Haben wir richtig gewünscht

Eigentlich ist es gar nicht so anders.
Eigentlich ist es nur anders anders.

Ich denke, gerade im Bezug auf die multiple Persönlichkeit(sstörung), wie DIS früher hieß, kann man die Macht der Sprache sehr schön fest machen. Man kann sehen, was für einen Einfluss Worte auf unsere Vorstellungen und daraus hervorgehende Einstellungen und auch Umgangsformen haben.

Ich lese immer wieder in Büchern von Betroffenen, auf Homepages oder auch in Blogs, wie sie sich abmühen Worte zu finden, die ihr Gefühl beschreibt und möglichst nah an etwas kommt, was beim Gegenüber ein möglichst nachvollziehbares Bild entstehen lässt.
Da wird dann davon gesprochen, multipel zu sein, sei wie in einer WG. Oder wie in einem großen Haus, wo man sich nicht so recht kennt. Oder man sei ein Team, dessen Mitglieder ganz unterschiedlich seien. Man sei eben eine Gruppe unterschiedlicher Menschen in einem Menschen.

Fakt ist, dass das nicht genau so ist.
Es ist ein subjektives Empfinden, dass meine Innens zu “Menschen mit Persönlichkeit” werden lässt. Ich finde es sehr witzig, dass ausgerechnet ein Disneyfilm, mir ein gutes Werkzeug in die Hand gibt, um es etwas Grundlegendes beim Multipelsein zu erklären.

Der Film heißt “Verwünscht” und zeigt, wie es einer Disneyfilm-fast-Prinzessin, einem Disneyprinzen [der Erste mit Namen im Disneyuniversum übrigens haha], einem Disneybackenhörnchen, einer bösen Stiefmutterhexe und ihrem devoten Lakaien ergeht, die in der Realität von New York landen und dort auf einen Vater mit seiner Tochter und dessen Fast-Verlobte treffen.

Von der eindimensionalen Welt in die 3D Welt. Von einer Welt in der man seine Gefühle singend und in absurden Tanzeinlagen mitteilt, Tiere sprechen können, und ein Wunsch- eine Aufgabe- ein Posten- ein Gefühl-  eine Sehnsucht- eine Angst oder auch reine Machtgier, alles zu sein scheinen, worum sich die Existenz der Figuren dreht.
Niemand fragt, warum die Stiefmutterhexe Angst um ihren Platz auf dem Thron hat, niemand denkt drüber nach, was das für ein Mädchen ist, dessen Freunde die Tiere des Waldes sind und vergeht in der Hoffnung auf der wahren Liebe Kuss. Es stellt niemand das kriecherische Dienen des Lakaien in Frage. Und wieso sich der Prinz ewig kämpfend- aber von Liebe singend gebärdet- hm darüber wundert sich im Disneyland nie jemand.
Dort ist es eben so. Dort passt es eben. Würde sich dort auch nur einer dieser Punkte verändern, würde sich dort alles verändern- und das nicht zum Besten aller.

Es ist bei meinen Innens genauso. In unserem früheren Leben bestand ihre Existenz in ausschließlich der Ausführung einer Funktion, dem Aushalten eines Gefühls(gemischs), dem Umgang mit einer einzigen (Körper)Empfindlichkeit (in jeweils einer bestimmten Situation) oder auch einer einzigen Art zu denken, zu bewerten, und wahrzunehmen.
Wäre dem nicht so gewesen, hätte sich alles verändert. Wir als Gesamtperson (wir als Disneyfilm) wären gestorben (ein Kassenflop geworden), wenn sie nicht so gewesen wären.

Und genau wie die Fast-Prinzessin im Film, hatten wir das Glück die andere Welt kennenzulernen.
Genauso erschreckt, verängstigt, verwundert, verwirrt und verletzt, weil wir uns direkt auch erstmal an einen Menschen wendeten der uns in seinem Sein vertrauter als andere erschien, klopften wir, ebenso wie dieses Mädchen, das durch die Stadt geschubst, vom Regen durchtränkt und von einem Bettler bestohlen, an ein Bild der Realität, die wir schon kannten. Voller verzweifelter Energie- aber doch unerschütterlich davon überzeugt, dass es dort der einzig richtige Platz ist. Und dort alles schöner sei.

Auch wir wurden gefunden, aufgefangen und so gerettet. Und auch wir werden an die Hand genommen und belehrt wie das Leben in dieser Welt so ist.
Nun ist es aber so, dass Eindimensionalität alles andere als kompatibel ist in einer 3D-Welt.
Es gibt eine Szene, die ziemlich gut unsere Frontfrau darstellt. Die Prinzessin ist wütend- aber wütend sind in Disneyland ausschliesslich die Bösen oder die Bockigen. Nie aber die Prinzessinnen- die sind vielleicht mal beleidigt oder schmollen.
Unsere Frontfrau ist nicht einmal das jemals von sich aus gewesen. Sie war immer einfach nur existent und so wenig “Sein” wie nur irgend möglich.
Die Prinzessin ballt die Fäuste, läuft auf und ab, redet lauter, deutlicher- stockt zwischendrin, weil ihr nicht sofort heraus will, was sie sagen will. Ihr Gesicht ist dunkler und der Mann sagt:
“Du bist wütend” und sie sagt: “Ja…. Ja! Hurra! Ich bin wütend”.

So ähnlich ergeht es uns (und aber am Meisten schon der Frontfrau), wenn wir einander berühren innerlich. Wenn wir ein Stückchen näher an uns heran kommen.
Oft ist nicht klar, was es für Gefühle, Gedanken, Intensionen sind, die innen arbeiten und herausquellen. Dann brauchen wir andere Menschen wie Mensch XY, unsere Gemögten und unsere Seelenfrau um eine Einordnung zu schaffen. Erstmal nur das. Denn wie diese Fast- Prinzessin, können wir die gesamte Wahrnehmung nicht direkt ganz aufnehmen. Die Dissoziation verhindert dies, um eine Überflutung und damit einen Zerfall zu verhindern.
Aber allein der Name auf diesem Aktenordner der Wahrnehmung innerer Prozesse, hilft bereits etwas grundsätzlich zu ordnen und als etwas von sich selbst und normal und als ganz basal in Ordnung zu empfinden. Schon dies bewirkt eine Veränderung. Schon das nimmt unglaublich viel Angst und damit weiteren Dissoziationsanlass.

Wie dieses Mädchen im Film lernen wir unterschiedliche Dimensionen kennen- und finden sie in Form der Innens in uns als Gesamtperson wieder. Wir lernen eine andere Art der Umgangsformen kennen, so wie die Prinzessin lernt, dass es nicht so läuft: Prinzessin wird gerettet, singt im Duett mit dem Prinzen und heiratet dann. Sondern dass es heißt: Sich kennenlernen, schauen was man an sich mag, was man am anderen mag, was man gern miteinander tut. Dass man Dates macht und sich verliebt. Dass ein einziger Kuss vom Prinzen noch lange nicht der wahren Liebe Kuss sein muss.

Unsere Frontfrau muss das auch so lernen. Wir müssen ihr Nichtssein mit uns verknüpfen, um überhaupt ein Gesamtbewusstsein darüber zu erlangen, was uns als Persönlichkeit im Ganzen gefällt und was nicht, was uns körperlich angenehm ist und was nicht und was uns, welche Gefühle verursacht und wie man mit ihnen gut umgeht.

Am Ende des Filmes ist es so, dass die böse Stiefmutterhexenfrau stirbt (obwohl wir wirklich gern gewusst hätten, warum sie ihren Thron nicht teilen wollte- aber am Ende hätte sie eh nicht mehr draufgepasst, weil sie sich in einen KingKong-Drachen verwandelt hat), die anderen Figuren bewerten sich neu und führen ein neues Leben, dass sie sehr erfüllt und glücklich macht.

Der Lakai öffnet sich für seine Wut und seine Verletzung durch die böse Stiefmutterhexe; das Backenhörnchen (das den ganzen Film über darunter leidet, nicht sprechen zu können, schreibt in der Disneywelt ein Buch darüber, die Fast- Prinzessin lebt mit dem Vater und seiner Tochter zusammen und macht, was sie gut kann: Nähen.
Hochinteressant fand ich, dass der Prinz in die Disneywelt zurückging- im Schlepptau die Fast-Verlobte des Vaters, die so glücklich mit einfach genau dieser einzigen Funktion- nämlich der der klischeehaft geliebten Königin, ist. Der es offenbar egal ist, dass Teile von ihr fehlen- oder vielleicht nicht gewünscht sind oder schlicht nicht vorkommen können.

Das finde ich deshalb so interessant, weil ich nicht mehr nachvollziehen kann, was so schön- so einfach-so erfüllen daran sein soll, nur noch eine Aufgabe zu erfüllen- ohne alles das, was es noch so gibt.

Tja… so kann ein Therapieerfolg auch aussehen:  Dass man plötzlich… beim Schreiben des 150sten Artikels seines Blogs merkt, dass man doch bereits sehr viel deutlicher „3D“ ist, als man es sich vorher je klar gemacht hat…

Edit auf Nachfrage:
Heißt im Klartext: multiple Persönlichkeiten sind keine Menschen mit vielen Persönlichkeiten in sich, sondern Menschen die Teile ihrer Identität bzw. die verschiedenen Seins-Zustände von sich als so fremd und getrennt von sich selbst wahrnehmen (und von aussen ebenfalls so wahrgenohmmen werden), als seien es andere Persönlichkeiten.
Jedes meines Innens ist in der Lage aktiv zu handeln- aber extrem eindimensional und „flach“- erst in Verbindung mit anderen Innens bekommt es eine Tiefe (und Höhe und Breite… eine Dimension, wie man sie gemeinhin mit Persönlichkeit assoziiert).

0 thoughts on “Haben wir richtig gewünscht

  1. Wow!!
    Wir kennen den Film und es ist so toll geschrieben!
    Muss ich noch öfter lesen und kann mir Vorstellen Euren Text auch manchesmal zu verlinken, wenn das für euch ok ist!?

    Ich wünschte ich könnte die Zusammenhänge so benennen! Aber wie toll das ich es dann bei euch lesen darf <3

    Ja, vielleicht ist die 3D Welt ja gar nicht so schlecht… ich weiß es noch nicht und Innere sagen grad nix dazu.

    Seid lieb gegrüßt!

    1. Ach Mensch ihr- das ist immer so so so toll, wenn ihr euch bei uns fürs Aufschreiben bedankt

      Immer wenn unsere Worte euch helfen etwas ausdrücken- ob im Blog oder auch im Realleben: druckt sie euch aus, krickelt unsere Blogadresse drunter und verteilt es weitläufig 😀

      Dafür ist es ein öffentlicher Blog ohne Passwörter und für jeden lesbar.
      Viele Herzgrüße

  2. Auch wenn mir dieser Disneyfilm überhaupt nichts sagt… (bin wohl nie über Schneewittchen und die Standards hinaus gekommen) so denk ich, dass recht stimmige Vergleiche sind.

    Diese subjektive Wahrnehmung und das pochen den Realitätscharakter ebendieser ist ja auch so eine der vielen heiligen Kühe (sorry, aber das musst ich euch ma eben klauen, weil ichs soooo passend fand) unter Multis und ich denke, dass gerade das zu vielen vielen Schwierigkeiten führt, nicht nur was das Verständnis Außenstehender betrifft sondern auch für die Entwicklung des Betroffenen.

    Sehr gute Worte und einen (nach deinen Ausführungen, gesehen hab ich dat Dingen ja nich) passenden Vergleich.

    1. Hm,ja man muss schon genau gucken ob es ein Pochen auf einen Realitätscharakter oder der nach „Ernstgenohmmen werden“ ist auf den man pocht.
      Ich glaube, dadurch das manche auch oft noch nicht soweit sind, dass sie genau merken und benennen können worum es ihnen geht, wird das beides von Aussen oft falsch aufgenohmmen.
      (So kamen wir, denke ich, ja auch zu der Diagnose der Schizophrenie und dann später zur Diagnose der Psychose- wir konnten noch gar nicht mehr tun als (eindimensional) immer wieder draufzu pochen: Die sind echt! Ehrlich! Und die kommen in meinen Körper und machen was! O.O )

      Und by the way- ja der Film ist auch nicht so bekannt- dabei der bis jetzt einzige Disneyfilm, der uns richtig gut gefällt

  3. Hi,

    der letzte Satz hat augenscheinlich etwas für mich ge-klärt. Denn ich habe eine Innie von mir als so extrem „fremdartig“ im Sinne von „sowas würde ich niemals, niemals tun“ empfunden und mich immer gefragt, wie kann „die denn ein Teil von mir sein, geht gar nicht“.
    Aber nun denke ich, habe ich die Erklärung Durch den letzten Satz Deines Blogeintrags.
    Dieser Innie – eine typische „Sexanbietende Frau“, fehlen einfach all die anderen Anteile/Persönlichkeiten, damit sie zu irgendeinem Zeitpunkt in unserem Leben hätte „nein“ sagen können. (Es wäre bei kompletter Persönlichkeit gar nicht erst die Situation aufgekommen, etc. blabla.) Aber Du weißt was ich meine.

    Von daher ist es einerseits schon korrekt, wenn man einige Innies von sich als „fremde Persönlichkeit“ versteht oder „fühlt“.
    Technisch gesehen ist es aber so, wie Du schreibst. Nämlich der unvollständige Innie KANN ja gar nicht anders handeln/sein, weil er ja fragmentiert ist. Dadurch ein anderer Anteil von mir, auf den ich keinen Einfluss habe. Plus selbstständigen Handeln im Alltag, etc. blabla. Ergo: eine andere Persönlichkeit.
    Die aber zugleich genau so unvollständig ist, wie ich und all meine anderen Innies.

    Ach, es ist schon irgendwie … in der Theorie relativ einfach, aber in der Praxis sauschwerkompliziert.

    Beste Grüße und „gern hier gelesen“

    Sandkörnchen