“Ausbildung inklusive”, Episode 6 – die erste Halbzeit

Und da ist es also: das erste Halbjahreszeugnis seit 2008

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Wir sind zufrieden mit den Ergebnissen, wissen aber auch, wo wir auch ein “sehr gut” hätten erreichen können, wenn wir seltener gefehlt hätten.
Wie das immer so ist.

Mir ist bei der Gelegenheit eingefallen, dass wir darüber schreiben wollten, was uns im Moment gut hilft in der Schule zu sein und zu arbeiten.

1.  NakNak*.
Es gibt nachwievor jeden Tag Situationen, in denen wir gerade so am Nervenzusammenbruch entlang schlittern, weil einfach alles zu laut, zu viel, sehr kraftintensiv ist. NakNak* hält uns sehr in der Waage in diesen Momenten. Manchmal, weil wir sie anfassen und auf dem Schoß haben können, manchmal, weil ihre Anwesenheit eine Verantwortungsübernahme von uns erfordert, die sehr stabil in uns verankert ist. Es gab bisher nur einmal die Situation, dass ich jemand anderes bitten musste sie zu halten. Das war kurz vor einem Anfall in der Pausenhalle.

2. der individuell angepasste Gehörschutz.
Wir hätten uns schon viel viel früher trauen sollen, uns sowas zu wünschen und zu besorgen – diese Ohrstöpsel helfen uns so sehr!

Zu Beginn des Schuljahrs haben wir noch auf die Variante zurückgegriffen mit der wir Bus- und Bahnfahrten geschafft haben, nämlich die In-Ear-Kopfhörer, manchmal mit Musik drauf, meistens ohne. Nach kurzer Zeit in der Schule jedoch, zeigten sie sich als wenig nützlich und wir gingen zu “Kind” um uns beraten zu lassen. Dort kauften wir ein Paar “Party Plugs” von Alpine, die gut geschützt haben, jedoch nach zwei drei Stunden immer wieder aus den Ohren rutschten.
Danach stiegen wir um auf den angepassten Gehörschutz.
Das bedeutete, dass ein Abdruck von den Gehörgängen genommen werden musste, was nicht wehgetan hat, aber wirklich unausweichlich unangenehm war.

Zuerst wird ein kleines Schwammstück oder Watte an einem Faden sehr tief in den Gehörgang eingeführt und darauf kommt die Abdruckmasse, bis sie ausgehärtet ist.

Abdruckform unseres Ohrs               Abdruckzeugs in unserem Ohr

Aus diesem Abdruck werden die Hörstücke gefertigt.
Man kann sie wie wir in einer Farbe bekommen, oder durchsichtig. Eingefügt werden unterschiedlich starke Filter. Es gibt auch welche mit denen man schwimmen gehen kann.

die fertigen Hörstücke in hellgrün von hinten                die fertigen Hörstücke von einer Seite

Unsere filtern PC- und Beamerrauschen, Leuchtstoffröhren-, Maus- und Tastaturgeräusche, Jackenraschel- und Papierraschelgeräusche zu 90 bis 100% weg, aber auch herannahende Schritte, ruhige, leise Stimmen und andere subtile Geräusche in dem Frequenzbereich. Alles Dinge, auf die sich üblicherweise unsere Aufmerksamkeit richtet, um Gefahren zu orten und die Selbstorientierung zu ermöglichen. Man kann sich also vielleicht schon denken, dass die Umstellung und Gewöhnungszeit alles andere als einfach für uns war.
Normale zimmerlautstarke Gespräche werden nur etwas gedämpft.

In der ersten Woche gab es eine große Überforderung, aber schon in der Woche darauf war sie nur noch mittelgroß. Inzwischen schwankt sie zwischen leicht bis mittel, denn auch für NakNak* funktionieren wir durch den Hörschutz anders als sonst. Auch sie muss neu mit uns ins Teamwork hineinfinden.

Den Hörschutz tragen wir am Tag zwischen 6 und 8 Stunden am Stück. Länger sollte man ihn nicht tragen und länger könnten wir es auch nicht ertragen. Sie sind zwar angenehm im Tragegefühl, jedoch ist da auch immer ein kleiner Unterdruck, er sie an ihrem Platz hält und nach einer Weile auch ein leichtes Dauerunbehagen am/im Kopf.

Im Unterricht ermöglichen sie uns eine völlig neue, gute Konzentration im Klassenzimmer.
Wir schaffen inzwischen sogar auch schon mal schriftliche Aufgaben, obwohl/während andere Schüler_innen quatschen. Diese Woche hat sogar eine Einzelarbeit geklappt, während die anderen in Gruppen gearbeitet haben. Alles Dinge, die uns früher völlig leergesaugt haben und unheimlich viel Nacharbeiten erforderten.

3. die Absprachen, die wir mit den Lehrer_innen treffen konnten.

Wir dürfen zum Beispiel 5 Minuten früher gehen und später kommen, um Kruschelphasen zu überspringen, in denen alle Mitlernenden gleichzeitig in ihren Taschen kramen, Bänke rücken und Ähnliches.

Da wir den Religionsunterricht abgewählt haben, haben wir eine Freistunde, die wir für uns allein in einem Raum gestalten können. Das ist bisher immer eine perfekte “so richtig in Arbeitsschwung komm”-Stunde für uns gewesen, weil uns niemand gestört hat und wir uns die Aufgaben je nach Bedarf überlegen konnten. Bei Problemen können wir andere Lehrer_innen im Haus ansprechen. Bisher hatten wir aber nie Probleme – wir sind da ja schließlich allein 😉

Alle Absprachen hat uns die Klassenlehrerin sogar noch laminiert und gegeben, falls wir eine Vertretungsstunde haben und die Person noch nicht Bescheid weiß.

4.  der neue Arbeitsplatz, den wir uns in den Ferien gebaut hatten.

Inzwischen haben wir viel darüber verstanden, wie Orientierung, Konzentration und Lernen für uns besser funktioniert.
Also haben wir uns von unserem “für jede Tätigkeit einen anderen Tisch”-Modell verabschiedet und einen Platz für 4 Tätigkeiten eingerichtet. (In den nächsten Ferien kommt dann ein Blogartikel darüber, wie es ist sich von der Hälfte seiner Wohnungseinrichtung zu verabschieden, weil sie unnötig geworden ist… 😉 )

Der Arbeitsplatz besteht jetzt aus einer Küchenarbeitsplatte (2x1m) und einem Regal mit mehreren Fächern. Da wir jetzt alles mit unserem Zeug befüllt haben und Notizen mit unseren Daten überall hängen, hier mal nur eine Skizze:

Arbeitsplatz - umfangreiche Skizze von einem Tisch mit einem Regl das verschiedene Fächer hat

Für uns funktioniert es prima, jedoch auch nicht fehlerlos.
Da wir unsere Ordner nach Tagen sortieren, sind veränderte Stundenpläne oder andere Außerplanmäßigkeiten ein Problem.
Das sind sie sowieso schon immer, aber das System kann nichts machen, dass es leichter fällt. Deshalb werden wir unsere Ordner ab diesem Halbjahr nicht mehr nach den Wochentagen ordnen.

Und: an belasteten Tagen können wir den Platz gar nicht nutzen, weil er uns überreizt.
Einer der Gründe weshalb wir jetzt noch froh sind, nicht gleich alle anderen Tische abgegeben zu haben.

5. YouTube.

  • Der großartige Kanal “How to ADHD” von Jessica, die neben vielen Videos über und zu ADHS, auch eine sehr hilfreiche Playlist zum Thema Selbstorganisation hat
  • Der inzwischen schon über YouTube hinaus bekannte Mathe-Kanal von Daniel Jung
  • viele verschiedene Videos von User_innen zu Funktionen von InDesign, Photoshop und Illustrator

und die englischsprachigen Kanäle, die wir uns als ganz übliche tägliche Sprachübung jeden Tag zur Entspannung ansehen,
zum Beispiel:
ask a mortician (Themenkreis Bestattungskultur, selbstbestimmte Trauer, deathpositivity)
trich journal (Themenkreis Trichotillomanie)
the art of photography (Themenkreis Fotografie als Kunst)
exploring alternatives (Themenkreis tiny houses und andere alternative Wohnformen)
Polly Samuel (aka “Donna Williams”, Autismus, Asperger und verschiedene Divergenzen. Da sie bald an Krebs versterben wird, aktuell viel Liebe, Leben, Innigkeit.)
Mayim Bialik (Unterhaltung, Minifilme, slice of geeky vegan jewish mom of 2 – life)

6.  unsere Helfer_innen und Unterstützer_innen.

Ohne euch und euren Zuspruch würden wir manche Tage nicht schaffen und aus manchen Tagen nicht so heil herauskommen, wie wir es im letzten halben Jahr geschafft haben.

Danke euch <3

 

 

* Die ersten Episoden “Ausbildung inklusive” findest du hier
Eine Audioversion dieses Textes können wir derzeit nicht leisten.
Wir danken für dein Verständnis.

und dann?

“Und dann machst du da jetzt GTA – gut gut – und dann?”, fragte der Leiter der Kunstschule. “Wie: “und dann?””, fragte ich zurück, “Dann habe ich einen Abschluss und dann muss ich sehen”.
“Wie “muss ich sehen” – du musst doch wissen, was du dann willst.”… “Wie alt biste jetzt – 30 – 3 Jahre Ausbildung dann biste 33 – nochmal Studium dran dann biste bald 40 – da musste schon wissen waste willst.” …
“Ja, aber … versuchte ich mich in dieses “Gespräch” einzubringen. Erfolglos.

– “Weißt du, was dein Problem ist…?”

Ja, manchmal weiß ich, was mein Problem ist: Menschen, die ihre Wichtigkeiten zu unseren Wichtigkeiten machen. Menschen, die glauben, wenn man nur weiß was man will, dann würde sich auch alles passend einrichten. Menschen, die uns alleinig dafür verantwortlich machen, was mit uns passiert.
Unser Problem ist, dass diese Menschen nicht merken, was sie da sagen, implizieren und von uns erwarten. Unser Problem ist, dass es unser Problem sein soll.

In den letzten 10 Jahren wollten wir nichts weiter als eine berufliche Perspektive. Eine Chance auf eine Berufsausbildung, die wir gut schaffen können.
Und jetzt, wo wir das geschafft haben – jetzt, wo wir mit diesem großen Geschenk auf dem Arm in der Gegend stehen und glücklich strahlend versuchen darauf klar zu kommen, dass es überhaupt jetzt wirklich und echt da ist, kommen Menschen an uns vorbei, gucken es sich kurz an und sagen: “Ja, aber das ist ja Pippifax für dich. Du kannst viel mehr. Du solltest nach Höherem streben. Du musst größer denken.”. (wie witzig das klingt so kurz nach der Unterstellung narzisstisch zu sein – but, well … alle Experten, ey ¯\_(ツ)_/¯ )

Die Lehrer_innen an der Berufsschule haben das auch gesagt. Dass sie befürchten uns nichts mehr beibringen zu können. Dass sie uns mit dem Stoff unterfordern und den Gegebenheiten des Schulalltags überfordern.
Und wir denken uns, wie gut das für uns wäre. Ein Bereich ist leicht zu schaffen, dann haben wir mehr Kraft für den Bereich, der Kraft frisst. Ein Bereich ist einer, der uns sehr entgegen kommt, weil er etwas enthält, das uns liegt – dann ist mehr Kraft für uns da, sich dem Bereich zu nähern, der uns nicht entgegenkommt.

Wir haben an der Abendrealschule ziemlich gelitten. Das war nicht leicht für uns. Nicht nur, weil wir nebenbei noch ausgebeutet und verletzt wurden, eine unzureichende Betreuung und eine semihilfreiche Therapie hatten. Schule ist einfach schmerzhaft laut, triggernd eng und leistungsbezogen.
Wir haben oft gefehlt und haben viel allein für uns nachgearbeitet. Der Abschluss mit Durchschnittsnote 2,0 war ein Wunder und nicht das Ergebnis eines Verständnisses dessen, worum es in der Prüfung ging.
Und während wir das wissen und wissen, was für Stoffmassen auf uns zukommen werden, weil wir eben auch einige Jahre aus der Lern- und Konzentrationsroutine raus sind, werden wir jetzt auch noch mit einem Imperativ an Zukunftsvisionen genervt.

Daneben denke ich auch: “Alter – lass uns doch erstmal sehen, ob wir in drei Jahren überhaupt noch leben.”.
Denke “Lass mich doch erstmal sehen.”
Verstehe nicht, wie man Dingen, die nicht sicher sind, so viel aufladen kann. Kognitiv verstehe ich es natürlich. Kenne diesen Motivationstrick der Zielvisualisierung und weiß, dass der manchen Menschen auch helfen kann. Doch ich verstehe nicht, wie man sich solche Dinge vorstellen kann, ohne zu wissen wie das Stück dazwischen aussieht. Wie es sich anfühlt, welche Muster in ihm sind, welche Gegebenheiten sich wie entwickeln. Wie machen die Leute das?!

Ich scheitere schon an dem Versuch mir vorzustellen, wie das wird, wenn wir jeden Morgen zu duschen aushalten müssen. Wie das wird, wenn wir jeden Morgen eine Stunde mit der Straßenbahn fahren müssen. Jeden Tag von 7 Uhr 30 bis 14 Uhr irgendwas aufnahmebereit, sozial verträglich, psychisch irgendwie beieinander zu sein. Jeden Tag nach der Schule noch diese Kleinigkeit von “Rest des Tages”, “Haushalt” und “schöne Dinge” zu schaffen. Und dieses kleine Dings – hier – na was war da noch – ach ja Traumatherapie.
Wir wissen noch nicht, ob wir neben der Schule noch arbeiten gehen müssen, um unseren Lebensunterhalt zu finanzieren. Wir haben keine Ahnung, wie wir unsere Projekte umstrukturieren müssen, damit sie nicht einschlafen, nur weil wir ein unheimlich großes Schlafbedürfnis haben werden.

Das Ding, das mich kritzig macht ist: Es geht bei uns nicht um Motivation durch Ziele. Ging es noch nie. Wir haben nie irgendwas gemacht, weil wir dachten: “Oh, wenn wir XY tun, dann wird sicher AB passieren und genau das will ich.”
Das ist eine Herangehensweise, die sämtlichen alltäglichen Erfahrungen, in unserem Leben, die im Zusammenhang mit Menschen bzw. mit von Menschen gemachten Strukturen passieren, widerspricht. Stichwort “soziale heiße-Herdplatte-Erfahrung”.
Unser Alltag besteht in weiten Teilen einzig daraus, zu versuchen, was alle machen und dann das weirde awkward Quirklevel irgendwie auszubalancieren.

Unser Problem ist nicht zu wenig Selbstbewusstsein oder nicht zu wissen, was aus uns werden soll. Unser Problem ist, dass es Leuten wie dem Leiter der Kunstschule nicht in den Kopf kommt, wie es für uns reichen kann, Dinge zu lernen, um sie zu lernen. Dinge zu tun, um sie zu tun.
Unsere Ambitionen erstrecken sich nicht auf Macht, Status oder Besitz, der uns in irgendeiner Form ergänzt oder optimiert, sondern darauf uns zu befähigen.

Wir wollen können, was eine GTA kann, damit wir GTA-Dinge tun können, um sie tun zu können. Vielleicht können wir damit später Geld verdienen, vielleicht kriegen wir uns damit irgendwann unabhängig finanziert. Vielleicht auch nicht – aber dann können wir immernoch, was eine GTA kann.
Das reicht uns, um motiviert zu sein.
Mit der gleichen Motivation stehen wir jeden Morgen auf, obwohl wir nie zu 100% wissen, wie der Tag für uns wird. Denn, auch wenn der Tag schlimm wird, so konnten wir ihn doch er_leben. Weil wir leben können.

Unser Problem ist nicht, keine Vision für die eigene Zukunft zu haben.
Unser Problem ist, eine haben zu müssen, um uns einfach aus solchen verbalen Übergriffssituationen herauswinden zu können, anstatt, das andere Menschen sich einfach mal zurückhalten.