Schlagwort: vermeidungsverhalten

enjoy

Neuroleptikahimmel Es ist Zeit
für die Anlage neben dem Bett

keine Zahlen beim Verschwimmen betrachten
keine Treffsicherheit
nur Play

Enjoy the silence
Laut dröhnend mitten in den Kopf

Es ist Zeit für Stille
Stasis- Baby!

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich mit dem Song mehr als jemanden, den ich kenne, verbinde.
Sie hat mir mal die Maxi-CD von dem Song geliehen und ich glaube, ich habe sie ihr nie wieder zurückgegeben.

haha die Maxi CD
Frisbee- Mäuschen!

Sie sitzt da und steckt Bleistifte in die Löcher ihrer Kassetten
vorspulen, zurückspulen
Tesafilm auf die Löcher, um zu überspielen
Radio aufzunehmen
mit ohne Stimme- Baby!

All I ever wanted
All I ever needed
is here in my arms

und ich liege auf dem Bauch
das Gesicht im Kissen

Ich spüre, wie sie auf meinem Rücken kniet
meine Schädeldecke hochnimmt, um mit einem Stöckchen mein Gehirn zum Schreien zu bringen

Ich bin noch nicht einmal wieder weggelaufen, seit ich die Tabletten nehme
Ich kanns nicht

nicht weggehen, nicht wegsehen
Eskapismus fürn Arsch, Mäuschen!

Und die Liste der Dinge, die von meinem Eskapismus leben, wächst und wächst und wächst

“So”, sagt er und rückt seine Brille zurecht, “und was passiert, wenn Handlungsdruck und Stasis aufeinander treffen?”

words are very
unnecessary

und aus dem Off scheppert das Lachen des Jokers

das Tanzen, der Stein und das Stehenbleiben

P1010016 Ich merkte nicht, oder vielleicht habe ich es vergessen?, dass ich tanzte.

Reflexhaft, wie sich all meine Ängste einfach so an- und ausschalten, auf den Kraterrand stieg und mit geschlossenen Augen einem Sog folgte, der mich fortträgt.

Mit ihren Worten warf die Therapeutin einen Stein an die Stirn, wo er ein Loch schlug und die Botschaft hineintropfen ließ:
”Sie wissen, dass Sie schwer missbraucht wurden…”

Ich griff mir über meine Augen. Statt einem Ausruf des Schmerzes griff mein Tanzreflex. Quoll ein “Nein!” heraus und schwamm an mir vorbei in den Raum hinein.

Wir sprachen über die Möglichkeit von Hirntumoren und Facetten des Wahnsinns. Dankbar ließ ich mich wie einen angestoßenen Kreisel ausdrehen und glitt über das neue Gefühl der Ruhe. Nicht herablassend: “Ach- jetzt das schon wieder.” Nicht ungeduldig: “Wann begreift sie das endlich?” Nicht ärgerlich: “Was soll das denn jetzt?”

Dieses Gefühl einen Raum voll Ruhe zu haben, in dem es und ES und alles und ALLES so okay ist, wie es ist. In dem ich atmen darf. Mit meinem Kreisen “Aua!” sagen kann.

Meine Tänze sind Kult und Beschwörung, Verschwinde- und Wohlbefindenszauber.
Es geht um Leichtigkeit und eine Realität, die nicht schmerzt. Sie hat nichts mit einer Schwäche zu tun, die durch andere verursacht ist, sondern nur durch (körper)eigene Beschaffenheiten. Ich bin das Problem. Mein Kopf, meine Biologie, mein Verhalten, mein Sein.

Ein bewegliches Ziel ist nicht so leicht von Steinen zu treffen.
Ein bewegliches Ziel wird nicht oft getroffen.

Meine Hornhaut ist an den Füßen entwickelt. Ich kann auf jedem Pflaster tanzen.
Mein Schutzpanzer ist auf dem Rücken. Selbst wenn mich jemand aufs Kreuz legt, passiert mir nichts.

“Dir passiert nichts”, hatte sie in ihrer festen Art gesagt.
Als ich abends auf dem Bett lag, an die Decke starrte und dem Gefühl auf dem ich aus dem Raum geschwebt war, nachspürte, dachte ich, dass ich eine Idee davon bekomme, was sie damit gemeint hatte.

Ich stieß den Stein nicht wieder weg.
Das passiert nicht, wenn man stehen bleibt und Mut sammelt, um ihn sich anzugucken.

Herbstsein

P1010134Zwischen fallenden Blättern stehen

den Wind umarmen

in Nebelschwaden tanzen

Auf Zehenspitzen, kaum den Boden berühren und doch…

mit

weg

aneinander vorbei

laufen

Angst?
Ich laufe mit dir mit
oder vor dir weg
oder an dir vorbei

Ich bin nicht verletzt
Hör doch mein Lachen im Rauschen an deinen Ohren
Ich blute nicht
Ich versprühe flüssiges Leben in alle Richtungen
In Tropfen und leuchtenden Schlieren hinter mir her.
Bin ich, bin ich da.

Ich mag den Herbst, denn er ist so wunderbar kräftig in seiner Art des natürlichen Mordens
Alles stirbt und wallt ein letztes Mal auf
P1010054Leuchtet wie ein letzter Versuch von einem Wunder zu zeugen

Ich kann noch so sehr versagen die Zeitfäden zu verwirren, ich kann immer sagen: Es ist Herbst
Ich gehe raus und bin sofort da
Hallo Welt! Wer will mit mir laufen?

Auf Zehenspitzen
entrückt im wundervollen Sterben der Welt
lebendig, sterbend, tot
und dabei mitten in der eigenen Geburt

Es ist ein Sein im Herbst
Vielleicht ist es meins
wenn ich den Boden berühre

Wenn

die Nacht

„Weißt du wie sich das grad für mich anfühlt?“, auf eine Antwort warte ich gar nicht erst, „Wie ein „Auf die Plätze fertig los“ mit „Versaus jetzt nicht H.!“ dazu.“.

Sie rollt sich auf die Seite und guckt über den Bettrahmen auf mich herunter. „Es geht nur ums Schlafen. Viel mehr als es nicht passieren zu lassen, kann man dabei nicht falsch machen.“.
Ich will so viel antworten und belasse es dann doch dabei sie anzugucken und NakNak*s feine Ohrhaare zu streicheln.
Ich schaue ihr zu, wie sie einschläft. Wie sie alles richtig macht.
Wie NakNak* ganz richtig gemacht einschläft.
Wie nach und nach das Draußen dunkler wird, weil meine NachbarInnen einschlafen.
Zwei Mal fällt mir auf, dass ich schlafe und erschrecke mich darüber.

Ich muss irgendwann eingeschlafen sein. Oder ich war wach und zu dumm zu merken, wie sich meine Wohnung… mein Gefühl- das gesamte Raum- Zeit- Kontinuum in diesen Schlund verwandelte, in dem ich wie Alice im Wunderland herumstolperte. Auf der Jagd nach dem weißen Kaninchen, das sich Orientierung nennt.

Ich bin schon so weit denken zu können: „nicht echt“, versuche aufzustehen und kann nicht. Meine Käfigbegrenzung ist nicht da. Ich weiß nicht, wo ich mich abstoßen muss. Das verwirrt mich noch mehr, drückt mir aber auf einer Ebene auch das weiße Kaninchen fast in die Arme.

Ich weiß, dass sie das ist, die da auf mich einredet. Ich weiß das. Ich kenne sie.
Und sie macht mir trotzdem so eine scheiß Angst und versinkt zeitgleich in mir.
Vielleicht bin ich gerade die Angst selbst. Kann Angst denken? Was sind die Ansprüche an Angst? Irgendwelche Kernkompetenzen, die über die bloße Existenz hinausgehen, gefordert?

Der Hund drückt sich in mein viel zu großes Menschenkostüm. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut oder schlecht oder nicht doch irgendwie einfach nur so abgrundtief vertraut mit meinem Sein ist, dass es schlicht passend ineinandergreift.

Und plötzlich kriecht Kälte durch mich hindurch.
„H.?“, sie guckt mich ganz direkt an und zerrt mich damit richtig in die Gegenwart, wo ich eigentlich gleich schon wieder einen Tod sterben will, weil mir da alles einfach nur peinlich ist. Sie soll weg sein. Ich will hier meine kleine Privathölle bitte nur für mich haben. So jemand Gutes soll nur glitzernd gute Rosenblätter sehen. Nicht sowas wie das, was ich gerade abgebe. Nicht so. Nicht jetzt. Eigentlich nie. Niemand. Nicht einmal ich selbst.

„Du kannst deine Augen aufmachen.“- wieso kommt mir der Satz so absurd vor? Ich hab sie doch auf- ich sehe doch alles was ich nicht sehen will. Meint sie andere Augen als ich habe? Wo sind meine eigentlich?
In diesem ganzen Wirrwarr gibt es nur diese Konstante: die Kälte.
Ich spüre sie und empfinde sie durchgängiger, verlässlicher als mein Denken und Fühlen, das sich, wie eine Mischung aus Falltüren und Landminen, in mir bewegt. Also gehe ich dahin, wo es kalt ist.

Wo es kalt ist, ist es auch hell. Sie hat das Licht angemacht.
Ich bin ganz da und starre zu ihr hoch. Werde vorsichtshalber erst mal starr und halte die Luft an, als ich merke, wie wir da sitzen. Warte darauf, dass sie mir sagt, was ich machen soll. Was sie will, das ich mache. „H.? Atmen nicht vergessen. Du darfst meinen als Referenz nehmen“.
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Oh mein G’tt oh mein G’tt oh mein G’tt
Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass sie den Verstand verloren hat und ich in einer Parallelwirklichkeit gelandet bin. Licht anmachen- in meinem Haus. Mich anfassen- in so einem Zustand. Das hier ist alles nicht echt. Kann ja nicht.
In Wahrheit ist alles anders- ich weiß nicht wie- und das hier ist einfach nicht echt. Ich warte einfach bis es vorbei ist.

„H. es ist okay. Wir haben den… äh ich glaube schon 24. September 2013. Ich schlafe heute hier bei euch und was gerade war, war was Altes. Ich habe N. gebeten das Kind mit zu sich zu nehmen und dich weiter nach vorn zu bringen. Hier-“ sie hält mir das gefrorene Gemüse an den Hals, „halt das mal fest. Es ist echt und hier ist alles in Ordnung. Du kannst einatmen und auch wieder ausatmen.“.

Sie redet und redet. Hat offenbar vergessen, dass ich das mit dem Schlafen falsch gemacht habe.
Ist entsetzt, als ich das Blut in meinem Mund ausspucke.
Besorgt, als ich mich für einen Moment allein in den Raum mit der Toilette einschließe. Will mir meine Scham und so viel mehr abnehmen und kann nicht. Ich überlege kurz, ob ich aus dem Kippfenster krieche und mich einfach runterfallenlasse.
Denke in ihre Richtung, dass sie bitte normal spielen soll. Denke, dass sie mich bitte nicht so vor Augen haben soll, wie gerade.

Denke, dass meine Hölle einfach privat sein muss, weil es doch immer wieder schlimmer für mich ist, wenn es jemand anders direkt sieht.

Ich bitte sie, sich hinzulegen und mich ein bisschen für mich zu lassen. Ich muss meine Angstzeugen ermorden, muss die Schlieren des Scheintodes von mir runterkratzen, muss meine Augäpfel durchspülen. Das geht am Besten unter der Dusche und allein.
Ich sage ihr, sie soll sich hinlegen und ein bisschen zu schlafen versuchen.

Als ich wiederkomme tut sie das schon halb. Mit NakNak* im Arm.
Es tut mir so leid, dass sie einander trösten müssen.
Leid, dass ihr Wecker in weniger als 2 Stunden klingelt.
Leid, dass mein Hund sie kurz vor Ablauf dieser 2 Stunden noch aufweckt, weil er Durchfall hat.

Es tut mir leid, dass ich es nicht richtig kann.
Das mit dem Schlafen ohne Zustände.
Das mit dem Leben ohne Traumafolgen.
Das mit dem Sein ohne Angst.

nach-t-wach-e

Ich hatte das Telefon am Ohr und baumelte zwischen den Worten, Tönen und Intensionen der Therapeutin herum, noch während ich das Seil zu halten versuchte.
Es war eigentlich schon so dumm anzurufen. Ich weiß doch, dass es mich klappern und klirren, manchmal scheppern und zerspringen lässt.
Ich lasse los und falle auseinander.
Nicht immer, aber mit schlafwandlerischer Sicherheit immer genau dann, wenn ich mit Händen und Füßen versuche, genau das zu verhindern.

Ich redete irgendwas, was nicht war, was ich sagen wollte.
Das waren nicht die Worte, die ich mir in der ganzen Nacht, dem Morgen und bis zu dem Anruf am Mittag zwischen Kopf und Mund hatte wachsen lassen.
Mein klitzekleiner Sinnbonsai in einer Untertasse wachsend. Nicht viel Platz wegnehmend. Nur da und leicht zu übergeben.
Und dann quoll mir so ein Wust nesselnden Unkrauts über die Lippen und mit einem Mal schossen dicke Tentakelwurzeln durch mein Gaumensegel direkt ins Gehirn, um alles, was sich dort befindet zu erwürgen und zu einem Leichentheater zu fabrizieren.

Ich mag es nicht sie anzurufen, wenn es mir schlecht geht. Ich bin gestresst, weil ich sie nicht stressen will. Ich will eigentlich nur etwas irgendwo abladen- vielleicht genau dieses wildkrautige Ungetüm in meinem Innen, das ich vor mir selbst mit winzigen Nagelscheren bearbeite und so klein wie möglich halte.
Eigentlich will ich mich nur besser fühlen. Auf wundersame Weise einfach so. Ich will von etwas abgeholt werden, damit ich weiter gehen kann.

Ich machte Geständnisse und zeigte eine Schwäche. Sprach vom Lindenblatt und hoffte doch irgendwie noch, sie wäre vom Drachenblut abgelenkt.
Ich sag ja: dumm.

Sie fragte, ob jemand bei uns schlafen könnte. Meinen Schlaf bewachen könnte.
Ich sagte, dass ich in Zuständen aufwache. Riss meine Angst zu schlafen an, obwohl ich fast zeitgleich das Telefon hätte mitten durch meinem Kopf schlagen können, über meine eigene Dummheit. Wie blöd kann mensch sein?! Ich sagte, ich wolle nicht, dass meine Gemögte mich so sieht. Sagte nicht, was die Gemögte sehen könnte.
Ich sehe es ja selbst nicht, denn: Ich stehe auf und halte die Augen geschlossen, den Atem flach, zittere mich durch die Nacht und warte bis es hell wird. Ich sehe nichts und will, dass andere auch nichts sehen.

Da war die Verantwortungsfrage. Die Frage danach, wer was zu erzählen hat. Die Frage, wer oder was im Innen mich unterstützen kann. Die Fragen, die ich alle nur noch wild strampelnd von mir treten konnte. Die Fragen, die alle nur ein Ziel haben: H. muss weg. H. kann das alles nicht. Wir können auf H. verzichten, weil sie keine sachdienlichen Informationen hat. H. ist nicht für Therapie gemacht. Was treibt H. eigentlich gerade so viel an der Front? Es gibt viel kompetentere FrontgängerInnen bei den Rosenblättern. Weg mit H. Keiner kann sie gebrauchen. H. soll sich eine Anschlussverwendung suchen.

Ich habe nur diese Verantwortung. Ich werde nicht aus dem Fenster springen, damit die Wolke in meinem Kopf vom Flugwind herausgetrieben wird. Ich habe nichts zu erzählen, weil mich das, was ich erzählen könnte, Molekül für Molekül zersetzen lassen würde. Nach Tagen ohne Schlaf, ist auch das dickste Seil nach innen nicht mehr zu spüren.

Also rief ich eine Gemögte zur Hunderunde aus der Pause. Fragte nach einer Nachtwache.
Legte mich hin. Dösdisste die Stunden weg und war hellwach, als sie in meiner Tür stand. Überließ ihr mein frisch bezogenes Bett.

Jetzt soll ich endlich den Laptop ausmachen. Ihn zuklappen, genau wie meine Augen.
Es ist, als würden zwei Zahnreihen aufeinanderkrachen und meinen letzten Halt abbeißen.
schnapp klapp
ab

in die Falle H.

von Gewalt, Vermeidung und Sokrates

“ „Missbrauch ist doch nur Anfassen- geht doch noch“ Aus meiner Kehle kriecht ein krächzender #aufschrei
-„Wo findest du nur immer so einen Mist? Ich bin entsetzt.“

Ein Austausch bei Twitter. Ich fand den Satz in den Kommentaren eines ganz normalen Nachrichtenblogs, der sich in einem Artikel mit dem Thema „sexuelle Misshandlung“ befasste.
Es ist Teil der ganz alltäglichen Debattenkultur im Internet, der ich begegne, seit ich mich auch politisch aktiv mit dem Thema auseinandersetze.

Ich treffe auf Verharmlosung, verbale Gewalt, Leugnung, offenem Anzweifeln am Wahrheitsgehalt der Erlebnisse, die ab und zu geschildert werden. Es ist teilweise eine Hybris der Gewalt, die zum Opfer gewordenen Menschen entgegenschlägt.

Bei manchen denke ich mir, dass es eine gewisse Bildungslücke gibt und auch eine Art „es nicht genau wissen wollen“, also Vermeidungsverhalten.
Etwa bei VerfasserInnen von Sätzen, wie oben. Die Unkenntnis darüber, was der Begriff „sexueller Missbrauch“ eigentlich meint. Tatsächlich kann man anhand des Wortes allein auch keine Herleitung vornehmen- es sagt ja nur etwas von einem falschen Benutzen von Sexualität bzw. ganz eigentlich nur von etwas „Sexuellem“.

Unbildung ist nicht schlimm- dem kann man abhelfen. Dummheit hingegen ist schädlich- und sei es die Dummheit zu glauben, die eigene Unbildung fiele niemandem auf und würde ohne Rückmeldung akzeptiert, wenn sie die Ursache einer Verletzung bei jemandem ist.
Es gibt immer jemanden, der es besser weiß. Und es gibt immer jemanden, von dem man lernen kann, auch ohne bloßgestellt zu werden. Man muss nur bereit, schlau und mutig genug sein, sich dafür zu öffnen. Und sei es vor sich selbst.
Unser StGB ist ausführlich in Bezug auf „sexuellen Missbrauch“, „Nötigung“ und viele spezielle Straftatbestände. Langsam aber stetig öffnen sich zum Opfer gewordene Menschen öffentlich und sprechen oder schreiben über die erlebte Gewalt. Man muss es nur lesen oder zuhören. Und lesen bzw. hören wollen.

Doch das tun leider noch viel zu wenige Menschen, die mit (sexueller) Misshandlung konfrontiert werden. Sei es als selbst betroffener Mensch, noch als peripher betroffener Mensch. Wie schon in einem Artikel geschrieben: ich halte es so, dass jeder, der mindestens mal mit dem Begriff konfrontiert wurde, gleichsam als „betroffen“ gilt, wie der Mensch, der zum Opfer von Gewalt wurde.
Entsprechend meiner Auffassung sind wir also alle alle alle miteinander irgendwie von Gewalt betroffen.

Doch dies von sich zu weisen ist elementar für viele Menschen. Auch gerade für VerfasserInnen solcher und ähnlicher Sätze. Weil ich davon überzeugt bin, dass die größte Antriebskraft zum Handeln von Menschen große Gefühle sind, gehe ich in Bezug auf dieses Verhalten von Angst aus.
Vielleicht einer Art Angst vor Bewusstsein und dessen Auswirkungen auf sich selbst. Dem Bewusstsein von Gefahr, dem Bewusstsein von: Es könnte auch mich (be)treffen. Ich könnte gefordert sein- an mich könnten (zu hohe) Ansprüche gestellt werden- an mich wird Verantwortung heran getragen, der ich nicht entsprechen kann.
Dem Bewusstsein eigener Ohnmachtsgefühle.

Unbewusstsein schützt.
Ich bin oft dankbar dafür, vieles aus meiner Biografie nicht zu wissen. Die Gewalt, der mein Körper und Teile meines Seins ausgesetzt waren, abgespalten zu haben.
Hätte mein Gehirn das nicht gekonnt, wäre ich an einem Schock gestorben. Und damit meine ich nicht den körperlichen Schock. Dissoziation verhindert einen neuronalen Informationsüberflutungsschock.
Deshalb können wir Menschen das. Deshalb tun wir das den ganzen Tag- mal mehr, mal weniger stark. Auch ohne eine dissoziative Störung (die eigentlich den störenden Einfluss der Dissoziation meint) zu entwickeln.

Ich gönne jedem seine Vermeidungsblase. Wirklich jedem. Man kann sie sich schön einrichten und nach außen hin produktiv und gut funktionieren.
Aber sie hat nichts bei anderen Menschen verloren!
Sie braucht auch nicht verleugnet zu werden. Sie ist ein Fakt im Leben jedes Menschen. Niemand ist sich allem gleich bewusst- niemand weiß alles und niemand will alles wissen. Es ist ein Selbstschutz der nötig ist, weil er das eigene Leben auch positiv beeinflusst- und sei es zur Aufrechterhaltung der eigenen Funktionalität.

Doch das heißt nicht, dass es das, was man von sich fernhalten will (und muss) nicht gibt! Das heißt nicht, dass schreckliche Ereignisse nicht passieren.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – Sokrates. Bereits vor vielen tausend Jahren.
Eine Erkenntnis die sich alle Menschen vor Augen halten sollten.
Auch, jene, die ihre Augen festzusammen kneifen und sich einen Holzkasten um ihre Vermeidungsblase zimmern.
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Doch auch zu dieser Erkenntnis kommt man nicht ohne einen gewissen Schmerz. Es ist nötig sich dazu selbst zurück zustellen. Es braucht Demut vor eigener Unfähigkeit. Ein Zugeständnis der eigenen Fehlbarkeit und auch Unzulänglichkeit in Bezug auf die Dinge, die uns begegnen.
Es braucht einfach den Schmerz, der einen überkommt, wenn man feststellt, dass man eben doch nicht immer und in Bezug auf alles „Mensch der Lage“ ist. Eben doch nicht alles kontrollieren kann. Eben doch, in manchen Situationen den Dingen ihren Lauf lassen muss. Umstände und auch Zustände einfach mal so lassen muss, wie sie nun (zu diesem Zeitpunkt) einmal sind- auch wenn es schmerzt, auch wenn es einem im ganzen Körper zappeln lässt, doch aktiv einzugreifen.

Manche Menschen haben ihn noch nicht genug erlebt. Manche erleben ihn nie.
Doch das ist kein Grund für Gewalt gegen andere Menschen, in dem man ihnen ihre von der Vermeidung beeinflussten Sicht der Dinge aufzwingt.

Ich schrieb dem Menschen in der Kommentarspalte einen entsprechenden Auszug aus dem StGB und wies ihn darauf hin, dass er Gewalt ausübte, als er den Kommentar verfasste.
Bis jetzt kam keine Antwort.
Ich rechne auch mit keiner. Ich will keine. Ich brauche keine für mich.
Ich habe dem Menschen gegeben, was er  meiner Meinung nach brauchte. Mehr kann ich nicht tun.
Wenn es ihm geholfen hat ein größeres Bewusstsein zu entwickeln, freue ich mich. Wenn nicht, dann trete ich einen Schritt zurück und tröste mich mit der Vorstellung eines kleinen Risses in seiner Vermeidungsblase.
Ich weiß, dass ich nichts weiß. Auch nicht über diesen Menschen.

F.

F. war 5, als sie sich das erste Mal die Nase am Aquarium des mit uns verbündeten Menschen, die Nase platt drückte.
Auf die Frage wer sie denn sei, schwieg sie beharrlich, hatte sie doch eine Mission. „Achtung, jetzt kommt was- Augen und Ohren auf, mach dich ganz weit, damit alle hinter dir in Sicherheit sind.“

„Wenn ich groß bin, werd ich Ichtikologin. Das sind Leute, die sich mit Fischen auskennen. Hast du das gewusst?“. Elegant sind ihre Aufforderungen zum Vermeidungstanz bis heute.

Sie kauften ein zweites Aquarium zusammen. Einen „Fischekäfig“.
F. durfte mit aussuchen. Sie wurde gefragt, welche Fische sie schön fand und sie wurden dann auch gekauft.

In der Schreibtischschublade bei uns zu Hause, wuchs der Stapel von Bildern, auf denen zu sehen war, was sie alles auf einmal durfte. Katzen streicheln, Fische aussuchen, Blumen pflücken, Süßigkeiten essen, albern sein, etwas über „Prokojoten und Eukanidoten“ (Prokaryoten und Eukaryoten) erfahren, Spongebob gucken, eine Verbündete haben, Sachen fragen und erklärt bekommen…

Und dann, nach vielen solcher Momente, wurde sie zur Helferin für unsere Verbündeten.
„Sag mal F. kennst du das Innen, das…? Weißt du was es will? Was kann man da machen?“.
F. wusste es nicht immer, aber oft schon. 184426_web_R_K_B_by_Verena N._pixelio.de

Sie richteten unsere Guppyfarm ein. Wenn der Mensch mal keine Zeit für sie hatte, saß sie davor und fing an, den Fischen von ihm zu erzählen, während im Innen die Ohren aufgingen und lauschten.

F. ist gewachsen.
Jeder Moment mit diesem Menschen, der sie so ernstnahm und achtete, brachte sie mit weniger klar umrissenen Innens zusammen. Sie erwarb Kompetenzen wie Geduld, die Möglichkeit sich klarer auszudrücken und die Fähigkeit Gefühle, die ihr vorher fern lagen, wahrzunehmen.

Nach ein paar Jahren, stand sie dann da und sagte, dass sie jetzt „zweistellig ist“. Sie fühle sich älter und würde keine Babywörter mehr sagen. „Das ist kein Fischkäfig!“- sie atmete ein und sagte, als würde sie mit einem Menschen sprechen, der es nicht wüsste: „Das ist ein A-qua-ri-um! Ich bin nicht mehr klein. Du kannst jetzt ruhig mit Erwachsenenwörtern reden.“.
Es wurde gewürdigt. Das Wort blieb trotzdem. „Weils so niedlich ist.“

Wir haben von F. und über F. viel über uns selbst erfahren.
Ihre Aufgabe ist wichtig- auch wenn ihre Anwesenheit einen Hintergrund hat, den wir bis heute nicht kennen und ihr Auftauchen oft nicht an äußeren Umständen festmachen können. Sie hat einen Blick auf die Welt und ihre Menschen, der uns Alltagsinnens komplett fern und doch etwas ist, dass uns schon manches Mal geholfen hat, wenn er uns reflektiert wurde.

Sie ist ein Innenkind. Kindlich- doch das schon sehr lange. Sie versteht nicht immer alles gleich, aber sie kennt keine Scham wenn es darum geht, Dinge herauszufinden oder die Vermittlung dessen einzufordern. Sie mag Tiere und weiß, wie man mit ihnen umgehen muss. Ihr Blick dafür ist messerscharf und gleichsam intuitiv.

Sie wartet nicht darauf, dass sie jemand schützt. Sie wartet darauf, dass das Gegenüber merkt, dass es das bereits durch sein Sein tut.

Und doch.
Wenn sie im Körper war, habe ich blaugraulila Fingerspitzen und kalte Füße. Fühle in mir einen schrecklichen Gefühlsnachhall und Blitze in der rechten Sichtperiphere, während ich auf dem linken Auge lange nur sehr unscharf sehe.
Ihre innere Weite kommt mir manchmal vor, wie die liebenswerte Verpackung einer Bombe. Dann bin manchmal froh, dass sie für manche Menschen auf immer „die Kleine mit dem Fischekäfig“ sein wird und nicht die Stallhüterin der inneren Apokalypsenreiter, der sie auch ist.

Wir lernen an ihr, dass Innenkinder mehr sind, als der Einsmensch „C. Rosenblatt“ als Kind; oder als eine Ansammlung von Bewältigungsstrategien für die Gewalt in unserem Leben, die irgendwann abgepalten wurden, ohne sich weiter zu entwickeln. Sie ist ein Teil von uns, der sich doch bis heute nie ganz gezeigt hat, obwohl er, wenn er da ist, unübersehbar ist.

Das breite Lächeln und der leicht federnde Vermeidungstanz, ist dann doch immer wieder das, was überwiegt.
Bis sie sich vielleicht doch irgendwann mal eine Pause erlauben kann.

aus der Zeit, in die Freiheit- Warten auf die Dämmerung

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, “der Panther”, 6.11.1902, Paris

Sie kriechen aus dem Innen, in das Jahr 2013.
Der Vorhang lichtet sich und lässt ein Bild hinein.

Meiner oder ihrer?
Mein Sein- dein Schein- ich habe das in einem Brief der BÄÄÄMs an mich gelesen.
Was ist wahr und was nicht- was ist früher und was ist heute?
Was ist echter? Welche Bedrohung ist gleich, obwohl es nicht die gleiche Zeit ist?

Stab an Stab an Stab
Tastend, jede Ebene erspürend. So mutig diese Stäbe zu berühren, müssen sie doch darauf achten, nicht erwischt zu werden, wollen sie ihre Finger behalten.

Sie fragt, ob sie eine offene Rechnung schließen muss. Hat den Berg der Sprachbarriere irgendwie erklommen. Manche Buchstaben fehlen, die Grammatik ist ein Albtraum. Es sind viele Fragezeichen, die durch den Äther rauschen. Irgendwohin. Nicht wissend an was für eine Autorität genau gerichtet. Doch es ist klar, sie lebt mit zwei Bezahlsystemen und fragt nur, welches bei wem nötig wird.

„Nein, mein Herz du bist nicht in der richtigen Zeit.
Aber deine Angst passt in die Angst, um die Situation. Eine Verwechslung ist nur logisch.
Auch wenn sie uns unglaublich tief erschreckt.“
Der Vorhang schließt sich.

Schritt für Schritt für Schritt
Stolpern über Zeitfalten, verwickeln im Zeitstoffband, einen Strick daraus drehen und um den Hals legen.
Einer nach dem Anderen. Auf der Suche nach dem Galgen.
Auf der Suche nach einem Rezept, das es zu einem Zeitkuchen werden lässt.
„Damit ich dich besser fressen kann.“

Zeitfresser. In dich hinein, aus dir heraus.
Zeit, die wie schwarze Tinte über den Boden leckt.
Pfoten tauchen hinein und tragen sie weiter.
Schritt für Schritt für Schritt
Vorbei an Stab für Stab für Stab.

Es war meine Hand, die ihm aufgefallen war.
Flüssige Zeit, tropfenweise aus dem Moos neben der Regenrinne herausgedrückt. Sachte balanciert, durch das eingeschlagene Loch, in meine finstere Hölle. Meinen Käfig.
Fallengelassen in meinen staubig, ausgedörrten Mund.

Schritt Schritt links
Schritt Schritt Schritt links
Schritt Schritt links
Schritt Schritt Schritt links
Quadratur des Kreises

Vorhang auf, Bild hinein.
Wieso war ich da?
Vorhang zu.
Guck nicht hin.
Vorhang auf, Bild hinein.
der Sprachberg baut sich auf, lässt Lawinen herunter segeln.
Vorhang zu.
Wir begraben sie unter ihren Wortbrocken, bis sie nichts mehr sagen.

Schritt Schritt Schritt
Stab Stab Stab

Du hast Zähne, Krallen, Kraft.
Du könntest uns schützen.
Eröffne dich und trete in die Sonne.
Er hat dich gerettet.
Die Tür ist offen
Schon fast 12 Jahre lang.

Der Vorhang wackelt,die Realität scheint immer wieder in kleinen kaltheißen Blitzen hinein.
Blendet und verstört.
Dieses Tier ist nachtaktiv.
Vielleicht ist es ein Warten auf die Dämmerung.
Der Moment, in dem beide Seiten ein vages Erkennen schaffen könnten.

Tanzstunde

Du bist phobisch? Du hast was zu verbergen? Du brauchst dringend eine Vermeidungsstrategie?

Willkommen zur Einführungsveranstaltung: “How to Vermeidungstänze and everything about”

Wir beginnen mit der Grundhaltung
Folge deiner Angst! Hör auf sie bewältigen zu wollen!
Du brauchst nicht mal genau wissen, wovor genau du Angst hast, damit du sie wegbekommst- das klappt sowieso nie. Wichtig ist nur, dass du nicht anfängst darüber nachzudenken, ob sie nun berechtigt ist oder nicht. Oder, ob sie irrational ist oder nicht. Oder, ob es vielleicht einfach albern ist, jetzt Angst zu haben.
Nachdenken und Selbstreflektion sind Feinde von Angst.
Für einen anständigen Vermeidungstanz ist Angst unabdingbar!
Nimm deinen rasenden Puls und lass ihn zum Takt deiner Füße werden.

Vertraue niemandem.
Sowas macht nur unnötig sicher. Auch ein Angstfeind.

Nutze deine (durch deine Gewaltsozialisierung eingeübte) Fähigkeit Menschen bis aufs Kleinste zu beobachten und herauszufinden, was sie so für Typen sind. Verlasse dich dabei niemals auf Klischees. Alles was du siehst ist wahr- fang bloß nicht an deine Wahrnehmung mit der Wahrnehmung anderer abzugleichen.
Nochmal- Nachdenken und Reflektion sind tödlich für die nötige Grundangst!

So, nun zur Praxis.
Eine Freiwillige einmal bitte! Ah sie Frau Rosenblatt- sie können das ja schon so gut, sie…

“Huch, ich habe gar nicht das Richtige an für eine Freiwilligendarstellung, wissen Sie? Heute ist ja auch Samstag. Eigentlich ist tanzen jetzt heute nicht so angebracht. Wissen Sie, einmal war ich in der Disco und da… “

Grandios Frau Rosenblatt! Eine perfekte Darstellung, wie man von einer lobenden Erwähnung und einer direkten Ablehnung meiner Aufforderung wegtanzen kann! Gut gemacht! Eigentlich brauchen sie diesen Kurs hier gar nicht mehr- sie sind schon so gut!

Schauen sie mal- das, was Frau Rosenblatt jetzt macht- dieses Dissoziieren- das ist aus ’nem anderen Kurs! Dafür braucht man ein lange und extrem trainiertes Angstgehirn. Das bringe ich ihnen hier aber nicht bei. Sowas sollte niemand gut können müssen. Es ist auch ein Schutz- wie die Tänze, die sie hier lernen möchten, aber den kann man in der Regel nicht so gut gebrauchen, weil er reflexhaft vom Gehirn gemacht wird, ohne, dass zum Beispiel Frau Rosenblatt hier viel dagegen tun kann, außer sich durch grandiose Tänze im Vornherein davor zu retten.
Außerdem hat das Dissoziieren in dieser Form viele unangenehme Nebenwirkungen wie Amnesie, (Körper- Empfindungs-) Kontrollverlust und schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sowie ein eher rudimentäres Beziehungsleben und einen Fokus so weit wie ein Stecknadelkopf.

Vermeidungstänze sind keine leichten Spaß- oder Gesellschaftstänze. Es sind Tänze mit Angst als Motor- nicht der Macarena oder das Gehopse zu Sommerhits!
Sie müssen sich klar machen, dass Arbeit auf Sie zu kommt und sie einsam werden bzw. zu einem Automaten, der pro Person ein Tanzrepertoire abspult.

Um ihre Angst aufrecht zu halten, dürfen sie auf keinen Fall Bewusstsein für sich und ihre Themen entwickeln. Das heißt ganz deutlich, das soziale Beziehungen strikter Auslese und Konstellationsplanung unterworfen sein muss.

Niemals dürfen ihre unterschiedlichen Tanzpartner gemeinsam ihnen gegenüber auf diese Themenbereiche zu sprechen kommen.
Es sei denn sie haben unseren Fortgeschrittenen- Kurs besucht.

Zum praktischen Teil nochmal.
Belesen sie sich, studieren sie Menschentypen, richten sie ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie umgibt und gleichen diese Gegebenheiten mit ihren Tanzpartner ab. Je subtiler sie vorgehen und je mehr sie ihrem Gegenüber entsprechen, desto unauffälliger  und damit wirksam ist ihr Tanz.

Am besten starten sie bei ihnen unbekannten Menschen. Diese Menschen wissen noch nichts von ihnen und den Dingen, die ihnen (Todes)Angst einjagen.
Im günstigsten Fall haben sie eh schon gelernt, niemals nach außen zu zeigen, wann sie in Panik kommen oder Angst haben- dies ist sehr förderlich, da so das Gegenüber keinerlei Anhaltspunkte darüber hat, was in ihnen vorgeht. Es ist abhängig davon, dass sie Worte sprechen, die ihm einen Eindruck vermitteln.
Das ist ihre Chance!

Sie haben vielleicht ein festes Themenkorsett in dem sie sich gefahrlos (im Sinne von die Angst besetzten Bereiche ausgrenzend) bewegen können. Vielleicht ist es so steif, dass jeder Schritt heraus bereits genug phobische Unruhe verursacht, um einen Minimoonwalk hinzulegen. Das ist natürlich perfekt.
Anderen sei geraten sich vorzubereiten und die möglichen Tanzvarianten gezielt zu üben.

Menschen hören gern gute Nachrichten. Komplimente. Lustige Anekdoten. Diese Tanzvariationen gehören zum Einmaleins. Small Talk ist nicht anderes als ein Vermeidungstanz- nur wird hier der Faktor Angst oft umbenannt- das muss sie aber nicht irritieren. Nicht jeder kann zu seiner Angst oder gar Phobie stehen.

Im weiteren Verlauf wird es nötig eine sachlich- pseudovertrauliche Tanzatmosphäre aufrecht zu erhalten. Niemand ist immer fröhlich und wenn sie- warum auch immer- Kontakt über eine längere Zeit mit ihrem Tanzpartner haben, ist es wichtig normal zu wirken. Bauen sie auf Insidern zwischen ihnen auf, versuchen sie sich in immer längeren Schleifen bis sie sich in einem Niveau bewegen das ihnen angenehm ist.
Als Beispiel: Sie haben möchten den Themenbereich Katzen vermeiden, weil sie schon bei dem Gedanken an diese Tiere eine Gänsehaut bekommen.
Ihr Gegenüber arbeitet aber in einer Tierpension und würde auch ohne zu Zögern einfach von Katzen zu sprechen anfangen. Menschen sprechen gern von ihrem Beruf. Seien sie doch einfach mal der Erste, bei dem der Mensch die Gelegenheit hat sich über die gesetzlichen Regelungen seines Berufes auskotzen kann! Oder die Steuer. Oder die Kunden. Oder die baulichen Anforderungen. Oder die Zukunft dieses Berufes. Von all diesen Punkten können sie sich immer weiter entfernen. Kunden, Steuer, bauliche Anforderungen und Berufszukunft gibts für so ziemlich jeden Beruf.
Diesen ersten Tanzschritt müssen sie machen- sie müssen ihren Partner schon in eine Richtung führen- ist es der richtige Kanal bei dem Menschen, sind sie in Nullkommanichts von der Tierpension mit maunzendem Klientel, bei den Bauvorschriften von Tiermastbetrieben und der Bio-Vegan-Fleischfressdebatte angekommen.

Sagen sie ihrem Tanzpartner niemals, dass er ein Tanzpartner ist!
Er wird versuchen sie zu stören, anstatt mitzumachen. Auch hier ist es, im Fall des Falls, dass ihnen das doch mal so rausrutscht (Niemand ist perfekt! Auch Vermeidungstänze müssen geübt sein), hilfreich, wenn derjenige weder genau weiß, wie ihre Tänze aussehen, noch wann genau sie damit anfangen.
Nutzen sie eigentlich sinnbefreite Konventionen- auch wenn sie für den Kontakt eigentlich eher unprioritär sind. Machen sie eine nette Bemerkung über die Einrichtung, die Kleidung ihres Gegenübers, vielleicht bieten sich Fragen nach Urlaub und Familie an. Bemerken sie Augenringe? Versuchen sie es mit einem Diskurs über Matratzen und Bettgestelle… IKEA ist auch immer wieder ein sehr breites Feld- von dort aus kann man auch gut zum Thema Kinderarbeit und nun aktuell auch Pferdefleisch hinübergleiten.

Es gibt auch Situationen in denen ihr Gegenüber sehr hilfreich sein kann- selbst wenn er weiß, dass sie Vermeidungstänze machen. Da sie ihm ja nie sagen werden, wovor genau sie so phobisch sind, weiß er es nicht und versucht es aber vielleicht herauszufinden.
Aaaah na- ich merke schon das treibt ihren Puls schön hoch- super! Nun brauchen sie nur noch zu warten, wann der erste Schritt vom Tanzpartner kommt. Steigen sie ihm auf die Füße und beginnen sie einen philosophisch-neurowissenschaftlich- anthropologisch- kulturhistorischen Diskurs über sein Interesse an ihrer Angst.

Die wenigsten Menschen geben zu, dass sie es einfach nur spannend um der Sache willen finden und dass es ihnen nicht um sie dabei geht. Genauso wenig Menschen geben zu, dass sie sie einfach nur reinlegen wollen. (Sie wissen ja- vertrauen sie niemandem- sie alle wollen sie nur reinlegen!).
Die Menschen werden anfangen sich zu rechtfertigen und ihre eigenen Tänze aufzuführen. Wenn sie richtig in Schwung sind, brauchen sie sich nur noch zurückzulehnen und zuzugucken.

Vielleicht fragen sich manche Kursteilnehmer: “Wozu der ganze Aufwand?”

Sehen sie Frau Rosenblatt hier. Sie wird ihnen ihre Sicht erzählen.
“Angst ist ein Warnzeichen. Angst bedeutet Gefahr.
Angst ist tödlich für einen selbst. Mit jedem Moment in dem ich Angst habe, gehe ich innerlich weiter kaputt. Für mich ist es- gerade mit dem Reflexschutz meines Gehirns zusammen- fast unmöglich zu sagen, wovor genau ich so eine Angst habe.
Was ich allerdings sehr genau weiß ist, wovor ich keine Angst habe.
Ich habe keine Angst davor einsam zu sein. Ich habe auch keine Angst vor dem Gefühl der Demütigung oder Erniedrigung, wenn mich andere Menschen als unfähig oder dumm betrachten. Das sind alles Dinge, die ich selbst schon weiß. Ich mag es nicht besonders, wenn es andere von mir denken- doch Angst habe ich nicht davor.

Ich habe irgendwann bemerkt, dass aus dem leichten Kribbeln in der Haut, schnell richtige Todesangst wird, die ich nicht aushalten kann. Zusammen mit dem Hirnreflex der Dissoziation, habe ich ab einem Zeitpunkt keine Chance mehr mich in Gefilde zu bringen, in denen ich die Kontrolle über die Situation habe.
Solche Situationen führen in der Regel dazu, dass die Menschen auch noch anfangen Mitleid mit mir zu haben oder ganz besonders lieb zu mir zu werden- was mich in nur noch grässlichere Angst bringt.

Also habe ich gelernt mich wie in einem Swingmedley von Thema zu Thema zu bewegen.
Viele Menschen mögen Swing. Sie freuen sich über Gelegenheiten in denen ihnen jemand zuhört, sie von sich reden können, über Themen sprechen können, die sie bewegen.
Alles was ich tun muss, ist den Takt zu wahren und ab und an die Führung zu übernehmen.

Inzwischen kann ich es so gut, dass ich kaum noch darüber nachdenken muss.
Was allerdings proble…”

Na na na Frau Rosenblatt. Sollte das etwa der Anfang einer Reflektion werden?!
Nein, nein- damit fangen wir gar nicht erst an.
Wir fangen jetzt an zu üben.

>Suchen sie sich bitte einen Partner!
Ich verteile jetzt die zu umtanzenden Themen…

von Vermeidungsblasen und Tumoren

Nach Jahren habe ich mal wieder ein psychotherapeutisches (Fach)Buch zum Thema Trauma und DIS in der Hand und könnte es eigentlich schon wieder an die Wand schmeißen, in die Seiten hineinspringen, es auffressen, vollkotzen, zerpflücken… in die Hand nehmen und jedem Außenmenschen um die Ohren hauen, der mir über den Weg läuft.
An meine Brust drücken… hoffend, dass mein Innen etwas spürt, sieht, dass es gesehen wurde. Schau da ist Hoffnung, da ist Heilung.
Es verflüssigen und mir multipelschläuchig intravenös in den Körper einbringen, auf dass es diesen quälend berstenden Wissensdurst genauso stillt, wie das Gefühl der Einsamkeit.

Es ist nur ein Kapitel.
Und das “in der Hand halten” von etwas, das von uns drin steht.
Doch es reicht.

Es reicht mich zu erinnern wie es war, als die Innens noch maligne Microhirntumore waren.
Ich habe nicht unter ihnen gelitten.
Ich hatte keinen Leidensdruck vom Viele-Sein. Das habe ich bis heute nicht.
Ich habe unter einer ständig schwelenden Todesangst gelitten. Genau wie heute- auch wenn der Grund inzwischen ein anderer ist.
Jede Amnesie, jeder Kopfschmerz, jede Seltsamkeit an mir bedeutete für mich: “Der Tumor ist gewachsen- gleich bist du tot.”. Alles was ich mir nicht erklären konnte, wurde durch den Tumor erklärt. Meine Angst bekam eine Berechtigung.
Ich habe eine ganz liebe Vermeidungsblase aufgepustet.
An einem Tumor kann jeder erkranken. Damit bin ich nicht allein.
Vor dem Tod haben viele Menschen Angst. Es ist akzeptabel Angst vor tödlicher Krankheit zu haben.
Ein Tumor wächst im Körper. Niemand kann einem anderen Menschen einen Tumor antun.

Ein Tumor hat keinen Finger, mit dem er auf jemanden zeigen kann.

Es reicht, mir zu zeigen, wie lieb ich bin.
Immernoch.
Lieb in meiner kleine Vermeidungsblase.
“Nein das war nur ein … Tumor…
Es war nicht… nein nein es war nur ein… mehrere Tumore…”

Zu wissen, dass es Innens sind, die meine Stücke vom Zeitkuchen wegknabbern, runterschlingen, auffressen, in sich hineingestopft bekamen und nun wieder herauskotzen müssen, war lange gleichsam eine Art Tumor.
Eine sprachverführende Vermeidungsblase für mich.

Multiple Persönlichkeit.
Mehrfache Persönlichkeit.
Mehrfaches Sein.

“Ja prima. Ich hab den Tumor- die Innens sind einfach nur nicht davon betroffen.
Die sind ertrinkend, erstickend, aufgerissen, benutzt, kaputt. Sie baumeln noch immer nackt von einer Decke, posieren für andere, stinken wie ein verdrecktes Tier, sind ekelerregend, bemitleidenswerter Abschaum, halten auf Wunsch die Körperlichkeit eines anderen, bieten sich an. Sie sind so niedrig, dass man sie gar nicht mehr erniedrigen kann.

Ich bin eine andere Persönlichkeit. Mit mir hat das nichts zu tun.
Mein Sein ist ganz anders.
Ich sterbe nur an Todesangst.
Ich werde in einem Krankenhausbett sterben, ganz lieb. Ganz still.
Die Innens werden in ihrem Dreck verrotten, sollen sie doch schreien, an- klagen.
Ich bin lieb.
Ich bin ein anderer Mensch als sie.
Sie sind meine Krankheit. Sie sind mein Seelentumor.
“Einmal rein- und abschneiden bitte!”

Die Wissenschaft klärte mich auf. Eröffnete mich.
Sie griff zum Skalpell und entfernte eine Schicht meiner Vermeidungsblase.
Ich kann das Innen nun, freioperiert von verwischter Sprache, als dissoziierte Aspekte meiner Identität- meiner Gesamtpersönlichkeit an mich heranrationalisieren.

Ich habe meiner Vermeidungsblase ein Element hinzufügen können, dass eine gewisse Diffusion ermöglicht, eine grundlegende Trennung allerdings aufrecht erhält. So bekam ich Gelegenheit zu 423597_original_R_K_B_by_Sigrid Roßmann_pixelio.desehen, dass auch andere Innens lieber mal “500gr biographische Amnesie kaufen wollen”, statt das Grauen anzunehmen. Ihnen fehlen zwar nicht die ersten 16 Jahre des Körperlebens wie mir, aber auch sie treiben in dieser Seelenlösung aus Angst, Schmerz und Verletzung herum, einzig durch ihre Vermeidungsblase geschützt.
Vielleicht nicht so lieb wie ich.
Wenn ich meinen Gemögten (und dem Blog hier) trauen kann, dann sind sie wohl eher bockig, kernig, charming, bedürftig, kalt, mutig, frech, aufmüpfig, emanzipiert, liebevoll, fürsorglich.
Gleich und doch verschieden.
Getrennt aber doch verbunden.

Ich lese Sachbücher wie dieses nicht so gern.
In der Regel erhöhen sie den Druck. Oft sorgen sie dafür, dass ein Innen an eine durchsichtige Seite meiner Vermeidungsblase gepresst wird und ich es erschreckt anstarre, wie einen Vogel der gegen das Küchenfenster geflogen ist.

Meist fällt mir dann auch gleich noch das Buch aus der Hand, kippe ich fest verklebt in meiner Angst weg und ergieße mein Denken in die unendliche Weite der Vermeidung. Vielleicht der Selbsttäuschung, der Illusion und der Traumtänzerei.

“Es war doch nichts.
Ich dysfunktioniere auf zellulärer Ebene, das ist es!
Das Schlimme… das Böse… das … nein das ist nicht… nein das ist nur ein Tumor.

Ich war doch immer lieb. Warum sollte mir jemand so etwas angetan haben?”

Erst wenn ich das Buch beiseite lege, das Leben kennenlerne; sehe, dass Liebsein kein Garant für Liebgehabt werden ist, schaffe ich es, meine Vermeidungsblase etwas zu öffnen und das Innen davor etwas näher zu betrachten. Zu sehen, wie sehr ich es mit meinem Denken verletze.

Wie sehr ich mich selbst zum Tumor mache.