Schlagwort: Konfrontation

Zurück in die Vergangenheit

Heute vor 10 Jahren lebten wir in einer Wohngruppe, in der wir eigentlich nicht sein wollten, eigentlich gar nicht gewollt waren und, die für uns überhaupt nicht konzipiert war. Wir hatten einen dünnen Faden zu einer psychologischen Beraterin in der Hand, konsumierten permanent Kaffee oder Tabak. Hier und da fuhr man für ein zwei Stunden weg.
Ohne, dass es jemand merkte. Oder verhinderte. Oder sonst irgendwas.

In dem Jahr hatten wir so viele furchtbare (beziehungs)retraumatisierende Erfahrungen zu kompensieren, dass ich heute kaum noch Platz für Zweifel an einer massiven Fähigkeit zur Dissoziation in mir habe.
Nach 1,5 Jahren Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig Holstein, zogen wir für 3 Wochen nach NRW, wo man sich mit uns übernommen hatte. Falsche Versprechen, zu hohe Anforderungen an uns und letztlich Verrat und Verlassen waren die Folge.
Es folgten 5 Monate Kinder- und Jugendpsychiatrie unter der Diagnose “histrionische Persönlichkeitsstörung”.
Es grüßte die Jahrhundertwende und hakte sich bei struktureller Misogynie unter, um der Realität von systematischer Gewalt und Ausbeutung an einer minderjährigen, völlig isolierten und perspektivlosen Person, nicht begegnen zu müssen.
Auch nicht direkt nebenan. Auf Station.

Ja. Es war furchtbar.
Und ja, selbstverständlich glaubte ich allen “draußen”, die mir sagten, es gäbe ein Morgen und ich könne handeln.
Die Tatsache, dass ich mit meinen 17 Jahren als massiv gestörte kranke unglaubwürdige Irre, absolut gar nicht handeln konnte, haben diese Personen, von dort aus der Ferne, nicht im Blick gehabt.

“Ich darf nicht voraussetzen, dass irgendjemand parteiisch für mich ist und gleichzeitig auch so mächtig, über mein Leben in meinem Sinne zu entscheiden.” – Erkenntnis einer 15 Jährigen, die auf Bäumen schläft, um sicherer zu sein, die sich erneut bewahrheitete.

Irgendwann war dieses Jahr natürlich vorbei.
Ich wurde 18, 19, 20 … dieses Jahr, 28 Jahre alt.

In mir drin sitzen bis heute Innens, Jugendliche, wie einzelne Kinderinnens, die sich all das – all die Psychiatrieerfahrungen, all das Verlassen und Verratenwerden, die Gewalt durch Personen, von denen man abhängig war und vor denen man nicht fliehen konnte, sowie die Notwendigkeit von TäterInnen*kontakten und anderen Arten der Selbstzerstörung – mit “dem Bösen” in sich, unter uns, in mir als Einsmensch, erklären.

Morgen steigen wir in den Zug und machen eine Reise in die Vergangenheit, um ein paar Fäden ins Heute zu nehmen und damit am Morgen zu knüpfen.
Denn, wenn jemand „das Böse“ in uns gesehen hat, dann eine der Personen, die wir in den 3 einhalb Tagen dort treffen werden.

Es tut schon jetzt weh.
Lässt mich nachts aus Träumen von Kämpfen mit einer Fixierungsliege oder vielen Personen gleichzeitig hochschrecken. Ich muss immer wieder meine Anspannung runterschrauben. Das schrille Fiepen in meinem Kopf mit Watte und Federn einwickeln. Manchmal von NakNak* beruhigen lassen.
Ich schlafe ein und mir ist schwindelig. Ich wache auf und mir ist schwindelig.

Ich sehe keine andere Möglichkeit mich anzunähern.

 

 

 

Ich hoffe so sehr, dass wir das Meer sehen werden.
Und in den Zug zurück zu NakNak*, unseren neuen Herzmenschgemögten, unserer Therapeutin, unserer dreckigen Muchtelbude, den Mimosenbabys und all den Eulen, steigen.

der Traum mit dem Doppeldecker aus Pappe

Manchmal habe ich Träume in denen ich meiner Familie wiederbegegne.
Sie sind alle keinen Tag älter geworden. Agieren noch ganz genau so, wie in den letzten Tagen, bevor unsere gemeinsame Welt, wie eine Sandburg in der Brandung der Küste, bröckelte.

Diesmal war es heiß und jede Bewegung fiel mir schwer. Ich stand neben dem graublauen Familienauto, das wir damals hatten, und sah meine Mutter mit meinen Geschwistern drinnen gemütlich aneinandergedrückt Süßigkeiten essen. Aus welchem Grund auch immer, hörten sie Musik aus einem kleinen Kofferradio, das sie zwischen die Vordersitze geklemmt hatten.

Ich fragte, ob ich mitmachen dürfe. Ob ich auch Süßigkeiten haben dürfte, mit hinein kommen könnte. Sie mussten doch nur ein Stück rücken und dann wären wir ein schönes Knäul. Aber eines der Geschwister fing an zu nörgeln und meine Mutter sagte diesen für sie so typischen Satz in so einem Moment: „Och, komm,du bist doch nun schon groß. Muss das denn jetzt sein? Du siehst doch…“.

In meinen Träumen bin ich natürlich schon erwachsen innerlich. Es ist ja nur ein Traum.
Ich bin dann geistig nur 10 Jahre jünger als meine Mutter und sagte also zu ihr, dass ich es sehe und genau deshalb dabei sein will. Dass ich sehe, wie schön sie es gerade haben und, wie nah sie meine Geschwister bei sich hat. Ich sage zu ihr, dass mein Wunsch berechtigt ist, auch wenn ich nun groß bin. Sie ist doch auch groß und genießt dieses Beisammensein sehr.
Statt ihrer antwortet aber mein nächst jüngeres Geschwist in zornigem Quengeln, wie mein Vater. Ich würde immer alles kaputt machen und plötzlich verdreht sich die Traumrealitätsgegenwart mit der Echten. Es beginnt mir Vorwürfe wegen meines Weglaufens zu machen. Wegen meines Wahnsinns, den meine Mutter, seiner Meinung nach, hat kaputt gehen lassen.

So konfrontiert beginne ich es aus dem Auto herauszuziehen. Es am Kragen des Shirts zu packen und mit ganzer Macht gegen das Fahrgestell zu drücken. Ich brülle es an und quetsche all meine Kraft gegen seinen präpubertierenden Leib. „Es war schon alles kaputt! Sie war schon kaputt, ich war kaputt- du bist kaputt. So kaputt, dass du dir nie eine eigene Meinung gebildet hast, sondern dich weiter hast unterwerfen lassen. Du willst mich hassen? Willst du das ernsthaft?! Wie kannst du nur?! Sind dir diese finanziellen und pseudoaufrichtigen Handlungen dein Leben wert?! Deine Zukunft?! Rede verdammt! Rede mit mir! Sag mir was DU denkst- nicht was SIE denken. Spuck es aus!“.

Das Geschwist schiebt mich mit einer Hand von sich und stützt sich gegen das Auto. Es schaut mich nur an und lässt scheibenweise Phrasen aus seinem Mund herausfließen, die mich treffen wie Schwerthiebe.
Ich fange an zu weinen und meine Mutter kommt halb aus dem Auto heraus.

Sie schiebt sich in diese Situation wie eine Bärenfalle. Ich mache einen Schritt auf sie zu. Denke, sie würde mir beistehen, doch es ist der gleiche Ablauf wie immer. Sie schnappt zu und beißt mir dabei ein Stück Seele ab. „Du bist nur der erste Versuch gewesen. Der erste Pfannkuchen missrät immer. Jetzt geh und hilf deinem Vater in der Scheune.“, sie wendet den Blick zu dem Geschwist neben mir, während sie dem jüngsten, das mich mit großen Kinderaugen unergründlich anstarrt, das verschwitzte Haar streichelt. „Komm G., komm rein. Sie geht jetzt. Es ist alles wieder gut.“.

Ich stehe fassungslos vor dem Auto. Dem Eingang ihrer Höhle. Irgendwo pocht es in mir und mir wird sehr klar, dass sie sich hier hin verkrochen hat, gerade weil der Vater in seiner Scheune herumwerkt. „Du lieferst mich gerade aus und das ist dir egal, richtig? An mir kann ja nichts mehr missraten. Ich bin schon der missratene Versuch, stimmts?“, ich werde wütend und aus allen meinen Poren schießen meine Panzerstacheln heraus. Ich schreie sie schrill an, beschimpfe sie übel, verwende dabei eine Phrase, die ich neulich bei Twitter las: „Fick dich ins Knie, bis es bricht“. Ich trete gegen das Auto, schlage auf das Dach, doch sie reagieren nicht mehr auf mich. Nur die Augen des jüngsten Geschwists verfolgen mein Tun, ohne Verbindung aufzunehmen.

In meinem Traum nehme ich meinen Rucksack auf und gehe zurück in meine Schule, die eher nach Hogwarts aussieht und versuche einen riesenhaften Doppeldeckerflieger aus Pappe zu bauen.
Während ich das tue, wird mir klar, dass ich träume und ich bemühe mich mit aller Macht, die Szene mit meiner Familie im Kopf zu behalten. Sie nicht zu vergessen, damit ich sie aufschreiben kann.
Sie ist so real und nah. So genau das, was ich so oft tun will und niemals konnte und auch nie können werde.

Ich will dem einen Geschwist den Dreck aus dem Kopf schaufeln und ihm den Wert seines eigenen Selbsts klar machen. Will dem anderen Geschwist freundlich entgegen treten und ihn aus dem Schoß meiner Mutter locken. Ihm die Welt zeigen, in der man artikulieren darf, was man mit seinen Augen aufnimmt. Ich will ihm die Sprache geben, die es dort nicht benutzen kann.
Ich will meiner Mutter sagen, wie sehr sie mich ausgenutzt hat, um sich zu sichern. Wie sehr sie das sogar vor sich selbst verleugnet hat. Wie sehr ich gelitten habe.

Ich habe dabei keine Racheintension, es geht mir nicht darum ihre Scham zu fühlen. Es geht mir um ihr Bewusstsein. Ein Verständnis für mich. Um die Würdigung meines Seins. Ihr zu vermitteln, dass ich wirklich ihr erster und vielleicht tatsächlich missratener Pfannkuchen bin, aber doch ihrer und trotz allem einer, den es gibt. Den man nicht immer wieder wegwerfen und von sich stoßen muss. Den man nicht ignorieren und für alles, was ihnen zuwider ist, opfern darf.

Ich werde ihnen das nie sagen können. Ich werde nur hoffen können, dass dem Radio in diesem Auto irgendwann die Batterien ausgehen, es ihnen ungemütlich wird, sie Hunger oder Durst bekommen. Vielleicht mal aufs Klo müssen und von sich aus, aus dem Auto heraus kommen.254837_web_R_by_Andreas Müller_pixelio.de

Ich werde mit meinem Doppeldeckerflieger über ihnen kreisen, weit weg, in einer anderen Sphäre und Worte an die Himmel der Welt malen. Denkend, dass sie irgendwann vielleicht mal den Blick heben und von einer Pappflugzeugfliegerin erfahren, die etwas geschrieben hat, das auch von einer die sie kennen, kommen könnte.

Kontrolle

Sie wussten immer alles von uns.
Alles was wir gemacht, gesagt- ja sogar, gedacht haben!

Überall waren diese Augen und haben uns angeguckt.
Es gab keine Türen, keine Jalousien, keine Chance auf Sicht-Schutz. Als ich mich mal im Kleiderschrank versteckt hatte, um geklautes Obst zu essen, verschwand sogar der.

[Alle Handlungen, die in deiner Gegenwart geschehen, können und werden gegen dich verwendet werden- egal, ob du selbst überhaupt verantwortlich bist oder nicht. Ich werde dich immer haben. Ich werde dich immer kriegen. Du gehörst ganz und gar mir. BÄÄÄM BÄÄÄM BÄÄÄM]

Das ist Tätermasche.
Zumindest ich, als Innen dieses Einsmenschen hier, weiß das heute. Ich weiß das, weil ich das so auch schon mal gemacht habe. So etwas guckt man sich immer ab: „Aha- wenn du Alles vom Anderen weißt, weißt du, wie du ihn beschämen und verletzen kannst. Verunsicherung schüren kannst- ihn zu Wachs in deinen Händen machen kannst und zu Dingen treiben kannst, die du willst- deine eigenen Wünsche sind dann befriedigt und alles ist gut.“.
Mein schlimmstes größtes wichtiges Bedürfnis war damals „Kontrolle (um mich zu schützen)“.

Ich habe den Menschen nachspioniert, mich in all ihre Privatangelegenheiten eingemischt, sie sich von mir abhängig fühlen lassen und dann irgendwann das Gefühl gehabt, dass sie mir nichts mehr können, weil sie ganz und gar unter meiner Aufsicht standen. Schön harmlos und ausgeliefert, wie eine Ameise unter der Lupe und nicht wie der Löwe, der mich vor die Wand stellt und jeden Moment die Kehle aufreißt, wie sie es doch für mein Gefühl vorher waren.

Privatsphäre und Grenzen sind ein schweres Thema.
Ich habe bis heute Schwierigkeiten damit, immer richtig einzuschätzen wann welche Tür zugemacht und sogar abgeschlossen werden darf. Was ich allein machen darf und was wann nicht.
Früher musste ich, zum Beispiel, um Toilettenpapier bitten und durfte es nur unter Aufsicht verwenden. Noch heute habe ich nicht das Gefühl allein zur Toilette zu gehen, auch wenn die Tür zu und abgeschlossen ist. Dass gerade dieser Bereich ein total privater ist, wurde mir erst klar, als ich ständig von Krankenhauspflegern zurechtgewiesen wurde und noch viel später meine Orientierungsliste dazu ergänzt wurde.
Ich musste mir das alles aufschreiben und neu abgucken von Menschen, die unsere Privatsphäre und auch inneren Grenzen als solche betrachtet und gewahrt haben.
Aber das Gefühl, dass andere Menschen die absolute Kontrolle über mich haben (wollen könnten), wenn sie ein bestimmtes Maß an Aufmerksamkeit auf mich richten ist geblieben.

Heute weiß ich besser, wie man diese Dinge macht. Was genau „Privatsphäre“ und „innere Grenzen“ sind. Ich weiß genau von mir, dass ich in eine Unruhe komme, wenn ich nicht genau weiß, was die anderen Innens von uns als Einsmensch erzählen. Wenn ich nicht nochmal über unsere Blogartikel und Forenbeiträge drüber gucken kann, um zu überprüfen wieviel Rückschluss auf unser Leben als Einsmensch real ziehbar ist oder wenn ich den Überblick über unsere vielen Leben nicht wenigstens rudimentär habe.
Und die anderen Innens wissen inzwischen auch, dass ich dann einen Koller kriege und unter Umständen auch ihre Leben explodieren lasse. Also schreiben wir uns solche Dinge auf, löschen unsere Korrespondenzen nicht mehr, erklären einander immer wieder neu alle Zusammenhänge- machen uns und unsere Kontakte so transparent wie es nur irgendwie geht.

Als wir noch nicht so viel voneinander wussten, flog den Innens hier regelmäßig alles um die Ohren, weil ich ausgerastet bin. Immer dann, wenn wieder irgendein Außenmensch vor mir stand und Dinge über mich (uns als Einsmensch), wusste über dessen Freigabe ich keine Information hatte. Sofort hatte ich die Täter vor Augen und fing an diese Menschen zu Ameisen zu machen. Einfach, damit meine Angst wegging und das Schreien der Innens hinter mir aufhörte.

Heute flutschen mir unsere Parallelleben nicht mehr so durch und der Trigger von „ertappt werden“, „beobachtet werden“ und „reingelegt werden, weil jemand Dinge wusste“ endet schon bei mir und geht nicht noch tiefer rein zu den anderen Innens.
Ich lebe unsere anderen Leben zwar nicht und weiß nie so wirklich genau worum es geht (die Spaltung ist da also nachwievor da), aber ich brauche mich nicht mehr so aufzuspulen und so zu handeln wie die Täter, wenn ich mich ausspioniert oder kontrolliert fühle.

Das heißt nicht, dass das nicht doch auch ein furchtbares Gefühl macht, wenn mir jemand sagt, er hätte herausfinden wollen, wer sich hinter dem Internetnamen „C. Rosenblatt“ befindet. Dass heißt nicht, dass ich mich nicht wirklich schrecklich nackt fühle, wenn mir jemand sagt, er wüsste wie ich aussehe- aber wie er aussieht, würde er mir nicht verraten. Und das heißt auch nicht, dass ich mich nicht wirklich erneut kontrolliert fühle, wenn ich bemerke, dass jemand meint mich aufgrund des Blogs und div. Forenbeiträge zu kennen. Das heißt es wirklich nicht. Es ist ein Trigger und es fühlt sich wirklich schlimm an.

Aber ich muss deshalb heute nicht mehr zum Täter werden und Gleiches anderen Menschen antun, um mich selbst zu beruhigen mit einem Kontrollgefühl. Ich habe schon die Kontrolle, die ich brauche und kann die Angst, die dahinter steht, mit allem beruhigen, was ich dazu brauche.

Und was noch gut ist: Wenn man weiß, dass das was mit Grenzen und diesen Dingen zu tun hat, dann kann man immer sagen: „Stopp! Hier ist eine Grenze und du verletzt mich!“. Das heißt nicht, dass der Andere das auch versteht und dann wirklich stoppt. Aber es ist gesagt und wenns nicht mehr weh tut und klarer ist, dann kann man sich immer noch in Ruhe überlegen, wie sehr es wehgetan hat (und immer wieder triggert) und, ob man so einen Kontakt überhaupt will.
Für sowas ist es dann praktisch, wenn man mit den anderen Innens Kontakt hat.
Ich schreib es auf- Sie wissen, dass ich einen Rappel kriege und in Stress komme- dann gucken sie sich das alles an (und können das auch, weil hier ja alles durchsichtig beguckbar ist) und dann helfen sie mir.

Hat was.
Gibt mir das Gefühl, nicht allein der Kontrolle eines Außenmenschen ausgeliefert zu sein, wie früher.

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Tanzstunde

Du bist phobisch? Du hast was zu verbergen? Du brauchst dringend eine Vermeidungsstrategie?

Willkommen zur Einführungsveranstaltung: “How to Vermeidungstänze and everything about”

Wir beginnen mit der Grundhaltung
Folge deiner Angst! Hör auf sie bewältigen zu wollen!
Du brauchst nicht mal genau wissen, wovor genau du Angst hast, damit du sie wegbekommst- das klappt sowieso nie. Wichtig ist nur, dass du nicht anfängst darüber nachzudenken, ob sie nun berechtigt ist oder nicht. Oder, ob sie irrational ist oder nicht. Oder, ob es vielleicht einfach albern ist, jetzt Angst zu haben.
Nachdenken und Selbstreflektion sind Feinde von Angst.
Für einen anständigen Vermeidungstanz ist Angst unabdingbar!
Nimm deinen rasenden Puls und lass ihn zum Takt deiner Füße werden.

Vertraue niemandem.
Sowas macht nur unnötig sicher. Auch ein Angstfeind.

Nutze deine (durch deine Gewaltsozialisierung eingeübte) Fähigkeit Menschen bis aufs Kleinste zu beobachten und herauszufinden, was sie so für Typen sind. Verlasse dich dabei niemals auf Klischees. Alles was du siehst ist wahr- fang bloß nicht an deine Wahrnehmung mit der Wahrnehmung anderer abzugleichen.
Nochmal- Nachdenken und Reflektion sind tödlich für die nötige Grundangst!

So, nun zur Praxis.
Eine Freiwillige einmal bitte! Ah sie Frau Rosenblatt- sie können das ja schon so gut, sie…

“Huch, ich habe gar nicht das Richtige an für eine Freiwilligendarstellung, wissen Sie? Heute ist ja auch Samstag. Eigentlich ist tanzen jetzt heute nicht so angebracht. Wissen Sie, einmal war ich in der Disco und da… “

Grandios Frau Rosenblatt! Eine perfekte Darstellung, wie man von einer lobenden Erwähnung und einer direkten Ablehnung meiner Aufforderung wegtanzen kann! Gut gemacht! Eigentlich brauchen sie diesen Kurs hier gar nicht mehr- sie sind schon so gut!

Schauen sie mal- das, was Frau Rosenblatt jetzt macht- dieses Dissoziieren- das ist aus ’nem anderen Kurs! Dafür braucht man ein lange und extrem trainiertes Angstgehirn. Das bringe ich ihnen hier aber nicht bei. Sowas sollte niemand gut können müssen. Es ist auch ein Schutz- wie die Tänze, die sie hier lernen möchten, aber den kann man in der Regel nicht so gut gebrauchen, weil er reflexhaft vom Gehirn gemacht wird, ohne, dass zum Beispiel Frau Rosenblatt hier viel dagegen tun kann, außer sich durch grandiose Tänze im Vornherein davor zu retten.
Außerdem hat das Dissoziieren in dieser Form viele unangenehme Nebenwirkungen wie Amnesie, (Körper- Empfindungs-) Kontrollverlust und schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sowie ein eher rudimentäres Beziehungsleben und einen Fokus so weit wie ein Stecknadelkopf.

Vermeidungstänze sind keine leichten Spaß- oder Gesellschaftstänze. Es sind Tänze mit Angst als Motor- nicht der Macarena oder das Gehopse zu Sommerhits!
Sie müssen sich klar machen, dass Arbeit auf Sie zu kommt und sie einsam werden bzw. zu einem Automaten, der pro Person ein Tanzrepertoire abspult.

Um ihre Angst aufrecht zu halten, dürfen sie auf keinen Fall Bewusstsein für sich und ihre Themen entwickeln. Das heißt ganz deutlich, das soziale Beziehungen strikter Auslese und Konstellationsplanung unterworfen sein muss.

Niemals dürfen ihre unterschiedlichen Tanzpartner gemeinsam ihnen gegenüber auf diese Themenbereiche zu sprechen kommen.
Es sei denn sie haben unseren Fortgeschrittenen- Kurs besucht.

Zum praktischen Teil nochmal.
Belesen sie sich, studieren sie Menschentypen, richten sie ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie umgibt und gleichen diese Gegebenheiten mit ihren Tanzpartner ab. Je subtiler sie vorgehen und je mehr sie ihrem Gegenüber entsprechen, desto unauffälliger  und damit wirksam ist ihr Tanz.

Am besten starten sie bei ihnen unbekannten Menschen. Diese Menschen wissen noch nichts von ihnen und den Dingen, die ihnen (Todes)Angst einjagen.
Im günstigsten Fall haben sie eh schon gelernt, niemals nach außen zu zeigen, wann sie in Panik kommen oder Angst haben- dies ist sehr förderlich, da so das Gegenüber keinerlei Anhaltspunkte darüber hat, was in ihnen vorgeht. Es ist abhängig davon, dass sie Worte sprechen, die ihm einen Eindruck vermitteln.
Das ist ihre Chance!

Sie haben vielleicht ein festes Themenkorsett in dem sie sich gefahrlos (im Sinne von die Angst besetzten Bereiche ausgrenzend) bewegen können. Vielleicht ist es so steif, dass jeder Schritt heraus bereits genug phobische Unruhe verursacht, um einen Minimoonwalk hinzulegen. Das ist natürlich perfekt.
Anderen sei geraten sich vorzubereiten und die möglichen Tanzvarianten gezielt zu üben.

Menschen hören gern gute Nachrichten. Komplimente. Lustige Anekdoten. Diese Tanzvariationen gehören zum Einmaleins. Small Talk ist nicht anderes als ein Vermeidungstanz- nur wird hier der Faktor Angst oft umbenannt- das muss sie aber nicht irritieren. Nicht jeder kann zu seiner Angst oder gar Phobie stehen.

Im weiteren Verlauf wird es nötig eine sachlich- pseudovertrauliche Tanzatmosphäre aufrecht zu erhalten. Niemand ist immer fröhlich und wenn sie- warum auch immer- Kontakt über eine längere Zeit mit ihrem Tanzpartner haben, ist es wichtig normal zu wirken. Bauen sie auf Insidern zwischen ihnen auf, versuchen sie sich in immer längeren Schleifen bis sie sich in einem Niveau bewegen das ihnen angenehm ist.
Als Beispiel: Sie haben möchten den Themenbereich Katzen vermeiden, weil sie schon bei dem Gedanken an diese Tiere eine Gänsehaut bekommen.
Ihr Gegenüber arbeitet aber in einer Tierpension und würde auch ohne zu Zögern einfach von Katzen zu sprechen anfangen. Menschen sprechen gern von ihrem Beruf. Seien sie doch einfach mal der Erste, bei dem der Mensch die Gelegenheit hat sich über die gesetzlichen Regelungen seines Berufes auskotzen kann! Oder die Steuer. Oder die Kunden. Oder die baulichen Anforderungen. Oder die Zukunft dieses Berufes. Von all diesen Punkten können sie sich immer weiter entfernen. Kunden, Steuer, bauliche Anforderungen und Berufszukunft gibts für so ziemlich jeden Beruf.
Diesen ersten Tanzschritt müssen sie machen- sie müssen ihren Partner schon in eine Richtung führen- ist es der richtige Kanal bei dem Menschen, sind sie in Nullkommanichts von der Tierpension mit maunzendem Klientel, bei den Bauvorschriften von Tiermastbetrieben und der Bio-Vegan-Fleischfressdebatte angekommen.

Sagen sie ihrem Tanzpartner niemals, dass er ein Tanzpartner ist!
Er wird versuchen sie zu stören, anstatt mitzumachen. Auch hier ist es, im Fall des Falls, dass ihnen das doch mal so rausrutscht (Niemand ist perfekt! Auch Vermeidungstänze müssen geübt sein), hilfreich, wenn derjenige weder genau weiß, wie ihre Tänze aussehen, noch wann genau sie damit anfangen.
Nutzen sie eigentlich sinnbefreite Konventionen- auch wenn sie für den Kontakt eigentlich eher unprioritär sind. Machen sie eine nette Bemerkung über die Einrichtung, die Kleidung ihres Gegenübers, vielleicht bieten sich Fragen nach Urlaub und Familie an. Bemerken sie Augenringe? Versuchen sie es mit einem Diskurs über Matratzen und Bettgestelle… IKEA ist auch immer wieder ein sehr breites Feld- von dort aus kann man auch gut zum Thema Kinderarbeit und nun aktuell auch Pferdefleisch hinübergleiten.

Es gibt auch Situationen in denen ihr Gegenüber sehr hilfreich sein kann- selbst wenn er weiß, dass sie Vermeidungstänze machen. Da sie ihm ja nie sagen werden, wovor genau sie so phobisch sind, weiß er es nicht und versucht es aber vielleicht herauszufinden.
Aaaah na- ich merke schon das treibt ihren Puls schön hoch- super! Nun brauchen sie nur noch zu warten, wann der erste Schritt vom Tanzpartner kommt. Steigen sie ihm auf die Füße und beginnen sie einen philosophisch-neurowissenschaftlich- anthropologisch- kulturhistorischen Diskurs über sein Interesse an ihrer Angst.

Die wenigsten Menschen geben zu, dass sie es einfach nur spannend um der Sache willen finden und dass es ihnen nicht um sie dabei geht. Genauso wenig Menschen geben zu, dass sie sie einfach nur reinlegen wollen. (Sie wissen ja- vertrauen sie niemandem- sie alle wollen sie nur reinlegen!).
Die Menschen werden anfangen sich zu rechtfertigen und ihre eigenen Tänze aufzuführen. Wenn sie richtig in Schwung sind, brauchen sie sich nur noch zurückzulehnen und zuzugucken.

Vielleicht fragen sich manche Kursteilnehmer: “Wozu der ganze Aufwand?”

Sehen sie Frau Rosenblatt hier. Sie wird ihnen ihre Sicht erzählen.
“Angst ist ein Warnzeichen. Angst bedeutet Gefahr.
Angst ist tödlich für einen selbst. Mit jedem Moment in dem ich Angst habe, gehe ich innerlich weiter kaputt. Für mich ist es- gerade mit dem Reflexschutz meines Gehirns zusammen- fast unmöglich zu sagen, wovor genau ich so eine Angst habe.
Was ich allerdings sehr genau weiß ist, wovor ich keine Angst habe.
Ich habe keine Angst davor einsam zu sein. Ich habe auch keine Angst vor dem Gefühl der Demütigung oder Erniedrigung, wenn mich andere Menschen als unfähig oder dumm betrachten. Das sind alles Dinge, die ich selbst schon weiß. Ich mag es nicht besonders, wenn es andere von mir denken- doch Angst habe ich nicht davor.

Ich habe irgendwann bemerkt, dass aus dem leichten Kribbeln in der Haut, schnell richtige Todesangst wird, die ich nicht aushalten kann. Zusammen mit dem Hirnreflex der Dissoziation, habe ich ab einem Zeitpunkt keine Chance mehr mich in Gefilde zu bringen, in denen ich die Kontrolle über die Situation habe.
Solche Situationen führen in der Regel dazu, dass die Menschen auch noch anfangen Mitleid mit mir zu haben oder ganz besonders lieb zu mir zu werden- was mich in nur noch grässlichere Angst bringt.

Also habe ich gelernt mich wie in einem Swingmedley von Thema zu Thema zu bewegen.
Viele Menschen mögen Swing. Sie freuen sich über Gelegenheiten in denen ihnen jemand zuhört, sie von sich reden können, über Themen sprechen können, die sie bewegen.
Alles was ich tun muss, ist den Takt zu wahren und ab und an die Führung zu übernehmen.

Inzwischen kann ich es so gut, dass ich kaum noch darüber nachdenken muss.
Was allerdings proble…”

Na na na Frau Rosenblatt. Sollte das etwa der Anfang einer Reflektion werden?!
Nein, nein- damit fangen wir gar nicht erst an.
Wir fangen jetzt an zu üben.

>Suchen sie sich bitte einen Partner!
Ich verteile jetzt die zu umtanzenden Themen…

Opferrolle- mal wieder… diesmal mit Täterrolle und Mustern als Beilage

“Wenn du nicht aufhörst in der Vergangenheit herumzustochern, dann kannst du auch nie aus der Opferrolle raus… Weißt du, so bedient man Muster.”

Es knallte.
Innen natürlich.
Von innen kam allerdings auch eine Entgegnung, die ich hier unbedingt festtackern wollte:
“Es ist meine Vergangenheit, da kann ich soviel drin rumstochern, wie ich will.”

Ja, mein Innenleben ist manchmal schon so viele Schritte weiter als ich.
Ich lasse mir solche Sätze sagen, mich dann umfassend darüber aufklären, dass ich völlig falsch mit meinen Problemen umgehe und verbringe ein paar Tage oder Wochen damit, noch mehr als sonst meine Vergangenheit und ihre Ausläufer von mir fernzuhalten.
Also unterm Strich: Mich mir selbst mit meiner Lebensrealität vom Leib zu halten.
Um keine Muster zu bedienen.
Nicht in der Opferrolle zu verharren.

Dabei kräuseln sich sogar mir inzwischen die Innenseite der Gedärme, wenn ich den Begriff der Opferrolle so verschrägt benutzt sehe.

Nochmal für alle:

Der Begriff der Opferrolle beschreibt die Position eines Menschen in einer Situation. Nichts weiter.
X wird von Y gehauen, so ist X in diesem Moment in der Opferrolle. Punkt.

Geht X irgendwohin und sagt: “Ich kann dies nicht, ich kann das nicht, weil ich ein Opfer bin. Und ich werde das auch nie können, weil ich ja auch immer Opfer sein werde. Also: (hilf mir)- hab mich lieb- lass mir alles durchgehen- ich darf das, weil ich ja so ein dolles Opfer bin…”, kann man sagen, dass X auf einem OpferSTATUS pocht.
X verlangt eine (Sonder)Behandlung aufgrund seines Status als Opfer. Das kann gerechtfertigt sein oder auch nicht. Hat aber an sich nichts mit der Position (der Rolle) in der Gewaltsituation zu tun, sondern mit dem sozialen Miteinander und/ oder dem Leiden unter den Folgen dieser Situation.

Ich habe mich jetzt schon an ganz vielen Stellen darüber geärgert, dass kaum jemand diese Differenzierung vornimmt. Vorallem ärgert mich das bei den Menschen, die mit mir zu tun haben und mich sogar mehr oder weniger deutlich immer wieder von selbst darauf stoßen, was mir alles durch meine Gewalterfahrungen fehlt, (noch) verwehrt ist und auch tatsächlich eine Art Sonderbehandlung erforderlich macht.

Zum Beispiel mein inexistenzes Körpergefühl.
Zum Beispiel meine regelmäßigen Amnesien.
Zum Beispiel die Tatsache, dass ich meine Seinszustände als fremde Menschen wahrnehme. Zum Beispiel, dass ich eben schlicht nicht hinkomme mit 120 Stunden Psychotherapie.

Das sind alles Dinge auf die ich sehr gerne verzichten würde, denn sie bringen mich immer wieder in eine passive Position- in die Bettlerposition- in die “ausgeliefert sein”-Position. Egal, ob ich es will oder nicht. Egal, ob ich einen Opferstatus gegenüber den Menschen habe oder nicht.

Keiner, dem gerade ein Zahn unter örtlicher Betäubung bearbeitet wurde,kann einen Weitspuckwettbewerb gewinnen.
Keiner, der einen alkoholbedingten Filmriss hat, kann sich erinnern, was gewesen ist.
Keiner, der so aufgeregt ist, dass er “nicht mehr er selbst ist”, kann runterkommen, wenn ihm nichts und niemand dabei hilft.
Jeder der Hilfe braucht, braucht sie so lange bis er eben keine mehr braucht.

Ich aber “sollte besser mal nicht so darauf beharren. Weil wegen Opferrolle und so. Und ist ja eh alles schon vorbei. Das Leben muss ja weiter gehen. Das Leben ist ja nicht nur die Vergangenheit.”
Sobald ich versuche Kontrolle durch Aufklärung und Einbeziehung meiner Umgebung zu erreichen, mache ich mich angreifbar. Sobald ich jemandem sage, dass ich ein Opfer von Gewalt wurde und bis heute unter den Folgen leide und deshalb manche Dinge schlicht (noch) nicht kann, begebe ich mich auf eine Schneide.

Es kann sein, dass ich genau richtig behandelt und unterstützt werde- es kann aber genau so sein, dass ich zu hören bekomme: “Nu is aber Schluss- also ne- man kann es sich auch gemütlich machen in der Opferrolle”, weil mein Gegenüber- warum auch immer- gerade keine Kraft, Lust, Zeit, dafür hat, mich zu sehen und mir meine Probleme schlicht zuzugestehen.
Oder, weil es für denjenigen schlicht nicht aushaltbar ist, zu sehen, wie ich mich immer und immer wieder an den selben Dingen aufhänge und (noch) keine Veränderung schaffe.

Ich frage mich,  wo ist da das Problem genau das zu kommunizieren, statt mir unterzuschieben, ich könnte, wenn ich nur genug wollte? Mir also zu suggerieren, dass ich in jedem Fall, die Probleme die mich lähmen, auch ohne Hilfe angehen könnte.

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Und schon sind wir bei Mustern.
Ich habe den Eindruck in eine Rolle gedrückt zu werden, wenn mir jemand sagt, dass ich “es ja nun auch endlich gut sein lassen kann”. Nämlich in die Rolle des ewigen Störenfrieds oder der des sich widerrechtlich etwas Aneignenden oder des Menschen, der egozentrisch ist und einen Status ausnutzt, um beachtet oder geliebt zu werden.
Ganz ehrlich- jeder Status eignet sich dazu- nur nicht der des Opfers.
Als Opfer ist man immer klein, immer ausgeliefert und machtlos.

Und nur einem Opfer kann man solche Dinge überhaupt unterstellen. Das ist etwas, das gesellschaftlich breit akzeptiert und immer wieder untermauert wird. Unhinterfragt patriarchial gestützt.

Entsprechend kam ich später zu dem Schluss, dass ich in dem Moment, als mir dieser (ansonsten sehr liebe) Mensch diesen Satz sagte, in eine Täterrolle, begründet von meinem Opferstatus, gedrückt wurde.

Von seinem Muster nämlich:
“Zu schwer- zu schlimm- zu schmerzhaft” *flupp Vermeidungsblase zu*
“Schnell vermitteln: “Sie soll aufhören mir weh zu tun”- ich kann das nicht aushalten. Sie ist so eine Böse, wenn sie das macht- wenn sie mir das antut”.

Das stimmt auch. Ich sollte Rücksicht nehmen, so wie ich das von anderen Menschen verlange.
Und da ist ein Punkt, den ich mir annehme und den Satz aus dem Innen abändere:

“Es ist meine Vergangenheit, da kann ich soviel drin rum stochern wie ich will. – Aber ja: ich kann aufhören, das in deiner Gegenwart zu tun (bzw. versuchen dich von meinen Folgeproblemen fernzuhalten), wenn du mir sagst- oder ich den Eindruck habe, dass es dich verletzt oder nicht gut fühlen lässt.”

Die Folge ist dann aber auch, dass ich nicht mehr ganz da bin und etwas unsichtbar zu machen helfe.

Es ist ein Kritikpunkt von vielen Menschen, dass viele Menschen, die einmal zum Opfer von Gewalt wurden, diesen Umstand in ihr Selbstkonzept einbinden.
Applaus und Unterstützung bekommt, wer dies verleugnet und so tut, als wäre dieser Punkt  nichts weiter. Wenn man stark voran schreitet und dem Vergangenen ins Gesicht lacht. Oder dies zumindest will.

Doch ich merke inzwischen immer mehr, dass das etwas ist, dass kein Opfer für sich selbst tut.
Man gilt als schwach und als Täter [nämlich als diejenige, die böse böse böse (Schadenersatz- Verhaltensmodulations- Hilfs) Ansprüche stellt und damit die Menschen mit schmerzhaften Tatsachen konfrontiert, ohne dass sie sich wehren können (angeblich- denn ne- eigentlich wehren sie sich ja ganz gut!)] gleichzeitig, wenn man sein “Zum- Opfer- geworden- sein” öffentlich macht.

Es wird nicht angenohmmen, wie sehr man sich durch diese Öffentlichkeit ausliefert. Sich eigentlich schon wieder in eine Position begibt, die sehr viel leichter in eine Opferrolle kippen kann, als in eine tatsächliche Täterrolle.
Es wird nur angenohmmen, dass man, eventuell vielleicht, anderen unbetroffenen Menschen damit “schadet”, weil man sie (auch) konfrontiert.

Und das ist doch eigentlich pervers, oder? Seit wann und in welchen Kontexten genau ist es schädlich damit konfrontiert zu werden, dass Menschen mit Gewalterfahrungen, ihr Leben lang unter den Folgen leiden könnten? Teile ihres Selbstes immer Opfer sein könnten. Immer leiden könnten.

Eigentlich doch immer nur in den Kontexten, in denen die Vermeidungsblase derer verletzt werden könnte, die keine Verantwortung für die Umstände übernehmen wollen und auch nichts verändern wollen.
Sei es direkt oder indirekt.
Und sei es nur in dem Bezug, den betroffenen Menschen einfach nur zuzugestehen, dass es so ist, wie es ist, weil es eben so ist- und nicht weil man einen sozialen oder wirtschaftlich bereichernden Vorteil daraus zu ziehen versucht.

Wenn mir mein Opfersein soviele Vorteile verschaffen würde, wie ständig unterstellt, dann hätte ich keinen Grund selbiges als Grundlage für meine Kämpfe um Hilfen und Ausgleich zu verwenden. Ich bekäme sie einfach, könnte heilen (oder zumindest den entstandenen Schaden ausgleichen) und in das Leben “der Anderen” hineinwachsen…