Aufarbeitung

War ich wie ein Stein ins Bett gefallen, so rumpelten wir als Schottermasse kurze Zeit später wieder heraus.

”Aufarbeitung”, dachte ich später, als ich meine Hände unter dem kalten Wasserschwall aus der Leitung betrachtete. “Verarbeitung”, dachte ich, als mich dann doch übergeben musste und es nicht zur Toilette geschafft hatte.
“Ich weiß doch auch nicht.”, dachte ich, als ich überlegte, ob mir ein anderer Mensch jetzt gut täte.

Als ich noch geraucht habe, hätte ich mich ans Fenster gestellt und erst der Glut in meiner Hand und dann dem Rauch aus meinem Mund zugesehen. Ich hätte mich in dem Anblick verloren, hätte entspannt und wäre seltsam befriedigt wieder zurück ins Bett gegangen. Ich hätte meine Mutter vor Augen gehabt, wie sie auf dem Balkon steht und auf den Platz vor unserem Wohnkomplex hinunterschaut, als wäre sie eine desinteressierte Königin.

Jetzt stehe ich am Fenster und denke an meine Mutter und könnte kotzen, wenn ich noch etwas anderes als Gallebitter in mir hätte.

“Hasst deine Mutter dich?” hatte ich die Freundin ein paar Stunden zuvor gefragt und sie hatte geantwortet “Ja. Ich glaube, ja.”. Und ich dachte, wie schön es für sie ist, auf so eine Frage so eine klare Idee zu haben.

Ich öffne das Küchenfenster und stelle mir einen Stuhl davor. Nehme NakNak* auf den Schoß und warte darauf, dass mich die regennasse Sommerkälte frösteln lässt.
Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt an Kindern” war so ein Tagesstartthema und die Frage, warum eigentlich andere Leute als ich diese Aufarbeitung machen wollen und von was zu was die Gewalt an Kindern aufgearbeitet werden soll. Was soll das Ergebnis einer Aufarbeitung sein?  Wie kann etwas, das mir passierte, von anderen aufgearbeitet werden?

Ich denke an meine Mutter und an Dinge, die sie getan hat. Sowas wie: mir aus dem Bad zuzurufen, ich hätte irgendwas falsch gemacht und ich solle nur warten bis mein Vater nach Hause kommt. Erst Jahre später hatte ich verstanden, dass auf meinen Vater zu warten nie war, was sie von mir erwartete, um einen Fehler zu berichtigen oder zu entschuldigen. Erst heute bekomme ich eine Ahnung davon, was für eine permanente Enttäuschung ich für meine Eltern gewesen sein muss und warum mir die Verletzungen, die sie uns zugefügt haben immer so kontextlos, unbegründet und ziellos erschienen.

Ich suche einen Hass von ihr auf mich und finde nur einen eigenen Wutkummer um diese Frau, die nie kapiert hat, was für eine infernalische Verwirrung sie mit allem stiftete, was sie an mich heran trug. Die vermutlich zusammen mit meinem Vater nie darüber nachgedacht hatte, was genau wir eigentlich verstehen, wenn zwischen einem Fehler und einer Strafe viele Stunden und Welten liegen. Überhaupt nie darüber nachgedacht haben, was mit uns genau in dem Moment ist – sondern immer ausgerichtet auf das, was aus uns werden soll, gedacht, geplant, hingearbeitet haben.

Langsam krabbelt die Kälte von draußen über meine Haut und ich lasse etwas los.
Wie wir nicht mal “richtig” darunter gelitten haben, dass uns in der eigenen Familie Schmerzen zugefügt wurden, die die Entwicklung des Vieleseins begünstigt haben. Wie wir bis heute nicht darunter leiden, dass das passiert ist, sondern vielmehr Not daran haben, es nicht zu verstehen, sondern nur mehr und mehr dieser toxischen Missverständnisse finden.
Ein Panel in dem Comic “Schattenspringer” hatte unser Problem gut auf den Punkt gebracht: “Willst du mir eine Information oder eine Emotion mitteilen?”.
Noch immer wissen wir nicht, was an der Gewalt an uns von uns aufzuarbeiten sein kann, weil wir nicht wissen, ob sie das getan haben, weil sie bestimmte Gefühle hatten – emotional angefeuerte Intensionen, wie zum Beispiel Hass oder Wut darüber, dass es uns gibt oder, dass wir waren, wie, wer oder was wir waren oder ob es einfach nur der Wunsch nach einem besseren Morgen, an dem alles gut sein würde, war, den sie anders nicht zu erfüllen sahen.

Wir hätten doch dabei geholfen, das zu erreichen. Da wäre doch nie nötig gewesen uns weh zu tun oder uns zu zwingen. Dazu hätte man uns das doch nur erklären müssen. Wir haben doch damals den Golfkrieg im Fernsehen gesehen, haben doch die Hungernden von Somalia gesehen. Wir haben doch gewusst, dass in dieser Welt viele Dinge passieren, die nicht mit einem Morgen, das besser sein soll, zu vereinen sind.

Üblicherweise sind uns die emotionalen Intensionen anderer Menschen nicht so präsent, was dazu führt, dass unsere Bewertung von Handlungen an der Handlung selbst bzw. dem, was sie auslöst, orientiert. Es würde uns nicht sonderlich fertig machen zu erkennen, dass sie uns gehasst haben oder geliebt, oder ob sie ungeduldig waren oder was auch immer. Es tut ja einfach immer weh von einem Elter (oder anderen Menschen allgemein) verletzt zu werden und sich nicht davor schützen zu können – egal, mit welcher Absicht sie es getan haben.
Aber wenn wir ihre Gefühle bzw. ihre emotionalen Intensionen gekannt hätten, wäre da heute mehr Material als “Es ist passiert und ich weiß nicht warum.”.

NakNak* leckt an meiner Hand und draußen beginnen die ersten Vögel zu zwitschern.
Mir ist kalt und ich bin leerentspannt geweint.

Ich schließe das Fenster und schaue auf das angekippte Wohnzimmerfenster der Nachbarin mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung.

Fundstücke #27

Da ist der “autistic pride”-Day und ein paar Artikel über die Stärken von Autist_innen.
Und diese vertraute Verwirrung zwischen “Ja, Stärke – ich kann das – das ist, was ich von mir kenne” und “Nein, Schwäche – das ist eine “böse Mädchen”-Sache – niemand mag das”. Das unschlüssige Erstarren zwischen der Erkenntnis zu sein und dem Erinnern an die Gefühle unerwünscht zu sein. Falsch zu sein.

Das “pride”-Ding kann ich nicht mit Stolz verbinden. Mag das nicht mit Stolz verbinden.
Sich nicht für etwas zu schämen oder wegen etwas beschämen lassen zu wollen, bedeutet für mich nicht zwangsläufig mir einen Stolz oder eine stolze Re_Präsentation meiner Selbst aneignen zu müssen.
Es bedeutet für mich anzuerkennen, dass es falsch ist mich zu beschämen, weil es mir weh tut. Es bedeutet, dass ich anerkenne, dass es Menschen gibt, die mich beschämen und beschämt haben, weil sie es können und konnten.
Es bedeutet, dass der 18. Juni ein Tag ist, an dem man darauf aufmerksam macht, dass die autistische Art zu sein, etwas ist, weshalb man beschämt, ausgegrenzt, verletzt, abgewertet, behindert wird, weil das geht.

 

 

Ich las den Text bei Something Autrageous und dachte darüber nach, was uns diese sogenannten “Vorzüge” je gebracht haben.
Überforderung. Man traut uns mehr zu als wir können. Man traut uns Dinge zu, für die wir Wörter, aber keine Handlungsabläufe im Kopf haben.
Man steht als Lehrer_in, als Elter, als Erzieher_in, als Mediziner_in, als Helfer_in, als Therapeut_in, als anderer Mensch vor uns und fragt mit dieser einen Delle im Faden, was denn jetzt plötzlich unser Problem ist. Fragt und versteht nicht. Und versteht nicht und versteht nicht und versteht nicht. Und versteht nicht, dass man nicht versteht.
Und wie das weh tut.
Wie man sich auf den Boden schmeißen, sich den Kopf auf den Boden schlagen will, um etwas anderes zu hören, als das Quietschen der Nacken-Kopfbereichmuskulatur unter der Anspannung. Wie man seinen Frust rausschreien will. Zuschlagen, tot schlagen, still schlagen will.
Und dann implodiert. Und sagt: “Is schon gut.” und sich wochenlang der intellektuellen Analyse von Fehlern, Dynamiken, Ursache und Wirkung widmet, um es wenigstens selbst zu verstehen.

Der Begleitermensch ist der erste Mensch, der uns gesagt hat, er würde unsere Ehrlichkeit und Direktheit schätzen und mögen. Ich glaube, dass noch mehr Menschen in unserem Leben das auch tun – halte das aber häufig für ein Ergebnis der Entscheidung nicht gekränkt sein zu wollen. Oder schlicht, sich nicht mit uns anzulegen, weil klar ist, dass wir auch im Streit ehrlich und vielleicht nicht nur kränkend, sondern auch tief verletzend ehrlich sind.
Man kann es “ehrlich und direkt” nennen, man kann es aber auch “schonungslos und brutal” nennen. Rücksichtslos. Erbarmungslos.
Es erfordert Kraft und vieles mehr diese unsere Eigenschaft, als Einsmensch immer als positive Ehrlichkeit in Verbindung mit Aufrichtigkeit aufzufassen. Wenn man die Kraft nicht hat, hält man uns für arrogant, narzisstisch, eingebildet, ignorant, bösartig und behandelt uns entsprechend. Mit allen Konsequenzen, die das hat.
Und auch schon immer für uns hatte.

Forscher schreibt in seinem Text vom “stärkenorientierten Blick” und ich denke: “Na – nee – das mach ich mal lieber nicht.”, weil ich, jedes Mal wenn ich da nach Außen mache, arrogant wirke und jedes Mal, wenn ich das nach Innen mache, Erinnerungen hochkommen.

Ein stärkenorientierter Blick führt zu der Idee, dass wir hart arbeiten würden.
Weil wir viel, oft und gut schreiben. Fotos machen. Bilder. Töne. Dinge.
“Wir arbeiten nicht hart – wir langweilen uns nur produktiver als andere.”, schrieb neulich jemand uns darüber.
Würden wir uns für Fahrpläne so interessieren wie für Wörter, Linien, Klänge und Wunder, käme man nicht auf die Idee, wir würden hart arbeiten und würden entsprechend verdienen, dass wir finanziell unterstützt oder beschenkt werden. Man würde uns gängeln wie unser Geschwist, doch endlich was Sinnvolles zu tun. Man würde noch anders genervt auf rosenblattsche Monologien reagieren und wahrscheinlich wären wir schon in der Pubertät mit ASS diagnostiziert worden.

Wir benutzen gesammelte Wörter, wo andere frei sprechen. Labern, sabbeln, babbeln, quatschen… Wir legen Wörterpuzzle, wenn wir Sachtexte schreiben und gatschen Wortmodder auf Wortklänge, wenn wir kreativ schreiben.
Das Tippen von Blogartikeln ist copy-paste. Das Kopfbild vom Wort wird um zum Bild auf dem Bildschirm.
Ist das harte Arbeit? Hm.

Ich finde es gut, dass wir das können und fühle mich ein bisschen special, nachdem ich nun weiß, dass das nicht bei allen Menschen auch so ist.
Würde aber dennoch eher sagen, dass unser Wörterding eine Spezialinteressenfähigfertigkeit ist.
Bin überhaupt unsicher, ob wir vielleicht nur deshalb Wörter sammeln, weil wir sie eh dauernd vor Augen haben, wenn um uns herum geredet wird. Frage mich, ob unser WörterBilderKlängesammeln (und Dinge daraus machen) weniger Spezialinteresse, als kompensatorisches Verhalten ist, das zufällig sozial anerkannt ist.

Frage mich, warum ich zur Stärke erklären soll, rausgefunden zu haben, wie ich mich unter Menschen, die keine Wörter und Klänge sehen, keine Oberflächen schmecken und für mich schmerzhafte Geräusche überhören können, zurechtfinden, einbringen, bei Verstand und Hoffnung halten kann.
Ich gehe davon aus, dass alle Menschen tun würden, was wir tun, würden sie empfinden, spüren, wahr.nehmen, was wir empfinden, spüren, wahr.nehmen.

Es ist mir nicht so klar, wie autistisches Sein – vielleicht generell wie auch immer definierte Arten des Seins – überhaupt in einem Stärke-Schwäche-Dyadismus betrachtet werden will, wenn man sich letztlich dafür aussprechen möchte, in diesem Sein akzeptiert zu werden, anerkannt und angenommen zu werden.

Klarnetaut schreibt von Eigenschaften, die für Arbeitgeber_innen interessant sein könnten.
Ich frage mich, ob ich irgendwann mal in einer Medienagentur vorspreche und damit argumentiere, das mein anstrengendes Sozialverhalten, häufige Fehlzeiten, die Diskomforte, die mit meiner hundischen Assistenz einhergehen und mein Hang zu, na sagen wir ruhig “speziellen Arten der Problemlösung”, voll ausgeglichen wird durch mein special WörterBilderKlänge-Ding.
Ich gedenke nicht, das jemals zu tun. Nicht, weil ich mich dafür schäme oder befürchte deshalb beschämt zu werden, sondern, weil es einfach scheiße nochmal echt anstrengend und aufreibend und nervig und schmerzhaft sein kann auf Dauer mit uns zu arbeiten oder allgemein: Zeit zu verbringen, und es kein beruflicher Erfolg der Welt wert ist das zu ertragen.

Das ist, was ich häufig als Barriere im Kopf von Menschen, die nicht oder anders kompensierbar behindert sind, erlebe – das Ausblenden des Umstandes, dass wir immer so sind. Und nicht nur wenn wir mal einen schlechten/guten/anstrengenden/stressigen Tag haben.
Wir sind jeden Tag autistisch. Jeden Tag traumatisiert. Jeden Tag hoch dissoziativ.
Wir sind wirklich jeden verdammten Tag im Jahr ein behinderter Mensch.

Ich glaube nicht, dass wir damit nur eine Belastung sind. Wir sind damit aber auch nicht nur ein Gewinn und ich halte es für wichtig an der Stelle auch Arbeitgeber_innen und Ausbilder_innen ehrlich gegenüber zu sein, damit überhaupt realistische Perspektiven für ein Miteinander entwickelt werden können.

Hobbithexe hat ihren Ausbildungsplatz bekommen, weil die Ausbildenden auch an Menschen mit Behinderungen gedacht haben. Weil sie auch etwas über Autismus wussten.

Auch.
“Auch” ist, was ich betonen will.
Ich halte unsere Spezialfähigfertigkeit für eine gute Ergänzung um Dinge zu erarbeiten, Probleme zu lösen und erfolgreich darin zu sein.
Schließlich halte ich die Spezialfähigfertigkeiten anderer Menschen ebenfalls für eine gute Ergänzung, um Dinge zu erarbeiten, Probleme zu lösen und erfolgreich darin zu sein.

und dann?

“Und dann machst du da jetzt GTA – gut gut – und dann?”, fragte der Leiter der Kunstschule. “Wie: “und dann?””, fragte ich zurück, “Dann habe ich einen Abschluss und dann muss ich sehen”.
“Wie “muss ich sehen” – du musst doch wissen, was du dann willst.”… “Wie alt biste jetzt – 30 – 3 Jahre Ausbildung dann biste 33 – nochmal Studium dran dann biste bald 40 – da musste schon wissen waste willst.” …
“Ja, aber … versuchte ich mich in dieses “Gespräch” einzubringen. Erfolglos.

– “Weißt du, was dein Problem ist…?”

Ja, manchmal weiß ich, was mein Problem ist: Menschen, die ihre Wichtigkeiten zu unseren Wichtigkeiten machen. Menschen, die glauben, wenn man nur weiß was man will, dann würde sich auch alles passend einrichten. Menschen, die uns alleinig dafür verantwortlich machen, was mit uns passiert.
Unser Problem ist, dass diese Menschen nicht merken, was sie da sagen, implizieren und von uns erwarten. Unser Problem ist, dass es unser Problem sein soll.

In den letzten 10 Jahren wollten wir nichts weiter als eine berufliche Perspektive. Eine Chance auf eine Berufsausbildung, die wir gut schaffen können.
Und jetzt, wo wir das geschafft haben – jetzt, wo wir mit diesem großen Geschenk auf dem Arm in der Gegend stehen und glücklich strahlend versuchen darauf klar zu kommen, dass es überhaupt jetzt wirklich und echt da ist, kommen Menschen an uns vorbei, gucken es sich kurz an und sagen: “Ja, aber das ist ja Pippifax für dich. Du kannst viel mehr. Du solltest nach Höherem streben. Du musst größer denken.”. (wie witzig das klingt so kurz nach der Unterstellung narzisstisch zu sein – but, well … alle Experten, ey ¯\_(ツ)_/¯ )

Die Lehrer_innen an der Berufsschule haben das auch gesagt. Dass sie befürchten uns nichts mehr beibringen zu können. Dass sie uns mit dem Stoff unterfordern und den Gegebenheiten des Schulalltags überfordern.
Und wir denken uns, wie gut das für uns wäre. Ein Bereich ist leicht zu schaffen, dann haben wir mehr Kraft für den Bereich, der Kraft frisst. Ein Bereich ist einer, der uns sehr entgegen kommt, weil er etwas enthält, das uns liegt – dann ist mehr Kraft für uns da, sich dem Bereich zu nähern, der uns nicht entgegenkommt.

Wir haben an der Abendrealschule ziemlich gelitten. Das war nicht leicht für uns. Nicht nur, weil wir nebenbei noch ausgebeutet und verletzt wurden, eine unzureichende Betreuung und eine semihilfreiche Therapie hatten. Schule ist einfach schmerzhaft laut, triggernd eng und leistungsbezogen.
Wir haben oft gefehlt und haben viel allein für uns nachgearbeitet. Der Abschluss mit Durchschnittsnote 2,0 war ein Wunder und nicht das Ergebnis eines Verständnisses dessen, worum es in der Prüfung ging.
Und während wir das wissen und wissen, was für Stoffmassen auf uns zukommen werden, weil wir eben auch einige Jahre aus der Lern- und Konzentrationsroutine raus sind, werden wir jetzt auch noch mit einem Imperativ an Zukunftsvisionen genervt.

Daneben denke ich auch: “Alter – lass uns doch erstmal sehen, ob wir in drei Jahren überhaupt noch leben.”.
Denke “Lass mich doch erstmal sehen.”
Verstehe nicht, wie man Dingen, die nicht sicher sind, so viel aufladen kann. Kognitiv verstehe ich es natürlich. Kenne diesen Motivationstrick der Zielvisualisierung und weiß, dass der manchen Menschen auch helfen kann. Doch ich verstehe nicht, wie man sich solche Dinge vorstellen kann, ohne zu wissen wie das Stück dazwischen aussieht. Wie es sich anfühlt, welche Muster in ihm sind, welche Gegebenheiten sich wie entwickeln. Wie machen die Leute das?!

Ich scheitere schon an dem Versuch mir vorzustellen, wie das wird, wenn wir jeden Morgen zu duschen aushalten müssen. Wie das wird, wenn wir jeden Morgen eine Stunde mit der Straßenbahn fahren müssen. Jeden Tag von 7 Uhr 30 bis 14 Uhr irgendwas aufnahmebereit, sozial verträglich, psychisch irgendwie beieinander zu sein. Jeden Tag nach der Schule noch diese Kleinigkeit von “Rest des Tages”, “Haushalt” und “schöne Dinge” zu schaffen. Und dieses kleine Dings – hier – na was war da noch – ach ja Traumatherapie.
Wir wissen noch nicht, ob wir neben der Schule noch arbeiten gehen müssen, um unseren Lebensunterhalt zu finanzieren. Wir haben keine Ahnung, wie wir unsere Projekte umstrukturieren müssen, damit sie nicht einschlafen, nur weil wir ein unheimlich großes Schlafbedürfnis haben werden.

Das Ding, das mich kritzig macht ist: Es geht bei uns nicht um Motivation durch Ziele. Ging es noch nie. Wir haben nie irgendwas gemacht, weil wir dachten: “Oh, wenn wir XY tun, dann wird sicher AB passieren und genau das will ich.”
Das ist eine Herangehensweise, die sämtlichen alltäglichen Erfahrungen, in unserem Leben, die im Zusammenhang mit Menschen bzw. mit von Menschen gemachten Strukturen passieren, widerspricht. Stichwort “soziale heiße-Herdplatte-Erfahrung”.
Unser Alltag besteht in weiten Teilen einzig daraus, zu versuchen, was alle machen und dann das weirde awkward Quirklevel irgendwie auszubalancieren.

Unser Problem ist nicht zu wenig Selbstbewusstsein oder nicht zu wissen, was aus uns werden soll. Unser Problem ist, dass es Leuten wie dem Leiter der Kunstschule nicht in den Kopf kommt, wie es für uns reichen kann, Dinge zu lernen, um sie zu lernen. Dinge zu tun, um sie zu tun.
Unsere Ambitionen erstrecken sich nicht auf Macht, Status oder Besitz, der uns in irgendeiner Form ergänzt oder optimiert, sondern darauf uns zu befähigen.

Wir wollen können, was eine GTA kann, damit wir GTA-Dinge tun können, um sie tun zu können. Vielleicht können wir damit später Geld verdienen, vielleicht kriegen wir uns damit irgendwann unabhängig finanziert. Vielleicht auch nicht – aber dann können wir immernoch, was eine GTA kann.
Das reicht uns, um motiviert zu sein.
Mit der gleichen Motivation stehen wir jeden Morgen auf, obwohl wir nie zu 100% wissen, wie der Tag für uns wird. Denn, auch wenn der Tag schlimm wird, so konnten wir ihn doch er_leben. Weil wir leben können.

Unser Problem ist nicht, keine Vision für die eigene Zukunft zu haben.
Unser Problem ist, eine haben zu müssen, um uns einfach aus solchen verbalen Übergriffssituationen herauswinden zu können, anstatt, das andere Menschen sich einfach mal zurückhalten.

jeden einzelnen Tag

Aktuell ist CSD-Zeit. Wo es möglich ist, wird der Christopher Street Day mit Umzügen, Partypommes und Informationsständen gefeiert.

Wir sind  so wenig in dieser Szene unterwegs, dass ich nicht einmal genau weiß, worum es dabei geht. Ich bin so wenig in der Auseinandersetzung um unser Queersein mit anderen Menschen, dass ich mich in der Regel nicht mitgemeint fühle. Weder vom CSD, noch von anderen special “LGBTQI*”- Dingen.
Es ist mir einfach zu viel L(esbian)G(ay) drin. Zu viele weiße cis gender Leute, die sich selbst nicht als Teil des Problems diverser *- genderfeindlichkeiten reflektieren und glauben, sie seien durch ihr schwul/lesbisch sein davon befreit, diese Leistung zu erbringen.

Neulich las ich von “transsexuellen Bedürfnissen” – als Überschrift zu einem Artikel, in dem es um ein Menschenrecht ging, das trans Menschen bis heute vorenthalten wird. Gesagt habe ich nichts. Kritisiert habe ich nicht. Wo soll man denn bei soviel Ignoranz anfangen? Bei Menschenrechte 101? Bei Gender-ist-ein-Spektrum 101 ? Bei Gewalt-geht-auch-von-dir-aus 101 ?

Viele der heute alten weißen cis Lesben und Schwulen haben sich nie mehr mit diesen Themen befasst, als es ihr direkt mit cis hetero vergleichbarer Lebensbereich nötig gemacht hat. Erst ging es um Strafbarkeit von Sex, dann um die Ehe und Familienglücke. Man argumentiert mit Lebensqualität und Gleichberechtigung, weil man das kann. Und gefühlt exakt nie wird sich damit auseinandergesetzt, warum eigentlich.

Da wird nicht darüber nachgedacht, was überhaupt “Geschlecht” und was “Genital” ist. Da wird sich nicht gefragt, was “gender” als Begriff meint.
So viele alte weiße Lesben halten sich für “keine “echte” Frau”, weil sie denken, bestimmte Körper seien nur bestimmten anderen Körpern bestimmt. So viele alte weiße Schwule halten sich für minderwertig, weil ihnen der gleiche letztlich ebenfalls misogyne Bullshit den Kopf vermüllt.
So viele inter Babys dürfen nie inter bleiben, weil sie direkt nach der Geburt zu Ehren der zweigeschlechtlichen Weltordnung verstümmelt werden. So viele trans Menschen glauben, ihre körperliche Verstümmelung, etwa in Form von Sterilisationen und plastischer Operation, sei der Preis, den das offene Leben ihrer Identität nun einmal erfordert, egal, ob sie überhaupt körperliche Veränderungen an sich wollen.
So viele Queers bzw. Nonbinaries wissen nicht einmal, dass es eventuell bereits ein Wort für ihre Identität gibt.

Zum CSD wird die Toleranz gepredigt und die Unsichtbarmachung von Identitäten umgesetzt. Die Sprachführung schwankt zwischen generischem Maskulinum und dyadistischem Gendern – man gedenkt der getöteten, im Gefängnis eingesperrten Schwulen und Lesben im Ausland, nicht selten mit offensichtlich kolonial rassistischen Entgleisungen in der Sprachführung – man spricht über Kinderwunsch bei Lesben, HIV bei Schwulen – bisschen Party, bisschen Regenbogenflaggengewedel und dann ist wieder Ruhe bis zum nächsten Jahr.

Es sei denn, es kommt zu Massakern, wie zuletzt im Nachtclub “Pulse” in Orlando. 50 Menschen sind gestorben und etwas mehr sind verletzt worden. 50 und mehr Menschen, deren Identität und Lebensrealität nicht nur schwul oder lesbisch, sondern auch nonbinary bzw. queer war.
Die deutschen Zeitungen schreiben jedoch was? Richtig: “Schießerei im Schwulenclub”. Allenfalls kommt da noch der Einwand, das man die Lesben nicht vergessen dürfe.

Dass eine schwarze Person, als Act für den Abend angekündigt war, dass sich auch queere und andere nonbinary Personen dort aufhielten; dass der Club allgemein für alle gender der Community der nicht hetero und cis Personen, offen war, wurde erst durch die Community, die sich über die social media-Kanäle mitteilte, sichtbar.
Wie kann man so etwas in der Berichterstattung unterschlagen? Wie kann man so relevante – ja, auch Straftatmotiv relevante! – Aspekte in seiner journalistischen Tätigkeit vergessen?!
Wie zum ***** kann man “vergessen” zu erwähnen, dass das nicht nur eine Schießerei in irgendeinem beliebigen Nachtclub war, sondern in einem Nachtclub, in dem sich eine mehrfachdiskriminierte und daher hochgradig gefährdete Personengruppe trifft, um mal abzuschalten, sich auszudrücken, sich sicher zu fühlen, Spaß zu haben, Sozialleben zu pflegen?!

Niemals wird dieser Aspekt vergessen, wenn in Schulen oder Universitäten, in Supermärkten oder Kinos eine Schießerei passiert. NIEMALS.

Wird die LGBTQI*- Community angegriffen spricht man nicht darüber. Man spricht nicht einmal in seinen Solidaritäts- und Trauerbekundungen drüber, um was für eine strukturell und sozial ausgegrenzte Personengruppe es sich handelt und wie krass die Zerstörung solcher safe spaces für diese Community ist.
Wenn weiße cis VertreterInnen  betrauern und bekunden, geht es um Toleranz und Freiheit.
Die TOLERANZ, die man trotzdem noch übt und die FREIHEIT, die man zu verteidigen gedenkt.

Wie zynisch das ist, merkt wohl nur die Community, die bis heute um Akzeptanz und Freiheit durch wahrhafte Gleichberechtigung kämpfen muss.
Denn wie viel die Toleranz und die Freiheit der weiß cis Anderen für die Sicherheit mehrfachdiskriminierter Queers und Nonbinaries wert ist, erlebt die Community nicht nur dann, wenn irgendjemand in ihre safe spaces eindringt, um sie abzuschlachten, sondern jeden einzelnen Tag, an dem sie unsichtbar gemacht bleibt.

jemand, di_er da ist

Mit der Auseinandersetzung um Autismus und unsere Psychkarriere kommt das Erinnern, wie ein Sterntalerregen auf ein Ich ohne Hemdchen.

Da bin ich und habe nur meine zwei Hände, die ich aufhalten kann. Da bin ich und weiß, dass, was auch immer in ihnen landet, mir weh tun und etwas für mich verändern wird. Weiß, dass es regnet, egal ob ich mich bei lebendigem Leib auflösen lasse oder nicht.
Weiß, dass es vorbei ist. Weiß, dass meine Reaktionen dennoch eintreten werden. Meine Seele funktioniert nicht nach Raum und Zeit, sondern nach Ist oder Nicht-Ist.

Nach wie vor beginnt mein Erinnern mit dem ersten scheppernden Knall einer gelben Metalltür in ihren Rahmen. Eine kinder-und jugendpsychiatrische Station einer Uniklinik. Alles davor ist weg. 14 Jahre und ein paar Monate. Nicht von mir gelebt, nicht von mir gepflegt.
Ich dachte immer, ich hätte ein festes gutes Erinnern ab dem Moment, aber während ich mir frühere Arztbriefe und Klinikberichte anschaue, merke ich die Löcher. Bekomme ich eine Idee davon, wie wir so auf Psycholog_innen und Mediziner_innen gewirkt haben müssen, obwohl doch ich da war und genau gar nicht so bin.

Wir haben geschaut, welche Persönlichkeitsstörungen uns bereits andiagnostiziert wurden. Ja, wegen diesem Narzissmusdings und ja, weil in einem anderen schlauen Buch steht, dass autistisches Sein gerne mal falsch verstanden und fehldiagnostiziert wird. Und, weil ich meine Fehlersuche noch nicht abschließen kann. Meine Fehler in der Klinik zuletzt, meine unsere Fehler in den Kliniken früher. Meine unsere Fehler, die dazu geführt haben, dass wir heute hier leben und wirken und sind – und nicht in einer Pflegefamilie an der Ost-oder Nordsee, in deren Schoß wir heute kriechen könnten, um uns über Zukunftsängste beruhigen und Sorgen entlasten zu lassen.
Ja, nein, irgendwie kann ich es nicht lassen. Kann nicht aufhören die Verantwortung bei mir zu suchen, denn jedes weitere Erinnern gibt mir ein Fundstück in die Hand, das auf Fehler, Missverständnisse, ungünstige Kompromisse und naive Annahmen von mir und uns deutet – während die anderen Beteiligten, ihre Ansichten, Meinungen, Kompromisse und Annahmen jeweils in Diagnosen und mehr oder weniger transparente Berichte destilliert sind und einzig sind in ihren Möglichkeiten etwas mitzuteilen.

Die erste Persönlichkeitsstörungsdiagnose lautete auf “anankastische Persönlichkeitsstörung”.
Ich habs gegoogelt und mich daran erinnert, wie tatsächlich auch nach außen aktiv und transparent wir bestimmte Dinge taten und verlangten.
Und werde auch traurig, denn einige der Ängste hinter so manchem sogenannten “Zwang” zeigten bereits damals mit grell blinkender Leuchtschrift auf Erfahrungen bestimmter Gewalt und mind control (im Sinne von “von Täter_innen durch Gewalt gesetzte Gedanken/Ideen/Denkweisen”).
Ich erinnere mich an eine Debatte mit einer Stationsschwester darüber, ob auch wirklich keine Spinnen oder Schlangen unter der Tür oder durch die Fensterritzen des Zimmers kommen könnten, nachdem sie uns verboten hatte, uns darüber ständig zu versichern, statt zu schlafen.
Und ich weiß noch, dass ich selbst nur wusste, dass es lebenswichtig war mich darüber zu versichern und es mir schlecht ging, sobald ich mehr darüber nachdachte. Da waren intrusives Erleben, Flashbacks, erste Psychosomatiken – die jedoch alle unter “Schlafstörung” bzw. “pavor nocturnus” (“Nachtschreck”) zusammengematscht und nicht weiter beachtet wurden.

Ich erinnere mich, wie ich damals versuchte zu kompensieren was mir fehlte: Zeit_Bewusstsein und Kontrolle über mich selbst.
Damals las ich noch viel darüber, wie man sich wo richtig benimmt, welches Verhalten wann und wo in Ordnung ist. Was man wie genau sagt. Ich kopierte Gesichtsausdrücke und die Stimmlagen von Menschen, die meiner Ansicht nach alles richtig (sicher/okay) machten. Ich weiß, dass wir damals tanzten, sangen, in einer Zirkusgruppe aktiv waren. Alles Dinge, bei denen man okay ist, wenn man perfekt kopiert (und später in der Lage ist, eigenständig zu variieren – worin wir jedoch nie “gut” waren).
Heute würde ich sagen, wir versuchten uns soziale Erbsenmomente zu machen. Versuchten uns mit anderen Menschen okay zu fühlen, weil wir als okay wahrgenommen werden. Aber wir versuchten es auf eine Art, die eine pathologisch Einordnung ermöglichte.
Obwohl, das einzig Pathologische an diesem Versuch der war, dass wir etwas absichtlich konstruiert getan haben, was andere Menschen nicht in der Form konstruieren müssen, weil sie es aufgrund einer geheimnisvollen Fähigkeit einfach können.

Auch so etwas, das ich heute nicht nachvollziehbar finde bzw. nur mit psychologischer Denkdummheit erklären kann: da ist ein 14/15 Jahre alter Mensch – also ein_e Jugendliche_r, was ein Ausschlusskriterium für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sein und viel mehr Anlass geben sollte, sich die Umwelt der Person anzusehen und wie sie mit dieser interagiert. Welche Strategien werden da versucht und warum?

Damals wie heute kann man sehen, das viele unserer täglichen “Zwänge/Wiederholungen/Rituale/Abläufe” sehr wohl triftige Gründe haben bzw. auf nachvollziehbare Impulse und/oder Defizite, sowie bestimmte Erlebensqualitäten für uns zurückgehen. Man muss diese Gründe jedoch erfragen, annehmen und als für uns gegeben akzeptieren (wollen) und das ist damals (und auch lange Zeit danach) nicht passiert.

Noch heute kopieren wir die Stimmlagen, Wortcluster und bestimmte Handlungsarten von anderen Menschen, von denen wir wissen, dass sie die jeweiligen Situationen “richtig machen”, weil wir wissen, dass wir es “falsch (like: awkward, unsozial, unsympathisch, weird, unangenehm usw.) machen” würden, würden wir es machen, wie wir es spontan machen würden.
Nicht nur, weil manche von uns glauben, dass sie es ja nur falsch machen können, weil wir ja so ein falscher Mensch sind, sondern, weil Menschen, die sich verhalten, wie wir es tun würden, über kurz oder lang die wie auch immer gegebene Rückmeldung erhalten, dass ihr Verhalten falsch sei – oder eben awkward, unsozial, unsympathisch, weird, unangenehm usw.

Noch heute “streben wir nach Perfektion”. Wir tun es aber nicht, weil wir uns so unvollkommen erleben. Wir tun es, weil wir sehen, wie Menschen auf “perfekt” reagieren und uns denken: Wenn wir dies und das perfekt machen, dann ist alles okay. Dann ist “Erbsenmoment”. Dann ist “loslassen und okay für das Umunsherum und ganz viel Raum frei für Inmittendrin”.

Wenn man so will, könnte man sagen, dass wir durchgehend versuchen uns das Umunsherum vom Leib zu halten, um für bei mit uns sein zu können, ohne gestört zu werden.
(Und ja – ich lese selbst, wie man das lesen kann.)

Die nächste Persönlichkeitsstörungsdiagnose war “Borderlinepersönlichkeitsstörung”.
Interessanterweise eine Diagnose, die von einem sicherlich sehr kompetenten Chirurgen gestellt wurde, der uns selbst zugefügte Schnitte genäht hat. Erst Jahre später tauchte diese Diagnose wieder auf.

Dazwischen lag noch die “schizoide Persönlichkeitsstörung”.
Doch auch dort fehlte der Blick auf den sozialen Kontext. Diese Diagnose gab es nach einem Suizidversuch und einem Zeitraum ohne Sprechen, nachdem wir von Heim zu Heim geschubst wurden, weil wir immer wieder irgendwas falsch gemacht haben, was heute nicht mehr richtig nachzuvollziehen ist.
Was ist bitte die logischere Erklärung für Rückzugstendenzen, abgeflachte Affekte und allgemein eher abweisend/kühle Interaktion, nachdem man auf alles, was man tat oder sagte oder machte, mit seinen 7 Sachen wieder weggeschickt, verlassen, mit schwierigen Dingen (wie etwa Verstrickungen in organisierte Gewalt, schwierige Symptome und Überforderungen im täglichen Leben) alleine gelassen wurde?
A) eine Persönlichkeitsstörung als fast 16 Jährige oder
B) die Frage (und selbst gegebene Antwort) danach, welchen Sinn die Interaktion mit einem unbegreiflichen Außen haben soll, das man einerseits braucht und dessen Schutz man sich wünscht – das andererseits aber genau nichts versteht?

[Gameshow-Musik-Geräusch]

Und dann war da noch die Hysterie.
Die gute alte Hysterie heißt heute “histrionische Persönlichkeitsstörung” und ist ein Psychologen*(sigh!)*wort für “die *(sigh!)* spinnt”.
In unser Diagnosenbonuspunktesammelheft geklebt bekommen haben wir dieses Goldstück in einer Klinik, in der dissoziative Symptomatiken als “unüblich” und Diagnosen wie die DIS eine Glaubensfrage darstellen. (Kein Scheiß – hat der Chefarzt genau so in einem Gespräch gesagt).
Menschen, die als “histrionisch” diagnostiziert werden, werden nach und in Bezug auf das Außen gerichtete Intensionen unterstellt. Da kommen dann so Sätze wie “Sie macht XY nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen” her oder die Annahme, diese Menschen würden mehr oder weniger aufwendige Szenarien konstruieren bzw. inszenieren, um sich selbst in einer bestimmten Art wahrgenommen zu wissen.

Ich habe schon geschrieben, dass wir durchaus Verhalten kopieren, um bestimmte Zwecke im Außen zu erfüllen bzw. um als okay wahrgenommen zu werden.
Im Mittelpunkt zu stehen ist für uns dann aber in der Regel doch zu anstrengend und etwas, das wir heute nur noch ertragen, wenn wir davon überzeugt sind, etwas zu tun, wofür es sich lohnt zeitlich und inhaltlich klar begrenzt von anderen Menschen angeguckt, beobachtet, angehört und analysiert zu werden.
Zum Beispiel in der Therapie oder auch während Projekten wie dem Nachwachshaus, in Workshops oder bei Vorträgen.

In der Klinik damals wiederum sind wir aus für uns bis heute nur mehrdimensional erklärbar sozialen Dynamiken heraus immer wieder in negativen bzw. für uns unangenehm oder uns ängstigenden Fokus geraten. Die Kommunikation war durchgehend dysfunktional und unsere soziale Situation eine über alle Maßen überfordernde. Denn wir waren nicht dort, weil wir behandelt werden wollten oder Hilfe suchten, sondern weil wir keinen Wohnort hatten und noch nicht volljährig waren.
And again: etwas mehr Fokus auf die soziale Situation einer Person im Kontext ihrer tatsächlichen Fähig- und Fertigkeiten und die Idee einer in der inneren Struktur einer Person liegenden Problematik wäre als obsolet klar gewesen.
Doch dazu hätte man in Betracht ziehen müssen, dass eine Person eventuell ganz basic Interaktions- und Kommunikationsprobleme hat und permanent Ängste kompensiert, weil sie sich auf niemandem verlassen kann. Nicht einmal sich selbst.

Selbst heute, wenn ich versuche mich daran zu erinnern, wie wir uns in dieser Klinik verhalten haben, erinnere ich mich nur an Missverständnisse und Momente von Verzweiflung darüber, dass es nichts Beruhigenderes als körperlichen Schmerz gab. Obwohl wir uns damals schon 9 Jahre lang immer wieder selbst geschnitten, verbrannt, geschlagen oder verätzt haben, haben wir nie so darunter gelitten, wie damals in dieser Klinik. Es war das tragischste Erbsenmoment, das wir uns selbst machen konnten und diese Belegung von Schmerz durch körperliche Versehrung als Beruhigung ist etwas, das wir heute mühsam wieder zu entkoppeln versuchen.

In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen kam jemand an den Punkt in der Auseinandersetzung um die Persönlichkeitsstörungsdiagnosen, dass der uns erschreckende Anteil daran immer wieder der ist, an dem uns Intensionen hinter Verhalten unterstellt werden, für die wir selbst meist weder Kraft noch Fokus hatten.
Was wiederum in der Narzissmuskrise der Teil ist, der uns die letzte Klinik am Ende vollends als guten Ort zur Unterstützung in der Begegnung und dem Auseinandersetzen mit uns und unserem Er_Leben verbrannt hat.

Gerade in der letzten Klinik hatten wir sehr bewusst massive Probleme überhaupt teilhaben zu können, schwerwiegende Kommunikationsprobleme und ein wie wir finden gutes Gefühl für unsere Überforderung vor bestimmten Anforderungen. Und wir sind einer Täuschung erlegen, die uns – zumindest nach jetzigem Stand der Auseinandersetzung und Fehlersuche – dazu verleitet hat, anzunehmen, es wäre okay, wenn wir selbst bestimmen, wofür wir Kraft aufbringen und wofür nicht. Wir haben uns um uns gekümmert und nicht darum, ob wir nach außen okay sind. Wir haben uns auf das Inmittendrin konzentriert und nicht darauf, die flache phrasenbasierende PITT-Sprache zu kopieren und spiegeln, während wir klinikfunktional dissoziieren.

Wir haben etwas gemacht, das ein High Five auf der Heilungsskala bedeuten könnte– aber nur, wenn der Heilungsbegriff auf den Leiden basiert, die wir empfinden.

In keiner der Persönlichkeitsstörungsdiagnosen, die wir in unserer Behandlungsgeschichte erhalten haben, wurde auf unsere Leiden geachtet, sondern überwiegend auf unser sichtbares Verhalten als Einsmensch und die Erklärung, die die jeweiligen Psycholog_innen sich dafür vorstellen konnten.
Wir haben immer genau dort eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert bekommen, wo man uns in unseren Fähig- und Fertigkeiten über- bzw. falsch eingeschätzt und überfordert hat. Wo das nicht passiert ist, verlegte man sich auf die Benennung sichtbarer Probleme und die deuteten schon früh auch in Richtung PTBS und ASS (Autismus-Spektrum-“Störung”), neben ganz schlicht (nicht pathologisierend bewortet) “belastete/überforderte/dekompensierte Jugendliche”.

Wenn ich mich den aufkommenden Erinnerungen widme, merke ich neben der üblichen Bitterkeit auch zunehmend den Wunsch mich und die Innens, die anders als ich nicht gealtert sind, auch mit etwas anderem als den Erklärungen für diese Sachverhalte trösten zu können.

Doch ich spüre die Spaltung zwischen uns sehr deutlich. Manche debattieren bis heute im Innen mit irgendwelchen Krankenpflegern und Schwestern darüber was für widersprüchliche Aussagen sie gemacht haben, die dazu geführt haben, dass man sich “falsch” verhalten hat. Manche sitzen noch immer weinend in der Heilerinquisition (eine wöchentliche Visite mit allen Behandler_innen einer Klinik) und stottern an Worten herum, die nicht ihrem jagenden Puls im Hals vorbei kommen. Manche liegen immernoch fixiert auf irgendeiner Krankenliege und schwanken zwischen Wohlgefühl durch Gefühle von Gehaltenwerden und Verwirrung über aufkommende Flashbacks von Gewalterfahrungen anderer Innens.

Ich merke, dass es ihnen nicht um Trost geht. Jedenfalls nicht vielen. Ich merke, dass es für viele um die Verwirrung und die schier unüberbrückbare Differenz zwischen Außen und Inmittendrin geht, die macht, dass ich sie überhaupt mehr wahrnehme als noch vor ein paar Monaten. Und ich beginne zu begreifen, dass es vielleicht genau diese Spaltung ist, die mir die Autismusdiagnose so schwer macht.

Sie macht mir nämlich den eigenen Anteil der jahrelangen Klapsenqualen bewusst, während der Inklusionsaktivismus, den wir heute unterstützen, eine Haltung in uns hat entstehen lassen, nach der wir unsere Behinderungen (auch im Sinne von “Unfähig-und –Fertigkeiten”) als etwas angenommen haben, das wir als von anderen Menschen ernst zunehmen und mitzudenken einfordern dürfen und sowohl zum Anstoß gesamtgesellschaftlicher Veränderungen im Sinne der Inklusion aller Menschen gleichermaßen, als auch zur Ermöglichung von Teilhabe und Steigerung der eigenen Lebensqualität auch müssen.

Ich komme nicht mehr um eine anerkennende Haltung gegenüber diesen jugendlichen Innens herum. Ich muss sehen, wie super stark, hartnäckig und aus wie vielen guten, wichtigen Gründen sie jeweils getan haben, was sie getan haben und spaltungsbedingt bis heute tun.
Die pedantischen Regelpapageien. Die nervigen Anstandsroboter. Die Kämpfer_innen für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte auch auf einer geschlossen Station. Die taktierenden Gruppentherapiebestreiter_innen. Die schweigend auf Wände und glitzernde Folien starrenden. Die mutigen “Ich werde misshandelt”-sager_innen. Die intellektuell in Grund und Boden quatschenden. Die “diesmal mache ich alles (die Behandlung/die Therapie/der Versuch in einem Heim zu wohnen) richtig”- Denkenden.

Ich reflektiere an mir die Übernahme des psychologischen Blicks, der mich daran gehindert hat sie so zu sehen. Für mich waren sie bisher immer eher grundlegend dysfunktional und leidend. Weil – DIS –Entstehungslogik: sie ja weiter gewachsen wären, wären sie funktional gewesen bzw. kompatibel mit sich verändernden äußeren Anforderungen. Ich wäre ja nie nötig gewesen, wären sie besser, richtiger, heiler, fähiger, kompatibler gewesen. Sie sind nicht alltagstauglich, geschweige denn orientiert – wie wertvoll können sie dann schon für meinen Er_Lebens.Alltag sein?

Well, ich sehe, dass dieser neuere Blick etwas an ihnen wertschätzt, das nichts mit ihren Fähigkeiten im Heute zu tun hat, sondern mit dem, was sie getan haben, als ich nicht da war. Vielleicht, weil ich damals nicht da war. Vielleicht, weil sie kleben geblieben sind, wo es mich von ihnen im Lauf der Dinge weggerissen hat.

Während meiner Fehler- und Erinnerungssuche merke ich, dass ich ihre Erfahrungen auch gemacht habe und bis heute mache. Aber ich bin keine 14, 15, 16, 17, 18 Jahre alt und bin so global wie sie damals davon abhängig, was wer in welche Berichte über uns schreibt.
Klar sind wir in Teilen abhängig davon, dass unsere Behandler_innen keine Quatschberichte schreiben, weil unsere Hilfen und Unterstützungen entsprechend unserer Bedarfe gebraucht werden und nicht entsprechend dessen, was irgendwer irgendwann aus was auch immer für Gründen von uns und unserem Verhalten hält – auf der anderen Seite aber, steht hinter jedem Antrag auf Unterstützungen auch der implizite Apell an die Logik. Niemand bittet um Unterstützung, wenn si_er nicht die Idee hat, welche zu brauchen oder gut nutzen zu können.

Und: Ich bin eine von den wenigen wirklich Erwachsenen von uns und merke im Moment immer wieder mal, wie sehr auch unsere Einsamkeiten in diverse Fortbestände von Ängsten und Unsicherheiten hineingespielt haben.

Das könnte ich für sie werden, denke ich.
Jemand, di_er da ist.

die ganz normale Ausbildung

Seit der Nachricht um den Ausbildungsplatz, formuliert jemand an einem Brief an die Familie*.

Kein Wort davon ist bisher niedergeschrieben. Da ist die Angst: “Wenn ich anfange, dann kann ich nicht mehr aufhören.”
Da ist der Umstand, dass Briefe abgeschickt werden müssen, wenn sie geschrieben sind. Weil Briefe keine Briefe sind, wenn sie nicht abgeschickt werden, sondern bloße Texte.

Da sind all die möglichen Alternativen.
Es ist einfach nur eine dysfunktionale Familie. Es ist einfach nur eine dysfunktionale Tochter. Es sind einfach überfordert gewesene Eltern. Es sind einfach nur Leute, die es nicht besser wussten.
”Heute ist doch heute”, sagt das Innen. “Heute ist vielleicht alles anders, als vor ein paar Jahren.”.

Das ideale Szenario, in dem alles nur ein Traum war, eine Episode der Verw.irrung war, ist, dass man, wie so viele andere Menschen, bei der Familie anruft, sich zusammen über den Ausbildungsplatz freut, feiert und die Eltern von sich aus fragen, was man für Unterstützung brauchen könnte.
Dieses ideale Szenario würde bedeuten, dass wir viele Jahre an eine geistige Umnachtung verloren haben, aber das ist diesem Innen vielleicht nicht so wichtig. Was heißt schon “viele Jahre”, wenn Zeit und Raum schon immer durcheinander fallen und am Bewusstsein vorbei krümeln.

So viele der jugendlichen Innens kleben in diesem Brei aus Verwirrung um Fremdunterbringung, Klapsenschock und “Ich bin das Problem in dieser Familie”. Die wenigsten haben unsere Entscheidung den Kontakt abzubrechen, um uns selbst zu schützen, überhaupt mitgetroffen. Aber viele haben gemerkt, dass es uns besser ging, nachdem wir es getan haben und, dass “es geht uns besser” für sie bedeutet, eine okaye Umgebung für die Dinge zu haben, die sie mögen.

Ob sie merken, dass diese okaye Umgebung von uns als bedroht empfunden wird, ist nicht zu sagen.
Wir machen uns Sorgen darum, was die Ausbildung neben der Ausbildung und dem Schulalltag bedeutet. Es ist absehbar, dass uns die letzten 15 Jahre in staatlichen Sozialleistungssystemen nun auf die Füße fallen, weil wir keine Rücklagen haben. In der Ausbildung werden wir nichts verdienen. Wir können Geld dazu verdienen, aber wann genau sollen wir erarbeiten, was wir verkaufen könnten? Wenn wir nach der Schule nach Hause kommen? Von der Therapie nach Hause kommen? Die nächsten drei Jahre werden viel Kraft fressen und wenn wir aktiv gegen die Spaltung anarbeiten wollen, wird “Dazuverdienen” schwierig. Vielleicht zu schwierig. In jedem Fall eher nicht so wahrscheinlich, als dass wir uns darauf verlassen können.

Wir haben ein bisschen Zeit in Recherchen investiert um eine Stiftung zu finden, die Menschen in unserer Lage unterstützt. Und dann stoßen wir auf Formulierungen wie “Wir helfen Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind” und rutschen in aufkreischende Gedankenschleifen darum, ob wir überhaupt in Not sind und wie sehr wohl doch selbst verschuldet unsere Lage ist.
Wir hätten ja schließlich auch zu Hause bleiben können. Wir hätten ja arbeiten gehen können. Wir hätten ja diesen einen Autorenvertrag bei diesem Verlag unterzeichnen können. Wir hätten ja nichts von dem machen müssen, von dem wir dachten, wir müssten es machen, um uns zu retten, zu schützen, am Leben zu halten.

“Und wir müssen diese Ausbildung ja auch nicht machen.
Wir können das auch sein lassen und einfach irgendwie so in Auflösung übergehen. Wir könnten das alles auch einfach sein lassen.”, wabert es in einer weißen Nebelschleierwand aus der Ferne. So tröstlich. So beruhigend. So dissoziativ.

Ja, einfach nicht zu kämpfen, einfach loszulassen und gar nicht erst anzufangen, das wäre leicht.er.
Nicht schon wieder einen Kampf um Geld für ein bisschen Sorglosigkeit und Luft zum Atmen. Nicht schon wieder ein Kampf um Alltagskraft, Lebensperspektiven und sichere Hoffnungen führen. Das hatten wir doch jetzt die letzten Hartz 4 –Jahre dauernd. Jetzt haben wir doch aber einen Ausbildungsplatz – dann müsste das doch jetzt mal langsam aufhören. Jetzt muss doch mal gut sein mit der Bedürftigkeit, den Nöten, die heimlich irgendwie immer doch selbst gemacht sind.

Wir können auch einfach so tun, als würde sich alles von allein erledigen.
Einfach nicht drüber nachdenken und gucken, was geht, wenn die Luft dann wirklich brennt. Etwa, wenn das Laptop dann endgültig seinen Geist aufgibt oder sich herausstellt, dass man das Schulgeld in echt und wirklich auch bezahlen muss. Wenn der Kühlschrank irgendwann nicht mehr nur Wasser verliert, sondern selbst ins Wasser geht und die Waschmaschine mitnimmt. Wenn uns die Realität dieses über die Jahre zusammengehamsterten Stückelhaushalts um die Ohren fliegt und wir uns wieder entscheiden müssen, ob wir das selbst verursachten und wieviel Not wir wirklich haben.

Glücklicherweise wissen sie nicht, wie sie den Brief beginnen lassen könnten.
Selbst ihnen kommt es wohl falsch vor “Liebe Mutti, lieber Vati” zu schreiben und von dort die Kurve zu “bitte kauft mir einen Computer, ein paar NakNak*sachen, ein paar Haushaltsdinge und bezahlt das Schulgeld für mich. Ich kann das nicht selbst aufbringen, weil ich ja von euch weggelaufen bin” zu kriegen.

Daneben steht, dass wir sie bemerken. Nicht nur diesen Wunsch, sondern auch einen Teil ihrer Gefühle. Wie nah die Trauer plötzlich ist und wie greifbar ein Leiden wird, das sie selbst vielleicht gar nicht so als Leiden einschätzen.
Letztlich versuchen wir die Ausbildung vielleicht auch dafür, sie weiter wahr.zu.nehmen. Mehr und mehr zu begreifen, wie ihr unser Leben früher gewesen sein muss, weil sie mehr und mehr begreifen, dass sie eine Parallele statt einer Wiederholung im Jetzt haben, die sie hervorholt, des.orientiert und mit uns zusammenstoßen lässt.

Mit uns, die wir eine über 300 Kilometer lange Radtour planen, um uns eine Weglauferfahrung zu ermöglichen, die anders als die Dissoziation des Selbst ist. Die wir weglaufen und aus alle dem rausgezogen sein wollen, was noch zu tun und auszuhalten ist, bis die Ausbildung los geht und eine Zeit beginnt, die uns ganz klar und ganz bewusst, Schmerzen bereiten, uns heraus- bis überfordern und mit unumgehbaren Notwendigkeiten des Kämpfens und Verlierens, Vermittelns und der Einigungsfindungen konfrontieren wird.
Ganz selbstverschuldet, weil wir uns das so sehr gewünscht haben.

Dieses “ganz normal eine ganz normale Ausbildung machen können”, obwohl und weil der Rest in unserem Leben nach wie vor nicht normal ist.

Fundstücke #26

Eine bis zum Abwinken eingedudelte Antwort auf alle unerklärlichen, schier kontextlos auf mich einwirkende und manchmal auch mich durchdringende ES ~e, ist der Verweis auf abgespaltene Anteile, andere Innens, eine weit von mir dissoziierte Quelle, die macht, was ich fühle und für manche “DIS-Expert_innen” auch meine Gefühle darstellt.

Das hat Sinn ergeben und ergibt nach wie vor Sinn, wenn es mir plötzlich nicht gut geht und aber doch Bilder sichtbar sind, fremde Gedanken auftauchen und ich merke, dass sie überhaupt nicht in das Moment passen. Wann immer ich etwas empfinde, dass so tut als wäre heute nicht echt oder nie gewesen, dann weiß ich, das ein Innen meinen Kosmos streift oder unser Gehirn eine spontane Brücke zwischen uns versucht. Das ist Erinnern. Disso-Style.

Aber die kontextlose Wucht des üblichen Laufs der Dinge – wo gehört die denn hin? Wenn ich wahrnehme und empfinde, fühle und spüre, dass das Unaushaltbare ganz klar von etwas kommt, das auf mich auf eine Art einwirkt, die für niemanden in meiner direkten Umgebung genauso empfunden wird. Wenn ich ganz sicher weiß: “Nein, das ist kein desorientiertes Innen – das ist mein Kopf, der einen Prozess nicht hinbekommt und gleich in ausgleichende Sperenzchen übergeht und wenn ich nicht aufpasse, spült es mir dabei gleich noch die eiterbefüllte Hölle aus dem Inmitten hervor.”

Es tut mir, im Gegensatz zu anderen Innens, nicht sehr gut mich über die psychologischen Einschätzungen unseres Seins auseinanderzusetzen. Obwohl mir die Beobachtung anderer Menschen als reaktive Objekte sehr nahekommt, verliere ich den Bezug zu mir, wenn ich versuche mich selbst in so gearteten Beobachtungen zu finden. “Traumatisierte erleben häufig …”, “Autisten können nicht …” – seit Monaten rieseln solche Formulierungen aus von den Rosenblättern verschlungenen Fachliteraturen zu uns und machen in mir so eine geistige Durchlässigkeit an, die mich auflöst und absolut in Frage stellt.

Nach manchen Formulierungen zur inneren Mechanik der DIS, gibt es mich gar nicht. Bin ich ein Stück annähernd toter Seelenmuskel, der hier und da reflexhaft von fehlgeleiteten Pauschalbeurteilungen eines wirren Geistes re_aktiviert wird, um irgendein dysfunktionales Handlungsmuster auszuführen.  In manchen Beschreibungen von autistischem Sein wird so etwas wie Persönlichkeit gar nicht erst aufgegriffen und die Identität der Betroffenen mit den sozialen und kommunikativen Un_Fähig- und Fertigkeiten beschrieben.

Am Ende bleibe ich wie ein verlorengegangener Lebensschnipsel irgendwo in dem Diskurs stehen und komme nicht umhin, mich darüber zu wundern, warum sich so wenige darüber wundern, dass alles ist wie es ist. Und nicht  anders.
Inmitten meiner Wunder stehen wir im Kämpfen um Erfassen und Halten wollen – dem Ergreifen jeder Möglichkeit und dem ununterdrückbarem Fuchteln der Hände vor Schmerz, Verwirrung, Überforderung, vielviel, gutviel, vielvielviel und all dem ich-weiß-nicht-bitte-mach-dass-ich-weiß.
Klettern Tag für Tag aus den Ruinen der Selbstbilder, die man sich aus Worten und Wundern geflochten hat, um eins zu haben, falls jemand danach fragt.

Wir sind Wir, wie die Welt ein Lauf so vieler Dinge ist, die man wahrnehmen und spüren, empfinden und fühlen kann.
Auf eine Art passen wir so gut in diese Welt hinein, dass jede Inkompatibilität, jede empfundene Unaushaltbarkeit so tief verwirrt, dass Wahrnehmen, Spüren, Empfinden und Fühlen zu etwas wird, das alles übersteigt, was wir sind. Oder wer wir sind.

“Multipel wird man nicht, weil es Sonntags mal keine Brötchen gab” hatte die laute H. immer gephraselt und nie habe ich mich getraut mal jemanden zu fragen, ob man aber vielleicht multipel wird, weil man sich nicht erklären kann, ob nun eigentlich wirklich Sonntag ist, wenn es doch aber keine Brötchen gibt, wie es sonst immer jeden Sonntag Brötchen gegeben hat und einfach niemand versteht, wie man sich darüber unsicher sein kann, welcher Wochentag denn nun ist. Und wenn im schlimmsten Fall auf solcherart Fragen und peinlich tiefe Ängste über die wahrhafte Existenz einer Woche in ihrem Sein und Passieren, eine noch verwirrendere Antwort, nämlich eine nichts erkärende Faust im Gesicht oder ein Tritt in den Rücken, eine Diagnose oder ein Rezept für ein Betäubungsmittel kommt.
Wenn auf das Fordern und hartnäckige Suchen einer Sicherheit und Wahrhaftigkeit im Sein des Ist, ein Missverständnis dem nächsten folgt und das Außen zu einer Ebene macht, die disharmonisch, uneins, unfassbar weit entfernt wirkt – ja wirken muss … ist die Spaltung des Selbst dann nicht eher ein Abbild einer ganz realen Unvereinbarkeit?
Werden wir, die wir viele sind, so nicht eher zu einem Beweis einer ganz logisch und natürlich vorkommen Spaltung des Laufs der Dinge, der Welt und des Ist?

Was, wenn unser Sein die einzig mögliche Antwort auf das ist, was wir wahrnehmen, empfinden und spüren?

das “so-tun-als-ob-die-DIS-Diagnose-neu-wäre”-Ding #1

Während sie uns die Treppen hinunter manövrierte, drehte sie sich zu mir und sagte: “Läuft doch gut, oder nicht? Landkartendings – check!” und fuchtelte ihr Fröhlichfuchteln.

Ich hielt inne und beschloss umzudrehen. Die Treppen zurück nach oben, Sturmklingeln und den krausen Wirrwusch zwischen Denken, Begreifen und Kontrollverlust per Telepathie ins Verstehen der Therapeutin hineinpflanzen. Beschloss: “Nein – Nein – Nein” und all die anderen Konstruktivitäten, für die ich bekannt bin.
Griff nach meinen glatten Wortketten zur Erklärung von allem, drehte mich um und bemerkte, wie andere schon längst um den Lenker des Fahrrads schwirrten, um nach Hause zu fahren.

“Hast du dich eigentlich schon mal gefragt, wieso du dich immer so schuckich anstellst, wenn es mal irgendjemand von uns schafft, mehr als Mimimi und Nein-Nein-Nein zu sagen?”, fragte mich ein Knäul etwas neben der beschwingt auf dem Rad um sich fuchtelnden Jugendlichen.

Leises Grummeln walzte sich durch das Grau über unserem Kopf. “Ich bin nicht mehr phobisch euch gegenüber.”, antwortete ich und hörte, wie das Knäul missbilligend schnaubte.  “Uns nicht – aber dir selbst gegenüber – Herzilein – dir selbst gegenüber…”.

Manchmal denke ich noch: “Ach – ich warte jetzt einfach kurz bis ich wieder normal bin und dann mach ich alles wieder gut. So wie vorher.”. Dann krause ich neben uns her und summe in mich hinein, dass alles okay ist, weil alles okay ist und nichts nicht rückgängig gemacht werden kann.
Leider weiß ich schon, dass mein Vorher eine tröstliche Selbstverarsche ist, die mich über mein Unvermögen flauschen will. Und leider weiß ich selbst auch schon, dass jedes Nein-Nein-Nein und Mimimi nichts weiter beinhaltet als: “Wääh – ich will aber bitte nicht, dass das so ist, sondern bitte irgendwie weniger SO und mehr – naja – ich weiß auch nicht – fuchtel fuchtel keine Ahnung alles – Hauptsache nicht SO” as you know – i’m the queen of konstruktiv

Und trotzdem verfolge ich diese Therapie weiter. Stehe neben der Tür und beobachte, wie sie mit der Therapeutin reden, höre manchmal hin und manchmal weg.

Die Idee eines So-tun-als-hätten-wir-die-DIS-Diagnose-neu fand ich interessant. Denn ich hatte nie die Chance diese Diagnose als neu zu empfinden oder zu denken. Es gab sie schon, als meine Erinnerung beginnt und einen Umgang, eine Haltung, eine Identifikation damit zu haben, werden von mir genauso erwartet, wie von allen anderen eher in den Alltag wirkenden Innens, die sich damit schon seit 2003 auseinandersetzen.
Ich hatte mir einen sichereren Rahmen dafür gewünscht. Mehr aufgefangen werden, mehr Option sich umzudrehen und jemandem – auch wenn es gar nichts verändert – alles von mir empfundene: “Ja – aber – Mimimi” sagen zu können, um nicht damit allein sein zu müssen, während man nicht weiß, wohin damit.
Jetzt versuchen sie es im Rahmen der ambulanten Therapie weiter.

Es gibt jetzt eine neue innere Landkarte und sie lag heute vor der Therapeutin auf dem Boden. Ich dachte an Metaphern wie  “das Innerste vor jemandem ausbreiten” und viel “oh nein – nein – nein” und wunderte mich wie die Jugendliche und die Therapeutin so miteinander reden.
So ruhig und ganz klar umrissen.
So überhaupt gar nicht dem chaotischen Kreuzfeuer, das in meinen Ohren rauschte, entsprechend und allgemein so… surreal alltäglich.

“Dein Problem ist nicht, nicht zu glauben, dass du zusammen mit uns viele bist – dein Problem ist, dass du denkst, das Viele-Sein an sich, hätte mit dir nichts zu tun, Herzilein.”, sagte das Knäul mit den ersten auf uns herabfallenden Regentropfen.

Ich weiß, dass das stimmt.
Aber.

Mimimi

Atem.Not

Gestern war einer dieser Tage, an denen sich die Luft zu einer feucht warmen Masse verdichtet und über Stunden versucht ein Gewitter zu werden.
Und gestern war der Tag, an dem wir den ersten schlimmeren Asthmaanfall seit Jahren hatten.

Wir sind nicht besonders kompetent mit diesem Teil unseres Heuschnupfens. Hatten jahrelang weder so heftige Symptome wie dieses Jahr, noch solche Probleme mit der Atmung, dass wir mehr als ein Spray und ruhiges, auf Entspannung orientiertes Ein- und Ausatmen brauchten.

Wir hatten uns gestern entschieden unsere übliche Fahrradstrecke zu fahren. Immerhin wollen wir bald zu unserer Radtour ans Meer aufbrechen und da wird das Wetter auch nicht immer toll und angenehm sein.
Nach der Hälfte der Strecke kommt eine lange Steigung – und mit jedem Meter weiter rauf kam weniger Luft, dafür aber mehr Schleim aus dem Oberkörper heraus. Ich stieg ab, nahm die Arme über den Kopf und wusste nicht, was ich machen soll. Außer warten, Kinderinnens verpacken, atmen, das Spray benutzen und Wasser nachschütten, um besser husten zu können.

Mir kam das ehrlich gesagt ziemlich wenig vor, denn so richtig wieder gut wurde es nicht. Wurde es auch über Stunden nicht.

Nach einer Viertelstunde hatte ich nicht mehr das Gefühl gegen Schleim anzuatmen und konnte auch (langsamer und achtsamer als vorher) wieder aufs Fahrrad steigen, aber das untergründige Gefühl von Rastlosigkeit, ängstlicher Unruhe, (Luft)Not, ein flirrendes Zittern unter der Haut, Hustenreiz und eine seltsame Spannung im Brustkorb selbst, blieben bis zum späten Abend bestehen.

Es gewitterte dann irgendwann auch endlich und die Luft wurde kühler, aber erleichtert hat es uns die Atmung nicht.

Atemtechniken sind für uns ein wesentlicher Bestandteil der Selbstregulierung im Alltag. Es gibt so viele Dinge, die uns ängstigen, erschrecken und auseinanderfallen lassen, das wir uns auf den eigenen Atem als sicher immer verfügbares Werkzeug verlassen. Mit jedem tiefen Einatmen begleiten wir die Luft in den Körper hinein und verwenden verschiedene Bilder, um uns zu sichern und in Raum und Zeit zu orientieren. Mit jedem langen Ausatmen lassen wir Anspannungen und Schmerzen ablösen und bringen Erinnerungen und Not auf Distanz.
Diesen Umgang als nicht so sicher anwendbar zu wissen, bringt uns dann doch ziemlich aus der Fassung.

Gestern recherchierte ich nach Tipps von anderen Asthmatiker_innen, wie sie mit ihren Schwierigkeiten umgehen.
Die guten Ergebnisse dieser Recherche waren zu merken, dass wir nicht viel mehr als das Wenige, was wir getan haben, hätten tun können – die schlechten Ergebnisse waren, dass man allgemein nicht viel mehr tun kann, als das, was wir getan haben.

Eine andere Reflektion war: wir brauchen im Moment unheimlich viel Beruhigung und Versicherung von außen – verstehen aber beruhigend gemeint Gesagtes von anderen Menschen als Aufforderung als beunruhigend Wahrgenommenes nicht weiter als beunruhigend wahrzunehmen.
Wieder stehen sich Intension des anderen Menschen und Inhalt der Worte für uns als unüberwindbar widersprüchlich gegenüber und wirken damit – ja, was auch sonst: beunruhigend, ängstigend, verwirrend, verunsichernd auf uns.

Geholfen hat es letztlich, dass wir uns sehr früh ins Bett gelegt haben – in der Position, die als den Brustkorb dehnend auf dieser Webseite gezeigt wird – und über die Betrachtung der kleinen aufsteigenden Blasen in unserem Schlüsselanhänger einzuschlafen.

Nächste Woche haben wir einen Termin bei unserer Hausärztin.

Missverständnisse und ihre Folgen

Es ist 2:40 Uhr.
Ich liege in unserer Schleiereulenhöhle, schaue auf die fluoreszierenden Sterne und höre dem Innen zu.

Wo es immer schreit und weint, schreit und weint es. Wo es immer Lösungen sucht, flackerflirrsirrsummen Wort-und Wissenscluster. Wo es nach Eindrücken greift, stinkt es nach Angstschweiß und wo ich bin, das ist es schmerzensstill wie im Auge eines Tornados.

Jemand von uns sagte, dass man klagen können müsste. Mehr als wehklagen, mehr als selbstbefreiend und selbstregulierend klagen. Man müsste strukturell klagen können. Auf Schmerzensgeld, Entschädigungen für entstandenes Leid und wirtschaftlichen Schaden, Wiedergutmachungsleistungen nach seelischen Verletzungen und Verletzung der Menschenrechte.
Allein die Möglichkeit das zu können – die Wahl darum zu haben, für sich auf struktureller Ebene eintreten zu können, würde für manche von uns einen erheblichen Unterschied bedeuten und die Situation erträglicher gestalten.

Man müsste es nicht einfach hinnehmen durch den verspäteten Aufnahmetermin in der Klinik, dann eben Dinge abgesagt zu haben, die Geldeinnahmen bedeutet hätten und jetzt vieles einfacher aussehen lassen würden. Man müsste nicht einfach hinnehmen, dass man uns behandelt hat, wie jemand di_er ganz die eigene Krankheit ist, statt ein Jemand, das seit 16 Jahren in der inhaltlichen Auseinandersetzung und dem Umgang mit dem eigenen als Krankheit bezeichneten Zustand ist. Man müsste das fachlich inkompetente Eingreifen in unsere zukünftigen Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten nicht hinnehmen.

Man müsste einfach nicht gezwungen sein, sich demütigen und kränken, behindern und verletzen lassen zu müssen. Von anderen Menschen. Erneut.
Und erneut ohne wie auch immer gelagerte Konsequenzen für diese Menschen.

Hintergund dieses Wunsches, war ein gestern angekommener Arztbrief von der Klinik, in dem in den Diagnosen stand wir hätten eine „dissoziative Identitätsstörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur“,  Asperger-Syndrom … , bla bla – der ganze Rest.
Nachdem wir mit den Kränkungsgefühlen, die mit dem Begreifen der Annahme der Gegenüber, dass es sich bei uns um a) eine Person mit Persönlichkeit und darauf fußend b) eine Person, die sich selbst so großartig macht, dass ihr alles Äußere irrelevant bis nieder(er) erscheint, weil sie ein inexistentes Selbstwertgefühl hat, handelt, fertig waren, klackerten Verständnisprozesse wie Dominosteinketten durch uns hindurch.

Plötzlich ergab alles Sinn. Die Verweigerung uns zuzuhören und ernst zunehmen. Die Vermeidung sich anzuhören, was genau wir für Schwierigkeiten aufgrund welcher Umstände und eigenen Reaktionen hatten. Der Entzug der Möglichkeit individuelle Lösungswege der Integration in die Therapieangebotsstrukturen für uns zu finden.
Wenn man denkt, jemand erhebt sich mit seinen Äußerungen oder macht sich wichtiger, als si_er ist, mit dem, was si_er sagt – ja sicher verhält man sich dann genau so, wie sich unsere Behandler_innen uns gegenüber verhalten haben.

Und wir dachten die ganzen 3 Wochen, wir müssten nur immer deutlicher und verständlicher sagen, was genau unsere Probleme sind.

Alice im Wunderlandszene, in der sich Alice seufzend an die Stirn greift
Alice im Wunderlandszene, in der sich Alice seufzend an die Stirn greift

Weil man uns immer wieder sagte, wir sollen mit diesen Menschen zusammenarbeiten, weil wir ja schließlich etwas von ihnen wollten.

Meryl Streep, die sich an die Stirn greift
Meryl Streep, die sich an die Stirn greift

Weil es für uns so ein üblicher Bestandteil der Interaktion mit anderen Menschen ist, weil wir verschiedene Behinderungen erleben.

Cäpt'n Picard, der sich an die Stirn greift
Cäpt’n Picard, der sich an die Stirn greift

Weil wir in dieser Klinik nie zuvor die Erfahrung gemacht haben, nicht gehört und verstanden zu werden.

weißer Mann*, der sich an die Stirn greift
weißer Mann*, der sich an die Stirn greift

Weil wir dachten, wir hätten in diesen Menschen viele Gegenüber, die daran interessiert sind uns gemäß unserem Auftrag an sie zu unterstützen und zu helfen.

einem weißen Mann*, der seinen Kopf mit beiden Händen hält, greifen zwei zusätzliche Hände an die Stirn
einem weißen Mann*, der seinen Kopf mit beiden Händen hält, greifen zwei zusätzliche Hände an die Stirn

 

Das Dilemma an so einer, wie der Begleitermensch sagt “Narzissmuskeule” ist: die absolut sichergestellte Abwertung aller Äußerungen, Einwendungen und Reaktionen, die von einer als narzisstisch bezeichneten Person kommen.
Das ist, wenn kein Narzissmus vorliegt, die absolute Unterwerfung einer Person unter die Deutungshoheit einer anderen und damit Gewalt.
So ein Umgang, wie der den wir erfahren haben wirkt sich damit auch zwangsläufig als genau so aus, wie wir es empfunden und auch gegenüber diesen Personen zurückgemeldet haben: ignorant und grausam.

Am Ende dieses Tages, in der Nacht zum nächsten Tag rastete die Erkenntnis bei uns ein, erneut Helfergewalt erfahren zu haben und genau nichts – aber auch gar nichts weiter tun zu können, als es aufzuschreiben, unser von uns dokumentiertes Handeln in der Situation auf zukünftig veränderbare Anteile zu prüfen und als die Gewalterfahrung abzulegen, die sie für uns war.

Selbstverständlich werden wir mit unserer Therapeutin darüber sprechen. Werden mit unserem schlauen Aspergerbuch unterm Arm in die Praxis gehen und ihr hoffentlich klar machen können, dass wir ihre Unterstützung dabei brauchen, diesen Arztbrief korrigieren zu lassen, weil er uns so, wie er jetzt ist, die Autismusförderung, die wir zum Schaffen der Berufsausbildung, zur effektiveren Nutzung ebenjener ambulanten Therapie und zur Anbahnung von so etwas wie Lebensqualität durch soziale Teilhabe brauchen, zerschießen kann (und aufgrund diverser Faktoren sogar relativ wahrscheinlich auch: wird).
Das ist eine Ebene, die wir können. Unter Aufwendung von viel psychischer Dissoziationsleistung, aber durch genug Erfahrungen geübt.

Die andere Ebene ist die Berührung eines wunden Punktes von uns.
Die ewige Frage danach, wer wir denn nun sind. Ob wir so etwas eine Persönlichkeit haben, oder nicht. Wie wir auf andere Menschen wirken und wie viel dieser Außenwirkung dafür verantwortlich ist und vielleicht schon unser ganzes Leben lang war, Gewalt zu erfahren.
Also: Waren wir vielleicht schon immer so ein Arschlochwesen, das man nur treten, schlagen, halbtot vergewaltigen kann, weil es so ein mieser Charakter, ein unangenehmer Störfaktor, ein unaushaltbares Irgendwas ist?

Machen wir unser Leben lang schon etwas, dass so logisch den Kontakt zu anderen Menschen für uns immer wieder ganz zwangsläufig in Gewalt an uns verwandelt?
Und kriegen wir genau das nicht mit, weil wir zu dissoziativ funktionieren, um das überhaupt jemals selbstständig verändern zu können?

Wir haben diese Fragen schon lange als typisch für in rape culture sozialisierte Menschen, die zwischenmenschliche Gewalt erfahren haben, erkannt und akzeptiert. Haben genauso lange die Antworten in uns parat, die uns sagen, dass wir selbst, wenn wir die schlimmsten, gemeinsten, bösesten Menschen auf der Welt wären, die Gewalt an uns nicht gerechtfertigt wäre.
Und dennoch sind sie da und wirken. Und tun weh, wenn passiert, was uns gerade passiert.

Wir haben 4 Jahre daran gekaut die DIS als psychische Entwicklungsform zu akzeptieren, die den Großteil der bestehenden Persönlicheitstheorien in ihrer Anwendung ausschließt. Haben noch 2 weitere Jahre für die Trauer um einen Normalitätsfakor (nämlich den eine (Kern oder Ursprungs) Persönlichkeit zu haben) gebraucht und konnten erst dann damit beginnen das als gegeben anzunehmen, was uns von einander in der Innenarbeit begegnet.

Jetzt kauen wir seit der Autismusdiagnostik an der Anerkennung eines weiteren in uns liegenden Faktors, der eine Persönlichkeitsentwicklung erschwert bzw. spezifisch beeinflusst haben wird und fühlen uns zunehmend einer guten Prognose beraubt.

Bisher haben wir weder Literatur, noch valide Fallbeispiele noch theoretische Modelle zur angemessenen Traumatherapie von autistischen Menschen mit DIS (oder andersherum hochdissoziativen Autist_innen) gefunden. Wir sehen uns vor einer Zukunft der Hilfen und Unterstützungen, die sich immer wieder durch so grundlegende Missverständnisse aufgrund von menschlichem Versagen und fachlichen Inkompetenzen auszeichnen wird, wie jetzt während der 3 Klinikwochen geschehen.
Also: Helfergewalterfahrungen, denen wir weder präventiv noch im Nachhinein mit so etwas wie Entschädigungsforderungen und als legitim verankerten Anspruch auf Wiedergutmachungen für erlittenen Schmerz begegnen können.
Zeigt mir mal bitte, wo genau hier der Opferbonus, das Behindertenspecial, der Ego-Keks, auf den ich mich selbstverherrlichen kann, ist.
Vielleicht würde das schon reichen, zu ertragen, was hier gelaufen ist.

Es ist 4:34 Uhr, als ich das letzte Mal auf die Uhr schaue und mein Gesicht an das Fell von NakNak lege, um mich von ihren Atembewegungen in den Schlaf hinein und weg von der Not streicheln zu lassen. Ich höre ein Weinen und merke irgendwann, dass ich mich selbst höre.

Und dann ist es morgens und ich stehe auf einer Wiese circa 8 Kilometer von unserer Wohnung entfernt.