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irgendwo sein

upupandawayUnd dann ist es doch wieder eine Zeit, in der ich in einen Telefonhörer hinein sage: “Ich weiß ja auch nicht, was ich bei der Frau Doktor soll. Meine Therapeutin hat gesagt…”

Ich bin da. Ich bin präsent und verhalte mich. Und alles zieht an mir vorbei.
Ich bemerke das, bin bewusst dafür, dass ich zur Zeit so viel dissoziiere wie zuletzt vor Jahren. Ich habe Wörter. Ich habe Ressourcen. Ich stapfe durch die Tage und bin und bin und bin.

Ich sitze vor meiner Neurologin und sage ihr: “Ich glaube nicht, dass es epileptische Anfälle sind. Ich weiß doch, wie meine Traumametaphorik ist.”. Ich schüttle den Kopf und erwarte eine Art blechernes Scheppern, das die ganze Welt durch meine Ohren wahrnehmen kann.

Die Neurologin und ich gehen ins elfte gemeinsame Jahr und ich habe immer noch das Gefühl einen Fehler zu machen, wenn ich von “uns” statt von “mir” spreche. Ich muss mir noch immer mein Menschenkostüm über die Ellenbogen ziehen, weil sich meine Seelenphysis auf ein jugendliches Mädchen zusammenkrümelt.
Noch immer kämpfen wir um die Unantastbarkeit des Verbotes von Benzos jeder Art, wenn wir die Treppen zu ihrer Praxis hochgehen.

Während wir uns gegenüber anderen Helfer_Innen, Mediziner_Innen und gemochten Kontakten immer wieder so aktiv um Bindung und Beziehung bemüht haben, um letztlich zu scheitern, so irrelevant waren diese Kämpfe und Bemühungen bei ihr. Wir sind immer wieder als undefiniertes Wurschtelknäul bei ihr aufgeschlagen und als undefiniertes Wurschtelknäul wieder gegangen, ohne, dass es ihre Position als unsere behandelnde Ärzt_In oder unsere als Patient_In berührt hätte.

Sie sagt nicht so bohrende Dinge wie: “Das macht Ihnen Angst, nicht wahr?”, wenn ich sage, dass ich alle 2 bis 3 Tage die Kontrolle über meinen Körper verliere. Sie fragt, was ich davon merke, was ich dazu denke. Ich habe nie den Eindruck, dass ich mit ihr über meine Gefühle dazu reden müsste. Es ist irrelevant für unser Gespräch, unseren Kontakt, für ihr Bild von mir, ob ich das tue oder nicht.
Ich bilde mir ein, dass sie nicht über mich nachdenkt und das erleichtert mich.

Ich glaube, sie ist die einzige Helfer_In hier in der Stadt, die alle unsere Vermeidungstänze und Krankheits- oder auch Symptomkonstruktionen chronologisch mitbekommen hat.
Von “das sind die Anderen- ich weiß auch nicht” bis “vielleicht habe ich einen Tumor” bis “haben mich die Medis, die ich als Jugendliche kiloweise essen musste, vielleicht hirnkrank gemacht?” bis “ich bin Viele aber nicht die Anderen” – ist alles schon in Wörterschlangen aus unserem Kopf in ihren hineingekrabbelt und hat nichts bewirkt.

Am Montag haben wir unsere Akte bei ihr gesehen.
Ein ganz schmales Papierstäpelchen mit Klinikberichten und Konsiliarberichten drin.
Ich glaube, das ist die erste Akte zu uns, die ordentlich, sachlich, ganz und gar unbedrohlich ausgesehen hat.
Irgendwie einfach nur da. Nur präsent und weiter nichts.
Wir hatten auch schon Akten von uns in der Hand und vor Augen, die man mit beiden Händen tragen musste und aus denen an den Rändern Zettel herauslugten, wie Maden aus einer Biotonne.

Am Montag saß ich in ihrem Zimmer und bemerkte, dass es mir oft fehlt zu fühlen, dass nur relevant ist, was ich selbst auch weiß. Dass das gemeinsame Wissen das ist, was ich weiß. Über mich, über mein Viele sein, über die wissenschaftliche Seite der Dissoziation über meine Empfindungen dazu. Ich habe gespürt, wie viel freier ich Dinge bei ihr ausdrücke, gerade, weil sie nicht wie meine Therapeutin sagt (und sagen kann) “Ich weiß Dinge über dich und dein Leben, die du nicht weißt”.

Sie hat mich gefragt, ob ein Klinikaufenthalt eine Option wäre.
Ich erinnerte sie daran, dass sie mir vor einem halben Jahr gesagt hatte, die beste Option sei die ambulante Psychotherapie. Und sie sagte: “Wenn es Ihnen aber immer schlechter geht, dann stimmte das nicht.”. Einfach so.
Weil es mir ‘schlechter’ geht, ist ihre Annahme falsch gewesen. Nicht ich. Nicht das, was ich mit meiner Präsenz auslöse.

Irgendwie beruhigt das etwas und ein paar Jemande in mir.
Es gibt so viele Menschen, denen ich Angst mache. Die unruhig werden, wenn ich da bin. Es gibt so viel an mir, das Menschen einfach nicht stehen lassen können. Nicht bei sich selbst verorten möchten. Es gibt so viele Menschen, die mich irgendwohin schicken, ohne mir zu sagen, warum ich dort überhaupt hin und sein soll.

 

 

Klinikgedanken

Mohnund dann sind sie da, die Klinikunterlagen.
Wartezeit: ein Jahr – vermutlich ab Bewilligung, die in meinem Fall von einer Einzelfallentscheidung einer Rentenkasse, in die ich noch nie einzahlen konnte, abhängt

Ich stand am Fenster, spielte mit dem Umschlag herum und dachte darüber nach, ob ich mir mit den Gedanken an einen Aufenthalt nicht doch irgendwie eher eine reinhaue, als mir eine Hand zu reichen.
Vor 5 Jahren glaube ich, war ich das letzte Mal angebunden an eine Klinik für Psychotherapie und fand es mittelhilfreich.
Wenn ich mich für diese andere Klinik entschiede und das bewilligt würde und die Klinik sagte: “Ja”, dann wäre ich nicht nur “angebunden an eine Klinik” – ich wäre mittendrin. Vollstationär, “Zillionen Kilometers weit weg!” und dann auch noch ohne NakNak* und so wie ich halt bin.

Ich habe von der Klinik von anderen Menschen mit DIS gehört, die sich allerdings alle in anderen Lebenssituationen als ich befanden.
Wo es noch viel darum geht: “Oh G’tt multipel und was- wo wie –äh hümm ich bin vielleicht eigentlich gar nicht da aber uhääää *strampel* “ oder auch TäterInnen*kontakte, Symptome verstehen, Stabilisierung und so weiter. Ich würde jetzt nicht von mir behaupten, dass ich schon fertig bin mit meinen Vermeidungstänzen oder, dass ich immer jedes Symptom sofort einordnen und regulieren kann, aber es ist als Thema nicht mehr so groß und ich bin davon weg MedizinerInnen* und PsychotherapeutInnen* zu idealisieren, ohne es zu merken.

Ich glaube am Anfang war es wichtig für mich meine HelferInnen und TherapeutInnen so hochzuheben und ihnen viel Macht zuzuschreiben, um meine eigene Ohnmacht vor dem was mit und in mir passiert als wahrhaftig anzuerkennen. In der Hinsicht hat mir die Pathologisierung meines Leidens schon auch nicht nur geschadet. Gegen Krankheit kann man sich halt schlecht wehren- da ist man eben ohnmächtig und krank und das Thema “Schuld” kann gut beiseite gestellt werden.
Aus der Klinik habe ich bisher nur höchste Lobestöne gehört und das macht mich gleich mal misstrauisch hoch zehn.

Und dann, selbst wenn die BehandlerInnen* gut sind…
dann bin ich Patientin. In einer Klinik. Drin. Mit Hausordnung, Pflegedienst, MedizinerInnen, Fremdbeguckung und anderen PatientInnen*.
Dann heißt es “Guck in dich rein- ich guck dich dabei an” , was ich schon im Rhythmus von einmal in der Woche jetzt schwierig finde.

Und es gibt Quasselgruppen. Also eine Quasselgruppe für Menschen mit DIS. Find ich gut.
Noch.
Wahrscheinlich finde ich das exakt so lange gut, bis ich das erste Mal ungeduldig werde. Oder “zu politisch drauf komme” was, wie ich ja inzwischen auch gelernt habe, auch mal total doof ist, wenn man Viele ist. Dann hat man ja größere Leiden als seine Umwelt.
Und ganz eigentlich erzählt man sich in Gruppen doch eh immer vor allem, dass man kennt, wovon die anderen erzählen. Mir ist das in der Regel voll egal, ob andere Menschen kennen, was ich kenne. Wobei soll mir das Wissen darum denn auch helfen? Oh wait- is there any political thing…?

Und- FakerInnen*
Es gibt keine Orte neben Internetforen, wo man häufiger auf FakerInnen* trifft und gleichsam ohnmächtig davor ist, es sei denn man ist eine gute Admine.
Ich habe schon Menschen unter dem Label DIS kennengelernt, die dreist ohne Ende und eigentlich für alle nachvollziehbar, die inneren Landkarten von anderen PatientInnen* kopiert haben, Verhaltensweisen übernommen und Geschichten erfunden haben und trotzdem nicht damit konfrontiert wurden von ihren BehandlerInnen*.
Und das inmitten der üblichen Klinikdynamiken, in denen Zuwendung und Aufmerksamkeit eine Währung ist, die kongruent zu Personalmangel und Bürokratie in ihrem Alltagshandelswert sinkt oder steigt.

In jeder Klinikgruppe gibt’s die Klapsmami, die für alle alles macht und immer für alle da ist- außer für sich selbst.  Es gibt das Huschi frisch drin und so voller Verwirrung und Angst, dass es eigentlich gar nicht da ist, es sei denn, jemand ist bei ihm. Der Großteil der Gruppe ist schweigend wenn’s drauf ankommt und leicht hin- und herschiebbar- perfektes Futter für den Spaltpilz, der ebenfalls immer mindestens einmal da ist und alle kontrollieren muss, um sich selbst nicht zu verlieren. Und in so eine Gruppe komme ich dann und es ist so “Heeemenememjemääääh mmmm gehweg!”
Wenn ich was sage, ist das nicht falsch- aber passend irgendwie nie. Wenn ich was mache, ist das weder super noch grotte, hat für mich aber einen Rattenschwanz, den ich einigermaßen fühle, aber nicht weiter benenne. Ich brauche niemanden und will das auch nicht und irgendwie ist das ein Umstand, der in Kliniken immer irgendwie komisch kommt.

Zum Einen wirkt das immer so, als würde ich sagen: “Ich brauche diese Hilfe hier nicht” (obwohl ich in der Regel sagen will: “Ich will nicht gerettet werden bitteschön- kann ich auch alleine”) und zum Anderen als würde ich denken “ihr seid alle zu [… irgendwas…] für mich” (obwohl ich in aller Regel nur sage, dass ich lieber für mich rummache, anstatt zu sagen “Hallo du bist ein Mensch- Menschen sind gruselig!”)

Und dann: meine Klapsenjugend und das Innen, das bis heute nur darauf wartet, dass die Therapeutin es “reinlegt”, wie “es alle diese Leute (TherapeutInnen) tun”.
Es ist ein Thema sich in äußere Strukturen reinfallen zu lassen und nicht wieder raus zu gehen oder raus zu wollen. Es gibt Innens, die nichts anderes, als das kennen. Die nicht geschockt sind von um sich beißenden sabbernden, wirr redenden oder anderen irgendwie aus der Welt gefallenen Menschen. Die arbeiten an ihrer Selbstzerstörung und sind dumpf für ein “Außen”, ein “Morgen” oder eine “Heilung”.
Wie viel Zeit werde ich damit verbringen, da Orientierung rein zu bringen und wie viel Arbeitskraft wird dafür drauf gehen diese zu halten?

Und daaaaahaaaann das, weshalb ich ja eigentlich darüber nachdenke, ob es mir hilft da zu sein.
Ich hab nicht so richtig das Gefühl, dass wir ambulant da so dran kommen. Entweder grätscht uns der Alltag in den Strang rein oder wir kommen erst kurz vor Ende der Stunde überhaupt nah genug dran, um kurz zu gucken und dann wieder zuzumachen. Das reicht um ein gewisses Level zu halten und ist deshalb gut und wichtig, aber so richtig den Dreh, den es braucht, gab es bis jetzt nicht.
Würden wir den hinkriegen, wenn wir mit einer total fremden Therapeutin* reden? 2 Mal in der Woche?
Ich habe keine Ahnung und das nervt mich.

Vor 10 – 11 Jahren etwa kostete ein Klapstag angeblich 500€.  Sollte ich nicht ein bisschen sicherer in meiner Einschätzung sein, wenn ich gedenke etwa 60 Tage lang um die 500€ aus der Krankenkasse rauszuziehen?
Sollte ich nicht weniger “Gnah Menschen…” in mir fühlen? Sollte ich nicht mehr “Wohooo Heilung juppie eiyo!” – Drive drauf haben? Sollte ich nicht ehrfürchtiger vor der Rettungsenergie von BehandlerInnen* und HelferInnen* stehen? Weniger Angst vor der Trennung vom Hund haben? Weniger Angst vor der räumlichen Entfernung von meinem Bullergeddo, meiner Therapeutin, meinen Gemögten, meiner Muchtelbutze mit all ihrem Dreck und Schrunz haben?

Es ist doch auch alles gut.
Morgen fahre ich zum queer-feministischen Sommercamp und gebe einen Workshop. Ich hab Vortragstermine und mit ein bisschen Glück hab ich gerade etwas produziert, was anderen Menschen mit PTBS hilft. NakNak* und ich sind ein gutes Team, ich hab Gemögte, ich habe sogar die letzten Tage in meinem Bett geschlafen. Ich hab Geburtstag gefeiert, Pflanzen nicht umgebracht und meine Zukunftsvisionen entwickeln gerade rudimentäre Arme und Beine. Ist doch alles prima.
Ist doch nur… also, es ist ja …

 

[… insert kakophones Grunzstöhnen vor dem Hintergrund eines anhaltenden Kopf —> Tisch – Geräuschs…]

(orrrwiesobinichsoeinwankelmuckschesHörnchenverdammt?!)

und . und . und .

Resilienz “Ich bin grad leicht zu erschrecken”, hatte ich gesagt.
Dachte: “Ich werde an einer Krankheit sterben, die einen komplizierten Doppelnamen mit “Syndrom” hinten dran hat. Ich muss zum Arzt- ich brauche Hilfe. Jetzt.”.

Und weiß Stunden später: Ich bin getriggert.
Der Gedanke ans Sterben, diese Einbahnstraße, die ich doch immer wieder überhaupt betrete, weil Sterben so viel Ähnlichkeit mit Stopp hat.
Ich denke die ganze Zeit: Stopp. und Nein. und Ende. und Nein. und Stopp. und Halt.

 

und

 

es

 

hört

 

nicht

 

auf

 

Der Gedanke an Hilfe, die Stopp machen soll. Jetzt.
Dieses Jetzt, das so keinen Millimeter Platz für “gleich” hat. Kein Quäntchen Raum für “ChipkarteNameGeburtsdatumAdresseWiesohabenSieeinenvernarbtenKörperMachenSiePsychotherapie?” erübrigt.
Diese Hilfe, die mein Leben rettet, während sie seine Ränder abschneidet und mit dem Hacken auf dem Boden verreibt.
Pulverisiert.
Zersplittermultipliziert.

Und nichts verändert, denn es ist doch irgendwie das Gleiche, wie das Gegenteil von Stopp. und Nein. und Ende. und Nein. und Stopp. und Halt.

Ich bin getriggert und in den Hyperarousel gekippt.
NakNak* schläft neben mir, das Laptop summt und irgendeine Macht beißt mir ein Loch nach dem anderen in den Beckenboden.

Ich kann malen. Ich kann denken. Ich kann Skills runter- und G’tt anbeten.
Ich kann alles, was ich will.
Außer machen, dass es aufhört.

Von Schwester Britta weiß ich, wie man Pulse zählt.
Von Doktor House weiß ich, was eine Carotismassage ist.
Von Emergency Room weiß ich, dass es super ist, so etwas mal zu können.
Im Notfall.
Wenn Sterben ein Thema ist und wie ein Klangteppich aus Piepsen und Synthesizern über der Szenerie wabert.

167
158
153
150
145 Pulspochklopfer von unter der nerventoten Haut an meinem Handgelenk
Wie das Herz eines Tierchens, das ich mit der Bewegung streichle.

Ich schaue mir Pickeldy und Fredrick an und amüsiere mich.
Ich lache und lasse eine riesenhafte Faust meinen Leib aushöhlen, wie einen Kürbis.

Lachen ist gesund. Wirkt auf den Blutdruck ein.
Es macht das auffällige Tierchen in meinem Hals zu einer friedlich schlummernden Kugel nahe am Kiefergelenk.

Dann war ich allein mit meinem Stopp. und Nein. und Ende. und Nein. und Stopp. und Halt.
Dem
Bitte
ohne Satzzeichen
ohne Adressat
ohne Briefmarke drauf

in einer Flaschenpost durch meinen Kopf

Diesem Bitte und Stopp. und Nein. und Ende. und Nein. und Stopp. und Halt, mit dem ich mein Hier und Heute verkorke.
Mir eine Insel erschaffe, auf der ich mir die Dauerwerbesendung zur Illusion der Macht über sich selbst anschaue.

Mir Gedanken zur Theorie des Stoppsterbens mache und eine zweite Ibuprofen zusammen mit der Notfallmedikation in das schwarzblutende Loch unter meiner Brust fallen lasse.

“Ist gleich vorbei. Gleich schlafen. Gleich. und Bald. und Ja. und Schlafen. und Gleich.”, sage ich dem winselnden Klumpen rohen Fleisches unter meinem Menschenkostüm und warte mein Warten.

mein Schweigen und die Therapie

helldunkelmischNachdem ich in der letzten Woche so mit einem Schweigen rang, so sehr um meine Lautsprache kämpfen musste, saß ich in der Therapiestunde und versuchte das Schweigen weiter in Worte zu wickeln. So fest wie es ging, um es an einem Ende der Therapeutin in die Arme zu legen.

Hatte sie doch gesagt, sie könne etwas aus-halten.
Wollte ich doch nur, dass sie etwas mit mir hält, was mich drückt.

Mir fiel auf, wie viele Schichten Worte ich über die Jahre bereits darum gewickelt habe.
Und wie sie anfing eine Schicht nach der anderen abzutasten- lose Fäden ohne Sicherung herunter hängen zu lassen und das Bündel immer wieder zurückzuschieben, wenn der leere Kern erste Schatten voraus warf.
Immer dann wenn ich denke: „Jetzt ist es gut verpackt und liegt auch noch woanders- jetzt kann ich- jetzt darf ich das Verschwiegene bündeln und aus seinem Nest in meinem Bauch- und Rippenfell herausklauben.“, dann liegt mein Schweigen wieder unverpackt- unversichert- ungebunden auf meinem Schoß und versucht sich wie ein Korsett um meine Mitte zu legen.

Seine Fänge wandern meinen Hals hinauf und drücken zu. Stopfen mir Mund und Nase zu, bringen mich dazu durch die Augen atmen zu wollen. Mein Schweigen ist ein nebulösschwarzschreiendes Biest, das mir die Ohren rauschen macht und mir das Denken vernebelt.

Am Ende war ich dankbar um die Wut der verletzten Ungeholfenen hinter mir.
Ließ mich und meinen Mund sagen, dass es doch nicht die Hilfe der Psychologie- der Psychotherapie- sein kann, für alles ein Wort zu haben.
Sie begann einen Satz mit „Doch….“

und das Schweigen tötete mich für einen Moment.

Jetzt sind viele Stunden vergangen und ich halte es, wie auf eine Spindel gespießt, in der Hand und wickle erneut Worte darum herum.

Ein anderes Innen soll herausfinden, was gesagt werden darf.
Ich fange an zu zweifeln, ob je eines meiner gewickelten Worte gehört wurde.
Frage mich wieder, ob ich selbst das Schweigen bin.

Bin ich für sie?
Sichtbar?
Hörbar?
Warum sagt sie mir nicht, was sie hört, damit ich höre, ob sie mein Schweigebündel gehört hat und mit mir hält?

Ich fühle mich alleingelassen mit meinem Schweigen.
Und jetzt auch noch hilfe-los, weil ich beim „Therapie machen“ versage, obwohl ich mich an die Regeln halte.

Die Ungeholfenen brüllen und haben Recht.
Helfer sollen helfen. Sie sollen nicht lügen, dass man Hilfe bekommt, wenn es keine Hilfe ist. Hilfe ist nicht allein Erkenntnis. Sprache ist hilfreich- aber keine Hilfe.

Ich schweige- trotz funktionierender Sprache.

Und nun weiß ich endgültig nicht mehr, was ich dort in der Therapie soll.
Weiß nicht einmal mehr in welche Richtung ich überlegen soll, wenn sie immer wieder sagt, wir sollen uns überlegen, was wir bei ihr wollen.
Waren die Antworten darauf falsch oder hat sie sie nicht gehört?

der Fragebogen

Wir hatten heute den Anamnesebogen einer Klinik im Briefkasten.
Nachdem ich meine „Mimimi“ piepsende Chuzpe unterm Tisch hervor geholt habe, schaue ich ihn mir genauer an.

Solche Fragebogen sind für uns manchmal wie eine Art Minenfeld. Kam mir die Frage der Sekretärin der Klinik nach meinem Alter schon vor wie eine Trickfrage, so sind solche Bögen eine Mischung aus Spiegelkabinett mit doppeltem Boden und Jokergesichtern, die aus dem Nichts auftauchen.

Mit dem Personalausweis und Schriftstücken als Balancestab in der Hand, lassen sich noch Namen, Adressen, Telefonnummern; die Frage nach Geburtsort und Nationalität leicht meistern. Manches kann ich auch auswendig aufsagen, wie ein Gedicht von jemand anderem.

Aber dann:
Familienstand- unverheiratet… oder? Bin ich gerade in einer Beziehung? Was meint „Beziehung“? Kontakt mit Mög/ Sex/ sonstigen Additiven oder „Ich liebe dich so ever and ever und wir werden nie auseinander gehen?“ Gilt auch die Bezeichnung „in die Welt rausgespuckt und an anderen Menschen festgeklebt“?

Ha! Immerhin kann ich einen Schulabschluss richtig angeben. Ätschibätsch in einen einen doppelten Spiegel.

Beruf.
Wie lautet ihre genaue Berufsbezeichnung?
Versagerin, Sitzwärmerin und Statistik-positiv-Beeinflusserin beim Jobcenter, Sozialrotzbeton im Pflaster der kapitalistischen Leistungsgesellschaft die unser Leben antreibt…? Hm. Nee, das geht nicht. So jemandem helfen die da bestimmt nicht.

Wie lautet ihre genaue Berufsbezeichnung? Tätigkeitsbezeichnung
Bloggerin, „Frau, die dir baut, was du dir wünschst“, inoffizielle Beraterin
Na? Ich find das gut. Wäre das ein Bewerbungsschreiben und ich Chefin, würd ich Talent zur Schönfärberei sehen und so jemanden in meine Werbeabteilung setzen.
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Wie ist ihre derzeitige berufliche Situation?
Sehr geil- da gibts ein Kreuzchen für „unbekannt/ unklar“- zack! Hin da.

Ne- so gut in Schwung und dann kommt doch die Jokerfratze aus dem Boden geschossen und fragt:
Welche zukünftigen Berufspläne haben Sie?
Autsch. Nach dem ganzen Bewerbungsmarathon, den Einblicken in die Förderungsmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt (eins bis drei) für Menschen mit (seelischen) Behinderungen, haben wir das irgendwie mehr oder weniger abgehakt. Uns erscheint es immer wieder wie eine Möhre die uns Eseln vor die Nase gehalten wird, damit wir nicht sehen, durch was für eine ekelhafte Scheiße wir gerade laufen.
Antwort: utopische
– um dann wieder zu denken, dass wir sicher keine Hilfe da kriegen, wenn wir das so stehen lassen. Also wird ein kleiner Text zusammengefrickelt, der deutlich macht, dass es schon noch realistische Wünsche gibt, die aber eben noch Zeit brauchen.

Es wird persönlicher.
Sind sie schwanger? -Himmel- ich hoffe nicht?! Ja? Nein? Ja? Nein? Hat irgendjemand gerade eine Sexbeziehung und ich weiß nichts davon?
Wie ist ihr Appetit? -existent- Haken hinter. Das weiß ich ganz sicher. Phu.
Probleme in der frühkindlichen Entwicklung – bitte fragen sie ihre Familie. Autsch. Würde gerne hinschreiben, dass ich meine frühkindliche Entwicklung nicht mitgekriegt hab und glaube, dass es meiner Familie genauso geht. Gilt aber nicht. Schreibe auf was ich irgendwann mal mitbekommen hab.

Dann 37 mögliche Beschwerden zum Ankreuzen.
Ich hab das alles und eigentlich aber nichts davon. Ich frage mich, ob sich die MacherInnen des Fragebogens darüber im Klaren sind, dass für manche ihrer Klienten der Begriff des „Leidens“ eine Definitionsfrage ist. Offenbar nicht.
Jetzt kommen noch Drogen, Süchte, selbstverletzendes Verhalten und Suizidversuche.

Erst kurz vor knapp kommt eine schöne Frage:
Welche positiven Fähigkeiten haben Ihnen in der Vergangenheit geholfen, emotionale Belastungen zu meistern?
Hach. Das ist schön. Ich fands immer total cool, wenn sich irgendwann in einer Klinikzeit oder so gezeigt hat, dass irgendein Innen irgendwas kann. Ob richtig gut oder einfach nur so mittelgut oder irgendwas halt gerne macht, ist mir da egal. Ich hab lange gedacht, dass ich die bin, die alles können muss, weil ich von den Anderen immer nur mitgekriegt hab, was sie nicht können oder wovor sie Angst haben oder was sie blöd finden. Dann war ich nämlich da. Wenn ich weiß, dass die Anderen etwas Anderes können (vielleicht ja sogar, was ich nicht kann) dann ist es irgendwie leichter. Jedenfalls fand ichs dann leichter auszuhalten, dass die überhaupt da sind.

Zum Schluss Erwartungen an die Behandlung.
Würde gerne: „Rettet mich einfach“ hinschreiben. Sowas wird aber meistens nicht so gerne gelesen. Oder gehört. „Repariert mich halt“. Hm. Geht auch nicht.
Ich finde die Frage blöd und will sie nicht beantworten. Ich müsste lügen und das ist kacke.
Vielleicht ist es keine echte Lüge, wenn ich schreibe, dass wir was klar kriegen müssen, weil wir sonst richtig zusammenbrechen, aber es ist auch nicht, was ich denke.
Solche Fragen wollen immer hören, dass man ein lieber Patient sein will und alles für den Behandlungserfolg tun wird. Das Ding ist aber, dass wir uns dahin wenden, weil wir schon alles tun bzw. getan haben, was wir konnten, das aber halt nicht reicht.
Das Feld ist noch frei. Vielleicht fällt mir noch was Knackiges ein wie: „Ich erwarte, dass mir da jemand gegenüber sitzt der mir nicht sagt, dass ich was ändern soll, aber verschweigt was.“ oder „Ich erwarte, dass ich da rausgehe und ohne Theater essen, trinken,schlafen, laufen… halt einfach besser leben kann.“ Vielleicht krieg ich da noch die Rettung untergeschoben, ohne, dass es klingt als würd ich mich da abgeben wollen.

Vielleicht bau ich mir in diesem Fragebogen auch einfach ein Nest und lass das ein anderes Innen beantworten.
Meine Chuzpe winselt immernoch und ich merke, dass mich der Satz schon wieder total runterzieht in sein fieses schwarzes Loch. Vielleicht ist das mit der Klinik so eine dieser wundergut-fantastischlimm Kisten. Ich bin nicht gut darin sowas auszuhalten.

Vom Fühlen ins Handeln kommen

Diese Woche wurden Ergebnisse einer sozialwissenschaftlichen Studie der Uni Bielefeld bekannt gegeben. Sie zeigte, dass fast ein Viertel (22,3 Prozent) von Erwachsenen oft oder manchmal geschlagen (28 Prozent davon sind Kinder ab sechs Jahren, etwa 17 Prozent Jugendliche) werden.
Die „
Bild“ hat daraus gleich mal einen Schlachtruf: „Rettet die Kinder“ gemacht und die „Taz“ stürzte sich auf die sozialen Umfelder der Kinder.

Ich saß hier und fragte mich, wieso ausgerechnet der Pharmariese Bayer diese Studie in Auftrag gegeben hat und nicht der Staat selbst. Dieser steht nämlich in der Pflicht die Menschen in diesem Land vor Gewalt zu schützen und sollte, meiner Meinung nach, folgerichtig auch dafür sorgen, dass erlassene Gesetze eingehalten werden. Indem er zum Beispiel eine Umgebung schafft, in dem Kinder zu ihrem Recht auf gewaltfreie Erziehung kommen und dies mittels Studien/ Bevölkerungsumfragen überprüft.

Mehr gibt es nämlich nicht. Nur dieses Recht auf Gewaltfreiheit. Nicht etwa: ein Verbot von Gewalt (an Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und erwachsenen Menschen).

In den letzten Jahren wird immer öfter über Kinder berichtet, die von ihren Eltern getötet, schwer misshandelt und auf verschiedene Arten gequält wurden. Es folgt eine Welle der Empörung, der „Kinderschänder an die Wand“- Rufe und Schimpftiraden auf das zuständige Jugendamt. Dann ist die Story abgenudelt und wir kommen zum Sport, zum Wetter und den Stars.

Immer wieder kommt im Empörungsrausch: „Ja wieso haben die das Kind da nicht rausgeholt?“, „Wieso wird so viel Gewalt gebilligt, bis da endlich mal was passiert?!“, Schlechte Eltern!“.

Ich persönlich, kenne keine schlechten Eltern. Aber viele Menschen, die Eltern wurden und schlecht mit ihren Kindern umgingen, weil sie es nicht „gut“ konnten oder auch nicht wollten.
Diejenigen die es nicht können, profitieren sehr von Hilfestellungen von außen und können die Gewaltspirale verlassen.
Die, die es nicht wollen, wissen entweder, wie sich sich aus dem Radar des Staates herausziehen können oder fallen durch die Raster der Möglichkeiten der Hilfen. Sie fallen erst auf (und werden zur Story), wenn ihre Kinder tot sind.

Ich habe ein gewisses Grundverständnis dafür in großer Emotion die Ratio, Ratio sein zu lassen und die Sache mit dem Weiterdenken auf später zu verschieben. In Bezug auf Gewalt an Kindern hingegen, so denke ich, sollten wir seit den Erfolgen der großen Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts eigentlich langsam mal fertig sein mit dem Emotionswirken allein. Zu der Zeit begann man bereits sein Handeln und Denken zu hinterfragen und bildete die Grundlage für neue Ansätze und Umgänge, die sich bis heute immer wieder neu aufnehmen und mühelos anpassen lassen.

Wir sind soweit, dass wir Gewalt ablehnen.
Aber immer noch nicht soweit, zu gucken, wie man ohne zurecht kommt. Ob nun als Opfer oder als Täter.
Und wir denken immer noch, Heime seien besser für Kinder als ein Leben in einem Umfeld, das ihnen nicht gut tut- aber Chancen zur Veränderung hat!

Meiner Meinung nach, spielt hier mit rein, was ich im Artikel „Heim, Klapse, Knast“ schrieb: „Weggeben ist leichter als Annehmen.“. Doch wem hilft das?

Eine Familie die im Chaos lebt, dessen Spitzen sich an den Kindern entladen, hört nicht auf im Chaos zu leben und Gewaltpotenzial zu nähren, wenn die Kinder da raus sind. Die Eltern lernen keinen anderen Umgang mit ihren Kindern, wenn diese nicht bei ihnen wohnen. Sie können gebildet werden, können sich Wissen aneignen, wie ein gewaltloser und friedfertiger Umgang aussehen kann. Doch an dieser Stelle denke ich, haben wir es mit einem klassischen Fall von: „Bildung hilft- nutzt aber nix.“ zu tun.
Was nützt der beste Vorsatz und das festeste Wissen, wenn die Kinder dann wieder da sind und alle auf einmal Brechdurchfall haben, die Nachbarn auf jedes Mucken aus der Wohnung der „schlechten Eltern“ mit dem Jugendamt drohen (und damit eine Instanz, die Hilfen zu vermitteln verpflichtet ist, zur Waffe machen!) und niemand dann (und zwar genau DANN!) zur Seite steht?

Was geht in den Kindern vor, wenn sie auf einmal in ein Heim sollen?
Es hat sich viel getan in der (Heim- und auch Schul-) Pädagogik und doch ist es eine Massenverwahrungsstelle in der man die Aufmerksamkeit und Nähe zu Erwachsenen nicht nur durch die Anzahl der Geschwister, sondern die Anzahl der Mitbewohner, des Telefons, des Alltagsgetümmels teilen muss, noch während man seine Eltern vermisst, die Umgebung und Gegebenheiten verarbeiten und in sich integrieren muss, was man nach Jahren von Gewalt- und unsicheren/ chaotischen Bindungserfahrungen nur schwer bis gar nicht kann.

Ein Heimkind ist in der Regel einsam.
Alles was mit ihm zu tun hat, ist diffundiert in Behörden, Gesetze, Richtlinien und Konzepte. Für ein Kind ist das eine graue Eminenz, die alles bestimmt, doch nie mit ihm spricht.
Das Umfeld verdient an der Obhut Geld. Zeit und Raum werden zum heiligen Gral der Privilegien.

Wir wissen heute so so so viel mehr darüber was Gewalt für Folgen hat und doch nutzt uns all diese Bildung nichts, wenn wir wieder von solchen Studienergebnissen, der schrecklichen Lebensrealität von Kindern oder Gewaltopfern allgemein stehen.

Mich hat diese Studie nicht überrascht. Sie gleicht unzähligen Studien aus anderen wissenschaftlichen Bereichen und hat für mich lediglich Aktualitätswert. Außerdem halte ich es für eine Frechheit, dass sich Pharmakonzerne auf Kosten der Opfer mit einem „Wir sind sowas von sozial engagiert und nah am Menschen“- Aufkleber bedeckt, gleichzeitig aber an ihrem Leiden verdient, in dem es Psychopharmaka und andere medizinisch relevante Mittel herstellt.

Ich warte auf Lösungen und Handlungen, die solchen Zahlen entgegen wirken.
Ein Zweig davon ist bereits installiert, doch mangelhaft. Das Jugendamt und all seine Möglichkeiten zum Beispiel, Familienberatungsstellen, die dünn gesät und überlaufen sind, sowie das Modell der „
Elternschulen„.

Das Stigma der „schlechten Eltern“, ist durchschlagend und hinderlich.
„Wer ein schlechtes Elter ist, kann ja gar nichts richtig machen. Ist minderwertig/ böse/ schlecht durch und durch, vielleicht nicht ganz dicht und gehört selber auch weggesperrt.“
Wer hört, er sei ein schlechtes Elter, kommt in Anpassungsstress und den Druck es Außenstehenden recht zu machen (nicht es sich und seinen Kindern recht zu machen!). Dabei ist Druck und Stress das Letzte was jemand, der sich in Gewaltorgien Luft macht, noch braucht.
Und welches „schlechte Elter“ geht irgendwo hin und sagt: „Ich brauche Hilfe.“?

Aber welches auch „schlechte Elter“ würde es ablehnen, wenn jemand käme und sowas sagt wie: „Boa, du siehst aber schlecht aus- soll ich mal ein paar Stunden auf die Kinder aufpassen, damit du deine Sachen in Ordnung bringen und dich mal ausschlafen kannst?“- es ist eher das Elter, dass das Leid seiner Kinder wirklich will (und braucht), als das, das echt unterm Zahnfleisch läuft.

Die Annahme, dass jedes Elter das Beste tut, was es eben gerade kann, brauchen wir. Wir alle. Auch wenn wir andere Maßstäbe und Anforderungen an uns selbst haben.
Für die einen Eltern ist der Anspruch seine Kinder von 8 bis 18 Uhr  in Sprache, Sport oder was weiß ich auszubilden- für die Anderen die Kinder grundversorgt zu bekommen, ohne zum Täter an ihnen zu werden.

Ich habe die Schnauze voll davon, dass sich sogar Eltern untereinander ihre Elternschaft zum Wettbewerb machen und das in die ganze Gesellschaft hinaus tragen. Dass so oft und immer wieder die Basis- nämlich das Leben der Kinder selbst- so massiv zur Seite geschoben wird und man sich in Kürschnörkeln rund um „gut“ und „schlecht“ verliert (und dabei dann eben auch abschiebt, statt anzunehmen), nur um seine Angst vor dem Versagen als Eltern zu beruhigen.

Man ist ein Elter sobald man ein Kind gezeugt oder geboren hat. Dann ist man Mensch mit Versorgungsauftrag und Verantwortung über ein Kind. Nicht mehr und nicht weniger. Der Begriff des Versagens über diesen Auftrag allein, reicht nicht um etwas zu verändern.
Zu versagen kann immer passieren- doch das heißt nicht, dass damit immer und in jedem Fall der Auftrag als solcher abzunehmen ist. Er hat erst einmal unterstützt zu werden, vielleicht umkonstruiert zu werden.

Gewalt an Kindern geht weder weg, noch wird sie ungeschehen dadurch, dass man sie in Heimen oder Pflegefamilien unterbringt.
Gewalttäter hören nicht auf Gewalt auszuüben oder zu leben, oder zu phantasieren, wenn sie keine Opfer mehr im Haushalt haben.

Was wir wissen müssen, um Gewalt zu verhindern und zu verwandeln, wissen wir längst.
Es wird Zeit dieses Wissen anzuwenden und zwar mit allen verfügbaren Hilfsstrukturen die wir haben. Und seien es unsere eigenen zwei Hände, die wir helfend hinhalten, wenn wir sie selbst gerade frei haben.

Täter_Abkehrschmerz_Kontakt Teil 5

Und dann ist da der Schmerz der kommt, spürbar ist und bleibt.
Freiheit sollte keinen Preis haben.
Für Menschen ohne Ressourcen hat sie das aber unter Umständen schon.

Ich muss, während ich dies schreibe, an den Kommissar a.D. Hr. Paulus denken, der bei der Tagung, so emotional für frühe Interventionen eintrat. Wir waren verdammt früh dran, für alles das was in unserem Leben passierte und doch scheint es für uns als Mensch in einer (kapitalistischen) Leistungsgesellschaft, als sei doch schon alles zu spät. Als sei das, was für uns gut und wichtig ist, nichts, was uns irgendwann in die Lage bringt tatsächlich jemals so frei zu sein, dass wir wirklich und tatsächlich sagen können: „Ja, hier habe ich das Sonderangebot der kostenlosen Freiheit in der Hand, von dem ich im allerersten Artikel zum Thema „Täterkontakte“ geschrieben habe.“442855_original_R_by_Günter Havlena_pixelio.de

Wir waren minderjährig, als wir, aus welchen Gründen auch immer, (psychisch) auffällig wurden. Minderjährig, als wir aus eigener Kraft wegliefen und uns in räumliche Entfernung brachten. Minderjährig, als wir uns jahrelang durch die Mühlen von Institutionen der ja fast industriellen Massenbearbeitung zwecks „Heilung“ (die eigentlich „Anpassung“ meint) hin und her schieben ließen. Minderjährig, als wir Entscheidungen treffen mussten, die ein Leben beeinflussten, von dem wir noch nicht einmal wussten, wie genau das aussehen könnte/ sollte/ müsste.

Wir haben so ziemliche jede Etappe, die uns aus den destruktiven Konstrukten herausbrachte, fast allein gekämpft. Nur diesen Aspekt der Gewalt, haben wir in einer Art beendet, die uns in Kontakt brachte.
Und nun, wo wir alles das hier aufschreiben, kommen wir in Kontakt mit dem Trennungsschmerz.
Dabei ist das alles schon viele Jahre her. Doch diesen Punkt- den Verlust und die Bedeutung all dessen, was vielen Innens Sein und Ziel gab (und noch immer gibt), haben wir bis heute nicht bearbeitet und verkraftet. Es schwelt wie ein blubbernder Pudding unter der Haut und kommt ab und an mal wieder hoch.
Weil wir eben mit genau dem unglaublich allein stehen.

Es ist der Haken an Pseudoreligiosität oder auch den sozialen Rollen in Gewaltbeziehungen.
Du bist etwas und stehst für etwas. In deinem kleinen Leben, das so voller Schmerz ist, bist du etwas für jemanden (oder etwas). Da gibt es Pflichten, Zwänge, Regeln, die genau deinen Wert abzirkeln, dich genau wissen lassen, wo du stehst. Es ist unverfälscht und steht im direkten Bezug zu dir.
Fällt es weg, bist du nichts mehr- weder vor anderen noch vor dir selbst.

Das ist der Punkt, der unglaublich anfällig für die nächste Sekte, die nächste gewalttätige Beziehung, die nächste Extremistengruppe macht. Ich las neulich einen Artikel in dem stand, dass Aussteiger nach dem Ausstieg aus satanistischen Kulten ihren Zugang zum Christentum finden und klebte unter der Decke, weil ich mich direkt fragte, wo dann da bitte die Freiheit blieb?
Selbstdefinition passiert über das was man tut und die Wertschätzung, die einem darüber entgegen kommt.

Jeder sagte uns nach dem Ende der Gewaltkontakte, dass wir das toll durchgestanden hätten und gut für uns gekämpft hätten. Aber niemand hat gefragt, was dann kam.
Und so kam einfach: Nichts.

So ist das, wenn man spaltet. Da ist dann einfach nichts. Lieber nicht dran denken, lieber nicht dran rühren. Man hat ja nun geschafft, was immer in den tollen Büchern steht und was „die Anderen“ sich so für einen wünschten. Die schlimmste Angst ist ja jetzt weg. Der regelmäßige Schmerz ist ja jetzt weg. Jetzt ist der Wasserhahn ja abgedreht.
Dass er in unserem Fall noch tröpfelte, haben wir unterschätzt; dass es BÄÄÄMs und noch immer hoffende MittelBÄÄÄMs in Winkeln bei uns sitzen gibt, nicht gewusst, weil es keinen Kontakt gab.

Und jetzt, wo er endgültig zugedreht ist, hören wir das Knacken und Knirschen der Wanne.
Man steht davor und weint immer mehr Tränen hinein, weil man- trotz aller Kämpfe und aller Kraft und auch aller Erfolge, noch immer nicht genug in Kontakt mit seinen Händen ist, um den Stöpsel zu ziehen und alles das, was sich da angesammelt hat, rauszulassen.

In der ganzen Zeit haben wir gedacht, dass wir, wenn wir erst mal frei sind, nicht mehr soviel Kraft vergeuden würden müssen, weil wir ja dann nicht mehr ständig Gewalt wegdissoziieren müssen. Dass wir mehr Energie zur Verfügung hätten, um uns richtig doll anzustrengen und auch endlich einen Beruf zu erlernen und nicht mehr in dieser menschenunwürdigen Hartz-Maschine zu stecken. Beim Beginn der ambulanten Psychotherapie nicht von Anfang an auch noch darüber nachdenken müssten, ob wir uns XY leisten könnten, oder ob wir nicht doch lieber noch ein Wochenbugdet beiseite legen um Stunden selbst zahlen zu können- wir wollten ja arbeiten und uns das leisten können.
Wir dachten ja, wenn man frei von Täterübergriffen sei, sei man tatsächlich frei und (man-) selbst- ständig.

So war es aber für uns nicht.
Alles was sich änderte war die Gewalt. Von der Gewalt, mit der wir aufgewachsen und an die wir angepasst waren, die uns Sinn und Sein gab, zu der Gewalt aus der man schlicht nicht aussteigen kann, ohne die komplette Aufgabe all dessen, was man sich doch so hart erkämpft hat.
Natürlich könnten wir in den Wald ziehen und von Gänseblümchen leben. Könnten auf den Staat pfeifen und uns durchschnorren. Doch dafür haben wir das alles nicht auf uns genommen.
Dafür haben wir das alles nicht überlebt- dafür haben wir nicht die Wertnormen aller uns umgebenden Welten von uns abgetrennt. Für ein Leben in Haltlosigkeit ertragen wir diesen Abtrennungsschmerz nicht.

Und doch ist genau dies unsere derzeitige Phase.
Zu erkennen, dass man nicht wirklich frei ist, sondern schlicht haltlos frei herumfliegend.
Im Moment unglaublich tief erschöpft von der Suche nach Halt durch Hilfen und Begrenzungen.

Ja, wir haben mehr Energie und es geht uns in vielen Bereich besser als zu der Zeit, in der manche Innens noch regelmäßig gequält wurden. Aber das, was wir als Ergebnis dieser Befreiung erhofft hatten, ist schlicht nicht eingetreten.

Es ist also auch eine Abkehr dessen, was uns lange durch diesen Prozess getragen hat: Das Denken, es gäbe eine Ordnung und einen Rahmen für uns, wenn wir auf etwas verzichten, was in dieser Welt außerhalb dessen aus dem wir kommen, verurteilt ist.

Vielleicht gibt es diese Ordnung irgendwann. Vielleicht sind wir einfach zu erschöpft von dem Stück für Stück Selbstmord den wir seid dem endgültigen Zudrehen des Täterkontaktes letztes Jahr begehen. Das weiß ich nicht. Ich bin zu jung, um zu wissen was jetzt kommt. Wie lange und was für ein Leben habe ich schon gelebt, um nun auf bereits gemachte Erfahrungen mit so schweren Sinnkrisen zurückgreifen zu können? Da ist keine Basis- nur Material, um etwas Neues aufzubauen und mir selbst einen Rahmen zu zimmern.

Doch dafür brauche ich noch mehr Kontakt mit meinen Händen. Eine vielleicht nur noch zu zwei Dritteln gefüllte Badewanne. Hilfe von außerhalb. Mut und Zutrauen, diese auch anzunehmen.
Aber im Moment habe dies einfach nicht.
Ich bin müde, habe Schmerzen und quäle mich durch die Tage, versuche die Menschen, die mir begegnen nicht anzuschreien, obwohl ich permanent das Bedürfnis dazu habe. Schreibe mich hier täglich leerer, weil ich denke, dass es mich irgendwie definiert als jemand, der etwas tut. Jemand der etwas erschafft und nicht nur Ressourcen frisst.

Die Hilfe, die wir bis jetzt hatten, gibt es so in der Form nicht mehr, dass wir sie nutzen können.
Die Beziehung zu den mit uns verbündeten Menschen hat sich verändert, in den letzten Jahren. Wir sind nachwievor verbündet- aber nicht mehr auf dieser Ebene. Die Kontakte, die wir haben, können alle nur ansatzweise versuchen zu verstehen und nachzufühlen, was in uns vorgeht. Das ist nicht schlimm oder ein Defizit, aber es ist eben nicht das, was wir im Moment ge-brauchen können. Wir brauchen sie! Wir brauchen sie alle! Nur ge-brauchen können wir sie eben nicht.

Wir können keine der sich derzeit bietenden Klinikkonzepte nutzen, weil wir über das hinaus sind, was da angeboten wird. Keine Sektenberatung kann uns helfen, weil die Alternative zu geistig-religiös-spiritueller Haltlosigkeit eben geistig-religiöse-spirituelle Konstrukte sind, die alle samt und sonders- egal wie liberal man sich in div. Gemeinden gibt, einsperren und bei uns alles explodieren lassen würden (unser Eiertanz, den wir hier ab und an zeigen, reicht ja eigentlich, um zu zeigen, wie schwer es schon in Eigenregie ist).

Trotz allem, was jetzt gerade brennt sind diese Gedanken und Schmerzen anders, als die, die es früher gab.
Ja- wir kämpfen wieder um unser Überleben- genau wie wir das noch zu Zeiten in denen andere Menschen noch über uns verfügten, tun mussten.
Doch heute zerstören wir uns selbst, (leben also eine Eigenmacht aus) und sind einer Art Gewalt unterworfen, der sehr viele andere Menschen auch unterworfen sind.

Wir sind also nun, durch alles was wir geschafft haben, immerhin in der Position selbst und eigenmächtig zu bestimmen, ob und wie wir leben oder sterben.

Es ist ein bitterer Sieg.
Aber es ist ein Sieg.

Ende