Schlagwort: rituelle Gewalt

Täter- und noch mehr Kontakte Teil 4

„Innenperson nimmt Täterkontakte auf“
„DIS Täterkontakt Innenperson“
„Ich verstehe nicht, wieso manche Innenpersonen von ihr, immer wieder Kontakt aufnehmen.“
„Mich beschäftigen immer wieder die täterloyalen Anteile, die Kontakte halten…“

Dies sind Suchanfragen auf das Blog und Sätze, die ich so mal aufgeschnappt habe und aus denen ich schließe, dass es eine Art Interesse an dem Aspekt gibt.
Nur leider wird mir oft nicht so klar, was genau daran interessiert.

Ist es ein Interesse an de Innenpersonen selbst?
Ist es die Frage, wie es sein kann, dass „alle“ im System „ihres Multiplen“ keinen Kontakt mehr wollen- und aber dieser Einzelne ihn immer wieder sucht?
Oder ist es die Frage, ob man trotzdem den Kontaktabbruch schaffen kann und wenn ja, wie?

Ich sehe das so: Wenn sich jemand für die Innens selbst interessiert, soll er sie fragen oder signalisieren, dass man für das offen ist, was sie so zu sagen haben. Und dann, um Himmels Willen, bitte keinen Dummtüch reden, weil man überrascht/ verwirrt/ verängstigt von dem ist, was dann da so kommt.

Was ich von unseren BÄÄÄMs so mitbekomme, lässt mich denken, dass viele von ihnen noch nicht bei uns angekommen sind. Manche „sind nicht multipel“; manche wissen, „sie müssen nur warten, bis wir zur Vernunft gekommen sind“ (und uns klar wird, dass nur die Erfüllung unserer (pseudoreligiösen) Bestimmung uns „…was auch immer…“ macht); manche sitzen auch einfach nur da und erzählen haarscharf beobachtet, „was die Helfer jetzt gerade schon wieder… und sollste mal sehen… voll die […abwertendes…]… Guck mal, wie dumm du/wir/die Anderen… XY (Täter) sagt… XY meint… XY befiehlt… Du hast… Du bist… Ich muss…“ und manche von ihnen hops(t)en auf rosaroten Wolken herum und haben keine Ahnung von der Gewalt, die andere Innens erleben oder empfinden diese Gewalt gar nicht als solche, sondern als sinnbringend, wichtig, zwingend (und legitim) oder sogar richtig gut.

Dass wir nie eine Lehrbuchtraumatherapie gemacht haben ist, denke ich, irgendwie schon klar geworden, nicht wahr? Wir haben bis jetzt nicht konkret mit den BÄÄMs gearbeitet, sondern nur zurechtgespalten, dass wir von einem Umfeld angenommen werden, welches das, wofür sie einstehen oder was sie gut und wichtig finden, verurteilt bzw. mindestens ablehnt. Geht auch (Ergebnis dessen, kann in diversen Artikeln geguckt werden. Würd ich als Dauerzustand nicht empfehlen- vgl. hierzu unser aktuell schleichendes Sterben, dass wir mit toll wichtigen Artikeln und Produktivität in alle Richtungen erträglich zu gestalten versuchen*.).

Was wir aber schon durch haben, ist die Ebene der MittelBÄÄÄMs, die damals den realen Gewaltkontakt und den Kontakt zur Familie* gesucht haben und um die wird es im Folgenden gehen. Wenn wir unsere aktuelle Hölle dann überlebt haben, kommt der Rest. Wenn nicht, muss halt jemand anders ran.

Also.
MittelBÄÄÄMs nennen wir Innens, die nie Gewalt erlebt haben; die Gewalt an sich als normal einstufen und Innens, die über die Gewalt(menge/art) Annahme (Liebe zu ihnen) definieren und deshalb die Täter als nicht „böse/ schlecht/ negativ“ einstufen.
Wieso sollte Mensch auch einfach nicht mehr zu jemandem gehen und zu jemandem halten und ihn verteidigen, wenn er einem nie etwas getan hat, sondern im Gegenteil immer Schönes hat erleben lassen? Und wieso sollte Mensch sich um das Elend anderer (Fremder) kümmern, wenn es einem selbst doch gut geht?

Hier war es wieder der mit uns verbundene Mensch, der sich immer wieder aus dem Stand heraus aufgeregt und seine Empfindungen und Gedanken zu Verletzungen durch Täter an unserem Körper deutlich und offen zum Ausdruck gebracht hat, welcher eine Sortierung für uns alle ermöglichte.
Es ist nicht so, dass wir nie zuvor Kommentare oder Worte zu Verletzungen am Körper gehört hätten. Besser gesagt: Es ist ja nicht so, dass die Ohren unserer biologischen Behausung vorher nie etwas zu den gewaltbedingten Verletzungen gehört hätten. Aber es ist ein Unterschied, ob ein sachlich- anklagend- genervt- gestresster Notaufnahmearzt einen anguckt, wegguckt, und dem Zettel des Kurzberichtes sagt: „kühlen, schonen, in 10 Tagen zur Kontrolle“ oder, ob jemand einem das Shirt hochschiebt und fragt, obs weh tut und ob man weiß, wo es herkommt, was gewesen ist und laut seine Gedankengänge sagt (und obendrein fragt, ob mans versorgen (helfen) darf oder nicht und obs okay fürs Innen ist, wenn mans tut usw.).475215_web_R_by_Günter Havlena_pixelio.de(1)

Auch wenn es bei uns genug Innens gab, die über diese Fragen (und auch Gedankengänge) die Wände auf 4 Beinen hochgegangen sind, gab es auch immer Innens (darunter eben auch die MittelBÄÄÄMs) die zugehört und gemerkt haben: „Oh- Ach guck mal an. So ne Reaktion kanns also auch geben. Hm. Okay…? Guck ich mir mal genauer an…. vielleicht eventuell… also mal so … einfach nur so… wie ich halt will… Ich muss ja aber nicht… merkt der Mensch ja nicht… vielleicht haut der ja auch wieder ab und es ist eh alles nur gelogen… aber, naja- ich kann ja gucken… so von hier aus… ob der Mensch Recht hat oder nicht, ob das was mit mir zu tun hat oder nicht…“

In Kombination mit vielen anderen Situationen/ Umständen in denen der Mensch dann Recht hatte und etwas aufgezeigt hat, was tatsächlich mit uns allen zu tun hat, gab es dann langsam eine Entwicklung dahin, dessen Ansicht anzunehmen. Mindestens einfach erst mal so hinzunehmen und für sich zu überprüfen.

Das war dann zum Beispiel der Hinweis an ein Innenkind, das keine Schmerzen empfindet und entsprechend halsbrecherisch auf der Couchlehne herumturnte oder „mal eben so“ eine Luftrolle vom Bett runter machen wollte, vorsichtig zu sein, weil es selbst zwar keinen Schmerz fühlt- die anderen Innens aber schon (vom Schaden am Körper, der uns alle beherbergt einmal ganz abgesehen). Oder auch der Hinweis an eine junge Frau die uns Innens „aushungern“ wollte, dass die Innens ein Teil von etwas sind, das zu ihr gehört und nichts direkt mit dem Körper zu tun hat (sondern mit etwas, das eben durch den Hunger zwar beeinflussbar- aber nicht wegmachbar ist). Der immer wieder kommende Hinweis auf die Weiblichkeit des Körpers, der Hinweis auf die Biographie, der Hinweis auf die Konfektionsgröße… (Eines Tages stand Frau Rosenblatt dann tatsächlich mal im Schuhladen und ließ sich Schuhe zeigen, die von etwa 5 jährigen Kindern getragen werden und hielt sich diese neben die eigenen Schuhe. Sie machte ein inneres Foto davon und holte sich das immer mal wieder ins Bewusstsein zurück.)

Die MittelBÄÄÄMs konnten von ihrer Sicht erzählen, mal hier was fallen lassen, mal da was erwähnen. Ein direktes Gespräch hat keiner von ihnen gesucht, bis zu dem Moment in dem sich der verbündete Mensch dann mal darüber aufgeregt hat, immer nur so Fetzen zu hören und nicht zu wissen, vom wem von uns die denn nun kommen. Gut- man muss sich nicht gleich darüber aufregen, aber irgendwie war es schon gut auch zu merken: „Ah okay das ist jetzt hier nicht nur so therapeutenlike- blablabla- Plattitüde: „Es interessiert mich, was sie zu sagen haben- aber eigentlich will ich nur hören, was ich hören will, ihnen gegenüber aber nicht sage. weil ich weiß, dass…“ (Sorry- liebe Helfer- aber manche von Ihnen machen das echt so und sind grotte wenns darum geht, genau das zu verstecken), sondern der Mensch da will es echt hören und wissen und verstehen- Wooooaaa!“.

Unterm Strich geht es also um den Bereich der Selbstwirksamkeit und einander kennenlernen, wahrnehmen, etwas über „die Anderen“ zu erfahren.
Wenn jemand merken kann: „Was ich tue hat Auswirkungen (auf mich und andere) und es gibt eine Reaktion (die positiv oder eben negativ ist)“ ist der Kreis von Ursache und Wirkung geschlossen.
Wenn ein Innen das nicht klar hat (und das geht nun mal nicht, wenn man vom Leben als Einsmensch vielleicht 10% direkt als zu sich selbst zugehörig empfindend (erinnerbar/nachfühlbar etc.) gelebt hat), dann gibt es für sie auch keinen Grund sich damit auseinanderzusetzen, was in ihrem Leben gut oder schlecht ist. Besser noch- wenn man nicht einmal mitbekommt, DASS man eben nur 10% seines Leben überhaupt wirklich und wahrhaftig erlebt- wie soll so jemand überhaupt auf die Idee kommen, dass es noch 90% Rest gibt?

Um diese Selbstwahrnehmung zu fördern, hilft uns auch bis heute gestalterisches oder handwerkliches Schaffen. Dazu gehören eben das Gewerke hier, das Tagebuch, der Blog, die Foren… alles wo wir Spuren lassen. Oder eben auch ganz schlichte Aktivitäten mit anderen Menschen (Wobei- einen Abstrich mache ich da: Solche Gesprächsgruppen, zum Beispiel in der Klinik, helfen nur bedingt- irgendwie ist das immer so etwas, dass so diese Anpassungsschiene an schiefe Sozialkonventionen verstärkt. Heißt: Es tauchen da Innens auf, die das Setting und die Themen aushalten können und der Rest von uns hat keine Chance irgendwas Neues zu lernen oder einfach so wahrzunehmen. Es ist ja immer das Gleiche- wie beim Straßenbahnfahren: Hingehen sitzen, Oberflächenblabla machen und wieder weggehen. Ich weiß nicht- entweder machen wir da immer irgendwas falsch oder das ist einfach irgendwie nur genau für sowas da.).

Naja und dann die Umsetzung.
Wir haben damals irgendwann mit diesen Innens, die immer nur gute Dinge mit den Menschen früher erlebt haben, einen Pakt geschlossen, dass wir einander einfach so stehen lassen und uns für einander aufmachen, wenn keiner mehr bei uns Angst hat. Also so nach dem Motto: Wenn hier richtig Ruhe und Sicherheit für alle ist (und so, dass das für alle auch als Ruhe und Sicherheit gefühlt ist), dann versuche ich deine guten Erlebnisse zu begucken und du versuchst meine schlimmen Erlebnisse zu begucken. Versprochen für alle! Aber erst mal- guck hier ist jemand der noch richtig schlimme Angst hat und guck mal der da, dem gehts auch noch sehr schlecht… Lass uns die mal irgendwie erst versorgen…“. Dadurch, dass wir damals richtig viel in Kontakt mit einer Außenperson waren, konnten sich beide Seiten sicher sein, dass auch noch jemand anderes bemerkt, wenn jemand von uns in Not ist, wenn wir gerade (noch) dafür blind sind, so dass dieses gegenseitige Versprechen auch auf einer Basis stand. Und wir hatten ja nun langsam auch gelernt, wie man sich um einander kümmern kann. Wie man mit Angst einigermaßen zurecht kommt, was „sich etwas Gutes tun“ heißen kann, ohne, dass hier gleich die VERBOTEN-Schilder hochknallen und so weiter.
Nebenbei wurde ja auch durch gerade diesen Kontakt (und auch den Kontakt mit den Helfern und Therapeuten) gezeigt, dass Zuneigung, Fürsorge und Interesse nicht bei allen Menschen in der Anzahl der Schläge oder im Ausmaß des Schmerzes gemessen wird. Das war für die Innens, die vorher so dachten sehr wichtig (und neu und gruselig und erst mal konnten sie das gar nicht glauben und mussten das austesten und ach ach ach).

Dies war eine Entwicklung, die so nebenher mitten im Beieinander- Miteinander sein (und in der Tagesklinik) passiert ist.
Man hätte sich in der Zeit noch eine Million mal vor uns stellen können und diese neuen Wahrheiten kopfisch in uns einbringen wollen.
(Ein Buch und du hast diese Wahrheiten kopfisch in dir- aber um den Kopf gehts bei sowas nicht- auch eine Schleife von der wir aber bis heute nicht so wirklich kuriert sind *räusper*).
Die Versuche sich von den gewaltvollen Täterkontakten zu lösen sind so lange gescheitert bis es genug Innens für einen tragfähigen Pakt gab. Wir hätten niemals das Angebot des verbündeten Menschen annehmen können, um bei ihm unterzukommen und hätten die Zeit danach ebenfalls never ever- egal wie isoliert und technisch abgesichert und haste nicht gesehen- man uns untergebracht hätte, auch nur einen Tag so überstanden, wenn wir innen nicht soweit gewesen wären, dieses Ziel (Angstfreiheit und Sicherheit und Ruhe für alle, damit man einander irgendwann zeigen (und anerkennen) kann, was man (üb)erlebt hat) miteinander tatsächlich erreichen zu wollen.

Das braucht Zeit.
Geduld, Kraft, Hoffnung, Mut, innere Überzeugung auf allen Seiten, dass das schaffbar ist; immer wieder Resilienz ohne Ende, wenn es zum x-ten Mal zum Kontakt kam und man zum x-ten mal denkt, es nicht zu schaffen und sich zu fragen, wozu man das Ganze eigentlich macht und natürlich braucht es das auf allen Seiten. Nicht nur wir mussten das aufbringen, sondern auch der Mensch an unserer Seite.
Ziele zu haben, die alle betreffen und die auch viele als genau solche empfinden, hat sich für uns, als ziemlich schwierig herausgestellt. So blieb erst mal nur der benannte Pakt und anderes wurde als „optionale Ausschmückung“ nebendran geheftet.

Ich weiß bis heute nicht, was für (gute oder auch schlimme) Erfahrungen manche Innens gemacht haben, die sie bewegt haben mich bei dem Kraftakt „Gewaltkontakte beenden“ zu unterstützen, weil sie sie mir irgendwann zeigen dürfen. Aber ich weiß, dass ich jetzt immerhin eine reale Chance darauf habe, was ich vorher nicht hatte. Dafür hat es sich bis jetzt gelohnt und war für uns auch „den Schmerz wert“.

Fortsetzung folgt

*Ja uns gehts echt schlecht zur Zeit. So schlecht, dass wir das „schleichendes Sterben“ nennen.

TÄTER? – KONTAKTE! Teil 2

Die Intension vieler Helfer gegenüber Menschen in destruktiven Beziehungen oder allgemeiner formuliert „Täterkontakten“, ist ein Ende der Gewalt und Schutz vor ihr, damit eine Therapie und in deren Folge eine Heilung und/ oder ein Leben ohne Gewalt möglich wird.

Unbestritten ist, dass keine Therapie hilft, wenn die Ursache diverser Probleme und Symptome nachwievor geschieht. Logisch- du kannst nicht bei laufendem Wasserhahn die Badewanne leertrinken.
Doch wenn dir niemand hilft den Wasserhahn zudrehen zu können, bist du gezwungen genau dies immer weiter zu tun, weil die Wanne sonst überläuft. Der Stöpsel sitzt fest und wenn du in der Lage, wärst diesen zu ziehen, würdest du vermutlich eher selbst den Wasserhahn zudrehen.

Eine schiefe Metapher? Mitnichten, denn diese Art von ängstlicher Spannung kennt so ziemlich jeder Mensch: Man will keine Sauerei durch einen Wasserschaden- oh und die Nachbarn- oh was da alles kaputt gehen kann und was das kostet und oh oh oh…

Wenn jemand noch Täterkontakte hat, ist es das Gleiche- nur geht es um dabei um das eigene Überleben. Da geht es um Angst zu sterben, während man eigentlich schon längst seit Jahren in Teilen des Seins getötet wird. Man will keinen „Ärger“ (noch mehr Schmerzen, als sonst) durch eine Verweigerung- oh und die Gruppenmitglieder/ die Familie/ die Entität der man sich verpflichtet fühlt- oh was da alles plötzlich nicht mehr ist (ALLES wäre plötzlich anders!!!) und was DAS für Folgen hätte (der eigene Tod? der Tod der Helfer, Freunde, Haustiere? … oder…???)

Zeit und Möglichkeit sich bewusst Gedanken über das nebelige „Oder…???“ zu machen, haben Menschen in Gewaltbeziehungen sehr selten. Nachzudenken hilft nicht beim Überleben und oft genug werden solche Menschen gezielt in diesem Zustand gehalten.

Es ist ein Zustand ständiger Angst ums eigene Leben.
Sowas können die Täter richtig gut. Angst und Verunsicherung schüren und offen halten. Immer wieder und wieder und auf allen Ebenen. Der prügelnde Freund hat es genauso drauf, seine Freundin jeden Schritt außerhalb der Wohnung 5 mal überdenken zu lassen, wie der Sektenpriester es drauf hat, die Menschen unter ihm, in jeder Wolke am Himmel Zeichen seiner Macht sehen zu lassen.
Zu welchem Zeitpunkt sollen die Betroffenen denn auch sicher überprüfen können, dass diese Gefahr zwar präsent- aber nicht in jedem ihrer Lebensumstände auch tatsächlich real zwangsläufig in Gewalt enden muss?

Gewalt erlebende Menschen leben also täterzentriert, um sich am Leben zu halten.
Aus diesem Kreisen um „die Sonne „Täter“ “ herauszukommen erfordert, glaube ich (und habe ich bereits mehrfach so erlebt), eine Art Aufgeben- vielleicht ein Gefühl von „so ich sterbe eh gleich- dann kann ich auch grad einfach irgendwo anders hingehen“. Manche haben aber auch einfach irgendwann einen Punkt für sich in dem ihnen radikal klar wird, dass sie keine Gewalt mehr (für sich oder auch ihre Kinder) wollen. „Hallo?! Was zum Henker treibe ich hier eigentlich…?“.

Bei uns war es das Erstere, was uns bewegte wegzulaufen und räumliche Entfernung zu schaffen. Es war gerade ein Hochfeiertag gewesen, wir waren körperlich schlimm versehrt und hatten gerade ein paar Tage vorher verkraften müssen, dass uns eine Helferin von außerhalb all dessen, abgewiesen hatte.
Es war klar, dass wir keinen Platz auf der Welt und niemanden an unserer Seite hatten. Und sowieso und überhaupt- ach das Leben! 7 Suizidversuche vorher sprechen, so denke ich, ganz für sich allein, über die Beziehung, die wir zum Leben kultiviert hatten.
Der bewusste Moment war einfach nur der: „Hier sterben oder da wo du den Himmel dabei sehen kannst?“

Dass wir uns für den Himmel entschieden, war der Vorarbeit der Psychologen zu verdanken, die wir vorher getroffen hatten. Achtsamkeitsübungen, Reflektion darüber, wie es sich anfühlt die Natur zu spüren. Damals ging es zwar in erster Linie darum, uns beizubringen uns nicht mehr aufzuschneiden- aber- nuja- war doch ne gute Aus- Versehen- Nebenwirkung, nicht wahr?

Manche ambulant (selbstständig) arbeitenden Psychotherapeuten und auch Kliniken weigern sich KlientInnen aufzunehmen, die noch Täterkontakte haben.
Meiner Meinung nach, ist dies, neben „unterlassene Hilfeleistung“ und damit „Verletzung von Menschenrechten“ (mal abgesehen vom humanistischem Totalfail), oft einfach nur ein Mitkreiseln im Täterzentrum.

Ich habe bei der letzten ambulanten Therapeutensuche dreimal vor solchen Menschen gesessen (bei der ersten 5 mal).
Der eine sagte, dass es ihm zu viel ist und über seine Kräfte geht. Check- Selbstfürsorge ist okay- wenn auch für mich irgendwie schief in dem Moment, denn was wäre gewesen, wenn ich noch Gewaltkontakte (nicht bürokratische Zwangskontakte) gehabt und es nicht gewusst hätte- wie das bei Menschen mit DIS einfach sehr oft der Fall ist?
Der nächste Mensch hatte Angst, meine Verbindung zum organisierten Verbrechen würde ihn gefährden. Autsch! Zum einen sind die Täter nicht blöd (wieso sollten sie Menschen angreifen, die sie anzeigen könnten und damit mich in dem Fall, dass ich eine Anzeige erstatte, bestätigen?!) und zum Anderen bin ich kein virulentes Existenzchen, das Unheil verbreitet, sondern: das Unheil kommt immer wieder auf mich zu!
Und der dritte als Psychotherapeut arbeitende Mensch war ein Bonbon, das man mal ganz langsam lutschen sollte: „Ich behandle niemanden mit diesem Hintergrund. Am Ende sind Sie durch ihre Vergangenheit auch noch lesbisch geworden und SOWAS konnte ich leider noch nicht erfolgreich behandeln.“ (Nein, das ist nicht ausgedacht, war nicht bei irgendeinem Dorftherapeuten und auch nicht vor 50 Jahren!)

Oberflächlich betrachtet haben diese Menschen alle für sich reflektiert, was sie leisten können und was nicht. Doch einmal weiter nachgedacht, haben sie den Tätern (bzw. dem was die Täter uns angetan haben in der Vergangenheit) allesamt mehr reale Macht eingeräumt und zugesprochen, als sie haben! Sie haben Angst gehabt. Sind vor der Badewanne rumgehopst und haben uns zugeguckt, wie wir vom Rand abgetrunken haben.

So ein Helferverhalten haben wir oft (zusätzlich!) neben der realen Gewalt im Täterkontakt (üb)erlebt und ertragen. Bitte- was hätten wir auch anderes tun sollen?
Viele Helfer werden von unserem Gesundheits- und Sozialsystem regelrecht dauergedemütigt und begrenzt in dem was sie leisten können. Und am Ende sogar in ihrer Hilfskraft selbst massiv geschwächt. Das sind die Psychotherapeuten, die sich von schlecht fortgebildeten Krankenkassengutachtern anhören müssen, ihre Arbeit sei schlecht und unwirksam; von Kollegen vielleicht am Besten noch sowas wie: „Du überengagierst dich- bist nicht professionell“, wenn sie einfach so arbeiten, wie sie das gerne möchten- frei von Statute oder eingefahrenem „Wir (Profis) hier- Die (Patienten) da“.
Sie leben davon Menschen zu helfen- sind in einer für die meisten ihrer Klienten unglaublich machtvollen Position- werden aber von anderer Seite gerne mal gedemütigt oder schmerzhaft angezweifelt, wenn nicht sogar offen selbst Opfer von zwischenmenschlicher Gewalt in Form von Diffamierung oder gar Mobbing.
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Und Gewalt pflanzt sich eben fort. Beim Therapeuten (oder auch Sozialarbeiter oder Berater) kommt sie, wenn es ein Klient mit Gewaltkontakten ist, dann sogar vielleicht von zwei Seiten gleichzeitig angerauscht. Da ist die Gewalt die der Klient aus sich selbst heraus (weiter oder er-) trägt und da die Gewalt die spätestens mit der Weiterbeantragung der Hilfen durch die eigene Person, losgeht.
Damit umzugehen und sich zu schützen sollte aber nicht zum zusätzlichen Problem der Klienten werden! Die sind in Not und die haben einen Anspruch auf Hilfen- ergo wenden sie sich an Institutionen oder eben Menschen die in helfender Position sind bzw. die ihnen als
hilfreiche Hilfe beschrieben werden.

Diese bürokratischen Strukturen, zum Beispiel, nicht Gewalt zu nennen- nicht als täterfreundlich aufzuzeigen, sondern schlicht und ergreifend hilfesuchende Menschen abzuweisen und „woanders“ hinzuschicken ist genau das, was im Täteruniversum das perpetuum mobile der Gewalt ernährt, einfach nur dadurch schon, dass wieder etwas verschwiegen und damit auch ein Stück weit legitimiert – ver-alltag-.isiert wird. Dinge die „halt so sind, wie sie sind“ und „eben total normal halt eben so passieren“ und die man „halt dann eben so von sich wegschieben muss (kann!)“, die sind alltäglich, normal und nicht weiter schlimm. Wenn juckts? Sind ja nur…

Oh! Wollte uns da grad ein Satz aus dem Mund, der Menschen herabwürdigt?
Waren wir gerade so reflektiert und haben das bemerkt? Wenn wir das an uns selber merken… hm… also wollen wir das wirklich? Ist das mit unserer Berufung zum Helfer von Menschen vereinbar?
Da erlebt jemand Gewalt. Also braucht er Hilfe. Wenn er sie sucht, dann muss er sie bekommen.
Ich bin Helfer. Ich kann helfen.
Okay… dann suche ich mir jetzt mal jemand der mir hilft, dass ich nicht um meinen verzweifelt vom Badewannenrand abtrinkenden Klienten hopse, sondern ihm zeige, dass er Hände hat, um den Wasserhahn selbstständig zu zudrehen. So wie ich Hände habe, um die Hände von Menschen zu erfassen, die genau meine Ansicht zu der Sache haben.

Täterschaft über einen langen Zeitraum funktioniert über Angst. Wann hat man als Mensch noch gerne mal Angst? – Wenn man isoliert und allein ist.
Wieder ein Element des Täter-Gewalt-Universums. Die Klienten sind allein (siehe Teil 1) und viele Helfer sind es ebenfalls. Wer allein auf weiter Flur steht ist ohne Macht. So funktionieren wir Menschen- uns gehts nunmal gut, wenn wir das Gefühl haben, Dinge verändern zu können.
Die Täter verändern Dinge mit Gewalt, welche am Ende ihrer Spirale nur den (unnötigen) Tod haben kann.
Man kann Dinge allerdings auch durch Verbundenheit verändern, an deren Spiralenende immer das Leben mit all seinen vielen Facetten steht.

Helfer müssen sich entscheiden, ob sie auf einem Nebenarm der Täterspirale oder mitten auf der Spur der Helfer-Verbündetenspirale sitzen wollen. Sie müssen sich selbst fragen: Bin ich versucht zum Mit-TÄTER zu werden (weil ich Angst habe, allein bin, unsicher bin, noch nicht genug gelernt habe etc. etc. etc.) ?

Der Kontakt mit einem Verbündeten (sei es das man ihn „PsychotherapeutIn“, „BeraterIn“, „SozialarbeiterIn“ nennt) wird es sein, der die Gewalt im Leben des Betroffenen in einem- vielleicht nicht direkt und sofort sichtbarem, aber doch vorhandenem Bereich- zu beenden helfen wird und so ermöglicht ein Stück mehr Gewalt aus dem Leben aller Menschen zu nehmen.

Fortsetzung folgt

täter?- KONTAKT! Teil 1

Immer wieder kommen Menschen mit Suchanfragen bezüglich des Themas „Täterkontakte“ auf diesen Blog.
Ja- phu- was für ein Thema- natürlich unglaublich wichtig und eigentlich dauerpräsent.
Natürlich möchte ich dem angemessen begegnen, breche hier dann aber gleich zu Beginn einfach mal ab.

Nein- wir reden jetzt mal nicht über TÄTER(kontakte), sondern über KONTAKTE.

Über die Täter wissen wir schon richtig viel und täglich wird es mehr.
Doch die Einsamkeit der Opfer bleibt unbenannt und das ist etwas, das unter Umständen tödlich ist. Im Gegensatz zur Gewalt, die sie vorher überlebten und oft noch eine ganze Weile überleben, wenn es um organisierte oder auch Partnerschaftsgewalt geht.

Es war eine der bittersten Erkenntnisse die wir im Verlauf unseres „Ausstiegs“ (den ich im weiteren Text lieber „Abkehr“ nennen möchte- da wir niemals einen „Einstieg“ hatten, sondern hineingeboren wurden) hatten:
Gewalt ist überlebbar– auch wenn es sie sich nie so angefühlt haben kann. Immer gefühlt endlos dauerte und immer weiteren Schaden in uns verursachte.
„Wir sind fähig grausame Qualen zu erfahren und am nächsten Tag wieder zur Schule zu gehen, unsere Betreuer und nahe stehenden Menschen im Glauben zu wiegen, es gäbe keine Täterkontakte.“

Zwischen dieser Erkenntnis und der Kraft sich tatsächlich direkt zu verweigern, lagen bei uns etwa 3 Jahre.
Wir hatten in der Zeit ein Kontingent von über 20 Fachleistungsstunden pro Woche im Rahmen der ambulanten Jugendhilfe, eine ambulante Psychotherapeutin, eine Psychiaterin, einen Hausarzt und eine Klinik mit Schwerpunkt auf der Behandlung von Traumafolgestörungen in der Stadt, die wir zur Intervalltherapie aufsuchten.
Doch keinen einzigen Menschen, dem es rein um uns ging. Und obendrauf, waren wir nach unserer Odyssee der Unzuverlässigkeiten nicht einmal mehr in der Lage uns auf Menschen in helfender Position in irgendeiner Form einzulassen, die mehr verlangte als das was vertraglich/ gesetzlich vorgeschrieben war.

Wenn uns unsere Betreuerin begegnete, haben wir über den Alltag gesprochen, der übrigens nie ein Problem war. Man musste uns nicht beibringen wie wichtig Hygiene und Ordnung, Zuverlässigkeit oder Ehrlichkeit ist.
In der Psychotherapie ging es um „Stabilisieren, was stabilisierbar ist“. (Dies ist zumindest das Fazit heute)
Der Hausarzt klatschte noch bei einem BMI von 17 Applaus und hat bis heute keinen Zugang zu den auch körperlichen Folgen von (Psycho)Traumata- doch um einen anderen zu suchen gibt es noch zu viele Hürden.
Die Psychiaterin verschrieb weiter und weiter Antidepressiva, Benzodiazepine und Neuroleptika.
Nur in der Tagesklinik hatten wir die Chance eine Basis aufzubauen, die es uns in kleinen Schritten ermöglicht hatte eine unserer ersten Verbündeten in unser Leben zu lassen und überhaupt das kleine Fünkchen Resilienz, dass uns knapp 6 Jahre vorher hatte räumlich flüchten lassen, zu hüten und wachsen zu lassen.

Doch wir waren so erst mal unglaublich einsam. Gingen an die Abendschule und versuchten den Normen einer Welt zu entsprechen, die uns verboten war (und nachwievor ist) und kauten uns durch eine Zeit, die absolut bis in die Grundfesten gespalten war; trafen Menschen und enttrafen sie wieder. Was wussten sie denn schon?
Mit Anfang 20 hat kaum jemand so eine Geschichte hinter sich und weiß obendrein noch, dass das was er da gerade erlebt, wahrnimmt und durchmacht so weit außerhalb der Norm liegt, dass selbst jene, die sich mit Extremen befassen, einander darüber in die Haare bekommen.
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Und dann kam da dieser Mensch.
Laut in jeder Hinsicht, mutig, resilient, mitten im Leben und einer zauberhaften Attitüde auf uns zu. Begann Gespräche, diskutierte und debattierte mit uns. Über Monate hinweg kam da stetig jemand auf uns zu, war an uns interessiert, ohne uns „haben zu wollen“. Nicht wir haben den Kontakt eingefordert, sondern dieser Mensch und trotzdem war alles anders, als mit den ganzen Menschen die wir vorher trafen.

Da ging es nicht um Geld, Verantwortung, Zwang oder Ziele.
Da ging es um das Leben und Gemeinsamkeit.
Plötzlich sprach jemand für uns- nicht: statt uns. Sorgte sich um und für uns. Einfach so, weil er sich dafür entschieden hatte.

Über diese Tatsache sind wir dann erst einmal gepflegt zerfleddert. An so eine Beziehung waren wir nicht angepasst- hatten noch nicht eingeübt, wie man ohne Selbstabgabe, ohne den Preis des Schmerzes oder die Notwendigkeit des Verschweigens so einen Schatz bewahrt und mit ihm umgeht.
Bei gemeinsamen Aktivitäten tauchten nach und nach Innens auf, in der Erwartung genommen zu werden- nicht damit rechnend schlichte An-nahme zu erfahren.

Das war wiederum eine Situation, die für diesen Menschen schwierig war. Doch- oh wow! Nein- er ging nicht weg! Er holte sich Unterstützung- doch nicht etwa in einem schlauen Buch allein oder von der Profiseite, sondern von einem Menschen, der ebenfalls multipel ist und machte uns mit ihm bekannt. So trat also der nächste Mensch in unser Leben, der ähnlich verbündet mit uns wurde. (Und übrigens auch „unser erster anderer Multi“- hatte auch was, zu sehen, dass es irgendwie doch ganz normal nach außen aussieht, Viele zu sein…)

Unsere Verbündeten und wir. Ein Bündnis. Eine Ver- Bindung.
Die erste nicht von Machtausübung dominierte Beziehung in unseren 20 jährigen Leben.

Während des Folgejahres wurden wir Stück für Stück unzuverlässig für die Täter. Nicht mehr jeder Zettel in unserem Briefkasten, nicht mehr jedes Angesprochen werden auf dem Weg zur Schule, nicht mehr jedes Klingeln des Telefons wurde beantwortet. Wo wir uns aufhielten und was wir machten, konnten wir nicht verstecken. Wir hatten keine Chance uns bürokratisch zu befreien, obwohl wir es durchgängig mit jedem Antrag der ambulanten Hilfen versuchten und so ziemlich jeden juristischen Hebel durchexerzierten. Der Gesetzgeber schützt die Kernfamilie. Auch die Kernfamilie die ihre Mitglieder zerstört.
Solange keine Strafanzeige gestellt wird und eine Gefährdung eindeutig nachgewiesen werden kann (und das konnte sie eben nicht) gibt es keinen Schutz vom Staat.

Zwei Mal wurde in unsere Wohnung eingebrochen. Einmal stand mitten in der Nacht ein fremder Mensch in unserer Wohnung. Was dort geschehen ist, wissen wir bis heute nicht genau.
3 Wochen später (!) half uns die Betreuung das Schloss auszutauschen.
Dort wir kehrten nicht wieder dorthin zurück.

Die Schutzmöglichkeiten, die sich nun boten, waren ein Witz. Die Notfallausweichwohnung der Betreuung war eine vom Vorbewohner verwüstete Antibiotikazuchtstation in der gerade mal noch unsere Haustiere zum Übergang bleiben konnten. Als Alternative gab es einen Platz in einer Wohngruppe oder die Psychiatrie.
So an die Wand gedrückt, haben wir es dann gewagt und das Angebot angenommen, bei dem mit uns verbündeten Menschen unterzukommen.

Es folgte noch ein Täterkontakt, der in einer kurzen Prügelei und einem deutlichen NEIN endete.
Da wo wir nun lebten, waren wir sicher, das wussten wir.
Nicht weil es doppelt- und dreifach verriegelbare Türen, Panzerglas und keinen Kontakt zu Außenwelt gab oder weil es soviel Bewusstsein über die Täterstrukturen gab oder ein konkretes Wissen darum, was uns wo wie und durch wen angetan werden könnte, sondern, weil es jetzt definitiv jemand bemerken würde, wenn wir plötzlich nicht mehr da sind.
Wir wussten, dass dieser mutige Mensch keine Hemmungen hätte, beim leisesten Verdacht die Polizei anzurufen und zur Not zu erstreiten, dass diese sich zu uns in die Wohnung bewegt. Dass dieser Mensch gegenüber den so verletzten Innenkindern ein so großes Schutz- und „Behüt“-Bedürfnis hat, dass er sich in jedem Fall an unsere Seite stellen würde, um uns daran zu hindern von uns aus Kontakt aufzunehmen oder uns oder ihm etwas anzutun.

Und dann kamen die Dränge.
Erst der Drang zu gehen, Besuche zu machen. Dann der Drang zu sterben. Dann die große Depression, die mit unsäglichen Schmerzen einher ging. Dann die Flashbacks. Dann die Panik. Dann die inneren Zeitverschiebungen. Dann der letzte Überfall. Dann der Drang sich zu entschuldigen. Dann die ersten Krampfanfälle (die sich übrigens als seltene Nebenwirkung eines Medikamentes herausstellten, das wir in der Zeit anfingen zu nehmen). Und dann der kalte Entzug der Benzodiazepine, weil uns sonst die Sanitäter nicht mehr helfen konnten, wenn der Krampfanfall nicht anders als mit Medikamenten unterbrochen werden konnte.
Dann die inneren Tenöre. Dann der Hass nach Außen. Dann wieder die Depression. Dann wieder die Angst. Dann die Trauer. Dann die Wut. Dann wieder die Angst. Geschlafen haben wir in der Zeit so gut wie gar nicht (wenn dann eben durch Medikamente).

Und dann… nach etwa 3- 4 Monaten: Sonnenbrand.
Vogelzwitschern. Kinder im Hof. Kein Schuldgefühl beim Griff nach einem Lebensmittel. Erster Galgenhumor über einzelne Situationen der letzten Monate. Die Katze auf dem Bauch deren Schnurren den eiskalten Klumpen im Bauch antaute. Mehr Aktivität als das Liegen auf der weißen Couchwolke. Eine neue Wohnung in Aussicht und Pläne diese einzurichten.
Ohne an uns zu zweifeln, suchte der Mensch erst Pia und dann Mia mit uns aus. Zwei wunderbare kleine Katzenseelchen, die uns erfreuten, Sorgen umlenkten, strukturierten, eingrenzten und doch über uns hinaus wachsen ließen.
Ein Neustart.


Wir haben nie wieder Gewalt durch Täter ertragen müssen.
Obwohl es nachwievor „Täterkontakte“ gab. Die bürokratische Zwinge konnten wir nicht aufbrechen und durch viele Datenschutzlücken und auch Nachlässigkeiten unserer Betreuer (bzw. jetzt der Menschen in den Ämtern, von denen wir abhängig sind), waren (und sind wir nachwievor) gefährdet.

Doch wir sind sicher, denn wir haben KONTAKT hergestellt.
Nicht nur zu (inzwischen vielen) Verbündeten, Gemögten und HelferInnen, sondern auch zu unserem Resilienzfünkchen und der Welt die so schön- wenngleich so verboten ist.

Fortsetzung folgt


P.S. Es gibt bereits einen Artikel der sich mit dem Thema befasst. Doch die Häufigkeit der Suchanfragen, rechtfertigt für mich ein häufigeres Aufgreifen, auch weil ältere Beiträge gezielt gesucht werden müssen.

„Einstieg in die Freiheit“, statt „Ausstieg“

Es ist für uns gerade eine Zeit in der sich unser Fokus weitet und uns vielschichtig aufspreizt- vielleicht auch neu zerreißt? Wieder wird klar, warum wir uns hier nicht offiziell eingemeinden lassen können. Warum wir uns zu Recht noch nicht als „wirklich ausgestiegen“ betrachten können.

Wir leben schon viele Jahre nicht in mehr in physischer Abhängigkeit derer die uns pseudoreligiöse Werte vorlebten und sind auch nicht mehr in der Situation Gewalt und Ausbeutung aushalten zu müssen. Aber wir schleppen ein Erbe mit uns herum.
Sind innerlich noch längst nicht ganz ausgestiegen.

Vielleicht ist „Ausstieg“ auch nicht das, was wir wollen und schaffen möchten. Denn der Begriff des „Ausstiegs“ impliziert einen Standpunkt und einen Zeitpunkt des Einstiegs. Wir aber sind nie eingestiegen- wir wurden hineingeboren und aufgezogen mit diesen Werten und hatten zu keinem Zeitpunkt wirklich einen einzelnen Standpunkt. Es war schon immer so, dass es Innens gab, die sich gegen Unrecht und Gewalt eingesetzt haben- während andere Innens genau Unrecht und Gewalt er- und ge-lebt haben.

Es ist für uns wichtig geworden zu spüren, wie berechtigt der Wunsch ist keine Schmerzen und Demütigung aushalten zu müssen- doch es ist ein anderes Wertesystem. Eines, das nur deshalb als gut und richtig und wichtig geschätzt wird, weil es der Masse der Menschen als gut und richtig und wichtig vorgelebt wird.
Unabhängig davon, wie wir dieses Wertesystem bewerten liegt es an uns, uns dem hinzugeben oder eben auch nicht. Es hat etwas damit zu tun sich dafür zu öffnen und es in sich hineinzunehmen. Es hat etwas mit Anpassung zu tun- aber nicht mit tatsächlicher Freiheit.

Eine unserer ersten Diagnosen war „Anpassungsstörung“.
Kein Wunder- erlebten wir doch gerade einen Weltenchrash der an Parallelen kaum noch zu überbieten war.

Gab es vorher die „helle“ und die „dunkle“ Welt (beides gruselig, weil nie in Gänze erfass- einschätz- und erinnerbar), gab es dann plötzlich „drinnen“ und „draußen“ sowohl räumlich als auch direkt bei uns. Plötzlich waren wir minderwertiger Patient drinnen (der für sich behalten soll, was in ihm ist- aber trotzdem immer wieder gezwungen (ja wirklich- gezwungen!) wird, etwas von sich und seinen Gedanken, Normen und Werten zu erzählen) und draußen waren die, die wertvoll und frei waren (die Ärzte, Therapeuten, Pfleger, Besucher… die man alle nicht zwingen konnte, etwas von sich preiszugeben).

Diese Zeit war für uns ein schlimmer Fallstrick- ja- eigentlich sogar ein ganzes Fallstricknetz, so dass es uns nie wundert, weshalb viele der Betroffenen, die wir so kennengelernt haben im Lauf der Zeit keinen Ausstieg in dem Sinne schaffen, als dass sie in Freiheiten kommen, wenn sie immer wieder in psychiatrische Stationen müssen, die geschlossen sind. (Und dort oft von Helfern behandelt werden, die um ihren Kopf ein herrlich stabiles Holzhaus gebaut haben, auf das dort niemals etwas heraus oder herein kommt.)

Wenn man aus einem abgeschlossenen Sozialkonstrukt heraustritt und alle Handlungen und Tätigkeiten die in ihr als wertvoll und zwingend normal (im Sinne einer Norm) angesehen werden, steht man erst mal völlig allein da- es sei denn man hat sich andere Dinge bewahrt- und sei es die Fähigkeit seine Werte in einem Teil seines Selbst neu bilden zu können.

Ich habe oft den Eindruck, dass der Faktor der Anpassung an „die Gesellschaft“ (hier nicht näher definiert) der Anreiz für den Ausstieg sein soll oder auch die Anpassung den Ausdruck der eigenen Normen und Werte gegenüber anderen Menschen zu finden.
Als sei Freiheit etwas, das man nur erlangen kann, wenn man sich gut an „die Gesellschaft“ und „die Welt, wie sie außerhalb der Pseudoreligion nun mal ist“ angepasst hat und sie für sich nutzt.

Doch gerade jetzt denke ich, dass es nicht darum geht. Und auch nicht gehen sollte.
Der Wunsch nach Anpassung ist da- natürlich. Wir Menschen sind Individualisten mit Gruppenabhängigkeit- unsere Evolution war so nett uns dies als teilweise genetisch verankertes Markerchen mitzugeben. Doch das ist das, was uns frei macht: die Fähigkeit ganz wir selbst- ganz individuell zu sein.

Wir haben uns früher nie eingesperrt gefühlt- weder in der „hellen“ noch der „dunklen“ Welt. Es war einfach unsere Welt. Der große Katastrophenknall der Erkenntnis kam erst, als wir an einem der pseudoreligiösen Feiertage in unserer ersten eigenen Wohnung saßen und merkten, dass die Art der Wertschätzung des früheren Sozialkonstruktes uns auf eine Art verletzte, die dazu führte, dass uns jemand von außerhalb dessen vermittelte, was genau aus ihrer Sicht dort mit uns passierte.
Wir mochten diesen Menschen und fühlten uns ihm verpflichtet- das Gleiche galt aber auch für jene hinter bzw. in diesem uns verletzenden Sozialkonstrukt. Wir haben uns hin- und herziehen lassen, bis wir den Knall endlich rauslassen konnten und wir uns für eine radikale Zu-Nichts-Niemand-Nirgendwo-in-Gänze-Verpflichtung entschieden.

Für konsequente Nirgendwoanpassung sobald wir uns selbst dabei verloren.
Schwupp war der Druck raus, bekamen wir eine Ahnung von freiem Durchatmen und den Möglichkeiten der Denkrichtungen, zu der unser Gehirn als Ganzes in der Lage ist.
Und doch ist bei aller äußeren Freiheit noch das Gefängnis im Innen da.

Da gibt es nachwievor Innens die diesen Selbstbefreiungsrundumschlag nicht miterlebt haben. Die nachwievor in Teilen der früheren „hellen“, der „dunklen“ und auch der „drinnen“ Welt kleben. Sie sind das, was damals alle an uns ziehenden Seiten jeweils noch immer in der Hand halten.

Diese Innens haben keinen Standpunkt- sie können nicht „aussteigen“, weil sie nicht stehen.
Sie haben keine Basis und Trittbretter herbei zu schaffen, liegt an uns. Doch wo sollen wir sie hernehmen, wenn wir doch immer wieder feststellen, dass eine Anpassung- nicht eine Freiheitspraxis von uns erwartet wird?Eine Freiheitspraxis die auch unabhängig von unseren HelferInnen und all dem, das doch nur dafür da ist, uns zu helfen, passieren darf, ohne als unpassend oder sogar minderwertig zu gelten.

Es ist für uns sehr traurige Freiheitspraxis eben nicht eingemeindet zu sein und die Feiertage allein zu 212289_web_R_K_B_by_Ruth Rudolph_pixelio.deverbringen. Sehr anstrengende Freiheitspraxis dem Sog des Suiziddrang-zwangs zu widerstehen und so in Kauf zu nehmen in ein einem bestimmten Konstrukt eben dann als schlecht und und minderwertig zu gelten. Es ist traurige Freiheitspraxis zu wissen, dass die Menschen die uns umgeben (außer denen die das jetzt lesen und uns kennen) keine Wertschätzung dem gegenüber zeigen. Es ist beängstigend zu spüren, dass wir auch keine klinischen Hilfen mehr in Anspruch nehmen können, weil die Strukturen unnachgiebig und starr (und damit für uns kaum bis gar nicht nutzbar) sind- wir also nicht einmal mehr so frei in der Annahme von Hilfe sein können, wie wir uns da doch ursprünglich erkämpft haben.

Es ist außerordentlich schmerzhaft so frei zu sein, dass man fast haltlos ist.
Freiheit bedeutet auch Dinge nicht anzuerkennen und rebellisch und störrisch zu wirken. Anzuecken und zu hinterfragen. Unangepasst an „die Gesellschaft“ und doch Teil von ihr zu sein. Strukturen zu erfassen, ganz für sich abzuschätzen und zu versuchen sich an sich anzupassen- nicht sich selbst ihr anzupassen.

Ich komme mir vor als wandere ich durch die Wüste und sammle trockenes Holz. Trittbretter für jene Innens die keinen eigenen Standpunkt haben. Immer weiter und weiter- einfach weil wir als Einsmensch kein Sklave mehr sein wollen. Schritt für Schritt auf einer Reise, die aber nicht in einem heiligen Land enden wird.
Sondern in der persönlichen Freiheit.

 

Vielleicht sollte man es für alle so nennen: „Einstieg und Anpassung an Freiheit“.
Irgendwie macht mir meine Wortsynästhesie dieses Wortpaar passender für das was erreicht werden will, als die Wortgruppe „Ausstieg und Loslösung aus destruktiven Zusammenhängen“.

An Erstem sind kleine Rippel zum Festhalten dran.

 

P.S. Auch hier gibt es wieder ein offenes Ende- wir wirbeln immer noch herum und taumeln gerade eher ein bisschen hin und her und ergießen uns hier eher als wirklich fest und klar zu schreiben, worauf wir hinaus wollen. Gehört dazu denken wir- also kriegts einen Platz.