viele_s nicht sein

~ Fortsetzung ~

ein übler Effekt von künstlich verknappten Hilfestellungen ist die Notwendigkeit von Verknappung dessen, was man als Hilfebedarf äußert.

Wir hatten Zeiten, in denen wir sehr pflegeleicht, unanstrengend, unbedürftig waren.
Und nebenbei von 70 runter zu 60 zu 50 zu 48 Kilogramm auf 1,72m gingen. Einfach so. Ganz feder_pflege_leicht.
Es gab Zeiten, in denen wir keinen Hintergrunddienst anriefen und nebenbei lernten, wie man sich selbst Wunden nähen kann, ohne sich mit irgendwas zu infizieren. Es gab Zeiten, in denen wir unseren Betreuerinnen erklärten, was komplexe Traumatisierungen mit Menschengehirnen so anstellen und was es mit dem viele sein eigentlich so auf sich hat.
Unbezahlt. Natürlich.

Unser Körper wurde misshandelt und die Psyche verknotet, zerrissen, in die Luft geworfen und im Aufprall ausgelacht. Und sieben acht Stunden später saßen wir im Büro der Jugendhilfe, unterschrieben den Zettel zur Abrechnung nicht geleisteter Hilfen und hielten uns für ein verlogenes Miststück, weil uns die Betreuenden sagten, mit uns zu arbeiten wäre angenehm, weil wir zur Schule gingen, über die Zukunft nachdachten und etwas im Kopf hätten, statt Drogen zu nehmen, zu schwänzen, zu stehlen, uns zu prügeln.

Wir würden unseren Weg schon gehen, vermittelte man uns.
Irgendwie würden wir das schon schaffen.
Bis heute hören wir das.
Und bis heute sammeln wir regelmäßig unsere Kraft bis wir sagen können: Nein, tun wir nicht. Irgendwie, werden wir überleben – ja. Irgendwie, werden wir nicht blind vor Hass durch Behörden rennen und Menschen niederschießen – ja. Irgendwie, werden wir nicht blind, taub, starr in einer Isolationszelle landen, weil wir nicht aufhören können zu schreien – ja. Irgendwie, werden wir immer versuchen unseren so wahnsinnig hungrigen Kopf satt zu machen und dabei Dinge erschaffen, die andere Menschen erfreuen – ja.
Aber “es schaffen” – nein.

Wir haben kein Ziel – wohin sollen wir es also schaffen?
Wir haben keine Ahnung, was wir hier tun und wozu eigentlich – was sollen wir hier also eigentlich schaffen?

Es gibt dieses Bedürfnis in die Welt zu rufen, dass wir nicht eure* verdammte Held_innengeschichte leben. Dass wir nicht diejenigen sind, die bereit sind so zu tun, als wären die “sie hat so viele Qualen überlebt, aber sie war unzerstörbar und ist deshalb heute ein zufriedener Mensch mit Job, Familie und breitem Lachen überm Herzen” – Geschichten, die mehrheitliche Realität von Personen, die zwischenmenschliche Gewalt und Ausbeutung erfahren haben.

Wir wollen der von uns als so unbeteiligt, so ungeschlagen erlebten Welt da draußen zurufen, dass sie uns überfordert mit diesem Anspruch. Mit dem Anspruch an uns, unsere Überlebensstrategien unser ganzes restliches Leben lang beherrschen zu müssen, weil das so viel interessanter, inspirierender, so viel ermutigender ist, als das üblicher wahrgenommene Leben ohne existenzielle Bedrohungen.

Es gibt den Wunsch zu sagen, dass wir traurig darüber sind, dass immer wieder wir es waren, der unsere körperlichen wie seelischen Behinderungen aufgefallen sind und nicht den sozialen Welten um uns herum. Dass immer wieder wir diejenigen sind, die sich um Kompensationsmittel und –möglichkeiten bemühen, während andere – vielleicht viel befähigtere – Menschen daneben stehen und über all unsere Kraft “es zu schaffen” Applaus klatschen oder auch genervt davon sind, dass wir schon wieder eine special Extraschleife fahren (müssen).

Es scheint uns manchmal, als hätte man es lieber,  dass Gewalt ohne Spuren vorbei geht. Es scheint, als hätte man es gern all die grausamen Details unserer Misshandlungserfahrungen zu lesen, doch nicht die Details über die Grausamkeit dessen, was als Hilfe zu bezeichnen wir so lange gezwungen waren.

Heute besuchen wir die Kunstschule und merken: “Verdammte Axt – wir sind tatsächlich sehbehindert.” und stehen vor Fragen wie “Kann man als sehbehinderte Person eigentlich eine gute* Künstler_in sein?” und “Welche Mittel und Wege gibt es, unsere Behinderung zu kompensieren?”
Stehen vor der inneren Frage: “Verfolgen wir diesen Wunsch uns die Welt mittels eigens gemachter Bilder anzusehen weiter oder lassen wir das, weil es uns zu viel Kraft kostet runterzuschlucken, dass wir mal wieder nicht die gleichen Bedingungen, Mittel und Wege zur Nutzung haben, wie die Mehrheit der Menschen dort?”

Ich bin es leid für andere zu sein, was und wer ich nicht bin.
Viele Menschen, die bloggen oder allgemein im Netz sichtbar sind, schreiben das irgendwann. Irgendwann kommt immer der Punkt, an dem man schreibt: „Hallo- du kennst mich nicht. Du liest nur meine Texte, du siehst eine Filme, meine Fotos – du bist Zuschauer_in und nicht meine Freundin, auch wenn dir das anders vorkommt.“.

Wir denken oft darüber nach, ob wir einen Teil unserer (Re-)Traumatisierung im Hilfesystem über das Bloggen reinszenieren, denn es ist genau dieser Aspekt des Angeschaut, doch nicht gesehen werdens, der uns viele Situationen hat unaushaltbar werden lassen und am Ende immer neue Innens hat entstehen lassen.

Wir leben mit einer tertiären DIS. Das bedeutet wir haben nicht eine Person, die den Alltag lebt und amnestisch für traumatische Erfahrungen ist und viele andere, die das nicht oder nur teilweise sind; sondern mehrere Alltagssysteme, die so oder so ähnlich aufgebaut sind.
Wir funktionieren wie ein Desktoprechner. Das Gerät sind wir als Einsmensch, der Desktop ist das Bewusstsein selbst und alle Ordner und Programme darauf sind wir Innens.

Wir haben uns durch den Ausstieg gespalten und damit unsere Festplatte geteilt. (Ja – ist nochmal was anderes).
Weil während des Täterkontaktes, ständig Bereiche unseres Betriebssystems ansprangen, die nicht zu vereinen waren mit den Funktionen, die uns abverlangt wurden (zum Beispiel zu überleben, aber auch: Therapie machen, Schulabschluss machen, ignorante Betreuungen und soziale Isolation ertragen), wurde es nötig alles, was im Innen mit der Lebensrealität unter Täter_innen verbunden war (ist), abzuspalten.
Nicht alle Spaltungen, die wir in uns haben, haben wir selbst gemacht und selbst, die die wir selbst gemacht haben, wie jene über die ich gerade schreibe, funktionieren nicht, ohne den Druck, den existenzielle Bedrohungen bzw. die Angst vor existenzieller Bedrohung auslösen.

Während unserer Ausstiegszeit befanden wir uns in einem so schweren Beziehungskonfliktgeflecht, dass es nicht anders ging.
Unsere Gemögte kümmerte sich aufopfernd um uns – und wir konnten (und sollten) nichts davon zurückgeben. Die Schuldgefühle waren (und sind bis heute) toxisch und mit ihr unlösbar, da sie sie nicht erlebte. Die Kontakt brach nicht zuletzt auch darunter zusammen.
Unsere Betreuerin hatte uns zu ihr geschickt, weil sie keine andere Option kannte, uns zu schützen. Die Gefühle des Abgeschobenwerdens, waren (und blieben) toxisch und unbesprechbar, weil sie bis heute das Drama, in dem wir lebten nicht begreifen kann.
Unsere damalige Therapeutin und die Neurologin, taten was sie konnten und das war nicht genug, denn sie haben uns immer wieder auf uns selbst zurück geworfen – obwohl wir bis heute nicht klar haben wer oder was wir eigentlich (noch) sind.

Wir wussten nicht, was wir machen sollten. Wir wussten nicht, welche Kapazitäten wofür eigentlich in uns drin sind.
Für uns klang ihr Verhalten uns gegenüber wie das lapidare “Ihr werdet das schon schaffen”, das wir von allen, die sich nicht mit uns und unserem Überlebenskampf belasten wollten oder konnten oder durften oder sollten, zu hören bekamen.

Wir haben getan, was alle Kinder tun, wenn sie merken, dass sie etwas bestimmtes tun oder lassen sollen, um zu bekommen, was sie brauchen oder wollen. Und wir haben eben die Innens weggesperrt, die niemand wollte: die täter_innenloyalen, pseudoreligiös lebenden, “bösen”, nicht mitgemeinten, unartigen Innens (die immer wieder Kontakt aufnahmen).
Wir haben über Monate hinweg Schmerzen gehabt, für die es keine Worte gab und über die wir ergo auch nicht gesprochen haben.
Und dann waren diese Innens “weg”, der Kontakt zu Täter_innen blieb aus und wir durften (zur Belohnung quasi) weiter Therapie machen, in die ambulante Eingliederunghilfe für Erwachsene wechseln, die Schule beenden, die ersten Jobs machen, die Pflegestelle anfangen, den Hund halten und die Art normales Leben leben, das uns irgendwie normal vorkam.

Bis zu dem Unfall bei dem ein Welpe vor unseren Augen von einem Pferd zergetreten wurde und auf unserem Schoß im Auto auf dem Weg zum Tierarzt starb, hatten wir ein Leben, in dem es so lief das man sagen konnte, wir würden es gut schaffen zurecht zu kommen. Das Ziel war unbekannt und für uns war es tatsächlich egal. Wir hatten ab und zu Heimweh, fühlten uns einsam und merkten, dass wir inaktiv und dick waren, aber es gab keinen Anlass mal zu schauen warum das so war.

Wir hatten unsere gesamte Bedürftigkeit, die mit dem Ausstieg und seinen Folgen zusammenhing weggespalten, weil niemand in unserem Leben in der Lage gewesen wäre, uns dabei zu helfen das zu ertragen.

Der Unfall mit dem Welpen brachte Risse in diese dissoziative Barriere, unsere therapeutische Begleitung ließ uns fallen und es kam wie es kommen musste. Wir brachen mit allen und allem, bis auf jene, die nah aber nicht mittendrin waren, zogen um, verließen das Hilfesystem und kämpften für die Aufrechterhaltung der inneren Zweiteilung unseres Inmitten.

Niemand versuchte wirklich uns zu halten und wir fühlten uns erneut darin bestätigt für jene, die auch fürs Halten bezahlt werden, zu schwer, zu viel, eine Belastung, um deren Wegfall man froh war, zu sein und nicht die junge Frau, die nicht weiß, wo oben und unten ist, die keine Ahnung hat, was sie mit sich machen und wozu sie leben soll, weil sie sich das aus Versehen weggespalten hat, die wir nun einmal doch waren und bis heute sind.

Innerhalb von 4 Monaten nahmen wir um die 40 kg ab und begannen eine neue ambulante Therapie, mehr aus dem Wissen heraus, dass wir uns tothungern würden, wenn wir nicht von irgendjemandem aufgefangen werden würden, als mit einem klar in uns definiertem Ziel.

Heute empfinde ich Mitleid für uns deshalb, weil ich denke, dass andere Menschen in unserer damaligen Situation vielleicht nicht das Gefühl gehabt hätten in Lebensgefahr zu sein, weil es keine Hilfe, keinen Halt, kein Wissen um das Morgen und das eigene Selbst gibt.

~ Fortsetzung folgt ~

viel~e sein

~ Fortsetzung ~

Das Eine ist: da gibt es ein Wort – eine Diagnose. Das Andere ist: da gibt es etwas, das mit diesem Wort, dieser Diagnose benannt wird.

Wenn die Diagnose gestellt wurde, gibt es früher oder später dieses Moment, in dem man andere Menschen in unterschiedlichen Kontexten dieses Wort sagt. Und dieses Moment entscheidet darüber, wie sich der Kontakt entwickelt und auch, wie man selbst in der Zukunft damit umgeht, dieses Wort für sich zu haben, bzw. dass es Menschen gibt, dessen Selbst- und Umweltwahrnehmung mit einer Diagnose bezeichenbar ist.

Wir sind inzwischen ziemlich fatalistisch was das angeht. Da für uns nicht nur alle Züge in Richtung Zukunft abgefahren sind, sondern auch noch der Bahnhof dazu abgerissen wurde, ist es uns egal (weil es uns egal sein kann) wer weiß, dass wir viele sind.
Die Essenz unserer Erfahrungen, die Diagnose anderen Mensch mitzuteilen ist: Es ist scheiß egal, ob es jemand weiß oder nicht – denn das Wissen darum ist nicht entscheidend.

Wir haben unsere Diagnose Menschen mitgeteilt, damit sie uns helfen – sie haben uns nicht geholfen.
Wir haben unser Sein vor Menschen erklärt, von denen wir dachten, es gäbe den Wunsch mit uns in Beziehung zu sein – sie haben den Kontakt kaputt gemacht und Teile von uns gleich mit.
Wir haben die DIS als Behinderung angegeben, haben beim Jobcenter, bei Mediziner_innen und Betreuungspersonen die DIS erwähnt, erklärt, vermittelt – wie viel das gebracht hat, kann man ja sehen: 10 Jahre Hartz 4, ein GdB von 70 wegen “depressiven Störungen”, eine Allgemeinmedizinerin, die uns nach einer schwerwiegenden Diagnose alleine aus der Praxis torkeln lässt und Betreuungspersonen, die uns weder beim Ausstieg geholfen haben, noch in irgendeiner Form ihr Verhalten und seine Wirkung auf uns, reflektieren.

Am Ende geht es nicht darum, dass die wichtigen Menschen in einem Leben wissen, dass man viele ist, sondern darum, dass sie es begreifen und zwar nicht als eine Laune des Laufs der Dinge oder eine Entscheidung eines verwirrten Geistes, sondern als massive Entwicklungsstörungsproblematik und zwar auf die Entwicklungsstörung “massives, wiederholtes, komplexes Trauma in der frühen Kindheit”.

Wir haben letztes Jahr und dann auch noch dieses Jahr enge Kontakte zu Menschen beendet bzw. beenden müssen, weil nicht begriffen bzw. einem Begreifen folgend gehandelt wurde, was für eine massive, innerglobale Not das Verhalten dieser Menschen uns gegenüber ausgelöst hat.
Man erwartete von uns zum Beispiel Reaktionen, die existenzielle Bedrohungsgefühle, so wie kindliches Erleben von konkretem Überschwemmtwerden eigener Emotionen, Gedanken und Ängste, ausklammern, innerhalb von Konflikten, die genau das aber losgetreten haben.

Viele sein bedeutet einfach nicht nur: X hat einen Konflikt und Y weiß davon nichts.
Es bedeutet: X und Y plus eine unbekannte Anzahl anderer Innens versuchen verzweifelt A und B plus eine unbekannte Anzahl von Innens von dem Bewusstsein um einen Konflikt im Außen fern zu halten, damit der Alltag weiter läuft, während H I J K L M N plus noch wieder unbekannt viele andere schon längst in Wiedererleben stecken und das gesamte Inmitten lahmlegen – während die Umlaute einen Termin nach dem anderen abracken, und jederzeit irgendwo komplett neu anfangen können (und es in aller Regel auch tun).
Viele sein bedeutet: In einem Menschen passieren viele Prozesse gleichzeitig und autark nebeneinander her – und doch haben einzelne Ereignisse im Außen die Macht, sie alle mit einem Schlag zu beeinflussen, sobald es bestimmte Faktoren gibt, die mit existenzieller Bedrohung einhergehen bzw. so interpretiert werden.

Die Menschen zu denen wir den Kontakt beendet haben, haben vergessen oder vielleicht auch nie wirklich begriffen, wie wichtig es ist uns immer und immer und immer – auch nach vielen gemeinsamen Jahren und Erfahrungen – zu vermitteln, dass es sich bei einem Konflikt oder allgemeiner: Schwierigkeiten nicht um existenzielle Bedrohungen handelt.
Ja, so blöd das klingt: Wir müssen sehr oft hören, dass wir an Dingen, die für andere eine Kleinigkeit sind, nicht sterben oder in unserer psycho-physischen Integrität verletzt werden.

Für uns ist es ein Akt gewesen, das zu fühlen und wissen und zu lernen. Und das Ende dieses Prozesses ist für uns, zu lernen, dass wir uns das auch selbst nach innen bringen können und uns das von dort innen auch geglaubt wird. Soweit sind wir noch nicht.

Womit wir beim nächsten Aspekt wären. Uns Rosenblättern wird oft sehr viel mehr Belastbarkeit und Stabilität zugetraut, als tatsächlich da ist und manche Menschen sind zutiefst enttäuscht von uns, wenn wir das nicht bedienen können.
Was wiederum bei uns alles mögliche anmacht und letztlich dazu führt, dass wir uns nach außen noch mehr anstrengen, noch härter machen. Ich denke, das passiert vielen Menschen und ist nichts, was speziell mit unserem viele sein zu tun hat.
Das Problem ist: Wenn man viele ist und sich nach außen hart wie Stein macht, dann hat man, wenn die Tür hinter einem zu geht und kein Außen in dem Sinne mehr da ist, keine Kraft mehr für die unversorgte Hölle, die in einem drin brennt.

Wir haben gemerkt, dass alte Bekannte wie die Suizidalität, der Drang sich zu verletzen (kaputt bis tot zu machen), die Essstörung und hinten dran natürlich: die Täter_innenintrojekte mit ihrem Hass, auftauchen und es zusätzlich erschweren offen zu legen und zu erklären, worum es beim viele sein geht.

Viele sein bedeutet nämlich in dieser Welt auch: viel sein.
Es ist belastend, nervig, anstrengend, wenn eine Person immer und bei allem darum bittet, (bitten und betteln muss), dass manche Dinge einfach nicht gehen, weil sie Dinge auslösen, die dann wieder irgendwas abverlangen und und und

Ich habe seit der Diagnosestellung durchgehend das Gefühl eine Belastung zu sein. Ein Fehler, ein Mensch, dem man sich aus moralischen und nicht aus positivem “Einfach so” – Grund widmet und die Stimmen, die mir schon früher gesagt haben, dass ich anstrengend und nervig bin, bestätigen das natürlich.
Die Störung, der wir als Einsmensch ausgesetzt wurden, zieht sich bis heute durch unser Leben und hat sich mit uns selbst vermengt.

Heute stören wir, weil die Störung unserer Entwicklung nicht folgenlos endete.

Viele Personen, die von uns erfahren, dass wir viele sind und dass das so ist, weil wir 21 Jahre lang auf allen Ebenen miss-be-handelt wurden, übertragen die Verbindung “viele sein” = “misshandelt worden sein” auf uns “Rosenblätter sein” = “Gewaltthematik”.
Und was machen Menschen, die die Wahl haben, ob sie sich widmen oder nicht, mit Gewaltthematiken? Richtig: sie verpissen sich, machen den Kopf zu, fangen an die gesellschaftlich anerkannten Vermeidungstänze aufzuführen – und lassen uns stehen.
Im günstigsten Fall hängt nichts an dem Kontakt – da können wir dann selbst auch gehen und trösten uns mit dem Gedanken: “Naja, wenigstens hat sie Person jetzt mal davon gehört.”.

Schlimm wird es bei Personen, die nah sind. Oder nah geworden sind. Oder wo es um Abhängigkeiten geht.
Die letzte KJP in der wir waren, hatte die DIS-Diagnose zum Beispiel negiert und uns als Hysterikerin (jupp – die gibts noch als Diagnose) behandelt, was im Großen und Ganzen bedeutet auf nichts (und niemanden) von uns zu reagieren. Was für uns einen Raum aufmachte, in dem wir 24 Stunden am Tag spürten, dass wir alleine waren. In einem fremden Bundesland, mit dem Wohnort Kinder-und Jugendpsychiatrie, in der ein Pfleger seine Position ausnutzte.

Anderes Beispiel ist die Jugendhilfe, die wir teilstationär danach in Anspruch nahmen. Wir sagten, dass wir viele sind und, dass wir Gewalt erfahren.
Die Diagnose wurde von einer Klinik für Psychosomatik dann bestätigt und [Trommelwirbel] NICHTS passierte. [TUSCH]
Wir wurden in unserer Wohnung überfallen – das Schloss wurde 3 Wochen später ausgetauscht.
Ostersamstag 2007 riefen wir den Hintergrunddienst der Betreuung an, weil wir nach einem Spaziergang, verletzt in unserer Wohnung gelandet waren, obwohl wir eigentlich untergetaucht bei unserer damaligen Gemögten lebten. Wir baten um Begleitung ins Krankenhaus. Spurensicherung, Anzeigeerstattung – hatten wir (schweinemutig wie nie zu vor!) im Kopf – der Betreuer im Dienst, hatte aber die Stadt verlassen. Wollte so gerne ein ruhiges Wochenende. Er bat um Verständnis – wir nickten, legten auf, zersplitterten.

Viele bunte Schimpfwörter haben wir heute dazu im Kopf.

Vor allem, wenn wir heute in Veranstaltungen wie der Fachtagung “Wir sind viele” letztes Jahr in Mainz sitzen und hören, warum so viele Betreuer_innen so viel derbe Kackscheiße mit ihren Betreuten machen: Sie haben einfach keine Ahnung oder keine andere Wahl und nicht zuletzt sind manche auch einfach ignorante Arschlöcher, die, weil sie Gewalt selbst nicht erlebt haben, keinen Grund sehen davon auszugehen, dass es sie gibt und eben auch nicht folgenlos bleibt.

Was mir unter anderen Menschen, die viele sind, daneben begegnet ist eine mich traurig machende Bereitschaft zu glauben, dass Betreuungspersonen oft deshalb keine Ahnung vom Umgang mit komplex traumatisierten Menschen haben, weil sie nur Faker_innen vorher betreut haben.
Eine ähnliche Abwertung passiert meiner Ansicht nach, wenn Menschen sagen: “Ja in Klinik XY kriegen ja alle, die wollen eine DIS-Diagnose und deshalb machen die da nur Bullshit, weil da sind ja nur Fakes, die davon profitieren.”.
Leute: Scheiße entsteht, wenn Scheiße passiert und was in unserer Gesellschaft und in unserem Gesundheits- und Sozialleistungssystem passiert, ist so widerwärtig stinkende Scheiße, über die man sich genauso aufregen kann – nur komisch: das passiert ja gar nicht.

Haben wir da etwa einen blinden Fleck, weil es sich leichter in Richtung einer konstruierten Autorität motzen und abwerten lässt, als sich zu solidarisieren?

~ Fortsetzung folgt ~

viele sein?

~ Fortsetzung ~

Eigentlich ist die Fragestellung “Bei mir wurde eine DIS diagnostiziert – was jetzt?” wichtig und gut. Leider wird sie selten so offen und breit gestellt, dass es Raum zum Austausch außerhalb bestimmter äußerer Rahmen geben kann.

Ich habe die Frage selbst erst gestellt, als die Diagnose an mir erneut gestellt wurde – und zwar der Therapeutin, die sie gestellt hatte.
Und heute frage ich mich: Wieso habe ich damals eigentlich nur die Therapeutin danach gefragt und nicht mich selbst oder mein Innenleben? Oder andere Menschen mit der Diagnose?
War ich eine von denen, die frag- und klaglos hinter Medizin und Psychologie her trottete und froh war, keine eigene Haltung haben zu müssen?
Hm, ich glaube schon an manchen Stellen und in Anbetracht der Tatsache, wie ich damals um mein Überleben kämpfen musste, ist es für mich heute auch so eingeordnet, dass ich mir das  vergeben kann.

Ich merkte, dass mir Antipsychotika, verhaltenstherapeutische Ansätze nicht halfen. Verloren hatte ich auf dem Weg bis zur Prüfung der DIS-Diagnose, aber schon die Instanz, die wirklich durchgehend ein wohl- bis mit-mir-mitwollendes Auge auf mich hätte haben können: meine Familie, meine Freunde, ein soziales Umfeld, das mich hat aufwachsen und entwickeln sehen. Niemand hätte für mich mit überprüfen können, ob das was da eigentlich in den 4 Jahren vorher passiert war, irgendwie vielleicht doch positive Auswirkungen hatte, die ich selbst nicht sehen konnte.

Was ich hatte, war mein Empfinden von: “Ey egal, was ich habe – eine Schizophrenie, eine Psychose oder eine Borderline-problematik, habe ich nicht.” und als die Diagnose der DIS bestätigt war, ich 12 Wochen lang in einem Umfeld war, in dem ich wirkliche Entlastungen erfahren konnte, war es mir am Ende auch egal, wie es hieß, was da in mir drin passiert.
Ich war froh darum, dass es einen Ort gab, in ich über J. und K. und C. und C. und all die anderen reden konnte, ohne, dass mir mein Bezug zur Realität aberkannt wurde. Ich war froh, dass mir endlich geglaubt wurde, dass es noch Gewalt in meinem Leben gab.

Heute und gerade in der Netzbubble zu Traumafolgeproblemen erlebe ich es so, dass es Menschen gibt, die mehr oder weniger Beweise für die DIS im Gegenüber sehen wollen und verlangen, dass niemandem fälschlicherweise diese Diagnose gestellt wird. So kann man die soziale Umgebung der Selbsthilfe-Austauschforen und –gruppen und was es nicht alles gibt, für sich kontrollieren und das kann wichtig sein.
Es wird aber an der Stelle problematisch, wenn man mitbeachtet, wie unterschiedlich die DIS an unterschiedlichen Menschen aussehen kann und auch, wenn man sich anschaut, wie schwammig bis fließend die Übergänge zu weniger ausgestanzten Formen komplexer dissoziativer Traumafolgeprobleme sind.
Und auch: dass Falschdiagnosen üblich sind. Es gibt keine Diagnose und auch sonst nichts im Leben, bei dem es nicht zu Fehlern kommen kann.

Für mich ist es am Ende tatsächlich egal, ob jemand mit einer tertiären DIS oder einer leichten DDNOS vor mir steht und mich fragt, ob ich zufällig von einer Klinik weiß, in der Traumafolgeprobleme der Seele gut, sorgfältig und im Hinblick auf die Wahrung der Menschenwürde achtsam, behandelt werden. Wer bin ich denn, erst mal eine Diagnose abzufragen oder zu argwöhnen, die Person wolle es sich im rosaroten DIS-Wunderland gemütlich machen?

Und überhaupt – wo ist denn eigentlich dieses rosa Wunderland für Menschen mit DIS?
Und wo sind denn bitte all die Vorteile, die sich da so angeblich erschlichen werden wollen, mit einer vielleicht sogar gefakten DIS?

Was ich sehe ist oft gezuckerte Ohnmacht, stellvertretende Wut, und ansonsten nicht als Mehrsamkeit.
Ja, vielleicht ist Mehrsamkeit toll und vielleicht ist das Ziel des Netzeskapismus von DIS-Faker_innen nichts weiter als das. Vielleicht sind DIS-Fakes nichts weiter als richtig traurige einsame Würstchen, die einfach ein zwei drei Mal am Tag den Kopf getätschelt haben wollen und hören müssen, dass sie toll sind und das Beste tun, was sie können.

Das Ding ist: ich will an manchen Tagen auch nur das. Und manchmal will ich auch monatelang nur das. Und ich will das – wie all die DIS-Fakes wahrscheinlich auch: aus Gründen.
Unsere Gesellschaft ist so brutal miteinander und die Welt da draußen ist so verdammt hart für so verdammt viele Leute – aber Hauptsache nur die Menschen mit ner echten DIS oder mit einer echt nachweisbaren Opferschaft im Hintergrund dürfen darunter leiden?! Gehts noch?
Na klar ist es scheiße, wenn sich Mitgefühl über Lüge und Betrug erschlichen wird, aber woher sollen Menschen wissen, dass sie sich auch ehrlich an andere Menschen mit einen Wunsch nach Mitgefühl und ja, vielleicht auch Mitleid und stellvertretend geäußerte Wut, wenden können, wenn es eine Erlaubtheitsskala für Leiden oder Not jeder Art gibt?

Ein Punkt der in den DIS-Diagnosenkampfolympics nämlich auch übersehen wird, ist der Zweifel.
Bin ich wirklich viele oder ist das alles unecht? Bin ich krank? Bilde ich mir das ein? Ist die Diagnose richtig oder falsch? Was bedeutet das jetzt eigentlich – es hat sich doch gar nichts verändert? Ich bin nicht so wie andere, die von sich sagen, dass sie viele sind – bin ich also nicht viele? Wenn ich “ja” zur Diagnose sage, sage ich dann automatisch auch “brutale Missbrauchsfamilie”, “satanistische Drogenmenschenhandelweltverschwörungssekte” und – das Schlimmste: “wehr-schutz-hilfloses kindliches verlassenes missbrauchtes zerstörtes OPFER” ?

So eine Diagnose wird einem nicht mit einem Ordnungssystem gegeben und das letzte, was in einer guten Traumatherapie passiert ist, dass die Behandler_innen daher kommen und ihren Diagnostizierten sagen: “So, also sie haben eine DIS, weil XY und wenn sie jetzt diesen “Ja, ich habe die Diagnose in mein Krankheitenstickeralbum aufgenommen”- Bogen unterschreiben, bekommen sie einen Gutschein für 3 mal täglich Kopftätscheln, einmal in der Woche dürfen sie ins Flauschbällebad für Missbrauchsopfer und einmal 50 Minuten Mitleid im Rahmen der ambulanten Psychotherapie.”.

Der Zweifel an der DIS-Diagnose ist eigentlich das, was die gesamte Diagnosefindung ad absurdum führen kann und nicht selten zu existenziellen Krisen führt. Wenn man bedenkt, dass es für viele Betroffene von zum Beispiel komplexer Traumatisierung durch nahe Familienangehörige, existenziell wichtig ist, das eigene Bewusstsein für sich selbst, sein Sein und Selbst abzuspalten, muss es zwangläufig nicht nur schwer, sondern auch bedrohlich sein, über zum Beispiel eine Diagnose, die das eigene Sein und Selbst benennt (oder dies versucht) an eine Überbrückung dieser Spaltung herangeführt zu werden.

Es gibt Menschen (like me), die verbringen viel Zeit  damit, vor dieser Überbrückung zum Selbst-Bewusstsein herumzuspringen, weil sie das starke Empfinden von Bedrohung haben. Das Letzte, was dann hilft, sind Leute, in deren Gruppe man gekommen ist, um sich zu versichern, oder zu hören, wie es Menschen geht, die diese Brücke genommen haben, die dann erst mal einen Beweis für etwas haben wollen, wovon man sich selbst erst einmal für sich selbst versichern und ja, vielleicht auch überzeugen muss.
Man kann Dinge, die man selbst nicht wirklich an sich überprüft hat, von sich weisen, als wären sie nicht da.

Auch deshalb sage ich den Menschen, die diese Diagnose erhalten haben, aber zweifeln und hadern und vor der Brücke umher schleichen bis hopsen, bis sich ein Lager davor aufgebaut haben, dass sie ruhig rüber gehen können.
Weil sie nur gewinnen können und zwar: die Chance, selbst zu überprüfen, ob es passt oder nicht.

Manche Menschen brauchen Unterstützung bei dieser Überprüfung, manche müssen nur wissen, dass es ihnen nicht allein so geht. Manche brauchen im Außen jemanden, di:er ihnen sagt, dass sie bleiben, egal ob die Diagnose und all ihre möglichen Implikationen “echt” sind oder nicht. Und manche Menschen brauchen immer wieder die Erinnerung daran, dass es sich bei Diagnosen immer nur um den Versuch handelt, etwas zu erfassen un nicht um eine allmächtige Ordnung der Welt.
Und diese Unterstützung kann drei mal tägliches Kopftätscheln erfordern. Es kann bedeuten, dass Menschen erfahren müssen, was es bedeutet einen Umgang damit zu haben einmal zum Opfer von Gewalt gemacht worden zu sein.

Auf keinen Fall bedeutet es, dass man seine Not als frisch diagnostizierter, verunsicherter und belasteter Mensch vor anderen potenziell Unterstützenden beweisen muss. Zumindest nicht für mich.

~ Fortsetzung folgt ~

Fundstück

Meine Regulation ist gestört. Das weiß ich und trotzdem tauche ich meine Hände in die Küchenspüle.
Ob das jetzt zu heiß war oder nicht, werde ich schon noch erfahren. Denke ich. Es dampft nicht verdächtig und eigentlich habe ich nichts anders gemacht als sonst. Aber mir fehlt das Stück zwischen Reizerfassung und Erkenntnis.

Während ich den Abwasch mache, denke ich an das Kind und den Bösen. Der Böse ist auf einer Insel und irgendwo lacht es immer noch darüber, dass die Therapeutin ihn von uns versorgt wissen wollte.
Ich weiß gar nicht, ob die Bösen überhaupt solche Bedürfnisse haben. Sie haben ja nicht mal das Bedürfnis nicht als “die Bösen” von mir gedacht zu werden.

Ich kratze auf der Teflonpfanne herum. “Es haftet ganz schön inbrünstig auf so einer Antihaftbeschichtung”, denke ich und überlege, ob meine Hände eigentlich immer so rot sind, wenn ich abwasche.

Und das Kind? Wieso schreit es eigentlich gar nicht?
Weiß es denn nicht, dass es ihm etwas Schlimmes passiert..e? Es muss doch jetzt ein Weh haben, ein Weh klagen, ein Weh in den Äther schicken und schreien.
Das macht man doch so.
Wir hatten mit der Therapeutin besprochen, dass wir uns kümmern. Dass wir es von dort mitnehmen und gut versorgen. Weil man das so macht.

“Noch einmal mit Pril abwaschen.”, denke ich, “und dann ist die Flasche alle und dann können wir endlich wieder das Fit nehmen.”. Ich denke an die Frauenhände meiner Familie* in Küchenspülen neben denen oft, immer, manchmal, das Fit stand und merke, wie erbärmlich meine Art Familien*verbundenheit eigentlich ist. An andere Dinge, die mich dem was eine meine Familie* hätte würde wenn gewesen worden wäre, näher bringen, kann ich mich aber auch nicht erinnern.

Es schreit nicht, es weint nicht, es bewegt sich nicht. Ich fühle nur Nichts von ihm. Weißes Rauschen, das kein Dissen ist.
Ist es dann eigentlich leiden? Wenn es nicht leidet, braucht es dann “gut kümmern” von uns?

Mein Abwasch ist fertig und in der Spüle vor meinem Bauch, treiben Speisereste, Fettaugen und letzte Restschauminseln umher.
“Wie fühlt sich eigentlich Ekel an?”, frage ich mich und fühle mich so fern von all dem was ist und wäre hätte würde wenn. “Wieso habe ich das jetzt eigentlich gemacht?”.

Ach ja, da war das Kind, vielleicht im Grundschulalter, das vor einer Wand kniet und weder sieht noch hört, noch ist und die Frage, ob es wohl leidet.
Und die Verlassenheit vor der Frage, ob man sich kümmern muss, wenn es kein Leiden gibt.

Die Frage was Leiden ist.

Und der Versuch um etwas anderes als dieses weiße Rauschen, das nicht ist und war und wird und ganz in Wahrheit überhaupt alles gar nicht ist.
So wie ich.

irgendwo sein

upupandawayUnd dann ist es doch wieder eine Zeit, in der ich in einen Telefonhörer hinein sage: “Ich weiß ja auch nicht, was ich bei der Frau Doktor soll. Meine Therapeutin hat gesagt…”

Ich bin da. Ich bin präsent und verhalte mich. Und alles zieht an mir vorbei.
Ich bemerke das, bin bewusst dafür, dass ich zur Zeit so viel dissoziiere wie zuletzt vor Jahren. Ich habe Wörter. Ich habe Ressourcen. Ich stapfe durch die Tage und bin und bin und bin.

Ich sitze vor meiner Neurologin und sage ihr: “Ich glaube nicht, dass es epileptische Anfälle sind. Ich weiß doch, wie meine Traumametaphorik ist.”. Ich schüttle den Kopf und erwarte eine Art blechernes Scheppern, das die ganze Welt durch meine Ohren wahrnehmen kann.

Die Neurologin und ich gehen ins elfte gemeinsame Jahr und ich habe immer noch das Gefühl einen Fehler zu machen, wenn ich von “uns” statt von “mir” spreche. Ich muss mir noch immer mein Menschenkostüm über die Ellenbogen ziehen, weil sich meine Seelenphysis auf ein jugendliches Mädchen zusammenkrümelt.
Noch immer kämpfen wir um die Unantastbarkeit des Verbotes von Benzos jeder Art, wenn wir die Treppen zu ihrer Praxis hochgehen.

Während wir uns gegenüber anderen Helfer_Innen, Mediziner_Innen und gemochten Kontakten immer wieder so aktiv um Bindung und Beziehung bemüht haben, um letztlich zu scheitern, so irrelevant waren diese Kämpfe und Bemühungen bei ihr. Wir sind immer wieder als undefiniertes Wurschtelknäul bei ihr aufgeschlagen und als undefiniertes Wurschtelknäul wieder gegangen, ohne, dass es ihre Position als unsere behandelnde Ärzt_In oder unsere als Patient_In berührt hätte.

Sie sagt nicht so bohrende Dinge wie: “Das macht Ihnen Angst, nicht wahr?”, wenn ich sage, dass ich alle 2 bis 3 Tage die Kontrolle über meinen Körper verliere. Sie fragt, was ich davon merke, was ich dazu denke. Ich habe nie den Eindruck, dass ich mit ihr über meine Gefühle dazu reden müsste. Es ist irrelevant für unser Gespräch, unseren Kontakt, für ihr Bild von mir, ob ich das tue oder nicht.
Ich bilde mir ein, dass sie nicht über mich nachdenkt und das erleichtert mich.

Ich glaube, sie ist die einzige Helfer_In hier in der Stadt, die alle unsere Vermeidungstänze und Krankheits- oder auch Symptomkonstruktionen chronologisch mitbekommen hat.
Von “das sind die Anderen- ich weiß auch nicht” bis “vielleicht habe ich einen Tumor” bis “haben mich die Medis, die ich als Jugendliche kiloweise essen musste, vielleicht hirnkrank gemacht?” bis “ich bin Viele aber nicht die Anderen” – ist alles schon in Wörterschlangen aus unserem Kopf in ihren hineingekrabbelt und hat nichts bewirkt.

Am Montag haben wir unsere Akte bei ihr gesehen.
Ein ganz schmales Papierstäpelchen mit Klinikberichten und Konsiliarberichten drin.
Ich glaube, das ist die erste Akte zu uns, die ordentlich, sachlich, ganz und gar unbedrohlich ausgesehen hat.
Irgendwie einfach nur da. Nur präsent und weiter nichts.
Wir hatten auch schon Akten von uns in der Hand und vor Augen, die man mit beiden Händen tragen musste und aus denen an den Rändern Zettel herauslugten, wie Maden aus einer Biotonne.

Am Montag saß ich in ihrem Zimmer und bemerkte, dass es mir oft fehlt zu fühlen, dass nur relevant ist, was ich selbst auch weiß. Dass das gemeinsame Wissen das ist, was ich weiß. Über mich, über mein Viele sein, über die wissenschaftliche Seite der Dissoziation über meine Empfindungen dazu. Ich habe gespürt, wie viel freier ich Dinge bei ihr ausdrücke, gerade, weil sie nicht wie meine Therapeutin sagt (und sagen kann) “Ich weiß Dinge über dich und dein Leben, die du nicht weißt”.

Sie hat mich gefragt, ob ein Klinikaufenthalt eine Option wäre.
Ich erinnerte sie daran, dass sie mir vor einem halben Jahr gesagt hatte, die beste Option sei die ambulante Psychotherapie. Und sie sagte: “Wenn es Ihnen aber immer schlechter geht, dann stimmte das nicht.”. Einfach so.
Weil es mir ‘schlechter’ geht, ist ihre Annahme falsch gewesen. Nicht ich. Nicht das, was ich mit meiner Präsenz auslöse.

Irgendwie beruhigt das etwas und ein paar Jemande in mir.
Es gibt so viele Menschen, denen ich Angst mache. Die unruhig werden, wenn ich da bin. Es gibt so viel an mir, das Menschen einfach nicht stehen lassen können. Nicht bei sich selbst verorten möchten. Es gibt so viele Menschen, die mich irgendwohin schicken, ohne mir zu sagen, warum ich dort überhaupt hin und sein soll.

 

 

als sich einmal Parallelen verbanden…

P6190068“Seit in mir alles durcheinander brüllt und weint und schreit und krampft und zappelt, gehts mir so gut, wie lange nicht. “, dachte ich heute morgennacht, als ich auf meine Betäubung wartend im Bett lag und dem Hund beim Atmen zuhörte.

Ich denke, “Ich muss doch mal wieder was ins Blog schreiben.” Und dann: “Ja was soll ich denn da rein schreiben?
Die lesen doch eh, was sie lesen wollen oder können oder dürfen oder müssen, what ever.
Darf ich da reinschreiben, dass ich meinen Selbsthass gerade gut finde und einfach gar nichts anderes machen will? Oder kommt dann ein großer Zeigefinger aus meinem Bildschirm und schimpft mich “Du du du- das geht aber nicht, das ist gar nicht positiv und heilsam!”?”.

Ich hab auch über diese “das Böse in mir”- Geschichte nachgedacht und gemerkt, dass sie die “falschen” Leute gefragt haben. Und, dass es in dieser Frage niemand “richtigen” gibt.
Was auch immer DAS DA innen ist, es kann nur sein, was die Menschen und Mächte zu sein haben wollen oder müssen oder brauchen oder what ever.

Mit uns und mir hat das aber nichts zu tun. Es ist schlicht nicht die Wahrheit, weil es so etwas wie Wahrheit und Wahrhaftigkeit nur auf klitzekleinen subjektiven Inselparadiesen des Bewussten geben kann.
Ich weiß gar nicht, wie sie und wir und alles im Innen darauf gekommen sind, diesem Wahrheitending hinterher zu hechten. Das war nie unser Kurs und es war und ist immer klar, dass Wahrheiten keinen so großen Einfluss auf das Leiden an oder mit oder unter etwas oder jemanden haben, dass es sich für uns lohnt, dem im Hoffen auf Entlastung nachzukommen.

Ich weiß, was mich entlastet und das ist akut sehr hilfreich.
Ich denke mir, dass Köpfe geschüttelt oder Hände über eben jenen zusammengeschlagen werden, wenn man von den superdupermegaweiten und ja schon fast fertigen Rosenblättern liest, dass sie sich gerade nicht mit Skills oder anderen positiven Ressourcen helfen, sondern damit, einfach gar nichts mehr davon zu machen, was ihnen andere Leute irgendwann mal beigebracht haben.
Das ist als würde ich Zähmung loszuwerden versuchen und ich fühle mich gerade sehr gut damit.

Ich habe den nächsten Therapietermin abgesagt – das heißt wir müssen da erst in 3 Wochen wieder hin bzw. nö – eigentlich ist erst 3 Wochen wieder ein Termin vereinbart. Müssen muss ich und müssen wir gar nichts. Ich will mir überlegen, was wir da eigentlich machen und wozu. Ob das überhaupt noch unser Kurs ist oder zu einem wurde der uns nicht gut tut.
Wir haben in den letzten Monaten so viel angefasst und durchgeschüttelt, aber Zeit zum Verarbeiten und Sortieren war nicht genug und ich denke, dass da irgendwas schief ist, wenn die Frontgängerin, die eigentlich NIE irgendwas merkt, mehrfach sagt: “Ich bin müde, ich bin kraftlos blablabla…” und man dann doch in der nächsten Stunde wieder etwas Heißes anpackt, weil das Gespräch einfach irgendwie so verläuft.
Ich mag diese Therapie sowieso auch nicht. Ich war schon von Anfang an dagegen mich fragen zu lassen “Wer sind sie? Mit wem spreche ich?”, zu Gunsten von Gefühlen von Kontrolle und damit Macht über die Situation und irgendwie auch mich als eine Uns, nur damit man am Ende irgendwas Fremdes zu denken bekommt und das in sich selbst finden soll, obwohls vielleicht gar nicht da ist und auch nie war.

Ich hab keinen Bedarf an Labeln von außen für das, was uns hat viele werden lassen. Mich interessiert nicht, was eine Gesellschaft zu etwas sagt, das sie, wie es ihr beliebt “Gewalt” nennt oder “Notwendigkeit”. Mich kotzt die Verlogenheit dieser unserer Umgebung in Bezug auf Verletzung, Demütigung und Unterdrückung schon an, aber richtig schmerzlich und unaushaltbar wird sie, wenn sie unreflektiert bei uns landet und dann Teil einer Norm wird, die, wenn sie als solche in anderen Kontexten benannt wird, abgelehnt werden würde.
Zum Beispiel wenn ich eine Email schreibe, dass ich den Therapietermin absagen will und die Therapeutin erst einmal schreibt, sie würde den Termin verbindlich gelten lassen. Was soll das denn? Wenn ich beim Zahnarzt einen Termin absage, sagt auch niemand: “Nee, sie kommen gefälligst her, because Termin ist Termin”.

Es interessiert mich nicht, was da für Intensionen hinterstehen. Es interessiert mich nicht, in wie vielen anderen Fällen so eine Rückfrage SCHON LEBEN GERETTET hat. Mein Leben ist nicht mehr bedroht als sonst. Überraschung- es ist in echt immer gleich scheiße, gleich belastet, gleich schwierig, gleich kompliziert, gleich nicht nachvollziehbar.
Ich glaube, für manch eine Person ist es wirklich eine Überraschung, wenn sich herausstellt, dass wir ein Mensch sind und dann auch noch einer, dem es beschissen geht, auch wenn Twitter, Facebook und diverse andere Spuren des Wirkens das gar nicht vermuten lassen.
Dann ist es plötzlich ganz verwunderlich, wie schnell man die Stigmatisierung von Krankheit und Behinderungen aufgrund psychischer Faktoren überwunden hat, als die gegenseitige Ähnlichkeit sichtbar und bewusst wurde.

Und plötzlich ist es peinlich, dass man Sätze wie “Es geht mir nicht gut” oder “Ich brauche eine Pause” oder “Ich muss langsam machen” irgendwie immer hat untergehen lassen, wie Sahne in heißem Kakao.
Es ist peinlich- nicht schmerzhaft, nicht überfordernd, nicht enttäuschend wie für mich und uns.

Und dann sollen alle Seiten machen, dass es wieder ins Lot kommt, obwohl es nur um eine Seite geht.
Es hat nichts mit uns zu tun, wenn andere Menschen uns nicht auf die Art zuhören, wie man jemandem zuhört, der gerade Bedürfnisse äußert oder Schwierigkeiten schildert oder Anteil an den Kämpfen in seinem ganz realen, ganz greifbar auch schmerzvollem Leben gibt.

Alles, was wir sagen können ist das, was wir schon seit Monaten sagen: Wir trauern, wir sind ungerächt, wir sind überarbeitet und froh um jeden Tag an dem sich etwas, was auch immer, erfühlen lässt, am Leben zu bleiben.
Für jetzt ist es ein Herbstcomic jeden Tag und ein Vortrag, der hoffentlich anderen Menschen hilft, in 3 Wochen.
Und eben nicht: ein Seelenarbeits-  Seelenoptimierungs-  Seelenseziertermin nächste Woche, der wieder neu in Frage stellt, was man gerade noch irgendwie in den Händen hatte. Und eben auch nicht: das Blog, in das so viel Arbeit, Zeit und Herzblut fließt und doch nicht das ist, was hilft, wenn es mir und uns so geht, wie es uns gerade geht.

Huch, mich gibt’s ja oder Trauma–Yoga Teil 1

Unsere Therapeutin ist vor ein paar Monaten mit der Praxis umgezogen. Wenn man jetzt aus einer Stunde wabert/schwabbelt/kullert/plumpst, dann läuft man immer erst mal gegen eine Wand aus Straßenlärm und dieser typischen Ignoranz, die der Lauf der Dinge neben einem her irgendwie an sich hat.
Heute fand ich das erstmals bewusst angenehm.
Manchmal komme ich aus der Therapie und das Gefühl im Zentrum einer Aufmerksamkeit zu sein, klebt noch eine Weile an mir. Es dauert bis diese Verschiebung nachlässt – außer, mir wird meine Egalheit so schön bewusst wie heute.

Egalheit ist gut. Auch.
Nicht immer. Manchmal kotzt mich meine globale Egalheit auch an.
Aber manchmal, wenn es um _mich_ geht – nicht um “Hannah C. Rosenblatt Einsmensch mit Funktion A B C und Labelpalette von –> bis “ – sondern um mich: Existenz, Präsenz, Metabolismus , dann ist es offenbar noch immer öfter sicherer für mich einfach egal zu sein. Also “egal” as in “gar nicht da”.

Ein Herz dort draußen hat mir das Buch “Trauma – Yoga – Heilung durch sorgsame Körperarbeit” von David Emmerson und Elizabeth Hopper von meiner Wunschliste zukommen lassen (Danke <3 ) und ich habe angefangen es zu lesen. Es ist ein Yoga – Übungsbuch, aber auch ein “Traumafolgen neu- verstehen”- Buch für mich, die bis jetzt nichts mit Yoga zu tun hatte.
Ich bin jetzt bis zur ersten Übung gekommen.
Mit Luft anhalten und Erinnerungen daran, dass es nur ein Buch ist und nichts woran Bedingungen geknüpft sind.

So ist das nämlich: Dann liest man “hat schon vielen Tausenden geholfen” und denkt “und? Muss es dann jetzt deshalb auch mir helfen? So wie dieses für mich nur stressige Stressbewältigen mit den sicheren Gärten und dem leisen Schnarchen vom Mitpatienten 2 Meter weiter, offenbar ALLEN und IMMER geholfen hat?” und auch: “Oh G’tt- ich habe eine Wunderwaffe in der Hand? – ist alles andere doch schon immer sinnlos gewesen? Habe ich Zeit verschwendet….?” und dann sind sie alle wieder da: die Zweifel, die Abwertung und das Vergessen der Entwicklungsschritte.

In dieser ersten Übung geht es darum die Verbundenheit mit dem Boden, auf dem man sitzt, oder mit dem man über Bett/Stuhlgestell verbunden ist, wahrzunehmen und schließlich mit dieser Verbundenheit zu interagieren.

Frau Rosenblatt hatte an der Stelle einen winzigkleinen Erkenntnis – meltdown, um vor sich irgendwie zu verpacken, dass es sie ja gibt.
Ich habe nicht weitergemacht, weil ich mich nicht schon wieder selbst auf Vermeidungstänze konditionieren will, wie ich das mittels Dialektisch- Behavioraler- Therapie gemacht habe, sondern lieber vorher so große Impulse hinterfragen.
Sehr hilfreich war dabei, dass der Übungstext schon genau so formuliert war, dass darin Raum für: “Ob sie das machen oder nicht, ist okay” war, denn “okay” ist nahe genug an “egal” für mich an Stelle, um mich dann auch darauf zu beziehen und mich sowohl zu trauen, aber auch wieder rauszuziehen.

Es ist jetzt nicht so, dass ich bisher durch die Welt gegangen bin und dachte ich sei inexistent, aber in meiner Sicht auf mich gibt es schon blinde Flecke, die eben genau da anfangen, dass ich vor weiten Teilen des Lebens eher “in Wahrheit gar nicht da bin” als wirklich präsent und verbunden mit irgendwas oder irgendwem. Und wenn ich dann verbunden bin, dann hat es einen Zweck, der mit einer Dualität bzw. Mehrsamkeit zu tun hat. Das ist in der Therapie mit der Therapeutin, mit meinen Gemögten im Gespräch oder mit NakNak* in manchen Situationen.
Das ist vom Spannungsgrad her schon etwas Anderes. Das ist BÄNG ICH BIN DA WO IST DIE KATASTROPHE DIE JETZT GLEICH SOFORT UND GANZ SICHER PASSIERT? KEINE PANIK ICH HAB ALLES IM BLICK – Präsenz, die der Logik des “in Wahrheit gar nicht da seins” Futter gibt, denn wer nicht da ist, der hat auch nicht alles im Blick.

Ich habe mir überlegt, dass ich erst einmal bei dieser Eröffnungsübung bleibe, bis sich der Gedanke “Ich bin” üblich in dem Zusammenhang anfühlt. Also nicht “normal” oder so, dass sich meine Spannungskurve nach oben schiebt “aber ja noch händelbar ist“, sondern so, dass mir gleich mit bewusst bleibt, dass ich mich gerade in meinem Da – sein wahrnehme, weil ich mich drauf konzentriere und nicht, weil gerade Alarm ist.

Vielleicht heißt es deshalb auch “Yoga üben” und nicht “Yoga machen”.
Erst mal üben, dass die eigene Existenz auch ohne Not oder Alarm wahrnehmbar ist.

da ist was

Ich stand in der Praxis meiner Gynäkologin und sagte ihr: “Es kann auch sein, dass meine Beschwerden für mich größer sind, als es das, was ich letztlich habe, in der Regel so verursacht.”. Sie lächelte mich an und sagte: “Ja, aber Sie haben ja was. Das ist ja alles so entzündet, dass ich mich frage, wie sie damit überhaupt zurecht kommen.”.

Schwierige Ansage. Obwohl- Psychosomatik geht immer mit schwierigen Ansagen einher. Zumindest wenn ich mit MedizinerInnen* zu tun habe. Das Eine ist: “Es kann gar keine Psychosomatik sein, weil sie ja da was haben.” , das Nächste ist: “Es ist so schlimm, dass ich mich frag, wie sie zurecht kommen” und das Dritte ist: “Ja, aber…”.

Ich war mit meinen Unterleibsschmerzen in der Praxis, weil ich mir selbst nicht mehr helfen konnte.
Wenn es einen Ort gibt, den ich auf mehr als der Ebene “Medizin = Körper = uääää” verabscheue, dann die gynäkologische Praxis, meiner netten freundlichen Ärztin*. Nirgendwo sonst befeuern sich meine erarbeitete Sexpositivität, mein eingebrannter Selbst- und Körperhass, mein Genderdurcheinander und meine Angst zu sterben so heftig, wie da. Wenn ich dort hingehe, dann erwähne ich meine Psyche nach Möglichkeit nicht, weil es eben auch keinen anderen Ort gibt, an dem sexuelle Misshandlung, Verstümmelung und ihre Folgen so zweischneidig präsent ist.
Wenn Menschen einen Ort suchen, an dem Vergewaltigungskultur pulsiert, dann finden wir ihn auf jeden Fall in der Gynäkologie.

Niemand sagt: „sexuelle Misshandlungen gibt es nicht“ – doch wenn jemand sagt: “Ich habe diese und jene Folgen von sexueller Misshandlung (zum Beispiel ein Schmerzempfinden zwischen Level 1 Zillion und 0 in einem Zeitraum von Minuten)”, dann kollidiert dies nachwievor mit dem “Medikus- Ja, aber…”

Meine persönliche Diagnose ist: Ich habe Anfang Mai eine der krassesten (Bindungs-) Retraumatisierungen der letzten zwei Jahre erlebt; meine engste Gemögte ist weggezogen; eine Fastgemögte wollte nach einem Konflikt keinen Kontakt mehr mit uns; ich hab mich aus der Selbsthilfeforenszene rausgezogen, nachdem ich vor einem dauerschwehlenden Konflikt nur noch ohnmächtig war und mein Innenleben und ich stecken in für uns großen Projekten mit unüberschaubaren Auswirkungen auf unser Leben. _Selbstverständlich_ streckt mein Immunsystem die Waffen und kann trotzdem nicht überall sein. Ich bin einfach nur noch müde, bewege mich kaum und meine Hauptmahlzeiten sind, wenn mans runterbricht, Fett und Zucker. Ich fange morgens um 9/ 10 Uhr an zu arbeiten ™ und höre irgendwann um Mitternacht damit auf.
Wenn ich eine Infektion wäre, ich würde mir auch einen Partyhut aufsetzen und mir den schwächsten immer irgendwie schwierigen Punkt in diesem Körper aussuchen.

Ich habe jetzt Antimykotika und Bakterienkiller geschluckt, Kortisonsalbe und Ringelblumenöl verwendet- der Schmerz ist aber noch da. Jetzt bin ich an dem Behandlungspunkt, an dem ich mir wünschen würde, unser Gesundheitssystem hätte so etwas wie eine etablierte Doppelbehandlungskiste. Gerade wegen Wartezeiten und Wochenenden.
Weil ich nun auf Laborergebnisse warten musste, um zu wissen, was die Symptome auslöst, fing ich an, mir die Sorgen, die ich sonst schön bei der Ärztin gelassen habe, anzuschauen. Ich dachte an Bakterien, die ich mir vor Jahren in Misshandlungskontexten eingefangen haben könnte und die in der Folge mit 5 partybehüteten Köpfen in meinem Uterus herumhüpfen. Ich dachte an Krebs und Zysten, an AIDS, weil ich keine anderen Krankheiten kenne, die “Immunsystemschwäche” bedeuten. Ich dachte an all die Geschlechtskrankheiten, die ich eventuell gehabt haben könnte und erinnere mich nicht, ob ich wirklich immer alles ordentlich behandelt habe. Und wo ich gerade schon an meinen Unterleib dachte, dachte ich an alles, was dort jemals passiert ist (und/oder passiert sein könnte) und mochte mich am Ende unter 30 Decken einrollen und darauf warten, dass einfach alles sofort zu Ende ist.
Genau für solche Zeiträume, hätte ich gerne eine Mischung aus meiner Therapeutin und meiner Gynäkologin. Jemand, der sich mit meiner Geschichte und meinem Körpermist auskennt; mich aus den 30 Decken rauspult und mir die Angst abbauen hilft.

Ich weiß, dass ich Schmerzen vor Angst vor dem Schmerz haben kann. Dafür lebe ich einfach auch schon lange genug mit Angst vor der Angst und der Panik, die immer dann kommt, wenn die Angst mal nicht zuverlässig kommt.

Bei Psychosomatik geht es nicht darum, ob “da etwas ist” oder nicht. Es geht (zumindest mir) nicht darum, getröstet und geflauscht zu werden, weil ich etwas “habe”.
Meine Somatik sind Schmerzen. Immer und immer wieder sind es Schmerzen, die weder in Muskeln noch Knochen, noch Sehnen noch Organen sitzen, sondern genau in dem Stoff, den es angeblich nicht gibt. Aristoteles nannte es “Äther”. Im Buddhismus ist es als “Akasha” bekannt. Ich weiß heute, dass ich damit eigentlich schon genau benenne, was mir weh tut, wenn ich psychosomatischen Schmerz benenne: mein Bewusstsein für (oder/und Erinnern an?) einen Schmerz, der mich an die Grenze meines Bewusstseins brachte und mehr als einmal drüber schubste.

Es wird gerne gedacht, man könnte Psychosomatik mit dem Placebo-Effekt behandeln, weil man vergisst, dass der Placebo- Effekt lediglich den Beweis für die Macht des Bewusstseins über körperliche Empfindungen darstellt. Bei der Manifestation von psychischen Konflikten und Wunden, an der Physis von Menschen, handelt es sich nicht um “nichts”, das bewiesen werden sollte. Es ist selbst ein Beweis dafür, dass dort etwas ist.
Ich muss nicht anfangen zu denken: “Es ist jetzt alles okay.” Ich muss das fühlen können und genau das tue ich nicht.

Dass ich jetzt auch noch “wirklich was hab” ist mir dabei irgendwie so ein richtig schöner Knüppel vor den Füßen. Einerseits fühle ich ganz genau, dass mein Immunsystem damit total gut auch ohne die Ärztin und ihre Behandlung klarkommen könnte – andererseits merke ich, dass ein Großteil meiner Abwehrkraft in Richtung “Seelenschutz” geht.
So große Konflikte, wie den im Mai, habe ich sonst immer mit meiner Wut kompensiert- ich hab mich stark gefühlt- aktiv. Nach dem großen Autsch, kam immer ein Anlauf, in den ich mich reingewütet hab und die Explosion hatte in aller Regel eine Klärungslawine in Gang gesetzt. Tja.
Und dieses Jahr hab ich Therapiefortschritte gemacht. Hab genickt als meine Therapeutin sagte, meine Wut würde nichts bringen. Hab geschwiegen auf jedes “Geh weg” und habe einfach gar nichts mehr an den Stellen berührt. Nichts ist passiert. Nichts ist geklärt.

Es ist nichts gut geworden. Dann brauche ich auch nicht anfangen mich noch obendrauf zu belügen und mir zu sagen, ich müsse nur wollen, dass es mir besser geht, dann ginge es mir auch besser. Es ist einfach nichts okay. Ich hatte schon was, bevor meine Ärztin oder meine Therapeutin oder meine Gemögten und Bekannten mir angesehen haben, dass ich was hab.

Jetzt ist es alles gleichzeitig und wo ich anfangen soll, weiß ich selber nicht.
Ich weiß inzwischen: medizinisch bin ich gesund zu kriegen- das Gewebe muss nur aufgebaut werden.

 

Und der Rest…?
Ich halte mich an meinen Projekten fest und hoffe, dass die Schwindel- und Schwächegefühle nachlassen.
Nachher gehe ich mit dem Hund raus. Zähle nochmal nach, wie viele Tage die Therapeutin Urlaub hat.
Ich (fr)esse. Ich arbeite ™. Ich bin.

Ich hätte auch was, wenn die ganze Welt mir sagte, da wäre nichts.

 

Es ist einfach gar nichts okay.
Nichts ist mehr okay, wenns weh tut.

ich mache das, weil ich es kann – nicht weil ich bin

NakNak Ich verließ die Praxis meiner Therapeutin und sah mich wie eine Art frische Götterspeisenmasse. Irgendwas zwischen kochend verdampfen und flüssig erstarrend.
Es hatte mich angestrengt zu sprechen und dabei auch noch etwas zu sagen, aber es ging mir besser als vorher. Immerhin gut genug, um das Vorhaben neue leichte Schuhe zu kaufen und ein Fischbrötchen zu essen umzusetzen.

NakNak* hatte am Sonntag schlimmen Durchfall und fieberte ein bisschen. Ich dachte, sie würde sicher viel schlafen und nicht direkt merken, dass ich etwas länger als sonst weg bin. So aß ich meinen Backfisch, erinnerte mich ans Meer und überlegte, wie ich meine Schleswig Holsteiner Oktoberwoche wohl füllen könnte.

Als ich die Tür zu meiner Wohnung öffnete, schlug mir schon ein übler Geruch in die Nase.
NakNak* konnte es nicht halten, hatte lachenweise Blut und Schleim von sich gegeben und lag auf dem Boden der Küche. Mein Kommen mit einem Heben und wieder Ablegen des Kopfes quittierend.

Dissoziieren ist etwas Gutes.
So ein Umschalten auf den Handlungsmodus – hingehen, machen, wieder weggehen- das hält mich unabhängig. Ruhig. Sachlich.
Ich untersuchte sie kurz und wusste schon, dass sie nur dehydriert und zu schlapp vom Fieber war, um so viel zu trinken, wie sie gebraucht hätte.

Neu ist, dass ich unsere Gemögte anrief, weil ich wusste, dass es mindestens ein Innenkind gibt, das an diesem Anblick und NakNak*s Krankheit überhaupt mehr als nur “schwer zu tragen” hat. Ich hinterließ ihr eine Nachricht und zog dabei eine Probe aus einer Lache in meinem Schlafzimmer auf eine Spritze.
Irgendwann muss ich auch sauber gemacht haben, fällt mir gerade ein.

Es gab einen Moment, in dem ich dachte: “Wenn sie jetzt stirbt, dann bin ich allein” und in dem mir nur hängen blieb: “Ich bin allein”.
Ich weiß, was es mit mir macht, wenn Menschen in meiner Twittertimeline in Momenten wie diesen Tweets absetzen. Ich hab schon auch mal gedacht: “Woa, wie kannst du denn jetzt twittern?! Hallo?”, aber als ich an der Straßenbahnhaltestelle saß und meinen lethargischen Hund an mich drückte, war es einfach genau die Art Interaktion, die ich noch konnte, um meine Gefühle vom hoffnungslos verlassen und einsam sein zu regulieren.
Hätte jemand neben mir gesessen- wer weiß, ob ich die Kontrolle und meine mittelstarke Depersonalisation so noch weiter gehabt hätte, wie ich sie brauchte?

Wir können mit unserer Stadtbahn nicht direkt bis zum Tierarzt fahren. Man muss einmal umsteigen und genau dann musste NakNak* schon wieder etwas von sich geben.
Wie das für mich ist, wenn der eigene Hund mitten in die Betonwüste “Innenstadt” nichts als Blut aus sich herausdrückt, habe ich nicht einmal gemerkt. Ich habe nur gemerkt, wie mich die Blicke der Menschen gestresst haben, als ich meinen Hund dabei abstützen musste.

Wie mich die Blicke, Kommentare, Streichelfragen und das Kreischen der Straßenbahn auf den Gleisen gestresst haben. Das Geruckel, das Atmen von NakNak*, all die ganzen Reize, die mir, wie Granatsplitter, in den Kopf geknallt sind, obwohl ich eigentlich gar nicht richtig da war.

Die Tierarztpraxis, die wir immer aufsuchen ist aber toll.
Als der Spielunfall war, bei dem eine unserer ersten Pflegehündinnen ein gebrochenes Beinchen abbekam, waren das die ersten Menschen, die sich auch um mich gekümmert hatten. Wir waren damals so schlimm aufgelöst; konnten uns kaum beruhigen und uns wurde dort begegnet mit: “Frau Rosenblatt- setzen Sie sich mal hin- möchten Sie einen Tee oder Kaffee? Der Doktor kümmert sich jetzt.”.
Edna ist in der Praxis eingeschläfert worden und wir durften fühlen, wie ihr Herz zu schlagen aufgehört hatte. Sie war schon auf der Fahrt dorthin auf unserem Schoß den Hirntod gestorben. Mit dem ausbleibenden Pochen unter unseren Fingerspitzen wurde es begreiflich. Der Doktor, nennen wir ihn Hundefreund, hatte ein Klima entstehen lassen, in dem wir das abrupte Ende eines ganz jungen Hundelebens erfassen konnten.
Er sagt immer “Und jetzt trösten wir mal ganz viel und streicheln überall, wo der Pieks nicht ist…”, wenn er eine Spritze geben muss.

Weil wir dort auch mit Pfleglingen und Wildtieren immer mal wieder sind, bekommen wir deluxe Sozialtarifrechnungen. Oft genug mussten wir auch gar nichts bezahlen, oder durften in lachhaft kleinen Raten entlohnen. Er ist einer der wenigen AkademikerInnen*, die ein Gespür für klassistische Benachteiligungen haben und das macht ihn uns zusätzlich zu seiner Hundeaffinität auch persönlich sehr sympathisch.

Ich trug NakNak* in die Praxis und brauchte nur sagen, dass sie Flüssigkeit braucht- nix mit Etikette der Krankenanmeldung, dem Anspruch irgendwelche formalen Informationen unter dem Sorgenwust hervorzuwühlen. Die Helferin* nahm sie gleich mit und holte den Arzt.
Und dann saßen wir da erst einmal eine Weile rum. NakNak* auf dem Schoß und an einen Tropf angeschlossen. Ich ein Innenkind fühlend, eine Email tippend und doch langsam in eine dumpfe grauweiße Wolke fallend, die mich noch etwas mehr vom Hier und Jetzt abtrennte. Kurz war ich gar nicht da, glaube ich.

Wasser ist Leben und das war es auch für die kranke Mopsmaus.
Es dauerte wirklich nicht lange und schon konnte sie wieder sicher stehen, richtete ihre Fledermausohren in alle Ecken und Winkel und wollte die Kanüle aus dem Beinchen rupfen.
Doktor Hundefreund tastete NakNak*s Bauch ab, lauschte in sie hinein, nahm noch einmal die Temperatur. Er sagte, dass sie weder Würmer noch Giardien hätte, was mir echt Auftrieb gab. NakNak* ist jetzt etwas über 5 Jahre alt und seit wir sie barfen, hatte sie nie Darmparasiten oder Verdauungs- Haut- Sensitivitätsprobleme. In Anbetracht der Tatsache, dass wir sie halt auch Mäuse oder Vögel fressen lassen, wenn sie welche im Wald findet, kann ich sehr wohl davon ausgehen, dass sie auch Wurmeier und Larven aufnimmt – ihre Abwehrkräfte bzw. ihre Magensäure aber ausreichend ist, sich zu schützen. Logisch, ihr Organismus muss ja auch nicht permanent Getreide von dem sie nichts hat, aufspalten und verarbeiten.

Er gab ihr eine Spritze mit einem Mittel gegen das Fieber. Mit viel Tröstestreicheln.
Es ist nur ein Infekt, den ihr Körper mit aller Macht raus haben will, okay. Atmen.
Etwas später ging sie auch schon wieder allein zum Wassernapf um sich zu bewässern. Ausatmen.
Sie hat Antibiotikatabletten, einen Fastentag und ein von allen Border Collie- artigen heiß geliebtes: “Langsam” verordnet bekommen.

Es war inzwischen abends und die Straßenbahn etwas weniger voll. Ich spürte neben dem Reizfeuer langsam das Summen, Brummen, Wirbeln und Rasen von Innen, spürte erstmals seit der Therapiestunde 6 Stunden vorher meinen eigenen Durst und die Kühle der Abwärme, die meine Schweißflecken auf der Kleidung entstehen ließ.
Ich dachte darüber nach, wie gut es ist, dass wir wegen des Workshops den wir im August geben werden, noch keine Ferienwohnung- Urlaubsreisekostenausgaben gemacht haben. Wie gut, dass die Openmind-Konferenz für die wir auch schon einen Vortrag eingereicht haben, im September ist und wir deshalb erst im Oktober… wie gut, dass diese Katastrophe jetzt war, wo wir am Donnerstag noch einen Therapietermin haben und Raum für das Innenkind schaffen können, falls es nötig ist.
Ich dachte darüber nach, ob NakNak* wohl verdurstet wäre, würde sie nicht bei uns leben. Ich dachte darüber nach, wie unaushaltbar es gewesen wäre, unseren Hund zu verlieren, nachdem wir gerade so wichtige Menschen in unserem Leben verloren haben und manche der verbliebenen in ihrer Position für uns dekonstruieren und/oder noch einmal neu wahrnehmen und bewerten.

Und als ich dann noch etwas später in meiner Wohngebärmutter saß, fest eingemadet in Decken, mit einem Smoothie und Fischstäbchen mit Ketchup vor der Nase, dachte ich, wie surreal diese Normalität ist.
Es ist etwas passiert, das uns erschütterte und wieder in die Nähe von Tod und Lebenskraft brachte und jetzt aber vorbei ist und nichts mehr davon zeugt, außer 6 Tabletten und einer Rechnung. NakNak* hatte das mit dem Fasten nicht so ganz verstanden und kruschelte ihre Nase ständig in Richtung meines Essens, meine Twittertimeline interagierte irgendwie so normal und angemessen wie immer und die Sonne verschwand in einem hellen Apricot hinter dem Dach, auf das man aus dem Arbeitszimmer schaut.

Ich dachte daran, dass wir in der Therapie darüber geredet hatten, das mir noch niemand gesagt hatte, dass ich das Überleben gut gemacht habe.
Ich dachte, ich hätte vielleicht sagen sollen, dass mir viele Menschen mein Überleben als solches anerkennen und mir sagen: “Du hast überlebt und das ist gut- es hätte auch anders enden können”. Aber es hatte noch niemand gesagt, dass das, was ich dafür getan habe, gut gemacht habe.
Dass das, was wir seit unserem letzten Körpergeburtstag- dieses überleben eines gefühlt illegalen Lebens- gut machen. Dass es gut ist, was wir tun, um am Leben zu bleiben. Dass es mir und uns als über- lebenswichtig erscheint, was wir tun.
Dass und, weil wir es für uns tun und nicht für soziale Kekse oder Geld.
Dass es mir, wenn ich mir Anerkennung für unser Blog und allgemeines Wirken wünsche, nicht um mich als Ego geht, sondern darum, dass als gut anerkannt wird, dass wir etwas tun, obwohl und weil wir auch noch heute ständig irgendwie ein Überleben leben.

Ich erlebe meine Perspektive als Überlebende, Betroffene, zum Opfer gewordenen Menschen, auf so vielen Ebenen als unsichtbar und den öffentlichen Diskurs über Opferhilfen, Gewaltprävention, Gesundheits- und Sozialpolitik so sehr an meiner Realität vorbei. So sehr an der Stelle verhaftet, an der ausschließlich die Schwäche, die (erzwungene) Passivität, die Schuldverteilungsreflex-Verantwortungsimpulse und Gewaltwirkungen gesehen werden- aber alles Kämpfen, alle Aktivität- alles Leben im Überleben und alles Überleben des Lebens danach schlicht nicht da ist.
Es ist nicht gut gemacht, weil niemand sagt, dass es gut gemacht ist.

Und wenn es niemand sagt, es sichtbar macht und als Gedankengut in die Welt hinaus trägt, dann ist es nicht.
Und wenn es nicht ist, wie soll ich es dann als Fakt in mich integrieren? Wie soll ich, wenn meine Um- und Mitwelt es nicht sieht, sichtbar markiert, dann denken, dass ich es so gut gemacht habe, wie ich es konnte?

Ich bin aus der Therapiestunde rausgeschwabbelwanktropft, weil ich es gehört habe und mich plötzlich auf einer Ebene anwesend fühlte, die vorher nicht da war und die ich bisher in noch gar keiner Auseinandersetzung mit dem was ich erfahre und tue, wahrgenommen habe.
Wie gesagt- oft habe ich schon gehört, dass es gut ist überlebt zu haben und etwas zu tun. Aber, “Sie haben es gut gemacht, wie sie es gemacht haben” noch nicht.

Sehr viel später am Abend rief noch unsere Gemögte an.
Ich erzählte ihr von diesem Gefühl der Anerkennung von unserer Therapeutin und, dass es sich gut anfühlt. Und ich sagte ihr, dass ich, wo ich das so gesehen und bestätigt fühle, irgendwie auch denke, dass ich es gut und richtig gemacht habe, was ich für und mit NakNak* gemacht habe, als es ihr so schlecht ging.
Ich sagte: “Ich habe uns alle hier richtig gut durchgetragen”, wurde aber doch unsicher und schob ein “Oder?” hinterher. Sie sagte spontan “Ja, hast du!” und es war noch ein bisschen fester da.
Dieses Gefühl nicht nur schwach und opferig getriggert wie eine Maschine auf die Ereignisse reagiert zu haben, sondern so gut und unter Nutzung aller meiner Ressourcen (und das ist eben Gefühle wegzudissen und aktiv zu sein) wie ich es konnte.

Der Satz “ich mach das, weil ich das kann- nicht, weil ich bin” hat für mich noch einmal mehr an Begreifbarkeit gewonnen.
Ich mache nichts, weil ich ein Opfer bin und nur irgendwie reagiere um zu überleben, sondern weil ich etwas kann, das mein Überleben für mich ermöglicht.
Und das jeden Tag aufs Neue.

Und es ist okay, wenn ich das gesehen haben will.
Als ich den Artikel angefangen habe, dachte ich, dass es gut ist und vielleicht auch genug, wenn ich das von der Therapeutin gesehen bekomme.
Jetzt denke ich: “Nee, ist schon auch genau richtig, wenn ich das auch hier im Blog und überall und von allen gesehen haben will.”, einfach auch weil es die Art, wie wir hier oder sonstwo gelesen werden, vielleicht auch noch einmal ein bisschen verändert.

Ich fühle mich gut. Irgendwie stark, obwohl ich gerade nicht wütend bin, wie sonst.
Ich bin gut, weil ich Dinge gut machen kann. Nicht nur, weil ich sie gut überleben kann.

 

NakNak* geht es heute wohl schon etwas besser. Zumindest hat sie den Postboten, der ihr Fleisch brachte, neugierig in Empfang genommen und etwas weniger hohes Fieber.

wenn ich Zeit als “verloren” empfinde

BlattimBach Da ist diese Formulierung “Zeit verlieren”.
Ich stelle mir vor, wie jemand an einer Quelle steht. Die Zeit, wie Quecksilber, in seine Hände sprudeln und durch die Finger rinnen lässt.
Sie verliert. Irgendwie ungenutzt und gelebt.

Ich habe noch nie Zeit verloren.
Worüber ich aber immer wieder stolpere, ist das Fehlen ihres Seins in meinem Bewusstsein.

Ich weiß, dass ich einen Therapietermin hatte und da war.
In dem Büro, das jedes Mal irgendwie anders aussieht und doch gleich. Das Aufzählen aller Verrückungen und auch das Rumkartoffeln über die eine, unordentlich über den Vasenrand baumelnde, Tulpe- ich weiß, ich habe das gelebt. Die Blumen waren rot und gelb- nächstes Mal wird die Farbe anders sein. Aber Blumen werden wieder dort stehen.
Ich habe die Zeit in diesem Raum nicht wirklich verloren. Sie war da und schwappte in meinen Händen.
Aber sie berührte mich nicht.

“Wie ist es Ihnen mit der letzten Stunde ergangen?”
Knurren, Fauchen, brodelnde Hitze, kurze Schattenbilder an Dinge, die im Dunkelbunten wabern.
Ein Kind, das Händchen hält.
“Schicken Sie mir mal dies und das.”.

Das Gefühl, dass alles okay ist.
Lächeln, atmen, schlucken, witzeln, gehen.

Im Wanken durch die Stadt merken: “Wart mal – was?!”.

Und dann das Schwimmen.
Das in den Zeitfluss hineinspringen und so schnell es geht, den gerade noch obenauf treibenden Fetzen, nachhechten. Atmen, Luft anhalten, hineingehen. Missachten, was dort unsichtbar über die Füße glibbert, was links und rechts streift, sich organisch anfühlt und doch nie genug greifbare Konsistenz hat, es herauszuheben und mit dem Kopf in den Wolken zu betrachten.

Und dann irgendwann, beruhige ich mich.
Erinnere mich daran, jetzt nicht “ach egal” zu denken. Das ist, als würde ich die Fetzen gleich wieder in den Fluss werfen.
Ich schreibe es auf und warte.

Ich achte darauf, wie sich die Zeit in meinen Händen anfühlt, während ich mit NakNak* und Sieglinde im Wald herumtorkle, mich über große Schnecken freuekle und irgendwie doch alles okay ist. Nur ab und an wischt etwas durch mich hindurch und ich betrachte meine Hände beim Schreiben.

Das ist als würden die längst vergangenen Tröpfchen Zeit auf mich herunter nieseln und sich zwischen die von mir geborgenen Fetzen legen. Manchmal entstehen so Ahnungen und Bilder, immer aber ist da das Gefühl, dass es Arbeit ist, sich das Gestern, Vorhin, Heute und Jetzt anzueignen.
Nicht zu finden, nicht zurück zu erobern. Nur, zur eigenen… selbst gelebten Zeit zu machen. Manchmal auch: überhaupt erst echt, begreifbar und sortierbar zu machen.

Was ich verliere, ist nicht die Zeit. Es ist die Möglichkeit zum Eingreifen, zur Gestaltung, zum in mich einbringen, die verloren geht.
Es ist die Kontrolle, die fehlt.
Nicht nur über mich und den Lauf der Dinge, das Sprudeln dieser Zeitquelle, sondern auch über meine Außenwirkung.

Ich könnte sagen: “Tschuldigung- ich war letztens nicht ganz ich selbst”; könnte Vermeidungstänze mit vielen glitzernden Schleifen aufführen; könnte mich zusammenziehen und zu einem Bündel aus Antennen für die Signale des Gegenübers werden lassen. Aber die Möglichkeit den ersten, zweiten… irgendwannsten Eindruck von mir als Einsmensch irgendwie so hinzudrehen, dass ich als “in Ordnung” wahrgenommen werde – die ist vielleicht – vielleicht aber auch nicht –  weg.
Ich erfahre darüber immer erst später etwas. Bis dahin muss ich schwimmen, vertropfschmelzen lassen, ahnen, Bilder betrachten, das Hallen der Worte von meinem Ohr in meinen Mund wandern lassen und spüren, ob sie vertraut schmecken.

Amnesie, das ist so ein umfassender Begriff.
Lange suchte ich nach schwarzen Löchern in meinem Wahrnehmungsuniversum. Ich dachte, dass ich einen löchrigen Verlauf sehen müsste. Oder, wie im Film, sagen können müsste: “Ich erinnere mich nicht.” Tatsächlich sage ich immer: “Ach, keine Ahnung” oder “ich weiß nicht” und drücke damit eigentlich mehr meine Unsicherheit darüber, ob das, was ich wahrnehme, überhaupt stimmt, aus.
Es wäre gelogen zu sagen, dass ich mich nicht erinnere. Aber es wäre auch eine Lüge zu sagen, ich wäre total bewusst um alles.

Ich denke darüber nach, warum mir die Formulierung des Zeit verlierens trotzdem so nah kommt.
Ich spüre Verlust und muss mich bemühen, darüber nicht auch noch meinen Kopf rollen zu lassen, wie eine unordentliche Kugel in einem Bowlingcenter.

Ich finde Menschen unheimlich und gefährlich.
Menschen lügen und wenn ich nicht weiß, wie die Umstände wirklich sind- wenn ich mir nicht wenigstens sicher darüber bin, wie sie ganz subjektiv für mich sind – dann bin ich abhängig von ihnen.
Das ist ein Gefühl von gleichsam umfassender Ohnmacht, wie vor dem Fließen der Zeit durch mich hindurch, das mich mal mitnimmt und mal nur umspült und manchmal auch nur anhaucht oder in feine Netze wickelt.
Niemand merkt mir das an und so soll es auch sein. Ich bin keine zarte eher ätherisch waberige ungreifbare Multiple. You know: Modell “Huschi muss erst mal vorgelockt werden, um Vertrauen zu fassen”. Ich bin eine von denen, bei der man Angst und Misstrauen nicht merkt, gerade weil sie die Klappe aufmacht und so tut als gäbe es nichts zu fürchten. Ich bin so laut, dass man das, was ich eben nie sage, auch nicht vermisst, wenn man nicht danach sucht.
Was ich kann ist, immer wieder so zu tun, als würde ich nie um Verluste an Sicherheitsgefühlen und Kontrolle trauern, wenn ich merke, dass ich andere Menschen brauche, um mir ein Bild aus der Zeit zu machen.

Manchmal noch kommt es, dass wir uns in unsere Nussschale setzen und auf dem Zeitstrom einfach nur so herumtreiben.
Dann, so mittendrin und ganz alleine, spüre ich keine Verluste, keine Abhängigkeiten. Dann geht es mir gut.
Auch dann erlebe ich es, dass ich nach einer Aktivität kurz innehalte und mich frage: “Warte mal…- was?!” aber es ist dann egal. Ich muss mich dann nicht anstrengen, weil ich nicht entsprechen muss. Weil dann, wenn wir so treiben, auch keine Menschen da sind, die irgendwie… nun ja, das ist jetzt einfach ausgedrückt : “machen”, dass ich an mir vorbei gezogene Zeit als verlustig empfinde.

Am Ende meiner Gedanken bemerke ich, dass viele Formulierungen ein Wurzelende in dem ewigen Kampf um Anpassung an das Außen haben und frage mich, wie wichtig das für uns wirklich ist.
Und plötzlich finde ich mich im Reigen der Selbstzerpflückung und frage mich, wie viel von mir eigentlich da ist, weil es eben da ist und nicht, weil es irgendwann mal wichtig wurde zu haben, damit das Außen mich nicht umbringt.

Und das alles nur, weil… naja, weil ich nicht glauben kann, dass in der Therapiestunde wirklich alles so okay lief, wie es die Therapeutin ausgestrahlt hat.
Wäre dem so, würde ich mich nicht abhängig fühlen. Wäre dem so, dann wäre es nicht wichtig allen letzten Fetzen nachzuspringen. Wäre dem so, dann wäre das ja auch total okay in meiner kleinen Nussschale herum zu treiben und es gäbe wirklich keinen Grund vor irgendetwas Angst zu haben, was diesen kleinen Rahmen betrifft.

Ich tus aber nicht.
Menschen sind die gefährlichsten Tiere auf diesem Planeten.
Und manchmal ist die eigene Wahrheit die letzte Waffe, die man hat, um sich selbst zu verteidigen.