Stellung halten

Ein Korsett von 18 hundertirgendwann
Ich musste daran denken, als ich heute morgen aufwachte.
Nach langer Zeit des Korsetttragens, auf diese damals modische Art, verkümmert die Muskulatur im Rücken, die den Oberkörper stützt.
Haltung war wichtig.
Weniger der Halt an sich

Über die Haltung wird Position bezogen. Die Position definiert wiederum die Stellung.
Eine Stellung zu halten, wird so zu dem, was später wichtig ist. Wofür auch immer.

„Halt die Stellung“ heißt für mich soviel wie: „Geh nicht weg. Bleib und erfülle deine Aufgabe. Steh dazu.“.
Imperativ. Ein Befehl.
(Fahnen-) Flucht hat Konsequenzen. Tödliche vielleicht. Das kann man nie wissen.

Aus meinem Steinchenkrampfimpuls ist ein spürbares Korsett geworden, das meinen gesamten Rumpf bis ins Hüftgelenk hinunter umfasst und zudrückt.
Normalerweise atme ich nach hinten- auf meinen Rücken bzw. das Stückchen zwischen meinen Schulterblättern zu.
Da ist alles drauf. Da ist meine Haltung, da ist meine Verantwortung, da ist meine Schuld. Da ist, was mir Grund zum Stellung halten gibt.

P1010325Jetzt muss ich an einem Kloß im Rachen, durch einen Ring im unteren Hals in ein Niemandsland hineinatmen. Als wären meine Stachel nach innen gerichtet und könnten die mit Luft gefüllten Blasen, die ich mir zaghaft hineinatme, platzen.
Ich muss nach vorn atmen und das tut mir mehr weh, als jedes übliche Schmerzen im Hinten, das mich meiner Haltung versichert.

Vorn, da ist es so schnell auf. Da perlt es, brennt es unter Berührung; ist es weich und Kaltes liegt manchmal ganz nah an Warmem.
In meiner Vorstellung ist mein Vorne eine Art mit Haut und Fett bespannter Ballon, der nur einen Faden breit vom Hinten getrennt ist.
Ein Kinderinnen hat mal gesagt, es habe Angst, dass ihm der Bauch herausfällt. Das konnte ich gut verstehen und nahm es in mein Hinten.

Ich muss mich bewegen, um weicher zu werden.
Aber die Muskeln, die mein Vorne halten, sind verkümmert.

Es kommt mir vor, als sei meine Haltung irgendwie doch nichts weiter, als ein hohles Gerüst, das ich mir anlegte, weil es nötig war und jetzt anlegen muss, weil beim Tragen etwas verkümmerte, das mir weh tut, wenn ich versuche es abzulegen.

Es ist eine Art organischer Käfig, dessen ich mir bewusst und bewusster werde.
Und ich bekomme Angst davor, ihn zu verlieren. Vielleicht eine Art Angst davor, alles Verkümmerte zu spüren und nicht zu wissen, wie ich ohne Stellung halten soll.
So bin ich doch auch gerade dankbar für den Schmerz und auch die erschwerten Bedingungen in Bewegung zu kommen.

Es tut weh, also bin ich.
Ich bin, also bin ich da.
Bin ich da, halte ich die Stellung.
Ich übernehme Verantwortung und trage meine Schuld.

So hat niemand Grund mich einzusperren.

named

benannt2Es gibt Dinge, über die mache ich mir erst Gedanken, wenn so etwas wie vor ein paar Tagen passiert.
Wir liefen mit unserer Gemögten durch den Wald und irgendwo in unserem Gespräch mischte sich ein anderes Innen hinein.
Das ist etwas, das oft passiert und in der Regel ist das für mein Gegenüber nicht so zu spüren. Wir erwachsenen Innens, die viel Alltag leben, sind nicht so wahnsinnig unterschiedlich nach Außen bis auf Kleinigkeiten, die erst dann zum Merkmal für „Oh- das ist jetzt aber jemand anders“ werden, wenn jemand von unserem Viele-sein weiß.

Wir kennen diese Gemögte jetzt seit ungefähr 3 Jahren. Dass wir ein Mensch mit „Wir- Gefühl“ sind, haben wir ihr nach einem dreiviertel Jahr erzählt. Wie das alles so ist, haben wir ihr mit Bücherbergen und Wortgebirgen erklärt und den Rest einfach miteinander gelebt.

Als wir im Wald standen, fragte sie das Innen an der Front, ob es ihr ihren Namen sagen könne und ja, das hat mich geplättet.
Das ist eine Art Interesse, das so tief geht, dass ich nicht sicher bin, ob klar ist, wie tief. Was diese Frage mit Offenheit zu tun hat und nicht zuletzt einer Art gelebter Unlogik, die einerseits ein Selbstgefühl stärkt, andererseits die Funktionsweise der Einigkeit von Namen für Menschen ad absurdum führt.

Menschen werden geboren und es wird ein Name vergeben.
Das ist so, weil darum.
Anstatt weiterhin zu warten, welche Eigenschaften die kleinen Menschen entwickeln und sie anhand dessen zu benennen, wie es lange Zeit in Europa noch Normalität war (Stichwort: Kindersterblichkeit), gab es irgendwann einen Umschwung zur Namensvergabepraxis. Ob es daran lag, das auch kleinen Menschen eine Seele und ein Selbst zugestanden wurde, das benannt werden wollte oder, ob es einfach so war, dass es üblicher wurde, wenn ein Kind das 5te Lebensjahr erreichte, weiß ich nicht.
Trotzdem finde ich den Ansatz, den Namen nach den Fähigkeiten oder auch Eigenschaften des Menschen auszusuchen, an sich clever.

So in etwa, habe ich auch meine erste innere Landkarte gestaltet. Ich wusste nicht, wie sich die Innens selbst benennen und hatte nur die Beschreibungen von Außen. So gab ich ihnen Namen, um in der Therapie über sie sprechen können und so wiederum irgendwann auch mit ihnen sprechen zu können.

So wurde mein eigenschaftsbezogener Name für sie zum Werkzeug, mich an ihr Sein, das einen anderen Namen hat, anzunähern.

Im Therapieverlauf habe ich dann die Namen ergänzt bis irgendwann so ein Punkt war, an dem klar wurde, wie privat die Namen der Innens sind und was für eine Nähe mit dieser Privatheit einhergeht.
Ich muss niemandem besonders nah sein, um zu sagen, dass ich Hannah heiße. Es gibt aber auch Innens die sich schutzlos und vielleicht auch wie enttarnt fühlen, wenn sie benannt werden.
Das war für mich ein Moment, in dem mir auch ein Stück weit klar wurde, was damit gemeint ist, wenn es heißt: „Du bist dazu da, andere Innens zu schützen.“. Ich bin nicht nur dazu da, Teile des Lebens für sie zu leben, die sie überfordern, ängstigen oder für die sie einfach nicht gemacht sind, sondern eben auch, um einen Abstand zu anderen Menschen zu generieren.
Was sich hier gezielt „gemacht“ anhört ist etwas, das sich einfach so entwickelt hat, weil es nötig war. Das ist, was sich hinter dem Begriff „struktureller Dissoziation“ befindet. Es ist nicht: „Wir bringen mal System (Funktion nach Schema) in dieses wirre Dissoziieren“, sondern: „Oh- da ist Struktur im scheinbar wirren Dissoziieren“.
Auch im Hinblick darauf, dass es Menschen gibt, die trotz Bewusstsein um Trauma und die Folgen- vielleicht auch Wissen um Dissoziation und ihr Spektrum-  von außen versuchen „Ordnung reinzubringen“, ist es vielleicht sinnig nochmal zu sagen, dass die Namen, die dort hin- und hergeschoben werden; eingeordnet und sortiert werden, ein „jemand“ sind, das einfach -ist-.
Die Ordnung ist schon da- sie muss nicht reingebracht werden. Sie muss nur verstanden werden.

Das ist die Übergriffigkeit, die für mein Gefühl viele Menschen nicht auf dem Schirm haben, wenn sie so etwas sagen wie: „Ja dann sag dem Innen doch, dass es dies und das nicht mehr machen soll“ oder (Bullshitbingo:) „Dann macht das doch so: der macht das, der macht das und der macht das…“.

Da beginnt der Bereich der gelebten Unlogik, den ich eingangs erwähnte.
Wir sind alle Eine- doch jede/r/s von uns ist Eine/r/s.

Ich habe nie darüber nachgedacht, warum ich auf den Körpernamen reagiere- für mich, vor mir selbst, aber Hannah heiße. Ich weiß nicht, woher ich immer genau wusste, dass mein Name etwas ist, das nur meins ganz allein ist. Heute weiß ich, dass ich in einem Moment „geboren“ wurde, in dem „ich“ eben nicht -war-. Weder Name, noch Identität; in meinem Fall eben nur noch Eigenschaft mit Kompatibilitätsoption nach außen.
Es gibt Innens bei denen nicht einmal mehr das da war.
[Von außen wird das gern als der Moment der Selbst- entfernung/trennung (Dissoziation) bezeichnet- für uns ist dies allerdings ein Zustand- darum das „-war-“ und „-ist-„]

Sich selbst zu benennen ist eine Art der Aneignung seiner Selbst, die unfassbar viel sein kann, wenn eben das eigene Sein nach Außen so nicht mehr -ist-, vielleicht auch nie anerkannt oder auch gewahrt wird.
In der Hinsicht haben zum Beispiel auch Menschen mit Transidentität oder auch Intersexualität meine volle Solidarität, wenn sie sich für einen anderen Namen entscheiden. Es geht darum sich an sich selbst- sein eigenes Selbstsein  anzunähern- innerlich, wie äußerlich.
Es fällt mir nicht schwer zu sehen, dass eine „Maria“, deren Körper mit „Martin“ benannt wird, mit jeder Körpernamenserwähnung missachtet und ja, so auch gequält wird- also Gewalt erfährt.

Die innere Namensgebung fällt so auch in einen Bereich, der nach außen oft übersehen wird, wenn es um Gewaltleben und -überleben geht.
Gewalt ist all (selbst-) umfassend, doch etwas vom „Vorher“ (auch dann wenn selbst dieses „Vorher“ eines voller Gewalt ist) bleibt immer. Irgendetwas bleibt und entwickelt sich unter den gegebenen Umständen weiter.
So betrachte ich unsere Namensgebung im Innen als Fähigkeit zwischen innen und außen doch sehr wohl unterscheiden zu können- obwohl die Anpassung (bei manchen Innens bis zur Verschmelzung) immer wieder nötig war, um zu überleben.
So bildet die Selbstbezeichnung bereits eine Art Schutz vor Zerfall, denn benannt wird nichts, was nicht ist. Der Moment des Nichts-sein- des „nicht -seins-“ ist der, den es zu umgehen gilt.
Wenn etwas -ist-, kann es nicht -nicht sein- .

Übersehen wird manchmal, dass Aneignung etwas ist, das so lange funktioniert, wie Anzueignendes da ist und sei es eben jenes kleine -ist-, das noch ist, wenn sonst nichts mehr -ist-.

Ich denke nun ist erkennbar wie kostbar das ist, was unsere Namen bezeichnen?

Für das Miteinander mit dem Außen bedeutet das Folgendes:
Ich bin da, wie gesagt, nicht so. Ich finds schön, wenn Menschen mich mit „Hannah“ ansprechen und nicht mit „Körpername“ oder noch schlimmer „Frau Körperfamilienname“.
Ich kann das aber erst haben oder in der Folge logisch nachvollziehbar einfordern, wenn das Außen
a) weiß, dass ich als Einsmensch multipel bin, aber gerade als Einzelinnen – da bin-,
b) weiß, was das bedeutet
c) mir das glaubt
und d) wenn dann noch so viel Wertschätzung für mich/uns da ist, dass mir zugestanden wird, mich wohl zu fühlen, wenn ich angesprochen werde.

Manches Außen fragt vielleicht nun, ob es jedes Innen erkennen und mit „seinem/ihrem/deren Namen ansprechen muss.
Bei uns ist das nicht der Fall. Es gibt als gesamtinneren Konsens, dass der Körper(familien)name nicht passt und jeder Name besser ist, als dieser. So lassen sich auch viele andere Innens eben „Hannah“ oder eben wie hier im Blogkontext „Hannah Cecile“ oder nur „C(ecile)“ Rosenblatt nennen.
Da ist jeder Mensch (mit DIS) anders. Ich habe schon von Menschen mit DIS gehört, die von ihren Mitmenschen gewünscht haben, jeweils mit den „richtigen Namen“ angesprochen zu werden und von Menschen mit DIS, bei denen die Innens nicht so eine Aversion gegen den Körpernamen hatten und sich auch so nennen ließen.

Das Namensgefühl verändert sich auch.
Die Selbstbenennung schwankt bei mir auch mit dem inneren Beieinander.
So ist es dann manchmal so, dass ich in der Therapiestunde sitze und die Therapeutin mich fragt, mit wem sie gerade spricht. Manchmal fühle ich niemand anderen und antworte dann: „Hannah“ und manchmal fühle ich ganz deutlich- fast organisch mit mir zusammengeschmolzen ein anderes Innen und antworte: „Hannah und…“. Es gibt bei uns einige Innens die, nachdem sie auf Dauer verschmolzen waren, eine ganz andere Selbstbezeichnung für sich hatten.

Benannt wird immer, was ist- nicht was sein könnte oder sein soll, wie das eben im Außen passiert, wenn ein Neugeborenes direkt einen Namen zuschreibender Bedeutung bekommt.

In der Situation im Wald kippte das Innen auf die Frage weg.
Vermutlich genau über die Kante, über die ich stolperte und die mich bäuchlings vor die Füße unserer Gemögten fallen ließ.
Es war zu nah, obwohl als Frage an sich völlig in Ordnung und folgerichtig im Annäherungsprozess an uns als Vielheit.

Aber unsere Namen sind das, was wir uns ganz allein gemacht haben. Unsere Namen haben uns – jede/n/s für sich allein, -sein- lassen, als gar kein -Sein- mehr war.
Der Name ist das bisschen Selbst, welches alles im Innen benannte und über alles hinweg gerettet werden konnte. In unserem Fall, ohne bewusste Überlegung, sondern einfach so. Vielleicht, weil das etwas war, was noch ging. Trotz und wegen allem, was war und was eben nicht war.

Das wird eben nicht von allen mit allen geteilt.

ein Mensch sein?

Hast du vergessen, dass du ein Mensch bist?

Da ist dieser Moment, in dem es wieder hochwallt. Das Gefühl ein Es zu sein, ein „da mit Eigenschaft“ oder „eine Fähigkeit mit Kompatibilitätsoption“.
Keine Seele, kein Kürschnörkel, der in den Himmel lacht und Gräserspitzen unter seinen Fingerkuppen fühlt.

Dumpf und sprachlos, der Atem eine feine Linie nah über dem Boden und doch da. Es geht immer weiter gerade aus, in einem starren System, inmitten von Begrenzungen, die allein dem gelten, was schon längst zur fernen Idee einer Idee eines Wunsches zur Erfüllung eines dieser Kürschnörkelbedürfnisse verblasst ist.

Du darfst das

Irgendwann mal habe ich gelernt, warum sich Pupillen vergrößern und verkleinern. Lange dachte ich, dass es etwas damit zu tun hat, das Leben in seinen Kopf zu saugen. Das Licht in sich hineinzusaugen.
Es ist kein religiöses Denken, das Leben für das Licht zu halten.

Wenn es erst hell wird, wenn jemand kommt, um Wasser auf den Flächenbrand von Hunger und Durst zu schütten, dann wird das Leben zum Licht.

Wenn Schmerz sich lohnt, weil es hell wird, etwas bewirkt ist; man ein „da mit Fähigkeit“ wird und am Ende eine Art Rettung steht,
dann ist das Leben Licht.
Und kurz sogar Energie.

Du bist
am Leben

Vielleicht ist der Nebel, den ich die ganze Zeit mit herum trage und, der, wie mein Atmen, nah über den Boden wabert, die Antidichte zur Stille um mich gewesen.

Ich sehe sie da stehen. In der Mitte. Genau ausgerechnet mit dem unveränderlichen Maß ihrer Füße. Das Album von Britney Spears singend.
Bis sie zerdrückt war und ihre Scherben zu den Hürden wurden, über die andere hinwegrobbten, um an Wände, Widerstand und Grenzgefühl zu kommen.
Im Kino gibt es zu solchen Momenten epische Hintergrundmusik.

Den Momenten, in denen man vergessen hat, ein Mensch zu sein.

„Hab ichs geschafft?“ eine Luftblasenfrage.
„Ja, mein Herz, du und wir alle, haben es geschafft.“ ein einzelner Stein an dem sie zerplatzt.

Sperrkunst2

kleines Dings- großes Kino

Dass es ein Film sein könnte, fiel mir auf, als ich die Hände abwehrend vor mein Gesicht hielt und es spürbar besser wurde. Hinter dieser Händewand kann nichts sein, das mir das Gefühl macht einen viel zu kleinen Kopf zu haben.

PingPingPing Jäckpot! Sie haben ein Ticket in erster Reihe gewonnen. Gezeigt wird ihnen nichts- aber glauben sie mir- es wird sie überwältigen!

„Danke nein“, dachte ich, „Ich mache mir einen vorbildlichen Tee, atme nach Übungsschema, rede mir ein wahnsinnig groß zu sein. Vielleicht hänge ich mich ein bisschen aus dem Fenster und tue so, als ob der Blick direkt herunter, der Blick zu meinen Füßen sei. Ich kann echt nicht jeden Tag so verdissen.“.

Irgendwann später spürte ich, dass es mir plötzlich grundsätzlich wieder gut ging. Keine Schmerzen, kein Druck unter den Augen; Nase und Hals schleimfrei, vom Zahn nur ein sachter Restdruck.
Dafür ein Gedanke, der in seiner Mächtigkeit fast an eine Erinnerung herankommt und sich doch meinem Be-Greifen entwindet.

Ich brauche eine bessere Strategie. Vielleicht eine andere Schmerzmittelversorgung. Vielleicht muss meine Gemögte doch ein bisschen hier schlafen.
Vielleicht kriege ich mich auch endlich einfach mal ein, verdammt Axt.

Es ist doch nur ein winzig kleiner Zahn. So ein klitzekleines Gnupsdings aus „hart“ mit Autschn drin, das sich hier aufführt wie Käpt’n Iglo auf Landgang.

Schmerzkunst2Ich kann mich so schwer konzentrieren und pendle zwischen dissen, schlafen, geikeln und Wörter auf die Blogmaske schmeißen. Zwischendurch das sabbertriefende Ententier von NakNak* vom Bein pflücken und zum Spielen benutzen. Tee kochen, kalt werden lassen, einen Schluck trinken und den Nächsten aufsetzen. Den Abwasch betrachten und froh sein, dass kein Sommer ist. Den Kakaobecher eines Kinderinnens umstoßen, Angst haben und darüber nachdenken, was schlimmer ist: Die Umweltzerstörung durch dieses hübsche Küchenpapiergeschenk oder der Angstpuls, der durch den Kiefer jagt und den Hals wieder verengt.

Hallooohooo Filmfestival
Gucken, ob
die Sommers schon einen weiteren Film geschafft haben.
Gute Gedanken hinschicken. Schadet ja nie und wo man schon mal dabei, ist gleich noch überall da hin, wo es gerade aus unterschiedlichsten Gründen eventuell noch ängstlich, traurig, schmerzerfüllt pochen könnte.

Der Wecker klingelt.
Erlaubnis für eine weitere Schmerztablette und die Hoffnung auf ein Zeitfenster, in dem Schlaf gehen könnte.

Das mit dem Kriegen und Einkriegen dann, wenn die Wirkung wieder nachlässt.

toter Hund

TraumImmer wieder mal träume ich davon, wieder bei meiner Familie zu leben und meistens sind es anstrengende Träume. Ich bewege mich viel im Schlaf und spanne meine Muskeln an. Manchmal wache ich im Weinen auf und der Unterschied der Umstände erscheint mir doppelt traurig.

Einmal träumte ich, dass ich von irgendwo herunter fiel, direkt vor die Füße meiner Eltern, die beide ein Eis in der Hand hatten. Der Aufprall hatte unglaublich geschmerzt und ich hatte versucht nach den Beinen von einem von beiden zu greifen. Eis war auf meine Hand getropft und die Beine hatten sich entfernt.
Da war ich aufgewacht und weinte, weil es weder im Traum noch in meiner Lebensrealität jemanden gab, der mich tröstete.

Heute Nacht träumte ich, dass ich allein mit meinen Eltern und NakNak* lebte.
Sie waren lieb zu mir, sagten Dinge, wie sie meine Twittertimeline und Gemögten normalerweise sagen bzw. schreiben. Und dann fiel NakNak* von irgendwo herunter und verletzte sich schwer.
Ich sah sie vor mir, wie
Edna, die kleine Welpin. So starr zur Seite fallend und der Fang von Stressfalten umrahmt. Sie gab keinen Ton von sich, hatte die Augen aufgerissen, um so weit wie möglich mit mir zu verschmelzen.
Sie lebte, bewegte sich und versuchte ihren Vorderlauf zu kontrollieren, was nicht ging, weil ihr Ober“arm“knochen blank wie Milchglas aus der Haut herausschaute.

Ich nahm sie auf und trug sie ins Wohnzimmer meiner Eltern. Sie richteten ihre Aufmerksamkeit auf mich und fragten fast gleichzeitig, was passiert sei. Ich sagte, dass wir zum Tierarzt müssten. Sofort.
Im Kopf überschlug ich die Behandlungsmöglichkeiten, während ich sah, dass mein Hund unter den Händen meiner Eltern zappelte und sich den Knochen des Beins immer weiter denormalisierte.

Ich wischte ihre Hände von NakNak*, schickte meine Mutter ans Telefon: „Ruf beim Doktor an und sag ihm, wir kommen!“ und drehte ich mich zu meinem Vater um ihm zu sagen, er solle uns jetzt sofort da hinfahren.

Ich träumte Ednas Sterben mit NakNak* in der Hauptrolle.
Die kleine Labradorwelpin war auf der Fahrt zum Tierarzt bereits den Hirntod gestorben und ich hatte trotzdem noch versucht jede Kurve und Unebenheit in der Straße mit meinem Körper abzufangen. Sie hatte sich noch bewegt und geatmet, doch ihr Schädelknochen war unter den Hufen des Pferdes zerstört worden.

In dem Traum war mein eigener Hund plötzlich knapp 13 Wochen alt. Der hilflose Mensch, der sich an sein Lenkrad krallte, war nicht der eigentlich fremde Besitzer, sondern mein Vater.
Wir fuhren immer langsamer und ich verstand erst wieso, als ich sah, dass mein Vater eigentlich ein Kleinkind
, das schrecklich weinte, am Steuer des Autos war.

Ich weiß noch, dass ich dachte: „Ich kann das hier nicht“ und dann aufwachte.

So in meinem Bett liegend dachte ich darüber nach, ob ich weinen wollte; wo NakNak* sei und, dass mir das Kind irgendwie vertraut war.
NakNak* robbte sich gerade vom Fußende an mein Gesicht hoch und schnaufte ihre Morgenmüdigkeit an meine Stirn. Da und ganz heil, drückte sie ihren Rücken in meinen Bauch und seufzte.

Ich dachte, dass es schön wäre, wenn jemand hereinkäme und mir über den Kopf streichelte, damit ich auch so tief ausatmen könnte.
Da kam aber niemand.

Wer sollte auch kommen?
Meine Mutter hab ich ja weggeschickt um den Tierarzt anzurufen.

mit Stein zur Zahnärztin

P1010475Ich war gerade hier in dieser Stadt gelandet, da lernte ich meine Zahnärztin kennen.
Eine der ersten Fragen von ihr war, obs denn nicht wahnsinnig weh täte.
Fast 3 Jahre konnte ich das immer verneinen und ließ sie ohne Betäubungen an und in meinem Kiefer herummachen.

Bis ich ihr dann einmal halb vom Stuhl springen musste, weil ich etwas spürte. Und wie!
Warum auch immer griff die Dissoziation von Schmerz plötzlich nicht mehr und sie durfte mir fortan jedes Mal eine ihrer „zärtlichen Betäubungen“ setzen. Sie sagt wirklich „zärtliche Betäubungen“ und das ist auch richtig gesagt. Ich habe den Einstich noch nie gespürt.

Mein Zahnstatus ist unterirdisch. Das weiß ich genauso, wie sie.
Ich habe kein Zahnarztbonusheft und auch nicht die Ernährungs- und Zahnreinigungsweise, die zu Zahngesundheit beitragen könnte. Niemand kann erwarten mehr Zahn als Loch im Mund zu haben, wenn mehr als 13 Jahre lang Essstörungen, Fremdkörperaversionen und Armut herrschen.

Lange kam ich mir in der Zahnarztpraxis wie eine Patientin letzter Klasse vor, weil ich sogar für kleinste Zuzahlungen um Raten bitten musste. Meine Zahnärztin verwendet kein Amalgam und das finde ich gut.
Mein Geldbeutel hingegen ächzt schwer auf- vor allem, weil nicht nur eine Füllung gebraucht wird, sondern bereits seit Jahren mehrere.
Ich komme zu ihr, wenn ich Schmerzen oder Geld habe. Vorsorge und sonstiger Schnickschnack ist fern ab.

Mir gefällt es bei ihr eigentlich ganz gut.
Dort arbeiten nur Frauen und es angenehm kühl, was mir hilft nicht ins Dissoziieren zu rutschen, wenn sie etwas Schwieriges macht. Außerdem hat sie Kunst mit Donald Duck in den Räumen und seit einigen Jahren eine Hipsterbrille auf der Nase.

Allerdings hat sie einen Liegestuhl und macht manchmal doch Dinge, die weh tun oder so gruselig sind, dass ich schon mal vorsorglich Schmerzen spüre.

Alles das verbindet sie mit Geschwindigkeit und einer Art wenig Worte zu verschwenden. Wenn sie spricht, muss ich keine Füllwörter oder Wiederholungen herausfiltern und wenn sie Untersuchungen macht, macht sie nur die Nötigsten. Einmal Karies dauert nur wenige Minuten und die meiste Zeit davon beansprucht die Betäubung.

Heute war ich wegen meiner vor Monaten verlorenen Wurzelfüllung und Druck im Zahn daneben da.
Wir haben ein reiches Jahr 2013 und ich konnte ihr das auch sagen. Sie freute sich für mich und meine Müdigkeit trat noch mehr in den Hintergrund.
Es machte mir nicht mehr viel aus zu hören, dass der Kurs nun lautet „Wurzelbehandlung und neue Füllungen in beiden Zähnen“. Aber das kurze Ziepen dazu hatte gereicht, um mich aus meiner Imaginationsübung zu reißen und eine andere Bildabfolge vor Augen zu haben.

„Sich einkriegen“ ist das Eine.
„Sich überhaupt erst mal zu kriegen“ (es sind flatternde Rosenblätter von denen ich spreche) eine Andere.

Ich machte ein Zeichen und sie stoppte. Ich bat um etwas zum Festhalten und sie bot ihre Hand an.
Eines dieser komischen Spucktücher hätte ich auch genommen.
Ihre Menschenhand…
Die fasse ich nicht einfach so an.
Ob sie dann einfach meine genommen hatte oder nicht, weiß ich nicht mehr. Ich war dabei mich zu entschuldigen und zu versuchen mein Innenleben und meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen, als ich bemerkte, dass ich den Handschuh um ihre Hand spürte.

Meine Zahnärztin ist klein und präzise. Sie wirkt technisch und sachlich.
So deplatziert mein Fastwegdriften wirken kann, so seltsam wirkte es auf mich, dass sie plötzlich so Sachen sagte wie: „Ist ja jetzt vorbei.“ und mich in meine Sicherungsketten aus: „ich bin groß, ich bin stark, ich kann das, ich will das, ich mach das jetzt“ brachte.
Es war dann auch schnell vorbei. Aber, ob das jetzt meinen wundertollen Reorierentierungskünsten lag, oder daran, dass sie mich damit total verwirrt hat, weiß ich nicht.

In den nächsten Wochen werden wir uns öfter sehen.
Vielleicht schaffen wir das Ziel von vor 10 Jahren ja doch irgendwann mal noch: „einmal alle Karies weg und dann ein Bonusheft anfangen“.

Zum Festhalten nehme ich aber in Zukunft doch lieber wieder meinem Stein mit, den ich heute morgen vergessen hatte.

Schweigen verwortlichen

… und als ich ein Wort hatte, war es greifbar genug, es aus der Hand zu legen…
~ H. C. Rosenblatt ~

Es heißt Gesprächstherapie und hat etwas mit Sprache zu tun.
Es ist eine Art seine Seelenwarzen zu besprechen.

Seit einer ganzen Weile kämpfe ich mit einer Sprachlosigkeit, die alle mir bekannten Ebenen überschreitet und erlebe die Therapie als Gespräch, wie eine Art wöchentliche Kampfarena in der ich als gnadenlos niedergeschlagene Verliererin in den Sand gestampft werde.
Nie habe ich darüber nachgedacht, ob irgendwo Worte bleiben. Ob Worte von mir etwas bedeuten, obwohl ich verloren habe und einzig das Schweigen, als Obrigkeit meiner selbst, seine strahlende Rüstung zeigt.

Ich hatte in einem Emailaustausch mit einer Verbündeten etwas um diese Sprachlosigkeit verstanden. Sagte der Therapeutin: „Ich kann ihnen nicht helfen, mir zu helfen“ und dachte: „Weil ich es nicht sagen kann“.

Sie war aufgestanden und hatte ausgedruckte Artikel aus ihrem Büro geholt. Worte aus meinem Innen. Mein in Worte gewickeltes Schweigen, ein Stückchen auf ihrem Schoß.
Ich bin berührt von diesem Blick auf mich.
Nicht hindurch oder an mir vorbei wabernd.

Meine Therapeutin hat einen Freifahrtschein den Blog zu lesen oder auch nicht. Ich weiß, dass Zeit und Raum für Menschen kostbar sind. Gerade, wenn man sich mit Menschen auseinandersetzt und ein Stück miteinander geht. Nie habe ich von ihr erwartet, das zu tun. Wenn der Wunsch da war, wurden Artikel ausgedruckt und zu ihr gebracht.
In meiner Welt bin ich das Stück Dreck mit dem sie sich einmal in der Woche befasst und dafür Geld bekommen muss. Als Entschädigungslohn vielleicht.

Und als sie einfach weiter sprach und mein Schweigen im Wortgewand eines anderen Innens als Wort galt, konnte ich etwas sagen und es loslassen.

Nichts ist weg oder anders als vorher.
Aber es quält mich nicht mehr mit dem Gefühl selbst verschwiegen zu sein.
Es gibt Beweise für meinen Kampf.
Auf einer Ebene, ganz für mich, habe ich etwas über mein Schweigen verwortlichen können, ohne etwas sagen zu müssen. Ohne etwas können zu müssen, das ich nicht kann.

P1010059Und plötzlich ist es kein Kampf mehr, den ich als Verlorene betrachten muss.
Für den ich mich hassen muss, weil ich es falsch mache und damit den wahren Entschädigungslohn an meine Therapeutin in die Höhe treibe

Am Sonntag war da diese Welle von innen, die mir sagte, dass ich schon ganz richtig sei.
Gestern kam sie von der Therapeutin.

Jetzt streichelt sie ein bisschen an meinem Sein entlang und berührt mich.

Ich bin dankbar.

Wiederholungsmüde

pinkblackI don’t wanna talk
If it makes you feel sad
And I understand
You’ve come to shake my hand
I apologize
If it makes you feel bad
Seeing me so tense
No self-confidence

But you see
The winner takes it all
– ABBA –

Wie ich es leid bin, um Kontakte zu kämpfen.
Selbst darum zu kämpfen gesehen zu werden und gleichzeitig vor Angst unter Blicken zu vergehen.

Ich bin es so leid, nicht in Austausch zu kommen, um ein Nebeneinander in Respekt und Verständnis zu sichern.
Ich bin es so leid, Zuschreibungen auszuhalten.
Ich bin es so leid, immer dazwischen und mittendrin zu sein und gleichzeitig außen vor.

Immer wieder muss ich mich ohrfeigen, weil ich mich in ein Zentrum stelle, das gar nicht da ist.
Nicht jede kritische Äußerung, nicht jeder Wunsch, nicht jede Aussage, die an mich gerichtet ist, hat ein Gefahrenpotenzial in Bezug auf mein Überleben. Und trotzdem legt sich dieser Schalter immer wieder um.

„Ich muss…“
„Ich bin scheiße…“
„Ich bin ungenügend…“
„Ich sollte…“

und immer läuft es darauf hinaus eine Beziehung bzw. einen Kontakt zu sichern. Immer wieder geht es darum Innens wegzumachen, damit der Rest von uns von jemandem behalten wird. Immer geht es darum zu gewinnen, weil verlieren diesen Schmerz hat, den diese Angst vor dem Sterbeprozess mit sich bringt.

Ich wünsche mir eine Instanz, die das Spiel abpfeift. Und jetzt, wo ich einen Gedanken an so eine Instanz habe, fällt mir auf, dass sich das Spielfeld schon längst in eine Arena, mit ineinander verknoteten und verbissenen SpielerInnen in sich, verwandelt hat.
Egal, wie sehr ich versuche meine Kämpferscharenschaft abzuziehen, die Starre ist da. Irgendwas zwischen Beißkrampf und Schmerzstarre.

Und der Witz- das Ding über das ich mich ausschütten könnte, dass mir das Grinsen im Kreis um den Kopf herum wandert und die Augen aus den Höhlen springen, ist: Es ist scheiß egal, ob ich selbst das direkt mache oder nicht. Ich hab Innenleben, das statt meiner in so eine Arena geht und beißt oder gebissen wird.
Ich spiele immer mit. Egal, ob ich will oder nicht.

Wir sind so gut darin uns immer wieder an Menschen zu heften, die uns zeitgleich das Gefühl von Sicherheit, wie das Gefühl von Todesangst verursachen. Die immer wieder genau das Muster der Familie° an uns heran tragen. Das machen wir parallel nebeneinander her und jede/r auf seinem Gebiet…

Selbstverständlich ist so ein Spiel nie zu gewinnen. Das haben wir in unserer Familie° auch nicht wirklich gewonnen. Da sind wir auch einfach abgehauen, weil uns jede/r gesagt hat, dass man die eigenen Eltern nicht ändern kann.

Und jetzt wollen wir wieder abhauen. Alles ungeschehen machen und neu anfangen.
Dabei wissen wir, was die Verluste bedeuten. Wissen, was beim Abhauen so alles von uns abgeschnitten wird. Wissen das ganz genau. Wenn die Therapiererei in den letzten Jahren eins gezeigt hat, dann wie viel verdammt tiefer Schmerz und wie viele bis heute verletzte Innens den Weg von dort weg gepflastert haben. Wie viel „was wäre gewesen wenn…?“ bis heute immer wieder aufkommt.

Es wäre eine Wiederholung. Nichts weiter.
Ich bins leid zu wiederholen.
Stehe zum x-ten mal vor diesem Loch im Weg und will es anbrüllen, dass es mich vorbei lassen soll, damit ich nicht schon wieder reinfalle.

Ich will kein Gewinner sein.
Ich will nur nicht schon wieder verlieren.
Ich möchte es schaffen, mit Menschen ein Miteinanderspiel zu haben, in dem es weder oben noch unten, weder Gewinner noch Verlierer gibt.

Nur wie machen, wie gestalten, wie einfädeln…?
Ist es vielleicht nur ein Unwille anzunehmen, dass wir zu unfähig für dieses Ziel sind, der mich hier grad so antreibt einfach alle Kontakte nicht mehr zu erkämpfen, sondern versickern zu lassen?

Oder einfach ein lichter Moment?

mein Schweigen und die Therapie

helldunkelmischNachdem ich in der letzten Woche so mit einem Schweigen rang, so sehr um meine Lautsprache kämpfen musste, saß ich in der Therapiestunde und versuchte das Schweigen weiter in Worte zu wickeln. So fest wie es ging, um es an einem Ende der Therapeutin in die Arme zu legen.

Hatte sie doch gesagt, sie könne etwas aus-halten.
Wollte ich doch nur, dass sie etwas mit mir hält, was mich drückt.

Mir fiel auf, wie viele Schichten Worte ich über die Jahre bereits darum gewickelt habe.
Und wie sie anfing eine Schicht nach der anderen abzutasten- lose Fäden ohne Sicherung herunter hängen zu lassen und das Bündel immer wieder zurückzuschieben, wenn der leere Kern erste Schatten voraus warf.
Immer dann wenn ich denke: „Jetzt ist es gut verpackt und liegt auch noch woanders- jetzt kann ich- jetzt darf ich das Verschwiegene bündeln und aus seinem Nest in meinem Bauch- und Rippenfell herausklauben.“, dann liegt mein Schweigen wieder unverpackt- unversichert- ungebunden auf meinem Schoß und versucht sich wie ein Korsett um meine Mitte zu legen.

Seine Fänge wandern meinen Hals hinauf und drücken zu. Stopfen mir Mund und Nase zu, bringen mich dazu durch die Augen atmen zu wollen. Mein Schweigen ist ein nebulösschwarzschreiendes Biest, das mir die Ohren rauschen macht und mir das Denken vernebelt.

Am Ende war ich dankbar um die Wut der verletzten Ungeholfenen hinter mir.
Ließ mich und meinen Mund sagen, dass es doch nicht die Hilfe der Psychologie- der Psychotherapie- sein kann, für alles ein Wort zu haben.
Sie begann einen Satz mit „Doch….“

und das Schweigen tötete mich für einen Moment.

Jetzt sind viele Stunden vergangen und ich halte es, wie auf eine Spindel gespießt, in der Hand und wickle erneut Worte darum herum.

Ein anderes Innen soll herausfinden, was gesagt werden darf.
Ich fange an zu zweifeln, ob je eines meiner gewickelten Worte gehört wurde.
Frage mich wieder, ob ich selbst das Schweigen bin.

Bin ich für sie?
Sichtbar?
Hörbar?
Warum sagt sie mir nicht, was sie hört, damit ich höre, ob sie mein Schweigebündel gehört hat und mit mir hält?

Ich fühle mich alleingelassen mit meinem Schweigen.
Und jetzt auch noch hilfe-los, weil ich beim „Therapie machen“ versage, obwohl ich mich an die Regeln halte.

Die Ungeholfenen brüllen und haben Recht.
Helfer sollen helfen. Sie sollen nicht lügen, dass man Hilfe bekommt, wenn es keine Hilfe ist. Hilfe ist nicht allein Erkenntnis. Sprache ist hilfreich- aber keine Hilfe.

Ich schweige- trotz funktionierender Sprache.

Und nun weiß ich endgültig nicht mehr, was ich dort in der Therapie soll.
Weiß nicht einmal mehr in welche Richtung ich überlegen soll, wenn sie immer wieder sagt, wir sollen uns überlegen, was wir bei ihr wollen.
Waren die Antworten darauf falsch oder hat sie sie nicht gehört?

Brich das Schweigen- Mach dich sichtbar (4)

So ein Satz: “Brich das Schweigen.”, bedeutet für mich: “Mach dich sichtbar- mach die Gewalt sichtbar” … “Mach sichtbar, was niemand gesehen hat” … “Mach DU es sichtbar- du warst doch dabei”.

Wir leben in einem System in dem nur verurteilt wird, was sichtbar ist.
Es braucht handfeste Beweise, um Täter ihrer Strafe zuzuführen. Es braucht Sichtbarkeit, um wahrgenommen zu werden. Die Polizei braucht die Opfer, um die Täter sichtbar zu machen. Die Presse braucht das ganze Paket einer Situation, um darüber zu berichten und zum Sprachrohr zu werden. Doch ist nur sichtbar, wofür es Worte gibt.

Am Anfang war das Wort. Oh ja! Worte sind toll.
Sie sind, wenn es um Gewalt geht, wie das erste Kotzen bei einem Magen-Darminfekt; wie ein ausgedrückter Pickel der bereits tagelang schmerzte; wie Weinen, das man schon seit Stunden in seinem Hals drücken spürte.
Sie geben Form, machen sichtbar und ermöglichen sowohl eine Verarbeitung des Geschehens als auch innerhalb unseres Miteinanders eine Bewertung.

Gewalt aber, spricht Teile des menschlichen Gehirns an, die weit weg von dem Teil ist, in dem sich unsere Sprache befindet. Das ist sinnvoll, denn bei Gewalt geht es potenziell immer um eine Gefährdung des eigenen Lebens. Sprache ist jünger als der in uns entwickelte Teil, der unser Überleben sichert.
Ich schrieb es bereits in anderen Artikeln: Das Leben allein besteht in der Fähigkeit zur Entwicklung der Fähigkeit, das Leben weiterzugeben. Es ist ein evolutionärer Kettenbrief, der allein für seine Weitergabe arbeitet.
Unser Sprachzentrum ist so etwas, wie das Ziel am Ende einer verschlammten, mit Geröll bespickten Landstraße- während der Teil, der unser Überleben sichert, eine fünfspurige Hightechsuperautobahn ist. Es gibt keine Sprache- aber hey- was gibt es auch zu sagen, wenn Leib und Leben in Gefahr sind?!
Unserem Gehirn ist es scheiß egal, ob das, was da gerade passiert später noch sichtbar ist. Wer will ihm darum böse sein?

Es können nur jene sein, die das Privileg der Nichtbeteiligung und Unabhängigkeit genießen oder jene, die genau deshalb (chronisch oder latent) im Überlebensmodus stecken und darunter leiden.

Das Wissen um die Vorteile von sozialem Miteinander ist eng mit der Sicherung des eigenen Überlebens in uns Menschen (und auch vielen Tieren) verknüpft. Die Abhängigkeit von unseren Versorgern ist uns Menschen direkt ab dem Zeitpunkt der Geburt mehr oder weniger klar bewusst. Wir werden absolut hilflos geboren und sind erst ab dem Moment der biologischen Fähigkeit zur Weitergabe des Lebens, halbwegs in der Lage eigenständig zu leben. Doch nun ist es so, dass wir in hier, in Deutschland, in einer Umgebung leben, in der das soziale Gefüge dem direkt widerspricht. Hier in unserer Kultur, würde niemand einem Teenager unter 18 Jahren einen eigenen Haushalt ganz ohne Unterstützung und juristische Absicherung überlassen. Unsere Justiz staffelt noch bis ins 27ste Lebensjahr hinein das Maß von Strafen für diverse Taten. Das ist schön- untergräbt aber auch die Autarkie der Menschen. Im Guten, wie im Schlechten.

Es geht um Abhängigkeiten. Auch beim Schweigen.
Wir wurden in unserem früheren Abhängigkeitsverhältnis Schweigegeboten unterworfen.
Schweigegebote sind nicht so schlimm, wie man vielleicht glauben mag. Schlimmer sind die Redeverbote. Das Gleiche? Oh nein.
Gebote sind wie Spielregeln: Willst (Musst) du mitmachen, hältst du dich daran.
Verbote sind Grenzen: Übertrittst du sie, bist du ..? Na was? – Raus! Allein! Ausgeliefert! Schutzlos!
Ergo: potenziell tot.

Wer keinen Schutz außerhalb von (destruktiven) Abhängigkeitsverhältnissen hat, der kann nicht reden. Kann keine Worte finden. Kann nichts sichtbar machen. Kommt nicht in den Genuss der Privilegien, die das Leben mit seiner Fähigkeit dieses weiterzugeben braucht.

Und hier ist es- das Ding, dass das Schweigen nährt: Die Wahl zwischen Leben und Tod.
Welchen Weg wird unser Gehirn wohl nehmen, wenn wir Gewalt erfahren?
Und was passiert, wenn man Zeit seines Lebens immer wieder gezwungen ist, auf der Hightechsuperautobahn zu fahren? Man lernt, dass es sich lohnt und, dass es einfacher ist. Blicke nach links oder rechts sind Ressourcenverschwendung- wen interessiert die Landschaft, die man vom Fenster aus betrachten kann, wenn die rasante Fahrt immer wieder nötig ist, um die eigene Basis sicherzustellen?
Wie beschwerlich erscheint einem dann eine holprige Landstraße, wie fraglich ist das Ziel der Sprache und Sichtbarkeit für andere Menschen- ganz gleich wie dringlich sie es machen.

Es gibt keine Worte ohne Schutz.
Dieser Artikel hier ist ein Steinchen im Plädoyer für mehr Opferschutz.
Wer so privilegiert ist, Worte und damit Sichtbarkeit einzufordern, muss sein Privileg von Sicherheit durch Nichtbeteiligung und Unabhängigkeit teilen!
Alles andere verschiebt die Verantwortlichkeiten rund um Gewalt in den Schoß derer, die nichts- aber auch gar nichts dafür tun können, um dem zu entsprechen.

Wir brauchen Opfersolidarität- und Schutz! Wir brauchen die Annahme der Not und der Mechanismen, die Gewalt in unserer Mitte auslöst! Wir brauchen die Akzeptanz des Schweigens, das tiefe verinnerlichte Verständnis um die Folgen, als etwas, das mit uns allen tun hat! Wir brauchen die Folgen der Gewalt gleichrangig bewertet, wie die Gewalt an sich!

Sonst gibt es keine Worte, die das Schweigen brechen.
Sonst bleibt unsichtbar, was töten kann.