Autismus und DIS, DIS?, Lauf der Dinge

Spiegelneuronen und eine lange Warteschleife

Seit dem Podstock lächle ich mehr oder weniger durchgehend Kringel in die Luft und fühl mich irgendwie düselig.
Wenn ich so durch die Straßen gehe, werde ich oft angelächelt.
Denn Spiegelneuronen sind etwas Geniales. Und verliebt sein. Verliebt sein auch.

Als Spiegelneurone werden Hirnzellen bezeichnet, die bereits dann Signale aussenden, wenn man (in diesem Fall ein Mensch oder ein Primat) eine Handlung nur beobachtet.
Obwohl bereits 1992 bei Primaten entdeckt, kann man bis heute noch nicht erheblich mehr als darüber mutmaßen, welchen Einfluss diese Zellen darauf haben, wie menschliches Mitgefühl und die sogenannte “Gefühlsansteckung” gestrickt sind.
Forschungen haben jedoch gezeigt, dass sie in jedem Fall daran beteiligt sind, wenn man einander unwillkürlich nachahmt und manchmal auch “nachfühlt”.

Ich lächle so vor mich hin – eine andere Person, lächelt zurück.
Ein Baby wird gefüttert – die fütternde Person öffnet den Mund – das Baby öffnet den Mund.
In einem Film weint eine Person über etwas – das zuschauende Publikum weint eventuell auch mit.

Einfach so.
Ohne bewusste Intension.

Menschen sind soziale Wesen und mit Nervenzellen ausgestattet zu sein, die spiegelnde Handlungen einleiten und „mit Gefühlen anstecken lassen“, ist in sozialen Gruppen eine super Sache.
Der Fanblock im Fußballstadion wäre ein langweiliger Leutehaufen mit peinlichen Schals, würde sich die Gruppe nicht gegenseitig in Freude und Aufregung bringen können.  Andererseits wäre so ein Fanblock auch eine weniger gefährliche Sache, würde sich selbige Gruppe nicht auch in Ärger und Zerstörungsrausch bringen können. Denn auch so spiegelt es sich.

Gewalt, die in Gruppen passiert bzw. Gewalt die von Gruppen ausgeübt wird, werden von Spiegelneuronen also anzunehmendermaßen mitbestimmt.
Parallel dazu werden auch die Traumafolgen, mit denen die Menschen aus ebenjenen Gewalten hervorgehen, davon mit beeinflusst.

Hier berühren wir den Punkt, der die Gewalt an Menschen durch andere Menschen so besonders macht.
Denn: Wenn eine Person eine andere Person hasserfüllt anstarrt und ihr Schmerzen zufügt – wie schaut sie die Person an?
Hasserfüllt wahrscheinlich eher nicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit blickt die_r Täter_in in diesem Moment in ein vor Todesangst verzerrtes Gesicht. Oder in ein weinendes Gesicht. Oder in ein Gesicht, das gar keinen Ausdruck zeigt. Oder in ein vom Kampf um Abwehr bewegtes Gesicht.

Spiegelneurone allein können an dieser Stelle nicht weiterhelfen zu verstehen, wie das überhaupt passieren kann.
Wäre dem so, würde ein Hassgesicht einem anderen Hassgesicht gegenüber sein. Oder ein Angstgesicht einem Angstgesicht. In jedem Fall wäre ein Gleichgewicht hergestellt und die zerstörerische Handlung eventuell unterbrochen oder wenigstens gestört. Ein Mensch, der einem anderen Menschen weh tut, müsste (in den eigenen Leib hineingespiegelt) spüren, dass er etwas Schlimmes tut und damit aufhören.

Warum das so oft nicht passiert, beschäftigt nicht nur die Menschen, die diese Erfahrung (egal auf welcher Seite!) gemacht haben, sondern auch Forscher_innen. Es gibt Theorien, die sagen, dass manche Menschen aufgrund bestimmter neurologischer Strickmuster nicht in der Lage sind, auf den Anblick anderer Menschen spiegelnd zu reagieren und es gibt Theorien, dass das Moment der Gewalt selbst, der Spiegelung den Raum nimmt.
Und es gibt Theorien, die Spiegelphänomene ganz und gar außer Acht lassen.

Spiegelneurone und ihre Aktionen können aber erklären, wo der Hass herkommt, der plötzlich in der Person auftaucht, die mit ihm konfrontiert wurde. Tage, Stunden, Monate, Jahre – Jahrzehnte später.
Übersetzt zu uns: wo Innens herkommen, die Hass – auch nach außen – tragen. Scheinbar einfach so.

Wir haben bis heute mal mehr mal weniger mit Innens zu tun, die nichts anderes tragen, als zu hassen, zu zerstören, Schmerz zuzufügen.
Was ich von so einem Innen merke, ist manchmal nichts weiter, als so ein weißer Affekt, der sich die Bahn zu brechen versucht, obwohl er weder Ziel noch mehr Logik hat, als “gegen” oder “NEIN” – selbst dann, wenn kein “echter Anlass” da ist, sich für oder gegen etwas entscheiden zu müssen.

Als wir noch jünger waren, gingen wir durch eine Zeit, in der das gnadenlose “NEIN” schon rausbrach, wenn uns jemand nur angefasst oder auf andere Art invasiv mit uns umgegangen ist. Dazu gehört bis heute uns zu beobachten, länger anzuschauen, zu kommentieren, was wir tun, uns keinen eigenen Raum zu geben bzw. zu lassen.
Heute, wo wir mehr davon erinnern, wie unser ganz üblicher Kinderalltag ausgesehen hat, ist das NEIN kein losgelöster Affekt mehr, der einfach so als Reaktion auf einen Trigger (wie soziale Invasion) auftauchen kann.
Es ist ein reingespiegelter Teil dessen, was uns angetan wurde.

Ich hab gesagt: Nein – Batsch –Schmerz – Schwarz – Weiß – Stunden später: Es ist nie irgendwas passiert

Wie schon beschrieben, bezeichnet der Begriff der Dissoziation das Getrennte, das Unverbundene. Situationen wie diese, waren für uns zum Einen so krass, dass sie nicht zu einer runden, gesamten Erfahrungen verarbeitet wurden, zum Anderen, waren sie aber auch so üblich, dass wir nur sehr selten in den Entspannungsmodus kamen, der die Verarbeitung ermöglicht.
Das heißt: der ganze Kleinscheiß – der Anblick der Person – das Batschgeräusch zwischen Täter_innenhand und eigener Haut, zwischen Kopf und Wand – die Gedanken, Gefühle, Analysen und Berechnungen, die angestellt wurden, um zu verstehen, was da gerade mit uns passiert und warum und wie man sich daraus retten könnte – dieser Schmerz, der wie ein Baumstamm einmal das ganze Ich und Sein durchschießt – und der ganze klebrig unfassbare Dusel, mit dem man direkt danach durch komplett entgegensetzte Situationen ging, diese ganzen kleinen Teile der Gesamterfahrung, blieben wo sie waren.

Eben auch der Anblick der Person und das Moment der Spiegelung.

Unsere Theorie ist, dass für Spiegelphänomene in sozialen Gewaltmomenten keine Kapazität ist. Der Vorgang an sich aber relevant bei der Verarbeitung der Erfahrung. Genauso wie das Erinnern bestimmter Gedanken und Nach_Empfinden bestimmter Gefühle in der Situation, relevant für die Verarbeitung ist.

Gehirne mögen Verarbeitung.
Je mehr zusammenhängende Informationsnetze ein Gehirn zur Verfügung hat, desto weniger Energie geht dafür drauf, von A nach zu B zu greifen, aber C in die Finger zu kriegen und deshalb nur AC fabrizieren zu können, obwohl AB adäquat wäre.
Das ist, was am Ende eine PTBS und dissoziative Störungen letztlich zu “Störungen” macht. Dass das Gehirn eventuell nur sehr wenige wirklich konsistent zusammenhängende Informationscluster aus gemachten Erfahrungen und Reizwahrnehmungen hat stricken können und in der Folge zu “Fehlgriffen” neigt.
Dies kann eine Fehlinterpretation von Situationen bedeuten, kann aber auch “falsche” Emotionen oder Gedanken zu bestimmten Situationen bedeuten.

Wobei zu diskutieren sein dürfte, wie “falsch” Emotionen überhaupt sein können und, ob ich mit den Begriffen “Fehlgriff” oder auch “Fehlinterpretation” eine irreführende Sprachführung nutze.
Denn.
Dissoziation bzw. dissoziative Traumafolgestörungen sind nicht chaotisch.
Können sie gar nicht sein, denn Reizwahrnehmung ist nicht chaotisch.

Menschenkörper funktionieren über alle Sinne. Das sind entgegen der üblichen Annahme nicht nur Hören, Schmecken, Riechen, Tasten, Sehen, sondern auch der Gleichgewichtsinn, das Schmerz – und Temperaturempfinden und die sogenannte “Tiefensensibilität” (für die Lage, die Kraft, die Bewegung des eigenen Körpers).

Es wichtig über diese Sinne Bescheid zu wissen. Auch für die eigene Beschäftigung mit dem, was als Fetzen eigenen traumatischen Kleinscheißes mal eben so in den Alltag fliegen kann, scheinbar ohne Sinn zu ergeben.
Als unsere Auseinandersetzung mit der Dissoziation und ihrer Mechanik begann, lernten wir noch, (grob gesagt) dass wir so viel Angst hatten und so in unserem Urvertrauen erschüttert waren, dass in uns alles durcheinander gekommen ist.
Später dann lernten wir, dass unser Gehirn durcheinander gekommen sei, weil das Erlebte einfach alles zu viel war.

Wir lernten also, dass unser Körper vorrangig Empfänger der traumatisierenden Erfahrung war und darin nicht sehr gut, denn jetzt ist eben alles durcheinander und in kleinen unverarbeiteten Fetzen in unserem Hippodings und macht die DIS.
Hm.

Für mich verband sich das damals alles sehr zu einer Art mir “objektiv wissenschaftlich” zu sagen, dass mein Körper eben Opfer wurde und also ausgeliefert und also zu nichts weiter in der Lage, als dysfunktional zu werden, weil Trauma das eben macht.
Was nicht ganz falsch ist – aber eben auch nicht ganz richtig.

Dazu noch eine Schleife.

In einer traumatisierenden Situation werden alle sensorischen Kanäle mehr oder weniger gleichzeitig überreizt. Selbst dann, wenn gar keine äußeren Reize da sind [denn: Körper finden Reize geil, weil sie so wissen, dass sie sind. Wenn sie keine kriegen, “machen sie sich welche”. Das können zum Beispiel Halluzinationen, Juckreiz oder auch (Wahn)Ideen sein. Diesen Input über einen längeren Zeitraum “machen zu müssen”, ohne sich selbst dafür zu desensibilisieren, führt zu ganzen ähnlichen “Übersteuerungen”/”Überreizungen”, wie es in Situationen mit enormer Reizüberflutung von außen der Fall ist.]

Man kann es sich vorstellen wie damals, als Telefongespräche noch von einem Fräulein bei der Vermittlung von Hand von A nach B zugestellt werden mussten.
Gibt es 20 Anrufwünsche auf einen Anschluss, muss man 19 Anrufer_innen sagen: “Hier ist besetzt – versuchen sie es später nochmal.”. Das muss 19 mal passieren und 19 Mal auch gemacht werden. Was aber, wenn die 20 Leute alle bei der Polizei, der Feuerwehr oder dem Krankenhaus anrufen wollen, weil es genau jetzt in diesem Moment ohne wenn und aber brennt, blutet oder Rettung in Not braucht?
Praktisch wären mehrere Anschlüsse – aber sowohl damals als auch heute in menschlichen Gehirnen, gibt es leider nur den einen.

Ich bleibe bei dem Beispiel.
Nehmen wir an, die 20 Menschen, die beim Krankenhaus anrufen, sind alle am gleichen Unfall beteiligt. Alle sind so aufgeregt, dass sie sagen: “Ok – damit wir alle drankommen, teilen wir uns auf. Jede_r sagt die eine Sache, die wichtig ist für die Leute im Krankenhaus.”.
Der Witz: um zu wissen, dass die Kacke am Dampfen ist, braucht das Krankenhaus keine 20 Anrufe von allen 20 Beteiligten, sondern einen. Dem Rest wird nicht zugehört – sie werden nicht gebraucht, denn die Lebensrettung ist schon eingeleitet.

Übertragen auf die Reizlage in traumatischen Situationen, könnte man sich vorstellen, dass bei komplex traumatisierten Menschen mit dissoziativen Traumafolgen, die 20(0.000 … Anrufer_innen) bis heute in der Warteschleife hängen und das Fräulein in der Vermittlung, sich ab und zu durch einen anderen Anruf an eben diese Anrufer_innen erinnert und spontan mal jemanden durchstellt. (Was auch erklärt, weshalb keine_r dieser Anrufer_innen der Polizei zur Verfügung steht, bzw. das, was sie zu sagen haben – just sayin)

Was hat das jetzt mit den Spiegeldingern zu tun?
Nun. Kann sein, dass ein_e Anrufer_in mal eine Resonanz mitzuteilen hat. Ein Nachempfinden oder “emotionales Spiegeln”, das jetzt keinen Bezug mehr hat – aber damals durchaus hatte. Wichtig hierbei: Ja, es hat jetzt keinen Bezug – das bedeutet aber nicht, dass es unwichtig ist, oder keinen Sinn mehr hat.

Mir war das damals wegen des bloßen Empfänger/Opfermodells nicht so klar.
Ich hatte früher sehr viel häufiger noch als heute, plötzlich Momente, in denen ich von jetzt auf gleich richtig schrille Notgefühle hatte. Entsprechend meines Wissens dachte ich damals noch, dass es sich dabei nur um emotionalen Nachhall handelt. “Ich war mal in Not und bin nicht drauf klargekommen, weil…”. Erst später – “einige verspätet durchgestellte Anrufer-innen später” – wusste ich, dass ich die Notgefühle von einer anderen Person in mir spürte. Einer Person, deren Misshandlung ich beobachtet hatte.

Meine Zeug_innenschaft dieses Moments war für mich genauso überreizend, wie es die Opferschaft dieses Ereignisses für mich gewesen wäre. Auch aus dieser Situation konnte ich nicht weg. Konnte ich mich nicht retten, konnte überhaupt nichts beeinflussen – alle Reizkanäle waren dicht.
Das Überleben war die Aufteilung, die Anrufer_innen mussten 13 Jahre warten.

Die Entdeckung meiner Fähigkeit die Gefühle anderer Menschen (mit/nach)fühlen zu können, war für mich enorm.
Da war ich etwa 21, 22 Jahre alt und erstmals in der Situation zu verstehen, dass in anderen Menschen Dinge passieren. Gefühle, Gedanken, Welten, die meiner ganz unterschieden sind.

Nicht, weil ich das nicht wusste. Ich wusste, wie jemand guckt, der traurig ist und was man dann macht und sagt und sich kümmert.
Begriffen habe ich die Eigendynamik, das Einzelne jedes Menschen in seinem Inneren, aber erst durch diesen sehr schrillen Moment aus einem Früher, das mich zur Zeugin hatte. Ich war nicht beteiligt an der Not der Person. Ich hatte sie nur beobachtet, wie ich immer die Dinge um mich herum beobachtet hatte, die alle irgendwie mal mehr mal weniger Sinn für mich ergaben. Mal mehr, mal weniger vorhersehbar für mich waren. Mal mehr, mal weniger dynamisch lebend – so wie ich mir selbst vorkam – erschienen.

Heute ordne ich sowohl den Zeitpunkt dieser Entdeckung, als auch den Umstand, dass ich diese Entdeckung überhaupt machen musste, dem Autismus zu.
Und eben nicht einer emotionalen Flachheit, die traumatisch bedingt ist.
Emotionales unbeteiligt sein, ist für viele traumatisierte Menschen ein Thema. Manche fühlen sich selbst dumpf und leer, manche nehmen die Interaktion mit anderen Menschen als dumpf und leer wahr. So, als wären da keine Gefühle oder Gedanken oder als wäre das, was da ist, unsinniger Quatsch oder eigentlich doch total egal.

Ich habe dieses Empfinden vor allem in depressiven Episoden. Oder, wenn wir uns nicht mit genügend Abstand traumatischem Material zugewendet haben und ich mit verstärkter Dissoziation darauf reagiere.
Mein Denken von anderen Menschen, als “anderes Ich mit ganz eigenen Dimensionen in sich (so wie ich (wir)), war einfach nicht da. Es fehlte, wie einem die Information fehlen kann, wie die Hauptstadt von Indonesien heißt oder was genau der Bundespräsident von Deutschland so arbeitet.
Es hat mir nicht gefehlt. Aber viel von meinem Verständnis von mir und meinen Fähigkeiten verändert, als ich es dann wusste.

Ich erfuhr von den Spiegelneuronen und davon, dass es für andere Menschen überhaupt kein Thema ist zu fühlen (und eben nicht wie bei uns – zu wissen oder zu schätzen –) was in anderen Menschen vor sich geht.
In den letzten Jahren ist darüber auch noch eine weitere Ebene für mich klarer geworden, die mich, die uns, bisher nie belastet hat: das zwischenmenschliche Trauma

Der Aspekt einer Traumatisierung durch andere Menschen, der daran hängt, wie ein Mensch, den man liebt oder der eine emotional wichtige soziale Rolle hat, so viel Schmerz, Leid, Not auslösen kann.
Bis heute haben wir keine Erinnerung daran, mal gedacht zu haben, dass uns die Liebe oder soziale Rolle einer Person vor Leid durch sie schützen könnte. Oder daran, dass es ein besonderer Vertrauensbruch war, wenn wichtige Personen schreckliche Dinge taten. Oder, dass es einen Unterschied für uns gemacht hat, wenn Person A etwas Schreckliches mit uns gemacht hat oder Person B.
Das hat es nicht. Hat es nie und macht es auch heute im Erinnern nicht.

Wir haben die ganzen Ichs um uns herum, nie als solche erkannt und verstanden.
Und heute denke ich, dass das sehr wichtig ist für unser Verständnis um das, was passiert ist und was es heute für uns bedeutet.
Es ist wichtig, weil es uns aus Ideen herauslöst, unser Leben könnte so schrecklich gewesen sein, dass uns jeden Tag etwas Schreckliches passiert ist und wir niemals so etwas wie Liebe oder Zuwendung erfahren haben. Weshalb wir nie Urvertrauen aufgebaut haben oder jemals eine Bindung zu jemandem hatten.

Wir hatten sicher auch liebevolle Menschen in unserem Leben. Aber wir haben geliebt, was sie uns sagten und uns gezeigt haben – und nicht sie selbst, denn sie selbst konnten wir nicht “sehen” oder “erspüren”.

Es erklärt uns, warum uns bis heute, die ganze Welt als etwas in uns verankert haben, das uns zu jeder Zeit und aus jedwedem Grund tiefgreifend verletzen und zerstören kann. Wenn man sich selbst als Dynamik – alles andere um sich herum aber als mehr der weniger  starre, fremde, ferne, unverständliche und unvorhersehbare Mechaniken erlebt, kann das schon mal vorkommen.
Und ist in der Folge sehr logisch.

Und bedeutet dann eben auch, dass wir über unseren traumatischen Kleinscheiß in der Warteschlange anders denken müssen.
Wir brauchen sie nicht mehr suchen – die Enttäuschung über eine Person, wegen eines Vertrauensbruchs, ein Misstrauen gegenüber einer Person, das vielleicht mal irgendwo war, der Wunsch einer Person zu gefallen oder der Gedanke, etwas zu tun, damit eine Person glaubt, dass … Diesen ganzen sozialen Heckmeck, den wir heute nicht machen, weil wir ihn nicht können, werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit auch früher nicht durchgemacht haben. Er wird also kein Teil unserer Traumatisierung sein.

Wohl aber werden Enttäuschung, Misstrauen, Wünsche oder Gedanken da gewesen sein. Nur eben nicht mit dieser Art von Personenbezug.
Wir beziehen uns anders und haben das schon immer gemacht.
Das zu wissen ergibt Sinn. Und einen enormen Anschub in unseren Erinnerungsprozessen.

Für uns hatte sich schon viel geklärt, nachdem wir verstanden hatten, das manche unserer heute störenden Reaktionen mit traumatischen Erfahrungen zu tun haben. Beziehungsweise damit, dass wir bestimmte Dinge in Anpassung an die ständige Gefahr weiterer traumatischer Erfahrungen gelernt haben.
Mit dieser Schablone braucht man dann nur noch rückwärts gehen und kann sich an das Moment vortasten, zu dem bis heute Anrufer_innen durchgestellt werden.

Uns hat dieses Vorgehen geholfen bestimmte Sachinformationen erinnern. Das ist, in etwa, in dieser und jener Abfolge passiert und wir waren überreizt.
Es hat aber nicht geholfen zu verstehen, warum. Wovon waren wir überreizt? Was genau hat dieses Moment zu einem traumatischen Moment für uns gemacht?

Das ist, worin uns die bestehende Forschung und Literatur kein Stück weitergebracht hat. Ja sogar von unserem Weg weggeleitet hat.
Denn Menschen, die andere Menschen nicht als etwas wie sich selbst wahrnehmen – also Menschen, die nichts von sich in anderen Menschen finden (und ergo suchen) – werden an keiner Stelle mitgedacht.

So erleben wir heute nachwievor ähnliche Überforderungsgefühle wie früher, wenn ich über die Personen nachdenke, die mich verletzt haben.
Ich spüre den heißen, weißen Affekt – spüre den Hass – spüre das NEIN, das mir den Kopf gegen eine Wand wirft – und kann nichts damit anfangen. Außer mir die Information zu geben: Ablehnung. Oder: Nicht unter Kontrolle. Oder: Nein.
Es sagt mir nichts über die Person. Bringt mich ihr nicht näher. Macht nicht, dass ich mich in sie hineinversetzen kann und darüber mehr über meine Situation verstehe.

Ich habe Löcher in meinem Blick auf Situationen und kann diese nicht mehr in jedem Fall mit dissoziativen Brüchen oder normalem Erinnerungsverlust erklären. Schlimmer noch finde ich ganz ähnliche Löcher heute in meinem Blick auf mein ganz alltägliches Leben unter und mit anderen Menschen in ganz alltäglichen Situationen. Und zwar nicht, weil wir viele sind und irgendwie nicht so gut funktionieren. Oder, weil wir es immernoch nicht schaffen, gut zusammenzuarbeiten.
Sondern, weil etwas nicht so da ist, wie das bei so vielen anderen Menschen da ist.

Das macht auch Einsamkeit noch einmal zu einer Sache mit einem anderen Dreh.
Doch dazu im nächsten Text.

*Text als PDF zur freien Weitergabe

DIS?, Innenansichten, Lauf der Dinge, Momente mit Glitzer drin

jetzt ist die Zeit

Manchmal ist es einfach die Zeit.
Die Zeit, die ich verloren habe, ohne, dass ich Genaueres über sie weiß.
Die Zeit, die vergangen ist, bis alles so kommen konnte, wie es jetzt ist.

Ich habe einen 5 Jahresplan gemacht.
Ich, die am Ende des Tages froh ist, dass sie noch lebt und selbst den nächsten Morgen erst glauben kann, wenn die Mittagssonne auf der Haut keinen anderen Schluss mehr erlaubt. Irgendwie ist mir dieser Plan passiert und der Lauf der Dinge des Hier und Jetzt schiebt ihn mir jeden Tag ein bisschen fester an die Stelle, an der ich Trost finde, wenn wenn alles kippelt und schwankt.

Wir werden Deutschland verlassen.
Nicht jetzt, nicht morgen. Aber wenn die Ausbildung vorbei ist.
Wir werden den Appalachian Trail von Georgia nach Maine hochlaufen und von dort nach Kanada fliegen. Dort geben wir uns ein Jahr für die Frage, ob wir bleiben oder weiterziehen.
Wir werden dann 33 Jahre alt sein und 34 werden.
Das ist der letztmögliche Zeitraum für ein Holiday and Work-Visum in diesem Land.

“Warum?”, hatte eine Gemögte gefragt und mich überraschte die Frage danach.
Es ist ja nicht so, dass Deutschland mich braucht. Oder will. Oder Wert auf Menschen wie mich legt.
Es ist ja nicht so, dass meine Freundin nicht weiß, dass ich queer, alleinstehend, behindert und damit sagen wir: “unfreiwillig dauernonkonformistisch” bin, was zusätzlich zu unserem Gewalterfahrungshintergrund etwas ist, das die Lebensqualität nicht gerade steigert.

“Meine Familie werde ich nicht hier gründen und wachsen lassen können.”, dachte ich zu Beginn der Idee. Viele Tagtraumreisen durch ein Leben wo_anders als in Deutschland später sehe ich: Es wäre auch besser für diese Familie, würde sie so fern wie möglich von hier passieren. Unerreichbar für Menschen, die von meiner Ausbeutung profitiert haben. Fern von Strukturen, die mich nicht anerkennen und entsprechend dürftig schützen und stützen.

Wir werden in Deutschland zu den zwei Dritteln der Generation Y, die sich mit Selbstständigkeit aus eigenen Unternehmen zu finanzieren versuchen. Und das als schwerbehinderte Person. Diesen Stress können wir uns auch an einem Ort geben, an dem wir nicht auch noch unseren Opferschutz selbstständig balancieren und bewahren müssen.
Wir können es uns leichter machen.

Ich glaube, das ist eine Antwort auf das “Warum?”.
Weil wir unser Leben mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, einem Schulabschluss und einem Quäntchen Berufserfahrung aus diversen Quellen um den Faktor Schutz auf Kosten von Autarkie erleichtern können, wenn wir nicht mehr hier leben.
Weil es geht. Weil es für uns wo_anders auf eine Art leichter gehen kann, als für viele andere Menschen.

Auch wir werden uns all den Problemen und Dramen, die auf Auswandernde und Ausgewanderte zukommen stellen müssen. Natürlich. So wenig wie Deutschland mich braucht, braucht mich jedes beliebige andere Land.
Aber was ist, wenn eine Entfernung uns schützt, die wir nicht 24/7 so aktiv aufrechterhalten und sichern müssen, wie jetzt?
Was ist, wenn wir feststellen, dass wir entfernt von allem, was uns gemacht hat, Energien sparen, die uns zu einer völlig anders belasteten oder auch “anders beweglichen” Person manchen als jetzt?
Ich glaube, dass es wichtig ist, das wenigstens zu versuchen.
Wenigstens für ein Jahr.

Und zwar genau dann. In drei Jahren.
Denn in drei Jahren sind wir 33 und werden 34.

Das ist ein Umstand, den wir nicht vergessen dürfen.
Den ich aber gern vergessen würde.
Denn er tut weh.

Ich war nie jünger als 16 und als ich geboren war, war die Chance auf ein glückliches Leben im Kreise einer liebenden Familie, die mir Auslandserfahrungen zum Zwecke meiner Weiterentwicklung und Lebensperspektiven ermöglicht, schon vergangen.
Sollte sie überhaupt je bestanden haben. Wer weiß das schon.
Ich weiß es nicht. Mein Leben beginnt mit einem Einzelzimmer auf einer geschlossenen Station einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, ohne Kontakt zur Familie, ohne Aussicht auf mehr als das Nötigste zum Leben.
Ich habe meine Familie nie vermisst, denn ich habe sie nie kennengelernt.

In den letzten Wochen recherchiere ich nach und nach, was Auswandern bzw. ein längerer Auslandsaufenthalt erfordert.
Natürlich finde ich noch keine Informationen, die für behinderte Menschen passen. Natürlich finde ich noch keine Berichte von behinderten Menschen, die ausgewandert sind. Und natürlich komme nicht umhin sie zu sehen: Die jungen Menschen zwischen 18 und 25, die in die Kamera strahlen und nicht wissen, dass sie für mich aussehen wie Werbemodels eines Produktes, das ich nie im Leben auch repräsentieren werde.

Ich werde neidisch. Und wütend auf meinen Neid, denn er ist so unfair wie sein Grund.
Mir fehlen 16 Lebensjahre und eine Familie, die mich bedingungslos liebt, schützt und stützt – und mir so ein Strahlen vor dem Grand Canyon (mit)ermöglicht.

Es kann doch niemand etwas dafür, dass mir der eigene Grund und Boden in dieser Welt fehlt.

Das denke ich mir so, denn ich bin nicht der Typ für eine Anklage à là “Die Täter_innen haben mir alles genommen, was hätte würde wenn…”.
Ich weiß nichts von dem hätte würde wenn, das mir zusteht oder zustehen könnte. Oder zustehen sollte.
Ich bin erst seit ich habe, was mir zugestanden wird.

Was ich im Moment spüre ist: mir fehlen 16 Jahre und es fühlt sich nach einem unwiederbringlichen Verlust an.
Ich wünsche mir nicht wieder 16 zu sein. Ich wünsche mir Heute in “mein Anfang minus 16 Jahre”.
Ich wünsche mir einen anderen Anfang. Einen Anfang wie jetzt.

Ich werde von einer Therapeutin, die mir gut hilft, begleitet.
Habe den Begleitermenschen im Leben, der mich gut stützt.
Gemögte, Freunde, Gemochte, Gewohnte und Verbündete, die mich aus_halten und tragen, wenn ich allein nicht weiterkomme.
NakNak*, die mir hilft mich zu schützen.

Ich weiß, dass alles anders gekommen wäre, wäre es nicht gewesen wie es war.
Trotzdem. Es wäre schön gewesen und ich kann so ehrlich zu mir sein, dass ich weiß, warum es mir so leicht fällt, mir diesen Anfang zu träumwünschen, anstatt darüber nachzudenken und -zuspüren, warum mir meine Kindheit und Jugend so weit fehlt.

Ich weiß, dass ich, obwohl ich noch nicht weiß warum, in Trauer bin und auch die Idee überhaupt das Land zu verlassen, nicht nur aus rationalen Überlegungen heraus entstand.
Doch jetzt ist die Zeit für solche Ideen, Pläne und vielleicht auch Entscheidungen.

Vielleicht gibt es sie nur einmal.

Die Helfer_Innen und die Hilfe, Fundstücke

betroffene Profis #1

2001 war ich eine 14 jährige, die aus der kinder- und jugendpsychiatrischen Station eines Uniklinikums in eine Wohngruppe für Jugendliche mit psychiatrischer Diagnose entlassen wurde und darüber nachdachte, ob Psychologin zu werden, vielleicht etwas für sie wäre.
Viele meiner damaligen Mitpatient_innen hatten nach ihrer Entlassung diese Idee. Und vermutlich haben sie alle spätestens in der Zeit der Reintegration in ihre Schul- und andere Alltage gemerkt, dass Lebensabschnitte mit stationärer Behandlung in der Psychiatrie und/oder Psychosomatik exakt die Lebensabschnitte sind, die so ziemlich alle Berufe in Frage stellen, die in irgendeiner Form mit hilfs- und unterstützungsbedürftigen Menschen zu tun haben.
This is called “Stigmatisierung”, Baby!

Man geht dazu über in seinen Lebenslauf zu schreiben, das man “mal krank war” oder schreibt von einer chronischen Erkrankung, die einer regelmäßigen Behandlung bedarf, seit man jugendlich war.
Dann gilt man wenigstens nur als krank und nicht auch noch als unzurechnungsfähig oder gefährlich. Krankheiten können ja auch geheilt werden und bei einer Krankheit stellt sich eine Ursachen- aber keine Schuldfrage. Beziehungsweise: nicht sofort.

Krank sein ist okay, so lange sie nichts mit anderen Menschen zu tun hat, weil man sich sonst Umgangsfragen stellen müsste, die bestehende Strukturen nicht entsprechen können.

2001 wurde ich eine 15 jährige, die von ihrem Therapeuten misshandelt wurde und verstand, dass ihre Idee davon Psychologin zu werden viel mehr mit einem Wunsch nach der sozial und kulturell legitimierten  Macht Menschen beeinflussen zu können und zu dürfen zu tun hatte, als damit, was ich als eigene Fähig- und Fertigkeit perfektionieren möchte, um anderen Menschen, wie Nichtmenschen, Hilfe und Unterstützung, aber auch Raum zur Veränderung der Gesellschaft zu ermöglichen.

Ich weiß nicht, ob wir uns aus Versehen zu einer linksautonomen Radikaloweltveränderin mit Hang zum kommunistisch nachhaltigen Ökosozialkapitalismus sozialisiert haben, als wir so durch die Pubertät gingen und irgendwann in das Erwachsensein außerhalb der organisierten Gewalt an uns hineinwuchsen. Vielleicht.
Ich fände das schön, weil ich darüber merke, das in uns viel Eigenes entstanden und entwickelt ist, das das Außen nur brauchte, um sich selbst entstehen zu lassen. Ich habe einen Machtbegriff, habe Theorien und Ideen wie Macht und ihr Einfluss was wo wie bewirkt und mir im Laufe darüber die Chance erarbeitet in kleinen Schritten zu sortieren, welche Lebensabschnitte wo und wie miteinander zu tun haben und welche Rolle ich selbst dabei tatsächlich erfülle und zu erfüllen keine andere Wahl hatte. Es ist eine rein intellektuelle Auseinandersetzung, die die Möglichkeit birgt emotionale Inhalte nur schwer anzuerkennen und zu integrieren, aber es ist die Auseinandersetzung, die unseren Fähig- und Fertigkeiten entspricht.

Natürlich habe ich keine Zahl dazu wie Menschen ihre Psychiatrie- und Helfergewalterfahrungen für sich einsortieren. Doch der Grund dafür ist nicht, weil die Gewalt so selten passiert oder die meisten Menschen ihre Erfahrungen für den Rest ihres Lebens eben nicht einsortieren, sondern, dass es der weniger leicht über bestehende Stigmatisierungen in ihrer Stimme zu unterdrückenden Machtmasse unserer Gesellschaft egal ist – und egal sein muss! – was mit den Menschen passiert, wenn ES und DAS DA passiert ist.

Ich will die bestehende Spaltung zwischen Menschen, die zu Opfern wurden und nur “die guten Opfer”, “die schlechten Opfer” und “die Opfer, die nicht wissen, dass die Opfer sind” kennt, nicht mittragen.
Zum Einen, weil man nur so lange ein Opfer ist, wie die konkrete Unterwerfung geschieht und danach eine zum Opfer gewordene (oder auch: eine Opfer gewesene) Person ist und zum Anderen, weil eben jene Spaltung nur aufgrund bestehender Gewalt (hier synonym mit “Macht”) verhältnisse überhaupt ent- und bestehen kann – ergo: weitere Opfer produziert bzw. Opferschaften aufrecht erhält und damit die individuelle Weiterentwicklung negiert.

Da gelten die “guten Opfer” als jene, die es schaffen ihre Gewalterfahrungen zu beweisen und ergo im Machtbereich Justiz zu bestehen.
Da gelten die “guten Opfer” als jene, die es schaffen ihre von Gewalterfahrungen ausgelösten Krankheiten innerhalb der Richtlinien entsprechenden Therapiestundenanzahl zu überwinden (sic!).
Da gelten die “die guten Opfer” als jene, die ihre Gewalterfahrungen als individuelles Einzelschicksal zu akzeptieren.

Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die an der Beweispflicht scheitern, zu krank, zu alt, zu schwach, zu sehr im Muster dessen, was die unreflektierte rape culture wahrnehmen lässt, sind oder zu viel Angst vor einer erneuten Unterwerfung innerhalb eines weiteren Macht (und Gewalt) bereiches haben.
Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die “das Falsche” sagen, wenn sie öffentlich ihre Erfahrungen mit_teilen.
Da gelten die “schlechten Opfer” als jene, die ihre Gewalterfahrungen zum Teil des Laufs der Dinge in der Gesellschaft machen, als die sie sie begreifen.

Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die sich nicht als Personen begreifen, die gerettet werden müssen.
Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die nicht auf klassisch übergriffige Hilfsinterventionsversuche anspringen.
Da gelten Personen als “Opfer, die das aber noch nicht wissen”, die nicht den gleichen Gewalt- und Unrechtsbegriff haben, wie jene, die sich Menschen einzuordnen anmaßen.

All das sind Urteile, die in Momentaufnahmen gefällt werden, was schon schlimm genug ist, weil auch das Entwicklung als bestehende Dimension ignoriert.

Gewalterfahrungen können vieles in einem Menschen zerstören und so verrücken, dass eine neue Form der Stabilität und auch der Stabilisierungsmaßnahmen etabliert werden (müssen).
Dafür gibt es gute und immer weiter in Verbesserungsprozessen befindliche Instrumente aus unterschiedlichen Professionen, seien es Psychologie, Psychiatrie, Medizin oder Pädagogik.
Die individuelle Profession in der Nutzung und Wahrung eigener Resilienzen wird daneben leider oft zu etwas, das wie ein Zierdeckchen in der Begegnung als existent aber lediglich schmückend seinen Platz und Berechtigung eingeräumt bekommt.

Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

Erzähl mal

P1010093Es fiel mir schwer wieder reinzukommen.
Mich zu erinnern, womit ich mich zuletzt befasst hatte; wie der Plan war.

Dann fiel mir ein, dass es gar keinen Plan gegeben hatte.
Die Reise- das Fliegen- das Filmprojekt- die Gemögte, das war wie ein Knoten am Ende des Fadens, den ich in der ganzen Zeit vorher festhalten musste.
Ein „und dann… “ gab es nicht.

Jedenfalls nicht so fest und ohne Option daneben wie das Ende, auf das man sich hier eingelassen hatte.
Vom Himmel zu fallen und so das Böse auf die Erde prasseln zu lassen, erschien klarer und fester, als kindlich zart und empfindsam durchgeschüttelt und überreizt in der Wohnung zu sein und Angst vor dem Leben zu haben. Durch die Tage zu torkeln und als einzig festen Punkt den Hund und das Schreiben zu haben, während sich das Internet und langes Telefonieren wie Abstandsmarker zur echten Panik ausmachen.
In der Therapie zu sitzen und zu denken: „Können sie grad mal aufhören so rumzuwackeln und mich hier einfach mal überhaupt ankommen lassen?“

Irgendwann später am Donnerstag hatte ich es dann klar.
Es ging nicht nur ums Ankommen, zurück in Deutschland; in Hartz 4, wo es eben nicht darum geht, wie „es mir wohl ist“; zurück im Breisumpf auf Zukunfts- und Perspektiv- , Schaffenskraft- und Annäherungsängsten. Es ging auch darum nach etwas zurück zu kommen, das sich wie ein kleines eigenes Universum um uns herum ausgemacht hatte.

Wenn wir Kinder Blödsinn gemacht haben, war klar, dass etwas passiert. Zu dritt standen wir im Flur und jedes Kind wurde einzeln in das Zimmer gerufen. Das Warten vorher und die Gewalt im Zimmer selbst- so etwas passiert einfach. Da gibt es weder vor noch zurück.
Man hat Scheiße gebaut, also muss man dazu stehen. Ganz einfach und klar. Also bleibt man da stehen.

Übertragen aufs Heute war es: Ich/wir habe/n überlegt, was ich/wir beitragen könnte/n, überlegt, was ich/wir davon beitragen will/ wollen, wie ich/wir das anstellen kann/ können und dann zugesagt zu kommen. Also begannen wir die Reise und standen zu unserem Wort.

Doch in dem Moment in dem ich zu etwas stehe, passiert etwas. Damals wie heute, komme ich nicht gleich wieder zurück. Das Gefühl der Entrückung und der Problematik Anschluss an jene Lebenswelten der Menschen, die nicht dabei waren, zu finden, ist die Gleiche. Gewaltuniversum oder Erlebnisuniversum- beides ist völlig anders als der Alltag. Ist ein Knoten im Faden.

In der Nacht zu Donnerstag hatte ich mich an eine Situation erinnert, in der es genau darum ging, so eine Frage nicht zu beantworten. Nicht antworten zu wollen. Selbstbestimmt antworten zu wollen.
In der es um die fest begründete Angst ging, Schmerz zu erfahren, wenn man seinem Willen nachkommt.
Mir wurde noch ein Mal mehr klar, warum es wichtig war, den Reisebericht so aufzuschreiben, wie ich/wir das gemacht haben. Häppchenweise, zeit-räumlich sortiert und nur hier im Blog.
Alles andere im Kontakt mit Menschen, die die Selbstbestimmung im Erzählen und Teilen, schätzen und wahren. Diese Ermächtigung über die eigene Antwort auch als solche erkennen und mich durch ihr nicht wertendes Zuhören in gewisser Weise vor mir selbst schützen.

Mir war ein Unterschied aufgefallen in den Situationen.
In der Einen fragt niemand „Wie wars?“, sondern versucht es stumm an den Geräuschen, die aus dem Zimmer dringen oder aus dem leeren Gesicht des Geschwists, im Moment des aus dem Zimmer Rauskommens, zu lesen; wird aber definitiv erfahren, wie es für ihn selbst sein wird. Die Welt- die Menschen da draußen fragen auch hinterher nicht: „Magst du davon erzählen?“
(Wenn überhaupt wird man dazu BEfragt und auch dann spielen die emotionalen und allgemein ebenso zu verarbeitenden Reize und Empfindungen eine untergeordnete Rolle)
In der Anderen haben wir etwas mit anderen Menschen zusammen erlebt- haben eine Situation gemeinsam gestaltet und er-(ge)- lebt und werden gefragt: „Magst du davon erzählen?“.
Andere Menschen haben von unserer Reise erfahren, weil wir nicht allein waren, weil wir andere Menschen brauchten, um sie erlebbar zu machen. Das fing mit der Hundsitterin an, ging weiter über die Menschen, die wir begleiten und denen wir sagen mussten, dass wir nicht erreichbar sein würden und endete nicht einmal bei den Menschen, die uns in der Nacht des Reisebeginns den Hausflur runterpoltern hörten.

Diese Reise war (über?)fordernd, wenn auch nicht gleich allumfassend zerstörend, wie es Gewaltsituationen waren, was wir in den ersten Tagen über das Aufschreiben der Erlebnisse und das Bemerken, dass wir von ganz alleine grobe Sortierung von „Raum und Zeit“ und „schön/ nicht so schön“, sogar einiger Details schreiben konnten, wahrzunehmen schafften.

Doch dann kam da die Frage; „Wie wars?- Erzähl mal!“, und entpuppte sich als etwas, das sonst immer fehlte.
Früher hats niemand sonst gewusst- also nie gefragt- also wurde auch nie etwas gesagt (unabhängig davon, ob etwas hätte gesagt werden dürfen oder nicht).

Und so gesehen kommt mir diese Welle, die mir aus dem Kopf lief, diese anhaltenden Überforderungsgefühle, diese Unsicherheit und kindliche Zartheit in mir so logisch vor.
Dieses Kind hat nie jemand aufgefordert zu erzählen, was ihm gerade Großes (Überforderndes) passiert ist und plötzlich stehen da Menschen und wissen schon davon und fragen TROTZDEM noch (noch obendrauf auf alles!) wie es denn für UNS war- nicht nur so im groben Ablauf.

Jetzt haben wir viel darüber weinen müssen. Über alles irgendwie. Und wenn ich mich entspanne kommt noch mehr Weinen aus mir raus.
Aber es hilft.

Langsam kann ich wieder die Fäden meines Lebens vor der Reise aufnehmen.
So langsam komme ich wieder rein.

Lauf der Dinge

der Traum mit dem Doppeldecker aus Pappe

Manchmal habe ich Träume in denen ich meiner Familie wiederbegegne.
Sie sind alle keinen Tag älter geworden. Agieren noch ganz genau so, wie in den letzten Tagen, bevor unsere gemeinsame Welt, wie eine Sandburg in der Brandung der Küste, bröckelte.

Diesmal war es heiß und jede Bewegung fiel mir schwer. Ich stand neben dem graublauen Familienauto, das wir damals hatten, und sah meine Mutter mit meinen Geschwistern drinnen gemütlich aneinandergedrückt Süßigkeiten essen. Aus welchem Grund auch immer, hörten sie Musik aus einem kleinen Kofferradio, das sie zwischen die Vordersitze geklemmt hatten.

Ich fragte, ob ich mitmachen dürfe. Ob ich auch Süßigkeiten haben dürfte, mit hinein kommen könnte. Sie mussten doch nur ein Stück rücken und dann wären wir ein schönes Knäul. Aber eines der Geschwister fing an zu nörgeln und meine Mutter sagte diesen für sie so typischen Satz in so einem Moment: „Och, komm,du bist doch nun schon groß. Muss das denn jetzt sein? Du siehst doch…“.

In meinen Träumen bin ich natürlich schon erwachsen innerlich. Es ist ja nur ein Traum.
Ich bin dann geistig nur 10 Jahre jünger als meine Mutter und sagte also zu ihr, dass ich es sehe und genau deshalb dabei sein will. Dass ich sehe, wie schön sie es gerade haben und, wie nah sie meine Geschwister bei sich hat. Ich sage zu ihr, dass mein Wunsch berechtigt ist, auch wenn ich nun groß bin. Sie ist doch auch groß und genießt dieses Beisammensein sehr.
Statt ihrer antwortet aber mein nächst jüngeres Geschwist in zornigem Quengeln, wie mein Vater. Ich würde immer alles kaputt machen und plötzlich verdreht sich die Traumrealitätsgegenwart mit der Echten. Es beginnt mir Vorwürfe wegen meines Weglaufens zu machen. Wegen meines Wahnsinns, den meine Mutter, seiner Meinung nach, hat kaputt gehen lassen.

So konfrontiert beginne ich es aus dem Auto herauszuziehen. Es am Kragen des Shirts zu packen und mit ganzer Macht gegen das Fahrgestell zu drücken. Ich brülle es an und quetsche all meine Kraft gegen seinen präpubertierenden Leib. „Es war schon alles kaputt! Sie war schon kaputt, ich war kaputt- du bist kaputt. So kaputt, dass du dir nie eine eigene Meinung gebildet hast, sondern dich weiter hast unterwerfen lassen. Du willst mich hassen? Willst du das ernsthaft?! Wie kannst du nur?! Sind dir diese finanziellen und pseudoaufrichtigen Handlungen dein Leben wert?! Deine Zukunft?! Rede verdammt! Rede mit mir! Sag mir was DU denkst- nicht was SIE denken. Spuck es aus!“.

Das Geschwist schiebt mich mit einer Hand von sich und stützt sich gegen das Auto. Es schaut mich nur an und lässt scheibenweise Phrasen aus seinem Mund herausfließen, die mich treffen wie Schwerthiebe.
Ich fange an zu weinen und meine Mutter kommt halb aus dem Auto heraus.

Sie schiebt sich in diese Situation wie eine Bärenfalle. Ich mache einen Schritt auf sie zu. Denke, sie würde mir beistehen, doch es ist der gleiche Ablauf wie immer. Sie schnappt zu und beißt mir dabei ein Stück Seele ab. „Du bist nur der erste Versuch gewesen. Der erste Pfannkuchen missrät immer. Jetzt geh und hilf deinem Vater in der Scheune.“, sie wendet den Blick zu dem Geschwist neben mir, während sie dem jüngsten, das mich mit großen Kinderaugen unergründlich anstarrt, das verschwitzte Haar streichelt. „Komm G., komm rein. Sie geht jetzt. Es ist alles wieder gut.“.

Ich stehe fassungslos vor dem Auto. Dem Eingang ihrer Höhle. Irgendwo pocht es in mir und mir wird sehr klar, dass sie sich hier hin verkrochen hat, gerade weil der Vater in seiner Scheune herumwerkt. „Du lieferst mich gerade aus und das ist dir egal, richtig? An mir kann ja nichts mehr missraten. Ich bin schon der missratene Versuch, stimmts?“, ich werde wütend und aus allen meinen Poren schießen meine Panzerstacheln heraus. Ich schreie sie schrill an, beschimpfe sie übel, verwende dabei eine Phrase, die ich neulich bei Twitter las: „Fick dich ins Knie, bis es bricht“. Ich trete gegen das Auto, schlage auf das Dach, doch sie reagieren nicht mehr auf mich. Nur die Augen des jüngsten Geschwists verfolgen mein Tun, ohne Verbindung aufzunehmen.

In meinem Traum nehme ich meinen Rucksack auf und gehe zurück in meine Schule, die eher nach Hogwarts aussieht und versuche einen riesenhaften Doppeldeckerflieger aus Pappe zu bauen.
Während ich das tue, wird mir klar, dass ich träume und ich bemühe mich mit aller Macht, die Szene mit meiner Familie im Kopf zu behalten. Sie nicht zu vergessen, damit ich sie aufschreiben kann.
Sie ist so real und nah. So genau das, was ich so oft tun will und niemals konnte und auch nie können werde.

Ich will dem einen Geschwist den Dreck aus dem Kopf schaufeln und ihm den Wert seines eigenen Selbsts klar machen. Will dem anderen Geschwist freundlich entgegen treten und ihn aus dem Schoß meiner Mutter locken. Ihm die Welt zeigen, in der man artikulieren darf, was man mit seinen Augen aufnimmt. Ich will ihm die Sprache geben, die es dort nicht benutzen kann.
Ich will meiner Mutter sagen, wie sehr sie mich ausgenutzt hat, um sich zu sichern. Wie sehr sie das sogar vor sich selbst verleugnet hat. Wie sehr ich gelitten habe.

Ich habe dabei keine Racheintension, es geht mir nicht darum ihre Scham zu fühlen. Es geht mir um ihr Bewusstsein. Ein Verständnis für mich. Um die Würdigung meines Seins. Ihr zu vermitteln, dass ich wirklich ihr erster und vielleicht tatsächlich missratener Pfannkuchen bin, aber doch ihrer und trotz allem einer, den es gibt. Den man nicht immer wieder wegwerfen und von sich stoßen muss. Den man nicht ignorieren und für alles, was ihnen zuwider ist, opfern darf.

Ich werde ihnen das nie sagen können. Ich werde nur hoffen können, dass dem Radio in diesem Auto irgendwann die Batterien ausgehen, es ihnen ungemütlich wird, sie Hunger oder Durst bekommen. Vielleicht mal aufs Klo müssen und von sich aus, aus dem Auto heraus kommen.254837_web_R_by_Andreas Müller_pixelio.de

Ich werde mit meinem Doppeldeckerflieger über ihnen kreisen, weit weg, in einer anderen Sphäre und Worte an die Himmel der Welt malen. Denkend, dass sie irgendwann vielleicht mal den Blick heben und von einer Pappflugzeugfliegerin erfahren, die etwas geschrieben hat, das auch von einer die sie kennen, kommen könnte.

Lauf der Dinge

Rosenblätterhulk will Jauch abschaffen

Man, war ich wütend gestern Abend!
Meine Haut verfärbte sich grün, meine Haare standen mir zu Berge und immer wieder dachte ich nur: “Ich geh da gleich hin und hau die alle! Und wenn ich fertig bin, nehme ich mir Frau Kampusch, und die Herren Erlemann und Hellwig mit an einen sicheren und schönen Ort. Da passe ich dann auf sie auf, damit ihnen niemals wieder jemand so eine Scheiße um die Ohren werfen kann und sie aufhören können, sich so zu unterwerfen.”

Ganz ehrlich- ich frage mich, wie viel offener es noch sein kann, dass das Format “Jauch” ungeeignet ist, für einen Diskurs über die Themen, die dort auftauchen. Was für eine grottenschlechte Moderation und/ oder Sendungskonzeption da im Ersten lief, ist kaum zu noch zu toppen. Selbst RTL schafft es zielgenauer zum Punkt zu kommen- und sei es, indem man einem Bohlen Raum für seine Arroganz gibt- das ist ein Menschenmarkt bei DSDS und jeder weiß das- ergo gehts da auch entsprechend zu.

Bei Jauch hingegen, soll es sich um eine Gesprächsrunde zu einem Thema handeln. Man diskutiert, gleicht einander ab und lässt nach Möglichkeit umfassend Raum zur Perspektiv- und Meinungsbildung.
Was ich dort aber in der Sendung “verschleppt und misshandelt- wie gelingt ein Leben danach?” sah, hatte nichts- aber auch so gar nichts mit freier Gestaltung zu tun, geschweige denn mit einer Gesprächsführung dem Thema entsprechend.

Die Sendung begann mit einer Aufnahme von dem unschuldig-neutral- harmlos wirkendem Jauch, der folgende Fragen vorlas:
a) Wie hält ein Mensch Situationen aus, in denen er maßloser Gewalt ausgesetzt ist?- In der er einfach nicht weiß: “Werde ich das überstehen und werde ich weiterleben können?”.
b) Wie bekämpft man seine Todesangst?
c) Unter welchen Umständen muss man nach der Befreiung leben?

Eigentlich- so dachte ich, gehört der Fragenausdenker schon allein dafür auf die Strafbank. Setzen 6!- Nachsitzen- Du darfst erst wieder mitspielen, wenn du dich mit dem Thema befasst hast!

Allein, um (gerade auch Menschen, die eben nicht so im Stoff in Bezug zum Thema “Trauma und die Folgen” sind) zu zeigen, wie absurd die Fragen sind, würde dieser Artikel hier lang werden. Entsprechend versuche ich einen Mittelweg und werde dabei oft selbst nicht differenziert wirken- geschweige denn umfassend. (Aber ich bin ja auch weder Profi, noch stelle ich mich mit diesem Ding ins Fernsehen- wissend tausende Zuschauer hören mir zu und glauben wir alles, was ich sage, weil ich ja so harmlos und lieb wirke und eben nicht die Sprecherin bei RTL bin)

Zu a) Wie hält ein Mensch Situationen aus, in denen er maßloser Gewalt ausgesetzt ist?- In der er einfach nicht weiß: “Werde ich das überstehen und werde ich weiterleben können?”
Solche Situationen werden einfach ausgehalten! Da gibts keinen Plan, nichts was man später irgendwie so beschreiben kann, dass man einen Begriff draufkleben kann und dieser bedeckt das ganze Ding. (Selbst in meinem Fall, wo ich immer lese “Die Klienten helfen sich, indem sie dissoziieren” passt dieser Begriff als Antwort nicht gänzlich. Das tut keiner.)
Ich finde diese Frage absurd, weil sie impliziert, dass man Worte für das was genau in einem vorgegangen ist hat. Der Dreh und Angelpunkt bei vielen Traumakisten, ist aber eine Sprachlosigkeit- eine Leere im Kopf, die alles umfasst. Diese ist biologisch in Menschen eingebaut- nachzulesen in jeder neueren Traumaleküre.
Selbst später, wenn es viel Abstand gibt und man das Trauma (oder die Traumata) verarbeitet hat- gibt es nichts, was diese Frage- so wie sie formuliert ist- beantwortet. Niemand der ehrlich ist (und sich nicht so anpassend unterwirft, wie die drei (die Sendung) Überlebenden dort), kommt an einen Punkt an dem er sagt: “Ja also- als der Täter da so auf mich einschlug, machte/agierte/ initiierte ich…”
Der Mensch weiß nicht, ob er es überlebt und das “Danach” ist sowas von komplett weg- es ist einfach nicht da!- weil der Mensch in dem Moment (und sei es nur ein kurzer Zeitraum von vielleicht 5 Sek) es nicht wissen KANN. So oder so ist in dem Moment das Gehirn, der Geist, die Seele- der globale Mensch schlicht nicht in der Lage IRGENDETWAS zu wissen/zu denken/ bewusst klar zu haben. Es gibt dann nichts! Da gibt es nicht einmal das Denken, dass man sowas vielleicht mal denken sollte!
Das ist Traumawissenbasis, dessen Fehlen (bzw. dessen Erklärung in der Sendung) ich hier beklage!

Zu b) Wie bekämpft man seine Todesangst?
Todesangst ist nicht bekämpfbar. Wenn sie wütet ist Ende- da überlebt man- IST man und fertig.
Ein Überleben- einen Zustand!-  “kämpfen” zu nennen ist eine Umdeutung. Sie hilft manchen Menschen rückblickend, doch sie lässt einen Umstand aktiver aussehen, als er ist. Wenn man ein Überleben- ein Überstehen einer Situation “Kampf” nennt, dann ist das nicht falsch grundlegend- doch er verfälscht die Situation und impliziert die Chance auf ein aktives Handeln und das ist schlicht nicht immer gegeben, wenn man in einer Situation ist, die Todesangst auslöst.
Hier wurde ein Begriff falsch verwendet bzw. nicht differenziert genug eingesetzt. Was mich vor allem deshalb ärgert, weil dieser Begriff ein sehr wichtiger Bestandteil ist, wenn es darum geht eine Art Not zu beschreiben.

Zu c) Wie muss man nach seiner Befreiung leben?
Ich hatte mir wirklich gewünscht, dass sich in der Sendung genau darauf konzentriert werden würde. Das ist die einzige Frage, die wirklich mit dem Titel der Sendung zusammenpasste und weshalb ich überhaupt eingeschaltet hatte.

Doch wie typisch für die Jauchsche Unfähigkeit, wurde auch hier wieder verfehlt und zu Gunsten von impliziter Verhöhnung und quälender Kreiserei darauf verzichtet.
Die Gäste hätten besser moderieren können, wären sie kräftig genug gewesen dies zu tun.
Da erzählt eine Frau Kampusch dass die Vernehmungsprotokolle ihrer Qualen- der Mord an ihrer Seele!!! an die Öffentlichkeit kamen, weil die Gesetzgebung bzw. der Opferschutz in Österreich dem keinen Riegel vorgeschoben hat
und es kommt keine Reaktion!
Kein Ausdruck der Empörung, keine Nachfrage, kein Diskurs darüber, wie die Lage hier in Deutschland ist.. nichts! Nicht einmal ein Nebensatz, dass das jawohl ein Unding ist. Nicht einmal so etwas wie: “Ach du scheiße! Was muss das für eine öffentliche Demütigung für sie gewesen sein!” Nichts!

Da erzählt Herr Erlemann, dass seine Entführer frank und frei durch die Gegend laufen, reich sind, von Politikern beglückwünscht werden… und die einzige Reaktion die im heimischen TV landet ist sein bitteres Lächeln und sein Ausdruck für seine innere Vermeidungshaltung.
Bekräftigt von dem Krisenpsychologen Pieper, der noch meint, dass einem die Täter irgendwann egal sein müssten und man doch endlich irgendwann einen Punkt dahinter machen muss, weil es sich nicht lohnt immer über sein Schicksal zu jammern.
Diese Ohrfeige hab ich bis hier hin gespürt- denn: Wer einen Punkt dahinter machen KANN, darf sich bitte gerne freuen. Doch dies als Grundlage zur Heilung und zur Teilhabe am Leben danach darzustellen, ist schlicht fahrlässig in meinen Augen.

Das sitzt ein Journalist, der wegen eines normalen Gesprächs mit einem Rechtsanwalt im Iran in einem Foltergefängnis gequält wurde und es gibt nicht einmal eine Nachfrage, ob ihm unser Staat irgendwie geholfen hat! Ob er auf eine Wiedergutmachung- einen Schadenersatz- irgendetwas hoffen kann! Das finde ich auch nachwievor interessant: Haben Journalisten eine Versicherung, die sie dann auffängt- gilt Folter im Ausland als Arbeitsunfall?)

Es wurde kein Mensch eingeladen, der von seiner Familie misshandelt und gefangengehalten wurde. Es gab keine Erwähnung von der Scheiße, die sich gerade so schwer misshandelte- schockierte- traumatisierte Menschen, geben müssen, wenn ihnen Hilfen verwehrt bleiben. Die (für mich natürlich) offene Wunde mit der Therapiekostenfinanzierung von (komplex) traumatisierten Menschen, die schlicht und einfach weder bedarfsdeckend verfügbar noch zukunftsorientiert einforderbar ist… Die glänzende Zurückhaltung des Staates, wenn es um Entschädigungen der Opfer geht…

Wieder nicht aufgetaucht- obwohl es sich dabei um wichtige Teile der Lebensrealität von Menschen handelt, denen Furchtbares- Unvorstellbares- Unfassbares- Unaussprechbares angetan wurde.

Mein Eindruck von der Sendung war der, dass man viele der Fragen, die Herr Jauch in die Runde warf, auch hätte übersetzen können mit: “Wie wars denn? Sag doch mal! Ist doch jetzt alles vorbei- erzähl mal- Wie wars für dich- Was hast du gefühlt- Zeig und doch mal, was da so in dir war, dass du jetzt überhaupt noch lebst und hier so sitzt… Ja von mir aus sag halt auch, dass du ne Essstörung hast, abhängig bist und die Ziele die du dir gemacht hast, ad acta legen musstest- ja sag halt ruhig, dass du angeblich (ich klebte unter der Decke als der Jauch das sagte!) jede Nacht von deiner Gräuel träumst- ja von mir aus kannste mir auch noch sagen, dass du Einzelkämpferin bist… aber hey- ich will eigentlich nur wissen: Wie wars denn so- zeig doch mal was von deinem Elend!”. Und das, obwohl der Tenor eigentlich lautete sein Elend nicht zu zeigen, da dies in der Kategorie „Jammern“/ „Leiden“ verortet wurde!

Da sitzen sie und reden davon, dass sie die Gesellschaft nur als Opfer sehen will.
Und tun aber nichts dagegen, dass sie immer wieder nur genau deshalb in die Öffentlichkeit gelangen. Ich hätte lieber etwas über das Kinderkrankenhaus von Frau Kampusch erfahren und über das Leben von Herrn Erlemann oder die berufliche Gegenwart von Herrn Hellwig gehört, als ihnen dabei zu sehen zu müssen, wie sie sich ihre Phrasen, die sie über die klaffende Wortlosigkeit (keiner dieser Menschen hat sein Trauma verarbeitet- die sind alle noch auf dem Weg dahin!) geklebt haben, rausquetschten.
In einem Gespräch mit einem diffus voranschreitenden- aber eigentlich selbst vom Weg unwissenden Jauch.

Es war eine Sendung, die mich angeekelt hat.
Nicht weil sie offen verhöhnt hat oder die von Gewalt betroffenen Menschen dort in Positionen gedrängt hat, in denen sie eigentlich schon wieder zum Opfer gemacht wurden, sondern, weil das verhöhnende Element noch als tröstliche Schlussworte präsentiert wurden.
”Du bist nicht Opfer, wenn du Opfer bist- du kannst selber entscheiden, ob du drunter leidest und ins Leben zurück findest- es liegt alles in deiner Hand.”

Entschuldigung liebe Gesellschaft- aber das ist einfach nicht wahr!
Ich-Wir (einself- wer sich mitgemeint fühlen mag bitte gern) als Opfer möchten es euch auch so gern so einfach machen. Wären auch so gern so sehr unabhängig von Hilfen!
Wir wären so dankbar um Hilfe und Unterstützung, die einfach so käme, statt ewig und drei Tage darum zu betteln! Immer wieder und wieder zu betteln- so wie wir vor unseren Peinigern immer und immer zu betteln gezwungen waren.
Ja tut uns echt leid, dass unser Überleben als solches, nichts weiter beinhaltet, dass wir einfach noch SIND- ohne ausdrücken zu können, wie genau das passiert ist.
Ja, wir würden auch gern einfach nicht jammern. Weil wir aber nirgendwo wirklich jammern können- weil uns immer wieder alle (außer unsere echten (oft genug auch ohnmächtigen und sprachlosen) Helfer) sagen, man könne ja nicht immer jammern, quillt uns das einfach ab und an mal raus!

Wir bemühen uns so sehr (wieder) ins normale Leben zu kommen.429062_web_R_K_by_Michael Hirschka_pixelio.de
Doch wir wurden kaputt gemacht. Gebrochen. Zerstört. Und wenn man kaputt ist, wird man einfach nicht wieder so normal, wie man es hätte sein können, wäre man nie zerstört worden.

Hört auf uns vorzuheucheln, das ginge, “wenn wir uns nur…”

Hört auf uns vorzulügen, wir könnten alles was uns dabei helfen könnte kriegen, “wenn wir nur…”

Hört auf!

Lasst das einfach!

Hört auf Menschen das Gefühl zu geben, wenn sie sich auf eine Art unterwerfen und ausbeuten lassen,  wie Frau Kampusch, seien sie ein strahlendes Beispiel dafür, wie man richtig überlebt hat und richtig mit seinem Leiden umgeht.
Denn das ist einfach nicht wahr!

Hört auf Opfer im Fernsehen sagen zu lassen, es ginge ihnen so gut, weil sie sich nicht in die Opferrolle begeben haben.
Denn das ist einfach nicht wahr!

Der Rosenblätterhulk will Jauch abschaffen, weil er lügt und Lügen verbreitet und statt irgendwie in irgendeiner Form hilfreich, lehrreich oder sonst irgendwie sinnig zu sein, einfach nur dafür sorgt, dass die Masse doch wieder nur seine Vermeidungsblase zumachen kann, statt sich hinzustellen und mit den Überlebenden von Gewalt zu solidarisieren und eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Auf dass so eine Gewalt- so eine Not, schlicht keinen Nährboden mehr in unserer Mitte findet!