Schlagwort: Trauer

Fundstücke #55

Sie sagt, es sei gut, dass wir keine Angst vor dem Tod haben und seufzt.
Ich beobachte das Geräusch noch eine Weile und denke darüber nach, was es ist, das Menschen Angst vor dem Tod macht. Oder vor anderen Dingen.

Der Tod ist keine Sache. Ich glaube deshalb fällt es mir schwer, mich davor zu fürchten.
Tod macht nichts. Tut nichts. Tod ist einfach. Genau wie das Leben.

Ich habe Angst vor der Zeit, wenn NakNak* tot ist, sage ich ihr. Warum, fragt sie.
Weil andere Menschen davon erfahren werden, antworte ich und spüre, wie mir bei dem Gedanken daran der Oberkörper eng wird.
Sie werden mir Dinge sagen und Trost spenden wollen. Mich angucken und Dinge denken, die sie  nicht aussprechen. Das wird mich stören, nerven, ärgern. Vielleicht wird es mir weh tun. Und daran hindern, mich an das Jetzt nach dem Leben mit NakNak* zu gewöhnen.

Glaubst du nicht, dass du erst trauerst, fragt sie.
Wenn ich mich genug dran gewöhnt habe, ja, antworte ich. Wenn ich mich dran gewöhnt habe, dann werd ich trauern.

Hast du Angst vorm Trauern, fragt sie.
Ja natürlich, antworte ich.

Das ist doch, was weh tut.

drin drin drin

drin drin drin

Zwischendurch denke ich Sätze, die mit “Im Gegensatz zum Rest der Welt, weiß ich…” beginnen und weiß doch, dass ich den Rest der Welt weder kenne, noch dieser irgendetwas mit mir anfangen kann. Ich bestrafe mich für den Gedanken irgendwas zu wissen, denn tatsächlich weiß ich gar nichts. Tatsächlich ist dieser Satz ein Zitat aus einer Serie. Tatsächlich ist dieser Gedanke kein Gedanke, sondern ein durchweichter Fetzen auf der Suppe in meinem Kopf.
Rederest. Gesprächsrand. Plapperschnipsel.

Inzwischen sind die Gefühle bei mir angekommen und ich verstehe, was mich so verwirrt.
Es ist die Abstoßung innerhalb der ultimativ nahen Verschmelzung, die mit der Verletzung durch die Person einher ging. Es ist das “Ich hasse dich/verachte dich/entwerte/demütige dich”, das Abstoßung bedeutet, noch während der An_Griff meine Seele und damit mein Inneres berührt, was eine Verbindung bedeutet.

Es ist, was jedes Geschlagenwerden mit mir gemacht hat. Einerseits spürt man den Hass und andererseits spürt man die Verbindung.
Man kann nicht weg – kann nicht unsichtbar sein, obwohl es der Hass in der Person verlangt und als Botschaft in jede Zelle hineingraviert.

Mir ist aufgefallen, dass ich wieder einen Menschen verloren habe, gerade als es darum geht vor einer ersten Chance zu stehen, die mehr Selbstständigkeit, mehr Wertschätzung unserer Arbeit, mehr Unabhängigkeit für uns ganz greifbar zur Folge haben kann.
Ich frage mich, ob wir etwas reinszeniert haben und wenn ja, was.

“This is not for you.”, fliegt an mir vorbei und kleistert sich zwischen meine Gedanken an einen Rest der Welt, der irgendwo dort draußen ist und noch viele weitere Menschen für mich enthalten könnte.
Mein Warten ist eine Wiederholung. Ich stehe hier wie damals mit meinem Rucksack in der Hand und  dem Weh im Inmitten und warte darauf, dass mein Ummichherum bemerkt, dass ich zu gehen im Begriff bin. Für immer und ohne Wiederkehr auf dem Weg zu etwas von dem ich nur weiß, wie es nie wieder werden soll.

“Ich werde dich nie wieder in mein Leben lassen”, überlege ich hinauszustoßen und hinterlasse bereits damit einen nicht revidierbaren Abdruck in mir drin.

Gewalt ist eine Spirale und ich bin mittendrin drin drin drin

vergangen sein

vergangen sein

“Mein Geschwist hatte Geburtstag.”. “Oh”, antwortet sie.
Das “Ja” aus meinem Mund knallt wie ein Korken aus meinem Gesicht heraus und wird von einem Schwall Tränen von mir weggetragen.
Ein Schwall, der eigentlich nur zwei drei Tropfen groß ist und doch so viel mehr als nur zwei drei Tropfen ist.

“Es ist das ganze Paket.”, denke ich, während ich ein Taschentuch ausschüttle. “Es ist, dass ich mit allem, was ich äußere, alles miterwähnen und vordefinieren soll, damit Menschen sich erlauben, mich nicht negativ oder dumm wahrzunehmen. Damit sie mir glauben, dass ich sie nicht angreifen will. Damit sie mir erlauben zu sein, wer ich bin. Damit sie mir zugestehen, dass meine Worte einfach nur meine Worte sind, die nichts weiter wollen und sollen und müssen, als das, was sie sagen.
Es ist die Idee von mir, ein Mensch zu sein, der fordert statt zu brauchen. Der befiehlt, statt zu bitten. Es ist die Ignoranz meiner Bedürftigkeit und das Abtun der Not, die daraus entstehend immer enger in mein Er_Leben gewoben wird.
Es ist, dass mir niemand glaubt, wie längst tot ich bin.”.

“Aber ist schon okay.”, sage ich. “Es war nur kurz so… naja. Weißt?”.
Vor meinem Sein klafft ein Loch in eine Tiefe hinunter, die ich nicht überblicken kann. An den Rändern fasert es und es ist kalt.
“Hm, ja. Bestimmt schwierig.”. Ihre Stimme treibt wie eine Seerose auf einem nachtschwarzen Wasser an mir vorbei und findet ein Ende.

Während ich durch die Dunkelheit laufe, wärme ich mich an meinem Gedenken an ein Geschwist, das ich viel zu wenig kennenlernen konnte und vielleicht niemals mehr kennenlernen werde.  “Mein Geschwist hatte Geburtstag”, denke ich und halte meine Fingerspitzen über die Idee von einem erwachsenen Menschen, der ein Stück Kuchen isst und über das Bewusstsein des eigenen am Leben seins lächelt, “und ich bin nicht mehr da.”.

Niemand glaubt, die Vergangenen könnten ebenso trauern, wie die Verbliebenen.

und dann, aber … und …

Verstehen3In 3 Tagen, da halte ich einen Vortrag und in 4 Tagen, da hab ich Therapie.
In einer Stunde spreche ich mit neuen Menschen über die Anforderungen an Hundesitter_Innen, die NakNak* mitbringt, weil sich plötzlich doch eine Möglichkeit ergibt, dass wir zum Inklusionskongress fahren können.
Kurz nach der Fahrt in 6 Tagen zu den Menschen und dem Konzert in Berlin, auf das ich mich schon so lange freue. Und mein Innenleben in weiten Teilen auch.

Ich bin so froh, dass ich mich nicht so viel ertragen muss und gleichzeitig merke ich, dass ich auf Felgen fahre.
Mit Vollgas einen Berg runter.

Aber…

Vor einem Jahr, da hätte ich mir so ein Programm gewünscht.
Und jetzt bin ich in Trauer, bin ich im Umbruch, reiße ich an mir herum und habe einen Tagesablauf, der einen unaufhörlichen Schaffensstrom darstellt und nur von Hunderunden, Twitter- und Candy Crushpausen unterbrochen wird.
Und von Schlaf. Wenn ich denn schlafe.

Manchmal schreibe ich auch Briefe und Emails, die ich dann doch nie wegschicke, weil sie mir falsch und übergriffig oder jammernd und über-fordernd klingen.

Viel hat sich in den 3 Tagen Lübeck hochgedrückt und bahnt sich seinen kantigen Rundweg am Tagesdenken entlang.

Ich habe gerade meine Vortragsvorbereitung unterbrochen, weil mein Kopfinneres nicht damit aufhört, mir von schräg hinten links nach vorne reinzurufen: “Mach’s nicht so übernormal – erheb’s nicht so – es sind übliche Muster – denk an S. und H. “
und dann denke ich an S. und H. und erinnere mich an die Angst, die sich inzwischen aufgebaut hat, sie irgendwann nochmal zu sehen.  Trauer und Angst – ich bin doch echt gestört.

Und dann denke ich an die Angst, die ich vor dem Wieder-sehen anderer Menschen habe.
Nächstes Jahr im Februar. Oder wann anders.

Und dann muss ich aufhören irgendwas vorzubereiten, weil ich steif geworfen bin und meine Hand die zwölfte Seite “mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm” angefangen hat, ohne dass ich es merkte.

Morgen, da treffe ich unsere neue gesetzliche Betreuerin.
Hurra hurra – Mai Juni Juli August September Oktober November. Just for the record.
Nein, ich hab’s nicht auch toll alleine hingekriegt.

Ich will meine “Akte” und meine Ordner mitnehmen und weiß nicht einmal, ob ich das tragen kann. Und ganz eigentlich habe ich schon längst vergessen, was ich eigentlich brauche. Oder verdrängt oder verdisst. Oder ach, vergessen, es nicht zu vergessen und dann doch vergessen. Wie das so ist.
Zum Glück bin ich ja nicht ganz dicht und irgendwo liegt eine Liste herum. Selbst wenn meine Welt kokelt und flammt, tropfen noch regelmäßig Listen aus mir raus.

Morgen Abend da hören wir eine Lesung und vielleicht gibt’s Kuchen.
Jetzt gleich gibt’s auch Kuchen. Hoffentlich. Immerhin ist der Treffpunkt für das Hundesitter_Innencasting ein Café und es ist Sonntag und 15 Uhr ist Kaffee- und Kuchenzeit.
Kartoffelkultur galore.

Und jetzt ich denke an Chanukka.
Das ist ja auch bald.

Ein bisschen mehr Licht.
Ich glaub, das fänd ich sehr schön.

Füße, Flucht und Mammuts

“Man legt den Toten ein Tuch übers Gesicht. Ist das nicht komisch?”

Der Morgen ist diesig. Kalt. Feucht.
Ich bedecke meine Füße mit warmen Handtüchern. Warte darauf, dass es weh tut.

Ich war weg in der Nacht und irgendwo, auf dem Weg über Stock und Stein, hat das Innen auf der Flucht meine Füße verloren.

“Menschen und Trauer, das ist so eine Mischung.”.
Der Wasserkocher klickt.
Ich beherrsche mich und warte.

Schütte das Wasser auf die anderen Handtücher.
Warte.
Tausche sie aus.

Meine Füße sind tiefrot und schwarze Trauerränder krönen meine Zehen.

Es klingt so lustig, wenn ich auf Twitter darüber sinniere, dass es Mammuts braucht, um meine Nachbarn, nein die Geräusche meiner Nachbarn, fernzuhalten.
Tatsächlich wäre ein Mammut auch gut, um die Wohnungstür abzudichten.

Vielleicht würde es die Angst, das Kippen in die Panik- vielleicht das Fallen ins “Weg weg weg!” – stoppen.

Ich lege mir einen Fuß in den Schoß und streiche das kribbelnde Stechen, das durch die Haut nach außen zu drängen versucht, weg.

NakNak* liegt in ihrem Körbchen und beobachtet mich.

“Weißt du, wie das heißt?”, frage ich sie. “Dissoziative Fugue, könnte man das nennen. Füüüügk. Nur französischer gesagt.”. Zum Glück weiß der Hund, dass ich kein Französisch spreche.
Vieles wäre sonst peinlicher.

“Man könnte aber auch sagen, dass ich zu dämlich bin, meine Wohnung so einzurichten, dass mein Bett irgendwo steht, dass ich den Sex der Nachbarn nicht mehr so höre.”.
Ich lege den Fuß ab und nehme den anderen hoch.
Massiere und erinnere mich an den Tod.

Ich bin auf eine tote Amsel getreten.
Vielleicht 5 – 6 Kilometer von meiner Wohnung entfernt.

Mit dem zerknüllten Taschentuch aus meiner Schlafanzughose, habe ich ihr Gesicht bedeckt.
Und dann bin ich zurück nach Hause gegangen.

ein weiterer Faden

Ich habe heute morgen gemerkt, dass ich gerade das 16-17-fast 18 jährige in mir betrauere und bemitleide. Nicht, weil es so lange in einer Klinik sein musste, sondern weshalb es dort sein musste.

Als ich meinen Artikel über die Wahl zum Suizid geschrieben habe, gab es einen Kommentar,  den ich nicht freischaltete, weil er mich angebrüllt hatte. Da ging es darum, was man denn meiner Ansicht nach machen sollte, wenn sich jemand suizidieren will und man damit konfrontiert ist (die von mir aufgeführten Vorschläge zählten offenbar nicht als Idee)
Heute würde ich antworten, dass man Menschen auch Gründe und Perspektiven für ein Leben geben
und dafür sorgen muss, dass sie diese Perspektiven auch verfolgen können, wenn man von ihnen zu leben verlangt. Ansonsten ist der Anspruch an suizidale Menschen, gefälligst am Leben zu bleiben, nichts weiter als ein reaktionärer, egoistischer Kackscheißanspruchhaufen, der nichts mit dem suizidalen Menschen zu tun hat.

Als ich Ende 2002 in diese Kinder- und Jugendpsychiatrie kam, hatte ich keinen Sinn frei für solche Dinge und auch das hatte Gründe, die ich bis heute gut nachvollziehen kann. Selbst heute habe ich in ähnlichgleichen Lagen noch immer eher Suizidgedanken, -pläne, -ideen , als die Selbst-Sicherheit und die Möglichkeit mich allein zum Weiterleben zu befähigen.
Dass Leben so wahnsinnig viel mit Befähigungen zu tun hat, die weit mehr als kognitive oder körperliche oder auch soziale Fähigkeiten, die man auf irgendeine Weise erlernen kann, meint, habe ich durch diese Reise und die Gespräche mit der Kliniktherapeutin und auch der Klinikschulenlehrerin aus der Zeit, einmal mehr verstanden.

Zu der Zeit _konnte_ ich nur noch nicht leben wollen.
Mir sind einige Situationen gefallen, in denen ich mich heute “reaktives Hörnchen” nenne. Oder “flattrig zittriges Espenblatt”.
Ich hatte ja keine Ahnung von Traumafolgen, von Stressphysiologie und der Mechanik des Grauens.
Wenn man 16 ist, dann ist man genau in dem Stück Entwicklung, in dem Geister als Unfug markiert sind – der Lauf der Dinge aber, vor allem an sich selbst, so voller Zauber, Magie, ungreifbarer Wunder ist, dass das eigene Wachsen und Erkennen nicht nur auf der sozialen Ebene absorbierend sein kann.

Ich hatte keine Worte dafür, weil ich dissoziierte, was da in mir waltet. Damals habe ich von einem Tag vielleicht 5 bis 10 % bewusst aufgenommen und vielleicht 1% als Idee von dem Hauch einer Ahnung der Essenz des Lebens als Lauf der Dinge, aktiv in mir gehalten. Ich war von Angst absorbiert und bin es bis heute in gewissem Maß.
Heute kenne ich die Graustufen meiner Angst – ich habe eine Skala von Panik & Knock out bis Unruhe & Anpfiff zum Vermeidungstanz.
Die Skala damals war von […Wortlos…] bis Tavor/Fixierung/Paniksymptome.

Sogar die Medikamente kann ich jetzt mehr als Hilfe stehen lassen.
Nach dem, was ich von den jugendlich kindlichen Innens hinter mir aus dem Gestern ins Heute schwingen fühlte, müssen sie sich oft als eine Insel dargestellt haben, was mir wiederum die Benzodiazepinabhängigkeit als junge Erwachsene noch besser erklärt.
Wenn es nichts und niemanden auf der Welt gibt, außer eine chemische Reaktion, die zum Atmen und Wahrnehmen befähigt, wie es “alle” verlangen – tja, dann eben chemische Reaktion und das Gefühl “alle” zu belügen in Sachen “sich keinen Schaden zufügen”.

“Die Umstände, in denen ich leben musste, waren oft lebensfeindlich.”
Das ist mir als Gedanke auch gekommen und erklärt mir die Selbst-Bilder einer Assel, einer Kakerlake, eines grüngesichtigen Mutanten unter einzelnen jugendlichen Innens. Auch da wieder: eigentlich wussten und wissen sie: “Ich bin ein Mensch” –  sie wussten und wissen aber auch: “Was ich damals zu leben – zu überleben gezwungen wurde, hatte nichts menschenwürdiges, nichts menschliches – erfordert aber bis heute zum Teil noch Fähigkeiten, die nicht mit Menschlichkeit benannt werden”.
Es bestärkt mich noch einmal mehr darin meine Armut auch Armut zu nennen. Diese Lebensumstände, in denen es eben doch noch existenzielle Angst und globales Ausgeliefertsein ganz real greifbar immer wieder gibt, nicht zu relativieren, weil irgendjemand anderes eine andere Sicht darauf hat. Es bestärkt mich in meiner eigenen Einschätzung über mein Leiden und auch Leben. Wenn ich es als furchtbar wahrnehme, dann ist es furchtbar. Wenn ich das Gefühl habe, es ist unaushaltbar, dann halte ich es nicht aus.

Ich erinnerte mich daran, wie es nach der Entlassung aus der Klinik dort war und ich umgeben von Menschen, die Forderungen an mich stellten, denen ich nicht gerecht werden _konnte_. Wie das war, als es plötzlich hieß, ich würde hysterische Rollenspiele abziehen, um betüddelt zu werden. Als “alle Welt” (und ja, so eine Welt kann auch nur eine kleine Kreisklapsenstation umfassen, wenn sich sonst niemand mehr nach einem erkundigt und die Welt hinter dem Klinikzaun endet) dachte, ich würde es nie raus schaffen. Als “alle” davon ausgingen, ich würde nie 19 Jahre alt werden.
Ich hatte mich in zurück in das reaktive Hörnchen verwandelt, das die Zeit vor dem langen Klinikaufenthalt so gut überstanden hatte.

Klar, brauchte es Jahre zu glauben, dass ich mich auch als Mensch wahrnehmen darf. Klar, habe ich mich an Menschen gehängt, die mir ihre Selbstzerstörung als selbstverständlich heldinnenhaft vorlebten und bis heute anderen hilflosen, verzweifelten Menschen vorleben. Klar, habe ich jahrelang versucht in Arbeit, Leben und Leben lassen zu kommen, wie es die Gesellschaft ™ verlangt.
Obwohl diese mein Fehlen nicht merken würde, wie sie das Fehlen aller, die ohne Stimme sind, nicht bemerkt.
Selbstverständlich verzweifle ich regelmäßig daran, dass Forderungen an mich gestellt werden, die eine Veränderung an oder in mir meinen und negieren, dass ich auch in Reaktion auf Dinge, die um mich herum verändert werden müssten, lebe.
War doch die Erkenntnis auf etwas zu reagieren so ein wichtiger Schritt zu verstehen, was mit mir passiert.

Das ist die Wahl, die die Menschen treffen, die mit mir zu tun haben.
Entweder erkennen sie die Mechanik des Grauens in mir an und sehen meine Reaktionen [das Symptomcluster das letztlich dann DIS heißt] oder bleiben bei einer Sicht auf mich, die einzig das Außen umfasst und implizieren einen Plan, einen Willen, eine Absicht.
Manche Menschen sind vielleicht auch mutig und trauen mir je nach Situation beides zu. Lassen beides in meinem Leben und meiner Er-Lebensrealität einen Platz haben und erkennen an, dass uns nicht sehr viel unterscheidet.

Ich bin traurig darüber, dass ich, die heute jungen Innens, damals so wahnsinnig viel Angst hatten und haben mussten, obwohl wir uns in relativer Sicherheit befunden haben.
Ich bin traurig darüber, dass ich eine Bewertungsdynamik von außen erst jetzt in mir merke. Nämlich, dass ich selbst so oft zwischen HelferInnen*seite und Seite derer, die Hilfe brauchen oder erbitten, trenne und auch werte.

So drücke ich auch deshalb den Wert meiner Arbeiten und verlange weder aktiv Honorare noch bestehe ich auf angemessene Beiträge zur Unterstützung, weil ich ja nur veröffentliche, was in meinem stinkenden Höllenloch des “Inmitten von mir” gereift ist und raus muss. Ich habe ja nichts gelernt, bin ja nur aus Versehen überhaupt noch da.

Zum ersten Mal bin ich auch traurig darüber, dass ich mich selbst noch immer so sehr hasse, widerlich finde und bis heute über Platz im Herzen anderer Menschen wundere, weil ich etwas anderes noch immer nicht _kann_ – obwohl ich inzwischen auch keine Gesten, die etwas mit Wertschätzung meiner Arbeit oder auch meiner Person zu tun haben, ablehne, weil ich sie zu (er)tragen gelernt habe.

Ich bin traurig, dass ich erst jetzt auch merke: mein Selbsthass war nie die Entscheidung, die mir unterstellt wurde mit jedem: “Du musst dich einfach mal toll finden- geh doch mal raus- der erste Freund macht das alles gut- du musst dich mal zurecht machen, dann siehst du wie schön du bist – du musst nur mal glauben, was andere Positives über dich sagen”.
Mein Selbsthass ist genauso sehr auch Reaktion auf den Hass, der in mich eingebracht wurde, wie eingeschliffenes Muster der Selbstbetrachtung.

Es ist traurig und bitter, Hass als Motiv neben Erklärungen wie “hat eben auf etwas Falsches von mir reagiert” , “ich bin eben…”, “ich hätte halt…”, “er/sie/* ist ein kranker Mensch, deshalb….”, “er/sie/* wusste es nicht besser…”, “er/sie/* hatte ja auch keine andere Wahl…”, “er/sie/* ist SadistIn* und deshalb…” und so viele mehr, die wie ein Karussell in mir herumkreiseln, zu stellen.

„Es ist okay zu trauern“, denke ich.
Und starre mich gleichzeitig fassungslos an.

„… dass ich sowas _kann_ …“

wo ich schon mal dabei bin…

“Das tut weh, ne?”. Sie lässt die Frage in mir aufsteigen, wie einen Drachen an der Schnur und hört sich mein grollendes Wutschnauben an, das sich hinter einem Klumpen Wortmasse gesammelt hat. “Es gibt einfach Menschen, die immer deine Punkte treffen wollen…”.

Ich drehe den Kopf weg.
Nein, ich will keine Erklärungen mehr dafür hören, warum mich Menschen verletzen. Ich will nicht mehr verstehen. Ich will nicht mehr durchatmen und schweigen, damit alle und alles so tun können, als wäre es kein Ding auf mir und meinen Grenzen herumzutreten. Es ist mir egal, welchen Anlass dieser Akt an mir hatte.

“K.?”.
– ”Was?”
”Wenn du weinen musst, ist das okay.”

Ich könnt ja ausrasten über sowas.
Aber bei ihr ist das was Anderes.
Ich brauche ihr nicht sagen, dass ich gerade wie der Wolf vor der Steinhütte der drei kleinen Schweinchen puste und puste, schnaube und schiebe, um in Worte und Rahmen hineinzufallen. Sie kennt meinen Anspruch an mich selbst. Weiß, in welche Kandaren ich mich gezurrt habe, seit es hieß, ich wäre immer* so aggressiv.
Ich will nicht weinen, weil ich diesen Triumph missgönne.

Weinen, das ist für mich wie eine Antiteilnahmeurkunde an den olympischen Spielen, die für andere Menschen der Alltag sind.
Das ist nicht “Schwäche” oder “Ausdruck von Verletzung”. Das ist “Wortkampf aufgeben”.

“Wieso habt ihr eigentlich nur das “Hartz 4 Still – Leben” veröffentlicht und nicht das “Papier_Leben”?”.
Ich höre wie das Scrollrädchen ihrer Maus tickert. Mein Blick folgt einem einzelnen gelben Birkenblatt, das vom Dach des Nachbarhauses heruntergleitet.
“Ich weiß nicht. Gab noch keinen Absturz über “14 Jahre- Akte- Sein”.”. Mein Grollen klirrt seltsam metallisch und schlitzt mir die Kehle von innen auf. “Es ist die Hälfte unseres Lebens.”.

Sie seufzt. “Ach, das ist alles ein Haufen Hundedurchfall!”.
Mein Ohr wird warm von dem Telefonhörer, durch den ich das Knarren ihres Stuhls höre. “Nein, nein- du verstehst das miss, Herzi- ich hab zu hohe Ansprüche! Ich brauche nur ein paar neue Ordner anlegen und alles, was mich hindert wird in seiner Nichtvorhandenheit auch für mich verschwinden.”. Die Säure der Worte ätzt mir die Schnitte im Hals auf. Ich verletze mich selbst mit den Worten von Menschen, die mich verletzen wollen.

Sie dehnt meinen Namen und zwirbelt einen Looping hinein. “Du brauchst dir das nicht annehmen.”.

Ich finde es wichtig, dass es mir weh tut. Ich finde es wichtig, dass sich diese Verletzung genauso einbrennt, wie jedes: “sei nicht frech”- “sei nicht so laut” – “sei nicht so neunmalklug” – “halt die Fresse” – “verpiss dich” – “red nicht so dummes Zeug” – “davon verstehst du nichts” – “du bist das Problem”, in der Vergangenheit.
Sonst finde ich keine Schublade dafür.

“Wie kommt ihr allgemein so zurecht?”.

Ich merke, wie sich mein Gesicht verspannt und die Kanäle um meine Augen herum anschwellen. Ich schaue nach oben und öffne den Mund.
Eine Kugel Heulrotz schiebt sich an meinen Wortwunden im Hals vorbei und bleibt wie Sahneschmelz kleben.
– “Ganz gut.”, ich atme ein und senke den Kopf zurück auf den Schreibtisch, auf dem sich Skizzen, Papier, Schokolade, Taschentücher und Eulenkillefit aneinanderdrängeln. “Wir haben ein Dings am Laufen.”.

”Noch ein Neues oder eins von denen, die ihr parallel habt?”
– “Noch ein Neues. Aber das ist toll.”, versichere ich und steche mir den Zirkel in den Daumen. “Es ist, was gerade noch am wenigsten Versagensangst macht. Und es ist eine Überraschung. Also Scheibenmischer Madame! Eigentlich haben sie noch gar nichts davon gehört!”, ich schicke ihr ein Lächeln durch die kleinen Löcher des Telefonmikrophons und beobachte, wie ein Tropfen aus meinem Kopf in der Fleecedecke auf meinem Schoß verschwindet.

“K.?”
– “Was?”
”Du kannst es loslassen.”
– “Nee.”
”Wieso nicht?”
– “Weil ichs doch sonst vergesse.”
”Was wirst du sonst vergessen?”
– “Dass gut behandelt zu werden nicht meine Entscheidung ist.”

Sie hört mir beim Hereinstottern der Atmenluft und Rausschnoddern meiner Körperflüssigkeiten zu. Das Telefon an meinem Kopf, wird zur Hand, die mich nicht verletzt.
Wir sagen nichts. Hören meinem Körper zu, wie er sich den Druck der letzten Wochen rausspült, Wundränder abschmirgelt und die Auffangbecken leert.

Ich atme tiefer und spüre, wie sich innen etwas zu mir hindreht, von dem ich dachte, dass ich es nie wieder fühlen könnte.
“Es ist dein Recht gut behandelt zu werden, mein Herz”.

Ich lege gleich mal noch eine Tränenflut obendrauf.
Wenn ich schon mal dabei bin…

der “Tochter geboren Tag” meiner Mutter

Rosenwirbelvielleicht war meine Geburt doch ein bisschen wie in “Alien” – immerhin war ich 3 Tage “zu spät” und meine Mutter bekam, glaube ich, Wehenmittel, um mich abzusondern rauszuschieben auszuscheiden zu extrahieren
Vielleicht
mich zu dissoziieren?

Ich hab heute Geburtstag. Meine Mutter hat “Tochter geboren Tag”.

Es gibt diese Geschichte von der alten Frau, die inmitten ihrer Familie am Tisch sitzt und übers ganze Gesicht grinst. Auf die Frage, was sie so glücklich macht, sagt sie: “Ich dachte gerade daran, dass ihr alle irgendwie auf eine Art aus meiner Vagina gekommen seid.”.

In den letzten Wochen, seit dem Artikel über die Menstruation, seit ach seit FRAUENLEBEN as a thing of mine lerne ich, entdecke neu und fange an etwas zu spüren, das weit weit weit darüber hinaus geht, dass ich meine Familie verlassen habe – mich extrahiert und auf eine gewisse Art wieder_selbst_geboren habe.

Ich glaube nicht, dass ich diesen Weg, diese Art Bewusstsein für mich entwickelt hätte, würde ich noch im Schoß meiner Familie* leben.
Aber ich spüre gerade einmal mehr, dass da einfach auch Trauer ist. Nicht nur, dass ich jetzt hier sitze und meine Babymimosen als einzig lebenden Beweis für meine Potenz habe – die Tatsache, dass ich das so wahrnehme und auch noch “Potenz” nenne und eigentlich schon wieder davon zurückzucken will, weil niemand feminine Frauen* mit einem (ur)weiblichen Weiblichkeitsbegriff mag und lieber für abgedreht, übertrieben, unnötig, eingebildet und ach was weiß ich, hält

das macht mich traurig.

Es ist nicht nur, dass jetzt nicht die Tür aufgeht und sich meine Mutter zu mir ins Bett legt und mir von meiner Geburt und ihrem Erleben dessen erzählt.
Es ist nicht nur, dass jetzt nicht die Tür aufgeht und jemand mit einem Yestörtchen mit Kerze drin kommt und mich in den Arm nimmt.

Es ist, weil da etwas fehlt und vielleicht egal, wie mein Leben früher später irgendwann gelaufen wäre, in Bezug auf meine Mutter immer fehlen wird: Verbundenheit

Ja ja wir Menschen sind ja so autark und so tolle Egoinseln. Soziale SelbstversorgerInnen*, die Freiheit für erreicht halten, wenn sie frei von etwas sind und genau nur das haben, was sie gerne wollen.
Wir gebären nicht – das machen alles die Zellen.
Wir produzieren nicht- das machen alles die Arbeitsabläufe.

Wir schweben irgendwo im Nirgendwo und Essen, Schlafen, Ausscheiden und ein bisschen Wohlgefühl, das uns das Zittern aus den kalten Herzen treibt, das ist was uns ausmacht. Der Rest passiert einfach irgendwie so. Hupps! Kann ja alles mal passieren. Und nochmal. Und nochmal. Ist ja kein Drama. Es geht immer weiter. Wunderwerk Schöpfung. Geht irgendwie immer weiter, obwohl wir gar nix damit zu tun haben.

 

Ich hatte als 14 Jährige angefangen zu rauchen, weil meine Mutter raucht.
Die Verbundenheitsgefühle, die ich mir gewünscht hatte, stellten sich nicht ein. Ich erinnere kein einziges Mal, das wir entspannt und positiv belegt zusammen geraucht haben.

Sie hat jetzt ein Haus. Da hat sie ein Beet im Garten. Das kann man sogar bei Google Earth sehen.
Ich hab keine Ahnung, ob sie sich über die Pflanzen und ihr Gedeihen potent vorkommt oder nur denkt, sie wäre ein guter Gärtner (sigh).

Wenn ich mit ihr darüber reden würde… könnte ich es? Ich werde es vermutlich niemals.
Ob sie meine Geburt als einen Akt ihrer Potenz, ihrer Fähigkeiten als Frau wahrgenommen hat?
Ich warte seit Jahren darauf, dass ich ein bestimmtes Gefühl an meinem Geborenwordentag spüre. Eine Art Erinnerung meines Körpers, meiner Zellkerne daran, wie es war, als ich “hübsches Baby- du warst das hübscheste Baby im ganzen Krankenhaus. Du hattest so schöne Haare.” ganz neu, ganz ganz ganz ohne irgendeinen anderen Grund als den EINFACH NUR SO am Leben zu sein, diese Welt berührte.

In meiner Vorstellung ist es ein Vibrieren oder eine Art Druck, der als das Gegenstück zu einem Druck oder Vibrieren in ihrem Körper spürbar ist.
Ich meine… ja alles schief und krumm und schwer und jaaa Gewalt böse ja ja ja – aber es ist auch: ein Mensch, der aus einem anderen Menschen heraus gekommen ist, auch Mutter und Tochter auch Täterin und Opfer auch Macht und Ohnmacht auch potenzierte Kraft, die sich bis zu mir erstreckt hat- in mich hinein, in meine Zellen in mein physisches Dasein.
Ich bin nicht mehr da bei ihr, mit ihr, für sie – aber mich gibt es trotzdem. Ich bin ja trotzdem noch _da_ und hier. Ich existiere nicht kontextlos.

Wir sind trotzdem nicht verbunden.
Wir sind genau jetzt nicht verbunden, obwohl wir uns eigentlich genau jetzt verbinden könnten, um zusammen einfach mal kurz einzuatmen und unserem Dasein und unserer Kraft Raum zu geben. Sie zu würdigen. Einander Wissen, Unwissen, Fragen, Mut und Zweifel zu überreichen.
Wozu sonst sollte man eigentlich überhaupt Geburtstage feiern, wenn nicht dafür, das Wunder des Lebens in all seinen Facetten zu erspüren?

Wir sollten die Mütter an den Geburtstagen ihrer Kinder feiern und nicht am Muttertag, der sowieso by the way ursprünglich ein Tag war, an dem Mütter (Frauen*, die lebende Kinder geboren haben) dagegen demonstrierten, dass ihre Kinder und Ehemänner* in den Krieg ziehen sollten. Wir erinnern uns an die alte Frau oben im Text?

Ich lese gerade ein Buch, das die Vaporisierung – das Verschwinden der Frau aus dem kollektiven Gedächtnis aufgreift. Die Autorin nennt es “patriarchale Amnesie”.
Eine Lektüre, die mir das Gehirn nicht nur anstößt, sondern regelrecht an die Wände knallen lässt, um erlösend dran kaputt zu gehen.
Es tut weh das zu lesen, aber es heilt auch irgendwas in mir. Es macht meine Trauer um die fehlende Verbundenheit zu meiner Mutter und deren Mutter und deren Mutter und deren Mutter und deren Mutter und deren Mutter und deren Mutter und deren Mutter…. legitim und nachvollziehbar.
Es erscheint mir klarer und logischer, wieso mich Menschen fragen, ob Sexualität überhaupt so nötig ist, wie ich das wahrnehme. Oder warum Frauen, die von der großen Göttin sprechen und wissen, wie ihr Menstruationsblut schmeckt, als ganz besonders durchgeknallt und “nicht ganz in der Realität” bezeichnet und dargestellt werden “müssen”. Warum es so verdammt unsicher, schrecklich und nur abratbar ist, eine (feminine Cis)Frau* zu sein, die stolz auf ihre Biologie, ihre Leidenschaft, ihre Kraft, ihre sexuelle Potenz ist und sich weder dafür schämt, noch einen Hehl (im Sinne eines Verkaufs) für andere Menschen daraus macht.

Warum es in unserer Gesellschaft so wichtig sein kann – so existenziell hochnot nötig – die eigene Tochter nicht nur physisch auszuscheiden, sondern auch auf allen anderen Ebenen zum Frei von heits- Begriff zu erziehen.

Ich würde dieses Verstehen, dieses Erkennen und bewusst werden über diese Dinge so gern mit meiner Mutter und ihrer Mutter und deren Mutter und deren Mutter und und und
einem riesengroßen Haufen Frauen und Frauen* durchlaufen.
Ich mag es, wie sich auf politischer Ebene feministisch auseinandergesetzt wird. Wirklich.
Aber 50% Frauen im Bundestag, mehr Väter in Elternzeit und Werbung mit angezogenen Frauen, werden mich nicht mit meiner Mutter und der weiblichen Linie, deren gesamte Kraft ich in mir drin habe verbinden.
Was es erreichen kann ist, dass die Kraft, die ich weitergebe, wenn ich es denn kann und _ kann_ und im letzten Schritt auch will und _will_ einen weniger ausgedorrten Boden zur Entfaltung und Entwicklung vorfindet. Und ich werde dankbar dafür sein. Meine Kinder- unser aller Kinder werden uns dafür so dankbar sein, wie sie es können.

Ich habe heute morgen noch über die Nähe der Worte “Mode” – “Moder” – “modern” nachgedacht und jetzt tröstet es mich irgendwie einmal mehr.
Ja, da ist ein Loch, da ist keine Verbindung, da ist Moder und Rotte von etwas, was hätte sein können. Aber, wie auch die Schreiberin des Buches schreibt: nichts ist bunter als Kompost.

Vielleicht ist die Trauer auch Teil einer Art Verwesung, eine Art geistige Menstruation und ist da, weil sie da sein kann.
Jetzt.
Heute.

Endlich.
Nachdem ich mich daran erinnert hatte, dass ich eigentlich mal besser darin war, meinen Geburtstag unsichtbar zu machen.

Nachher esse ich Kuchen mit einer Gemögten.

Ich glaube, ich schenke meiner Mutter zu ihrem “Tochter geboren Tag” ein Licht an unserem Tisch.
Zum Gedenken.

der Feengarten

Er ist reichlich pink, mein Feengarten.
Zwischen einem Einhorn und zwei zierlichen Feen werden Federnelken und Flammenblumen wachsen. 

Hoffentlich.

Auf meiner Fensterbank steht außerdem noch ein Plastikgewächshaus mit frisch gesäten Mimosensamen.

Ich bin ein Pflanzenhospiz.
Eigentlich.

Aber vielleicht habe ich mich verändert in den letzten Jahren.
Vielleicht kann doch etwas Gutes, Schönes, Lebendiges von mir ausgehen.

Nach der letzten Therapiestunde ging ich nach Hause und starrte das Gesicht im Spiegel an.
Es ist gewachsen in den letzten zwei Monaten, dellig und irgendwie ölig.
Auch wenn die Verbindung problematisch ist: Ich neige zu Kummerspeck genauso wie zum weniger werden, wenn es mir nicht gut geht. Ist halt so.
Bei mir.

Die Klappe zu halten, bei mir zu bleiben mit dem was mich verletzt, tut mir nicht gut. Ist aber sozialkonform. Und sowieso, was andere von mir wollen.
“Sie wollten den Kontakt doch sowieso beenden…”
Ja, “beenden” – Nicht: “nach einer Aktion, die mich retraumatisiert hat ohne eine ordentliche Klärung (und Ent-Schuld-igung) zerfetzen lassen und dann unbewortet im Nirwana der Ignoranz und Selbstgefälligkeit verschwinden lassen”

Wenn andere Menschen mir vermitteln, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, obwohl eigentlich nur ein gegenseitiges Verständnisproblem da ist, dann ist das auch kein “Kontakt beendet”. Dann ist das: “Ich will nicht mit dir sein. Warum wieso weshalb- nein dieses Verständnis kriegst du nicht von mir erreicht. Geh weg. Ohne Diskussion.”.

Dran bleiben wäre Gewalt. Sich weiter der Hoffnung hingeben, da käme vielleicht doch noch was, sinnlos.

Aber egal.
Macht mal- ich komm klar- Hauptsache euch gehts gut. Hauptsache, ihr fühlt euch bestätigt von weiß G’tt wem oder was. Mir egal.

Nicht.
mampfEgalmampf

Ich hatte am Nachmittag des Therapietages einen Termin beim Betreuungsgericht.
Eine nette Frau erstellte einen Sozialbericht über mich. Uns.

“Und XY unterstützt Sie nicht mehr”, der Kuli glitt zwischen den engen Linien des Vordrucks, “Könnten Ihre Eltern die Betreuung übernehmen? Geschwister?”.

Von jetzt auf gleich wollte ich weinen. Ich setzte dazu an. Alle Kanäle in meinem Gesicht füllten sich. Es wurde eng. Drückte.
Ich atmete die Sachlichkeit der Situation ein und schüttelte ohne Worte den Kopf.

Sie fragte, ob die Gewalt, die meiner “Erkrankung” zu Grunde liegt, mit der Familie zu tun hat.
Ich nickte. Ließ meinen Blick über ihre Ordner schweben.

Draußen knallte es.
Einmal.

Sie fragte, ob es bei der Strafanzeige, von der im Anregungsbogen die Rede ist, darum ginge.

Es knallte draußen.
Ich nickte.

Ein letzter Knall. Ein Kind ließ Luftballons platzen.
“Ist aber schon zu spät jetzt. Für eine Strafanzeige. Ich hatte gedacht, es ginge schneller mit der Betreuung.”.

mampfEgalmampf
Ich habe genug über Strafanzeigen nachgedacht. Ich kann nichts tun und das soll so.

Gestern bin ich mit NakNak* Rad gefahren.
Ich war den ganzen Tag draußen.
Draußen draußen.
Nicht nur: “nicht im Käfig” sondern: “nicht in der Wohnung”.
Der Heuschnupfen macht mich fertig. Die Hitze. Mein Körpergewicht.
In der Therapie ergänzte ich den Begriff des “Hunger”s mit “ich merke meinen Bauch”.

Ich kann ihn im Moment nicht gut ertragen meinen Körper.
Er ist nicht selbst gemacht.
Meine Kontrolle über ihn ist begrenzt.
Ich sehe aus wie die Mutterfrau, als sie eine Krankheitsspitze hatte.
Aufgedunsen.
Bemitleidenswert und abstoßend gleichzeitig.
Für manche Menschen.

Der Fahrtwind war schön.
NakNak* direkt neben mir laufen zu sehen war schön.

Ich habe einen Johannisbeerenstrauch gefunden und ein paar reife Beeren gepflückt.
Bin in einem Bach herumgewatet und dachte ans Meer.

Ich dachte an meine Geschwister. An Verlassenheit.
An Strafanzeigen. An die Therapiestunde.
An das, was ich sagen willwollte und dann doch lieber neben meiner Kehle verstaue und mit jedem geschluckten Bissen weiter ins Nirgendwo presse.

Heute morgen dachte ich, dass ich etwas Schönes möchte.
Fühlen möchte.
Vielleicht auch erschaffen möchte.

Ich dachte daran, dass mein Körper nun 28 Jahre alt wird und ich gerne bald jemanden finden würde, der mit mir sein Leben teilen möchte.
Jemand, der mit mir eine Familie mit Kindern drin gründen möchte. Jemand, den ich aushalten kann.

Dann lachte ich mich aus.
Weil ich mich selbst kaum aushalten kann.

Ich erlebe mich paradox, zerfleddert, durcheinander.
Widersprüchlich.
Hässlich. Irgendwie noch tiefergehend abstoßend.
Und irgendwie denke ich, dass es allen anderen Menschen auf dieser Welt auch so gehen muss mit mir.
Logischerweise.

Gewaltfolgenlogischerweise.

Heute morgen fuhr ich in die Stadt.

Ich säte Samen in einen Feengarten.

 

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