die Operation

„Was mir passiert ist – sieht man das innen?“
Das fragte ein Innen, das sich für mich wie eine feste Wattenebelwand anfühlt und immer wieder in den Spalt zwischen der Welt und mir geriet.
Keines der Gespräche mit Ärztinnen, Schwestern und Pfleger_innen, die ich für diesen Tag geübt hatte, enthielt diese Frage. Zu keinem Zeitpunkt wollte ich, dass DAS überhaupt irgendwie Thema wird.

Mir war Abstand wichtig. Sachlichkeit, Objektivität. Mein Fokus lag darauf, meine behinderungsbedingten Bedarfe als etwas zu kommunizieren, was unbeachtet zu Problemen und unerwarteten Entwicklungen führen kann. Ich wollte den reibungslosen Ablauf ermöglichen, der für alle wichtig und gut ist.
Voruntersuchung, Narkose, Operation, Aufwachen. Für mich waren das Checkpoints, an denen ich so unauffällig wie möglich ein- und auschecken wollte. Soweit das mit der Unauffälligkeit eben geht, wenn Gehörschutz, schweres Tier und „Bitte nicht unerwartet anfassen“ zu den Bedarfen gehört.

Ich schäme mich für meine Bedarfe. Bewege mich ständig in Sorge und Angst darüber, die Grenzen des Systems zu berühren, die jeder Klinik inne sind.
In dieser Klinik wurde mir die Angst an vielen Stellen genommen. War nie nötig, dass ich meine Grenzen rechtfertigend erklären musste. Nur nennen musste ich sie. Das fiel mir zunehmend leichter, je öfter ich in Kontakt mit den Behandler_innen und ihrem Team war, denn sie kamen auf mich zu.
In meiner Akte stand bereits nach dem ersten Beratungsgespräch „PTBS Z. n. sex. Missbrauch“, ohne dass ich das genau so aussprechen musste. Es hat gereicht, einen früheren Befund nach einer Gewalterfahrung zu teilen und zu sagen, dass das nicht die einzige Erfahrung war.
Bei jeder Untersuchung fragte die Gynäkologin danach, ob ich bereit bin und beschrieb, was sie tat und wozu. Meine Aufgabe war nicht, einfach alles passieren zu lassen, sondern darauf zu achten, wie es mir geht, damit ich rechtzeitig sagen kann, wenn ich eine Pause brauche oder etwas weh tut. Mir hilft es generell, wenn mein Auftrag an mich als Patient_in ist, meine Selbstwahrnehmung und die Kommunikation dessen zu gewährleisten.

Trotzdem habe ich so lange wie möglich nichts von der DIS und dem Autismus gesagt. Ich wollte keine Bilder entstehen lassen, die mich zu einem Subjekt machen. In einem System wie einer Klinik ist man als Patient_in immer ein Objekt der Behandlung. Jede Subjektivierung führt zu verschobenen Grenzen und praktisch jede verschobene Grenze birgt Verletzungsrisiken für beide Seiten.
Daher mein Anspruch an Objektivität. Mein ständiger Bezug auf Lösungen für Probleme, die ich durch meine Bedarfe entstehend annehme.

Dass ich eine Operation brauchen würde, kam überraschend. Es gab keine andere Behandlungsmethode, um meinen Kinderwunsch zu erfüllen. Und so wurde aus Terminen dann und wann zur Blutabnahme und Ultraschalluntersuchungen eine gynäkologische Operation, die direkt auch der weitergehenden Diagnostik diente.

Es ging mir schlecht und zunehmend schlechter in der Zeit vor dem Termin.
Kurz vor diesem Thema war ich in der Therapie sehr konkret befasst mit meinen Erfahrungen. Hatte über Tage hinweg mit massiven emotionalen Flashbacks und Überforderungsgefühlen zu tun, selbst als sich mir keine Bildfragmente des Erlebten mehr aufdrängten.
Und dann das.
Eine geplante Auslieferung. Eine gezielte Ohnmacht. Ein vorhersehbarer Fokus auf meine Genitalien. Absehbare Schmerzen. Bekannte Risiken für Flashbacks, dissoziative Krampfanfälle und Wechsel in möglicherweise desorientierte Selbstzustände. In einem Rahmen, in dem ich mit meinem Inneren nicht relevant bin für das, was da passieren soll.

Ich war aber relevant für die Menschen dort. Das hat mich überrascht. Und jetzt, wo alles vorbei ist, freut es mich auch.
Es war ein ambulanter Eingriff. Ich war die erste Patient_in.
Mein Mann und ich fuhren in den Anfang vom Sonnenaufgang und hörten Musik, die das Fahren einem Videospiel ähnlich machte. Eine Schwester trennte uns freundlich und leitete mich in das Patientenzimmer.
Alles war ruhig. Das Licht noch gedimmt, die Mitpatientin lieb und grenzbewusst. Ich konnte mich in Ruhe umziehen und merken, wann ich meinen Gehörschutz brauchte. Geholfen hat auch der Bent, über den ich hier bereits geschrieben habe. Ich konnte ihn auf dem Oberkörper behalten, bis ich nicht mehr bei Bewusstsein war. Ich glaube nicht, dass ich ohne ihn noch mit den Schwestern in der Anästhesie hätte sprechen können. Die fanden ihn klasse. Einer Schwester gefiel auch mein Gehörschutz. Alle waren mir liebevoll zugewandt und ließen mir Raum zu verstehen, was gerade mit mir passierte.

Ich hatte Angst als das Narkosemittel einsetzte. Und ich hatte offenbar extrem viel Angst als die Wirkung nachließ. Später erfuhr ich, dass ich einen Flashback ausagiert habe und einen Krampfanfall hatte. Von einer Ärztin für Gynäkologie und Psychosomatik, die einige Stunden später zu mir geschickt wurde.
Die Ärztin war offenbar selbst krank. Das war eine heftige Erfahrung, die ich allerdings nicht allein machen musste. Mein Mann war dabei. Wir haben unseren Eindruck an die vertretende Ärztin und eine Pflegerin weitergegeben und schreiben auch nochmal eine Nachfrage mit informierendem Charakter an die Klinik. Sicher ist sicher.

Ich habe das Narkosemedikament nicht schnell und gut abgebaut. Statt nach 4 bis 6 Stunden konnte ich erst 11 Stunden später nach Hause gehen.
Immer wieder wechselten sich Dissoziation und Sedierung ab. Ich musste mich oft übergeben. Erst spät kamen wir auf die Idee, um ein Medikament gegen Übelkeit zu bitten.
Irgendwo dazwischen kam die Ärztin, die mich in der Kinderwunschklinik untersucht und nun operiert hatte, zu mir, um mir zu sagen, wie es gelaufen ist.
Ich hörte, dass alles gut gegangen sei und auch die Diagnostik keine weiteren Probleme aufzeigte. Und merkte, wie das Innere sich mit dem Druck des Gedankens „Jetzt oder nie“ vorschob, um diese Frage zu stellen.

„Nein. Man sieht wirklich gar nichts davon. Es ist alles soweit gut.“
Heute merke ich erst, wie unfassbar wichtig es war, das zu erfahren.

die DIS-Diagnose – ein Kurzabriss geschrieben für Menschen, die sie gerade bekommen haben

Neulich hat mich jemand gefragt, wie das bei mir war, als ich die DIS-Diagnose bekommen habe.
Für die Person war es schlimm. Für mich auch.

Ich war nicht erwachsen. Ich war 16 Jahre alt.
Das war meine 7. Diagnose in der 5. Psychiatrie in 3 Jahren.
Ich glaubte nicht mehr daran, dass mir irgendjemand mit irgendetwas helfen könnte. Ich war allein. Hatte keine Familie, kein Zuhause mehr. Ich war lange nicht mehr in der Schule. Machte Suizidversuche, ohne zu wissen warum. Zeit und Raum waren für mich kaum noch Bezugsgröße.
Man hätte mir jede andere Diagnose geben können, aber gepasst hat keine. Die der DIS erklärte meinen Zustand am besten.

Geholfen hat mir die Diagnose nicht. Sie hat mich besonders gemacht und die Gewalt der totalen Institution an mir legitimiert. Und sie hat Tür und Tor für Erzählungen über mich geöffnet, denen ich nichts entgegensetzen konnte.
Sie hat mich grundlegend aus Hilfeangeboten ausgeschlossen. Sie hat mich von Helfer_innen abhängig gemacht, die die Regeln gedehnt und die Strukturen ihres Arbeitsplatzes aufgebrochen haben.

In den ersten Jahren nach meiner Diagnose gab es mehr Romane und fiktionale Filme über die DIS als wissenschaftlich fundierte Fachbücher und theoretische Forschung. Ich habe mich und meine Er_Lebensrealität nicht abgebildet empfunden, bis ich 30 Jahre alt war.
Das Versprechen von Verbundenheit durch gleiche Diagnosen hat sich für mich nie erfüllt. Weder in Mailinglisten noch Foren noch Blogs noch Social Media noch Selbsthilfegruppen heute.

Ich habe mit der Diagnose nie mehr gewonnen als Ausschluss.
Ausschluss als Realität, Ausschluss als soziokulturelle Praxis, Ausschluss als Konzept.
Ausschluss als etwas, das ich in meine Lebenszeit integrieren muss, wenn ich leben – wenn ich Teil dessen sein will, was Hier und Jetzt ist.

Die Person schrieb, sie fühle sich wie in einem Horrorfilm.
Sie führte das nicht aus, für mich brauchte sie das aber auch nicht. Es kann ja nur entweder um den gesellschaftlich legitimierten und orchestrierten Horror des Stigmas psychischer Erkrankung oder den Horror der Aussicht auf ein ganzes Leben damit gehen. Es kann einem ja niemand sagen, ob man davon jemals heilt. Ob man überhaupt jemals ein normaler Mensch wird.

Ich habe in den ersten Jahren mit der Diagnose keinen Trost darüber gefunden.
Heute bin ich an der Stelle taub. Es ist, wie es ist.
Ich bin ein autistischer Mensch, der Pech mit der Familie hatte. Dass ich eine DIS entwickelt habe, war vom gleichen Zufall wie der in dieser Familie und später in den Psychiatrien und Hilfeeinrichtungen zu überleben. Es hätte auch alles anders kommen können und ich hätte auch damit irgendwie klarkommen müssen. Man muss immer irgendwie klarkommen.

Mein Intellekt hilft mir. Das hat er auch in den Jahren, nach denen ich die Diagnostik auf eigenen Wunsch habe erneut machen lassen. Als erwachsene Person.
Ich habe gelesen. Mich nicht nur auf die Diagnose konzentriert, sondern auf alles, was mit dem Thema Psychotrauma und Gewalt zu tun hat. Dabei habe ich mich sowohl mit der Psychologie als Wissenschaft als auch der Soziologie und ihren Theorien darüber befasst, wie Menschen zu Erklärungen kommen und welche Dynamiken sich stets und ständig wiederholen. Mir hat geholfen nicht nur zu verstehen, dass ich nicht der einzige Mensch mit DIS nach komplexer Traumatisierung bin, sondern vor allem, dass die Menschen in meiner Umgebung (also die Gesellschaft, in der ich lebe) nur ein gewisses Mü im Leben davon entfernt sind, es auch zu sein.

Ich habe nicht mehr zugelassen, dass sich Helfer_innen auf meine DIS konzentrieren. Ich habe Gewalt als normal und ihre Folgen als gesellschaftlich dissoziiert angenommen. Meinen Ausschluss als Teil eines Ganzen begriffen.
Ich habe mich für das Leben entschieden, wie es ist und dann gemerkt, dass ich nicht weiß, wie es ist. Das herauszufinden ist mein Forschungsthema bis heute.

Meine DIS-Diagnose ist dafür unwichtig. Ich bin wichtig.
Es ist mein Leben.

mit Kraft, ohne Zucken

„Eigentlich geht der aber noch“, denkt eine sachte Wolke über meine Schulter hinweg. Er, der dunkelblaue Wäscheoktopus aus Kunststoff, den mir meine Eltern bei unserem letzten Kontakt geschenkt haben. Das ist 14, vielleicht sogar 15? Jahre her. Ich drücke ihn tiefer in den Gelben Sack.

Im Badezimmer hängt nun eine neue kleine Wäschespinne am Kippfenster. Aus Edelstahl. Geschenkt vom Freund, Partner, Ehemann.
Der uns vorhin mit Quatschmachen über ein Christkind, das er gerade beim Einbruch in unser Wohnzimmer beobachtet hätte, kurz vor den Lachkrampf gebracht hat. Und gleich, das weiß ich aber noch nicht, unser Lieblingsspiel mit uns spielen wird, bevor wir sein Lieblingsessen zu Weihnachten kredenzt bekommen.
Ich denke an die Bettwäsche, die mir meine Tante zum 18. Geburtstag in die Wohngruppe geschickt hat. Dunkelblau, mit einfachem Sonne, Mond und Sterne-Muster. Längst nicht mehr Biber, seit Jahren zunehmend löchrig. „Die geht noch“ schwappt es nach jeder Wäsche, jedem Trocknen, jedem Zusammenlegen, jedem Neuaufziehen über mich drüber.
„Es war ein beknacktes Geschenk für einen 18. Geburtstag.“, „Aber es war eins. Hätte ja auch nichts kommen können.“, „Ja, ich habe das eigentlich nicht verdient.“ Ich schließe die Tür zu diesen Inneren. Ich will sie nicht fühlen, will mich nicht so fühlen.

Diese kleinen Alltagsgegenstände, die sich in jedem Haushalt ansammeln, irgendwann einfach wegkönnen und eben nicht mehr wegmüssen, weil sie wegsollen. Weil eine Therapeutin, Betreuerin, Helferin, Vertraute, Freundin argwöhnt, ob an dem Geschenk ein geheimer Code klebt. Ein impliziter Imperativ, der mich zur Kontaktaufnahme zwingt. Weil ein Therapiekonzept erfordert, nichts Verbindendes zu früheren Täter_innen zu besitzen.
Ich habe in der Verweigerung, diese Dinge wegzuschmeißen, meinen ersten Aufstand geübt. Mein erstes „Nein, du, ihr könnt mich mal – ICH entscheide das!“, gedacht, gefühlt und dann auch gemacht. Und gewartet, was sie machen würden. Mich verletzen? Oder nur rausschmeißen? Wegstoßen? Verlassen? Mir nicht helfen? – Wäre eh passiert. Mich zu halten, war nie möglich, egal, was für ein liebes Mädchen eine liebe Patientin ich gewesen wäre.
Am praktischen Ende meines Leidensdrucks hatte ich einen Haushalt, den ich mit Hartz-4 bestreiten musste, nachdem ich ihn mit der absurd niedrigen Erstausstattungspauschale aufgebaut hatte. Mit 18. Nach etwa 4 Jahren Heim-Klapse-Ping-Pong und einer Symptomatik jenseits von stabiler Entscheidungsfähigkeit. Kleinigkeiten, die bei solchen Aufforderungen zur Bereinigung Befreiung Entfernung von solchen Dingen nie wirklich eine Rolle gespielt haben. Komisch eigentlich. Dabei ging es doch immer um mein Bestes. Alles haben, was ich ganz banal und alltäglich brauche, gehörte irgendwie kaum dazu.

Mein Handy zeigt eine Nachricht mit Foto. Eine zweite Freundin hat ein Päckchen von mir unter ihren Baum gelegt. Eine dritte hat ein Briefchen von mir bekommen. Mein Partner hat auch Geschenke von mir bekommen. Und ich kann trotzdem Ende dieser Woche zum Chaos Communication Congress fahren. Und muss mich nicht einschränken. Brauche keine Geschenke, um mich zu versorgen. Jetzt sind Geschenke einfach immer schön. Und ich kann Menschen, die sich über meinen Besitz und ob ich ihn haben sollte auslassen, sagen, dass sie anmaßend und grenzüberschreitend sind. Mit Kraft in Brust und Bauch. Ohne Zucken.

Deshalb kann er weg. Der Oktopus.
Wenn jemand guckt, um zu prüfen, ob er noch da ist und wir es überhaupt wert waren, können wir ja sehen, wie es um Kraft und Zucken bestellt ist.

die Möglichkeit und das Machen

Was für eine Woche das war, begriff ich erst am Wochenende.
Da habe ich mit einer Freundin telefoniert und gemerkt, dass ich einen Knaller nach dem anderen in meinen Bericht der aktuellen Lage einbrachte.
Später fiel mir aber auch auf, dass ich jeden dieser Knaller komplett erinnere und kongruent empfinde.
So ist das also. Dieses stabil, gesichert und weniger dissoziativ sein.
Wie immer. Nur mehr.

Diese Woche fiel mir dann noch etwas auf.
Ich habe in der Auseinandersetzung mit meinen Psychiatrieerfahrungen einen Prozess angestoßen, der hätte sein können wie immer. Intellektuell. Analysierend. Ganz so, wie ich es immer brauchte, um mich damit sicher zu fühlen. Wenn man Ursache und Wirkung versteht, kann man sich schützen. Und ich, Hannah, die mal die Rosenblätter waren, die mal die Anderen waren, die Menschen und Leben in Klapse und Therapie gut können, brauchte auch nur das. „Wie war es dazu gekommen?“ – „Alles klar, dann ergibt das ja alles Sinn, dann mache ich mal dies und das …“
Jetzt kann ich die fühlen, die vor mir waren. Und manchmal mischen wir uns auch. Manchmal auch schon so sehr, dass es mich nicht einmal komisch befremdet.
Jetzt ist die Auseinandersetzung damit wie immer. Und mehr.

Jetzt merke ich, wie mein Anspruch des Bewusstmachenwollens von Helfer*innen- und speziell Psychiatriegewalt auch daraus entstanden ist, sie mir selbst bewusst zu machen. Und zu halten. Nicht nur für alle, die es (im Gegensatz zu mir) nicht verdient haben, so etwas zu erleben, sondern auch für alle, die es erlebt haben. Wie ich ich? ich.

Und ich merke, wie weit mich meine Intellektualisierung gebracht hat. Obwohl sie zu meinem Vermeidungsverhalten gehört und damit aus therapeutischer Sicht zu den Dingen, die meine komplexe posttraumatische Belastungsstörung aufrechterhält. Böse böse also. Irgendwie.
Andererseits musste ich intellektuell begreifen, was meine Diagnose ist. Es hat nicht gereicht zu glauben, ich hätte mich „abgespalten, um mit traumatischen Erfahrungen klarzukommen“. Ich musste wissen, was toxischer Stress ist und wie er sich auswirkt. Ich musste wissen, wie Gehirne üblicherweise funktionieren. Wie Lernen funktioniert. Was Angst ist. Was andere Emotionen sind. Ganz konkret. Was Macht ist. Was Gewalt ist. Warum alle Menschen dagegen sind und gleichzeitig viel dafür tun.
Ohne diese Auseinandersetzung, diese Forschungs- und Versteharbeit hätte ich nie erfahren, dass Intellektualisierung und die vorerst kognitive Erfassung von Umständen nicht ausschließlich traumabedingtes Vermeidungsverhalten sind. Wofür ich mich schämen sollte, weil sich manche Leute davon überfahren, bedroht, eingeschüchtert, abgewertet fühlen. Und weil es meine psychotherapeutische Behandlung unnötig in die Länge zieht. Nur für mein eigentlich irrelevantes und mit diesem Verhalten dreist und aus narzisstischer Motivation erschlichenes Wohlgefühl.

Ohne diese distanzierte Analyse und die Schemata, die ich dafür gebraucht habe, hätte ich nie welche für mein Verhalten und meine Gefühle entwickeln können. Ich wäre Quatscherzählungen übers Viele- und Menschsein, über Gewalt und Hilfe schutzlos ausgeliefert. Wäre enorm abhängig von meiner Psychotherapeutin oder anderen Be.Handler_innen. Würde so vieles von meinem Verhalten immer noch als etwas von meiner viel weniger veränderbaren Person behandeln.

Meine Birne macht wirklich vieles komplizierter, als es manchen Menschen erscheint. Und vielleicht auch umständlicher. Aber sie schützt mich auch. Und stärkt mich dabei, noch andere Schutz- und Kraftquellen zu entwickeln.
Und eine zu sein. Für mich.

Diese Auseinandersetzung ist anders. Wie immer und mehr.
Wie ich sie mache und wie die anderen in mir sie machen.
Sie haben Angst und ich nicht.
Sie haben detaillierte Erinnerungen und ich nicht.
Ich kann die Umstände als Struktur und Dynamik überblicken und analysieren, und sie nicht.
Sie waren komplett auf sich allein gestellt. Jetzt haben wir uns.
Und einen Partner. Und Freund_innen. Und Begleiter_innen.

Ich habe lange geglaubt, um an so einen Punkt zu kommen, müsse etwas mit mir passieren, das ich in keiner Weise beeinflussen kann. Irgendwie würden mir unvorstellbare, bisher unerreichbare Fähigkeiten wachsen. Wenn ich mich als würdig erwiesen habe. Wenn ich durch genug unangenehme Therapietermine durch bin. Wenn ich die richtigen Medis habe. Wenn ich gut genug bin.
Dann würden sie auftauchen wie Krokusse im Frühjahr und dann ginge es von ganz allein weiter in Richtung Heilung und Normalität.

Aber auch Krokusse kommen nicht beliebig aus der Erde geschossen. Da hat jemand mal eine Knolle in die Erde gedrückt. Da war Wetter und Klima. Da ist keine Maus drangegangen. Kein Rasenmäher drübergefahren. Da war Zeit und Ort und Raum und Möglichkeit. Und genug Leben drin, um sich selbst zu wollen und die nötige Arbeitskraft freizusetzen.
Das, was man vom Krokus sieht, ist das, was ihm das Überleben als Spezies sichert. Das, was ihm Kommunikation und Interaktion mit allem, was dafür nötig ist, sichert. Die Wurzeln sieht man nicht. Ihre ständige Arbeit lässt sich trotz vieler Kenntnisse über Pflanzen kaum insgesamt erfassen. Man wird nie erfahren, wie viel Wasser, wie viel von welchen Mineralien im Verlauf eines Tages, einer Woche, eines Jahres dieser eine Krokus wann genau wie wozu sammeln und wie genau umwandeln und einsetzen musste.
Wir werden vielleicht nie erfahren, ob sich die Knolle für ihr Leben entscheiden oder einfach nur dem Leben als Impuls hingeben musste. Aber wir können uns sicher sein, dass da sehr vieles sehr günstig zusammenkommen musste, das nicht allein von ihr beeinflussbar war. Wir können Glück dazu sagen. Und Lauf der Dinge.

Und müssen immer an beides denken.
An das Glück und die Arbeit.
An die Möglichkeit und das Machen.

Reste?

Letzte Woche war die Psychiatrie wieder Thema in unserer Therapiestunde. Genauer die Ängste, die jene hatten, die ich als „innere Jugendliche“ bezeichne.
Und während sie sprachen, fühlte ich andere. Welche, die wie untergerührte Puddinghaut unsichtbar und doch deutlich unterscheidbar im Inneren waberten. Keine Ichs. Niemand Agierendes.
Später schrieb ich alles auf und kam zu dem Schluss, dass es manche von uns vermutlich nie in unser Heute schaffen. Dass manche von uns einfach nicht genug für eine Reorientierung sind. Nicht mehr genug leben. Vielleicht nie erlebt haben, sondern Erleben waren.

Dann dachte ich darüber nach, was das für mein Ziel der Integration bedeutet. Wird mir gerade klar, dass ich es nie vollständig schaffen kann?

Ich habe sehr gute Erfahrung mit Integrationen, Fusionen, Verschmelzungen von Innens gemacht. Habe immer nur gewonnen. Selbstgefühl, Erinnerungen, Gefühle, Gedanken, Fähig- und Fertigkeiten. Noch nie musste ich wissentlich jemanden zurücklassen. Nie ist jemand verloren gegangen.
Aber Anteile wie diese wabernden Geister hatte ich in meinem Alltagserleben auch nie. Als ich mich mit der Bezeichnung „die Rosenblätter“ noch gut gefühlt habe, waren da nur Ichs. Und als wir zusammenkamen, entstand mein Hannah-Selbst. Keine Krümel, keine Reste.
Ist das ein Unterschied, der sich ergibt, wenn ein Funktionssystem aus emotionaler, psychischer und struktureller Gewalt entsteht und ein anderes aus zusätzlich noch physischer Gewalt?

Vielleicht, so denke ich jetzt, bin ich wieder einige Schritte zu weit voraus. Vielleicht habe ich vieles, was ich selbst vor Jahren noch als Splitter empfunden, erlebt und dann ignoriert habe, inzwischen so nah bei mir, dass ich es als Aspekt von mir einordne. Manche Fusseln werden auch durch eine gewisse Oberflächenstatik einfach angezogen. Da hat man vielleicht gerade etwas ganz anderes gemacht und die miniwinz kleine Zusammenfügung gar nicht bewusst wahrgenommen.

Bei dem Gedanken bleibe ich jetzt.
Wir werden ja merken, wie weit wir kommen.

Der kleinste einsame Ort

Sookie war 8, als ich bemerkt habe, wie nah sie mir war.
Dass sie den Unterschied gemacht hat zwischen „frei sein“ und „frei leben“.
Dass ich mir in ihrer Anwesenheit ein Gefühl von Ankommen und Sein zugestehen konnte, das andere Menschen mit ihrer Familie, ihren engen Freund_innen und Verbündeten haben.

Sookie ist jetzt seit fast 6 Monaten tot.
Und ich fühle mich so verlassen und einsam, dass ich mir den Käfig zurückwünsche, in dem ich früher so viel Zeit verbracht habe. Manchmal auch mit Sookie. Vor dem Rausgehen, weil ich Angst vor Gesprächen mit anderen Menschen hatte. Nach dem Rausgehen, weil mich der Selbsthass über mein Sein und Sprechen mit anderen Menschen innerlich verbrannt hat. Vor Betreuungsterminen. Nach Betreuungsterminen. Vor der Therapie, nach der Therapie. Jeden Tag während des ersten Ausbildungsjahrs.

Mit der Partnerschaft mit meinem Mann und den ganzen Entwicklungen, die sich daraus ergaben, habe ich den Käfig immer weniger gebraucht. Es hat sich immer weniger so angefühlt, als bräuchte ich einen Ort, an dem die Welt und ich in sicherem Abstand voneinander existieren. Ich habe die Blase von Sookie und mir für ihn erweitert.

Und jetzt ist da keine Blase mehr.
Wenn wir uns jetzt missverstehen, dann ist da nichts mehr, das mich in meinem Bindungsgefühl hält. Da ist der gleiche umfassend vernichtende Selbsthass, wie ich ihn im Kontakt mit jedem anderen Menschen in so einem Moment hätte. Da ist der gleiche Impuls zur Selbstvernichtung wie früher. Nichts, das sicher erscheint. Nichts, das Halt gibt. Kein Momentum in Bewegung. Nur die absolute Frei-von-heit im unendlichen Raum dessen, was man nicht vorhersehen, nicht überblicken, nie sicher wissen kann.

Da ist nur noch Erinnerung. Imagination.
Eine Blase in der Seele. Der kleinste einsame Ort.

die to-not-do Liste

Ende Mai erlebte ich einen Meltdown in einer Fahrschulstunde und schrieb hier darüber.
Wenige Tage später ist Sookie gestorben. Die Prüfung hatte ich nicht bestanden.
Die zweite, wenige Wochen später, ebenfalls nicht.

Mein Problem: Angst.
Nicht vor dem Autofahren. Nicht vor dem Verkehr.
Vor Missverständnissen. Unverständnis. Druck. Unzutreffenden Motivationsphrasen. Beobachtet werden. Fehlannahmen über meine Fähig- und Fertigkeiten. Meine Ortskenntnisse. Meine Kraftreserven.

Und: Der Umstand, dass meine Angst bereits umfassend bestätigt wurde. Sowohl im kleinen Dauerelend, das meine Interaktion mit anderen Menschen ist, als auch im großen Horror des Meltdowns.

In zwei Wochen habe ich wieder Fahrstunden. Weil ich darum gebeten habe.
Ich will das weghaben. Es gibt gerade zu viele Bereiche in meinem Alltag, die mit Angst zu tun haben. Ich will Siege. Heroische Momente von Überlegenheit über die Angst.
Und jetzt sitze ich doch hier und habe

Angst.

So richtig mit Schwitzen, Durchfall und Puls im Hals. Einfach nur, weil ich jetzt Termine habe und entsprechend auch wirklich was damit machen muss.
Es ist nichts passiert. Außer eine reale Möglichkeit.

Ich weiß, dass das der Punkt ist, an dem ich üblicherweise Vermeidungsverhalten anbahne. Deshalb schreibe ich das hier auf. Sehr wahrscheinlich will ich mega mega busy sein in den nächsten zwei Wochen. Ich hab ja immer so wahnsinnig viel zu tun. Dies und das und ja, ich bin ja immer so wichtig für alles Mögliche, das natürlich auch immer des Todes unverschiebbar ist.
Aber vielleicht auch mal nicht?

Ich werde eine to-not-do Liste schreiben.
Alles, was ich machen will, um mich zu betäuben, schreibe ich auf.
Vielleicht teile ich sie hier.

Miteinander probieren

Was ich immer gemacht habe, war zu zeichnen und zu schreiben. Alles andere habe ich irgendwann gelassen. Das Tanzen, die Sportgymnastik, Handball, Judo, Klavier spielen, Gitarre spielen, Singen, Logikrätsel. Alles hatte für mich entweder Kindheitsschleim oder Psychiatriemodder an sich. Traumaschlonz gewissermaßen.
Es hat keinen Spaß mehr gemacht, als es mir helfen sollte, mich zu regulieren, auszudrücken oder darzustellen. Dann war es eine Aufgabe. Arbeit. Wurde zu etwas, das mich mit Anteilen verbinden sollte, deren Wahrnehmung mich überfordert hat.
In der Folge habe ich diese Dinge vermieden.

Ich wollte nichts mehr riskieren, was andere Innens nach vorn bringen würde und auch gar nicht mehr wenigstens mal versuchen, wie es sich außerhalb von therapeutischem Nutzdruck anfühlen würde. Für mich war alles, was ich tat, mit Therapie verbunden. Für mich habe ich einfach nichts mehr gemacht. Außer das Schreiben hier im Blog und das Zeichnen an meinem Schreibtisch. Aber nicht bewusst. Zum Glück. Das ist nach wie vor meine Verbindung zu den anderen, der einzige Handlungsraum, in dem ich mich sicher fühle.

Die inneren Jugendlichen schreiben nicht. Aber sie kennen viele Wortbilder und nutzen sie auch. Das ist für mich eine gute Verbindung. Wenn ich sie wahrnehme, kann ich mir das aufschreiben und muss meinen sicheren Modus nicht verlassen, um mich tiefer damit zu befassen.
So kommt es, dass ich weiter relativ gut dranbleiben kann, wenn sie mit der Therapeutin sprechen oder die Therapeutin sie einbezieht. Ich kann meine Ängste gut damit beruhigen, dass ich alles aufschreiben kann und nichts sofort verstehen, bearbeiten oder beurteilen muss.
Das funktioniert gut. So gut, dass ich sie inzwischen auch außerhalb des Therapiekontextes wahrnehmen und aushalten kann. Zumindest, wenn es um Dinge geht, die nichts mit Gewalterfahrungen zu tun haben.

Was sich nach Sookies Tod besonders deutlich zeigt, ist, dass Einsamkeit ein massiv großes Thema bei ihnen ist. Und zwar ganz klar nicht meine Art von intellektueller Einsamkeit, sondern soziale Einsamkeit, die dadurch entsteht, dass niemand auf sie zukommt, um gleichzeitig zu sein.
Durch unseren Kontakt spüre ich das sehr deutlich.
Sie wollen Freund*innen haben, wollen Dinge mit anderen erleben, wollen dazugehören.

Alles Dinge, bei denen ich echt nicht zu gebrauchen bin und die sie auch nie wirklich erfolgreich haben umsetzen können. Sie leiden mehr oder (vielleicht richtiger) anders als ich darunter. Ich kann ins Internet gehen und mit Leuten schreiben, die mir gewachsen sind – was sie sich wünschen, geht nur analog. Wo die sensorische Überreizung ist, wo soziale Normen zu navigieren sind, wo man sich aufraffen und aktiv handeln muss, wo man generell eine ziemlich genaue Idee davon haben muss, was man wann und wie machen muss/kann/darf/soll.

Naja.
Wir haben uns entschieden, es nochmal mit dem Handballspielen zu versuchen.
Und es hat geklappt.
Und es war toll.

Ich hätte mich zwar gerne nicht mit „Hallo seid ihr die Handballmenschen – ich will mitmachen“ vorgestellt und auch die Erkenntnis, dass sich so überhaupt kein Wumms mehr hinter meinen Würfen befindet, hätte ich mir gern erspart, aber … Naja, vielleicht ist das ein bisschen der Preis von innerem und äußerem Miteinander.

Grenzen, Limits, Möglichkeiten

Was ich vergessen hatte, war, dass unser Zug in unserer Herkunftsstadt halten würde.
Und dass sich mit dem Öffnen der Waggontüren die Zeit zurückdrehen würde. Dass alles sein würde wie vorher, als wäre das wie Normalität nun einmal funktioniert. You never know anything. Alles ist immer möglich.

Zum Glück.
Es war möglich, stützenden Kontakt zu anderen Menschen herzustellen. Veränderungen zu suchen und zu finden. Angst zu fühlen. Traurigkeit zu fühlen. Fremdheit zu fühlen. Vermissen zu fühlen. Verrat wahrzunehmen. Und weiterhin einen festen Stand in mir selbst zu haben. Zu sein und zu bleiben und zu werden, wie ich sein will. Belastbar. Konfrontierbar. Berührbar. Kontaktierbar.

20 Jahre später ergibt diese komische Therapie-Übung mit den Seilen, die man vor sich auf den Boden legen sollte, Sinn. Endlich kapiere ich: Das ist gemeint – Die Möglichkeit, dass da nicht nur die Dinge möglich sind, die ich so gut kenne, dass ich sie in aller Gründlichkeit fürchten und vermeiden kann, sondern auch Dinge, die ich noch gar nicht oder nur vage kenne. Und dass es etwas gibt, das ziemlich genau und deutlich aufzeigt, wo das eine anfängt und das andere aufhört: Grenzen.
Und nicht: Limits.

Ich weiß, dass viele Menschen diese Worte synonym verwenden, doch please hold the line – Ich habe einen Punkt. Einen wichtigen.
Denn für viele komplex traumatisierte Menschen gibt es so etwas wie Grenzen des Möglichen nicht – es gibt viel mehr points of no return. Eskalationsstufen, die mit Bewusstlosigkeit enden. Mit Dissoziation, mit Betäubung, mit Meltdown, Shutdown, Überdosis, Suizidversuch, reale Todesnähe.
Die Grenze, die Menschen in chronisch toxischem Stress permanent (zu) managen (glauben) ist die zwischen Leben und Tod. Und das ist ein Limit. Da geht es um ein Kontingent, das irgendwann einfach aufgebraucht ist. Nicht um Möglichkeiten.

Dieser Umstand ist es, der Helfenden, Begleitenden und manchmal auch Behandelnden schwer einsichtig ist. Vor allem, wenn die Gewalt, die Traumatisierung, das traumatisierende Umfeld nicht mehr besteht. Und wenn da doch Anteile sind, die den blauen Himmel und die bunten Schmetterlinge so toll finden können. Und eh viel tolle Alltagsstabilität da ist und tralla la.

Gerade Alltagsstabilität ist für viele Viele so lange ein Thema von Limits, weil sie nicht mit Grenzen aufgewachsen sind. Man kann nur sehen, was man kennt und auch Vorstellungen nur von dem entwickeln, was man schon einmal erfahren hat.
Deshalb war diese Übung damals vor 20 Jahren für mich auch ziemlicher Käse. Wie um alles in der Welt hätte ich diesen doppelten Geistes-Rittberger hinkriegen sollen? Erstmal die Abstraktion vom Seil auf dem Boden vor meinen Füßen hin zu dem, was berührt wird, wenn mir was im Leben passiert und von mir eingeordnet werden muss. Was ich damals ja kaum mitgekriegt habe. Und als ich es mitgekriegt habe, nicht einordnen konnte, weil meine Affektverarbeitung gestört ist und ich außer den Grundemotionen keins meiner Gefühle ohne aktives Nachdenken einordnen kann.

Und – nichts, kein einziger Aspekt in meinem damaligen Leben hatte nichts mit Limits zu tun. Ich hatte menschlichen Kontakt nach Stundenlimit – Therapie, Betreuung, Lehrplanzeiten. Meine Unterkunft, meine allgemeine Versorgung, meine körperliche Integrität – alles hing davon ab, wie weit ich meine Limits ausstreichen konnte. Es musste immer genug sein, um allen, die (ihre Arbeitskraft und -zeit) in mich investiert haben, mit Erfolgen bei der Stange zu halten, weil es so schwer, so herausfordernd war, mit mir klarzukommen. Und gleichzeitig genug, um jenen, die mir diese Räume zu nutzen gewährt haben, den grenzenlosen Zugriff auf meinen Körper und meinen Geist zu überlassen.

Also. Ja.
Wie hätte ich das früher verstehen können. Gar nicht.
Vielleicht war selbst dieser Moment im Zug ein Glückstreffer?
Oder ein erster Treffer? Wie Babys erster Schritt nach viel Hochziehen und Umfallen, komisch Weitermurksen und Wackeln und plötzlich, endlich, haben sich die neuronalen Netzwerke passend gekabelt und es klappt immer wieder?
Oder hab ichs schon ganz lange und es ist mir jetzt endlich auch selbst mal aufgefallen?

Alles ist immer möglich.

Konflikt und Traumalogik – Sicherheitsbedürfnisse und ein Umbau bei laufendem Betrieb

Nach dem dritten oder vierten emotionalen Flashback voller Verzweiflung und Angst habe ich den Auslöser verstanden. Und möchte meinen Kopf eigentlich gleich wieder vergraben, denn Wissen ist nichts ohne Macht.

Aber von vorn.
Ich bin in einem Konflikt mit jemandem. Und das ist eine Sache von verschiedenen Zeitebenen, Annahmen und Überlegungen. Ich hatte schon länger einen Punkt, war schon länger nicht zufrieden oder allgemein gesagt „glücklich“ mit dem Kontakt. Und habe nichts gesagt. Klassiker der Problemkreation, ja, wer kennt das nicht.
Darunter gibt es noch die Ebene, auf der die Gründe dafür liegen.
Der Person ging es sehr lange, sehr umfassend schlecht wegen Dingen, die nichts mit mir zu tun hatten. Ich wollte für sie da sein und war es auch. Ich habe zugehört, mitanalysiert, mitgefühlt, getröstet, Lösungen gesucht und zu vermitteln versucht.
Während es mir in den Wochen vor und auch nach Sookies Tod so schlecht ging, wie lange nicht. Während ich in eine neue Arbeit ging und die alte mitnahm, die zwischenzeitlich extrem belastend war. Parallel zu der emotionalen Achterbahn, die mit einem unerfüllten Kinderwunsch einhergeht.

Für mich liegen auf dieser Ebene einige Momente, in denen ich mich nicht gesehen gefühlt und das immer wieder mit der Erklärung weggedrückt habe, dass man diese Art von Support und Begleitung, die ich mir wünschte, auch leisten können muss. Und dass diese Person es einfach nicht kann. Jetzt gerade. Schon länger. Und vermutlich auch noch eine ganze Weile nicht. Dass das keine Aussage über mich ist. Dass das keine Aussage über unsere Beziehung ist. Dass das alles nur bedeutet, dass diese Person jetzt einfach um sich selbst kreisen muss und es bei mir liegt zu entscheiden, ob ich weiter mitkreise oder nicht.
Man kann ja auch Pausen voneinander einlegen und sich wiederfinden. Vielleicht irgendwann. Wenn es sich ergibt.

So lose und unverbindlich funktioniere ich nur leider nicht.
Kontakte mit anderen Menschen sind so anstrengend und fordernd für mich, dass ich eine Funktion, ein Ziel und klare Rahmenbedingungen brauche. Ich treffe niemanden anlasslos, ich bin nicht mit Menschen zusammen, die eventuell vielleicht dann spontan überlegen wollen, was wir wofür und wie miteinander machen.
Das hat etwas mit meinem traumabedingten Sicherheitsbedürfnis zu tun – aber auch damit, dass ich ein angenehmer Kontakt sein will. Ein fähiger, belastbarer Kontakt, der sich an das Zusammenkommen auch noch erinnern kann und nicht zu Hause angekommen komplett crashed, weil keine Energie mehr verfügbar ist.

Man kann diese Eigenschaft so framen, dass ich nur Kontakte will, die meinem gierigen Ego etwas bringen und die ich kontrollieren kann – man kann sie aber auch als gelebte Selbstfürsorge, Therapieerfolg in action und soziale Traumafolgereaktion begreifen. Und zwar gleichzeitig.
Wenn ich mit anderen Menschen in Kontakt gehe, ist meine Komfortzone etwa 50 Kilometer hinter mir. Bei Menschen, die ich schon länger kenne (also round about 10,12, 13 Jahre), etwa 10. Es ist nichts und wird vielleicht auch nie etwas sein, das ich ohne Druck von meinem überlebenswichtigen Kontaktbedürfnis mache.
Und doch gibt es auch darin eine Ebene von Wohlfühlen, Genuss, Spaß, Inspiration und Wachstumspotenzialen. Nur weil es sauschwer für mich ist, heißt es nicht, dass es keinen Spaß macht oder immer schwer ist. Aber die Anstrengung, meinen sicheren Bereich zu verlassen, ist immer da und inzwischen, endlich, nach tausend Therapiejahren, auch etwas, das ich meinem „Gewinn“ daraus entgegenstelle.

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Früher habe ich mir diesen „Gewinn“ immer eingeredet und heute bin ich zunehmend streng mit mir, was das angeht. Ein bisschen Einrederei ist gut – das kann motivieren. Aber wenn es so viel ist, dass es Selbstbeschiss wird, dann ist es selbstverletzendes beziehungsweise in meinem Fall auch ein soziales Trauma reinszenierendes Verhalten aufgrund von traumalogischer Überlegung (von Kinderinnens und Jugendlichen). Vor allem dann, wenn ich als erwachsener Anteil lieber das glauben will, als die Realität zu sehen und mich damit zu befassen.

In meinem aktuellen Konflikt ist mir diese Einrederei aufgefallen. Und irgendwann auch, dass ich schon länger verpasst habe, darauf zu achten, was ich mir für den Kontakt mit der Person eingeredet habe. Was ich mir und uns alles versprochen habe, was wir auch von dem Kontakt hätten, ohne nach innen zu erklären oder zu trösten oder nach außen zu handeln, als sich nichts davon eingestellt hat.
In diesem Nimbus nach Sookies Tod war jeder Kontakt ein Gewinn, einfach, weil wir dann zeitweise nicht allein waren. Es war dieser verletzliche Zeitraum, in dem man uns auch hätte ernsthaft verletzen und ausnutzen können und wir es nicht als verletzend oder ausnutzend empfunden hätten. Weil wir ja nicht allein waren in der Zeit.

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Aus Gründen, die mir jetzt fern und fremd erscheinen, dachte ich, es würde reichen, der Person, mit der ich den Konflikt habe, das zu sagen. Das hat es aber nicht.
Auch das ist etwas, worüber ich mich heute total ärgere. Weil ich genau solche Unachtsamkeiten ja eigentlich kenne, täglich kompensiere und sogar eine Phrase dazu kenne: „Die_r Auti sagts ein Mal und hat damit alles geklärt. Die_r Neurotypische sagt: Woher hätte ich wissen sollen, wie wichtig dir das ist – du hast ja nur ein Mal was gesagt.“

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Ich wurde also schon länger enttäuscht, habe mich nicht gesehen gefühlt und als ich etwas dagegen tun wollte, wurde auch das übergangen.
Aber der Person ging es so schlecht, dass ich wochenlang auf Anzeichen von Suizidalität geachtet habe. Es war nicht die Zeit für das, was ich zu dem Zeitpunkt schon längst als mein albernes, erbärmliches, komplett bescheuertes Mimimi empfand. Denn wer in der Zeit vor allem für mich da war, um unsere Einsamkeit, meine Trauer und unsere allgemeinen Verlorenheitsgefühle logisch zu machen, waren (und sind) Täter_innenintrojekte.
Ich reagierte nicht mehr auf Nachrichten der Person, die für mich einigermaßen abrupt nichts mehr über ihre inneren Vorgänge schrieb, sondern über ihre veränderte Lebensumgebung. Für mich waren die Nachrichten ein weiteres Krisenanzeichen und Merkmal eines verschlechterten Allgemeinzustandes. Wer sich nicht mehr fühlt, kann halt auch nichts mehr dazu schreiben. Wer sich nicht mehr fühlt, kann andere nicht mehr fühlen. Ich wusste, dass der gewaltvolle Innenterror, mit dem ich zu kämpfen habe, im Kontakt mit der Person in diesem Zustand immer neues Futter finden würde. Egal, wie minimal die Unachtsamkeit, die Nichtbeachtung sein würde – sie würde reichen, um Prozesse in mir zu starten, die mich tiefgreifend und grundlegend verletzen, in Flashbacks stoßen und im Gefühl maximaler Ohnmacht zurücklassen.
Völlig egal, ob die Person noch in der Krise ist oder nicht – also egal, ob sie sich und mich gerade fühlen kann oder nicht.

Das ist einer dieser sozialen Aspekte von Traumafolgestörungen, wo mein Autismus praktisch nicht mehr von meiner Traumafolgestörung zu unterscheiden ist. Ich kann die Lage einfach nicht lesen, nicht richtig bzw. eindeutig und real-objektiv einordnen, abschätzen, abgrenzen, bewerten. Damit habe ich absolut keine Chance auf Klarheit, festen Boden, Ordnung … die grundlegende Sicherheit, die einfach jeder Mensch für jeden Kontakt braucht.
Egal, ob autismus- oder traumabedingt ist die Lage für mich belastend und gerade im jüngsten Verlauf auch retraumatisierend, wenn ich nicht ganz bewusst reflektierend, meine Ressourcen nutzend damit umgehe. Also nicht – wie es sich sicher anfühlt – dazu schweige, mir keinen Trost und Versicherung von außen hole und nur meine eigene Position sichernd darüber nachdenke.

Mir hilft es gerade, diesen Komplex wie ein Mehrebenenmodell zu betrachten, in dem verschiedene Strömungen und Sachstände zusammenkommen, weil es ihn weniger persönlich macht und mir Sicherheit durch Klarheit gibt.
Im Moment stehen immer wieder Scham über die eigenen Bedürfnisse und Wünsche an diesen Kontakt im Vordergrund. Immer wieder merke ich, dass wir uns in einem perfiden Gedankenspiel darum befinden, was wir hätten besser oder anders machen können – das wir nie beenden können, weil der Zeitpunkt vergangen und die Person gerade nicht mit uns im Kontakt ist. Aber zur Sicherheit – zum Wohlbefinden in dieser Kacksituation – geht das immer wieder los. Das ist bekannt. Das verspricht das Finden eines zukünftigen Handelns, in dem uns das nicht nochmal passiert. Ohne dieses Versprechen je einlösen zu können, denn das Leben ist nicht so kontrollierbar. Aber man weiß ja nie!

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Das so hingeschrieben klingt so klar und überlegt. Das ist es auch. Das ist die Ebene, die ich gut kann. Ich kann super gut intellektualisieren und analysieren. Auch solche Situationen.
Womit ich aber gerade an den Rand meiner Kraft komme, ist der emotionale Teil. Der Teil, der mich gewissermaßen gemacht hat. Das Kompensieren emotionaler Nichtverfügbarkeit von anderen Menschen. Das Funktionieren, obwohl weite Teile meines psychischen Systems massiv Bedürfnismeldungen auf mich pressen, die ich nicht mit meinem Intellekt, meiner geistigen Haltung, meiner Selbstmotivation befriedigen kann. Ich kann ihnen (mir) in der Angelegenheit (noch) nicht (immer und effizient) helfen.
Und das ist ein massiver Trigger.

Und das ist jenes Wissen, das mir überhaupt nichts bringt, wenn ich nicht die Macht/die Kontrolle/die Kraft/die Kenntnis/die Fähig- und Fertigkeiten habe, daran etwas zu ändern.

Und so ist auch diese Situation wieder ein Umbau bei laufendem Betrieb.
Ich versuche mein Gefühl von Klarheit über die Situation zu einem Sicherheitsgefühl zu konvertieren, das auch die Inneren fühlen können. Ich muss darauf achten, meinen Anteil an diesem Konflikt nicht größer werden zu lassen, als er ist – damit die Inneren merken, dass so etwas nicht dafür taugt, mich als Person zu bewerten. Und ich muss üben, wie es ist und was es mit mir macht, wenn ich ihre Bedürfnisse fühle. Wie viel Kontrolle verliere ich, wann und warum, wenn ich ihre Ängste spüre? Kommt es zu Wechseln? Wenn ja: Kann ich sie beeinflussen? In welcher Art? Kommt es zu Flashbacks? Welches Handeln unterbricht sie? Wie viel davon ist wirklich so wort- und kopflos, wie ich es befürchte? Welche Umstände sind gerade gut für diese Auseinandersetzung und welche nicht? Was gibt mir Sicherheit während dieses Prozesses von ständigem Probieren, Wahrnehmen, Kontrolle verlieren, Angst haben, mich ohnmächtig erleben und trotzdem zurück in die Kontrolle arbeiten?

Und auch: Wie dringend muss es diese Person sein? Wie wichtig ist es, wofür ganz objektiv und ganz subjektiv und ganz ideell, dass dieser Kontakt bestehen bleibt?
Die Person will uns keinerlei Sicherheiten über Klärungsräume oder -potenziale geben – woraus können wir alternativ Kraft und Sicherheitsgefühle ziehen, um eventuell vielleicht doch gegebene Chancen in der Zukunft effektiv zu nutzen? Und ist ein Kontakt, der uns keine Sicherheiten geben will, ein sicherer Kontakt? Wie wichtig ist uns Sicherheit in diesem Zusammenhang? Woraus haben wir vor dem Konflikt Sicherheiten für uns gezogen? Steht das jetzt alles infrage oder fühlt es sich nur sicherer an, es in Frage zu stellen?
Welche Dinge wie alleingelassen werden, nicht gemocht/bestraft werden wegen Selbstausdruck, Dinge zeitlich nicht überschauen können sollen, sind Folgen eines Angriffs (aus Selbstverteidigung oder Kontroll/Sicherheitsbedürfnis) und welche sind Annahmen, die wir machen, weil wir sie für unsere Traumalogik brauchen (um uns sicher zu fühlen)? Welche anderen Logiken können wir jetzt anwenden?

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Das ist ziemlich viel für eine_n allein.
Und ich habe noch viele andere Dinge zu bearbeiten.
Die leichter sind. Die nicht so wehtun. Für die ich schneller und sicherer auch belohnt werde.

Grmpf.
Ich will meine Dissoziation zurück.
Mimimi 😅