Schlagwort: Gender

gelb, weiß, lila, schwarz / lila, weiß, grün

Vor einiger Zeit erhielt ich immer wieder Emails, in denen wir als “Herr Rosenblatt” angeschrieben wurden.
Es ging um eines dieser unsinnigen Marketing/Verkaufs… irgendwas mit kapitalistischer Verwertungslogik-Dinger. Kennen wir. Machen wir nicht. Ignorieren wir.
Aber das “Herr Rosenblatt” saß.
Nicht nur, weil es mal wieder eine Anfrage an uns als Blogger_in ist, der so offensichtlich anzusehen ist, dass man sich absolut gar nicht damit befasst hat, was das hier ist, sondern, weil man obendrein nicht eine Sekunde überlegt hat, was für eine Person diese Inhalte produziert hat. Sowas nervt.

Und schmerzt.
Misgendering ist, neben unausweichlicher Reizkakophonie und der ständigen Konfrontation mit dem, was unsere Traumatisierungen ausmacht, der tägliche Schmerz mit dem wir umgehen. Die Welt um uns herum ist entlang von Männern und Frauen strukturiert, die sich selbst übereinstimmend mit dieser Einordnung empfinden (also cis sind) und wir werden dort mit hineingequetscht, ganz egal, wie wir das finden, ob wir passen oder nicht. Und völlig gleich, wie wir selbst uns sehen. Denn jemand, die_r so empfindet, gibt es schlicht nicht in dieser Welt.

Wir selbst erleben uns oft machtlos davor.
Wir haben Freund_innen und Verbündete, die wissen, das wir viele und nonbinary/genderqueer sind  – vor denen wir uns vor Jahren damit schon geoutet haben! – und uns trotzdem vor anderen als Frau ansprechen, weil wir Uterus und Brüste haben.

Dass wir diese Menschen trotzdem noch als Freund_innen und Verbündete betrachten, verstehen wir selbst manchmal nicht. Aber was sollen wir denn auch machen? Sie fallen lassen, weil sie versuchen uns in dieser Welt irgendwo einzuordnen, was an sich doch total gut ist – das wollen wir doch? Was können sie denn für die Binärität unserer westlichen Kultur?

Und was ist mit jenen, die weitaus weniger mit uns zu tun haben, aber doch freundlich eingestellt sind, weil bestimmte Dinge verbinden? Sollen wir sie hauen, weil sie mit dem Namen “Hannah”, der für die Mehrheit der Menschen einfach mal ein “weiblicher” Vorname ist, eine Frau verbinden? Das kommt für uns nicht in Frage – aber was genau denn “weiblich” und was “männlich” sein soll, das wollen wir auch nicht immer mit allen diskutieren. Denn am Ende landet man immer entweder an schlichtem Transhass oder an kognitiver Dissonanz, bei der man einerseits total klar hat, dass Namen, Dinge, Körper an sich erst mal gar kein Geschlecht haben, aber irgendwie doch alles eins hat, weil … kulturelle Realität?

Und dann kommen noch Terf (trans exclusive radical feminist)-Argumentationen wie “Nonbinary sein zu wollen ist internalisierter Frauenhass” oder “Wenn sich jemand nicht mit seinem Körpergeschlecht (zing da ist sie wieder, die Idee Körper könnten ein Geschlecht haben) übereinstimmend erlebt, ist psychisch krank, womöglich sogar tief traumatisiert und muss in einer Psychotherapie umgepolt repariert normalisiert cis gemacht behandelt werden.”.

Tja und wer ist komplex traumatisiert und erlebt sich nicht als Frau, obwohl der eigene Uterus seiner Pflicht als alleiniges Frauenerkennungsmerkmal zuverlässig nachkommt? Richtig – wir.

Das eigene Gender zu erforschen, sich damit auseinanderzusetzen, wer man auf dieser Achse ist, das ist und bleibt einer unserer krassesten Therapiefortschritte.
Dazu gehörte die Etablierung von einer Grenze zwischen dem, wie man angesprochen wird und ob das etwas ist, das in sich resoniert. Dieser ganze Abgrenzung-ist-so-wichtig-Zauber, den wir in der Klinik lernen sollten, den haben wir gelernt und peng kommt raus: Hier resoniert so gar nichts außer einer alten “Fuck meine Mutter ist hier?!”-Panik, wenn uns jemand mit “Frau Herkunftsfamiliennachname” anspricht – hier resoniert aber auch nichts, wenn uns jemand mit “Herr Herkunftsfamiliennachname” anspräche.

Angesprochen fühlen wir uns von dem Namen “Hannah”. Der ist irgendwann gewachsen. Aus uns heraus und aus einer aufrichtig innigen Affinität zur Namensbedeutung, nämlich “Gnade” oder auch “Barmherzigkeit”. So wollen wir sein und im Miteinander in dieser Welt wirken. Barmherzig- herzig, herzlich im weitesten Sinn. Warm, weich, weit, fürsorglich, für andere da, die jemanden brauchen, der da ist.

Dass das Eigenschaften sind, die als weiblich eingeordnet werden, weil wir in einem Patriarchat leben und in einem solchen niemals ein Mann ein Mann sein kanndarfsoll, der auch nur den Hauch von Gnade, Barmherzig- oder gar Fürsorglichkeit am Leib hat, war uns damals scheiß egal. Wir wissen ja, das so ziemliche jede Eigenschaft universell ist. Und wir sind ja unter anderem genau deshalb feministisch aktiv, damit sich genau diese Universalität niederschlagen kann.

Der Name “Hannah (Cecile) Rosenblatt” hat sich ursprünglich aus der Notwendigkeit eines Autor_innennamen, bzw. eines ernstzunehmenden Pseudonyms, ergeben.
Wir wollten einfach nicht als “kleine Wattewölkchen” oder “Donnerschlag22” ins Internet schreiben. Wir wollten als Person, mit Namen und anderen mehr oder weniger unverwechselbaren Eigenschaften auftreten und gesehen werden, wenn uns schon jemand anguckt bzw. wir einfach sichtbar sind. Wir wollten uns kongruent erleben und darin ernstgenommen werden.

Wir wollten nicht als “weibliche Bloggerin” oder “weibliche Autorin” verstanden werden.
Doch das werden wir. Immer wieder, ganz selbstverständlich und automatisch. Ohne Zweifel, Hinterfragen – selbst dann, wenn man unsere Arbeiten schon seit Jahren verfolgt und also auch irgendwie – und sei es subtil durch die Art, wie wir gendern – mitbekommen muss, dass wir uns seit inzwischen 6 Jahren offen als nonbinary/genderqueer einordnen oder mindestens mal selbst die Haltung vertreten, dass es mehr als zwei Gender gibt.

Wir sind mit dem Blog von Vielen auf verschiedenen Listen von “Blogs, die von Frauen gemacht werden”. Das Podcast ist auf der Liste der Podcasts, in denen Frauen sprechen.
Und warum lassen wir das so?
Weil es keine Listen gibt, die Angebote von Personen anderer Gender auflistet.
Weil so eine Liste für genau diese Menschen zum Teil Lebensgefahr bedeutet.

Denn man soll ja nicht glauben, dass so eine emotionale Watsche, die die Ablehnung des Nichtfraunichtmannseins jeden Tag mit sich bringt, das Einzige ist, was Menschen mit eben jener Identität begegnet. Schaut mal in die Twittermentions von offen (aktivistischen) Transpersonen, Nonbinarys und Queers, schaut bei hatr.org in die Sammlung des Hate Speech. Es gibt Menschen, die Menschen verletzten, vergewaltigen, töten wollen, einzig weil sie nicht das Geschlecht haben, das ihnen aufgrund von nicht mehr als Machtgewohnheiten und (patriarchaler) Gewaltkultur zugeordnet wird.

Manche Menschen denken, das sei nicht vergleichbar. “Uns als Frau denken und ansprechen” versus “Uns aufgrund des nonbinary/genderqueer seins verletzen”, aber letztlich ist beides Gewalt. Beides verletzt. Beides weist uns einen Platz in der Gesellschaft zu, an dem wir nicht als respektable, in ihrer Verortung zu achtende Person behandelt werden.

Jan Phillip Reemstma schreibt, dass jede Gewalt einen Körper trifft und auch hier an dieser Stelle stimmt das. Es trifft immer uns und immer verkörpern wir uns. Uns als Frau aufgrund bestimmter körperlicher Merkmale einzuordnen, verkörpert nichts außer das biologistische Konzept, nachdem aufgrund von (als unveränderlich angenommener) Merkmale eingeordnet und klassifiziert wird.

Auch hier berühren wir einen Therapiefortschritt.
Nämlich den zu begreifen und es als kongruent zu erleben, dass wir selbst uns auch verkörpern. Und zwar mit diesem Körper, der bestimmte Grenzen der Belastung, ein bestimmtes Aussehen, der bestimmte Eigenschaften und Funktionen hat.
Dazu kommt das Gefühl sich selbst zu gehören. Selbst zu sein, weil man selbst neben sich auch Körper ist.

Wir mussten das alles erst mal haben und können und stabil erleben, damit wir überhaupt an den Punkt kommen konnten, an dem wir merkten, dass wir in unserer Körper-Seele-Geist-Einheit durchaus passieren und sind – dass diese jedoch genau in nichts mit Männlichkeit oder Weiblichkeit kongruent ist, sondern in eben genau dem, wer und was wir sind: viele_s und alle_s.

Sich selbst einem Gender zuzuordnen ist kein Vermeidungstanz. Jedenfalls nicht bei uns und bei noch niemandem, di_en wir kennengelernt haben.

Aber das Trauma. Das hat doch bestimmt was mit uns gemacht. BESTIMMT, oder?
Ja klar hat es was mit uns gemacht. Vor allem die Erkenntnis, dass sich Männer und Frauen – und auch Leute, die etwas anderes sind – in nichts unterscheiden, was die Formen von Gewalt angeht, wenn sie welche ausüben.
Uns haben nicht nur Männer und ab und an mal Frauen miss.be.handelt. In dem Umfeld, in dem wir Gewalt erfahren haben, gab es x verschiedene Leute, die nur wegen einem da waren. Nämlich Macht empfinden. Manchmal auch: Selbst_Bestätigung fühlen. Oder: sich abreagieren von all dem, was sie als persönliche Kränkung im Alltag empfinden.

Dieser von uns üb.erlebte Kontext organsierter Gewalt ist genderlos, denn er funktioniert über so abstrakte Dinge wie Geld, Macht und soziale Verbünde, in denen nicht nur als männlich oder weiblich eingeordnete Eigenschaften relevant sind, um fortexistieren zu können. Es geht um Performance und die ist, im Gegensatz zum tatsächlich vorhandenen Gender, wandelbar.

Wir können überhaupt nur aufgrund unserer Traumatisierung davon sprechen, dass es keine eindeutig einem Gender zuzuordnende Eigenschaften gibt. Unsere Gewalterfahrungen sind insofern also durchaus ein Grund für unsere Einordnung als nonbinary/genderqueer – wir haben selbst erlebt, was für ein Stuss das “der aktive Vergewaltiger”, “die passiv Vergewaltigte”, “die durch Dinge wie BDSM oder ähnliches entstehende Transperson” – Narrativ ist.

Heute planen wir unsere Vor- und Nachnamens- und Personenstandsänderung.
Im September startet nämlich die Aktion Standesamt 2018, über die ihr euch mit einem Klick auf das Bild zur dritten Option informieren könnt und im Zuge dessen es Antragsformulierungen auf der Webseite zu finden gibt.

Ob wir auch bei der Aktion mit dabei sind, wissen wir jedoch noch nicht.
Denn, obwohl ein dritter Geschlechtseintrag vom Gesetzgeber bis Ende diesen Jahres ermöglicht werden soll, sehen die Umsetzungsvorschläge und Zugänglichkeiten bisher nicht auch für uns passend aus.
Die Aktion soll ein Zeichen dafür setzen, welche vielen verschiedenen Bedarfe es für diese dritte Option gibt. Deshalb beantragt man, den Eintrag, der mit dem eigenen Geschlecht kongruent ist (das wäre in unserem Fall nonbinary/genderqueer) zu bekommen, obwohl es diesen Eintrag jetzt noch nicht gibt.

Das heißt, man stellt einen Antrag, der von Anfang an nicht bewilligt werden kann und möglicherweise auch später nicht, wenn die dritte Option an sich dann etabliert ist, aber vielleicht ausschließlich für Interpersonen.

Wir können uns so etwas nicht leisten.
Allein für eine Vor- und Nachnamensänderung muss man mit Kosten zwischen 2,50€ und 2500 € rechnen, je nachdem, was da alles auf eine_n zukommt und wo man wohnt.
Bei uns kommt noch die Kraftrechnung dazu.
Wir müssen für Fremde erklären, dass wir Opfer organisierter Gewalt waren und uns von einem neuen Namen, und einem entsprechenden Sperrvermerk in den Archiven erhoffen, schwerer auffindbar zu sein und dadurch etwas mehr geschützt zu sein als jetzt.
Das ist ein Ding für uns und steht völlig neben unserer Geschlechtsidentität.

Und doch. Wäre es ein all-in-one-Abwasch, könnten wir alles gleichzeitig beantragen.
Ein dritter Geschlechtseintrag, den wir auch nutzen könnten, würde uns weniger zu jemandem machen, die_r sich irgendwie besonders machen will und allein auf weiter Heide steht, weil es ja in der offizöslichen Welt keinerlei Entsprechung gibt. Wir hätten autoritäre Stützen auf unserer Seite, die uns validieren.

Auch wieder etwas, das Kraft frisst: Autoritätendenken und ihre Auswirkungen.
Wir wissen schon jetzt, wer und was wir sind. Wir brauchen nicht für uns, dass der Staat sich hinstellt und sagt: Leute, die keine Frau bzw. kein Mann sind, gibt es wirklich und alle haben das zu akzeptieren. Wir brauchen es für Leute, die nur so zu respektvollem, achtsam anerkennendem Verhalten gegenüber Menschen, die nicht Frau und auch nicht Mann sind, gebracht werden können. Oder an die Idee, dass das was sein könnte, was von ihnen verlangt wird.

Das ist wovor wir uns immer wieder machtlos fühlen.
Dass wir immer nur uns haben, wenn es darum geht als die Person anerkannt zu werden, die wir sind.
Die Leute können uns an der Stelle verletzen, ausgrenzen und manchmal auch demütigen, wie sie wollen, sie sind eindeutig, sie sind strukturell anerkannt, sie sind in ihrem Geschlecht normalisiert und etabliert. Sie können mit uns umgehen, wie sie wollen und wenn sie uns verletzen wollen, indem sie uns in ihre dyacissexistische Einordnung reindrücken, dann gibt es nichts außer der Bitte, das nicht zu tun, was wir dem entgegenstellen können. Rein gar nichts.

Außer vielleicht noch dem Appell an Moral, nachdem man andere Menschen bitte einfach nicht verletzt.
Aber wieviel Wert hat das, wenn es keinen Anlass gibt anzuerkennen, dass es überhaupt wirklich und echt verletzt, wenn man falsch eingeordnet wird.

Wir können verstehen, wenn es anderen Menschen schwer fällt oder erst mal komisch vorkommt, mit uns als Person umzugehen, die nicht okay damit ist als “Frau Rosenblatt/Herkunftsfamilienname” angesprochen oder vorgestellt zu werden. Vielleicht sind wir die erste Person, die das von ihnen abverlangt, vielleicht fühlt man sich selbst irgendwie aussätzig vor anderen, wenn man über eine andere Form der Kommunikation offenlegt, dass man mit so jemand wie uns überhaupt Kontakt hat.
Aber mehr als Verständnis wollen wir zunehmend nicht mehr aufbringen.

Denn Verständnis für die Anstrengung neue Formen der mitmenschlichen Kommunikation anzuwenden, bedeutet nicht, dass wir okay damit sind, wenn Gewohnheit oder die persönliche Einordnung unserer Bezeichnung als irrelevant, am Ende doch bestimmt, wie die Ansprache oder Darstellung vor anderen ist.

Besonders die persönliche Einordnung der Relevanz oder Wichtigkeit über unsere Relevanz oder Wichtigkeit zu stellen, ist eine Form der zwischenmenschlichen Gewalt.
Und damit etwas, das wir einfach nicht mehr in unserem Leben haben wollen.
Auch ein Therapiefortschritt übrigens.

Falls du ein_e Freund_in, Verbündete oder anders mit uns Bekannte bist, die das hier liest:
Nenn uns Hannah (C. Rosenblatt) oder Rosenblätter, benutz den Plural, wenn du über und mit uns sprichst, den Singular, wenn du gezielt mit jemand von uns sprichst.
Wenn es dir unangenehm ist oder es für dich (oder uns) gefährlich sein könnte, uns als viele und nonbinary/genderqueer zu besprechen, dann nenne einfach nur unseren Namen und vermeide Pronomen.

Wir gehen mit unseren Verletzungen aus Misgendering in der Regel nicht offen um.
Und gestern Abend, nachdem wieder so etwas war, dachten wir, wie eigentlich ungut das ist. Es sollte kein üblicher Bestandteil von unseren Kontakten sein, damit leben zu müssen, zum Einen nicht gänzlich anerkannt zu sein und zum Anderen mit Verletzung und Übergriffigkeit rechnen zu müssen.

Vielleicht ist die Arbeit daran das, was später einmal zu einem weiteren Therapiefortschritt wird:
Selber Grenzen setzen und halten. Egal vor wem.

 

Mehr Themen, die aus der binären Einordnung herausfallen, könnt ihr im großartigen Nichtbinär-Wiki nachlesen.

Mondfinsternis

Natürlich wusste ich, worauf ich mich einließ. Natürlich wusste ich, dass es weh tun könnte.
Doch genauso natürlich habe ich mich irgendwie mitgemeint gefühlt, als ich das Programm des Frauengesundheitskongresses las.

“Ich bin keine Frau”, sage ich oft, wenn ich mal wieder als solche einsortiert werde. “Ich bin eine queere Person.” schreibe ich in die noch viel zu selten eingepflegte dritte Option zur Frage nach dem eigenen Geschlecht.
Und doch.

Ich habe einen Körper wie die Menschen, die von der Mehrheit als “Frau” bezeichnet werden, ich mag feminines Sein und Wirken und sehe, dass vieles, das als weiblich benannt wird, etwas mit mir zu tun hat.  Aber ich bin keine Frau.
Selbst wenn ich wollte.
Selbst wenn ich mir für so einen Kongress vornehme mich ganz und gar nur auf meine weiblichen Anteile zu konzentrieren und zu beziehen, merke ich die Unaufrichtigkeit mir selbst gegenüber.
Ich merke einmal mehr: meine queere Identität ist kein Rollenspiel und hat nichts mit einer Ablehnung der “Frauen*rolle™” zu tun.
Ich bin einfach nur keine (Cis)Frau.

Ich kann schwanger werden und mit Glück auch Kinder gebären.
Mit noch mehr Glück lebende Kinder.
Mit noch ganz viel mehr Glück Kinder, die mich beerdigen, statt andersherum.
Das kann ich, weil in meinem Körper ein Organ ist, das das kann. Wenn die Umstände passen.
Ich mag dieses Organ. Ich mag aber auch meine Lunge und mein Herz. Vielleicht, weil ihr Beitrag zu meinem Leben ein klitzebisschen essenzieller ist, als der meines Uterus.
Aber wer weiß das schon.

In sozialen Blasen der “Heil- Kräuter-Lebens- und Kulturkunde” erscheint es mir manchmal so, dass dieses Organ entscheidend dafür ist, wer man ist. Ob man eine Frau, eine Mondin, eine Weise, eine mit der Urkraft der Welt verbundene Person ist – oder nicht.
Es ist als sei dort die Gebärmutter das Ticket für eine Reise zum Ursprung der Welt und des Laufs der Dinge, “wie er wirklich ist”.  Es ist wie ein Wahrhaftigkeitsversprechen, das einer langen Tradition folgend nur jenen gegeben wird, die ihm, im körperlichsten aller Sinne, gewachsen sind.

So fühlt es sich an wie ein Unwürdigkeitsbeweis, wie ich da so stehe, in mir umhersuche und außer einer Direktverbindung zum Schmerz dessen, was ich unterdrücke, um mich in dieser Umgebung passend zu machen und der zunehmend unbequemeren Frage danach, warum ich mir das hier eigentlich antue, nichts von dem finde, was doch in mir sein müsste.

Um konkreter zu werden.
Ich spreche hier nicht davon, dass ich herausgefunden habe, dass ich vielleicht doch keine Kinder möchte oder meine Menstruation gar nicht mal so geil finde, dass ich mir tiefere Gedanken dazu mache oder mich mit Gebräuchen und Erzählungen darüber auseinandersetzen will, oder, dass ich gemerkt habe, dass mir Räucherstäbchen und Meditationen im Wald vielleicht doch ein bisschen weniger gut helfen, um bei mir zu sein oder, dass ich Naturverehrung mit Gesängen zwar nett, aber politische Forderungen nach den Klimawandel abwendenden Maßnahmen noch ein bisschen netter fänd.

Ich spreche davon sich selbst zu respektieren und in den Aspekten zu ehren, oder zu achten, die man an sich selbst wichtig findet.

Ich kann es Menschen sehr gut lassen, sich in dem Umstand zu feiern, dass sie eine Gebärmutter haben und auch all ihre Aufladungen und Wertigkeiten.
Aber ich habe gemerkt, dass es im Gegenzug schwierig für mich ist, aus meiner Demut und meinen Auslieferungsgefühlen gegenüber meiner Körperlichkeit herauszugehen. Und noch schwieriger in so einem Stadium der Auseinandersetzung nicht gedacht zu werden, wenn ich mich in so einer Blase bewege.

Es kann sein, dass ich einfach gar nicht fit genug für diese Veranstaltung war. Viel zu dünnhäutig und überanstrengt von dem Lauf der Dinge, der im Moment ist. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass mir die Enttäuschung zunehmend mehr weh tut und ich es mehr spüre, seit ich weiß, dass ich “queer” zu dem sagen kann, was ich da merke, wenn ich darüber nachdenke, was ich (neben vielem anderen) bin.

Ich merke, dass es als ausgedacht, nicht echt, ein Quirk, eine Unnatur oder Ergebnis einer tiefen Verdrängung gilt, weder Mann noch Frau zu sein.
Das macht es für mich fast undenkbar meine Identität als queere Person jemals so aufzuladen, wie es die weiß alternative Kräuterbrigade für CisFrauen und in Teilen auch für CisMänner tut.
Was es für mich noch einmal schmerzlich macht.

Um es nochmal  zu sagen: ich finde es toll, dass diese Aufladung gibt. Ich sehe wie wichtig und hilfreich es für viele Menschen sein kann, auf einen kulturellen und spirituellen Fundus zurückgreifen zu können, der sich auf ganz verschiedene Aspekte des Lebens bezieht.

Aber ich sehe auch, wie ich aus dem Kongress hervorging und wusste, dass ich, wenn ich von meinem Uterus Gebrauch mache, wie ich es für mich in Kongruenz mit dem was ich bin, für richtig und gut halte, auf gar nichts zurückgreifen kann, außer biologistische Auseinandersetzungen und spirituelle Weisheiten, die Identitäten wie mich negieren.

jeden einzelnen Tag

Aktuell ist CSD-Zeit. Wo es möglich ist, wird der Christopher Street Day mit Umzügen, Partypommes und Informationsständen gefeiert.

Wir sind  so wenig in dieser Szene unterwegs, dass ich nicht einmal genau weiß, worum es dabei geht. Ich bin so wenig in der Auseinandersetzung um unser Queersein mit anderen Menschen, dass ich mich in der Regel nicht mitgemeint fühle. Weder vom CSD, noch von anderen special “LGBTQI*”- Dingen.
Es ist mir einfach zu viel L(esbian)G(ay) drin. Zu viele weiße cis gender Leute, die sich selbst nicht als Teil des Problems diverser *- genderfeindlichkeiten reflektieren und glauben, sie seien durch ihr schwul/lesbisch sein davon befreit, diese Leistung zu erbringen.

Neulich las ich von “transsexuellen Bedürfnissen” – als Überschrift zu einem Artikel, in dem es um ein Menschenrecht ging, das trans Menschen bis heute vorenthalten wird. Gesagt habe ich nichts. Kritisiert habe ich nicht. Wo soll man denn bei soviel Ignoranz anfangen? Bei Menschenrechte 101? Bei Gender-ist-ein-Spektrum 101 ? Bei Gewalt-geht-auch-von-dir-aus 101 ?

Viele der heute alten weißen cis Lesben und Schwulen haben sich nie mehr mit diesen Themen befasst, als es ihr direkt mit cis hetero vergleichbarer Lebensbereich nötig gemacht hat. Erst ging es um Strafbarkeit von Sex, dann um die Ehe und Familienglücke. Man argumentiert mit Lebensqualität und Gleichberechtigung, weil man das kann. Und gefühlt exakt nie wird sich damit auseinandergesetzt, warum eigentlich.

Da wird nicht darüber nachgedacht, was überhaupt “Geschlecht” und was “Genital” ist. Da wird sich nicht gefragt, was “gender” als Begriff meint.
So viele alte weiße Lesben halten sich für “keine “echte” Frau”, weil sie denken, bestimmte Körper seien nur bestimmten anderen Körpern bestimmt. So viele alte weiße Schwule halten sich für minderwertig, weil ihnen der gleiche letztlich ebenfalls misogyne Bullshit den Kopf vermüllt.
So viele inter Babys dürfen nie inter bleiben, weil sie direkt nach der Geburt zu Ehren der zweigeschlechtlichen Weltordnung verstümmelt werden. So viele trans Menschen glauben, ihre körperliche Verstümmelung, etwa in Form von Sterilisationen und plastischer Operation, sei der Preis, den das offene Leben ihrer Identität nun einmal erfordert, egal, ob sie überhaupt körperliche Veränderungen an sich wollen.
So viele Queers bzw. Nonbinaries wissen nicht einmal, dass es eventuell bereits ein Wort für ihre Identität gibt.

Zum CSD wird die Toleranz gepredigt und die Unsichtbarmachung von Identitäten umgesetzt. Die Sprachführung schwankt zwischen generischem Maskulinum und dyadistischem Gendern – man gedenkt der getöteten, im Gefängnis eingesperrten Schwulen und Lesben im Ausland, nicht selten mit offensichtlich kolonial rassistischen Entgleisungen in der Sprachführung – man spricht über Kinderwunsch bei Lesben, HIV bei Schwulen – bisschen Party, bisschen Regenbogenflaggengewedel und dann ist wieder Ruhe bis zum nächsten Jahr.

Es sei denn, es kommt zu Massakern, wie zuletzt im Nachtclub “Pulse” in Orlando. 50 Menschen sind gestorben und etwas mehr sind verletzt worden. 50 und mehr Menschen, deren Identität und Lebensrealität nicht nur schwul oder lesbisch, sondern auch nonbinary bzw. queer war.
Die deutschen Zeitungen schreiben jedoch was? Richtig: “Schießerei im Schwulenclub”. Allenfalls kommt da noch der Einwand, das man die Lesben nicht vergessen dürfe.

Dass eine schwarze Person, als Act für den Abend angekündigt war, dass sich auch queere und andere nonbinary Personen dort aufhielten; dass der Club allgemein für alle gender der Community der nicht hetero und cis Personen, offen war, wurde erst durch die Community, die sich über die social media-Kanäle mitteilte, sichtbar.
Wie kann man so etwas in der Berichterstattung unterschlagen? Wie kann man so relevante – ja, auch Straftatmotiv relevante! – Aspekte in seiner journalistischen Tätigkeit vergessen?!
Wie zum ***** kann man “vergessen” zu erwähnen, dass das nicht nur eine Schießerei in irgendeinem beliebigen Nachtclub war, sondern in einem Nachtclub, in dem sich eine mehrfachdiskriminierte und daher hochgradig gefährdete Personengruppe trifft, um mal abzuschalten, sich auszudrücken, sich sicher zu fühlen, Spaß zu haben, Sozialleben zu pflegen?!

Niemals wird dieser Aspekt vergessen, wenn in Schulen oder Universitäten, in Supermärkten oder Kinos eine Schießerei passiert. NIEMALS.

Wird die LGBTQI*- Community angegriffen spricht man nicht darüber. Man spricht nicht einmal in seinen Solidaritäts- und Trauerbekundungen drüber, um was für eine strukturell und sozial ausgegrenzte Personengruppe es sich handelt und wie krass die Zerstörung solcher safe spaces für diese Community ist.
Wenn weiße cis VertreterInnen  betrauern und bekunden, geht es um Toleranz und Freiheit.
Die TOLERANZ, die man trotzdem noch übt und die FREIHEIT, die man zu verteidigen gedenkt.

Wie zynisch das ist, merkt wohl nur die Community, die bis heute um Akzeptanz und Freiheit durch wahrhafte Gleichberechtigung kämpfen muss.
Denn wie viel die Toleranz und die Freiheit der weiß cis Anderen für die Sicherheit mehrfachdiskriminierter Queers und Nonbinaries wert ist, erlebt die Community nicht nur dann, wenn irgendjemand in ihre safe spaces eindringt, um sie abzuschlachten, sondern jeden einzelnen Tag, an dem sie unsichtbar gemacht bleibt.

der Bindentest und die Männlichkeit im menstruierenden Körper

Es begann mit einer Mail in der sinngemäß stand: “Möchten Sie Kulmine-Stoffbinden testen und darüber in ihrem Blog schreiben?” und mündete in ein Moment, in dem mir klar wurde, dass meine Männlichkeit eigentlich nichts mit meinem Körper zu tun hat.

Für uns ist das Menstruieren immer noch so etwas vor dem wir stehen und fassungslos bemerken: “Blut ohne Verletzung – wie krass ist das denn?!” und für mich, der jedes Fragenbogenkreuzkästchen vor den Worten “männlich” und “weiblich” mit einem massiven Körperdysmorphflash beantwortet, alles andere als der “Weiberkram”, zu dem es in der Werbung von Always ultra, o.B. und oft ja auch noch von den menstruierenden Menschen selbst, gemacht wird.

Ich glaube nicht an “heiliges Bluten” oder “die weibliche Kraft der Menstruation”, “Mondfrauen” und “rote Göttinnen” – aber ich finds schön, dass sich diese teilweise uralten Bilder gehalten haben. Eine große Urgöttin die Leben aus sich rauslassen kann, find ich auch grundsätzlich irgendwie cooler als eine “sicher und diskret” verstopfte Person.
Als die Email kam, waren andere Innens gerade schon auf der Suche nach günstigen Stoffbinden, weil unsere alten einfach mal ausgedient haben.

Eigentlich bluten wir frei und halten uns diese 3 Tage im Monat auch immer leer, damit das in Ruhe funktionieren kann, aber unser Herbst und Winter war so vollgestopft mit Terminen und Anwesenheiten, dass das alles gar nicht funktionierte. Darüber kam es dann auch mal wieder zu einer Infektion und der Mooncup musste auch ein bisschen ruhen.
Also konnte das Angebot diese super hochwertigen Stoffbinden von Kulmine zu testen gar nicht passender kommen.

Wir hätten nicht das Geld gehabt, sie uns als Set zu kaufen. Ganz klar nicht. Umso mehr Luxusgefühle kamen auf, als wir dann das kleine Päckchen mit Seidenpapier drum rum in der Hand hatten und umso intensiver haben wir uns den Stücken gewidmet. (Wahrscheinlich hätte ich das sonst nicht mitbekommen und auch nicht gesagt: “Ja, gut, ich teste die auch und schreib dann als Innenmann übers Bluten”).
Das Erste, was uns auffiel war, wie weich der Stoff ist.
Ich will einen Schlafanzug aus dem Stoff – ohne Scheiß jetzt.
Sie sind nicht labberig, aber auch nicht steif. Das ist mir auch gleich aufgefallen. Auch nach der ersten Wäsche (60° normale Wäsche) sind sie nicht zerknüddelt und trocknen auch so, dass sich keine Knicke bilden. Unsere alten haben das gerne gemacht und das hat sich manchmal
als Scheuerfaktor echt fies bemerkbar gemacht .

Es gibt verschiedene Modelle. Welche zum Knöpfen, welche zum Reinlegen, kleine große, dünne dicke und: faltbare
Die haben sich für uns als die, die für uns am Besten gehen herausgestellt, obwohl wir eigentlich eher zur Flügelfraktion gehören. Die faltbaren Kulmines sind etwa 25 cm lang und 21 cm breit und man kann sie sich jeweils so zurecht falten, wie es grad wichtig und gut ist.
Man sieht, wenn sie durchgeblutet sind (auch bei den roten und blauen Modellen) und ich hatte, trotzdem es ja doch ein kleines Polster ist, das man unter sich trägt, kaum dieses typische Bindenwindelgefühl.

Aber klar sind es Binden. Wir hatten Auslaufmomente, es gab Stoffwülste, die im Sitzen auf die Vulva gedrückt haben, diese komische Art von Präsenz, die der Versuch von “Auffangen was nirgendwosonst landen soll” mit sich bringt. Ich habe gemerkt, dass ich genau wieder anfing Ekelmomente zu haben, die lange weg waren, nur weil ich wieder Unter- und Strumpfhosen kalt auswaschen musste. So werden auch die Kulmines für uns weniger Dauereinrichtung als viel mehr Ergänzung oder Ersatz für Mooncup und freie Menstruation darstellen.

Ich hab mir auf die Schulter geklopft, als ich die Testerei durch hatte und dachte kurz drauf, wie blöd, das eigentlich ist.
Für mich war das Bluten ganz früher gar nie im Kopf und wurde eigentlich auch erst zum Problem, als ich lernte, es sei nicht normal, dass ich mich männlich wahrnehme. Schließlich hat mein (der) Körper Merkmale, die zu der Bezeichnung “Frau” führen und schließlich menstruiere ich. Als könnten Männer nicht auch in solchen Körpern stecken.
Überhaupt, als gäbe es nur Männer und Frauen und maximal noch irgendwie so etwas dazwischen. So komische Exoten oder Intersexuelle.

Ich bin in weiten Teilen meiner Präsenz im Alltag damit beschäftigt, mir den Körper als meinen eigenen bewusst zu halten. Das heißt: ihn mit all seinen Bedürfnissen und Funktionen nicht zu dissoziieren. Früher bin ich einfach losgerackt und habe getan, was getan werden musste.
Essen, trinken, ausscheiden, schlafen, wärmen – gehörte damals aber nie dazu.
Heute weiß ich, dass auch das soziale Umfeld, mit dem wir uns umgeben haben, mir das auch nicht aushaltbar gestaltet hätte.
Es gibt ja viel Scheiße, der Frauen(körper) entsprechen sollen (müssen) um als passend und “richtig” wahrgenommen und behandelt zu werden. Und in Abgrenzung dazu gibt es viel Scheiße, der Männer(körper) entsprechen müssen.
Mein Umfeld wusste, dass ich ein Mann bin und immer, wenn ich präsent wurde, war ich es, der Zeugs schleppen, ganz besonders cool und hart re-agieren sollte. Dem Technik gefallen und der Rest der Welt egal sein sollte. Ich sollte “auf Frauen stehen”. Niemand hat mich je gefragt, obs mir nicht besser gefiele, an der Seite von Frauen zu sein – ich sollte immer auf ihnen stehen, oder sie haben wollen, was mir jedes Mal neben sozialem Druck, auch echt Widerwillen zu Beziehung oder Miteinander (mit Frauen) ausgelöst hat.

Inzwischen ist unser soziales Umfeld anders. Es ist eins, in dem meine Beschäftigung mit dem Körper und auch dem Bluten als so kräftezehrend und doch auch spannend und organisch angenommen wird, wie es das für mich ist.
Mir ist während der Bindentests aufgefallen, wie empfindlich _meine_ Haut ist und wie groß diese Empfindung für mich war. Einfach zu fühlen: das da ist _meine_ Haut. Sie ist an mir dran, umgibt mich und hält mich zusammen. Und eben auch zu merken, dass ich keinen Penis brauche, um der Mann zu sein, der ich bin. Ich brauche auch nicht die Abwesenheit von Brüsten, Uterus und Vulva, um ein Mann zu sein.
Was wichtig ist, ist was ich fühle, wie ich es fühle und wie ich diese Empfindungen bei mir behalten kann.

Ein Umfeld, das das Bluten peinlich und eklig findet und lieber nie darüber redet, macht es mir schwer damit einen Umgang zu haben, der unbelastet ist (was nicht heißt, dass ich finde, alle Menschen müssten immer darüber reden wollen!) Ich habe meine Ekelmomente nicht gehabt, weil ich das Menstruationsblut eklig fand, sondern, weil das Auswaschen einfach eklig ist. Ich betrachte das Blut immer lieber so wie es ist und eben nicht so vermatscht oder auf Stoff. Irgendwie kommt es mir dann einfach echter vor und so, als hätte es wirklich etwas mit mir zu tun.
Ich erlebe es als bereichernd, wenn ich fühlen kann, dass der Körper etwas mit mir zu tun hat und in allem was er tut, okay ist. Die Stoffbinden von Kulmine habe ich dabei als gute Unterstützung empfunden, gerade weil ich sie so nutzen kann, wie ich sie ge-brauchen kann.

Zum Abschluss noch ein paar Menslinks
der Artikel von dem Trans-Mann, der menstruiert (englisch)
die Liste, was man mit Mensblut so anstellen könnte (englisch)
die Petition für pestizidfreie Menstruationsartikel
der Artikel zum Tabu “Menstruation + Sportler_Innen” (englisch)
der Kulmineshop
unser letzter Menstruationsartikel

Perspektive 1

Dass das Mädchen sich die Augen zuhält und hart macht, hatte er gemerkt.
Aber er ist ein Junge, den niemand sieht. Ist ja ein Frauenkörper und damit muss man sich abfinden.
In Wahrheit ist er also vom Mädchen eingebildet. Muss man sich mit abfinden.
Hart werden und sich ab- weg- einfach woanders finden. Wer nur eingebildet ist, der merkt nichts was wirklich ist.
Auch wenn alle sehen, dass sie nichts sehen.

Die Dynamik um den Körper, erinnert mich an junge Menschen, die mit Stöckchen auf Quallen einstechen.
Es gibt keinen Laut, kein Blut, keine Bewegung vom Tier. Es wird entweder im Sterben noch gequält oder als Leichnam zerfetzt. Die Handlung hat oft keinen weiteren Sinn als den der Neugierbefriedigung. Wenn man noch nichts über Reizleitung, Tod und Ethik weiß und vielleicht nicht in der Lage oder Willens ist, dies auf eine Qualle zu übertragen, dann sieht man die Brutalität der Handlung nicht. Die Gewalt.
Es wird klar, in welcher Beziehung so abstrakte Überlegungen zu konkreten Situationen oder Lebewesen stehen und von welchem Status aus sie konstruiert wurden.

Für uns gibt es ein neues “normal”, das uns schleichend zerfetzt. Jedes Mal neu durchbohrt und macht, was es eben immer macht: Irgendwo macht sich ein Innen hart, um die Qual einfach irgendwie an sich und um sich ziehen zu lassen, während ein anderes daneben steht und den Wellenbrecher für die FrontgängerInnen* macht.
Manchmal auch ohne es zu wissen und darin anerkannt zu werden.
Manchmal, weil man es  nicht weiß und manchmal, weil viele Teekannen gleichzeitig pfeifen und die Verbindung nicht sichtbar ist.

“Ich bin ein unsichtbarer Kämpfer. In Wahrheit bin ich Batman oder so. “
Er wünscht sich eine Maske und ein Cape.
Jemand schminkt das Gesicht.
”Besser als gar nix”, denkt er.

Würde es weh tun, würde es brennen, stechen, jucken, dann wäre es das normal mit dem wir 28 Jahre gelebt haben.
Es gäbe keinen Grund zu Verunsicherungen, der mit uns zu tun hat. Die ganze Welt kann das für komisch, schlimm, schlecht, falsch halten, es würde nichts daran ändern, dass es für uns üblich ist. Es ist normal für uns, diejenige zu sein, zu der man hinkonstruieren muss. Wir haben uns nicht in Abgrenzung zu anderen Menschen und ihren Empfindungen und Normen entwickelt. Solche Privilegien zu leben, war uns einfach nicht möglich. Wir haben uns erlebt, als wir uns erlebten. Wir haben uns benannt, als wir Namen hatten. Wir haben gefühlt als wir fühlen konnten.
Wir sind nicht, weil andere Menschen sind. Wir sind, weil wir sein durften und haben das, anders als viele andere Menschen, nie vergessen dürfen. Können. Sollen.

Er beobachtet das kleine Auge an der Kamera, während die Frau redet und seinen Augapfel im Kopf bewegt.
Seine Anstrengung fließt in schmalen Rinnen die Schläfen herab.

Wie lange bleibt diese Unüblichkeit bestehen? Wie lange muss man Schmerzfreiheit aushalten bis jemand erlaubt das eigene normal an sich zu nehmen?
Wie lange muss man diese fremde Konstruktion auf sich anwenden, obwohl sie keinen Bezug hat?
Es ist dann doch nicht nur die Abwesenheit von Schmerz an einem Körper, der von niemandem als sein Körper betrachtet wird, sondern auch das Wissen, dass einerseits immer nur über diesen Körper wahrgenommen werden kann und andererseits darüber immer wieder Konstruktionen passieren, die nichts mit dem eigenen, zu  mehreren, gelebt (worden) sein zu tun hat. 

Er spürt, wie sein Rücken warm wird und sich hinter ihm die Konturen des anderen verdichten.
An dem Bein des Mannes hinter ihm stützt er sich ab und atmet durch.
”Alles cool Kleiner. Hat voll gedauert bis ichs gecheckt hab, sorry.”. Sie nehmen einander an die Hand und bilden die Blase, in der die Frau das Normal des Fremden leben kann.

Fortsetzung folgt

Dekonstruktion am dissoziierten Selbst? für mich problematisch

Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich eine ganze Portion Dekonstruktion, Abgrenzung und Wut aus Gründen wahr- und mitgenommen habe.
Vielleicht ist mein Anspruch zu hoch, meine Forderung falsch oder ach- vielleicht gibt es eine Art “Fuck off”, das einfach über Dekonstruktion, Findung und Wahrung des eigenen Standpunktes hinausgeht.

Ich weiß gar nicht- bewege ich mich im Alltag in einer queeren Szene? in queeren Kontexten? Offenbar nicht.
Bin ich queer? Keine Ahnung. Aber ich mag queer als Label für mich. Neben anderen.

”Bin ich?”, ist meine Frage. Jeden Tag. Mehrfach. Und absolut ohne Ironie oder philosophische Intension.

Vielleicht war es ein Overload für mich, mich gleich mehrere Tage in eine soziale Umgebung zu bringen, in der vieles? alles? über Awareness (Bewusstsein) und Konsens laufen möchte.
Ich habe gemerkt, dass ich den Wunsch nach kollektivem Bewusstsein mit einer fremden und doch total vertrauten Sprachlosigkeit beantworte. Ich wurde reaktiv, habe öfter als nötig die Luft angehalten, hatte ständig Angst jemanden zu verletzen oder Gewalt unbemerkt zu perpetuieren und am Ende gab es diese Angst die soziale Luft zu berühren.
Natürlich habe ich weiter gesozialt – dafür war ich ja im Sommercamp und immer war es am Ende gut und bereichernd.

Aber die Angst war da und arbeitete in meinem Angstgehirn.

Leben triggert und so auch diese Art zu leben in diesem kleinen Zeitraum.
Ich habe mein Innenleben nicht mehr gefühlt und aufgefallen ist mir das erst, als mich jemand das über Twitter fragte, der auch Viele ist.

“Bin ich noch, wenn ich mein Innenleben nicht mehr fühle?” – eine Frage, die mir erst jetzt mit meinem Bewusstsein für mein Viele- sein möglich ist.
Früher habe ich mich das nie gefragt. Ich “war” einfach und all mein Bewusstsein war nach außen gerichtet. Niemanden wütend machen, Balance im Außen haben, Anpassen, einstellen, re-agieren. Es war egal, ob mein Innenleben schreit und ich mit meinem Da-sein wie eine Art Korken auf einem Vulkan sitze. Ich habe nicht gespürt, was ich mir damit antue und es erschreckt mich, nein- es tut mir leid, dass ich es irgendwann nicht mehr gemerkt habe.

Für mich sind die Politiken, mit denen sich die queere Szene ™ auseinanderfetzt; neben- wie durcheinander und gegenübersetzt eine Welt, die ich mit mehr Entfernung betrachte.
Vielleicht.
Ich hab keine Ahnung. Irgendwie ja, irgendwie nein und ganz irgendwie bin ich selbst doch weder Fisch noch Fleisch noch Sojabratling.

Ich bin bewusst für Diskriminierung, Ausschlüsse, Umstände und Gewalten, Gründe für Gefühle von Verletzung und Einschränkung.
Bilde ich mir ein.

Wenn jemand dekonstruiert oder einfach nur kaputtschlagen mag, was mich zusammensetzt, ist das kacke und ein Übergriff, der unbenennbar ist, weil Dekonstruiertes in der Regel noch nicht kollektiv einheitlich benannt und/ oder bekannt ist. Ergo stellt sich das gleiche Problem, wie ich das lange mit dem Körperteil “Vulva” hatte: Was keinen Namen hat, _ist_ nicht.

Besonders krass trifft  mich sowas, weil ich mein ICH als etwas, das ich konstruieren bzw. als Konstruktion wahrzunehmen zum Ziel habe.
Es ist nicht so, dass ich ein Bild von mir (als ein Ich) habe und das nur mal hier ein bisschen und mal da ein bisschen neu sortieren muss oder in einem Kontext neu oder anders positionieren muss.

Vielleicht liegts daran.
Ich hab keine Ahnung.

Ich bin viele Identitätswahrnehmungen- positionierungen- stati und – zustände gleichzeitig.
Vielleicht kam die Angst aus dem Viele gleichzeitig sein- dem alles gleichzeitig passen und genau deshalb wieder nicht passen- sein.

Ich habe den jugendlichen Anarchisten gefühlt, der sich zum ersten Mal irgendwie genau richtig zwischen den Trans*menschen gefühlt hat, und aber gleichzeitig scheiße, weil er meine lila Sneaker und den Jeansrock trug und null zu den Körperpolitiken, feministischer Theorie oder sonst irgendwas sagen oder denken oder meinen oder fragen konnte. Er ist ein Teenager mit Halfcut und selbstgedrehter Kippe im Mundwinkel, der gegen Atomkraft und Kapitalismus ist. Kein queer – feministischer Diskutant, der sich bereitwillig in ein Awarenesshaus setzen würde, um anzuhören, was konkret an seinem Sprachgebrauch oder Sozialverhalten problematisch sein könnte.
Ich hab die Frontfrau und die Hungerkünstlerin gefühlt, die über das vegane Essen und die Körperthemen gestolpert sind und sich inmitten all der Körperpolitik und Selbstbild vs. Fremdbild- Ding zerfaserten, um in Klumpen gegen meinem Frustkummermops am Bauch zu klatschen.
Ich hab mir mein Shabbatgebet verboten, nachdem ich den Aufdruck “GOD FREE YOUTH” unter den Merchartikeln gesehen hab. Er hat mir gefehlt, mein wöchentlicher Moment mit der Schöpfung und dem Ankommen bei mir, als Teil dessen.
Ach da waren so viele kurze Momente, die ich mir alle teils intuitiv und reaktiv runtergewürgt hab, weil klar war, dass sie mit mir allein und einzig meinem (Er-) Leben zu tun hatten und nicht mit der Szene, dem Raum, den Menschen, dem System oder irgendeiner Politik.

Vielleicht komme ich an mir und meinem Stückelselbst zu dem Schluss, dass alle Awareness und Einladung zum Dasein und Ausleben des Selbst nicht funktioniert, wenn keine Grundlage im Individuum selbst ist, auf der ein Standing passieren kann. Wenn ich mich noch so oft und so tiefgreifend fragen muss, ob es mich gibt, ob mein Sein eine Legitimierung fern des Außen hat, ja, dann ist vielleicht auch so ein offener aware-er Raum, einfach nicht der Raum, in dem ich funktioniere ohne in reaktives Unbewusstsein für mich selbst zu fallen.

Vielleicht.

das Pinkprivileg

feminismfuckyeahIch wollte eine rosa Brille und meine Zahnspange sollte pink sein. Mit Glitzer drin.
Meiner erster Schulranzen war in einem dunklen Lila gehalten. Ich glaube, da waren auch grüne Drachen mit drauf.
Ich mag und mochte “Mädchensachen”, wie Barbies oder auch meine Baby Born Puppe. Hätte es damals schon Lego in Pink gegeben, hätte ich darum gebettelt.
Ich weiß nicht, ob rosa und pink damals schon abgewertet wurde, wie ich das heute wahrnehme. Hat sich Anfang der 90 er Jahre auch schon eine Bewegung  gegen die “Pinkifizierung” ausgesprochen?

Heute kann ich pinke Kleidung nicht kaufen, weil sie für meine Augen oft zu grell ist. Mal ein rosa Rock? Gibts nicht- aber, es gibt grell pinke, eng anliegende Miniröcke, die mir viel zu viel Selbstbewusstsein abverlangen, als dass ich sie tragen könnte.
Mal ein Shirt in Pink- vielleicht mit einer schillernden Eule drauf? Gibts nicht mit langen Ärmeln und Rundhalsauschnitt- aber mit Ausschnitten bis zum Sternum und trägerlos auf jeden Fall.

Wer Rosa mag, gilt als weiblich (steckt man in einem biologisch als männlich normierten Körper: “weibisch”) und diese Weiblichkeit wird über die Form der Konsumgüterwahl einer Wertung zugeführt, weil sich diese heute nicht mehr am Geschmack sondern immer mehr an patriarchal binärer Geschlechternorm orientiert.
Slutshaming, Fatshaming, alle möglichen anderen Arten von Shaming passieren Frauen* oft und werden an ihrem Erscheinungsbild gerechtfertigt.
Pink/Rosa gilt hierbei als eine Art Verstärkung, als “rosa Licht” sozusagen.

In meinem Bullergeddo sehe ich auch Klassenunterschiede am „Grad der Pinkheit“ der Kinder. Je pinker und greller, desto höher der Plastikanteil dessen, womit sich die Kinder umgeben und desto mehr Diskriminierungsachsen sind erfüllt (Rasse, Klasse). Kinder (Mädchen) mit Eltern, die in Lohnarbeitsverhältnissen stehen und weiß sind, sind tatsächlich eher in rosa, als in pink gekleidet und haben noch eher ein allgemeines “bunt” im Kleider- und Spielzeugschrank.
Mädchen und Jung(-e)Frauen*, die bereis wegen rassistischer Stereotypen und mittelständischer Angst-vor-dem-Abstieg- Ablehnung abgewertet werden, werden heute über die Kleidung, die sie entsprechend ihrer Ressourcen erstehen (und das ist bei KiK und Co eben knallgrellpink- und nicht zartpastellrosa) können, erneut abgewertet.

Ob die Kinder die Farbe vielleicht einfach so mögen, ob mit der Farbe “Rosa”/ “Pink” schöne und angenehme Assoziationen verknüpft sind, ist dem Auge der Bewertung egal.
Es hat was mit „Mädchen“ und „Weiblichkeit“ zu tun – Ih ba ba!

Wer stellt sich der Frage, ob es vielleicht grundlegend egal ist, welche Farbe Mädchen* und Jungen* mögen, weil die Verknüpfung des Pink bzw. des Blau bereits in allem, was uns umgibt, ein fester Bestandteil unserer gesellschaftlichen Be- und damit auch Abwertungsmaßstäbe ist?
Ich mochte immer “Mädchensachen” obwohl ich mich selbst nie als “Mädchen” sah. Ich laufe heute in tradionell femininer Kleidung herum, würde mir aber nicht das Label “Frau” oder “Femme” geben. Ich mag diese Kleidung einfach und fühle mich darin wohl.

Mein früheres soziales Umfeld wertete diese meine “Verweiblichung” durch meinen Entschluss zum Rock und gegen die Hose, negativ. Zum Einen, weil ich religiöse Gründe angab und damit in den Augen dieser Menschen, zusätzlich ein Abhandengekommen sein meiner Fähigkeiten klar durchdachte Entscheidungen treffen zu können und zum Anderen, weil Weiblichkeit – je offensichtlicher, desto mehr, mit Unfreiheit durch Kinder, Haushalt und die Abwesenheit einer Karriere bzw. Erfolg in der Karriere verknüpft ist.

Als ich mich noch etwas später in diesem Kreis (der aus beruflich erfolgreichen Singlefrauen zwischen 30 und 40 Jahren bestand) als Feministin markierte, lief das Fass der erfüllten Vorurteile über und ergoss sich über mich. Mir wurde klar, dass es bei ihnen kein Wissen über feministische Theorie gab und das nicht zuletzt deshalb, weil Feminismus von Frauen* für Frauen* gemacht und gedacht wird.
In ihren Köpfen gibt es das Bild der “hysterischen Emanze, die Männer kastrieren wollen, weil diese von Natur aus alles besser können”.
Dass ich noch nie in irgendeiner Form Männer bzw. Männlichkeit abgewertet hatte, geschweige denn Weiblichkeit als überlegene Kraft bezeichnete, spielte für diese Menschen keine Rolle.

Ich hatte durch meinen Rock, meine Religion, meine Auseinandersetzung mit feministischem Gedankengut und nicht zuletzt vielleicht auch meinem überwiegend lesbischen Begehren, vermutlich alles getan, was es brauchte, um von ihnen als “unfreie, schwache, niedere, wertlose Frau, die kritisiert, weil sie sies nicht besser geschissen kriegt” gesehen zu werden.
Diese Menschen sehen die Abwertung darin nicht. Für sie ist das Fakt und ich bin durch meine Position nicht diejenige, die ihnen etwas darüber erzählen darf.

Menschen wie sie, schenken Mädchen zur Geburt rosa und rot, um ihnen eine Möglichkeit zur Positionierung in Bezug auf das eigene Geschlecht zu geben, genauso wie sie Jungen lieber mit Technik und Handwerk konfrontieren, als mit süßen Tierkindern. “Adultismus” (die Diskriminierung des Kindes) sehen sie als ihre Pflicht, egal, ob die Kinder so neben vielleicht tatsächlich vorhandenen Positionierungshilfen, auch Abwertungsverknüpfungen darlegen und ihnen individuelle Neigungen absprechen bzw. bestehende Neigungen umlenken.
Sie schenken ihnen keine rosa/pinken bzw. blauen Sachen, weil die Kinder darum bitten, sondern, weil Jungs in pink die Abwertung erfahren, die Mädchen ihr ganzes Leben erfahren und, weil Mädchen gefälligst immer als Mädchen erkannt werden sollen.
Vielleicht – vielleicht – damit klar ist, wen manN berechtigt abwertet, und wen nicht.

Selbst die Organisation “PinkStinks”, die sich den Kampf gegen die Limitierung von Geschlechterstereotypen auf die Fahne geschrieben hat, schafft es nicht ohne die Abwertung von Weiblichkeit aktiv zu sein. Dabei müsste doch gerade Stevie Schmiedel klar sein, dass sie, würde sie ausschließlich von Frauen* unterstützt werden (und ausschließlich diese fördern) weitaus weniger Erfolg hätte mit ihrem Vorhaben.
Doch soweit ist der Blick offenbar noch nicht. Auch bei “PinkStinks” heißt es, dass man Männer* nicht unterdrücken dürfe. Als wäre im Patriarchat, das wir leben, überhaupt so etwas wie Unterdrückung der Männlichkeit möglich.
Aber “Pink stinkt!” rufen geht. Kindern und Kinderversorgenden abzusprechen, dass sie in der Lage sind Rollenbilder zu erkennen und trotzdem die Farben pink/rosa bzw. blau wählen, weil sie sie einfach mögen, auch.

Einfach, weil das immer geht.
Pink darf man abwerten. Weil manN Frauen* abwerten darf.

Vielleicht aber, heißt es auch nur “Pink stinkt”, weil Jungen* eben nicht über das “Privileg Pink” verfügen können, ohne die Abwertung von Weiblichkeit zu erfahren.
Wenn ich mir heute einen pinklila Feengarten anlege, werde ich vielleicht als ein bisschen infantil, kindisch oder Kitsch liebend betrachtet, vielleicht denkt man an “das Mädchen in der Frau”. Würde ein junger Mann* so einen Feengarten anlegen wäre das, wenn nicht sofort pervers (im Sinne von “welches kleine Mädchen willst du in deine dreckigen Finger locken?!”) so doch mindestens “irgendwie nicht ganz normal”.

So wäre die Organisation “PinkStinks” das, was in meiner Bubble “Maskuscheiße” heißt, weil sie nicht das Ende der Abwertung von Weiblichkeit im Fokus hat (was ein auch feministisch unterstützenswertes Unterfangen wäre) sondern eine Erweiterung, der bereits jetzt im Überfluss bestehendenden Privilegien, die mit Männlichkeit verknüpft sind.

Neulich hatte ich den Gedanken, dass ich glücklich darüber bin, dass Glitzerkram offenbar bis heute als etwas gilt, das alle Geschlechter gleich benutzen können.
Sowohl die Auf- als auch die Abwertung von Glitzer auf Kleidung, im Haar, im Gesicht, im Essen (ja geht- für euch getestet) ist immer die Gleiche.
Glitzer ist zauberhaft, mysterös, schillernd auffällig, einfach schön um der Schönheit Willen.

Am Ende meiner Glitzergedanken, dachte ich, dass die Schönheit, das Angenehme und Wohlige, Gefühle von Geborgenheit, Bedürfnisbefriedigung… dieses tiefe Gefühl von Sattheit, viel zu selten thematisiert wird. Auch und gerade dann, wenn es um das Spannungsfeld “Kapitalismus” (und damit auch: “Klassismus” und damit wiederum „Rassismus“) und “Gender”  (und damit Identitätsfindung, Identitätswahrnehmung, das Leben der eigenen Identität, die uralte Frage, was “Identität”/ was “geschlechtliche Identität” eigentlich ist, sowie alle Diskriminierungen, die am Genderlabel hängen) geht.

Hinter gegenderten Chips steht nicht der Gedanke: “Frauen haben einen anderen Geschmack als Männer”, sondern “2 Produkte = doppelter Gewinn”, die Umwandlung zur Trennung und reduzierenden Zweiteilung von Geschlecht kommt aus unserer patriarchalen und kapitalistischen Gesellschaft, in der niemals alle gleichsam satt, glücklich und zufrieden sein dürfen, weil es sonst keinen oder weniger Konsum geben würde.
Wer heute nicht gegendert Chips futtert, der konsumiert eben die Kritik an diesen Produkten und unterstützt damit unter Umständen die Sicherung von Einzelpersonen, die eben geblickt haben, dass man mit der Kritik an solchen Werbe- und Verkaufsstrategien, zu Fördergeldern, Spenden und jeder Menge sozialer Sicherung kommt und genau deshalb unterm Strich auch gar nicht mehr an einer Auflösung bestehender Be- und Abwertungsmechanismen interessiert sein können.

Es ist ein Privileg Kritik annehmen und umsetzen zu können. Die Stärke auf eine Sicherung (Sattheit), wie man sie bereits kennt und wie man sie bequem erreichen kann, zu verzichten, manifestiert sich in unserer Gesellschaft an Umständen, die in selbiger Gesellschaft unsichtbar gemacht und abgewertet werden.

Einmal mehr dachte ich, dass Mut zur Bereitschaft zu Verzicht auf altbekannte Sicherungsmechanismen der Hauptgrund dafür ist, dass Pink/Rosa eben nicht “einfach nur eine Farbe ist”.

Als Körperkind wollte ich pinke Sachen haben, weil ich wusste, dass Jungen* sie mir nicht wegnehmen. Weil ich wusste, dass ich sie ausschließlich mit meinen Freundinnen* teilen könnte. Für mich steht die Farbe Pink und Rosa bis heute für Räume, in denen ich und meine Weiblichkeit erwünscht und in Ordnung sind, egal ob ich mich wirklich als „typisch weiblich“ oder nicht, wahrnehme.

Das ist das Pinkprivileg, das ich nicht zu Gunsten einer vermeintlichen Geschlechtergerechtigkeit abgeben will.

Wie viel “Opfer” steckt in meinem Genderlabel?

Faserfrühling2 Neulich hatte ich eine interessante Auseinandersetzung mit dem Thema “Geschlecht und Gender im Kontext von sexualisierter Gewalt in Form von Misshandlung in der Familie als Kind”. Dabei entstand in mir die Fragestellung, wie viel von meinem Selbstlabeling darin begründet ist, dass ich misshandelt wurde.

Fakt ist: Gewalt verändert die Wahrnehmung. Sowohl von sich selbst, als auch von der Umwelt und anderen Menschen.
Diese Wahrnehmungsveränderungen können dazu führen, dass der Umgang mit sich, der Umwelt und anderen Menschen verändert ist und etwas anderes mit sich trägt, als ohne diese Erfahrungen.
Hinzukommt der Prozess des Lernens. Man lernt basierend auf seiner eigenen Wahrnehmung von sowohl der direkten Rückmeldung von außen, als auch dem Effekt der sich auf einen selbst auswirkt.

So weit, so verkürzt, so aber ausreichend.

Ich habe gelernt, dass ich ein Stück Scheiße bin, das man eben misshandeln kann, weil man das kann.
Das ist so zusammengefasst, was ich mir aus der Gewalt, die ich erfuhr, mitgenommen habe. Ich bin kein Mädchen oder Junge, ich bin nicht von Wert für Menschen, die so viel Kraft/ Macht haben, dass sie einfach tun können, was sie tun, weil sie es eben können.
Das sind also so zwei Bereiche, die vielleicht- vielleicht aber auch nicht- von der Gewalt ver-rückt worden sein können: Die Wahrnehmung meines Körpergeschlechtes, daraus folgend, die meines sozialen Geschlechtes (Gender) und die Einschätzung des Wertes meiner Selbst vor Menschen, die Macht haben (Autoritäten).

Ja, es kann sein, dass ich mich als geschlechtslos wahrnehme, weil mir begegnet wurde, als hätte ich keins.
Auf der anderen Seite habe ich ja Augen im Kopf und kann sehen, dass mein Körper als weiblich kategorisiert werden kann, was in meinem Umfeld die Folge hat, auch dem sozialen Geschlecht der Frau zugeordnet zu werden, welches wiederum immer stärker von Medien und kapitalistisch motivierter Vermarktung definiert wird. Also nicht einmal mehr wirklich von Menschen um mich herum, sondern von einer grauen Eminenz- einer Macht, die tut, was sie tut, weil sie es kann.

Etwas, was Gewalt aber auch kann ist, Gefühle von Entfernung, Entfremdung machen. Irgendwie ist es immer wieder so, dass Gewalt, obwohl sie in vielen Formen auftritt und es keinen Menschen auf dieser Welt gibt, der keiner Form von Gewalt (und sei es der Naturgewalt) ausgeliefert ist, etwas ist, das Menschen an den Rand ihrer Welt bringt und manchmal auch von dort herunter fallen lässt.

Je tabuisierter die Art Gewalt ist, die das zur Folge hat, desto stärker ist dieses Gefühl. Und je mehrdeutig verwaschener die Kommunikation darüber ist, desto ferner (surrealer, fremder, unvereinbarer, spezieller) erscheint das eigene Sein in eben jener Position als Überlebende/r. Die Norm erscheint da oft als etwas, das nicht (mehr) für sich selbst gilt.

Ich habe so viel Zeit in meinem Leben damit verbracht Nichts (und nur vor mir selbst ein Jemand) zu sein, damit mir nichts Schlimmeres als ES widerfährt, dass ich das auf vielen Ebenen in mir drin habe. Da ist das innere Leitbild, dass es immer das Beste ist nicht nur das Nichts zu sein, sondern auch am Besten gar nicht zu sein. Da ist die Autarkie, die Unabhängigkeit als eine der höchsten Prioritäten, die alles einschließt. Auch in Bezug auf meine Art Sexualität zu leben: ich bin mir selbst völlig genug.
Das habe ich so definitiv nicht durch die Gewalt gelernt. Was ich in Bezug darauf gelernt habe ist, dass meine Gefühle, die im Zusammenhang mit meinem Genital stehen, völlig irrelevant sind, wenn sie jemand anderes benutzt.
Wenn ich welche hatte, dann wurden sie umgedeutet, wenn ich keine hatte, wurden mir welche unterstellt.
Das heißt nicht, dass ich im Zuge der Gewalt mein Geschlecht negierte oder nichts gespürt habe. Aber ich habe diese Empfindungen mit dem Menschen verbunden – nicht mit dem Umstand ein weibliches Geschlecht zu haben.

Wenn ich alles selbst tue, ist alles gut. Dann bin ich nichts, nehme nichts, brauche nichts (und niemanden). (Könnte auch heißen: “Ich muss dann nichts für jemanden sein”, aber da bin ich noch nicht dran.)
Ist das ein ausschließlich erlerntes Muster, das, wenn ich es änderte, all meine Selbstwahrnehmung verändern würde? Vielleicht in eine Cisfrau, die liebend gerne den ganz besonderen Kugelschreiber für Frauen benutzt und ihrem Mann die Chips für den Fußballabend mit Freunden am Grill kredenzt? Ist denn das die Norm? Ist Heterosexualität und die Cis-Genderperformance die Norm? Ist das, was ohne Gewalt/ Einfluss von außen entsteht, die richtige Norm?

Nein.

Heute bin ich von meinem Innenleben nicht mehr so sehr entfernt, wie noch vor ein paar Jahren. Ich merkte, dass andere Innens sich nicht als geschlechtslos wahrnehmen, sondern, dass es durchaus Innens gibt, die sich woanders auf dem Spektrum verorten oder sich selbst sogar auf diesem herumwandernd empfinden (also manchmal sehr weiblich, manchmal eher männlich, manchmal männlich, manchmal wie ich).

So entsteht in mir die Frage, ob die Verknüpfungen, die unter Gewalt entstehen, abhängig vom Selbstzustand sind.
Das Modell nach der Frage, wie viel meiner Selbstwahrnehmung bzw. meiner Selbsteinschätzung also aus dem “zum Opfer geworden sein” kommt, orientiert sich an der Idee, die Summe meiner Erfahrungen und Umwelten zu sein.
Das passt aber nicht mehr, wenn ich dann Menschen begegne, die sich gleichsam als geschlechtslos, trans, nonbinary, queer  etc. etc. etc. wahrnehmen, ohne (als Kind) sexuell misshandelt worden zu sein und erst dann sexualisierte Gewalt erfuhren, als sie sich nicht entsprechend ihrer Selbstwahrnehmung auch offen nach außen labeln und entsprechend agieren durften. (Also ja: ich persönlich halte es auch für sexualisierte Gewalt, wenn ein Transmann weiterhin Frauenperformance betreiben muss oder sich jemand, der sich als jemand ohne Geschlecht fühlt, mit “Herr” oder “Frau” angesprochen wird, weil because of fucking status quo).

Es gibt diese Haltung zu Gewalt, dass sie alles und jeden von Grund auf verändert.
Ich zweifle inzwischen mehr und mehr daran, dass das wirklich so ist.

Was mir passiert ist, hatte eine ganz eigene Dynamik mit der ich aufgewachsen bin. Da ist das Paradox: Ich hatte früher nie das Gefühl Unnormales zu erleben oder selbst unnormal zu sein- aber als klar wurde, dass es Gewalt war, fiel ich über den Rand der Welt.
Alles, was mir hätte sagen können: “Du, das ist nicht okay, wenn jemand deinen Körper manipuliert- das ist Gewalt- du kannst/ darfst/ musst das jetzt hier schlimm finden und dich so und so verändern, um damit zurecht zu kommen”, war mir nicht bewusst und spielte so überhaupt gar keine Rolle. Wenn ES passierte, dann ging es darum, dieses ES so kurz und knapp wie möglich zu halten (und mir gelang das immer am Besten, wenn ich mich eben darauf besann, dass ich _nicht bin_. Ein Jemand, aber ansonsten Nichts.
Da spielten lediglich die sozialen Rollen von “mächtig”/ “Etwas und Jemand” und “ohnmächtig”/ “Nichts und Jemand” eine Rolle. Weniger oder zumindest nicht ausgesprochen meine soziale Rolle als Kind oder mein biologisches Geschlecht.

Ich werde nie herausfinden, ob ich mich anders wahrnehmen würde, wenn ES mir nie passiert wäre. Denn es ist mir passiert und ich erinnere keine Zeit, in der das nicht so war. Ich habe mich nie anders wahrgenommen und eingeschätzt. Und ich erlebe es nicht als Verlust oder als einen Akt von Abwehr gegen meine Biologie oder soziokulturelle Rolle. Auch so ein bequemer Normengewaltmythos: Non-Cisgender und Homo- und Non-binary- Sexualität als abweichender Lebensstil, weil die Gewalt “gemacht hat”, dass die betroffenen Menschen sich und ihre Rolle und ihr Geschlecht so sehr ablehnen, dass sie ihre Genitalien nicht mehr normgerecht benutzen wollen oder können (also heterosexuell entsprechend ihres biologisch eingeteilten Geschlechtes).

In den ganzen Überlegungen traf mich ein Gedanke, wie ein Asteroid beim Wandertag, als ich das Viele- sein auch noch einmal in den Kontext hineinbrachte.
Nämlich der, dass die Gewalt, die mich zu Vielen hat werden lassen, auch vielschichtig war und sich da die Frage eröffnet: Wenn das alles nicht gewesen wäre- wie würde ich mich dann labeln?
Ich habe keinen Zweifel daran, dass mein Selbstlabeling ein Anderes wäre- aber wäre ich dann ganz grundlegend auch ein anderes Jemand?

Ich glaube nicht. Aber- und das ist, was ich als größten Verlust wahrnehme- ich werde das nie herausfinden können, denn passiert ist passiert. Da ist ein Ende der Persönlichkeitsentwicklungsoptionen abgeschnitten und für immer verloren.
Alles, was ich heute zusammenführen und integrieren kann, hat sich getrennt entwickelt und in Autarkie gebracht. Ich denke, dass es wichtig sein kann, an manchen Stellen zu sehen, welche Verknüpfungen sich wo, wann und warum gebildet haben und ob sie heute noch genauso übereinstimmend mit dem jeweiligen Selbst wahrgenommen werden.

So gab es früher schon die Notwendigkeit und auch die innere Übereinstimmung damit, die Rolle eines Cismannes inne zu haben, die dann aber nach der Bearbeitung der Entstehungssituation dieses Selbsts nicht mehr als so übereinstimmend wahrgenommen wurde und in ein Selbst mit anderem Gender integriert wurde. Das Gleiche erlebten wir aber auch schon anders herum, genauso, wie ich auch schon Innens mit binärer Geschlechterzuordnung in mir integriert habe.

Am Ende wird, denke ich, ein Selbstlabeling dabei herauskommen, das ist wie es ist. Nicht mehr oder weniger hinterfragbar oder mit dem “zum Opfer geworden sein” in Zusammenhang stehend, als das, was ich jetzt an mir und anderen Innens sehe.
Es ist die Gewalt, “die machte”, dass ich mir das jetzt alles zusammensuchen muss. Aber ob sie das, was da jetzt so herumfliegt, auch alles gemacht hat?
Keine Ahnung.

Und wer weiß- vielleicht finden wir Menschen irgendwann heraus, dass unser Selbst so oder so immer anteilig gemischt ist und wir durch die Summe unserer Erfahrungen und Umwelten lediglich unterschiedlich gewichten.

Und vielleicht vielleicht vielleicht… darf dann ja auch irgendwann jeder Mensch einfach so sein, wie er sich wahrnimmt.

Eigenmacht oder: von der neuen Welt des Sex nach Gewalterfahrungen

Ich habe mich bereits bemüht dieser unsäglich-stetig ständigen Falschverwendung des Begriffs der “Opferrolle” anbei zu kommen. Habe sogar ein Ave Multipla geschrieben. um augenzwinkernd zu zeigen, worum es  meiner Meinung nach beim “Opfer-Nicht Opfer-Gutes Opfer-Schlechtes Opfer- Richtiges Opfer- Falsches Opfer” Spielchen gehen kann.

Doch dann gabs da so das eine oder andere Momentchen in der Selbsthilfeszene und ich dachte: “Hm, Mensch das ist ja schon ein Phänomen… Hier wird ja dieses Spiel auch gespielt- und man bringt sich damit um eine tolle Ressource.”

Es geht um Sex.
Wohaa gruselig schlimm furchtbar Geschlechtlichkeit Körperlichkeit
Nein- geht ja gar nicht! Trigger! kreisch schrei *flupp *flupp *flupp gehen die Vermeidungsblasen zu, werden Augen und Ohren geschlossen, teilweise sogar gezielt das endokrine System des Körpers unterdrückt und manipuliert; sexuelle Bedürfnisse, Wünsche und Fantasien verleugnet, verschleiert oder hinter krass abstinenter Wissenschaftlichkeit versteckt.

Ja, es ist ein großes Thema, vor allem, wenn man ein Opfer von sexualisierter Gewalt geworden ist. Und alles das machen wir auch- klar- aber nicht mehr nur und ausschließlich und ich kann nur sagen, dass es sich lohnt, diesen mit wichtigsten Dreh- und Angelpunkt der menschlichen Natur- der gesamten Existenz wieder zu erobern. Und sei es als Werkzeug nur für sich ganz allein.

Wie schon in dem Artikel “Lebensfunken” geschrieben:
”Das Leben als Funke ist der coolste Kettenbrief der Evolution. Er lebt einzig durch Weitergabe der Fähigkeit zur Entwicklung von der Fähigkeit zur Weitergabe der Fähigkeit zur Entwicklung von der Fähigkeit zur Weitergabe…”   Um Leben zu erschaffen, ist Sex zwingend (und sei es “einem Sex anzugehören”). Ob wir wollen oder nicht, ist es Teil unserer Existenz- auch wenn wir meinen “auch gut ohne Sex zurecht zu kommen”.. “Sex nicht so zu brauchen”.
Keine Gewalt (= Macht) der Welt schafft es diesen Teil, diesen Sturmdrang der Natur der tief in jedem unserer Zellkerne steckt, aus uns Lebewesen herauszutreiben. Es ist Teil des Lebensfunkens in uns allen.

In diesem Bereich des Körpers verletzt zu werden, seine Genitalien und dessen Reaktions-System ausgenutzt zu wissen, bedroht auf so ziemlich allen Ebenen das, was einem den Sinn des Daseins darlegt.
Doch eines ist klar (und hier muss ich leider das Unwort verwenden): bei sexuellem Missbrauch geht es um Miss- Gebrauch. Um Ausnutzung. Benutzung.
Bei Ver-Gewalt- igung geht es um Gewalt (=Macht). Erniedrigung. Das Zerstören von etwas.

Nicht um das Auslöschen einer Existenz.

Das ist der Fallstrick an der ganzen Sache. Es ist nicht die Tat an sich, die tötet- es ist alles drum herum. Es ist der Mensch der die Gewalt ausübte. Und- neben vielen anderen Faktoren, die Beziehung zu diesem Menschen. An Missbrauch selbst stirbt niemand- sehr wohl aber an der Angst des Täters, an körperlichen und auch an den seelischen Folgen und der stetigen Nichthilfe damit umzugehen und zu heilen.

Die Bedrohung die in dem Moment empfunden wird, ist hoch real und gegeben. Doch sobald “ES” überlebt ist, eigentlich nicht mehr nötig. Klar, umgibt ab dann alles was “DAMIT” (oh G’tt- dem Körper und allen seinen Möglichkeiten!) zu tun hat, die Angst, dass “ES” wieder passiert, dass es wieder weh tut.
[Und ab einem Zeitpunkt merkt man auch, dass man die gleiche Angst auf der Beziehungsebene gegenüber anderen Menschen auch hat (selbst bemerkt bei uns- es zieht sich durch alle Kontakte: Helfer, Gemögte, Ärzte- alle gefährlich im Sinne von global lebens-bedrohlich) wichtiger Aspekt- um den es aber hier nicht im Schwerpunkt gehen soll]

Also was macht man- lieber nicht dran denken- alles ablehnen, negieren, dicken Schleier drüber.  Dicke GrasNARBE drüber wachsen lassen… ein DAS Opfer werden- sein- bleiben
Weder weiblich noch männlich- geschlechtslos. Auf ewig Objekt. Rolle. Position definiert von der Situation. Bloß nicht von seinen Stärken, Schwächen oder gar seiner Persönlichkeit. So macht am wenigsten falsch und das “Drumrum” fällt weg als Quelle weiterer Bedrohung.
Und dann… von ganz allein… rationalisiert man auch gleich noch den genetischen Motor mit weg.
Seine Sexualität.

Dabei kann der Körper so tolle Sachen, die richtig hilfreich sind- gerade wenn es um die Genitalien und Sexualität geht. Man muss sie nicht leben, wie man sich das anliest oder so.
Tüüüüch was das für eine Erkenntnis im Hause Rosenblatt war!
Es ist vielleicht ein bisschen schräg, weil es Innens gibt, die so viel mehr auch abartigen Sex zu ertragen hatten, als das was man im 08/15 Porno findet, aber das ist ja nunmal (und oh heavens to betsy- G’tt sei Dank auch!!!) nicht jedem von uns zugänglich.
Es gibt Innens die noch nicht mal jemanden geküsst haben- oder wie auch
hier schon zu lesen war, von Verliebtheitsgefühlen und körperlicher Lust überrascht werden- mit ihren 26 noch immer Jungfrau sind. Entsprechend gibt es viele Vorstellungen und Einstellungen zum Thema Sex (- und auch, ob es dazu eine Beziehung braucht oder nicht).

Hormoneller Status passend zur Lust auf Party? Ab in den nächsten Laden, den richtigen Menschen suchen und los. “Hingehen, machen, wieder weggehen.”, ist Motto derer, die andere Menschen nicht als mehr betrachten, als als eine Art Objekt oder auch Spielplatz ihrer Begierde.

Gemeinsamkeit, Nähe und Zuneigung geben und annehmen wollen? Sowas kann man mit Sex auch gut tun. Ist hier aber eher Ausnahme als Regel- Stichwort Beziehungstrauma

Es gibt auch Innens die das Ganze als technisch unaufgeregte Werkzeugfrage betrachten: Kopf- Bauch- Rücken- Muskel- Knochen- Menstruations- Narben- alte- Schmerzen, Schlafprobleme, Depressionen, Unruhe, Verspannungen, untergründiger- schwer fassbarer Hunger? 398258_original_R_K_by_sokaeiko_pixelio.de
Ein selbstgemachter Orgasmus und fertig- keine großartigen Arztrennereien, Pillen, Fremdmacht- Gefahr durch Definitionsallmacht. Kein Kontakt zu anderen Menschen.
Na- wenn das kein Tor zu Eigenmacht ist?
Zu Risiken und Nebenwirkungen fand man mal diese sehr gute Website:
http://dodsonandross.com Zur Anleitung war sie auch gut, zum Mut finden, zum irgendwie-sogar-vor-sich-selbst-verheimlicht-in-ein-Zimmer-setzen-und-ganz-privatestens-höchst-allein-mit-sich-lesen-und-von-der-Ungezwungenheit-der Frauen-profitieren, auch.

Das Phänomen, dass ich neulich bemerkte war die ständige Anwesenheit des Themas- aber das gleichzeitige Nichtnutzen, der körpereigenen Ressourcen im Bereich der Selbsthilfe. Man überging meinen Hinweis auf hilfreiche Orgasmen bei alten Schmerzen (Körpererinnerungen), bei Kopfschmerzen durch Verspannungen…als würde man sich mit jeder Berührung- selbst wenn man sich selbst zuführt- erneut missbrauchen oder vergewaltigen.

Dabei ist mein Eindruck eher der, dass wenn zum Beispiel Masturbation betrieben wird, ein Akt der Selbst-Liebe, der Eigenmacht, des “genau richtigen Gebrauchs” passiert. Also genau das Gegenteil.

Plötzlich schämte ich mich, diesen Vorschlag gemacht zu haben- meine gute Erfahrung geteilt haben zu wollen. Ich hatte beim Lesen des Postings gedacht: “Ach je- sie leidet ja richtig schlimm darunter- so sehr, dass sie Tabletten wie Bonbons isst und sich damit eigentlich sogar schadet.- Wie traurig ist es so passiv- sie macht ja gar nichts selbst. Will lieber Tabletten machen lassen.”

Ich hatte keine Zeit mehr mich besser oder “weiter” als die Betroffene zu fühlen, denn sofort standen die (interessanterweise weiblichen) BÄÄÄMs neben mir und zeterten los. Spielten das “gutes Mädchen- böses Mädchen” –Spiel mit mir.
Ratterten ihren Hass herunter:
– wenn du dir sowas gefällt brauchst du dich nicht wundern…
– wenn du sowas machst, ist doch klar, dass andere auch…
– wenn du sowas machst, bist du ne Schlampe die “ES” [*schmunzelt* sogar die BÄÄÄMs sagen “ES”- interestink] will…
– wenn du Spaß dran hast, kannst du ja nich drunter gelitten haben, wenns ein anderer an dir gemacht hat
– dein Leiden kann ja nicht echt sein, wenn du noch Genuss empfinden kannst

In dem Moment merkte ich aber zum ersten Mal richtig den Landgewinn unter meinen Füßen.
Ich- und andere Innens- hatten uns mit dem “für sich entdecken” von sexueller Lust durch sich selbst etwas zurück erobert- Land gewonnen. Plötzlich merkte, ich dass ich zwar unter dem Geseier der BÄÄÄMs schrumpfte und unsicher wurde- doch ganz gezielt und klar rein in Bezug auf frühere Situationen! Nicht mehr in Bezug auf meine Erleichterung und Befriedigung heute.

Ich war in der Lage auf eine Grund-Lage zu stampfen und ihnen entgegen zusetzen, dass das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Die einzige Gemeinsamkeit ist der Körper und der kann ja nun nicht wirklich etwas dafür wenn ich oder andere ihn benutzen. In keiner Situation kann der Körper- als Metabolismus einfach aufstehen und gehen.

Ich habe darüber nachgedacht, ob manche andere Betroffene vielleicht auch von sich denken, dass sie selbst Misshandler sind, wenn sie sich im Schambereich berühren. Ob es vielleicht eine Art Täterrolle ist, die anzunehmen befürchtet wird. Und, ob es vielleicht damit zusammen hängt, dass man noch nicht so ganz in der Gegenwart angekommen ist. Manches im Leben, im Gefühl und am Körper schlicht noch in der Vergangenheit ruht, aus Angst vor dem Umgang mit EigenMacht- und implizit auch EigenGewalt, die sonst immer dem Täter inne lag.

Hier stieß ich an etwas Wichtiges. Eigenmacht- Eigengewalt geht mit Eigenverantwortung einher.
Es ist schwer eigene Verantwortung anzunehmen, wenn einem ständig und immer die Verantwortung abgenommen wird (bzw. man sie nicht von sich aus annimmt, weil man reflexhaft immer wieder “lieber prophylaktisch” abgibt) Sei es von Helfern, sei es von den Medien, sei es von der Konsumkultur, sei es von gesellschaftlichem Sozialdiktat. Sei es in Bezug auf das persönliche Auftreten oder schlicht die Wahl was man was wie wo und mit wem tut.

Bei uns konnte dieser Landgewinn- dieser Aspekt der Heilung übrigens erst losgehen, als wir uns genau dessen bewusst wurden. Es gab plötzlich einen Wunsch nach eigenen Kindern, Familie, Autonomie und Macht-Kraft, genau das überhaupt als möglich für sich zu betrachten. Die Dämme brachen, als wir merkten, dass andere von unserer Stille und Ohnmacht richtiggehend profitierten (wer es sich geben mag- diese Phase kennzeichnet die ersten Einträge dieses Blogs), obwohl sie uns keine Gewalt antaten.
Dann setzten wir auch noch unsere Medis ab und die Hormone schossen uns seit der Pubertät zum ersten Mal wieder normal durch den Körper.
Wooohaaa schwusch- “Wow- da unten kann sich ja doch auch etwas anderes regen, als das alte schmerzhafte erinnern an Brennen und Reißen! Also das muss ich jetzt mal erkunden…” und so begann eine Eroberung- ein Landgang. Eine Reise in eine neue Welt.

Eine Welt in der wir mächtig sind.
In der wir uns ein Grundbedürfnis selbst erfüllen können, uns sättigen und von Schmerzen befreien können. Einzig mit Hilfe unseres Sex (=Geschlechts-(teils) )- ganz und gar frei. Feststehend im Hier und Heute.

Sogar so frei und mächtig, dass man drauf scheißt, wie viele Pornosuchanfragen nun wieder auf den Blog erscheinen werden.
Es ist etwas, das richtig gut ist. Wichtig. Wertvoll. Heilend. Spannend. Bereichernd.

Wenn das Außen schon diese blöden “Gut”- “Böse” Spielchen mit uns Opfern treibt, um uns Hilfen zu verwehren oder zuzuschanzen- Schuld zuzuschanzen und Verantwortungen aufzudrücken, die nicht unsere sind- dann sollten wir das nicht auch noch ins Innen einbringen und uns unsere ureigenen Kräfte versagen,