Dass es ein Film sein könnte, fiel mir auf, als ich die Hände abwehrend vor mein Gesicht hielt und es spürbar besser wurde. Hinter dieser Händewand kann nichts sein, das mir das Gefühl macht einen viel zu kleinen Kopf zu haben.
PingPingPing Jäckpot! Sie haben ein Ticket in erster Reihe gewonnen. Gezeigt wird ihnen nichts- aber glauben sie mir- es wird sie überwältigen!
„Danke nein“, dachte ich, „Ich mache mir einen vorbildlichen Tee, atme nach Übungsschema, rede mir ein wahnsinnig groß zu sein. Vielleicht hänge ich mich ein bisschen aus dem Fenster und tue so, als ob der Blick direkt herunter, der Blick zu meinen Füßen sei. Ich kann echt nicht jeden Tag so verdissen.“.
Irgendwann später spürte ich, dass es mir plötzlich grundsätzlich wieder gut ging. Keine Schmerzen, kein Druck unter den Augen; Nase und Hals schleimfrei, vom Zahn nur ein sachter Restdruck.
Dafür ein Gedanke, der in seiner Mächtigkeit fast an eine Erinnerung herankommt und sich doch meinem Be-Greifen entwindet.
Ich brauche eine bessere Strategie. Vielleicht eine andere Schmerzmittelversorgung. Vielleicht muss meine Gemögte doch ein bisschen hier schlafen.
Vielleicht kriege ich mich auch endlich einfach mal ein, verdammt Axt.
Es ist doch nur ein winzig kleiner Zahn. So ein klitzekleines Gnupsdings aus „hart“ mit Autschn drin, das sich hier aufführt wie Käpt’n Iglo auf Landgang.
Ich kann mich so schwer konzentrieren und pendle zwischen dissen, schlafen, geikeln und Wörter auf die Blogmaske schmeißen. Zwischendurch das sabbertriefende Ententier von NakNak* vom Bein pflücken und zum Spielen benutzen. Tee kochen, kalt werden lassen, einen Schluck trinken und den Nächsten aufsetzen. Den Abwasch betrachten und froh sein, dass kein Sommer ist. Den Kakaobecher eines Kinderinnens umstoßen, Angst haben und darüber nachdenken, was schlimmer ist: Die Umweltzerstörung durch dieses hübsche Küchenpapiergeschenk oder der Angstpuls, der durch den Kiefer jagt und den Hals wieder verengt.
Hallooohooo Filmfestival
Gucken, ob die Sommers schon einen weiteren Film geschafft haben.
Gute Gedanken hinschicken. Schadet ja nie und wo man schon mal dabei, ist gleich noch überall da hin, wo es gerade aus unterschiedlichsten Gründen eventuell noch ängstlich, traurig, schmerzerfüllt pochen könnte.
Der Wecker klingelt.
Erlaubnis für eine weitere Schmerztablette und die Hoffnung auf ein Zeitfenster, in dem Schlaf gehen könnte.
Das mit dem Kriegen und Einkriegen dann, wenn die Wirkung wieder nachlässt.
„Ich glaub, die Kariusse und Baktusse graben einen Tunnel aus ihrem Zahnhaus raus.“, sie sitzt im Schlafanzug in der Höhle, streichelt NakNak* über den Kopf und spricht ins Telefon.
Sie erzählt der Gemögten die Geschichte von dem Bullergeddo, das Karius und Baktus, wie dereinst die Siedler von Catan, in unserem Mund errichtet haben. „Mit Spielplätzen und Gärten, wo Gemüse wächst für die ganzen Kinder auch noch!“.
Übertreiben kann sie. Ihre Vermeidungstänze sind immer so besonders kreativ aufgebläht. Haarscharf an der Grenze zwischen ehrlich und tonnenschwer aufgelockert weg, von dem was ist.
Zahnschmerz ist ein Schmerz am Kopfinneren. Einer, der nicht von Schonhaltung oder Anpassungsverhalten weggeht.
Das ist ein Schmerz, der uns mit Leichtigkeit in Ohnmachtsgefühle schmeißt und dort auch hält, bis er weg ist.
Aber Ideen sähen und Welten pflücken kann sie noch.
„Konntet ihr ein bisschen schlafen letzte Nacht?“, fragt die Gemögte. Aus meiner Ecke, etwas von ihr entfernt, schaue ich die Kleine fragend an. Sie schüttelt mir den Kopf zu und sagt: „Ich weiß nicht genau.“.
Sie schweigen.
Im Dunkeln hocken Augen und Schreie, die rausquellen, wenn man sie zu lange anguckt.
NakNak*s Herzchen puckert unter der Hand der Kleinen.
Sie will raus. Stößt sich den Kopf. Hat vergessen, dass sie auf einem Auge blind ist. Taumelt kurz gegen den Schmerzschatten, fängt sich kurz vorm Fall und hopst auf einem Bein weiter. „Wie ein Clown“, denke ich. „Das soll so.“, sagt mir ihr ernster Blick.
„Wann geht ihr wieder zur Frau Doktor?“
– „Üüüühmmmmm ich glaub, ich weiß nicht genau aber vielleicht in 2 Stunden?“
Kurze komme ich mir vor wie einer dieser unförmigen Teletubbies, der ein qieksiges „OhOooh!“ in die Kamera quäkt, als mir klar wird, wie lange ich jetzt gerade schon nebenaußer mir herumschwebe, ohne etwas dagegen zu tun.
„Seid ihr schon angezogen?“
„Schon mit NakNak* unten gewesen?“
„Haben schon alle ihre Wachmacher gehabt?“
„Zähne geputzt, Haare gekämmt und Gesicht gewaschen?“
Jetzt prasseln ihre Fragen, überfordern die Kleine und ziehen an mir wie eine Angelschnur. Ich überlege, ob es sinnig ist zur Schmerzprüfung (harrharr) zur Zahnärztin zu gehen und mir vorher die Höchstdosis Ibuprofen in den Kopf zu schmeißen. Es ist erst morgens- der Tag wird sicher sehr lang… Mir fällt die Junkiedenke auf und ich schwanke schon wieder.
„Hey- äh- kannst du mir grad mal bitte sagen, dass ich auch wenn ich heute Abend noch richtig schlimme Schmerzen haben sollte, eine Möglichkeit habe irgendwas dagegen machen zu können?“
Sie sagts. Verspricht mit uns in die Notaufnahme zu fahren, wenn es gar nicht anders geht. Sagt, dass es okay ist. Sagt, dass ich okay bin.
Sagt, dass ich die Hufe schwingen muss, wenn ich nicht zu spät kommen will.
Wir verabschieden uns.
Verabreden uns für den späten Abend.
Ich springe von einem Punkt zum Nächsten. Bin so bewusst wie möglich, bei dem was ich tue. Keine Schmerzen. Nur Handlung. Nicht ohnmächtig.
14 Stunden später bin ich ein Schemen im Schatten der Höhle, der Fetzen des Gesprächs hört und sich fragt, wie der Tag nun abgelaufen ist.
Dieser Ende- Oktober- Tag mit Zahnschmerzen.
Ich war gerade hier in dieser Stadt gelandet, da lernte ich meine Zahnärztin kennen.
Eine der ersten Fragen von ihr war, obs denn nicht wahnsinnig weh täte.
Fast 3 Jahre konnte ich das immer verneinen und ließ sie ohne Betäubungen an und in meinem Kiefer herummachen.
Bis ich ihr dann einmal halb vom Stuhl springen musste, weil ich etwas spürte. Und wie!
Warum auch immer griff die Dissoziation von Schmerz plötzlich nicht mehr und sie durfte mir fortan jedes Mal eine ihrer „zärtlichen Betäubungen“ setzen. Sie sagt wirklich „zärtliche Betäubungen“ und das ist auch richtig gesagt. Ich habe den Einstich noch nie gespürt.
Mein Zahnstatus ist unterirdisch. Das weiß ich genauso, wie sie.
Ich habe kein Zahnarztbonusheft und auch nicht die Ernährungs- und Zahnreinigungsweise, die zu Zahngesundheit beitragen könnte. Niemand kann erwarten mehr Zahn als Loch im Mund zu haben, wenn mehr als 13 Jahre lang Essstörungen, Fremdkörperaversionen und Armut herrschen.
Lange kam ich mir in der Zahnarztpraxis wie eine Patientin letzter Klasse vor, weil ich sogar für kleinste Zuzahlungen um Raten bitten musste. Meine Zahnärztin verwendet kein Amalgam und das finde ich gut.
Mein Geldbeutel hingegen ächzt schwer auf- vor allem, weil nicht nur eine Füllung gebraucht wird, sondern bereits seit Jahren mehrere.
Ich komme zu ihr, wenn ich Schmerzen oder Geld habe. Vorsorge und sonstiger Schnickschnack ist fern ab.
Mir gefällt es bei ihr eigentlich ganz gut.
Dort arbeiten nur Frauen und es angenehm kühl, was mir hilft nicht ins Dissoziieren zu rutschen, wenn sie etwas Schwieriges macht. Außerdem hat sie Kunst mit Donald Duck in den Räumen und seit einigen Jahren eine Hipsterbrille auf der Nase.
Allerdings hat sie einen Liegestuhl und macht manchmal doch Dinge, die weh tun oder so gruselig sind, dass ich schon mal vorsorglich Schmerzen spüre.
Alles das verbindet sie mit Geschwindigkeit und einer Art wenig Worte zu verschwenden. Wenn sie spricht, muss ich keine Füllwörter oder Wiederholungen herausfiltern und wenn sie Untersuchungen macht, macht sie nur die Nötigsten. Einmal Karies dauert nur wenige Minuten und die meiste Zeit davon beansprucht die Betäubung.
Heute war ich wegen meiner vor Monaten verlorenen Wurzelfüllung und Druck im Zahn daneben da.
Wir haben ein reiches Jahr 2013 und ich konnte ihr das auch sagen. Sie freute sich für mich und meine Müdigkeit trat noch mehr in den Hintergrund.
Es machte mir nicht mehr viel aus zu hören, dass der Kurs nun lautet „Wurzelbehandlung und neue Füllungen in beiden Zähnen“. Aber das kurze Ziepen dazu hatte gereicht, um mich aus meiner Imaginationsübung zu reißen und eine andere Bildabfolge vor Augen zu haben.
„Sich einkriegen“ ist das Eine.
„Sich überhaupt erst mal zu kriegen“ (es sind flatternde Rosenblätter von denen ich spreche) eine Andere.
Ich machte ein Zeichen und sie stoppte. Ich bat um etwas zum Festhalten und sie bot ihre Hand an.
Eines dieser komischen Spucktücher hätte ich auch genommen.
Ihre Menschenhand…
Die fasse ich nicht einfach so an.
Ob sie dann einfach meine genommen hatte oder nicht, weiß ich nicht mehr. Ich war dabei mich zu entschuldigen und zu versuchen mein Innenleben und meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen, als ich bemerkte, dass ich den Handschuh um ihre Hand spürte.
Meine Zahnärztin ist klein und präzise. Sie wirkt technisch und sachlich.
So deplatziert mein Fastwegdriften wirken kann, so seltsam wirkte es auf mich, dass sie plötzlich so Sachen sagte wie: „Ist ja jetzt vorbei.“ und mich in meine Sicherungsketten aus: „ich bin groß, ich bin stark, ich kann das, ich will das, ich mach das jetzt“ brachte.
Es war dann auch schnell vorbei. Aber, ob das jetzt meinen wundertollen Reorierentierungskünsten lag, oder daran, dass sie mich damit total verwirrt hat, weiß ich nicht.
In den nächsten Wochen werden wir uns öfter sehen.
Vielleicht schaffen wir das Ziel von vor 10 Jahren ja doch irgendwann mal noch: „einmal alle Karies weg und dann ein Bonusheft anfangen“.
Zum Festhalten nehme ich aber in Zukunft doch lieber wieder meinem Stein mit, den ich heute morgen vergessen hatte.
Nachdem ich in der letzten Woche so mit einem Schweigen rang, so sehr um meine Lautsprache kämpfen musste, saß ich in der Therapiestunde und versuchte das Schweigen weiter in Worte zu wickeln. So fest wie es ging, um es an einem Ende der Therapeutin in die Arme zu legen.
Hatte sie doch gesagt, sie könne etwas aus-halten.
Wollte ich doch nur, dass sie etwas mit mir hält, was mich drückt.
Mir fiel auf, wie viele Schichten Worte ich über die Jahre bereits darum gewickelt habe.
Und wie sie anfing eine Schicht nach der anderen abzutasten- lose Fäden ohne Sicherung herunter hängen zu lassen und das Bündel immer wieder zurückzuschieben, wenn der leere Kern erste Schatten voraus warf.
Immer dann wenn ich denke: „Jetzt ist es gut verpackt und liegt auch noch woanders- jetzt kann ich- jetzt darf ich das Verschwiegene bündeln und aus seinem Nest in meinem Bauch- und Rippenfell herausklauben.“, dann liegt mein Schweigen wieder unverpackt- unversichert- ungebunden auf meinem Schoß und versucht sich wie ein Korsett um meine Mitte zu legen.
Seine Fänge wandern meinen Hals hinauf und drücken zu. Stopfen mir Mund und Nase zu, bringen mich dazu durch die Augen atmen zu wollen. Mein Schweigen ist ein nebulösschwarzschreiendes Biest, das mir die Ohren rauschen macht und mir das Denken vernebelt.
Am Ende war ich dankbar um die Wut der verletzten Ungeholfenen hinter mir.
Ließ mich und meinen Mund sagen, dass es doch nicht die Hilfe der Psychologie- der Psychotherapie- sein kann, für alles ein Wort zu haben.
Sie begann einen Satz mit „Doch….“
und das Schweigen tötete mich für einen Moment.
Jetzt sind viele Stunden vergangen und ich halte es, wie auf eine Spindel gespießt, in der Hand und wickle erneut Worte darum herum.
Ein anderes Innen soll herausfinden, was gesagt werden darf.
Ich fange an zu zweifeln, ob je eines meiner gewickelten Worte gehört wurde.
Frage mich wieder, ob ich selbst das Schweigen bin.
Bin ich für sie?
Sichtbar?
Hörbar?
Warum sagt sie mir nicht, was sie hört, damit ich höre, ob sie mein Schweigebündel gehört hat und mit mir hält?
Ich fühle mich alleingelassen mit meinem Schweigen.
Und jetzt auch noch hilfe-los, weil ich beim „Therapie machen“ versage, obwohl ich mich an die Regeln halte.
Die Ungeholfenen brüllen und haben Recht.
Helfer sollen helfen. Sie sollen nicht lügen, dass man Hilfe bekommt, wenn es keine Hilfe ist. Hilfe ist nicht allein Erkenntnis. Sprache ist hilfreich- aber keine Hilfe.
Ich schweige- trotz funktionierender Sprache.
Und nun weiß ich endgültig nicht mehr, was ich dort in der Therapie soll.
Weiß nicht einmal mehr in welche Richtung ich überlegen soll, wenn sie immer wieder sagt, wir sollen uns überlegen, was wir bei ihr wollen.
Waren die Antworten darauf falsch oder hat sie sie nicht gehört?
Da war so ein Moment im Kontakt mit der Therapeutin und fast wäre ich über meine selbst gehaltene Klinge gegangen. Sie fragt in letzter Zeit so oft, ob jemand etwas erzählen will.
Es ist also eine Willensfrage- keine Frage bestehender Privilegien wie Sicherheit, Ruhe, Zutrauen und die Fähigkeit die Echtwerdung des Gesagten sowohl ertragen als auch aushalten zu können.
Ist das so?
Wenn ja- ist das nicht der Moment, in dem ich gepflegt unter der Decke kleben und meine abgefressenen Fingernägel auf den Boden herunterrieseln lassen kann?!
Wenn nein- kommt der Moment dann jemals?
Ich fühle mich ein bisschen entkernt durch diese Nachfrage. Sehe mich wie eine Art Horrorgeschichtenbehältnis. Biologisch abbaubar mit integriertem Verschluss und Abtropfschwämmchen. Selbstreinigend mit Konservierungseigenschaften.
Da gab es einen Satz in der letzten Therapiestunde, der mir sowohl „Autsch“ als auch „Stimmt“- Impulse näher brachte:
„Wer schreit, kann nicht zuhören“
Wie wahr, wie wahr. Wenn jemand schreien muss, um gehört zu werden, dann bringt er in der Regel viel Energie auf und hat schlicht keine Kapazität mehr, um zuzuhören. Ab einem Punkt gibt es auch keine Ratio mehr. Dann ist ein Level erreicht, in dem es nur noch darum geht, gehört und sich seiner angenommen zu fühlen.
Dieser Satz brachte mich zurück in meine Kinder- und Jugendpsychiatrie- sowie meine Heimzeit als Jugendliche. Wie oft habe ich dort – ausgerechnet dort! – den Antisatz schlechthin gehört: „Ach – sie will ja nur Aufmerksamkeit“? Ich habe es nicht gezählt.
Es ist ein Antisatz, weil er oft zur Sackgasse verleitet.
Wer in der Lage ist, jemanden schreien zu hören, der kann auch zuhören und entsprechend handeln. Sich mit einer Beschreibung bzw. auch einer Deutung eines Verhaltens darzustellen, als jemand, der dies schon richtig einschätzt und damit sein (unter Umständen falsches) Handeln- oder auch Nichthandeln oder gar Ignorieren rechtfertigen darf, der nutzt etwas aus.
In meiner Klinik- und Heimzeit war es ein Machtgefälle.
Ich brauchte Hilfe und schrie es auf viele Arten heraus und manche Helfer standen da, sahen dies und legten mit dem Satz „Ach, sie will nur mal wieder Aufmerksamkeit“, die Hände in den Schoß. Werteten meine Not ab und verstärkten sie damit gleichzeitig, denn die Verzweiflung wuchs: Da hatte jemand mein Schreien bemerkt und mich doch wieder nicht wahrgenommen. Mir genug Aufmerksamkeit geschenkt, mein Schreien als solches zu hören, aber nicht genug, um es anzuhören und sich mir in der Folge zu widmen.
Ich war auf Hilfe angewiesen und jene, die sie mir hätten zukommen lassen sollen, ignorierten sie aus was weiß ich für Gründen. Einen Vorteil hatten nur sie davon. Ich konnte mich nicht mehr anders ausdrücken, doch jedes weitere Schreien konnte unter ihrer Deutungs-/ Definitionsmacht weiter abgewertet werden. Egal, was ich tat – es war nicht das, was zu dem führte, was ich brauchte.
Wenn wir Menschen geboren werden, können wir unter Umständen bis ins dritte Lebensjahr nichts Anderes tun, als mehr oder weniger artikulierte Schreie und Laute von uns geben. Die erste Form von Ausdruck über Befindlichkeiten und auch Nöte ist das Schreien.
Es ist ein Akt, der unglaublich viel Kraft abverlangt und deshalb im Laufe der Jahre immer gezielter eingesetzt wird, sobald das Gehirn so weit ausgereift ist, dass es klar und eindeutig Ursache und Wirkung miteinander verbinden kann. Bis es ein Gefühl für Selbstwirksamkeit gibt:
Ich schreie = das, was außerhalb von mir ist, reagiert darauf = mein Bedürfnis wird befriedigt
Sind wir Menschen in der Lage, Worte zu verwenden, Werkzeuge gezielt zum Ausdruck innerer Prozesse und Gefühle zu nutzen, brauchen wir nicht mehr Schreien oder auf unartikuliertes Ausstoßen von Tönen zurückzugreifen. Wir tun es aber trotzdem, wenn wir in großer Erregung sind. Wenn durch unsere Adern alles schießt, was da schießen kann. Angst, Schmerz, sexuelle Erregung, Freude, Verzweiflung. Selbst wenn kaum noch etwas schießt, zum Beispiel bei einer Depression oder im Sterbeprozess, schafft es unser Organismus noch unartikuliertes Stöhnen oder Seufzen zu produzieren, um eine Ausdrucksmöglichkeit bereitzustellen.
Ist das nicht der Hammer schlechthin? Was unser Körper alles an Kraft aufzubringen in der Lage ist, um eine Entlastung durch die Befriedigung unserer menschlichen Grundbedürfnisse zu erreichen!
Warum fällt es so schwer, der Seele den gleichen Platz wie Hunger, Durst, Nähe- und Wärmebedürfnisse, ja sogar das Bedürfnis nach Spiritualität einzuräumen?
Weil sie unsichtbar ist? Die Bewertung der seelischen Bedürfnisse einzig subjektiv vornehmbar ist? Oder nicht vielleicht auch, weil unsere westliche Vorstellung von Gesundheit, nach wie vor eine Trennung von Körper und Geist und Seele vornimmt?
Ich könnte jetzt einen kleinen Exkurs in Psychosomatik beginnen – mache aber doch nur einen kurzen Abstecher.
Jeder, der mal Liebeskummer hatte, weiß, dass es gegen diesen Schmerz keine Tablette gibt – dass aber eine Selbstmedikation aus Selbstmitleid, Trost von außen und viel Schokolade sehr gut hilft. Will sagen: ja – da ist eine Trennung – doch nicht so eine Trennung, als wäre die Seele ein eigenes Organ, ganz ohne Einfluss auf den Körper. Sowie andersherum Dinge, die dem Körper zugeführt werden, einen Einfluss auf die Seele nehmen.
Das kann man in dem täglichen Miteinander voneinander lernen, wenn man sich einander widmet und seinem Schreien zuhört.
Ich habe es an mir gelernt, als ich begriff, dass ich immer dann den Drang mich aufzuschneiden spürte, wenn ich eigentlich das Bedürfnis nach warmer Nähe- nach liebe- und verständnisvollem Kontakt hatte. Ich einfach nur jemanden brauchte, der sich mir widmete.
Es ist tatsächlich ein Schreien. Ein unglaublich kräftezehrendes Schreien.
Wir mussten zu Klinikzeiten ein Protokoll führen, um das Muster der Selbstverletzung, der Essstörung, der Dissoziation zu erkennen. Dieses Protokoll half uns, das Bedürfnis, welches das Schreien (in diesen Fällen das Hungern und Schneiden) nötig machte zu erfassen und auch zu reflektieren, wann genau der Moment vorbei war, in dem der „flüsternde“ Ausdruck dieses Bedürfnisses nicht gehört oder auch direkt übersprungen wurde, weil gemäß der Lernkette kein Flüstern lohnte.
Der Satz „Die will ja nur Aufmerksamkeit“ ist etwas, das so eine „Ach – hier lohnt das Flüstern gar nicht“- Lernkette verfestigt. Er bestätigt die Lernkette: Ich sage etwas = niemand reagiert.
Man kann so eine Erkenntnis für sich haben. Natürlich. Man kann als Helfer da stehen und ein Verhalten für sich so einordnen. Aber dann muss ein weiterer Schritt kommen!
Im günstigsten Fall auf den Schreienden zu.
Dieser kann dann erfahren, dass seine Nachricht irgendwo angekommen ist. Und dann wird das Schreien verebben. Und DANN ist auch wieder Platz für Ratio und Zuhören.
Vorher nicht.
Ganz einfach.
Von Schreienden zu verlangen, die Klappe zuhalten, ihren Ausdruck zu unterlassen, ist Gewalt.
Eine Gewalt mit der wir hier in unserer Kultur alle durch Bank weg, mehr oder weniger stark (und zerstörerisch) konfrontiert waren, als wir selbst Kinder waren. „Kinder soll man sehen – nicht hören“. Ein Satz aus der Jahrhundertwende. Heute sagt ihn niemand mehr – es wäre aber ehrlicher, ihn zu sagen. Denn in vielen kleinen und großen Zusammenhängen erwarten wir Erwachsenen genau das von Kindern: „Sei still!“.
Und dieses Muster tragen unsere Kinder unter Umständen weiter. Es sei denn wir widmen uns ihnen und schaffen es ihre Perspektive einzunehmen und ihnen ihre Ausdrucksmöglichkeiten zuzugestehen. Diese zu akzeptieren und im Miteinander zu berücksichtigen.
Manchmal denke ich: „Ach Mensch, es ist doch so einfach eigentlich. Wieso klappt das denn nicht? Gerade in Einrichtungen, in denen viele Menschen sind, die vor sich hinschreien – sich vielleicht sogar richtig festgeschrieen haben. Es kann doch nicht sein, dass das immer und immer so ungehört bleibt! Es wäre doch im Vergleich schneller ‚erledigt‘, wenn man sich ihrer annimmt …“
Ab und an habe ich den Verdacht, dass es vielleicht auch eine Angst gibt, das eigene Schreien nicht mehr gehört zu wissen. Als Helfer in der Not nicht mehr schreien zu dürfen – seine Bedürfnisse nicht mehr ausdrücken zu dürfen. Als sei die Annahme anderer Menschen etwas, das eigene Nöte ausschließt.
Und tatsächlich finde ich diesen Gedanken oft bestätigt.
Es gilt als unprofessionell emotionale Tiefs zu haben und diese deutlich zum Ausdruck zu bringen. Als schwach gilt, wer Mitleid empfindet und selbst ein paar Tränen vergießt. Gerade im Bereich der Pflege, Pädagogik und auch im psychiatrisch-medizinischen Bereich.
Da gibt es die Vorgabe von strikter Abgrenzung und Unpersönlichkeit. So ein Ideal vom Halbg’tt in Weiß, an dem alle Emotionen wie von gleichsam weißen Lotus abperlen. Wer dem nicht entspricht, ist schwach, unprofessionell, nicht geeignet für seinen Beruf. Unterm Strich: minderwertig.
Ich will jetzt nicht dazu aufrufen, dass mir meine Therapeutin heute oder auch früher meine Betreuer oder die mich betreuenden Krankenschwestern hätten ihre Probleme erzählen sollen. ABER – ich hätte mit: „Ich habe heute einen miesen Tag-bin krank-meine Ohren und mein Herz sind heute überhaupt nicht auf für deine Not“ oder auch „Ich sehe dich, aber ich habe keine Kraft/ keine Zeit/ keine Ideen, um dir gerade gut und hilfreich beizustehen“ lernen können:
Ich schreie = jemand hört mich, kann mir aber gerade nicht zuhören – ich muss warten/ zu jemand anderem gehen/ XY tun (vielleicht dem Menschen helfen?) = dann wird mein Bedürfnis befriedigt
Mit: „Du willst ja nur meine Aufmerksamkeit“ wurde nur gelernt, dass ich weiterschreien muss.
Und sei es meine Verzweiflung darüber, dass mich niemand wirklich hört. Wie früher. Wie damals, als so viel durch meine Adern schoss, dass ich nichts weiter tun konnte, als wie am Spieß zu schreien. Wie damals, als ich noch gar nichts anderes konnte als mich durch Schreien verständlich zu machen. Und das vor Menschen, vor denen ich nur deshalb stand, weil bereits damals niemand zugehört hatte.
Ich bin froh und dankbar, dass ich heute viele Ohren habe.
Dass ich schreiben kann.
Die Gewalt in unserer Geschichte, hätte uns tatsächlich töten können. Doch das war nie das Ziel und zum Glück hatten die Täter_innen auch nie soviel Angst vor Enttarnung und in der Folge, den Konsequenzen ihres Handelns, dass sie uns gezielt haben töten wollen.
In unserem Fall, war „überleben“ einfach nur schlichtes „weiterhin am Leben sein“. Vielleicht: „trotz Allem am Leben sein“.
Das ging einfach so weiter. Wir haben nie etwas dafür tun müssen oder gezielt (im Sinne von bewusst) tun können.
Wir haben die Gewalt erlebt und dann einfach weiter gelebt. Weiter metabolisiert und somit existiert.
Es ist nichts Besonderes zu überleben. Es ist einfach nur „weiterhin leben“.
Der Kampf ist das Innere. Das „sich erlauben, dies tun zu dürfen“. Das „immer wieder neu Schritt für Schritt vorwärts- Gehen“. Die Notwendigkeit darüber nachdenken und (neu) lernen zu müssen, wie die Qualität des eigenen Lebens sein soll. Das ist das, was besonders ist, weil dies nicht für jeden Menschen von gleicher Bedeutung ist.
Alles andere ist einfach nur leben.
Weiter leben. Einfach so. Weil es eben geht. Weil es einfach so lebt.
Man kann für sein Überleben kämpfen, klar. Immer. Aber es ist ein Kampf, der nie ausschließlich von dem bestimmt wird, was man tut. Es ist Aktionismus, der manchmal die Chancen weiter zu leben erhöht oder einen dauerhaften Schutz davor generiert, in eine Situation zu kommen, die das Leben gefährdet, ja. Aber das Ende wird dadurch nicht kontrolliert. Ob man lebt oder nicht, liegt nicht in der Hand der Menschen, deren Leben von anderen Menschen oder Umständen gefährdet wird. Der Mensch hat ein Vetorecht. Und die Macht, sich so zu verhalten, dass sein Leben durch die eigene Hand beendet wird.
Aber letztlich… ist der Zustand zu leben, einfach nur der Zustand zu leben.
Über die Hürde- eine Gefahr- für selbiges hinweg gelebt zu haben, nennen wir überleben bzw. überlebt haben.
Es ist eine Zustandsbeschreibung.
Überlebt zu haben ist keine Auszeichnung für besondere Fähigkeiten.
Es ist nur eine Würdigung dessen, was dort so gefährdend war, das man über es drüber zu leben gezwungen war.
Das Überleben ist einfach immer nur das Leben was über ist.
Der Rest von vorher und das was dann kommt.
Morgen haben wir einen Termin in der Abendschule.
Es geht darum sich vorzustellen, seine Bewerbung, seine letzten Zeugnisse und Unterlagen zur Person abzugeben. Es wird darum gehen zu schauen, ob wir dort sein können, was wir für Unterstützung bekommen können, was für Anforderungen gestellt werden.
Ich bin schon angekritzt darüber, nicht einfach nur meine Unterlagen dorthin schicken zu können und dann nur noch auf einen Anmeldebestätigung warten zu müssen.
Aber wir fallen aus den Aufnahmekriterien heraus, also bleibt uns keine andere Wahl.
Voraussetzung ist eine abgeschlossene Berufsausbildung und 2 Jahre Arbeit, sowie Arbeit oder ein zu versorgendes Familienmitglied nebenbei.
Tja, damit können wir leider nicht dienen- und wenn wir es könnten, würden wir uns sicher nicht noch mal 3 Jahre Abendschule geben.
Ich fand mich richtig gut in dem Telefonat mit der Sekretärin. Ich war sachlich, logisch und nicht defensiv.
Ich sagte, ich hätte gerne einen Termin mit dem Schulleiter, um abzuklären ob und wenn ja was für Möglichkeiten es für mich gibt, auch mit meiner Schwerbehinderung (Bumms! Ich habe das Wort gesagt!) teilnehmen zu können und wie die Lage in Bezug auf Unterstützung von Seiten der Schule aussieht.
Die Sekretärin gab mir einen Termin und stellte dann die Preisfrage: „Darf ich Sie fragen- sitzen Sie im Rollstuhl?“. Ich antwortete, das sie mich natürlich fragen darf und, dass ich nicht im Rollstuhl sitze. (Btw: Was ist das bitte für eine Sprachführung?! Den Rest des Tages fragte ich mich, ob sie mich nur fragen wollte, ob ich einen Rollstuhl benutze oder, ob sie mich fragen wollte, mich etwas zu fragen zu dürfen und dann die Frage nach der Behinderung stellte, und ob ich nun richtig reagiert hatte oder nicht.)
Es ist eine kleine Episode. Total normal und nicht schlimm.
Aber wieder kreiseln in meinem Kopf viele Gedanken wüst hin und her.
Da ist zum Beispiel der Gedanke zum „Standartbehinderten“ in der breiten Masse.
Ich bin mir nicht sicher, aber viele Menschen auf die ich so treffe, oder gerade so in Bezug auf normierende Bürokratie, wie jetzt zum Beispiel in der Verwaltung der Schule, scheint es die Verknüpfung: Schwerbehinderung= das Plakat von „Aktion Mensch“ zu geben.
Schwerbehinderung, das heißt, Rollstuhl, Blindenführhund, Gebärdensprache, eine futuristische Prothese oder die spezifische Physiognomik von Menschen mit Down-Syndrom. Schwerbehinderung das heißt: „Himmel wie kommt der Mensch bloß klar?! Der muss ja total viele Sachen im Alltag anders machen. Der braucht ja richtig viel Hilfe, weil er was nicht kann, was sein Körper (und hier biologistisch eingeflochten der „Geist“ wie der derzeit einzig ausmessbare Intellekt falsch benannt wird bei „geistiger Behinderung“) ihm verweigert.“
Schwerbehinderung heißt auch: „Boa guck mal, was der Mensch TROTZDEM (nicht etwa MIT) kann.“ Heißt auch: Aussagen von den betreffenden Menschen „Ich leide nicht unter meiner Behinderung- ich leide darunter, wie meine Umwelt mit mir umgeht.“. Heißt immer und immer und immer: anders als „DIE ANDEREN“.
Nun ist es so, dass man, wenn man länger als 6 Monate an der gleichen Sache erkrankt ist, als chronisch krank gilt. Und damit ebenso als schwerbehindert.
Und Peng!- steht man vor einer Gruppe von Menschen mit Behinderungen die sogar „anders als die anderen Schwerbehinderten“ ist.
So wie ich.
Für mich ist es eine Bombenhürde zu diesem Termin zu gehen. So bombig, dass ich den Termin höchstwahrscheinlich nicht einmal erinnere. Der Besuch der Schule ist für ich eine Ansammlung von Barrieren, die nicht weggeräumt werden können (und um Himmels Willen auch nicht sollen), um mir den Zugang zu erleichtern. An mein reflexhaftes Umschalten auf Todesangst und in der Folge anpassendes Dissoziieren, kann man weder Rampe, noch Bildtafel, noch Audiomitteilung, noch leichte Sprache dran stellen, um sie (wenigstens in Teilen) zu kompensieren. Ich kompensiere ja selbst bereits in der Situation und breche erst nach einer Überbeanspruchung dieser Fähigkeit zusammen und werde handlungsunfähig. Erst dann kann ich Unterstützung erhalten.
Ich kann sehr gut verstehen, warum es dann schwer fällt, mich als „jemand mit grünem Ausweis“ wahrzunehmen. Wir turnen in der Schule rum, sind produktiv, motiviert, engagiert, geistig fit, aktiv und zuverlässig… bis ich vielleicht das Pech habe, von einem Lehrer in zwei Fächern gleichzeitig unterrichtet zu werden. Bis Mitschüler versuchen außerhalb des Unterrichtes mit mir Kontakt zu haben. Bis es eine Hausarbeit oder ein Projekt über einen Zeitraum wie die Ferien gibt. Bis es außerhalb des Schulkontextes eine so schwere Krise gibt, dass die Somatik sogar bei den Schulgängern ankommt. Also bis zu ziemlich genau dem Zeitpunkt in dem unser Kompensationsmodus zur Kompensation des Gesamtzustandes werden muss.
Es ist gut, wenn ich zum Beispiel jetzt in der Schule einen Menschen habe, dem ich das so erkläre und mit dem ich Absprachen treffe, die mich davor bewahren, mich vor Lehrkräften auch noch erklären zu müssen oder indem sie mich nicht rausschmeißen, weil ich dauernd fehle, mir den Stoff nach Hause bringen oder ein Pauschalattest für Fehlzeiten akzeptieren und mir Gelegenheit geben Tests nachzuholen.
Doch mit der Kompensation der Behinderung selbst bleibe ich auf eine Art allein, die unsichtbar und der als Krankheit bezeichnete Zustand ist. Man sieht sie von außen nicht, man merkt sie mir nur an, wenn man drauf achtet und sogar ich selbst kann dies erst formulieren, wenn ich nicht mehr mehr genau dort in der Schule sitze, sondern hier bei mir zu Hause. Dann nämlich, wenn ich hier sitze und halbgeist-kopfig Hausaufgaben zu erledigen versuche, die ich nicht verstehe und einen Tag nachzuvollziehen versuche, den ich nicht gelebt habe.
Ich könnte nun auch sagen: „Ja ich leide ja nicht unter meiner Behinderung- meine Umwelt geht nur falsch mit mir um“. Das stimmt ja aber nicht. Meine Umwelt geht total richtig und entsprechend mit meinem Verhalten und Wirken mit mir um. Was kann denn meine Umwelt dafür, wenn mein Gehirn nicht für diese Normalität ausgerüstet ist und mein Verhalten und Wirken eben nicht mit MIR(in jedem meiner Zustände) zusammen passiert?
Meine Umwelt hat gar keine andere Chance als für mich unpassend zu sein und ich bin dankbar dafür. Doch das ist etwas das konträr zur stetigen Forderung steht, Barrieren für Menschen mit Behinderung abzuschaffen. Meine Barriere bin in erster Linie mein Erleben meiner selbst (und meiner Umwelt) und erst dann die ungünstigen Normen und Bestimmungen außen.
Wir könnten ja auch das Abitur im Fernlehrgang machen. Ich bin aber abhängig davon in diesen „Schulgängerzustand“ zu geraten, um Zugriff auf das Schulwissen der Abendrealschule und der Schulen zu erhalten. Ich bin also abhängig davon „unter meiner Behinderung zu leiden“, weil ich sonst gar nicht erst die Chance auf Bildung und damit dann später vielleicht ein Studium und noch später vielleicht einen Beruf und damit dann endlich Unabhängigkeit habe.
Ich stelle mir viele Fragen rund um die Themen der Menschen mit Behinderung und fühle mich dabei behindert.
Da sind die Normen der Leistungsgesellschaft und da die Kritik und die Änderungswünsche derer, die ihnen nicht entsprechen können.
Da ist der Nutzen von pränataler Diagnostik und da die 95% der Fälle von Abtreibung der Föten mit nachgewiesener Wuchsrichtung jenseits der Norm.
Da ist der Ruf nach Inklusion und da das Unterstreichen (müssen) von Andersartigkeit.
Da ist das Leiden und da die Verneinung eines solchen.
Da ist das Versprechen mehr für Menschen mit Behinderung zu tun und da die Förderung von Werkstätten in denen des schlechte Bezahlung und keine Aufstiegschancen gibt.
Da gibt es die Entwicklung von bionischen Prothesen und da die strukturelle Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen, die dafür sorgt, dass sie nie genug Geld für genau diese Prothesen haben werden.
Da gibt es den Beruf des Inklusionshelfers und da aber die Ablehnung von Bewerbern darauf, die selbst einen grünen Ausweis haben. (Boa! Ich hab mich so so so sehr darüber geärgert!)
Manchmal bin ich froh darum, dass wir mit vielen Menschen „anderer Wuchsrichtung“ zusammen gelebt und mit ihnen zusammen gearbeitet haben. Auch wenn wir natürlich keine globale Ahnung von ihrer Lebensrealität haben, haben wir so doch das Bewusstsein, dass die Menschen mit Behinderungen sind- nicht „Behinderte“.
Doch komme ich nicht umhin mich doch noch anders zu fühlen.
Ich bin bis jetzt die einzige Multiple, die ich kenne, die sich diese Störung als Schwerbehinderung hat anerkennen lassen.
Ich hätte es auch anders machen können. Aber in einem Anflug von politischem Trotz war es wichtig für uns gewesen, zu unterstreichen, dass die erlebte Gewalt so schwer war, dass die Folgen heute uns so sehr beeinträchtigen, wie das Fehlen einer körperlichen Fähigkeit.
Es war gut und richtig das zu tun. Wir lassen uns in der Hinsicht nichts anderes mehr sagen, weil es für uns bedeutet hätte, wieder etwas unsichtbar zu machen, wenn wir das nicht getan hätten.
Aber es war auch das Übernehmen einer Aufgabe, die ich mit allen Menschen mit Behinderung teile: Das Eingestehen und Vermitteln meiner (hochprivaten) Probleme an Menschen die genau dieses oben benannte Bewusstsein nicht unbedingt auch haben.
Eine Aufgabe, an der ich, als Innen in diesem Einsmensch hier, genau wegen dieser Probleme scheitern werde.
01:00 Uhr Eigentlich, das weiß ich, ist es dumm jetzt ins Bett zu gehen.
Es gab Nahrung, das Innen brodelt und raunt mir etwas an den Rand meiner Hörperipherie.
Und doch ist es, als wäre der Körper übermüdet von den Kämpfen. Wie ein gefallener Krieger, dankbar ob der Ohnmacht, rauscht er in einen Schlaf.
03:34 Uhr Sie schreckt auf, den Schweiß auf der Haut, wie im Hochsommer. Da ist die Angst, die abgrundtiefe Angst erwischt zu werden. Fast spüre ich es selbst, doch mehr sehe ich es, wie sich die feinen Härchen aus den Poren schieben und alle Nässe an ihnen herunterperlen lässt.
Mein Gesang erreicht es nicht. Dieses Kleine erfährt keinen Trost durch meine Stimme, meine Nähe, meine Versicherung, dass ihm nie wieder jemand Leid zufügen wird.
Zum ersten Mal bin ich diejenige auf der anderen Seite.
Ich schwebe innen und außen, umkreise und sehe es. Und doch kann ich es nicht auf meinen Rücken nehmen. Es ist, als sei es unter einem faradayschem Käfig gefangen.
Es müht sich ab, kriecht vom Bett herunter, um darunter Schutz zu suchen. Atmet. Hat die Augen weit auf. Überlebt. Gibt keinen Laut von sich.
Ich kann hören, dass es Schritte hört. Sie kommen von innen, gehören ihm.
Dem Grauen.
Ich werde Zeugin.
Zeugin, wie ich immer schon die immerwährende Zeugin bin.
Die Gewalt lässt mich erstarren, mein Gefühl der Zeit schwanken. Ist nun heutejetzt oder damalsgestern?
Ich sehe erneut wie es gebrochen zurückbleibt, erneut den Schutz der Enge sucht. Nun wimmernd, fiepend, hochfrequent jaulend und doch stumm. Sein Schmerz muss unsäglich sein.
Nach einer Weile hören wir das Klicken von NakNak*s Krallen auf dem Laminat. Sie nähert sich, geht ums Bett herum, schiebt ihre Nase darunter. Ich glaube sie spürt, dass jetzt kein Augenblick für Nähe ist, denn sie bleibt außerhalb dieser Höhle. Legt sich aber doch davor, betont desinteressiert, aber achtsam.
Es vergeht Zeit. Der Atem geht langsamer. Das Kleine hat es geschafft.
Sein Fell verändert sich, wird borstiger und dunkler. Dieses andere Kleine kriecht an NakNak* heran und vergräbt seine Nase im Fellwirbel an ihrem Bauch.
Sie beruhigen einander. Geben keinen Laut von sich, sprechen auf einer Ebene, die in sich geschlossen ist.
Ich kreise weiter, versuche sachte Kontakt aufzunehmen und bin doch selbst zu erschreckt.
Die Sonne geht auf und mit jeder Minute die mehr Licht bringt, verschwindet das Fell. Der übermächtige Schmerz flacht ab, verdünnt sich zum normalen Grundgefühl. NakNak* scheint zu spüren, dass sie nun albern sein kann. Ihr Fang wird rund, das Gesicht welpig. Es ist eine spielerische Mutation die nun losgeht.
Ich bin froh, sie wieder zu fühlen. Meine kleine mutige Starke. Sie schüttelt sich den Rest des Leidens vom Sein und macht Quatsch mit unserer Hündin.
Es ist 07:32 Uhr.
Und mir ist plötzlich klar, warum wir Schlaf gegen Nahrung tauschen müssen.
“Ich mag so gern ein Chamäleon sein. Dann säh ich immer gleich unter Gleichen aus und nichts an mir ist falsch, ungenügend, zu viel…”
– ”Aber…”, ich beuge mich herab, lasse sie mich spüren, “mein Herz, du wärst trotzdem noch immer ein Chamäleon.”
Sie tritt einen Schritt von der inneren Klippe zurück, lehnt sich enger an meinen Flügel.
”Aber ich könnte ein bisschen mehr so sein, wie sie mich wollen.”
– “Vielleicht, ja. Und dann wollen sie dich. Weil du dann aussiehst, wie das was sie sich vielleicht wünschen. Aber schau, du und wir alle tun schon fast immer, was sich die Menschen wünschen, weißt du?”
Sie schaut mich an, fährt mit den Fingern über die Linien meines Federkleides.
“Hm.. ein bisschen denke ich das manchmal, ja.”
– “Wir sind gut darin herauszufinden, was andere Menschen wollen und wenn wir das wissen, dann ist immer da, wer es am Besten geben kann. Nicht wahr?”
Ich fühle wie sie sich an meine Seite hockt, den Kopf auf den Knien, den Rücken an mich gedrückt.
“Ja, eigentlich sind wir schon immer wie ein Chamäleon, richtig?”
– “Ja. Ich finde schon.”
Da kommt er vorbei. Seine wilden Locken in alle Richtungen stehend, der Trotz trieft aus allen seinen Poren. “Er ist ziemlich breitschultrig”, denke ich schon wieder, als ich sehe, wieviele kleine Herzen er auf ihnen trägt.
”Ich find- N. hat Recht. Ist voll krass, wie wir uns immer voll alles rausreißen, damit uns welche draussen was so wie ne Audienz erlauben oder so halt- dass die uns helfen oder einfach nur nett zu uns sind und uns keine reinhaun. Das is so als wärs voll unsere Schuld alles. Dabei könn wir ja jawohl nich immer für alles Schuld sein, ne?”.
Er schaut mich an, wartet auf mein bestätigendes Nicken. Als ich es tue, nickt er bekräftigend und fährt fort: “Eigentlich, ne- die ganze Zeit haben wir uns so als ganze Eine… halt so als Einsmensch, immer voll verstückelt und warn voll nie ganz so wie man halt so ist. So ne- guck ma H. zum Beispiel- die is nich immer nur voll krass so mutig oder so. Die heult auch ma und so. Und wir? Voll krass ey- du kannst nich mal heuln, weil dus halt gar nich kannst. Das wurd irgendwann ma abgeschafft, weil das aussen einer nich wollte. HALLO?! Wie abartig is das bitte?! Das is doch irgendwie so krank wie Chihuahuahs zu züchten die in ne Teetasse passen, weils noch süßer is für so Tussis, die sich nich ma Mühe machen zu denken, wies dem Vieh dann geht, wenns so mini is!”
Er spuckt den Abgrund runter und schaut uns an.
”Ihr habt gesagt, dass die Seelenfrau weiß wie das is mit Viele-Leuten.”
Wir nicken stumm.
”Na also- vielleicht sagt sie ja auch einfach nich was sie von uns will, weil sie welche alle von uns ma wissen will? Vielleicht is sie ja sowas wie so ne komische Einfach- mal- drauf- zu- Seele oder so. Wenn sie gecheckt hat was Viele- Sein is, dann weiß die doch ehwieso, dass welche immer so machen was sie will. Aber wir gehn doch dahin damit wir machen was wir alle so wollen. Also naja- so mit erstmal merken was wir eigentlich wollen und so und dann bereden und dann eben auch machen. Wär doch voll Affenscheiß wenn wir dann immer nur machen was sie will.”
“Ja vielleicht! Du sagst vielleicht! Und aber was ist, wenn es nicht so ist?”
Über uns knallen die Ahnungsdonner und unter uns zittert der Boden. Wir verstummen.
Unter diesen Schreien, die aus den kleinen Herzen auf meinem Rücken kommen, kann man, selbst wenn man selbst zum Schrei würde, einander nicht mehr hören.
Die beiden krabbeln unter meine Flügel, während ich versuche eine schlimme Gegenwart, als sichere Gegenwart darzustellen und zwischen meine Federn zu bringen.
Vor den Horden die das Vielleicht noch ausschmücken und uns Beweise für ihr Wissen vorhalten wollen, gibt es leider keinen Schutz.
Noch nicht.
Die Erde über die sie stampfen ist bereits ausgedörrt und rissig.
Es ist lediglich eine Frage der Zeit, wann es zu Spalten kommt.