KI wird uns alle töten (wahrscheinlich)

Ich habe wieder das Podstock-Festival besucht.
Es war toll, hat Spaß gemacht und war wie immer mein Flauschtankpunkt.
Am letzten Tag gab es eine kleine Diskussionsrunde zum Thema der sogenannten „künstlichen Intelligenz“. Auslöser war ein Click-Adventure, das Teddy für Esel für ihren Podcast erstellt hatte. Toby, ein langjähriger Fan der „Esel und Teddy Show“ und ebenfalls Podcaster, hatte jeden Spaß an der Folge verloren, als klar wurde, dass das Adventure KI-generiert war.
Die Diskussion sollte Positionen klären. Ausloten: Wo stehen wir da eigentlich miteinander?
Mir war die Runde zu kurz. Und Jörn hat am Montag in seinem feinen Podcast auch noch seine Gedanken zu KI geteilt. Jetzt teile ich meine Gedanken hier.

Mir geht es wie Toby, wenn ich erfahre, dass etwas, das ich im weitesten Sinne mit Kunst verbinde, „mit Hilfe von KI“ entstanden ist. Der Spaß am Produkt ist sofort weg.
Und nicht nur das. Auch die Annahme, dass es bei der Funktion des Produktes um einen gezielten Kontaktversuch mit mir geht, wird enttäuscht. Ich fühle mich zum Konsumenten degradiert. Zum Vernutzungsendpunkt. Aufgrund meiner sinnlichen Täuschungsfähigkeit sogar missbraucht, wenn es um Videos geht, die sehr realistisch und emotional aktivierend sind. Und ich erlebe mich als Mitmensch ausgeklammert, ausgeschlossen, egalisiert, wenn es um den Akt der Produktion geht.

Hintergrund dieser Empfindungen ist mein Leben mit Behinderung, als Person im Kreativbetrieb, welcher heute im kommerziellen Bereich weitgehend digitalisiert ist.
Weil ich mit einer Behinderung lebe, war der kreative Bereich für mich gewissermaßen schon immer einfach „gebucht“. Da wird Leistung einfach anders bewertet und Anpassung eher individualisiert als in anderen Arbeitsbereichen. Bisher galt dort oft: Gut Ding will Weile haben. Die Muße muss kommen und angemessen wirken können, nicht alles ist Handwerk. Wenn etwas wirklich schön werden soll, dann funktioniert Zeitdruck nicht, sondern Auftrags- und Versorgungssicherheit. Raum. Zeit. Prozess. Kommunikation.

Diese Auffassung verändert sich seit der Industrialisierung immer mehr. Seit Maschinen Dinge produzieren, wird anders über Produktionszeit gedacht. Als schnell gilt heute zum Beispiel nicht mehr die Erstellung eines Logos oder einer Wortmarke in einer Woche, sondern innerhalb weniger Stunden, wenns denn nicht in wenigen Minuten geht.
Ich habe schon mit einer Wochendeadline Probleme. Ich kann nicht jeden Tag die gleiche Anzahl Stunden in die Erstellung von Entwürfen, Einarbeitung von Verbesserungen oder Änderungen stecken. Habe nicht immer die gleichen Kapazitäten für die Entschlüsselung von Kundenkommunikation und das, was passiert, wenn die Adobe Creative Cloud, mein Hauptwerkzeugkasten, ihren Nutzer_innen mit dem neuen Update auch neue Funktionen und Ansprüche an deren Fähigkeiten aufdrängt.

Ich bin nicht nur in meiner Arbeitsfähigkeit stark begrenzt, sondern auch in meinen Lebensfähig- und ‑fertigkeiten. Daraus ergeben sich meine Grenzen der Produktivität. „KI“ wird mir diesbezüglich als etwas angeboten, das meine Grenzen erweitern könnte. Hinterfragt wird dabei nie, ob ich das überhaupt möchte. Ob meine Langsamkeit eventuell Vorteile hat oder Prozesse begünstigt, die unter anderen Umständen gar nicht erst entstehen würden.
Da ich langsam bin, entstehen für meine Kund_innen und ihre Mitarbeitenden freie Zeiträume. Manchmal entstehen so Räume zur Prüfung des Gesamtprojektes. Zeit und Raum dafür, die Kommunikation für mich leichter zu gestalten. Detaillierte Fehlersuchen zu begleiten. Entspannte Feierabende. Kürzere Listen für Tages-To-dos. Raum für Orgakram, der sonst zu kurz kommt. Solange meine Grenzen der Geschwindigkeit mit den Grenzen des Produktionsdrucks meiner Auftraggeber_innen zusammenpassen, kann die Zusammenarbeit gut gelingen. – Weil keine Grenzen überschritten werden müssen.
Das, was aktuell alles als „Künstliche Intelligenz“, kurz KI, bezeichnet wird, verschiebt diese Grenzen extrem durch eine scheinbar mühelose, verlustfreie und ständig bereitstehende Produktionsbereitschaft. Der Produktionsdruck erhöht sich bereits allein durch die inzwischen allgemeine Kenntnis von der Technologie, über die es heißt, sie könnte alles immer, schneller und besser. Denn wozu sich an Tageszeiten, menschlichen Grenzen und strukturellen Bedingungen orientieren, wenn etwas immer und überall von jedem gemacht werden kann? So ist ja im Grunde jede Konvention, jede Grenze obsolet – und hat ja eh auch immer hart genervt, wenn man nicht nur ableistisch, sondern auch ehrlich ist.

Auch was meine Grenzen bedingt sowie die grundlegende Motivation hinter meiner Arbeit bleiben vom Angebot, meine Arbeitsweise mit „KI“ zu ergänzen oder zu verändern, gänzlich ignoriert.
Wenn ich offensichtlich ineffiziente Arbeitsabläufe präferiere, dann ist das für viele nicht behinderte Menschen unverständlich oder schnell mit meiner Behinderung erklärt. Da gibt es die Annahme, ich wäre einfach nicht anpassungsfähig. Oder könnts halt einfach nicht. Da müsste irgendwie viel für mich angepasst werden oder extra sein.
Ob ich vielleicht einfach gerne jeden Schritt meiner Produktion selbst machen oder sehen möchte, weil es mir ein Genuss ist, verstehen in meiner Branche oft nur noch die älteren Menschen, die nie digitale oder mechanische Abkürzungen zur Verfügung hatten und ihre Arbeit einfach leidenschaftlich gerne gemacht haben. Ich scanne freudig stundenlang Dokumente. Ich klicke klaglos auch tage- und wochenlang Kästchen an. Es befriedigt mich enorm, aufzuräumen, zu sortieren, zu ordnen, mir Ordnungen auszudenken, zu kontrollieren und durchzusetzen, Effizienzstudien zu machen, Testreihen anzulegen, Abgleiche vorzunehmen, abzuzählen oder drei bis fünf immergleiche Handgriffe zu tun. Das sind alles Dinge, die überschaubar sind. Vorhersehbar. Und heutzutage nun leider auch weitgehend automatisierbar.
Aufgrund dieser Automatisierbarkeit verkommen Arbeiten dieser Art zu „nix“. Waren es mal „geringfügige Arbeiten“ oder „leichte Tätigkeiten“, sind sie inzwischen fast überall komplett im Aufgabenkatalog von Maschinen verschwunden. Für Menschen bleibt nur noch, was die Maschine nicht kann. Das betrifft häufig Sonderfälle, Ausnahmen und spezielle oder komplexe Konstellationen. Das wiederum führt dazu, dass Arbeit im technischen Service etwa extrem anspruchsvoll wird. Hat man vor wenigen Jahren noch primär dazu angeleitet, ein Gerät aus- und wieder einzuschalten, hat man es jetzt überwiegend mit Kund_innen zu tun, die anstrengende Probleme haben. Auch hier also ein Schauplatz, der mich als behinderte Person bei der Arbeitssuche betrifft.

In der Kunst und freien Arbeit in der Text- bzw. Buchbranche hingegen liegt der Wert für mich nicht im Produkt, sondern in der Produktion (mit anderen Menschen). Ich selbst mache auch noch die in den Augen anderer Menschen bekloppteste Kleinteil-Wurschtelarbeit in der Regel deshalb, weil ich mich selbst dabei fühlen kann, wie ich etwas tue, das etwas ist. Ich mag das Gefühl. Selbst dann, wenn mir dabei langweilig wird oder ich merke, dass ich damit jetzt nicht gerade die ganz großen Schrauben der Welt bewege. Solange ich nicht als Verbesserungstool einer Maschine benutzt oder ökonomisch als weniger wertvoll behandelt werde, bin ich zufrieden. Einfach, weil ich mich als ich selbst erleben kann, während ich in Kontakt mit anderen Menschen bin. Etwas, das für mich aufgrund meiner Behinderung einen extrem hohen Stellenwert hat. Ich bin nicht gut im sozialen Einblenden. Ich halte oberflächliches Geplänkel nicht lange durch. Ich verpasse soziale Hinweise, verletze manchmal unabsichtlich, irritiere praktisch immer mit irgendwas – all das rückt sehr in den Hintergrund, wenn ich mit Menschen zusammen an etwas arbeiten kann. Wenn unsere Kommunikationen einen gemeinsamen Bezugspunkt hat.

Diesen kommunikativen Aspekt von Produktion finde ich in allen Auseinandersetzungen mit „KI“ unterbeleuchtet und auch unterschätzt. Denn was bei der Erstellung KI-generierten Inhalten passiert, ist sowohl gewisse Abtrennung vom Selbst bei der Produktion als auch von anderen Menschen bei ihrer Anbahnung.
Benannt wird häufig, dass Menschen verdummen, wenn sie sich Wissen nicht mehr durch Selbst.Erfahrung aneignen, sondern stets kurzfristig leihen und ohne Anspruch auf Aneignung nutzen. Diese sogenannte Verdummung allein verhindert aber nicht, dass Menschen ein erfülltes Leben führen können.
Was aber dazu führt, ist Vereinzelung und die konstante Überschreitung natürlicher Grenzen. Die bei „digital verdummten“ Menschen immer enger werden, obwohl sie immer kompetenter erscheinen. Und zwar, weil sie nicht mehr kooperieren. Und die Lust dazu oder die Einsicht in die Sinnhaftigkeit dessen immer weiter abnimmt. „Ich kann was nicht, ich weiß was nicht – ich frag mal ChatGPT, bevor ich ein Gespräch oder Treffen mit jemandem anstoße, die_r es mir sagen, mir beibringen kann.“ – das ist der Pfad weg von anderen Menschen und zusätzlich auch von sich selbst. Über die Erkenntnis, dass man selbst ungenügend ist oder etwas weder weiß noch kann, hinaus passiert in der Person nur noch die Wahrnehmung des Unwillens, sich mit anderen Menschen dazu auszutauschen, (neu) zu lernen oder etwas dafür zu tun, dass Lernverhalten und soziale Kooperation stattfinden.
Die KI-gestützte Wissens- oder Kunst- oder Textproduktion funktioniert in diesen Fällen kompensierend. Nicht perfekt, aber besser als nichts – und alles, was man früher, in vordigitalen Zeiten, als selbstverständliche Arbeit verrichtet hat. Hauptsache, es ist was da. Das hilft enorm dabei, das Unwohlsein über die eigene Unzulänglichkeit oder Unfähigkeit zu überdecken.

In meiner Welt ist „Hauptsache, es ist was da“ das Stück, das mir zeigt, was ich kann, was ich noch lernen oder üben muss, aber auch, ob meine verfügbaren Ressourcen reichen. Es ist eine erste Markierung an dem, was ein Bezugspunkt werden kann. Es ist niemals genug, um als fertig eingeordnet zu werden. Oder eben: genug.
Ich verstehe, dass Menschen unterschiedliche Ansprüche an ihre Produkte und Werke haben. Nicht jedes Gebrauchsobjekt muss die Qualität eines Meisterstücks haben. Aber wenn der Anspruch so weit runtergeht, dass etwas nur aussehen oder wirken muss, als sei es ein Gebrauchsobjekt, dann ist das ein Problem. Dann verkennen wir den kommunikativen Wert der Dinge, die uns umgeben und Wirkung auf uns haben.
Teddy beschrieb zum Beispiel, dass er auch mal ein Bingo „mit KI“ generiert hat, weil er jemandem eine Freude machen wollte. Er konnte es schön machen, konnte jemandem auch eine Freude machen – aber Zeit und groß Gedanken oder Energie hat er nicht dafür aufgebracht. Das sind zwei einander widersprechende kommunikative Signale. „Ich mache gerne was für dich, du bist ja mein_e Freund_in“ einerseits und „Ich mache das nicht selbst, nicht investiert, nicht mit echter Aufmerksamkeit (Ich räume dem Akt keinen oder nur sehr wenig Platz neben meinen eigenen Interessen ein)“ andererseits.

Kommunikative Signale wirken immer. Vor allem, wenn wir sie einmal bewusst wahrgenommen haben.
Als Mensch im Kreativbetrieb und in der Textproduktion spüre ich aktuell hauptsächlich das Signal der Ablehnung und Abwertung. „Nein, dich frag’ ich nicht – ich frag’ die Maschine, die mir eine Antwort ohne Profession und ausgebildete Perspektive errechnet.“, „Mit dir red’ ich nicht – ich lass’ mir lieber was erzählen, das wie etwas wirkt, das jemand wie du sagen würde.“, „Ach, das, womit du Stunden verbringen würdest, bevor du es (aufgrund deiner Expertise und Fachkenntnis) für fertig hältst – ist mir 10 Minuten wert, weil ich es am Ende eh gar nicht weiter beachte und entsprechend eigentlich gar nicht wertschätze. (Ich will hier eigentlich nur verdecken, dass ich’s für unnötig halte.)“

Die Abwertung der Dinge und unserer Bezug nehmenden Kommunikation schreitet voran. Und damit wird uns KI meiner Ansicht nach töten.
Wer die starre Heuristik dem fluiden Prozess menschlichen Miteinanders vorzieht, wird über kurz oder lang nicht mehr angemessen auf Gefahren und Herausforderungen reagieren können, die über längere Zeit nicht eindeutig sind. Sei es, weil wir einander einfach zu lange vermitteln, dass weder wir einander wirklich wichtig sind, noch die Dinge, die wir einander geben und zeigen – oder sei es, weil es zu lange dauert, bis genug Menschen an den relevanten Stellen verstanden haben, dass Intelligenz wenig mit korrekter Faktenwiedergabe zu tun hat.
Ich spreche hier nicht davon, dass man verhindern muss, dass „der KI“ „zuviel“ Macht gegeben wird oder dass man sie nur als Werkzeug betrachten darf. Ich bin der Ansicht, dass wir besonders LLMs (also ChatGPT und ähnliche Apps und Komponenten) und Mediengeneratoren in ihrer Wirkung als Gegenspieler zu unserer zwischenmenschlichen Kommunikation begreifen müssen. Und entsprechend begrenzt einsetzen.

Da wir allerdings in der Endphase des Turbokapitalismus leben – und das auf einem Planeten, der diese Phase wahrscheinlich nicht auf eine Art überleben kann, die vereinbar ist mit dem menschlichen Leben – wird eine solche Entscheidung extrem erschwert.
Viele Menschen sind sogar überzeugt, man könne „der KI“ heute nicht mehr entkommen. Und bitte allein diese Formulierungen. „Wir kommen da nicht mehr drumrum“, „Wir können uns dem nicht entziehen“ – würden wir so über etwas sprechen, von dem wir das Gefühl haben, es wäre wirklich gut für uns?
Die für mich logische Reaktion auf solche Aussagen ist Alarmierung.
Doch gesamtgesellschaftlich sehe ich diese Reaktion nicht.
Ich sehe Besorgnis über den Ressourcenverbrauch der Datenzentren und ableistische Argumentation gegen die Nutzung. Aber Angst darüber, wie einverstanden die Menschen damit erscheinen, sich mit immer mehr Müll und langfristig unnützlichem Kram, eingebettet in eine nicht zur Kooperation und gegenseitigen Ver.Bindung führenden Kommunikation, zu umgeben – die sehe ich nicht.

Und das kann ich wirklich nicht verstehen. Wie können wir das nur zulassen? Liegt es daran, dass nicht-autistische, nicht behinderte Menschen so wenig Probleme damit haben, sozial passend zu kommunizieren? Ist da die Ansicht: „Och das kriegt man schon schnell genug wieder hin“? Was ist da los? Woher kommt dieses mir schlafwandlerisch anmutende Einverständnis in die gegenseitige Isolation für leere, lose, unnütze Müllproduktion?
Ich habe viele Ideen dazu, nicht alles, werde ich mir im Leben wohl erklären können.
Sicher bin ich mir aber darüber, dass Menschen an KI und ihren Folgen sterben werden, wenn sich das Nutzungs- und Anspruchsverhalten nicht verändert. Einfach, weil das schon jetzt passiert und im Hinblick auf das, was nötig ist, um KI bereitzustellen (Wasser, Strom, Hardware zum Beispiel), eine Frage der Zeit ist.
Es ist nur noch nicht klar, ob es uns irgendwann wirklich alle erwischt.

die Bewerbung

Spät am Abend sitze ich am Computer und schreibe eine Bewerbung. Kein neuer Job. Ein Assistenzhund.
Nun also doch. Vielleicht. Wenn.
Und wenn.

Es sind klassische Hundevermittlungsfragen, die der Verein stellt. Wer, wie, wo? Was sind die Wünsche und Hoffnungen in Bezug auf das Tier? Und die Frage, wie meine Krankheit denn aussieht.
Es wühlt mich auf. Macht mich unsicher.
Ich schreibe auf wie ich wohne und das Bewusstsein um meinen Platzreichtum umspült mich mit Scham. Es geht mir so gut und ich will noch mehr. Meine Lebensumstände sind so stabil, so gesichert und gestützt und was will ich: etwas anderes.

Meine Krankheit ist chronisch, deshalb begreife ich sie als Behinderung.
Meine Traumafolgestörung ergibt sich aus psychischen wie physischen Anpassungen an für mich ungünstige Lebensumstände. Wieder spüre ich Scham und wie viel Anstrengung es mich kostet, trotzdem weiterzuschreiben. Ich weiß inzwischen sehr sicher, dass meine Symptomatik nicht unüberwindbar sein muss, um als solche anerkannt zu werden. Weiß, dass ich, um als Mensch mit Behinderung verstanden und anerkannt zu werden, nicht in Asche und Ohnmacht leben muss. Es darf mir gut gehen. Ich darf gut eingepackt in Fürsorge, Unterstützung und Freiheiten leben und gleichzeitig anerkennen, dass es Punkte gibt, die davon für mich ganz persönlich einfach nicht berührt sind.
Aber diese Punkte sind mir peinlich. Sie berühren Aspekte meines Seins und Erlebens, die schon mein ganzes Leben eine Rolle spielen und konstant Teil der konflikthaften Interaktion mit anderen Menschen sind.
Seit ein paar Wochen spulen sich diese Erfahrungen in einer ständigen Wiederholung in mir ab. Egal, was ich mache, ich nehme die innere Abwertung wahr und den Druck, den sie aufbaut. Nach 15 Jahren, in denen ich mich über meinen Hund daraus orientieren, versichern und beruhigen konnte, baut sich der Strudel wieder auf und ich gerate in die gleichen kommunikativen Momente der Ohnmacht und Starre wie vorher. Es kostet unfassbar viel Kraft, trotzdem weiterzumachen. Mich trotzdem zu ver- und umsorgen. Mich trotzdem zu behandeln, als wäre ich es wert. Mit anderen Menschen zu sprechen, als wäre ich es wert. Mir etwas vorzunehmen und zu versuchen, als sei es nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt, bescheuert, abstoßend oder unsinnig, gerade, weil ich es tue. Mich nach Misserfolgen oder Fehlern nicht massiv zu verletzen oder meinen Suizid als unausweichlich notwendig einzuschätzen.

Ich weiß, was da los ist. Weiß, dass ich das in der Therapie zum Thema machen muss.
Es ist in dieser Lage keine Lösung, einen Assistenzhund zu haben. Aber ein Umgang. Ein anderer als Selbstverletzung, Vermeidung oder ein mentaler Zehnkampf jeden Tag, an dem es keine Momente der Regulierung, keine Augenblicke allgemeiner Okayheit gibt. Es ist ein Umgang, der mir in den letzten Jahren ermöglicht hat, hier herzukommen. In eine stabile fürsorgliche Partner_innenschaft, in eine Arbeitsstelle, die mich fördert und auf mein autistisches Erleben zugeschnitten ist. In ein therapeutisches Momentum, in dem für mich real annehmbar ist, dass ich an den Dingen arbeiten kann, die mich belasten. In eine Situation, in der ein Assistenzhund nicht nur gut arbeiten, sondern auch gut leben kann.

Diese Bewerbung ist nur ein erster Schritt für ein erstes Gespräch.
Dieses Mal habe ich nicht die Zeit für eine Selbstausbildung. Und dieses Mal möchte ich einen Hund, der weniger reizoffen ist, als Sookie es war. Ich brauche jetzt keinen Hund mehr, um zu lernen, wann Umstände wirklich aufregend und möglicherweise überfordernd sind. Heute brauche ich einen Hund, der mich in meinem Bedürfnis nach Beruhigung und Versicherung unterstützt. Ich denke also über eine andere Rasse nach und eine entsprechende Zucht.
Das ganze Vorhaben wird eine Zeit dauern. Jemand anderes wird die Ausbildung für mich übernehmen und ich die süßeste und härteste Zeit mit diesem Hund nicht miterleben.
Ich muss mir noch genau überlegen, ob ich das wirklich so möchte oder als etwas akzeptiere, das anders einfach nicht geht.

Aber nichts machen, weil ich unsicher bin, ist genau das, was ich jetzt nicht machen will.
Gerade jetzt ist es wichtig, mir keine Traumawahrheiten zu bestätigen.

Solidarität – für alle – #DisabilityPrideMonth

Was machen wir mit dem Wissen um Ableismus, Behindertenfeindlichkeit, den Möglichkeiten zu er_fassen, was behindert und wer behindert ist_wird? Wie bringen wir das alles zusammen und mit uns als Individuen in Verbindung? Und wie wird aus Verbundenheit Solidarität?

Am Anfang der Corona-Pandemie war mir klar, dass die Krise in der Pflege noch einmal mehr verschärft werden würde. Nicht, weil es mehr Kranke geben würde, sondern weil selbst in einer Pandemie – einer sich weltweit ausbreitenden Infektionskrankheit von der alle Menschen betroffen sind – krank zu sein und (davon ausgelöst) chronisch krank zu bleiben mit „weniger wert sein“ gleichgesetzt bleibt.
Das ist etwas, das mich in der Anfangszeit sehr beschäftigt hat. Wie wir alle davon behindert werden, aber weiterhin besonders die abgewertet werden, die sich angesteckt haben und auf Pflege angewiesen sind. Und, wie die Kraft der Pflegenden allein deshalb weiterhin etwas bleibt, das gering entlohnt ist, weil sie an sich von Wert ist, aber um Menschen dreht, die als weniger wert eingeordnet sind.

Das gesamte Drama im Gesundheitssektor beruht auf der Abwertung von (so eingeordneter) Dysfunktion und Abweichung. Und also Menschen, in denen sie gesehen oder auch verkörpert wird.
Kein Aufstand der Pflege, kein Behandler_innenprotest für mehr Rechte, mehr Schutz, mehr allgemeine Würdigung wird je erfolgreich sein, wenn nicht die Rechte, der Schutz, die allgemeine Würdigung von kranken, behinderten Menschen verbessert bzw. allgemein etabliert und gewährt werden.

Das ist ein Zusammenhang, der einfach nicht genug beachtet wird.
Egal, ob man Behinderung als medizinisch oder sozial begründet begreift, am Ende steht immer eine Wertfrage und das Problem, dass wir alle in Verhältnissen leben, in denen Minderwertigkeit nur dafür gebraucht wird, Mehrwert zu definieren, um diesen zu fördern.
Und, dass es einfach nicht genug Menschen gibt, die mehr als ein Schulterzucken oder ein ahnungsloses Gesicht zur Problematisierung dessen beitragen.

Menschen schaden anderen Menschen nie „einfach so“. Niemand hasst behinderte Menschen einfach so.
Abwertung ist viel unpersönlicher als man glaubt – selbst dann, wenn man genau nur eine behinderte Person abwertet oder vielleicht auch einfach nicht mag und denkt, man könne es ganz an deren individuellen Eigenschaften festmachen. Wir leben in Zusammenhängen, die maßgeblich mitbestimmen, was wir wann wie warum mögen oder nicht.

Um zu verändern, wie wir miteinander umgehen, müssen wir verändern, wie wir miteinander umgehen können.
Deshalb muss es das Ziel sein, die Verhältnisse in denen wir alle leben zu verändern – und diese Veränderung für alle von uns zu machen, statt für einzelne Gruppen.

Solidarisch mit den Schwächsten zu sein bedeutet alle zu stärken.

eine andere Antwort

Gendermarketing ist ein Ding. Ist klar, wurde und wird schon viel drüber geschrieben, da braucht es nicht noch einen weiteren Text von mir.
Aber.
Auch Kritik an Gendermarketing ist ein Ding.
Nämlich.
Was aus Gründen des Gendermarketing kritisiert wird und warum.

Anlass für diesen Text ist meine von den Kochrezeptblöcken in dem Buch “Hannahs 25 Raspberry Pi Server” ausgelöste Verwirrung.

Es ist ein Buch, das fundiert und klar beschreibt, wie man Server aufsetzt und wie sie funktionieren. Und in dem es Kochrezepte gibt.
In einigen Rezensionen wird dieser Umstand lächerlich gemacht und Gendermarketing zugeschrieben. Für manche Rezensent_innen ist dieser Umstand sogar das Sprungbrett zur Abwertung des gesamten Buchs.

Als peinlicher Versuch mehr Frauen an “die Technik” zu kriegen, landet das Buch in einer Ecke, die seinem Inhalt überhaupt nicht gerecht wird.
Warum? Weil “Kochen” und “Technik” im Gegensatz zu einander verfestigt werden, wie “Frauen” und “Technik”.

Wäre ich eine Umkehrfeministin würde ich mich fragen, ob ein Werk zum Thema “Grillen” und “Technik” von einer Person, die als Mann kategorisiert wird, die gleiche Abwertung erfahren würde. Und dann fallen sie mir ein: die automatisierten Grills (CN: YouTube-Video) und der fast wie ein Fetisch anmutende Hype um DEN GRILL für DEN MANN, der sich in der Sommerzeit jedes Mal neu in der Werbelandschaft austobt.
Ich komme zu dem Schluss, dass das gleiche Gendermarketing, das bei Produkten mit der Zielgruppe “Frau” zu Lächerlichkeit und Verfestigung von Unvereinbarkeitsempfinden führt, bei Produkten für die Zielgruppe “Mann” jedoch, zur Ergänzung dessen, was als “männlich” gilt.

So wird Gendermarketing für “Frauen” peinlich – für “Männer” jedoch nicht.
Und so wird auch nur Gendermarketing für “Frauen” kritikwürdig, da es als allgemein entwertend und stereotypisierend kategorisiert wird. Manche Kritik verstärkt diese Einordung sogar noch durch den Einsatz von Sarkasmus und Witzen, die ebenfalls nur als solche erkennbar sind, wenn man ihre Quellen kennt, was nicht in allen Fällen vorraussetzbar ist.

Ich persönlich halte es für wichtig, bewusst darum zu sein, dass es Gendermarketing gibt.
Und fertig.
Meine eigene Kaufkraft ist so niedrig, dass es in meinem Fall irrelevant ist, an wen wer was verkaufen will – ich kann nur kaufen, was ich kaufen kann und das ist in der Regel das, was ich brauche  und eher selten das, was ich am liebsten gerne hätte, unter anderem vielleicht auch, weil es speziell für “Leute, die eventuell so sind und leben, wie ich” gedacht und gemacht ist.

Eine Bewertung des Umstandes, dass es das überhaupt gibt, wurde bereits vorgenommen und wie gesagt fällt diese Bewertung nachwievor überwiegend (cis)feminitätsfeindlich aus. Manchmal sogar dann, wenn die Aufwertung von (Cis)Feminität als Intension angeführt wird.

So bleibt zum Beispiel in Bezug auf dieses Buch die umfassende Auseinandersetzung damit aus, warum ein Buch mit Anleitungen zur Technik überhaupt Kochrezepte enthält.
Die einfache Antwort ist: “Gendermarketing – die denken, dass Frauen das mehr kaufen, wenn was drin ist, was sie kennen und wenn es aussieht, wie etwas anderes, das für Frauen gemacht wird”.
Eine andere Antwort könnte jedoch auch sein: “Warum denn nicht? Warum nicht etwas machen, was sonst noch niemand gemacht hat? Warum nicht ein Buch schreiben, das ein bisschen neben der immer gleichen Type passiert?”

Die andere Antwort könnte einfach auch mal eine Autor_in und ein Verlag sein, die versuchen etwas anderes zu machen, als viele andere, weil sies können und wollen.

BÄM – da denkt man doch gleich ganz anders über dieses Buch.
Und darüber, wessen Bücher man eigentlich lesen will.

*in diesem Text schreibe ich von “Männern” und “Frauen”, weil Gendermarketing nur das binäre Geschlechtersystem verwendet
P.S. Meine Verwirrung über die Blöcke rührt von ihrer Überschrift „Hannahs“.
Es kann schon mal verwirren den eigenen Namen so unvermittelt zu lesen.

hab den Mut deine eigene Stimme zu benutzen – ein Rant

Es war nach der Meldung über die unabhängige Aufarbeitungskommission und vor der Mail, die mir erzählte, dass Yoko Ono “Testamente des Leids” für eine Kunstaktion in Empfang nimmt.
Der bittere Moment, in dem mir klar wurde, dass ich als öffentlich schreibende Person, die Gewalt überlebte und die Folgen davon im Leben hat, die Rampensau bin, während all die “guten Opfer” sich bei der Aufarbeitungskommission melden oder ein Bild ihrer Augen über ein Schriftstück heften, das sie Yoko Ono schicken.

Immer wieder heißt es, Gewalt solle benannt werden. Immer wieder wird mit großen Worten ein Wertschätzungsluftballon aufgepustet, der den Mut der Überlebenden, der Betroffenen, der Menschen, die ES erfahren haben, der Menschen, die bis heute nicht wissen, zu wem oder was die Gewalt sie hat werden lassen, verkündet.

“Geschichten, die zählen” heißt es in der Broschüre der Aufarbeitungskommission.

“Profiliert sich im Internet mit ihrer Diagnose und (angeblichen) Geschichte”, heißt es, wenn man genau das Gleiche tut, jedoch nicht darauf wartet, dass eine Institution oder irgendein_e Künstler_in Bock auf die Auseinandersetzung mit Leid und Not hat.

“Ihre Geschichten helfen, zu verstehen.” heißt es grob übersetzt auf der Webseite des UBSKM.

“Wertet sich selbst damit auf, für Fachpersonal Workshops und Vorträge zu geben.”, ist aus unserem letzten Klinikbericht zu übersetzen.

“Was ist das bloß für eine Diskrepanz?”, könnte man sich da fragen. Und tut es doch nicht, denn die Dissoziation ist wichtig.
Es ist wichtig, hier die guten, die jungen, die starken, die resillienten Opfer zu haben, deren Kraft zum Widerstand, zur Autonomie, zur Macht über die eigene Stimme, die eigene Geschichte, die eigene Wahrheit, das eigene Selbst, dann doch aber bitte nur bis kurz vor das Ego der Helfer_innen, der Retter_innen, der Verkünder_innen eines selbst nie erfahrenen Leids, reicht.

Es ist wichtig dort die schlechten, die alten, die unfähigen, “die Anderen” zu haben. Die, bei denen “es dann doch wahrscheinlich alles ein bisschen anders war.”. “Die, “die noch ganz andere Probleme haben, als…”. Die, für die es nie hätte anders laufen können.
Man braucht sie, um sich Kraft zu sparen. Sich zu erhöhen. Sich zu trösten. Es ist so wichtig immer wieder jemanden zu haben, auf dessen Rücken man klettern kann, um selbst ein Wunder zu vollbringen oder wenigstens von einem angestrahlt zu werden. Es ist so wichtig, dass alles einen Sinn hat, den man sich ohne viel Anstrengung konstruieren kann.

“Meine Geschichte”, werde ich nie mit einer Öffentlichkeit teilen, die so funktioniert.
“Meine Geschichte” enthält so viele Geschichten und keine einzige davon ist es wert, zu etwas erhoben zu werden, das so tief eingegrabene Gewaltmuster aushebeln kann.
Ich wurde einfach nur misshandelt und ausgebeutet. Und aus Versehen hab ich das auch noch überlebt.
Sowas passiert. Jeden Tag. Immer.
Und wieder.

Viel schlimmer als das ist, was jeden Tag mit mir gemacht wird, nur weil ich das üb.erlebt habe.
Dass die Kenntnis über diese meine Erfahrungen ausreicht, um meine Intensionen, meine Person, mein Selbst, mein Werden und Wirken zu entwerten, zu pathologisieren und von Fremden für sich allein benutzen zu lassen.

Ich bin kein Opfer für dich Yoko.
Ich bin kein Opfer für dich UBSKM.
Ich bin kein Opfer für dich [random Stelle, die “den Opfern eine Stimme geben will”]

Ich war ein Opfer.
Ich bin ein Mensch mit Erfahrungshintergrund.
Wie jeder andere auch.

Was ich schlimm finde ist, für wen ich das ewige Opfer sein muss, um sich mit Gewalt auseinanderzusetzen oder die Auseinandersetzung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene immer wieder anzustoßen.
Das sind nicht immer die großen Held_innen der Psychotraumatherapie. Das sind nicht immer die aufopferungsvollen Pädagog_innen. Die against all odds pro Bauchgefühl – Menschen.

Das sind oft Menschen, die davon profitieren, dass unsere Gesellschaft eine Gewaltgesellschaft ist, in der sogar mit Not und Scheiße noch an Geld und Macht zu kommen ist. Die davon profitieren, dass die Wahrheit des Unterlegenen zum Vorteil des Überlegenen erklärt werden kann.

Wir wollen niemandem davon abraten sich an dem Vorhaben der unabhängigen Aufarbeitungskommission zu beteiligen. Oder an dem fancy Kunstdings von Frau Ono.
Es ist wichtig, dass über Gewalt gesprochen wird. Es ist wichtig, dass über die Folgen und die Leben danach gesprochen wird. Es ist wichtig, dass niemand sagen kann, si_er hätte noch nie davon gehört.

Aber – es ist wichtig, dass es direkt von denen zu hören ist, die es erlebt haben.
Nicht von irgendwelchen Stellvertreter_innen. Nicht von irgendwelchen Institutionen. Nicht von Menschen, die davon profitieren, dass sie die Stimme einer zum Opfer gewordenen Person im Hinterkopf haben und die eigene Stimme hörbar für alle erheben.

Ja, viele mit Gewalterfahrungen im Leben, haben Angst davor offen damit zu sein.
Es ist nicht geil, solche Kommentare auf das Ergebnis der eigenen Versuche in Worte zu kommen lesen zu müssen, wie wir sie hier mitunter reingedrückt kriegen.
Es ist verletzend zur Rampensau erklärt zu werden, weil man sich nicht versteckt. Es ist erschreckend welche negativen Konsequenzen es haben kann, wenn man offen als früheres Opfer von Gewalt vor andere Menschen tritt.
Man selbst hat nichts davon. Niemals. Unter keinen Umständen.

Aber es ist gesagt. Und je nach Form ist es unübersehbar. Unüberlesbar. Unausblendbar. Unzerstörbar da.

Und niemand kann je sagen, man hätte ja nicht wissen können, dass es so etwas wie zum Beispiel unser Leben und Sein, Wirken und Werden tatsächlich gibt.

Wir möchten euch sagen, dass ihr nicht warten müsst, um zu erzählen, was war. Um auszudrücken, was jetzt ist. Um sich mit den gemachten Erfahrungen auf die ganz individuelle Art zu befassen, wie es sich am Okaysten anfühlt.
Niemand wird kommen und euch danach fragen. Noch lange Zeit werdet ihr es sein, die von weit her dazu aufgefordert werden, etwas zu sagen und mit einer sozialen Umgebung zu teilen, der es nicht primär um euch und euren kleinen persönlichen Kosmos geht, sondern um die Gewalt und ihre Macht.

Ihr braucht keine Erlaubnis für euren Ausdruck, denn die Redefreiheit gilt euch für euch.

Ihr braucht nur den Mut, euch der eigenen Stimme zu bedienen.
Weil es sagbar ist.

arm

Man kann uns über die Abwertung von Armut gut verletzen.
Das geht richtig tief. Rührt an Scham und Minderwertigkeitsgefühle, erinnert an die Verzweiflung, die mit unserem Kämpfen der letzten 10 Jahre um eine Berufsausbildung und bezahlte Jobs einhergehen.

Die Verletzung hat drei Stränge, die uns so bewusst sind, weil wir es uns in unserer Lebenslage nicht leisten können sie auszublenden, wie Menschen, die es für angemessen halten uns über die Abwertung unserer Armut zu verletzen.
Strang eins ist in der Person verortet, die uns damit verletzt. Da gibt es Gründe, da gibt es Willen zur Verletzung, Demütigung und Selbsterhebung, der nichts mit uns zu tun hat.
Strang zwei ist in dem Kontext, der unsere Armut begründet und aufrecht erhält, verankert und hat ebenfalls nichts mit uns als Person zu tun.
Strang drei ist in der Gesellschaft verankert, die in sich Strang eins und zwei vereint, ohne dies an sich zu reflektieren, weil die eigene Haut als bedroht eingestuft wird, wenn es um Armut geht. Da gibt es eine Ahnung vor der sich geschützt werden muss, da gibt es *ismen, die die Welt erklären und Menschenleben niedermähen, wie ein Kornfeld. Am Ende bin ich nur Teil der niedergemähten Masse. Wieder geht es nicht um mich.

An allen drei Strängen bin ich nicht konkret beteiligt, aufgrund meiner Armut. An allen drei Strängen kann ich allein nichts verändern, gerade weil ich allein nicht beteiligt bin. Und doch gibt es Menschen, die mir unterstellen, ich würde an meiner Lage nichts verändern wollen und deshalb nichts tun.
Ich nenne das “die Teilhabeblindheit”, die vor allem Menschen befällt, für die Teilhabe allein über einen Aspekt der ökonomischen Unabhängigkeit bzw. weniger stark eingegrenzten Möglichkeiten ein erfahrungsgemäß kleineres Problem darstellt (und etwas anderes, als Ignoranz (m)einer Lebensrealität ist).
Wer die Anschaffung eines Lexikons weniger als 3 Monate im Voraus planen muss, weil das Sparen auf ein Bildungsgut bedeutet, währenddessen und darüber hinaus an Kleidung, Kultur, Gaststättenleistungen, Instandhaltungskosten der Unterkunft und anderem ebenfalls zu sparen, der kann sich auch eher auf eine Weise vor dem Verlust an Teilhabe durch Bildung, durch Kultur, durch öffentliches Leben schützen, als ein Mensch, bei dem das nicht so ist.

Bei allen Diskriminierungen, die über Armut durch Hartz 4 bestehen, bin ich daneben dann doch auch froh, dass ich als davon betroffene Person auf eine Art sichtbar bin. Es gibt Menschen, die in Frührente gehen mussten, Menschen, die mit Krankengeld über die Runden kommen müssen, deren Armut noch überhaupt gar nicht diskutiert und sichtbar gemacht wurde. Diese Menschen müssen häufig Kosten stemmen, als wären sie nicht arm, haben aber Ende oft sogar noch weniger für ihren Lebensunterhalt als eine Person, die den vollen Hartz 4 Satz bekommt.

Die Sichtbarkeit, der Menschen, die auf Hartz 4 angewiesen sind, hat allerdings wiederum oft nicht benannte Negativeffekte.
Weil ich in meiner Armut sichtbar bin, bin ich leicht in frage zu stellen. “Sie hat ein Smartphone, sie ist nicht abgemagert, sie fährt in der Gegend herum, sie hat ein ausgefallenes (also teures) Hobby – dann kann die Armut ja nicht schlimm sein. Soll sie halt nicht so viel Scheiß kaufen/nicht aktiv sein/keine Hobbys haben – soll sie halt sparen. Soll sie sich halt zurücknehmen.  … Soll sie halt weggehen. Soll sie halt nicht da sein.”

Niemand meint das so. Aber alle sagen es mit ihrer Abwertung und das ist unreflektierte Gewaltausübung an unterdrückten Personen, die oft auch einen sadistischen Touch bekommt, wenn diesen Personen unterstellt wird, sie würden ihre Armut wählen, weil es bequemer ist Menschen um finanzielle Unterstützung zu bitten (statt sie sich anders selbst zu beschaffen).

Wir haben in 10 Jahren Hartz 4,  4 oder 5 Mal um Geld nur allein für uns gebeten. Das waren Situationen, in denen wir unsere Pfandflaschenvorräte schon getauscht haben, die Trockenvorräte aufgebraucht hatten, dem Hund das Fleisch hätten wegfressen müssen, während wir im Dunkeln sitzen, weil der Strom abgeschaltet wurde.
Was uns oft passiert ist, dass wir in Geldnot kommen, weil unsere Non-Budget – und Non –Profit – Projekte, wie jetzt zum Beispiel das Podcast oder auch das Nachwachshaus, oder Vorträge und Workshops, für die wir kein Honorar erhalten und für die wir die Fahrtkosten vorstrecken müssen, immer und immer an unserem Hartz 4 Budget fressen und auch durch regelmäßige Unterstützungen nicht abgemildert werden können.
Es gibt Menschen, die schütteln den Kopf darüber und fragen uns, warum wir das denn auch machen. Wieso lassen wir uns nicht immer für alles bezahlen. Wieso lassen wir uns denn so gnadenlos ausbeuten.

In solchen Momenten bin ich oft erst mal baff, weil es mir gleichsam nicht den Kopf will, wie man unsere Gründe denn einfach so übersehen kann. Wie kann man denn nicht sehen, wie isoliert wir zu leben gezwungen sind? Wie kann man denn nicht sehen, dass es exakt diesen Bereich der Selbstwirksamkeit gibt, den wir uns über unser Handeln erarbeiten. Wie kann man denn nicht sehen, was für einen großen Bereich von sozialer, intellektueller und kultureller Teilhabe wir uns über unsere Tätigkeiten selbst und so eigenständig, wie es in unserer Lage nur geht, erschlossen haben?

Was uns oft passiert ist, dass wir deshalb zu jemandem gemacht werden, der als eine Art “Ausnahmehartzi” betrachtet wird. Wir gelten nicht als faul, wir gelten nicht als hoffnungslos dumm/ungebildet/assi – wir gelten dann als jemand, der einfach Pech hatte oder als bedauerlicher Einzelfall, der in diesem System einfach keine Chance hat.
Für uns ist diese Haltung uns gegenüber ein Vermeidungstanz um Bedingungslosigkeit herum, die man uns zugestehen möchte – aber nicht allen anderen, die abhängig von Grundsicherung sind.

Bedingungslosigkeit gilt in manchen Kreisen als gefährlich und falsch. Dort muss sich der Mensch alles verdienen, sonst hat nichts mehr Wert.

Das ist nicht meine Logik, weil ich sie als menschenverachtend erlebe. Für mich muss sich niemand verdienen am Leben zu sein und dieses für sich zu sichern und zu gestalten. Ich kann nicht “Freiheit für alle” rufen und aber nur die meinen, die sich dieser Freiheit als verdient erwiesen haben.
Das ist widerwärtig und verabscheuungswürdig.

Arm zu sein ist keine Entscheidung. Für manche ist sie ein Schicksalsschlag. Für manche ist sie eine Notlösung für eine gewisse Zeit. Und für manche ist es einfach Realität, weil das Ende der Armut mit Bedingungen belegt wird, die (noch und vielleicht auch: für immer) unerfüllbar sind.

Arm und ohne Teilhabe (teilnahmslos) zu sein ist hingegen eine Entscheidung und diese stellt Bedingungen, die nur dann erfüllbar sind, wenn es zum Einen entsprechende Reflektion über die eigene Selbstunwirksamkeit gibt und zum Anderen, wenn man bereit ist, sich auf eine Art auch darum zu bemühen, den eigenen Begriff von Würde, Selbstwert und allgemeinen Werten zu definieren und in sich zu etablieren.

Mir macht es keinen Spaß um Geld für das Podcast zu bitten. Aber ich weiß, wofür wir das tun und wer, außer mir auch noch davon profitieren kann. Es ist für mich nicht würdelos und peinlich Menschen um Unterstützung für meine Projekte zu bitten.
Peinlich finde ich, privilegierten Menschen sagen zu müssen, dass sie gewaltvoll handeln, weil sie selbst es nicht bemerken. Würdelos erlebe ich Menschen, die mich erniedrigen müssen, um sich selbst zu spüren und ihrer selbst zu versichern.

Meine Armut hat nichts mit mir zu tun und das ist mir ein wichtiger Punkt in jeder Debatte um Hartz 4.
Meine Armut ist strukturell bedingt, gesamtgesellschaftlich benutzt und in der Folge irgendwo auch gebraucht.

Sagt mir also lieber nicht, ich solle lieber gar nicht da sein.
Denn wäre ich nicht, dann hättet ihr niemanden außer euch selbst, den ihr als letzten Dreck bezeichnen könntet.