Wir gehen gerade mit einer Situation um, in der eine Person etwas über eine andere Person behauptet und sich das weiterträgt. Gossip, Klatsch, Rufschädigung, Gerüchtestreuung. Sowas in etwa.
Wir haben nicht oft mit solchen Dingen zu tun, denn die meisten Leute, die uns so etwas antragen, tun das in der Regel nur ein Mal. Mit uns macht sowas einfach keinen Spaß, denn wir reden mit möglichst mit allen Leuten gleich, sind froh, wenn wir nicht vor den Einen dieses und vor den Anderen jenes sagen müssen, um mit ihnen Zeit verbringen zu dürfen. Wir haben keine Kraft dafür, denn es kostet uns schon Kraft uns zusammenzuhalten. Mitzukriegen, wer von uns mit wem was wie laufen hat – das können wir im Außen einfach nicht tragen. Vielleicht mal kurz, wenn eine Situation das erfordert, aber selbst dann brauchen wir Leute, denen wir sagen können, dass wir da grad was tragen, damit wir das schaffen.
Jedenfalls.
Diese Situation und das was sie macht, erinnert mich an Schweigegebote.
Schweigegebote haben für uns mit “mitmachen” zu tun. Gebote sind für uns Regeln, denen man zu folgen strebt.
“Sag nichts, dann passiert irgendetwas, wofür sich das lohnt/ passiert was Gutes/Wichtiges/Richtiges”.
Das heißt: man verspricht sich etwas davon oder bekommt etwas versprochen.
Im alltagsgewaltvollen Umgang bedeutet das, dass viele Leute Dinge einfach nicht sagen, weil sie sich etwas davon versprechen. Keinen Stress und akute Harmonie vielleicht. Jemandem nicht zu sagen, dass sie_r krassen Mundgeruch hat ist zum Beispiel so eine Sache. Man redet nicht darüber. Es gibt ein soziales Schweigegebot darüber. Vielleicht ist es auch ein Tabu – wobei mir dazu gerade die Abgrenzung nicht einfällt und ich eigentlich auch gar nicht über Tabus schreiben will.
Anyway.
Interessant finde ich, wenn Gewaltüberlebende/Gewalterfahrene und ihre Verbündeten (und deren Behandler_innen)so etwas miteinander machen. Die Einen über die Anderen, diese über jene und “Ach DIE also NEE!”, bei gleichzeitiger Weitergabe von so etwas wie “Aber pscht, ne?!” oder schlimmer noch: von sich selbst wegtransferierte Verantwortung für die Weitergabe von Gerüchte, Klatsch und Hörensagen über Personen, die nicht im Raum (und bereits damit konkret unterlegen!) sind.
Der Klassiker ist da das Gerücht ohne Urheber_in.
Dem kann man nichts entgegnen, man kann evtl. zugrunde liegende Missverständnisse oder Fehlinformationen nicht aufklären. Als Opfer/Ziel von einem Gerücht ohne Urheber_in ist man maximal ohnmächtig und soll es auch sein. Man soll nur die negativen Auswirkungen zu spüren kriegen und die_r Urheber_in im Schutz der Unsichtbarkeit bleiben können.
Interessant finde ich das, weil es ein Verhalten von Kindern ist, die die Schwächen/”Fehler” anderer zielsicher finden und gegen sie zu verwenden, sobald diese sie verlassen oder kränken oder verletzen oder oder oder. Solche Kinder haben meistens lügen, tarnen, verwässern und verwischen gelernt, um zu überleben. Und das ist ein Skill. Einer, der sehr feine, gut funktionierende Antennen für soziale Geflechte und eine gewisse “akute Skrupellosigkeit” im Miteinander erfordert.
Lügen, zum Beispiel, bedeutet ja nicht nur die Unwahrheit zu sagen oder Dinge vorzugeben, die nicht stimmen – man muss in der Regel schnell sein, erfassen, wie und womit sich das Gegenüber überhaupt täuschen lässt und dann darf man die Lüge das ganze Leben lang nicht vergessen, weil man ja vielleicht immer mit der Person zu tun hat.
Deshalb nenne ich das einen Skill. Menschen so lesen zu können, kann an anderen Stellen sehr hilfreich sein.
In einer Szene, die sich zusammenfindet, weil es Menschen gibt, die andere Menschen von Kleinkindalter an belügen, verwirren, ihre Motivationen verwässern und und und, ist das meiner Ansicht nach so zynisch wie logisch.
Das Eine schließt das Andere nicht aus und trotzdem ist es bitterbitterbitter, weil das bedeutet, dass solche Zusammenschlüsse (noch) nicht als etwas gesehen werden (können), in denen neue Möglichkeiten probiert und gelebt werden können, um bewährte Fähig- und Fertigkeiten umzumünzen in etwas, das die Gewalt nicht weiterträgt.
Wir sprechen sowas immer an. Sind transparent mit dem was uns über andere Leute erzählt wird, vorrangig um uns selbst zu entlasten, denn wie gesagt: wir sind nicht gut in so etwas.
Wir erkennen den sozialen Sinn für uns nicht*, erkennen aber sehr wohl die Gewalt darin und das, was sie machen soll. Gerüchte sollen verunsichern. Niemand soll sich mit einer Person sicher fühlen – bei urheber_innenlosen Gerüchten geht es oft sogar darum sich gar nirgendwo und mit gar niemandem sicher zu fühlen.
Wie das bei Menschen andockt, die sowieso schon jeden Tag mit Angst umgehen und enorm vieles leisten, um sich sicher zu fühlen, ist denke ich klar.
Manchmal merke ich, dass unser Umgang mit solchen Sachen irritiert, Schuldgefühle auslöst oder sogar als Zeichen von Unsolidarität gelesen werden. Und dann fühle ich mich nicht nur sozial unfähig, weil ich wieder denke, dass es da vielleicht doch irgendeinen geheimen Wink gibt, den zu erkennen ich einfach unfähig bin, sondern auch noch mies, weil wir damit umgehen, wie wir damit umgehen: nicht schweigend oder verdeckend.
Wir machen das nicht, weil wir uns für ein moralisches Neutrum halten, wir machen das, weil die beste soziale Interaktion, die wir hinkriegen die dingliche/sachbezogene ist.
Wenn wir klar haben worum es geht, warum wir was wie machen und wollen und was das Ziel sein soll, dann kann es für uns auch mal emotional werden oder um Dinge gehen, die heikel sind. Aber wir brauchen den konkreten Bezug.
Und der konkrete Bezug ist Leuten, die Gerüchte oder Gossip oder auch einfach bloßen Klatsch verbreiten, meistens scheiß egal oder völlig wegdissoziiert. Die meisten Leute, die das machen, haben nicht klar, dass es um sie geht, wenn sie über andere (schlecht) reden.
Wir kennen jemanden, die_r wenn wir sie_ihn treffen, immer schlecht von Leuten redet, mit denen sie_r selbst persönlich überhaupt nichts zu tun hat. Einfach so als normaler Talk, ganz oberflächlich und manchmal auch ganz in dem Ton wie Bunte, Glamour und Bild der Frau titeln.
Wenn die Person mit den Leuten an einem Tisch säße, würde sie ihnen das nie sagen.
Durch unsere Beziehung und eben diesem Hang zum Reden über andere Leute vor anderen Leuten, habe ich Angst jemals irgendwen von den Leuten zu treffen, über die diese Person spricht. Was wenn ich sie mal treffe und dann macht sie diese Sache von der die Person so schlecht geredet hat? Darf ich dann sagen, was ich von wem darüber gehört hab? OF COURSE NOT!
Oder doch?
Wovor ich Angst habe ist, dass die Person von da an auch schlecht über mich redet. Wobei sie das vermutlich sowieso schon tut, ich bis jetzt nur noch nichts davon weiß. Sicher kann ich mir darüber nicht sein.
Gesetzt den Fall ich würde es sagen, wäre die unangenehme Situation da und das Moment, in dem eine oder vielleicht auch wir beide anerkennen müssen, dass es vor allem deshalb unangenehm ist, weil man plötzlich nicht nur mit “Verrat” oder “Gebotsbruch” umgehen muss, sondern auch damit, dass es keine Routine im gewaltfreien Umgang mit solchen Situationen gibt.
Wir sind nicht so gut in sozialer Ausschlussperformance – also: Schweigen als soziales Mittel, Leute dissen oder Leute anziehen, um sie “auf unsere Seite zu bringen”, darin sind wir ziemlich schlecht.
Was wir können sind Reflektionen, Analysen, Auseinandersetzung, Fragen stellen, Klarheit schaffen und daraus Überlegungen anstellen, was helfen könnte.
Very konkret, much dinglich.
Und: ohne Schweigen
Unser ganz eigener Nichtschweigeskill.
Ich persönlich finde das okay so.
Und ich denke, dass das vielleicht auch ein guter Skill ist. Also heute jedenfalls.
Früher war das oft nicht sehr hilfreich. Und auch heute ist es im sozialen Miteinander eher irritierend.
Aber heute bedeutet Irritation keine Lebensgefahr mehr. Wir müssen nicht schweigen und wir müssen die verschiedenen Schweigerituale anderer Menschen nicht mitmachen – auch wenn wir uns deshalb manchmal nicht gut damit fühlen, weil wir nachwievor allzu oft allein damit sind. Obwohl wir uns in Szenen bewegen, die viel von unserem Er_Leben teilen.
Aber wir sind ja nicht die einzige Person auf der Welt, der es manchmal so ergeht, oder?
*@mthsblgr hat uns gestern noch geschrieben, dass der soziale Sinn für manche Leute darin liegt, sich über die Abgrenzung zu anderen Menschen mit jemandem zu verbünden bzw. eine Bindung aufzubauen, ohne sich selbst sehr zu öffnen.
Da muss man erstmal drauf kommen. Für uns ergibt das keinen Sinn. Muss es ja aber auch nicht.
Als der Wecker klingelt, baut er sich selbst in mein ZwischendenZeiten ein.
Ich öffne die Stundenplan-App auf dem Handy. Die erste Stunde fällt aus, wir können noch eine Stunde schlafen.
Ich schlafe nicht, ich flashbackintrusioniere bis der Wecker ein zweites Mal klingelt. Jemand richtet uns auf. Trinkt Wasser. Wir loben es fürs Anziehen der Strickjacke. Rufen Ansporn und Versicherung von einer Zuschauertribüne jenseits von ihm. Oder ihr?
Als es aus dem Bett klettert, denke ich noch, dass wir es schaffen können. Kaffee, Beerenbrei, Dusche, Ranzen schnappen und los. Kurvendiskussion üben, den Lehrer um Hilfe bei der Photoshophausaufgabe bitten, Wirtschaft lernen, KeineAngstvorderWirtschaftslehrerinhaben trainieren.
Als ich im Bad stehe und mich nicht ausziehen kann, weiß ich, dass wir es nicht schaffen. Nicht jetzt. Wir sind heute nicht schnell genug. Nicht genug genug für Schulhier, Straßenbahnda oder MitdemFahrradunterwegs.
Das kann ich der Schulsekretärin nicht sagen. Der kann ich nur sagen: „Ich kann heute nicht kommen“ und hoffen, dass es nicht sehr schlimm ist. Denn noch mehr Dramen rund um die Schule packe ich einfach nicht mehr.
Jetzt sind wir also hier und haben Zeit.
Und ich merke, dass ich gern darüber reden würde und wie fremd mir das selbst vorkommt. Ich wollte nie darüber reden. Über Symptome, ja okay, aber doch nicht über diese Momente, in denen ich merke, das Zeit für uns manchmal gar nichts prozesshaftes ist. Die Momente, in denen ich mich nicht zum Duschen ausziehen kann, weil ich die Angstsicherheit habe, dass mich jemand dabei beobachtet, dirigiert, mich auf eine Art miss.be.handelt, die unsichtbar ist – obwohl obwohl obwohl
Ich habe gerade keinen Zusammenbruch. Keine heftige Krise. Ich brauche jetzt keinen Igelball oder geistigen Dreh in Heute zurück. Ich bin im Heute.
Heute bedeutet, die Dinge nicht mehr zu erleben. Heute bedeutet, die Dinge zu erinnern.
Manchmal ist das nicht genug Unterschied.
Nicht genug genug.
Wenn ich lese, dass “der Feminismus” alle Männer zu Tätern (sigh) erklärt, dann denke ich mir den Verfasser des Textes als jemanden, in dessen Leben ich gerne einmal hineinschlüpfen möchte.
An der Stelle geht es mir nicht ums Privileg oder darum, mal zu schauen zu schauen, wie das so ist als Mann mit Dingen konfrontiert zu sein. Ich frage mich wieder einmal, wie das wohl ist, wenn man nicht von anderen Menschen traumatisiert wurde.
Ich wurde von zwischenmenschlicher Gewalt in der eigenen Familie, in Institutionen, in erweiterten sozialen Gruppenkontexten traumatisiert. Tatsächlich bedeutet heute jede Person– unabhängig von jeglichen Eigenschaften, die sie von einer anderen Person unterscheidet – für mich eine potenzielle Gefahr.
Immernoch. Obwohl das Schlimmste inzwischen schon seit gut 11 Jahre vorbei ist.
Wenn ich Sätze aufschnappe wie: “Die (Feminist_innen) erklären alle Männer zu Tätern!”, dann denke ich sofort, dass das ein falscher Satz ist. “Täter_in” ist ein Wort, das eine im Nach-etwas-das-passiert-ist-hinein-Begrifflichkeit ist. Es muss etwas passiert sein – jemand muss etwas getan haben, um Täter_in zu sein. Einfach so, pauschal kann man das über niemanden sagen. Weder über Männer, noch über Menschen, die keine Männer sind.
Das ist wichtig. Gerade, wenn es um die (feministische) Auseinandersetzung mit sexistischer Alltagsgewaltpraxis geht. Die sexistische Alltagsgewalt wird von manchen als Tat eingeordnet und bedeutet in der Folge, viele aktive Täter-, Ermöglicher-, Mittäter_innen (!) , die auch als solche benannt werden.
Ob das jetzt so nötig, ist, um Sexismus als solchen abzuschaffen, kann ich nicht abschließend sagen, aber, dass es in dem Fall keinen generellen Outcall an Männer gibt, sie seien Täter, ist an der Stelle klar. Hoffe ich.
Was ich aber auch verstehe ist, dass das ungerecht vorkommen kann.
Wenn es in der eigenen Wahrnehmung so normal ist sexistisch zu sein, zu handeln, zu denken und zu bewerten, und es zusätzlich noch eine krasse Ausnahmesituation ist im eigenen Da_Sein, Handeln, Denken und Werten kritisiert, bezweifelt, und aufgrund dessen vielleicht sogar im sozialen Rahmen abgewertet und ausgeschlossen zu werden, ja dann kann einem die Welt schon mal brennen.
Das bedeutet aber noch lange nicht, dass andere dafür zuständig sind, das wieder in Ordnung zu bringen.
Für mich sind WWcM*-Texte deshalb interessant, weil ich darin etwas finde, das mir sehr fremd ist.
Und damit meine ich nicht den öffentlichen Ausdruck von Unzufriedenheit mit der eigenen Situation und auch nicht den Umstand, dass dort eine völlig fremde Perspektive auf etwas fassbar wird.
Ich meine die Grundhaltung zu anderen Menschen.
Für mich sind andere Menschen im günstigen Fall etwas, deren störender Einfluss auf mich, in irgendeiner Form erwartbar ist. Im ersten Moment sind sie jedoch eine Gefahr. Das ist die Macke, die man mitnimmt, wenn man von klein auf damit konfrontiert ist, dass es so etwas wie einen “sicheren Menschen” schlicht nicht gibt..
Ich habe mich noch nicht viel mit anderen Menschen beschäftigt. Keine meiner Beziehungen ging über klar eingegrenzte Miteinander-Tätigkeiten hinaus, ich habe keine Menschen im Leben, die ich in allen Alltagssituationen und Zuständen einschätzen oder verstehen kann.
Eine “tiefe innige Verbundenheit” empfinde ich zu niemandem.
Mein neutrales – nicht von Anpassungen an Traumafolgen oder allagsgewaltbedingten Sozialmustern verformtes – Interesse an Menschen habe ich erst entwickelt, nachdem ich begriff, dass in jedem Menschen ein anderer Kosmos wirkt. Da waren wir etwa 21 Jahre alt. Heute weiß ich, dass das vielen Autist_innen so geht und nichts ist, was mich zurm Psychopath_in oder gefühlskalten Egoman_in macht. Und auch nicht zum „unfähig zur Liebe traumatisiertem Opfer“.
Ich weiß heute, dass soziale Interaktion nichts naturgegebenes ist, sondern das Ergebnis eines lebenslangen Lernprozesses, der immer nur in dem Rahmen passieren kann, der individuell zur Verfügung steht..
Vielleicht ist es an der Stelle schwierig für Lesende, die Parallele zum Täter_innenvorwurf zu finden.
Deshalb schreibe ich es so:
Manchmal mache ich mir Sorgen, dass mir Ähnliches gesagt wird, wenn ich meine Sicht auf Menschen so klar ausdrücke, wie ich sie erlebe. Dass ich alle Menschen vorverurteilen würde oder, dass ich Menschen instrumentalisiere, (weil ich sie als minderwertig(er als mich selbst) einordne) oder dass ich damit aufhören solle. Als wäre das etwas, was im ersten Schritt von mir gewählt wurde und ich mir im zweiten Schritt nicht selbst anders wünschen würde.
Diese Welt, die WWcM in ihren Texten als Schreckensszenario aufmachen, ist bereits meine Lebens_Realität.
Ich kann schon immer nicht einfach sagen, was ich wirklich denke, glaube und werte, gerade weil es sexistische, ableistische, klassistische Alltagsgewalt gibt, die mir Alltagspraxen und Verhaltenskorsette aufzwingen, in denen es mir in irgendeiner Form schadet, wenn ich ausdrücke (verkörpere) wer und was und wie ich bin, denke, glaube, handle, werte.
Mich beschäftigt die Frage, wie das ist, wenn das nicht so ist.
Wie ist das die Wohnung zu verlassen und einfach keine Angst zu haben?
Wie ist das an der Straßenbahnhaltestelle zu stehen und nicht schon längst von den Umgebungsreizen bis ins Mark aufgeschürft zu sein?
Wie ist das Menschen, die entgegen kommen oder von hinten überholen, nicht darauf abzuscannen, ob ihre Hand erhoben, das Gesicht verzerrt, die von ihnen ausgehende Lautstärke auf eine_n gerichtet ist?
Wie ist das, wenn man morgens aufsteht und einfach irgendwie weiß und glaubt, dass die Welt ein Ort für eine_n ist? Vielleicht sogar nicht einmal so klar und bewusst – sondern so ganz tief drin. Ganz sicher und fest.
Ohne jeden Zweifel. Jemals.
Ist es besser? Oder ist es anders?
Wie ist dieses Normal?
Wie ist es sich in einer Welt zu bewegen, in der man selbst die Regel und nicht die Ausnahme ist – ganz egal, wo, wie, warum man sich mit wem befindet?
In meiner Vorstellung ist da unheimlich viel Potenzial.
Zeit und Raum und Kraft für Schöpferisches, für Entdeckungen, für Kunst, für Fürsorge, für die Lösung von Problemen. Das ist zumindest was ich an mir feststelle, wenn ich in einem Moment von Okaysein in der Welt und meiner direkten Umgebung bin. Dann geht mir keine Energie daran verloren, mich zu schützen oder zu rechtfertigen. Dann habe ich keine Angst vor dem was andere Menschen an oder von mir verurteilen. Dann bin ich einfach da und mache meine Dinge und die Dinge, die anderen Menschen vielleicht etwas geben.
Das ist nicht die Erfüllung – aber es ist einfach so ein Passieren und Da-Sein, von dem ich denke: „Das ist Leben.“. Einfach so.
Da ist aber auch Machtpotenzial.
Wenn man so viel Kraft zur Verfügung hat, dann gibt es vielleicht auch einen Willen dazu, sie um jeden Preis zu erhalten. Notfalls mit Gewalt. Mit jenen *istischen Gewalten, von denen unsere Gesellschaft bereits durchzogen ist.
Ich habe damals vor 11 Jahren unseren Ausstieg unterstützt, weil wir verstanden hatten, dass Gewalt unser Leben bestimmt. Damals noch mehr als heute ganz im wortwörtlichen Sinne. Wir sind für Gewalt an uns aufgestanden, nachdem wir uns mit Gewalt (mittels Medikamenten, Alkohol und Drogen) in den Schlaf gebracht haben. Wir sind zur Schule gegangen, weil die Staatsgewalt, das so vorschreibt. Wir haben unser Verhalten und Da_Sein an jenen Instanzen ausgerichtet, die uns mit Gewalt zu was auch immer zwingen konnten, wenn sie nur gewollt hätten. Jedes Wollen und Wünschen wurde mit Gewalt beantwortet – manchmal von außen, manchmal von uns selbst.
Wir haben damals gesagt, dass wir keine Gewalt mehr leben und ausüben wollen.
Und heute denke ich, dass es deshalb überhaupt nur geklappt hat. Wir haben uns als aktiv Gewalt ausübend erlebt und akzeptiert– obwohl uns damals schon Jahre und Jahre lang gesagt wurde, dass es “die Täter_innen” waren, die uns Gewalt angetan haben.
Für uns war damals klar, dass es eine sich gegenseitig immer wieder anstoßende Gewaltspirale war, in der wir uns bewegt haben – egal, wie andere Menschen (Verbündete und Helfer_innen) das eingeordnet haben.
Sich selbst davon zu entfernen und nach Alternativen zu suchen, hätte nicht funktioniert ohne dieses Bewusstsein.
So denke ich das auch in Bezug auf solche Diskursblüten wie die, mit der dieser Text angefangen hat.
Ich denke, dass es wichtig ist zu verstehen, dass selbstverständlich alle Menschen potenzielle Gewalttäter_innen sind und auf jeden Fall auch schon einmal Gewalt ausgeübt haben. Darüber darf es keine Zweifel, von dieser Annahme, darf es keine Ausnahmen geben, denn wir leben (noch) nicht in einer Gesellschaft, in der es so etwas wie Gewaltlosigkeit nicht gibt.
Das schreibe ich nicht, weil ich als Teil eines Wir in diesem Körper, die Gewalt zu der Menschen fähig sind so genau kenne und sie mir deshalb nicht mehr als friedliche Wesen denken oder glauben kann.
Ich schreibe das, weil ich fest davon überzeugt bin, dass es Diskurs wie diesen weder gäbe noch bräuchte, wären Menschen diese friedlichen Wesen, als die sie sich selbst gerne verorten möchten.
Friedliche Wesen hätten die Kraft neugierig aufeinander zu sein. Schöpferisch und kreativ miteinander zu sein. Fürsorglich und nachhaltig mit sich und der Mitwelt umzugehen.
“Euer Podcast gibt mir immer weniger.”, sagte uns eine Freundin am Samstag, kurz bevor wir den Film starteten, den wir uns ausgesucht hatten. Sie sagte, sie könne für sich immer weniger rausziehen, die Folgen seien zu lang und das Geplänkel zwischendurch wäre mal ganz nett, aber …
Hm ja, dachte ich. Feedback ist wichtig, wir legen uns das mal an die Seite.
Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, was die Dinge, die wir tun, anderen Leuten überhaupt geben soll und ob wir beeinflussen können, was sie sich nehmen wollen und was nicht.
Am Sonntag bekamen wir Besuch für ein Projekt, in dem es ums Vielesein geht.
Wenn die Person da ist, sprechen wir über uns, wie wir uns wahrnehmen, wie was bei uns funktioniert und was es bedeutet, dass es so ist, wie es ist.
Am Abend stellten wir ein Modell fertig, das unsere “innere Landkarte” symbolisiert.
Eine Arbeit, die wir schon lange für die Therapie machen wollten, aber doch nie gemacht haben.
Zum Einen, weil wir Angst davor hatten, unerwartet mit Dingen konfrontiert zu werden, auf die wir nicht vorbereitet sind. Zum Anderen, weil es in uns nachwievor Unsicherheit darüber gibt, ob das überhaupt wichtig ist. Ob das jemand wissen will. Ob das Sehen unseres Seins etwas ist, das anderen Menschen (der Therapeutin, der Projektperson, den Personen, die das Projekt später sehen oder generell: überhaupt irgendjemandem) “etwas gibt”, was auch uns mit einschließt.
Für uns ist es normal so zu sein, wie wir sind. Wie wir funktionieren, ist für uns nichts fremdes oder besonderes – das ist es erst geworden, nachdem uns gesagt wurde, dass es das nicht sei. Dass es eine Krankheit sei, dass es eine Störung sei, dass das, was dazu geführt hat, unnormal sei. Unrecht. Falsch. Schlecht.
Wir, wie wir sind und wie wir geworden sind, hat also nur durch die Gegenüber- oder Nebeneinanderstellung mit dem Leben und Sein anderer Menschen überhaupt diesen Status von etwas, dem man sich anders widmet und/oder widmen will/muss/sollte, als dem, was diese als üblich wähnen.
Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Dinge, die wir wahrnehmen und denken, teils massiv von dem abweichen, was andere Menschen wahrnehmen und denken. Nicht, weil wir andere politische Haltungen vertreten, nicht, weil wir Dinge mögen, die jemand anders nicht mag – einfach nur, weil unsere Perspektive durch unser Sosein, durch unser Sogewordensein eine völlig andere ist.
Und auch das nicht nur so ein bisschen. So ein bisschen, dass andere Menschen sich eventuell vielleicht doch – mit ein bisschen Anstrengung, Empathie und intellektueller Verdrehung – in uns und unseren Blick auf die Welt hineinversetzen können.
Nein. Wir sind auf eine Art anders gestrickt, dass wir nicht nur ein zwei Aspekte anders erleben und entsprechend einordnen, wenn Wind und Mond mal zufällig komisch stehen oder ein Trigger wirkt oder uns irgendetwas irritiert.
Die grundlegende Struktur ist zu jedem Zeitpunkt anders, als bei Menschen, die nicht viele sind (und zufällig auch noch autistisch).
Für mich beginnt der Unterschied schon dort, dass ich die Normalität der Menschen, die nicht autistisch und nicht viele sind, weder kenne, noch erklärt bekomme, noch als etwas erlebe, das ich als etwas potenziell auch von mir er_lebbares nachvollziehen kann, wenn ich mich in diese Menschen hineinversetze.
Es ist für mich weder denkbar, noch vorstellbar, nicht so zu sein wie ichwir.
Interessanterweise geht mir das auch so mit Tieren.
Ich kann mir nicht im Mindesten vorstellen, wie es ist eine Giraffe zu sein, geschweige denn einen Begriff von ihrem Bewusstsein oder der Art ihrer Wahrnehmung und ihrem Ich-Erleben zu haben.
Dieser Umstand wird von allen Menschen als gegeben akzeptiert. Niemand verlangt es von irgendjemandem und niemand maßt sich selbst ernsthaft an, all das über eine Giraffe zu wissen oder “mit ein bisschen Anstrengung/Empathie schon irgendwie nachvollziehen zu können”.
Es würde sich auch niemand mit vorwurfsvoller Miene vor eine Giraffe stellen und ihr sagen, sie solle sich mal ein bisschen klarer (bitte ohne Geplänkel) ausdrücken, damit man ebenjene Dinge über sie in Erfahrung bringen kann.
Ich will uns und Menschen in ähnlicher Situation nicht mit einem Tier gleichsetzen.
Ich will hier auch nicht zu dem Schluss kommen, dass wir “in einer anderen Welt” als andere Menschen leben. Ich will auch nicht das so oft bemühte “wrong planet”-Bild nutzen.
Ich will aufzeigen, wie groß die Kluft zwischen unseren Wahrnehmungen und Er_Lebensrealitäten ist.
Und wie ungleich groß zuweilen die Bemühungen darum sind, miteinander in Kontakt zu kommen und einander zu verstehen. Und wie verschieden die Motivationen dazu sind, das überhaupt anzustreben.
Ich will es nicht darauf reduzieren, aber schreibe es nun doch so auf:
Ohne die Pathologisierung, die Stigmatisierung, die Ausgrenzung, ohne den tiefen krassen Schmerz, den es bedeutet so wie wir sind in dieser Welt und in diesen Kontexten zu leben, würden wir uns kein Stück um ein Miteinander mit Menschen kümmern. Wir würden es sein lassen.
Wir würden all die Kraft, die es uns kostet in Lautsprache zu denken, zu erklären, zu kommunizieren einsparen und all die Dinge tun, die uns und vielleicht sogar nur uns allein zur Kommunikation und Interaktion mit der Welt dienen. Wir würden uns nicht erklären, würden nicht all die großen und kleinen sozialen Dressuren aufführen, die es braucht, um überhaupt von als Mensch mit Seele und Sein an_erkannt zu werden.
Wir fragen uns nie, “was es uns gibt” uns die Abbildungen und Darstellungen in Film und Fernsehen, in Romanen, in Erzählungen oder Klatsch und Tratsch von neurotypischen (nicht komplex traumatisierten) Leuten reinzuziehen, weil wir von vornherein wissen, dass das, was dort verhandelt wird, aus einer Perspektive kommt, die wir niemals je selbst einnehmen werden. Da werden Interaktionsmuster gezeigt, die wir nur kopieren, jedoch nie in ihrer Tiefe und Intension selbst auch erfahren. Da werden Werte und Normen repräsentiert, die uns nicht mehr sagen, als, dass sie wichtig für diese Personen sind. Da werden zwischenmenschliche Dramen und Erfahrungen mit_geteilt, die wir selbst entweder gar nicht machen (können) oder, die wir machen, ohne mehr damit anfangen zu können, als das, was wir ohnehin schon 24/7 tun: analysieren, entschlüsseln und mit anderen Erfahrungskontexten abgleichen, bevor sie abgespeichert werden.
Wir wissen, dass uns all diese Medieninhalte nichts geben – wir wissen, dass sie euch etwas geben. Deshalb nehmen wir uns all die Dinge daraus, die uns im Kontakt mit euch eventuell mal hilfreich sein können.
Wir werden daneben übrigens auch nie gefragt, wie das für uns ist nirgendwo kongruent in unserem Sein und Er_leben repräsentiert zu werden.
Manche Menschen erwarten Reaktionen von uns auf Filme, in denen Viele sein oder autistisch sein vorkommt, aber sie erwarten selbst von unseren Reaktionen auf Medien, die Menschen mit einer so krass anderen Perspektive und Er_Lebensrealität über (Aspekte) unseres Seins und Er_Lebens gemacht haben, noch einen Mehrwert für sie und ihre Sicht auf das Thema.
Was sie nicht erwarten ist Unverständnis dafür. Gekränkt davon zu sein, schon wieder von jemandem ohne gleichen Hintergrund für einen Kontext benutzt worden zu sein, in dem wir selbst weder mitgedacht werden, noch sonstwie in einer Art passieren, die auf gegenseitigem Begreifen, Verstehen und inkludiertem Miteinander beruht.
Um ein weiteres Tierbild zu bemühen:
Manche Haie kapieren nicht, dass es Sardinen kränkt, wenn ein Hai einen Sardinenfilm dreht, um unter Haien als der geilste Filmer bekannt zu werden, Haie ins Kino zu bringen, Haien ein weiteres Mittel zur Etablierung einer Haikultur zu schenken, in der sich Haie erkennen und so zu einer Verbesserung oder Veränderung des Haimiteinanders beitragen können.
Und manche Haie haben darüber für Sardinen dann oft auch nicht mehr übrig als “Nja mag ja sein, dass das für dich persönlich jetzt voll blöd ist, aber mich brings voll weiter.” – während die Sardine zurückbleibt. Nicht nur mit ihrer persönlichen Verletzung, sondern auch mit dem Bewusstsein selbst eben nicht weitergekommen zu sein, sondern nur dazu benutzt worden zu sein, einer Gruppe weiterzuhelfen, die nichts außer ebenjene Benutzung mit ihr zu tun hat.
Und, die ihrerseits zu keinem Zeitpunkt überhaupt einen Anlass hat sich einer anderen Gruppe als sich selbst zu widmen.
Die Selbstverständlichkeit mit der sie sich selbst vielleicht mal gut, vielleicht mal eher schlecht repräsentiert wieder_finden können, lässt die Information von komplettem Ausschluss für sie völlig absurd wirken.
Denn selbst sehr schlechte Darstellungen werden ja nur für sie gemacht. Nur sie können die Tiefe, die unausgesprochenen Codes entschlüsseln, nur sie sind gemeint. Nur um sie geht es bei der ganzen Sache. Um ihre Kultur, ihr Miteinander, ihr Sein.
So sitzen wir also da mit der Kritik an einem Projekt, das ist wie es ist, weil wir sind, wie wir (und Renée) sind und sich an Menschen richtet, die sich davon nehmen dürfen sollen, was sie selbst auch nehmen wollen.
Um dann vielleicht auch mal mit Menschen, die erheblich viel anders sind, als sie in an_erkennenden Kontakt zu kommen.
So sitzen wir nun da mit einem Modell von unserem Innen und wissen gleichzeitig, dass wir das Modell des Innen eines Menschen, der nicht viele und nicht autistisch ist, vermutlich niemals zu sehen kriegen werden.
Geschweige denn erklärt und im gleichen Format beschrieben.
Wir sitzen da und fragen uns, was wir denn davon haben, das so zu machen.
Und wieder einmal kommen wir zu dem Schluss, dass wir davon nicht mehr haben als das Wissen, dass wir wenigstens versuchen unseren Schmerz an der Kluft zu anderen Menschen zu lindern. Dass es uns wenigstens nicht so selbstgefällig scheißegal ist, wie es uns damit geht, dass mit uns so umgegangen wird, wie mit uns umgegangen wird.
Wir wissen, dass wir alles dafür getan haben, was wir können, damit es Miteinander gibt. Dass es mehr Möglichkeiten zu Verstehen und Begreifen gibt. Dass niemand sagen kann, wir hätten ja in Wahrheit gar kein Interesse daran.
Wir wissen, dass wir jeden Tag alles was wir können tun, um sowohl uns selbst, als auch anderen Menschen in ähnlichen Lagen zu markieren, dass der Status Quo einer ist, in dem die Mehrheit über aufwendig konstruierte Minderheiten bestimmt.
Wir wissen, dass wir nichts weiter tun und wollen, als uns selbst zu repräsentieren und selbst in unseren Themen und Forderungen zu vertreten.
Und zwar, damit wir selbst am Ende etwas davon haben.
Nämlich die An_Erkennung in unserem Sosein, wie wir sind.
Nämlich die Gewährung von Respekt, von Schutz, von gesellschaftlicher, kultureller, ökonomischer und struktureller Gleichstellung mit genau den Menschen, an deren Normen und Werten entlang, wir, egal wie wir dazu stehen, als anders, fremd, krank definiert werden.
Das Gefühl der Ausgrenzung kennen wohl alle Menschen.
Das setze ich an den Anfang des Textes, um zu zeigen: Ich weiß das. Und um anzuzeigen, dass es entsprechend keinen Grund gibt, mir zu sagen, dass meine Gefühle und Gedanken allein deshalb schon nichts besonderes sind.
Wie gesagt: Ich weiß das. Es ändert meine Gefühle und meine Not an ihnen nicht und ich schreibe sie hier auch nicht auf, weil ich denke, dass sie besonders sind.
Wieder einmal schreibe ich etwas dazu auf, gerade weil ich weiß, dass es normal ist, ausgegrenzt zu werden, weil man ist, wie man ist.
Besonders, wenn man anders ist.
Sprung.
In dieser Woche habe ich vielleicht einfach nur ein paar Enttäuschungen zu viel gehabt. Wer weiß. Vielleicht bin ich auch nur müde. Vielleicht steht der Mond ungünstig. Vielleicht hab ich nur noch nicht genug geweint und bin deshalb noch nicht an dem Punkt, an dem ich loslassen kann, um mich Wichtigerem zu widmen.
Vielleicht ist es aber auch einfach Teil meiner Strickweise, dass ich lange brauche um Dinge zu prozessieren, zu verstehen, zu begreifen – sie mir auseinanderzunehmen und als neu hinzugekommene Erfahrungen in mich und mein Bild von der Welt einzubauen. Was weiß ich.
Sprung.
Ich bin frustriert über meine Leistungen in diesem 3 Schulhalbjahr. Nicht, weil sie schlecht sind. Ich bekomme nachwievor selten eine 1, üblicherweise eine 2, wenn ich denke, ich habs ganz verkackt, reicht es noch für eine 3. Ich habe keinen Grund zu glauben versetzungsgefährdet zu sein oder die Ausbildung nicht zu schaffen, weil meine Leistungen nicht ausreichen.
Unzufrieden bin ich damit, dass ich – im Gegensatz zu meinen Lehrer_innen – weiß, dass ich nicht besser werde, wenn mich nur noch mehr motiviere, noch mehr lerne, noch mehr reinhänge, mich mehr öffne oder locker mache.
Ich weiß, dass es in vielen Dingen nur noch um dieses eine kleine µ der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion geht.
Und während ich das weiß und wieder einmal 3/4 meiner Alltagskraft in die Kompensation dessen stecke – merke ich: Sie sehen das nicht. Sie merken das nicht. Sie halten mich für perfektionistisch. Denken, ich sei nur mit Note 1 zufrieden. Ordnen mich als generell schwer zufriedenzustellen ein. Und eben nicht als autistisch und damit behindert im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion.
Sie merken nicht, wie sie mich damit damit jedes Mal neu rauswählen.
Sprung.
Es bleiben mir noch zwei Stellen für eine Bewerbung um ein Berufspraktikum.
52 Stück habe ich seit September letzten Jahres weggeschickt.
Schriftliche Absagen: 11 Stille Absagen: 40 Wartend auf: 1
Niemand schreibt, dass meine Behinderung oder der strukturelle Aufwand, der nötig ist, mich als Praktikantin anzunehmen der Grund dafür ist.
Aber ich weiß, warum wir vor der Ausbildung jetzt mehr als 10 Jahre weder Arbeit noch Ausbildung hatten.
Ich habe nicht viele Informationen. Verstehe zu wenig von der wirtschaftlichen Lage und der Welt, in der Menschen leben, die so arbeiten, dass sie andere Menschen bei sich mitarbeiten lassen können, als dass ich mir selbst gut zureden kann, all die Nichtaussichten für mich wären in Faktor X oder Y – aber auf keinen Fall in mir und meinem So-Sein begründet.
Ich will das alles nicht persönlich nehmen. Doch wie soll ich es denn nehmen? Was soll ich denn denken, machen, glauben, wünschen?
Zufall? Bestimmung? Pech? Jede Niederlage ein Sieg für die Selbsterkenntnis?
Wie lange muss man so eine Situation ertragen, damit es vor anderen Menschen legitimiert ist, sie nie wieder aufzusuchen?
Sprung.
Ich habe erfahren, dass es den Studiengang “Medieninformatik” gibt. Das klingt gut für mich. Nach einer Richtung, die mir ein Tool in die Hand gibt, danach Dinge zu realisieren, die es ermöglichen Informationen auf vielleicht sogar ganz neuartige Art zu übermitteln.
Sehr motivierend so eine Aussicht. Gerade jetzt, wo ich mit den Mitteln, die ich zur Kommunikation nutzen kann, immer wieder scheitere.
Dann war ich gestern beim Tag der offenen Tür des “bib” in Bielefeld. Das bib ist ein privater Bildungsdienstleister, von dem diverse Studien und Ausbildungsgänge angeboten werden. Unter anderem auch Medieninformatik.
Weil ich nicht wusste, dass es ein Privatunternehmen ist, bin ich hin, wie ich bin.
Hätte ich es gewusst, hätte ich mich unter unbequemerer Kleidung und Make up versteckt und hätte die vielen kleinen Demütigungen, die so ein Umfeld für Menschen wie mich bereithält, an mir abprallen lassen können.
So stand ich dann da mit meiner C&A-Jeans und den Resten der Stresspickel, die mir die letzten zwei Schulwochen beschert hatten und versuchte mich mit meinen Wortgewändern und einer Lächelgrimasse anzupassen.
Menschen, die nicht am Existenzminimum leben, wissen meistens nicht, dass sie das tun. Sie glauben oft, dass sie “ja auch kämpfen müssen” und halten das für vergleichbar mit der Lebensrealität von Menschen wie mir. Sie haben häufig keine Rezeptoren für den Schmerz, den sie anderen zufügen, in dem sie die gleichen Sorglosigkeiten und Relevanzbewertungen, wie bei sich selbst, für gegeben annehmen.
Sprung.
Manchmal ist es für mich demütigender, wenn mir Menschen sagen, dass ich mich doch nur locker manchen müsse, weil doch eh alles immer irgendwie läuft, als wenn sie mir direkt sagen, dass ich einfach einer dieser Menschen bin, für den man in dieser Gesellschaft keine Ver_Wert_ung findet.
Ich dachte lange, mein Wunsch doch bitte gleich offen als wertloses Stück Scheiße benannt zu werden, hätte seine Wurzeln allein darin, dass ich mich nach langer Zeit des Gewalterfahrens selbst so sehe.
Heute weiß ich, dass ich in manchen Lebensbereichen noch immer so behandelt werde und es die permanente Anstrengung zur Dechiffrierung dessen in eine klare Aussage ist, die in mir diesen Wunsch logischerweise auslöst.
Es geht also nicht darum, dass ich das gerne hören möchte, um mich in meinem Selbstbild zu bestätigen, sondern darum, dass ich mir wünsche, die Menschen in meiner Umgebung hörten endlich auf, mir ihr Bild von mir nicht offen zu zeigen und/oder auch vor sich zu verschleiern.
Sprung.
Auf meine Frage nach Erfahrungen mit der Integration von Menschen mit Behinderung, erhielt ich eine lange Satzkette mit der kurzen Information “Nein” drin. Trotz dem es die Möglichkeit gibt, für eine Woche zu hospitieren, um zu schauen, wie sich der Lernalltag gestaltet, war ich am Boden zerstört.
Nicht, weil das so ist. Es hätte mich gewundert, wenn die Klientel, die dort lernt und studiert, so divers ist, dass es zu einem reichen Erfahrungsschatz kommen kann. Aber die Bestätigung meiner Annahme war nichts, was ich gern gehabt hätte.
Jeder Beweis für die nachwievor bestehende Ausgrenzung von behinderten Menschen, ist mir ein Beweis für meine Ausgrenzung. Für mein Nichtrepräsentiertsein. Für mein Nichtmitdabeisein. Und dafür, dass jeder einzelne Schritt inmitten dieser Menschen(gruppen/klassen) für mich einer ist, der allen Beteiligten neu, fremd, anstrengend, ängstigend… über_heraus_fordernd ist.
Und auch hier: Ich wünschte, ich könnte das nicht so persönlich nehmen. Es geht dabei ja nicht um mich persönlich.
Aber wie soll ich es denn nehmen? Es ist ja nicht so, dass sich an den entsprechenden Stellen jemand persönlich als verantwortlich bereiterklärt.
Sprung.
Und wie soll es für mich weitergehen?
Ich bin nicht gut darin mich selbst so tiefgreifend zu belügen und mich darauf aufbauend zu immer mehr Leistung zu motivieren. Ich brauche Perspektiven. Sicherheiten. Gewissheiten. Ich brauche Unterstützung und sehr viel öfter soziales Cheerleading, als ich das einfordere oder zum Ausdruck bringe.
Ich brauche mehr als das, was ich im Moment habe, um damit umzugehen, leider draußen bleiben zu müssen.
Nicht, weil ich behindert bin, sondern, weil ich es zusätzlich dazu oft auch noch werde und beides oft genug noch nicht einmal bemerkt und anerkannt wird.
Und wenn ich das so schreibe, dann bedeutet das nicht, dass ich mir wünsche, umgeben von Leuten zu sein, die mir ein Taschentuch geben und mich an ihrer Schulter ausweinen lassen, damit ich neue Kraft für den nächsten Kampf um Teilhabe, Zukunft und Lebensqualität tanken kann.
Ich wünsche mir mehr Leute in meiner Umgebung, die mit mir zusammen weinen, weil sie mit_fühlen, wie tief diese ganze Scheiße jeden einzelnen weiteren Tag weh tut – und mit mir zusammen kämpfen, damit das weder ich noch andere Menschen jeden einzelnen Tag weiter durchmachen müssen.
Was “kämpfen” an der Stelle bedeutet?
Es kann bedeuten weder mir noch anderen behinderten /Menschen/ mit Behinderung zu sagen, ihre Forderung nach Teilhabe unter Berücksichtigung und entsprechender Anpassungsleistung ihrer Umgebung, sei eine andere Forderung, als die als auch normaler Mensch anerkannt zu werden.
Es ist keine überzogene Forderung, wenn man bitte nicht ausgegrenzt und dadurch auch entmenschlicht werden möchte.
Es kann aber auch bedeuten, die eigenen Bedürfnisse und Bedarfe auszusprechen, um die Lebensumgebung aller mitzugestalten.
Je offener der Umgang mit der Vielfältigkeit des Menschseins und den Facetten dessen, was Menschen täglich leisten oder auch nicht leisten können, desto weniger besonders wird das, was man jetzt als Abweichung wahrnimmt.
Außerdem wird man so darin trainiert, sich schneller und effizierter an wechselnde Anforderungen anzupassen. Es wird leichter. Und dadurch auch weniger daran gebunden, wie sympathisch, wertvoll, menschlich man jemanden oder etwas einordnet. Man macht es dann einfach, weil es kein Akt mehr ist, es überhaupt zu machen.
Es kann auch bedeuten, sich der eigenen Ignoranz zu stellen, die man gegenüber der Thematik von Ausgrenzung allgemein, und der Inklusion, als gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit, hegt und eventuell sogar pflegt, ohne es bewusst zu haben.
Ja, Inklusion ist eine Riesenumwälzung. Ja, alles würde sich verändern. Ja, viele Dinge kosten Geld. Ja, Inklusion ist für manche Menschen fremd, neu und vielleicht auch zu viel, um sie sich überhaupt als Realität vorzustellen.
Aber all das sollte neugierig machen. Motivieren.
Und wenn schon nicht das, dann wenigstens erschrecken und beschämen, gerade weil sie noch nicht passiert ist.
Denn nichts anderes ist ein jeder “… und du bist raus”-Moment in unserer Gesellschaft, egal wem gegenüber und warum.
Beschämend und erschreckend.
“Wir haben abends noch lange über deinen Text diskutiert.”, erzählt sie mir. “Darüber was wir in der Situation mit der Nachbarin gemacht hätten und so.”.
Wir geraten in ein Gespräch über Normen und Angst vor dem Fremden. Ich klemme mich zwischen die Feuerlöwin und sie, versuche die körperlose Verwunderung in meinen Händen nicht fallen zu lassen.
Wie leicht ihr das fällt Bescheid zu wissen. Dinge einfach so anzunehmen, nach denen wir gezielt suchen müssten, selbst, wenn wir nach Überlegen und Analysieren, ahnen oder wissen, was es ist.
Später sitzen wir in der Straßenbahn nach Hause. Beobachten zwei Menschen, die sich angucken und küssen, obwohl die eine Person die andere immer wieder grob anfasst, zwickt, Abwehrbewegungen umgeht. Beide lachen die ganze Zeit.
Nein, wir wissen nie einfach so, was irgendwer warum wann wie braucht. Ob von uns oder von irgendwem.
Nein, wir sind keine Selbstbestimmungshippies, die Normen und Grenzen für überflüssigen Killefit halten. Oder spießig und grundsätzlich schlecht.
Aber wir wissen, dass Selbstbestimmung nur so viel Wirkmacht entfalten kann, wie man Raum für sie freilässt. Dass wir nur dann etwas verstehen können, wenn sich jemand oder etwas entfalten kann. Und dass wir bestimmen können, was wir verstehen wollen.
Nazis wollen wir zum Beispiel nicht verstehen. Zumindest im Moment nicht. Vielleicht ändert sich das irgendwann. Aber bis dahin bekommt kein Nazi von uns Platz zur Entfaltung.
Wir wissen: wenn wir uns verdichten, nicht verstehen wollen, dann sollten wir keine Entscheidungen treffen, Urteile fällen, Ratschläge geben und das, was wir denken auch nicht als “Meinung” bezeichnen. Denn mehr als ein Erahnen von Zusammenhängen, die uns verwirren und zu ungezielten, meist reaktiven Re_Aktionen verleiten, können wir dann nicht von uns erwarten.
Als wir aus der Bahn treten, hat die Interaktion der beiden Personen einen Lautstärkepegel erreicht, vor dem unsere Verwirrung über die beiden über uns zusammenschlägt wie Wellen an der See. Es ist weder Zeit noch Raum irgendetwas von diesen Menschen zu verstehen. Was in meinen Haaren kleben bleibt, ist nur ein weiteres dieser Menschenrätsel, das in uns das Gefühl auslöst deutungsdumm zu sein. Grundlegend unfähig jemals zu der Art intuitiver Sicherheit unserer Freundin zu kommen, wenigstens zu glauben, dass wir wissen, was gerade die normative Richtschnur des Moments und darüber hinaus ist.
“Wenn ihr die Menschen verstehen wollt, macht ihr etwas anders als die meisten.”, sagt die andere Freundin am Telefon. Ich beobachte Hannah’s Tränen an meinen Wimpern und streichle ihre Hand mit NakNak*s Fell unter den Fingerspitzen. “Es ist anders. Weiter nichts.”.
Wir fragen nicht nach.
Anders und weiter nichts, das reicht als Einordnung.
Samstagmorgen.
Wir liegen im Bett und versuchen mehr als erschöpftes abgekämpft sein zu empfinden. Versuchen dem Tag einen Körper zu geben, um ihn erfassen und be_leben zu können. Ich setze Kaffee auf, gehe mit NakNak* raus in den Regen, setze mich ans Küchenfenster und betrachte die Fetzen der letzten Nacht aus über 20 jähriger Entfernung.
Ich wünsche mir ein Haltgefühl, ein Gehörtgefühl, ein Ich-gebe-dir-durch-meine-Idee-eine-Idee-die-dir-vielleicht-weiterhilft-Gefühl und versuche mich nicht verlassen, einsam und verstoßen zu fühlen, nur weil ich weiß, dass ich das gerade nicht bekommen kann. Zumindest nicht von den Menschen, von denen ich es mir wünsche.
Es klingelt.
Meine Nachbarin kommt von draußen rein.
Ich kenne sie noch nicht. Bin in der letzten Zeit aber genervt von ihr, weil sie ihren Müll im Treppenhaus stehen lässt und ich froh sein kann, wenn bei ihr mal vor 23 Uhr so viel Ruhe in der Bude ist, dass ich einschlafen kann.
Sie wohnt noch nicht lange hier und ich hatte die Idee, dass sie mich nicht mag, weil ich einen Hund habe und sie Angst vor Hunden hat.
Sie sagt, sie hätte sich ausgeschlossen und ob ich ihr einen Schlüsseldienst anrufen könne.
Die Worte wackeln und zappeln aus ihrem Mund heraus und ich denke, dass sie müde ist und deutsch einfach nicht ihre Muttersprache. Ich schalte um auf Leichte Sprache und hoffe, dass es hilft. Sie soll sich gerne in meine Küche setzen, sage ich ihr und schließe die Tür zum Büro, in dem NakNak* schläft.
Meine Nachbarin trägt einen durchnässten Pulli und wirkt gleichzeitig erschöpft und überdreht. Eine Decke möchte sie nicht wegen der Hundehaare. Einen trockenen Pulli kann ich ihr nicht anbieten. Meine weggebbaren trockenen Pullis liegen im Altkleidercontainer, weil ich mit ihnen Schluss gemacht habe.
Ich rufe beim Schlüsseldienst an, gebe ihr einen Kaffee. Hunger hat sie keinen, sagt sie. Etwas später zeigt sie mir ihre Zähne, ohne mir zu sagen, was sie an ihnen empfindet. Etwas Schönes kann es nicht sein, denn ihre Halluzinationen sind insgesamt nicht von der Sorte, die man unbeschadet übersteht.
Sie wär gern meine Freundin sagt sie. Weil ich eine berühmte Königin bin und der Hund Frieden ins Haus bringt.
Ich lache und sie lacht mit. Zwischendurch denke ich: “Scheiße, was mach ich jetzt?”, weil ich merke, dass ich in genau so einer Situation bin, von der Mika gerade erst vor ein paar Tagen bei Twitter geschrieben hat.
Ruft man die Polizei oder nicht, wenn jemand in einer psychischen Ausnahmesituation ist? Zum Beispiel wenn jemand suizidal ist. Oder, wie meine Nachbarin, mitten in einem psychotischen Schub, offensichtlich um Kontrolle bemüht, doch vom eigenen Körper und Geist darin sabotiert.
Wie wir dazu stehen, wenn uns jemand die Polizei ins Haus holt, statt sich selbst, weil wir suizidal sind, haben wir schon einmal aufgeschrieben.
Dem füge ich heute noch Folgendes hinzu:
Die Polizei kann nicht helfen. Die Polizei kann nur “etwas tun”, damit “geholfen™” wird/werden kann.
Zum Beispiel jemanden, di_er sich und andere mit einer Waffe bedroht, niederknüppeln und festnehmen, damit jemand anderes – wie ein_e Richter_in oder Mediziner_in – sagen kann, was vielleicht hilft oder grundsätzlich erst einmal wichtig ist. Polizist_innen dürfen nichts einfach so selbst entscheiden oder regeln. Die Polizei ist nicht die Autorität, die dafür da ist, anderen Menschen, jedwede Form von Kontrolle wiederzugeben, die sie gerade nicht haben. Zum Beispiel die Kontrolle darüber, ob sich jemand die_n man kennt, das Leben nimmt oder nicht.
Die Polizei ist mit Rechtsmitteln und Möglichkeiten ausgestattet, die dazu beitragen sollen, die Rechte und Pflichten, sowie formale Verantwortungen zu schützen und/oder akut zu gewährleisten. Es ist keine Sache der Polizei “das Richtige” zu entscheiden – sie ist dazu da, ein Umfeld zu schaffen, in dem das Richtige entscheidbar und durchsetzbar wird. Völlig unabhängig davon, was “das Richtige” wirklich/ “eigentlich” ist.
Meine Nachbarin entschuldigt sich für ihre Aussprache. Redet mit sich selbst und scheint mich zeitweise völlig auszublenden. Sie erzählt mir Dinge, die nicht real sein werden, aber ihre Gefühle schwappen aus ihr heraus in meine Küche, wo ein paar Stunden vorher meine Gewalterinnerungen jeden Spalt umflutet haben. Der Schlüsseldienst schickt jemanden. Ich bin froh um das Bargeld, das ich gestern geholt habe. Draußen fährt ein Polizeiauto an unserem Haus vorbei.
Meine Nachbarin erinnert sich wieder an meine Frage, was passiert ist und erzählt mir, dass sie im Krankenhaus war. Es ging ihr sehr schlecht sagt sie, aber dann habe sie gesehen, was für ein schrecklicher Ort das sei. In den Wänden sind Dinge, sagt sie. Überall sind Leichen. Ich kann ihren Horror auf meiner Haut fühlen und weiß: ich wäre auch weggelaufen, hätte ich das gesehen und nicht gemerkt, dass es eine Halluzination ist.
Sie zeigt mir den Zugang in ihrem Arm und fragt sich, ob das etwas Gutes ist.
Ich schreibe dem Begleitermenschen eine SMS und bitte ihn bei der Polizei nachzufragen, ob meine Nachbarin vermisst wird. Schreibe ihm von dem Zugang und, dass er bitte kommen soll, wenn er kommen kann. Ich bin überfordert von den Gefühlen und Impulsen, die meine Nachbarin hin-und herwerfen, ohne, dass sie selbst sich ausruhen und sortieren kann.
Sie sagt, sie habe einen sehr sehr guten Arzt. Der weiß, was zu tun ist. Ich frag mich, wo dieser sehr sehr gute Arzt war, als sie im Krankenhaus war und Leichen gesehen hat.
Es beruhigt mich zu erahnen, dass sie grundsätzlich weiß, dass sie mit einer Krankheit lebt. Dass sie einen sehr sehr guten Arzt hat und, dass die Polizei ihr auch schon einmal sehr sehr gut geholfen hat. Scheinbar hat sie keine sehr sehr gute Familie, denn es gibt niemanden, den sie anrufen und um Hilfe bitten möchte.
Der Schlüsseldienst kommt und öffnet ihre Wohnungstür.
Ich bezahle und gebe ihr noch 10€ für Zigaretten. Wenn es ihr ansatzweise so geht wie uns noch vor einigen Jahren, denke ich, dann ist Kippengeld und die Möglichkeit die Tür hinter sich zuzumachen, eins der wenigen Dinge, die ich ihr gerade aktiv geben kann, ohne invasiv auf sie einzuwirken.
Dann sehe ich ihre Wohnung. Sehe, wie sie darin umher läuft und außer einem Zigarettenstummel nichts mehr darin hat, das ihr helfen könnte sich irgendwie zu versorgen. Der Begleitermensch meldet sich nicht. Meine Nachbarin streicht nachdenklich über den Zugang in ihrem Arm.
Ich sage, dass ich später nochmal vorbei komme.
Sie beachtet mich nicht. Führt ein Gespräch weiter, das ohne mich stattfindet.
Ich rufe bei der Feuerwehr an, weil ich mit meinen 31 Jahren immer noch verwechsle, welche Nummer zur Polizei und welche zur Feuerwehr führt.
Dann rufe ich bei der Polizei an und frage selbst nach, ob meine Nachbarin als vermisst gemeldet wurde. Sie wurde. Und zwar von dem Krankenhaus, in dem ihr mit der bereits bekannten Krankheit ein Zugang gelegt wurde, ohne sie durchgehend zu betreuen.
Ich merke den Moment, in dem ich das weitere Geschehen aus der Hand gebe. “Es war gut, dass sie angerufen haben”, sagt die Stimme am Telefon und wie sehr weiß ich, dass es das nur dann war, wenn ich alles, was ich über Selbstbestimmung und Inklusion denke, ausblende, niederbrenne und draufkacke.
Denn nein: Es ist nicht okay. Es ist ein scheiß fauler Kompromiss, auf Kosten ihrer Selbstbestimmung, den ich nur deshalb mache, weil sie den Zugang noch im Arm hat.
Was meine Nachbarin gerade sieht, hört und fremd_denkt, mag alles neurologisches Feuerwerk allein sein, aber ihre emotionalen Reaktionen darauf sind echt. Ihr Horror, ihr Ekel, ihr Auflachen, ihre Verwirrung, ihr Unbehagen im Schnelldurchlauf sind echt. Sie ist echt.
Ich weiß leider nicht, wie man solche Zugänge entfernt, ohne zu gefährden oder Schaden anzurichten und ich muss davon ausgehen, dass sie es auch nicht weiß. In einer anderen Zeit – einer, in der ich nicht selbst so hautlos und übermüdet wäre, hätte ich mit ihr die Zeit rumgekriegt bis Montag, wo sie einen Termin mit ihrem sehr sehr guten Arzt hat, der ihr sehr sehr gute Medikamente verschreibt, die ihr üblicherweise sehr sehr gut helfen.
Vielleicht hätte ich auch alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass ihr sehr sehr guter Arzt hier herkommt und ihr ihre Medikamente gibt, damit sie zu Hause bleiben kann, wo sie sich immerhin so sicher gefühlt hat, dass sie zurück kam.
So aber muss ich dazu stehen, dass ich nicht kann. Ich kann gerade nicht stunden- bis tagelang in einem zerschossenen Raucherhaushalt bleiben und in jemandes Chaos die einzige Konstante sein.
Das Ding ist: Ich würde das gerne sein – wünsche ihr das sehr, doch ich weiß auch: ansonsten ist da niemand, di_er sich das für sie wünscht. Da sind nur Leute, die dafür bezahlt werden, da zu sein. Das kann reichen und sicher machen da viele einen ganz tollen Job. Aber sie machen ihn nicht ihretwegen oder nur für sie, sondern weil es Leute wie sie gibt, die Menschen brauchen, die diesen Job machen.
Die Polizei kommt erst hoch in meine Wohnung, in der ich mir vorher schnell das verschwitzt fettige Haar kämme, aus dem nach Angstschweiß stinkenden Schlafanzug steige und mich so schnell wasche, wie in der Zeitschaltuhrendusche auf dem Zeltplatz in Mittelhessen diesen Sommer.
Es sind zwei nette alte Männer, die mich fragen, was ich für einen Eindruck von ihr hatte und ehrlich wirken, als sie sagen, was für eine verzwickte Situation das ist, wenn man mit Menschen zu tun hat, die man nicht einfach mal eben so fragen kann, was sie selbst eigentlich möchten. Es sind die ersten Polizisten “im Psychoeinsatz”, die nicht auf mich wirken wie verhinderte Cowboys, die schnelle kalte Entscheidungen treffen wollen, um “die ganze Sache sauber zu erledigen”. Sie wirken eher wie Sozialarbeiter_innen oder Hebammen und je länger sie später zusammen mit der Betreuerin meiner Nachbarin im Hausflur stehen und darauf warten, dass diese die Tür öffnet, desto mehr gestaltet sich auch so ihre Rolle. Sie sind da und sorgen dafür, dass Lauf der Dinge einen sicheren Rahmen hat.
Nicht mehr, nicht weniger.
Um diesen Einblick bin ich dankbar. Zu sehen, wie sehr es eben doch möglich ist, auch von Polizisten nicht wie ein durchgeknalltes Nerv-Pack, das sich einfach nur nicht zusammenreißen will behandelt zu werden, wenn man gerade an einem sehr tiefen Punkt im Leben ist.
Meine Nachbarin fährt im Krankenwagen weg und wir essen unser Frühstück auf.
Später ruft der Begleitermensch an und bringt etwas auf, woran ich noch nicht gedacht hatte: Die Möglichkeit, dass sie den Zugang wegen einer anderen Krankheit im Arm hatte.
Darüber hatte ich noch nie nachgedacht, wenn ich mich damit auseinandersetze, wie gewaltlose Konsensfindung in solchen Situationen aussehen könnte. Grundsätzlich verändert es für mich nicht viel. Auch wenn eine Person zusätzlich zu psychischer Belastung noch eine Krankheit hat, muss sie unter allen möglichen und unmöglichen Umständen die erste Person sein, die man fragt, was gewünscht ist. Denn ja: im Leben gibt es “Wünsch dir was” und zwar immer und für alle. Die Frage ist, wie man die Erfüllung für alle gleichermaßen gut gestaltet.
Die Wünsche und Rechte anderer Menschen zu beschränken ist etwas, das diskussionsbedürftig ist. Aushandlungssache. Alle Beteiligten müssen damit okay sein, dass sie dürfen, was sie dürfen und, dass sie nicht dürfen, was sie nicht sollen. Das gilt in der Sandkiste genauso wie im Alltag einer jeden Person.
Es ist einfach nur ein nicht alltägliches Szenario, das sich auftut, wenn jemand in einer Ausnahmesituation ist. Vielleicht deshalb, weil eine rein psychische Lage vorherrscht – vielleicht aber auch, weil eine körperliche Situation zu einer wackligen Seelenlage führt.
Für mich war allerdings klar: wenn sie noch eine andere Krankheit hat, dann hatte ich keine Ahnung davon und das ist als Grundlage immer ungünstig für jedes gute (nicht schadende) Miteinander. Sie konnte mir nicht viel über sich sagen, ich kannte sie zu wenig, um viel von ihr zu verstehen.
Und hier findet sich der Grund weshalb wir grundsätzlich dafür sind, Menschen darin zu stärken mehr für einander da zu sein. Weshalb wir die Letzten sind, die sagen: “Ja aber nur ein Arzt kann dieser Person WIRKLICH helfen” oder “Nur die Psychiatrie kann für solche Menschen WIRKLICH da sein.”. Das stimmt einfach nicht. Ein Arzt oder auch eine psychiatrische Klinik hat einfach nur die größere Rechtsabteilung im Fall, “dass etwas schief geht”, hat Mittel und Wege Medikamente zu verschreiben, die Personen besser kennenzulernen, lebt davon als Autorität angesehen zu werden.
Das ist nicht nichts – es ist aber nichts, was nur dort geht.
Eine Person, die sich dagegen entscheidet dort Hilfe zu suchen oder von dort anzunehmen, muss deshalb nicht zwangsläufig damit leben, gar keine Hilfe/Unterstützung zu erhalten. Schlimmer ist, dass es in unserer Gesellschaft Usus ist, dass das aber eben doch genau so ist und passiert.
Weil so eine Einrichtung einfach sehr bequem ist. Sehr gut von etwas fernhält, das man “sozialgesellschaftlichen Vertrag” nennen könnte.
Der Umstand, dass wir alle miteinander zu tun haben, bedeutet für mich persönlich auch, dass man in jeder Situation miteinander zu tun hat. Auch dann, wenn man selbst „nicht so genau weiß“. Wenn man selbst “Angst hat etwas falsch zu machen”. Wenn man selbst merkt: “Wow das hab ich noch nie erlebt…”.
Vielleicht bin ich da verschroben und ganz sicher ist es Teil meiner sozialen Awkwardness und Klapsensozialisierung, aber für mich ist es normal, wenn es Leuten schlecht geht. Ich versuche für sie mit mir ein Umfeld zu ermöglichen, in denen es ihnen gut geht. In denen sie auch dann ernstgenommen und in ihrer Selbstbestimmung unangetastet bleiben, wenn sie außergewöhnliche Dinge tun oder wahrnehmen.
Und das sollte meiner Ansicht nach etwas sein, das viele, nach Möglichkeit alle Menschen, für alle Lebewesen anstreben. Dass man eben nicht nur die Sozialrosinen im Miteinander rauspickt und wenns bitter wird abschiebt/weggibt/ignoriert, was passiert.
Menschen, die „Angst“ vor Suizidalität oder psychotischen Zuständen oder wahnhaftem Erleben haben, sind sicher nicht auch Menschen, die sich nie einen Thriller oder die Titelseite der BILD reingezogen haben. So groß kann diese „Angst“ also nicht sein, denke ich. Aber, so schlimm können die Gefühle sein, die sich auftun, wenn man weiß, dass man in einer Gesellschaft lebt, in der Schuld- und Schande-, Macht- und Ohnmacht-Dynamiken so derartig tief greifen, dass es undenkbar wird, auch selbst und aus sich selbst heraus in irgendeiner Form hilfreich oder guttuend auf und mit anderen Menschen wirken zu können.
Es braucht einfach nicht immer und für alles Autoritäten. Manchmal braucht es Hilfe und Unterstützung und Autoritäten können manchmal vielleicht dabei helfen, das ranzubringen, was man selbst gerade nicht geben kann.
Das können sie aber nur solange, wie ich selbst entweder glaube, dass ich nichts (oder nicht genug) zu geben habe oder zu viel Angst davor habe, etwas zu geben, weil ich mit Strafen oder anderen negativen Konsequenzen rechnen muss. Das ist klassische Psychiatrie/Machtkritik und damit das Ende dieses Textes, in dem wir vor allem aufschreiben wollten, dass wir das heute erlebt haben.
Ich hoffe, meine Nachbarin hat weder HIV noch Krebs noch einen Hirntumor, noch irgendetwas anderes, wegen dem sie neben der vergleichbar harmlosen Psychose, die ich in ihrem Verhalten zu sehen glaubte, im Krankenhaus behandelt wurde.
Ich hoffe, sie kann sich in ein zwei drei vier Wochen mit ihren sehr sehr guten Medikamenten und einigen Unterstützungen durch ihren sehr sehr guten Arzt, an nicht mehr viel von heute morgen erinnern.
Ich hoffe, dass ich bald einfach bei ihr klingeln und eine Tasse Kaffee trinken kann, um ihr zu sagen, dass sie beim nächsten Mal, wenn sie wegen etwas ins Krankenhaus fahren muss, nicht allein da sein muss. Ihr zu sagen, dass sie sich vor mir deshalb schämen kann, wenn sie will, aber auch nicht muss.
Ich hoffe, dass ich für sie nicht “die berühmte Königin” bleibe, sondern eine Verbündete werde, die im Fall des Falls, der anders als heute laufen soll, mit ihr zu sein bereit ist.
Seit NakNak*s Diagnose haben wir Themenwoche “Ableismus”.
Und weil wir gerade niemandem all das sagen können, was wir sagen wollen, schütten wir unsere Worte mal wieder hier hin.
Es begann damit, dass wir unsere eigene Behinderung und die damit einhergehenden Begrenzungen gespürt haben.
Das informierende, beratende Gespräch mit dem Tierarzt war wenig informativ und vielleicht zu holterdipolter nach der Diagnose, um beratend zu wirken. Er spricht kein glattes Deutsch und was meistens kein Problem ist, war diesmal, wo es mir um wirklich jeden Aspekt der Erkrankung des Hundes ging, ein Riesenproblem.
Ich konnte den Sinn seiner Worte nicht verstehen. Konnte mich nicht auf einer Ebene mit ihm bewegen und entsprechende Fragen stellen. Was ich aber wichtig finde, wenn es darum geht, was für NakNak* gut und wichtig ist. Sie ist scheiße nochmal so sehr davon abhängig, dass wir gute Entscheidungen für sie treffen. Es ist wichtig, dass wir alles verstehen. Und es klappte einfach nicht. Mein Verstehstress, tickte meine Ohnmachtsgefühle an, ein anderes Innen tauchte auf. Scheiterte. Wir kamen richtig in Stress und sind da ~irgendwie~ raus.
Super Leistung.
Nicht.
Wir wissen, dass in uns in solchen Momenten sehr alter Selbsthass wieder angeht, der teils erlernt und von außen nach innen genommen wurde, sich aber auch aus unserem Anspruch an unser Funktionieren ergibt. Und ich weiß, dass viel von unserem Selbsthass aus den ableistischen Demütigungen in unserer Kindheit und Jugend kommt. Ich weiß, warum es in meinem Kopf 24/7 dauerschleift, dass ich gefälligst reden soll, wenn man mit mir redet. Dass ich nicht so behindert glotzen soll. Dass ich meinen blöden Arsch hochkriegen soll, um Dinge so zu tun, wie man es mir gesagt hat.
Und trotzdem.
Es ist etwas anderes in so einem Moment.
Da reicht es nicht zu wissen, dass das alles vorbei ist. Dass ich, dass wir Dinge können und bla bla bla – denn in diesem Moment ist da eine Behinderung und sie passiert genau da, wo ichwir und meinunsere Fähigkeiten enden. Und allein aus uns heraus kommen wir da auch nicht drüber.
Und so denken wir uns gerade die Zukunft mit NakNak*, die blind wird und uns immer und konsistent klar und auf sie passend eingestimmt braucht: Wir brauchen Hilfe dabei und niemand raffts.
Und wenn wir daran scheitern, dann sind wir die Person, die ihren Hund weggibt, weil sie nur eine funktionierende Maschine benutzen will.
Stichwort “funktionierende Maschine” – das ist die andere Seite
Seit wir das wissen, fragt uns jede_r die_r davon erfährt, ob man das operieren kann. Wegmachen kann. Aufhalten kann.
Und niemand redet mit uns darüber so, als hielte man es für notwendig, dass wir das machen, oder so, als würde man von uns erwarten, dass wir das machen lassen – sondern EINFACH NUR SO – was ich nicht verstehe.
Alle Menschen in unserem Leben wissen, dass wir uns das nicht leisten können und aus Gründen, die mit unserer Haltung zu Speziezismus zu tun haben, auch nicht wollen. Und trotzdem reden sie mit uns lieber über eine Operation, als darüber, wie (ob) wir uns fühlen, welche Ideen wir haben, was für (ob) Gedanken uns bewegen, was man sich als hilfreich für den Umgang vorstellen könnte.
Meistens weiß ich auch gar nicht, wie ich mich fühle. Denn ich hab Themenwoche Ableimus an NakNak* und daneben noch zig andere Baustellen, die teilweise ihr ganz eigenes Feature in ebenjene Themenwoche einfließen lassen.
Die Menschen sind alle zugewandt und wollen mit uns sein – aber es verletzt so sehr, wie sie es versuchen.
Ich, wir, versuchen NakNak*s Blindheit als etwas zu akzeptieren, das passiert. Als das “Risiko”, das wir eingegangen sind, als wir uns dafür entschieden haben, einen gemeinsamen Weg zu gehen. Nicht als etwas, “wogegen man angehen muss”, was “ja eigentlich nicht so schlimm” oder “eine traurige Sache ist”.
Denn genau diesen Scheiß haben wir mit unseren Behinderungen jeden scheiß verdammten Tag schon für und über uns und unsere Un_Fähigkeiten, x-mal am Tag auf dem Tableau.
Es ist nämlich genau das auch mit unserem Autismus. Weil es “bei uns ja nicht so schlimm ist”, sieht niemand unsere Kommunikationsprobleme und überfordert uns immer wieder. Weil “es ja so eine traurige Sache ist”, bietet man uns manchmal Hilfe an, wo wir gar keine brauchen oder bevorzugt uns schneller mal auf sozialen Ebenen. Weil “man ja dagegen angehen muss”, halten so viele Leute unseren überdurchschnittlichen Lern- und Arbeitszeitraum für legitim und nicht das Ergebnis von Bewusstsein über die Notwendigkeit mehr als andere Menschen kompensieren zu müssen.
Kompensation ist, was die Leute sehen, doch nicht begreifen. Sie sehen einen Rollstuhl und denken: “Ah behindert, weil kann wohl nicht (so gut/lange/weit..) laufen.” und eben nicht: “Ah kompensiert mit dem Rollstuhl die Behinderung, die dadurch entsteht, dass…” und das ist der Punkt.
NakNak* war und ist nachwievor etwas und jemand, die_r uns sowohl Kompensations/Hilfsmittel als auch Begleiter_in ist.
Sie ist nicht wichtig für uns, weil wir behindert sind.
Sie ist, wichtig für uns, weil der Großteil von uns nicht sprechen kann/will bzw. nicht spricht, um zu kommunizieren. Sie ist wichtig, weil sie uns damit geholfen hat eine Routine zu etablieren – und bis heute hilft, diese aufrecht zu erhalten. Sie ist wichtig, weil wir in ihr viele Anhaltspunkte für das eigene Stresslevel haben und ach vieles mehr. Manches haben wir Stefan auf dem Podstock erzählt und manches in dem Text über sie letztes Jahr.
Ihre gesamte Ausbildung basierte auf Sicht bzw. alle Signale/Befehle an sie sind (und manche: auch) Handzeichen.
Aus Gründen, die wir nicht einfach mal eben so umstricken können oder wo man einfach so sagen kann: “Ja ach das wird schon…”. Wir hatten uns dabei schon was gedacht und müssen auch heute noch sagen, dass sich keiner dieser Gründe erledigt hat.
Und nein – es ist auch nicht aufmunternd oder tröstlich oder hilfreich, wenn uns Leute schreiben, dass sie in einer ähnlichen Situation auch dachten, sie würden das nie schaffen, aber dann doch geschafft, weil… Das ist es schon deshalb nicht, weil sich sowas aus der Retrospektive immer leicht sagen lässt und Geschichten vom Nichtgeschaffthaben so gut wie nie erzählt/geteilt werden.
Gerade bei Haustieren ist Nichtgeschaffthaben so eine Sache. Ein Tier aus dem Tierheim zu holen ist Gold, wer vom Züchter abkauft, elitärer Scheißspießer, der einen Designerhund will, der dann doch im Tierheim landet, weil besonders so ne Leute doch alle Versager sind. Tierheimtiere brauchen Retter_innen blablabla Ein Herz für Tiere zeigt sich in bedingungsloser Aufopferung kotzbrechbla
Und in so einer Lage, wie meinunserer?
Wo wir uns sehr wohl auch reflektieren müssen, ob wir mit den Problemen, die NakNak* kriegen wird, langfristig wirklich die richtige Person sind, schmeißen wir sie damit weg oder was? Oder denken wir da nicht vielleicht irgendwie doch so verantwortungsbewusst, wie man das von Haustierhalter_innen erwartet?
In einem anderen Haushalt würde man sie vielleicht operieren können (finanziell) und würde sich mit der Entscheidung nicht herumquälen (weil man ihr Einverständnis dazu nicht einholen kann, aber das nicht problematisch findet). In einem anderen Haushalt würde das Leben vielleicht auch nicht auf die Richtung zugehen, wie bei uns mit Auswander- Berufseinstiegverselbstständigungs- und Familienplanungsüberlegungen – da hätte sie vielleicht noch Zeit sich umzugewöhnen, so lange sie noch sehen kann und ist dann bis zum Lebensende supergechillt und glücklich, weil sich nicht dauernd alles ändert?
In einem anderen Haushalt müsste sie nicht mehr arbeiten. Da wären vielleicht Leute, deren Schwierigkeiten im Alltag anders und nicht so kontinuierlich wie bei uns vorliegen?
Ich würde anders darüber nachdenken, wenn wir in den letzten Jahren mehr Fortschritte an den Stellen gemacht hätten, die NakNak* uns kompensieren hilft. Haben wir aber nicht. Auch aus Gründen. (Die völlig okay sind und andere gemachte Fortschritte deshalb nicht abwerten).
Ich weiß im Moment nicht, wie ableistisch mein Blick auf uns ist. Mache ich gerade zu viel von meinunseren Fähig- und Fertigkeiten abhängig? Unterschätze ich die Fähigkeiten, die NakNak* hat, selbst wenn sie blind ist? Entlang welcher Parameter kann man alternativ entscheiden bzw. auseinandersetzen?
Ich wünsche mir im Moment so sehr meine Anti-Ableismus Timeline in die direkte Nachbarschaft.
Wünsche mir lange Stunden mit Auseinandersetzung und Diskurs darüber, wo es langgehen kann, wenn man die ableistischen etablierten Pfade verlassen will.
Ich hätte gern, dass mich niemand trösten will, sondern auf das stößt, was ich gerade ausblende.
Kein Vermeidungstanz, sondern echte aufrichtige Mit-mir-zusammen-Auseinandersetzung.
Zum Einen um dahin zu kommen, einen Umgang zu finden – zum Anderen aber auch, um selbst in der Situation anzukommen.
Denn eigentlich – emotional – stehen wir (Rosenblätter) da noch in der Praxis und verstehen gar nichts außer: Wir haben keine Ahnung, was wir tun sollen und ob wir dem genug sein können.
Während andere Innens Schule, Alltag und Gedöns weitermachen als wär nichts gewesen und wir uns fragen müssen, ob da überhaupt irgendwas von dem Tierarzttermin angekommen ist.
Unsere Schullektüre ist “Die Bücherdiebin” und einmal mehr ist der Faschismus, der Nationalsozialismus, Hitler, der Krieg, Thema für mich.
Als ich noch zur Regelschule ging, war das Thema nicht viel mehr als Anne Frank, Massenmord und Hitler.
Nazi sein war scheiße. Nicht wegen Krieg und Hitler und den Juden, sondern weil es in meiner Umgebung üblich war, Nazis abzulehnen und Faschismus als Menschenverachtung einzuordnen. Heute frage ich mich, wie die Lage für mich wäre, würde ich noch dort leben, wo ich damals gelebt habe.
Mecklenburg Vorpommern ist wohl mehr als versprengte völkisch-nationalistische Aussteigerkommunen, aber doch viel weniger bunt und anders links bis antifaschistisch, als die Stadt in NRW, wo wir ein anderes Zuhause gefunden haben.
Hier geht man zu einer Gegendemo. Man ist nicht die Gegendemo. Jedenfalls empfinde ich das so.
Niemand will Nazi genannt werden, aber sich wie einer auszudrücken oder zuweilen problematisch zu handeln, das wird man ja wohl… – also ohne jemandem zu nahe treten zu wollen… Ach was, man kennt es doch, dieses unterschwellige, meist nicht einmal bewusste Saatgut des Hasses, das sich bis heute in Menschen hält und weiter verbreitet wird. Kleiner vielleicht. Maskiert. Verwässert. Aber da.
Niemand hier ist Nazi. Man macht nur einfach irgendwie mit.
So nehme ich das jedenfalls manchmal wahr.
Heute kommt niemand mehr umhin, Bilder der Toten und Gequälten zu sehen, wenn man sich Reportagen oder Dokumentationen über den Krieg anschaut. Für mich geht das nicht. Ich kann das nicht sehen, nicht hören, ohne selbst an die eigene Gewalt erinnert zu werden. Obwohl es bei mir nie um diese Art Faschismus ging oder dieses Thema aufgegriffen wurde.
Es ist das Leiden, die Todesangst, der Schmerz, die Ungerechtigkeit an sich, die mir diese Art der Zeugnisannahme zu den Opfern und Geopferten unmöglich macht, möchte ich mich selbst vor Schaden schützen.
Es ist mir wichtig, meine Geschichte nicht mit der anderer Menschen zu vermischen. Wenn mich die Erfahrungen anderer erreichen, dann muss ich hart sein. Da braucht es eine Panzerglasschicht um mich herum, die mir ermöglicht, die andere Person zu sehen und zu hören – auch selbst gesehen und gehört zu sein – aber doch weder emotional noch anders innerlich konsistent berührbar, vermischbar, verfälschbar zu sein.
Und doch wünsche ich mir manchmal das Gefühl mit jemanden in dieser Erfahrung verbunden zu sein. Bezeugt zu werden, in dem was mir passiert ist.
Obwohl ich mich frage, warum bei solchen Filmen die Würde der Gestorbenen, Getöteten, Ermordeten der Konzentrationslager nicht gewahrt wird, verstehe ich gerade sehr gut, dass es sich auch dabei um den Preis handeln kann, den Zeug_innenschaft und darüber Verbundenheit für manche Menschen kostet.
Die Fundamentreste von Buchenwald, sind eben nicht das Buchenwald gewesen, was es für diese Menschen war. Und kaum eines ihrer Worte wird dem Grauen je genug Form geben können, dass je ein anderer Mensch einen annähernd konsistenten Begriff davon bekommt. Aber ein Bild, gemacht von einem Gegenstand, von einem Retter, einer anders beteiligten Instanz, kann noch etwas dazugeben. Kann helfen. Obwohl der Preis so hoch ist. Obwohl es die Toten erneut opfert.
Ich habe diesen Text vor einigen Wochen begonnen und dann verworfen.
Wir haben einen Entschluss gefasst und konzentrieren gerade viel Zeit und Energie darauf, dem zu folgen. Wir wollen hier weg und wissen, dass wir uns in den nächsten zwei Jahren auf allen Ebenen dafür aufreiben müssen. Geld verdienen, sparen, eine Fremd- und zwei Programmiersprachen, Schulzeug und Berufshandwerk lernen, arbeiten, Zettelage klären.
Das lenkt gut ab. Produziert einen Tunnelblick mit hellem Licht am Ende.
Dann kamen die Wahlergebnisse aus Österreich. Wieder Gedanken an Faschismus, Krieg, staatlich legitimierte Diskriminierung.
Gerade als ich eine angenehme Lernroutine hatte und nicht mehr überwiegend mit diesem dumpfdrückenden Angstmotor im Nacken zu Motivation fand.
Eine Verwandte von uns hätte in den Dreißigern nach Kanada gehen können. Sie tat es nicht und wir werden vielleicht nie erfahren warum.
Wir denken, dass wir es tun werden, solange wir noch können. Solange man mit einem Personalausweis nach Island oder sonstwohin ins europäische Ausland kann, werden wir das tun und uns einen Ort suchen, wo es nicht besser, doch deshalb schwer ist, weil es fremd und fern und Neuanfang ist.
Weil wir nicht dieses Vertrauen in unsere Umgebung haben.
Und auch, weil wir wissen, was für Wesen noch in Menschen schlummern, wenn es um Leben und Tod, Angst und Schmerz geht.
Wir denken uns die Zeit, in der wir leben, als eine, deren natürlicher Verlauf keiner sein wird, der uns gut tut oder wenigstens: nicht schadet.
Die Verschiebung nach Rechts zusammen mit konservativen Einstellungen und Werten, verstärkt bestehende Probleme. Uns geht es besser als anderswo – doch es geht uns auch nicht gut. Es ist nicht so, dass wir ohne Schaden leben.
Für uns gibt es keinen Grund an “Es wird schon nicht so krass, wie damals als…” zu glauben. Es ist bereits krass und zu wenige, die es hören, sehen, vielleicht emotional empfangen, wollen es glauben.
Ich habe heute kein Buch über den Krieg gelesen, sondern eines über die Zwanziger und Dreißiger Jahre. Das Europa nach dem ersten Weltkrieg und den Alltag in Deutschland, der gar nicht, wie ich das immer dachte, so golden und frei war. Sondern ähnlich aufgeteilt wie heute. Hier die freien Eliten in goldenen Käfigen und da die Armen, die es bleiben, egal was sie tun.
Es war so leicht diese Gesellschaft zu entzweien und zu trennen. Zu selektieren und zu nazifizieren.
Es war so leicht, einander nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu hören und keinerlei Verbindung zueinander einzugehen.
Mit unseren Gewalterfahrungen, geht es uns bereits jetzt sehr ähnlich.
Niemand sieht es uns an. Und hören lassen wir es nur die Therapeutin.
Wir sind unsere eigene kleine Schweigeblase, die durch das Leben geht und darunter leidet, sich nirgendwo ganz und gar öffnen zu können. Zu verschmelzen, in Verbindung zu sein, ohne gleichzeitig an all die hundert Grenzfronten zu denken.
Aber das ist unsere Entscheidung. Nicht ganz und immer, aber doch: unsere.
Für uns geht es beim Weggehen nicht um das Retten des eigenen Lebens. Es geht um den Erhalt der Wahlmöglichkeiten und die Erschaffung einer Art von Freiheit, die hier nicht möglich ist. Denn Schutz für Gewalterfahrene ist hier nicht für alle da.
Nicht für alle, die hier geboren wurden. Nicht für alle, die sich hierhin gerettet haben. Nicht für alle, die hier leben und arbeiten. Nicht für alle, die ihn letztlich herstellen.
In meinen Social Media –Kanälen geht es im Moment viel um Nazis. Man schaut auf die AfD und wartet darauf, dass sie sich zerlegt.
Das hat man zu Zeiten der NSDAP auch getan.
Kann sein, dass sich in den nächsten Jahren noch ganz viel ändert und alles toll und bunt und supi wird. Ja, kann sein – und wenn es so wird, dann ist das super. Aber auch das ist etwas, das man sich anschauen muss.
Wird es super, weil hier niemand verhungert und nur noch Geflüchtete in Lagern Zentren konzentriert untergebracht werden? Wird es super, weil die deutsche Wirtschaft davon profitiert, nicht so zur Verantwortung gezogen zu werden, wie es angemessen wäre? Oder wirds einfach gut, weil wir uns das, was ist, normalisieren und denken, es könnte ja schlimmer sein?
Die AfD allein ist nicht das Problem.
Wir sind es – das Ding, in dem wir alle hier stecken, ist es. Und wie man sich das schön gestaltet – wie man auf die Idee kommen kann, sich das noch zu irgendetwas retten zu können, das irgendwie “gut und schön” genannt werden kann, ohne jemanden auszuschließen – ich komme nicht dahin. So weit weg erscheint mir das. So absurd.
So, als wäre ich kleine abgeschlossene Einheit, die durch die Gegend geht. Abgetrennt. Fremd.körperlich.
Die Bücherdiebin stiehlt Bücher in einer Zeit, in der die meisten an Essen und Überleben denken.
Wir konzentrieren uns auf uns und sammeln Kraft für etwas, das wir noch gar nicht so kommunizieren können, wie es uns ist. Umgeben von einem Lauf der Dinge, der sich noch auf Regierungsbildung, Normalisierung von Terror und hilflos wütend abwertendes Kopfschütteln über Trump konzentriert.
Es macht uns Angst. Diese Unverbundenheit damit.
Es ist die Insel, die wir niemals wollten: wir und unsere Geschichte, eine Zeugin und die Arbeit an einem Weggehen.
Wir fuhren die Landstraße entlang und sahen das Auto, das uns keine 20 Sekunden später rammen würde, dem Fahrzeug vor uns ausweichen. Dann ein Knall. Rauch. Schmerzen, die sich vertraut und dennoch unangenehm ausbreiteten.
Das war vor ein paar Jahren. Ein Autofahrer war zu schnell unterwegs und hatte die Kontrolle über sein Auto verloren, weil er niesen musste.
Ich weiß noch, dass ich eher genervt als panisch “Scheiße” dachte. Dass ich den Aufprall, den Schmerz und die Notwendigkeit sich an den Erste Hilfe-Kurs, der schon länger her war, zu erinnern, erwartete. Und ich weiß noch, wie sehr ich mich dafür gehasst hatte, nicht handeln zu können. Wie ich mich dabei beobachtete von einem Baby-Sein verdrängt zu werden und um ein Leben zu schreien, das als solches gar nicht richtig bewusst ist.
Wie erbärmlich und wehleidig ich mir vorkam, meine Bewegungen so abzuzirkeln, dass es möglichst wenig weh tat.
Dieses Ereignis war keine traumatische Erfahrung für mich.
Ich hatte den Aufprall erwartet. Wusste zwar nicht, ob ich ihn überleben würde, ging aber davon aus, dass ich ihn auch überleben könnte. Ich hatte Schmerz erwartet. Wusste zwar nicht, welchen und in welchem Ausmaß, wusste aber, dass mein Körper schon viele Schmerzarten “weggesteckt” hatte.
Ich hatte erwartet, dass Ersthelfer_innen kommen würden. Sie kamen.
Ich hatte erwartet, dass andere Menschen mir ansehen können würden, dass mir dieser Unfall passiert war und mit mir darüber sprechen würden. Und sie konnten. Und sie sprachen. Manchmal auch mit mir.
Die Erwartungen, mit denen Menschen durchs Leben gehen, sind wichtig. Zu erwarten, dass bestimmte Dinge passieren, spielt maßgeblich in ihre Bewertung und in die Entscheidungen, die man trifft ein.
Erwartungen entstehen aus Erfahrungen mit Dingen, die passieren.
Die Lebenserfahrungen, die ein Mensch durchgemacht hat, helfen sich ein Bild von der Welt und sich selbst zu machen.
Je kongruenter und vielfältiger diese Bilder sind, desto besser sind Menschen davor geschützt, Abweichungen oder Widersprüche als irritierend oder nachhaltig verwirrend, verunsichernd oder sogar tiefgreifend schockierend, lebensbedrohlich und unaushaltbar zu erleben.
Das heißt nicht, dass jede_r schon einmal einen Autounfall gehabt haben muss, um den nächsten gut zu verarbeiten.
Das heißt, dass es hilft einen Autounfall gut zu verarbeiten, wenn man beispielsweise schon einmal Schmerzen hatte (diese Wahrnehmungsqualität und mögliche Umgänge damit kennt), schon einmal davon gehört hat oder einen gesehen hat und erlebt, dass dieses Wissen bzw. diese und ähnliche Erfahrungen auch bei den Menschen im direkten Umfeld vorhanden sind.
Es hilft, vieles zu erwarten. Je mehr man erwartet, desto mehr kann davon bestätigt werden. Wird von 50 Erwartungen eine enttäuscht, sind da immer noch 49, die bestätigt werden. Und obwohl menschliche Gehirne darauf ausgerichtet sind, sich besonders die Enttäuschungen, Schmerzen oder andere weniger angenehme Dinge zu merken und besonders zu verarbeiten, so sind es die angenehmen Erfahrungen und Bestätigungen, die diese Einordnung überhaupt erst möglich machen.
Man kann sich bestätigte Erwartungen wie einen Stoff vorstellen, der dem Gehirn Futter und Arbeitsanlass zugleich ist. Ein Gehirn, das in schöner Regelmäßigkeit leichte Arbeiten zu verrichten hat und dabei immer gut versorgt wird, kommt mit einem Zeitraum härterer Arbeit besser zurecht, als eines, das durchgehend überfordert ist und mangelhaft versorgt.
„Erwartung“, das ist ein Wort, das heute einen fast negativen Beigeschmack hat, weil es oft mit “Anspruch” übersetzt wird.
Eine Erwartung zu haben, sagt aber mehr über innere Er_Lebens:qualitäts:gewohnheiten aus, als darüber, was man im Zusammenhang mit dem Außen als legitim oder gerechtfertigt einordnet.
Wenn ich zum Beispiel erwarte, dass ich etwas sehe, wenn ich die Augen öffne, dann hat das etwas damit zu tun, dass ich mein Leben lang immer sehen konnte, sobald ich sie geöffnet hatte.
Wenn ich aber in einem dunklen Raum sitze, dann ist etwas sehen zu wollen ein Anspruch, den ich erhebe, weil mir die Gewohnheit meines Sehens legitim erscheinen lässt, auch hier etwas zu sehen.
Das heißt: Anspruch ist von Erwartung nicht zu trennen – es handelt sich aber um zwei unterschiedliche Dinge.
Und das ist wichtig im Hinterkopf zu haben, wenn man sich damit auseinandersetzt, warum manche Erfahrungen traumatisch sind und manche nicht. Und warum ein und dasselbe Ereignis für die eine Person traumatisch war und für eine andere nicht.
Und warum es für Menschen, die bereits als Säugling oder Kleinkind immer wieder Gewalt erfahren haben, noch einmal schwieriger ist, sich im Lebensalltag danach zurechtzufinden. Selbst dann, wenn sie keine posttraumatischen Belastungen im Sinne einer PTBS oder ähnliches erleben.
Der Autounfall, den ich zu Beginn schildere, war eine krasse Irritation für mich. Der Schmerz, die Hilflosigkeit und die Idee jetzt gleich sofort zu sterben, jedoch nicht. Schließlich bin ich 16 Jahre lang immer unfallfrei in Autos mitgefahren, hatte aber auch immer wieder Situationen erlebt, in denen ich mit unvorhersehbaren, unausweichlichen, unbeeinflussbaren Schmerzen, Todesangst und globaler Hilflosigkeit konfrontiert war.
Waren meine Gewalterfahrungen in dem Moment also ein Schutzfaktor von dem Autounfall traumatisiert zu werden?
Keine Ahnung – in jedem Fall haben sie mich davor bewahrt, diese Empfindungen bzw. Wahrnehmungsqualitäten gleichermaßen krass irritierend zu empfinden, wie den Umstand, dass da ein Auto in das Auto hineinfährt, in dem ich sitze.
Die Person, die damals das Auto gefahren hatte, hatte diesen Erfahrungshintergrund nicht. Und soweit ich das mitgekriegt habe, hatte sie erheblich mehr mit der Verarbeitung des Unfalls zu kämpfen, als ich. Für sie muss es sowohl um den Aspekt “da ist ein Auto in mein Auto gefahren – das ist aber gar nicht üblich” als auch “ich fühle etwas, womit noch nie oder bisher nur ein zwei Mal konfrontiert war” gegangen sein. Wenn nicht noch um mehr, denn sie war zum Zeitpunkt des Unfalls erwachsen, weiß, abliert, Elter eines Kindes, aufgrund des Berufs für mich in gewisser Hinsicht verantwortlich …
Die Person hat, soweit ich das weiß, diese Erfahrung am Ende doch gut verarbeitet.
Aber nehmen wir mal an, es wären für sie sehr viele Erwartungen an sich und die Autofahrt und eintreffende Ersthelfer und spätere Versorgungsinstanzen enttäuscht worden.
Nehmen wir mal an, es wäre ein Unfall auf der Route 66 mitten in der Wüste gewesen. Anderer Autofahrer tot (enttäuschte Erwartung: Menschen, mit denen man zu tun hat, leben), die Person selbst hat überlebt (enttäuschte Erwartung: ich sterbe jetzt).
Sie muss sich allein aus dem Auto befreien (enttäuschte Erwartung: wenn ich Hilfe brauche, bekomme ich sie).
Muss allein zu Menschen kommen, die helfen könnten und dafür sorgen, dass sie dies auch tun (enttäuschte Erwartung: wenn mir etwas passiert, wird jemand kommen/sehen, dass ich Hilfe brauche).
Da es keine Zeug_innen außer ihr für den Unfall gibt, ist sie die einzige Person auf der Welt von der sie sicher weiß, wie das ist, auf der Route 66 einen schweren Autounfall gehabt und überlebt zu haben. (enttäuschte Erwartung: ich bin nicht allein mit dem Wissen darum, dass es so etwas gibt und wie sich das anfühlt und wie genau diese Situation war)
Nehmen wir an, die Person lebt allein und hat eine gesellschaftliche Rolle inne, die bestimmte Anforderungen an sie legitimiert (weil es normalisiert ist diese zu haben).
Ist die Person ein Mann, können diese Anforderungen sein, allgemein “hart”, “taff”, “stark” zu sein (nicht verweichlicht wie eine Frau – wer wie eine Frau ist, ist kein “richtiger Mann”).
Ist die Person eine Frau, kann die Anforderung sein, aus dem Umstand sich allein um Hilfe bemüht zu haben, eine emanzipatorische Kraft zu entwickeln (welche die Erfahrung auf fast magische Weise in ihren Auswirkungen verwandelt (weil wer sich selber ganz toll stark um sich kümmert, ist ja fast schon ein ganz toll starker Mann und damit besser als eine “richtige Frau”) oder aus anderen Gründen bitteschön die Klappe über irgendwelche Gefühle zu halten.
Ist die Person behindert, arm, rassiert oder schon älter oder jünger, kann die Anforderung sein, sich in seinen Reaktionen und Kompensationsformen der (weißen, ablierten, ökonomisch unabhängigen mittelalten) Norm anzupassen, um überhaupt als NORMaler Mensch an.erkannt zu werden, der in der Lage ist bestimmte Gefühle oder Belastungen zu erleben.
Nehmen wir an, dass die Person diesen Anforderungen nicht entsprechen kann und in der Folge nicht mit anderen Menschen über die gemachte Erfahrungen sprechen kann. (enttäuschte Erwartung: Ich muss nicht allein mit der Erfahrung bleiben und muss sie nicht allein aus eigener Kraft verarbeiten)
Man soll ja keine Rezepte zu psychischen Belastungen schreiben. Doch wenn man eines suchen würde, so würde man es in dieser angenommenen Konstellation finden. Und zwar nicht nur, weil dieser Person etwas passiert ist, das außergewöhnlich war und vielleicht außergewöhnlich schrecklich, sondern, weil sie allein damit bleibt und diese Erfahrung mit einem gestressten (also auf eine spezifische Art zu funktionieren gezwungenem) Gehirn zu verarbeiten, das eine Menge enttäuschter Erwartungen zu verdauen hat.
Kommen wir mal weg von einzelnen Erfahrungen und gehen über zu Menschen, deren Erwartungen immer auch ein Szenario der Todesangst, Hilflosigkeit und wie auch immer gearteten Versehrung (die mit Schmerzen vom Körper gemeldet werden) beinhalten.
Wie gesagt speisen sich Erwartungen aus der Gewohnheit bestimmter Er_Lebens:qualitäten.
Wer immer wieder erlebt, dass schöne Situationen in schreckliche kippen, ohne, dass es vorher konkrete oder absehbare oder erkennbare Hinweise darauf gibt oder auch immer wieder mit bizarren sozialen Konstellationen konfrontiert wird oder auch immer wieder tiefgreifend im eigenen Verstehen von sich selbst und der Welt um sich herum verunsichert wird, hat am Ende andere Erwartungen an den Lauf der Dinge, als eine Person, bei der das nicht passiert.
Es kann normal werden, sich auf nichts verlassen zu können, außer darauf, dass viele und regelmäßig auch jede Erwartung enttäuscht wird.
Denn dafür sind Erwartungen wichtig.
Für das Zu- und Vertrauen in sich und die Welt, die Menschen um sich herum, den Lauf der Dinge, den man jeden Tag beobachten kann. Kann man die eigene Umgebung nicht abschätzen – nicht zuverlässig erwarten, was wann warum und wie und mit welchen eventuell absehbaren Folgen passiert, gibt es weder Chance noch Anlass über das Hier und Jetzt hinaus zu denken oder zu planen.
Erwartungen sind jedoch eine Art kleine Idee von Zukunft.
Und die Zukunft als konstante Idee ist, neben vielen anderen Dingen, etwas, das Menschen ganz konkret am Leben hält.
Menschen würden verhungern, hätten sie nicht (aufgrund vieler Erfahrungen des Sattseins und Sattwerdens) die Idee, dass sie nach (also in der Zukunft) dem Verzehr von etwas keinen Hunger mehr haben. Besonders Menschen als Wesen mit extrem langer Nesthockdauer, hätten keinen Anlass zur Fortpflanzung oder Nachwuchsversorgung, zu allgemein angenehmer sozialer Interaktion und ergo verstehbarer Kommunikation, hätten sie kein Verständnis von Ursache und Wirkung im Sinne einer Entwicklung, die über einen Moment oder mehrere einzelne Momente hinausgeht.
Wir halten also fest: es ist für Menschen schon ziemlich vorteilhaft einen breiten Blick auf die Zukunft in der Gegenwart wahrnehmen und als wahrscheinlich annehmen (erwarten) zu können.
Umgekehrt muss es also auch ziemlich ungünstig sein, wenn man so gewachsen ist, dass der Zukunftsblick nicht weiter als einige Minuten oder vielleicht Stunden oder Tage reicht, weil mehr einfach nicht verlässlich vorhersehbar (bestätigend erwartbar) ist.
Das Risiko für Menschen mit komplexer Traumatisierung durch zum Beispiel Gewalt in der Familie oder Krieg (also einem langen Zeitraum in chaotischen Umständen, die nicht selbst beeinflusst oder verlassen werden können), eine Problematik, wie eine Essstörung, eine Sucht oder eine chronische Suizidalität zu entwickeln, ist 7 Mal so hoch, wie für Menschen die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Aus Gründen, die genau damit zu tun haben, dass bestimmte Erwartungen anzustellen nicht möglich war.
Diese Menschen haben manchmal über Jahrzehnte nicht die Möglichkeit gehabt, ihrem Gehirn das Planen und Erwarten über einen langen Zeitraum hinweg anzutrainieren. Und was Gehirne nicht trainieren, das verlernen sie oder lernen es nie. Solche Gehirne lernen “überleben und kompensieren” statt “überleben und spezialisieren” – ganz ganz ganz grob gesagt.
Ganz grob gesagt, weil natürlich auch traumatisierte Gehirne sich ausspezialisieren.
Nur eben an anderen Schaltstellen, die wiederum eine Ausentwicklung von zum Beispiel Süchten oder ähnlichem zu begünstigen scheinen – aber das Leben in der “Misshandlungsfamilie” oder anderen schwierigen Umfeldern, akut immer wieder gerettet und gesichert haben.
Ich habe diesen Artikel angefangen, weil ich mich im Moment viel mit meiner Zukunft auseinandersetze und merke, wie fremd sich das anfühlt.
Es erscheint mir nicht verlässlich, dass passiert, was ich mir überlege – es erscheint mir aber überhaupt und das ist der bemerkenswerte Aspekt.
Es erscheint mir möglich auch in einem Jahr noch zu leben. In zwei Jahren noch Wünsche und Ideen zu haben. Es ist mir greifbar, heute, morgen, nächste Woche, in zwei Monaten… noch daran arbeiten können, dass ich in zwei oder drei oder 10 Jahren etwas tun kann.
Es ist eine Annahme, die sich aus einer Erwartung, die ich ohne es zu merken habe, weil das, was sie beinhaltet eine Konstante in meinem jetzigen Leben ist. Ich habe ein relativ unangreifbares Jetzt und Heute und Morgen und nächste Woche.
Erschien mir vor 4-5 Jahren die Abschiedsworte meiner Therapeutin “Wir sehen uns nächste Woche” einigermaßen schräg, weil nicht zuverlässig, verabschiedete ich mich vor ein paar Wochen selbst sehr bewusst mit den Worten: “Tschüss – bis nächste Woche”.
Weil mir diese nächste Woche sehr zuverlässig erschien. Weil ich sehr klar hatte und auch mit einem gewissen aktiven Rückgriff auf meine in den letzten Jahren entwickelte Er_Lebens:qualitäts:gewohnheit fühlen konnte: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich nächste Woche noch lebe und hier ankomme und etwas sagen kann und etwas arbeiten kann. Sehr viel höher als, dass das nicht der Fall ist.
Das geht über einen bloßen Lernerfolg hinaus. Ein Lernerfolg war, dass ich überhaupt für jede Woche einen Termin vereinbarte. Denn einerseits machen das viele Therapeut_innen so (und ist es ja auch allgemein bei Leuten, die Leute über einen langen Zeitraum behandeln oder betreuen oder sonstwie begleiten wollen, so, dass sie lieber regelmäßige als spontane Treffen machen) – andererseits hatte ich auch schon die Erfahrung gemacht, dass die Termine nicht konstruktiv oder sonstwie hilfreich sind, wenn ich einfach irgendwie so eventuell vielleicht in einen Termin reinstolpere.
Was da jetzt besteht, ist, denke ich, das Ergebnis von Neuroplastizität.
Ich muss nicht mehr intensiv aus einer fest verankerten, weil x-fach bestätigten, Unsicherheit heraus darüber nachdenken, wie sehr ich darauf vertrauen kann, dass meine Annahme richtig ist, in der nächsten Woche noch am Leben zu sein und den Termin auch wahrnehmen zu können.
Irgendwie denke ich einfach, dass das so ist.
Einfach so. Kurzer Dienstweg. Automatische Annahme. Normalisierte Erwartung, dass das auch so eintreten wird.
Emotional ist sowas natürlich nachwievor “gefährlich” und mein traumatisiertes Gehirn erinnert mich auch immer wieder daran, dass Erwartungen enttäuscht werden können. Es hat einen Grund, weshalb ich der Therapeutin “Tschüss – bis nächste Woche” sagte und einen Grund, weshalb ich mir dessen ganz bewusst bin: Ich bekam ziemlich bald darauf Angst, sie könnte die Behandlung jetzt beenden. Könnte nächste Woche nicht mehr da sein – oder ich könnte nächste Woche nicht mehr da sein. Und überhaupt: nächste Woche – wie konnte ich denken, das sei ein überschaubarer, eingrenzbarer Zeit_Raum?!
Ich spürte, wie sich kompensatorische Dynamiken warmliefen. Wie mein Denken umklappte und mir den Horizont bis auf das akute Hier und Jetzt verdunkelte.
Daneben spürte ich aber auch, wie ich das spürte. Wie ich merkte, dass mein Funktionieren sich von jetzt auf gleich verkürzte, verknappte, wie sich in mir etwas ganz klein zusammenschrumpelte, hart machte, ängstlich anspannte und in dieses schreckliche rein reaktive Sein zu balancieren versuchte.
Ich konnte das als Unterschied wahrnehmen. Als etwas, dass so irgendwie aber eigentlich gar nicht sehr so üblich ist. Merkwürdig überraschenderweise. Irritierenderweise. Das will ich jetzt aber lieber so, wie sonst auch – weise.
Oh G’tt oh G’tt, was passiert mit mir-weise.
Die Oh G’tt oh G’tt, was passiert mit mir-Schleife aber, kenne ich. Die kenne ich schon ziemlich gut. Ich habe mich vielseitig und lange damit auseinandergesetzt, was mit mir los ist und glücklicherweise habe ich dazu einige Antworten gefunden, die mir valide und brauchbar sind.
Ich weiß, dass mir bestimmte Dinge Angst machen.
Ich weiß, dass das Bewusstsein jederzeit sterben zu können bzw. nicht mehr zu sein oder Menschen nicht mehr im Leben zu haben, in mir drin ganz besonders gut ausgebaute Reizautobahnen haben, die ganz gerne mal benutzt werden, um 100% sicher zu gehen, dass ich auch ganz wirklich echt und absolut sicher weiß, dass das passieren kann (oder: “WIRD!!11!1”, wie es das mir ins Hirn schreit) und eventuell vielleicht mein Leben bedroht.
Und ich weiß, dass gerade weil es diese Autobahnen gibt – ich noch etwas warten muss, bis das, was da im Volvo auf der Landstraße noch unterwegs ist, auch bei mir angekommen ist. Ich weiß, dass es die Zukunft gibt und ich kann sie er_warten.
In dem Fall der Angst darum, dass die Therapeutin die Behandlung beenden würde oder nächste Woche nicht mehr da sein könnte, ging es darum auf das Gefühl zu warten, das man hat, wenn man sich auf die Kontinuitäten der Vergangenheit besinnt.
Es hat mich beruhigt zu wissen, dass sie uns immer Bescheid gesagt hat, wenn ein Termin mal ausfallen muss (und das nie etwas mit uns zu tun hat) und wie selten das war. Wie viele Wochen wir uns schon kennen, weil wir uns so viele Wochen schon getroffen haben.
Es hat aber auch beruhigt zu erinnern, wie oft wir das schon überstanden haben, wenn Therapeut_innen nicht mehr da waren. Wegen uns oder wegen was auch immer.
Und es hat beruhigt zu wissen, dass ich schon sehr oft hätte sterben können, es aber nicht tat. Wie oft ich überhaupt am Tag denke: “Jetzt sterbe ich” oder “Jetzt könnte ich sterben” – aber dann doch nichts passiert.
Meine kleinen Volvofahrgedanken helfen mir die Autobahnfahrgedanken in ein Verhältnis zu setzen. Sie helfen mir zu planen und Zukunft als feste Größe einzubeziehen. Selbst dann, wenn sie mir gerade sehr unsicher, unkonkret, undenkbar oder auch unvorstellbar erscheint.
Aber ich muss sie abwarten. Ich muss dafür sorgen, dass sie überhaupt losfahren und ankommen können.
Wie das gut klappt, habe ich auch schon gelernt.
Ich brauche einen guten Warteraum.
Was ich in solchen Momenten nicht ertragen (und generell nicht gebrauchen) kann ist eine Umgebung, die mich und meine Autobahngedanken bestätigt oder verstärkt. Sei es durch Unzuverlässigkeit oder Unübersichtlichkeit oder fehlende Möglichkeiten mich in Bezug auf irgendwas selbst_wirksam zu erleben.
So nutzt es mir nichts von 10 Leuten in meinem Leben zu hören, dass ich mich jederzeit melden kann, wenn ich etwas brauche – doch niemanden davon auch wirklich akut erreichen kann.
Es hilft auch weniger “mich abzulenken” als mich “perspektivisch umzulenken”. Kein Wortspiel – ganz richtiger Ernst.
Ich fange heute in solchen Momenten kein Projekt mehr an, das mich absorbiert und 5 Wochen später (schön am Krisenpunkt vorbei) wieder ausspuckt – ich beginne etwas, das mir hilft eine Sicht auf mein Jetzt und mein Nachher zu stärken. Zum Beispiel hilft es mir, mich damit zu befassen, wie ich es gerne hätte – erlaubt auch als völlig zusammengesponnene Utopie.
Gerade in Bezug auf “Ich könnte sterben oder die Therapeutin bricht den Kontakt ab” hilft mir eine Utopie um Volvofahrgedanken anzustoßen.
Denn die Idee für immer und ewig niemals getrennt von der Therapie bzw. der Therapeutin zu sein, kommt mir lächerlich vor – obwohl sich in dem Fall die Angst der Kontakt könnte unerwartet enden, dann erledigt hätte.
Genauso wie mir der Gedanke missfällt, ich könnte sie und die therapeutische Arbeit mein Leben lang brauchen.
Wichtig ist mir da, das Ganze nicht in eine Imaginationsgeschichte zu drehen.
Imaginationen sind mir etwas total Intimes – etwas, was ich nicht gut mitteilen kann – eine Angst vor Beziehungsabbruch oder Todesangst hingegen will ich mitteilen können. Sie zum Anlass oder Teil einer Imagination zu machen, bedeutet für mich, dass ich niemals mit der Therapeutin darüber reden kann, als sei das real da. Vielleicht bin ich da komisch – aber es gehört zu unseren Therapiebedingungen, dass wir nur über Dinge sprechen, die uns real da und echt und wahrhaftig sind.
Andere Aspekte eines “guten Warteraums” ist die Zeit als greifbar erlebbares Ding, das beobachtbar ist und die Relationen der Dinge, die uns sicher erscheinen. Straßenbahnen sind dafür gute Werkzeuge. Es gibt sie – in einer gewissen Variation – und sie fahren – ebenfalls mit einer gewissen Variation der Zuverlässigkeit. Man kann Straßenbahnen gut zugucken und merken, dass alles irgendwie geht. Manchmal auch: vorbei geht.
Sowas beruhigt mich. Und wenn ich beruhigt bin, bummeln die Volvofahrgedanken langsam in mein Denken.
Früher habe ich nicht auf diese Gedanken gewartet. Ich musste lange daran arbeiten sie zu erkennen und gleichermaßen ernstzunehmen wie die Gedanken, die mir schrill den Alarm gemacht haben.
Doch heute – nach vielen Erfahrungen von Momenten, in denen ich sie bemerkte – erwarte ich sie.
Und in ihrer Ankunft – darin wurde ich noch nie enttäuscht.