Be_Handlungsmotivation

Wir sprachen über Autismus Deutschland e. V. und darüber, dass es auch in der Trauma-Bubble so ist, dass „die Betroffenen“ viel zu wenig Austauschmöglichkeit mit „den Profis“ haben. Irgendwann ging es um die Motivation der Profis und um die Frage, welche Motivation denn die richtige sei. Sie sagte, für sie sei es wichtig, dass die Leute gern mit anderen Menschen arbeiten und ich, deren Kernkompetenz ist, gut Mitmenschen umgehen zu können, dachte, dass das doch irgendwie auch nicht die richtige Grundlage ist.

Ich weiß nicht, wie eine Therapeut_innenausbildung läuft. Wie man Mediziner_in, Behandler_in wird. Ob und wenn ja, wieviel Herzensbildung mit welchem Fokus passiert oder abverlangt wird. In jedem Fall denke ich, dass man irgendwann für sich überlegen muss, ob man das will. Jeden Tag mit anderen Menschen reden, sie anfassen, ausmessen, Mathe auf das Leben anwenden, Medikamente empfehlen, Verantwortung balancieren, eine Praxis organisieren, sich selbst nicht vergessen. Ich glaube, dass man alles das mehr wollen als können muss und dass es deshalb nicht selten vorkommt, dass Behandler_innen eine Motivationsquelle in sich selbst dafür haben. Intrinsische Motivation ist wirkmächtig und das ist ok. Wenn also jemand in erster Linie für sich behandelt, ist das nicht zwingend ein Problem für die behandelte Person. Das wird es wohl erst, wenn Behandler_innen eine innere Bedürfnis- oder Notlage mit intrinsischer Motivation für eine Berufsausübung verwechseln und ergo ihren Beruf brauchen, um sich selbst etwas zukommen zu lassen, dass sie anders nicht herstellen können. Anerkennung zum Beispiel. Be_Achtung. Respekt. Zwischenmenschlichen Kontakt, der (von ihnen) kontrolliert abläuft. Sinn im eigenen Leben. Orientierung in der Welt. Selbst_Versicherung.

Das therapeutische Verhältnis zwischen be_handelnder und behandelter Person ist von Distanz bestimmt, die diese Ebene nicht berühren soll. Und viele Menschen mögen das nicht. Manche, weil sie die Grenze nie gewahrt erlebten und entsprechend nicht erkennen und manche, weil sie sie mit Unpersönlichkeit verwechseln. Viele Menschen wollen, dass ihr_e Therapeut_in eine persönliche Rolle in ihrem Leben spielt, weil das Problem, mit dem sie in die Therapie kommen, ein so persönliches ist. Und viele Menschen können der Rolle, die eine kontinuierlich, stabile, zugewandte Person erfüllt, nur mit der eines (idealen) Elternteils übersetzen und wollen diese auf ihre Behandler_in anwenden. Ebenfalls mit oft negativem Outcome, denn nur Eltern können Eltern sein.

Und dann ist da auch noch die Sache mit der Macht, die sich aus der Gewalt in Form von Ableismus bzw. Saneismus ergibt.
Wenige Menschen sind sich darüber bewusst, dass Behandler_innen unter anderem deshalb so wertvoll und geschätzt sind, weil sie langfristigen Funktionsverlust verhindern (helfen). Also eine nicht unerhebliche Rolle bei der Verhinderung von Behinderung und damit Verlust auf vielen Ebenen spielen.
Wäre unsere Gesellschaft weniger ableistisch (und vor allem saneistisch) müssten sich weniger Menschen mit psychischen Belastungen in Behandlung begeben. Sie würden weniger Gewalt erfahren und bräuchten entsprechend weniger Schutz und Stärkungsmaßnahmen, um sich in sich und der Welt ok zu finden oder sich selbst zu verwirklichen. Psychotherapie wäre in einer so gestalteten Gesellschaft sicherlich weiterhin wichtig und relevant, sie hätte meiner Ansicht nach jedoch eine andere primäre Funktion.

Man darf nicht aus dem Blick verlieren, dass viele Menschen, die heute zu Behandler_innen werden, Macht und Gewalt in anderen Formen und anderen Auswirkungen auf das Leben damit gemacht haben als die meisten der Menschen, die sie später behandeln. Und zwar nicht, weil sie alle auf Rosen gebettet leben und hundert Jahre Studium vor tausend Jahren praktischer Ausbilderei im Grunde ein Kinderspiel sind, sondern, weil es mehr als einen brillanten Geist und Willensstärke braucht, um nicht an Leistungsdruck, Sexismus, Ableismus, Rassismus und so weiter zu leiden oder gar zu scheitern – privilegierte Menschen jedoch oft glauben, dass es an ihrem Intellekt und starken Willen zum Durchhalten lag, dass sie es geschafft haben. Und damit gehen sie durch die Welt.

Manche finden sich darin ziemlich geil und holen sich über ihren Kontakt zu Patient_innen und ihren Status die Bestätigung darin – und manche glauben, sie würden sich irgendwann bestimmt geil finden, statt ängstlich, selbst_unsicher oder als unentdeckter Deepfake, wenn sie nur genug „Kracher“ heilen, sich „den krassesten Fällen“ widmen, sich aufopfern für andere … oder „denen eine Stimme geben, die von der Welt nicht angehört werden“.
Dass das alles überhaupt nur geht, weil behandelte Personen „Patient_innen“ sind und damit in einer weniger ermächtigten sozialen Position, das ist den wenigsten Menschen wirklich als Problem bewusst. Unter anderem, weil sie ihren Beruf nicht mehr (da) ausüben könnten (wo sie es tun), würde es ihnen bewusst werden, denn es gibt einfach keine Klinik und keine Praxis außerhalb dieses Systems.

Treffen „die Profis“ auf „die Betroffenen“, dann ist dieses Bewusstwerden oft schon passiert. Und dann geht es nicht mehr nur darum, wer wem mehr oder das Richtigere zu sagen hat, sondern auch um Auf- und Abwertung. Viele Behandler_innen erleben sich abgewertet, wenn sie sich mit Patient_innen für etwas einsetzen, statt für sie vor anderen Behandler_innen zu sprechen und diese Abwertung ist für viele nicht kompensierbar. Was meiner Ansicht nach überhaupt kein Charakterfehler ist oder irgendein angeknacktes Ego, sondern ganz real. Jede_r kennt, wie das ist, wenn die eigene Peergroup eine_n auslacht, weil man etwas macht, was darin abgewertet wird. Es ist sehr schwer dann weiter gut und wertig zu finden, was man da gemacht hat. Und man hat das Gefühl sich entscheiden zu müssen, zwischen dem, was das Herz will und sagt und dem, was Erfolg und Sicherheit verspricht.
Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Behandler_innen sind Menschen. Sich gegen Dinge zu entscheiden, die sich zwar richtig aber unsicher anfühlen ist so logisch wie legitim. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen oder zu Menschen einer falschen Motivation und auch nicht zu schlechten Behandler_innen. Zumindest so lange nicht, wie sie die Menschen, die sie behandeln, nicht abwerten, weil diese Behandlung brauchen oder einen Kontakt wünschen, der nicht von Hierarchie bestimmt wird.

In unserem Gespräch erzählte ich, wie es nicht geklappt hatte, einen der begehrten Ausbildungsplätze zur Peer-Beratung zu ergattern, dass ich es aber weiterhin versuchen werde, weil ich das gerne machen möchte.
Peer-to-Peer-Beratung ist für mich eine Möglichkeit Menschen mit Schwierigkeiten, die ich selbst schon erlebt habe, zu begegnen. Der Kontakt ist nicht hierarchiefrei, aber nicht in sich bereits gewaltvoll. Ich muss nicht heilen und auch nicht so tun, als ob irgendetwas von dem, was ich leisten kann, etwas Besonderes ist. Und es gibt die gleiche Grenze, die gleiche persönliche Distanz, die einzuhalten ist, wie im therapeutischen Kontakt. Ich spreche nicht mit Freund_innen, nicht mit meinen Kindern, sondern mit Menschen, die an einem Problem arbeiten wollen. Das Problem ist der Grund für unseren Kontakt – nicht wir.
Und das ist eine hervorragende Grundlage etwas zu tun, das ich gut kann: Probleme und ihre Dynamik auseinanderdröseln, analysieren, ordnen. Es befriedigt mich, wenn man es hinkriegt Probleme zu verstehen und sich mögliche Lösungswege zu überlegen. Wenn das jemand gut findet und sich gesehen fühlt, dann ist das ein schönes Add-On, brauchen tue ich das aber nicht, um mich dazu zu motivieren.

Ob das die richtige Motivation ist, um etwas zu machen, das mit Menschen zu tun hat, weiß ich nicht. Aber es ist eine Motivation, die mich wahrscheinlich am wenigsten verstrickt und gewaltvoll handeln lässt, weil es mir nicht primär um die Menschen und mich im Kontakt mit ihnen geht, sondern um das Problem. Das klingt für manche Menschen vielleicht hart und kalt, unpersönlich und nach etwas, was sie nicht glauben können, weil sie selbst nicht so funktionieren. Aber ich funktioniere so. Das ist meine Perspektive, so bin ich. Und alle Menschen, die mit Menschen arbeiten, arbeiten auch mit sich mit Menschen. Immer benutzt man sich selber, um Kontakt herzustellen, Empathie aufzubauen, Ideen zu entwickeln, was helfen könnte.
Ich halte das für das Ding, das alle be_handelnden, beratenden, begleitenden Menschen klar haben – und halten! – müssen. Lässt man da nach, ist selbst die richtigstmögliche Behandlung/Beratung/Begleitung der Welt nicht die bestmögliche.

Sichtbarkeit ist nicht das Problem – #unsichtbar

Am Ende dachte ich darüber nach, warum es eigentlich ist, dass jede „Betroffenen-Sparte“ auf die immer gleichen Verstrickungen hereinfällt.
Dabei hätte es doch genau mich ansprechen sollen. Eigentlich müsste ich doch in diesen #unsichtbar gehen und mich pausenlos bestätigt fühlen. Echokammer yeah!
Aber nein.
Erst musste ich meine internalisierten Ableismen runterwürgen. Dann die täterloyalen Innens. Und dann war da eigentlich nur noch Wut und Frustration über einer ohnmächtigen, hilflosen Hoffnungslosigkeit. So tief, dass ich sie nicht weiter erforschen wollte.

Ich habe schon vor längerer Zeit immer wieder geschrieben, dass die Unterscheidung in „unsichtbare“ und „sichtbare“ Behinderungen genauso problematisch ist, wie die Unterscheidung in „behindert“ und „nichtbehindert“.
Nun, wo viele behinderte und chronisch kranke Menschen sich und ihre Probleme aber als „unsichtbar behindert“ einordnen, ist es natürlich auch von mir schlicht zu akzeptieren, dass sich so viele Menschen nun einmal so empfinden und einordnen und dies als die Sprache, den Rahmen für ihre Schwierigkeiten wählen.

Aber… und hier kannst du dir mich vorstellen, mich windend und dabei immer wieder mit dem Kopf an Wände und Tische schlagend, weil ich da so viel sehe, was daran problematisch ist und kaum weiß, wohin damit … es hat so viele schwierige Implikationen, dass es nichts am Problem ändert und das macht mich einfach fertig.

Unter #unsichtbar haben zu Beginn ausschließlich? autistische Menschen getwittert. Inzwischen versammeln sich darunter aber auch Menschen mit anderen Diagnosen, denen allen gemeinsam ist, dass man ihre Behinderungen im Allgemeinen nicht aufgrund der Nutzung von Hilfsmitteln oder über die Körperform und -funktion annimmt bzw. herleitet, dass eine Behinderung vorliegen könnte.
Für mich war schon nach kurzer Zeit des Lesens klar, dass sich nichts Neues daraus ergeben würde. Man würde wieder Gewaltgeschichten in die Gesellschaft pusten und niemand würde es bemerken, weil niemand schreibt, dass es um Herrschaft geht. Wieder tritt man an eine falsch definierte und deshalb als homogen gedachte Gruppe („die Nichtbehinderten“/“die da draußen“/“die Ahnungslosen“) heran und sagt ihr sinngemäß: „Hier hömma – ich bin unsichtbar für dich – Immer bin ich unsichtbar – wär mir ein Arm ab, würdest du mich besser behandeln.“, was, wie Menschen, die andere Behinderungen kompensieren wohl bestätigen dürften, nicht der Fall ist. Neben dem Umstand, dass es ein unsolidarischer Kackmove ist, der seinerseits gewaltvoll gegen behinderte Menschen wirkt.

Was ich verstehen und auch emotional nachvollziehen kann ist, dass „unsichtbar“ hier als Metapher verwendet wird, um auszudrücken, dass man sich in den eigenen Kämpfen und Problemen nicht wahrgenommen fühlt. Nicht erkannt, nicht anerkannt. Dass man denkt: „Wer ich bin, was mich ausmacht, was ich brauche, das ist nicht offensichtlich – nicht völlig klar – für andere Menschen.“
Es gibt aber auch Posts, die ganz konkret das Wort „unsichtbar“ meinen, weil sie sich als behinderter Mensch und die eigene Kompensation von Behinderungen für weniger auffällig halten, als etwa die von Leuten, die einen Stock benutzen oder eine Prothese.

Beides muss meiner Ansicht nach benannt und verdeutlicht werden, wenn man (politisch) etwas dagegen tun möchte. Beides wäre jedoch besser nicht mit dem Begriff „unsichtbar“ getan, sondern mit den Begriffen „unerkannt“ und/oder „nicht anerkannt“.
Denn, wie ich gestern bereits in einem Twitterthread (Link zum Thread) schrieb: „Es ist ein Vermeidungsmärchen. [Dass man nicht jede Behinderung sieht und/oder „sieht“] Nichts weiter. Mit der Rahmung von Behinderungen als unsichtbar wird es eine Superkraft sie überhaupt wahrzunehmen – übermenschlich. Und deshalb im Alltag genau das „zu viel verlangt“ gegen das ihr eure Aufklärungsarbeit, euren Aktivismus macht.
Immer wenn jemand vertritt, es gäbe unsichtbare Behinderungen wird ein Mal mehr die behinderte Person auch die Behinderung selbst und nicht die Umstände in und von denen sie behindert wird. Das ist ein Problem.
Ja, es ist wichtig aufzuzeigen, dass viele Menschen besonders im sozialen Bereich, wegen ihrer individuellen Wahrnehmung behindert sind und werden – aber um das auszudrücken, darf man durchaus sagen, dass es um Missachtung, fehlerhafte Einordnung, Ignoranz und Gewalt geht.
Denn um nichts anderes geht in jeder Story um „XY übergeht meine Bedarfe, weil sie_r meine Behinderung/Grenzen/meinen Willen nicht beachtet/wahrt.“
Was also unter
#unsichtbar (Link zum Hashtag bei Twitter) vor allem unsichtbar bleibt ist, dass es um Gewalt gegen behinderte Menschen geht.
Auch ein Vermeidungsmove übrigens – weil man als behinderte Person zweimal nicht immer das Opfer sein will & noch mal Mitleid oder Abwehr abkriegen will, aber es ist, wie es ist und es ist wichtig sich dessen bewusst zu werden/sein/bleiben, um etwas zu verändern.“

Ja, es ist relevant, wie Menschen aussehen und ja, manche Erkrankungen und genetischen Varianzen lassen Menschen „besonders/anders/auffällig“ aussehen, weshalb im Kontakt mit ihnen sowohl schneller angenommen als auch anerkannt wird, dass sie Behinderungen oder Krankheiten kompensieren müssen. Aber auch diese Menschen werden deshalb nicht „richtig(er) gesehen“ oder erhalten deshalb leichter oder öfter auch das, was sie wollen und brauchen. Das einzige, was sie nicht machen müssen, ist in anderen Menschen die Idee aufkommen zu lassen, sie könnten ein behinderter Mensch sein. Mit allen Konsequenzen, die das hat. Vor allem für Menschen, die „anders aussehen“, aber gar nicht behindert sind.

Und ja, es ist auch relevant, dass Anpassung zu sehr viel Unauffälligkeit führt. Aber auch das beste Masking autistischer Menschen schafft eben nur das: Unauffälligkeit. Nicht: Verschwinden oder Unsichtbarkeit.

Für mich ist das Unsichtbarkeitsthema dieser autistischen Bubble das Einhornthema queerer Menschen.
„Some people are unicorns get over it“, war so ein Slogan, den wir eine ganze Weile auf einem Patch auf dem Rucksack trugen, weil uns von cis hetero Personen oft vermittelt wurde, dass wir uns unsere Geschlechtsidentität nur ausgedacht hätten und sie deshalb nicht anerkannt werden muss. Wie Einhörner nur ausgedacht sind und nur als solche anerkannt werden müssen.
Heute merke ich, wie ich sehr ich selbst zu diesem gewaltvollen Narrativ beitrage, wenn ich mich als Einhorn darstelle, das es aber real gibt. Erstens mache ich mich weniger menschlich und zweitens fordere ich so die Anerkennung meiner Person als etwas, dass es „eigentlich (in Wahrheit) ja aber nicht gibt“ ein. Also als Ausnahme von der Regel – nicht als Teil der Regel, der ganz selbstverständlich, wie alle anderen Menschen in allen Aspekten anerkannt wird.
Heute benutze ich das Einhorn nur noch unter anderen queeren Menschen als eine Art Insider-Gag. Als Gruppenmarker sozusagen. Denn nur in dieser Gruppe ist das auch sicher für mich und nicht gewaltvoll. Queere Menschen akzeptieren in der Regel meine Geschlechtsidentität. Sie kennen meine Kämpfe, sie kennen meinen Schmerz. Sie sind an meiner Seite etwas dafür zu tun, dass wir an.erkannt werden.

Die gleichen Dynamiken laufen in der Bubble der Menschen, die sich als „unsichtbar behindert“ einordnen.
Wir werden ständig mit Erwartungen daran wie behinderte Menschen aussehen konfrontiert, die von Menschen formuliert werden, die ihre Behinderungen mühelos kompensieren können und nicht auch von Strukturen behindert werden. Immer wieder sehen wir die Rollinutzer_innen, die Prothesenbesitzer_innen, die Leute, deren Körper „besonders/anders/auffällig“ aussehen in der Aktion Mensch-Werbung, auf Plakaten für Behindertenverbände, in Broschüren und Bilderbüchern. Und vergessen dabei, dass das immer immer immer lookistische, also ableistische Repräsentation behinderter Menschen für in der Regel lookistisch ableistisch einordnende Menschen ist. Dass das also nie die Realität abbilden kann zum einen und zum anderen vor allem dafür da ist einen Personenkreis anzusprechen, der in den eigenen Annahmen von behinderten Menschen und Behinderung an sich bestätigt werden muss, um sich ihnen überhaupt zu widmen. So traurig es ist, ist das Grundproblem bei dieser Werbung nun also nicht primär, dass nicht alle „Arten von Behinderung“ re_präsentiert werden, sondern dass es Werbung ist, die die ableistischen Annahmen der breiten Gesellschaft bestätigt, um an Gelder zu kommen, um mit Projektförderungen jeder Art etwas gegen diese Annahmen zu tun. Also für ein Unterfangen, das sich selbst erhält und deshalb kritisiert werden muss.

Nun aber zurück zum „unsichtbar-Thema“.
Wenn „wir Menschen, deren Behinderungen nicht an Hilfsmitteln oder Körperform und -funktion erkennbar ist“ untereinander von einer Unsichtbarkeit sprechen, ist das etwas anderes als unter einem Twitterhashtag mit dem Anspruch, dass „~alle~“ kapieren, dass es uns gibt und dass uns schlimme Ungerechtigkeiten und Gewalt passieren.
Und zwar, weil wir voneinander wissen und wir einander anerkennen. Wir kennen unsere Er_Leben und unsere Kämpfe.
Außerhalb dieser Gruppe ist das anders. Da werden wir nicht an.erkannt. Und zwar erstens, weil wir die Erwartungen daran „wie Behinderung aussieht“ und „wie behinderte Menschen sind“ weder erfüllen noch bestätigen und zweitens, weil die Bedarfe genauso wie die individuellen Er_Lebensrealitäten behinderter Menschen generell nicht anerkannt werden.
Das macht aber weder uns, noch „unsere Behinderung“ unsichtbar. Niemand wird unsichtbar, nur weil sie_r nicht angeguckt und an.erkannt wird. Aber alle, die ignorieren wollen, profitieren unfassbar stark davon, wenn diese Idee vertreten wird.

Deshalb sage ich, dass man davon wegkommen muss zu sagen: „Ich bin mit meinem Autismus (z. B.) unsichtbar behindert.“, weil es die Perspektive der in der Regel gewaltvollen und ignoranten Seite bestätigt und man anfangen muss zu adressieren, wer wem wann warum verweigert gesehen und „gesehen“ zu werden. Denn in beiden Themen – dem Einhorn-Thema, wie dem Unsichtbar-Thema, macht es einen großen Unterschied, ob man sagt: „Ich bin ein Einhorn, get over it“/“Ich bin unsichtbar, guck mich an“
oder ob man sagt: „Du entmenschlichst mich, um mich nicht anerkennen zu müssen“/“Du ignorierst meine behinderungsbedingten Bedarfe, um mich nicht (auch) als behindert anerkennen zu müssen.“

Ich verstehe, dass das alles komplex und schwierig ist. Dass man es für leichter hält, weil es so eine allgemeine Floskel, so eine allgemein oft benutzte Redewendung ist. Aber überlegt doch mal, warum das so ist. Warum können wir uns so easy in die Gegend stellen und sagen, wir wären unsichtbar – aber bleiben ohne jeden Erfolg mit egal welcher Forderung, wenn wir sagen, dass wir mehr oder weniger absichtlich ausgegrenzt werden? Sicher nicht, weil Sichtbarkeit das Problem ist.

Behinderung #4 – Behindertenfeindlichkeit – #DisabilityPrideMonth

Ableismus hat große Schnittmengen mit Behindertenfeindlichkeit und wird deshalb oft gleichgesetzt.
Ich mache das bewusst nicht. Denn für mich gibt es einen Unterschied zwischen *ismen und *feindlichkeiten und ich halte es für wichtig, das nicht auszublenden.

Die Überschneidung von Ableismus und Behindertenfeindlichkeit liegt in der Idee vom Menschen ohne Makel und der Masse als normgebende Instanz. Behinderte Menschen sind weiter vom Bild des Menschen ohne Makel entfernt als die Mehrheit der Menschen und sie sind nicht eben jene Mehrheit der Menschen. Sie haben also in den herrschenden Verhältnissen keine Chance selbst normende Instanz zu werden und folglich das Maß, an dem sich bei allgemeinen, alltäglichen, ableistischen Überlegungen orientiert wird, zu sein.
Deshalb wirken die meisten im Alltag vorgenommenen ableistischen Annahmen und Überlegungen behindertenfeindlich. Mit ihnen werden Ausschlüsse (die häufig weder gerecht noch gerechtfertigt sind) legitimiert, die ihrerseits wieder zu behindertenfeindlichen Handlungen und weiterführenden Annahmen verleiten, welche hochskaliert, in die Gesellschaft hineintraditionalisiert und so von allen Menschen internalisiert zu einer allgemeinen Etablierung von negativen (weil behindertenfeindlichen) ableistischen Strukturen werden … können.

„Können“ deshalb, weil es einen Unterschied zwischen Denken und Handeln gibt.
Es ist eine Wahl feindlich zu sein. Es ist eine Wahl Gewalt auszuüben. Auch dann, wenn sie nicht als solche bewusst ist. Auch dann, wenn sie nicht bestraft wird, weil sie Teil des Alltags, der Strukturen, der allgemeinen sozialen Praxen ist.
Und es ist eine Wahl, wie sie geframed und kritisiert wird.

Ob man sie akademisch erforscht, bewortet und auf einen Stapel Schriften deuten kann, um sie (Menschen, die sich als nicht behindert einordnen bzw. so eingeordnet werden) als real existierendes Problem zu belegen oder ob sie in integrativen Kontexten direkt mit.erlebt wird, ist ein Unterschied. Und zwar einer, der häufig mit anderen Intersektionen von Diskriminierung zu tun hat.
Aber die Adressaten sind immer die gleichen. Es ist immer die Mehrheit, die behinderte Menschen als Maß der von Menschen zu erwartenden Fähig- und Fertigkeiten ausschließt. Weil sie es kann und weil sie es will.
Und die Kritik wird ihr gefällig geäußert und angepasst.
Das zeigt sich an der Akademisierung des Aktivismus, an der immer stärker herausgearbeiteten Vertretung von Partikularinteressen und der Entpolitisierung des Inklusionsbegriffs.

Es ist ein Problem – und eine ableistische Annahme – zu denken und zu vertreten, um es zu lösen, müsse nur allen Menschen erklären, was sie wann wie warum behindertenfeindliches tun und dass sie das tun, weil es Ableismus gibt mit dem wir alle leben.
Das hat in Bezug auf Sexismus nicht funktioniert, es funktioniert nicht in Bezug auf Rassismus und auch zu Klassismus wird es nicht funktionieren.
Weil Gewalt, Feindlichkeit, eine individuelle Wahl ist und ein *ismus eine kollektive Praxis braucht, um alle glauben zu lassen, er sei gewählt.

Um *ismen zu verändern, brauchen wir alle.
Um Feindlichkeiten zu transformieren jede_n Einzelne_n.
Es ist also ratsam Gewalt an behinderten Menschen als Akt der Behindertenfeindlichkeit und nicht des Ableismus zu framen und zu hinterfragen, ob das Konzept der normenden Mehrheit eigentlich je nicht feindlich sein kann.

Menschen töten – Ableismus legitimiert #DisabilityPrideMonth

So schlimm es ist, dass in Ahrweiler behinderte Menschen in ihrem Wohnheim ertrunken sind (Link zum t-online-Artikel dazu) – bitte schreit nicht einfach nur „Ableismus tötet“.

Diese Menschen sind ertrunken, weil sie niemand gerettet hat.
Diese Menschen sind ertrunken, weil eine Naturkatastrophe passiert ist, in der alle Menschen, die sie hätten schützen können (und sollen), sich selbst geschützt haben.

Da kam kein Ableismus vorbei und hat sie getötet.
Da stand kein Ableismus und hat alle umgeboxt, die ihnen helfen wollten.
Hier sind die Folgen sozialer Ideologie mit den Umständen einer Naturkatastrophe zusammengekommen und Menschen starben.
Nicht mehr, nicht weniger.
Es bringt überhaupt nichts die Systematik hinter den Verhältnissen als einzigen Grund für Behindertenfeindlichkeit bzw. die Tötung von behinderten Menschen aufzuzeigen.
Denn ein System ist einfach nur ein System. Ein Konzept. Eine Idee. Eine Tötung jedoch ist immer eine Tötung.
Behinderte Menschen werden immer von anderen Menschen misshandelt, gequält, ausgegrenzt, diskriminiert, getötet, vernachlässigt, hilflos belassen, in ihrer Selbstbestimmung, ihrer Freiheit, ihrer körperlichen Integrität verletzt.
IMMER.
Den Täter_innen ist in ihren Taten sicherlich immer eine Verhaftung in ableistischen Überzeugungen und Wertvorstellungen nachzuweisen, es ist aber nicht der Ableismus, der macht, dass sie Gewalt ausüben – es ist Ableismus, der sowohl ihnen als auch der ableistischen Gesellschaft um sie herum, die Gewalt legitim erscheinen lässt und durch seine Präsenz in den Strukturen oft auch ermöglicht.
Es ist unerlässlich diese Differenzierung vorzunehmen, denn nur so kann die Verantwortung für die Taten bei den Täter_innen, bei den Ausübenden, den Vollstrecker_innen verortet werden.

Wird ständig eine Idee, ein Konzept, das – trotz aller Eignung für Gewaltausübung! – nicht einfach verboten werden kann, als Grund für (tödliche) Gewalt dargestellt, wird die Verantwortung von den Individuen, die Gewalt getan haben, weggenommen.
Und das kann nicht das Ziel sein.

Behinderung #3 – die Relativität von Behinderung – #DisabilityPrideMonth

Als komplex traumatisierter autistischer Mensch werde ich von Dingen, die mich sensorisch überreizen und sozialen Normen, die meine Regulations- und Kompensationsmöglichkeiten stark begrenzen bis verbieten, pathologisieren oder bestrafen, behindert.
Diese Konstellation könnte so verstanden werden, dass ich immer – jeden Tag im Jahr und überall – behindert werde und bin.
Das bin ich jedoch nicht und das hat etwas mit der Relativität von Behinderung zu tun.

Dieser Begriff ist wichtig für die Auseinandersetzung mit der Frage

Wer ist und wird eigentlich wann wie und warum überhaupt behindert?

In Deutschland kann man sich eine Behinderung amtlich anerkennen lassen.
Dazu stellt man einen Antrag bei der zuständigen Behörde[1], schickt ärztliche Atteste oder Stellungnahmen mit und wartet. Manchmal sehr lange. Und dann kommt ein Brief zurück, in dem drin steht, ob die Behörde die Behinderung anerkennt und wenn ja, in welchem Grad. Liegt der Grad der Behinderung (GdB) bei 50, so wird von einer Schwerbehinderung gesprochen. Dann erhält man einen Schwerbehindertenausweis und hat eine Grundlage, um verschiedene Nachteilsausgleiche zu beantragen.

Dieser Vorgang führt bei manchen Menschen zu der Idee: „Aha, ich muss also nur eine Behörde überzeugen, dass ich es wirklich sehr schwer habe und zack bin ich behindert und kann mir auch noch Vorteile einstreichen.“
Behinderung ist jedoch keine bürokratische Kategorie, sondern eine soziale. Sie erscheint – besonders hier in Deutschland – als bürokratische Kategorie, weil behinderte Menschen und ihre Bedarfe hochgradig bürokratisch verwaltet und behandelt werden.
Und Vorteile bringen Nachteilsausgleiche oder auch Ermäßigungen für schwerbehinderte Menschen praktisch nie. Dazu empfehlen wir die aktuelle Podcast-Folge von „Die Neue Norm“ (Link zur Webseite) und meinen nächsten Text, in dem es um Behindertenfeindlichkeit gehen wird.

Keine Behinderung wirkt immer gleich bzw. stellt sich immer gleich dar. Wenn mir ein Daumen fehlt, ist das anders, als wenn einem professionellen Pianisten einer fehlt.
Aber jede behinderte Person muss das immer gleiche kompensieren. Nämlich die negative soziale Reaktion auf die unerwünschte Abweichung von einer wie auch immer definierten Erwartung und dessen Folge(n). Sowohl der Pianist als auch ich, müssten kompensieren, dass es praktisch keine Kleidungsverschlüsse gibt, die ohne Daumen leicht zu benutzen sind und Ähnliches.

Viele Menschen übersetzen „Behinderung“ auch mit „Leiden“ und erleben die Anerkennung ihrer Behinderung auch als Anerkennung ihres Leidens unter den negativen Auswirkungen der Behinderung und ihrer unter Umständen schlechteren Lebensqualität.
Besonders im bürokratischen Anerkennungsprozess führt diese Übersetzung zwangsläufig zu emotionaler Verletzung, Kränkung, bei manchen Menschen auch (Re-) Traumatisierung.
Da es sich um einen reinen Verwaltungsakt handelt, dessen Hauptanspruch die Einordnung von objektiven Sachverhalten ist, kann diese Anerkennung nicht auch auf der emotionalen Ebene erfolgen.

Auch das Leiden unter oder an (einer) Behinderung ist relativ, da hochgradig subjektiv.
Das bedeutet jedoch nicht, dass das Leiden darunter als Faktor die Relativität der Behinderung im Kontext einer bürokratischen Einordnung bestimmt. Also, dass wer am stärksten leidet, den höchsten GdB anerkannt bekommt.
Im Kontext der sozialen Einordnung hingegen gilt das Leiden unter einer Behinderung häufig noch mit am stärksten als maßgebend. Das liegt an der ableistischen Überzeugung nur „nicht behindert“ lebe es sich angenehm und leidensfrei. Die soziale Reaktion darauf ist in der Regel Mitleid, Infantilisierung, Bevormundung und die Einräumung von Schonräumen, die die behinderten Menschen nicht verlassen können, weil dies zu einer anderen negativen Reaktion führt: Dem Vorwurf nur so getan zu haben als bräuchte man Unterstützung/Hilfe (als ob Schonung immer Hilfe/Unterstützung sei), also implizit dem Vorwurf, eine Person und ihre Reaktion ausgenutzt zu haben.

Das Konzept der Relativität von Behinderung verstanden zu haben, ist also notwendig in der Auseinandersetzung mit der Frage danach wann wer warum behindert ist, aber auch bei der Beantragung einer behördlichen Anerkennung. Vor allem für behinderte Menschen, die unter (der) Behinderung leiden und ihre eigenen Ableismen noch nicht konfrontiert und bearbeitet haben.

 

[1] Link zur Webseite „Besser Leben Service“, wo man für jedes Bundesland die passenden Antragsformulare herunterladen kann.

Behinderung #2 – das soziale Modell – #DisabilityPrideMonth

„behindert sein – behindert werden“ zeigt zwei Modelle von Behinderung auf.
„behindert sein“ gehört zum medizinischen Modell, das im letzten Text beschrieben wurde. Danach ist ein Mensch behindert, wenn dessen Körper, Seele oder das, was mit dem Wort „Geist“ oder „Kognition“ oder auch „Intelligenz“ beschrieben wird, von der medizinisch definierten Norm abweicht.
„behindert werden“ gehört zu einem Modell, das ich hier „soziales Modell“ nenne, um zu vereinfachen. Danach sind Menschen einfach wie sie nun einmal sind und werden von Normvorstellungen und ihrer Um- bzw. Durchsetzung im Alltag behindert.

Tatsächlich werden hier von mir drei Aspekte unter einen Begriff gefasst.
Diese Aspekte sind:

  • Behinderung als Resultat sozialer Interaktion
  • Behinderung als Folge von Ausdifferenzierung anhand erbrachter Leistungen
  • Behinderung als Folge kapitalistischer, rassistischer, ableistischer, sexistischer, adultistischer, ageistischer Gesellschaftsordnung

Behinderung als Resultat sozialer Interaktion

Soziale Interaktion nimmt bei den meisten Menschen den größten Anteil ihres täglichen Lebens ein.
Es ist eine soziale Interaktion, wenn wir einander „Guten Morgen“ sagen, es ist aber auch eine soziale Interaktion, wenn wir uns überlegen, wen wir zu einer Geburtstagsfeier einladen und wen (warum) nicht. Und es gehört zur sozialen Interaktion, wie wir einander „Guten Morgen“ sagen – aber auch warum.

Behinderte Menschen enttäuschen mehr oder weniger zwangsläufig bestimmte Vorstellungen, die sich Menschen, die ihre Behinderungen nicht (genauso) erleben, von ihnen machen. Das betrifft oft die Fähig- und Fertigkeiten, manchmal aber auch die Vorstellungen von sich selbst und die Ambitionen, die sich daraus ergeben.
Zum Beispiel erwarten viele Menschen, die ohne Probleme oder viel Anstrengung laufen können, dass alle Menschen laufen können und wenn es jemand als Sport macht, dass die Leute sich wünschen am schnellsten zu laufen. Treffen sie dann auf einen Menschen, der nicht oder nur mit großer Anstrengung und vielleicht auch Verletzungsgefahren laufen kann, wird ihre Erwartung („Alle Menschen können laufen“) enttäuscht und sie bezweifeln, ob der Mensch überhaupt Sport machen kann oder sich generell dafür interessiert.

Solche Situationen werden oft im Netz besprochen, weil sie emotional verletzen und kränken. Manche behinderten Leute sagen dann so in etwa: „Boa, diese Nichtbehinderten sollten mal ihren Ableismus klarkriegen!“, weil sie sehen, dass es um Erwartungen an Fähig- und Fertigkeiten geht. Die Erwartung an sich jedoch „produziert“ noch keine Behinderung.
Eine Behinderung durch soziale Interaktion entsteht in der Regel durch den Versuch bestehende (soziale) Normen zu festigen, obwohl sie (von behinderten Menschen) infrage gestellt werden. Zum Beispiel, indem man viele Begriffe und Kategorien für behinderte Menschen erfindet („Rollifahrer“, „Blinde_r“, „Autist_in“ … „behindert“) und dann zum Beispiel sagt: „Ach für Blinde ist Kino halt nix, da muss man sehen können“ oder „Ach, die Person hat eine Lernbehinderung – da brauchen wir ja gar nicht erst anfangen über eine Berufsausbildung oder ein Abitur nachzudenken.“

Behinderung als Folge von Ausdifferenzierung anhand erbrachter Leistungen

Beim Begriffspaar „Leistung“ und „Ausdifferenzierung“ denken viele Menschen sofort an Schule, aber vielleicht auch an Sportwettkämpfe oder die berufliche Karriere. Ich persönlich denke sofort an das Hartz-4 System und an die Struktur von Krankenkassen.
Wer bestimmte Leistungen nicht erbringt – und dabei geht es nicht darum, warum nicht! – wird in aller Regel nicht belohnt oder dazu ermächtigt, sie zu erbringen.
Bei diesem Aspekt ist mir wichtig aufzuzeigen, was konkret der „Behinderung produzierende“ Teil davon ist. Es ist nämlich keineswegs so, dass eine Schule zum Beispiel einfach nur die Benotung abschaffen und das Gebäude, wie den Unterricht barrierefrei gestalten müsste, um inklusiv zu sein! Es gibt Schulen, weil es ein Arbeits- und Gesellschaftsleben gibt, das nur bestimmte Leute, mit bestimmten Fähig- und Fertigkeiten und einem bestimmten Leistungsniveau durch Mitwirkung teilhaben lassen will (und kann).
Wer nicht leistet, wird ausgesondert. Das kann die Sonderbeschulung meinen, kann aber auch ein Leben ohne Arbeit, abhängig von Leistungen wie Hartz 4 oder in einer Form von Rente sein.
Es kann aber auch die Ausladung von einer Geburtstagsfeier meinen, weil es eine Person nicht schafft laute Musik, andere Gäste, freundliche Unterhaltung zu kompensieren, nachdem sie sich für die Beschaffung eines Geschenkes verausgabt hat. Leistung hat nicht nur etwas mit Gewinn oder Ertrag zu tun!

Die Behinderung entsteht also durch Ausschlüsse, die gemacht werden, weil Menschen bestimmte Leistungen nicht (wie vorgesehen) erbringen.
Hier gibt es eine Verschränkung mit dem dritten Aspekt.

Behinderung als Folge kapitalistischer, rassistischer, ableistischer, sexistischer, adultistischer, ageistischer Gesellschaftsordnung

Viele Menschen nehmen an, dass bestimmte Strukturen ganz einfach aus dem Menschen natürlich inne liegenden Ideen entstanden sind.
Tatsächlich aber dient jede Struktur dem Erhalt, der Sicherung und dem Zugewinn von Macht durch Überlegenheit durch Einhaltung und also Bestätigung von Normen, die von der Mehrheit (also einer mengenmäßig überlegenen Gruppe!) der Menschen ohne Probleme eingehalten werden können. Egal, ob wir uns Schulen anschauen oder Eiscafés, ob wir ins Vereinswesen oder das Versorgungsamt schauen, ob wir unsere eigene Clique betrachten oder die unserer Eltern – immer kann man herausarbeiten, dass es da Normen gibt, die vorgeben, wer profitiert und wer nicht – und dass es in der Regel von Nachteil (und also auch behindernd) ist, nicht zu profitieren.

Bestimmte *ismen sind in unserer Gesellschaftsordnung so fest verankert, dass sie maßgeblich darüber entscheiden, wem was wann unter welchen Umständen und zu welchen Bedingungen zugestanden wird. Diese *ismen sind Rassismus, Sexismus, Ableismus (wozu auch Saneismus gehört), Ageismus, Adultismus und Kapitalismus.
Jeder *ismus ist ein abgeschlossenes Konzept. Das bedeutet, dass es sich immer von etwas abgrenzt und also Menschen mit bestimmten Eigenschaften ausschließt. Dieser Ausschluss ist das „Behinderung produzierende“ Moment und wir haben in unserer Gesellschaft nicht einen einzigen Aspekt des Lebens und Miteinanders, in dem niemand ausgeschlossen ist.

Bevor du diesen Text aber mit dem Gedanken verlässt: „Aha, also sind wir alle behindert, ja klar.“ und mir einen Vogel zeigst, bitte noch ein Mal kurz konzentrieren.

Es gibt Ausschlüsse, die kann ich gut verkraften. Ich muss nicht zu den Partypeoples gehören. Mir geht auch überhaupt nichts ab, wenn mir jemand nicht zutraut Olympiagold im Kugelstoßen zu holen. Aber es gibt Situationen, in denen so viele Ausschlüsse passieren, dass ich existenziell bedroht bin, weil ich nicht als behinderter Mensch, sondern nur als behindert oder schlimmer noch als Behinderung gesehen und behandelt werde.
Das kann zum Beispiel passieren, wenn man als schwarze behinderte Frau ein Kind alleine versorgt.
Weil viele Menschen annehmen, behinderte Menschen seien nicht sexuell attraktiv glauben sie auch, dass sie keinen Sex haben. Und wer keinen Sex hat, kann nicht schwanger werden. So kommt es vor, dass Menschen davon überrascht – und bürokratische Strukturen gesprengt – werden, wenn behinderte Menschen zu Eltern werden. Und wenn diese dann ganz spezifische Problemlagen haben, weil sie an anderen Stellen, etwa von Krankenkassen, dem Versorgungs- oder Integrationsamt ausgeschlossen werden – ihnen aber aufgrund ihrer sexistischen Rollenzuordnung als Frau oder Mann auch spezifische Anforderungen zu erfüllen abverlangt werden, die sie nur mit Unterstützung schaffen können.

In dieser Lage ist es nicht nur Ableismus das Konzept, das den Ausschluss und dadurch eine Behinderung produziert, sondern auch Kapitalismus (denn Versorgungsämter beispielsweise teilen Gelder (also Kapital) zu) und andere *ismen, die den Zugang zu dieser Struktur gewähren oder auch nicht. Das ist dann häufig Ageismus bzw. Adultismus – denn nicht die Kinder stellen die Anträge, sondern die Eltern bzw. gesetzliche Vetreter_innen – aber auch Rassismus. Der zeigt sich darin, dass Menschen, die nicht weiß sind, seltener gesagt wird, dass es Antragsmöglichkeiten gibt oder ihre Anträge weniger oft genehmigt werden, weil es die Annahme gibt, die Antragsstellenden würden lügen oder übertreiben, um sich staatliche Leistungen zu erschleichen, die ihnen nicht zustehen.

Wie man also sieht, ist das soziale Modell von Behinderung eines, in dem nicht die behinderte Person im Fokus steht, sondern die sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen sie lebt. Mit diesem Modell über Behinderung nachzudenken ist komplex und geht nicht ohne auch über die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft nachzudenken.

Behinderung #1 – das medizinische Modell von Behinderung – #DisabilityPrideMonth

Als Behinderung wird von vielen Menschen eine (unheilbare, chronische) Krankheit, eine „Fehlbildung“ des Körpers oder „abweichende“ kognitive Leistungsfähigkeiten eingeordnet. Diese Einordnung wird von uns behinderten Aktivist_innen und auch in den wissenschaftlichen Disziplinen, die sich (im weitesten Sinne) „mit Behinderung befassen“ als „medizinisches Modell von Behinderung“ bezeichnet.

Dieses Modell ist überholt, zweifelsfrei jedoch weiterhin die häufigste Sichtweise.
Das Kernmerkmal dieses Modells ist die Verortung der Behinderung in dem betroffenen Individuum selbst. Dies hat zwei Folgen.
1. Die Behinderung wird zu einer medizinischen Kategorie. Das macht die Behinderung zu etwas, das sich aus einem Defekt ergibt, den man objektiv (also ohne Bezug zur behinderten Person, dem Individuum) anschauen und bewerten kann und der, weil er dauerhaft besteht, als schicksalhaft hinzunehmen eingeordnet wird. Auch die Ursachen von Behinderung werden beim Individuum gesucht (und in aller Regel auch gefunden, aber dazu irgendwann mal wieder mehr).
2. Das Forschungsinteresse zu Behinderung orientiert sich an medizinischem Wissen (um die Krankheit, die als der Behinderung zugrunde liegend gesehen wird) und strebt eine größtmögliche Objektivität an. Die Relativität von Behinderung wird im medizinischen Modell so gut wie nie gesehen.

Das bedeutet: Wer Menschen als erst dann als behindert einordnet oder von ihnen geschilderte Umstände als sie wirklich behindernd anerkennt, wenn diese eine medizinische Diagnose und Prognose darüber haben, tut dies auf Basis des sogenannten „medizinischen Modells von Behinderung“. Dies bedeutet wiederum, dass es immer weiter einen Bedarf an Diagnosestellung und also Pathologisierung von als abweichend eingeordneten Menschen gibt. Und dass so natürlich auch weiter nur eine Profession unserer Gesellschaft dazu ermächtigt wird, die Fähig- und Fertigkeiten von Menschen überhaupt (in ihrem Wert) einzuschätzen, was sich als ein sich selbsterhaltendes System ohne jede wirklich konstruktiv nutzbare Funktion außerhalb von sich selbst darstellt. Denn ein Arzt wirkt rund um Diagnose und Abweichungskorrektur – nicht um Fragen der Lebensqualität, der Teilhabe oder die Inklusion, der als abweichend eingeordneten Menschen.

Wer sich am medizinischen Modell von Behinderung orientiert, kann gar nicht anders als behinderte Menschen als besonders, anders, krank, defekt, fehlgebildet oder -entwickelt – also ganz grundlegend abweichend einzuordnen und sie so ganz eindeutig von der Norm, also der Mehrheit der Menschen, auszugrenzen.

Ableismus #3 – Ableismus wird gemacht – #DisabilityPrideMonth

Wenn man den eigenen Alltag auf Ableismus absucht, dann fällt vielleicht erst einmal gar nicht so viel auf. Ableismus ist ja schließlich sowieso nur eine Idee, also etwas, was im Denken von Menschen passiert. Wonach sucht man also eigentlich? Wie sieht Ableismus aus?

Ableismus ist ein Konzept, das sich in verschiedenen Handlungen des Alltags zeigt. Ob wir Regeln aufstellen oder Häuser bauen, ob wir Dinge kaufen oder verkaufen, ob wir lernen oder lehren – immer ist Ableismus mit eingeflossen. Nicht immer jedoch war das schädlich oder gar gewaltvoll. Es ist wirklich wichtig immer zwischen Ableismus als Konzept und Behindertenfeindlichkeit als ableistische Gewaltpraxis zu unterscheiden. Denn auf das eine (die Gewalt) kann man verzichten, ohne das andere (die Überlegung, was man können muss, um etwas zu benutzen oder teilhaben zu können) ist es unmöglich die Inklusion aller Menschen zu erreichen.

Nun ist es so, dass manche Aktivist_innen sich sehr stark dafür machen, dass bestimmte ableistische Begriffe und Schimpfworte nicht mehr verwendet werden. Manche Begriffe sind praktisch Wortfossilien aus der Zeit der Nazis und deshalb doppelt nicht erwünscht und manche tragen neben der oft intendierten Beleidigung einer Person auch mit, dass man sie für komplett wertlos hält, was eine Bewertung über das Verhalten einer Person hinaus ist und damit im Grunde ein massiver Angriff.

Meiner Ansicht nach hat es keinen Sinn, an der Schimpfwortpraxis zu schrauben, wenn die Überzeugungen und das tägliche Leben es ganz logisch erscheinen lassen, einander wegen bestehender Fähig- und Unfähigkeiten zu beleidigen oder abzuwerten und sich im Folgenden nicht einmal mit der so entstandenen Verletzung auseinandersetzen zu müssen. So begegnet uns immer wieder mal ein Tweet von jemandem, die_r nicht mehr ableistisch beleidigen möchte – aber schon bitte gerne beleidigen, wenn jemand irgendwas nicht hinkriegt oder bei dem Versuch ungeschickt wirkt oder länger braucht als man selbst oder es vielleicht auch einfach oft falsch macht.
Was das eigentlich gewaltvoll ableistische Moment ist.
In so einer Situation will man jemanden beleidigen oder abwerten, weil sie_r etwas nicht („richtig“) kann. In dem Moment ist es total egal, ob man die Person „bananiger Wulstling“ oder „Kackbratze“ nennt – man verletzt sie, weil man sich selber überlegen fühlt. Weil man etwas kann, was diese Person nicht kann und man mit der Gewalt- und Traumawahrheit aufgewachsen ist, dass wer überlegen ist verletzen kann (weil sie_r glaubt, sie_r darf).

Ableismus ist also nicht einfach da, Ableismus wird gemacht. Von uns allen.
Aber nicht in einem neutralen Raum, sondern in unserem Alltag, der von vielen anderen kulturellen und sozialen Praxen (der Gewalt) mitbestimmt wird. Wollen wir nicht mehr gewaltvoll ableistisch handeln, müssen wir Gewalt verlernen.

Alles verstanden bisher?
Wenn nicht, kannst du mir deine Rückfrage in die Kommentare oder in einer E-Mail an h.c.rosenblatt ät online punkt de schreiben.

 

Ableismus #2 – Ableismus als Idee zum Leben – DisabilityPrideMonth

Ableismus ist das falsche Konzept, um den Wert eines Menschen, dessen Leben und Potenziale einzuschätzen.
Besonders wenn Menschen, die sich ganz ohne Hilfe oder besondere Anstrengungen durchs Leben begeben können, es auf behinderte Menschen anwenden. Denn die Perspektive auf die Fähig- und Fertigkeiten, die man hat, ist untrennbar mit der eigenen Lebens- und Leibeserfahrungen verknüpft. Die Ideen, die man davon hat, welche Fähigkeiten man wofür braucht, ergeben sich direkt daraus.

So kann man also auch aufzeigen: Die ableistischen Überzeugungen von Menschen, die sich stets ungehindert durchs Leben bewegen können, bestätigen vor allem ihre Perspektive darauf, was man können muss, um (gut) zu (über)leben. Sie glauben also: „Was ich mache, um gut zurechtzukommen ist richtig, weil es funktioniert. Wer also nicht gut zurechtkommt, macht etwas falsch – und ist also irgendwie auch falsch.“

Manche Menschen, die ihren Ableismus verteidigen wollen, sagen: „Es war immer wichtig, dass der Mensch alles kann, nur so konnte er überleben! Steinzeitmenschen hatten keine Blindenführhunde oder Insulin. Wer krank war ist gestorben und nur die überlebensfähigen Menschen haben es geschafft.“
Diese Aussage ist kein Argument, das man in unserer Lebenszeit anwenden kann. Denn heute im 21. Jahrhundert wird völlig anders gelebt und auch gestorben als in der Steinzeit. Ohne tiefere Kenntnis über die Todesursachen der Steinzeit sage ich, dass heute mehr Menschen an dem Handeln und Nichthandeln anderer Menschen sterben als früher. Und dass dies etwas ist, das anzuerkennen den meisten Menschen schwerfällt, weil sich niemand gern bewusst macht, dass sie_r für andere Menschen auch feindlich handelt.

Ableismus als Idee zum Leben ist also auch eine Idee zum Überleben der Menschen, die den Menschen als Gefahr für andere Menschen ausklammert. Eine Eigenschaft des Konzeptes, die es erschwert von allein auf die Idee zu kommen, dass man selbst es ist, die_r es nötig macht, das Menschen aus sich selbst heraus Fähig- und Fertigkeiten entwickeln, die dem Überleben dienlich sind.

Ableismus #1 – Ableismus als Begriff – #DisabilityPrideMonth

Der Begriff „Ableismus“ setzt sich zusammen aus dem englischen „(to be) able“ (deutsch: fähig sein) und der Endung „ismus“, die verwendet wird, um geschlossene Konzepte oder auch Systeme zu benennen.
Das bedeutet also: Wenn man von „Ableismus“ spricht, dann spricht man von einem Konzept, also einem (etwas erklärenden) Bild von einem Sachverhalt, der direkt oder indirekt etwas mit (der Beurteilung, Bewertung, Erwartung von) Fähigkeiten zu tun hat.

Es ist ableistisch, wenn man Menschen abwertet, weil sie etwas nicht können. Es ist auch ableistisch, wenn man Menschen aufwertet, weil sie etwas können. Ableismus an sich ist also weder etwas Gutes noch etwas Schlechtes. Ableismus ist ein abgeschlossenes Konzept. Punkt.

Ableismus ist ein Begriff, der vielen behinderten Menschen hilft, die Systematik der Gewalt, die sie jeden Tag durch andere Menschen, aber auch Strukturen (von zum Beispiel Behörden oder Institutionen) direkt wie indirekt erleben, zu benennen.
Diese Begrifflichkeit zu haben, ist ein großer Schritt. Denn es bedeutet, dass man aufzeigen kann, dass es bei Behindertenfeindlichkeit keineswegs um die behinderten Menschen geht oder darum, dass aufgrund einer Behinderung abgewertet zu werden ein Einzelfall oder ein persönliches Schicksal sei, wie es viele Menschen annehmen.  Sondern um etwas, das sich aus dem Konzept „Ableismus“ heraus ergibt.

Wie in anderen Diskursen von Personengruppen, die aufgrund von Eigenschaften wie zum Beispiel dem Geschlecht oder der Sexualität diskriminiert werden, findet man sich auch als behinderte Person immer wieder in der Situation, dass man anderen Menschen – die in der Regel nicht auf Hilfe angewiesen sind oder wenig Probleme damit haben Barrieren zu kompensieren – doch erst einmal darlegen soll, worin eine Diskriminierung besteht, bevor sie anerkannt und als Problem eingeordnet wird.

Diese gewaltvolle Strategie setzt darauf, dass diskriminierte Personengruppen ihre Gewalterfahrungen als persönlich einordnen und nicht strukturell, also von einem System oder Konzept bestimmt. So sollen zum Beispiel behinderte Menschen sagen: „Der Busfahrer hat genervt auf mich im Rollstuhl reagiert, weil er meinetwegen Umstände hatte.“ oder „Mich einzustellen ist praktisch unmöglich, weil ich so viel Unterstützung brauche.“- anstatt: „Der Bus hat eine total umständliche Rampe, weil bei der Konstruktion nicht angenommen wurde, dass sie oft gebraucht wird.“ oder „Mich einzustellen ist praktisch unmöglich, weil es für unmöglich gehalten wird, dass jemand, die_r Unterstützung braucht, arbeiten kann.“

Diskriminierte Menschen sollen glauben, dass sie das Problem sind und deshalb nicht gleich_berechtigt und ermächtigt sind, am Leben mit allen anderen Menschen teilzuhaben, weil diskriminierende Menschen dies aufgrund von *ismen, wie dem Ableismus zum Beispiel glauben.

Das ist aber ein Problem und es ist wichtig, dass dies alle Menschen verstehen.
Deshalb schreibe ich diese Textreihe anlässlich des #DisabilityPrideMonth.

Alles verstanden bisher? Wenn nicht, kannst du mir deine Rückfrage in die Kommentare oder in einer E-Mail an h.c.rosenblatt ät online punkt de schreiben.