Im Sommer 2015 veröffentlichte ich drei Ausschnitte meiner Auseinandersetzungen mit der Autismusdiagnose. Autismus und DIS #1, #2 und #3. Nicht lange danach bereute ich es.
Über den Verlauf der folgenden Monate wurde ich so instabil wie jahrelang schon nicht mehr. Ich konnte Sookie nicht mehr versorgen. Schließlich auch mich selbst.
Was mich beschäftigt hat, wollte ich hier nicht mehr so teilen. Mit den Menschen in meinem Leben hätte ich sprechen müssen. Das Ausmaß der zu prozessierenden Informationen und Schlüsse, zu denen ich über mein Erleben kam, und ihre Bedeutung für mich waren zu viel. Ich erlebte eine massive Dekompensation. Wurde suizidal. Stimmte einer psychiatrischen Krisenintervention zu, weil ich keine Kraft mehr hatte, mir eine Alternative zu wünschen.
Wenige Monate später passierte der Klinik-GAU.
Ich entschied, meine Therapeutin von meinem Autismus fernzuhalten. Ich hatte „meine Klinik“, meine feste, sichere Anlaufstelle zur Selbstsammlung und ‑stärkung, verloren – ich hatte Angst, auch sie zu verlieren.
Ich entschied auch, hier nicht so darüber zu schreiben, wie es mich tatsächlich beschäftigt oder womit ich mich diesbezüglich befasse. Der Begleitermensch und mein Facharzt wurden zu den einzigen Menschen, mit denen ich offen und rückhaltlos darüber sprach. Wenn sie Zeit dafür aufbringen konnten. Was sie immer weniger konnten und schließlich gar nicht mehr.
Das hat letztlich die Krise ausgelöst, die es nötig machte, meine Therapeutin zu konfrontieren. Ich musste von ihr verlangen, meinen Autismus nicht als Ergänzung zur DIS mitzudenken, und war fest davon überzeugt, dass sich der Klinik-GAU wiederholen würde.
Meine Therapeutin hat die Arbeit aber doch geleistet.
Die Therapie begann, wirklich hilfreich zu sein. Ich konnte anfangen zu prozessieren. Teile dieser prozessierenden Arbeit konnte ich in „Worum es geht, Autismus Trauma und Gewalt“ veröffentlichen.
Ganz und gar aufrichtig, offen, unverdeckt und frei, spreche ich nie von mir aus über meinen Autismus. Mit niemandem. Ich teile gern, was ich weiß, was ich gelesen, gesehen, gehört, von Diskurs und Forschung mitbekommen habe. Ich kläre gern auf, wenn mich jemand fragt, teile Quellen und Theorien, aber wie es für mich ist, was es bedeutet und auslöst, wie es meinen Alltag bestimmt und Situationen beeinflusst, das teile ich nur selten dezidiert mit.
Aus drei Gründen: das Stigma, die Medien, die persönlichen Auswirkungen
Fast jedes Gespräch, in dem ich meinen Autismus und meine Traumafolgestörung offenlegen muss, erfordert Entstigmatisierungsarbeit von mir. Die Benennung und Abgrenzung von Vorurteilen, die Einordnung der Relevanz dieser Information über mich in dem Kontext, der aktuell ist, und die soziale Versicherung aller Beteiligten, dass ihnen kein Schaden dadurch entsteht, wenn sie sich mit mir umgeben.
Außer wenn ich mit anderen (komplex) traumatisierten Autist_innen oder Menschen mit ADHS zusammen bin, habe ich keinen vorurteilsfreien, keinen nicht pathologisierenden oder problematisierenden Raum für mich und mein in der Welt sein.
In der Folge verstecke ich mich. Ich erwähne bestimmte Dinge nicht, thematisiere manche Belastungen, Anstrengungen oder Hindernisse nur dann, wenn ich die Kraft habe, mich oder meine Perspektive zu erklären und meinen Gegenübern dabei ein gutes Gefühl zu vermitteln. Was in der Regel bedeutet, dass ich sie egalisiere, bagatellisiere, zu einer Macke von mir erkläre, um die sich niemand weiter kümmern muss.
Die meisten Dinge, die ich als autismusbezogen verstehe, empfinde, denke oder prüfe, verhandle ich mit mir allein. Und immer bin ich darauf konzentriert, an den Folgen dieser Entscheidung nicht in einem Umfang zu leiden, der mich wieder suizidal macht.
Ich möchte mit dieser Offenlegung eine Idee davon vermitteln, wie gleichzeitig Selbstermächtigung und Stigmatisierung passieren und wirken. Und dass es nicht nur um Vorurteile geht oder darum, wer sie wie nutzt oder aufklärt.
Es geht auch darum, dass es für Menschen mit DIS oder Autismus – oder beidem – extrem schwer ist, nicht in ihrer Menschlichkeit infragegestellt oder mit der Gefahr dessen konfrontiert zu werden. Und dass das Folgen hat, die nichts mit der von der Diagnose beschriebenen Konstitution oder Funktionsfähigkeit zu tun hat, sondern mit der Gesellschaft, in der diese Menschen leben.
Jede Geschichte, die unsere Stigmatisierung in dieser Gesellschaft verfestigt, ist eine zu viel.
Widerspruch unbedingt und immer nötig.
Von allen. Denn es betrifft alle.
Beginnen müssen wir mit dem Stigma.
Als Stigma versteht man im Allgemeinen Merkmale, die negativ bewertet werden. In den Sozialwissenschaften nennt man es Stigmatisierung, wenn Individuen oder Gruppen eine negativ bewertete soziale Identität aufgrund real existierender oder unterstellter Merkmale zugeschrieben wird. Stigmatisierung ist also eine aktiv vorgenommene Handlung zum Zweck der Ab- und Ausgrenzung und damit letztlich auch zur Legitimation und Rechtfertigung von zwischenmenschlicher (und in der Folge auch institutioneller, struktureller – also organisierter) Gewalt.
Psychisch erkrankte und langfristig behinderte Menschen sind eine umfassend und komplex stigmatisierte Gruppe in unserer Gesellschaft. Die Stigmatisierung dieser Gruppe ist kulturell normalisiert und integraler Bestandteil vieler sozialer Praktiken. Sie zu erkennen, ist daher etwas, das man lernen und trainieren muss. Dazu ist, neben einer grundlegend respektvollen und Menschlichkeit anerkennenden Grundhaltung, erforderlich, alles zu hinterfragen, was man über die Gruppe tatsächlich weiß, zu reflektieren, wann man welche Zuschreibungen vornimmt, und zu prüfen, welche Funktion, die Zuschreibung jeweils hat.
Häufig wird Zuschreibung mit bloßer Beschreibung, also sachlicher Benennung, verwechselt oder nicht auch als Instrument von Macht und Machtausübung verstanden. Im Zusammenhang mit stigmatisierten Gruppen ist die Wahrscheinlichkeit nicht neutraler Sprechakte entsprechend enorm hoch. Daher erfordert das (öffentliche) Sprechen und Sprachhandeln in diesem Zusammenhang nicht nur intensive und achtsame Vorbereitung und Reflexion, sondern immer auch Offenheit für Kritik und die Bereitschaft zur Weiterentwicklung – wenn man weder aktiv stigmatisieren noch von bestehenden Stigmatisierungsprozessen profitieren möchte. Da gibt es also auch einen Raum, in dem man eine Entscheidung trifft. Entweder man macht bei der Stigmatisierung mit, profitiert davon, oder nicht.
Bei der Trias „organisierte rituelle Gewalt“ (ORG), „dissoziative Identitätsstörung“ (DIS) und Autismus-Spektrum-Störung (ASS) treffen drei Themenkomplexe aufeinander, die in ihrer gesamten Zeit als Diskursthema nie nicht von Vorurteilen und Stigmatisierung belegt waren. Das ist wichtig zu verstehen, denn Stigma ist „ansteckend“.
Zu einem dieser Themen zu arbeiten oder mit autistischen bzw. Menschen mit DIS oder Gewaltgeschichte in Kontexten von ORG zu arbeiten, bedeutet für Behandler_innen und Angehörige, Forschende und sozial Unterstützende immer auch ein soziales Risiko. In der Sozialwissenschaft nennt man das „Stigma durch Assoziation“. Diese Forschenden, Begleitenden, Familienmitglieder oder Freund_innen können noch so gute, richtige, faktisch, sachlich perfekte Öffentlichkeits-, Forschungs-, oder Aufklärungs.Arbeit leisten – dadurch, dass es darum geht, ist sie in manchen Zusammenhängen bereits weniger wert und damit über manche Ecken auch die Personen selbst. Ihre Beiträge werden anders rezipiert, ihre Zugänge zu Netzwerken geringer, ihre Aufstiegsoptionen kleiner, ihre Glaubwürdigkeit eher infrage gestellt. So zeigt sich letztlich dann auch die Macht, die mittels Stigma und Stigmatisierung gesichert und verteidigt wird.
Der Eindruck, der dadurch in der Allgemeinbevölkerung entsteht, ist: „Das ist ein umstrittenes Thema.“, „Da wird kontrovers diskutiert.“, „Da gibt es keinen Konsens.“, „Dazu gibt es viele Meinungen.“, „Darüber weiß man noch nichts Definitives.“, „Leute, die sich damit befassen – also, da muss man wirklich ganz genau hinschauen (manche von denen spinnen selber/sind verschwörungsgläubig/fehlgeleitet/Scharlatane).“, „Damit muss man zu einem Spezialisten, der absolut unangefochten ist, sonst erfährt man nur Unsinn darüber.“
Und es entsteht ein gewisser Freiraum, der zuweilen mit Freiheit verwechselt und aus dieser Annahme heraus auch verteidigt wird. Etwa mit Aussagen wie „Kennst du eine_n Autist_in, kennst du eine_n Autist_en.“ oder „Die DIS kann sich super individuell ausprägen.“ oder „Wissenschaft ist auch nicht alles.“
Und in diesem diskursiven Freiraum, dieser Art Meinungs-Wild-West, treffen wir uns dann bei Instagram. Oder in einem Blog wie hier. Oder in der Redaktion einer edgy Podcastredaktion. Oder bei einem Betroffenenkongress, in der Selbsthilfegruppe oder in der Peer-Beratung. Einerseits weiß man nichts, andererseits doch schon jede Menge, das nicht so leicht vergessen oder ignoriert werden kann. Einerseits sind sich jeweils autistische Menschen und Menschen mit DIS so ähnlich, dass man Diagnosen vergeben kann, andererseits ist alles hochindividuell. Einerseits ist alles an ORG special geheim und andererseits kennt die Allgemeinbevölkerung mindestens eine Gruppierung in Deutschland, die organisiert Rituelle Gewalt aus(ge)übt (hat).
Es ist ein schwieriger Balance-Akt, sich als selbst betroffene Person darin zu positionieren. Nicht jede Meinung, die ich zum Beispiel vertrete, ist ausschließlich faktenbasiert oder ausschließlich erfahrungsbasiert. Es gibt Unschärfen, es gibt unerforschte Bereiche, es gibt selbst anders oder auch gar nicht erlebte Erfahrungen. Und es gibt Sympathien und Antipathien. Es gibt eigene Abwehr- und Vermeidungsreaktionen aufgrund von Dynamiken, die sich aus ganz eigenen, innerhalb einer Gruppe entstehenden Stigmatisierungsprozessen heraus ergeben. Es gibt Viele, die sich nicht „solchen Vielen“ umgehen wollen, nicht „wie diese Vielen“ gesehen werden wollen, weil diese negative Eigenschaften haben (oder ihnen zugeschrieben werden). Ausschließlich Meinung oder freie Rede ist das jedoch nicht. Es ist eine Abgrenzung und ab einem gewissen Punkt auch eine Stigmatisierung. Eine von vielen sozialen Alltagsgewalttaten, die Gruppen untereinander ausüben, weil Macht vor allem in Gruppen schwer und mehrfach stigmatisierter Menschen eine ziemlich spezielle Verhandlungssache ist. Je stärker das Stigma ist, desto enger ist der Rahmen der Gruppe, die dadurch entsteht. Je mehr soziale Identitäten involviert sind, desto kleiner wird auch der (Zuwider-)Handlungsrahmen der Gruppe.
Das funktioniert so: Eine stigmatisierte Gruppe weiß, dass sie stigmatisiert ist und wie sie aufgrund dieses Stigmas von den stigmatisierenden Menschen wahrgenommen wird. „Wir Menschen mit DIS“ wissen etwa, dass man uns für psychisch krank, extrem in irgendeine Richtung, in der Regel für Frauen und für nicht normal hält. Zum Beispiel. Machen wirs nicht so kompliziert. Und weil wir das wissen, erkennen wir einander an genau diesen Merkmalen. Und weil wir unsere Gruppe definiert wissen und erhalten wollen, sortieren wir einander auch genau entlang dieser Merkmale bzw. erwarten von einander, diese Merkmale auch wirklich zu erfüllen. So definieren unsere Gruppenmerkmale unseren Handlungsrahmen sowohl als Gruppe als auch als Gruppenmitglieder.
In DIS-Bubbles, wo Vielesein ein Synonym für wehrlose Opferschaft ist, zum Beispiel, ist offener Widerspruch oder ein aktiver Lebensstil oder nach sexualisierter Gewalt ein befriedigendes Sexleben zu haben, ein massiver Ausbruch aus dem Handlungsrahmen und bereits ausreichend, um in der Zugehörigkeit infrage gestellt oder auch ganz ausgeschlossen zu werden. Für Personen mit einer seltenen Erkrankung, die in der Öffentlichkeit als „kontrovers diskutiert“ und mangelhaft behandelt wird sowie in ihrem Ausmaß an Leidensdruck im gesamten Lebensalltag noch weitgehend unsichtbar ist, kann das zu schweren Krisen und weiteren Zugehörigkeitskonflikten führen. Hochgradig stigmatisierte, marginalisierte, diskriminierte Menschen können in so einer Lage nicht einfach „einen Haken dran machen“. Egal, um welches Stigma bzw. welche negative soziale Identität es geht. Ob es der ökonomische Status ist, die Behinderung, die Leistungsfähigkeit, das Alter, die rassistische Einordnung …
Es entsteht also ein ganz ähnlicher Anpassungsdruck wie der außerhalb der Gruppe, die durch ein Stigma entsteht. Und entsprechende Erwartungen. Eine (meist unausgesprochene) Erwartung ist beispielsweise, einander zuzustimmen oder um nicht gesagte Aspekte zu ergänzen. Aber Widerspruch, Kritik oder offene Ablehnung bleiben verdeckt.
Ich hasse das.
Weil es unaufrichtig ist. Eine Scheinwelt erschafft. Einen Schonraum. Eine soziale Illusion, die jenseits herrschaftlicher Ausgrenzungsrealitäten produziert wird. Als würden nur Bestätigung und Zustimmung zu positiven Prozessen führen.
Wozu es tatsächlich führt, ist ständige soziale Unsicherheit. Unverbundenheit. Misstrauen. Kontaktschwebe. Ein ewiges Rumgeturne im sozialen Nebel. Und die Reproduktion von Gewalt durch (Deutungs-)Machterhaltende Maßnahmen.
Eine dieser Maßnahmen passierte unter dem Reel, als die Person meinen Kommentar zu meiner persönlichen Sicht herabsetzte und ihre Aussagen durch frühere Profession und Auseinandersetzung aufwertete sowie mit der Freiheit, vom Eigenen erzählen zu dürfen, legitimierte.
Mir ist schon klar, dass mein Einstieg in die Kommunikation zu dem Reel nicht sonderlich höflich oder fundiert war. Aber nur meine Perspektive, meine persönliche Meinung habe ich auch nicht formuliert. Ich bin eine autistische Person mit DIS, ich habe diese Doppeldiagnose und befasse mich inzwischen seit elf Jahren mit der Thematik. Neben dem Thema der organisierten Rituellen Gewalt als spezielles Gewaltphänomen des Turbo- bis Spätkapitalismus. Entsprechend deutlich erkenne ich reproduzierte Gewalterzählungen, negative Stereotype und Falschinformationen, wenn sie jemand veröffentlicht. Widerspruch erschien mir an der Stelle sowohl persönlich als auch faktisch und diskursiv relevant notwendig.
Die Abwertung hingegen hat aus meiner Sicht lediglich persönlichen Wert. Die Person behält die Deutungshoheit über etwas, das sie als etwas erlebt, das ihr ganz allein gehört. Das ganz individuell nur ihr Erleben betrifft. In Bezug darauf stimmt das auch. Sie darf sich als „in Anteilen als menschengemacht autistisch“ erleben und das auch öffentlich sagen. In Bezug auf die Herleitung ihrer Begründung und die mediale Darstellung, die sich an die allgemeine Öffentlichkeit richtet, stimmt das nicht mehr, weil die aktuelle Faktenlage ganz eindeutig eine andere ist. Und nicht nur ich persönlich das so finde, weil ich das anders erlebe, sondern weil es verifizierte und falsifizierte und reproduzierbare Daten dazu gibt. Sogenannte Fakten.
Wer sich egal womit in die Öffentlichkeit begibt, muss die Verantwortung dafür übernehmen. Und sei es in der eigenen Gruppe, während es die breite Öffentlichkeit gar nicht erst interessiert.
Man kann dann nicht das special Snowflake-Opfer sein oder die starke Selbstermächtigungsstimme, die alles (sogenannten „Hate“ zum Beispiel) an sich abprallen lässt, weil ihr möglicherweise jemand Böses will (und von Täter_innen geschickt wurde und wahrscheinlich sogar noch voll drin hängt). – Was eine häufige Deckerzählung über persönliche Abwehr ist und in der DIS-ORG-Bubble eine allgemein isolierende und desintegrierende Wirkung erzielt. Nicht wenige DIS-fluencer generieren Legitimation ihrer medialen Selbstdarstellung als besonders mutiges Opfer oder allgemein „nicht so wie diese Vielen“ (die sich nicht filmen oder fotografieren (lassen) oder öffentlich äußern) durch Andeutung oder Erzählung einer ständigen Bedrohung durch frühere Täter_innen oder ständig drohenden Shitstorm, einzig, weil die eigene Meinung vertreten wurde. Mit dieser Erzählung wird die Stigmatisierung von Opfern (sexualisierter Gewalt und Ausbeutung) als wehrlos benutzt. Und die Selbsterzählung von Täter_innen als immer und überall omnipotent.
Das Er.Kennen dieser gängigen Stereotype und Stigmatisierungen, mit denen die eigene Peergroup, die eigene Bubble, immer wieder konfrontiert wird, halte ich für eine Grundvoraussetzung in Austausch und öffentlicher Kommunikation.
Um diese Voraussetzung zu erfüllen reicht es nicht, es gut zu meinen. Es kann unter Umständen sehr viel Arbeit bedeuten. Zum Beispiel die Peer-Review von Material, das man verwenden möchte. Sensitivity-Readings von Texten oder anderen Medieninhalten, die man nutzen möchte, vornehmen zu lassen. Wissenschaftliche Beratung in Anspruch nehmen, das Lesen von wissenschaftlichen Abhandlungen lernen. Die Reflexion, der eigenen Motivation, der Absicht hinter der Veröffentlichung, vornehmen. Die Motivation und Absicht derer, die die Veröffentlichung ermöglichen oder erlauben, prüfen. Die Reflexion der eigenen Ansprüche an Verifikation und Falsifikation erwähnter Daten erarbeiten. Die kritische Prüfung der eigenen Fähig- und Fertigkeiten, um mit Kritik und Gegenrede umgehen zu können, machen. Und oft komplett unterschätzt: Die kritische Prüfung darauf, wie viel Zeit, emotionale und kognitive Kapazität für die Aufrechterhaltung der Kommunikation über das erstellte Medienstück aufgebracht werden kann. Viel Welle, massive Klickzahlen, sind in Sachen Entstigmatisierung und Diskurs wertlos, wenn alle nur reagieren, aber nicht miteinander interagieren und kommunizieren.
Und, wie zuvor erwähnt, braucht es zur Verantwortungsübernahme immer eine klar positionierende Antwort auf die Frage: Will ich vom Stigma profitieren? Will ich es aufgreifen und wieder aneignen? Oder will ich mich innerhalb der eigenen Bubble abgrenzen, indem ich andere stigmatisiere?
Der kommerzielle Erfolg, die „große Account“-Kooperationen und Presseanfragen, – den Bestseller gibt es nur, wenn man mitmacht. Kommerz braucht Stigma, sonst kauft oder klickt niemand mehr irgendwas, um Stigma zu beenden.
Die autonome Selbstvertretung, das ermächtigende und schützende Communityding, die Stimmenvielfalt, die die Forschung belebt, die im realen Leben zu fruchtbaren Projekten und Beziehungen führt, gibt es nur, wenn Stigmatisierung aufgearbeitet und als Gewalthandeln auch gegen die eigenen Leute überwunden wird.
Stigma ist kein Naturphänomen. Stigmatisierung kein Selbstläufer.
Es sind die Folgen von Entscheidungen.
Und wenn man sich öffentlich äußert, kommt man um die Entscheidung nicht herum. Auch nicht als Opfer. Als Mensch mit DIS. Als autistische Person. Als Mensch, der ORG üb.erlebt hat.
Wenn es einen Satz gibt, der uns seit 13 Jahren begegnet und exakt nichts sagt, weil er in dem Kontext, in dem er uns immer wieder begegnet dumm ist, dann ist es “Sie sind der Profi für ihr eigenes (Er_)Leben”.
Immer sind es Kliniken, Behandlungspraxen, Beratungsstellen, Betreuungsbüros, in denen dieser eine Satz wie ein Zierdeckchen auf meine Problemberge draufgelegt wird, um mir zu signalisieren: “So und nun gucken sie mal, wie sie klarkommen. Behalten Sie dieses Deckchen immer im Blick, denn niemand kann Ihnen das abnehmen, was Sie tun müssen, um sich besser zu fühlen. Sie allein sind es, die das kann. Sie sind so [hier wird eingefügt, was von zur Mehrheit der Menschen erklärten Masse als positiv ermutigend und stärkend gilt – also so etwas wie “mutig”, “stark”, “klug”, “eloquent”, “kämpferisch”, “resilient”, “kraftvoll”] – es gibt Hoffnung für Sie – Sie müssen nur wollen und machen.”
Vielleicht geht nichts anderes. Vielleicht sind die Bedingungen unter denen Menschen heute anderen Menschen helfen wollen, können, müssen, sollen, so beschissen, dass nur noch das geht. Das “Sie sind der Profi- Zierdeckchen” klöppeln in der Verhaltenstherapie, in Mandalaform zum Ausmalen hingeben in der Kunsttherapie, in regelmäßigen Trommelschlägen in Bongos tippen in der Musiktherapie – in Myriaden von Worten verpacken in der Gesprächstherapie.
Ja, vielleicht geht nicht mehr. Ja, vielleicht ist der Ansatz bewährt. Ja, vielleicht macht so ein Satz sogar, dass man als Patient_in irgendwann sogar tatsächlich einen professionellen, kompetenten Umgang mit sich und seinem Erleben findet, der Leidensdruck und äußere Kontexte mit einem Flickenteppich aus immer komplexeren Zierdeckchen bedeckt bis es zur zweiten Haut wird.
Und ist.
Und dann? Dann ist man tatsächlich ein_e kompetent_e Patient_in.
Ach du Scheiße.
Dann gibt es keine großen Halleluja-Momente der Aufklärung über diverse Faktoren der eigenen Diagnose und auch die Idee davon nicht verrückt und unzurechnungsfähig zu sein, ist bei weitem keine mehr über die man einen roten Kopf bekommt und sich so erleichtert fühlt, dass man über einen Stein am Gürtel nachdenkt.
Nachdem fast unser halbes Leben aus einer Therapie besteht, die uns vor allem den Umstand unserer Zurechnungsfähigkeit, unserer Resilienzfaktoren und der Existenz der Berechtigung von Respekt, der uns entgegen gebracht werden soll, obwohl wir wir sind, in den Kopf pflanzt und dafür sorgt, dass wir das nicht vergessen, weil Inhalte aus der anderen Hälfte unseres Lebens immer wieder diese Pflänzchen kaputt zutreten versucht, geht es für uns nicht mehr darum von einer gesellschaftlich und kulturell über uns stehenden Instanz über das Vorhandensein dieser Inhalte als für uns und unsere Zustandsverbesserung als relevant und in Ordnung aufgeklärt zu werden.
Es geht darum diese zu sichern und genau so weit erstarken zu lassen wie bei anderen Menschen ohne unsere Erfahrungen.
Doch haben wir das vielleicht nicht genug bedacht, denn nun stehen wir erneut an einem Punkt an dem wir merken: Ja, jetzt sind wir so weit, dass es für uns kein fast g’ttgleiches Geschenk mehr ist, wenn uns jemand glaubt, dass es uns gibt. Dass wir sind. Dass wir leben, lieben, leiden.
Sondern, dass wir wissen: Therapie ist ein Arbeitsverhältnis. Therapie ist Arbeit an und Auseinandersetzung mit sich, wie der ganzen Welt. Auch dann, wenn sich “die Welt” durch den kleinen Einpersonenhaushalt mit Haustier und Ehrenamt auszeichnet, so ist es ein Kosmos, der eine Wandlung mit macht.
Wir wissen, es muss grundlegende Regeln geben. Wissen, dass diese Regeln auch Bereiche berühren können, die privater sind, als bei einem Arbeitsverhältnis bei dem es um die Errichtung eines Gartenzauns geht. Doch selbst in so einem Arbeitsverhältnis wird miteinander geredet. Ist man miteinander, weil man weiß, wie sehr man von einander abhängig sein kann.
Psychotherapie funktioniert nicht so. Therapieverhältnisse sind Abhängigkeits- und damit auch Gewaltverhältnisse. Nicht zuletzt auch deshalb, weil nur eine von beiden Professionalitäten als echt und wahrhaft auf ihrem gesicherten, etablieren Raum bestehen darf – obwohl die eine ohne die andere weder gebraucht noch produziert werden kann.
So nehme ich uns derzeit wahr wie Frankensteins Monster.
Wir waren eine Art tote Masse, die erst durch das Handwerk idealistischer, kompetenter und hoffungsvoller Menschen zu etwas kommen konnte, das man Leben nennen kann. Man feiert unsere Erfolge, freut sich mit uns über das eigene Wachstum, doch dann: [Schlaglicht und eine bizarre Musik im Hintergrund] haben wir eine Forderung. Wir wollen als das anerkannt sein, was man uns immer vermittelte und wollen einen entsprechenden Umgang mit uns.
Wir wollen respektvoll angehört werden, wenn es in einem Gespräch um uns als Person geht. Wir wollen die Möglichkeit unser Arbeitsverhältnis mitzugestalten. Wir wollen nicht weiter ausschließlich als in Schöpfung betrachtet werden, sondern auch als in Bestand.
Ich habe natürlich einen persönlichen und aktuellen Anlass das Thema aufzugreifen – zu anderen Zeiten aber habe ich diesen Anlass ebenfalls.
Auch zu anderen Zeiten gibt es Bereiche, in denen kompetente Patient_innen unter die Räder von Sozialpolitik und Professionsgeklüngel geraten und exakt keine Mitspracherechte bzw. exakt keine Gewichtung ihrer Mitsprache in Bezug auf ihre eigene medizinische, psychiatrische, psychologische und sonstige Behandlung, Versorgung, Pflege und unter Umständen auch juristische Genugtuung erhalten.
Zu keinem Zeitpunkt seit unserer ersten F – Diagnose gab es je keinen Anlass sich mal zu fragen, ob sich denn niemand darüber wundert, was für ein seltsamer Weg beschritten wird um Leiden zu begegnen und zu lindern. Zu keinem einzigen Zeitpunkt in unserer gesamten Behandlungszeit gab es so ein Moment nicht.
Und lange dachten wir, dass wir uns darüber wundern und das in Frage zu stellen hätte etwas mit unserer Kaputtheit, unserem Leidensdruck, der beschissenen Lebensrealität mit der wir jeden Tag umgehen zu tun.
Nicht damit, dass da tatsächlich Kackscheiße passiert.
Und daneben die Frage, warum werden “wir Patient_innen” (und: “Wir, die wir Opfer von Gewalt wurden”) denn bitte so sehr gestärkt und in unseren Rechten auf Selbstbestimmung, Unversehrtheit und bestmögliche Versorgung im Sinne von Umgang und Begegnung versichert, wenn wir diesen nicht gleichermaßen auch von denen einfordern dürfen, die uns beigebracht haben, dass wir ein Recht darauf haben?
In den letzten Jahren haben wir so viel über die Sollbruchstellen des Antistigmatisierungsaktivismus gelernt. Haben so viel über die tiefgreifenden Wurzeln von Selbststigmatisierung im Zusammenhang von Konsumgesellschaft und patriarchaler Gesellschaft gelernt, dass wir vor uns selbst nicht umhinkommen, durch die Straßen und jeden einzelnen Tag zu laufen und merken, was hier eigentlich passiert. Obwohl und trotzdem so viele Menschen glauben, vieles (alles) ginge auch ganz anders als jetzt.
2001 war ich eine 14 jährige, die aus der kinder- und jugendpsychiatrischen Station eines Uniklinikums in eine Wohngruppe für Jugendliche mit psychiatrischer Diagnose entlassen wurde und darüber nachdachte, ob Psychologin zu werden, vielleicht etwas für sie wäre.
Viele meiner damaligen Mitpatient_innen hatten nach ihrer Entlassung diese Idee. Und vermutlich haben sie alle spätestens in der Zeit der Reintegration in ihre Schul- und andere Alltage gemerkt, dass Lebensabschnitte mit stationärer Behandlung in der Psychiatrie und/oder Psychosomatik exakt die Lebensabschnitte sind, die so ziemlich alle Berufe in Frage stellen, die in irgendeiner Form mit hilfs- und unterstützungsbedürftigen Menschen zu tun haben.
This is called “Stigmatisierung”, Baby!
Man geht dazu über in seinen Lebenslauf zu schreiben, das man “mal krank war” oder schreibt von einer chronischen Erkrankung, die einer regelmäßigen Behandlung bedarf, seit man jugendlich war.
Dann gilt man wenigstens nur als krank und nicht auch noch als unzurechnungsfähig oder gefährlich. Krankheiten können ja auch geheilt werden und bei einer Krankheit stellt sich eine Ursachen- aber keine Schuldfrage. Beziehungsweise: nicht sofort.
Krank sein ist okay, so lange sie nichts mit anderen Menschen zu tun hat, weil man sich sonst Umgangsfragen stellen müsste, die bestehende Strukturen nicht entsprechen können.
2001 wurde ich eine 15 jährige, die von ihrem Therapeuten misshandelt wurde und verstand, dass ihre Idee davon Psychologin zu werden viel mehr mit einem Wunsch nach der sozial und kulturell legitimierten Macht Menschen beeinflussen zu können und zu dürfen zu tun hatte, als damit, was ich als eigene Fähig- und Fertigkeit perfektionieren möchte, um anderen Menschen, wie Nichtmenschen, Hilfe und Unterstützung, aber auch Raum zur Veränderung der Gesellschaft zu ermöglichen.
Ich weiß nicht, ob wir uns aus Versehen zu einer linksautonomen Radikaloweltveränderin mit Hang zum kommunistisch nachhaltigen Ökosozialkapitalismus sozialisiert haben, als wir so durch die Pubertät gingen und irgendwann in das Erwachsensein außerhalb der organisierten Gewalt an uns hineinwuchsen. Vielleicht.
Ich fände das schön, weil ich darüber merke, das in uns viel Eigenes entstanden und entwickelt ist, das das Außen nur brauchte, um sich selbst entstehen zu lassen. Ich habe einen Machtbegriff, habe Theorien und Ideen wie Macht und ihr Einfluss was wo wie bewirkt und mir im Laufe darüber die Chance erarbeitet in kleinen Schritten zu sortieren, welche Lebensabschnitte wo und wie miteinander zu tun haben und welche Rolle ich selbst dabei tatsächlich erfülle und zu erfüllen keine andere Wahl hatte. Es ist eine rein intellektuelle Auseinandersetzung, die die Möglichkeit birgt emotionale Inhalte nur schwer anzuerkennen und zu integrieren, aber es ist die Auseinandersetzung, die unseren Fähig- und Fertigkeiten entspricht.
Natürlich habe ich keine Zahl dazu wie Menschen ihre Psychiatrie- und Helfergewalterfahrungen für sich einsortieren. Doch der Grund dafür ist nicht, weil die Gewalt so selten passiert oder die meisten Menschen ihre Erfahrungen für den Rest ihres Lebens eben nicht einsortieren, sondern, dass es der weniger leicht über bestehende Stigmatisierungen in ihrer Stimme zu unterdrückenden Machtmasse unserer Gesellschaft egal ist – und egal sein muss! – was mit den Menschen passiert, wenn ES und DAS DA passiert ist.
Ich will die bestehende Spaltung zwischen Menschen, die zu Opfern wurden und nur “die guten Opfer”, “die schlechten Opfer” und “die Opfer, die nicht wissen, dass die Opfer sind” kennt, nicht mittragen.
Zum Einen, weil man nur so lange ein Opfer ist, wie die konkrete Unterwerfung geschieht und danach eine zum Opfer gewordene (oder auch: eine Opfer gewesene) Person ist und zum Anderen, weil eben jene Spaltung nur aufgrund bestehender Gewalt (hier synonym mit “Macht”) verhältnisse überhaupt ent- und bestehen kann – ergo: weitere Opfer produziert bzw. Opferschaften aufrecht erhält und damit die individuelle Weiterentwicklung negiert.
Da gelten die “guten Opfer” als jene, die es schaffen ihre Gewalterfahrungen zu beweisen und ergo im Machtbereich Justiz zu bestehen.
Da gelten die “guten Opfer” als jene, die es schaffen ihre von Gewalterfahrungen ausgelösten Krankheiten innerhalb der Richtlinien entsprechenden Therapiestundenanzahl zu überwinden (sic!).
Da gelten die “die guten Opfer” als jene, die ihre Gewalterfahrungen als individuelles Einzelschicksal zu akzeptieren.
Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die an der Beweispflicht scheitern, zu krank, zu alt, zu schwach, zu sehr im Muster dessen, was die unreflektierte rape culture wahrnehmen lässt, sind oder zu viel Angst vor einer erneuten Unterwerfung innerhalb eines weiteren Macht (und Gewalt) bereiches haben.
Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die “das Falsche” sagen, wenn sie öffentlich ihre Erfahrungen mit_teilen.
Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die ihre Gewalterfahrungen zum Teil des Laufs der Dinge in der Gesellschaft machen, als die sie sie begreifen.
Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die sich nicht als Personen begreifen, die gerettet werden müssen.
Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die nicht auf klassisch übergriffige Hilfsinterventionsversuche anspringen.
Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die nicht den gleichen Gewalt- und Unrechtsbegriff haben, wie jene, die sich Menschen einzuordnen anmaßen.
All das sind Urteile, die in Momentaufnahmen gefällt werden, was schon schlimm genug ist, weil auch das Entwicklung als bestehende Dimension ignoriert.
Gewalterfahrungen können vieles in einem Menschen zerstören und so verrücken, dass eine neue Form der Stabilität und auch der Stabilisierungsmaßnahmen etabliert werden (müssen).
Dafür gibt es gute und immer weiter in Verbesserungsprozessen befindliche Instrumente aus unterschiedlichen Professionen, seien es Psychologie, Psychiatrie, Medizin oder Pädagogik.
Die individuelle Profession in der Nutzung und Wahrung eigener Resilienzen wird daneben leider oft zu etwas, das wie ein Zierdeckchen in der Begegnung als existent aber lediglich schmückend seinen Platz und Berechtigung eingeräumt bekommt.
Ich war dumm genug eine Frage danach zu stellen, wie andere Menschen mit den Auswirkungen ihrer Hochbegabung umgehen.
Stell‘ so eine Frage in dieses Internet und es dauert nicht lange bis irgendein ignorantes Arschloch um die Ecke kommt und dir einen Hammer in die Fresse kloppt auf dem steht: “Wenn du nur willst, dann kannste alles erreichen.”.
Wenn man das schon ein zwei mal im Laufe der letzten Jahre an verschiedenen Stellen erlebt hat, reagiert man nicht mehr darauf, in dem man “Fick dich” in ein Forum tippt. Man verlässt die Seite, löscht seinen Account, frisst sich an den Rand, kotzt drüber und denkt darüber nach, wozu es ein Leben gibt, das so falsch ist.
Ich hab mal was Neues versucht, weil es langweilig ist zu wissen, dass man mit seiner Annahme von Unpassenheit und Sinnlosigkeit recht hat, aber umgeben ist von Menschen, die außer reaktiver Potenzschutzideen erstmal nichts äußern (können/wollen/dürfen).
Es ist nicht die Frage, was Hochbegabung ist oder Intelligenz und auch nicht die Frage, wie man es schafft, seine Fähigkeiten so zu nutzen, dass sie passend sind. Es ist die Frage, was und wem es nutzt, wenn man das anstrebt, umsetzt und sich auf eine Art angleichen kann, die einen befähigt im gleichen Kosmos wie andere zu leben. Sich also integriert. Fremd unter Fremden ist, aber auf dem gleichen Stück Land herummetabolisiert.
Und was, wenn man das nicht tut? Weil man es nicht kann? Weil Integration auch mit Privilegien und Fähigkeit zur Angleichung einhergeht und bestehende Definitionsmächte unangetastet lässt, was eine dumme Idee ist – sein muss, gerade dann, wenn die halbe Republik über Inklusion spricht und sich nicht mehr als *ist_in auf irgendeiner Achse bezeichnen lassen will.
Der Mensch hatte gesagt: “Man könnte fast sagen, was Ihnen ist passiert ist, könnte man auch ein psychiatrisches Verbrechen nennen”.
Während im Inmitten alles zuging, nickte ich und versuchte zu vermitteln, dass ich das weiß. Und es immer ungesühnt bleiben wird. Aus Gründen.
Der erste psychiatrische Straftatbestand, war der erste IQ-Test, die ersten Gespräche in einer psychologischen Familienberatungsstelle um herauszufinden, ob und wenn ja, wann ich mich suizidieren würde.
Da war ich 13/14 Jahre alt und hatte mich in eine Lehrerin “verliebt”, dachte ich hätte einen Hirntumor, der meine Amnesien und Wahrnehmungsprobleme verursachen würde, war komisch, gewaltvoll, arrogant, allein und hatte keine Wörter an Menschen zu richten, die sie begreifen würden.
Es gibt Verbrechen, die entstehen, weil man Wahrheiten macht, die keine sind, weil es keine gibt.
In jedem Machtspiel gibt es Verlierer_innen. Im psychiatrischen Machtspiel braucht es sogar Verlierer_innen, weil die Rettungslogik sonst keine Basis mehr hat.
Es gibt Menschen, die halten Hochbegabungen für etwas, das positiv ist. Man folgt einer Art Rettungslogik und denkt, es ginge um ein Gutes in einem Menschen. Es ginge darum ein Potenzial zu finden, das urbar gemacht werden könnte. Warum? Weil man diesen Menschen ansonsten halt aufgeben müsste?
Wenn man sich anschaut, was heute mit Hochbegabungen verbunden wird, sieht man Kinder, die extrem spezialisiertes Wissen haben und anwenden. Schule, Universität, Leben fürs Wissen. Sie sprechen 3, 4, 5 Sprachen, können Bücher auswendig nachsprechen, sind Wirtschaftsgenies, sie lehren oder sammeln eine Auszeichnung nach der anderen.
Wer hochbegabt ist, ist nicht chronisch depressiv, misshandelt, arm, behindert, krank. Wessen IQ die Grenze der 130 Punkte überschritten hat, ist ungenutztes und/oder ungeahnt (noch weiter) nutzbares Potenzial.
Besonderes Potenzial ist in unserer kapitalistischen Gesellschaft das, womit alles gerechtfertigt wird. Alles.
Auch die Ignoranz des Leidens unter Besondersmachung und Nichtentsprechenkönnen, von all dem was noch im Leben eines Menschen sein können soll, wenn er in einem Test eine bestimmte Punktzahl erreicht hat. Auch die Ignoranz der Dynamiken von Neid unbeteiligter Dritter und Annahmen eines Stolzes, der in aller Regel gar nicht da ist.
Ich habe nach dem Ergebnis damals gedacht, ich müsse zwangsläufig gut in der Schule sein – müsse noch sehr viel mehr müssen und können als ich konnte. Ich habe mich gnadenlos überfordert und natürlich alles allein zu lösen versucht.
Erst durch mein ebenfalls hochbegabtes Geschwist habe ich gelernt, dass es verschiedene Arten von Intelligenz gibt.
Dass meine Hochbegabung nicht darin liegt Inhalte zu kopieren, abzuspulen und innerhalb des Inhaltsesystems allein anzuwenden, sondern darin, Muster in unterschiedlichsten Komplexen zu finden, mit allem was mir begegnet zu verbinden und im Kopf zu aufeinander aufbauenden Komplexen weiter zu konstruieren.
Ich gehöre zu den Konstruierer_innen und nicht zu den Wiedergeber_innen und genau deshalb ist die klassische Schule, wie auch der tradierte Universitätsbetrieb kein Ort für mich. Genau deshalb finden mich Menschen komisch – spätestens dann, wenn ich in Fahrt und in so einem Modus des “einfach Los- und Rauslassens” bin.
Wir leben nicht in einer Welt, die alle gleichermaßen mitgestalten dürfen und deshalb auch können, wenn sie nur genug wollen.
Unsere Gesellschaft ist – um es mit den Worten von John Lennon zu sagen: ein Haufen misshandelter Kinder, die sich immer wieder an Personen abgeben, die für und über sie bestimmen.
Es interessiert niemanden, was ein Kopf kann, wenn es der Kopf von jemandem ist, der das falsche Geschlecht (Gender/*), die falsche Klassenzugehörigkeit, das falsche Alter, die falsche Hautfarbe, den falschen religiösen, kulturellen, spirituellen Hintergrund, die falschen Absichten, den falsch interpretierten Geisteszustand, den als falsch funktionierend eingestuften Körper unter sich hat.
Ich habe Angst vor meinen eigenen Schlüssen über das, was wir Menschen, wir hier in unserer Gesellschaft tun und warum wir es tun.
Es gibt keinen Moment, in dem ich aus vollster Überzeugung sagen kann: “Das wird mal für alle gut (im Sinne von befriedigend und nachhaltig lohnenswert zu leben) enden.”.
Und im Gegensatz zum gefühlten Rest der Welt ist mir das nicht egal, oder mit dummen (im Sinne von “einzig sich selbst (re-)produzierenden/stützenden”) Dingen zu überlagern. Ich kann nicht glücklich sein, weil mich dumme Dinge nicht glücklich machen können. Vor allem nicht, wenn ich das mit dieser kapitalistischen Potenzialrettungslogik verbinden soll.
Lebe ich noch, weil ich höflich bin oder, weil ich ein misshandeltes Kind bin, das sich an Personen abgegeben hat, die für und über es bestimmen, dass es noch leben soll? Oder, weil es mich dann manchmal doch fasziniert am eigenen Leib zu sehen, wie wichtig gesellschaftlicher Müll auch sein kann, um Werte stabil zu halten?
Mir fliegen die Fetzen im Kopf herum und ich weiß nicht wohin. Mit mir, den Fetzen, dem Gestern, dem Jetzt, dem Irgendwann irgendwie und dem, was könnte.
Also schreibe ich.
So mache ich das eben.
Ich schreibe, weil es das ist, was mich morgens aufstehen lässt.
Nicht, weil mich die Wortlust so reizt, ich so gern in Metaphern plansche und mich am Liebsten mit Silben parfümieren würde, sondern weil …
nun, einfach so.
Ich schreibe Wörter ins Internet, weil ich mich in meinem analogen Alltag zu Wort melden müsste, obwohl es eigentlich keinen zentralen zuWortmeldungsannahmeschalter gibt. Man zieht keine Nummer und wartet bis man aufgerufen wird. Wortmeldungen erfolgen so scheinbar willkürlich, wie sie gehört und weitergetragen werden.
Meine Internetwörter dürfen wirr sein. Sind so privilegiert, dass sie auch ohne meinen Sinn mit sich zu tragen, in die Köpfe anderer Menschen ziehen können.
Meine Wörter können angeguckt werden und weil sie nicht herumzappeln und ineinander verhakt über den hellen Hintergrund kullern, erscheinen wie auf den Bildschirm gebügelt.
Wo ein Wort ist, da darf kein anderes sein. Wo ein Sinn ist, da darf kein anderer sein.
Und überhaupt darf nur sein, was man sinnlich für wahr und logisch an sich nimmt.
So muss ich vor Angst erschlottern, könnte sich mein Leben ändern. So muss ich mich von anderen Personen abhängig machen. So muss ich mächtig sein. So muss ich sein, für wen ich gehalten werde.
Auch, wenn ich nur Worte und Wörter abstelle.
Auch, wenn ich nicht bin, wer meine Wörter erfasst. Anfasst. Sich berührt oder gar gepackt fühlt.
Es ist schwierig von Wort zu Wort zu gehen. Sie abzuschreiten und sie wie ein Bild im Museum zu betrachten. Sie vielleicht in sich hallen zu lassen. Zu gucken, wo sie wie Bomben einschlagen und Lawinen lostreten.
Wie furchtbar muss es für andere sein, zu wissen, dass ich mich von den Wörtern befreien kann, einfach, indem ich meine Hände um einen Stift lege und irgendwo in mir los lasse. Wie unaushaltbar muss es sein, eine Wortmeldung zu hören, die ungewohnt und fremd ist. In der die gleichen Worte, wie die eigenen verwendet werden, aber doch…
nicht gleich sind.
Oder schlimmer noch: die eigenen entsinnen, verque(e)ren. Etwas sagen, woran man lieber abstrakt, als konkret nachdenkt.
Lieber an Andere denkt, als die, in denen man sich selbst sucht.
Meine Wörter sind Minen. Wenn man sie berührt, tun sie weh. Wenn man sie liegen lässt, dann starren sie durch Zeit und Raum.
Mit meinen Wörtern male ich meine Unsichtbarkeit ins Internet.
Ich stricke kein Buchstabendeckchen um mein zum Opfer geworden sein. Ich klebe keine Protestrufe auf mein behindert werden, behindert sein.
Mein verkrüppelt worden sein.
Der Punkt am Ende eines jeden Satzes, ist mein Welten erschütternder Imperativ.
Dass ich meine Stimme mit Buchstaben einkleide, ihr eine Mütze aus Silben über die Ohren ziehe und mit Bedeutung besohle, ist die krasseste Revolution, die ich jeden Tag vom Schweigemauerzaun brechen kann.
Ich verstehe, wie erschreckend das ist.
Deshalb stelle ich meine Wörter ins Internet.
Eine Werbung, ein Katzenbild, eine Email später ist meine Revolution im großen,
nie enden wollenden Strom aus Einsen und Nullen aufgelöst.
Verschwunden.
Unsichtbar.
Erst dann passiert, wenn man danach sucht.
Erst dann gefährlich, wenn sie gefunden und so wie ist, weiter getragen wird.
Es gibt so Menschensätze, die haben Zähne mit Frisur. Die beißen und sehen von Weitem weich und wuschelig aus.
Harmlos. Ist doch nur so gesagt. Ist doch nur gefragt.
Mir sind beim Zukunftskongress einige davon eingefallen. Einer ist mir zurück in seine Umlaufbahn um mein Denken herum gerutscht und schwebt mir nach ein paar Monaten Ruhe erneut als Satellit um empfindliche Seelenstückchen: “Jetzt sind Opfer auch noch behindert oder was?!”.
Ich habe damals geantwortet: “Nein – nicht SO” und gäbe es die Möglichkeit für Zeitreisen, würde ich mich aus diesem Gespräch, dieser Runde, dieser sozialen Umgebung abholen, mir sagen: “Du brauchst, das “nicht SO” nicht sagen. Du musst dich vor diesen Personen nicht so öffnen, um auf Probleme zu zeigen. Hier lebt Stellvertreter_Innenkultur.”.
Pastme würde mich anmeckern und diese Menschen verteidigen, weil es in dem Moment noch denkt, es sei ja nur eine Frage. Ganz harmlos weich und wuschelig. Man wird ja wohl noch fragen dürfen.
Pastme wird erst im Zug nach Hause erinnern, das es böse ist und erst 8 Monate später begreifen, wie tief dieser Fragesatz seine Intension in es hineingebissen hat.
Ich habe über die Formulierung “seelische Behinderung” nachgedacht und erlebe sie im Moment treffender denn je.
Beim Kongress hatte ich sie verwendet und eine Person sagte mir, dass sie sie schwierig fände, weil die Seele für sie unveräußerbar sei.
Ich antwortete ihr, dass es die Seele ist, die sich irgendwie als erstes veräußert – ent-leibt, wenn man [(schwer ) versehrende] zwischenmenschliche Gewalt erfährt.
Wer sich wegmachen muss, weil er mit einem Schmerz, einer Angst, einer Umgebung und Abhängigkeit konfrontiert ist, die genau das zum Ziel hat – Zerstörung, Versehrung, das Abtrennen von Gut zu Böse – oben und unten – nun, der merkt, dass er seinen Körper nicht verschwinden machen kann. Aber sich selbst.
Man ist einfach nicht mehr da. Lässt alles los. Löscht sich aus Sinn und Unsinn, aus Wert und Zeit und versickert irgendwie im Irgendwo.
Manchmal macht man es ganz bewusst, wenn da ein Riese vor einem steht und jedes Wort aus seinem Mund zuflüstert, dass es besser ist, jetzt schnell nicht mehr zu sein und manchmal bleibt das Seelchen einfach stehen, während der Körper geworfen wird und keinen Boden mehr unter sich hat.
Und wenn es wieder zurück ist, dann ist vielleicht weder Erinnerung noch Wahrheit übrig. Dann ist da eine Indifferenz zwischen Körper und Seele, zwischen Heute und Gestern, zwischen Werden und Gewesen, die in jedem weiteren seelischen Entwickeln wie ein innerer Mariannengraben mit allen Spalten und Kluften am Rand wirkt.
Ich sehe einen Punkt in Gesprächen zu seelischer Behinderung und Opferschaft, der oft nicht bewortet ist, weil es das Vermeiden von Umdenken über Behinderungen allgemein gibt.
Auch die “Unerwünschtheit”/Uneinbringbarkeit anderer Blickwinkel auf die “lauten” Stimmen der Inklusionsdebatte spielen da mit hinein.
Wenn es nicht um Physis, Vermögen und Arbeit geht, gibt es keine Möglichkeit einer äußerlich sichtbaren Barrierenabschaffung. Keine veräußerbaren Dinge, die auf etwas hinweisen. Keine Hilfsmittel, die markieren, dass jemand etwas kompensiert oder überwindet.
Außer die Psychotherapie vielleicht.
Und über die darf man auch nicht wirklich neu denken, weil sie als Heilmittel gedacht und konstruiert ist – nicht als Krücke zur eigenen Entwicklung von Dingen, die den inneren Graben in sich aufschütten oder zusammennähen. Da rüttelt man ganz schnell an (auch patriarchalen) Strukturen, die “krank” und “behindert” am Rand einer Norm entlang definieren und Denkkonstruktionen wie “Objektivität”.
Man denkt Seele als krankbar, wie krank machend.
Als sprechend, aber nicht stimmhaft.
Alles und jede_r kann eine Seele in sich tragen, aber nicht alles und alle können sie zu Wort kommen lassen oder erleben sie so autark neben dem eigenen Willen und Wünschen, wie ich zum Beispiel meine Innens.
Ich erlebe meine Behinderung in der Interaktion mit einem (linearen/ein.s.fachen) Außen, das immer wieder (Gewalt)kompensierende Reaktionen in mir auslöst und mir diese Reaktion als “krank” und “unnormal” darstellt und ich sehe meine Behinderung darin, dass meine Seele eine Sprache hat, die oft nicht einmal von mir verstanden wird. Nicht darin, dass ich zum Opfer von Gewalt wurde und körperliche Folgen und seelische Mariannengräben habe – sowas kommt von sowas und geht oft auch ohne erlebte Behinderung(en) aus. Es gibt viele Menschen, die sich über dieses geeinzelte und einzelnde Außen ihre stabilen Brücken über die inneren Gräben erschaffen können.
Pastme hat mich heute morgen berührt und gefragt, ob der Menschensatz Angst vor einer Er.Kenntnis der mehrfachen Stigmatisierung von Menschen mit DIS nach [(schwer) versehrenden] Gewalterfahrungen hatte.
Ich habe meine Arme geöffnet und wortlos genickt.
“Seit in mir alles durcheinander brüllt und weint und schreit und krampft und zappelt, gehts mir so gut, wie lange nicht. “, dachte ich heute morgennacht, als ich auf meine Betäubung wartend im Bett lag und dem Hund beim Atmen zuhörte.
Ich denke, “Ich muss doch mal wieder was ins Blog schreiben.” Und dann: “Ja was soll ich denn da rein schreiben?
Die lesen doch eh, was sie lesen wollen oder können oder dürfen oder müssen, what ever.
Darf ich da reinschreiben, dass ich meinen Selbsthass gerade gut finde und einfach gar nichts anderes machen will? Oder kommt dann ein großer Zeigefinger aus meinem Bildschirm und schimpft mich “Du du du- das geht aber nicht, das ist gar nicht positiv und heilsam!”?”.
Ich hab auch über diese “das Böse in mir”- Geschichte nachgedacht und gemerkt, dass sie die “falschen” Leute gefragt haben. Und, dass es in dieser Frage niemand “richtigen” gibt.
Was auch immer DAS DA innen ist, es kann nur sein, was die Menschen und Mächte zu sein haben wollen oder müssen oder brauchen oder what ever.
Mit uns und mir hat das aber nichts zu tun. Es ist schlicht nicht die Wahrheit, weil es so etwas wie Wahrheit und Wahrhaftigkeit nur auf klitzekleinen subjektiven Inselparadiesen des Bewussten geben kann.
Ich weiß gar nicht, wie sie und wir und alles im Innen darauf gekommen sind, diesem Wahrheitending hinterher zu hechten. Das war nie unser Kurs und es war und ist immer klar, dass Wahrheiten keinen so großen Einfluss auf das Leiden an oder mit oder unter etwas oder jemanden haben, dass es sich für uns lohnt, dem im Hoffen auf Entlastung nachzukommen.
Ich weiß, was mich entlastet und das ist akut sehr hilfreich.
Ich denke mir, dass Köpfe geschüttelt oder Hände über eben jenen zusammengeschlagen werden, wenn man von den superdupermegaweiten und ja schon fast fertigen Rosenblättern liest, dass sie sich gerade nicht mit Skills oder anderen positiven Ressourcen helfen, sondern damit, einfach gar nichts mehr davon zu machen, was ihnen andere Leute irgendwann mal beigebracht haben.
Das ist als würde ich Zähmung loszuwerden versuchen und ich fühle mich gerade sehr gut damit.
Ich habe den nächsten Therapietermin abgesagt – das heißt wir müssen da erst in 3 Wochen wieder hin bzw. nö – eigentlich ist erst 3 Wochen wieder ein Termin vereinbart. Müssen muss ich und müssen wir gar nichts. Ich will mir überlegen, was wir da eigentlich machen und wozu. Ob das überhaupt noch unser Kurs ist oder zu einem wurde der uns nicht gut tut.
Wir haben in den letzten Monaten so viel angefasst und durchgeschüttelt, aber Zeit zum Verarbeiten und Sortieren war nicht genug und ich denke, dass da irgendwas schief ist, wenn die Frontgängerin, die eigentlich NIE irgendwas merkt, mehrfach sagt: “Ich bin müde, ich bin kraftlos blablabla…” und man dann doch in der nächsten Stunde wieder etwas Heißes anpackt, weil das Gespräch einfach irgendwie so verläuft.
Ich mag diese Therapie sowieso auch nicht. Ich war schon von Anfang an dagegen mich fragen zu lassen “Wer sind sie? Mit wem spreche ich?”, zu Gunsten von Gefühlen von Kontrolle und damit Macht über die Situation und irgendwie auch mich als eine Uns, nur damit man am Ende irgendwas Fremdes zu denken bekommt und das in sich selbst finden soll, obwohls vielleicht gar nicht da ist und auch nie war.
Ich hab keinen Bedarf an Labeln von außen für das, was uns hat viele werden lassen. Mich interessiert nicht, was eine Gesellschaft zu etwas sagt, das sie, wie es ihr beliebt “Gewalt” nennt oder “Notwendigkeit”. Mich kotzt die Verlogenheit dieser unserer Umgebung in Bezug auf Verletzung, Demütigung und Unterdrückung schon an, aber richtig schmerzlich und unaushaltbar wird sie, wenn sie unreflektiert bei uns landet und dann Teil einer Norm wird, die, wenn sie als solche in anderen Kontexten benannt wird, abgelehnt werden würde.
Zum Beispiel wenn ich eine Email schreibe, dass ich den Therapietermin absagen will und die Therapeutin erst einmal schreibt, sie würde den Termin verbindlich gelten lassen. Was soll das denn? Wenn ich beim Zahnarzt einen Termin absage, sagt auch niemand: “Nee, sie kommen gefälligst her, because Termin ist Termin”.
Es interessiert mich nicht, was da für Intensionen hinterstehen. Es interessiert mich nicht, in wie vielen anderen Fällen so eine Rückfrage SCHON LEBEN GERETTET hat. Mein Leben ist nicht mehr bedroht als sonst. Überraschung- es ist in echt immer gleich scheiße, gleich belastet, gleich schwierig, gleich kompliziert, gleich nicht nachvollziehbar.
Ich glaube, für manch eine Person ist es wirklich eine Überraschung, wenn sich herausstellt, dass wir ein Mensch sind und dann auch noch einer, dem es beschissen geht, auch wenn Twitter, Facebook und diverse andere Spuren des Wirkens das gar nicht vermuten lassen.
Dann ist es plötzlich ganz verwunderlich, wie schnell man die Stigmatisierung von Krankheit und Behinderungen aufgrund psychischer Faktoren überwunden hat, als die gegenseitige Ähnlichkeit sichtbar und bewusst wurde.
Und plötzlich ist es peinlich, dass man Sätze wie “Es geht mir nicht gut” oder “Ich brauche eine Pause” oder “Ich muss langsam machen” irgendwie immer hat untergehen lassen, wie Sahne in heißem Kakao.
Es ist peinlich- nicht schmerzhaft, nicht überfordernd, nicht enttäuschend wie für mich und uns.
Und dann sollen alle Seiten machen, dass es wieder ins Lot kommt, obwohl es nur um eine Seite geht.
Es hat nichts mit uns zu tun, wenn andere Menschen uns nicht auf die Art zuhören, wie man jemandem zuhört, der gerade Bedürfnisse äußert oder Schwierigkeiten schildert oder Anteil an den Kämpfen in seinem ganz realen, ganz greifbar auch schmerzvollem Leben gibt.
Alles, was wir sagen können ist das, was wir schon seit Monaten sagen: Wir trauern, wir sind ungerächt, wir sind überarbeitet und froh um jeden Tag an dem sich etwas, was auch immer, erfühlen lässt, am Leben zu bleiben.
Für jetzt ist es ein Herbstcomic jeden Tag und ein Vortrag, der hoffentlich anderen Menschen hilft, in 3 Wochen.
Und eben nicht: ein Seelenarbeits- Seelenoptimierungs- Seelenseziertermin nächste Woche, der wieder neu in Frage stellt, was man gerade noch irgendwie in den Händen hatte. Und eben auch nicht: das Blog, in das so viel Arbeit, Zeit und Herzblut fließt und doch nicht das ist, was hilft, wenn es mir und uns so geht, wie es uns gerade geht.
In meinem Traum kamen die Worte ganz flüssig und glatt. Sie strömten aus mir heraus und schmiegten sich perfekt an das Denken meines Gegenüber an. Das war ein Reden übers Nichtheterosein, NichtFischnichtFleischnichtSojabratling-schlicht nicht konsumier-vereinbar_t_barsein. Das war ein Reden, das genau gemacht hatte, wofür Sprache, Worte, Kommunikation da ist.
Das war ein Traum, dessen Schmerz mit dem Aufwachen kam und auf seine Art weniger als 100 nicht heilende Wunden beim Bluten begleitet.
Anfang der Woche gab es eine kurze Spitze von Steinmädchen um den Tumblr “Ich bin in Therapie”. In meinem privaten Umfeld habe ich mich als queer ~~~ lesbische Person geoutet, die aus Angst und Unwillen zur Rechtfertigung des eigenen Seins vor ebenfalls jüdischen Menschen nicht in eine nichtliberale Gemeinde konvertieren will.
Ich habe mich in der letzten Woche mehrfach als schwerbehinderte Person und mich vor mir selbst als überfordert, müde, kaputt, schwach, kämpfend und ungerächt geoutet.
Man sagt das immer so: “geoutet”, dabei komme ich eigentlich aus gar nichts raus, sondern nehme die Hände aus den Taschen und trage kurzärmlig; spreche offen und ehrlich, statt meine Füße zum Vermeidungstänzchen zu schwingen.
Ich verwende keine soziale Enigma mehr, um mit diesem verschlüsselt, verdrehten Ich bei irgendjemandem als normal* anzukommen.
Mein Eindruck ist, dass “die Alten”, die heute die 50 bis 60 hinter sich haben, die Flucht nach vorn gut überstanden haben. “Ich bin schwul/lesbisch/anders als andere und bin trotzdem toll/ das ist gut so/ hat jede/r* zu akzeptieren!”. “Jede/r ist wie er/sie ist und das muss man tolerieren.”, “Alle können machen, was sie wollen…”. Einige (viele? die, die ansonsten eh schon eher privilegiert sind?) haben trotz ganz viel “trotzdem” ihre Positionen in der Gesellschaft ™ erkämpft und es geschafft, sie sich nicht abtrotzen zu lassen.
Ich habe das Gefühl heute nicht vorne flüchten zu können, weil da dauernd schon irgendjemand steht und mir erzählt, was ich da gerade tue und wieso und was das _eigentlich_ bedeutet und für Folgen für die ganze Welt haben kann.
Ich sage zum Beispiel: “Hey hm, ich glaube nicht, dass ich es verkraften kann, mich mit anderen jüdischen Menschen über mein lesbisch queer irgendwas sein, als “Entscheidung gegen G’tt” zu unterhalten.” und die Reaktion ist: “Hey ja hm, kenn ich, aber Homosexualität…”
What the fuck?! Ich rede über mein Sein- meine Identität, mein Ich und nicht nur über meine Sexualität. Wieso bestimmst du mein Thema?
Jedes Mal- auch gerade, wenn ich meine Schwerbehinderung erwähne, wird von mir ein “Aber ich komme gut zurecht” erwartet. Ein “trotzdem ist mein Leben prima”.
Nein, das ist es nicht. Die ganze letzte Woche war für mich so anstrengend, so zehrend, so mürbend und schmerzhaft, von Peinlichkeiten und dem Gefühl einfach nie zu genügen bestimmt – wer zum [piep] würde nach so einer Woche auf eine Erwähnung von Hilfebedarf ein “Aber eigentlich ist alles toll” nachschieben?!
Ich habe bei diesem bescheuerten Anti- Stigma- Tumblr sofort daran gedacht, dass sich so einen Quatsch nur Menschen ausdenken können, die randomly mitstigmatisiert werden. Zum Beispiel PsychologInnen*, PsychotherapeutInnen* und MedizinerInnen*, die, weil sie den ganzen Tag mit “Kranken” und Irren zu tun haben, selbst als “irgendwie krank” und irre gelten.
Die brauchen die Entstigmatisierung der “Kranken” und Irren, damit sie es selbst schön gemütlich haben in ihrem Nest aus Deutungshoheiten und RetterInnen*keksen ans Bett.
Wer heute noch glaubt, dass Entstigmatisierung damit beginnt, dass sich Stigmatisierte, als stigmatisiert zu erkennen geben- Wer heute noch glaubt, dass das “sich selbst outen” und offen mit seinem Sein umgehen, zur Folge hat, hat nichts mehr verborgen bleibt, der irrt und hat seine eigene Enigma laufen.
Jemand, den man ausgrenzt, hat man ausgegrenzt – ihn also in eine andere Sprache übersetzt, ihn rassiert; ihn klassiert, darüber degradiert und diskriminiert. Zu glauben, jemand, der einem in einer als fremd markierten Sprache sagt: “Du stigmatisierst mich- lass das mal!” würde schon richtig verstanden werden, grenzt an ein Maß von Ignoranz, das sich nur erlauben kann, wer davon keinen Nachteil zu erwarten hat.
Ich hätte mit meinem Sein weniger- vielleicht auch gar keine Probleme, wenn es nicht immer wieder in Abgrenzung zu anderen Menschen bzw. einer (angeblichen) Mehrheit konstruiert würde.
Anti- Diskriminierung, Anti-Stigmatisierung funktioniert nicht über das Gleichheitsprinzip, nicht über Toleranz und Mehrheitlichkeitsymbolik, sondern darüber, schlicht nicht zu diskriminieren bzw. zu stigmatisieren.
Die Ausgegrenzten™ immer wieder dazu zu bringen bzw.. dazu bringen zu können, sich vor Menschen, die mittendrin sind, zu outen, sich zu öffnen ist ein Privilegmarker. Die Äußerung anderer Menschen darüber, schwul/lesbisch/queer/ “irgendwie anders als, das was die Mehrheit ist/tut” zu sein, zu einem Outing, einer Offenbarung – einem Ereignis, das für andere Menschen als jene, die es äußern passiert- zu machen, ist bereits ein Akt der Ausgrenzung.
Ich habe diese Gedanken auch oft, wenn ich mich als Opfer von organisierter Gewalt sichtbar mache.
Ständig ist da dieses Gefühl, dass es als Outing oder Geheimnis aufgefasst wird, weil mein Gegenüber noch nie oder nicht oft, oder tatsächlich nur im Geheimen mit anderen Opfern organisierter Gewalt zu tun hatte.
Als wären Mobbing, Stalking, jeder verdammte Shitstorm nicht auch eine Form (mob)organsierter Gewalt. Als sei Opferschaft etwas, das man nicht als Selbstbezeichnung haben kann und/oder nicht auch in gewisser Weise zum Selbstbild zugehörig empfinden kann.
Jeder Mensch ist schon einmal zu einem Opfer geworden. Jeder Mensch auf diesem Planeten unterliegt jeden Tag einer Macht/Kraft/ Gewalt, die über den eigenen Möglichkeiten liegt.
Man muss Opferschaft nicht zu einem extremen Paradiesvogel menschlicher Selbstpositionen machen. Sie ist – losgelöst von juristisch/staatsgewaltiger Machtsysteme- so normal* wie TäterInnen*schaft.
Ich bin es leid mich gleich machen zu sollen.
Ich bin nicht gleich mit anderen Menschen und habe noch nie zwei genau gleiche Menschen getroffen.
Für mich bedeutet das in Bezug auf Antidiskriminierungsarbeit, wie auf Antistigmatisierungsarbeit, sich genau zu überlegen, was man eigentlich ansprechen will. Was sagt uns denn “Ich bin in Therapie”?
Da geht’s nicht darum seelisches Leiden als Norm zu markieren und Psychotherapie als Option damit umzugehen, was meiner Ansicht nach viel sinniger wäre- sondern darum, das Stigma ganz gezielt nicht im Kopf der Stigmatisierenden zu suchen. Was wiederum wem nutzt?
Eben.
Wer das Blut aus den Stigmata der Stigmatisierten schon nicht sehen kann, sehen will und seinen Anteil an der Verletzung der Stigmatisierten immer und immer wieder verleugnen kann und darf, der ist nicht der richtige Mensch um über ein Ende dessen zu sprechen.
Ganz einfach.