Willen wollen

Die Regenjacke klebt auf der feuchten Haut, dem feuchten Shirt. „Hat wohl aufgehört zu atmen“, denke ich. „Letzte Dinge für die Radtour“, denkt es mir und schwimmt zwischen Früher und Heute, wie ein Korken mit eigenem Sein.

Ich bin zu dick für Sportsachen, zu dick für Outdoorsachen, ärgere mich darüber, dass ich mich nicht mehr ok fühle und die Mitarbeiterin im Laden mir auf die kurz einärmelten Arme guckt, als hätten die irgendwas damit zu tun.
Es soll schön werden. Ein letztes Mal wollen wir mit NakNak* länger unterwegs sein. Sie spüren, uns spüren, ein gemeinsames Heute haben, das wir nicht mit Arbeit, dem Partner, Bubi, dem tagein Dies tagaus Das teilen müssenkönnensollten. Und so werfe ich mir die tote Jacke wieder auf die Schultern und gehe in einen anderen Laden.
Die Pandemie ist hier vorbei, ich lerne Seitenstraßen kennen, die ich noch nie entlang gelaufen bin.

Angekommen merke ich ihre Aufmerksamkeit auf mir. Warten vielleicht, ob ich mich gleich wieder zu dick und also falsch finde, Er_Warten, ob ich an dem inneren Weinen ertrinke oder mich im Heute halten kann. Ob ich weiter will oder schneller aufgebe. Ob ich weiß, dass etwas zu wollen grundsätzlich falsch ist.

„Das kann ich dir zeigen“, denke ich und stürze mich in die Flut von Zeug und Reiz. Finde ein Oberteil in meiner Größe, gehe in die Umkleidekabine. Spüre meinem Willen nach, merke, wie banane es ist, so etwas wie Willen an etwas so serviertem wie Konsum als in Ordnung markieren zu wollen. Frage mich, ob es wichtig ist so niedrig anzusetzen und ob das überhaupt wirklich niedrig ist oder nur leichter als so etwas Krasses wie sich selber zu wollen – in dieser Gesellschaft, dieser Welt, diesem Heute – durchzusetzen.
Sie ist mir so nah, dass ich sie im Spiegel sehe, ihre Aufmerksamkeit in meine tropft. Ich merke, dass sie mich beobachtet, weil sie sich nicht ertragen kann. Ihre Verletzung, ihren Schmerz, ihren Willen. Das Inferno hinter sich, von dem ich nur Konturen erahne.

„Ist ok“, denke ich. „Ich bin hier und wo ich bin ist es vorbei.“

Sackgasse

„I’m blue da ba dee da ba daa…“ Im Intro von Iron Man 3 läuft dieser Song. Sommer 1999. Die Hitze strahlt von den Häuserwänden, Summertime Sadness. Mein Geschwist ist mir nah, mag diesen Song auch. Die Erinnerung ist wie ein schlafwarmes Bett an einem Morgen dem ein anstrengender Tag folgt. Ich möchte drin bleiben, möchte zurück in diese Nähe, möchte dieses Stück Erinnerung ohne Gewalt ausbreiten und über alles Schlimme der Zeit legen – und mache mir die Realität damit umso schmerzhafter.

Ich google mein Geschwist. Finde es bei Instagram, Facebook, Soundcloud. Merke, wie ich in die Profilbilder krabbeln und jeden Millimeter befühlen will. Wer bist du? Wie bist du? Hast du mich noch lieb? Hab ich dich verlassen oder war ich einfach nur nicht da?
Du erwachsener Mensch, dem ich so fremd sein muss wie er mir.

Wir leben schon lange ohne Kontakt zueinander und das, was fehlt, weil wir keinen Kontakt haben, ist nichts, was unser Leben zer_stört. Es geht schon. Ist nicht schön, ist nicht, was wir je wollten, ist, was wir tun mussten, um nicht noch mehr zu schaden.
Punkt.

Daneben orientieren wir ein Innen aus den Jahren vor dem Sommer 1999. Das heißt, wir versuchen es und verdrehen uns dabei in Zeitgefühlen und Ohnmacht vor dessen Rigidität.
Wieder träume ich von Kindern, die sich das Selbst aus der Hülle schreien. Von Luftnot, von Schmerzen im Körper und Druck auf den Kopf, Davon, dass ich losmuss, schnell, dringend, jetzt sofort, um etwas zu tun, das ich nicht richtig kann. Weiß, dass das Erinnerungen an mein Leben – das Ist dieses Innens – sind. Und kriege es doch nicht zueinander. Es ist vorbei, aber nicht zu Ende. Nicht gut und vielleicht nie wieder gut.

Das ist relevant. Das bedeutet etwas, das kann nicht losgelassen werden. Hier haben wir etwas gemeinsam. Wir können nicht einfach hinnehmen, wenn schwierige Dinge einfach ungelöst bleiben sollen. Und wir haben beide das Problem, dass wir nicht wissen, wie man das schafft. Wie kann man so ein ignorantes Arschloch sein, so ein abgestumpftes Herz, so ein klitzekleiner Geist … ~ so~ sein, dass man Unfertiges einfach liegen lässt. Einfach nicht mehr versucht es zu lösen, zu ordnen, zu verstehen. Einfach … puff … halt nicht.
Es ist ein Mysterium.

Und damit eine Sackgasse.

„And everything is blue for him
And himself and everybody around
‚Cause he ain’t got nobody to listen (to listen, to listen, to listen)…“

Autismus, Trauma, Kommunikation #9

Gestern war #AutisticPrideDay und vorgestern hatten wir eine Therapiesitzung.
In mir hallte nach, dass die Therapeutin sagte, sie hätte sich ganz fest vorgenommen immer mitzudenken, dass wir eine autistische Jugendliche waren. Damit im Hinterkopf schrieb ich gestern in einem (hier von Schreibfehlern bereinigten) Thread (Link zum Thread) bei Twitter:

„Kurz nach der Autismus-Diagnose haben wir verstanden, dass unsere Wahrnehmung von sensorischen Eindrücken immer wieder zu Traumatisierungen geführt hat, die niemand sah, verstand, nachvollziehen konnte und die bis heute kaum besprechbar sind – außer mit anderen Autist_innen.
Wie es ist, immer Angst haben zu müssen, dass man von einem Geräusch zerfetzt, von einem Geruch praktisch bewusstlos geschlagen, von Farben blind geblendet wird, weil man nie weiß, wann wie wo es passiert und wie schlimm auf dieser Skala von „Hm ok“ bis „sich dem Tod nah fühlen“ es wird, das verstehen ansonsten nur noch Leute, die chronisch krank oder chronisch misshandelt wurden wirklich richtig, als die Belastung, die Verwundung, die es darstellt.
Gestern – 6 Jahre nach der Autismus-Diagnose und 19 Jahre nach der DIS-Diagnose – habe ich begriffen, dass ich ein autistisches Kind war, das Gewalt erlebt hat, UND eine Umwelt, die – egal wie lieb und traumasensibel! – nicht nicht traumatisierend hat sein können.“

Ich erinnerte mich an die Krise im Herbst/Winter 2015, die von dieser Erkenntnis ausgelöst worden war. Von der Ent_Täuschung, dessen was unserem Ausstieg und auch einem Großteil der Therapie- und Lebensmotivation zugrunde lag: Die Idee, es gäbe einen Ort des Grauens außerhalb von uns, den wir nur verlassen müssten, um ein lebenswertes, unbelastetes Leben führen zu können.

Die Idee, wir müssten im Grunde nur unser Verhalten ändern – unsere Kommunikation verbessern, unsere Therapie besser machen – um unsere Traumatisierungen abzuarbeiten, die uns dann weder weiter belasten noch uns je wieder passieren.
Die Idee, unsere Belastung wäre etwas, das uns mal passiert ist, aber heute nicht mehr.

Obendrauf kam damals noch ein Gefühl des ungesehen und betrogen worden seins. Von Therapeut_innen, die uns oft und auch erfolgreich (und in ihrem Kontext auch richtig) vermittelt haben, dass wir keine Schuld haben. Dass aus uns heraus nichts kommt, was die Belastung, die Traumatisierung „gemacht hat“, sondern aus dem Verhalten der Täter_innen und manchmal auch einfach ungünstige Zufälle.

Ich dachte damals über Suizid nach, weil ich die Traumawahrheiten bestätigt gefühlt habe, die mir gegenüber oft als blanker Unsinn abgetan wurden, selbst wenn man sich uns achtsam, traumasensibel und fürsorglich gewidmet hat: „Es hört nie auf.“ und „Die Menschen, die Welt und mein eigenes am Leben sein, sind mir feindlich gesonnen.“

Ich habe mich damals nicht bereit gefühlt für einen Kampf um mich, der beinhaltet, nicht nur gegen altes und dissoziiertes vorzugehen, sondern irgendwie auch gegen mich selbst, obwohl mir zu dem Zeitpunkt schon völlig klar war, dass das überhaupt nicht geht. Sensorische Probleme sind keine Innens mit gegensätzlicher Meinung oder eine unwillkürliche Fight-Flight-Freeze-Reaktion – sie sind das Ergebnis von neurodiverser Verkabelung. An sich sind sie nicht einmal Probleme, sondern schlicht, das was in diesem Körper, mit diesem Gehirn, in dieser Lebensumgebung nun einmal so ist. Die Probleme entstehen, wenn die Umwelt nicht dazu passt. Und die meisten Dinge, die für mich zu Problemen führen sind einfach nicht zu ändern. Die muss ich über mich ergehen lassen, auch dann, wenn ich mich dabei psychisch komplett auflöse, weil mich der Schmerz zerreißt oder die Überreizung zerfetzt.

Heute merke ich, dass es uns guttut zu hören, dass unser Umfeld das mitdenkt. Auch wenn es sie vielleicht manchmal nervt, sie nicht alles gleich auch empfinden und vielleicht manchmal auch heimlich denken, dass wir uns manchmal nur anstellen oder übertreiben. Eine Komponente, die ein Trauma zu einem Trauma macht – und ein Trauma zu einem Komplextrauma werden lassen kann – fällt damit weg: Dass man allein damit ist und bleibt. Dass man keinen Landeplatz für Trost hat. Für bedingungslose Unterstützung im Umgang damit.

Diese Funktion hat damals der Begleitermensch übernommen. Dann nach und nach unsere Gemögten und der Partner.

Jetzt auch unsere Therapeutin.
Das macht nichts gut oder weg. Aber okay genug, um weiter für und um die Verbindung mit ihnen, der Welt und dem eigenen am Leben sein zu kämpfen und es sich so angenehm wie möglich zu gestalten.

follow up „die Update-Reihe“ – ein Versuch

Ich wollte meine Gedanken zur „Update-Reihe“ weiter aufschreiben. Und dann stolperte wieder alles durcheinander. Dieser Text ist mein Versuch zu ordnen.

Es ist diffizil. Komplex.
Mein Hauptproblem an unserer Helfer_innentraumatisierung ist die Dopplung. Die Übergriffigkeit von Hilfe als Konzept und soziale wie kulturelle Praxis und die Angewiesenheit auf etwas, das in unserer Kultur praktisch ausschließlich mit Hilfe beantwortet wird, während alternative Praxen und ihre Theorien kaum einen Raum zur Ausentwicklung erhalten.
Das ist kein Konflikt zwischen „Ich möchte keine Hilfe annehmen“ und „Ich brauche Hilfe“, sondern zwischen „Ich habe ein Problem“ und „Mir wird nur Hilfe angeboten.“

Und dann die Schutz-Reihe. Die Update-Reihe.
R., die_r, so verstehe ich das gerade, seit mehr als 20 Jahren Hilfe sucht, aber nie die bekam, die sie_r brauchte oder wollte? – und heute auch nicht mehr bekommen kann – und ich, die durch übergriffige Helfer_innen oder psychologisch/psychiatrische Kontexte nicht an Kindheitstraumata erinnert wird, sondern an Psychiatrietraumata – und deshalb ein ganz eigenes, anderes, Thema habe als sie_r.

Für mich stehen Widersprüche, Doublebinds, globale Ohnmacht vor unsichtbaren, unansprechbaren, unbeberührbaren Eminenzen, wie „das Team“ oder dem spezifischen „Wir“, in dem Klinikbehandler_innen oder Betreuer_innen sprechen, im Vordergrund.
Der Umstand, dass man für sich sorgen soll, aber das nur in bestimmter Form (häufig welchen, die der Selbsthilfe eher im Weg stehen oder erfordern Grenzen zu übergehen, die in der Regel aus Gründen bestehen); dass man sich als freiwillig gerahmt (be)zwingen lassen soll und das alles nur, weil man nirgendwo anders hin kann.

Ich treffe auf Psycholog_innen oder Psychiater_innen und panzere mich gegen das Gefühl durch Schablonen angeschaut und in Kategorien eingeteilt zu werden. Nicht, weil ich so eine zarte Schneeflocke bin, sondern, weil ich weiß, dass bereits das ein gewaltvoller Akt ist. Dass ich schon in dem Moment Gewalt erfahre, in dem mir jemand sagt, dass sie_r diese und jene Diagnose vergeben könnte oder dieses und jenes bei mir vorliegt, noch bevor ich irgendeine Chance hatte, selbst etwas von mir einzuordnen oder meine eigene Ordnung mitzuteilen.
Ja, ich blute nicht; ja, niemand wird verknastet, weil sie_r eine Diagnose stellt, aber genau diese Erwartung ist das Problem. Wenn immer jemand bluten oder verknastet werden muss, damit etwas als Gewalt verstanden und behandelt wird, dann hat man einfach noch nicht verstanden, was Gewalt ist.

Für mich ist es schwer auszuhalten, wie unscharf die meisten Menschen miteinander umgehen. Wie undifferenziert geredet wird, wie hoch der Anspruch an eine möglichst unterkomplexe Vermittlung von Sachverhalten ist. Wie selbstverständlich erwartet wird, dass man okay damit ist, wenn nicht alles, was dazu gehört auch ausgesprochen, dargestellt oder wenigstens als ausgelassen markiert wird.
Im Kontext der Hilfen steigert sich das noch einmal, weil ich weiß, dass es weder falsch noch zu viel verlangt ist, sondern eigentlich ganz eindeutig zum Prinzip von Diagnose und/oder psychologischer/psychiatrischer Diagnostik und Hilfe gehört, so präzise wie möglich zu beobachten, die eigene Deutung nachrangig der Deutung des_der Klient_in (über bestimmte Kernelemente wie z. B. Leidensdruck, Leidensursache oder was nötig ist, um Leiden zu lindern/beenden) vorzunehmen und die gesamte Arbeit (hier Hilfe) nicht für sich selbst zu leisten oder für alle Patient_innen, die es gibt, sondern für diese_n eine_n Patient_in, die_n man da gerade begleitet/behandelt.

Unsere innere Update-Reihe ist entstanden, weil die meisten Menschen unscharf kommunizieren und mit unscharfen Lösungen zufrieden sind – und entsprechend erwarten, dass alle Menschen so sind. Alle wussten, dass wir ein_e Jugendliche_r sind, die_r Not hat und haben sich auf uns konzentriert – statt auf unser Umfeld oder den Ursprung der Not. In meinen Augen ist das nachvollziehbar aber auch völlig unsinnig. Wir waren nicht das Problem – wir hatten ein Problem. Und das wurde nicht gelöst. Das wurde, wenn man ehrlich ist, bis heute nicht gelöst. Aber man hat unseren Zustand verändert und das wiederum positiv gedeutet. Im Grunde als notwendige Teillösung des Problems.
Dass diese Zustandsänderung besonders in den ersten 7 Jahren nach Ersteinweisung vor allem auf dissoziativen Selbstschutzstrategien beruhten, hat kaum jemand verstanden und noch weniger ändern können. Keine Zeit, kein Geld, hier ne Pille, unzählige Fremddeutungen, die allesamt das Ziel hatten mich_uns als Zentrum von Problemen zu verorten, die ich_wir selber gar nicht als solche wahrnahmen. Das war die Hilfe. Und ja, wäre das alles nicht gewesen, vielleicht würden wir heute nicht mehr leben. Aber hey – wie würden wir wohl heute leben, hätte man 2001 unser Problem gelöst, statt uns?

Und Stichwort Unschärfe.
Man redet von Vielen oft als wären die Innens das Problem oder die Situationen, in denen sie auftauchen. Tatsächlich aber sind wir gewissermaßen die Kanarienvögel in der Mine. Deshalb schrieb ich über unsere Update-Reihe.
Weil es für mich wichtig ist, mich einzuordnen – meinen Bezug zu R. klarzumachen. Sie_r schiebt mich nicht vor, weil sie_r keinen Bock auf Konfrontation hat oder weil sie_r mich als Expertin für Gespräche mit Psycholog_innen einordnet – sie_r macht in dem Moment einfach nur etwas anderes als ich und das ist hochrelevant. Sowohl um sie_ihn zu verstehen, als auch zu verstehen, dass sie_r mich in diesen Situationen nicht wahrnehmen können wird. Zumindest jetzt noch nicht. Vielleicht irgendwann, mal sehen. Für sie_ihn wird in solchen Situationen vermutlich nicht wahrnehmbar sein, wer ist, wenn sie_r nicht mehr ist. Es wird ihr_ihm gehen, wie mir früher mit anderen Rosenblättern. Man weiß, dass man denkt: „Nein“ oder „…“ und sich ganz zusammenzieht – aber dem nichts folgt, was irgendwie bewusst oder gesteuert ist.

Ja, manche Viele können das, die schicken X zum Einkaufen und verabreden sich dazu, ne Stunde später wieder zu wechseln und haben richtige Schichtpläne für Außenzeit. Wir haben das nicht und können das auch nicht. Wir brauchen das aber auch nicht. Wir wollen unsere Wechsel nicht mehr problematisieren, sondern verstehen, auf welche Probleme hin wir wechseln. Dass wir wechseln können, ist gut. Es ist etwas Gutes. Für uns.
Vielleicht nicht immer für unser Außen und die Menschen, die sich von uns eine gewisse innere Statik wünschen, aber auch das ist keine problematische Eigenschaft von uns, sondern ein Faktor, der zu problematischen Situationen beitragen kann wie jeder andere auch.

Entsprechend glaube ich auch nicht, dass wir allein gucken müssen, wie wir heute mit Hilfe und Helfer_innenthemen umgehen. Wir haben unseren Helfer_innen und Behandler_innen nie verschwiegen, dass wir Widerstände haben, dass man manche von uns schwer aushaltbare bzw. lenkbare Ängste haben und wir vor jedem Termin, jedem Kontakt einige innere Filme und alte Überzeugungen orientieren müssen. Nur direkt in aller Konsequenz verstanden wurde das oft nicht und wir müssen damit leben, dass das vielleicht für immer irgendwie so bleibt.

Das bedeutet für uns nicht, dass wir damit ok sein müssen. Wir lehnen es ab, uns allein in der Sache als Problem oder Fehler anzuerkennen. Nicht weil wir so geil sind, sondern weil es in jedem Kontakt zwei Enden gibt. Auch in dem, in dem die eine Person der anderen helfen soll/kann/möchte.

Neulich hatten wir das Thema Konsens. Im Nachhinein habe ich darüber nachgedacht, dass Hilfe oft etwas ist, in dem kein Konsens ausgehandelt wird, sondern als gegeben angenommen wird. Es wird erwartet, dass man einfach hinnimmt, wenn Mediziner_innen wie Psycholog_innen die Grenzen übergehen, die vor anderen Menschen eher verteidigt werden.
Entsprechend ist in unserem Fall logisch wie Wasser nass ist, dass wir als Einsmensch mit der Ausentwicklung von Fähig- und Fertigkeiten, die in solchen Situationen schützen reagieren und kein Fehler. Es sollte auch kein Problem darstellen.
Es wird und wurde in unserem Leben immer wieder ein Problem, weil Hilfe als grundsätzlich konsensuell gedacht wird – und nicht als Ergebnis konsensorientierter Verhandlung. Es wurde immer wieder ein Problem, wenn wir es mit Mediziner- oder Psycholog_innen zu tun hatten, die das Bewusstsein dafür verloren haben, welche Rolle ihre Funktion (!) im Leben allgemein, aber auch speziell in der Behandlungs-/Diagnostik-Situation spielt.

Schönes Beispiel dafür war unser Klinikaufenthalt 2016, der – je länger wir darüber reflektieren (und ja, das tun wir bis heute jede Woche mindestens einmal und werden nach wie vor davon belastet) – schon deshalb zum Scheitern verurteilt war, weil man nie ins Aushandeln über Behandlungsziele, Grenzen, Themen oder mögliche Strategien, zur passenden Verständigung ging, sondern direkt ins Be_Handeln basierend auf ungeprüften, unreflektierten Vorannahmen, die man sich über unkritisch hingenommene Projektion und ein Erfahrungswissen, das vielleicht gar nicht mal so wirklich auf uns anwendbar war, gebildet hat.
Was da passiert ist, würde mir auch passieren, wenn ich eine E-Mail von jemandem bekäme, die_r im Nebensatz erwähnt, dass sie_r ein Buch schreibt, und einfach mal eine Buchsatzvorlage zusammenklöpple, statt mich auf das zu konzentrieren, was in der E-Mail steht. Ich bräuchte mich nicht wundern, wenn die Person mich abwehrt und sagt, dass sie etwas anderes von mir möchte. Ich bräuchte nicht die Person zum Problem machen, müsste sie nicht abwerten oder pathologisieren, sondern schlicht mich selber fragen, ob ich eigentlich noch alle Spatzen in der Hecke habe.

Oft, wenn wir zu unserer Helfertrauma-Thematik schreiben, erfahren wir Solidarität gegen Helfer_innen. Gegen die Psychiatrie. Das ist nett, aber auch eine Wiederholung des Problems, das wir beschreiben.
Es geht mir nicht darum einzelne Personen, einzelne Hilfesysteme zu kritisieren. Oder aufzuzeigen „wie kaputt das System eigentlich ist“. Es ist nicht kaputt. Es funktioniert hervorragend. Und das ist das Problem.

Uns geht es um Macht. Speziell die Macht der Institution und das Verhalten, mit dem man als Individuum aber auch als Gesellschaft diese Macht erhält, statt sich selbst (wieder) zu ermächtigen oder der ganz eigenen Macht über sich den gleichen Raum zu geben, zu lassen, zu erkämpfen. Das ist unser Ding. Unsere Ohnmacht vor Problemen und der Zwang dazu ohnmächtig zu bleiben, weil andere bestimmen, was ~eigentlich~ ~“das Problem“~ ist und wie man ~eigentlich~ ~“am Besten“~ damit umgehen sollte oder müsste, um in diesem Gesellschaftssystem nicht unter dessen kultureller wie sozialer Praxis zu leiden.

Ich glaube, dass ich R.s Thema darunter summieren kann. Ich glaube nicht, dass sie_r ein ganz grundlegend anderes Problem hat als ich. Aber ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass sie_r genau das auch als Problem markiert. Ihre_Seine Erfahrung ist eine andere. Ihre_Seine Angewiesenheit ist eine andere. Ihre_Seine Werte und Loyalitäten sind andere als meine. Es kann sein, dass es um total konkrete Dinge geht. Um irgendetwas, das damals eine ganze Welt war – vielleicht auch genau nur ihre_seine Funktion. Da hat es überhaupt keinen Sinn zu schauen, wovor sie uns geschützt hat – sondern wen sie_r warum zu schützen versucht hat.

Mir diese Frage zu stellen hat mir in der Auseinandersetzung darum, ob wir uns auf das Angebot der Therapeutin einlassen oder nicht sehr geholfen. Ich habe verstanden, dass ich in der Situation nicht nur Ja oder Nein wählen konnte, sondern auch Wie und Wozu.
Wen habe ich geschützt, als ich darüber nachdachte, ob wir ohne therapeutische Begleitung an unserer Traumaverarbeitung arbeiten und wem habe ich geholfen, als ich der Therapeutin sagte, dass wir es weiter versuchen können, aber diese Thematik nicht wieder umpriorisieren dürfen, wenn das was werden soll?
Ich habe darauf keine konkreten Antworten bekommen, aber wieder deutlich gespürt, dass es richtig und wichtig ist, mich nicht als ~irgendwie Handelnde~ zu verstehen, sondern als Re_Agierende. Als ein System, das für andere Systeme innen Sinn ergibt.

der Rest

Man muss sich von der Annahme verabschieden, eine dissoziative Identitätsstruktur sei eine multiple Persönlichkeit. Das problematische Wording führt zu problematischen Annahmen. Die problematische Annahme mehrfacher (=multipler) Persönlichkeiten verleitet zu dem Schluss einer Vollständigkeit, die einfach nicht vorliegt.
Das zu sagen, hat nichts mit Abwertung zu tun. Ist keine Herabsetzung. Ist weder Unterschätzung dessen, wozu Viele fähig sind noch Überschätzung dessen, was die bei den meisten Vielen vorliegende komplexe Traumatisierung angerichtet hat.

Es ist 101 Theorie der strukturellen Dissoziation.
Logisch. Real.

Ich weiß, kaum wer hat Bock sich das Buch reinzuziehen. Es ist leichter sich irgendwie vorzustellen, dass ein Trauma irgendwas Konkretes (hin)zufügt und ganz abstrakte Dinge wegnimmt. Leichter, das Gefühl von Ich-Fremdheit zu bestätigen, als die Realität von Dissoziation als mehr oder weniger stark ausdifferenziert strukturierter Funktionalitäten anzuerkennen.
Aber ganz platt gesagt nutzt das nichts.

Ja, vielleicht durfte man sich nie bestätigen, nie mitleidig mit sich sein, nie betrauern, was hätte wäre würde wenn… Ja, viele Viele brauchen Zeit und Raum sich mit dem vertraut zu machen, was in ihnen ist. Viele müssen sehr lange, sehr oft, über viele objektiv irrelevante Dinge bestätigt werden, brauchen Anerkennung und Bestätigung von Außen, um zu lernen, wie sie sich selbst nach innen anerkennen und bestätigen können.
Die Realität aber ist, dass die Selbstwahrnehmung von Menschen mit DIS verzerrt und dissoziiert ist. Das macht sie nicht falsch, das macht sie nicht irreal, das macht sie aber auch nicht richtig im Sinne von kongruent. Also hilfreich bei der Entwicklung eines allgemein übereinstimmenden Identitätsempfindens.

Es ist fundamental wichtig anzuerkennen, dass Nahtoderfahrungen und chronisches Erleben toxischen Stresses traumatisierende Zustände sind. Also Zustände der Verwundung. Und die Dissoziation der Zustand des Umgangs mit diesem Zustand der Verwundung.
Es ist eine Reaktion Viele zu sein. Ein Umgang.
Jede Wunde erfordert einen eigenen Umgang. Jeder Umgang muss zwingend in Einklang mit dem Kontext sein.
Die dissoziative Störung, sei es die DIS, die partielle DIS, die DSNND, die Ego State-Disorder … ergibt sich aus dem Umstand, dass der Zustand der Verwundung unverarbeitet erinnert wird, aber nicht mehr der akut real bestehende Zustand ist.
Mehr ist es nicht.
Und weniger auch nicht.

Wann immer ich im Blog von Vielen davon schreibe, dass ich ein Rest bin – oder eine Reaktion – oder eine Traumafolge – kommen hier Kommentare rein, die mich darin berichtigen wollen, weil sie es als Herabwürdigung lesen.
Hört auf damit. Das ist nicht wahr, das ist nicht richtig. Und übergriffig.

*

Im letzten Text beschrieb ich, dass wir Rosenblätter im Kontext psychiatrischer/psychologischer Aufmerksamkeit entstanden sind. Dass ich uns als eine Art Schutz-Update für eine schützende Instanz verstehe. Dass wir aus einem Rest entstanden sind.

Man könnte denken, dass ich die Situation, die ohne jeden Zweifel global überfordernd, von maximaler Ohnmacht, Schutzlosigkeit und ohne jeden Trost an ihrem Ende war, als etwas sehe, die alles bis auf irgendeinen diffusen, vielleicht magischen, übernatürlichen, special special unzerstörbaren Rest (Kern) von mir als Einsmensch genommen hat. Ja, wenn man Trauma mit Gewalt gleichsetzt, kann man das annehmen. Dann werden Menschen zerstört und man hat diese „unzerstörbarer Kern“-Story, über die man sich auf die eigenen Ressourcen einlassen und ihre Weiterentwicklung manchmal auch überhaupt erst zulassen kann. Ja, gut. Wers braucht. Das ist die leichtere Story und man muss es sich ja nicht immer schwer machen.

Tatsächlich aber ist Gewalt Gewalt und Menschen reagieren darauf. Mit Zuständen. Die von vielen komplexen Faktoren und Funktionssystemen des Körpers gewissermaßen „produziert“ werden. Zustände bestimmen alles. Beißen beim Sex kann sich super anfühlen – gebissen werden in einer Situation der Angst extrem schmerzhaft. Das Eis, das man immer geil findet, kann zum Kotzen schmecken, wenn man es nach der Beerdigung eines geliebten Menschen isst.
Der Zustand in Gewalterfahrungen ist einer, in dem man eben nicht alles abrufen kann. Es ist einfach nicht alles da. Da ist nur noch das da, was hilft zu überleben. Auch dann, wenn dieses Überleben vielleicht nur als gefährdet wahrgenommen wird, weil ein Trigger einen Erinnerungsprozess an eine real passierte Bedrohung des Überlebens angestoßen hat oder eine unfertige, akut unprüfbare Idee zu dem Schluss führt, man sei im Überleben bedroht.
Das, was dann noch da ist, ist der Rest, aus dem wir sind. Wir Innens in Vielen.

Ich könnte ein anderes Wort finden. „zustandabhängiges Set von Fähig- und Fertigkeiten“ vielleicht. Oder so.
Vielleicht klingt „Rest“ nicht nach genug in euren Ohren.
In meinen ist es genug. Es ist eindeutig für mich. Es ist real. Es ist keine selbstmitleidige Wabbelbegrifflichkeit, die auf einer Annahme beruht, die mich nicht dazu bringt anzuerkennen, dass ich Dinge verändern muss, wenn ich sie anders haben möchte. Wenn ich mich anders haben, anders er_leben möchte.

Das, was damals noch war, war etwas, das wir werden konnte.
Das ich werden konnte.
Das sich deshalb als Wir verstehen kann.
Und daran arbeiten kann, so viel Ich zu werden wie möglich.

der Alptraum

Um 10 mussten wir ins Bett. So dringend, dass das eigentlich heimelige Pflanzenlicht früher aus und die Gewichtsdecke auf mir liegen bleiben musste. Der Tag war viel. Viele Tweets zu und über Barrierefreiheit, viele Gedanken über Inklusion und Arbeitsdinge und dann, ganz überraschend, noch Warten auf das Auto und die immer weiter einsickernde Erkenntnis, dass das jetzt echt dieses unser Leben ist. Wir werden ein E-Auto fahren. Ein ganz leichtes, kleines. Wir.
Wow.

Und um kurz vor halb 5 rissen sie mich aus dem Schlaf. Die Schmerzensschreie meiner Geschwister. Von irgendwann in den 90er-Jahren. In einem Traum, in dem es um einen Spaziergang und so viel Freude, das eine Geschwist nach all den Jahren wiederzutreffen und ihm alles Neue, Schöne von heute zeigen und mit.teilen zu können. Dass es immer noch vielleicht 6 Jahre alt war, war dabei unerheblich. Ich habe es getragen, gerochen, die giddelige Schicht auf seiner Haut gespürt. Ich wollte das. Wollte darin aufgehen und nicht aufwachen. Es sollte so sein. Sonnig, wir staksen durch unseren Garten, NakNak* umkreist uns, das andere Geschwist streichelt Bubi. Wir sind froh einander wiederzuhaben. Und dann bricht der Traumfilm ab. Zerschossen von einer Traumasequenz.

Wie sich Träume plötzlich mit Traumafragmenten verbinden, ist mir eigentlich kein Rätsel. Es ist logisch.
Aber es beißt sich mit der Idee von Kontrolle über das eigene Erinnern. In einem Traum kann man sich nicht gut re_orientieren. Ich kann das nur, wenn ich luzide Träume („Klarträume“) habe, also weiß, dass ich träume und selbst dann ist die Re_Orientierung nicht „Das ist vorbei“, sondern: „Nein, Stopp! – Ich wache jetzt auf.“
Und dann ist da ja noch das Ziel der Orientierung. Manchmal will man sich nicht in eine Gegenwart orientieren, wo überhaupt gar nichts so ist wie im Traum – selbst wenn er furchtbare Elemente in sich hat. Manchmal will man die Illusion, die Idee und die guten Gefühle dazu behalten, weil man weiß, dass sie in der Gegenwart ein Auslöser für unangenehme Gefühle sind, gerade weil sie so schön sind oder man um die Realitäten weiß.

Zu wissen, dass alles vorbei ist, ist kein Allheilmittel. Es ist nur die Realität.
Und die kann auch sehr weh tun. Vor allem, wenn man sie lieber anders hätte.

Wenn ich tot bin, will ich frei sein.

Gestern schickte Julian von Thanatos Bestattung (@_Bestattung) einen Tweet (Link zum Tweet) raus, den man vervollständigen kann.
„Wenn ich tot bin, möchte ich…“

Nachdem gerade der Vater des Partners gestorben ist, haben wir uns natürlich auch mal wieder mit den Formalia des eigenen Gestorbenseins befasst. Wir wollen nicht verbrannt werden. Wir wollen nicht auf einem Friedhof und auch nicht in einem Sarg beerdigt werden. Wir wollen einfach nackt in ein Tuch eingewickelt in der Natur eingegraben sein und fertig.
Unser Werk soll Gutes tun, unsere Sachen anderen hilfreich sein. Das ist nicht viel aber schon genug, um wieder etwas zu wünschen, was nicht erlaubt ist. Man darf nicht ohne Sarg beerdigt werden. Man darf nur auf Friedhöfen beerdigt werden. Man muss seine Sachen und Werke rechtssicher zuteilen. Man darf nicht erwarten, dass, nur weil man das auf einen Zettel geschrieben hat, im eigenen Sinne über die eigene Leiche, den eigenen Nachlass entschieden wird.

Für mich ist das schlimm. Denn wie im Leben zählt auch im Tod mein Wunsch über meinen Körper und mein Eigenes überhaupt nichts, weil unsere Gesellschaft das so will. Ich weiß, das klingt verkürzt – aber soll ich hier wirklich immer wieder hinschreiben, dass Gesetze von der Gesellschaft gemacht werden? Und dass sie da einen autoritären und also immer gewaltvollen Weg wählt?
Ja, auch das Sterben, das tot sein, ist politisch – und mein Sterben, mein Leichesein, der Anlass zur Wiederholung von Gewalt an mir. Selbst die Toten werden noch zum Machtgewinn oder -erhalt benutzt.

Wir leben mit einem Bewusstsein für unsere Sterblichkeit und Lebensgefahren, das stark geprägt ist von gemachten Gewalt- und Nahtoderfahrungen. Dass wir sterben könnten, denken wir jeden Tag mindestens ein Mal. Keine Woche vergeht ohne, dass wir uns einen Weg aus dem Dickicht von mehr oder weniger konkreten Todesängsten oder ihrem Nachhall schlagen müssen. Tod und Sterben sind für uns ganz alltägliche Denkgegenstände und nichts Abstraktes. Und schon gar nichts, das immer nur den anderen passiert.

Wir haben unser erstes Testament mit 9 geschrieben und schon da stand drin, dass wir mit der Welt verschmelzen wollen. Ohne Sarg, ohne Friedhof, ohne Balsamierung, mit einer Einladung an arme Menschen, sich aus unserem Zimmer zu nehmen, was sie haben möchten. Wir werden nicht mitkriegen, wer uns vermisst und mit welchen Gesten das wem kommuniziert. Wir brauchen das Zeremoniell des Bedauerns nicht und wollen auch nicht daran erinnern, dass es das gibt und man sich entsprechend fühlen sollte, indem wir es „weil man das so macht“ schon mal vorbereiten. Für mich, für uns, braucht es das alles nicht und ich halte es für wichtig, dass sich Hinterbliebene das klarmachen. Was ist für dich wichtig, was ist für mich wichtig. Und welcher Wille entscheidet – mein letzter und der, den du jetzt gerade in diesem Moment hast, bevor viele andere nachkommen?

Solange ich lebe, muss ich meinen Willen wie mich selbst prüfen, kommunizieren, um- und durchsetzen. So will es das Gesetz der Justiz und auch das des sozialen Miteinanders. Ich war und bin oft müde davon. Habe viele Jahre nicht gemerkt, dass diese Müdigkeit eine Traumafolge ist – eine Resignation vor immer wieder ignorierten, missachteten, ausgenutzten Wünschen und Willen. Eine Art Aufgeben, Nachlassen, entgrenzter Existenz, die nichts mit dem Leben, aber viel mit dem Sterben zu tun hat.
Gewalt tötet. Immer. Auch wenn danach noch Blut zirkuliert, ein Gehirn arbeitet, gesprochen, gefühlt, interagiert wird. Sich auf einen letzten Willen zu konzentrieren ist ein starker Pol für uns, denn es ist der letzte Wille, dem alle Angehörigen und auch die Rechtsprechung zumindest einmal richtig zuhören und Beachtung schenken. Es ist unsere sichere Bank, wenn wir an anderen Stellen scheitern.
Das macht die Bestattungsrealität in Deutschland für uns so schlimm.

Sie erinnert uns daran, dass wir nicht frei sind. Dass wir nicht selbstbestimmt sind. Dass wir über uns selbst zu keinem Zeitpunkt ganz und gar nur uns selbst gehören. Wir sind ein Objekt und sollen das in Ordnung finden.

 

Perfektionismus

Jemanden, die_r Fehler und Lücken schnell sieht und sie benennt, wird oft als perfektionistisch und kontrollierend gerahmt.
Perfektionismus gilt als etwas, mit dem man Kontrolle ausübt oder herstellen möchte. Über sich oder über alles und alle im direkten Umfeld. Oft schwingen dabei Ideen mit, in denen es um das Selbstbild der perfektionistischen Menschen geht, manchmal aber auch Ideen darum, dass (komplex) traumatisierte Menschen mit ihrem Perfektionismus die Konfrontation mit dem Bewusstsein um die Ohnmacht und den globalen Kontrollverlust während traumatischer Erfahrungen vermeiden.

Perfektionismus kann aber auch ein Werkzeug sein, die Menge und Art zwischenmenschlicher Interaktion zu kontrollieren, das habe ich vor Kurzem an mir reflektiert. Die meisten Menschen stecken sehr viel Interaktion und Kommunikation über Fehler, Mängel, Imperfektion. Für Sieger_innen gibt es 5 Minuten Angeguckt werden auf einem Podest, für Verlierer_innen eine unabsehbar lange Zeit, in der das Versagen besprochen und bearbeitet wird. Beides ist mir unangenehm, denn beides bedeutet Druck. Beides bedeutet eine unkontrollierbare Aufmerksamkeit auf mich, die_r sich selber in einem ständigen Kampf um Kontrolle über die eigene Körper_Sprache und das eigene Selbst befindet.
Mache ich etwas einfach perfekt, dann ist eindeutig, wann diese Aufmerksamkeit endet und dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nett gemeint ist (also keine Lebensgefahr bedeutet, obwohl mein traumatisierter Körper mir das vielleicht so rückmeldet).
Unter neurotypischen Menschen kann man nie nichts machen. Immer immer immer bedeutet irgendwas irgendwas und immer werden Annahmen formuliert, die eine Absicht implizieren. Etwa: „Du willst immer die_r Beste sein, um jemand besseres zu sein.“ oder „Du willst nur positive Aufmerksamkeit, damit niemand deine negativen Seiten bemerkt.“ oder „Du musst dich perfekt fühlen, um deine Annahme alle anderen seien weniger wichtig/richtig/gut, als du zu bestätigen.“
So klar eingerahmte Absichten wie die, die ich_wir tatsächlich verfolgen, werden mir_uns oft nicht geglaubt. Unter anderem, weil man Absichten an sich nicht wahrnimmt (zum Beispiel durch Verhaltens_Beobachtung), sondern die wahrgenommenen Reize mit der eigenen neurotypischen Lebenserfahrung, sozialen Werten und ihren Maßstäben und daraus resultierenden Erwartungen vermischt. So wird aus „Hannah rückt ein Bild gerade“ ein „Hannah kontrolliert ihre Umgebung, indem sie bestimmt wie ein Bild an der Wand zu hängen hat.“ oder eben aus „Hannah will die volle Punktzahl erreichen“ ein „Hannah will mal wieder die Geilste von allen sein.“

Perfektionismus wird häufig negativ gerahmt. Viele Menschen halten perfektionistische Menschen für dumm, weil diese etwas versuchen, was sie für unmöglich halten, weil es extrem anstrengend ist und es die Idee gibt, man hätte mehr Energie für „die wirklich wichtigen Dinge“ (wobei mir nach wie vor schleierhaft ist, was das konkret für Dinge sein sollen), würde man nicht immer in allem perfekt sein wollen. Dass es bei perfektionistischem Verhalten vor allem darum gehen könnte, den Kontakt zu Menschen zu reduzieren, die sich weder für den individuellen Begriff von Perfektion interessieren noch gleichermaßen wertschätzen (und also gar nicht auf die Idee kommen, wie sehr sich die Anstrengung dann eben doch lohnt) wird in aller Regel ausgeblendet.

Auch, dass „unter Perfektionismus zu leiden“ an sich oft gar nicht der Punkt ist, wenn perfektionistische Menschen leiden.
Perfektion macht einsam, weil sie überwiegend als Leistung(sergebnis) und weniger als Momentum wertgeschätzt wird. Ich für mich glaube, dass es kein Gefühl gibt, dass mir mehr Sicherheitsgefühle, mehr Ruhe, Gelassenheit und Entspannung vermittelt als das Wissen darum, dass etwas perfekt ist, einfach, weil ich weiß, dass ich in dem Moment absolut für mich und mit mir bin und sein darf – und niemandes Erwartung enttäusche oder eine andere Gefahr übersehe, der ich dann schutzlos ausgeliefert bin.
Wenn ich früher darunter gelitten habe, etwas nicht perfekt zu schaffen, dann habe ich darunter gelitten, dass ich eine Aufgabe, eine Herausforderung durchhalten muss, obwohl am Ende dieses Moment der Ruhe und „MitMir-Samkeit“ ausbleiben würde und sich vor mir ein unüberblickbarer Zeitraum von Sprechen und interagieren müssen vor mir ausbreitet. Von dem ich weiß, dass ich ihm nicht gewachsen bin, dass ich ihn nicht durchqueren kann, ohne mich selber zu verlieren und der in mir den Wunsch zu sterben aufkommen lassen wird, um mich entziehen zu können – und mit all dem allein, ungesehen, unverstanden, ohne jede Hilfe oder Rettung zu sein.
Mir in solchen Momenten zu sagen, dass man nicht in allem perfekt sein kann, war niederschmetternd für mich, denn das bedeutete ja, dass ich mich damit würde abfinden müssen, dass ich in meinem Leben überwiegend leiden muss, weil das eben so ist. Weil es anders ja gar nicht geht.

Zusammen mit dem, was mir_uns über die Gründe für die Gewalt an uns gesagt wurde, war das unfassbar schlimm.

 

languishing Selbstgefühl – was pandemiebedingte Isolation und Psychiatrie für Wunden schlagen

Am Dienstag hatte ich einen Thread zu „Corona-Erschöpfung“ in meiner Twittertimeline.
Darin wurde eine für mich neue Vokabel verwendet. „Languishing“. Google-Translate übersetzte den Begriff mit „schmachten“ und in mir verband sich die Erinnerung an eine frühere Mitpatientin von uns, die ständig von ihrem Schmacht nach einer Zigarette, Alkohol, einem Joint erzählte.
Languishing is a sense of stagnation and emptiness. It feels as if you’re muddling through your days, looking at your life through a foggy windshield. And it might be the dominant emotion of 2021.„(Link zum Artikel, NY-Times, englisch)

Diesen Satz hätte auch ich mit 15, 16, 17, 18 schreiben können. An einem kühlen glatten Tisch vor einem Kunststofffenster, in einem sauberen Zimmer, das wie ein Hotel eingerichtet über lange Zeit mein Zuhause war. Wo fremde Menschen zum Dienst kamen und mir weder Eltern noch Freund_innen, aber doch versorgend, oft herzlich, immer über_wachend waren. Wo jeder Schritt beobachtet, eingeordnet und bewertet aber nur selten in mir kontextualisiert wurde. Wo ich – inmitten von vielen anderen Mitpatient_innen und Stationen drumherum – emotional wie sozial geschmachtet habe.

Es ist schwierig für mich ganz konkret zu beschreiben, was da gefehlt hat. Heute würde ich es als „soziales Hintergrundrauschen“ beschreiben. Als „das weiße Rauschen der Freiheit“, als „unterbewussten Takt der Normalität“. Und zwar, weil es bei dieser lange anhaltenden Deprivation nicht um den Entzug von Licht, Luft oder sozialer Interaktion ging, sondern um den Stoff aus dem Familie, Zuhause, Intimität, Vertrautheit und der Sicherheitsgefühle, die sich daraus entwickeln, gemacht ist.

Die Parallelen zur heutigen Situation sind frappierend, wenngleich die Unterschiede (glücklicherweise) ebenfalls. Auch damals gingen wir selten raus. Erst, weil es einen Beschluss gab, der es uns verbot, dann weil es kaum einen An_Reiz gab. Klar waren wir in der Stadt, haben Musik oder Kleidung gekauft, aber keine Freund_innen, keine Familie, keine Sehnsuchtsorte zum Besuchen gehabt. Die Umgebung war steril, wir der Keim, die Klinik unser Behälter. Es gab Interaktion aber kaum Ver_Bindung.
Dieses Zurückgeworfen sein auf sich selbst und das eigene Verhalten ist, was vielen Menschen kurzfristig helfen kann, um die Schwierigkeiten, in denen sie sind, zu begreifen und aus Re_Aktionsschleifen herauszukommen, die sie unfrei machen, weil sie sie mit dem Außen verwickeln und ver.w.irren. Über lange Zeit hinweg jedoch kommt es zu einem Verlust von etwas, das man braucht, um sich selbst überhaupt (ganz) wahrzunehmen. Man ist ja immer man selbst, aber wo beginnt man selbst und wo eine andere Person? Wie soll man das herausfinden, wenn da keine andere Person ist? Oder sehr viele Personen von denen keine mehr Nähe zulässt als es die professionelle Distanz erlaubt? Wie soll man sich als Teil von der Welt begreifen, wenn man von der Welt isoliert ist?

Menschen, die während der Pandemie praktisch die ganze Zeit zu Hause sind, bemerken jetzt, wie sehr der Weg zur Arbeit, das Milchschaumherz auf dem Kaffee mit dem kleinen Keks neben der Tasse auf der Veranda eines Restaurants, das Geknittel mit den Kolleg_innen, die Gelegenheiten, zu denen man die unbequeme Hose anzieht, weil man glaubt damit würde man ernster genommen, auch sie ist. Dass das nicht nur Dinge sind, die sie erleben und gestalten, sondern auch sie selber sind. Und das ist nun weg.
Das ist, was allen entzogen wird, die länger in einer Psychiatrie oder einem Pflegeheim sind – das ist aber auch, was zum Beispiel schwerbehinderten Menschen erschwert zugänglich wird, wenn die Mobilität verweigert oder Assistenzen verwehrt werden.

Was mich an dem Artikel und dem Thread berührt ist, dass es mir das Ausmaß des Schadens der Psychiatriezeit kontextualisiert.
Es ist das eine mit einer Biografie zu leben, in der das überhaupt passiert ist, das andere zu begreifen, dass das Gefühl, das ich seit einem Jahr mehr oder weniger aktiv weg reorientieren muss, ein emotionaler Flashback auf diesen Hunger, diesen Schmacht, nach sich selbst ist, hinter dem das Gefühl der drohenden Vernichtung des eigenen Ich, des eigenen Selbst steht.
Es ist anders, ja, aber doch auch nicht viel anders als Todesangst. Es ist Selbst_Verlustangst. Ja, die mag nicht existenziell sein, die mag nicht weh tun, aber sie wirkt genauso extrem ein, wie jede andere Vernichtungsangst.

Es hinterlässt ein emotionales Trauma dieser Angst, diesem Gefühl 24/7 über Monate, in unserem Fall Jahre, ausgesetzt zu sein. Und Trauma ist Trauma. Wenn da eine Wunde ist, dann muss sie versorgt werden. Ja, obwohl kein Blut fließt, ja obwohl es dafür keine_n konkreten Täter_in gibt, ja, obwohl emotionale Traumata als Ding noch so gut wie nie gleichwertig mit Traumata durch Natur-, Krieg- und „Zwischen – Menschengewalt“ begriffen werden.
Wunde ist Wunde. Egal wie, wo, wann geschlagen. Darin kann man sich verbinden, statt sich zu vereinzeln. Dies wird jedoch schwierig, wenn man die Erfahrung dem äußeren Kontext unterordnet und weiterhin weiße bisher gesunde Leute, die Behinderungen ohne Hilfe kompensieren können, dazu interviewt wie sie die Pandemie erleben, woran sie davon erinnert werden und was ihnen hilft, damit umzugehen.

„schwere psychiatrische Erkrankung“

Wir stehen auf dem Gleis, eine Möwe im Wind über dem Baggersee neben uns. Die Sonne scheint und der Zugführer sagt uns, dass wir weiter warten müssen. Weichenstörung, Signalstörung.

Ich falle in mir zusammen. Wir sind auf dem Weg nach Bielefeld zu unserer Neurologin von der wir neben Rezepten auch ein Attest haben wollen, das uns berechtigt in der zweiten Gruppe geimpft zu werden. Wenn man eine „schwere psychiatrische Erkrankung“ hat, geht das. Haben wir jedenfalls gehört. Und wir wollten fragen, ob das wirklich so ist. Und ob das wirklich geht. Weil wenn, dann könnten wir kurz nach dem Partner geimpft werden und dann … wow. Einkaufen und Behandlungstermine wahrnehmen, ohne Sorge ihn umzubringen.

Wie schon beim letzten Mal muss ich auch diesmal gegen Derealisation ankämpfen, noch bevor ich die Reizüberflutung als solche wahrnehme. Die Entwöhnung von Betonbauten und Fliesenhall, von Straßenlärm und Menschengruppen ist krass. Es fühlt sich nicht nach einem Angriff an, eher nach einer Annexion. Nach 4 statt anderthalb Stunden Reise wanke ich durch die Stadt zu K. wo wir schlafen, essen, arbeiten werden. Es summt unter der Haut, brummt im Kopf. Ist das hier eigentlich wirklich?

Später laufen wir durch den botanischen Garten. Machen Fotos, denken nichts. Durchqueren einen Friedhof, denken an den Vater vom Partner und daran wie typisch für unser Leben ist, dass die erste Beerdigung, die wir je besucht haben, die von jemandem ist, den wir uns länger im Leben gewünscht haben.

Irgendwann tun die Füße weh, wir gehen zurück. Ich bin eine diffuse Hannahmasse auf zwei Schmerzpunkten, hab vergessen, die Banane zum Mittag zu essen, schaue zum fünften Mal nach, wieso ich eigentlich hier bin und was meine Anliegen sind. Die Sonne geht unter, ich muss eine kleine Panikwelle veratmen, weil jemandem in mir nicht klar ist, wo wir schlafen und wie wir wieder nach Hause kommen werden. Ist das wohl meine „schwere psychiatrische Erkrankung“?