nach den Ereignissen in Stade

Gestern hat ein erwachsener Mann vier Frauen und zwei Männer getötet.
Die Nachricht erreichte mich, als es bereits viele Meldungen und Artikel darüber gab. Viel Meinung über wenige, doch massiv aufladbare Informationen.
Ich möchte hier zwei meiner Gedanken dazu skizzieren.

In meiner social media Bubble ist es seit einiger Zeit feministisch soziale Freiheitspraxis „und wieder war es ein Mann“ unter Berichte über (tödliche) Gewalt zu schreiben. Oder „Es sind immer Männer“. Es erscheint performativ, manchmal ist es das wahrscheinlich auch. Für viele erscheint es besser, als nichts zu schreiben und sich einer (von anderen Menschen angenommenen) Ignoranz schuldig zu machen.
Meiner Ansicht nach ist es letztlich leider trotz überwiegend inhaltlicher Richtigkeit eine Fortsetzung der unsäglichen Praxis, nach Gewalttaten jede Aufmerksamkeit auf die Täter(_innen) zu richten. Im Zusammenhang mit Femiziden sogar der Praxis der Bagatellisierung durch Subjektivierung von Gewalt. Also einer Praxis, die ihrerseits dazu beiträgt, Gewalt zu ermöglichen, strukturell einzubetten, institutionell zu tragen und entlang allgemeiner Moralvorstellungen zu normalisieren. Je häufiger es heißt: „Ja klar wars ein Typ, der (s)eine Frau verletzt oder getötet hat“, desto seltener heißt es: „Ja klar, wars jemand, die_r in unserer Gesellschaft so aufgewachsen ist, versorgt, unterstützt, unterhalten, gebildet, moralisch geformt wurde, dass sie_r exakt so auf einen Konflikt, eine Kränkung, eine Ungerechtigkeit, eine Notlage, persönliche Ansprüche/Wünsche/Affekte reagiert.“ Und ich finde das außerordentlich problematisch.

Gewaltausübung erfordert kein bestimmtes Geschlecht oder Gender. Um Gewalt auszuüben, braucht man primär den Willen, die Kraft, die Befähigung und die gesellschaftliche Ermächtigung dazu. Zum Beispiel durch geschlechtsspezifische Privilegien, aber auch durch sozialen Status aufgrund anderer Merkmale.
Es braucht unbedingt mehr Bewusstsein darüber, dass es eben nicht einfach „immer Männer sind“, sondern immer dann, wenn es Männer sind, auch gesagt wird, dass es immer Männer sind, die gesellschaftlich dazu ermächtigt und befähigt wurden, sich so zu entscheiden.
Gewalt wird nie im Individuum geboren. Sie wird dem Individuum so beigebracht, vorgelebt, abverlangt, ermöglicht und erlaubt, bis sie das leichteste Mittel der Wahl ist.

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Ein weiterer Gedanke, der mich beschäftigt, sind die Überlegungen zu verbesserten Schutzkonzepten in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen.
Als ich selbst in der Jugend- und später auch in der Eingliederungshilfe lebte, waren die Erzieher_innen und Betreuer_innen das Schutzkonzept. Zeitweise sogar das einzige, das es für mich gab.
Bis heute begreife ich als dauerhaft unterstützungsbedürftige Person alle, die mich unterstützen, einen Behandlungs- oder Betreuungsauftrag an mir haben oder als Helfer_innen für mich da sind, als diejenigen, die mich in bestimmten Situationen schützen. Mit diesem Schutz sind sie teils von mir beauftragt, teils sogar gesetzlich, also staatlich, verpflichtet.
In einer Situation wie der in Stade geschehenen, bedeutet das tatsächlich, dass alle Sozialarbeiter_innen, Behandler_innen, Pädagog_innen, Erzieher_innen auch lebende Schutzschilder sind.
Und, dass man davon ausgehen muss, dass das gesellschaftlich auch so gewollt ist. Denn niemand bräuchte diese Menschen in dieser Funktion, wären unterstützungsbedürftige Menschen (aufgrund ihrer Unterstützungsbedarfe) nicht so gefährdet.

Jedes Schutzkonzept, das nichts an dieser Tatsache ändert, muss als Kontrollinstrument verstanden werden. Kontrolle kann nicht schützen. Kontrolle kann nur Freiheit verwalten. Schutzbedarfe dürfen niemanden die Freiheit kosten.


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