„Irgendwie ist sie ja schon cool!“, raunt die Feuerhaarige , die sich auf meinem Scheitel abstützt und durch meine Augen auf die Therapeutin schaut, die gerade sagte, es gäbe für sie keinerlei Grund den Antrag nicht endlich los zu schicken. „Guck dir das mal an“. Das Mädchen auf meinem Kopf patscht mit der flachen Hand auf mich und unterbricht mein leichtes Dämmern.
Ich mag dieses Thema nicht. Ich schäme mich nicht, aber es ist mir peinlich so über mich und uns zu reden. Ich tue, was ich immer tue, wenn der Blick auf mich und uns als Einsmensch so konkret ist und ich weiß, dass ich ihn mit allem, was ich sage, nur noch klarer, schärfer, gezielter mache: Ich sammle die Worte und legte sie extra langsam und bewusst vor mich. Wickle sie ein und gebe sie extra langsam in mein Denken hinein. Das beruhigt mich. Macht mich dämmern und wenig berührbar von diesem Blick.
Wie eine Quecksilberlache breitet sich die Stunde vor mir aus und während viele verschiedene Innens aus meinem Gesicht hervorbrechen um ihre Brocken und Bröckchen zu dem Thema in das Gespräch zu halten, wickelt sich mir eine Wörterkette um den Hals und zieht sich in ihrer Bewegung ins Außen immer weiter zu.
Ich bleibe sitzen. Stoße meine Fingerspitzen wie Widerhaken in den Rand der Dunkelbunten. Weiß, wie sie es nie zulassen würden, dass diese Kette das Außen berührt.
Meine Haut wird kalt. Ein Puls flattert wie ein Schmetterling unter der Haut an meinem Hals. Es rauscht als stünden wir in einem Sturm, doch kein Wind berührt mich.
Und dann ist es vorbei.
Ich schaue den Schuhen der Therapeutin in ihrem Auf und Ab zu. Frage mich, ob sie mich ansieht. Frage mich, was sie sieht. Frage mich, wie wirklich das ist, worüber wir sprechen.
„Sie haben den Antrag gelesen?“, ihre Stimme wankt der Therapeutin entgegen. Unschlüssig zwischen Erleichterung und unerwartetem Grund zur Angst. „Ja. Sollte ich das nicht?“, fragt sie.
Mir werden die Worte entrissen und die Löwin schleicht sich mit ihnen durchs hohe Gras, das in unserem Kopf raschelt und rauscht wie die Brandung unter einen hohen Felsklippe.
Sie müsste antworten „Nein, aber ja.“ doch sie beißt mit geschlossenen Augen in die Wortmassen und wirft sich damit zurück ins Gespräch.
Irgendwann habe ich mein Wort. „Unaufrichtig“.
Es schmiegt sich an meine Wange. Ist so nah, dass ich es selbst zu sein scheine. Ist soviel von mir, dass es fast schade ist, es in eine Kette hängen zu müssen, um es mit der Therapeutin zu teilen.
„Ich würde umknicken, wenn sie den Antrag ablehnen.“. Ich hebe die Hand und knicke sie nach hinten. „Ich könnte das nicht durchkämpfen, wenn …“, mir geht auf halben Weg die Kraft verloren und die andere findet vor meinen Füßen Platz. „Wenn die Krankenkasse irgendwas nicht zahlen würde oder sowas ähnliches – wäre das kein Ding. Da würden wir Kraft aufbringen können, weil Sie da ja auch mit dran hängen. Aber nur für uns allein und …“
Ihre Energie fühlt sich an wie ein Gerüst um mich herum. „Und ich habe doch kein Wissen, ob man sich auf Innenkinder verlassen kann. Es fühlt sich unaufrichtig an, etwas sagen und vertreten zu müssen, dessen man sich nicht sicher ist.“.
Ich fühle mich blutleer und lasse wieder los.
Mein Wort hängt in dem Raum wie ein Bleigewicht und ich nagle es fest. Ich habe keine Kraft mehr mich weiter zu beteiligen. Bin erschöpft und kann das Ziehen im Zwerchfell nicht weiter ausblenden.
Als wir die Praxis verlassen, fällt mir auf, dass die Therapeutin mit uns umgegangen ist wie sonst auch. Obwohl sie jetzt etwas über ES und DAS DA weiß. Und zwar von uns. Obwohl sie weiß, wie wacklig meine (unsere) Überzeugung, ob der Wahrhaftigkeit dessen ist.
Wir stopfen uns die Ohren mit Kopfhörern zu und drehen „Cello-Wars“ voll auf.
Tun so, als wären wir Raumschiffrennfahrer_innen, als wir uns durch die Weihnachtsmarktbesucher_innengruppen schlängeln, ohne die Ränderplatten der Fußgängerzone zu berühren und uns von den Lichtern blenden zu lassen.Von der Straßenbahn lassen wir aufnehmen und klettern durch die blonden Dreadlocks eines Skate-Menschen vor uns.
Als wir später im Bett liegen und dem Feenreigen über unserem Kopf in seinen Bewegungen folgen, seufzt das Mädchen mit dem Feuerhaar: „Das ist alles ganz schön krasser Scheiß, ey“.
Harry Potter quält sich mit der Frage, ob er vielleicht so wird wie Voldemort.
Er spürt Ähnlichkeiten, Verbindungen, bemerkt an sich fremdartig globale Aggressionen nachdem er Zeuge der Tötung eines seiner Mitschüler durch Voldemort wurde.
Well, das ist die Stelle, in der ich meine Brille gerade rücke und mich frage, warum es in der Zaubererwelt eigentlich eine Kenntnis von Wahnsinn und verwirrtem Verstand gibt, doch nicht von PTBS und Täter_innenintrojekten. Die Filme selbst verraten es mir.
Das Rezept ist Freundschaft, Liebe, ein Ziel für das sich zu kämpfen lohnt und die Erkenntnis, dass der frei umhermordende Täter sich durch Magie in den Kopf des Opfers genistet hat, um etwas davon zu haben.
Harry du alte Lusche – kontrolliere halt deinen Geist! Lass das nicht zu! Kämpf halt noch ein bisschen mehr. Retraumatisiere dich und lass uns das zum heldenhaften Kampf erklären.
Oh my.
Versteht mich nicht falsch – es ist nichts falsch daran sich um Freundschaft, Liebe und Ziele im Leben zu bemühen, wenn man schlimme Dinge erlebt hat. Es wird halt tricky, wenn die Person, die verantwortlich für diese schlimmen Dinge ist (oder war) zum immerwährendem und alles bestimmenden Zentrum im Leben der Person, die zum Opfer geworden ist, wird.
Da gibt es verschiedene Arten, wie sowas passiert.
Auf der einen Seite ist die Angst der Person, die zum Opfer wurde vor der Macht und der Person selbst, die die Integrität und Autonomie dieser Person verletzte, einschränkte und/oder zerstörte. Man kann nicht ignorieren, wovor man Angst – manchmal auch Todesangst – hat.
Viele Strategien gegen solche Ängste haben etwas mit Vermeidung oder Gewalt zu tun.
Vermeidung hat folgendes Problem: „Denk nicht an einen rosa Elefanten“ – Woran hast du gedacht? ba da bamm
Gewalt zeigt sich in Aktionen wie: „Dem zeig ichs jetzt“ – wem zeigst du jetzt mal und mit welcher Berechtigung? ba da bamm
Auf der anderen Seite sind die Freunde, Angehörigen, Verbündenten und die vereinigte Helfersfront auf Basis einer angenommenen Opfernot und Gerechtigkeitsstreben.
„Du musst kämpfen!“ – „Lass dich nicht unterkriegen!“ – „Wenn du jetzt aufgibst, hat di_er gewonnen!“ – „Si_er ist es nicht wert sich zu ärgern/zu grämen/schlecht zu fühlen/mit ihm_ihr zu befassen!“ – „Vertraue nur uns – dann bist du sicher!“
Da passieren gewaltvolle Ansagen und oft ist überdeutlich, wie schrecklich gut gemeint sie alle sind. Was will man dagegen sagen? Was kann man sagen, ohne den Kontakt zu gefährden? Wie viel Gegenrede ist in Ordnung? Wieviel Autonomie ist mit Hilfen und Unterstützungen vereinbar?
Häufig verändern sich Kontakte nach Gewalterfahrungen. Viele brechen weg.
Meistens, weil es schwierig ist miteinander zu reden und zwar mit sich selbst, seinem Empfinden und seinem Erleben im Zentrum und dem Ereignis im Kontext, das die Person, die eine Täterschaft zu verantworten hat, an genau dem einem Platz beinhaltet, der noch genug Raum für die Kontexte lässt, in denen sich diese Person bewegt (hat).
Sehr viele Menschen fangen an schreckliche Ereignisse und die Beteiligten zu versachlichen oder gänzlich zu abstrahieren. Deshalb schreiben wir zum Beispiel häufig von „DAS DA“ und „ES“ in unserem Leben.
Das Grauen wird dadurch für uns zwar fassbar (hey-es sind immerhin drei Worte!) und spiegelt doch sowohl die eigene Unfähigkeit nach einem Ereigniss, das jeden Erfahrungs(und Verarbeitungs)rahmen sprengt, es konkret zu erfassen (und zu verarbeiten), wie das Empfinden von Grenzen- und Raum- und Zeitlosigkeit, sowohl in der Situation selbst, als auch häufig genug noch darüber hinaus.
Wenn wir in Workshops sind, kommt die Frage öfter, was man denn richtiger machen könnte.
Gerade, wenn wir dann gerade lang und breit darüber gesprochen haben, welche Sprachführung nicht sinnvoll und am Ende sogar opferfeindlich ist.
Wir raten oft dazu sich selbst zu prüfen und zu schauen, was genau die Erfahrung der zum Opfer gewordenen Person mit einem selbst macht. Was genau wünscht man der Person und warum?
Wieso ist es wichtig, dass es ihr so schnell wie möglich wieder gut geht – ging es der Person vor dem Ereignis denn „gut“ oder erscheint es jetzt aktuell „gut“, weil es ihr nun sehr schlecht geht? Und wieviel Reflektionsleistung kann der Kontakt miteinander eigentlich aushalten?
Was zum Beispiel passiert, wenn man wie Harry Potter gleiche und ähnliche Eigenschaften an sich entdeckt, wie die Person, die einem schwere Nöte angetan hat?
Wenn wir in den Spiegel sehen, finden wir die Mutterfrau. Wenn wir uns dabei ertappen, wie wir uns an einen Türrahmen lehnen, erkennen wir das Warten des Vatermannes.
Wenn NakNak* zum x-ten Mal Katzenscheiße im Garten frisst, brandet ein gleißendes Wüten bis an die Wurzel meiner Zunge hoch und ich merke, wie ich sie verletzen will. Da ist kein Gedanke, keine Überzeugung, kein Wort hinter, das mir sagt:“Oh – hei ich bin ein Täterintrojekt und hier eine Gewalt zu wiederholen – mach mal Platz“.
Das ist pure Energie, die durch eine dumpfe noch nicht greifbare Erinnerung angestoßen wird – aber das wissen wir erst seit ein paar Jahren (NakNak* kam erst danach).
Zu Beginn hatten wir wenig bis keine Kompetenz diesen Energiestoß überhaupt zu erfassen, geschweige denn zu bremsen oder zu kontrollieren.
Das hat uns letztlich zu einer nicht tragbaren Jugendlichen gemacht. Wir waren ein böses Mädchen. Eine Gewalttäterin*. Klar musste man uns „ordentlich bestrafen“ – „so, dass wir es auch begreifen“ – „auf, dass wir nicht denken, wir wären wer“ und selbstverständlich musste man handeln, um sich selbst zu schützen.
Und während unser hochprofessionelles Außenrum uns behandelt hat wie der letzte Dreck, war alles in uns bestätigt, was uns erst zu Handlungen brachte, die uns zum „bösen Mädchen“ machten. Wer so böse ist, dass Erzieher_innen einem Privatsphäre, Ruhe und Unversehrtheit vorenthalten, di_er hat genau dies allem äußeren Anschein nach wohl auch nicht verdient.
Bis heute weiß ich nicht, wie wir je von allein auf die Idee hätten kommen sollen, dass dieses plötzliche Kippen in Selbst_Verletzung, Zerstören von Beziehungen, Ver_Bindungen und anderen Dingen, die uns wichtig sind, etwas mit den Übergriffen zu tun hatten, die wir erlebten und bis heute auf anderen Ebenen erleben.
Auch wenn es oft irgendwie schräg bis lächerlich klingt – bitte liebe Menschen – unterschätzt das nicht, wenn Menschen mehrfach diskriminiert sind und jeden Tag mit diversen Formen der Unterdrückung (Gewalt) konfrontiert sind. Es ist die gleiche Mechanik. Es sind die gleichen Muster. Es ist das verdammt noch mal immer und immer und immer Gleiche.
Auch wenn kein Blut fließt oder keine Strafanzeige erstattet werden kann. Auch dann!
Es frisst sich rein und bricht als Selbst_Zerstörung wieder raus.
Die Einen kotzen, hungern, schneiden sich auf – die Nächsten verletzen andere Menschen, machen Werbung auf Kosten anderer und wählen die AfD, während die Letzten vor lauter „denken sie nicht an…“ die Kunst des Eskapismus perfektionieren und aus allen Wolken fallen, wenn sie mit Menschen konfrontiert sind, denen Dinge geschahen, die unfassbar sind.
Manchmal isolieren sich Menschen, die Schlimmes erlebt haben, weil sie das Gefühl haben, dass sie niemand versteht. Dass niemanden ihren Kampf um Kontrolle versteht. Dass niemand ihre Angst versteht.
Und leider haben sie oft auch noch das Pech, dass sie wirklich nicht verstanden werden, weil die Personen drum herum auf Dinge achten oder von Umständen oder Empfindungen ausgehen, die nicht in den Personen wirken.
Herrje, wie oft Menschen uns für ein zartes Seelchen halten, das aber doch unfassbar stark sein muss, weil sonst hätte es ja nie überleben können.
Tse – wir haben überlebt, weil wir überlebt haben. Wir hätten auch das stärkste Menschlein auf der Welt sein können und unser Risiko zu sterben wäre gleich groß gewesen.
Wir verbinden mit unseren Gewalterfahrungen nicht solche Wabbeldinge wie Würde oder Ehre und wir fragen uns auch nicht, wer uns denn jetzt noch nehmen wollen würde.
Wir hängen uns oft an einem „hätte würde wenn“ auf, weil unser Zentrum nicht andere Menschen, wohl aber unsere Pläne in Abhängigkeit von anderen Menschen sind.
Das ist zum Beispiel , was das Finden von Triggern für uns sehr leicht macht – aber auch Aufhänger liefert, in denen wir uns in Gedankenkreiseln wieder finden, die sich damit befassen wie oft man hätte den linken Fuß auf dem Fußabtreter hätte reiben müssen, bevor man die Wohnungstür öffnete oder damit, welche Wörter wann wie warum genau falsch waren. Über solche Dinge denken wir stundenlang nach und machen uns darüber selbst Stress.
Und natürlich kann man wenig produktiv über andere Dinge nachdenken, wenn man solche Schleifen im Kopf hat, auf der Suche nach dem ultimativ sicheren Plan für immer und ewig, auf das nie wieder irgendjemand käme und uns verletzte.
Weil der ultimative Plan ja auch dafür sorgen würde, dass wir keine Gefahr darstellen – unabhängig davon, wieviel Täter_innenintrojekte in uns wüten und wieviele Monster an ihren Käfiggittern reißen.
Manchmal denke ich, dass die Annahme des eigenen Bösen in sich einfach genau das ist, was niemand von Ex-Opfern hören will.
Es ist so bequem davon auszugehen, dass eine Person immer und grundsätzlich gut ist, weil so der Umstand der Ungerechtigkeit der an ihr begangenen (Straf-)Tat stärker hervorsticht.
Als wären die Menschen vor dem Gesetz (und für manche Menschen auch: vor G’tt) nicht gleich.
Würde, Ehre, Gewollt sein – das hat alles mit der Gesellschaft zu tun, die für uns als Einsmensch irgendwie immer eher wie wissenschaftlich interessantes bis nervenaufreibendes Beiwerk an uns vorbei geblubbert ist. Wir haben die Erwartungen dieser Gesellschaft nie erfüllt und werden das vielleicht auch nie schaffen.
Für manche Menschen macht uns das zu einem Menschen, dessen erlebtes Unrecht nicht das gleiche Unrecht ist wie für eine Person, die ihr Leben lang beliebt unter „den Richtigen“ und „erfolgreich an der richtigen Stelle“ war. Glücklicherweise nicht für viele – aber für genug, dass ich mich daran erinnerte, als wir gerade „Harry Potter und der Orden des Phönix“ schauten.
Ich habe daran gedacht, wie ich mir vielleicht 2 – 3 Jahre früher jemanden gewünscht hätte, di_er mir erklärt, was Täter_innenintrojekte sind und was die Introjekte oder auch Innens sind, die mir helfen könnten mit ihnen so umzugehen, das weder wir noch andere Menschen unter ihnen leiden.
Und ich dachte, wie schade es ist, dass Harry nur zu hören bekam: „Mach deinen Geist frei“, statt: „Mach deinen Geist mit den Dingen voll, die das Böse in dir gleich groß wie alles andere in dir macht, denn es gehört auch zu dir.“
Ja, es ist keine Anklageschrift und es geht um Nachvollziehbarkeit. Ja ja.
Bla bla
Was ist mit mir? Was ist mit den Beweisen, die ich brauche?
Ich denke immer wieder an meine Eltern und denke was für ein mieses Schwein ich ihnen gegenüber bin. Weil sie mir nichts getan haben. Zumindest haben sie mir nicht DAS DA angetan.
Meine Therapeutin erklärt das Ganze mit der DIS. Weil ich es nicht erinnere, sagt sie, heißt es nicht, dass es nicht passiert ist.
Ich halte meinen Intellekt hoch und rolle mich hinter ihm ein. Sage, dass nur, weil ich eine DIS habe, nicht davon auszugehen ist, dass mir das passiert ist.
Mir fallen auf einen Schlag 5 Personen mit DIS ein, die nicht das erfahren haben, was als „sexueller Missbrauch“ bezeichnet wird. Und dann waren da noch die 1,5% der Fälle, in denen man überhaupt nie erfährt, was die DIS ausgelöst hat.
Und heimlich weiß ich, was ich für ein mieses Schwein gegenüber den Kinderinnens bin, deren Schmerz ich sehr wohl schon mal als etwas erlebt habe, was man gemeinhin „Erinnerung“ nennt.
Sehr wohl weiß ich darum, was an unserem Körper heute nicht so heil und funktional ist, wie an anderen Körpern, an denen sich kein Kopf mit Innens drin befindet.
Ich weiß das.
Aber das ist kein Beweis.
Das hat kein Gewicht.
Ich zähle nicht. Ich gelte nicht. Was ich erlebe und habe ist ‚ich selbst‘.
Jede_r würde durchdrehen und komische Probleme haben, wäre si_er ich.
Ich bin ansteckend, giftig, widerlich und das muss es auch geben. Deshalb gibt es mich und die CDU, Umweltverschmutzung und so etwas wie Steuerklärungen. Das muss es auch geben, weil wo kämen wir denn da hin? WIR SIND HIER SCHLIEßLICH NICHT BEI WÜNSCH DIR WAS
Ja.
So ist das.
Entschuldigen Sie mich jetzt bitte, ich muss mir den Kopf auswaschen.
Da hatte sich vorhin der Gedanke durchgeschlängelt, ich könnte irgendwie Näheres mit diesen Kinderinnens zu tun haben.
Erfahrungen mit der Therapieform DBT gemacht? Bitte beteiligen!
In den letzten Jahren wird die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) in Deutschland an immer mehr Orten angeboten. Studien zur DBT belaufen sich meistens auf Einschätzungen durch psychologische/medizinische Beurteilungen. Ein breites Meinungsbild von Seiten der Behandelten fehlt bisher.
Uns interessiert daher, was für Behandlungserfahrungen (ehemalige) Patient_innen mit der DBT gemacht haben.
herzlichen Dank
Alex Stern (mit Kristina Holler und Hjoerdis E. Wirth)
Mitglieder der AG “Therapie” des Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM)
Fragen und Anregungen bitte an die Verantwortlichen der Umfrage – den Blogartikel (oder den Umfragenlink)) bitte gern teilen
Die Tage in der Krisenstation sind als “5 Tage, in denen ich tot war” gespeichert.
Dabei waren wir insgesamt nur 4 Tage und ein paar Stunden da.
Mir ist das vorhin eingefallen, nachdem ich damit fertig war mich über ein E-Book zu ärgern, dass eine vollumfängliche Weisheit über “multiple Persönlichkeiten” für 4,99€ zu erzählen vermögen will.
Und die Benutzerbewertung, die eine Filmreferenz zu “Fight Club” anbringt. Und überhaupt.
Orr brech die Wurz aus ey.
Es ist ein Phänomen. Die Autist_innen müssen erzählen, dass sie nicht “Rainman” sind und Menschen mit DIS haben Angst vor der Konfrontation mit Filmen wie “Sibyl” oder Büchern wie “Die Leben des Billy Milligan”
Daneben die Frage, wieso das popkulturelle Halb(Viertel)(homöopathische Dosen)wissen es in die Menschenmassen schafft, die Realität hingegen oft nicht einmal kurz in jene paar Köpfe hineinkommt, die direkt mit den konkret betroffenen Personen zu tun haben.
Bevor wir wirklich nicht mehr konnten, hatten wir einen Anlauf zur Aufnahme in der Klinik unternommen und haben uns umentschieden, nachdem die speziell grundlegend falschen und nie etwas Gutes verheißenden Worte “ah – gespaltene Persönlichkeit!” im Erstgespräch fielen.
Es ist das Eine, wenn eine Assistenzärztin von komplexen Traumafolgestörungen* nicht so wirklich Ahnung hat – es ist das Andere, wenn da keine direkte Intervention passieren kann. Unsere Begleitung hatte auf unsere Begründung der Ablehnung “Die wissen hier nicht, was viele sein ist” geantwortet, dass wir das ja auch nicht erwarten könnten.
Glück für die Person, dass unser Körper da schon auf Beruhigungsmitteln war, was auch verhinderte, dass mir die Hand in ihr Gesicht wandert.
Einfach, weil das die falschestmögliche Ansage ist, wenn jemand in so einem massiv auch gefährdendem Setting, falsch bewortet wird.
Wir haben aus Gründen der Gewalterfahrungen in Klinikkontexten und einfach wegen des rosenblattschen Sprachknalls halt eine spezielle Empfindlichkeit für falsche Wortwahl – okay – aber: es ist IMMER IMMER IMMER von Ärzt_innen zu erwarten, dass sie eine_n mit der richtigen Diagnose beworten und entsprechend behandeln.
DAS IST ERWARTBAR.
Das ist so erwartbar, dass es kranke Leute dazu bringt zu Ärzten zu gehen und nicht zum nächsten Späti oder Blumenladen. Muss man sich mal vorstellen, was los wäre, wär es allgemein erwartbarer, dass Müllmänner besser Gliedmaßen eingipsen können, als Mediziner_innen.
Genau das ist aber im übertragenen Sinne das, was uns da jemand sagte und uns damit in genau die Überforderungsgefühle zurück triggerte, die letztlich unsere suizidale Krise mit ausgelöst hatten und zu einem gewissen Teil auch schon seit der Diagnosestellung in unserem Leben sind.
Mit einer DIS zu leben bedeutet so oft, mit etwas zu leben, dass niemand, der es kennen sollte, auch wirklich kennt.
Die behandelnden Mediziner_innen, die psychotherapeutisch Behandelnden, die pädagogisch Begleitenden. Die Notfallmediziner_innen, die einen von der Straße kratzen. Die Seelsorgenden. Die Lehrenden.
Die, mit denen man Bett und Wohnung, Nahrung und Leben teilt. Die mit denen man Themen und Leidenschaften teilt. Die, mit denen man Zeitrahmen in den Lauf der Dinge hängt.
Es bedeutet so oft doppelt und dreifach keine Erwartungen an das Umfeld und seine Menschen zu haben.
Weil Umfeld und Menschen noch nie wahrgenommen haben, was passierte, als man ein Baby, ein Kleinkind, ein Kindergarten- und Schulkind war. Als man die Pubertät durchschritt, erwachsen wurde.
Weil Umfeld und Menschen wie ein tumbe Masse in einem Paralleluniversum an einem vorbeigleiten. Und zwar nicht nur dann, wenn man tatsächlich depersonalisiert (also auf eine spezifische Art dissoziiert), sondern, weil es das Phänomen der sozialen Dissoziation gibt.
Und dann am Ende, wenn man mehr Klarheit über sich hat, weil andere Personen einem sagen, dass man auch keine Erwartungen dieses Umfeld zu richten hat.
Weil dieses Umfeld nicht dich anhört, um etwas über DIS zu hören, sondern special professionelle Glitzerleute, die weder kacken gehen noch mit Wasser kochen. Die sollens dann richten. Weil man ja weiß wie häufig so spezifisches Fachwissen ist und wie allgemein massenwirksam Einzelpersonen immer sein können.
Okay okay – ich höre jetzt auf mit dem Zynismus und gehe in die Realität zurück.
Fakt ist, dass wir bisher in jeder Notfallambulanz, die uns die Haut zugenäht hat, mit den Schlampignosen [rosenblattisch für “schlampige Arschlochdiagnose”] “Borderline” oder “histrionische Persönlichkeitsstörung” oder “akute Depression” auf dem Entlassungsbericht nach Hause gingen. Auch nachdem wir mitgeteilt hatten, entsprechend welcher Diagnose wir in Behandlung sind. Das Ausmaß der Ignoranz mit allen potenziellen Gefahren ist wohl auch ohne einen weiteren Kommentar von mir illustriert.
Und an der Stelle kommt der Ausbruch von mir, auf den Hannah schon gewartet hat.
Dieser unsägliche Dialog zwischen der Stationsärztin und unserer Therapeutin.
Ich zitiere uns selbst: Die Ärztin in der Krisenstation hatte ihr gesagt, es würde sie erstaunen, wie jemand, der so schwer krank ist bzw. so schwerwiegende Symptome hat, noch nie bei ihr auf der Station war. Und die Therapeutin hatte ihr geantwortet: “Frau Rosenblatt ist eben eine starke Frau.”.
Es ist so schade, dass unserer Therapeutin spontan nur das eingefallen ist und nicht so etwas wie: “Nun ja, bei dem derzeit allgemein leider eher zu erwartendem Behandlungsstandart in deutschen Krankenhäusern muss heutzutage noch immer jede Person mit einer komplexen Traumafolgestörung, wie Frau* Rosenblatt sie hat, leider leider so extrem weit runter mit Nerven und Kraft sein, dass der letzte Funken Selbsterhaltungstrieb nur noch die Einweisung auf Stationen, wie die, in der Sie arbeiten ist.” – an der Stelle hätte sie von mir aus auch drama-solidarisch aufseufzen können um zu vermitteln: “Aber was will man machen”, damit die Ärztin noch eine Option hat sich weniger angegriffen zu fühlen. Mangel und chronischen Notstand kennen sie ja nun einmal doch alle.
Aber nein – was ihr einfiel war der “sie ist so stark (sie hat so viel überlebt)”- Trope, den wir so schlicht nicht mehr auszuhalten gewillt sind, wann und wie auch immer der an uns herangetragen wird.
Nein, wir nicht stark, weil wir so viel ausgehalten und überlebt haben. Wir sind nicht stark. Wir sind nicht hart gesotten. Wir sind nicht mega krass überlebensfähig.
“Aushalten”, “überleben”, “hart gesotten sein”, mega krass “überlebensfähig zu sein” – das wurde und wird von uns so oft verlangt, dass wir viele geworden sind und auf bestimmten Ebenen sogar bleiben müssen!
Wir vermeiden medizinische Hilfen, weil sie uns Erinnerungen an Gewalterfahrungen triggern. Sei es mit Untersuchungsmethoden oder mit dem klar spürbaren Machtgefälle.
Wir gehen nicht zu Mediziner_innen, weil wir selbst als Patient_in so oft nicht so schwach, verletzt oder verletzbar sein dürfen, wie man es sein dürfen sollte. Wir gehen nicht zu Mediziner_innen, weil viele nicht wissen, welche spezifischen Erkrankungen auch Folgen wiederholter Misshandlung in der Kindheit sein können. Wir haben gelernt uns selbst klaffende Wunden zu tapen und zu nähen, weil selbst das besser auszuhalten ist, als semiinteressierte Pseudoberuhigungsgespräche darüber wie viel besser sich die dauernd wiederholende Kackscheiße in unserem Leben vielleicht eventuell mal entwickeln wird.
Wir haben nicht die Kraft dafür erschrockenen Leuten das Märchen von dem Mädchen zu erzählen, dass sich in die Freiheit gekämpft hat, nur damit sie was Schönes zum dran glauben haben, wenn sie der nächsten Frau ein “durch Treppensturz” blau geschlagenes Auge kühlen.
Merkt man das heute noch? Wie mies es eigentlich ist von “starken Persönlichkeiten, die sich rausgekämpft haben” zu sprechen, weil man damit automatisch und immer nach den “nicht starken, die durch Täter_innenhand gestorben sind” tritt?
Merkt das heute noch irgendwer außer denen, die darunter leiden, weil sie Angst haben, was passiert, wenn sie nicht mehr stark sein und/oder wirken können?
Irgendwie habe ich diese 4 Tage und paar Stunden genau des halb unter “ich war tot” gespeichert.
Weil ich nicht mehr war. Weil ich nicht mehr konnte. Nicht mehr denken. Nicht mehr aushalten. Nicht einmal mehr wütend sein, weil man dort keine Ahnung vom viele sein hatte und uns entsprechend behandelt hat. Weil das, was neben all dem, was unser Rosenblätterleben so anstrengend und unübersichtlich macht und hält – die Armut, die Abhängigkeiten, die immer wieder doch noch auftauchenden dissoziativen Amnesien, die Einsamkeit, das unkontrollierte Erinnern, das Leiden, das Trauern, das permanente Bedürfnis etwas zu sagen und doch nur reden zu können und das Wissen, dass es kein eigenständiges Unterbrechen von all dem gibt, außer sich zu töten – einfach nicht mehr zu er.tragen war.
Für 4 Tage und ein paar Stunden hab ich etwas fallen gelassen, was ich als “die starke kämpferische K.”, die immer wieder gern rangeholt wird, wenn es darum geht, das Leben dieses Einsmenschen zu retten und immer wieder durchzuhalten, festgehalten hab, seit mir die Therapeutin, die wir mit 16 hatten erklärte, was eine DIS ist und wie wichtig mein Festhalten ist.
Das ist ein beliebter Ansatz in der Therapie. Man macht die “starken Anteile” aus und macht ihnen klar wie wichtig sie sind. Wenn die Klient_innen dann auch noch eine tatsächliche Alltagsaufgabe für diese Anteile finden und etablieren können (Lohnarbeit, Familienleben, diverse soziale Interaktionsbereiche) kann sich eine stabile starke Ebene sowohl im Innern der Person als auch im Außen entwickeln.
Passiert über Jahre im Außen nichts und lastet aller Druck immer wieder nur auf einzelnen dieser Anteile, ist die Dekompensation abzusehen.
Das ist, was an den aktuellen und auch weniger aktuellen Büchern zur Traumatherapie (bei einer DIS bzw. allgemein dissoziativen Störungen) meiner Ansicht nach zu Recht kritisiert wird. Das Paradebeispiel ist allzuoft als cisweiblich, weiß, ca. 45 Jahre alt, im Berufsleben und Teil einer selbstgegründeten Familie beschrieben – ergo näher dran an der Möglichkeit eine solche stabile Ebene für sich zu realisieren. Privilegien, Baby!
Nicht non-binäry, of colour, Anfang 20 oder Mitte 70, alleinstehend und in Abhängigkeiten wie Hartz 4 oder (Früh-)Rente – ergo weit(er) davon entfernt sich so eine Ebene zu erschaffen. Diskriminierung, Baby!
Die auch für die Behandler_innen deprimierenden Beispiele werden im kleinsten Kreis diskutiert – wenn überhaupt.
Die psychotherapeutischen Behandlungen, die irgendwann mehr oder weniger erhaltungstherapeutischen Charakter haben, schaffen es nicht in die Literatur, die ermutigen und die Notwendigkeit von guter Traumatherapie für alle, die (komplex) traumatisiert wurden, überzeugen will.
Dafür gibt es sicherlich auch Gründe, die außerhalb meines Sichtfeldes liegen, aber für mich als Person mit DIS, die ihre Diagnose seit inzwischen 13 Jahren hat ist es, als würde mir eine Facette der Realität meiner Behandlungsprognose vorenthalten.
Ich habe schon ein Interesse daran zu erfahren, welche Faktoren ich selbst vielleicht noch mehr anstreben müsste, um meinen Behandlungsverlauf positiv zu beeinflussen, außerhalb dessen, was ich eben genau nicht beeinflussen kann.
Was ich wahrnehme ist, dass es immer mehr Behandler_innen gibt, die sich für die Gewaltformen hinter der DIS interessieren. Viele Menschen haben die Warum-Fragen in sich. Wollen die Mechanik der Gewalt verstehen und denken, um das zu können muss man einen Fokus auf die Täter_innen legen. Ihre Intensionen, ihre Ideen, ihre Sozialisierung.
Wieder reicht das, was die Personen, die zu Opfern wurden, sagen nicht aus. Wieder wird an der Stelle davon ausgegangen, zu Opfer gewordene Menschen, seien nicht in der Lage “richtig” einzuschätzen, was zu ihrem Leiden geführt hat.
Sicherlich muss man kritisch sein. Sicherlich gibt es auch genügend gewaltkulturelle, wie gewalterfahrungsbegründete Einflüsse, welche die Perspektiven der betroffenen Menschen verschiebt.
Und natürlich ist “Die Täter_innen waren einfach miese Arschlöcher”, was für manche ehemalige Opfer ein total hilfreiches Schlußfazit ist, alles andere, als eine umfassende Betrachtung von Gewalt-Dynamiken. Aber solche Ansagen sind Teil dieser Dynamiken und somit in jedem Fall auch relevant.
Es scheint einen Trend dahin zu geben, sich über die Gewalt auszutauschen und dafür konkret Betroffene zu suchen, die sich willig als “Aussteiger_innen” bezeichnen und ihre Folgeschäden mehr oder weniger präsentieren lassen, um dann die “Ich war so stark – ich hab mir nix mehr gefallen lassen und mich befreit!”- Legende zu erzählen.
Sozialpolitische Bemühungen, Vereinsarbeiten, quasi-wissenschaftliche Arbeiten von konkret betroffenen Personen geraten dabei aus dem Fokus.
Es ist, als würde man mit jeder Veranstaltung zu ritueller Gewalt, organisierter Gewalt – jedem Aufklären wollen über das, was eine DIS zur Folge haben kann, bei dem auch ehemalige Opfer sprechen dürfen, eine neue, aktuellere Version von einem Film gedreht, vor dem man sich als Mensch mit DIS später fürchtet.
Beziehungsweise, vor dem ich mich fürchte.
Das Blog von Vielen ist entstanden, weil ein Mitmensch nicht verstanden hat, dass wir nicht “so eine wie die in Höllenleben” sind. Der Kontakt ging später auch genau daran kaputt: ich wurde von der Person zum Gradmesser eines Wahrheitsgehaltes von Filmen und Büchern gemacht und nicht als ich neben vielen anderen ichs in einem Menschen gesehen.
Die Person hat unsere innere Struktur zu einer chaotischen Kopf-WG gemacht, darauf gewartet, dass wir in nie offiziell gelernten Fremdsprachen sprechen und heimlich irgendwie sowas wie Kung-Fu-Meister sein könnten. Unsere Kleidung wurde bedeutet, unsere unterschiedlichen Haltungen und Interaktionsmuster wurden exotisiert und alles, was wir uns erarbeitet oder sonst wie hart angeeignet haben, wurde auf unsere Vielheit oder Stärke oder Überlebenswillen zurückgeführt.
Wir hatten damals noch keine Ahnung, dass man mal schauen könnte, ob Menschen mit DIS bloggen oder aktivistisch unterwegs sind. Außer Foren, in denen man einander erzählte wie krass schlecht es einem grad geht und sich zu keinem anderen Thema zu äußern traut, hatten wir nur noch eine Selbsthilfegruppe, die sich selbst eher zum ausgelagerten Ressourcenflauschcliquending entwickelt hat.
Für uns war es lange normal keinerlei Erwartungen an eine Kenntnis von realer DIS an Menschen zu richten. Bis wir gemerkt haben, wieviel gefährlicher Bullshit dadurch Raum bekommt und wie sehr dadurch Deutungshoheiten von sowohl sogenannten, als auch wirklich professionell und sorgfältig arbeitenden Behandler_innen verfestigt wird, anstatt hier und da kritisch hinterfragt zu werden.
Wie dieses unsägliche Buch mit 18 Seiten, das auch von Betroffenen beworben wurde, anstatt eine Linkliste von anderen Betroffenen anzulegen, anstatt sich zu vernetzen, anstatt auf Beratungsangebote, Fachliteratur, eigene Texte und Innenansichten zu linken.
Es gibt Seiten zu DIS im Netz, die mir wirklich Bauchschmerzen und Kopfzerbrechen bereiten, weil sie so oft Gewalt reproduzieren, ihre Stimmen abgeben und durch massenhaft zitierte Bücherweisheiten ersetzen und keinerlei erwachsenes, reflektiertes, fundiertes Profil erahnen lassen.
Daneben gibt es diese Vermeidungstänze der Pseudodebatte um die Echtheit von DIS, die Echtheit der geschilderten Gewalt und die Wahrhaftigkeit des Grauens an sich.
Nichts davon macht, dass man als in welcher Form auch immer vom Thema berührte Person, wirklich mehr Hilfen bekommt. Oder mehr Kenntnis in der Allgemeinheit über DIS und komplexe Traumafolgen allgemein entsteht.
Was es macht sind dichotome Stereotypen, wie sie unsere Gesellschaft hegt und pflegt, um sich zu unterhalten und abzugrenzen, statt sich zu widmen und zu engagieren.
Es macht, dass man sich als konkret Betroffene von dort fernhält, wo man Hilfe bekommen könnte.
Es macht, dass man 4 Tage tot ist und sich dann auf eine Art neu für sein Leben entscheiden muss, wie es andere Menschen nicht tun müssen.
Es macht ein Schweigen, das neben der Sprachlosigkeit, die die Gewalt mit sich bringt, überhaupt nicht auffällt.
Und das ist das Problem.
Immer wenn ich die Treppen zu unserer Neurologin hochsteige tue ich das, um hinauszuzögern, dort anzukommen.
Es gibt auch einen Fahrstuhl. In den springe ich hinein und halte die Luft an, bis ich oben bin, wenn es nur um ein Rezept geht. Das ist wie Pflaster abreißen. Tut fast gar nicht weh. Ist völlig harmlos.
Gestern stieg ich die Treppen hinauf und hörte das Blut in meinen Ohren, wie den Wellengang, den ich mir für dieses Jahr am Meer zu hören gewünscht hatte.
Ich stand in dieser Gischt und wühlte nach Worten, stierte in das weiße Rauschen hinein, um die Wörter, die ich gleich hinausgeben wollte wenigstens zu erahnen.
Und wieder nichts. Seit Tagen ist da so viel Nichts in meinem Kopf und in mir selbst, dass ich mich wie einen Fleischbeutel voller Nichts von der Schulter eines Hipsterg’ttes herunterbaumelnd empfinde.
Ich brauche lange bis die Worte vor mir auftauchen, erst im Sprechen kann ich an das Gefühl herankommen zu wissen, was ich eigentlich sagen will und am Ende sitze ich da und werde vom ersten Landen einer Träne auf meinen Schoß erschreckt.
Dieses blöde Geheule. Das so gar nichts bringt und Kraft kostet, die für andere Dinge gebraucht wird.
Und daneben der Dialog von dem uns die Therapeutin erzählt hat.
Die Ärztin in der Krisenstation hatte ihr gesagt, es würde sie erstaunen, wie jemand der so schwer krank ist bzw. so schwerwiegende Symptome hat, noch nie bei ihr auf der Station war. Und die Therapeutin hatte ihr geantwortet: “Frau Rosenblatt ist eben eine starke Frau.”.
Und daneben der Tobsuchtsanfall über diesen Dialog, der es nicht schafft durch die Wattewand der Medikamente zu kommen.
Die Neurologin glaubt nicht, dass die Sprechprobleme von den Medikamenten kommen und wir glauben nicht, dass in uns Programme laufen oder wir dauergetriggert sind. Wir ziehen unsere Erfahrungen mit Neuroleptika heran, unter denen es immer auch eine Verschärfung der allgemein immer bestehenden Schwierigkeiten der Kommunikation gab. Sie beruft sich wahrscheinlich auf ihre Erfahrungen der Behandlung von Menschen mit unseren Problemen.
Es gibt kein Einzelergebnis. Es gibt eine Vielheit von Optionen des Umgangs.
Und als wir die Tür hinter uns schließen knallt über dem Kopf die Gefängnistür wieder zu. Stille. Rauschen. Flirren. So wenig wir und so viel Angst vor dem was ist, war und könnte, würde, wenn.
Am Abend sitze ich auf dem Bett und versuche ein buntes Mobile fertig zu basteln, das über unserem Bett hängen soll. Daneben warten wir auf einen Anruf und als er kommt, gibt es das Gefühl von einem Sein ins nächste zu schlüpfen und währenddessen auszurutschen.
Nun stellen wir also doch einen Antrag auf Geld aus dem Fonds für Personen, die – nein ich will das nicht ausschreiben. Die Formulierung ist so falsch – alles daran ist so falsch.
Ich warte auf einen Moment, in dem es so okay ist, wie es sich anfühlen sollte und merke doch nur den Gedanken: “Du wirst gerade angesprochen, als sei wahr, was du sagst. Ist dir das klar du verlogenes Stück Scheiße?!”.
Ich schaue dem Gedanken ins Gesicht und halte meinen Blick bis er in ein so provozierendes Starren übergeht, dass es mich zerreißt.
Ich stehe neben jemandem, der versucht zu schauen, was gut zu bean.tragen ist. Schäme mich dafür, wie teuer die Sachen sind. Schäme mich, weil es so tut als könnten wir irgendwas. Als wäre es nicht alles Zufall, hingepfuscht, rumgetrickst und so fadenscheinig, dass uns immer wieder leid tut, wenn jemand Gefallen daran findet.
Tröstlich ist, dass es anderthalb Jahre dauert, bis die Leistungen, sollten sie bewilligt werden, ausgezahlt werden. Beängstigend ist, dass es anderthalb Jahre dauert.
Ich habe Angst über folgende Wochen nachzudenken, weil ich mir nicht zutraue sie zu leben und tue jetzt etwas, das in anderthalb Jahren Wirkung haben soll. Könnte. Wenn.
Und während ich sehe, woran ich scheitere, weil ich einfach nicht mehr kann; einfach am Ende mit Nerven, Kraft, Herzblut und Kontakt zum eigenen Sein bin, dreht sich die Welt weiter und ich kratze eine Rille in sie hinein, weil ich starr, stumm, still innehalte aus Angst vor all dem hätte würde wenn, das meine Überlegungen, was wir wie verändern könnten, wie einen Ball auf stürmischer See hin und her wirft.
“Sie machen nichts falsch”, sagt die Neurologin.
“Sie kommen einfach her, wir trinken Tee und ich bin da.”, sagt die Therapeutin.
Und beide reißen damit etwas auf, was noch viel mehr Angst macht, als das unbeholfene Füllen dessen, was man das eigene Leben nennen soll: die Idee, dass man okay sein könnte in Bezug auf etwas und jemanden in dieser Welt.
Die letzte Therapiestunde war eine Art Showdown.
Zum Einen, weil es die dritte Stunde war, in der die Therapeutin vermittelte, sie sähe sich hilflos vor unserer Krise und zum Anderen, weil wir uns erneut die innere Härte legitimiert haben, uns vom Außen zu lösen.
Da kommen dann die Erkenntnisse darum, für andere Menschen wahrscheinlich einfach nur ein Schleifstein gewesen zu sein, an dem man sich so lange reibt, bis man sich wieder seinen eigenen Fähigkeiten widmen kann. Für andere Menschen in seiner Arbeit bloßes Mittel zum Zweck zu sein und keine ehrliche Solidarität erwarten zu können.
Und daneben all die Menschen, die nicht merken, wie sehr es schmerzt, wenn einem aus ganz viel gutem Willen heraus die eigene Ohnmacht vermittelt wird.
Ich habe in den letzten Tagen so oft “Ja, aber er/sie hat es doch nicht böse gemeint…” oder auch “Ja, aber er/sie konnte vielleicht nicht anders, weil …” gehört, dass ich mich bis auf die Knochen aufgeschlitzt und brennend sehe.
Es ist der Umstand, dass ich davor übrig bleibe. Dass es nicht darum geht meine Not zu lindern, sondern ihre Entstehung zu erklären und mir darüber zu vermitteln, mein Gefühl sei falsch, weil die Situation nicht entstanden ist, um mich zu ärgern. Das Verstehen soll mich trösten und wenn ich verstehe und doch noch Schmerzen habe, bin ich wohl überempfindlich, unnachgiebig, nachtragend, bockig. Vielleicht therapieresistent.
Ich denke immer wieder darüber nach, warum ich gerade so darum kämpfen muss einfach meinen Schmerz anerkannt zu bekommen. Warum ich immer wieder 3 Schritte weiter verortet werde, als jemand, der Erwartungen an die Menschen und Abläufe des Alltags richtet und wie ein schmollendes Kind behandelt werden darf, wenn ich äußere, dass es noch immer weh tut.
Das ist etwas, das mich an der Therapiestunde verletzt hat. Die Interpretation unseres Leidens als Enttäuschung vom Leben.
Als hätten wir Erwartungen an das Leben, die noch zu enttäuschen sind. Als würden wir unsere Tage damit beginnen, Ansprüche zu verfolgen und Erwartungen erfüllt zu bekommen.
Und nicht damit, einfach irgendwie zurecht zu kommen, Absprachen unberührt zu lassen, Zeug zu tun, das man zugesichert hat.
Am Ende der Stunde war klar, dass jemand die Erlaubnis erhält den Körper zu schneiden und, dass dies ein Akt ist, den wir brauchen, um zu spüren, dass wir das Außen nicht brauchen. Um ganz klar und immer wieder zu spüren, dass der Schmerz in uns wirklich ist – auch dann, wenn er vom Außen negiert und irgendwo anders verortet wird.
Wir sind also nach Hause gefahren und haben die Stunde zwischen Therapie und Fotokurs damit verbracht uns selbst zu verletzen, aber den Rahmen um dieses Verhalten herum nicht zu zerstören.
Mir ist aufgefallen, dass manch ein Schnitt auch aussehen kann, wie ein geöffneter Mund, was wiederum das selbstverletzende Verhalten zu einer Art selbsterschafften Mündigkeit transformiert. Es ist als würde man sich zusätzlich zu seinem Mund auf den niemand hört, beliebig viele Münder mehr in den Körper schnitzen und damit seine Gewinnchancen in der Anhörungslotterie erhöhen.
Später im Fotokurs sprachen wir über Francesca Woodman. Eine Fotografin, die sich mit 22 Jahren und nach viel großartiger Arbeit für den Suizid entschied. Der Lehrer sagte, es sei ihm immer so unverständlich, wie so junge Leute sich für den Tod entscheiden. Vor allem Menschen, die in jungen Jahren so großartige Sachen erschaffen. Die so sichtbare Talente haben und darin auch anerkannt werden.
Bei alten Menschen, die sich schon 20, 30 Jahre lang gequält haben, sei es ja noch verständlicher, aber…
Ich saß da und dachte, wie ignorierend bis ignorant mein Lehrer spricht. Wo er seine Berechtigung hernimmt darüber zu urteilen welcher Schmerz Grund genug für die Entscheidungen von anderen Menschen sind. Und warum er überhaupt denkt, beurteilen zu müssen, wann welche Entscheidungen richtig sind oder falsch. Und daneben das Übliche: der schmerzliche Stich, wenn man merkt, dass jemand Talent und Begabung gut findet, aber unterschlägt, was es bedeutet, bestimmte Dinge zu können, die eine Mehrheit der Menschen nicht kann.
Ja verdammt, die Einsamkeit der Begabten ist eine kalte, graue, unfassbar schmerzhafte. Es ist eine Einsamkeit, die von Anerkennung nicht weggeht. Es ist ein Schmerz, der über die Erkenntnis der Besonderheit nicht nachlässt.
Und zum Teufel ja, die gleiche Einsamkeit entsteht, wenn man arm ist und versteht warum das so ist. Wenn man behindert ist, wie wird und weiß, warum das so ist. Wenn man überlebt hat, woran andere starben und versteht warum. Es ist kein Trost zu verstehen, dass es dabei nicht um einen selbst als Person geht, sondern um Kontexte, die einen objektifizieren.
Verdammt – warum sollte es mich trösten ein bloßes Objekt zu sein? Was daran, soll ich als tröstlich empfinden?!
Dass ich egal bin für diese Kontexte? Dass es nicht nur in mir, sondern auch in den Kontexten, in denen ich mich bewege, so etwas wie eine subjektive Einsheit nicht gibt? Es soll mich trösten, dass ich auch nicht sein könnte?
Warum ist dann meine Nähe zum Suizid so eine verwerfliche?
Ich durchbrach das Gespräch über die Fotografin mit der Bitte ins Fotolabor zu dürfen.
Später sagte ich meinem Lehrer, dass ich vor kurzem wegen einer suizidalen Krise im Krankenhaus war. Dass mein komischer Gang, das unwillkürliche Überstrecken der Finger von dem neuen Medikament kommt. Er nickte und fragte, ob es denn jetzt wieder okay wäre.
Ich sagte ihm, dass es einfach verdammt weh tut zu sein. Obwohl ich weiß, dass das eine dieser awkward Hannah-Antworten ist, die noch nie irgendjemand wirklich so verstanden hat, wie ich sie meine. Aber es war mir egal.
Ich hatte einfach keine Kraft dafür ihm zu erklären, dass ES noch nie okay war und vielleicht auch nie okay wird.
Ich habe keine Kraft mehr für die Menschen um mich herum und ihre Ohnmacht, die sie so verzweifelt vermeidungstanzen, dass sie mich zertreten.
Und ich habe keine Bereitschaft mehr sie dafür zu entschuldigen. Es tröstet mich nicht, zu merken, wie viel Angst andere Menschen vor dem Mitfühlen meines Leidens haben.
Es tröstet mich nicht im Geringsten. Es tut einfach nur weh und wirft uns genau in die Alleinsamkeit, in der es eben gut tut sich zu schneiden und sich einzubilden, der Druck des Verbandes wäre in Wahrheit ein Etwasjemand, der einem direkt dort, wo der Schmerz ist, Halt gibt.
Daneben ist es auch die Alleinsamkeit, in der wir pur sind. Brachial. Wüst. Wirr. Weder offen und weich, noch empfänglich und nachgiebig.
Es ist der vielleicht ehrlichste Zustand um sich auszudrücken und Worte zu finden. Vielleicht das einzige Moment, die eigene Essenz als wahrhaftig zu er_leben.
“Sie sind viel zu aktiv für ihre Krankheit”, resümiert meine gesetzliche Betreuerin, nachdem wir gemeinsam festgestellt haben, dass mein Leben eine ökonomische und bürokratische Katastrophe ist, die man nicht mit Arbeit entsprechend unserer Kräfte und bestem Willen verändern kann.
“Und was sagt ihre gesetzliche Betreuerin dazu, dass Sie von – wieviel waren das? 150? 100? Euro leben und arbeiten?”, fragt meine Therapeutin 28 Stunden später und statt mir die Kleider vom Leib zu reißen und in einem weißglühenden Atompilz die ganze Welt zu sprengen, antworte ich: “Sie sagt: “Sie sind viel zu aktiv für ihre Krankheit.”, dabei ist es das Logischste, was man mit meiner “Krankheit” tut.”.
Ich sage ihr, dass meine Tage damit beginnen mich zu spüren und es Stunden dauert bis mir das nicht mehr weh tut. Ich kläre sie darüber auf, dass das Muster, das der Mensch mit Autismus assoziiert und sie mit einem inneren System, etwas ist, dass wir alle haben.
Ich sitze da mit dem Rücken an der Heizung und reiße von mir runter, was mir der Blick anderer Menschen auf mich draufklebt. Zwischendurch bemerke ich den Stich des Absurden, weil ich weiß, dass wir eigentlich die Verabredung haben, dass wir uns in ihrem Raum nicht selbst verletzen oder zerstören.
Es ist absurd, weil ich merke, wie unsichtbar mein Leiden tatsächlich ist. Unsichtbar und fern der Welt, weil es in mir und an meinem Sein passiert.
Im Innen rastet etwas ein, dass mich in der Annahme versichert, jederzeit verschwinden zu können ohne, dass auch nur irgendjemand verstanden hat warum.
Was bliebe sind Fragen wie: “Was ist denn passiert?”
und Antworten wie: “Sie hatte Behördenschulden und kein gutes Leben.”
Und nicht das Begreifen der Tragweite, die das Aushalten der eigenen Seins, des Nichtwissens um ein eigenes Selbst, das Tragen der Gewalt- und Traumafolgen an sich und schon gar nicht die stetige Inkompatibilität und die permanente Unverbindbarkeit mit der Welt darstellt.
Man würde von uns als eine Person sprechen. Als eine Frau, die sich für viele hielt. Man würde uns misgendern, man würde uns falsch zitieren. Man würde sich uns nehmen und so zurecht reißen, wie es selbst am Besten tröstet.
Obwohl wir seit Jahren hier schreiben. Obwohl wir seit Jahren immer wieder das Gleiche sagen. Obwohl wir seit Jahren so ein special Sonderfallproblemrotz an der Schuhsohle von Sozialsystem und Rettungslobby sind. Nervig, aber da. Anstrengend, aber doch das perfekte Beispiel für die Notwendigkeit von spezifischem Engagement und by the way die Ressource, die man verpassen könnte, obwohl sie doch gut zu be_nutzen sein könnte.
Wir sind immer gut zu wissen. Es lohnt sich uns zu kennen, weil es erschütternd und beinahe unerträglich die eigene Comfortzone berührend ist. Leider ist es genauso unerträglich sich mit uns zu verbinden, denn so richtig integrierbar ist es dann doch nicht. Spätestens bei der Frage, wie das denn gehen soll, ist das zu spüren.
Aber wir sind ja da und das ist ja immer gut zu wissen, denn wer weiß, wozu es mal noch gut ist, uns zu kennen.
Vielleicht braucht man mal jemanden, der einem was zeichnet, was aufschreibt, was erklärt, ein Tier rettet oder eine Wohnungseinrichtung zusammenzimmert. Vielleicht braucht man irgendwann mal wieder so einen erfrischenden Schock, der einem das Weltbild zurechtrückt und die eigenen Privilegien ins Bewusstsein ruft.
Ich weiß nicht, ob irgendjemandem klar ist, dass wir leiden und genau deshalb irgendwie relevant für Menschen in bestimmten Situationen, Lebenslagen und Weltbildern sind.
Ich weiß nicht, ob meiner gesetzlichen Betreuerin klar ist, dass sie mir auf eine Art gesagt hat: “Es wäre besser, wenn sie sterben, weil das System mit ihrem Tod besser umgehen kann.”.
“Wir sehen uns am Donnerstag”, sagt die Therapeutin und ich antworte noch im Verbrennen “Okay.”.
“Sie machen also richtig Ferien”, fragt die Therapeutin in den Raum hinein. Ich betrachte die Frage in ihrem Flug an die Stirn des Kinderinnens, das vor ihr sitzt und möchte mich tot lachen, als dieses nickt.
You say „Ferien“ I say „Hartz4–Alltag“. You think „Ausruhen“ – I think „FUCK OFF“
Das Gespräch verwandelt sich zu einem entleerenden Frage-Antwort – Ping Pong und ich lasse los.
Weil Ferien sind und es egal ist, wie es uns nach der Stunde geht. So oder so gehen wir nach Hause, schlucken die zweite Zahnschmerztablette, lesen, teilen, zeichnen, bearbeiten Fotos, rangieren Not von links nach rechts, gehen mit dem Hund raus, kochen, schauen YouTube-Filme und schlafen ein, wenn die Frühschicht zur Arbeit fährt.
Es ist nichts da, was macht, dass es uns so geht.
Ich bin einfach traurig. Ich leide einfach und es gibt nichts, was das abkürzen könnte.
So ist Depression.
Keine Wörter, keine Gründe, die man wie ein Ursache-Folge-Spiel zusammenkonstruieren kann.
Es war halt viel und es war halt viel Scheiße und es wird auch später noch viel Scheiße da sein.
In zwei drei vier … Tagen, Wochen, Monaten werde ich weniger drunter leiden.
Kein Grund irgendwas zu sagen. Kein Anlass irgendwas zu teilen.
Keine Rechtfertigung um etwas zu bitten.
Es würde nichts verändern.
Ob ich traurig bin, weiß nicht.
Wütend? Keine Ahnung.
Ich dachte lange, meine Unsicherheit in Bezug auf mein emotionales Empfinden, hinge damit zusammen, dass ich es immer dissoziiere oder, dass ich ein intellektualisierender Mensch bin. So sage ich erst, dass ich traurig bin, ich wenn ich die Situation auf Marker für Traurigkeit untersucht habe. Ich benenne meinen schnellen Puls und das Ziehen im Zwerchfell, erst dann als Wut, wenn ich eine Ungerechtigkeit, einen Wortbruch oder sinnlose Zerstörung wahrgenommen habe. Beschämung und Demütigung berührt mich, weil ich die Umstände, die mich beschämen in aller Regel nicht verändern kann, was mich ohnmächtig macht, was wiederum ein allgemeiner Marker für Verzweiflung und Wut ist.
Spontan in mir auftauchend habe ich das nicht auf diese Art.
Meine spontanen Empfindungen sind “Thiiii” oder “Gnah” oder “Hrgm” oder “Oharr”. Je nach Melodie sortiere ich sie dann in eventuelle Wut, Trauer, Unwohlsein oder Fröhlichkeit und prüfe darauf hin meine Umgebung.
Im Moment frage ich mich, ob ich nicht vielleicht doch eine Art eiskaltes Herz bin.
Ich benutze Menschen. Das ist nichts Neues und die Menschen, die mit mir arbeiten, wissen das. Manche glauben mir das nicht und sind gekränkt, wenn sie irgendwann feststellen, dass ich sie nicht angelogen habe, weil sie mir aus ihrer Kränkung heraus nicht mehr vorwerfen können, ich hätte sie angelogen und glauben lassen, es wäre mir ausschließlich um sie gegangen.
Niemand mit der_dem wir näher zu tun haben, hat von uns noch nicht gehört, dass wir komisch mit Menschen sind. Dass wir uns als Freundin nicht eignen und, dass wir sie vergessen, wenn wir nicht regelmäßig mit ihnen zu tun haben.
Und dazu kommt, dass uns nicht geglaubt wird, wenn wir sagen, dass uns die Menschen selbst in aller Regel egal* sind, weil sie allein uns nicht reizen. Es gibt viele Dinge um Menschen herum, die uns reizen und beschäftigen, weil wir sie nicht verstehen, oder wir die Lässigkeit mit der sich manche Menschen auch mit unsinnigstem Zeug befassen nicht nachvollziehen können zum Beispiel.
Es gibt auch viele Dynamiken, die uns nicht gefallen und die wir für die Menschen gerne verändern, weil wir Handlungsoptionen sehen. Aber wären diese Dinge, um die Menschen herum nicht da, würden wir uns nicht mit ihnen befassen.
Ich habe eine Idee von der Kränkung, die damit einhergeht zu wissen, dass es mir im Kontakt nicht um den Menschen selbst geht, kann sie aber gleichsam nicht nachvollziehen. Gerade dann nicht, wenn ich von Anfang an sage, dass es so ist. Solche Kränkungen sind nicht rational genug für mich.
Vor ein paar Monaten haben wir gemerkt, dass wir uns an die Therapeutin gebunden haben. Dass unser Zutrauen zu ihr eine Ebene hat, die fremd ist.
Da hatten wir zum ersten Mal reflektiert, dass unsere noch am Einfachsten funktionierenden Beziehungen die zu unseren Therapeut_innen waren, weil die beiderseitige Be_Nutzung immanent ist. Wir brauchen uns nicht daran aufreiben Angst davor zu haben, dass wir die Therapeutin vergessen, weil sie sich schon auch mal selbst um den Kontakt zu uns bemühen wird. Wir brauchen keine Angst davor haben, dass eine Kränkung von uns in ihr auf eine Art vor sich hin wirkt, dass sie uns wegtreten muss, weil sie so etwas an sich zu reflektieren und zu kompensieren geübt ist.
Unsere Therapeutin braucht uns nicht und die einzige Dynamik, die uns um sie als Mensch herum reizt, ist ihre Arbeit an/mit uns.
Ich denke, dass unsere Performance mit Menschen umzugehen zu wenig einbezieht, auf irrationales und radikal destruktives Handeln einzugehen.
Da gibt es nur das Schockdissoziieren, das uns den Moment überstehen lässt und reaktives Erfassen der Gesamtlage mit allen Komponenten, Dynamiken und inneren Mechaniken. Man streitet sich nicht gern mit mir, weil ich das, was ich sehe, meistens auch noch mitteile, weil ich in aller Regel das Moment verpasse, an dem meine Schilderungen als von den Menschen selbst losgelöst angehört werden können.
Ehrlich gesagt habe ich diesen Punkt noch nie erwischt und werde ihn vermutlich auch nie erwischen, weil radikal destruktiv handelnde Personen in einem irrationalen Modus sind, der keine Kapazitäten für mein – nun ja – intellektuelles Geschwafel detailliertes Erklären meiner Sicht der Dinge, übrig lässt. Aber eine andere Art der Reaktion ist schlicht (noch) nicht in unserem Repertoire.
Klar schimpfen wir auch mal zurück, aber befriedigend ist das eher selten, weil ich meistens schon noch merke, was ich da für einen Quatsch sage.
Hat man sich eigentlich mal Gedanken darüber gemacht, warum ausgerechnet “Arschloch” beleidigen soll? Eigentlich ist es doch ein sehr wichtiges Körperteil – alle sollten froh sein eins zu haben und sich das Wort vielleicht eher in einem anerkennenden und wohlwollenden Kontext sagen.
Wir haben uns gestern überlegt, dass wir in Zukunft mit Dingen beleidigen könnten, die wirklich nicht toll sind. Sowas wie “Du Wurst mit 4 E-Stoffen drin!” oder “Du Sackgasse ohne Wendemöglichkeit!” Aber da merke ich wieder, wie wenig meine Sicht der Dinge passt. Niemand würde sich so beschämt fühlen wie ich, würde si_er von mir damit beleidigt.
Und dann ist da ja noch Versöhnung und Verzeihen. Oder Buße und Erbarmen.
Ich habe meistens keinen Anlass dazu, weil ich in so ziemlich allen Konflikten eher eine ganze Palette von logischen Folgen sehe (wenn ich sie denn sehen darf in einer Aussprache oder einer gemeinsamen Reflektion), als eine Palette von Schuldaspekten, derer man sich durch Buße, Sühne oder Entschuldigung entledigen muss. Schuld ist heutzutage reichlich irrational, wenn man sich außerhalb juristischer oder religiöser Kontexte bewegt.
Meine These: In Wahrheit weiß heute niemand mehr wirklich was Schuld ist und hält die verzerrte Kopie eines wahrhaft schuldhaften Aktes einer anderen Person für Schuld.
Die Irrationalität beginnt einfach schon genau damit, Schuld trotzdem zu benutzen. Auch wenn man eigentlich nicht weiß, was das ist und es keinerlei konkreten Konsequenzrahmen im Zivilleben dafür gibt. Wer mit Schuld arbeitet, macht sich zum Richter und das ist Gewalt. Wer sich in Schuldgefühlen wähnt, eröffnet eine Falle für jeden Mitmenschen über sich zu richten, ob die Menschen das wollen oder nicht. Auch das ist Gewalt.
Wir schweben nach Konflikten immer etwas desorientiert herum, weil wir uns nicht mit Schuldgefühlen oder Buße tun beschäftigen. Es gibt keinen Grund sich zu entschuldigen, denn Schuld können wir nicht sehen. Es gibt keinen Grund zur Trauer, denn wirklich verloren hat man nichts. Es gibt keinen Grund zur Wut, denn ohnmächtig im Schock sind wir ja nicht geblieben.
Eigentlich gibt es nur die Option zu merken:
“Ja Hannah, du bist ein wirklich awkwarder Mensch”.
Und das ist ja nun nicht wirklich neu.
Hm.
Es geht weiter. Alternativen sind gefunden, Wege werden gegangen, um sie irgendwann als Weg bezeichnen zu können.
Das Multiple lässt sich nicht aufhalten. Es windet sich entlang von Brüchen, fasert sich auf und umhüllt die Lücken mit zarten Strängen eines Ich.
Nichts ist so tragfähig wie das Ich in Menschen, die sich selbst haben retten müssen.
Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur gehen öfter Jahre verloren, Lebensqualitäten und Erfahrungen jeder Art flöten, weil sie selbst in der Reflektion einzig das spezifisch produzierte Ich über ihren Brüchen sehen können.
Ich bin schuld. Ich bin falsch.
Hätte ich, würde ich, könnte ich