einer dieser Tage

Und dann sind da diese Tage, in denen man nicht dazu kommt zu merken, wie schlimm sie sind, gerade weil sie so schlimm sind. Erst als man im Bett liegt und unter dem Gewicht seiner Decken zu sich kommt, entsteht der Raum zu der Erkenntnis, dass sich vielleicht einfach noch nicht genug verändert hat, um wirklich anders werden zu können.
Und mit dem Gedanken, dass man sich selbst vielleicht noch nicht genug geändert hat, um Dinge neu und anders anzugehen, fallen die Augen zu und es beginnt ein Zustand, in dem dieser Gedanke die Herrschaft hat. “Du bist nicht okay, wie du bist.”; “Du bist nicht genug”; “Du bist falsch”; “Du musst anders sein, um die Welt ™ zu verändern”. Da greift etwas in mich hinein, reißt an etwas herum, das nicht zu mir gehört, krempelt mich auf links und klemmt meinen Kopf in eine Zange, die sich im schweißnassen Aufwachen, als die Kante zwischen Bettkante und Kommode entpuppt.

Wir verließen die Praxis unserer Therapeutin und versuchten die losen Fetzen der Stunde noch aufzufangen. Neben mir stieß ein Innen die Füße auf den Boden und sagte: “Ich hab versucht ihr zu sagen, dass ich mir nicht mehr ranholen kann, wie wir denken konnten sich Hilfe ranzuholen wär’s wert weiterzuleben.”. Ich nahm ihm die Füße ab und verlagerte die Energie des Innens in Gehgeschwindigkeit. “Sie hats nicht kapiert. Nichts von dem, was du gesagt hast, hat sie kapiert, noch von dem, was ich gesagt hab.”. Neben uns lief eine Gruppe Schulkinder durch die Straße und die kalte Wind britzelte in den Augen.

Manche Therapiestunden tragen unerwartet dazu bei Brücken in Ecken des Innens zu fühlen, zu dem wir sonst keinen Kontakt haben. Das ist unvorbereitet und spontan. Und meistens hat es Folgen, die im Nachhinein schwer nachzuvollziehen sind. Da ist plötzlich ein Innen, das sonst eher als wabernde Eminenz die Therapie oder das, was wir äußern, beeinflusst, mit mir in einem Gefühl vereint, das ich in früheren Zeiten als unbewortbar erlebt habe. Und dann ist das Ergebnis wieder so eine von diesen Wahrheiten, die sind und an deren Ende wir uns als allein am Rand der Welt empfinden.

Obwohl wir doch alle Regeln befolgt haben. Obwohl wir doch getan haben, was wir tun sollten. Obwohl wir doch mitmachen.
Nur eben leider nicht verstanden werden.
Wir versuchen uns in kürzeren Sätzen. Weniger Monolog. Wir haben uns in der Krisenstation dazu entschieden dieses kurze Denken zu kopieren. Weil: “Neue Wege – neue Methoden”. Wir wollen nicht mehr die sein, die ewig lange redet, weil sie denkt, sie wäre dann besser verständlich. Wir hören immer öfter einfach mittendrin auf. Lassen es und ziehen uns raus, wenn wir merken: “Wir greifen hier schon wieder mehr als das Gegenüber in den Besteckkasten.”.

Und genau das haben wir uns für diesen Hilfezirkus auch vorgenommen.
Immer wenn wir merken: “Ah – du hast dir 2 Löffel eingeplant, weil du heute noch einkaufen musst, weil du noch duschen aushalten können willst und, weil du noch Kraft für positive Ressourcen haben willst – und greifst jetzt schon nach dem dritten Löffel, weil die Person dir gegenüber nicht versteht.”, hören wir auf.
Erinnern uns daran, dass das Gegenüber ja auch einen Besteckkasten hat und warten. Und wissen: wir können nur warten, weil uns Menschen immer wieder so glaubhaft wie nur möglich machen wollen, dass sie uns unterstützen wollen, wann immer wir sagen: “Ich kann das nicht” oder “Ich brauche dabei/dafür Unterstützung”.
Am Ende müssen wir die Menschen beim eigenen Wort nehmen und sie damit überraschen, dass ihre Beteuerungen bei uns nicht links rein und rechts wieder raus gerauscht sind. Oder mit unserer Bereitschaft, ihnen zu glauben und krasser noch: ihnen zu vertrauen und sich darauf zu verlassen, dass sie uns die Wahrheit gesagt haben.

Vielleicht gehören wir zu den Menschen, die sich nur zu anderen hinwenden können, wenn sie hinter sich deutlich spüren, dass die Alternative das Sterben oder auch das “nicht mehr sein” ist. Was – obwohl es sehr ähnlich gelesen wird – etwas anderes ist und damit zu tun hat, dass wir schwer traumatisiert wurden.
Wir haben keine Angst vorm tot sein – wir haben Angst vorm “nicht mehr sein”, denn das ist, was die Gewalt früher so oft mit uns gemacht hat und so viel unaushaltbarer ist, als tot zu sein. Die Toten sind tot. Sie sind eben nicht “nicht mehr”.

Gestern war ein Tag, an dem wir zwei Dinge gemerkt haben:
Erstens: ein kurzer Satz wie “Ich kann das nicht” reicht nicht. Auch dann, wenn das Gegenüber – in dem Fall die Therapeutin – weiß, worum es geht, was es mit uns macht, wie groß die Belastung ist, wie massiv der Trigger ist. Es reicht auch nicht diesen Satz logischer machen zu wollen, indem man seine Umgangsoption mitteilt, die impliziert, dass man selbst nicht involviert ist – weil man es nicht kann.

Zweitens: Menschen mitzuteilen, dass man sich aus Diskussionen herauszieht, weil sie einen ganz grundlegenden Punkt der Argumentation seit einem Jahr einfach nicht kapieren, bedeutet nicht, dass man daraus auch entlassen wird (weil man genau diesen Punkt halt nicht kapiert und ergo keinen Grund sieht, die sich herausziehende Person dann auch in Ruhe zu lassen)
So der Fall im Fotokurs nach der Therapie.

Es gab wieder eine dieser Diskussionen darum, was darf Kunst, was darf Satire, was darf der Fotograf (sic!) und wo sind die Grenzen.
Da sitze ich mit 4 weißen als Männer kategorisierten Menschen in einem Raum und erlebe live mit wie die Jungen von dem Alten lernen, dass man nicht auf Kritik achten muss. “Wer nicht lacht hats nicht kapiert” und “*istisch sind immer nur die anderen aus ganz persönlichen Gründen”.
Es ist abstoßend und schlimm. Für uns. Weil Grenzen aufgeweicht und Verletzungen legitimiert werden. Es wird in Kauf genommen Gefühle zu verletzen, um sich selbst als “nicht langweilig” und “edgy” definieren zu können. Als jemand “der ja nur einen Witz machen will”. Und eben nicht auch als jemand, der missachtet, ignoriert und verletzt, weil er es kann und darf und ihm keine verbindlichen Grenzen sichtbar und einzuhalten wichtig sind – selbst dann, wenn sie aufgezeigt werden.

Für uns ist der Fotokurs nicht nur ein Sprungbrett in eine mögliche Zukunft im kreativen Bereich und eine Ergänzung zu sowieso bestehenden Ressourcen und Fähigkeiten – es geht auch um unseren Willen zur Desensibilisierung von Menschen. Wir wissen, dass wir uns an sie gewöhnen müssen, viel soziales Zeug lernen müssen und auch auszuhalten lernen müssen. Neben allem was das Handwerk “analoge Fotografie” bedeutet und von uns zu lernen wichtig ist, sind dort eben auch Menschengeräusche, Menschenwörter, Menschengerüche, Menschen, die plötzlich und unvorhersehbare Dinge tun, sagen, wollen, verlangen. Menschen, die triggern. Menschen, die überfordern. Menschen, die einfach sind und zwar ganz direkt in unserem Umfeld.
Wir wissen, dass wir da was aushalten müssen.
Die Frage ist nur: Wie viel wovon und wozu?

Für uns ist es keine Option zu sagen: “So sind sie halt – die Männer, die Jungs, die Menschen, die Lehrer, die Schüler … die Anderen”, weil das einfach zu wenig ist. Dafür kostet uns der Unterricht zu viel Geld und zu viel Kraft für Kompensationsleistungen und Aufrechterhaltung der Funktionalität. Dafür geht es uns auch einfach zu sehr viel schlechter nach solchen Diskussionen als den anderen Teilnehmenden.
Und am Ende: Wie eklig wäre es, würden wir uns selbst dazu triezen zu lernen uns zu desensibilisieren, wenn anderen Menschen ganz direkt in unserem Umfeld Gewalt angetan wird bzw. solche Gewalt als legitim bezeichnet wird?
Das ist doch nicht, wie Menschenmiteinander aussehen soll. Das ist doch nicht, womit uns beworben wird, dass sich das Weiterleben lohnt.

Wir haben den Kurs eineinhalb Stunden vor Ende verlassen.
Ich habe mich geärgert, meinem Lehrer den Brief nie zu lesen gegeben zu haben, weil ich Angst davor hatte, er würde sich bloßgestellt fühlen und sowieso gar keine Auseinandersetzung mit seinen internalisierten *ismen wollen. Vielleicht: auch gar nicht leisten können, weil er nämlich auf viele Jahre schauen müsste, in denen er Menschen verletzt hat und dachte, das wäre okay, weil er ja ein okayer Mensch ist, der niemanden verletzten wollte.

Ich will nicht immer die sein, die Menschen Dinge zeigt, die sie übersehen und aus dem Bewusstsein streichen, weil sie das können und ich genau eben nicht. In dieser Rolle ist man nämlich immer wieder die, die im besonderen Maße davon abhängig ist, wertschätzend und anerkennend behandelt zu werden. Passiert das nicht, erlebe ich Verletzung, Verlust von Privilegien und zwar ganz konkret, ganz direkt.
Und genau auch nicht, weil ich das nicht anders verdient habe – sondern, weil solche Gegenüber keine anderen Optionen nutzen sich selbst zu versichern, als eben über solche “Strafen”.

Ich merke, dass wir keine Umgangsoptionen kennen, die solche Situationen und sozialen Konstellationen befriedigend für alle auflösen. Denn befriedigend wäre für diese Gruppe nur sich keine Gedanken machen zu müssen und einfach nur zu hören: “Du bist okay – ich habe etwas Falsches gedacht/gesagt/verlangt. Hier ein Keks.”
Ich habe aber nichts Falsches gesagt/gedacht/verlangt.  Ich habe einfach nur etwas gesagt/gedacht/verlangt, das sie nicht verstehen wollen, weil sie nicht müssen und das für den Rest der Welt völlig okay so ist.

Wir haben noch 6 Termine dort. Und erwachsen und konfliktlösungsorientiert wie ich bin, plane ich uns zu jedem dieser Termine in die Dunkelkammer einzusperren und mir maximal ein “Hallo – schließt du bitte auf?” und ein “Bis nächste Woche” rauszuwürgen.
Ja.
Ich bin echt toll konstruktiv und konsequent in unserem  Plan sich irgendwie mal so richtig mit Menschen auseinanderzusetzen.

[slow clap]

Erbsenmomente

Gerade habe ich einen Artikel gelesen, in dem die “Löffeltheorie” beschrieben wurde.
Dieses Bild wird benutzt, um zu verdeutlichen, wie viel wovon man so für sich stemmen kann, ohne zu überreizen. Für mich eine sehr gute Idee – ich hab nämlich nur so mitteldifferenziert Ahnung davon, was genau mich wie viele Löffel kostet.

Ziemlich viel Ahnung aber hab ich, wie ich mitten am Tag zu Löffeln kommen kann: Erbsenmomente

Den erfahreneren Therapierten ist die Geschichte vielleicht schon als Achtsamkeitsübung bekannt.
Man hat eine Handvoll Erbsen in der rechten Hosentasche – für jeden schönen, angenehmen, guten, okayen Moment nimmt man eine raus und steckt sie in die linke. Am Ende des Tages holt man sie sich hervor und führt sich die schönen, angenehmen, guten, okayen Momente noch einmal vor Augen.

Wir sind leider zu verkorkst um mit Essen in den Hosentaschen herum zu laufen und zu faul uns zu überlegen, was man denn so physisches Zeugs mit sich herumtragen könnte, um diese Übung öfter zu  machen. Also haben wir irgendwann gemacht, was wir gut können: nämlich die ganze Schose in unseren Kopf einzusourcen.

Wir sammeln Erbsenmomente und legen uns eine Momentaufnahme davon ins Backend.
Erbsenmomente sind manchmal awkward Rosenblättersachen wie schöne Geräusche, leckere Wörter oder Oberflächen, aber auch mittelkitschige Dinge wie: NakNak*, die auf uns zu hoppelt oder ein Sonnenaufuntergang. Dazwischen sind noch Dinge wie: etwas geschafft zu haben, planmäßige Abläufe oder besonders schöne Muster und Flauschglitzer.
Das sind alles Dinge, die wir selbst produzieren können bzw. an die heranzukommen nicht viel Aufwand bedeutet und nicht viel mehr als unsere direkte konkrete Widmung abverlangen. Das meiste muss man nur anschauen oder eben spüren.

Wenn wir Tage haben, die uns “viele Löffel abverlangen” und noch nach dem Besteckkasten schielen, dann wissen wir das in der Regel schon vorher. Unsere großen Stressoren sind immer die gleichen: andere Menschen, andere Menschen, Außentermine, Außenblicke, Außenurteil, andere Menschen, laut, eng, voll, der eigene Körper

Vor Außenterminen versuchen wir uns auf dem Hinweg schon Mustermusik zu geben. Am Besten ist da klassische Musik ohne Gesang. So wird der Weg hin (der ja oft auch schon bedeutet Löffel zu verlieren) auch ein Erbsenmoment. Wenn man dann noch Glück hat, ist der “eigene Platz” in der Bahn noch frei (planmäßiger Ablauf) und man kann mit den Fingerspitzen das Muster an der Lehnenkante des Sitzes vor sich befühlen (eine leckere Oberfläche).

Dann kann der Außentermin so schrecklich sein, wie er will – der Ohrwurm von der Musik und der Geschmack der Oberfläche liegen im Backend, wirken parallel weiter und puffern eine Menge ab.
Wenn es ein schrecklicher Termin war, ist es für uns nicht mehr so ein Akt durchzusetzen dann auch allein sein zu wollen und uns entsprechend auch abzuschirmen. Das ist dann manchmal schon das Erbsenmoment: allein sein

Manche unserer Erbsenmomentutensilien tragen wir mit uns umher, wenn wir unter Menschen, in Therapie –, Mediziner_innen- und Behördentermine gehen und bevor jemand auf die Idee kommt das mit Skills zu vermischen: nope – Skills sind etwas anderes als Erbsenmomentproduzierdinge.
Sich einen Erbsenmoment zu machen ist auf eine Art, als würde man seine Nerven streicheln und weich einpacken – Skills nutzen ist etwas, womit man seinen Nerven sagt, worauf sie sich konzentrieren sollen.

Wir haben einen Kreisel, eine weiche Eulenhandpuppe, eine Metalldose mit Drachenlachenbonbons drin, Seifenblasen und einen Eulenstempel in einem weichen Säckchen. So haben wir, selbst wenn es zu unangemessen oder peinlich wäre irgendetwas davon rauszuholen und zu befühlen, noch das Säckchen zum unauffällig dran langtasten. Und natürlich das, was uns üblicherweise einfach so auffällt: Muster, Linien, Gerüche und Geräusche.
Wir nutzen öfter Skills um an einen Erbsenmoment dran zu kommen, denn in der Regel knallt einfach immer alles auf uns ein, was die Termine letztlich so anstrengend macht.

Wir haben lange versucht Erbsenmomente mit anderen Menschen zu haben. Und wir haben lange versucht so zu tun, als würden wir trotz unserer Probleme immer alles hinkriegen und falls nicht, dann tausendundeine andere Erklärung dafür zu finden, als die, dass wir spezifische Limits haben, die sich immer wieder und oft auch total spontan – trotz aller Vorbereitung und Vorkenntnis! – verändern können.

Inzwischen haben wir einen sozialen Radius, der weißt, dass wir chronisch krank/schwerbehindert und viele sind. Die Zeiten des Löffelschwundes durch Herumgeeier um Fragen wie “Wieso schaffst du X und Y und Z gleichzeitig – aber mir ne popelige Email zu beantworten nicht?” oder “Ja, wenn du X und Y und Z gleichzeitig schaffst, dann kann A und B und C ja nun kein Problem sein – oder?”  sind vorbei. Auch ein Erbsenmoment übrigens.
Und das Wichtigste, dass sich in den letzten 3 Jahren entwickelt hat: Leute in unserem Leben, die sich auf unser Belastungsmanagment verlassen.
Hach.
Erbsenmomentig <3

betroffene Profis #1

2001 war ich eine 14 jährige, die aus der kinder- und jugendpsychiatrischen Station eines Uniklinikums in eine Wohngruppe für Jugendliche mit psychiatrischer Diagnose entlassen wurde und darüber nachdachte, ob Psychologin zu werden, vielleicht etwas für sie wäre.
Viele meiner damaligen Mitpatient_innen hatten nach ihrer Entlassung diese Idee. Und vermutlich haben sie alle spätestens in der Zeit der Reintegration in ihre Schul- und andere Alltage gemerkt, dass Lebensabschnitte mit stationärer Behandlung in der Psychiatrie und/oder Psychosomatik exakt die Lebensabschnitte sind, die so ziemlich alle Berufe in Frage stellen, die in irgendeiner Form mit hilfs- und unterstützungsbedürftigen Menschen zu tun haben.
This is called “Stigmatisierung”, Baby!

Man geht dazu über in seinen Lebenslauf zu schreiben, das man “mal krank war” oder schreibt von einer chronischen Erkrankung, die einer regelmäßigen Behandlung bedarf, seit man jugendlich war.
Dann gilt man wenigstens nur als krank und nicht auch noch als unzurechnungsfähig oder gefährlich. Krankheiten können ja auch geheilt werden und bei einer Krankheit stellt sich eine Ursachen- aber keine Schuldfrage. Beziehungsweise: nicht sofort.

Krank sein ist okay, so lange sie nichts mit anderen Menschen zu tun hat, weil man sich sonst Umgangsfragen stellen müsste, die bestehende Strukturen nicht entsprechen können.

2001 wurde ich eine 15 jährige, die von ihrem Therapeuten misshandelt wurde und verstand, dass ihre Idee davon Psychologin zu werden viel mehr mit einem Wunsch nach der sozial und kulturell legitimierten  Macht Menschen beeinflussen zu können und zu dürfen zu tun hatte, als damit, was ich als eigene Fähig- und Fertigkeit perfektionieren möchte, um anderen Menschen, wie Nichtmenschen, Hilfe und Unterstützung, aber auch Raum zur Veränderung der Gesellschaft zu ermöglichen.

Ich weiß nicht, ob wir uns aus Versehen zu einer linksautonomen Radikaloweltveränderin mit Hang zum kommunistisch nachhaltigen Ökosozialkapitalismus sozialisiert haben, als wir so durch die Pubertät gingen und irgendwann in das Erwachsensein außerhalb der organisierten Gewalt an uns hineinwuchsen. Vielleicht.
Ich fände das schön, weil ich darüber merke, das in uns viel Eigenes entstanden und entwickelt ist, das das Außen nur brauchte, um sich selbst entstehen zu lassen. Ich habe einen Machtbegriff, habe Theorien und Ideen wie Macht und ihr Einfluss was wo wie bewirkt und mir im Laufe darüber die Chance erarbeitet in kleinen Schritten zu sortieren, welche Lebensabschnitte wo und wie miteinander zu tun haben und welche Rolle ich selbst dabei tatsächlich erfülle und zu erfüllen keine andere Wahl hatte. Es ist eine rein intellektuelle Auseinandersetzung, die die Möglichkeit birgt emotionale Inhalte nur schwer anzuerkennen und zu integrieren, aber es ist die Auseinandersetzung, die unseren Fähig- und Fertigkeiten entspricht.

Natürlich habe ich keine Zahl dazu wie Menschen ihre Psychiatrie- und Helfergewalterfahrungen für sich einsortieren. Doch der Grund dafür ist nicht, weil die Gewalt so selten passiert oder die meisten Menschen ihre Erfahrungen für den Rest ihres Lebens eben nicht einsortieren, sondern, dass es der weniger leicht über bestehende Stigmatisierungen in ihrer Stimme zu unterdrückenden Machtmasse unserer Gesellschaft egal ist – und egal sein muss! – was mit den Menschen passiert, wenn ES und DAS DA passiert ist.

Ich will die bestehende Spaltung zwischen Menschen, die zu Opfern wurden und nur “die guten Opfer”, “die schlechten Opfer” und “die Opfer, die nicht wissen, dass die Opfer sind” kennt, nicht mittragen.
Zum Einen, weil man nur so lange ein Opfer ist, wie die konkrete Unterwerfung geschieht und danach eine zum Opfer gewordene (oder auch: eine Opfer gewesene) Person ist und zum Anderen, weil eben jene Spaltung nur aufgrund bestehender Gewalt (hier synonym mit “Macht”) verhältnisse überhaupt ent- und bestehen kann – ergo: weitere Opfer produziert bzw. Opferschaften aufrecht erhält und damit die individuelle Weiterentwicklung negiert.

Da gelten die “guten Opfer” als jene, die es schaffen ihre Gewalterfahrungen zu beweisen und ergo im Machtbereich Justiz zu bestehen.
Da gelten die “guten Opfer” als jene, die es schaffen ihre von Gewalterfahrungen ausgelösten Krankheiten innerhalb der Richtlinien entsprechenden Therapiestundenanzahl zu überwinden (sic!).
Da gelten die “die guten Opfer” als jene, die ihre Gewalterfahrungen als individuelles Einzelschicksal zu akzeptieren.

Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die an der Beweispflicht scheitern, zu krank, zu alt, zu schwach, zu sehr im Muster dessen, was die unreflektierte rape culture wahrnehmen lässt, sind oder zu viel Angst vor einer erneuten Unterwerfung innerhalb eines weiteren Macht (und Gewalt) bereiches haben.
Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die “das Falsche” sagen, wenn sie öffentlich ihre Erfahrungen mit_teilen.
Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die ihre Gewalterfahrungen zum Teil des Laufs der Dinge in der Gesellschaft machen, als die sie sie begreifen.

Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die sich nicht als Personen begreifen, die gerettet werden müssen.
Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die nicht auf klassisch übergriffige Hilfsinterventionsversuche anspringen.
Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die nicht den gleichen Gewalt- und Unrechtsbegriff haben, wie jene, die sich Menschen einzuordnen anmaßen.

All das sind Urteile, die in Momentaufnahmen gefällt werden, was schon schlimm genug ist, weil auch das Entwicklung als bestehende Dimension ignoriert.

Gewalterfahrungen können vieles in einem Menschen zerstören und so verrücken, dass eine neue Form der Stabilität und auch der Stabilisierungsmaßnahmen etabliert werden (müssen).
Dafür gibt es gute und immer weiter in Verbesserungsprozessen befindliche Instrumente aus unterschiedlichen Professionen, seien es Psychologie, Psychiatrie, Medizin oder Pädagogik.
Die individuelle Profession in der Nutzung und Wahrung eigener Resilienzen wird daneben leider oft zu etwas, das wie ein Zierdeckchen in der Begegnung als existent aber lediglich schmückend seinen Platz und Berechtigung eingeräumt bekommt.

innere Kommunikation

Manchmal ist es, als würde ich in ein Gespräch hineinplatzen, das schon lange mit mir geführt wird, ohne, dass ich davon weiß. Es gibt meine Linien auf dem Boden – das gesicherte, regulierbare Wörterlabyrinth, das sich in Farben und Formen vor mir zeigt und meistens umspült ist von einem weißen Rauschen, das mich in der Regel nicht berührt.

Doch wenn wir einander begegnen, wird es fremd um mich und in meinem Denken.
Plötzlich steht dort: “Ich tue hier nichts Falsches.” und hinter ihm schimmert etwas sehr Konsistentes. Ein anderes Innen, ein festes Wissen, ein anderer Gedanke – es könnte alles mögliche sein. Oder auch nicht.

Seit ein paar Tagen betrachte ich diesen Satz und taste ihn mit meinem Herz ab. Er kommt nicht von mir, aber auch nicht nicht. Er ist fremd, aber doch vertraut.

Vom Schlauberg herunter trötet es etwas von „Bewusstwerdung und dem Wunder der Assoziation“. Irgendwo kichert jemand “Herzlich willkommen in dieser inneren Kommunikation” und ich muss vor allem allein sein, eine Serie gucken und Candy Crush Soda Saga spielen. Dinge sortieren und mich zwischen Schrank und Wand quetschen, um das eigene Atemgeräusch ertragen zu können.

Manchmal tauchen Sätze auf, machen mir Angst und lassen mich selbst zu einem weißen Rauschen werden. Und manchmal tauchen sie auf und fühlen sich gut an. Einfach so. Nicht weil sie einen schönen Ton haben oder weil sie gut schmecken, sondern, weil sie sich so gut in meine kleinen Seligkeitsinseln einfügen.

10 Becher meines Joghurts, die es ohne umzukippen zu uns nach Hause schaffen, damit ich sie ordentlich in den Kühlschrank sortieren kann.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Ein Sprung über Fußgängerzonen einrahmende Bodenplatten.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Ein köstliches Wort, das mich so warm macht, dass ich alles über es wissen will.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Das Geklacker der Tasten während ich tippe und aus_sage, wie für mich ist, was ist.
“Ich tue hier nichts Falsches.”

Und das ist, was mir Angst macht und mich in so einen Kampf darum bringt, mich nicht aufzulösen.

Ich höre von innerer Kommunikation bei Menschen, die viele sind, immer wieder im Zusammenhang von durchzusetzenden Imperativen.
Immer sollen “die anderen da drinnen” irgendwas machen oder nicht machen oder einsehen oder verstehen. Selten höre ich davon, wie es für “diese anderen da drinnen” ist, wenn sie etwas erreicht, was sie so sehr erschreckt, dass sie es nicht aushalten können oder aber auch so sehr verlockt und in ungesicherte Gefilde zu verleiten droht, dass es einen Konflikt gibt.

Ich brauche etwas worauf ich mich stützen kann, um diesen Satz anzunehmen und zu verinnerlichen.
Das Außen eignet sich für mich nicht als Überprüfungsinstanz – es hat immer Recht. Immer ist es mir überlegen. Das Außen ist gefährlich für mich, denn es akzeptiert mich nicht. Und das Innen hat seine ganz eigene Dynamik. Ich berühre den Satz und der Boden wackelt. Die Wände bersten auf und fluten mich mit Reizen.
Man sagt immer einfach “erinnern” dazu. Für mich ist das ein Miterleben, wie etwas stirbt, von dem ich nicht wusste, dass es einmal gelebt hat.

Am Ende bleibt mir der Umgang damit.
Atmen, sortieren und wie einen Zauberspruch über meine Überflutungserfahrung sagen “Ich habe mich an etwas erinnert”, ohne je einen Inhalt tatsächlich aufgenommen zu haben.

Vielleicht muss man “innere Kommunikation” weniger als Büchsentelefon nach innen begreifen, sondern mehr wie das Warten auf eine autokatalytische Reaktion unter stetiger Beigabe entsprechender Einbringungen, während die Reaktion als Antwort dient.

war ja klar [Abwinkgeräusch]

Heute morgen kurz nach 3 wachte ich auf und dachte: war [genervte Lücke] ja [genervte Lücke] klar [das Geräusch von durch die Luft fliegenden Armen]
War ja klar, dass es keinen Mehrwert hatte früher ins Bett zu gehen, um länger drin liegen zu können. Bevor man sich aufrafft, um den ersten Werktag 2016 genau damit zu füllen, sich um sich zu kümmern.

War ja klar, dass der Schmerz im unteren Rücken wieder kommt und bleibt und keine wie auch immer gelegte Decke unter die Kuhle in unserer Matratze irgendwie sowas wie die harte Unterlage macht, die wir Bauchschläferschweinchen brauchen. War ja klar.

Und irgendwie blieb der schale Beigeschmack von Desillusionierung und strukturierter Verwirrung hängen.
Es schneite die zweiten ordentlichen Flocken – und die erste Person, der wir das zu zwei halben Dritteln mit Kinderinnens befüllt im Schlafanzug und zerknautscht wie ein Yeti mitteilten, war einer der beiden Postboten, die immer verwirrend viel Zeit und Nettigkeit im Hausflur für uns haben. Super. War ja klar. Repräsentation matters und wir sind die letzten, die das halbwegs schaffen.

Naja und ist der Ruf erst ruiniert… torkelt es sich auch halbwegs entspannt durch die Stadt zur Neurologin, um die Einweisung zur Klinik abzuholen. An dieser Stelle hätte ich gedacht ebenfalls ein “war ja klar” in Bezug auf irgendwelche aufkommenden “Nope”- Impulse zu denken, doch sie blieben aus.

Wir fuhren in Richtung Klinik und wirrten ein bisschen umher ob der Tatsache, dass es weniger aktiven Widerstand als beklemmend ruhiges Abwinken gab. “Ach kommt – ihr werdet das schon sehen. Was soll ich noch reden. Wir haben schon alles gesagt.” – mit einem Punkt am Ende, der sie so alt und fahl macht wie den Schatten eines Jenseitigen.
Mir fällt es schwer mich an die Krise im Oktober zu erinnern. Obwohl ich die Nachricht mit der Bitte um Aufnahme in der Klinik von der Krisenstation aus geschrieben habe und noch weiß, wie verboten mir das vorkam.  Wie ich mich beeilt habe, weil ich Angst hatte, jemand käme und schlüge mir das Laptop um die Ohren. Weil ich zu dem Zeitpunkt nichts sicherer wusste, als das ich gar nichts wusste.
Ich weiß auch bis heute nicht, ob die Erinnerung an die paar Tage so fädrig sind, weil wir Medikamente bekamen, oder, weil sehr ferne andere da waren.

Jedenfalls sind etwas über 2 Monate seitdem vergangen und trotzdem mir die Angst und Not dieser Zeit manchmal noch beklemmend nahe rückt, ist sie gleichzeitig unfassbar fern. Begraben unter Vorhaben, Aufgaben, Arbeiten, den zwanzigtausend Hochzeiten, die wir mit_planen und mit_feiern wollen. Unter dem Medikament, dem Hier und Jetzt fern der Welt des Äußeren.

Der Soundtrack ist Peponi und über unserem Kopf flockt es kühle Stückchen auf die Membran zwischen uns und dem Himmel.
Als wir vor dem Gebäude stehen und den letzten Kaffee trinken, fällt mir ein, wie wir mit einem unfassbar klitzekleinen Hundewelpen unter der Jacke diese Treppen genommen haben.
Damals, bevor.
Damals, nach dem.
Damals, als.

“Na? Hab ichs dir nicht gesagt?”, fragt es mich süffisant von hinten links und schlägt die Beine übereinander, “Ihr könnt hier erarbeiten wollen, was auch immer ihr wollt. Ihr werdet wir sein und euch verlieren.”. Ich atme durch. Stürze den Kaffeerest hinunter und schaue noch einmal die Straße auf und ab, ob unsere Therapeutin kommt.
“Willkommen im Herrschaftsgebiet des fremden Blickes!”, trötet die Stimme als ich die Tür zum Foyer aufstoße, “Sie können nun aufhören zu sein.”.

“Könntest du bitte auch kurz aufhören zu sein? Ich muss mich konzentrieren”, denke ich und schließe mit dem Aufstampfen meiner Füße auf der Schmutzfangmatte, die Tür zwischen mir und ihr.
Das ist alles ein bisschen viel. Ein Christbaum mit Licht und Duft. Ein Schild neben einer Sesselgruppe auf dem steht, sie sei kein Aufenthaltsbereich. Es entspinnt sich eine tiefsinnige Grübelei, ob ein Wartebereich nicht auch eine Art Aufenthaltsbereich sei und wie subtil die Bildung urbaner Exile beginnt und überhaupt, wieso ist es hier so warm und ach… wieso können wir nicht einfach Schlitten fahren gehen.
Ich frage mich, wieso ich eigentlich ordentlich angezogen bin, wenn mein Kopfinneres am Ende doch realistischer im Knautschyetiaufzug abgebildet ist.

Mir fällt ein, wie wir noch nie wussten, was nach “zu einem Vorgesprächstermin in der Klinik ankommen” eigentlich zu tun ist. Jedes Mal hat uns einer der Verwaltungsmenschen von den Höhen unserer Gedankenberge abgepflückt und neben sich an den Schreibtisch gelegt. Zahlen, Daten, Zettel und Versicherungskarte. Kling Klang Klonk
Diesmal mit unserer Therapeutin dabei, die uns auch noch einen Jahreswunsch zuwirft und mich damit verwirrt, weil ich dachte, wir hätten unseren Neujahrswünschekram schon erledigt.

Während wir die Treppen zu dem Zimmer in dem wir unseren Termin haben hochgehen, lasse ich die Klinke der Tür hinter mir los.
Jetzt ist unsere Therapeutin da und ich habe das Gefühl weniger auf einer Glasfaser, als auf einer fußbreiten Planke zu balancieren. Es bleibt still.

Wir warten nebeneinander vor einem Leinwandbildruck, der schon vor 3 Jahren dort hing. Und immer noch besser aussähe, würde man ihn ein bisschen abschmirgeln. Es riecht nach Kaffee, ein Geburtstagslied wird gesungen. Ein Hund bellt. Draußen fällt Schnee.
Unsere Wortressourcen sind auf “Wir wollen, dass es uns besser geht” und “Es war alles zu viel” und “Aber eigentlich ist alles okay.” zusammengepresst.

Plötzlich fliegt eine ausgestreckte Hand in mein Blickfeld, die ich auch gleich mal schüttle um zu gucken, ob sie abfällt. Warum auch nicht.
Fiele sie ab könnte ich sagen “war ja klar” und hätte mehr Raum um meine Worte zu dekomprimieren.
Stattdessen werde ich zu meiner Mutter und merke den spontanen Brechreiz einer anderen. Erinnere das als Teil des Problems in der Krisenstation.
Als Teil von so vielen anderen Problemen.

Das Gespräch funktioniert dann aber gut. An einem Punkt gehe ich ein Stück zurück und verstehe die Stimme hinter mir ein bisschen mehr.
Ja, hier gibt es den Blick, den wir nicht gut ertragen können und ein Machtgefälle, das neben vielem anderen in ungute Ecken triggert. Und ja – einen Umgang, der nicht die Selbstauflösung beinhaltet, haben wir damit nicht.
“Das wird ein Sprung ins Blaue.”, sagt sie mir mitten ins Denken hinein.
”Das war das Nichtspringen von der Brücke auch.”, antworte ich.

Wir fahren nach Hause und wissen, dass eine Bedingung ist das Blog ruhen zu lassen so lange wir da sind.
Erst will ich das verstehen. Zu hause merke ich, wie wahrscheinlich total gut gemeint und dennoch übergriffig das ist. Dann merke ich, dass wir nichts dagegen tun können, außer dann eben auf eine Hilfs- und Unterstützungsoption zu verzichten. Dann merke ich wie das Inmitten brennt, weil es ist, als dürften wir nichts sagen während wir dort sind. Und wie das Dunkelbunt triumphiert über die Offensichtlichkeit mit der die Falschheit der Helfer zutage kommt.

Und ich merke, wie wenig mehr als “war ja klar” da noch in mir drin ist.
Am Ende des ersten Werktages diesen Jahres merke ich wie viel keine Kraft mehr ist um uns zu rechtfertigen, uns aus uns heraus zu beruhigen, einander miteinander zu halten, und uns irgendwie mehr als nur Raum für Worte überhaupt noch geben zu können.

Wie sehr wir am Ende diejenige sind, die alle Angebote ablehnt oder schlecht nutzt und in Wahrheit ja gar nicht will, dass es besser wird.
Was ja aber klar war.
Sind ja schließlich wir.

Wir waren ja schon immer undankbar.

Gesprächstherapie

„Irgendwie ist sie ja schon cool!“, raunt die Feuerhaarige , die sich auf meinem Scheitel abstützt und durch meine Augen auf die Therapeutin schaut, die gerade sagte, es gäbe für sie keinerlei Grund den Antrag nicht endlich los zu schicken. „Guck dir das mal an“. Das Mädchen auf meinem Kopf patscht mit der flachen Hand auf mich und unterbricht mein leichtes Dämmern.

Ich mag dieses Thema nicht. Ich schäme mich nicht, aber es ist mir peinlich so über mich und uns zu reden. Ich tue, was ich immer tue, wenn der Blick auf mich und uns als Einsmensch so konkret ist und ich weiß, dass ich ihn mit allem, was ich sage, nur noch klarer, schärfer, gezielter mache: Ich sammle die Worte und legte sie extra langsam und bewusst vor mich. Wickle sie ein und gebe sie extra langsam in mein Denken hinein. Das beruhigt mich. Macht mich dämmern und wenig berührbar von diesem Blick.

Wie eine Quecksilberlache breitet sich die Stunde vor mir aus und während viele verschiedene Innens aus meinem Gesicht hervorbrechen um ihre Brocken und Bröckchen zu dem Thema in das Gespräch zu halten, wickelt sich mir eine Wörterkette um den Hals und zieht sich in ihrer Bewegung ins Außen immer weiter zu.
Ich bleibe sitzen. Stoße meine Fingerspitzen wie Widerhaken in den Rand der Dunkelbunten. Weiß, wie sie es nie zulassen würden, dass diese Kette das Außen berührt.

Meine Haut wird kalt. Ein Puls flattert wie ein Schmetterling unter der Haut an meinem Hals. Es rauscht als stünden wir in einem Sturm, doch kein Wind berührt mich.
Und dann ist es vorbei.
Ich schaue den Schuhen der Therapeutin in ihrem Auf und Ab zu. Frage mich, ob sie mich ansieht. Frage mich, was sie sieht. Frage mich, wie wirklich das ist, worüber wir sprechen.

„Sie haben den Antrag gelesen?“, ihre Stimme wankt der Therapeutin entgegen. Unschlüssig zwischen Erleichterung und unerwartetem Grund zur Angst. „Ja. Sollte ich das nicht?“, fragt sie.
Mir werden die Worte entrissen und die Löwin schleicht sich mit ihnen durchs hohe Gras, das in unserem Kopf raschelt und rauscht wie die Brandung unter einen hohen Felsklippe.
Sie müsste antworten „Nein, aber ja.“ doch sie beißt mit geschlossenen Augen in die Wortmassen und wirft sich damit zurück ins Gespräch.

Irgendwann habe ich mein Wort. „Unaufrichtig“.
Es schmiegt sich an meine Wange. Ist so nah, dass ich es selbst zu sein scheine. Ist soviel von mir, dass es fast schade ist, es in eine Kette hängen zu müssen, um es mit der Therapeutin zu teilen.
„Ich würde umknicken, wenn sie den Antrag ablehnen.“. Ich hebe die Hand und knicke sie nach hinten. „Ich könnte das nicht durchkämpfen, wenn …“, mir geht auf halben Weg die Kraft verloren und die andere findet vor meinen Füßen Platz. „Wenn die Krankenkasse irgendwas nicht zahlen würde oder sowas ähnliches – wäre das kein Ding. Da würden wir Kraft aufbringen können, weil Sie da ja auch mit dran hängen. Aber nur für uns allein und …“
Ihre Energie fühlt sich an wie ein Gerüst um mich herum. „Und ich habe doch kein Wissen, ob man sich auf Innenkinder verlassen kann. Es fühlt sich unaufrichtig an, etwas sagen und vertreten zu müssen, dessen man sich nicht sicher ist.“.

Ich fühle mich blutleer und lasse wieder los.
Mein Wort hängt in dem Raum wie ein Bleigewicht und ich nagle es fest. Ich habe keine Kraft mehr mich weiter zu beteiligen. Bin erschöpft und kann das Ziehen im Zwerchfell nicht weiter ausblenden.
Als wir die Praxis verlassen, fällt mir auf, dass die Therapeutin mit uns umgegangen ist wie sonst auch. Obwohl sie jetzt etwas über ES und DAS DA weiß. Und zwar von uns. Obwohl sie weiß, wie wacklig meine (unsere) Überzeugung, ob der Wahrhaftigkeit dessen ist.

Wir stopfen uns die Ohren mit Kopfhörern zu und drehen „Cello-Wars“ voll auf.
Tun so, als wären wir Raumschiffrennfahrer_innen, als wir uns durch die Weihnachtsmarktbesucher_innengruppen schlängeln, ohne die Ränderplatten der Fußgängerzone zu berühren und uns von den Lichtern blenden zu lassen.Von der Straßenbahn lassen wir aufnehmen und klettern durch die blonden Dreadlocks eines Skate-Menschen vor uns.

Als wir später im Bett liegen und dem Feenreigen über unserem Kopf in seinen Bewegungen folgen, seufzt das Mädchen mit dem Feuerhaar: „Das ist alles ganz schön krasser Scheiß, ey“.

Harry Potter und sein Täterintrojekt

Harry Potter quält sich mit der Frage, ob er vielleicht so wird wie Voldemort.
Er spürt Ähnlichkeiten, Verbindungen, bemerkt an sich fremdartig globale Aggressionen nachdem er Zeuge der Tötung eines seiner Mitschüler durch Voldemort wurde.

Well, das ist die Stelle, in der ich meine Brille gerade rücke und mich frage, warum es in der Zaubererwelt eigentlich eine Kenntnis von Wahnsinn und verwirrtem Verstand gibt, doch nicht von PTBS und Täter_innenintrojekten. Die Filme selbst verraten es mir.
Das Rezept ist Freundschaft, Liebe, ein Ziel für das sich zu kämpfen lohnt und die Erkenntnis, dass der frei umhermordende Täter sich durch Magie in den Kopf des Opfers genistet hat, um etwas davon zu haben.
Harry du alte Lusche – kontrolliere halt deinen Geist! Lass das nicht zu! Kämpf halt noch ein bisschen mehr. Retraumatisiere dich und lass uns das zum heldenhaften Kampf erklären.

Oh my.
Versteht mich nicht falsch – es ist nichts falsch daran sich um Freundschaft, Liebe und Ziele im Leben zu bemühen, wenn man schlimme Dinge erlebt hat. Es wird halt tricky, wenn die Person, die verantwortlich für diese schlimmen Dinge ist (oder war) zum immerwährendem und alles bestimmenden Zentrum im Leben der Person, die zum Opfer geworden ist, wird.
Da gibt es verschiedene Arten, wie sowas passiert.

Auf der einen Seite ist die Angst der Person, die zum Opfer wurde vor der Macht und der Person selbst, die die Integrität und Autonomie dieser Person verletzte, einschränkte und/oder zerstörte. Man kann nicht ignorieren, wovor man Angst – manchmal auch Todesangst – hat.
Viele Strategien gegen solche Ängste haben etwas mit Vermeidung oder Gewalt zu tun.
Vermeidung hat folgendes Problem: „Denk nicht an einen rosa Elefanten“ – Woran hast du gedacht? ba da bamm
Gewalt zeigt sich in Aktionen wie: „Dem zeig ichs jetzt“ – wem zeigst du jetzt mal und mit welcher Berechtigung? ba da bamm

Auf der anderen Seite sind die Freunde, Angehörigen, Verbündenten und die vereinigte Helfersfront auf Basis einer angenommenen Opfernot und Gerechtigkeitsstreben.
„Du musst kämpfen!“ – „Lass dich nicht unterkriegen!“ – „Wenn du jetzt aufgibst, hat di_er gewonnen!“ – „Si_er ist es nicht wert sich zu ärgern/zu grämen/schlecht zu fühlen/mit ihm_ihr zu befassen!“ – „Vertraue nur uns – dann bist du sicher!“
Da passieren gewaltvolle Ansagen und oft ist überdeutlich, wie schrecklich gut gemeint sie alle sind. Was will man dagegen sagen? Was kann man sagen, ohne den Kontakt zu gefährden? Wie viel Gegenrede ist in Ordnung? Wieviel Autonomie ist mit Hilfen und Unterstützungen vereinbar?

Häufig verändern sich Kontakte nach Gewalterfahrungen. Viele brechen weg.
Meistens, weil es schwierig ist miteinander zu reden und zwar mit sich selbst, seinem Empfinden und seinem Erleben im Zentrum und dem Ereignis im Kontext, das die Person, die eine Täterschaft zu verantworten hat, an genau dem einem Platz beinhaltet, der noch genug Raum für die Kontexte lässt, in denen sich diese Person bewegt (hat).

Sehr viele Menschen fangen an schreckliche Ereignisse und die Beteiligten zu versachlichen oder gänzlich zu abstrahieren. Deshalb schreiben wir zum Beispiel häufig von „DAS DA“ und „ES“ in unserem Leben.
Das Grauen wird dadurch für uns zwar fassbar (hey-es sind immerhin drei Worte!) und spiegelt doch sowohl die eigene Unfähigkeit nach einem Ereigniss, das jeden Erfahrungs(und Verarbeitungs)rahmen sprengt, es konkret zu erfassen (und zu verarbeiten), wie das Empfinden von Grenzen- und Raum- und Zeitlosigkeit, sowohl in der Situation selbst, als auch häufig genug noch darüber hinaus.

Wenn wir in Workshops sind, kommt die Frage öfter, was man denn richtiger machen könnte.
Gerade, wenn wir dann gerade lang und breit darüber gesprochen haben, welche Sprachführung nicht sinnvoll und am Ende sogar opferfeindlich ist.
Wir raten oft dazu sich selbst zu prüfen und zu schauen, was genau die Erfahrung der zum Opfer gewordenen Person mit einem selbst macht. Was genau wünscht man der Person und warum?
Wieso ist es wichtig, dass es ihr so schnell wie möglich wieder gut geht – ging es der Person vor dem Ereignis denn „gut“ oder erscheint es jetzt aktuell „gut“, weil es ihr nun sehr schlecht geht? Und wieviel Reflektionsleistung kann der Kontakt miteinander eigentlich aushalten?

Was zum Beispiel passiert, wenn man wie Harry Potter gleiche und ähnliche Eigenschaften an sich entdeckt, wie die Person, die einem schwere Nöte angetan hat?
Wenn wir in den Spiegel sehen, finden wir die Mutterfrau. Wenn wir uns dabei ertappen, wie wir uns an einen Türrahmen lehnen, erkennen wir das Warten des Vatermannes.
Wenn NakNak* zum x-ten Mal Katzenscheiße im Garten frisst, brandet ein gleißendes Wüten bis an die Wurzel meiner Zunge hoch und ich merke, wie ich sie verletzen will. Da ist kein Gedanke, keine Überzeugung, kein Wort hinter, das mir sagt:“Oh – hei ich bin ein Täterintrojekt und hier eine Gewalt zu wiederholen – mach mal Platz“.
Das ist pure Energie, die durch eine dumpfe noch nicht greifbare Erinnerung angestoßen wird – aber das wissen wir erst seit ein paar Jahren (NakNak* kam erst danach).
Zu Beginn hatten wir wenig bis keine Kompetenz diesen Energiestoß überhaupt zu erfassen, geschweige denn zu bremsen oder zu kontrollieren.

Das hat uns letztlich zu einer nicht tragbaren Jugendlichen gemacht. Wir waren ein böses Mädchen. Eine Gewalttäterin*. Klar musste man uns „ordentlich bestrafen“ – „so, dass wir es auch begreifen“ – „auf, dass wir nicht denken, wir wären wer“  und selbstverständlich musste man handeln, um sich selbst zu schützen.
Und während unser hochprofessionelles Außenrum uns behandelt hat wie der letzte Dreck, war alles in uns bestätigt, was uns erst zu Handlungen brachte, die uns zum „bösen Mädchen“ machten. Wer so böse ist, dass Erzieher_innen einem Privatsphäre, Ruhe und Unversehrtheit vorenthalten, di_er hat genau dies allem äußeren Anschein nach wohl auch nicht verdient.

Bis heute weiß ich nicht, wie wir je von allein auf die Idee hätten kommen sollen, dass dieses plötzliche Kippen in Selbst_Verletzung, Zerstören von Beziehungen, Ver_Bindungen und anderen Dingen, die uns wichtig sind, etwas mit den Übergriffen zu tun hatten, die wir erlebten und bis heute auf anderen Ebenen erleben.
Auch wenn es oft irgendwie schräg bis lächerlich klingt – bitte liebe Menschen – unterschätzt das nicht, wenn Menschen mehrfach diskriminiert sind und jeden Tag mit diversen Formen der Unterdrückung (Gewalt) konfrontiert sind. Es ist die gleiche Mechanik. Es sind die gleichen Muster. Es ist das verdammt noch mal immer und immer und immer Gleiche.
Auch wenn kein Blut fließt oder keine Strafanzeige erstattet werden kann. Auch dann!

Es frisst sich rein und bricht als Selbst_Zerstörung wieder raus.
Die Einen kotzen, hungern, schneiden sich auf – die Nächsten verletzen andere Menschen, machen Werbung auf Kosten anderer und wählen die AfD, während die Letzten vor lauter „denken sie nicht an…“ die Kunst des Eskapismus perfektionieren und aus allen Wolken fallen, wenn sie mit Menschen konfrontiert sind, denen Dinge geschahen, die unfassbar sind.

Manchmal isolieren sich Menschen, die Schlimmes erlebt haben, weil sie das Gefühl haben, dass sie niemand versteht. Dass niemanden ihren Kampf um Kontrolle versteht. Dass niemand ihre Angst versteht.
Und leider haben sie oft auch noch das Pech, dass sie wirklich nicht verstanden werden, weil die Personen drum herum auf Dinge achten oder von Umständen oder Empfindungen ausgehen, die nicht in den Personen wirken.

Herrje, wie oft Menschen uns für ein zartes Seelchen halten, das aber doch unfassbar stark sein muss, weil sonst hätte es ja nie überleben können.
Tse – wir haben überlebt, weil wir überlebt haben. Wir hätten auch das stärkste Menschlein auf der Welt sein können und unser Risiko zu sterben wäre gleich groß gewesen.
Wir verbinden mit unseren Gewalterfahrungen nicht solche Wabbeldinge wie Würde oder Ehre und wir fragen uns auch nicht, wer uns denn jetzt noch nehmen wollen würde.
Wir hängen uns oft an einem „hätte würde wenn“ auf, weil unser Zentrum nicht andere Menschen, wohl aber unsere Pläne in Abhängigkeit von anderen Menschen sind.

Das ist zum Beispiel , was das Finden von Triggern für uns sehr leicht macht – aber auch Aufhänger liefert, in denen wir uns in Gedankenkreiseln wieder finden, die sich damit befassen wie oft man hätte den linken Fuß auf dem Fußabtreter hätte reiben müssen, bevor man die Wohnungstür öffnete oder damit, welche Wörter wann wie warum genau falsch waren. Über solche Dinge denken wir stundenlang nach und machen uns darüber selbst Stress.
Und natürlich kann man wenig produktiv über andere Dinge nachdenken, wenn man solche Schleifen im Kopf hat, auf der Suche nach dem ultimativ sicheren Plan für immer und ewig, auf das nie wieder irgendjemand käme und uns verletzte.
Weil der ultimative Plan ja auch dafür sorgen würde, dass wir keine Gefahr darstellen – unabhängig davon, wieviel Täter_innenintrojekte in uns wüten und wieviele Monster an ihren Käfiggittern reißen.

Manchmal denke ich, dass die Annahme des eigenen Bösen in sich einfach genau das ist, was niemand von Ex-Opfern hören will.
Es ist so bequem davon auszugehen, dass eine Person immer und grundsätzlich gut ist, weil so der Umstand der Ungerechtigkeit der an ihr begangenen (Straf-)Tat stärker hervorsticht.
Als wären die Menschen vor dem Gesetz (und für manche Menschen auch: vor G’tt) nicht gleich.

Würde, Ehre, Gewollt sein – das hat alles mit der Gesellschaft zu tun, die für uns als Einsmensch irgendwie immer eher wie wissenschaftlich interessantes bis nervenaufreibendes Beiwerk an uns vorbei geblubbert ist. Wir haben die Erwartungen dieser Gesellschaft nie erfüllt und werden das vielleicht auch nie schaffen.
Für manche Menschen macht uns das zu einem Menschen, dessen erlebtes Unrecht nicht das gleiche Unrecht ist wie für eine Person, die ihr Leben lang beliebt unter „den Richtigen“ und „erfolgreich an der richtigen Stelle“ war. Glücklicherweise nicht für viele – aber für genug, dass ich mich daran erinnerte, als wir gerade „Harry Potter und der Orden des Phönix“ schauten.

Ich habe daran gedacht, wie ich mir vielleicht 2 – 3 Jahre früher jemanden gewünscht hätte, di_er mir erklärt, was Täter_innenintrojekte sind und was die Introjekte oder auch Innens sind, die mir helfen könnten mit ihnen so umzugehen, das weder wir noch andere Menschen unter ihnen leiden.
Und ich dachte, wie schade es ist, dass Harry nur zu hören bekam: „Mach deinen Geist frei“, statt: „Mach deinen Geist mit den Dingen voll, die das Böse in dir gleich groß wie alles andere in dir macht, denn es gehört auch zu dir.“

Fundstücke #12

Ja, es ist keine Anklageschrift und es geht um Nachvollziehbarkeit. Ja ja.
Bla bla

Was ist mit mir? Was ist mit den Beweisen, die ich brauche?
Ich denke immer wieder an meine Eltern und denke was für ein mieses Schwein ich ihnen gegenüber bin. Weil sie mir nichts getan haben. Zumindest haben sie mir nicht DAS DA angetan.

Meine Therapeutin erklärt das Ganze mit der DIS. Weil ich es nicht erinnere, sagt sie, heißt es nicht, dass es nicht passiert ist.
Ich halte meinen Intellekt hoch und rolle mich hinter ihm ein. Sage, dass nur, weil ich eine DIS habe, nicht davon auszugehen ist, dass mir das passiert ist.
Mir fallen auf einen Schlag 5 Personen mit DIS ein, die nicht das erfahren haben, was als „sexueller Missbrauch“ bezeichnet wird. Und dann waren da noch die 1,5% der Fälle, in denen man überhaupt nie erfährt, was die DIS ausgelöst hat.

Und heimlich weiß ich, was ich für ein mieses Schwein gegenüber den Kinderinnens bin, deren Schmerz ich sehr wohl schon mal als etwas erlebt habe, was man gemeinhin „Erinnerung“ nennt.
Sehr wohl weiß ich darum, was an unserem Körper heute nicht so heil und funktional ist, wie an anderen Körpern, an denen sich kein Kopf mit Innens drin befindet.

Ich weiß das.
Aber das ist kein Beweis.
Das hat kein Gewicht.
Ich zähle nicht. Ich gelte nicht. Was ich erlebe und habe ist ‚ich selbst‘.
Jede_r würde durchdrehen und komische Probleme haben, wäre si_er ich.

Ich bin ansteckend, giftig, widerlich und das muss es auch geben. Deshalb gibt es mich und die CDU, Umweltverschmutzung und so etwas wie Steuerklärungen. Das muss es auch geben, weil wo kämen wir denn da hin? WIR SIND HIER SCHLIEßLICH NICHT BEI WÜNSCH DIR WAS

Ja.
So ist das.
Entschuldigen Sie mich jetzt bitte, ich muss mir den Kopf auswaschen.
Da hatte sich vorhin der Gedanke durchgeschlängelt, ich könnte irgendwie Näheres mit diesen Kinderinnens zu tun haben.

brrr

Umfrage zu Erfahrungen mit dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)

Erfahrungen mit der Therapieform DBT gemacht? Bitte beteiligen!

In den letzten Jahren wird die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) in Deutschland an immer mehr Orten angeboten. Studien zur DBT belaufen sich meistens auf Einschätzungen durch psychologische/medizinische Beurteilungen. Ein breites Meinungsbild von Seiten der Behandelten fehlt bisher.

Uns interessiert daher, was für Behandlungserfahrungen (ehemalige) Patient_innen mit der DBT gemacht haben.

Die Umfrage findet man hier

herzlichen Dank
Alex Stern (mit Kristina Holler und Hjoerdis E. Wirth)
Mitglieder der AG “Therapie” des Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM)

 

Fragen und Anregungen bitte an die Verantwortlichen der Umfrage – den Blogartikel (oder den Umfragenlink)) bitte gern teilen

4 Tage tot

Die Tage in der Krisenstation sind als “5 Tage, in denen ich tot war” gespeichert.
Dabei waren wir insgesamt nur 4 Tage und ein paar Stunden da.

Mir ist das vorhin eingefallen, nachdem ich damit fertig war mich über ein E-Book zu ärgern, dass eine vollumfängliche Weisheit über “multiple Persönlichkeiten” für 4,99€ zu erzählen vermögen will.
Und die Benutzerbewertung, die eine Filmreferenz zu “Fight Club” anbringt. Und überhaupt.
Orr brech die Wurz aus ey.

Es ist ein Phänomen. Die Autist_innen müssen erzählen, dass sie nicht “Rainman” sind und Menschen mit DIS haben Angst vor der Konfrontation mit Filmen wie “Sibyl” oder Büchern wie “Die Leben des Billy Milligan”

Daneben die Frage, wieso das popkulturelle Halb(Viertel) (homöopathische Dosen)wissen es in die Menschenmassen schafft, die Realität hingegen oft nicht einmal kurz in jene paar Köpfe hineinkommt, die direkt mit den konkret betroffenen Personen zu tun haben.
Bevor wir wirklich nicht mehr konnten, hatten wir einen Anlauf zur Aufnahme in der Klinik unternommen und haben uns umentschieden, nachdem die speziell grundlegend falschen und nie etwas Gutes verheißenden Worte “ah – gespaltene Persönlichkeit!” im Erstgespräch fielen.

Es ist das Eine, wenn eine Assistenzärztin von komplexen Traumafolgestörungen* nicht so wirklich Ahnung hat – es ist das Andere, wenn da keine direkte Intervention passieren kann. Unsere Begleitung hatte auf unsere Begründung der Ablehnung “Die wissen hier nicht, was viele sein ist” geantwortet, dass wir das ja auch nicht erwarten könnten.
Glück für die Person, dass unser Körper da schon auf Beruhigungsmitteln war, was auch verhinderte, dass mir die Hand in ihr Gesicht wandert.
Einfach, weil das die falschestmögliche Ansage ist, wenn jemand in so einem massiv auch gefährdendem Setting, falsch bewortet wird.

Wir haben aus Gründen der Gewalterfahrungen in Klinikkontexten und einfach wegen des rosenblattschen Sprachknalls halt eine spezielle Empfindlichkeit für falsche Wortwahl – okay – aber: es ist IMMER IMMER IMMER von Ärzt_innen zu erwarten, dass sie eine_n mit der richtigen Diagnose beworten und entsprechend behandeln.
DAS IST ERWARTBAR.
Das ist so erwartbar, dass es kranke Leute dazu bringt zu Ärzten zu gehen und nicht zum nächsten Späti oder Blumenladen. Muss man sich mal vorstellen, was los wäre, wär es allgemein erwartbarer, dass Müllmänner besser Gliedmaßen eingipsen können, als Mediziner_innen.

Genau das ist aber im übertragenen Sinne das, was uns da jemand sagte und uns damit in genau die Überforderungsgefühle zurück triggerte, die letztlich unsere suizidale Krise mit ausgelöst hatten und zu einem gewissen Teil auch schon seit der Diagnosestellung in unserem Leben sind.

Mit einer DIS zu leben bedeutet so oft, mit etwas zu leben, dass niemand, der es kennen sollte, auch wirklich kennt.
Die behandelnden Mediziner_innen, die psychotherapeutisch Behandelnden, die pädagogisch Begleitenden. Die Notfallmediziner_innen, die einen von der Straße kratzen. Die Seelsorgenden. Die Lehrenden.
Die, mit denen man Bett und Wohnung, Nahrung und Leben teilt. Die mit denen man Themen und Leidenschaften teilt. Die, mit denen man Zeitrahmen in den Lauf der Dinge hängt.

Es bedeutet so oft doppelt und dreifach keine Erwartungen an das Umfeld und seine Menschen zu haben.
Weil Umfeld und Menschen noch nie wahrgenommen haben, was passierte, als man ein Baby, ein Kleinkind, ein Kindergarten- und Schulkind war. Als man die Pubertät durchschritt, erwachsen wurde.
Weil Umfeld und Menschen wie ein tumbe Masse in einem Paralleluniversum an einem vorbeigleiten. Und zwar nicht nur dann, wenn man tatsächlich depersonalisiert (also auf eine spezifische Art dissoziiert), sondern, weil es das Phänomen der sozialen Dissoziation gibt.
Und dann am Ende, wenn man mehr Klarheit über sich hat, weil andere Personen einem sagen, dass man auch keine Erwartungen dieses Umfeld zu richten hat.

Weil dieses Umfeld nicht dich anhört, um etwas über DIS zu hören, sondern special professionelle Glitzerleute, die weder kacken gehen noch mit Wasser kochen. Die sollens dann richten. Weil man ja weiß wie häufig so spezifisches Fachwissen ist und wie allgemein massenwirksam Einzelpersonen immer sein können.

Okay okay – ich höre jetzt auf mit dem Zynismus und gehe in die Realität zurück.
Fakt ist, dass wir bisher in jeder Notfallambulanz, die uns die Haut zugenäht hat, mit den Schlampignosen [rosenblattisch für “schlampige Arschlochdiagnose”] “Borderline” oder “histrionische Persönlichkeitsstörung” oder “akute Depression”  auf dem Entlassungsbericht nach Hause gingen. Auch nachdem wir mitgeteilt hatten, entsprechend welcher Diagnose wir in Behandlung sind. Das Ausmaß der Ignoranz mit allen potenziellen Gefahren ist wohl auch ohne einen weiteren Kommentar von mir illustriert.

Und an der Stelle kommt der Ausbruch von mir, auf den Hannah schon gewartet hat.
Dieser unsägliche Dialog zwischen der Stationsärztin und unserer Therapeutin.
Ich zitiere uns selbst: Die Ärztin in der Krisenstation hatte ihr gesagt, es würde sie erstaunen, wie jemand, der so schwer krank ist bzw. so schwerwiegende Symptome hat, noch nie bei ihr auf der Station war. Und die Therapeutin hatte ihr geantwortet: “Frau Rosenblatt ist eben eine starke Frau.”.

Es ist so schade, dass unserer Therapeutin spontan nur das eingefallen ist und nicht so etwas wie: “Nun ja, bei dem derzeit allgemein leider eher zu erwartendem Behandlungsstandart in deutschen Krankenhäusern muss heutzutage noch immer jede Person mit einer komplexen Traumafolgestörung, wie Frau* Rosenblatt sie hat, leider leider so extrem weit runter mit Nerven und Kraft sein, dass der letzte Funken Selbsterhaltungstrieb nur noch die Einweisung auf Stationen, wie die, in der Sie arbeiten ist.” – an der Stelle hätte sie von mir aus auch drama-solidarisch aufseufzen können um zu vermitteln: “Aber was will man machen”, damit die Ärztin noch eine Option hat sich weniger angegriffen zu fühlen. Mangel und chronischen Notstand kennen sie ja nun einmal doch alle.

Aber nein – was ihr einfiel war der “sie ist so stark (sie hat so viel überlebt)”- Trope, den wir so schlicht nicht mehr auszuhalten gewillt sind, wann und wie auch immer der an uns herangetragen wird.
Nein, wir nicht stark, weil wir so viel ausgehalten und überlebt haben. Wir sind nicht stark. Wir sind nicht hart gesotten. Wir sind nicht mega krass überlebensfähig.
“Aushalten”, “überleben”, “hart gesotten sein”, mega krass “überlebensfähig zu sein” – das wurde  und wird von uns so oft verlangt, dass wir viele geworden sind und auf bestimmten Ebenen sogar bleiben müssen!

Wir vermeiden medizinische Hilfen, weil sie uns Erinnerungen an Gewalterfahrungen triggern. Sei es mit Untersuchungsmethoden oder mit dem klar spürbaren Machtgefälle.
Wir gehen nicht zu Mediziner_innen, weil wir selbst als Patient_in so oft nicht so schwach, verletzt oder verletzbar sein dürfen, wie man es sein dürfen sollte. Wir gehen nicht zu Mediziner_innen, weil viele nicht wissen, welche spezifischen Erkrankungen auch Folgen wiederholter Misshandlung in der Kindheit sein können. Wir haben gelernt uns selbst klaffende Wunden zu tapen und zu nähen, weil selbst das besser auszuhalten ist, als semiinteressierte Pseudoberuhigungsgespräche darüber wie viel besser sich die dauernd wiederholende Kackscheiße in unserem Leben vielleicht eventuell mal entwickeln wird.

Wir haben nicht die Kraft dafür erschrockenen Leuten das Märchen von dem Mädchen zu erzählen, dass sich in die Freiheit gekämpft hat, nur damit sie was Schönes zum dran glauben haben, wenn sie der nächsten Frau ein “durch Treppensturz” blau geschlagenes Auge kühlen.

Merkt man das heute noch? Wie mies es eigentlich ist von “starken Persönlichkeiten, die sich rausgekämpft haben” zu sprechen, weil man damit automatisch und immer nach den “nicht starken, die durch Täter_innenhand gestorben sind” tritt?
Merkt das heute noch irgendwer außer denen, die darunter leiden, weil sie Angst haben, was passiert, wenn sie nicht mehr stark sein und/oder wirken können?

Irgendwie habe ich diese 4 Tage und paar Stunden genau des halb unter “ich war tot” gespeichert.
Weil ich nicht mehr war. Weil ich nicht mehr konnte. Nicht mehr denken. Nicht mehr aushalten. Nicht einmal mehr wütend sein, weil man dort keine Ahnung vom viele sein hatte und uns entsprechend behandelt hat. Weil das, was neben all dem, was unser Rosenblätterleben so anstrengend und unübersichtlich macht und hält – die Armut, die Abhängigkeiten, die immer wieder doch noch auftauchenden dissoziativen Amnesien, die Einsamkeit, das unkontrollierte Erinnern, das Leiden, das Trauern, das permanente Bedürfnis etwas zu sagen und doch nur reden zu können und das Wissen, dass es kein eigenständiges Unterbrechen von all dem gibt, außer sich zu töten – einfach nicht mehr zu er.tragen war.
Für 4 Tage und ein paar Stunden hab ich etwas fallen gelassen, was ich als “die starke kämpferische K.”, die immer wieder gern rangeholt wird, wenn es darum geht, das Leben dieses Einsmenschen zu retten und immer wieder durchzuhalten, festgehalten hab, seit mir die Therapeutin, die wir mit 16 hatten erklärte, was eine DIS ist und wie wichtig mein Festhalten ist.

Das ist ein beliebter Ansatz in der Therapie. Man macht die “starken Anteile” aus und macht ihnen klar wie wichtig sie sind. Wenn die Klient_innen dann auch noch eine tatsächliche Alltagsaufgabe für diese Anteile finden und etablieren können (Lohnarbeit, Familienleben, diverse soziale Interaktionsbereiche) kann sich eine stabile starke Ebene sowohl im Innern der Person als auch im Außen entwickeln.
Passiert über Jahre im Außen nichts und lastet aller Druck immer wieder nur auf einzelnen dieser Anteile, ist die Dekompensation abzusehen.

Das ist, was an den aktuellen und auch weniger aktuellen Büchern zur Traumatherapie (bei einer DIS bzw. allgemein dissoziativen Störungen) meiner Ansicht nach zu Recht kritisiert wird. Das Paradebeispiel ist allzuoft als cisweiblich, weiß, ca. 45 Jahre alt, im Berufsleben und Teil einer selbstgegründeten Familie beschrieben – ergo näher dran an der Möglichkeit eine solche stabile Ebene für sich zu realisieren. Privilegien, Baby!
Nicht non-binäry, of colour, Anfang 20 oder Mitte 70, alleinstehend und in Abhängigkeiten wie Hartz 4 oder (Früh-)Rente – ergo weit(er) davon entfernt sich so eine Ebene zu erschaffen. Diskriminierung, Baby!

Die auch für die Behandler_innen deprimierenden Beispiele werden im kleinsten Kreis diskutiert – wenn überhaupt.
Die psychotherapeutischen Behandlungen, die irgendwann mehr oder weniger erhaltungstherapeutischen Charakter haben, schaffen es nicht in die Literatur, die ermutigen und die Notwendigkeit von guter Traumatherapie für alle, die (komplex) traumatisiert wurden, überzeugen will.

Dafür gibt es sicherlich auch Gründe, die außerhalb meines Sichtfeldes liegen, aber für mich als Person mit DIS, die ihre Diagnose seit inzwischen 13 Jahren hat ist es, als würde mir eine Facette der Realität meiner Behandlungsprognose vorenthalten.
Ich habe schon ein Interesse daran zu erfahren, welche Faktoren ich selbst vielleicht noch mehr anstreben müsste, um meinen Behandlungsverlauf positiv zu beeinflussen, außerhalb dessen, was ich eben genau nicht beeinflussen kann.

Was ich wahrnehme ist, dass es immer mehr Behandler_innen gibt, die sich für die Gewaltformen hinter der DIS interessieren. Viele Menschen haben die Warum-Fragen in sich. Wollen die Mechanik der Gewalt verstehen und denken, um das zu können muss man einen Fokus auf die Täter_innen legen. Ihre Intensionen, ihre Ideen, ihre Sozialisierung.
Wieder reicht das, was die Personen, die zu Opfern wurden, sagen nicht aus. Wieder wird an der Stelle davon ausgegangen, zu Opfer gewordene Menschen, seien nicht in der Lage “richtig” einzuschätzen, was zu ihrem Leiden geführt hat.
Sicherlich muss man kritisch sein. Sicherlich gibt es auch genügend gewaltkulturelle, wie gewalterfahrungsbegründete Einflüsse, welche die Perspektiven der betroffenen Menschen verschiebt.
Und natürlich ist “Die Täter_innen waren einfach miese Arschlöcher”, was für manche ehemalige Opfer ein total hilfreiches Schlußfazit ist, alles andere, als eine umfassende Betrachtung von Gewalt-Dynamiken. Aber solche Ansagen sind Teil dieser Dynamiken und somit in jedem Fall auch relevant.

Es scheint einen Trend dahin zu geben, sich über die Gewalt auszutauschen und dafür konkret Betroffene zu suchen, die sich willig als “Aussteiger_innen” bezeichnen und ihre Folgeschäden mehr oder weniger präsentieren lassen, um dann die “Ich war so stark – ich hab mir nix mehr gefallen lassen und mich befreit!”- Legende zu erzählen.

Sozialpolitische Bemühungen, Vereinsarbeiten, quasi-wissenschaftliche Arbeiten von konkret betroffenen Personen geraten dabei aus dem Fokus.
Es ist, als würde man mit jeder Veranstaltung zu ritueller Gewalt, organisierter Gewalt – jedem Aufklären wollen über das, was eine DIS zur Folge haben kann, bei dem auch ehemalige Opfer sprechen dürfen, eine neue, aktuellere Version von einem Film gedreht, vor dem man sich als Mensch mit DIS später fürchtet.

Beziehungsweise, vor dem ich mich fürchte.
Das Blog von Vielen ist entstanden, weil ein Mitmensch nicht verstanden hat, dass wir nicht “so eine wie die in Höllenleben” sind. Der Kontakt ging später auch genau daran kaputt: ich wurde von der Person zum Gradmesser eines Wahrheitsgehaltes von Filmen und Büchern gemacht und nicht als ich neben vielen anderen ichs in einem Menschen gesehen.
Die Person hat unsere innere Struktur zu einer chaotischen Kopf-WG gemacht, darauf gewartet, dass wir in nie offiziell gelernten Fremdsprachen sprechen und heimlich irgendwie sowas wie Kung-Fu-Meister sein könnten. Unsere Kleidung wurde bedeutet, unsere unterschiedlichen Haltungen und Interaktionsmuster wurden exotisiert und alles, was wir uns erarbeitet oder sonst wie hart angeeignet haben, wurde auf unsere Vielheit oder Stärke oder Überlebenswillen zurückgeführt.

Wir hatten damals noch keine Ahnung, dass man mal schauen könnte, ob Menschen mit DIS bloggen oder aktivistisch unterwegs sind. Außer Foren, in denen man einander erzählte wie krass schlecht es einem grad geht und sich zu keinem anderen Thema zu äußern traut, hatten wir nur noch eine Selbsthilfegruppe, die sich selbst eher zum ausgelagerten Ressourcenflauschcliquending entwickelt hat.

Für uns war es lange normal keinerlei Erwartungen an eine Kenntnis von realer DIS an Menschen zu richten. Bis wir gemerkt haben, wieviel gefährlicher Bullshit dadurch Raum bekommt und wie sehr dadurch Deutungshoheiten von sowohl sogenannten, als auch wirklich professionell und sorgfältig arbeitenden Behandler_innen verfestigt wird, anstatt hier und da kritisch hinterfragt zu werden.

Wie dieses unsägliche Buch mit 18 Seiten, das auch von Betroffenen beworben wurde, anstatt eine Linkliste von anderen Betroffenen anzulegen, anstatt sich zu vernetzen, anstatt auf Beratungsangebote, Fachliteratur, eigene Texte und Innenansichten zu linken.
Es gibt Seiten zu DIS im Netz, die mir wirklich Bauchschmerzen und Kopfzerbrechen bereiten, weil sie so oft Gewalt reproduzieren, ihre Stimmen abgeben und durch massenhaft zitierte Bücherweisheiten ersetzen und keinerlei erwachsenes, reflektiertes, fundiertes Profil erahnen lassen.

Daneben gibt es diese Vermeidungstänze der Pseudodebatte um die Echtheit von DIS, die Echtheit der geschilderten Gewalt und die Wahrhaftigkeit des Grauens an sich.
Nichts davon macht, dass man als in welcher Form auch immer vom Thema berührte Person, wirklich mehr Hilfen bekommt. Oder mehr Kenntnis in der Allgemeinheit über DIS und komplexe Traumafolgen allgemein entsteht.
Was es macht sind dichotome Stereotypen, wie sie unsere Gesellschaft hegt und pflegt, um sich zu unterhalten und abzugrenzen, statt sich zu widmen und zu engagieren.

Es macht, dass man sich als konkret Betroffene von dort fernhält, wo man Hilfe bekommen könnte.
Es macht, dass man 4 Tage tot ist und sich dann auf eine Art neu für sein Leben entscheiden muss, wie es andere Menschen nicht tun müssen.

Es macht ein Schweigen, das neben der Sprachlosigkeit, die die Gewalt mit sich bringt, überhaupt nicht auffällt.
Und das ist das Problem.