun leider noch viel zu wenige Menschen, die mit (sexueller) Misshandlung konfrontiert werden. Sei es als selbst betroffener Mensch, noch als peripher betroffener Mensch. Wie schon in einem Artikel geschrieben: ich halte es so, dass jeder, der mindestens mal mit dem Begriff konfrontiert wurde, gleichsam als „betroffen“ gilt, wie der Mensch, der zum Opfer von Gewalt wurde.
Entsprechend meiner Auffassung sind wir also alle alle alle miteinander irgendwie von Gewalt betroffen.

Doch dies von sich zu weisen ist elementar für viele Menschen. Auch gerade für VerfasserInnen solcher und ähnlicher Sätze. Weil ich davon überzeugt bin, dass die größte Antriebskraft zum Handeln von Menschen große Gefühle sind, gehe ich in Bezug auf dieses Verhalten von Angst aus.
Vielleicht einer Art Angst vor Bewusstsein und dessen Auswirkungen auf sich selbst. Dem Bewusstsein von Gefahr, dem Bewusstsein von: Es könnte auch mich (be)treffen. Ich könnte gefordert sein- an mich könnten (zu hohe) Ansprüche gestellt werden- an mich wird Verantwortung heran getragen, der ich nicht entsprechen kann.
Dem Bewusstsein eigener Ohnmachtsgefühle.

Unbewusstsein schützt.
Ich bin oft dankbar dafür, vieles aus meiner Biografie nicht zu wissen. Die Gewalt, der mein Körper und Teile meines Seins ausgesetzt waren, abgespalten zu haben.
Hätte mein Gehirn das nicht gekonnt, wäre ich an einem Schock gestorben. Und damit meine ich nicht den körperlichen Schock. Dissoziation verhindert einen neuronalen Informationsüberflutungsschock.
Deshalb können wir Menschen das. Deshalb tun wir das den ganzen Tag- mal mehr, mal weniger stark. Auch ohne eine dissoziative Störung (die eigentlich den störenden Einfluss der Dissoziation meint) zu entwickeln.

Ich gönne jedem seine Vermeidungsblase. Wirklich jedem. Man kann sie sich schön einrichten und nach außen hin produktiv und gut funktionieren.
Aber sie hat nichts bei anderen Menschen verloren!
Sie braucht auch nicht verleugnet zu werden. Sie ist ein Fakt im Leben jedes Menschen. Niemand ist sich allem gleich bewusst- niemand weiß alles und niemand will alles wissen. Es ist ein Selbstschutz der nötig ist, weil er das eigene Leben auch positiv beeinflusst- und sei es zur Aufrechterhaltung der eigenen Funktionalität.

Doch das heißt nicht, dass es das, was man von sich fernhalten will (und muss) nicht gibt! Das heißt nicht, dass schreckliche Ereignisse nicht passieren.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – Sokrates. Bereits vor vielen tausend Jahren.
Eine Erkenntnis die sich alle Menschen vor Augen halten sollten.
Auch, jene, die ihre Augen festzusammen kneifen und sich einen Holzkasten um ihre Vermeidungsblase zimmern.
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Doch auch zu dieser Erkenntnis kommt man nicht ohne einen gewissen Schmerz. Es ist nötig sich dazu selbst zurück zustellen. Es braucht Demut vor eigener Unfähigkeit. Ein Zugeständnis der eigenen Fehlbarkeit und auch Unzulänglichkeit in Bezug auf die Dinge, die uns begegnen.
Es braucht einfach den Schmerz, der einen überkommt, wenn man feststellt, dass man eben doch nicht immer und in Bezug auf alles „Mensch der Lage“ ist. Eben doch nicht alles kontrollieren kann. Eben doch, in manchen Situationen den Dingen ihren Lauf lassen muss. Umstände und auch Zustände einfach mal so lassen muss, wie sie nun (zu diesem Zeitpunkt) einmal sind- auch wenn es schmerzt, auch wenn es einem im ganzen Körper zappeln lässt, doch aktiv einzugreifen.

Manche Menschen haben ihn noch nicht genug erlebt. Manche erleben ihn nie.
Doch das ist kein Grund für Gewalt gegen andere Menschen, in dem man ihnen ihre von der Vermeidung beeinflussten Sicht der Dinge aufzwingt.

Ich schrieb dem Menschen in der Kommentarspalte einen entsprechenden Auszug aus dem StGB und wies ihn darauf hin, dass er Gewalt ausübte, als er den Kommentar verfasste.
Bis jetzt kam keine Antwort.
Ich rechne auch mit keiner. Ich will keine. Ich brauche keine für mich.
Ich habe dem Menschen gegeben, was er  meiner Meinung nach brauchte. Mehr kann ich nicht tun.
Wenn es ihm geholfen hat ein größeres Bewusstsein zu entwickeln, freue ich mich. Wenn nicht, dann trete ich einen Schritt zurück und tröste mich mit der Vorstellung eines kleinen Risses in seiner Vermeidungsblase.
Ich weiß, dass ich nichts weiß. Auch nicht über diesen Menschen.

eine Portion „selber schuld“

das wird wohl über kurz oder lang, das Einzige, was wir uns noch zu essen auf den Tisch stellen können.

Grund: Ich verstoße derzeit gegen die Eingliederungsvereinbarung mit dem Jobcenter meiner Stadt.
Darin ist festgehalten, dass ich mich für die Abendschule anmelde und die Bestätigung darüber beim Jobcenter abgebe. Wenn ich das nicht tue, soll ich mich dort melden. Schriftlich, telefonisch oder persönlich.

Was mache ich?
Ich bin in meiner Wohnung und tue nichts.

Obwohl- stimmt gar nicht. Ich vergehe in Zukunftsängsten, Zweifeln, Selbstzerstörung. Dissoziiere so vor mich hin, schreibe ab und an an einen Artikel, lese im Internet, bis ich genug Kraft angesammelt habe mit dem Hund rauszugehen und einzukaufen. Auf einem Weg noch im Copyshop vorbei zu gehen und meine letzten Hartzzettel für die komplette Anmeldung an der Abendschule abzugeben, übersteigt meine Kapazitäten. Scham diese Zettel öffentlich zu kopieren, das Gefühl: HA! Jetzt bist du verpflichtet die nächsten 3 Jahre zur Schule zu gehen und ES GUT ZU MACHEN!, schnürt mir die Kehle von links zu- während von rechts der Zug der Alltagsbelastung kommt.

Wir hatten eine Woche lang das jüdische Wochenfest und waren damit eigentlich so schon gut ausgelastet. Dann kam Pfingsten, eine Zeit, die uns Erinnerungen hochspülte und einen Reigen aus Schmerzen und Reorientierung nötig machte. Und jetzt ist wieder Alltag.

Nach der Reise Anfang des Monats habe ich noch 2,92€ auf meinem Konto, meine Muskeln sind übersäuert, weil ich schon wieder zwei Nächte nicht geschlafen habe. Meine Konzentration ist körperlos und immer wieder ist es allein der Hund der mich aus dieser Absorption heraus holt. Der mir zeigt, dass es so etwas wie Zeit und Raum gibt.

Wie soll das in der Schule denn klappen? Und wie soll ich das alles der Sachbearbeiterin beim Jobcenter klar machen? Sie ist wirklich sehr nett und hatte bis jetzt immer viel Verständnis für mich. Aber ich weiß auch, dass sie Vorgaben hat und, dass so eine Eingliederungsvereinbarung bindend ist.
Als wir sie unterschrieben haben, dachte ich auch wirklich, dass ich das alles packen könnte. War so voller Kraft und Tatendrang, dass ich wirklich dachte: „Yes- ja- ich kann das- ich schaff das- jetzt oder nie- Attacke!“

Und jetzt bin ich einfach nur müde. Es arbeitet viel im Innen. Da kommen Konturen zum Vorschein, die mir mehr Einblick in unsere Biographie gewähren und so vieles verstehbar machen. Das ist unglaublich anstrengend. So anstrengend, dass ich sogar froh bin, dass wir nur einmal in der Woche zur Therapie gehen und uns dem widmen und ich den Rest der Woche für mich allein sortieren kann.

Ich weiß, dass ich mich wiederhole. Wir haben dieses Thema schon oft hier im Blog gehabt, doch gelöst ist es noch immer nicht.
Wenn ich mich so schwach fühle wie heute, mich nach einem Flashback wie der letzte Dreck fühle, dann komme ich mir wieder dem Begriff der „Abfallexistenz“ entsprechend vor. Und sofort stehen die Kämpfer hinter mir. Die stolzen Aufrechten, die eine Berufsbezeichnung für sich haben wollen. Die Zukunft zum Frühstück essen wollen.
Diejenigen, die uns mit ihren Kämpfen aber auch unglaublich viel Energie abziehen.
Die Phoenix AG zum Beispiel ist jetzt über 3 Wochen her und wir sind noch immer nicht wirklich wieder zu Hause und „da“ und erholt von den Strapazen und Anstrengungen. Obwohl es nur 4 Stunden Reden, Denken und Zuhören war, obwohl der ganze Ausflug aus unserem Hamsterrad nur 3 Tage lang war.Obwohl nur 3 Innens das gemacht haben.

Nichtschlafen Nichtessen Schmerz aushalten oder einfach nur zerreißendes AAAAAAAAAAAAAAAAAH!
dieser Zerstörungskreisel frisst uns auf und wiederwiederwieder ist dieser Schwächegrad erreicht. Der Punkt, an dem es die Versuchung des Suizids- der eigentlich auch schon mal vom Tisch war- gibt und zum tröstendem Notausgang wird.
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Es ist alles selbst gemacht. Alles die eigene Schuld, die eigene Verantwortung, der man nicht nachkommt. Die eigene Not, die zum Meer wird, in dem man zu ertrinken droht, noch während man verdurstet.
Es geht nicht vor in die Zukunft und auch nicht mehr zurück in die komplette Abgabe von allem. Diese Stasis- dieser Sturm im Wasserglas, das mein Körper ist. Dieses Ertragen, das zum Aushalten wird.
Alles selbst gemacht.

Wir haben in der Therapie gelernt, in solchen Zeiten auf das Geschaffte zu gucken.
Hier mein Geschafftes der letzten Tage: die Buchbesprechung endlich fertig gestellt, die Dreckwäsche zu Tragwäsche verwandelt, staubgesaugt, mit einer Gemögten eine Hunderunde gemacht, Artikel und eine Email an die Frau vom Jobcenter geschrieben.

Wo bleibt jetzt bitte der Knall in dem mir klar wird, dass das schon viel ist? Nach dem mir klar wird, dass ich aufhören DARF mich nicht auch noch mit solchen Kürschnörkeln neben der Lebens- Überlebenspflicht zu belasten?
Wo bleibt der Punkt an dem ich nicht mehr dauernd denke, dass ich selbst schuld bin, wenn es mir einfach nur grottenschlecht geht und das Bett, die Decke überm Kopf, das einfach nur hemmungslose Heulen über meine Lage auch einfach mal okay und erlaubt ist?!

7 Erwachsene

Sie sucht herum und weiß nicht wohin. Sucht das Heute von Gestern und findet nur noch freie Fläche. Ihre Geschichte wird Stück für Stück gefressen von der Karies am Zahn der Zeit.

Stumm ist sie gezwungen zu sehen, dass ihre Schulen und sogar Kindergärten und Heime abgerissen wurden. Es ist nur noch ein leerer Platz, dort wo ihre Worte hallten und in niemandes Kopf zu dringen vermochten.

„Wo ist mein Gesagtes jetzt?“.
Sie steht da und wartet noch immer auf eine Antwort, dreht und wendet ihre Worte wie Steine in ihrem Mund herum. Ab und an beißt sie darauf, um ihre Festigkeit zu prüfen. Sich zu versichern, dass es noch die Gleichen sind wie vor 19 Jahren. Um dem kleinen Herzen, das in ihren Haaren wohnt, sagen zu können, dass sie gewappnet sei, falls doch die Erzieherin wiederkäme und sie nochmal fragte.

Sie steht noch immer an dem mehrschichtig lackiertem Karussell. Versucht zu ergründen, wieviele Farbschichten es bedecken und pult mit ihrem abkauten Fingernagel daran herum. 316455_web_R_K_B_by_mondstein_pixelio.de

„Hier sind wir lang gelaufen. Es war Sommer mit 37°C und sie haben Wasserschläuche hier hingelegt mit Löchern drin. Da konnte man nackig durchlaufen und es war so schön. Es gab Capri- Eis zum Mittag.“

Jetzt ist nichts mehr davon da.
Der Ort an dem die Not aus Versehen sichtbar wurde, existiert nicht mehr.
Es ist, als sei die Chance nun noch endgültiger als damals vergangen.

Das Heute hat das Gestern gefressen.
Was bleibt ist das Mädchen, das erzählte, dass es Monster gibt, die Kinder schlagen und auseinanderreißen.

Das Mädchen, das noch immer da steht und sich fragt, wo sein Gesagtes jetzt ist.

Im Schnitt muss ein (sexuell) misshandeltes Kind, 7 Erwachsene ansprechen, bis es gehört wird