Fundstücke #96

„Es sagt einem ja auch keiner, wie anstrengend das ist, wenn man Kinder hat.“
Mein Kollege schaut mich an und wendet sich wieder den Aktenordnern zu. In mir antwortet jemand fragend: „Oder wurde es dir gesagt und nur deine Frau hat auch zugehört?“ Ich antworte: „Hm, naja. Also mir wurde noch nie irgendetwas anderes dazu gesagt. ‚Es ist scheiße anstrengend. Man hat nie wieder seine Ruhe. Man kann nichts mehr mal eben so machen. Wenn ich gewusst hätte, wie anstrengend das ist, dann hätt ichs nicht gemacht‘ – also mir wurde immer vermittelt, es wäre die absolute Hölle und ich würde es auf jeden Fall bereuen. Was glaubst du, woran das liegt?“
Unser Gespräch verdümpelt in seinen unscharfen Ideen, dann geht unser Training weiter. Als wir uns das nächste Mal sehen, sprechen wir über andere Dinge.

Dann fahre ich von der Arbeit direkt zur Kinderwunschklinik und spüre einem harten Wutklumpen in mir nach. Neulich habe ich ein Zitat gelesen, das sinngemäß sagt, dass man besonders über die Dinge wütend ist, die man als veränderbar empfindet – und dass es Trauer ist, wenn man über Dinge wütend ist, die man nicht verändern kann. Und ja, genau zwischen diesen beiden Dingen empfinde ich mich als der warme Fahrtwind Strohfitzel und Staub auf meine Haut pustet.
Ich bin sehr traurig darüber, dass es der Gesellschaft meiner Zeit offenbar so unmöglich ist, dem Leben selbst eine gewisse Anstrengung zuzugestehen. Einfach, weil wir einander nicht gegenseitig unterstützen, sondern erwarten, schon irgendwie von alleine, quasi automatisch einfach nicht anstrengbar, erschöpfbar zu sein oder wenn, dann nur kurz. Ohne Funktionsverlust. Das betrauere ich sehr, weil es eigentlich veränderbar ist, aber einfach nicht verändert wird. Die Leute machen es einfach nicht. Da ist irgendetwas im Spiel, das ich nicht begreife und vielleicht aus Bockigkeit? Starrsinn? nicht akzeptieren will. Und kann ehrlich gesagt. Ich brings einfach nicht übers Herz.

Ich denke an meine Kolleginnen bei A.p.e. . Das ist der Verein, für den ich inzwischen auch arbeite. Der Verein, der mir Geld gibt, um andere Menschen mit komplexer Traumafolgestörung als Peer zu beraten. Der Verein unterstützt Familien, Mütter, Kinder, Menschen, die in Not sind und Schutz brauchen. Warum sind solche Vereine so dringend nötig? Warum muss der Zusammenhalt, die Bereitstellung so ausgelagert sein? So spezialisiert. So professionalisiert.
Ich denke an die vielen anerkennenden Worte, die ich von meiner Kollegin dort schon gehört habe. Über meine Fähigkeiten, meine Kraft. Sie hat mir noch nie gesagt, dass Kinderhaben so megakrass anstrengend sei, davon hätte ich ja keine Ahnung. Obwohl gerade sie und ihre Kolleginnen ein so umfassendes Bild davon haben.

Manchmal habe ich aber auch so meine Opferstolz-Momente. Meine Überlebenden-Arroganz. Manchmal bin ich auch wütend, weil ich damit nicht einfach so rauskommen kann. Auch das ist in meinem Wutklumpen drin. Die Diskrepanz der Anerkennung dessen, was ich schon durch habe. Einerseits werden schnelle Überlastung, Triggerbarkeit und gewisse Defizite in der Sozialisierung bei mir angenommen – andererseits kommt es mir vor, als würde die Tatsache, dass ich immer noch da bin, und meine (Über)Lebens(kampf)erfahrung an sich, nie mitgedacht.
„Aha, dann sag mal Mister – ist es so anstrengend, wie 15 Jahre latent in Lebensgefahr zu leben, ohne es jemandem sagen zu können? Erzähl mal – ist es so anstrengend wie das Finden von Lebenssinn in Zeiten absoluter Irre um dich herum? Vertell ruhig – ist es so anstrengend wie fucking einfach immer weitermachen, obwohl es scheiße sinnlos, wertlos und vor allem von vornherein aussichtslos ist? Hä?! HÄ?! ERZÄHL MIR MAL WIE ANSTRENGEND ES IST AM LEBEN ZU SEIN WENN MAN IN SICH NUR TOD FÜHLT.“

Es ist der Sinn. Für mich hat Kinderhaben Sinn. Es ist das Kongruenteste, was Menschen als lebende Organismen tun. Das logischste. Dann darf es für mich auch das anstrengendste sein.
Es fällt mir sehr schwer, hinzunehmen, dass es unser Gesellschaftsleben im Allgemeinen zu einer Leistung mit Auftragscharakter macht. Das akzeptiere ich für mich nicht. Ich will leben, ich will ein Leben mit Kongruenz, ich will jeden Sinn erleben, den es haben kann. Anstrengung gehört dazu. Nichts in meinem Leben war bisher nicht auch anstrengend. Keine Anstrengung war vermeidbar. Außer jetzt diese. Dieser Kinderwunsch. Das virtuelle Kinderhaben.
Seit mein Mann und ich es aktiv versuchen, seit wir die Behandlung machen, ist es für mich schon viel weniger anstrengend, überhaupt den Wunsch zu haben. Er tut nicht mehr so weh, jetzt, wo wir etwas dafür tun, dass er sich erfüllt. Und auch wenn es nicht klappen sollte – dann haben wir uns angestrengt. Dann haben wir es wirklich sehr krass, sehr doll, nach bestem Können versucht. Auch das eine der Sache immanente Anstrengung. Auch etwas, worüber wir mit Wehklagen und Ächzen nachdenken können – aber auch mit Stolz. Mit einer gewissen Zufriedenheit darüber, etwas, das uns nicht gefallen hat, das wir gerne anders wollten und wussten, dass es anders gehen könnte, versucht haben zu verändern.
Wir können etwas hinzufügen. Beides sehen. Alles im ganzen Paket, mit allen Facetten sehen, anerkennen und auch im Teilen von Erfahrungen an andere weitergeben. Wir müssen niemandem nur den Horror oder das Schlimmste, Schwerste daran erzählen, um zu teilen, wie es ist oder war.

Aber vielleicht ist das manchen, vielen, einfach zu anstrengend.


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