„Bist du Conni? Heißt du so?“, die Stimme meiner Freundin hüllt meinen Kopf ein. „Nein“, antworte ich und halte mein warmes Gesicht in den aufkommenden Wind. Er streicht über meine Kopfhörer und bedeckt ihre Reaktion ein wenig. „Ah, ich dachte, wegen dem Text … Wieso denn dann Conni?“
Es ist ein so kurzer Moment, wie die Kluft breit ist, die ich in dem Moment fühle. Sie ist genug Freundin, um von diesem Blog zu wissen. Meinem kuriosen Doppelleben als komische Internetpflanze und seltsames Alltagsgewächs, vom Trauma und meinem Zeugs, vielen Dingen, die ich mache, möchte, überlege und teile. Und gleichzeitig so fern, dass sie weder Conni-Memes noch ihre Eigenschaft, Realitäten aufzuzeigen, kennt. Und in der Folge natürlich erst recht nicht, warum meine „inneren ~Kritiker_innen~“ genau diese Memes benutzen, um mich zu verletzen.
Ich erkläre ihr, dass Conni üblicherweise in den Kindergarten geht, eine Pizza bäckt, Mama hilft oder einen Wackelzahn hat. Weil Conni, ein weißes, blondes Mädchen mit lieben Eltern und Kinderzimmer im Einfamilienhaus, ein ganz normales Leben lebt. Wo alles gut ist, wenn ein Problem oder eine Besonderheit anfängt, und wieder gut ist, wenn es überstanden ist.
Menschen, die nie wie Conni gelebt haben und nie wie Connis Eltern leben werden, haben irgendwann angefangen, ein Meme mit dieser Figur zu erschaffen. „Conni hat eine Angststörung“ war der erste Titel, den ich davon mitbekommen habe. Und die Bitternis, diese schlichte Satire darin, hat mich damals sehr bewegt.
Denn natürlich lebt Conni kein normales Leben. Sie ist fiktiv. Ihre Lebensumstände sind statisch, damit dreijährige Kinder sie überblicken und wiedererkennen können. Und gleichzeitig hat niemand Schwierigkeiten damit zu erkennen, dass Titel wie „Conni und die Pille danach“ oder „Conni kriegt ’nen Räumungsbescheid“ eine Normalität beschreiben, wie sie nicht von allen Menschen gleich überblickt und wiedererkannt wird. Alle wissen, dass es Normalitäten gibt, die nicht alle Menschen teilen. Alle wissen, dass es Normalitäten gibt, die man nicht in Pixibüchern abgebildet findet. Aus Gründen.
„Und wenn ich mich so fühle – so alienmäßig, weil ich gerade wieder mal in einer Situation bin, die nur deshalb überhaupt entstanden ist, weil bei mir alles ein bisschen viel anders als bei Conni gelaufen ist –, dann reiben es mir andere Innens manchmal auf diese Art richtig rein.“ Ich lächle, damit sie nicht hört, wie ich mich damit fühle, mich ihr dazu mitzuteilen. Beobachte eine große Hummel in der Distelblüte vor mir. Dann die dunklen Wolken am Horizont.
Unser Gespräch versickert. Mein Aliengefühl, mein Kluftempfinden macht etwas mit ihr, das ich nicht richtig verstehe. Und eigentlich wollte sie sowieso etwas anderes von mir. Warum sie nach dem Text gefragt hat, weiß auch nur sie. Wir verabschieden uns, als ich einen Totengräber zwischen den Ringelblumen um meine Tomatenpflanzen entdecke.
Für mich ist der Text wichtig, um mich selbst darin zu versichern, dass ich nicht unnormal bin. Um mich zu stärken mit meinem eigenen Handeln. Dem Offenlegen meiner Normalität, meiner Realität mit eben all dem. Mit so einer zufälligen Situation, Behandler_innen beim Eintreten für die eigene Sache zu sehen und sich sehr bewusst darüber zu sein, dass man Teil dieser Sache ist. Mit der Realität, schon seit der Jugend immer wieder auf professionelle Hilfe angewiesen zu sein. Lange Zeit die Freundin im Freundeskreis gewesen zu sein, der immer irgendwas fehlt. Mit einer Erkrankung, die so komplex und vielschichtig ist, dass so etwas wie „Heilung“ im Sinne von „und dann ist alles (weitgehend) (wieder) gut“ nicht sicher prognostizierbar ist.
Es ist wichtig für mich, mir selbst immer wieder zu zeigen, dass ich ein normaler Teil der Gesellschaft und der Welt bin. Behindert, chronisch krank normal.
Reformen und politischer Diskurs wie aktuell zum EFZG (Entgeltfortzahlungsgesetz), den Kürzungen in der Eingliederungshilfe, dem BGG (Behindertengleichstellungsgesetz) und den Kürzungen in der Gesundheitsversorgung (inklusive der Kürzungen der Psychotherapie) betreffen mich zu 100 %, wie alle anderen Menschen in Deutschland. Aber aufgrund meiner Behinderung und meiner chronischen Erkrankung einfach stärker. Und das auch nicht nur auf der alltagspraktischen Ebene. Der Ebene, auf der man mit genug privilegierten Allies, pragmatischer Kreativität und bürokratischer Hartnäckigkeit wenigstens kämpfen kann. Sondern auch auf der Ebene, die den eigenen Platz in der Welt, in Gesellschaft und Gemeinschaft betrifft. Genau da, wo es bei mir jedes Mal wieder einschlägt und eine Kluft treibt. Triggert. Da, wo jeder Witz über Behinderungen hinschlägt, wo jede „nicht so gemeinte“-Bemerkung über unveränderbare Unzulänglichkeiten reinrieselt. Genau da, woher kommt, was gestern zufällig auch in der Neuen Westfälischen stand – da, wo die „erschütternde Hasswelle“ gegen Menschen mit Behinderungen herkommt.
Diese „Reformen“ werden Menschenleben kosten, weil man politisch gewollt und durchgesetzt, den Lebensrealitäten behinderter und (chronisch) erkrankter Menschen keine lebenswerte Qualität sichern will. Man will Bedürftigkeit, (temporäre) (Mehr)Bedarfe und (temporäre oder dauerhafte) (wie auch immer umfassende) Angewiesenheit bestrafen – und dazu noch alle, die helfend, unterstützend, lindernd, begleitend – MENSCHLICH – zugewandt darauf reagieren. So erscheint es mir jedenfalls. Ich kann nur Ableismus als Begründung dafür erkennen. Denn selbst Profitgier hat ihre Wurzeln in Ableismus. In der Abwertung der Normalität von Behinderung und Angewiesenheit.
Ich bin diesem politischen Willen und Agieren ausgeliefert.
Aber meinem eigenen Handeln nicht.
Ich muss diese Wertverschiebung nicht hinnehmen. Auch nicht in mir drin. Ich kann sie beobachten, ich kann mit ihr umgehen. Kann Worte dafür finden, sie teilen und zum Weltenteil machen. Vor allem, wenn ich mich so fühle, als wäre das, was ich geben kann (und damit auch ich selbst), nicht gewollt, weil ich Unterstützung, Begleitung, Assistenz brauche, um Anteil zu geben.
Ich verstehe, dass das beim Lesen hier manchmal verwirrt. Wie man manchmal über längere Zeit denkt, dass ich das hier alles für andere aufschreibe. Wie Statements oder Mahnmale. Aber sehr oft sollen meine Worte hier auch nur mir etwas bedeuten und für andere einfach nur da sein.
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