der „Ich bin erwachsen“-Kniff

Ich bin kein Fan von Komplexitätsreduktion.
Es gibt Dinge, die sind komplex, und sie zu verhandeln, als wären sie eigentlich ganz einfach, ist für mich falsch, weil es die Dinge falsch macht, wenn sie nicht vollständig sind. Kleiner, großer, vielleicht der für meine Mitmenschen nervigste Autiquirk an mir.
Gleichzeitig habe ich kürzlich an mir selbst etwas bemerkt, das mit einer unbemerkt übernommenen Abkürzung zu tun hat.
– mein Konzept von Erwachsensein.

Ich habe in den vergangenen Wochen mehrere Erfahrungen gemacht, die mich an vielen verschiedenen Stellen gleichzeitig gefordert haben. Weil es so viele waren, konnte ich mich immer erst hinterher wirklich damit befassen, was und wie ich da eigentlich erlebte. Soweit so üblich für mich.
Dann passierte etwas sehr Belastendes und das, was ich in den Wochen zuvor tat, funktionierte nicht. Was hatte ich getan? – Mich daran erinnert, dass ich erwachsen bin. Und damit die Abkürzung genommen, die ich nehme, seit ich volljährig bin:
Ich bin erwachsen – ich kann bestimmen. Ich bin erwachsen – ich bin unabhängig. Ich bin erwachsen – ich bin kein Kind. Ich bin erwachsen – ich brauche nichts, was ein Kind braucht, so dringend, wie es ein Kind braucht.

Diese Bewusstmachung ist wichtig in meinem Leben. Ganz klar. Meistens ist meine Erinnerung an mein Erwachsensein wichtig für mich, um bestimmte Regeln, die ich in meiner gewaltvollen Herkunftsfamilie als Kind aufgestellt habe, hinterfragen zu können. Etwa Regeln darüber, wann ich warum widersprechen darf oder wie ich bestimmte Alltagshandlungen gestalte.
Manchmal hingegen ist es eine Abkürzung. Eine alltagsverschleierte Dissoziationshilfe. Denn mein Erwachsensein richtet sich immer gegen meine kindlichen oder jugendlichen Anteile. Wo ich bin, ist Erwachsensein – und nichts anderes. Eine unglückselige Verbindung, die ich in einigen Jahren Traumatherapie eingeübt habe, um Flashbacks oder intrusives (Wieder-)Erleben oder Erinnern zu beenden oder die (von traumareaktiver Dynamik bestimmter) Beziehung zu meinen Behandler-, Unterstützer- oder Helfer_innen zu sichern.

Die Erfahrungen, die ich in letzter Zeit gemacht habe, haben fast immer auch viele andere Innere von mir angesprochen. Und immer habe ich das Bewusstsein um mein Erwachsensein benutzt, um mich sowohl mit dem Geschehen assoziiert, als auch von meinen inneren Vorgängen dissoziiert zu halten. Obwohl es nicht immer nötig war. Es war einfach nur leichter für mich.
So leicht und selbst.bewusst durch die Erfahrungen zu gehen, ermöglichte mir, so gut zu funktionieren, dass sich niemand noch mehr Sorgen gemacht hat. Denn wirklich niemand war unbesorgt um mich, das habe ich gespürt. Alle haben Anteil genommen, alle haben mir Hilfe angeboten. Zuhören, da sein, mitfühlen, ablenken, trösten … Ich hätte mit der gesamten Palette meines inneren Geschehens aufschlagen können und mein Netz hätte gegriffen.
Allein ich wäre darunter vielleicht nicht mehr zurechtgekommen. Denn ich bin ja nicht diese Palette. Ich bin ja nicht die Anderen. Ich bin ja erwachsen. Ich bin reguliert. Ich kann über die Dinge nachdenken. Ich kann sie reflektieren, analysieren und häufig auch kontrollieren. Ich bin die Hilfe, die Unterstützung für andere, und daher selten in der Situation des Hilfebedarfs im Sinne einer Abhängigkeit oder Angewiesenheit. In der Situation leide ich also auch überhaupt nicht darunter, selbstständig oder allein damit zu sein. Auf meine dissoziative Strategie zurückzugreifen, ist daher tatsächlich eher eine Effizienzentscheidung als ein aus Leiden provozierter Reflex, wie es die traumabedingte Dissoziation ist.
Und das ist die Stelle, an der sich die Komplexität des Er.Lebens mit DIS zeigt.

Für mich ist es eine Entscheidung zum Erwachsensein, meine traumatisierten kindlichen und jugendlichen Anteile zu dissoziieren. Es ist ein Verhalten von mir, das ich steuern kann. Ich kann mir sagen: „Jetzt bin ich nicht ich (verwirrt und immer ängstlich), jetzt bin ich erwachsen (klar geordnet und orientiert in der Realität)“ und feine DBT-Skills anwenden, um mich schneller oder langsamer in die Dissoziation rein- oder wieder rauszubringen. Ich habe jahrelang unter therapeutischer Aufsicht trainiert, Flashbacks hinter erwachsener Selbstbeherrschung zu maskieren. Und sehr schnell verstanden, dass kindliche oder jugendliche Impulse zwar nicht so grundsätzlich schlecht und gefährlich sind, wie ich sie damals empfand – aber schon lieber gerne irgendwie nicht so wirklich präsent sein sollten. Aber irgendwie auch doch. Manchmal. Unter Bedingungen, die mir bis heute nicht so klar sind, wie ich es brauche. In Umständen, die bestenfalls sicher sind durch Aspekte, die mir ebenfalls noch nicht so klar sind.

Gleichzeitig habe ich gar nicht so viel Kontrolle über meine reflexhafte Dissoziation. Wenn der Traumatrigger greift, greift er richtig. Und dann sind es kindliche Interpretationen aufgrund von traumatischen Erfahrungen, die meine Einschätzung und mein Handeln in einer Situation bestimmen. Und die gesamte innere Palette an Gefühlen und Gedanken, Traumawahrheiten und Logiken, die Gewalt und Leid legitim erscheinen lassen, entwickelt ganz eigene, zuweilen undurchschaubare oder auch nicht so leicht nachvollziehbare Dynamiken. Sowohl in sich selbst als auch mit dem Außen, also anderen Menschen.
In solchen Momenten ist meine Performance von Erwachsensein lächerlich ineffizient. Sie ist eine Lüge, die ich gerne wahr hätte, weil ich annehme, dass ich dann auch damit fertig werden würde, was mit mir passiert. Denn mit mehr als solcherart Annahmen ist Erwachsensein für mich gar nicht gefüllt. Wäre der Begriff für mich mit mehr als allgemeiner Handlungskompetenz, Klarheit und Bestimmungsrechten gefüllt, wäre er zu komplex, um mir eine Abkürzung, eine Dissoziationsbrücke, bieten zu können.

Umso heftiger traf mich die Erkenntnis, trotz aller Neigung zur Vervollständigung und einer grundsätzlich positiven Haltung gegenüber komplexen Sachverhalten, eine so unreflektierte und teilweise auch unkritische Akzeptanz dieser Unvollständigkeit zu haben.
Nach etwas mehr Auseinandersetzung damit, konnte ich jedoch auch eine Idee davon entwickeln, woraus sich diese Akzeptanz ergibt, und das war erneut das Konfliktfeld zu meinem Inneren.

Mein Zug in die Dissoziation ergibt sich immer und in allen Aspekten aus kindlichen Traumareaktionen und traumabedingten Überzeugungen (Traumawahrheiten bzw. Traumalogik). Und das, bevor ich die Chance habe, wie Menschen ohne DIS, auf kindliche Alltags- und Selbsterfahrungen zurückzugreifen.
Jeder erwachsene Mensch grenzt sich von sich selbst als Kind ab. Das ist normal und richtig so. Aber Abgrenzung ist nicht so umfassend wie Ablehnung und auch nicht so verlustreich wie Dissoziation. Abgrenzung zum früheren Kindsein führt dazu, dass man sich auch im hohen Alter noch jung fühlen kann. Dass man die eigene kindliche Neugier und diverse Freuden jederzeit in verschiedenen Alltagssituationen (wieder)erleben kann. Dass man konfrontiert mit neuen Erfahrungen noch weiß, was als Kind (und Jugendliche_r und junger erwachsener Mensch) geholfen hat, sie zu integrieren.
Ablehnung führt zu Scham. Zu Versteck- und Anpassungsbestrebungen. Dazu, dass man sich abwehrend gegenüber diversen Regungen, die mit Kindlich- oder Jugendlichkeit assoziiert sind, verhält. Kommt dazu noch Trauma, wird Vermeidung wichtig.
Und Dissoziation im Zusammenhang mit Trauma führt je nach Umfang zu einem Flickenteppich aus allem gleichzeitig. Hier Scham und Vermeidung, da allgemeine nicht näher bestimmbare Ablehnung, dort Ängste nicht näher definierbarer Herkunft, hier grenzenlos verwirrender Mischmasch der Meinung, Haltung und Emotionen zu unkontrollierbar auftauchenden Aspekten und Impulsfragmenten.
Für mich bedeutet das: Meine Kindlichkeit ist weitgehend überhaupt nicht korrekt erfass- und klärbar für mich. Ich kann überhaupt nicht wissen, wo meine Abgrenzung zum Erwachsensein angemessen ist und wo nicht. Ich kann mich aktuell gar nicht wahrhaft abgrenzen – ich kann mich nur (ab)dissoziiieren. Und das wiederum macht meinen kleinen Erwachsensein-Trick so … naja, in letzter Instanz einfach kindlich. Es ist der gleiche traumareaktive Kniff wie: „Ich bin die Große, ich kann das (aushalten, ertragen, so machen, wie die_r Täter_in das von mir erwartet, will, einfordert, mir abzwingt).“

Und das ist gar nicht mal so ’ne angenehme Selbsterkenntnis, ehrlich gesagt.

gebrauchte Grenzen

„Test ist da. Ich hab COVID.“
Eine Messengernachricht von meinem Mann. Am Dienstag. Mittags. Während ich mich durch meine Halsschmerzen hindurch in den zweiten Arbeitstag nach fast 8 Wochen Unterbrechung quetsche. Als hätte es mein Burn-out nie gegeben, als hätte mein Körper aktuell nicht alle Ruhe und Sanftheit der Welt nötig.
Als auch mein Test positiv war, brach für mich wieder alles in sich zusammen.
Meine Idee vom achtsameren Wiedereinstieg, meine Tagespläne, die ihn mir erleichtern, die so mühsam zurückeroberte Kochroutine, den Rhythmus von Pausen und Arbeiten bedarfsgerecht zu halten und auch die neuerliche Hoffnung auf eine Schwangerschaft. Alles kaputt. Keine Ruhe, keine Zeit der Sorglosigkeit außerhalb der Arbeit.

Am Ende war der Verlauf nicht so schlimm wie beim letzten Mal.
Und doch genauso belastend. Denn auch dieses Mal war ich in beständiger Sorge um meinen Mann und bin es noch. Während ich nach einer Woche wieder fit für geisttötende Arbeit am Computer bin, ist mein Mann noch krankgeschrieben und hustet mit seiner inflexiblen Lunge an Schleimbröckchen herum.
Und noch etwas beschäftigt mich, während ich in Trauer um meinen Embryo im Bett liege, als hätte ich ein echtes Kind verloren, und meine fiebrige Stirn kühle: die Frage, was ich eigentlich schaffen kann, wenn ich meine Grenzen ernstnehme. Und was das aus mir macht. Wo es für mich hingehen soll im Leben. Was ist, wenn da einfach nie ein Kind kommt. Und welche Grenzen ich in welchem Leben eigentlich wirklich brauche.

Es gibt die Phasen, in denen ich mich in einem Freilichtmuseum sitzen sehe, wo ich Strickwolle aus Floof herstelle oder Einkorn in einer Steinschale mahle. Oder meinem Lebenswunsch nach der Wanderung von Kreta nach Spitzbergen folge. Oder Katzenwelpen päpple oder Igel versorge. Messiwohnungen sortiere oder nachhaltige Häuser entwerfe. Seminare zu Trauma und Folgen gebe und Menschen zuhöre. Unterarmdicke Wälzer zu Gewalt und Gesellschaft durcharbeite und eigene Theorien ausformuliere. Die Projekte, in denen ich arbeite, mit einer guten und sicheren IT ausstatte. Manuskripte prüfe oder Bücher setze. Ein eigenes tiny Einsiedel im Selbstversorgergarten mit Katzenbesuch und sookieartigem Hund baue und jeden Winter ein neues Buch schreibe. Tagsüber mit meiner Kamera unterwegs bin und abends in der Dunkelkammer werkle.

In diesen Visionen sehe ich nie, wie ich die Arbeit anfange und aufhöre. Wie ich mir dann Frühstück, Mittag, Abendbrot mache und meine Wäsche wasche oder im Arbeitszimmer staubsauge. Die ganze Logistik des täglichen Lebens fehlt in meinen Überlegungen, und mir ist  auch absolut klar, warum. Diese Alltagslogistik ist bis heute weitgehend dissoziiert in mir, während sie auch gesellschaftlich für die meisten Menschen eher abstrakt und unbewusst ist. Wir hätten keine Debatte über Mental Load oder unbezahlte Carearbeit, wäre das anders.

Ich habe bis heute nicht durchgehend die Fähig- und Fertigkeiten, um dissoziatives Wegdriften im Alltag zu verhindern. An manchen Tagen beginnt die sensorische Überreizung mit dem Aufmachen meiner Augen – noch vor irgendeinem Traumatrigger oder Gedanken an eine Belastung. Das sind die Tage, an denen ich rate, ob ich gewaschen und gepflegt bin; meinen Körper auf Hunger- und andere Bedarfszeichen abscannen und mich in die Vernunft zwingen muss, Termine abzusagen. Einfach weil ich nicht weiß, wie gut meine Grundversorgung gelaufen ist. Weil ich weiß, dass ich inzwischen zwar nicht mehr sofort Krampfanfälle bekomme, wenn ich mal ein bisschen übers Limit gegangen bin, aber im Grunde nach wie vor keinen blassen Dunst davon habe, was mein Limit eigentlich ist.

Und dann sind da noch die vielen kleinen Traumasprengsätze im sozialen Leben unter anderen Menschen. Im letzten halben Jahr war ich in einen Konflikt verwickelt, der mit wochen-, teils auch monatelangem Warten auf kommunikative Interaktion einherging. Was mir dermaßen viel Kraft geraubt hat, weil ich mich ständig aktiv reorientieren musste, obwohl es keinen akuten äußeren Auslöser (also Kontakt mit der Person) gab. Weil ich so viel mit so vielen unterschiedlichen Menschen sprechen musste, um diesen Kraftfresser (neben anderen) überhaupt erst als triggernd zu identifizieren. Allein das – so eine ganz objektiv betrachtet: Lappalie – kann ich bis heute nicht verarbeiten und in mein Leben integrieren, ohne bewusst und gezielt dafür zu arbeiten.
Und Konflikte sind dafür noch ein sehr eindeutiges Beispiel.

Viel häufiger noch habe ich es mit der Frage zu tun: „Was wird hier erwartet – dieses alles oder DIESES alles? Das alles, in dem ich mich verliere, weil ich versuche, alles richtig zu machen, weil ich die Person mag oder es für die Arbeit erforderlich ist oder es einfach cool von mir wäre?
Oder DIESES alles, in dem ich eine seelische Entbeinung erlebe, weil ich weder weiß, was alles genau sein soll, noch wozu, und deshalb nur verlieren kann, was wiederum alles bis hin zu akuter Lebensbedrohung zur Folge haben kann?“
Der Eigenverantwortung nachzukommen, über wirklich jede soziale Interaktion und Kommunikation in meinem Lebensumfeld das Raster der Realitätsüberprüfung zu legen, ist eine große Herausforderung für mich. Besonders dann, wenn es um soziale Situationen geht, in denen ich ebenfalls alleinverantwortlich mein autistisches Verarbeiten von Sprache kompensieren muss. Also parallel zur Traumareorientierung auch noch, möglichst schnell und unbemerkt vom Gegenüber, damit es sich weder verletzt noch ignoriert fühlt, übersetzen und analysieren muss.

Der Begleitermensch hat mir in unserer gemeinsamen Zeit oft gesagt, dass ich auch ohne Lohnarbeit extrem viel mehr arbeite, als die meisten anderen Menschen, einfach um diese gewisse Baseline des Alltags zu halten.
Als er das zum ersten Mal gesagt hat, hätte ich heulen können, weil ich mich so gesehen fühlte. Später heulte ich dann tatsächlich oft, einfach, weil sich in dieser Arbeit gesehen zu fühlen, überhaupt nicht dabei hilft, sie jeden Tag zu schaffen. Geschweige denn, sich von den Ansprüchen anderer Menschen und auch unserer Gesellschaft nach noch mehr als nur dem Schaffen einer Baseline, abzugrenzen.
Und dann war da ja noch dieses Narzissmus-Thema.
Diese Situation, an deren Ende ich erst durch einen Klinikabschlussbericht nach 3 katastrophal überanstrengenden Wochen in einer Tagesklinik, verstand, dass meine Grenzen zu kommunizieren für andere Menschen auch so wirken kann, als würde ich meine Grenzen für wichtiger halten als die von anderen Menschen. Und also mich selbst für besser und wichtiger als andere Menschen halte. Das Ereignis war bereits als Behandlungserfahrung massiv retraumatisierend. Da hätte ich noch so fit und stabil an mir reorientieren können, diese umfassende Missachtungserfahrung hat nie nicht verletzend und mich negativ beeinflussend sein können. Dazu war mein Verhältnis zu mir und meinen persönlichen Limits einfach viel zu dissoziiert. Ich konnte nur traumalogisch annehmen, dass meine Grenzen nicht da waren, wo ich sie wahrnahm und kommunikativ markierte, sondern da, wo sie die Behandlerin damals festgeschrieben hat.
Meine bereits damals bestehenden Ängste, missverstanden zu werden oder Eindrücke von mir als Person zu vermitteln, die ich nicht vermitteln möchte, wurden um dieses Ding erweitert. Ich muss bis heute noch eine Stufe mehr schaffen, eine Arbeit mehr leisten, um nicht entweder sprechstarr oder traumareaktiv im Kontakt zu sein, sondern wach, orientiert, fokussiert und korrekt übersetzend. All das in dem Wissen, dass ich mir diese Arbeit auferlege, um die Grenzen anderer Menschen nicht zu verletzen, während meine schon in dem Moment irrelevant werden, wenn ich sie als traumalogisch begründet oder aufgrund meiner Behinderung entstanden erkenne. Und zwar nicht von meinen Mitmenschen, sondern ganz allein mir.

Denn auch das gehört zur Wahrheit von Therapie im Leben nach dem Trauma und mit Behinderung: Alles, was davon kommt, gehört kompensiert oder überwunden beziehungsweise mindestens mal in Funktion und Wirkung verstanden und umfassend reflektiert.
Klar reden wir auch von liebevoller Anerkennung und Dankbarkeit. Und üben Akte der Würdigung. Aber seien wir ehrlich – am Ende ist es doch einfach geil, wenn weder Trauma noch Behinderung großartig beim Leben stören. Da sind sich wohl alle Menschen einig.

Nach einem komplett entgrenzten Juli musste ich anerkennen, dass ich tatsächlich niemals allein leben sollte. Ich bin nicht in der Lage, mich selbst zu organisieren, mein Handeln zu strukturieren und meine Baseline als solche überhaupt im Bewusstsein zu haben, wenn ich keinen äußeren Anreiz durch andere Menschen oder Tiere sowie eindeutige Vorgaben zur Reaktion habe. Ich würde auf lange Sicht verhungern, Krankheiten entwickeln, Verletzungen nicht bemerken oder fremde Gefahrensituationen nicht adäquat beantworten – aber voll konzentriert auf etwas sein.
Meine Grenzen, meine Limits und meine Baseline, werde ich also immer als etwas behandeln müssen, das andere Menschen und die Belastungen, die damit für mich entstehen, beinhaltet, wenn ich lange und unversehrt leben möchte.
Eine Realität, die ich zum Kotzen finde, denn ganz authentisch in mir drin, würde ich lieber einfach ganz allein mit mir sein. Nicht weil ich andere Menschen in Wahrheit kacke finde oder gruselig oder gefährlich. Oder weils mir zu anstrengend ist. Manchmal (inzwischen sogar meistens) ist es ja ganz toll für mich. Aber es gibt da immer diese Kluft, diesen immer offenen Spalt, weil ich meine Grenzen und die von anderen Menschen nie nahtlos aneinandergelegt bekomme. Und selbst wenn es mir mal leicht fällt darüber hinwegzugehen – ich einfach immer und immer und immer und immer drüber hinweggehen muss. Weil es einfach kein Leben, keine gemeinsame Realität ohne diesen Schritt von mir zu anderen Menschen hin gibt. Und damit gewissermaßen auch kein Leben ohne einen gewissen Grad von Selbstaufgabe, ohne Verzicht auf die Ausentwicklung meiner ganz eigenen Kultur, meines ganz ungestörten Selbsts.

Aus Erfahrung weiß ich, dass ich diese Dinge nicht schreiben kann, ohne dass sich meine Freund_innen von Absätzen wie diesen betroffen fühlen. Oder persönlich benannt fühlen. Ich weiß, dass ich allen nach der Lektüre sagen muss: Nein, es geht dabei nicht um dich. Du bist gut und richtig, so wie du bist. Worauf ich mich da beziehe, ist eine Ebene, auf der wir nicht miteinander zu tun haben. Die ich dir nicht beschreiben kann. Auch wenn wir sonst alles teilen. Wir vieles voneinander mitkriegen.
Dass ich das so empfinde, ist auch überhaupt keine Aussage über die Qualität unseres Kontaktes oder meiner Aufrichtigkeit im Kontakt. Es ist viel mehr eine Aussage darüber, wie wichtig du mir als Resonanzpunkt außerhalb von mir bist. Sowohl für mein Überleben, aber auch in Bezug auf mein Anliegen, meine Lebendigkeit zu gestalten. Ich gehe diesen Extraschritt nicht, weil ich muss, sondern weil er von einem von uns beiden zu machen ist. Und ich gehe ihn auf dich zu, weil ich lieber ganz ohne mich mit dir sein will, als ganz mit mir, aber ohne Bezug zu dem, was meine Lebendigkeit in diesem Universum kontextualisiert und bedeutsam macht.

Das Thema ist komplex.
Ich habe noch nicht mal darüber geschrieben, wie easy ich mich aufs Opfermitleid drauflegen könnte. So nach dem Motto: „Ich hab genug gelitten, jetzt zählt nur noch, was ich vom Leben will und das ist … schlafen, essen, ausscheiden, es warm und sicher haben sowie Spaß und Liebe nach meinem Begehr haben – aufstampf, Tür knall, warten, wer mir das ermöglicht, weil sie_r denkt, ich hätte das doch mehr als verdient.“
Oder wie es dem Staat, der mich nicht geschützt hat, gegenüber nur fair wäre, wenn ich ihn jetzt einfach komplett und für immer auffordere, meinen Lebensunterhalt angemessen zu finanzieren, sodass ich wirklich einfach komplett whatever whenever machen kann.

Die Anfangsfrage ist für mich weiterhin nicht abschließend beantwortet.
Vielleicht ist sie auch einfach zentraler Bestandteil des Lebens. Vielleicht kann man sie sich immer nur situativ beantworten. Vielleicht denke ich das aber auch nur, weil es das ist, was ich gerade tun kann und es ganz gern hab, wenn ich Dinge tun kann.
Wer weiß.

Gleichzeitigkeiten

Manchmal sind es Gleichzeitigkeiten, die es mir schwer machen, Auslöser für Traumareaktionen und meine eigenen Fehlschlüsse zu erkennen, obwohl sie mit nur ein wenig veränderter Perspektive unübersehbar sind.
Gleichzeitigkeiten in der Bedeutung von Dingen, um genau zu sein.

Erklärender Ausschwiff, was ich damit meine:
Dass man auch „Verbrenner“ zu bestimmten Autos sagt. Da hatte ich mal eine einigermaßen fürchterliche Zeit, weil ich Verbrennungsvorgänge im Zusammenhang mit Autos nicht vereinbar mit der üblichen Funktionsweise eines Autos empfand. Wenn ein Auto verbrennt, fährt man nicht damit, denn das wäre potenziell tödlich.
Dann habe ich gelernt: Die Fahrzeuge nennt man „Verbrenner“, weil sie im Motor etwas verbrennen, um zu fahren.
Was ich aber brauchte, um eine unfassbare Angst während des Autofahrens nicht mehr zu haben, war eine Einordnung darüber, dass man in einem „Verbrenner“ – ja – in einem Auto sitzt, in dem es brennt (genauer: es einen Verbrennungsvorgang gibt), aber nein – das Auto deshalb nicht automatisch eine Feuerfalle wird, wenn man zu lange damit fährt.
Ja, nein, man macht nicht deshalb eine Rast an Raststätten. Ja, nein, wenn „der Motor überhitzt“, ist das kein erstes Zeichen für eine unkontrollierte Verbrennung, sondern eins für fehlerhafte Kühlung. Ja, wenn die Sonne stark auf die Metallkarosserie scheint, wird sie sehr heiß, aber, nein, der Kraftstoff im Auto kann deshalb weder ausdünsten und wie Gas im Auto entflammt werden – vom Zündschlüssel, den man in das Auto steckt – noch von der Hitze entzündet werden.

Die Gleichzeitigkeit ist in dem Beispiel sowohl die Bedeutung des Wortes, als auch der Schlüsse, die ich damals gezogen hatte. Ich war kein irrational bockiges Kind, das rumspinnt und sich aus Lust am Horror in ein absolutes Katastrophenszenario reinsteigert. Ich habe aus den mir vorliegenden Informationen etwas geschlossen und eine absolut logisch nachvollziehbare Todesangst gehabt, die ich – anders als die Erwachsenen in meinem Leben – weder mit Erfahrungswissen konfrontieren noch mit Vertrauen in meine Bezugspersonen beruhigen konnte.
Bei dem Auto-Feuer-Thema war informierende Differenzierung wichtig, gerade weil es stimmt, dass mit dem Autofahren Feuergefahren bestehen, nur eben nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Ähnliche Differenzierungsbedarfe habe ich bis heute, wenn es um Trigger für traumareaktives Verhalten geht. Nur dass das noch insofern einen weiteren Komplikationsgrad hat, als dass mir meine eigenen Schlüsse aufgrund der strukturellen Dissoziation nicht immer gleich bewusst sind.

Ich habe jetzt den Auslöser für meinen Rückfall in die Essstörung gefunden.
It’s a classic. Drohender Kontrollverlust aufgrund meines aktuellen BMI während meiner Schwangerschaft und unter der Geburt
Für mich mit meinem medizinisch vorbelasteten Autibrain eine absolut klare Kiste: Mediziner *innen haben ihre Werttabellen und daran orientieren sie sich. Punkt. Keine Diskussion. Meine Selbstbestimmung der hill, auf dem ich alleine sterben gelassen werde, weil natürlich niemand jemals wirksam gegen das widerspricht, wozu Ärzt *innen raten. Würde mir ein *e Behandler *in sagen, dass mein BMI irgendetwas nicht zulässt, würde mir niemand beistehen. Ich wäre alleine. Mit einem ausgesprochenen Risiko, das mich vielleicht noch nicht einmal wirklich betrifft, weil der BMI einfach viel mehr zur Messung sozio-ökonomischer und anderer sozialer Diskriminierungsfaktoren taugt als sonst irgendwas. Und es wäre komplett egal, ob ich damit recht habe oder nicht.
Ich wäre allein. Niemand würde mir mehr helfen. Ich wäre in Lebensgefahr.

Schon beim Aufschreiben dieses Absatzes habe ich, ohne es bewusst zu merken, mehrfach geschrieben: „Ich wäre alleine“. Und das, was ich nicht aufgeschrieben habe, hat einfach alle Traumaflaggen auf jedem Erker: „Andere würden mit mir machen, was sie wollen können für richtig/wichtig/angemessen/(mich zwingend) nötig halten, ganz egal, wie das für mich ist.“ „Ich müsste alles mit mir machen lassen, damit mich niemand alleine lässt.“

Da ist sie, diese tückische Gleichzeitigkeit von Gewalt-Trauma und Gewalt-Realität.
Ich habe wirklich und echt so gar keinen Grund, dem medizinischen Apparat grundsätzlich vertrauensvoll zu begegnen. Null. Und gerade im Themenkreis „Schwangerschaft und Geburt“ haben Menschen, die Kinder bekommen können, noch x-mal weniger Grund zur Annahme, im Fall des Falls wäre ihre Selbstbestimmung für irgendwen von Wert. Fast jeder Geburtsbericht einer traumatischen Geburt schreit zwischen den Zeilen in die Welt: „Ich hab zugestimmt, damit ich nicht allein sterbe.“
Da ist immer der Wunsch (und Auftrag und Pflicht und Eid) von Behandler*innen nicht zu schaden und von Angehörigen nur das Beste zu wollen. Und gleichzeitig eine Person, die genau deshalb zu Schaden kommt und die eigene Lebendigkeit (und/oder die des Kindes) als das Beste begreifen soll und in vielen Fällen auch muss.

In genau diesem Dreieck fand das statt, was ich heute als Helfertrauma aufarbeite.
Also jetzt gerade ganz akut. In jeder der letzten Therapiestunden. Ich, Hannah, bin immer wieder extrem aufgemacht an dem Komplex, an dem mein Ich entstanden ist. Als Schutzsystem für eine_n Jugendliche_n, die_r am Helfen anderer Schaden nimmt.
Logisch kommt es zu spontanen Querschlägern, unbewussten Schnellschlüssen, erst einmal nicht nachvollziehbaren Reaktionen, die auch aufgrund des Autismus nicht mal eben einfach mit ein bisschen mehr Reorientierung als sonst containt kriege. Ich bin gleichzeitig in der autistischen Kompensation (die ehrlicherweise auch weitgehend Retraumatisierungsvermeidung ist), der Traumaverarbeitung und in der Traumareaktion.

Ich bin gerade in einem Momentum des Traumaverarbeitungschaos. Das entsteht aus mehr Alltagsamnesien als sonst. Dadurch mehr Anspannung. Dadurch mehr Herausforderung an meine Autismuskompensation im Alltag. Die mich so schon oft über meine Grenzen bringt und mich dünnhäutig macht. Meine Dünnhäutigkeit bietet jüngeren Inneren unerwartet große Fenster in die Gegenwart. Meine Ängstlichkeit über das Gefühl ihrer Blicke durch mich hindurch wird zu einem paradoxen Helfer für mich. Ich habe Angst, sie zu spüren, aber durch meine Angst fühle ich mich sicher. – Wieder so eine Gleichzeitigkeit – Angst haben und so daran gewöhnt sein, dass es mehr Angst machen würde, wäre sie weg, weil ich mich dann nicht mehr sicher im Sinne von zuverlässig fühlen kann.
Und gleichzeitig zu all dem, was allein schon wirklich richtig schwer und zuweilen auch schmerzhaft ist, gehört ein Trigger, der mir – obwohl er mir jetzt unübersehbar erscheint – noch nicht wirklich bewusst war: „Jetzt geht DAS wieder los. Die Klapse und alles. Weil ich mitgemacht hab, aber nicht gut genug. Jetzt knall ich komplett unrettbar durch. Jetzt kann mir niemand mehr helfen.

Jetzt werde ich alleine gelassen.
Eingesperrt.
Mir selbst überlassen.

Ohne jede Möglichkeit, über mich zu bestimmen.

Weil ich zeitweise nicht mal mehr weiß, was ich will.
Was wollen ist.
Wie bestimmen geht.

Es wird eben doch nie enden.

Andere müssen vor mir geschützt werden.
Egal, wie das für mich ist.

Es ist das Beste, wenn ich nicht mehr hier bin.
Ich sollte weg.
Ich muss weg.“

Das hat dann alles gar nichts mehr mit der Verarbeitung von schwierigen Erfahrungen zu tun, sondern mit der Verarbeitung eines Selbstzustandes, in dem die schwierige Erfahrung nicht mehr nur in mir drin ist, sondern auch im Raum, im Kopf, im Herz meiner Therapeutin und dadurch mit einer anderen Perspektive angeschaut.
Ein Selbstzustand mit neuen bisher ungelebten inneren Zusammenhängen, Selbsterfahrungen und Handlungsmöglichkeiten.
Ich, wir alle als Einsmensch, könnten alles Mögliche machen. Da ist ja was zusammengekommen. Mehr verfügbar als vorher. So ganz objektiv draufgeschaut. Heute ist ja, auch wenn ich mich in diesem inneren Chaos befinde, alles sicher. Alles okay soweit. Und gleichzeitig können wir das noch nicht. Wir können gerade nur, was wir als System jeweils können.

Ich kann richtig kompetent Angst haben und meine Therapeutin anrufen und auf alle ihre Fragen „Ich weiß nicht antworten“, darüber komplett verzweifeln und genau deshalb aber auch präsenter und alltagshandlungsfähiger werden.
Die Anderen können die Kämpfe wieder aufnehmen, die sie damals gegeneinander geführt haben, weil sie gegen nichts und niemanden außen kämpfen konnten. In Form von der Essstörung. Das ist ihr Ding. Ihr Lösungsweg.

Ein Lösungsweg, der schon damals überkomplex war und über zwei andere Systeme hinweg überhaupt gar nichts verbessert hat. Aber etwas sichern konnte. Selbstbestimmung als aktiver Akt. Also etwas, das jeden Tag in bestimmten Handlungen gemacht werden kann.
Selbstbestimmtes nicht alleine Verhungern. Selbstbestimmtes hoffentlich vielleicht an Erbrochenem ersticken. Selbstbestimmter Magendurchbruch. Selbstbestimmter Dauerbauchschmerz. Selbstbestimmte Heimlichkeiten. Selbstbestimmte Schamgrenzen. Selbstbestimmt weggegebene Würde. Selbstbestimmte Zahlenziele. Selbstbestimmte Ideale. Selbstbestimmter Zeitlupensuizid.
0 % Angst. 100 % Kontrolle über die Inneren anderer Systeme, die immer wieder aus ihnen rausbrechen, weil sie um ihr Überleben kämpfen.

Vielesein ist genau diese Art der Gleichzeitigkeiten immer und auf so vielen Ebenen.
Alles ist immer irgendwie verbunden und gleichzeitig komplett voneinander abgetrennt.
Ich kann das alles wissen und trotzdem von genau den Dingen, die ich weiß und über die ich schon tausend Mal gesprochen habe, radikal geschnetzelt werden, einfach nur, weil irgendein bisher nicht so präsentes Innen durch meine Haut sieht und versteht, dass Gewicht immer noch Relevanz in Bezug auf die Selbstbestimmung hat.

„Ja, so wie damals, aber nein, nicht so.“, in einem anderen Szenario könnte ich mich hinsetzen, mich konzentrieren und die Sicherheit vermitteln, das zu erklären. „Schau hier sind die Unterschiede, das läuft so und so … deshalb ist es zwar gleich, aber nicht gleich.
In diesem heutigen Jetzt müssen wir alle, die anderen Inneren und ich alle zusammen, das von anderen Menschen erklärt kriegen. Ich brauche Sicherheiten, die anderen das konkrete Erleben von Selbstbestimmung durch für sie so radikale Akte wie selber etwas (anderes als den Essens/Selbstverletzungs/Suizidschissel) wollen und es dann tun. Wie das geht, müssen wir lernen. Mit Anleitung, denn so etwas hat noch kein Mensch von alleine gelernt.

einfach immer nur geradeaus

Alle habens gesehen. Und mich gefragt, obs geht.
So alleine sein. So lange.
Jetzt. Kurz vor einer für mich berufs- und also zukunftsrelevanten Prüfung.
Jetzt, in dieser Zeit der Auseinandersetzung. Erinnerung. Inneren Konfrontation.
Und ich konnte mir nichts Entlastenderes vorstellen, als wirklich ganz für mich zu sein. Keine Unterbrechung. Keine Rücksicht. Nur mein Gedankenzug und ich. Immer geradeaus.

Ich habe meine letzten Aufträge abgearbeitet. Alles, was zur Kinderwunschbehandlung gehört, auf ein geistiges Nebengleis gestellt.
Der Podcast ist bis zum Hörer_innentreffen vorproduziert, Freund_innen wissen alle, dass das Examen bevorsteht, Therapie hat auch eine Pause – Arschbombe in die ungeteilte Aufmerksamkeit für das, was jetzt wirklich wichtig ist!

Und dann, jetzt, bin ich alleine.
Nicht nur Sookie und ich-alleine.
Nicht Pflegestellen-alleine.
Nicht ambulant betreut-alleine.
Nicht obdachlos-alleine.

So richtig alleine.
Kein Prompt von Außen zur gezielten Umwelt- und Selbstwahrnehmung. Kein Signal zur Prüfung irgendwelcher Parameter meiner Existenz. Verstreute Wecker, die mich zu einem Menschen mit abstraktem Funktionsvermögen zusammenpressen. Konfusion über Wahrhaftigkeit, Konsistenz und Vertrautheit der Momente, in denen wir Nachrichten bekommen. Das sind meine Freund_innen? Echt – ja, ja klar, ich fühls doch, sehs doch, weiß es doch – hä? Im Ernst? Aber, ähm – Bezug? Was haben wir miteinander zu tun, wieso wissen die alles von mir, ich bin doch hier und die da? Ach so, ja ja ich erinnere mich, ja ja ach – das hat alles mit allem zu tun aha, ja. Ja klar. Was hab ich – hä, was sind eigentlich gerade meine Gedanken? Bin ich? Ahja, ja da war was. Kann ich deshalb nicht, wie ich will? Was zum, wieso, aber – ach ja. Ja. Menschlichkeit. Grenzen. Oben, unten dies das, ja ja klar, ich erinnere mich. Ja. Das hat mit mir zu tun. Ich bin kein Quant. Ja. Nicht vergessen.

Und dann vergesse ich es doch. Bis zum Wecker. Oder dem grauenhaften Empfinden meine Existenz nicht auszuhalten. Wenn es extrem wird. Extrem hungrig. Extrem traurig. Extrem verwirrt. Extrem ängstlich. Extrem müde. Extrem belastet.

So brüchig ist das. Ich.
Und:
Mir geht es gut.
Ich bin dem nicht ausgeliefert, nur weil ich es nicht verhindern kann.
Ich habe mir mehr Wecker gestellt. Mit Prompts, die sonst von meinem Mann und Bubi, früher von Sookie, Betreuer_innen oder Pfleger_innen, anderen Menschen in meinem direkten Umfeld kommen.
Ich kann alles, was ich können muss, um nichts Extremes zu empfinden.

Ich muss nur dran denken.
Bevor ich mich in einen Fokuspunkt verwandle und in meinem Gedankenzug einfach immer nur geradeaus fahre.

zeitversetzte Gefühle managen

„Wie erträgst/managst du das mit dem, dass es heute in der Realität keine Bedeutung mehr hat, aber die Gefühle trotzdem da sind?“ Das fragt overme unter meinem letzten Beitrag. Vielleicht ist meine Antwort interessant für andere.

Liebe*r overme,
ich habe heute die Haltung, dass es in der Realität Bedeutung hat, aber eine zeitverzögerte und deshalb eine andere als früher.
Du schreibst von Angst, Überforderung und Ohnmachtsgefühlen in einer Situation, in der es unpassend erscheint, sich so zu fühlen. Das muss man sich mal genauer anschauen. Denn: Was ist daran das Problem? Dass es unpassend erscheint oder dass es sich so anfühlt?

Bei mir ist das Thema, dass es von außen unpassend oder nicht nachvollziehbar erscheint, wie ich mich fühle ein massiver Trigger zu jüngeren Inneren. Deshalb bin ich sehr vorsichtig damit, wem ich mein Empfinden mitteile. Dabei achte ich dann auch darauf, genau zu wissen, was ich empfinde und wieso. Also, ob ich das fühle oder andere Innere; ob ich auf etwas Aktuelles (was passiert ist oder was ich gedacht, verstanden, überlegt, erfahren habe) reagiere oder ob ich Innere merke, die auf etwas reagieren, dass sie aus „ihrer Zeitlinie“ heraus (wieder)erkennen.
Diese Auseinandersetzung ist meine Art, „einen Fuß in die Tür zu kriegen“.
Das ist ja eine sehr „kopfische Herangehensweise“. Da geht es erst einmal nicht darum, ob ich da etwas Richtiges oder Falsches fühle und ob das angemessen ist oder nicht, sondern um eine Art Faktensammlung. Ich fühle mich sicherer mit meinen Gefühlen, wenn ich eine Art allgemeine Nachvollziehbarkeit für mich herstellen kann. Also – selbst wenn es komplett absurd erscheint, was ich empfinde, fühle ich mich schon sicherer, wenn ich verstehe, wieso. Und da brauche ich dann nicht die ganze Kette wissen (also zum Beispiel woran sich Innere erinnert fühlen oder wer jetzt konkret was befürchtet oder so), sondern es reicht mir zu wissen: „Ah, da habe ich (haben Innere) dieses gedacht oder wiedererkannt oder verwechselt oder für mich ist das so und so, deshalb ist da jetzt dieses Gefühl …“. Weil auch damit ja schon ein bisschen Dissoziation überbrückt wird. Die Gefühle bekommen damit einen Kontext und sind nicht so komplett isoliert, einfach da und „Tja, hier bitte schön, jetzt mal klarkommen“-mäßig überrumpelnd.

Ich notiere mir größere oder wiederkehrende Überrumpelungen auch – das gehört zu meiner Erforschung der Struktur der Dissoziation. Für mich kommts oft unzusammenhängend und chaotisch, aber in Wahrheit gibt es wirklich immer und in Bezug auf jedes Innen oder Thema ganz gut nachvollziehbare Reaktionsketten. Die kann ich schneller finden, je mehr Informationen ich habe.

Naja und wenn ich mich sicherer fühle, weil ich die Lage überschauen kann, dann mache ich die Dinge ängstlich. Weil zwar die auslösende Situation vorbei ist, aber die aktuelle ja läuft. Dann gehe ich halt ängstlich mit dem Hund raus und probiere aus, was ich noch an Gefühlen provozieren kann.
Ich bin zum Beispiel gut darin, mich mit meiner Ängstlichkeit des Todes zu nerven 😅 Das ist ein schmaler Grat zur Abwertung der Ängstlichkeit, aber einer, der aus Kompetenzbewusstsein kommt. Ich weiß ja, dass ich auch nicht ängstlich sein könnte in der Situation. Dass ich bestimmte Dinge kann. Mir fällt es leichter mich aus Genervtheit daran zu erinnern, als aus so einem Klangschalen-Meditations-Wir konzentrieren uns jetzt mal ganz auf unsere Stärken-Ding.
Und ich bringe Offensichtlichkeiten nach innen. „Jetzt mache dieses und jenes so und so, denn ich bin so und so, kann dies und das …“, „Zu Hause wartet X auf mich und macht wahrscheinlich gerade dies und das … Da werde ich dieses und jenes tun, denn Y wartet darauf, weil wir in diesem und jenen Zusammenhang miteinander stehen …“ Ehrlich gesagt, verschwindet die Ängstlichkeit dann früher oder später einfach. Auch ohne, dass ich sie gezielt angegangen bin. Mir hilft meistens viel mehr, wenn ich mich einfach nur versichere und nicht die ganze Zeit schaue: „Ist die Angst jetzt weg? Ist sie weniger? Wie fühlt sie sich jetzt an? Was merke ich noch davon?“

Das ist auch so ein Punkt, der aber auch nicht so einfach abzuhaken ist, richtig?
Weil man ja irgendwie auch weiß: Es wäre manchmal schon auch gut, wenn man sich kümmern würde. Oder das beachten. Angst ist ja meistens ein total wichtiger Anzeiger. Niemand hat einfach so Angst. Und Innere, die Angst haben – herzzerreißend. Da will man ja tüddeln. Die sollen ja wissen, dass alles gut ist.
Aber das gehört zum Punkt der versetzten Zeit.
Indem ich mich sehr auf meine Alltagsrealität konzentriere, verändere ich auch das, was diese Inneren von meiner Zeit wahrnehmen können. Und ob ich nun aktiv mitkriege, was sie neu erfahren oder nicht, ist für mich akut nicht so relevant. Ich muss solche Momente nicht nutzen, um die Tiefenwanderung in meine Kindheitserinnerungen zu machen. Ich kann – aber oft genug bringt mir das gar nichts, weil ich dann eh nur auf Fragmente treffe, die ungeordnet sind. Würde ich mich dann noch damit befassen, kann ich meinen Tag abhaken und die nächste Therapiestunde gleich mit, weil ich dann erstmal sortieren und ordnen muss – statt die Themen zu bearbeiten, die diese Sortage nicht erfordern (und mir eigentlich mehr helfen, meine Lebensqualität so weit zu verbessern, dass ich Kraft und Kapazitäten bekomme, um Fragmente zu sortieren und mich mit Erinnerungen zu befassen).

Wenn mein Alltag und meine Investition in die Reorientierung oder „Gefühlsauflösung“ bis Tagesende nicht geholfen haben, mich aus traumareaktiver Angst oder anderen emotionalen Flashbacks zu holen, dann gehe ich in die körperliche Betüddelung oder schaue, ob ich mich gegenüber meinem Partner öffnen kann. Also ob ich es abkann, von ihm umarmt zu werden, damit Innere eine Umarmung aus dem Heute in ihr Früher kriegen können.
Manchmal reicht mir aber auch schon einfach warm zu duschen oder mein Gesicht mit einem Waschlappen zu waschen. Oder meine Haare nochmal zu kämmen. Oder, wenn ich fühle, dass ich die ganze Zeit gegen eine bestimmte Körperhaltung zum Selbstschutz angekämpft habe, gehe ich kurz in die Haltung, lasse das Gefühl durchlaufen (ohne es weiter anzugucken oder zu analysieren) und gehe ganz bewusst wieder raus. Durchatmen, strecken, Geschirrspüler ausräumen, Quatsch wegräumen, Müll wegbringen.

Wir Rosenblätter haben krass viel Lebens- und Therapiezeit daran verloren, uns gegenseitig Druck darüber aufzubauen, diese „Gefühlswackler“ oder „Zuordnungsfehler in der Einschätzung der Gegenwart“ gefälligst zu verstecken, weil ja gar nicht real passiert (ist), worauf wir als Körper reagieren.
Weil das ja Symptome sind. Und ja eh auch alles schon vorbei. 🤪

Aber da hat auch ein Realitätsabgleich geholfen: Es gibt ja genug Leute, die auch sowas erleben und nie im Leben auf die Idee kämen, das wäre irgendwie krank oder komplett daneben.
Menschen lernen aus Erfahrung. Menschen leben lange. Da kommen viele Erfahrungen zusammen – die kann man jawohl auch mal verwechseln? Wer bestimmt denn, welche Gefühle worauf wie angemessen sind? Wenn ich etwas traurig finde, worüber sich jemand anderes totlacht – kommt dann die Gefühlspolizei und regelt? Nee – da kommt immer nur mein Erfahrungsschatz mit den Erwartungen und Konventionen, die ich bisher erlebt habe ins Spiel. Und mein erwachsener Erfahrungsschatz kann in der Situation, die du geschildert hast, passender sein als mein kindlicher oder jugendlicher. Muss manchmal mal nicht – aber meistens dann doch. Der ist einfach aktueller und passender zu den Lebensumständen jetzt.

Overme, ich hoffe, dass etwas für dicheuch dabei war.
Vielleicht mögen andere Leser
innen ja unten in den Kommentaren teilen, was für sie hilfreich ist.

die Ausnahme, Teil 2

Ich hatte keine Ahnung, was mich so irritierte, aber immerhin altbewährte Reaktionswege. Angst. Die bekomme ich einfach immer unter.
Mir war schon am nächsten Tag klar, dass ich Hilfe brauchen würde. Noch konnte ich meine geistige Verfusselung auf Reisemüdigkeit und Erschöpfung von der vergangenen Woche zurückführen. Aber als ich am Abend merkte, dass ich überlegte, im Büro statt im Schlafzimmer zu schlafen, war klar, dass ich auf direktem Weg auf die Tanzfläche für einen Vermeidungstanz war.

Der informierte Traumamensch denkt in dem Zusammenhang an Trigger. Was ist mit der Puppe? Habe ich mal was Schlimmes mit Puppen erlebt? Gibt es in mir drin Täter_innenintrojekte, die das Objekt nutzen, um Gewalt im Inneren zu wiederholen? Habe ich mich in Traumawahrheiten verstrickt, nach denen ich nichts Schönes haben darf oder nicht es nicht wert bin?
Ich wusste, dass meine Therapeutin mit mir diese Schiene abfahren würde. Und ich wusste, dass ich ihr keine dieser Fragen ohne größere Tiefenwanderung beantworten könnte. Ich müsste mich für Kinderinnens und andere Seiten öffnen, um das Problem wenigstens eingrenzen zu können. Aber hier zu Hause, unbegleitet, unstrukturiert und spontan, machen wir sowas nicht.
Wir haben trotzdem miteinander telefoniert und versucht, eine erste grobe Idee zu bekommen. Am Ende hatte ich keine grobe Idee. Aber ich konnte die Angst teilen und wissen, dass wir beim nächsten Termin daran arbeiten würden, würde ich keine eigene Lösung finden.

Vor ein paar Jahren hätte ich in so einer Situation auch noch den Begleitermenschen anrufen können.
Der ist aber seit einigen Jahren nicht mehr Teil meines Hilfenetzwerks. Deshalb habe ich versucht, seine Fragenstruktur anzuwenden.
Was genau löst die Angst aus? Ist es die Präsenz des Objektes oder seine Beschaffenheit oder virtuelle (implizite oder theoretische) Elemente, die dadurch zum Tragen kommen? Wäre die Angst weg, wäre das Objekt nicht mehr da?

Die Frage hat mir dann weitergeholfen.
Ein bisschen „Erstangst“ wäre dann zwar weg, aber das auslösende und noch unbekannte Problem bestünde weiterhin und das würde zu meinem täglichen Grundrauschen der Unsicherheit (und Angst) beitragen.
Es waren also mehrere Punkte.
1. Ich weiß den Auslöser nicht. (Kontrollverlust)
2. Ich weiß nicht, was ich machen soll. (Ohnmacht)
3. Ich fühle mich nicht sicher damit, etwas auszuprobieren – einfach irgendwas zu machen, ohne zu wissen oder gesagt zu bekommen, ob und wenn ja, wie es wirken würde. (Hilflosigkeit)
4. Die Menschen in meinem Leben müssen konkret gesagt und erklärt bekommen, was mich belastet und warum (und wie sie mir helfen können), damit sie mich nicht ungewollt verletzen oder Überanstrengung auf beiden Seiten entsteht. (zwischenmenschliche Trigger- und Belastungssituation für mich, Verzweiflung)

Mit meiner Therapeutin landete ich am Telefon bei der Frage, ob ich schöne Dinge wirklich haben darf oder ob Erwachsene Geld für eigene Spielsachen ausgeben dürfen, dies das. Nach der Analyse ausgehend von der Angst als solcher, war mir sehr klar, dass es damit wenig zu tun hatte und ich jetzt akut erst einmal ins Angstmanagement gehen musste. Die Analyse gehört bereits dazu – mir hilft ein klarer Überblick eigentlich immer, um mich etwas sicherer zu fühlen.
Dann bin ich am Tag öfter als sonst durch das Schlafzimmer und an der Tüte vorbeigegangen. Wenn ich telefoniert habe, wenn ich meine Wäsche eingeräumt habe. Wenn ich mal zufällig einfach so aus dem Fenster schauen wollte. Meine Dehnübungen gemacht habe. Gezielte Desensibilisierung. Absichtliches Aussetzen, um zu begreifen, dass der Gegenstand unabhängig von mir und nur ein Gegenstand ist, der aus sich selbst heraus nichts macht. Also ich ihn mehr kontrollieren kann, als er mich.

Erst war es schwierig, weil es Zitat „umständlich behämmertes Rumgetue, wegen nichts ist“. Dann wars egal und die Angst eigentlich nur noch da, wenn ich mich darauf vorbereitet habe, sie in die Therapiestunde mitzunehmen. Wo ich mir einen Umgang erarbeiten wollte, aber noch nicht wusste, wie genau, weil ich noch weniger als sonst wissen konnte, ob meine Therapeutin mich überhaupt versteht oder wenigstens das Problem sieht, das ich noch nicht sehen kann. Weshalb ich es ihr nicht schildern und erklären kann, weshalb wir diffus herumsondieren und probebohren würden und es ein gewisses Absturzrisiko für mich dabei gibt.

Solche Stunden hatten wir vor der Autismusdiagnose und ihrer Anpassungsarbeit daran ständig und das war fürchterlich. Fürchterlich anstrengend. Frustrierend. Wenig hilfreich und in manchen Aspekten eine Weiterführung meiner früheren Therapieerfahrungen. Damals habe ich versucht, dem diffusen Rumgebohre zu entgehen, in dem ich das Gespräch vorher in alle Richtungen in meinem Kopf geführt habe, um nicht von mir selber überrascht zu werden und dann nicht zu wissen, was ich machen soll.  Was natürlich fast nie funktioniert hat. Aber Teil meines Angstmanagements war. Auf diese Weise hatte ich die Stunde jeweils schon einmal durchgearbeitet und mich auf alles (wirklich alles) Mögliche vorbereitet – sie dann wirklich zu machen, war so kein Gang ins absolut Ungewisse, keine Auslieferungssituation mehr.

Heute bereite ich mich anders auf die Stunden vor. Nach 12 Jahren gemeinsamer Arbeit wartet in mir niemand mehr darauf, dass meine Therapeutin mir ungefragt und sexuell motiviert (körperlich) nahekommt, Partei für meine Eltern ergreift oder Druck darüber aufbaut, wie schnell oder in welcher Art irgendwelche Fortschritte für sie erkennbar sein sollten. Wir kennen ihre Gesprächsführung und können in den letzten Jahren auch viel besser abschätzen, was sie meint oder worauf sie sich bezieht. Wir haben einen für mich guten Grad an Konkretheit gefunden, der mich enorm entlastet und entsprechend auch viel weniger Versagensängste und Stress produziert.
Ich kann mich heute darauf konzentrieren, worüber ich reden will und brauche nicht mehr zu verstecken, wenn ich meine Therapeutin nicht verstehe oder unter Druck gerate oder Angst bekomme oder mich generell hilflos fühle. Und trotzdem möchte ich mich natürlich nicht so fühlen. Vor allem nicht im therapeutischen Setting, das für mich so vorbelastet ist.
Und doch lässt es sich in manchen Momenten nicht verhindern. Diesen Momenten, wo Autismus und Komplextrauma so wirklich überhaupt gar nicht voneinander zu trennen sind. Weder für mich noch für sie.

Als ich die Treppen zur Praxis meiner Therapeutin hochging, hatte ich eine Woche hinter mir, in der ich bewusst nicht weiter ins Vorausdenken der Stunde gegangen bin. Ich wollte darüber reden, was ich denke und was ich von mir wahrnehme – Punkt. Bedeutung dies das – diese Ebene kann meine Therapeutin schneller sehen als ich und mich entsprechend befragen. Ich kann dann selbstbestimmt prüfen, ob da was dran ist oder nicht.

Die Stunde wurde so lang und anstrengend, wie erwartet. Aber kurz vor ihrem Ende wurde mir mein Problem klar:
Mir fehlte ein Handlungsskript für Neuheiten dieser Art in meinem Leben und ich musste es mir alleine erarbeiten. Und jetzt doppelneu – möglichst nicht komplett brutal entkoppelt von Kinderinnens oder anderen Inneren, die sonst überhaupt nichts in meinem Dunstkreis zu suchen, finden, wollen oder besitzen haben. Und trotzdem mittendrin sind. Und ihrerseits auch versuchen, mit meiner Therapeutin in Kontakt zu kommen.
Ja.
Es ist einerseits so banal (einfach nur auf etwas Neues, Ungewohntes, mit unvorhersehbaren Auswirkungen auf mich klarkommen müssen) und andererseits so eine komplexe Herausforderung.

Neues ist für mich sauschwer. Neues kenne ich nicht. Ich bin noch nicht daran angepasst, nicht vertraut damit, nicht vertraut mit mir darin und entsprechend weder sicher noch kontrolliert. Und Neues ergibt sich für mich sehr schnell, weil ich Unterschiede sehr schnell erkenne und die betrachteten Dinge, Gegenstände, Situationen entsprechend als komplett unterschiedlich einordne.
So habe ich schon oft Puppen gekauft und fühle mich gut damit – sogar so gut, dass ich mich komplett in die Überheblichkeit aufschwingen kann.
Ich habe aber noch nie eine Puppe für mich gekauft, was es für mich insgesamt zu einer komplett anderen Sache macht, die ich noch nicht kenne und für die ich noch kein Handlungsskript von Anfang bis Ende, keine Selbsterfahrung und Erfahrungskompetenz habe. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll oder tun könnte. Geschweige denn, wie genau. Mein Kopf ist diesbezüglich einfach leer. Ich kann nichts umsetzen.
Das ist kein bockiger Quirk, keine Folge von Todesangst. Das ist ein angestrengtes gegen das eigene Gehirn ankämpfen. Das ist eine exekutive Dysfunktion. Die mich wiederum an Todesängste bringt, weil es mich an sämtliche Erfahrungen erinnert, in denen ich in meiner Hilflosigkeit und Ohnmacht einfach nicht gesehen, erkannt, aufgefangen oder begleitet wurde.
Erfahrungen, wegen derer ich heute selber denke, ich würde mich anstellen. Könnte doch, wenn ich nur würde oder wollte. Wegen derer ich überhaupt nur den Impuls habe, solche Schwierigkeiten und Kämpfe zu verschweigen oder unsichtbar zu halten, obwohl es mich viel Kraft kostet und auch meinen Raum für mich selbst total verkleinert und das Bild anderer Menschen über meine Fähig- und Fertigkeiten enorm verzerrt. Überwiegend zu meinem Nachteil übrigens.

An jenem Ende der Therapiestunde fragte meine Therapeutin im Hinblick auf unsere verbleibende Zeit und das bisher ergebnislose Gespräch: „Was machen wir jetzt?“
Für mich war es gut, dass sie das genau so formuliert hat. Wir – was machen wir jetzt?, da war die Erinnerung für mich drin, dass sie da war und ich nichts allein versuchen müsste. Also überlegte ich noch einmal, was ich mich auszuprobieren trauen würde, jetzt, wo eine ganz andere Sicherheit über die Gesamtlage bestand.
Ich schlug vor, eine Erwachsenensache daraus zu machen. Ich könnte den Schritt des Auspackens hier machen und dann gucken, wie es zu Hause ist, damit wir das Thema nicht in die nächste Stunde mitnehmen müssten. Dann müsste das Kinderinnen, das ihr die Puppe auch zeigen wollte, halt damit leben, dass der Kontakt so nicht geht. Mir wäre das auch ganz recht … 1, 2, 3 Vermeidungstanzschritt nach links 2, 3 …

Meine Therapeutin hatte vergessen, dass sie eine Nachricht mit dem Wunsch bekommen hatte, als wir in Italien waren. Ich nicht. Ich wusste, dass sie die Nachricht überhaupt nur bekommen hatte, weil die Ausnahme bestand und war ganz froh darum, dass sie bisher überhaupt nicht weiter darauf eingegangen war, außer nach Erhalt der Nachricht positiv zu antworten.
Grundsätzlich gilt: Ausschließlich in Situationen, die von uns aus innerlich zu lebensgefährlichen Situationen werden könnten, darf exakt ein Kinderinnen (nämlich das, was ich nicht unterdrücken kann und bereits Kontakt mit meiner Therapeutin hatte) Nachrichten an sie schreiben. Für Killefit und Scheiß (also alles andere) bedarf es einer Ausnahme.

Sie verfolgte den Faden um die Nachricht weiter und drückte aus, dass es ihr wichtig wäre, diesen Anteil nicht auszuschließen. Ich entgegnete, dass sie die Nachricht ja nur wegen der Ausnahme über die Zeit in Italien bekommen hatte. „Und jetzt ist ja keine Ausnahme, jetzt ist hier Erwachsenenalltag, um den es geht, ALSO GEHT DAS ALLES GAR NICHT“, schrie ich* (*definitiv nicht nur ich) inzwischen maximal frustriert. In meinem Kopf. Natürlich. Sicher ist sicher.

Wir haben dann noch mal eine Weile gebraucht, bis wir eine Ausnahme als nötig und den Umständen angemessen beschließen und von meiner Seite aus auch bewilligen konnten.
Und im Nachhinein betrachtet sehe ich selber, was für eine logische Fortführung das war. Obwohl wir bisher keine Ausnahmen in der Ausnahme gemacht haben. Denn Therapiestunden sind ja bereits eine kommunikative Ausnahme, weil (und je nachdem wie) der Arbeitsraum das erfordert.
Ich konnte an dem Punkt anerkennen, dass ich es anders nicht lösen können würde.

Die Sache – Italienreise, Puppenkauf für mich – ist an sich extrem außergewöhnlich gewesen für mich.
Ich war nicht zu Hause. Alles war anders. Ich habe (für mich) komplett andere Sachen gemacht als sonst. Und das alles ist in dieser Ausnahmenblase geblieben. Bis auf die Puppe und die Nachricht an meine Therapeutin. Ich musste für die Erarbeitung des inklusiven Umgangs damit einen Ausnahmeraum erlauben.

Und als wir an dem Punkt waren, ging es ganz leicht. Extrem merkwürdig, ungewohnt und teilweise ich-fremd, aber absolut nicht so schwer wie alles in den anderthalb Stunden davor, um überhaupt dahin zu kommen.
Es hat geholfen, dass meine Therapeutin das nicht extra kommentiert hat. Für mich war wichtig und gut, dass sie akut mit mir in dem Moment war, für mich ansprechbar war, für mich die Situation absichernd, mich in dem, was ich da tat, versichernd war. Wie es Lisa in dem Laden übrigens auch war. Wie es Daniela und Matthias, das Team in der Hilfeeinrichtung in der ganzen Ausnahmesituation in Italien auch waren. Sie wussten das nicht so in dem Zusammenhang, aber vielleicht war das auch genau gut für mich.

Die Ausnahme hat mir diese Art der Verbundenheit, des Kontaktes ermöglicht. Gleichzeitig hätte ich niemals irgendeine Ausnahme zugelassen, hätte es weder Kontakt noch Verbundenheit gegeben.
Weil alles anders war als sonst, konnte ich etwas anderes als sonst tun – das ist, weshalb die Therapie mein einziger konstanter Ausnahmeraum ist und bis zum Ende der Behandlung auch bleiben wird.
Vielleicht – wahrscheinlich – egal, wie viele Ausnahmen ich in dieser Ausnahme noch brauchen werde, um mich neuen Dingen, Umständen, Selbsterfahrungen anzunähern und darin er.kennen, verstehen und meine Handlungsoptionen zu lernen.

Bis zu dieser Stunde war mir das nicht bewusst.
Und was das für mich bedeutet, wie es sich anfühlt, wie wer in mir darüber denkt – darüber kann ich nachdenken, wenn ich mich daran gewöhnt habe, dass es jetzt einen ersten Gegenstand in meinem Haushalt gibt, der eine außerordentlich weitreichende Ausnahme bezeugt.

vom Erarbeiten von Erinnerungen

Es ist 10 Jahre her, dass es 13 Jahre her war.
Ich erinnere mich an den Tag, an die Situation und daran, wie es mir damals ging. Hier habe ich sogar darüber geschrieben. Ich erinnere mich daran, wie belastend es für mich war, überhaupt zu diesem Termin zu kommen. Die innere Vorarbeit, die äußere Vorarbeit. Ich musste für die Zugfahrt sparen und sparen hieß damals noch, dass ich auf Notwendiges verzichte. Ohne Sookie bin ich dahin gefahren. Dumm aber klug. Ich war ohne jeden Anker, aber die Rückfahrt wäre ein Albtraum für sie geworden.

Ich war allein. Mit dieser Person, die so maßgeblich an dem beteiligt war, was damals passierte. Mit mir, in mir, meinetwegen. Und wie damals blieb ich ungesehen von ihr.
Oder ich konnte die Art, wie sie mir gezeigt hat, dass sie mich sieht, nicht übersetzen. Dann reden wir von einem Gefühl von mir. Einem Eindruck. Einer Erlebensrealität von mir, die zwar passiert und wirkt, aber kein Faktum über die Sache darstellt. Finde ich wichtig.
Obwohl mir ehrlich gesagt lieber wäre, wäre es so einfach, wie es mir mein Gefühl vermittelt. Hier eine unsensible Person, die rücksichtslos ihren Interessen folgt und ignoriert, welches Leid dabei entsteht und da ich, leidend. Klare Grenze, eindeutige Rollen.

Ich leide aber nicht, oder?
Ich kaue daran. Komme immer wieder darauf zurück. Verbringe keinen Monat, vielleicht nicht mal keine Woche, ohne dass ich über drei, vier Ecken dann doch wieder daran denke. Sei es, weil ich helfe oder weil mir geholfen wird. Sei es, weil ich mit der Innenarbeit weiterkomme oder eben genau nicht.
Im Moment schreibe ich mein nächstes Buch. Das wird eine narrative Biografie. Faktisch richtig muss darin nicht alles sein. Es ist meine Erzählung davon, wie bestimmte Dinge waren. Und natürlich stoße ich an dieses Ding. Das inzwischen 23 Jahre her ist und verdächtig stark überhaupt kein Gefühl bei mir weckt, sondern schlicht beunruhigenden Druck durch eine viel zu nah drängende Nebelwand der Dissoziation. Und Loyalitätskonflikte. Verantwortungsfragen.

Wann immer man sich traumatisierenden Erfahrungen widmet, muss man sich fragen, wozu man das eigentlich macht. Dadurch bekommt man Kraft. Eine kleine Lücke zwischen Wahrnehmen und Reagieren, in der man sich einen Plan machen kann. In der man Dämme gegen Erinnerungsfluten und Drainagesysteme gegen Gefühlsstau errichten kann. Es ist einfacher, wenn man ausgestattet und vorbereitet den Hahn aufdreht.
Mein Hahn tropft. Und obwohl ich gewappnet und vorbereitet bin, weiß ich: Der Boden darunter ist bereits komplett und weiträumig aufgeweicht. Der wird mich nicht tragen, sondern einsinken lassen. Es ist unwahrscheinlich, dass ich in Fluten ertrinke oder mit der Masse nicht klarkomme. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass ich nicht mehr da wegkomme und der Hahn wirklich komplett abgebaut werden muss, weil sich ein neuer Standpunkt von mir ergeben hat.
Übersetzt also: Diese Sache sickert schon so lange in mich ein, dass eine Beschäftigung damit etwas mit mir machen wird, von dem ich bereits diffus, unsortiert, uneindeutig, vage weiß. Wahrscheinlich brauche ich den „Hahn“ noch nicht einmal weit zu öffnen, also meine Erinnerungen angestrengt kommen lassen. Sehr wahrscheinlich fluten mich weniger die Erinnerungen als ihre Bedeutung für mich. Ihre Implikationen für viele Aspekte meines Lebens. Die Verantwortung, die ich habe.

Vielleicht schätze ich das jedoch nur so ein, weil ich ein kleines Intellektualisierungsmupfi bin.
Lange über das Ereignis nachdenken und grübeln, das habe ich vor etwa 20 Jahren als Merkmal der posttraumatischen Belastung kennengelernt. Nicht aufhören können, daran zu denken, im Kopf immer wieder die gleichen Brandreden halten, sich immer wieder überlegen, was wäre wenn; was würde gewesen sein, wenn; hätte nicht, würde, wäre wenn … Das ist genau meine Sparte.
Dinge, die ich nicht verstehe, Dinge, die ich nachvollziehen kann, Dinge, die ich nicht vorhersehen kann, Dinge, die ich nicht kontrollieren kann, Dinge, die ich nicht ändern kann, Dinge, die ich gerne ändern, verstehen, vorhersehen, nachvollziehen, kontrollieren können, würde – alles immer in meinem Kopf. Das ist meine Stärke, meine Ressource, mein Umgang mit allem. Allerdings kann ich das in Bezug auf die meisten anderen Dinge in meinem Leben beeinflussen. Wenn ich eine Idee habe oder einen Plan, dann höre ich auf. Dann hat das Nachdenken keinen Sinn mehr.
In Bezug auf Traumainhalte habe ich diese Kontrolle nicht. Ich komme einfach nie zu einer Idee. Einem Plan. Das ist, weshalb es klug ist, mit anderen darüber zu sprechen. Alle gemachten Gedanken auszubreiten und mit jemand anderem darauf zu schauen. Dafür ist es sinnvoll, alle gemachten Gedanken zu kennen.
Ich kenne nur meine Gedanken. Die der Anderen in mir noch nicht.
Und deren Gefühle? Die auch nicht. Nicht wirklich.

Am Ende dieser Arbeit werde ich haben, was man „kohärente Erinnerungen“ nennt. Ich werde sagen können, dass ich mich nach 23 Jahren endlich klar erinnere. Und es wird klingen, als hätte ich mich dafür entschieden, weil es mir jetzt in den Kram passt. Oder als ob da vorher nichts gewesen wäre, kein Problem, kein Grauen, kein Trauma – aber dann plötzlich doch.
Und in Wahrheit habe ich die ganze Zeit immer wieder und wieder und wieder Erinnerungen daran gehabt. Immer und immer und immer wieder darüber nachgedacht und versucht sie zu be.greifen, zu ordnen, mich selbst zu verorten in Bezug dazu, ohne den persönlichen Standpunkt zu verlassen, auf dem ich mich sicher fühle.

Seit 10 Jahren geht das so. Mindestens. Denn die Reise vor 10 Jahren war bereits ein Versuch, aus dieser ständigen Kreiselei herauszutreten. Und ja, das ist mein Leiden darunter im Kern. Nicht, dass es passiert ist, nicht, dass ich einer gewissen Verantwortung nachkommen muss, wenn ich diese Erfahrung öffentlich teile, sondern, dass ich bis dato nicht aus mir selbst heraus klären, be.greifen, ordnen und abspeichern konnte. Ich war so allein, als es passierte, wie ich allein war, als ich versuchte, es zu begreifen. Und auch hier wieder: kein Faktum, sondern Erleben.

Vor 10 Jahren bin ich allein losgezogen, um das zu klären.
Heute habe ich andere Möglichkeiten.

so

Jemand soll

bloss nicht

kommen.

Eine Traurigkeit. Eine Agonie so dicht, dass es sich nach Ersticken anfühlt.
Eine sumpfige Schicht unter meinem Alltagstrallala.
Wenn ich mit mir allein bin, quillt sie durch die Risse in meinem Selbst.
„Ein anhaltender emotionaler Flashback“ Schlaubi-Hannah sitzt in ihrem Intellekt-Gummiboot und nutzt jede Gelegenheit, um den Auftrieb zu erhöhen.
Der emotionale Flashback, das Kernstück der komplexen PTBS. Das Ding, das eigentlich alles an dieser Therapie, diesem Leben, diesem Heilen so schwer macht. Der Kack, den man so schwer vermitteln kann an Leute, die weniger Schattierungen von Elend und Leid kennen. Der Scheiß, der nur entstehen kann, wenn es nicht nur einmal kurz schlimm war. Sondern

eigentlich,

in Wahrheit,

wenn man ehrlich ist,

LEIDER,

egal, wie es dann im Einzelnen, Konkreten war,

immer

immer

immer

(((schlimm)))

war.

Das Wissen um dieses Symptom macht den Boden von meinem Gummiboot durchsichtig. Ermöglicht mir Sichtkontakt. Gibt mir die Chance, einen Bezug herzustellen und zu erkennen, wo er spontan passiert ist. Was der Auslöser war und was ein Auflöser sein könnte.
Wenn es um emotionale Flashbacks geht, brauche ich nicht überlegen, ob es ein Geräusch, ein Geruch, ein Gegenstand, eine soziale Situation war, die sie ausgelöst hat. Ich muss wissen und verstehen, wie sich für mich angefühlt hat, was ich erlebt habe. In meinem Alltag. Meinem Jetzt. Sonst ergibt es keinen Sinn und ist nur verwirrend und belastend.

Es hat mit der Operation angefangen. Schon vorher. Ein bisschen. Wie eine Welle von seichtem Gewässer. Weit weg. Schwach. Zu wenig für meinen Relevanzrahmen. Zu wenig für mich, um zu begreifen, dass jemand in mir, ich, etwas fühlt. Jemand soll – bloß nicht – da sein. Kann bitte – auf gar keinen Fall – irgendjemand – NIEMAND – mich – sehen? Wer kommt? Wer kommt nicht? Kommt jemand? WER? Was passiert? Passiert DAS? Nein Ja Immer immer immer für immer immer immer seit immer immer immer
Und als mein Stein im Schuh, der in Wahrheit ein Gebirge ist, zu einem Lehmklümpchen geworden war, wurde aus der kleinen sachten Welle – dem Wellchen irgendwo im fernen Traumascheißeland – eine Überschwemmung, die ewige Sümpfe hinterließ. Ziehend kalte klamme Sumpftraurigkeit. Schwappende Lähmung. Unendlich tiefes Elend. Verlassenheitsgefühle, die sich wie ätzendes Gas anfühlen. Wie eine ganz eigene Todesfalle.
„Es wird niemand kommen“, das könnte so gut helfen, wenn es helfen würde. Aber es soll ja jemand kommen. Jemand soll ja da sein. Nur nicht so. So

so

SO

wie immer

damals immer

In diesem Sumpf k.lebt nicht nur ein Innen. Ein Opferkind. Ein Kinderinnen im Traumafreeze. Eine einzige Erfahrung, die ich prozessieren muss. Ein Blick, ein Reality-Check und zack bumm trilili sigh of relief.

Das ist etwas, das ich aus meinem Leben kenne und runterdrücke bis ich nicht mehr kann. Dann breche ich kurz zusammen und gehe weiter. Weil keiner kommt. So wie ich das brauche. Will. Möchte.
Ich kann nicht vorleben, wie der Umgang sein könnte. Wie diese Traurigkeit, diese wirre Widersprüchlichkeit zwischen Wollen, Durchhalten, Aushalten, Warten, Hoffen und Wünschen, Realitäten, Ängsten und Nöten, irgendwie geklärt werden kann. Wie die weggehen kann. Denn in meinem Leben geht sie – in Bezug auf ganz andere Sachen – weit weniger traumatische Grauenhaftigkeiten – ja auch nicht weg.
Außer mir ist niemand

so

für mich da.

Das ist nicht genug für eine Auflösung.
Aber das kann ich durch die kleine Scheibe in meinem Gummiboot vermitteln. In den Sumpf einsickern lassen.
Ich bin da.
Ich bin so.

So wie jetzt.

der Moment, der noch nie war

R. ist mein Stein im Schuh.
Wenn sie darüber redet, wie das für sie war, dass sie niemand verstanden hat, dann spüre ich das wie ein besonders heftiges Stechen ihrer Härte. Peripher, aber deutlich.
Die Verschlossenheit, die sie in Bezug auf DIE ALLE hat und hält, war und ist bis heute manchmal noch ein echtes Hindernis in Hilfe- und Unterstützungskontexten.
Sie würde es nie sagen, mir jedoch ist es total klar: Das frühere Unverständnis der Menschen über ihre Gefährdung hätte ihr das Leben kosten können. Uns. Mir.
Was man ihr, uns, mir in Medien, Schule, Sportverein beigebracht hat: „Sag was, wenn jemandem oder dir etwas Schlimmes passiert.“, das hat sie gemacht. Sie hat gesagt, dass anderen etwas passiert. Und weder sie noch die Menschen haben gemerkt, verstanden, gewusst, dass sie diese anderen war. Niemand hat geholfen.

So ein folgenschweres Missverständnis ist nicht nur „ein harter Schlag“ oder etwas, was das Ego ein bisschen anklatscht, wer ist schon gern unverstanden dies das. Solche Erfahrungen lösen nicht nur Enttäuschung aus. Sie führen auch dazu, dass man sich auf sich allein zurückzieht. Annimmt, die Menschen würden wollen, dass man gefährdet ist. Glaubt, die Gefährdung, die (angenommene) Lebensgefahr sei von allen (also von der ganzen Welt) gewollt. Die Todesangst gewünscht.
Ich reagiere auf solche Annahmen mit Depression, Angst, Suizidalität. R. mit Wut, Härte und authentisch kompromissloser Konsequenz. Nicht einen Filter hält sie noch hoch, wenn sie merkt, dass sie, dass wir, dass ich nicht verstanden, gehalten, getragen werde.

Innere wie R. sind es, die ich bei Vorhaben wie der Operation, aber auch der Traumatherapie möglichst weit raushalte. Noch weiter als aus anderen Interaktionen mit anderen Menschen.
Zum Einen, weil ihre Wut in der Regel zu Problemen führt, die meine kommunikativen Fähig- und Fertigkeiten weit überschreiten. Was sich unter anderem daraus ergibt, dass ich dieses Gefühl nicht mir, sondern ihr zugehörig empfinde und erst nach bewusster Reflexionszeit und manchmal auch erst nach einer Besprechung mit meiner Therapeutin den Anlass überhaupt erkenne und verstehe.

Zum Anderen, weil R. einfach bis heute nicht richtig orientiert ist. Sie kann im Heute agieren, kann den ganzen „Wissen Sie welches Jahr wir haben“-Reigen vortanzen, ohne einen Zweifel aufkommen zu lassen. Aber für sie geht es nach wie vor bei jedem Kontakt, der irgendwie und sei es noch so abstrakt darum geht, dass ihr, uns, mir jemand in irgendeiner Form hilft oder etwas unternimmt, was sie, wir, ich nicht alleine kann, um Leben und Tod.
Wenn diese mit Hilfe oder Unterstützung oder irgendeinem anderen mich betreffenden Ding beauftragten Menschen irgendetwas nicht können, nicht schaffen, nicht wollen – egal ob intentional oder natürlich bedingt – beginnt ein inneres Wiederleben von Traumatisierungen. Davon merke ich, Hannah, bis heute nichts. Ich merke nur R., die es wiederum als flutend und massiv überfordernd erlebt und reagiert. Ihre Reaktion, also die innere Schutzreaktion, macht mir wiederum Angst, weil ein Wechsel zu ihr für mich Kontrollverlust und relativ spezifische zwischenmenschliche Konsequenzen bedeutet.
R. geht im Zweifel nämlich auch einfach aus dem Kontakt und bringt absolut keine Motivation dafür auf, die Kraft zur angepassten Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen aufzubringen. Wer sich im Kontakt mit ihr nicht darum bemüht und kümmert, sie in ihrem authentischen Ausdruck zu verstehen, bekommt von ihr auch kein Bemühen. Sie behält diese Energie für sich, um selbstständig handlungsfähig zu bleiben.
Traumalogisch absolut sinnvoll. Alltagskommunikations-logisch ebenfalls absolut sinnvoll. Sozial und in Bezug auf jede Option der Kontaktgestaltung hingegen eine absolute Katastrophe.
Jedenfalls für mich. Denn R. markiert diese Kontakte den Energieaufwand nicht wert, den die reparierende oder wieder-verbindende Kommunikation für mich bedeutet, die_r in so einem Fall alle Kraft einfach aufbringt, egal, ob ich sie wirklich habe oder nicht. Bis das nicht „wieder gut“ ist, kann ich nichts anderes machen, als daran zu denken, Gespräche in meinem Kopf durchzuanalysieren, Aussprachen im Kopf üben, um auf jede Möglichkeit des Gesprächsverlaufs vorbereitet zu sein und mich auf Alternativen bzw. andere Lösungen zu konzentrieren. Das ist in der Regel die Phase, in der ich dann missverstanden werde, weil die allgemeine erste Annahme ist, ich sei durch mein Trauma so beziehungsunsicher, dass ich Konflikte nicht ertragen kann. Tatsächlich aber kann ich die Emotionalisierung von Konflikten kaum ertragen, weil sie eine oft überaus kräftezehrende Übersetzungshürde für mich darstellt und ich nicht davon ausgehen kann, dass mein Gegenüber das überhaupt weiß, versteht, berücksichtigt oder, wenn es bekannt ist, nicht als Waffe gegen mich einsetzt.

Mal ganz davon abgesehen ist es mir peinlich, wenn R. übernimmt und meinen Körper steuert. R. erlebt sich als 13 Jahre alt und allein gegen die ganze Welt am eigenen Weiterleben überhaupt interessiert. Das ist einfach kein guter Zustand, wenn man inzwischen überwiegend mit Menschen zu tun hat, die es verletzen würde, würde man ihnen Desinteresse an unserer Lebendigkeit unterstellen. So wie es R.s Grundannahme über DIE ALLE ist.

Es ist R., die sich ohne jeden Skrupel hinstellt und sagt, dass es Helferversagen gibt. Wie es wirkt. Dass es mit.schuldig macht. Dass es Teil des Unrechts ist, das Opfern von zwischenmenschlicher Gewalt passiert. R. ist die einzige Seite von mir, die Entschuldigungen von Erzieher_innen, früheren Psychotherapeut_innen und auch Betreuer_innen goutieren würde. Die Einzige, die sich nicht mal dafür schämt zu sagen, dass sie das gerne hätte.
Sie kann das, weil sie sich sehr weit entfernt von diesen Menschen erlebt. Ihre Wut und ihre harte Verschlossenheit schützen sie davor, jemals wieder irgendetwas von DEN ALLEN zu brauchen.

Sie schützen sie aber nicht davor, etwas zu bekommen, wenn sie, wir, ich es brauche.
Die Situation im Krankenhaus, die Operationsvorbereitung und die Pflege danach, war so ein Moment des Bekommens. Einer der Ersten, die ich so je wahrgenommen habe.

Man ist auf allen Ebenen auf mich zugekommen. Nicht ein Schritt in dem ganzen Voruntersuchungsprozess, der Aufnahme und Vorbereitung war gehetzt oder ungeduldig mit mir. Man hat für alles immer wieder meinen Konsens abgewartet. Immer jede alternative Möglichkeit erklärt und über alle Ressourcen aufgeklärt. Alles, was ging, ging auch wirklich. Sobald ich unsicher wurde, wurde ich versichert – ohne dass ich meine Verunsicherung erklären oder entschuldigen musste.
Es war nicht im Fokus, was mich verunsichert hat, sondern dass ich weiß, worüber ich mir sicher sein kann.
Das an sich war bereits außerordentlich wohltuend für mich. Es hat verhindert, dass ich in den traumalogischen Schluss rutsche, die Kontrolle über Unkontrollierbares behalten zu müssen. Diejenigen, die in der Verantwortung für mich waren, haben sie auch übernommen und meinen Konsens darüber immer wieder abgefragt. Ich hatte bis zum Schluss das Gefühl, die Kontrolle darüber zu haben, ob dieser Weg zum Eingriff oder der Eingriff selbst passiert oder nicht.

Offenbar habe ich beim Aufwachen immer wieder gesagt, ich hätte Angst, dass ein Täter da wäre oder käme. Daran habe ich keine Erinnerung.
Aber ich erinnere, dass eine Stationsschwester mir dann im Patient_innenzimmer gesagt hat, dass sie aufpassen würden, dass niemand käme. Dass ich bei ihnen sicher sei.
Der kleine R.-Stein in meinem, naja, meiner Krankenhaus-Laufsocke, war deutlich spürbar, aber nicht relevant für mich. Ich war noch eine ganze Weile nicht richtig wach und dissoziierte abwechselnd mit Schlafsequenzen.

Und dann gab es den Moment, in dem mein Mann egomäßig leicht angedötscht am Bettrand saß und erzählte, wie er beim Betreten der Station erst einmal klar und unmissverständlich gefragt wurde, ob er auch wirklich mein Mann sei.
Das war dann der Moment, in dem der kleine Stein zu einem kleinen Lehmklumpen wurde.