Das Thema „Eltern, deren Kinder den Kontakt abgebrochen haben“ begegnet mir gerade oft.
Die Kommentarspalte ist emotional. Viele wollen, dass weniger den (an)klagenden Eltern Gehör geschenkt wird und mehr den Kindern, die Gründe für den Abbruch hatten.
Selten sehe ich die Frage gestellt, warum das Thema gerade überhaupt so viel Präsenz hat. Dafür bin ich gerade sehr sensibilisiert, weil wir gesellschaftlich durch einen massiven Backlash gehen. Die Kernfamilie aus Mutter, Vater, Kind wird als Thema und Verhandlungsobjekt in einer Art benutzt, die mir große Sorgen bereitet. Politisch, gesellschaftlich, individuell.
Da ist aber auch jemand in mir, die_r sich wünscht, dass die eigenen Eltern in ein Mikro jammern, wie herzlos sie von ihrem Kind verlassen wurden. „Mimimi, ich weiß ja auch nicht, das kam aus heiterem Himmel, und jetzt sitz ich hier und leide ganz schwer darunter, mimimi.“ – So in etwa. So richtig peinlich, erbärmlich, jämmerlich hilflos, ohnmächtig, ohne jeden Beistand
Es ist eine jugendliche Brutalität. Für mich eines der hässlicheren Gesichter in meinem Inneren. Es gefällt mir nicht sonderlich. Aber mein Verständnis dafür entwickelt sich. Auch mein emotionales Verständnis.
Ich war kein geplantes, gewünschtes Kind. Ich wurde hin-, aber nie wirklich angenommen. Als ich krank war, wurde ich weg- und schließlich einfach aufgegeben.
Dieses jugendliche Innen trägt oder, genauer gesagt, reagiert auf etwas von genau diesem Momentum des Aufgegebenwerdens. Und zwar nicht das, wovon man dann doch oft hört, weil es die Opferschaft der Kinder vereindeutigt – den Heartbreak, die Traurigkeit, den Verlust, die (Todes)Angst, die strukturellen Folgen und Abhängigkeiten, die sich durch Kontaktabbruch und Anonymisierung ergeben –, sondern die Kränkung. Die sehr schwierig zu besprechen ist. Kann ja nicht angehen, dass man ~ich~ irgendwie annimmt, die Ablehnung der eigenen Person wäre nicht okay. Man hätte vielleicht wenigstens ein klitzebisschen Anrecht auf Ver.Bindung oder Kontakt [Kommunikation].
Das Leid, das der initialen Entscheidung zum Kontaktabbruch zu meinen Eltern (und damit zwangsläufig auch dem Rest der Familie) vorausging, hatte seinen Ursprung jedoch immer wieder genau darin: dass da kein Kontakt, keine Verbundenheit war. Und zwar in dem Sinne, dass sie emotional nicht für mich erreichbar waren. Dass sie nicht empathisch sein konnten und oft auch nicht mal damit einverstanden schienen, es als legitimen Wunsch oder Anspruch zu akzeptieren. Geschweige denn, dass es ein natürliches Bedürfnis ihres Kindes war, auf allen Achsen und in überwiegender Kongruenz mit ihnen (und den Geschwistern) verbunden sein zu wollen.
Wir waren eine Gewaltfamilie. Und was Gewaltfamilien auszeichnet, sind enorme Scherkräfte, die sich aus Kommunikationsproblemen und -störungen im Zusammenspiel mit individuellen Erwartungen und biologischen Sachzwängen ergeben. Und oh boy gab es Kommunikationsprobleme in meiner Familie.
Seit ich mehr innere Jugendliche und Kinder wahrnehmen kann, kommen mir oft Erinnerungen an Situationen hoch, die das abbilden. Und immer öfter verstehe ich dadurch auch, warum die körperlich ausgeübte Gewalt so ein vergleichsweise kleines Problem für diese Kinder und Jugendlichen war und teils auch noch ist. Verdroschen zu werden, ist unfassbar kongruent. Wenns körperlich wehtut, ist es absolut vereinbar mit einer schmerzhaften psychischen Einsicht. Dann ist klar, dass man nur weggedrückt wird. Nur Abwehr da ist. Nur Hass. Nur Gewalt. Keine Sprache. Keine Verbindung.
Aber wenns weh tut und etwas im Verhältnis zur verletzenden Person bewirken soll, ist es das nicht mehr. Dann sind Druck (vom Weggedrückt werden) und Zug (aus der Beziehung) gleichzeitig da. Scherkräfte eben.
Den Kontakt ganz abzubrechen, war die einzige Möglichkeit, sich aus dieser Gleichzeitigkeit herauszubegeben. Und es war die einzige Möglichkeit, die auch meine damaligen Kinder- und Jugendpsychotherapeut_innen gesehen haben.
Es war nicht möglich, eine Familientherapie zu machen, in der ich nicht weitere Verletzungen erfahren würde. Meine Eltern wollten – im Kern, und ich glaube, dass ich da wirklich nicht lüge oder ihnen etwas unterstelle, das niemals in ihnen war – einfach nur meine Vernichtung. Mein nicht-mehr-da-sein. Oder konnten meine Existenz einfach nicht anders ertragen oder in ihren Alltag integrieren als so, dass ich etwas weg oder still oder passiv oder schlicht nicht nervend? zu Machendes für sie bin.
Deshalb kam es zu der Fremdunterbringung in der Jugendhilfe. Wo übrigens auch lange noch Ziel war, den Kontakt zu meinen Eltern zu unterstützen, damit wieder alles gut wird. Keine Heimunterbringung, keine Inobhutnahme bedeutet einfach mal eben so und komplett automatisch, bestimmt vom Jugendamt oder dem Staat, auch den kompletten Kontaktabbruch. Ich musste den Abbruch von mir aus wünschen, denken, formulieren, vortragen, ausdrücken und durch mehrere soziale Instanzen hindurch vertreten – und auch so meinen.
Noch während niemand wusste, dass ich eine DIS entwickelt hatte. Weder Selbst- noch Umwelterleben assoziativ in mir abbilden konnte. Weshalb ich etwa 7 Jahre brauchte, um überhaupt zu begreifen, wie schlecht es mir jedes Mal ging, wenn ich Kontakt zu ihnen hatte. Wie viele Suizidversuche „aus heiterem Himmel“ mit enttäuschenden, verletzenden, kränkenden Gesprächen mit den Eltern zu tun hatten. Und wie viele mit dem Gefühl, niemals wirklich gewollt, geschweige denn geliebt worden zu sein – und wie viele durch die einzigen Antworten, die ich mir auf Fragen nach den Gründen dafür habe geben können.
Angesichts dieser insgesamt sehr einsamen Quälerei, dieser dann ja auch nicht mehr kindlich oder jugendlich existenziell angetriebenen Kämpferei darum, den Abbruch zu schaffen und durchzusetzen, erscheint mir der Wunsch des Innens schon nachvollziehbar. Nicht angemessen – ich finds nicht okay, anderen Menschen Schmerz zu wünschen, um den eigenen Schmerz kongruent zu machen – aber ich verstehs.
Dieses Leben als soziale Waise ist eins mit ganz eigenen Scherkräften.
Unsere Gesellschaft, unsere gesamte politische und soziale Ordnung setzt voraus, dass wir in Familien organisiert sind. Dass wir interpersonelle Wurzeln haben. Familiäre Identitäten. Sich gegen den Kontakt und damit die Beziehungsentwicklung zur eigenen Familie zu entscheiden, bedeutet enormen Verlust – extremen Entzug aus der intimsten Beziehung, die Menschen haben können – und enormen Druck, die getroffene Entscheidung zu vertreten. Vor sich selbst, vor anderen Menschen, manchmal auch vor Behörden, also dem Staat.
Dann steht man da vor Gisela, die eine_n einfach nur freundlich kennenlernen will – mit der eigenen Kernfamilie, mit der „lieben Verwandtschaft“ plus dem rassistischen Onkel Otto und der „komischen Großtante Frieda, die ne Frau geheiratet hat, oha, oha, oha“ – und muss entscheiden, obs mans sagt. Und wenn ja, wie mans sagt. Wann. In welchem Zusammenhang. Mit Details oder ohne. Lässt man zu, dass sie denkt, die Eltern wären hirnlose Zombiepenner in einem Hochhaus vor Berlin oder brutale Schläger oder zur Liebe unfähige Egomanen oder … Oder eben hilflose arme verlassene Opfer ihres überanspruchsvollen Scheißkindes?
Oder erzählt man sich selbst zum starken Opfer, das sich befreit hat, weil sich das gerade zum allgemein annehmbaren Narrativ entwickelt? Egal, wie man sich entscheidet, es wird der Situation, der Geschichte, und der Wahrheit sowieso, nie gerecht. Niemals.
Diese Art des Kontaktabbruchs bleibt ein offener Bruch. Der tut immer wieder weh, blutet immer wieder, erfordert konsequente Fürsorge, um den Selbstschutz aufrechtzuerhalten.
Aber für mich ist es auch ein kontrollierbarer Schmerz. Ich weiß inzwischen, dass er mich nicht zerstört. Dass ich ihn in meinem Leben wahrscheinlich noch oft neu entdecken, wieder neu einordnen und umdeuten werde. Ich kann das als Freiheit anerkennen, die sowohl ich habe als auch meine Eltern. Da sehe ich eine Kongruenz, eine Gleichstellung, die ich unter anderen Umständen niemals hätte erreichen können.
Es ist ein guter offener Bruch.
Die beste Wunde, die ich habe.
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