die (“Was tun, wenns komisch guckt?”)- Challenge

Für uns gibt es Essen, das komisch guckt. Was das bedeutet, beschrieben wir bereits hier etwas genauer.

Für die Radtour ans Meer hatten wir uns vorgenommen, so bewusst wie möglich darauf zu achten, was wir tun, um uns Essen, das komisch guckt, zuzuwenden und zu essen. Die Fragestellungen waren:
– Wie essen wir im Moment eigentlich? (Was, wann, wie viel, womit beladen?)
– Welche äußeren Faktoren erleichtern uns das Essen (in einer Umgebung ohne bzw. mit gelockerten sozialen und kulturellen Normen)?
– Welche inneren Prozesse berühren im Moment unser Essverhalten?

Bevor wir losfuhren hatten wir folgenden Essplan:
1 Liter Kaffee mit je 130ml 1,5% Milch pro Tasse
09.00 Uhr, Frühstück – 75 gr Haferflocken mit 150 gr Jogurt (0,1% Fett, Erdbeere und Himbeere abwechselnd)
14.00 Uhr Mittagessen – 2 Scheiben Vollkornknäckebrot mit Kräuterquark (fettreduziert), 1 Apfel (Braeburn, max. halbe Faust groß), 1 Banane (mittelreif)
18.00 Uhr Abendessen – 250 gr Kartoffeln, 2 mittelkleine Zwiebeln, 1 Paprika, 1 Kohlrabi, 10ml Olivenöl, getrocknete Kräuter (als Ofengemüse gegart, 1 x pro Woche mit Feta aus Schafsmilch (fettreduziert) und 1 x pro Woche mit 150 gr Hühnchenfleisch)

In unserem Gepäck hatten wir einen Gaskocher, Instantkaffee, Haferflocken, Dinkelkörner, 1l H-Milch, ein Paket Vollkornknäckebrot, eine Packung Kräuterquark, eine Dose vegetarischen Brotaufstrichs, 250ml flüssiger Honig, 6 gekochte Eier, 2 x 4 Geflügelwürstchen, Ketchup, Salz und ca. 6 l Trinkwasser – auf unserem Küchentisch zu Hause warteten 1kg Äpfel und 1 kg Bananen auf unsere Heimreise.

Die Idee war, sich eine kleine Gnadenfrist für die ersten 2-3 Tage zu geben, weil das Fahren mit Anhänger und Gepäck anstrengend genug absehbar war und wir uns nicht selbst den Spaß verderben wollten, indem wir unseren ersten ganz und gar Urlaub von allem und allen mit Mangel und der Notwendigkeit gleich schon wieder irgendwas hin improvisieren zu müssen, beladen.

Geplant waren 4 Wochen on the road bei einem Tagesbudget von < 3€.
Campingplätze wollten wir nur ansteuern, wenn Regen & Gewitter anstanden und allgemeiner Versorgungsbedarf klar war (Ruhe, Sauberkeit, Sicherheit durch andere als sich selbst – sowas). Da die Strecke über Land führte, rechneten wir mit Zugang zu essbaren Wildpflanzen, Hofverkaufsregalen oder Hofläden und genug Möglichkeiten zu zelten, ohne in Naturschutzgebiete eindringen zu müssen.

Wie wir feststellten gibt es aber kaum noch “Unkraut” da draußen. Überall dort, wo Menschen sich legal aufhalten dürfen, wuchsen maximal noch Brennnesseln, Löwenzahn, Kerbel, Gänseblümchen, Kamille und Margeriten. Am Feldrand wuchs zwar oft auch noch was anderes, aber mit Pestiziden oder Herbiziden bespritztes Zeug, das wir nicht so abwaschen konnten wie zu Hause, wollten wir uns dann doch nicht in den Napf legen.

Wildpflanzen gucken also nicht komisch?
Doch – aber nicht SO.
Erkenntnis 1:
Wenn ich weiß, was es ist, ist es okay. Die Pflanze (das Lebensmittel/Essen) selbst guckt erst komisch, wenn ich sie in den Napf gebe.
Lösung: einfach mal einen Strauß Margeriten snacken oder die Blätter und Pflanzenteile im Stoffbeutel sammeln und dort heraus mit der Hand essen

Ergebnis: ja, wenn man das so macht, sieht man selbst komisch aus und alle Menschen gucken komisch – aber man wird satt und es schmeckt okay.
Es kostet nichts, man muss nur schauen, dass man vielleicht nicht gerade das Blog von Meiermüllerwieselschmitts Hund abpflückt und sicher sein, was genau man sich dort in den Beutel tut. Wer’s mal probieren mag und ein Smartphone hat, kann sich eine App zur Bestimmungshilfe nehmen.

Wir hatten an den ersten beiden Tagen noch Glück ein paar Wildpflanzen zu finden – dann fuhren wir fast nur noch durch Natur- und Landschaftsschutzgebiete oder landwirtschaftlich genutzte Bereiche und hörten auf, nach dieser Nahrungsquelle zu suchen.

An Tag 3 hatten wir noch Knäckebrot, etwas Quark, etwas Honig, Dinkelkörner, Haferflocken, Kaffee, vegetarischen Brotaufstrich und dann war die Milch alle.
Das warme Getränk am Morgen ist wichtig. Der Instantkaffee hingegen guckte komisch und erforderte zusätzlich noch das Kochen von Wasser (und: draußen in der feuchten Morgenkälte rumzustehen).

Erkenntnis 2:
Wenn wir noch keine Haut haben, gehts nicht. Morgens haben wir noch eine ganze Weile keine Haut. Egal, was wir machen, egal wie gut und lange wir geschlafen haben. Wir sind kein Morgenmuffel – wir sind ein Morgennacktmull.
Wir brauchen unsere Routine und keine Ablenkungen davon, damit sich unser Menschenkostüm entwickeln kann.

Es war hilfreich unsere übliche Routine zu machen: aufstehen, Wasser trinken, NakNak*-Runde, Klo, waschen, anziehen, Kaffee, Frühstück, Tagesplan angucken
Die ist schon seit über 7 Jahren fest etabliert und geht auch mitten im Nirgendwo.
Aber.
Am Morgen des Tag 2 saßen wir aufgewacht im Zelt und wussten nicht, was wir machen sollten. Es hat uns ungefähr 2 Stunden gekostet, auf die Idee zu kommen, “das Zelt zu verlassen” zu “aufstehen” zu erklären und “Klo” mit  “hinhocken und pinkeln” zu übersetzen, obwohl wir vorher wussten, dass es diese Abweichungen vom Alltag geben würde. Es war in der Situation selbst dann aber doch so grundlegend verschieden, dass es wie etwas völlig anderes erschien und damit überhaupt nicht dazu beitrug eine Haut zu entwickeln.

Mit dem Ende der Milch am dritten Tag kam das Ende der Uhrzeiten für unsere Mahlzeiten.
Das Frühstück aus Haferflocken und trotz 12 Stunden Einweichzeit recht harter Dinkelkörner brauchte Milch, doch die war vorher in den Kaffee zur ersten Pause gegangen. Soviel Milch, das man den Kaffee möglichst wenig schmeckt. Hust.
Naja.

Erkenntnis 3:
Wir können keine Mahlzeiten überspringen. Das Brot zu um 14 Uhr ist ein anderes Brot als das, was zu um 18 Uhr gedacht ist. Auch wenn es aus der gleichen Packung kommt und mit dem gleichen Zeug bestrichen wird. Das 18 Uhr Brot wird erst dann das 18 Uhr Brot, wenn es das 14 Uhr Brot gab, das nur dann das 14 Brot sein kann, wenn es das Frühstück hatte, was wiederum nur dann Frühstück ist, wenn es Kaffee gab, was nur dann der richtige Kaffee ist, wenn er in aller Ruhe mit Milch und mitten im Menschenkostümwachstum getrunken werden kann.

Wir fuhren an dem Tag an einem Hof mit Milchwirtschaft vorbei und kauften dort einen Liter pasteurisierte Frischmilch mit natürlichem Fettgehalt.
Was so ziemlich das krasseste Dings ist, das wir in Bezug auf Milchkonsum in den letzten Jahren getan haben, weil: VOLLMILCH

Erkenntnis 4:
Fett ist nicht gleich fettig
Die Vollmilch aus der Tüte im Supermarkt schmeckt uns nicht. Wir finden sie einfach abstoßend fettig und tot. Vermutlich ist auch schlicht nicht mehr als Fett, Kasein und Wasser drin, wenn man sie pasteurisiert, homogenisiert und dann noch ultrahocherhitzt.
Die pasteurisierte Frischmilch hingegen hat süß und irgendwie auch blumig geschmeckt. Schmeckt blumig und süß, denn wir wollen nie wieder eine andere nehmen.

Erkenntnis 5:
der Hunger treibts rein bis die Sattheit die Genug-Flagge hisst
Da saßen wir nun also mit der Frischmilch von Birgits Hofkäserei, unseren Haferflocken und dem Honig, um 19.30 Uhr an einem Wandererrastplatz und aßen Frühstück. Und dann Mittag. Und dann war genug. Einfach so.
Wir hatten noch 10 Kilometer vor uns und dachten dann: “Ach naja, wir können ja dann jetzt erst mal weiter und heute Abend im Zelt noch sehen, ob wir Hunger haben.”.

Seit Tag 4 der Radtour ans Meer haben unsere Mahlzeiten keine Uhrzeiten, sondern Hunger- und Sattmarker.
Ich weiß noch nicht genau, ob es mit der Milch allein zusammenhängt oder auch damit, dass wir uns während der Tour sehr ballaststoffreich und von (im Anteil der Gesamtmenge) wenigen verarbeiteten Sachen ernährt haben – aber ich glaube, wir haben ein anderes “Satt” und ein paar andere “Hungrig’s“ kennengelernt.
Ein “ich bin schlapp”-hungrig (das findet süß, reichhaltig und wenig anstrengend gut – so wie unser Frühstück), ein “ja, jetzt wäre was gut”-hungrig (was Knäckebrot, Gewürze und Früchte super gut findet) und ein hungrig, das nichts mit dem Magen oder dem Bauch zu tun hat, sondern mit dem Mund bzw. dem Kauen und Schlucken (was dann Wildkräuter, rohes, reifes bis fast matschiges Obst und Gemüse, aber auch Käse oder Junk-Süßigkeiten mag).

Das neue “Satt” merke ich den neuen “Hungrig’s” folgend noch nicht immer und es fällt mir auch schwerer, es jetzt wieder zu Hause immer zu bemerken.
Während wir unterwegs waren, war da plötzlich so ein: “Ja – is okay jetzt.”- satt, das sich allein schon durch den Punkt am Ende vom üblichen “So- jetzt ist hier aber Schluss!”- satt unterscheidet.
Es ist leiser und subtiler, dieses neue “Satt”. Es kommt nicht mit einem leeren Teller, einer leeren Verpackung oder einem leeren Topf, wie das andere. Vielleicht, weils aus unserem Bauch kommt und nicht aus dem Kopf.

Dann hatten wir eine Unterbrechung der Challenge, denn wir hatten Menschenkontakte.
Schöne Kontakte – aber soziale und damit auch anstrengende und von uns wegführende Kontakte. Wir waren in einem Restaurant, bekamen Essen geschenkt, waren zwei einhalb Tage zu Gast bei jemandem.

Die 3 Tage danach brauchten wir zum Zurückfinden und Ausbalancieren von uns selbst im Fahren und NakNak*s Abschlaffen. Sie mieselte am Futter, speichelte zäh, schlief mehr, hoppelte aber auch albern umher und hatte Bock auf alles – für uns keine eindeutigen Krankheitszeichen, sondern durchaus für etwas irgendwo zwischen Erschöpfung und möglicher Verunsicherung über das High-Life jeden Tag.
Um sie zu schonen, ließen wir sie Tag für Tag mehr im Anhänger schlafen und dösen. Das bedeutete jedoch auch den schweren Rucksack auf dem Rücken zu haben, während wir fuhren und den Anhänger zogen – und Hunger. Dauernd.
Wir aßen unser Frühstück um eine okaye Basis zu haben und nahmen dann alle 2-3 Stunden rohes Obst, Gemüse und Nüsse bis zum Abend bzw. dem Moment in dem wir das Zelt aufgebaut hatten. Dann gab es Brot und Käse oder Aufstrich. An einem Abend hatte uns ein Mitcamper noch eine halbe Tüte Pelmeni geschenkt.

Am letzten Abend habe ich dann bemerkt, wie ein großer Teil des inneren Kampfes um die Nahrungsaufnahme wegfällt, wenn wir einfach wissen was genau es ist und wie es wurde, was es ist.
Ein Mitcamper hatte sich zum Abendessen ein Gericht von einer Imbissbude gekauft und mitgenommen. Es guckte so komisch, dass es uns nicht nur verunsicherte, sondern tatsächlich irgendwie fast giftig ungut vorkam. Dabei war es nur Kebab in Käse mit Käse überbacken. Also eigentlich Komponenten, die wir selbst auch gern essen – aber die Farbe, der Nichtkäse-Nichtfleischgeruch, die Aluschale, die Unkenntlichkeit vielleicht auch, haben sie verwandelt und zu etwas gemacht, das komisch guckt.

Unsere Radtour endete am nächsten Tag, während dem wir einen Eisbergsalat auf die Hand aus Vernunftsgründen, einen Milchkaffee aus Ablenkungsgründen und Tomaten vor Hunger zu uns genommen hatten und nicht besonders klar darum waren, dass wir da gerade Lebensmittel zu uns nehmen.

Jetzt sind wir wieder eine Weile zu Hause und flirrten ein bisschen um die Essensfrage. Das Frühstück hat sich inzwischen zum Menschenkostümentwicklungszeitraum gewandelt. Es ist nicht mehr nur der Kaffee (von dem wir weniger trinken, seit wir auf die Frischmilch umgestiegen sind), der den morgendlichen “JETZT!- Hunger” niederknüppelt und in einer dunklen Gasse versteckt, damit er uns keine Angst mehr macht.

Im Moment trinken wir unsere Wasserflasche am Bett leer (ca. 0,5 bis 0,75l), bevor wir aufstehen und mit NakNak* rausgehen. Das beruhigt den “JETZT!-Hunger” und löscht ihn auf ein leichter händelbares “Ich bin schlapp”-hungrig runter, das genug Raum lässt für die Zubereitung von Frühstück.

Überhaupt habe ich “JETZT!-Hunger” und totverarbeitete Lebensmittel/Essen ein bisschen in Verdacht uns in Unruhe und Angst zu triggern und so sehr zu dämpfen, dass wir evtl. die anderen ““Hungrig’s“” gar nicht richtig wahrnehmen konnten. Und da heraus irgendetwas ändern zu wollen, das nicht angstreaktiv (in unserem Fall also irgendwas zwischen Magersucht, Binge eating und Bulimie) ist, ist natürlich schwierig und langwierig.
Und eben so unmöglich, wie wir das in den letzten Jahren auch erlebt haben.

Ich merke, dass wir, wenn wir mit Gemögten zusammen essen, mitunter ziemlich drängende süß-fett-salzig-Wünsche haben und auch erfüllen. Würden wir dagegen angehen, kämen wir unter Druck und das Miteinander würde unangenehm – wären wir aber weniger angestrengt und (positiv wie negativ) gestresst im Kontakt mit anderen Menschen, hätten wir diese Wünsche vielleicht nicht. “süß fett salzig” sind ja nicht nur Wünsche nach Nomnomnom, sondern auch nach schnell verfügbarer Energie in kurzer Zeit (um Stress zu verarbeiten, um sein Leben zu kämpfen/zu rennen/zu erhalten).
Wenn wir hingegen essen bis so ein “ja, is okay jetzt”- satt erreicht ist, haben wir keine bestimmten Gelüste in irgendeine Richtung und können zusätzliche Süße und auch Salz einsparen. It’s magic!

Und apropos “magic”. Das Geheimnis des Kochens.
Gestern Nachmittag waren wir mit NakNak* erstmals wieder im Wald auf eine längere Runde und wir waren danach total müde. Es wurde 5, halb 6, 6 … immer noch total k.o. – zu k.o. zum Kochen oder mischen oder schneiden. Wir nahmen den letzten fertig gekauften Bulgursalat aus dem Kühlschrank, füllten die Wasserflasche auf und stellten uns auf schlafen zu Omazeiten ein.
Wir aßen, tranken und merkten, dass wir nicht mehr hungrig, aber noch lange nicht satt waren.

Erkenntnis 6:
“befüllt” ist nicht gleich “satt”

Da wir dem Verdacht über die fertigen Mahlzeiten/Lebensmittel nachgehen wollten, hatten wir für das Wochenende schon alle Zutaten für einen Bulgursalat gekauft. Ich überlegte mir in meinem voll, aber nicht satt-Zustand, dass ich, wenn ich jetzt welchen machen würde, ein bisschen jetzt essen würde und morgen dann noch genug übrig hätte.
So begann ich zu kochen.

Kochen war mir bislang ein geheimnisvoller Skill. Magie.
Jemand nimmt eine Hand voll Zutaten, verschwindet in einem Wust aus Zahlen, Handlungsabläufen und chemischen Prozessen und kommt mit einem Topf voll mit etwas, das so überhaupt gar nicht mehr nach den Zutaten aussieht zurück – das ist doch krass, oder nicht?

Erkenntnis 7:
wir brauchen den Bezug zwischen Zutat, Produktion und Endergebnis, um nicht beunruhigt oder abgelenkt zu werden von dem, was am Ende vor uns steht

Wenn wir uns den fertigen Bulgursalat reinziehen (oder irgendein anderes fertiges Gericht oder Lebensmittel) dann weil wir völlig k.o. sind und diesen “süß fett salzig” Wünschen nachkommen, um einem “JETZT!-Hunger” zuvorzukommen (der auch mal in eine Fressattacke kippen kann). Wenn wir genauer darüber nachdenken, dann haben wir eigentlich nur Bezug auf Käse (much Weichkäseliebe hier) und Süßigkeiten (Team Karamell) kein Energietief oder drängendes Wollen, sondern auch Empfinden von echtem Genuss von einem bereits fertigen Lebensmittel.

Selbst bei fertigen Salaten haben wir solche vom Geschmack/Genuss ablenkenden Fragen nach Inhaltsstoffen und Produktion. Das macht keine Angst, aber es lenkt ab und irgendwie wird das Essen selbst dann zu einem mechanischen Kauen gegen die Ablenkung. Es ist anstrengend so zu essen und manchmal auch stressig und dann muss es immer mehr davon sein. Und mehr. Und mehr. Bis die Packung leer ist oder der Bauch so voll, dass keine Bewegung mehr möglich ist.

Zurück zum Kocherlebnis gestern Abend.
Wir haben uns ein Rezept für Bulgursalat im Internet gesucht und losgelegt.

Erkenntnis 8:
eine Küche, die hauptsächlich Sammellager für Pfandflaschen und dreckiges Geschirr ist, ist keine Umgebung für stressarmes Kochen

Erkenntnis 9:
Kochen geht leicht, wenn man keinen “JETZT!-Hunger” hat

Wir haben, glaube ich, nie gekocht, um zu kochen, sondern immer, um zu essen.
“JETZT!-Hunger” ist so ein apokalyptischer Reiter für Erinnerungen an Momente des Hungerns und Durstens in Gewaltkontexten, aber auch kompensatorisches Fressen, Kotzen, Fressen, Kotzen, sich selbst verletzen und erschöpft aufgeben. “JETZT!-Hunger” ist ein Alltagsextrem bei uns – hoffentlich gewesen, denn ich merkte gestern, wie viel entspannter kochen auch sein kann.

Erkenntnis 10:
Kochen ist stressfrei, wenn genug von allem da ist

Ich habe Zutaten verwendet, die ich kannte und auf ein Optionencluster ausgerichtet geplant. Nicht: “Das muss jetzt reichen (weil so steht das auf der Packung)” sondern: “Das wird mindestens für jetzt reichen und vielleicht auch noch für morgen. (Falls nicht: es ist genug da)”

”Es ist genug da”, ist bei Grundnahrungsmitteln sehr leicht zu bewerkstelligen. Sogar für uns.
Wir vertragen zwar die billigen Varianten von Nudeln und Reis nicht, können aber problemlos die Vollkornvarianten davon, sowie Kartoffeln, Vollkorngetreide, Pseudogetreide und Hülsenfrüchte essen, wovon wir dann auch sehr viel weniger brauchen um zu einem “Ja, is okay jetzt”-satt zu kommen.
Unser Problem ist nur, dass bei den Tafeln und Lebensmittelsharingstellen überwiegend die billigen (weil aus Abfallanteilen produzierten) Varianten abgegeben werden und Kartoffeln, die man schälen muss (wodurch man Masse verliert), weil sie nach der Ernte behandelt wurden.
Außerdem wird man mit Brot überhäuft, das wir ebenfalls (bis auf echte Vollkornvarianten) nicht vertragen.

Die während der Radtour gemachte Erfahrung, wie gut Linsen, Bulgur (Hartweizen), Hafer und Dinkel sättigen, ist nun wirklich Gold wert. Man braucht davon nicht viel und kann es beliebig mit Kräutern und Gemüse ergänzen, wovon man wiederum nicht viel braucht.
Ich habe gestern mit Erstaunen festgestellt, dass 3 mittelgroße Spitzpaprikas, 1 Zwiebel, 3 Lauchzwiebelchen, ein Blobb Petersilie und ein Blobb Tomatenmark zusammen mit einer Ladung aufgequollenem Bulgur für einen Abend Nomnomnom bis “Ja, is okay jetzt”-satt reicht – UND NOCH WAS ÜBRIG BLEIBT.

Erkenntnis 11:
Uns fehlen okaye (im Sinne von “stressarme”) Erfahrungen mit Lebensmitteln und Essen

Für uns ist schon lange klar, dass wir von essgestörten Erwachsenen ernährt wurden und unsere anderen Hunger-und Dursterfahrungen eher indirekt auf unseren Essmurks heute einwirken.
Wir wissen inzwischen ziemlich sicher, dass Essen für uns komisch guckt, wie ganz viele andere Bestandteile sozialer Kontexte komisch für uns gucken (z.B. Make up, diverse Kleidungsstücke, so ziemlich alles, das mehr als nur funktional ist), weil wir eine Sicht auf solche Kontexte haben, die viele andere Menschen nicht von sich kennen und selbst dann nicht einnehmen können, wenn sie es versuchen.

In unserer Herkunftsfamilie gab es 1 Allergiker_in, 1 Person mit chronischer Darmentzündung (Morbus Chron), 1 Person mit sogenanntem “Übergewicht”, 1 Person, der man permanent sagte, sie würde essen “wie ein Schwein” (also “eklig/abstoßend und wahllos”) und 1 Person, die “auch aufpassen muss”.
Ihr dürft raten, wer nie wusste, worauf si_er denn genau “auch aufpassen muss” und folglich ständig ängstlich aufmerksam vor dem Teller saß und irgendwann pauschal auf ALLES aufgepasst hat (und ebenso pauschal ALLES ausgekotzt wie reingefressen, wie irgendwann auch zu essen verweigert hat, als zunehmend auch außerhalb der Familie das Essen zum sozialen Brennpunkt wurde).

Erkenntnis 12:
Unsere Essstörung hat entsprechend weit und lange vor dem vermurksten Essverhalten im Sinne der Bulimie, dem binge eating und der Magersucht angefangen und in erster Linie überhaupt gar nichts mit einer verschobenen Selbstwahrnehmung zu tun, sondern damit, dass eine Person, deren Selbstwahrnehmung durch eigene innere und äußere Faktoren völlig gestört (im Sinne von “negativ beeinflusst”) war, ihre Idee von einem idealen Körper und Essverhalten an eine Person weiter gab, die sie
a) nicht verstanden hat und
b) (aufgrund von bereits chronisch notwendiger Dissoziation) keinen kontinuierlichen Bezug zu sich selbst und ihrem Körper hatte

Fragestellung:
Wenn wir den unseren Körper anschauen und denken “zu viel”, bezieht sich das eigentlich nur auf unsere Masse oder geht es dabei auch um all das, was mit diesem Körper in Verbindung steht? (“zu viel Stress”, “zu viel Gewalt(erfahrungen)”, “zu viel soziale Aufladung”, “zu viel Verantwortung” …)

Während der Radtour haben wir uns nur ein einziges Mal überessen – und zwar während einer anstrengenden und teils auch überfordernden sozialen Situation. Waren wir allein für uns und völlig losgelöst von unserem üblichen Zeit-Essplan, kam das einfach nicht vor.
Wenn wir allein für uns essen, bleibt der automatisierte Druck aus “auch aufpassen zu müssen”. Worauf auch immer (ich weiß bis heute nicht, worauf wir aufpassen sollten – dass wir nicht zu viel essen? dass wir “das Richtige” essen? –  wer hat denn bestimmt was, wann und wie viel wir essen sollen? – äh hallo VÖLLIG UNLOGISCH?! orr ^^)

Erkenntnis 13:
Die Recovery-Geschichten anderer Menschen mit Essstörungen konnten uns nie helfen, genauso wenig wie die verhaltenstherapeutischen Ansätze, die wir versucht haben, weil wir keine “Essstörung haben”, sondern von Dingen beim und ums Essen gestört werden, die andere Menschen für normal halten bzw. um die sie sich keine Gedanken machen.
Viel mehr erleben wir Essstörungen und haben dysfunktionale Verhalten entwickelt, um diese zu kompensieren.

Diese Störungen sind:
– die sozialen Aufladungen von Essen/Mahlzeiten, die wir als Anteil sozialer Interaktion und Kommunikation nur schwer bis gar nicht entschlüsseln können
– die bereits erwähnte Verunsicherung um die Verwandlung von Lebensmitteln zu einer Mahlzeit (da fehlt einfach der sofort bewusste Zusammenhang, den man sich dann im Kopf kreieren muss, um sich zu versichern, was genau man isst und den wir aufgrund von Kochen nur unter Vollstress und der damit entstanden Verbindung “kochen = Vollstress”, nur mit weiterer Anstrengung hinkriegen)
– die bisher als eher unzuverlässig, beängstigend und schwer einzuordnenden Reaktionen des Körpers auf Lebensmittel/Mahlzeiten (da sind die Unverträglichkeiten und Allergien, aber auch Hunger und Durst als Alltagsextrem und Triggerelement)
– die (häufig als autark neben dem aktivem Selbst_Bewusstsein her empfunden) genutzte Option, sich Gefühle von Selbstbestimmung und Kontrolle machen zu können, indem man Hunger und Durst vom völlig okayen Grundbedürfnis zu einer Option degradiert und sich damit zu etwas erklärt (oder sich selbst darin versichert), das kein Mensch (wie andere Menschen) sein kann und ergo absolut unberührbar ist von Schmerz, Demütigung, Kontrollverlust, Ohnmacht etc. etc. etc.  [zusammengefasst vielleicht: dissoziierte Essverhalten oder dissoziierte Schutzmaßnahmen, die die Nahrungsaufnahme stören]

die dysfunktionalen Verhaltensmuster sind:
– fertige Lebensmittel/Mahlzeiten mit hoher Energiedichte zu essen, um sich vor Flashbacks und Kontrollverlust zu schützen
– kochen in gestressten Zuständen, wiederum um unangenehmere Stresszustände zu vermeiden
– auf eine “sensation seeking” Art essen (also: bevorzugt sehr heiß, sehr salzig, sehr scharf, sehr kalt, sehr süß…) im Rahmen von aktiver Selbstverletzung, wie dem Versuch nicht zu dissoziieren, wie einem “JETZT!-Hunger” zu begegnen
– Dinge zu essen, die keine Lebensmittel sind
– kein Besteck zu benutzen
(und, zwar kein aktives Verhalten, aber passierend: dissoziieren beim Essen)

Diverse Anteile der therapeutischen Arbeit an unserer Essstörung, haben keinen einzigen Aspekt dessen, was für uns problematisch ist, berührt.

Kochen in der Gruppe
War unheimlich stressig, weil es 1) eine Gruppe 2) essgestörter 3) junger Mädchen und Frauen, unter der Anleitung von 4) älteren Frauen mit 5) ökotrophologischem (also Ernährung aus wissenschaftlicher Perspektive) Hintergrund, war, die Mahlzeiten produzieren sollte, die sie 6) nicht einmal selbst bestimmen (und also in einen für sich logischen Kontext bringen) durfte.

Genusstraining mit der behandelnden Psychologin
Absolut unmöglich für uns, die wir schon bis an den Anschlag davon getriggert waren, wir könnten dabei irgendetwas falsch machen (weil irgendetwas zu schmecken nichts zuverlässig Wahrnehmbares ist, wenn man getriggert ist), was “die Therapie falsch machen” bedeuten könnte, was das Ende der Hilfe bedeuten könnte, was das Ende der Möglichkeiten sich das Leben erträglicher machen zu können, bedeutet hätte.

Esspläne, die andere für uns geschrieben haben
Kompletter Schuss in den Ofen – das war die maximalst mögliche Entfernung von Selbstbezug zu Nahrung und Essen, als Mittel zum Lebenserhalt.

Zunehmen nach Plan
Ich möchte Leute schütteln, die sowas als psycho_therapeutisch wertvolle Maßnahme verkaufen. Wir haben lange dafür gebraucht, den Zusammenhang zwischen “Notwendigkeit eine gewisse Masse haben zu müssen, um Psychotherapie machen zu können” und “Gewichtszunahme” zu verstehen. Es hätte geholfen, klar zu haben, dass es sich bei dieser krass stressenden Wiegerei 2 x die Woche, um eine medizinische Überwachung handelt, die bei der Einschätzung hilft, ob die (zu erwartende) Befähigung zur Psychotherapie besteht oder nicht und, ob die stattfindende Psychotherapie (in dem bestehenden Kontext) eine Wirkung hat, die mitbedeuten KANN, dass es Veränderungen in der messbaren Masse gibt.
So wie wir solche Zunehmprotokolle erlebt haben, waren sie retraumatisierend und institutionelle Gewaltausübung, die bis heute passiert, weil sich die Betroffenen nicht wehren können.

Über die Gefühle beim Essen und Zu- oder Abnehmen sprechen
Maximale Zeitverschwendung für uns. Wir hatten immer nur Angst und Verunsicherungsgefühle und immer wieder wurde nicht verstanden, dass diese herzlich wenig mit einer Lebensmittelphobie oder einem Zahlenkomplex zu tun hatten, sondern mit den Dingen darum herum.
Man wollte von uns hören, dass wir entweder Angst hatten “dick und hässlich” zu werden (damit man uns sagen kann, dass nicht passieren wird oder, dass es achso egal ist, ob man dick ist, weil Schönheit etwas Subjektives sei – WAS SO UNFASSBAR GEMEINER SCHEIßBULLSHIT IST orrr! Wer das nicht glaubt, hört sich bitte mal das Fettcast von Magda und Ragni an, oder befasst sich ausgiebig mit “fat acceptance”!)
–  oder wollte uns in Richtung “Ich will ja nur die Kontrolle über mich und meinen Körper, weil ich grad krank bin” bringen, ohne den logischen Schluss “Wäre ich gesund, wäre es mir scheiß egal, was mit mir und meinem Körper passiert”, als so potenziell gefährlich und maximal triggernd anzuerkennen, wie er ist.

Ein Foto von sich in Unterwäsche anschauen/sich selbst im abgemagerten Zustand auf einem Film sehen
Heuchlerischer Kackscheiß zum Einen – wieso sollte das Foto von sich, das jemand von einem gemacht hat, eine andere Wirkung haben als das Selfie von sich, das man ins eigene Thinspo-Tumblr oder Ana-Forum hochlädt? (Als all die Selfies von anderen Menschen in jedweder Körperform, mit denen man sich jeden Tag egal wo konfrontiert sieht?) Weil man sich über sein Aussehen mit jemandem auseinander setzt, was mit dem eigenen Problem genau nichts bis marginal randomly zu tun hat? Was ist das überhaupt für eine sadistische Idee, Menschen, die ihren Körper zerstören (und/oder allgemein unter seinem Aussehen, bzw. der sozialen Abwertung aufgrund ihres Aussehens leiden) mit so einem Foto den (“wichtigen”, “heilsamen”) Schock zu versetzen?
Zum Anderen würde mich ja sehr interessieren, was in Leuten vorgeht, die immer wieder extrem hilfebedürftige, leidende und global abhängige Menschen in Unterwäsche fotografieren und/oder filmen. Reicht die Idee vom therapeutischen Nutzen, um nicht selbst in Dauerschleife über das eigene Handeln zu kotzen?
And again: wieso die Auseinandersetzung mit der eigenen Erscheinung, um eine Möglichkeit zur Reflektion des eigenen Essverhaltens bzw. der Aufladung des eigenen Essverhaltens und Lebensmitteln/Mahlzeiten, zu schaffen?

Wenn ich in diese Zeit zurückblicke, kommt bei mir das damalige Gefühl irgendwie kaputt oder falsch zu sein wieder hoch, das mich damals wirklich fertig gemacht und in Verzweiflung über den eigenen Zustand brachte.
Mit dem Wissen von heute sehe ich erneut so eine Dynamik, in der etwas von uns als komplett auf unser Außen ausgerichtetes Ding interpretiert wurde, das es nicht war. Wir haben nie angefangen zu hungern, weil wir so unbedingt schön aussehen wollten oder von jemandem gemocht werden wollten. Wir haben auch nie gekotzt oder gefressen, weil wir Ärger über andere in uns hineingefressen oder uns über andere auskotzen mussten. Unser Hunger hat uns nie die Kontrolle darüber vermittelt, wie andere Menschen mit uns umgehen oder wie wir mit anderen Menschen umgehen.

Es ging immer nur um uns. Um unsere Ohnmacht vor uns selbst. Darum, dass wir uns bis ins junge Erwachsenensein nie mit anderen Menschen verbunden oder ähnlich empfunden haben. Darum, dass die Welt uns ein Ort war und ist, der uns permanent aus der Balance wirft, zu Tode ängstigt oder in Erinnerungen an unverarbeitete Erfahrungen von Todesängsten triggert. Immer wieder ging und geht es darum, dass wir keinen Bezug zu uns halten können, weil so vieles gleichzeitig und in verschiedene Richtungen an uns zieht und zerrt.

Was uns heute hilft, uns der “Was tun, wenns komisch guckt?”- Challenge zu stellen

Morgenroutine für eine gesicherte Basis
Aufwachen, Wasserflasche am Bett austrinken, Kaffeemaschine anschalten, mit dem Hund raus, aufs Klo, waschen, anziehen, Kaffee und Frühstück mit Haferflocken, Milch und Honig

Gedanken an Essen = essen und was trinken
rohes Obst, Gemüse, ein paar Nüsse und die Wasserflasche leeren

zum Essen mit Gemögten (auch) das eigene als okay empfundene Essen mitnehmen
Kann ich nicht oft genug als wertvoll markieren: du hast den Jackpot, wenn du Menschen in deinem Leben hast, die deine Essstörung mitdenken und sensibel damit umgehen, die Eigenverantwortung bei dir lassen und nicht vergessen, dass du Expert_in für den Umgang damit bist.
Wir essen nicht mit Menschen zusammen, die das nicht hinkriegen bzw. tun wir das nur dann, wenn wir die Kraft dafür haben, uns zu erklären oder eher unangenehme Gefühle beim Essen unauffällig zu kompensieren.

Gerichte kochen, die unbekannt sind und Lebensmittel verkochen, die unbekannt sind
Gerichte und Lebensmittel, die unbekannt sind, gucken komisch, weil sie fremd sind – wir versuchen sie uns bekannt zu machen, indem wir sie verkochen und essen. Das ist nicht unanstrengend, deshalb schauen wir, wie wir Energie sparen können. Etwa, indem wir

nicht mehr kochen, wenn wir (“JETZT!-) hungrig sind
Wir haben ein Patent auf Haushaltsbrände, Rauchmelderalarme und verklebte Topfböden, die Archäolog_innen in 200 Jahren noch von unserer Kochkunst künden können, weil wir ziemlich verpeilt chaotisch kochen. Aber das Ausmaß ist weitaus weniger krass, wenn wir weder satt noch hungrig sind.

Wir essen in aller Ruhe unser warmes Abendessen
. jetzt neu auch egal, ob das zufällig um 18 Uhr oder um 19 Uhr ist – Hauptsache, es ist nicht 22 Uhr, wenn wir eigentlich im Bett liegen wollen, um uns müde zu lesen. “In aller Ruhe” bedeutet: der Hund geiert uns einmal an und geht dann auf seinen Platz, der Herd ist aus und das Kochzeugs steht in der Spüle, der Platz ist gemütlich, die Kleidung ist gemütlich, Laptop und Handy sind keine Störquellen

Wir essen und trinken vor dem Sport, während des Sports und nach dem Sport, weil Sport auch nur Bewegung ist
Wir sind hier schließlich nicht bei Olympia.

Wenn ein Lebensmittel/Gericht Angst, Ekel oder zu viele Irritationen auslöst, lassen wir es liegen
Es gibt genug Dinge, die wir stattdessen essen können und genug Zeit sich irgendwann mal sicher und gut begleitet damit zu befassen, warum welches Lebensmittel/Gericht diese Empfindungen in uns auslöst.

der neue Essplan
bezieht sich auf eine Woche mit der täglichen Basis zum Frühstück (50 gr Haferflocken (mit 25 gr Dinkelkörnern), Honig und Milch, zu 2 Tassen Kaffee), dem jeweils akuten “Hungrig’s” folgendem ~ tagsüber ~ (rohes Obst, Gemüse, Nüsse, Knäckebrot mit Aufstrich, Wasser) und der warmen Insel zum Abendbrot mit Mahlzeiten, die wir uns vorher überlegen und planen

Im Moment geht es uns damit ganz okay.
Es gibt Tage, an denen alles ganz leicht ist und Tage, an denen ich denke, dass wir es nie in eine automatisierte Routine schaffen.

Doch – Erkenntnis 13:
wir haben verstanden, dass die “Was tun, wenns komisch guckt?”- Challenge, eine Herausforderung ist, bei der es nicht um Essen, das komisch guckt, geht, sondern um das, was wir damit tun können, wollen, lernen möchten.
Wir haben verstanden, dass wir unser von der Masse der Menschen abweichendes Bewusstsein und das verzerrte Denken um Lebensmittel und Mahlzeiten, im Kontext mit Kontrolle und eigenen Lebenserfahrungen nicht unsichtbarkompensieren können. Vielleicht nur jetzt im Moment nicht, vielleicht aber auch nie.

Auf jeden Fall aber, sind wir auch nicht dazu gezwungen das zu tun. Wir sind auch okay, wenn wir quirky essen, awkward Gerichte speisen und komisch gucken, während wir kochen. Wir sind okay, wenn ein Innen den Körper ganz dünn haben muss. Wir sind okay, wenn ein Innen fressen und kotzen muss. Wir sind okay, wenn ein Innen den Körper dick haben muss. Wir sind okay, auch wenn wir beim Essen von Dingen gestört werden, die niemandem sonst störend erscheinen. Es ist okay, wenn wir auf sowas reagieren und es ist Kackscheiße, wenn andere Menschen daran herumdeuten oder von uns verlangen, nicht mehr darauf zu reagieren, weil sie unser Reagieren für unnötig oder krank halten.

Es ist unser Leben für das wir essen müssen. Dann darf es auch unser Essverhalten sein.

mein Kram–dein Kram

Andere Menschen haben Sozialleben. Andere Menschen haben Termine. Andere Menschen haben ihren Kram, in dem wir hineinpassen müssen.
Wir haben nie Kram. Wir haben Ansprüche und Forderungen und davon viele. Meistens überzogene oder falsche.

Und dann haben wir zunehmend und absehbar selbst auch noch Kram, in den andere Menschen hineinpassen sollen und wollen. Und, dass das so ist, wurde nun auch der Therapeutin klar. Wird auch so langsam anderen Menschen klar, die mit uns arbeiten wollen und uns immer wieder absagen, vertrösten unsere Ablaufpläne verschieben, was ihnen sehr leid tut, aber klar total verständlich ist, denn unser Kram ist anderer Kram, als der anderer Leute.

Leute, die arbeiten. Leute, die analoges Sozialleben haben. Leute, die in unsichtbare unbewortbare Kontexte eingebunden sind, die wir unbesehen als so unveränderbar anzunehmen haben, wie es von uns verlangt wird, damit wir ihnen weiter in den Kram passen dürfen.

Die Erkenntnis ein Verwaltungsobjekt zu sein ist eine schmerzliche.
Wir werden in Terminkalender notiert und wieder daraus herausgestrichen, wenn es nicht mehr passt – egal, warum wir dort drin standen. Um unser Leben geht es in irgendwelchen Leistungsanträgen, die genauso wahrscheinlich abgelehnt, wie bewilligt werden können. Einfach, weil das geht.

Mir ist wichtig an der Stelle zu sagen, dass uns das nicht kränkt oder wir das Gefühl haben weniger wert zu sein oder abgewertet zu werden.
Es ängstigt uns einfach nur zu Tode und, dass dieser Umstand weder mitbedacht noch berücksichtigt wird, ist, was ich schwierig empfinde.

Und worüber ich mich zunehmend ärgere. Denn unsere kleine soziale Welt scheint zu glauben, dass wir durch den Wind sind, weil sich mit der Ausbildung alles verändert und wir Angst vor irgendeiner diffusen Veränderung haben.
Ja klar, beunruhigt uns die Größe der Veränderung. Ja klar, haben wir Angst zu versagen. Ja klar, haben wir bewusst, dass es sich um einen neuen Lebensabschnitt handelt. Viel schlimmer ist jedoch, dass wir nicht wissen, wie allein und wie belastet wir in dieser Zeit sein werden und welche Kompensationsmöglichkeiten es für uns geben wird, denn wir wissen noch nicht, wie gut wir unseren Leuten dann noch in den Kram passen.

Werden wir weiter einmal in der Woche an unserem gewohnten Platz mit unserer Therapeutin arbeiten können?
Werden wir es irgendwann überhaupt mal je schaffen, mehr als das seltsam verbindlich-unverbindliche Ding mit dem Begleitermenschen zu haben?
Werden wir noch die Kraft haben, 4 bis 5 Mal in der Woche mit Renée zu telefonieren?
Werden wir noch die Nerven für unsere Unterstützer_innen haben?

Werden wir noch die Kraft haben, so lieb zu euch allen zu sein, damit ihr euch die Zeit, Kraft und den Raum freinehmt, um euch unserem Kram unseren Forderungen und Ansprüchen zu widmen?

Ich merke häufig, wie das, was wir als unsere Dinge formulieren mit angenommenen Emotionen aufgeladen wird, wenn das Thema aufkommt.
Wie dann aus solchen Fragen, wie den oben formulierten, ein “Ausdruck innerer kindlicher Not oder Verunsicherung” wird. Oder sowas wie: “sie fühlt sich zu wenig beachtet.” oder schlicht: “Ja, sie muss ja jetzt auch noch irgendwas wollen, weil unser Miteinander sonst auch keine Grundlage hätte”.
Manchmal spielt ein Gefühl nicht mit etwas gesehen zu sein, auch tatsächlich da hinein – am Ende geht es mir bzw. uns bei diesen Fragen aber nicht um ein Gefühl, sondern um Realitäten, die wir verzweifelt einzuschätzen versuchen, aber daran scheitern, weil uns alle flauschen, statt irgendwie für Klarheit zu sorgen.

Was nutzt mir denn ein Tröste-“Das-wird-schon-alles-werden” mit Händchenhalten von der Therapeutin jetzt, wenn ich damit rechnen muss, dass ich in zwei Monaten von ihr höre: “Ja also – das passt jetzt alles irgendwie nicht mehr. Hm – aber Sie sind ja eine starke Frau – Sie kommen schon klar.”.

Ich kann auch überhaupt nicht einschätzen, ob und wie und wofür genau wir den Begleitermenschen dann noch treffen. Vielleicht um uns nicht aufzugeben nur, weil grad unsere Therapie zu Ende gegangen ist, weil wir ja so dringend „großes Mädchen, das eine Berufsausbildung anfängt“, spielen mussten.

Wir haben so wenig Erfahrungen mit  dem selbstbestimmten Leben allgemein und längeren sozialen Kontakten, die nicht für die Zeit mit uns bezahlt werden, dass wir nicht wissen, wie oft man sich treffen oder hören muss, damit der Kontakt okay ist. Wir wissen nicht, wie wir unsere Kraft fürs Telefonieren mit Renée freimachen müssen. Nicht als Pflicht, sondern als schlichte regelmäßige Pflege.

Bis heute haben wir nicht so recht verstanden, warum Menschen überhaupt den Wunsch haben uns in dem Blog und unserem Arbeiten zu unterstützen, aber sie tuns und wir freuen uns darüber und versuchen immer weiter, immer mehr zu machen, damit niemand das Gefühl hat, es wäre alles umsonst gewesen, wir hätten das nicht gut genutzt oder nur Quatsch mit dem Geld, der Zeit, den Hilfen angestellt. Aber was ist, wenn klar wird, dass es nie um ein Extra ging? Was, wenn allen wirklich endlich klar wird, dass sie uns auf “Normalnull” geholfen haben und da gar nichts weiter hintersteht, als eine Person, die wirklich so ist und denkt, wie sie das von sich sagt? Was, wenn auch nur eine_r von euch uns jemals trifft und wir sind gerade zu gestresst, zu vereinnahmt von uns und unserem Kram unseren Ansprüchen und Forderungen, um auf eine Not, ein Gefühl, einen Wunsch, einen Bedarf nicht angemessen zu reagieren? Was wird, wenn uns niemand mehr unter_stützt?

Das sind Dinge, die wir uns fragen und auf die wir keine Antwort finden, die uns Handlungsabläufe bereitstellt, außer dem, einfach zu sagen, dass diese Fragestellungen da sind. Nicht, weil wir uns ängstlich zitternd Sorgen machen. Nicht, weil wir Sozialflausch wollen und grad dringend haben müssen. Sondern, weil wir nicht wissen, was wir machen sollen und jede Person, der wir das sagen mit einem Haufen Sozialflausch ankommt. Das hat wirklich was von Betäubung und Dämpfung – und wir kommen nicht dahinter, ob unser Umfeld das vielleicht einfach braucht – vielleicht braucht man uns gerade ganz unbesorgt und mit allem einfach mal leiser und weggedämpft, weil wir unbemerkt schon wieder irgendwas in den Menschen anticken, was sie selbst beunruhigt – oder, ob wir grad zu unfähig sind, irgendwelche für alle anderen Menschen total klaren und deshalb nicht beworteten Abläufe zu sehen und umzusetzen.

Ich weiß, dass das jetzt hier genau eines dieser krassen und allein für uns wirklich schrecklichen Missverständnisse ist.
Und ich weiß, wie oft in unserem Leben genau sowas zu schlimmen Entwicklungen für uns geführt hat, gerade weil niemand kapiert hat, worum es uns ging. So eine Todesangst kommt nicht einfach aus dem Nichts und sie ist auch nicht einfach so triggerbar. Aber sie ist ausblendbar, wenn man nicht mitbedenkt oder vielleicht auch nie darüber nachgedacht hat, wie das eigentlich genau jeweils für uns war und ist, an bestimmten Punkten einfach ganz grundlegend anders als viele andere Menschen in der gleichen Situation, abhängig davon zu sein, richtig verstanden zu werden, um nicht retraumatisiert zu werden.

Diese ganzen unsichtbaren Gewalterfahrungen, die nie mit blauen Flecken einher gingen, sind irre schnell aus dem Fokus. Gerade im Helfersystem geht das unheimlich fix. Aus Gründen, die aufzuschreiben schon wieder einen Roman entstehen lassen würde.

Ich denke im Moment oft: “Tut uns das bitte nicht an. Bitte diesmal nicht – diesmal bitte nur einen Lebensbereich im Ablauf verändern und nicht gleich wieder alles.” und denke, dass es gut ist, das ganz bewusst zu bemerken. Weil mir immer sicherer bewusst wird, dass wir wahrscheinlich nur deshalb so viele Alltagssysteme haben, weil genau diese Lebensabschnittsveränderungen bei uns immer wieder ganz global gewirkt haben.

Jedes Mal, wenn wir jemandem oder etwas nicht mehr in den Kram passen, werden wir special, sonder, extra nach außen und auf eine Art unpassend, die bedeutet, dass wir allein und damit hilflos, ungestützt/ungehalten/fassungslos zurückbleiben.
Nicht immer ist das schlecht – um zu gucken, ob man alleine Fahrrad fahren kann, muss man die Stützräder irgendwann auch mal abnehmen.
Aber im Moment haben wir dafür keine Kapazität und keine Bereitschaft. Und vielleicht auch nicht den Lebenswillen, der sowas mit inkludiert. Vielleicht müssten wir den haben. Vielleicht sollten wir den haben, wenn wir denn so wahnsinnig erwachsen und fähig sein wollen. Aber ich merke, dass das eine dieser Grenzen ist, die etwas brechen und spalten würden, würden wir darüber gehen. Erneut.

Um die Metapher zu nutzen: Ich merke zunehmend, wie oft wir uns auf die Fresse packen, merke, wie anders unser Fahrrad funktioniert und wie anders wir lernen überhaupt darauf zu fahren, wenn wir allein in unserem Alltag sind – wir sind noch nicht soweit unsere Stützräder abzunehmen. Wir sind noch nicht mal soweit darüber nachzudenken, wie das wäre, ohne welche zu fahren. Wir sind noch damit beschäftigt, drauf klar zu kommen, dass wir uns so oft auf die Fresse packen, OBWOHL welche dran sind und, dass das offenbar von außen nicht wahrnehmbar ist.
Die Stützräder abzunehmen, würde uns im Prozess unterbrechen und den Fokus verschieben. Es würde ein anderes Funktionieren erfordern, um zu überleben.
Und was macht ein DIS-Gehirn vor solchen Anforderungen?
Eben.

Ich weiß noch nicht, wie wir das lösen, im Innen sortieren und wie gut wir es schaffen, uns von diesem Angstfeld zu distanzieren in den nächsten 3~ 4 Wochen, während wir unterwegs sind. Aber immer mehr denke ich, dass es gut ist, dann jetzt auch endlich bald aufzubrechen.
Montagmorgen.
Weil wir Sonntag nicht wollen und uns für Samstag wegen des Pitti-Drama’s zu spät um eine Radfahrkarte in der Bahn gekümmert haben.

Naja.
[very professional Geräusch]

jemand, di_er da ist

Mit der Auseinandersetzung um Autismus und unsere Psychkarriere kommt das Erinnern, wie ein Sterntalerregen auf ein Ich ohne Hemdchen.

Da bin ich und habe nur meine zwei Hände, die ich aufhalten kann. Da bin ich und weiß, dass, was auch immer in ihnen landet, mir weh tun und etwas für mich verändern wird. Weiß, dass es regnet, egal ob ich mich bei lebendigem Leib auflösen lasse oder nicht.
Weiß, dass es vorbei ist. Weiß, dass meine Reaktionen dennoch eintreten werden. Meine Seele funktioniert nicht nach Raum und Zeit, sondern nach Ist oder Nicht-Ist.

Nach wie vor beginnt mein Erinnern mit dem ersten scheppernden Knall einer gelben Metalltür in ihren Rahmen. Eine kinder-und jugendpsychiatrische Station einer Uniklinik. Alles davor ist weg. 14 Jahre und ein paar Monate. Nicht von mir gelebt, nicht von mir gepflegt.
Ich dachte immer, ich hätte ein festes gutes Erinnern ab dem Moment, aber während ich mir frühere Arztbriefe und Klinikberichte anschaue, merke ich die Löcher. Bekomme ich eine Idee davon, wie wir so auf Psycholog_innen und Mediziner_innen gewirkt haben müssen, obwohl doch ich da war und genau gar nicht so bin.

Wir haben geschaut, welche Persönlichkeitsstörungen uns bereits andiagnostiziert wurden. Ja, wegen diesem Narzissmusdings und ja, weil in einem anderen schlauen Buch steht, dass autistisches Sein gerne mal falsch verstanden und fehldiagnostiziert wird. Und, weil ich meine Fehlersuche noch nicht abschließen kann. Meine Fehler in der Klinik zuletzt, meine unsere Fehler in den Kliniken früher. Meine unsere Fehler, die dazu geführt haben, dass wir heute hier leben und wirken und sind – und nicht in einer Pflegefamilie an der Ost-oder Nordsee, in deren Schoß wir heute kriechen könnten, um uns über Zukunftsängste beruhigen und Sorgen entlasten zu lassen.
Ja, nein, irgendwie kann ich es nicht lassen. Kann nicht aufhören die Verantwortung bei mir zu suchen, denn jedes weitere Erinnern gibt mir ein Fundstück in die Hand, das auf Fehler, Missverständnisse, ungünstige Kompromisse und naive Annahmen von mir und uns deutet – während die anderen Beteiligten, ihre Ansichten, Meinungen, Kompromisse und Annahmen jeweils in Diagnosen und mehr oder weniger transparente Berichte destilliert sind und einzig sind in ihren Möglichkeiten etwas mitzuteilen.

Die erste Persönlichkeitsstörungsdiagnose lautete auf “anankastische Persönlichkeitsstörung”.
Ich habs gegoogelt und mich daran erinnert, wie tatsächlich auch nach außen aktiv und transparent wir bestimmte Dinge taten und verlangten.
Und werde auch traurig, denn einige der Ängste hinter so manchem sogenannten “Zwang” zeigten bereits damals mit grell blinkender Leuchtschrift auf Erfahrungen bestimmter Gewalt und mind control (im Sinne von “von Täter_innen durch Gewalt gesetzte Gedanken/Ideen/Denkweisen”).
Ich erinnere mich an eine Debatte mit einer Stationsschwester darüber, ob auch wirklich keine Spinnen oder Schlangen unter der Tür oder durch die Fensterritzen des Zimmers kommen könnten, nachdem sie uns verboten hatte, uns darüber ständig zu versichern, statt zu schlafen.
Und ich weiß noch, dass ich selbst nur wusste, dass es lebenswichtig war mich darüber zu versichern und es mir schlecht ging, sobald ich mehr darüber nachdachte. Da waren intrusives Erleben, Flashbacks, erste Psychosomatiken – die jedoch alle unter “Schlafstörung” bzw. “pavor nocturnus” (“Nachtschreck”) zusammengematscht und nicht weiter beachtet wurden.

Ich erinnere mich, wie ich damals versuchte zu kompensieren was mir fehlte: Zeit_Bewusstsein und Kontrolle über mich selbst.
Damals las ich noch viel darüber, wie man sich wo richtig benimmt, welches Verhalten wann und wo in Ordnung ist. Was man wie genau sagt. Ich kopierte Gesichtsausdrücke und die Stimmlagen von Menschen, die meiner Ansicht nach alles richtig (sicher/okay) machten. Ich weiß, dass wir damals tanzten, sangen, in einer Zirkusgruppe aktiv waren. Alles Dinge, bei denen man okay ist, wenn man perfekt kopiert (und später in der Lage ist, eigenständig zu variieren – worin wir jedoch nie “gut” waren).
Heute würde ich sagen, wir versuchten uns soziale Erbsenmomente zu machen. Versuchten uns mit anderen Menschen okay zu fühlen, weil wir als okay wahrgenommen werden. Aber wir versuchten es auf eine Art, die eine pathologisch Einordnung ermöglichte.
Obwohl, das einzig Pathologische an diesem Versuch der war, dass wir etwas absichtlich konstruiert getan haben, was andere Menschen nicht in der Form konstruieren müssen, weil sie es aufgrund einer geheimnisvollen Fähigkeit einfach können.

Auch so etwas, das ich heute nicht nachvollziehbar finde bzw. nur mit psychologischer Denkdummheit erklären kann: da ist ein 14/15 Jahre alter Mensch – also ein_e Jugendliche_r, was ein Ausschlusskriterium für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sein und viel mehr Anlass geben sollte, sich die Umwelt der Person anzusehen und wie sie mit dieser interagiert. Welche Strategien werden da versucht und warum?

Damals wie heute kann man sehen, das viele unserer täglichen “Zwänge/Wiederholungen/Rituale/Abläufe” sehr wohl triftige Gründe haben bzw. auf nachvollziehbare Impulse und/oder Defizite, sowie bestimmte Erlebensqualitäten für uns zurückgehen. Man muss diese Gründe jedoch erfragen, annehmen und als für uns gegeben akzeptieren (wollen) und das ist damals (und auch lange Zeit danach) nicht passiert.

Noch heute kopieren wir die Stimmlagen, Wortcluster und bestimmte Handlungsarten von anderen Menschen, von denen wir wissen, dass sie die jeweiligen Situationen “richtig machen”, weil wir wissen, dass wir es “falsch (like: awkward, unsozial, unsympathisch, weird, unangenehm usw.) machen” würden, würden wir es machen, wie wir es spontan machen würden.
Nicht nur, weil manche von uns glauben, dass sie es ja nur falsch machen können, weil wir ja so ein falscher Mensch sind, sondern, weil Menschen, die sich verhalten, wie wir es tun würden, über kurz oder lang die wie auch immer gegebene Rückmeldung erhalten, dass ihr Verhalten falsch sei – oder eben awkward, unsozial, unsympathisch, weird, unangenehm usw.

Noch heute “streben wir nach Perfektion”. Wir tun es aber nicht, weil wir uns so unvollkommen erleben. Wir tun es, weil wir sehen, wie Menschen auf “perfekt” reagieren und uns denken: Wenn wir dies und das perfekt machen, dann ist alles okay. Dann ist “Erbsenmoment”. Dann ist “loslassen und okay für das Umunsherum und ganz viel Raum frei für Inmittendrin”.

Wenn man so will, könnte man sagen, dass wir durchgehend versuchen uns das Umunsherum vom Leib zu halten, um für bei mit uns sein zu können, ohne gestört zu werden.
(Und ja – ich lese selbst, wie man das lesen kann.)

Die nächste Persönlichkeitsstörungsdiagnose war “Borderlinepersönlichkeitsstörung”.
Interessanterweise eine Diagnose, die von einem sicherlich sehr kompetenten Chirurgen gestellt wurde, der uns selbst zugefügte Schnitte genäht hat. Erst Jahre später tauchte diese Diagnose wieder auf.

Dazwischen lag noch die “schizoide Persönlichkeitsstörung”.
Doch auch dort fehlte der Blick auf den sozialen Kontext. Diese Diagnose gab es nach einem Suizidversuch und einem Zeitraum ohne Sprechen, nachdem wir von Heim zu Heim geschubst wurden, weil wir immer wieder irgendwas falsch gemacht haben, was heute nicht mehr richtig nachzuvollziehen ist.
Was ist bitte die logischere Erklärung für Rückzugstendenzen, abgeflachte Affekte und allgemein eher abweisend/kühle Interaktion, nachdem man auf alles, was man tat oder sagte oder machte, mit seinen 7 Sachen wieder weggeschickt, verlassen, mit schwierigen Dingen (wie etwa Verstrickungen in organisierte Gewalt, schwierige Symptome und Überforderungen im täglichen Leben) alleine gelassen wurde?
A) eine Persönlichkeitsstörung als fast 16 Jährige oder
B) die Frage (und selbst gegebene Antwort) danach, welchen Sinn die Interaktion mit einem unbegreiflichen Außen haben soll, das man einerseits braucht und dessen Schutz man sich wünscht – das andererseits aber genau nichts versteht?

[Gameshow-Musik-Geräusch]

Und dann war da noch die Hysterie.
Die gute alte Hysterie heißt heute “histrionische Persönlichkeitsstörung” und ist ein Psychologen*(sigh!)*wort für “die *(sigh!)* spinnt”.
In unser Diagnosenbonuspunktesammelheft geklebt bekommen haben wir dieses Goldstück in einer Klinik, in der dissoziative Symptomatiken als “unüblich” und Diagnosen wie die DIS eine Glaubensfrage darstellen. (Kein Scheiß – hat der Chefarzt genau so in einem Gespräch gesagt).
Menschen, die als “histrionisch” diagnostiziert werden, werden nach und in Bezug auf das Außen gerichtete Intensionen unterstellt. Da kommen dann so Sätze wie “Sie macht XY nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen” her oder die Annahme, diese Menschen würden mehr oder weniger aufwendige Szenarien konstruieren bzw. inszenieren, um sich selbst in einer bestimmten Art wahrgenommen zu wissen.

Ich habe schon geschrieben, dass wir durchaus Verhalten kopieren, um bestimmte Zwecke im Außen zu erfüllen bzw. um als okay wahrgenommen zu werden.
Im Mittelpunkt zu stehen ist für uns dann aber in der Regel doch zu anstrengend und etwas, das wir heute nur noch ertragen, wenn wir davon überzeugt sind, etwas zu tun, wofür es sich lohnt zeitlich und inhaltlich klar begrenzt von anderen Menschen angeguckt, beobachtet, angehört und analysiert zu werden.
Zum Beispiel in der Therapie oder auch während Projekten wie dem Nachwachshaus, in Workshops oder bei Vorträgen.

In der Klinik damals wiederum sind wir aus für uns bis heute nur mehrdimensional erklärbar sozialen Dynamiken heraus immer wieder in negativen bzw. für uns unangenehm oder uns ängstigenden Fokus geraten. Die Kommunikation war durchgehend dysfunktional und unsere soziale Situation eine über alle Maßen überfordernde. Denn wir waren nicht dort, weil wir behandelt werden wollten oder Hilfe suchten, sondern weil wir keinen Wohnort hatten und noch nicht volljährig waren.
And again: etwas mehr Fokus auf die soziale Situation einer Person im Kontext ihrer tatsächlichen Fähig- und Fertigkeiten und die Idee einer in der inneren Struktur einer Person liegenden Problematik wäre als obsolet klar gewesen.
Doch dazu hätte man in Betracht ziehen müssen, dass eine Person eventuell ganz basic Interaktions- und Kommunikationsprobleme hat und permanent Ängste kompensiert, weil sie sich auf niemandem verlassen kann. Nicht einmal sich selbst.

Selbst heute, wenn ich versuche mich daran zu erinnern, wie wir uns in dieser Klinik verhalten haben, erinnere ich mich nur an Missverständnisse und Momente von Verzweiflung darüber, dass es nichts Beruhigenderes als körperlichen Schmerz gab. Obwohl wir uns damals schon 9 Jahre lang immer wieder selbst geschnitten, verbrannt, geschlagen oder verätzt haben, haben wir nie so darunter gelitten, wie damals in dieser Klinik. Es war das tragischste Erbsenmoment, das wir uns selbst machen konnten und diese Belegung von Schmerz durch körperliche Versehrung als Beruhigung ist etwas, das wir heute mühsam wieder zu entkoppeln versuchen.

In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen kam jemand an den Punkt in der Auseinandersetzung um die Persönlichkeitsstörungsdiagnosen, dass der uns erschreckende Anteil daran immer wieder der ist, an dem uns Intensionen hinter Verhalten unterstellt werden, für die wir selbst meist weder Kraft noch Fokus hatten.
Was wiederum in der Narzissmuskrise der Teil ist, der uns die letzte Klinik am Ende vollends als guten Ort zur Unterstützung in der Begegnung und dem Auseinandersetzen mit uns und unserem Er_Leben verbrannt hat.

Gerade in der letzten Klinik hatten wir sehr bewusst massive Probleme überhaupt teilhaben zu können, schwerwiegende Kommunikationsprobleme und ein wie wir finden gutes Gefühl für unsere Überforderung vor bestimmten Anforderungen. Und wir sind einer Täuschung erlegen, die uns – zumindest nach jetzigem Stand der Auseinandersetzung und Fehlersuche – dazu verleitet hat, anzunehmen, es wäre okay, wenn wir selbst bestimmen, wofür wir Kraft aufbringen und wofür nicht. Wir haben uns um uns gekümmert und nicht darum, ob wir nach außen okay sind. Wir haben uns auf das Inmittendrin konzentriert und nicht darauf, die flache phrasenbasierende PITT-Sprache zu kopieren und spiegeln, während wir klinikfunktional dissoziieren.

Wir haben etwas gemacht, das ein High Five auf der Heilungsskala bedeuten könnte– aber nur, wenn der Heilungsbegriff auf den Leiden basiert, die wir empfinden.

In keiner der Persönlichkeitsstörungsdiagnosen, die wir in unserer Behandlungsgeschichte erhalten haben, wurde auf unsere Leiden geachtet, sondern überwiegend auf unser sichtbares Verhalten als Einsmensch und die Erklärung, die die jeweiligen Psycholog_innen sich dafür vorstellen konnten.
Wir haben immer genau dort eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert bekommen, wo man uns in unseren Fähig- und Fertigkeiten über- bzw. falsch eingeschätzt und überfordert hat. Wo das nicht passiert ist, verlegte man sich auf die Benennung sichtbarer Probleme und die deuteten schon früh auch in Richtung PTBS und ASS (Autismus-Spektrum-“Störung”), neben ganz schlicht (nicht pathologisierend bewortet) “belastete/überforderte/dekompensierte Jugendliche”.

Wenn ich mich den aufkommenden Erinnerungen widme, merke ich neben der üblichen Bitterkeit auch zunehmend den Wunsch mich und die Innens, die anders als ich nicht gealtert sind, auch mit etwas anderem als den Erklärungen für diese Sachverhalte trösten zu können.

Doch ich spüre die Spaltung zwischen uns sehr deutlich. Manche debattieren bis heute im Innen mit irgendwelchen Krankenpflegern und Schwestern darüber was für widersprüchliche Aussagen sie gemacht haben, die dazu geführt haben, dass man sich “falsch” verhalten hat. Manche sitzen noch immer weinend in der Heilerinquisition (eine wöchentliche Visite mit allen Behandler_innen einer Klinik) und stottern an Worten herum, die nicht ihrem jagenden Puls im Hals vorbei kommen. Manche liegen immernoch fixiert auf irgendeiner Krankenliege und schwanken zwischen Wohlgefühl durch Gefühle von Gehaltenwerden und Verwirrung über aufkommende Flashbacks von Gewalterfahrungen anderer Innens.

Ich merke, dass es ihnen nicht um Trost geht. Jedenfalls nicht vielen. Ich merke, dass es für viele um die Verwirrung und die schier unüberbrückbare Differenz zwischen Außen und Inmittendrin geht, die macht, dass ich sie überhaupt mehr wahrnehme als noch vor ein paar Monaten. Und ich beginne zu begreifen, dass es vielleicht genau diese Spaltung ist, die mir die Autismusdiagnose so schwer macht.

Sie macht mir nämlich den eigenen Anteil der jahrelangen Klapsenqualen bewusst, während der Inklusionsaktivismus, den wir heute unterstützen, eine Haltung in uns hat entstehen lassen, nach der wir unsere Behinderungen (auch im Sinne von “Unfähig-und –Fertigkeiten”) als etwas angenommen haben, das wir als von anderen Menschen ernst zunehmen und mitzudenken einfordern dürfen und sowohl zum Anstoß gesamtgesellschaftlicher Veränderungen im Sinne der Inklusion aller Menschen gleichermaßen, als auch zur Ermöglichung von Teilhabe und Steigerung der eigenen Lebensqualität auch müssen.

Ich komme nicht mehr um eine anerkennende Haltung gegenüber diesen jugendlichen Innens herum. Ich muss sehen, wie super stark, hartnäckig und aus wie vielen guten, wichtigen Gründen sie jeweils getan haben, was sie getan haben und spaltungsbedingt bis heute tun.
Die pedantischen Regelpapageien. Die nervigen Anstandsroboter. Die Kämpfer_innen für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte auch auf einer geschlossen Station. Die taktierenden Gruppentherapiebestreiter_innen. Die schweigend auf Wände und glitzernde Folien starrenden. Die mutigen “Ich werde misshandelt”-sager_innen. Die intellektuell in Grund und Boden quatschenden. Die “diesmal mache ich alles (die Behandlung/die Therapie/der Versuch in einem Heim zu wohnen) richtig”- Denkenden.

Ich reflektiere an mir die Übernahme des psychologischen Blicks, der mich daran gehindert hat sie so zu sehen. Für mich waren sie bisher immer eher grundlegend dysfunktional und leidend. Weil – DIS –Entstehungslogik: sie ja weiter gewachsen wären, wären sie funktional gewesen bzw. kompatibel mit sich verändernden äußeren Anforderungen. Ich wäre ja nie nötig gewesen, wären sie besser, richtiger, heiler, fähiger, kompatibler gewesen. Sie sind nicht alltagstauglich, geschweige denn orientiert – wie wertvoll können sie dann schon für meinen Er_Lebens.Alltag sein?

Well, ich sehe, dass dieser neuere Blick etwas an ihnen wertschätzt, das nichts mit ihren Fähigkeiten im Heute zu tun hat, sondern mit dem, was sie getan haben, als ich nicht da war. Vielleicht, weil ich damals nicht da war. Vielleicht, weil sie kleben geblieben sind, wo es mich von ihnen im Lauf der Dinge weggerissen hat.

Während meiner Fehler- und Erinnerungssuche merke ich, dass ich ihre Erfahrungen auch gemacht habe und bis heute mache. Aber ich bin keine 14, 15, 16, 17, 18 Jahre alt und bin so global wie sie damals davon abhängig, was wer in welche Berichte über uns schreibt.
Klar sind wir in Teilen abhängig davon, dass unsere Behandler_innen keine Quatschberichte schreiben, weil unsere Hilfen und Unterstützungen entsprechend unserer Bedarfe gebraucht werden und nicht entsprechend dessen, was irgendwer irgendwann aus was auch immer für Gründen von uns und unserem Verhalten hält – auf der anderen Seite aber, steht hinter jedem Antrag auf Unterstützungen auch der implizite Apell an die Logik. Niemand bittet um Unterstützung, wenn si_er nicht die Idee hat, welche zu brauchen oder gut nutzen zu können.

Und: Ich bin eine von den wenigen wirklich Erwachsenen von uns und merke im Moment immer wieder mal, wie sehr auch unsere Einsamkeiten in diverse Fortbestände von Ängsten und Unsicherheiten hineingespielt haben.

Das könnte ich für sie werden, denke ich.
Jemand, di_er da ist.

das “so-tun-als-ob-die-DIS-Diagnose-neu-wäre”-Ding #1

Während sie uns die Treppen hinunter manövrierte, drehte sie sich zu mir und sagte: “Läuft doch gut, oder nicht? Landkartendings – check!” und fuchtelte ihr Fröhlichfuchteln.

Ich hielt inne und beschloss umzudrehen. Die Treppen zurück nach oben, Sturmklingeln und den krausen Wirrwusch zwischen Denken, Begreifen und Kontrollverlust per Telepathie ins Verstehen der Therapeutin hineinpflanzen. Beschloss: “Nein – Nein – Nein” und all die anderen Konstruktivitäten, für die ich bekannt bin.
Griff nach meinen glatten Wortketten zur Erklärung von allem, drehte mich um und bemerkte, wie andere schon längst um den Lenker des Fahrrads schwirrten, um nach Hause zu fahren.

“Hast du dich eigentlich schon mal gefragt, wieso du dich immer so schuckich anstellst, wenn es mal irgendjemand von uns schafft, mehr als Mimimi und Nein-Nein-Nein zu sagen?”, fragte mich ein Knäul etwas neben der beschwingt auf dem Rad um sich fuchtelnden Jugendlichen.

Leises Grummeln walzte sich durch das Grau über unserem Kopf. “Ich bin nicht mehr phobisch euch gegenüber.”, antwortete ich und hörte, wie das Knäul missbilligend schnaubte.  “Uns nicht – aber dir selbst gegenüber – Herzilein – dir selbst gegenüber…”.

Manchmal denke ich noch: “Ach – ich warte jetzt einfach kurz bis ich wieder normal bin und dann mach ich alles wieder gut. So wie vorher.”. Dann krause ich neben uns her und summe in mich hinein, dass alles okay ist, weil alles okay ist und nichts nicht rückgängig gemacht werden kann.
Leider weiß ich schon, dass mein Vorher eine tröstliche Selbstverarsche ist, die mich über mein Unvermögen flauschen will. Und leider weiß ich selbst auch schon, dass jedes Nein-Nein-Nein und Mimimi nichts weiter beinhaltet als: “Wääh – ich will aber bitte nicht, dass das so ist, sondern bitte irgendwie weniger SO und mehr – naja – ich weiß auch nicht – fuchtel fuchtel keine Ahnung alles – Hauptsache nicht SO” as you know – i’m the queen of konstruktiv

Und trotzdem verfolge ich diese Therapie weiter. Stehe neben der Tür und beobachte, wie sie mit der Therapeutin reden, höre manchmal hin und manchmal weg.

Die Idee eines So-tun-als-hätten-wir-die-DIS-Diagnose-neu fand ich interessant. Denn ich hatte nie die Chance diese Diagnose als neu zu empfinden oder zu denken. Es gab sie schon, als meine Erinnerung beginnt und einen Umgang, eine Haltung, eine Identifikation damit zu haben, werden von mir genauso erwartet, wie von allen anderen eher in den Alltag wirkenden Innens, die sich damit schon seit 2003 auseinandersetzen.
Ich hatte mir einen sichereren Rahmen dafür gewünscht. Mehr aufgefangen werden, mehr Option sich umzudrehen und jemandem – auch wenn es gar nichts verändert – alles von mir empfundene: “Ja – aber – Mimimi” sagen zu können, um nicht damit allein sein zu müssen, während man nicht weiß, wohin damit.
Jetzt versuchen sie es im Rahmen der ambulanten Therapie weiter.

Es gibt jetzt eine neue innere Landkarte und sie lag heute vor der Therapeutin auf dem Boden. Ich dachte an Metaphern wie  “das Innerste vor jemandem ausbreiten” und viel “oh nein – nein – nein” und wunderte mich wie die Jugendliche und die Therapeutin so miteinander reden.
So ruhig und ganz klar umrissen.
So überhaupt gar nicht dem chaotischen Kreuzfeuer, das in meinen Ohren rauschte, entsprechend und allgemein so… surreal alltäglich.

“Dein Problem ist nicht, nicht zu glauben, dass du zusammen mit uns viele bist – dein Problem ist, dass du denkst, das Viele-Sein an sich, hätte mit dir nichts zu tun, Herzilein.”, sagte das Knäul mit den ersten auf uns herabfallenden Regentropfen.

Ich weiß, dass das stimmt.
Aber.

Mimimi

die Narzissmuskrise und andere dramatikalische Furchtbarkeiten

Das Blöde ist, dass man, wenn man Trost braucht und ihn nicht in Dingen bzw. Aktivitäten findet, gibt es nur noch die Möglichkeit sich mit seinem Bedürfnis an Menschen zu richten.
Seit 3 Tagen denke ich darüber nach, für welchen Menschen außer der Therapeutin genug Kraft da ist, um um Trost zu bitten. Ungeachtet der Möglichkeit nicht bittend, sondern (unangebracht viel) fordernd zu wirken und es wieder nicht zu merken. Ungeachtet der Möglichkeit zu wirken, als wäre ich aus Gründen der Abwertung anderer Menschen egozentrisch und wäre auf ein individuelles Komfortextra aus und auch das nicht rechtzeitig zu merken, um klar und verständlich genug zu kommunizieren, dass dem nicht so ist.

Die Therapeutin hatte gefragt, ob wir jetzt eine Narzissmuskrise hätten, nachdem ein Innen sagte, dass das Niederschreiben der Namen der Anderen (also das Erstellen einer aktuellen inneren Landkarte) nicht leicht fällt, es das aber nicht sagt, damit die Therapeutin ihr huldigt, weil es doch etwas geschafft hat.
Für die Therapeutin ist das alles kein Ding. Wir reden mit ihr auch nicht weiter darüber, weil es zu viel Raum einnimmt, den wir für andere Arbeiten brauchen – und weil wir es uns im Moment nicht leisten könnten zu merken, wo ihre Grenzen sind, unsere inneren Dramen und Nöte in ihrer Wucht und Komplexität für uns zu begreifen.
Die Therapeutin leitet aus dem Narzissmusding ab, dass wir etwas für uns eingefordert haben und findet das gut.
Soll sie es gut finden.

Das hilft uns nicht, unser Kämpfen als so zermürbend wahrgenommen zu wissen, wie wir es empfinden, aber was wissen wir denn schon, wie sie irgendwas sieht oder versteht oder empfindet. Wie immer warten wir darauf, dass sie irgendwann etwas sagt, was uns Aufschlüsse darüber gibt, oder fragen nach, wenn wir einen Kraftschwuschmoment haben.
Und selbst dann brauchen wir dieses Wissen letztlich ja auch nur wieder dafür, um zu wissen, was mit ihr zu besprechen lohnt und was nicht, weil sie es entweder gut genug begreift, um mit uns daran arbeiten zu können oder weil sie es nicht begreift und uns damit in eine Situation bringt, die Kraft zieht, verunsichert und ein neues Drama eröffnet, weil es den Grund für unser Miteinander berührt und eventuell in Frage stellt.

Ich würde auch nicht sagen, dass wir eine Narzissmuskrise haben. Aber wir sind verunsichert und merken, dass wir anfangen uns zurückzunehmen. Anrufe meiden, Kontakte aufschieben, Gespräche unterlassen. Es ist ein neuer Filter über den Möglichkeiten, wie man uns beurteilen, einschätzen, wie wir auf andere Menschen wirken könnten, wenn wir tun, was wir tun, wie wir es tun – und wir merken sehr bewusst wie blind und hilflos wir dem Mechanismus dahinter gegenüber stehen.

Der Begleitermensch hatte über die Narzissmuskeule sinngemäß gesagt, einem autistischen Menschen narzisstische Persönlichkeitsstrukturen zu unterstellen, sei wie einer blinden Person vorzuwerfen, dass sie nicht sehen kann.
Das kommt meinem Gefühl sehr nah, bis auf den Vorwurfcharakter. Für mich fühlt es sich mehr wie eine Warnung an alle Menschen in unserem Leben und Behandlungen an, sich besser bloß nicht mit uns zu umgeben, uns zu beachten, uns ernst zu nehmen, in dem was wir über uns erzählen und als für und an uns und unserem Sein als wichtig zu beachten einfordern.

Diese Kliniktherapeutin hatte “ja keine Ahnung vom Bloggen” und  „Internet”, weiß ja nicht, was für Kommentare und Emails wir so zu lesen bekommen, hatte ja keine Zeit (oder richtiger: hatte gar nicht erst danach gefragt) wie unser Leben und Funktionieren denn so ist. Was wir so machen und warum wir das tun. Sie hat ja keine Ahnung wie vielen Menschen und Innens sie ein Wort in die Hand gibt, uns und unser Tun weiter zu entwerten und umzudeuten, als sie es sowieso schon tun, um uns zu verletzen, zu demütigen, zu entmutigen und in den eigenen Überzeugungen zu verunsichern.

Wir schaffen es nicht mehr, Menschen immer wieder neu zu erklären, dass wir bloggen, weil wir Sprech- und Kommunikationsprobleme haben. Dass wir bloggen, um Menschen vermitteln zu können, was wir ihnen gegenüber nicht aussprechen können, weil wir verstanden haben, dass Monologe zu führen eine “böse Mädchen-Sache” und also falsch ist. Dass wir bloggen, weil wir das Gefühl haben, im Netz weniger stark sozial aufgeladenen Raum einzunehmen und Spuren in einer Stofflichkeit zu hinterlassen, der sich andere Menschen nur widmen können – jedoch nie müssen. Wir schaffen es nicht mehr, Menschen zu erklären, dass wir uns hier nicht präsentieren, sondern einfach präsent sind und bleiben möchten. Und wir haben keine Kraft dafür, Menschen zu beweisen, dass wir Dinge nicht in Abhängigkeit der in anderen Menschen passierenden Prozesse tun, weil wir diese entweder gar nicht erst merken oder überfordert sind, wenn wir sie merken.

Wir waren mal viel kräftiger an dieser Stelle. Haben uns ausgiebig gerechtfertigt, haben uns entschuldigt, haben erklärt und zu vermitteln versucht. Jedes Mal, wenn jemand schrieb, er würde uns gerne geben, was wir als fehlend oder nötig beschrieben haben, haben wir uns nach vorn entschuldigt und nach innen geschämt. Es war ein Fortschritt für uns anzuerkennen, dass wir nie zu 100% beeinflussen können, welche Impulse wie bei Menschen, die sich unseren Texten widmen, ankommen und welche Reaktionen auslösen. Also gab es dann die Amazonwunschliste, das Flattr- und das Speakerinnenprofil, den ‘gefällt mir- Button’ unter den Texten. Und das Gefühl sich für die Reaktionen anderer Menschen weder rechtfertigen noch, sich sozial daran zu beteiligen zu müssen, außer natürlich seine Empfindungen mit.zu.teilen, wenn sie empfunden wurden.
Jetzt ist die Unsicherheit wieder da. Wir beuten andere Menschen aus. Wollen nur Anerkennung unserer Großartigkeit. Tun nichts ohne das Ziel mindestens zu hören, dass wir toll sind. Wir entwerten andere Menschen, damit niemand merkt, wie niedrig unser Selbstwertgefühl ist. Was wir sagen, ist nicht vertrauenswürdig.

In der Logik geht es weiter bis an die Stelle, an der wir im Juni 2012 standen.
Den Moment in dem “Hannah (C. Rosenblatt)” als eigenes Innen entstand, weil wir mit niemandem mehr okay sprechen und noch weniger okay etwas sagen konnten. Keine Kontakte mehr (aus)halten konnten und in einem seelischen Flächenbrand ertranken, der sich aus genau solchen Verunsicherungen, Unklarheiten, strukturellen Ungesichertheiten und damals noch weniger als heute bewussten Unfähigkeiten entzündet hatte.
Unsere Therapeutin sagte, sie hielte unseren Bruch damals für eine Reaktion auf die Verwicklungen mit der Begleitungstherapeutin und dem verkackten Übergang zu der Therapeutin, die uns zu behandeln abgelehnt hatte, weil wir bürokratisch abhängig von der Familie* waren (und von Rechtswegen eigentlich auch heute noch sind). Sie sagte, wir wären so verletzt von der Begleitertherapeutin gewesen, dass wir die Beziehung und ihren Wert außer acht gelassen hätten.
Auch so ein Nichtbegreifen unserer Therapeutin, das uns weh tut, weil da etwas nicht miterfasst wird, was die Dramatik für uns damals hat entstehen lassen.

Aber natürlich ist es einfacher von einer zutiefst in ihrem als großartig und unfehlbar definierten Selbstbild gekränkten Patient_in auszugehen, als von einer Person, die innerhalb von 3 Wochen alles verliert, worauf sie sich stützen konnte, daraufhin völlig dekompensiert und dann von ihrer Ex-Begleitungstherapeutin hört: “Ich sehe, dass sie überfordert sind und das tut mir leid”, aber genau keinerlei stützende, tröstende, perspektiveneröffende, verbindende Emotion oder allgemeiner: Reaktion an sich feststellt.
Die Begleitungstherapeutin denkt wahrscheinlich bis heute, dass wir einfach ein selbstgerechtes und unversöhnliches Wesen haben – nicht zuletzt, weil wir zu feige sind und viel zu viel Angst vor dem inneren Emotionsbumerang haben, ihr zu sagen, dass wir ihre Entschuldigung durchaus gehört und angenommen haben (sie also als Person und die Zeit mit ihr völlig außer Frage als wertvoll, wichtig und gut abgespeichert ist) – uns aber dennoch mehr geholfen gewesen wäre, das nach innen auch als etabliert zu halten, hätte sie uns auf irgendeine Art die Hand gehalten, okayer durch die Suche nach einer neuen und anderen Therapeutin als ihr zu kommen.
Ganz profan, ganz simpel und bindungsbasierend. Wir hätten uns dafür weder sehen noch hören müssen – ein einfaches: “Wenn sie Angst haben, überfordert werden, unsicher sind, können Sie sich bei mir melden, ich bin da.”, hätte gereicht um uns stabil zu halten. Das blieb aber aus. Und bis heute haben wir ihr nicht gesagt, dass wir überfordert damit waren zu merken, dass wir sie unheimlich dringend gebraucht haben und keine Möglichkeit gefunden haben, ihr das zu sagen, ohne den Drang zu fühlen, sich suizidieren zu müssen.

Wir haben dieses eine letzte Gespräch über die letzten 4 Jahre immer wieder mal, vor allem, wenn wir darüber nachgedacht haben, noch einmal in die Klinik, in der sie arbeitet, zu gehen, Wort für Wort auseinanderseziert – sie hat es nicht gesagt. Sie hat sich entschuldigt und uns mit einer implizierten Schulddynamik, die wir nicht einmal verstanden haben, in der Hand alleine gelassen. Zu einem Zeitpunkt, an dem wir zum ersten Mal in unseren ganzen Leben als ausgestiegenes Ex-Opfer nicht betreut wurden, Körpergeburtstagszeit war, ein Umzug in eine Wohnung ohne Strom, Heizung und Telefonanschluss passiert war und der einzige sonstige Kontakt in unserem Leben ein sozialer und wichtiger, aber auch gewaltvoller war.
Wie man sieht: extrem viel Anlass dazu, sich von einer Therapeutin, die vergessen hat uns standesgemäß zu huldigen und zu flauschen, gekränkt zu sein. [Sarkasmus]

Bei uns rastete die innere Wahrheit ein, dass wir Menschen mit uns verschonen sollten. Dass wir Menschen erst dann wieder berühren dürfen, wenn wir anders, besser, richtiger, vielleicht auch irgendwie: weniger multipel sind.
Wir formulierten das als Therapieziel und als Agenda: Rauskriegen, wie wir sein müssen und unser eigenes Sein modulieren müssen, damit es okay ist und das dann machen.

Und dann kam unsere Therapeutin und irgendwie sind wir mitten in der Auseinandersetzung der Anerkennung des Vieleseins, der Gewalterfahrungen, inneren Wahrheiten und äußeren Entsprechungen gelandet.
Was sich nach immerhin schon bald 3 Jahren und einigen Monaten, als wichtig und hilfreich herausgestellt hat, aber dann doch herzlich wenig damit zu tun hatte, wie okay wir und unser Wirken in unserer sozialen Umgebung sind. Wir hatten ja keine – beziehungsweise haben wir eine, die sich aus für uns emotional unnachvollziehbaren und deshalb intellektuell erklärten Gründen an uns geheftet hat.
Um keinen der Menschen in unserem Leben haben wir uns aktiv bemüht oder gezielt Dinge getan von denen wir dachten: “Wenn ich xy tue, dann mag mich die Person bestimmt und will ganz viel mit mir zu tun haben. Das ist voll okay sowas zu machen, weil ich bin es ja wert/so macht man das eben/meine Gefährlichkeit/Bösartigkeit/Monstrosität ist ja weggezaubert/ich bin ja keine Zumutung/ich bin so großartig, wer würde denn nichts mit mir zu tun haben wollen?!.”

Als wir zuletzt dachten, es wäre wichtig etwas zu tun, damit jemand uns weiter mag und deshalb unsere Not glaubt und uns deshalb tröstet und bei uns bleibt bis es okay ist, haben wir der Begleitungstherapeutin geschrieben, dass die andere Therapeutin uns nicht behandeln will und wir sie sprechen möchten.
Das war ein Versuch, er ist gründlich schief gegangen und wir haben es danach nicht wieder versucht.
Für uns ist “ich tue xy, damit mich jemand mag (oder irgendeine andere bestimmte Einstellung zu uns hat)” eine soziale “heiße Herdplatte – Erfahrung”.

Wir merken die Emotionen und Intensionen anderer Menschen nicht, wenn sie sie uns nicht sagen. Aber wir haben damals versucht etwas zu tun, was genau diese Fähigkeit zu haben erfordert hätte, ohne zu zu merken, dass sie uns fehlt, weil wir sie nie hatten.

Und heute merken wir es.
Denken einerseits: Hey super – weniger Alltagsdissoziation, mehr Verstehen des eigenen Funktionierens und Re_Agierens und begreifen aber andererseits, wie umfassend beschissen komplex diffizil schwierig die Ausgangssituation ist, aus der heraus wir mit dem Lauf der Dinge und den Menschen um uns herum in Kontakt und Miteinander gehen wollen.

Heute merken wir, dass wir einen Großteil unseres Alltags damit verbringen andere Menschen wie Naturkatastrophen und andere unbelebte Unvorhersehbarkeiten an uns vorbei zu jonglieren und gleichzeitig schwere Gefühle wie Einsamkeit, Trostlosigkeit, Haltlosigkeit zu empfinden, die überwiegend, jedoch nicht immer und zuverlässig durch vorhersehbare Naturgesetze und Laufesdinge zu lösen sind.

Diese Narzissmuskiste erschwert das.
Ich merke, dass wir genau jetzt einen Menschen brauchen, der uns tröstet und in der Unverändertheit der Dinge versichert. Und gleichzeitig merke ich, den Erinnerungsschmerz jeder sozialen “heiße Herdplatte – Erfahrung”, neben der Gefahr Kontakte zu zerstören oder als in Zerstörung inbegriffen zu empfinden, weil ich zu dumm bin weil ich mich nicht auf etwas in mir verlassen kann, das mich warnt, wenn ich die Zerstörung selbst verursache.
Etwa, weil ich und die anderen anders auf andere Menschen wirken, als wir sind. Weil wir tun, was wir tun, wie wir es tun.

Ich merke wie mir ein Etwas in den Nacken atemstockt.
Weiß, dass es glaubt, alles was es tut sei falsch, weil es für alles, was es je getan hat (und je getan haben soll) verletzt wurde.
Weiß, ich sollte ihm jetzt sagen, dass wir 2016 haben und uns heute niemand mehr für das was wir tun, verletzt. Ich weiß, ich sollte ihm sagen, dass es vorbei ist.

Aber das ist es nicht.

Das Drama der hochbegabten Nichtskönner

Wenn man sich ein bisschen mit Intelligenz als Mittel zum Zweck einer Funktion auseinandersetzt, kommt man schnell dahin, uns zu glauben, dass wir uns nicht für schlau halten, weil wir mal eine Testergebniskurve gesprengt haben. Für uns war der Test leicht und mit vergleichbar wenig Anstrengung zu lösen, weil er mit unserer Scan- Rate- und Kompensiertechnik gut zusammenpasste. Wir gehören zu den Menschen, die Muster schnell finden und genauso schnell konvertieren können. Das ist simpelstes copy-paste-convert und weit entfernt von findiger Schläue oder scharfer Klugheit.

Wenn man es aber gewohnt ist, in allem und vor allem allen um sich herum ganz aktiv die Muster finden zu müssen, um sie überhaupt zu verstehen, um überhaupt irgendetwas in der Welt erfassen, begreifen und selbst auch damit  in Kontakt und Interaktion gehen zu können, dann hat man sich aus Versehen ein Werkzeug herangezüchtet, das dank diverser Auffassungen von Geist und Kognition, zu einer Gabe oder einem special Talent erklärt wird, das als Ratio schier alle emotionalen Prozesse auszugleichen in der Lage sein sollte.
Daraus entstehen dann Annahmen wie die, dass nur dumme Leute auch Dummes tun – und allgemein diese seltsame Idee, “Dummheit” wäre eine Eigenschaft und keine Wertung – neben der Idee, die Fehler von schlauen Leuten könnten immer eher peinlich als dumm sein.

In unserer Bildungshistorie hatte die nach dem IQ-Test bestätigte Hochbegabung keinerlei Niederschlag gefunden. Zum Einen vielleicht, weil wir keine Matheintelligenz oder die offensichtliche Enzyklopädieintelligenz haben, die sich in deutschen Bildungssystemen besser entfalten und ausentwickeln kann, als die Muster/Bild/Wortintelligenz, die wir haben oder zum Anderen, weil wir einfach nie das blasse nette Ober-Mittelschichtenkind mit hoher Stirn, das die Träume anderer erfüllen soll, waren oder zum Letzten, weil wir mit anderen Menschen schon immer so zuverlässig abkacken, wie man in der Kirche “Amen” sagt.

Das Drama ist: dieses Abkacken merkt man uns nicht an. Gerade im Hinblick auf die Intelligenz und all das in diesen Begriff hineinprojizierte Potenzial, wollen das viele Menschen auch gar nicht sehen. Viele entscheiden sich eher dafür uns in eine “das verkannte Genie/das Genie vs. die Deppen/zu schlau für den Rest der Welt”-Schublade zu legen, als in eine “kann nicht so, wie sie können könnte” – Schublade, denn die eine lässt das Grundproblem bei uns und die andere bei den Dingen um uns herum, die man ändern könnte/sollte/müsste und von der man selbst ein Teil ist.

Gekoppelt an die anderen Aspekte der Behinderungen, die wir so im Leben haben und die Problematik der Gewaltfolgen vor dem Hintergrund von vielen Therapie und Behandlungserfahrungen, ergibt sich eine Anspruchshaltung an uns, vor der wir nur versagen können.  Und das auch tun. Durchgehend. Schon unser ganzes Leben lang, egal welches Alltagssystem in welchen äußeren Kontexten agiert.

Und ja, wir erleben es als Versagen, weil wir selbst den Punkt nicht finden, an dem wir uns aus dem Kämpfen um das Entsprechenkönnen herausnehmen.
Wir haben aufgehört uns aktiv um Freundschaften zu bemühen und sind dazu übergegangen Kontakte zu Menschen zu meiden, die wir brauchen könnten oder die uns brauchen könnten, weil wir den “Brauch-Faktor” als eine starke Kraft bei uns selbst erleben. Je mehr wir jemanden brauchen (oder etwas von jemandem brauchen) desto weniger darf im Kontakt schief gehen und desto mehr Schaden entsteht in uns und an unserer Lebensqualität, wenn eben doch etwas schief geht (wie es bei uns auf kurz oder lang immer schief geht).

Je mehr wir jemanden (oder etwas von jemandem) brauchen, desto wichtiger ist ein guter Kontakt zu dieser Person und “guter Kontakt” ist Arbeit für uns. Ganz bewusst und klar. Wir kontrollieren unsere Kommunikation, bereiten uns auf Gespräche jeder Art in all ihren Optionen vor – spontane und unvorhergesehene Themen-, Orts- , Befindlichkeitswechsel, erfordern ein Maximum der benannten Konvertierungsfähigkeiten und gehen meist schlicht über unser gut erbringbares Level.
Und daneben: die Stressregulierung. Je mehr Stress desto mehr Dissoziation.
Verliert ein Innen den Faden, verliert es die Kontrolle, verpasst die Momente, in denen man etwas sagen soll/kann/darf, verliert den Überblick und die Abwägungsbereiche um welche Emotionen, Themenbereiche oder eventuellen Intensionen es sich beim Gegenüber handelt, was in einem sach- oder themenbezogenen Kontakt einfach stresst – in einem nicht sachbezogenen Kontakt zusätzlich aber auch negativ triggert und Wechsel provoziert. Von Mischkontakten brauche ich wohl gar nicht erst anfangen.

Jedes Gespräch mit egal welchem Menschen, hält für uns genau solche Spitzen bereit, in denen wir zwischen Kampf um oder Sicherung von einen Kontakt zu dem Menschen, mit dem wir es zu tun haben, entscheiden müssen.
Wenn wir kämpfen gelten wir als anspruchsvoll, nervig, pedantisch, arrogant – wenn wir sichern als schüchtern, ängstlich, vorsichtig, introvertiert – letztlich werden dabei weder wir selbst in unserem Funktionieren, noch unser Problem gesehen. Man ist nicht mit uns als Individuum konfrontiert, sondern mit einem eine Behinderung kompensierendem Verhalten mit einem Anfang, einem Ende und einer von uns niemals intuitiv erfassbaren Wirkung auf andere Menschen.

Ich schrieb von “hochbegabten Nichtskönnern”, klar, weil wir uns gerade auseinanderreflektieren, was wir in der Klinik falsch gemacht haben und uns keine neuen Fehler auffallen, die wir gemacht haben könnten, was wiederum Frust auslöst, weil wir uns an der Stelle selbst nur ableistisch begegnen und uns gegenseitig vorwerfen, wir hätten es einfach nur schlauer angehen müssen – hätten uns einfach nur mehr anstrengen müssen einen Zugang zu unseren Behandler_innen zu finden – hätten unsere Abwägungen (selbst)kritischer treffen müssen – hätten einfach in eine andere Sprachebene konvertieren müssen. Wir hätten einfach nur alles anders machen müssen, weil wir das Wissen darum hatten, auf welchen anderen Optionen wir uns hätten konzentrieren können.

Mir fällt die Falle auf, in die wir uns selbst hinbegeben: “Du hast Alternativen gewusst – und weil du das wusstest, hattest du eine Wahl” ergo: “Hättest du es nicht gewusst, wärs ja was anderes…”
Wir tun uns den gleichen Scheiß mit dem uns andere Menschen überfordern selbst an, weil wir keine Antwort haben. Keine Klärung, keine Lösung. Kein befriedigendes Verstehen in all den Optionen warum wieso weshalb das passiert ist. In den letzten Tagen haben wir so viele Theorien und Optionen ins Innen gestellt, die alle Hand und Fuß haben und sich mit dem decken, was wir die ganze Zeit über wahrgenommen haben.

Und trotzdem ist da auch das Wissen, dass wir  nicht anders handeln konnten, als wir gehandelt haben.
Aber natürlich sind am Ende wir die, die Selbst- wie Fremdansprüchen nicht gerecht wurde, Erwartungen enttäuscht hat, Chancen nicht genutzt hat – weil sie es verkackt hat zu schaffen, dass man ihr glaubt, dass sie etwas nicht kann, obwohl sie weiß, was sie warum will.
Weil sie mal wieder irgendeine geheime special Zwischenmenschlichkeitsperformance verkackt hat und es einfach nicht lernt.
Obwohl doch alles so klar da vor ihr liegt.

Da ist diese Idee davon, dass Menschen, die alles, was sie verstehen und erklären können, auch  leisten können, gegen die wir nicht ankommen. Nicht einmal vor uns selbst.

Obwohl wir so oft und seit Jahren auf ganz viele Arten sagen, dass das von so vielen Menschen als “langweilig”, “öde” und allgemein überhaupt gar nicht erstrebenswerte “normal/regelhaft/üblich” für uns etwas darstellt, dass wir nicht erreichen wollen, weil wir es für besonders spannend, toll oder wichtig halten, sondern, weil es uns die Idee von einem Funktionieren, das so viele Menschen miteinander gemeinsam haben fasziniert.
Wir wären so gern einmal mitgemeint, wenn jemand sagt “Ph, XY kann doch jeder (ohne sich groß anzustrengen/irgendetwas eingeübt zu haben)”, würden uns so gern auf eine so sichere Basis in uns selbst verlassen können, dass wir vergessen, wie viel Arbeit und Anstrengung im Erreichen und Halten dieser Basis steckt. Wir waren so gern mal gelangweilt und angeödet von “normal”, “durchschnittlich”, “üblich” und weniger ausgelaugt von unserem Kämpfen um das Erreichen dieses Status.

Wann immer Menschen unser Funktionieren bemerken bzw. durch von uns erschaffene Dinge als bewiesen annehmen und es als Hochbegabung oder Intelligenz oder special Talent oder Gabe einstufen, überfordern sie uns.
Sie nehmen an, dass wir schon alles wissen und keine Unterstützung mehr brauchen. Sie nehmen an, dass uns Leistung leicht fällt, die ihnen schwer fällt. Und sie glauben nicht, dass wir ernsthaft hilfebedürftig sind.
Das ist eine Parallele zu dem, was die Behandler_innen in der Klinik nicht verstanden haben – natürlich wussten wir was sie dort leisten können, natürlich wussten wir, wie das Behandlungskonzept ist, natürlich wussten wir, dass wir Anpassungs- und Kompensationsleistungen erbringen müssen, natürlich wussten wir, dass wir nicht dort sind, um Urlaub zu machen – unsere Unfähigkeiten wurden aber durch dieses Wissen nicht aufgewogen. Unsere Hilfebedarfe sind nicht durch Behandlungserfahrungen zu decken. Und keine Behinderung der Welt ist durch bloße Willenskraft und geistige Kapazität auszugleichen.

An manchen Stellen merken wir, dass für viele Menschen in unserer Umgebung nicht klar ist, wie dramatisch es für uns ist, das Brauchen hinter unserem Wollen und an, als passende Gegenüber eingeschätzte gerichtete Fordern nicht gesehen, erfasst und begriffen zu wissen.

Es triggert unangenehmes Erinnern an all die Alltags- und Gewaltsituationen an, in denen man so dringend etwas und jemanden brauchte und genau niemand verstand, niemand kam, niemand ES und DAS DA hat enden lassen, sondern uns einfach immer wieder überfordert, ausgeliefert, ausgelacht, pathologisiert und uns selbst überlassen hat.
Nicht selten mit dem Spruch an uns: “(Was willst du denn (von mir)? -) Du bist ein schlaues/besonderes Mädchen/Kind – du kriegst das schon (allein) hin.”.

Aber nein. Wir haben genau nichts weiter hingekriegt als zu überleben. Wie wir immer überlebt haben und immer überleben werden.
Um ein aktuelles Meme zu bedienen:

Was ist das für 1 life, wenn der einzige Trost über Episoden wie diese ist, dass man es schon überleben wird, wie man es immer überlebt hat?

Missverständnisse und ihre Folgen

Es ist 2:40 Uhr.
Ich liege in unserer Schleiereulenhöhle, schaue auf die fluoreszierenden Sterne und höre dem Innen zu.

Wo es immer schreit und weint, schreit und weint es. Wo es immer Lösungen sucht, flackerflirrsirrsummen Wort-und Wissenscluster. Wo es nach Eindrücken greift, stinkt es nach Angstschweiß und wo ich bin, das ist es schmerzensstill wie im Auge eines Tornados.

Jemand von uns sagte, dass man klagen können müsste. Mehr als wehklagen, mehr als selbstbefreiend und selbstregulierend klagen. Man müsste strukturell klagen können. Auf Schmerzensgeld, Entschädigungen für entstandenes Leid und wirtschaftlichen Schaden, Wiedergutmachungsleistungen nach seelischen Verletzungen und Verletzung der Menschenrechte.
Allein die Möglichkeit das zu können – die Wahl darum zu haben, für sich auf struktureller Ebene eintreten zu können, würde für manche von uns einen erheblichen Unterschied bedeuten und die Situation erträglicher gestalten.

Man müsste es nicht einfach hinnehmen durch den verspäteten Aufnahmetermin in der Klinik, dann eben Dinge abgesagt zu haben, die Geldeinnahmen bedeutet hätten und jetzt vieles einfacher aussehen lassen würden. Man müsste nicht einfach hinnehmen, dass man uns behandelt hat, wie jemand di_er ganz die eigene Krankheit ist, statt ein Jemand, das seit 16 Jahren in der inhaltlichen Auseinandersetzung und dem Umgang mit dem eigenen als Krankheit bezeichneten Zustand ist. Man müsste das fachlich inkompetente Eingreifen in unsere zukünftigen Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten nicht hinnehmen.

Man müsste einfach nicht gezwungen sein, sich demütigen und kränken, behindern und verletzen lassen zu müssen. Von anderen Menschen. Erneut.
Und erneut ohne wie auch immer gelagerte Konsequenzen für diese Menschen.

Hintergund dieses Wunsches, war ein gestern angekommener Arztbrief von der Klinik, in dem in den Diagnosen stand wir hätten eine „dissoziative Identitätsstörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur“,  Asperger-Syndrom … , bla bla – der ganze Rest.
Nachdem wir mit den Kränkungsgefühlen, die mit dem Begreifen der Annahme der Gegenüber, dass es sich bei uns um a) eine Person mit Persönlichkeit und darauf fußend b) eine Person, die sich selbst so großartig macht, dass ihr alles Äußere irrelevant bis nieder(er) erscheint, weil sie ein inexistentes Selbstwertgefühl hat, handelt, fertig waren, klackerten Verständnisprozesse wie Dominosteinketten durch uns hindurch.

Plötzlich ergab alles Sinn. Die Verweigerung uns zuzuhören und ernst zunehmen. Die Vermeidung sich anzuhören, was genau wir für Schwierigkeiten aufgrund welcher Umstände und eigenen Reaktionen hatten. Der Entzug der Möglichkeit individuelle Lösungswege der Integration in die Therapieangebotsstrukturen für uns zu finden.
Wenn man denkt, jemand erhebt sich mit seinen Äußerungen oder macht sich wichtiger, als si_er ist, mit dem, was si_er sagt – ja sicher verhält man sich dann genau so, wie sich unsere Behandler_innen uns gegenüber verhalten haben.

Und wir dachten die ganzen 3 Wochen, wir müssten nur immer deutlicher und verständlicher sagen, was genau unsere Probleme sind.

Alice im Wunderlandszene, in der sich Alice seufzend an die Stirn greift
Alice im Wunderlandszene, in der sich Alice seufzend an die Stirn greift

Weil man uns immer wieder sagte, wir sollen mit diesen Menschen zusammenarbeiten, weil wir ja schließlich etwas von ihnen wollten.

Meryl Streep, die sich an die Stirn greift
Meryl Streep, die sich an die Stirn greift

Weil es für uns so ein üblicher Bestandteil der Interaktion mit anderen Menschen ist, weil wir verschiedene Behinderungen erleben.

Cäpt'n Picard, der sich an die Stirn greift
Cäpt’n Picard, der sich an die Stirn greift

Weil wir in dieser Klinik nie zuvor die Erfahrung gemacht haben, nicht gehört und verstanden zu werden.

weißer Mann*, der sich an die Stirn greift
weißer Mann*, der sich an die Stirn greift

Weil wir dachten, wir hätten in diesen Menschen viele Gegenüber, die daran interessiert sind uns gemäß unserem Auftrag an sie zu unterstützen und zu helfen.

einem weißen Mann*, der seinen Kopf mit beiden Händen hält, greifen zwei zusätzliche Hände an die Stirn
einem weißen Mann*, der seinen Kopf mit beiden Händen hält, greifen zwei zusätzliche Hände an die Stirn

 

Das Dilemma an so einer, wie der Begleitermensch sagt “Narzissmuskeule” ist: die absolut sichergestellte Abwertung aller Äußerungen, Einwendungen und Reaktionen, die von einer als narzisstisch bezeichneten Person kommen.
Das ist, wenn kein Narzissmus vorliegt, die absolute Unterwerfung einer Person unter die Deutungshoheit einer anderen und damit Gewalt.
So ein Umgang, wie der den wir erfahren haben wirkt sich damit auch zwangsläufig als genau so aus, wie wir es empfunden und auch gegenüber diesen Personen zurückgemeldet haben: ignorant und grausam.

Am Ende dieses Tages, in der Nacht zum nächsten Tag rastete die Erkenntnis bei uns ein, erneut Helfergewalt erfahren zu haben und genau nichts – aber auch gar nichts weiter tun zu können, als es aufzuschreiben, unser von uns dokumentiertes Handeln in der Situation auf zukünftig veränderbare Anteile zu prüfen und als die Gewalterfahrung abzulegen, die sie für uns war.

Selbstverständlich werden wir mit unserer Therapeutin darüber sprechen. Werden mit unserem schlauen Aspergerbuch unterm Arm in die Praxis gehen und ihr hoffentlich klar machen können, dass wir ihre Unterstützung dabei brauchen, diesen Arztbrief korrigieren zu lassen, weil er uns so, wie er jetzt ist, die Autismusförderung, die wir zum Schaffen der Berufsausbildung, zur effektiveren Nutzung ebenjener ambulanten Therapie und zur Anbahnung von so etwas wie Lebensqualität durch soziale Teilhabe brauchen, zerschießen kann (und aufgrund diverser Faktoren sogar relativ wahrscheinlich auch: wird).
Das ist eine Ebene, die wir können. Unter Aufwendung von viel psychischer Dissoziationsleistung, aber durch genug Erfahrungen geübt.

Die andere Ebene ist die Berührung eines wunden Punktes von uns.
Die ewige Frage danach, wer wir denn nun sind. Ob wir so etwas eine Persönlichkeit haben, oder nicht. Wie wir auf andere Menschen wirken und wie viel dieser Außenwirkung dafür verantwortlich ist und vielleicht schon unser ganzes Leben lang war, Gewalt zu erfahren.
Also: Waren wir vielleicht schon immer so ein Arschlochwesen, das man nur treten, schlagen, halbtot vergewaltigen kann, weil es so ein mieser Charakter, ein unangenehmer Störfaktor, ein unaushaltbares Irgendwas ist?

Machen wir unser Leben lang schon etwas, dass so logisch den Kontakt zu anderen Menschen für uns immer wieder ganz zwangsläufig in Gewalt an uns verwandelt?
Und kriegen wir genau das nicht mit, weil wir zu dissoziativ funktionieren, um das überhaupt jemals selbstständig verändern zu können?

Wir haben diese Fragen schon lange als typisch für in rape culture sozialisierte Menschen, die zwischenmenschliche Gewalt erfahren haben, erkannt und akzeptiert. Haben genauso lange die Antworten in uns parat, die uns sagen, dass wir selbst, wenn wir die schlimmsten, gemeinsten, bösesten Menschen auf der Welt wären, die Gewalt an uns nicht gerechtfertigt wäre.
Und dennoch sind sie da und wirken. Und tun weh, wenn passiert, was uns gerade passiert.

Wir haben 4 Jahre daran gekaut die DIS als psychische Entwicklungsform zu akzeptieren, die den Großteil der bestehenden Persönlicheitstheorien in ihrer Anwendung ausschließt. Haben noch 2 weitere Jahre für die Trauer um einen Normalitätsfakor (nämlich den eine (Kern oder Ursprungs) Persönlichkeit zu haben) gebraucht und konnten erst dann damit beginnen das als gegeben anzunehmen, was uns von einander in der Innenarbeit begegnet.

Jetzt kauen wir seit der Autismusdiagnostik an der Anerkennung eines weiteren in uns liegenden Faktors, der eine Persönlichkeitsentwicklung erschwert bzw. spezifisch beeinflusst haben wird und fühlen uns zunehmend einer guten Prognose beraubt.

Bisher haben wir weder Literatur, noch valide Fallbeispiele noch theoretische Modelle zur angemessenen Traumatherapie von autistischen Menschen mit DIS (oder andersherum hochdissoziativen Autist_innen) gefunden. Wir sehen uns vor einer Zukunft der Hilfen und Unterstützungen, die sich immer wieder durch so grundlegende Missverständnisse aufgrund von menschlichem Versagen und fachlichen Inkompetenzen auszeichnen wird, wie jetzt während der 3 Klinikwochen geschehen.
Also: Helfergewalterfahrungen, denen wir weder präventiv noch im Nachhinein mit so etwas wie Entschädigungsforderungen und als legitim verankerten Anspruch auf Wiedergutmachungen für erlittenen Schmerz begegnen können.
Zeigt mir mal bitte, wo genau hier der Opferbonus, das Behindertenspecial, der Ego-Keks, auf den ich mich selbstverherrlichen kann, ist.
Vielleicht würde das schon reichen, zu ertragen, was hier gelaufen ist.

Es ist 4:34 Uhr, als ich das letzte Mal auf die Uhr schaue und mein Gesicht an das Fell von NakNak lege, um mich von ihren Atembewegungen in den Schlaf hinein und weg von der Not streicheln zu lassen. Ich höre ein Weinen und merke irgendwann, dass ich mich selbst höre.

Und dann ist es morgens und ich stehe auf einer Wiese circa 8 Kilometer von unserer Wohnung entfernt.

Fundstücke #25

Ich bin der Schrecken, der das Moment durchflattert
– ich bin ein Trigger für dein schlechtes Gewissen –
ich bin die Person, der es nicht gut geht!

Schade. Ich habe kein Cape.
Ein Cape, ein riesengroßes Ego und eine Hand voll Rauchbomben, das wünsche ich mir manchmal.
Meistens. Immer.
Wenn Menschen denken, sie könnten sich langsam entspannen im Kontakt mit uns. Mal einen “Witz™” über Behinderte/Juden/(Psycho)Therapie/Frauen/ etc. etc. etc.  machen. Mal eine Logik durchblitzen lassen, die victim blaiming enthält, “politisch unkorrekt” ist, Gewalt bagatellisiert.
Wenn Menschen aufhören innezuhalten und zu hinterfragen, wem sie da gerade was sagen und zu welchem Zweck eigentlich.

Manchmal kann ich den Wunsch nach Unbeschwertheit verstehen. Kann verstehen, dass es anstrengend sein kann viel in Kontakt mit uns zu sein und ein bestimmtes Level der Achtsamkeit zu halten.
Gerade auch nach den jüngsten Ereignissen denke ich: Ja, ich bin nicht die Person mit der man Niveaulimbo macht und sich selbstgerecht die Wampe krault.

Es ist leicht mir vorzuwerfen, ich hätte zu hohe Ansprüche.
Und uns dann ins Gesicht zu boxen, sich über uns zu stellen und zu vermitteln, wir seien selbst schuld, wenn für uns nichts so läuft, wie gewünscht.
Würden wir durch die Welt stelzen und eine echte Wahl darum haben, womit wir uns an andere Menschen richten, könnte ich das vielleicht unter “Wettbewerb” oder “Dominanz” ablegen und wie immer um diese Dinge herum gehen. Sie also umgehen. Mit meinem speziellen Umgang.

In unserer Lage gibt es so etwas wie echtes Wählen um die Dinge, die uns betreffen, selten.  Das ist so, weil es so ist.
Weil es immer jemanden geben muss, di_er übrig bleibt und sich so lange wie nur irgendmöglich einreden können muss, sich jederzeit auch für etwas anderes entscheiden zu können.
In unserem Fall ist die Wahl sich auch selbst zerstören oder suizidieren zu können. Das ist so, weil es so ist. Weil genau diese Wahl die einzig echte Wahl ist, die wir uns von den Menschen, die uns früher weh getan haben, zurückerobert haben.

Am Ende der Wahl so vieler anderer Menschen und Instanzen als uns selbst, steht unser Wunsch, dass sich Dinge für uns verändern und die Not.wendigkeit hinter eben jenen Veränderungsbestrebungen. Sowohl an uns selbst, als auch den Dingen um uns herum.
Und zwar immer noch. Nachwievor. Und eben nicht, wie so gern an uns herangetragen wird, OBWOHL “alles (Schlimme) doch jetzt vorbei ist”, sondern in weiten Teilen WEIL “alles (Schlimme) geschehen ist” und der Lauf der Dinge weiterhin passierte.

Die Not hinter dem Wunsch bitte auch mal loslassen zu können, die ist am Ende, was für uns bleibt, wann immer etwas nicht so läuft, wie wir es geplant, gehofft, erkämpft, gewünscht haben.
Nicht um jeden Cent, jedes bisschen Sicherheit, jeden Fitzel von sich selbst – nicht um jeden einzelnen Tag krampfkämpfen zu müssen – ist das ein zu hoher Anspruch?
Zu hoch, weil “ja alle irgendwie kämpfen und gucken müssen, wo sie bleiben”?
Oder zu hoch, weil die Aufgabe, sich eigene Unfähigkeiten, Hilflosigkeiten, Überforderungen anzunehmen und transparent zu machen, so verdammt weh tun kann?

Wir machen seit 15 Jahren Menschen ohnmächtig. Mitmenschen. Freunde. Fremde. Gemögte und Gemochte. So ohnmächtig, dass sie uns überfordern, hilf.los zurück lassen und uns demonstrieren, wie unfähig sie sich vor uns erleben.
Wir trösten sie, verstehen sie, bilden sie fort, bilden sie aus. Stählen sie für spätere Kontakte mit anderen früheren Gewaltopfern.

Und wir? Bleiben übrig.
Spüren unser Handeln wie eine eiserne Maske, die uns ungesehen sein lässt, über unsere Not scheuern. Atmen den Gestank von Eiter und Trauma assoziierter Scheiße ein und spüren der Einsamkeit nach, die auch die größte Nettigkeit und die immer wieder auftauchenden Angebote sich “jederzeit melden zu können, wenn was ist”, von Menschen, die an uns keinen Auftrag haben, nicht füllen können.

Denen machen wir ein schlechtes Gewissen, wenn es uns nicht gut geht und sie es nicht bemerken. Denen machen wir Not, wenn sie merken, dass es uns nicht gut geht. Denen machen wir es ungemütlich, wenn wir sie daran erinnern, dass 21 Jahre lang Gewalt & Ausbeutung zu erfahren, einen Dauerzustand von wie auch immer gelagerten Nöten in unterschiedlichsten Facetten und Auswirkungen nach außen, für uns zur Folge hat.
Nicht nur heute oder nach einem Erinnern. Nicht nur gestern, vorgestern und letzte Woche, weil irgendwas geschehen ist, was jede_n andere_n gleichermaßen aus der Bahn werfen würde – sondern verdammt nochmal vorhersehbar sicher auch noch morgen und übermorgen und nächste Woche, weil egal warum, geschehen ist, was geschehen ist und durchs nichts jemals ungeschehen werden kann.

Wir sind, was von der Gewalt übrig ist.
Wir sind der Rest und niemand weiß so recht, was daraus mal noch werden soll. Darf. Kann.

Hätte ich ein Cape, dann könnte ich wenigstens so tun, als würde ich die Not daran held_innenhaft er.tragen.

innere Tode

Sie führt den Bleistift rasch übers Papier auf dem Schoß und schaut mich an.
“Und wenn es wieder passiert?”
Ihre Stimme klingt ruhig, aber ich bemerke das Rot in der Frage und sehe, dass sie sich an etwas erinnert, das lange vor mir passiert ist.

“Was ist denn passiert?”, frage ich, obwohl ich es gar nicht wissen will.
Sie antwortet, dass sie schon einmal so eine innere Landkarte mit Namen angefangen hat. Atmet ein, macht einen weiteren schnellen Strich und sagt: “Und dann bin ich gestorben.”.

Der Satz schlägt auf und kullert in das leere Rund zwischen uns.

“Aber du bist nicht wirklich gestorben, richtig?”, frage ich. “Du bist ja jetzt da.”. Sie nickt. “Aber trotzdem. Vielleicht passiert es wieder.”.

Ich weiß nicht, was ich ihr sagen könnte.
Ärgere mich schon wieder diesen Prozess nicht in der Klinik durchmachen zu können. Werde wütend, weil wir allein in eine Innenarbeit gehen und zwar durch äußere Vereinbarungen gesichert sind, aber keinen gleichermaßen gesicherten Beistand für die inneren Chaosherde haben. Dass wir einfach genau keine Helfer_innen haben, die schon vor 10, 12, 14, 15 Jahren innere Tode von Innens miterlebt haben und uns heute sagen könnten, worauf wir achten könnten. Was vermeiden. Wen unterstützen. Wann nachfragen lohnt und wann es eine Krise provoziert.

Unsere Therapeutin hatte sich gefragt, ob es uns überfordert dann doch jetzt einfach in die Erstellung einer aktuellen inneren Landkarte zu gehen. Und vermutlich hatte sie genau oder einen ähnlichen, wie unseren Gedanken: “Ja – nein – keine Ahnung – aber, ohne irgendeinen Anfang, gehts nicht weiter.”

Ich schaue dem Innen weiter zu und merke, wie sich mein Zwerchfell unter den erahnbaren Ausmaßen zusammen zieht.
„Ich will das alles nicht. Nicht so. Nicht so wie es ist, weil es anders nicht geht.“.
Ich denke das so oft, dass ich den Faden verliere und erst verzögert merke, dass ich es laut ins Telefon sage. “Ich will keine Herz-OP ohne Abitur, Studium, chirurgische Megaausbildung und 20.000 Simulationen bei milliardenschwerer  Fehlerhaftpflichtversicherung  hinlegen müssen, nur weil sich die studierte Task Force of Psychotrauma verweigert und lieber Blinddärme aus Leichen popelt.”, schiebe ich nach, weil ich den Vergleich gut finde und mir das auszusprechen plötzlich wichtiger ist, als irgendeine Prüfung des Raumes, in den ich das hineinsage.

Unsere Gemögte lacht.
“Hast du Angst?”, fragt sie. “Ja.”, sage ich und weine das Weinen von jemandem vor mir einfach weiter. “Wovor?”, fragt sie.

“Ich hab keine Ahnung”, sage ich. Und ertrinke in der Panik eines anderen Innens.

Fundstücke #23

Wir haben uns nie viele Gedanken darüber gemacht, wieviele wir sind und welche Auswirkungen das auf unsere Behandlungsaussichten wohl haben könnte. Wir haben seit Jahren nicht infrage gestellt, ob es richtig ist, keine Gewalt mehr in unser Leben zu lassen und selbst keine mehr auszuüben.

Jetzt sind diese Gedanken natürlich da.
Sind wir überhaupt behandlungsfähig? Sind wir wirklich viele? Wer sind wir eigentlich und wer lacht sich eigentlich schon seit Jahren über unsere dämlichen Versuche uns zu sortieren und besser zurecht zu kommen halb tot, weil es doch in Wahrheit so offensichtlich sinnlos ist? Schließlich…

Ich denke oft an die Familie* und mache selbstverletzende “Was wäre wenn” – Spiele bis mich irgendeine Erinnerung auseinanderreißt, weil es mich beruhigt so unaushaltbare Körpererinnerungen provozieren zu können. Als wäre das ein Beweis für einen nicht gemachten Denkfehler oder eine Rechtfertigung meiner Not überhaupt je über Hilfen oder Unterstützungen nachzudenken.

Viele Helfer_innen machen und haben mir schon den Vorwurf gemacht, ich würde Schach-Matt-Situationen provozieren. Man könne mir nicht helfen, weil mein Anspruch zu hoch, meine Erwartungen falsch, mein Problem zu komplex und das Gras auf der Wiese zu grün sei.
Ich kenne diese Dynamiken. Ich habe sie schon tausende Male auseinanderseziert und weiß, dass sie verlogen, narzisstisch, gewaltvoll und niemals so sehr von mir verursacht wurden, wie es mir vermittelt wurde. Ich weiß das. Ich kenne Gewalt und sehe sie, wenn sie mir angetan wird.

Aber wir leben in einer gewaltvollen Welt.
Wir leben in einer Welt, in der man sich aus Leidensgründen an Gewalterfahrungen in Institutionen begibt, in denen man lernt, dass man sich so an Gewalten anpassen kann, dass man selbst weniger leidet. Man muss nur sozial verträglich und sich selbst genug bescheißend dissoziieren. Man muss nur aufhören zu hinterfragen. Man muss nur ausblenden, was belastet und sich für die Erfahrungen öffnen, von denen man selbst profitiert. Man muss andere Menschen einfach nur nachmachen. Man muss nur ein bisschen anders sein als man ist. Nur ein bisschen besser und nur an ein paar Stellen. Es ist doch nur das eigene Selbst, was falsch krank problematisch ist. Alles andere ist irrelevant, weshalb man es “okay” nennt.

Wir leben in einer so gewaltvollen Welt, dass die Menschen, die andere Menschen vor Gewalt schützen sollen, Teil eines gewaltvollen Apparates sind.
Dass Menschen, die Menschen mit Gewalterfahrungen ausschließlich mittels gewaltvoller Rahmenbedingungen helfen. Dass Menschen, die Menschen, die unter den Folgen von Gewalterfahrungen leiden, erneut Gewalt antun müssen, noch bevor sie irgendwas für sie tun können.
Unsere Welt ist so vollgestopft mit Gewalt, dass man einander scheinbar nie wahrhaft ohne Gewalt begegnen kann.

Denn schon der offene Versuch ohne jede Nutzung oder Profit für sich allein aus gewaltvollen Dynamiken miteinander umzugehen, wird als Angriff, Gefahr, zu anspruchsvoll gewertet.

Und ich bin immer noch dabei, genau das immer weiter zu versuchen.

Weil ich keine Kraft dafür habe andere Menschen zu manipulieren. Weil ich keine Perspektive für mich und uns darin sehe, sich ständig gegen andere Menschen zu behaupten, anstatt mich mit ihnen auseinanderzusetzen und zu versuchen sie selbst und ihr Verhalten zu verstehen.
Weil ich fürchte, dass ich uns selbst nie zu Gesicht und Bewusstsein kriege, wenn wir uns für den Rest unseres Lebens in solchen zwischenmenschlichen Gewaltdynamiken bewegen. Egal warum, wie genau und wie viel anders doch intendiert ist, was mir begegnet.

Aber was, wenn das falsch ist?
Was, wenn mein Kernproblem an Hilfe nicht mein Selbst ist, sondern mein Wunsch niemandem in Gewalt begegnen zu müssen, um Hilfe zu erhalten?
Wenn mein komplexes, anspruchsvolles Kernproblem ist, dass Menschen, die Menschen helfen, noch immer davon befreit werden, sich mit ihrer eigenen Gewaltausübung zu befassen und sie zu beendigen?

Ich merke, wie wichtig das wäre. Ich merke das, weil ich mich plötzlich mit Fragen wie: “Wieso darf denn diese Therapeutin Wände zwischen Innens machen lassen und das gut und wichtig nennen – aber wenn dies andere Leute machen, heißt das “Mind Control” und ist böse?”, auseinandersetzen muss und merke, wie viele Parallelen zwischen früherem und heutigem Gewalterfahren aufgehen, die lediglich in der Bezeichnung und Betitelung der Akteure unterschiedlich ist.

Wir weigern uns, uns in den Reigen der Menschen einzugliedern, die behaupten in jeder Klinik, in der Menschen mit DIS behandelt werden, würden Täter_innen sitzen und überhaupt – nirgendwo kann man sicher sein und gut aufgehoben und la la la
Wir brauchen keine Idee von ominösen Verstrickungen von Behandler_innen durch organisierte Gewalt. Wir wissen, dass Behandler_innen ebenso in Gewalten sozialisiert sind wie wir. Sie mögen sie nicht gleichermaßen ausgestaltet erfahren haben, doch erlebt, gelebt und ausgeübt, haben sie sie schon tausend Mal und das ihr ganzes Leben lang. Sie können und manche wollen sich auch nur nicht dagegen entscheiden, so wie wir.

Es ist die Frage, warum uns dieser Verzicht scheinbar per default inkompatibel macht. Warum die Angst vor Gewaltverzicht, Veränderung, die Anstrengung für etwas noch nie gewesenes, Menschen dazu bringt, uns das Gefühl zu geben, wir wären es weder wert sich mit uns auseinanderzusetzen, noch okay genug, um uns auch so fühlen zu lassen.