Schlagwort: rituelle Gewalt

Gastbeitrag: „Alles Verschwörungstheorie? Plädoyer für solide Information zwischen zwei Extremen“

Transparenzhinweis:
2017 haben wir ein Interview mit Claudia Fischer zum Infoportal Rituelle Gewalt aufgenommen. 
Wir arbeiten am Infoportal mit.

 

Eine gemeinsame Stellungnahme von der Emanuelstiftung (Bonn), von Lichtstrahlen Oldenburg e.V. und Mosaik gegen Gewalt e.V., Bielefeld. Alle drei betreiben das Infoportal Rituelle Gewalt. (Veröffentlicht am 18.4.2020)

Die öffentliche Diskussion um das Thema Rituelle bzw. organisierte sexualisierte Gewalt bewegt sich seit längerem in einem Umfeld, in dem

  • auf der einen Seite verschiedenste „Weltverschwörungs“-Narrative Verbreitung finden, die die Ausbeutung von Kindern durch pädokriminelle Täter*innen mit irgendwelchen „weltumspannenden Netzwerken“ verbinden und häufig noch mit anderen kruden, zum Teil sogar antisemitischen oder rechtsextremen Thesen oder Fantasien kombinieren, wobei der Boden jeder nüchternen, sachlichen Betrachtung längst verlassen wurde.
  • Auf der anderen Seite leugnen manche Einzelpersonen und Institutionen immer noch rundweg, dass es in Deutschland, Europa oder weltweit überhaupt zu solch schweren Straftaten kommt, wie Überlebende von organisierter Ritueller Gewalt sie berichten. Hier wird häufig argumentiert, das sei „alles nur von gut vernetzten Therapeut*innen eingeredet“ – eine nicht minder absurde Verschwörungsphantasie.

Beide Unwahrheiten enthalten, wie so oft, wahre Elemente: Natürlich kommt es in Einzelfällen vor, dass Menschen unter dem Einfluss unseriös arbeitender Therapeutinnen zu fehlerhaften Erinnerungen gelangen. Gleichzeitig ist auch immer wieder festzustellen, dass Täterinnen in diesem Bereich der Kriminalität sehr gut miteinander vernetzt sind und zudem individuell relevante gesellschaftliche Positionen einnehmen.

Wer daraus Pauschalaussagen bastelt, kommt aber zwangsläufig zu einer pauschalen Verdrängung oder Übertreibung. Richtig ist nach unseren jahrelangen Recherchen und Erfahrungen:

Weder haben es alle diejenigen, die sich als Betroffene zu erkennen geben, mit unfähigen/böswilligen Therapeut*innen zu tun (viele haben nicht zuletzt bereits Erinnerungen an traumatisch Erlebtes, bevor sie eine Psychotherapie beginnen), noch steht hinter dem, was da an Verbrechen immer wieder in sehr plausibler Form geschildert wird, logischerweise eine einzige große „Weltverschwörung“.

Beide Extreme werden der Realität, bzw. dem, was inzwischen an wissenschaftlichen und empirischen/klinischen Befunden zum Thema existiert, nicht gerecht. Sie führen schlicht zur Desinformation und schaden denen, die wir schützen müssen – nämlich denjenigen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die tatsächlich in schwer zu ertragender und schwer zu vermittelnder Form ausgebeutet und misshandelt werden.

Das eine Extrem: Weltverschwörung
Seit Jahren beobachten wir mit Sorge, dass das Thema Rituelle Gewalt, mitunter vermischt mit rechtsextremen und antisemitischen Aussagen, politisch instrumentalisiert und genutzt wird, um Endzeitgefühle zu erzeugen und Angst zu verbreiten. Entsprechende Websites sprechen dann häufig auch noch die Chemtrail-Gläubigen, Impfgegnerinnen oder Reichsbürgerinnen an oder geben Prepping-Hinweise.

Hiervon grenzen wir uns ganz klar ab und betonen: Von organisierter sexualisierter bzw. ritueller Gewalt haben inzwischen Hunderte von Betroffenen auch in Deutschland glaubhaft berichtet (u.a. in Anträgen beim Fonds Sexueller Missbrauch [1], bei Anhörungen der Aufarbeitungskommission [2], am berta-Telefon oder im Rahmen von wissenschaftlichen Studien [3]). Die damit verbundenen Straftaten tauchen auch im Rahmen von Strafverfahren immer wieder auf [4], und sie haben nichts, aber auch gar nichts zu tun mit einer sogenannten satanischen, jüdischen oder sonstwie gearteten „Weltverschwörung“, die „heimlich die Geschicke unserer Regierungen und Gesellschaften lenkt“. Wir grenzen uns auch ab von der Annahme, es gäbe irgendwelche „Eliten“, die in pauschaler Form in solche Taten verstrickt sein sollen, bzw. von „Pizzagate“ [5], „QAnon“ [6] und ähnlichen plakativen Konstrukten.

Wir sehen die Gefahr, dass derlei Verschwörungsgedanken und die politische Instrumentalisierung den wirklich Betroffenen massiv schaden, weil man sie für „Spinnerinnen“ hält und ihnen die dringend benötigten Hilfen verweigert. Weil Ermittlungen niedergeschlagen werden und weil sich damit die typische Drohung der Täterinnen
bewahrheitet: „Und wenn Du jemals darüber sprichst, wird Dir niemand glauben.“

Unsere Bitte: Wenn Sie helfen wollen, bleiben Sie skeptisch gegenüber solchen Verschwörungstheorien!
Eine Liste seriöser Quellen zum Thema finden Sie auf der Linkseite der Emanuelstiftung [7].

Das andere Extrem: Komplette Leugnung
Gleichzeitig nehmen wir immer wieder Bestrebungen wahr, das Thema Rituelle Gewalt in sehr bemühter Form unter den Tisch zu kehren. Hierzu verweisen wir gern auf die sehr fundierte Stellungnahme des Betroffenenrates beim UBSKM [8] und möchten auf folgende Erkenntnisse aus unserer Arbeit hinweisen:

Wir erleben in großer Zahl Menschen, die sich bei uns melden, weil sie in körperlicher, psychischer und/oder finanzieller Not sind, weil sie von pädokriminellen Straftäter*innen in extremer Form, langfristig, organisiert und/oder rituell sexuell ausgebeutet wurden und werden.

Ähnlich häufig erleben wir Menschen, die sich bei uns melden, weil sie direkt betroffene Personen begleiten. Das sind Ärztinnen, gesetzliche Betreuerinnen, Anwältinnen, Fachleute aus Sozialämtern, Sektenberatungen, Therapie, Krankenhäusern, Kirchen und Politik, aber auch Familienmitglieder von Betroffenen, Nachbarinnen, Freundinnen,
Arbeitskolleg
innen, Arbeitgeber*innen. Und auch das sind viele.

Viele dieser Berichte sind nachvollziehbar, ordentlich belegt und plausibel, auch wenn dies z.B. nicht zur Strafverfolgung oder zu Urteilen geführt hat. Ähnliches gilt für diverse Fälle von Bedrohung und Erpressung, mit denen sich insbesondere Kliniken und Therapeutinnen konfrontiert sehen, die Überlebende behandeln. Viele berichten von entsprechenden Übergriffen (z. B. von Bedrohung und Stalking von Klientinnen selbst bei Klinikaufenthalten). Meist reichen die Erlebnisse aber nicht aus für eine Strafverfolgung oder es gibt gute Gründe
(z. B. Klientinnenschutz oder die Sorge um die Existenz der Klinik), um damit nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Unsere Erfahrung: Täterinnen wissen sehr gut, wie weit sie gehen können. Zu diesem Schluss kommen wir nach solchen Gesprächen immer wieder.

Wir wissen, dass es gut vernetzte pädokriminelle Netzwerke gibt, die Kinder misshandeln, foltern und vergewaltigen (Beispiel aus neuester Zeit: Bergisch-Gladbach).

Wir wissen, dass diese Netzwerke Kinder und Erwachsene untereinander austauschen, anbieten, ausbeuten und vermarkten [9]. Und dass es „Kunden“ dafür gibt, bei diesen Folterungen auch töten zu wollen (s. Staufen [10]). Das ist keine Verschwörung, sondern ein fürchterliches, monströses, reales Geschäftsmodell.

Wir wissen, dass es im Kontext vieler Religionen, Sekten und Ideologien immer wieder auch zu sexualisierter Gewalt kommt und manche extrem gläubige Menschen bereit sind, für ihre Ideologie zu töten. Gerichtsbekannte Fälle dazu finden sich im Infoportal Rituelle Gewalt (infoportal-rg.de). Ob die Religion oder Ideologie dabei Ursache oder Tarnung der ausgeübten Gewalt ist, können wir nicht beurteilen. [11]

Wir wissen, dass kaum einer der gerichtsbekannten Fälle nur auf ein Land beschränkt war. Fast immer gibt es Verbindungen ins Ausland. Auch das ist keine Verschwörung, sondern schlicht und ergreifend eine Täterstrategie, um die Polizei auszutricksen, denn internationale Ermittlungen sind ungleich schwieriger, nicht zuletzt wegen unterschiedlicher behördlicher Strukturen und Ermächtigungen. Das ist häufig schon zwischen Bundesländern innerhalb Deutschlands zu beobachten (siehe Lügde, der Haupttäter hat das Zuständigkeitsvakuum zwischen den Jugendämtern in Hameln-Pyrmont und Lippe geschickt ausgenutzt) [12].

Wir wissen, dass Pädokriminalität und sexuelle Ausbeutung in unterschiedlichen Ausprägungen auch unter Prominenten längst nachgewiesen wurde (Weinstein [13], Epstein [14], Edathy [15] etc.).

Wir wissen von vielen Fällen, in denen Polizei und Justiz den Betroffenen nicht geholfen haben – im Gegenteil: Die Betroffenen selbst und ihre Unterstützer*innen sahen und sehen sich teilweise selbst plötzlich mit Ermittlungen konfrontiert.

Wir wissen nicht, wann es aufhört, dass Rituelle Gewalt als Thema immer wieder heruntergespielt wird – und worin das Interesse bestehen kann, einen besseren Kinderschutz abzulehnen, wie die Fachleute ihn fordern, und Hunderte von Überlebenden per se für unglaubwürdig zu erklären.

Ähnliche Marginalisierungen gab es in jüngerer Vergangenheit bei ähnlichen Themen, z. B. bei der sexualisierten Gewalt gegen Kinder in Familien und Institutionen sowie der rechten Gewalt. Ebenso verhält es sich mit der Diagnose der Dissoziativen Identitätsstörung, die lange Zeit erst ignoriert und dann nicht als typische Folge komplexer, frühkindlicher Traumatisierung anerkannt wurde. Inzwischen hat sich diese Erkenntnis durchgesetzt und wurde durch Einträge der Diagnose in DSM und ICD und die Arbeiten vieler Hirn- und Traumaforscher*innen bestätigt.

Für die betroffenen Kinder und Erwachsenen ist es verheerend, wenn nicht hingeschaut wird.
Auch hier wiederum gilt daher unsere große Bitte: Wenn Sie helfen wollen, sei es als Privat- oder auch als Fachperson, bleiben Sie bitte offen für das, was aus seriöser Quelle (etwa die Website des UBSKM [16]) über die Situation von Betroffenen veröffentlicht wird!

Fazit
Es scheint besonders schwierig zu sein für eine „zivilisierte“ Gesellschaft, in die Abgründe menschlich verursachter Gewalt zu schauen. Weder Übertreibung noch Leugnung bringen uns in der Bekämpfung dieser Gewalt weiter – und vor allem helfen beide Extreme den Betroffenen in keiner Weise. Bleiben Sie nüchtern, empathisch und offen für solide Aufklärung und sachliche Informationen. Damit helfen Sie – gerne an unserer Seite – den Überlebenden am meisten.

Danke dafür!


Quellen:
[1] Alleine von Mai 2013 bis 15.1.2018 haben 476 Antragsteller.innen beim Ergänzenden Hilfesystem Fonds Sexueller Missbrauch in ihren Anträgen „Ritueller/sektenmäßiger Missbrauch“ angegeben. Das ist die Angabe aus den Empfehlungen des Fachkreises „Sexualisierte Gewalt in rituellen und organisierten Gewaltstrukturen“ beim Bundesfamilienministerium (Seite 4): http://ecpat.de/wp-content/uploads/2018/04/Fachkreis_Empfehlungen_2018_web-2.pdf

[2] Zahlen zu Ritueller Gewalt im Bilanzbericht der Aufarbeitungskommission auf Seite 130:
https://www.aufarbeitungskommission.de/bilanzbericht_2019/

[3] An einem Forschungsprojekt des Universitätsklinikums Eppendorf haben zu ritueller
Gewalt haben sich 165 Menschen beteiligt: https://elibrary.klett-cotta.de/article/10.21706/tg-12-3-244

[4] Wir sammeln entsprechende Urteile auf unserer Website https://www.infoportal-rg.de

[5] Unter dem Begriff „Pizzagate“ wurde während des Wahlkampfs von Donald Trump 2016 eine Verleumdungskampagne gegen die US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in die Welt gesetzt: https://www.sueddeutsche.de/politik/neuer-us-praesident-wie-trumps-teamfake-news-streut-1.3283617 und https://www.nytimes.com/2016/11/21/technology/factcheck-this-pizzeria-is-not-a-child-trafficking-site.html

[6] Artikel des Redaktionsnetzwerks Deutschland vom 11.4.2020:
https://www.rnd.de/politik/qanon-der-aufstieg-einer-gefahrlichen-verschworungstheorie-ORTPE4D5YRFRZKVTMJBTFADJTY.html

[7] Linkseite der Emanuelstiftung mit seriösen Quellen zu Ritueller Gewalt:
http://www.emanuelstiftung.info/links/

[8] Statement des Betroffenenrates zum Umgang mit Ritueller Gewalt vom 3.7.2018:
https://beauftragter-missbrauch.de/betroffenenrat/aktuelles/detail/statement-des-betroffenenrates-zum-umgang-mit-ritueller-gewalt

[9] Eine Liste von veröffentlichten Fahndungserfolgen gegen Internet-Netzwerke zur Vermarktung von Kindesmissbrauch führen wir im Infoportal Rituelle Gewalt:
https://www.infoportal-rg.de/2020/02/18/news-kinderporno-ringe-gesprengt-einechronologie/#more-835

[10] Einer der verurteilten Täter aus dem Tatkomplex „Staufen“ hatte aktiv nach einem Kind gesucht, dass er nach dem Missbrauch töten dürfe:
https://www.sueddeutsche.de/panorama/prozesse-karlsruhe-urteil-mann-wegen-geplanter-vergewaltigung-in-psychiatrie-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200108-99-397783

[11] Rubrik „Religiöse und ideologische Hintergründe“ im Infoportal Rituelle Gewalt:
https://www.infoportal-rg.de/motive-und-hintergruende/religioeseideologische-hintergruende/

[12] Der Haupttäter aus Lügde im Kreis Lippe/NRW betreute ein Pflegekind (Mädchen), dessen Mutter in niedersächsischen Kreis Hameln-Pyrmont lebte. Den Behörden lagen Hinweise auf pädokriminelle Neigungen des Täters vor, durch Abstimmungsprobleme und Unklarheiten in den Zuständigkeiten wurde aber erst sehr spät reagiert. Es gibt diverse Analysen dieser Situation, z. B.:
https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/behoerdenversagen-im-missbrauchsfall-luegde-16370504.html

[13] Urteil gegen den ehemaligen Filmproduzenten Harvey Weinstein:
https://www.tagesschau.de/ausland/harvey-weinstein-urteil-haftstrafe-101.html

[14] Einer von vielen Berichten über die Netzwerke des Multimillionärs Jeffrey Epstein, in denen minderjährige junge Frauen sexuell ausgebeutet wurden und an denen viele Prominente beteiligt gewesen sein sollen:
https://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article136257539/Prinz-Andrews-Kumpel-und-seine-Schwaeche-fuer-Girls.html

[15] Der Ex-SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy hat zugegeben, Fotos und Videos von nackten Jungen aus dem Internet geladen zu haben. Das Gerichtsverfahren vor dem Landgericht Verden wurde daraufhin gegen Zahlung einer Geldbuße von 5000 Euro an den Kinderschutzbund eingestellt: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/sebastian-edathy-edathy-raeumt-schuld-ein-a-1021263.html

[16] Definition und Einordnung Ritueller Gewalt vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Berlin: https://beauftragter-missbrauch.de/praevention/was-ist-sexueller-missbrauch/organisierte-sexualisierte-und-rituelle-gewalt

Autismus und DIS #1

„Mussten Sie als Kind verschiedene Rituale durchführen?“, fragte der Psychologe im Autismus Therapiezentrum und schaute mich an.

Für mich sind durch die Frage viele Aspekte noch einmal bewusster geworden. Zum Einen ist mir aufgefallen, dass ich die Frage sofort als eine überprüfte, die sowohl wörtlich als auch auf die faserige Art zu verstehen ist, was ich früher nicht so bemerkt hätte.
Weil mir das aufgefallen war, ist mir eine globale Tragik aufgefallen, die in mein so typisches Hadern um all das “hätte würde wenn”, das über meiner Kindheit und frühen Jugend schwebt, gehört. Hätte man mich vor vielleicht 20 – 23 Jahren mit dieser Frage konfrontiert – was hätte ich dann geantwortet? Ich weiß, dass ich vor 12 Jahren danach gefragt wurde und keine Antwort gab.

Ich weiß, dass ich heute solche Fragen absichtlich mit Wortspielen wegvermeidungstanze, etwa in dem ich antworte: “Ja klar – wir haben jedes Weihnachtsfest begangen, jedes Silvester, jeden Geburtstag – klar mussten wir eine Zillion Rituale in unseren Leben durchführen.”, denn bisher wurde ich nämlich nur nach Ritualen gefragt, um zu erfahren, ob ich sogenannte “rituelle Gewalt” erfahren habe, weil das gängige Bild von Menschen, die viele sind, genau diese eine Art der Gewalterfahrung beinhaltet.

Ich bin amnestisch für meine Kindheit und frühe Jugend – es kann alles und nichts passiert sein. Kein Ja oder Nein zu einer Frage nach etwas, das über die zur Verfügung stehenden Worte erdeutet werden muss, trägt zu einer Faktenlage bei. Am Ende macht es mir nur Druck, weil ich eventuell lüge – egal wie ich antworte.
Und so mache ich also Wortspiele und denke mir dabei, dass dies eine prima Methode ist, um auf etwas hinzuweisen. Für uns ist es wichtig immer wieder aufzuzeigen, dass es toxischer Stress ist, der Menschen zu vielen werden lässt und keine spezielle Form der Gewalt.

Meiner Erfahrung nach, sind solche offensichtlichen Wortspiele allerdings keine Methode um zu zeigen, dass ich eine klarere Formulierung brauche, um manche Themen bzw. meine Gedanken zu manchen Themen in der Therapie zu äußern. Offene Forderungen hingegen transportiere ich wahrscheinlich immer irgendwie falsch.

Für die Einen ist es eine nervige Sprachmacke – eine Spitzfindigkeit, die ich auch mal lassen kann. Für mich bedeutet “es sein lassen” hingegen “das Sprechen sein lassen”, weil es mich übermäßig anstrengt zu raten, was denn jetzt genau was wie meint.
Manchmal denke ich, dass die Therapie deshalb oft auch so anstrengend ist.
Wenn ich im Rausbringen von etwas kämpfe, versucht meine Therapeutin oft einzelne Wörter zu etwas zu machen, wofür ich viele gemacht habe. Und diese einzelnen Wörter schneiden aber alle etwas ab und sind in der Folge falsch. Und dann sage ich ihr, dass es nicht so ist, wie sie sagt. Und dann sagt sie “Wie ist es denn?” und ich wiederhole meine vielen Wörter und sie sagt wieder ihre einzelnen und dann sage ich “Orr!” und es entsteht so ein Moment, in dem ich entweder umschwenke oder wir beide auf die Uhr gucken, ob die Stunde nicht eventuell schon vorbei ist (was sie meist schon längst ist).
Manche von uns sagen in der gleichen Situation aber auch gar nichts mehr und hören auf darüber zu sprechen.

Was mir außerdem bewusst wurde, war etwas, was mich überhaupt erst zu dem Zentrum und dem Wunsch nach einer Diagnostik auf das Asperger Syndrom brachte: die Erkenntnis, dass Symptome häufig zwischen Verhaltensweisen und Sein (Selbst) trennen, weshalb Verhaltenstherapien immer wieder als der Heilungshit in der Medizin gelten bzw. geändertes Verhalten als Heilungsbeweis gilt.
Ich habe darüber nachgedacht, dass viel der zwischenmenschlichen Gewalt in meiner Familie* auch als “Erziehung” bzw. als “erziehende/korrigierende Maßnahme” aufgefasst wurde (vielleicht: bis heute wird).

Wenn man früher meine Eltern gefragt hätte: “Tillt ihr Kind durch, wenn Dinge anders laufen als sonst?” Dann hätten sie geantwortet: “Nein- wir bestimmen hier wer wann wie wo und weshalb durchtillt” oder (das ist dann der Dreh, wenn klar wird, dass die Kinder irgendwie doch alle kaputt gespielt sind und man gut dran tut, zu sagen, sie seien krank) “Hm, eigentlich tillt es immer durch, weil es ja krank ist – machen Sie’s mal gesund.”.

In dem Abklärungsgespräch, das wir gestern hatten, sollten wir viele Fragen dazu beantworten, wie wir früher waren und natürlich scheiterten wir, weil wir nicht über Deutungsräume lügen wollten. Was ich aber auch merkte war: es wurde gar nicht nur nach Verhaltensweisen gefragt, die kamen und wieder gingen, sondern nach Dingen an uns als Mensch, die auf ihre Art immer schon da waren, wie das Viele sein schon immer da war, egal wie sich das über die Jahre nach außen geäußert hat.

Für uns sind viele unserer Schwierigkeiten abgelegt unter: “Naja – dein Kopf mal wieder.”. Ich denke so oft, dass es sich nicht lohnt Kraft zu investieren, um Gespräche, Kontakte, Auseinandersetzungen anzufangen oder weiter zu machen, weil ich zu viel erklären müsste, zu viel reden und erklärend beworten müsste, damit ich und das, was ich äußere, verstanden werden.
Wie gut, dass man von Mädchen bis heute eher erwartet die Klappe zu halten und “Schweigen ist Gold, Reden ist Silber” in den Kopf drückt, als darauf zu bestehen, dass sie sich ihren Gedanken, Ideen, Theorien und Empfindungen entsprechend äußern bzw. sichtbar machen – und zwar immer und überall, ohne sie zu sanktionieren, wenn sie dabei nonkonform sind.

Wir gehören zur klitzekleinen Gruppe der Menschen mit einem IQ von über 170 und wenn wir mit diesem Quotienten argumentieren, weshalb uns seichtes Soapgeplänkel, Small Talk und wenig gehaltvolles Kommunizieren allgemein eher nervt oder nicht interessiert, denken viele Menschen, sie würden das verstehen. Ich merke von diesem Verstehen oft nichts, denn sie sagen dazu dann Dinge wie: “Ja, das ist bestimmt unterfordernd”- als ob wir es geil fänden immer von allem geistig gefordert zu sein. Als sei “genervt sein” oder auch “nicht interessiert” sein, etwas, das nur aus einer Nichtbedienung von Vorlieben heraus entsteht und nicht etwa auch aus Langeweile oder Überreizung, die bei Menschen, denen bestimmte (unangenehme) Dinge schneller und vielleicht unausblendbarer erscheinen, vielleicht schon nach zwei Episoden aufkommt und nicht erst nach 7 Staffeln.

Wir brauchen keine reine Beschäftigung mit Quantenphysik oder unterschiedlichen Systematiken, um unterhalten oder berührt zu werden oder uns bereichert zu fühlen, aber wir brauchen Klarheit, die in uns nicht entsteht, wenn Menschen ständig Dinge abschneiden, um es sich selbst leichter zu machen. Ich hasse sexistische Stereotypen in Serien zum Beispiel nicht, weil es mich nervt ein Hetenpaar nach dem anderen in den immer gleichen Konflikten zu sehen, sondern, weil sie mich auffordern mir im Kopf ständig das, was fehlt zu ergänzen.
Für mich ist dieses Ergänzen auch keine Entscheidung “mache ich das jetzt oder nicht?” sondern etwas, das mir Druck macht und nicht auszublenden ist.
Im Gegensatz zur gefühlten Mehrheit der Menschen kann ich nicht einfach Dinge weglassen, von denen ich weiß, dass sie eigentlich dazugehören.

Deshalb ist Traumabearbeitung für uns ebenfalls so ein allumfassend belastendes (bis erneut traumatisierendes) Ding.
Manche Menschen denken, es sei schlimm sich mit der traumatischen Situation zu befassen und neue Erkenntnisse über sich zu verarbeiten – ich finde es schlimm, weil sich mit jeder neuen Perspektive neue zu ergänzende Universen eröffnen und ich sie nicht beworten kann. Dann kann ich nach ein paar Tagen oder Wochen sagen: “Es arbeitet in mir” oder “Das ist alles ganz schön viel”, aber der ganze Rest bleibt in mir drin und muss von mir allein zurecht sortiert werden.
Und meistens schaffe ich genau das nicht – es entsteht Druck und noch mehr Druck und noch ein bisschen mehr Druck und es kommt zu so einem Moment, in dem ich merke, das es mir besser geht, mich aber auch fragen muss: “Oh – war dieses Innen schon immer da?”.

Es gibt laut verschiedenen Therapeut_innen, die mit rituell misshandelten Personen arbeiten, sogenannte “Programme”, die in diese Personen konditioniert/erzogen/trainiert wurden, um Geheimhaltung, stetige Verfügbarkeit und eine gewisse bedingungslose Hin(Her)gabe an die misshandelnden Personen(gruppen) zu gewährleisten.
Ich weiß nicht, wie oft Menschen schon von uns gedacht haben, wir hätten so ein Programm in uns drin, das Traumaarbeit verhindern soll, weil wir eben diese Reaktion von immer neu auftauchenden Innens haben, obwohl wir ganz sicher keine Gewalt wie früher mehr erfahren.

Und ich weiß auch nicht, wie oft ich schon geäußert habe, dass viele Innens bis heute eher aufgrund von Überforderungen bzw. dem toxischen Stress, der in mir entsteht, wenn ich überfordert bin (und keine Hilfe erhalte, weil es zu unbewortbar ist, um verstehbar nach außen gebracht zu werden und damit allein bleibe, weil es eben die Mehrheit der Menschen ist, die mich nicht versteht), entstehen.

Es ist aus meiner Sicht ein massiv unterbeachtetes Problem der Diagnose “dissoziative Identitätsstruktur”, dass viele Entstehungsmechanismen in Kategorien und Unterkategorien gesucht (und gefunden) werden, ohne die zum Beispiel in den Genen der betroffenen Personen angelegten (“naturgegebenen”) Faktoren gleichsam zu werten.
Natürlich passt die Idee, ich wäre so abgerichtet und gequält worden, dass ich nie “Eine” werde – die Idee, dass ich vielleicht mehr Unterstützung und Widmung nach einer Traumabearbeitung brauche, um nicht mehr werden zu müssen, damit ich hinter dem, was mein Kopf mir aufzeigt, nachkomme, passt aber genauso gut.

Hier kommen wir aber dann auch an die Probleme der Gruppe begleitender, therapierender und medizinisch be.handelnder Menschen, die sich und ihre Arbeit in Widmungsnormen und Zeitvorgaben gedrückt sieht und jeden Wunsch (jede Notwendigkeit) ihrer Klient_innen nach einem wie auch immer geartetem “mehr”, mit “mehr Aufwand”, “mehr (unbezahlte, unabgesicherte, nicht von der breiten Masse der Bevölkerung unterstützte und gewertschätzte) Arbeit”, “mehr abverlangter Kraft”, “mehr abverlangtem persönlichen Wachsen” abwägen muss.

Es ist am Ende, so argwöhne ich jedenfalls manchmal, dann irgendwie einfacher? befriedigender? egostreichelnder? richtiger? belohnter? aufopfernd und selbstlos für einen als massiv gequälten und ergo massiv leidend gelabelten Menschen gegen ein System zu kämpfen (und im Scheitern vor einer Übermacht mit den Behandelten verbunden zu sein).
Ja ja die Rosenblatt ist jetzt böse, das sie sowas ins Internet schreibt.
Ich weiß, dass es Menschen gibt, bei denen wirklich solche Programme gesetzt wurden – über die spreche hier aber nicht.
Ich spreche über Therapeut_innen, die die gegebenen Potenziale und Wuchsrichtungen ihrer Klient_innen ausblenden, um ihre eigene Situation von Über.Forderung und Rückhaltlosigkeit unter Kolleg_innen und Gesellschaft besser zu ertragen. Von Therapeut_innen, die ihren Klient_innen eher zwischenmenschliche Traumatisierungen, die zu Sprech- und Kommunikationsproblemen führten in die Patient_innenbiografie schreiben, als anzuerkennen, dass dort schon vor der Gewalt etwas schwierig gewesen sein könnte.

Ich weiß nicht genau, wie unsere Therapeutin uns so für sich persönlich einordnet, aber sie hat auf all unsere Abgrenzungen zu ritueller Gewalt (und allgemein jeder Objekt.ivierung dessen, was wir erinnern) geäußert, dass sie das akzeptiert und berücksichtigt.
Mehr brauchen wir nicht, um gut miteinander zu arbeiten.

Wie sich unsere Therapie verändert, sollte sich herausstellen, dass wir durchaus auch die Kriterien für eine sogenannte “Störung auf dem autistischen Spektrum” erfüllen, wissen wir nicht. Es gibt kein Buch zur Traumabehandlung von Autist_innen mit dissoziativer Identitätsstruktur.

Wir wissen nicht, ob wir ein weiteres rosenblattsches Special an uns integrieren und gleichzeitig an dem Wunsch ein Teil dieser Welt zu werden, festhalten können.

Grund- und Machtbedürfnisse – Religion und Gewalt

Als eines dieser weiß-säkularen Privilegien erlebe ich jede Art der “Religionskritik”. Auch in Form von Comics, Karikatur, Rede und Schrift.
Was aus dieser “Kritik” entsteht, ist eine Verschmelzung von Gewalt und Glaube. Religion wird einzig zum Instrument von Zwang, Ausnutzung von Unbildung (spannend, was immer wieder so als “Bildung” und “Wissen” in dem Kontext anerkannt ist!).
Nicht etwa zum Teil einer Lebensauffassung, inneren Haltung, vielleicht auch Identität und Kultur, über die sich zu äußern und zu werten vielleicht in allererster Linie Sache derer ist, die sie leben (wollen!).

Ich habe kein Verständnis für „Religionskritik“ von Personen, die nicht der „kritisierten“ Religion angehören.
Schon gar nicht habe ich Verständnis für Satire, die nach rechts buckelt und nach minorisierten, unterdrückten, rassierten Personengruppen tritt.
Satire ist für mich ein Mittel nach oben zu treten, um nach unten eine Hand zu reichen.

Ich habe kein Verständnis für die “Religionisierung” von Gewalt, die die (weiße) (säkulare) Presse vornimmt, um greifbare Slogans unter ihre Leser_Innenschaft zu spucken.

Für mich ist diese Mischung genau das, wovor ich Angst habe, wenn ich mich mit dem Thema ritueller Gewalt auseinandersetze – vielleicht sogar in Form eines Vortrages vor Menschen, die keiner Religion angehören.

Ich weiß, dass da kein Verständnis für den Glauben, kein Verständnis für bestimmte Werte und Handlungen ist – so schon, ganz ohne tatsächlichen Zwang oder die Art Gewaltanwendung, wie sie im Rahmen ritueller Gewalt passiert. Es gibt Menschen, die denken, ihr Kopf, ihre Seele und Kultur sei frei und ohne Zwang, weil sie studiert sind, weil sie Demokrat_Innen sind, weil sie so sind, wie eine Mehrheit der Gesellschaft, in der sie sich bewegen. Für diese Menschen gab es noch keine Auseinandersetzung, wie frei von Religion und auch auf eine Art ritueller Gewalt*, man tatsächlich ist, wenn man an Karfreitag nicht arbeitet oder am 25. und 26. Dezember die klitzekleine Welt um sich herum stillsteht.

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir unser jüdisches Leben nach überstandener organisierter (darunter auch ritueller) Gewalt mehr oder weniger verteidigen mussten.
Erst gegen Unterstellungen, wir wären ins Leiden sozialisiert und hätten uns deshalb einer Religion angeschlossen, die uns mit ihren über 600 Gesetzen unterjocht; später gegen die Unterstellung sich mit der Religion eine heile Welt zu zimmern, um in einer (besseren) (Sub) Kultur leben zu können.
Nachgefragt wird da natürlich nicht. Ich bin ja religiös und erzähle deshalb sowieso nur Schwachsinn, dem man nicht zuhören muss.

Weiß(christlich kultivierte) Säkulare sind es inzwischen immer öfter, die mir ihren Antisemitismus ins Blog rotzen, die mir rassistische Karikaturen ins Facebook klatschen und mich überdenken lassen, wie weit vom Fenster entfernt ich meine Menora aufstelle. Säkulare sind es, die sich mir gegenüber erhöhen, weil sie Studien und Beobachtungen über die Auswirkungen von Religion auf Wirtschaft, Infrastruktur und Länderentwicklung kennen.
Und ich bin froh, wenn mal in einer (großen) Stadt bin, die einen leicht zu findenden Koscherladen hat. Wenn es möglich ist, in einem Job zu arbeiten, in dem ich während Shabbes nicht arbeiten muss. Wenn ich die Möglichkeit habe mich mit anderen jüdischen Menschen auszutauschen ohne, dass es an einem very special place oder an einem very special Feiertag ist.

Säkulare haben eine Ersatzreligion und das sind Wissenschaft und “Objektivität”.
Doch zugeben kann das natürlich niemand.
Weil: “Wissen(schaft) ist die Abwesenheit von Glauben.”
Auch da bleibt unhinterfragt, warum man an Zahlen, an Wissen(schaft) (gerade auch, wie sie heute produziert und praktiziert wird) glaubt und nicht an seine eigenen Sinne(swahrnehmungen).

Zu glauben, ist meiner Ansicht nach ein menschliches Grundbedürfnis. Religion, wie Wissenschaft, wie Bildung allgemeinerer Natur, ist an der Stelle einfach eine Möglichkeit sich dieses Bedürfnis zu befriedigen.

Menschen zu töten, Menschen zu verletzen, Menschen zu unterdrücken ist kein Grundbedürfnis.
Das ist Wille zur Macht. Der braucht Gewalt.

*hier im Sinne eines religiös begründeten, aber in letzter Instanz kult.ivierten Handlungsimperativs
*Nachtrag: auch sehr spannend in dem Zusammenhang: der letzte Soziopod „Medien, Macht und Märsche

und Stille

Dass man nie allein ist. War. Das ist mir gerade eingefallen.

Sie nennen es Kraft der Familie°, Stärke der Gemeinschaft, einer für alle. Und deshalb gehen die Missionierenden nie allein. Sie kommen nie alleine und halten mir den Wachtturm hin und fragen, ob ich mal etwas lesen möchte. Sie stehen auch nie wirklich allein in der Stadt und halten die klitzekleinen Heftchen in der Hand. Ein paar Meter weiter stehen die anderen.
Und unterstützen.

Wenn sie nach Hause gehen, fragen sie einander, wie die Gespräche mit den Menschen waren. Worum ging es, was war das für ein Mensch, hat er seine Wohngegend genannt, damit wir ihn mal besuchen können? Was hast du gedacht? Hat dich das Gespräch im Glauben gestärkt oder geschwächt?

Es gibt keine Momente am Tag, in denen sich eigene Gedanken verfestigen können. Wenn man nie allein ist, dann ist Einsamkeit der Tod.
Dann wird Stille zu etwas, dass einem den Kopf von innen nach außen totätzt. Also erzählt man sich, was einem zuerst einfällt.
Man betet. Und merkt nicht, dass man bittet. Irgendwann: bettelt.

Der “Sch…”- Laut ist groß. Schande. Schuld. Scham. “Sch!”.

Das ist der Laut unter dem sich die Mehrsamkeit, die Gruppe, die Unterstützung, zu Kontrolle und Doktrin verwandeln.
Der Punkt, an dem man merkt, das man nicht gehen kann. Nicht unbemerkt. Nicht ohne einen “Sch”-Laut zu provozieren. Es ist eine Angst vor diesem Laut- nicht vor den Menschen, die ihn ausstoßen.

Manchmal ist man ohne sie irgendwo. Dann hat man einen Tinnitus aus “Sch!”-Geräusch.
Man wird hilflos, weil man nicht mehr hören, nicht mehr reagieren kann.
Dann ist es die Gruppe, die Familie°´, die die Last des “Sch!” von einem nimmt. Psalmenweise. Mit Budenzauber. Lichtershow.

Zusammen mit anderen.

Man kann nie bündeln. Man kann niemanden allein lieben oder hassen, ignorieren oder in Gedanken haben.
Wenn man interagiert, dann schließt man die Person, die Macht und die Familie° mit ihrem Auge auf und den Händen in, dem Kontakt, dem Wort, dem Moment zwischenmenschlicher Privatheit, gleich mit ein.

Man lernt das Fasern nach außen und trägt es in sich hinein.

Sie kommen seit Wochen und klingeln bei mir.
Zeugen Jehovas.

Zwei. Es sind immer zwei. Nicht einmal mein “Ich möchte in den nächsten Wochen bitte keinen Besuch bekommen”, kann ich bündeln auf eine Person. Ich muss es abschwächen durch die Aufteilung auf zwei Personen. Ich sage es der Einen und entschuldige mich bei der Zweiten.

Sie wissen nicht, dass ich das “Sch!” in ihrem Kopf hören kann.
Besonders, wenn da Stille ist.

“Wir sind Viele” ~ Teil 11 ~

“Hatten wir vorhin im Workshop zum Thema (Sekten- ) Ausstieg auch. “Sie müssen mit Täterintrojekten arbeiten”- der ganze Rest kam nicht zur Sprache”, sagte unser Mensch.
Wir saßen draußen in der Sonne, während Nickis noch Fragen zum Film und Viele sein beantworteten.

Wir überlegten, woran es lag, dass die Themen “Schwerbehinderung”, “ökonomische Unfreiheit”, “soziale Arbeit” und “Zukunft” so untergingen und bemühten uns beide nach Kräften, nicht die Köpfe zu schütteln und zu sagen: “Ach, ist doch immer das Gleiche”.
Denn das war es ja tatsächlich nicht. Das Tagungsprogramm enthielt mehr psychologieferne Programmpunkte, als andere, die ich mir mal angeschaut habe. Von den Elementen, die eine Überlebende mit einschließt und auch Kunst als Kommunikationsmittel, brauchen wir gar nicht erst anfangen- das halte ich für einen großartigen Schritt in Richtung Augenhöhe und Diversität.

Ich frage mich jedoch, was erwachsen kann. Wie Hilfe für alle hilfreich sein kann, auch jene, die als Fall, als Gesicht, als Lebensrealität so untergingen.
Da ist einfach diese Fragestellung: “Ausstieg- und dann?”, die so viel mehr mit sich zieht, als die Chance auf ein anderes Leben.

Wer länger als 6 Monate mit derselben Erkrankung in Behandlung ist, gilt als chronisch krank. Als schwerbehindert.
Keine Behandlung einer DIS dauert nur 6 Monate.
Menschen mit Behinderungen haben ein 4 fach erhöhtes Risiko zum Opfer von Gewalt zu werden. Im Falle einer DIS: _erneut_ oder auch: _zusätzlich_

Gewalt in Institutionen ist ein Tabuthema, weil sie in vielen Fällen immanent ist- Stichwort (geschlossene) Psychiatrie/ Heime.
Laut Prävalenzstudie sind ca. 5% aller PsychiatriepatientInnen, Menschen mit DIS.
Ich fand keine Prävalenzstudien dazu, wie viele Menschen mit DIS auf ambulante oder auch stationäre Betreuungen angewiesen sind- fast möchte ich sagen: War ja klar- wenn schon die Refinanzierung von sozialer Arbeit so derartig schwer ist, dann gibt es natürlich auch kein Interesse daran zu erfahren, wer diese Hilfen warum genau braucht.

Haben wir über diese Themen nicht gesprochen, weil das Stigma so vertraut ist?
Geht das? Kann man blind für das eigene ausschließende Denken sein, wenn man doch jeden Tag genau damit befasst ist und genau darüber doch schimpft und dagegen angehen will? Ist es das?
In mir drin ruft es laut “NEIN!” und doch weiß ich, dass es das auch tut, weil wir wissen, dass es unsere FürsprecherInnen sind, über die wir hier gerade sprechen.
Kann man loyal sein, verbündet und den gleichen Wunsch, die gleichen Ziele haben und trotzdem denken: “Also, hm, hier fehlt etwas, was durch die Bank weg fehlt und selbst in der Ausleuchtung von unfassbar mutigen und engagierten Menschen noch weiterhin unsichtbar bleibt.” ?

Oder haben wir nicht darüber gesprochen, weil man nicht sagen darf, dass Hilfe nicht von Gewaltdynamiken (ganz allgemein) befreit sein kann?
Ist das Thema “Gewalt” zu groß für Tagungen, wie diese?

Wie wird das bei der Tagung, die ich plane? Sollten wir sie reduzieren auf genau diese Frage: Was ist Gewalt und wie kann man sie durchbrechen?
Aber was ist dann mit der Frage: „Ausstieg/ Therapie- und dann?“? Was ist mit der Frage danach, was Hilfe wirklich ist und woran man das merken könnte- sowohl als Betroffene, als auch als HelferIn?

Im Verlauf der Tagung wurden diese Fragen übersprungen. Einfach so- zack- zum nächsten großen Ding “Anzeigen”, “Wehren”, “Traumabearbeitung”, sozialpolitische Schleifen, die um die TäterInnen kreisen, Debatten und Gedanken, die alle den Überlebenden dienen (sollen), letztlich aber doch immer wieder die TäterInnen, ihre Taten und Folgen an den Betroffenen im Zentrum haben- nicht ihre Lebensrealitäten, das “Drumrum”.

Ist das zu nah? Kommt man an der Stelle an zu viel Ohnmacht? Wird es eine schlechte Tagung, wenn man darüber redet und feststellt: “Verdammt, unsere Gesellschaft hat ein Gewaltzentrum und wir stehen an vielen Stellen ohnmächtig davor”?

Wir durften zwei Ausschnitte aus dem DIS- Kurs anschauen, in dem  Paula &  Co mit einer anderen Betroffenen ihre Erfahrungen mit Strafanzeige und OEG schilderten.
Sie sprachen da über strukturelle Gewalt, die ihnen nach all der Gewalt, die sie bereits überlebten, begegnete.
Ich saß da und hörte meinem Kopf zu.
Noch immer schwirrten die Jugendlichen dicht unter der Oberfläche herum.
”Früher, weißt du, da wusste ich, dass ich nichts zu sagen habe. Oder zu meinen oder zu denken. Da musste ich das auch gar nicht.”, ich spürte, wie sie ihren Kopf an meine Schulter legte und durch den Saal schaute. “Diese Menschen hier… es macht mir Angst, wie sie das von Menschen verlangen könnten, bei denen das Früher noch weniger lang her ist, als bei uns, weißte? Wie sie wollen, dass die TäterInnen bestraft werden, aber irgendwie vielleicht vergessen, dass viele Viele eigentlich mehr so Sachen wie Schlafen können oder sich in jemand verlieben können und dürfen oder selber ein Kind bekommen wollen oder weißte… so… einfach nur …”.

Inzwischen beschrieb ein Mensch Fälle, in denen Menschen mit DIS nach ritueller Gewalt mit der Polizei zusammenarbeiteten und was verhinderte, dass es zu Verurteilungen oder Festnahmen kam.
Wir beschlossen ein Mal mehr, keine Strafanzeige zu erstatten.
Erzählen, wie so eine Gewalt- und Ausbeutungsstruktur funktioniert; ein bisschen “Übersetzungshilfe” für HelferInnen, PolizistInnen, JuristInnen und BeraterInnen anbieten: Ja- immer gerne- so, wie wir das schaffen. Gar keine Frage. Das ist, was wir beitragen können und gerne tun.
Aber Strafanzeige erstatten, einem “Wehr dich doch” nachkommen und dann doch nur unzureichend helfen können, nein.

Ich dachte an die Betroffenen, die wir kennenlernen durften. Die wir beim Zerfallen unter dem Rechtfertigungs- dem Nachweisdruck ihrer eigenen Betroffenheit zuschauen mussten. Denen wir die Hand reichen und halten, wenn sie sich in Schleifen rund um Hilfebeschaffungsmaßnahmen finden.
Und ich schaute über uns hinweg.

Wir hatten gerade zwei Tage vorher, die erste Lücke in unserem Leben gelebt.
Zum ersten Mal in 27 Jahren, haben wir einen Raum, eine Zeit, ein Oben und und Unten, ganz mit uns allein im Zentrum, in den Händen gehabt, getragen und gelebt.
Es waren die 5 Stunden „Leben in Freiheit”, für das wir vor 13 Jahren geflohen sind.

Niemand für den wir ein Jemand oder ein Etwas sein mussten. Keine Umgebung, in der sich unsere vielen Leben ungeahnt oft überschnitten und nun wie eine Minenlandschaft vor uns ausgebreitet ist. Keine Erwartung. Autonomie in Anreise, Gestaltung, Nutzung.
Das- genau das- hatte uns damals angetrieben. Dieser Gedanke von: “Das was du jetzt noch hast, dieses bisschen Leben in dir drin, das musst du dir selbst nehmen, sonst nimmt ER sich das auch noch und du bist tot, ohne es jemals gespürt zu haben.”- damit sind wir
(er) damals weg.
Wir haben nicht daran gedacht, dass wir es “denen” schon noch zeigen. Oder, dass wir uns, weil wir so wertvoll sind, in Sicherheit bringen müssen, um uns dann von anderen Menschen erst mal schön das Leben neu beibringen zu lassen. Wir sind gegangen, weil wir der Gewalt nichts mehr in den Rachen werfen wollten und wenigstens so sterben wollten, wie wir das wollten.

Die Podiumsdiskussion begann und setzte wieder etliche Stufen nach “die Gewalt ist passiert” an.
Ich verstehe schon, was Frau Hahn, die Sektenbeauftragte vom Bistum Münster, meint, wenn sie von Sekten bzw. sektuösen Gruppierungen als demokratiefeindlich und gesellschaftsunterwandernd spricht und nicke dazu.
Kriege aber trotzdem jedes Mal Puls bis unters Dach, weil solche Aussagen implizieren, dass unsere Gesellschaft ohne Sekten und sektuöse Gruppierungen eine Umgebung voller Schmetterlinge und Einhorngetrappel wäre und das ist einfach falsch.
Das ist die Art falsches Versprechen, die AussteigerInnen gemacht wird und einen massiven Bruch auslösen können, wenn sich diese dann in einem Leben unter Hartz 4 (das gleichsam wie ihr nacktes Überleben unter TäterInnenhand, immer wieder erkämpft und gerechtfertigt werden muss!) und in gesellschaftlicher Randzone wiederfinden.
(Und was machen so enttäuschte Menschen unter Umständen? Sie suchen sich eine Gemeinschaft, die das auch so sieht…)

Ausstieg ist nicht das Ende. Es ist nicht die Rettung. Nicht die Heilung.
Ausstieg ist ein so umfassendes Aufgeben des eigenen Rahmens, das ein Krater entsteht, der nicht durch die Tatsache aufgefüllt wird, nicht mehr misshandelt und ausgebeutet zu werden.
Wie oft haben wir, sogar während wir betreut wurden, Therapie hatten und, ach, was weiß ich wie viel “Hilfe”, Aufträge von TäterInnen angenommen – und sogar aktiv darum gebeten, weil das Hartz 4 kein Sparen zulässt- das aber meine Waschmaschine, meine Kleidung, meinen Hunger nicht interessierte. (Ne, als unsere ambulante Psychotherapie nicht mehr von der Krankenkasse bezahlt wurde… was war wohl der erste greifbare Gedanke?)
Wie oft haben wir uns an unsere Herkunftsfamilie gewandt, weil unsere BetreuerInnen Urlaub hatten und die Urlaubsvertretung krank war und die Ersatzkraft so verdammt überlastet, dass sie uns nicht (aus)halten konnte? Wie oft haben BetreuerInnen unsere Anonymität zerstört, weil sie es nicht besser wussten- weil die Betreuung von Überlebenden organisierter Gewalt einfach nicht Teil der Ausbildung ist?
In unserem späteren Täterkontakt, ging es nicht immer um geistige Nähe, Weltbilder oder Täterloyalität- da ging es um das platte Leben, das uns so massiv überfordert hat und wir- trotz vieler Menschen, die dafür bezahlt wurden, mit uns zu sein und uns zu unterstützen- verdammt noch mal allein am Rand einer Gesellschaft standen, die es nicht interessiert und auch nicht interessieren müssen DARF, was für einen Raubbau die Gewalt an uns betrieb.

Wir konnten uns erst lösen, als wir uns auf unsere HelferInnen und Gemögten verlassen konnten. Erst nachdem sie uns geholfen haben, uns selbst zu helfen, funktionierte die Zusammenarbeit in Richtung Leben ohne diese Art Gewalt und Ausbeutung.(Hier schrieb ich schon darüber.) Sie haben unsere Schleifen ertragen, das ständige “von uns hinterfragt werden”. Sie setzten sich mit uns über die Gewalt auseinander und das nicht nur in einmal 50 Minuten pro Woche, sondern über Jahre bis heute, wann immer wir das brauchen.

Wir hatten so ein verdammt riesengroßes Glück, das viele andere Viele nicht haben.

Weder sind wir damals gestorben, obwohl wir schlimm verletzt waren und keine medizinische Hilfe hatten, noch wurden wir erst spät als Viele diagnostiziert.
Weder hatte Michaela Huber damals unsere Emails nicht beantwortet (und uns damit zu unseren späteren HelferInnen verholfen), noch hatten wir immer unzureichende Betreuungen. Weder haben wir so massive körperliche Folgeschäden, das wir für immer auf fremde Hilfe angewiesen sind, noch haben wir die Fähigkeit unsere Hoffnung auf ein Jenseits vom Tag jemals verloren.

Das haben wir nicht unserem Demokratieverständnis zu verdanken. Das kam nicht “tief aus uns heraus”. Da gibt es kein mysteriös wunderherrliches Geheimnis.
Nur Glück, die richtigen Menschen, zur richtigen Zeit, in der richtigen Umgebung zu treffen und in der Lage zu sein, weitermachen zu können. Trotz alle dem und alle dem.

 

Ich hätte den Menschen dort so gerne von unseren 5 Stunden erzählt.
Was es für uns bedeutet hat, dieses Namensschild tragen zu dürfen.
Was es für ein Schritt für uns war, den Besuch der Tagung nicht nur außen, sondern auch im Innen überhaupt in Erwägung zu ziehen.
Doch das sind genau diese “Popelsachen”. Dieses individuelle Schwafeldings, worüber weder empört noch reproduziert werden kann.

Das ist ein Teil eines Lebens von vielen.
Danach.

Ich merkte, wie sich mein Innenleben, ausgehungert an Schönem auf die Landschaft zwischen Mainz und Koblenz stürzte und später in der Freude von NakNak* badete, als die uns zu Hause in die Arme sprang.

Mainzzug2

 

 

~ Ende ~

Multimythen Teil 4: Übermächte

Bläschen4klein Was nicht fehlen darf in der Vita der Mythenmultis meiner Mailingliste ist eine steife Brise Horrorfilm, vermischt mit irrationalem Gängstertum, dass sie jeweils wie einen Roboter immer wieder in ihre Hände laufen lässt.

Ne- klarer Fall: “Mythenmultis haben nie eine Chance, haben keinen eigenen Willen- ach gar nichts Eigenes- deshalb sind sie ja multipel geworden, um äh… naja das Eigene … äh äh… hm…   SATANISMUS!!!”

Ich schreibe hier im Blog nicht so viel über diesen Themenkreis “rituelle Gewalt”, “Satanismus” und “Programme”, weil ich die Verknüpfung zum Multipelsein damit als überpräsent empfinde, obwohl rituelle Gewalt als (hm- ernsthafte Frage: geht “Auslöser” an dieser Stelle?) für eine dissoziative Identitätsstörung bei “nur” 10% liegt, was sich mit meinen Kontakterfahrungen deckt. Der Großteil der Menschen mit DIS, die ich inzwischen direkt oder indirekt kennengelernt haben, erfuhren massive Gewalt auf allen Ebenen in erster Linie durch die eigene Familie (bzw.. als Substitut auftretende Menschen), brachiale inhumane Behandlung in medizinischen Kontexten und durch organisierte Ausbeutung.
Natürlich gibt es da Vermischungen und ein noch größerer Anteil der Multiplen (und ich zähle mich mit dazu) wissen es einfach nicht so genau, so dass sie sich kein Etikett auf die Umstände ihrer Störung*sentstehung kleben können oder wollen.

Amnesien sind schwer nachzuspielen oder zu überzeichnen, genauso, wie sie zu verbergen sind- insbesondere vor Menschen, die darauf achten, um ein Häkchen hinter Diagnosekriterien zu machen.
Amnesie bezeichnet einen Zustand von Unkenntnis. Unkenntnis über sich selbst entsteht in aller Regel durch Unbewusstsein.
Unbewusstsein markiert also entweder einen Zustand von fehlender Assoziation (also Dissoziation) oder einen Zustand von “noch nie drüber nachgedacht/ reflektiert/ zu Reflektion gebracht worden sein”, durch “noch nie danach gefragt worden sein”.
Das ist einer der Punkte, die dissoziative Störungen so schwer nachzuspielen oder korrekt zu spiegeln macht.
Gesucht wird das, was eben nicht da ist- nicht das, was fehlt. Es ist nicht die Anwesenheit von Fehlleistungen oder Fehlern, sondern deren Abwesenheit in Anbetracht des Fehlens von Grundinformationen.
Das ist eine andere Logik und genau deshalb so mythenüberladen, weil – ja, tut mir leid- es einfach doch eine gewisse intellektuelle Kapazität braucht, diesen Dreh zu machen. Wo Unerklärliches ist, da sind Mythen. Und wo ein Multimythos ist, wird vergessen, was eigentlich nicht gewusst werden kann.

So komme ich zu der Stelle an der ich mindestens verdutzt bin, wenn mir, zum Beispiel in besagter Mailingliste, Menschen schreiben, dass sie dieses und jenes erlebt haben, programmiert wurden und ja auch sowieso jede Nacht abgeholt werden und deshalb auch nichts tun können von dem, was ich ihnen von meinen Erfahrungen beim Abbruch von Täterkontakten berichte.
Es gibt dort zu viel Anwesenheit von Assoziation.

Es ist das Eine eine dissoziative Störung vorzutäuschen, wenn man denkt, das Umfeld würde einen als Menschen nur dann annehmen und vielleicht auch von echten TäterInnen und echtem Leiden befreien- das Andere ist zu perpetuieren, dass die DIS vor dem Hintergrund ritueller Gewalt zu einer absoluten Ohnmacht vor einer Übermacht führt.

Auch die Nutzung des (christlich fundierten) Framings um Satanismus und Okkultismus, destruktive Kulte und Sekten, als das absolut Böse und Verachtenswerte- durch und durch Ablehnensnötige, empfinde ich an der Stelle als manipulativ, um das Schlimme noch schlimmer und am Allerabsolutschlimmsten vor der Gesellschaft ™  ausweisen zu können. Als würde es nicht reichen, weniger außendimensionale Gewalt erfahren zu haben und in sich selbst mehrdimensionale Folgen zu spüren.

Deutschland ist eines der Länder, in denen die Zwangschristianisierung ein nicht unerhebliches Gewaltkapitel ist. Niemand kann sich hier freisprechen von einer Etablierung des Christentums als Normdominanz (siehe Christ-demokraten, gesetzliche Feiertage, Pseudotrennung von Kirche und Staat etc. etc. etc.). Ergo wundert es mich nicht, dass ich bis jetzt noch keinen Mythenmulti ohne rituellen Gewalthintergrund des Satanismus erlebt habe.
Welches Framing könnte sicherer sein, als eine breite Ablehnung satanistisch motivierter Gewalt in einem christlich genormten Umfeld?

Der Multimythos der omnipräsenten und übermächtigen TäterInnen hat natürlich einen wahren Kern.
Es ist ein wichtiger Teil von „man made- violence“, das Opfer genau das glauben zu lassen und mit diversen Mittel auch in dem Glauben zu halten. Nur sind diese Gesten in aller Regel weitaus weniger spektakulär, als es der Mythos vom überaus aktivem Täter, der alles Mögliche tut, um ein einziges (aus der Reihe getanztes) Opfer wieder ranzuholen erzählt.
Organisierte Gewalt funktioniert nur, wenn sie gut organisiert ist. Und gute Organisation baut auf minimalem Aufwand für maximalen Erfolg.
Und so lange das organisierte Verbrechen ™, seit Generationen etablierte Kulte und Sekten; genauso wie die einzelnen GewalttäterInnen in Privathaushalten oder Institutionen  noch darauf bauen können, das Berichte von  Überlebenden, individualisiert, heruntergespielt, einer wahnhaften Störung entspringend oder eben von einem Mythenmulti kommend betrachtet werden können- so lange können sie sich getrost zurücklehnen und im Zweifelsfall eben davon ausgehen, dass sich ihr Opfer selbst das Leben nimmt, weil ihm nicht geholfen wird, nicht geglaubt wird, weil es gelernt hat das tun, weil es keinen Fuß zu fassen schafft, ohne die Funktion des Opfers, weil es von (spiritueller) (Sinn-) Krise zu Krise taumelt etc. etc. etc.

Falls es bis jetzt noch niemandem aufgefallen ist: Jeder Multimythos basiert auf genau dieser Macht-Ohnmachtsdynamik und darauf, sich in gar keinem Fall daraus bewegen zu können. Kann es etwas geben, was näher an der Wiederholung einer Gewaltsituation liegt, als das? Stichwort: Traumaschema – Michaela Huber hat in ihrem Buch “Wege der Traumabehandlung” sehr ausführlich dazu geschrieben.

In meiner Mailingliste wird nicht einmal das thematisiert.
Dort krallt man sich an diesen Inhalten fest: Über- Macht (sehr böse, sehr entmenschlichend, sehr abzulehnen) vs.. Über- Ohnmacht (absolut unschuldig, absolut entmenschlicht (zumindest im Sinne von “alle programmierte Maschinen, sobald es drei Mal klingelt”), absolut anzunehmen <— übrigens auch etwas, das auf diesem christlichen Framing aufbaut: bedingungslose Nächstenliebe).

Ich will auf keinen Fall sagen, dass es das alles nicht gibt.
Jeder Mythos hat einen Kern. Doch meistens ist es der Subtext, um den es geht und der noch viel zu oft nicht gehört wird und mich auch immer wieder darin bestärkt, auch in Mythenmultis Opfer von Gewalt zu sehen und zu versuchen ihnen zu begegnen.

…mit Blick zurück…

Der Saal explodierte in meinen Ohren und ich taumelte zurück zu dem Platz, an dem ich mich eigentlich doch eingegraben hatte vor lauter Selbsterdung.

Das war Applaus.
In meine Richtung.
Blicke, die auf mich trafen.
Lächelnde Blicke.

Wieso wurde hier geklatscht? Was hatte ich getan?
Ich
ha ha

Hat denn niemand die riesengroße Sprungfeder, die meinem Körper aus dem Kopf geflogen sein musste, gesehen? Niemand die ganzen sowieso schon lockeren Schrauben an mir klappern hören, als wir dort auf dieser Tagung herumliefen?

Es ging um rituelle Gewalt und viele Menschen würden da sein.
Wir hatten Vernetzungsideen und wussten eigentlich, dass die Angst vor Fremden doch jede Interaktion schwierig machen würde.

Einzelne Wortbrocken wühlten sich durch die Schallwellen und mit ihnen dann die Beruhigung, keine gänzlich unangemessene Wortmeldung getan zu haben.

Und dann stand der Mensch vor uns.
Erzählte von einem Filmprojekt und fragte nach Interesse daran.

Flughafen2Ich denke an all die Absprachen innen und außen, die der Moment der Entscheidung bereits im Vorfeld abverlangt hatte, als ich mir den Gurt des Flugzeuges um die Hüfte zurre, wie einen Strick um einen Sack.

Habe ich alles durchdacht?
Wirklich alles?
Was ist, wenn wir nicht zurück kommen?
Reicht unser nicht notariell beglaubigtes Testament?
Werden unsere Angelegenheiten gut beendet?

Was hatte ich getan? Ich würde jetzt vom Himmel fallen!

Ich würde jetzt vom Himmel fallen

Es gibt keine Situation, in der es nicht wenigstens die eigenen Gedanken sind, mit denen ich mich in echte Angst triggern kann.
Immerhin keimt mir ein Hauch von Verstehen auf, während ich mich in und um einen Sitzplatz herum in den Boden hineinerde und animierten Figuren bei der Präsentation der Sicherheitsanweisungen zuschaue.

Fortsetzung folgt

man muss nicht glauben, um zu helfen

Ich bin vorhin über die Türschwelle zum Multiland im Internet gestolpert und mitten in eine Welt geplumpst, in der mein Risiko an Hirndiabetis zu erkranken um Faktor 100 erhöht wurde.

Die versierten SucherInnen werden sie kennen, diese Seiten auf denen über Multiple „aufgeklärt“ wird. Jaja, ich  meine die, mit den wackelnden Gifs von weinenden Engeln, den Webringfackeln und den verniedlichenden Begriffen.
Ich sehe die Bildchen und denke: Kitsch. Sehe „Webring“ und denke: Angst vor der Offline-Welt. Lese so Dinge wie: „Innie“, „Multi“, „Darki“ und denke an Vermittlungsseiten von Tierheimhunden.

Da ist erst mal keine Wertung drin (auch wenn meine Assoziation dazu im Allgemeinen negativ konnotiert werden). Ich versuche trotzdem die Seiten zu lesen und würdige, die Arbeit die dahinter steht. Der Wunsch der Auseinandersetzung mit dem Thema, ist bei mir ja auch vorhanden.
Aber ich versuche mich in LeserInnen hineinzuversetzen, die selbst keine DIS haben und aus einem bestimmten Grund Informationen zum Thema gesucht haben und in Folge dessen schlage ich vor solche Seiten die Hände überm Kopf zusammen.
Wenn ich so eine Seite durch habe, glaube ich selber nicht mehr an dissoziative Identitäten oder satanistische Kulte und das finde ich schlimm.

Schlimm deshalb, weil ich noch immer von HelferInnen und Hilfseinrichtungen höre, die „nicht an „solche Sachen“ glauben“. In den letzten Nebensatz hätte ich noch viel mehr Gänsefüße setzen müssen.
Vielleicht so: nicht an „solche“ „Sachen“ „glauben“.

„solche“? Welche?
„Sachen“? Welche Objekte -tote Gegenstände- werden im Zusammenhang mit DIS und destruktiven Kulten benannt?
„glauben“ Wer verlangt Glauben, wenn es die Ratio ist, die angesprochen wird?

Wir sprechen von einer Dynamik der Macht und Ohnmacht, der Gewalt und des Überlebens, wenn wir von Menschen in destruktiven Gruppierungen sprechen. Etwas, woran man nicht glauben muss, um zu wissen, dass es das gibt, weil wir alle Ähnliches in anderen Rahmen gleichsam erleben. Stichwort Bürokratie, Kapitalismus, Rassismus… der Weihnachtsmann.
In allen Zusammenhängen wird uns eine Struktur aufgedrückt, die die Welt oder Aspekte in ihr erklärt und definiert. Es liegt bei uns, ob wir danach leben wollen oder nicht.
Kinder glauben nicht an den Weihnachtsmann- sie glauben, daran, dass ihre Eltern ihnen die Wahrheit sagen, wenn sie ihnen erzählen, dass er die Geschenke unter den Baum legt. Sie hören auf es zu glauben, wenn sie so reif und frei sind, ihre Eltern zu hinterfragen oder beim Geschenkekauf „erwischen“ oder oder oder

Ja, ich habe wenig Verständnis dafür, wenn mir erwachsene HelferInnen erzählen wollen, dass sie nicht an (rituelle Gewalt in) destruktive(n) Kulte(n) glauben, weil ihnen das so entfernt vorkommt. Oder sie sich das einfach nicht vorstellen können.
Liebe HelferInnen:
Niemand verlangt eine genaue Vorstellung der Gewalt- bitte- schützen sie ihr Gehirn vor solchen Bildern! Sie werden falsch sein, weil Sie sie nicht erfahren haben.
Transponieren sie einfach nur die Fakten: Da ist ein Mensch, der viel Einfluss auf andere Menschen ausübt, in dem er ihnen die Welt definiert und ihnen ihre Identität abspricht. Sie zur Nummer macht, ihnen biologische, soziale, psychische Andersartigkeit zuschreibt und dies in eine Struktur einbettet. Einfach, weil er es kann und will.Vielleicht eigene Bedürfnisse befriedigt, in dem er die Grundbedürfnisse anderer Menschen ausbeutet.
Fertig. Da haben sie, was sie nicht glauben wollen.
Sie erfahren, das Gleiche jeden Tag. Nein?
Wie viele Nummern sind sie? Steuernummer, Versicherungsnummer, Kundennummer…
Wie viele Begriffe gibts für sie? Das N- Wort? Das Wort, dass ihr berufliches Wirken bezeichnet? Ihre Diagnose(n)? Das Wort, das ihren Familienstatus benennt?
Es ist das Gleiche. Das gleiche Muster, der gleiche Einfluss auf das, wer sie sind und was sie an Macht dadurch zugesprochen oder aberkannt bekommen.

Nur die Gewalt und die geistige Auslegung ist anders.
Bei ritueller/ ritualisierter Gewalt in destruktiven Gruppierungen, hat man es mit einem globalen Angriff auf die Menschen zu tun. Sie werden auf allen Ebenen verletzt, die es gibt. Auf der körperlichen, sozialen, psychischen, ökonomischen und der spirituellen Ebene. (Etwas, das ein religiös fanatischer Partner übrigens auch kann! Üben wir doch gleich mal das Transponieren…)

Oft höre ich Zweifel darüber, wie „das denn alles möglich sein soll“, „wie „sowas“ denn unbemerkt bleiben kann, von Außenstehenden, der Polizei usw.“ oder auch das vielgebrachte Argument der Zweifler: „Es müsste zig Leichen geben…“.

Es ist einfach etwas monströs „Schlechtes“ zu tun oder völlig legal zu planen.
Achtung Transponierungsalarm: „Prism“, Wasserprivatisierung, gentechnisch verändertes Saatgut, Steueroasen, das Brechen des Willens von Menschen in geschlossenen Einrichtungen, sexuelle Misshandlung in Kirchen und anderen Einrichtungen… soll ich weiter machen?

Menschen suchen Erklärungen und nehmen nur allzu oft unhinterfragt alles an, was ihnen geboten wird, wenn es etwas ist, das für sie greifbar (transponierbar) ist.
Wenn ich Verletzungen hatte und von jemandem darauf angesprochen wurde, sagte ich etwas von Unfällen, von einer Prügelei oder Selbstverletzung. Die meisten Menschen, haben mir geglaubt und nie wieder nachgefragt.
Und die Menschen, die nachgefragt haben, haben es spätestens nach Kenntnis der Wahrheit bereut. Nicht, weil die Wahrheit so schrecklich war, sondern, weil ihnen klar wurde, wie sehr an ihnen gezweifelt werden würde, würden sie dies mit anderen Menschen teilen. Ihnen wurde klar, was für einen Aufwand sie betreiben müssen, um mit jemandem darüber zu sprechen, ohne wegen der Annahme meiner Geschichte belächelt, angezweifelt oder offen verhöhnt zu werden.

Dazu kam, dass ich selbst nur gegenüber jenen die Wahrheit sagte, von denen ich annahm, einen Schutz vor der Strafe, die ich von der Gruppierung zu erwarten hatte, erhalten zu können.
Ich gehörte jemandem, der mir ein Schweigen und den absoluten Gehorsam aufgezwungen hatte. So wie allen anderen Menschen, die involviert waren, auch.

Wer schweigt, sagt nichts. Wer schweigen muss, um am Leben zu bleiben, erst Recht.
Spuren zu verwischen ist nicht besonders schwer. Was bereits für nur wenige Menschen sichtbar ist, kann leicht auch gänzlich schwinden gemacht werden.
Das kennt doch jeder, der mal unbeobachtet Äpfel geklaut hat. Schnell aufessen und niemand wird je davon erfahren.

Ich verstehe, dass unfassbar schlimme Gewalt unfassbar im Sinne von unbegreiflich ist.
Und ich verstehe, dass die Folgen, die vor allem in den Überlebenden absolut subjektive Muster entstehen lassen, nie übertragbar sind. Eine Objektivierung dessen, wird immer etwas übrig lassen, was Zweifel aufgrund von Unvergleichlichkeit mit der eigenen Wahrnehmung stehen lässt.
Doch die Folgen im Betroffenen selbst gänzlich verstehen zu wollen ist nicht nötig, wenn man sich mit der Ursache befassen muss oder will.

Das ist mein Kritikpunkt.
Wenn eine Website dafür sorgen will, destruktive Kulte und Sekten zu erklären, dann reicht ein kurzer Hinweis auf die Folgen. Wenn eine Website über die Folgen allein aufklären will, ist es nicht förderlich über die Ursachen (in diesem Fall die explizite Darstellung der Gewalt) zu schreiben.
Das Eine bedingt das Andere, natürlich. (Und will man die Gesamtdynamik erklären, dann lohnt eine Darstellung beider Seiten) Doch das Eine ist vielfältig übertragbar- das Andere nicht.
Das Eine, hat das Potenzial einen weiteren Überlebenden (Betroffenen) zu produzieren. Stichwort: PTBS-Symptome bei HelferInnen von traumatisierten Menschen.
Das Andere könnte zum Tod des Überlebenden führen bzw. dafür sorgen, dass weitere Menschen in die Gruppierung eingebracht werden oder außerhalb dessen Gewalt erfahren.

HelferInnen oder auch Menschen, die mit der Betreuung von Menschen mit diesem Hintergrund, beauftragt sind, haben nicht die Pflicht, an den Hintergrund zu glauben. Sie müssen nicht davon überzeugt sein, all die Gewalt als „echt“ einzustufen.
Doch sie sind definitiv dazu verpflichtet, ihren Klienten mit allen Problemen, die ihm durch die Folgen der Gewalt entstanden sind, als „echt“ anzunehmen und sie zu unterstützen, diese zu lösen oder mit ihnen ein Leben zu führen, das sie mindestens nicht umbringt. Um dies „gut“ zu tun und schwerwiegende Fehler zu vermeiden, ist eine Kenntnis über den Hintergrund hilfreich- keine Frage. Aber das Leiden und die Probleme, liegen in den Schwierigkeiten der Überlebenden und stehen im Vordergrund.

Auch in der Hilfe kann man transponieren ohne Ende.
Es muss nicht heißen: „Oh wei, oh wei- ein Mensch mit DIS- der braucht eine Sonderbehandlung!“. Es reicht zu sagen: „Ein Mensch dem Gewalt angetan wurde/ der kein Vertrauen leichtfertig annimmt/ der noch immer Angst hat/ der Hilfe braucht, um in ein Leben ohne Gewalt zu finden.“.

Es ist völlig egal, welche Profession man hat. Es ist völlig egal, in welcher Funktion man sich für ihn einsetzt.
Das Wichtigste ist ihn anzunehmen, wie er ist. Ihn ernst zunehmen. Ihm beizustehen. Hilfe ist Begleitung in der Gegenwart. Ehrlich, offen, gewaltfrei, menschlich. Egal, wie nah oder fern. Egal, wie überzeugt man selbst ist von dem, was dem Klienten passiert ist.

Die besten Helferinnen, die mich begleitet haben, waren jene, die das getan haben und noch immer tun.
Manchen habe ich nie die Gewalt erzählt, manchen gegenüber erwähne ich „Überschriften“. Doch nur meiner Anwältin und meinen Therapeutinnen gegenüber, habe ich jemals wirklich erinnerte Gewaltserlebnisse geschildert.
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Sie alle aber waren und sind hilfreich, weil sie da sind. Weil sie mich mit allem Guten und Schlechten an und in mir ernstnehmen und mir ihre Hände reichen, wenn ich sie brauche.
Ich weiß nicht, wie viel sie glauben, woran sie zweifeln, was sie denken oder gedacht haben, als sie von meiner DIS und dem was sie verursacht hat erfuhren. Und das ist mir auch egal. Sie sind da- hier und heute- und das ist alles, was ich je gebraucht habe.

Und…
es ist so oft, so wahnsinnig viel mehr, als ich mir je zu wünschen erlaubt habe.

abgetaucht

Wir besuchten das Naturkundemuseum von Münster, in dem noch bis zum 3.11. 2013 die Ausstellung: „Wale- Riesen der Meere“  zu bestaunen ist.

Es war toll! Wer etwas über Wale erfahren möchte und da nicht hingeht, hat etwas verpasst!
Am Anfang gibt es einen Einstimmungssaal. Dort sieht man an den Wänden eine Projektion, die vom typischen Bootsschwanken, mit Wellenplätschern und Möwengeschrei, hinunter in die Tiefen des Ozeans führt. Man hört je nach Tiefe die Walgesänge, der Wale, die sich dort jeweils aufhalten.
Bis zu 1400 Meter geht es runter, wo die großen Pottwale zu finden sind.
Im Raum selbst rangt das Modell eines Buckelwalkopfes im Maßstab 1 zu 1 aus dem Boden und viele verschiedene Wale schweben im Raum.

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Dann geht es weiter durch die verschiedenen Stationen. Man erfährt viel über die Routen, die zum Beispiel Pottwale zurücklegen, um sich fortzupflanzen und zu fressen, in einem lustig (aber nicht albern oder niedlich) gemachtem Kurzfilm.
Wie sich Wale bewegen, wie genau sie an den Druck in großer Tiefe angepasst sind und sogar die physikalischen Grundlagen dazu, werden anschaulich erklärt.
Auch die evolutionäre Entwicklung der Meeressäuger wird mit vielen (teilweise sogar komplett erhaltenen) Fossilien unter die Lupe genommen. Über die Biologie erfährt man einiges sehr nah, denn hier und da können Modelle berührt werden. Zum Beispiel ein Stück künstliche Delfinhaut (die sich anfühlt wie besonders angenehmes Gummi).

Ein Objekt hat uns richtig umgehauen. Das 1 zu 1 Modell eines Blauwalherzens nämlich.
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Es ist so groß, dass wir mit unseren 1,72m durch eine Ader krabbeln und uns darin so fast ganz aufrichten konnten- also.. naja, so Glöckner von Notre Dame- mäßig aufrichten- aber immerhin, haben wir nicht hocken müssen. Ist das krass, oder was?!

Dann gings weiter zum Teil Fortpflanzung und Jungenaufzucht, wo wir lernten, dass Waljunge zwar Säuger sind, aber gar nicht richtig nuckeln, weil sie keine beweglichen Lippen haben.
Die Kleinen drücken mit ihrer Schnute um die Zitze herum, legen ihre Zunge darum und die Milch kommt so herausgeflossen. Und haha- falls jemandem mal seine Kuhrohmilch mit seinen popligen 4,8% Fettanteil eklig vorkommt: Walmilch besteht bis zu 50% aus Fett… ist ja aber logisch, wenn man für Sex in die Karibik schwimmt, das Kind aber in der Arktis kriegt, weil es dort mehr zu essen gibt. Da muss das Kleine schon schnell wachsen und Schutzspeck haben.

Wir haben konservierte Walföten gesehen. An sich schockt mich sowas nicht, aber diese grau-gelbe Färbung nahm mir doch etwas den Reiz an der Betrachtung. Irgendwie sahen alle Glasinhalte aus, wie zurechtgeknüllter Stoff oder etwas Ähnliches. Aber immerhin habe ich jetzt eine Vorstellung davon, wie doch auch winzig so ein Wal ist, wenn er dabei ist zu entstehen.

Dann haben wir uns in Narwale verknallt. Die Einhörner der Meere. Hach. Leider hab ich das Modell nicht mehr gefunden, aber ihr könnt ja googlen.
Ach und in diesen hübschen Beluga, der hier so nett in die Kamera linste:

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Dann haben wir noch Walspucke beguckt, die ich hier nicht aufgenommen habe, weil ich die Größe des Kopfes und die Ausmaße, die Wallausbefall (ja, Läuse auf Walen- haben etwa Ameisenköniginnengröße) neben den üblichen Seepocken annehmen kann, an sich dann doch spannender fand.

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Zum Abschluss hab ich hier noch ein Foto von einem Orkaskelett.

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Na? Auch gemerkt? Diese tolle Schwertrückenflosse hat gar keine Knochen in sich. Sie wird komplett von Bindegewebe so aufrecht gehalten.

Am Ende der Ausstellung werden Walfang, Umweltverschmutzung, der Krach im Meer und militärische Einsätze im Zusammenhang mit der Bedrohung für diese schönen Tiere thematisiert.

Kurz bevor wir das Gebäude verließen, um uns auf den Heimweg zu machen, dachte ich, dass wir, wenn wir schon etwas Schönes unternehmen, auch etwas Schönes mitnehmen könnten. Dürfen sollten. Also dürfen. Können dürfen sollten.

Wir verließen den Shop des Museum, mit einem Poster auf dem alle Wale die es gibt abgebildet sind, in der Hand und einem Kinderinnen, das alle drei Seiten in seinem kreisförmigen Viereck behopste (und noch immer behopst).

NakNak* wurde von einer unserer Gemögten bis zur Erschöpfung bespielt und im Wald laufen gelassen. Nach der Unruhe, die sich hier mit den Unwettern eingeschlichen hatte, tat ihr das sicher genauso gut, wie uns der Ausflug nach Münster.
Jetzt sind wir beide sehr müde und brauchen bestimmt nicht mehr großartige Hürden ins Schlummerland nehmen.

Täter_Abkehrschmerz_Kontakt Teil 5

Und dann ist da der Schmerz der kommt, spürbar ist und bleibt.
Freiheit sollte keinen Preis haben.
Für Menschen ohne Ressourcen hat sie das aber unter Umständen schon.

Ich muss, während ich dies schreibe, an den Kommissar a.D. Hr. Paulus denken, der bei der Tagung, so emotional für frühe Interventionen eintrat. Wir waren verdammt früh dran, für alles das was in unserem Leben passierte und doch scheint es für uns als Mensch in einer (kapitalistischen) Leistungsgesellschaft, als sei doch schon alles zu spät. Als sei das, was für uns gut und wichtig ist, nichts, was uns irgendwann in die Lage bringt tatsächlich jemals so frei zu sein, dass wir wirklich und tatsächlich sagen können: „Ja, hier habe ich das Sonderangebot der kostenlosen Freiheit in der Hand, von dem ich im allerersten Artikel zum Thema „Täterkontakte“ geschrieben habe.“442855_original_R_by_Günter Havlena_pixelio.de

Wir waren minderjährig, als wir, aus welchen Gründen auch immer, (psychisch) auffällig wurden. Minderjährig, als wir aus eigener Kraft wegliefen und uns in räumliche Entfernung brachten. Minderjährig, als wir uns jahrelang durch die Mühlen von Institutionen der ja fast industriellen Massenbearbeitung zwecks „Heilung“ (die eigentlich „Anpassung“ meint) hin und her schieben ließen. Minderjährig, als wir Entscheidungen treffen mussten, die ein Leben beeinflussten, von dem wir noch nicht einmal wussten, wie genau das aussehen könnte/ sollte/ müsste.

Wir haben so ziemliche jede Etappe, die uns aus den destruktiven Konstrukten herausbrachte, fast allein gekämpft. Nur diesen Aspekt der Gewalt, haben wir in einer Art beendet, die uns in Kontakt brachte.
Und nun, wo wir alles das hier aufschreiben, kommen wir in Kontakt mit dem Trennungsschmerz.
Dabei ist das alles schon viele Jahre her. Doch diesen Punkt- den Verlust und die Bedeutung all dessen, was vielen Innens Sein und Ziel gab (und noch immer gibt), haben wir bis heute nicht bearbeitet und verkraftet. Es schwelt wie ein blubbernder Pudding unter der Haut und kommt ab und an mal wieder hoch.
Weil wir eben mit genau dem unglaublich allein stehen.

Es ist der Haken an Pseudoreligiosität oder auch den sozialen Rollen in Gewaltbeziehungen.
Du bist etwas und stehst für etwas. In deinem kleinen Leben, das so voller Schmerz ist, bist du etwas für jemanden (oder etwas). Da gibt es Pflichten, Zwänge, Regeln, die genau deinen Wert abzirkeln, dich genau wissen lassen, wo du stehst. Es ist unverfälscht und steht im direkten Bezug zu dir.
Fällt es weg, bist du nichts mehr- weder vor anderen noch vor dir selbst.

Das ist der Punkt, der unglaublich anfällig für die nächste Sekte, die nächste gewalttätige Beziehung, die nächste Extremistengruppe macht. Ich las neulich einen Artikel in dem stand, dass Aussteiger nach dem Ausstieg aus satanistischen Kulten ihren Zugang zum Christentum finden und klebte unter der Decke, weil ich mich direkt fragte, wo dann da bitte die Freiheit blieb?
Selbstdefinition passiert über das was man tut und die Wertschätzung, die einem darüber entgegen kommt.

Jeder sagte uns nach dem Ende der Gewaltkontakte, dass wir das toll durchgestanden hätten und gut für uns gekämpft hätten. Aber niemand hat gefragt, was dann kam.
Und so kam einfach: Nichts.

So ist das, wenn man spaltet. Da ist dann einfach nichts. Lieber nicht dran denken, lieber nicht dran rühren. Man hat ja nun geschafft, was immer in den tollen Büchern steht und was „die Anderen“ sich so für einen wünschten. Die schlimmste Angst ist ja jetzt weg. Der regelmäßige Schmerz ist ja jetzt weg. Jetzt ist der Wasserhahn ja abgedreht.
Dass er in unserem Fall noch tröpfelte, haben wir unterschätzt; dass es BÄÄÄMs und noch immer hoffende MittelBÄÄÄMs in Winkeln bei uns sitzen gibt, nicht gewusst, weil es keinen Kontakt gab.

Und jetzt, wo er endgültig zugedreht ist, hören wir das Knacken und Knirschen der Wanne.
Man steht davor und weint immer mehr Tränen hinein, weil man- trotz aller Kämpfe und aller Kraft und auch aller Erfolge, noch immer nicht genug in Kontakt mit seinen Händen ist, um den Stöpsel zu ziehen und alles das, was sich da angesammelt hat, rauszulassen.

In der ganzen Zeit haben wir gedacht, dass wir, wenn wir erst mal frei sind, nicht mehr soviel Kraft vergeuden würden müssen, weil wir ja dann nicht mehr ständig Gewalt wegdissoziieren müssen. Dass wir mehr Energie zur Verfügung hätten, um uns richtig doll anzustrengen und auch endlich einen Beruf zu erlernen und nicht mehr in dieser menschenunwürdigen Hartz-Maschine zu stecken. Beim Beginn der ambulanten Psychotherapie nicht von Anfang an auch noch darüber nachdenken müssten, ob wir uns XY leisten könnten, oder ob wir nicht doch lieber noch ein Wochenbugdet beiseite legen um Stunden selbst zahlen zu können- wir wollten ja arbeiten und uns das leisten können.
Wir dachten ja, wenn man frei von Täterübergriffen sei, sei man tatsächlich frei und (man-) selbst- ständig.

So war es aber für uns nicht.
Alles was sich änderte war die Gewalt. Von der Gewalt, mit der wir aufgewachsen und an die wir angepasst waren, die uns Sinn und Sein gab, zu der Gewalt aus der man schlicht nicht aussteigen kann, ohne die komplette Aufgabe all dessen, was man sich doch so hart erkämpft hat.
Natürlich könnten wir in den Wald ziehen und von Gänseblümchen leben. Könnten auf den Staat pfeifen und uns durchschnorren. Doch dafür haben wir das alles nicht auf uns genommen.
Dafür haben wir das alles nicht überlebt- dafür haben wir nicht die Wertnormen aller uns umgebenden Welten von uns abgetrennt. Für ein Leben in Haltlosigkeit ertragen wir diesen Abtrennungsschmerz nicht.

Und doch ist genau dies unsere derzeitige Phase.
Zu erkennen, dass man nicht wirklich frei ist, sondern schlicht haltlos frei herumfliegend.
Im Moment unglaublich tief erschöpft von der Suche nach Halt durch Hilfen und Begrenzungen.

Ja, wir haben mehr Energie und es geht uns in vielen Bereich besser als zu der Zeit, in der manche Innens noch regelmäßig gequält wurden. Aber das, was wir als Ergebnis dieser Befreiung erhofft hatten, ist schlicht nicht eingetreten.

Es ist also auch eine Abkehr dessen, was uns lange durch diesen Prozess getragen hat: Das Denken, es gäbe eine Ordnung und einen Rahmen für uns, wenn wir auf etwas verzichten, was in dieser Welt außerhalb dessen aus dem wir kommen, verurteilt ist.

Vielleicht gibt es diese Ordnung irgendwann. Vielleicht sind wir einfach zu erschöpft von dem Stück für Stück Selbstmord den wir seid dem endgültigen Zudrehen des Täterkontaktes letztes Jahr begehen. Das weiß ich nicht. Ich bin zu jung, um zu wissen was jetzt kommt. Wie lange und was für ein Leben habe ich schon gelebt, um nun auf bereits gemachte Erfahrungen mit so schweren Sinnkrisen zurückgreifen zu können? Da ist keine Basis- nur Material, um etwas Neues aufzubauen und mir selbst einen Rahmen zu zimmern.

Doch dafür brauche ich noch mehr Kontakt mit meinen Händen. Eine vielleicht nur noch zu zwei Dritteln gefüllte Badewanne. Hilfe von außerhalb. Mut und Zutrauen, diese auch anzunehmen.
Aber im Moment habe dies einfach nicht.
Ich bin müde, habe Schmerzen und quäle mich durch die Tage, versuche die Menschen, die mir begegnen nicht anzuschreien, obwohl ich permanent das Bedürfnis dazu habe. Schreibe mich hier täglich leerer, weil ich denke, dass es mich irgendwie definiert als jemand, der etwas tut. Jemand der etwas erschafft und nicht nur Ressourcen frisst.

Die Hilfe, die wir bis jetzt hatten, gibt es so in der Form nicht mehr, dass wir sie nutzen können.
Die Beziehung zu den mit uns verbündeten Menschen hat sich verändert, in den letzten Jahren. Wir sind nachwievor verbündet- aber nicht mehr auf dieser Ebene. Die Kontakte, die wir haben, können alle nur ansatzweise versuchen zu verstehen und nachzufühlen, was in uns vorgeht. Das ist nicht schlimm oder ein Defizit, aber es ist eben nicht das, was wir im Moment ge-brauchen können. Wir brauchen sie! Wir brauchen sie alle! Nur ge-brauchen können wir sie eben nicht.

Wir können keine der sich derzeit bietenden Klinikkonzepte nutzen, weil wir über das hinaus sind, was da angeboten wird. Keine Sektenberatung kann uns helfen, weil die Alternative zu geistig-religiös-spiritueller Haltlosigkeit eben geistig-religiöse-spirituelle Konstrukte sind, die alle samt und sonders- egal wie liberal man sich in div. Gemeinden gibt, einsperren und bei uns alles explodieren lassen würden (unser Eiertanz, den wir hier ab und an zeigen, reicht ja eigentlich, um zu zeigen, wie schwer es schon in Eigenregie ist).

Trotz allem, was jetzt gerade brennt sind diese Gedanken und Schmerzen anders, als die, die es früher gab.
Ja- wir kämpfen wieder um unser Überleben- genau wie wir das noch zu Zeiten in denen andere Menschen noch über uns verfügten, tun mussten.
Doch heute zerstören wir uns selbst, (leben also eine Eigenmacht aus) und sind einer Art Gewalt unterworfen, der sehr viele andere Menschen auch unterworfen sind.

Wir sind also nun, durch alles was wir geschafft haben, immerhin in der Position selbst und eigenmächtig zu bestimmen, ob und wie wir leben oder sterben.

Es ist ein bitterer Sieg.
Aber es ist ein Sieg.

Ende