Ich hab mich schuldig gemacht. So fühlt es sich für mich an.
Im Stich gelassen hab ich jemanden, die_r keine Fürsprache von Menschen hat, die nicht auch ökonomische, berufliche und persönliche Interessen rund um die Person verfolgen. Ich bin Mitwissende_r, aber Nichts außer einen kurzen, schnell abgewürgten Einwand einbringende_r.
Ich fühle mich nicht gut damit. Trage die Sache wie einen Klumpen im Kopf mit mir herum.
Nicht durchgehen lassen sollte ich das. Ansprechen, aufbrechen, aufklären, konfrontieren, nicht locker lassen sollte ich. So jedenfalls finden das die Jugendlichen in mir, die ziemlich exakt das Gleiche in ihrer Zeit erlebt haben. Erzieher_innen, die sich zwar tausendmal erklären lassen, was Dissoziation ist, sie aber forcieren, wenn es das Handling der Klient_innen (uns) in bestimmten Situationen erleichtert. Betreuer_innen, die davon sprechen, dass die Wohnsituation ganz die eigene sei, die Grenzen dessen aber along the way, spontan und unvorhersehbar beschließen. Helfer_innen, die helfen wollen, aber Fawning (die dissoziative Unterwerfung) nicht von Compliance unterscheiden können.
Eine Rosenblattseite von mir schwingt immer wieder in den Moment ein, als ich in meiner eigenen Wohnung überfallen und bedroht worden war. Die Betreuerin zeigte mir eine Notwohnung, in der noch alle zerstörten und verdreckten Habseligkeiten einer anderen Jugendlichen herumlagen. Wie ähnlich der körperliche Schmerz dem Bewusstsein darum war, dass ich aus mir selbst heraus überhaupt nicht in der Lage war, mich ohne Verlust von Würde oder formeller Sicherheit unterzubringen. Dass ich immer Hilfe brauchen würde von Leuten, die mich im Ganzen irgendwie schon sehen und auch immer wieder sagen, dass sie immer für mich sind – aber andererseits so etwas zulassen. Ignorieren, wie es mir in so einer Notwohnung gehen würde, etwa. Ausblenden, dass ich nicht nur eine Wohnung, sondern nach diesem Ereignis mindestens auch medizinische Versorgung brauche. Dass sie dann doch nicht genug über die DIS verstanden haben, um auf dem Schirm zu haben, dass ich gerade funktioniere – die Situation aber nicht begreifen, nicht verinnerlichen, nicht prozessieren kann und also mit hoher Wahrscheinlichkeit morgen schon nicht mehr kongruent erinnern werde. Dass sie nicht realisieren, dass ich keine Wahl habe, meine Situation komplett und ganz anders zu gestalten, ohne sie. Dass ich zwar immer denken konnte: „Okay, dann gehe ich halt nach Hause zurück (wo meine Krankheit durch viel Leid entstanden ist)“, aber auch wusste, dass ich dort sterben oder, noch schlimmer, abgewiesen werden würde.
Dass die Zeit, die ich von Betreuer_innen, aber auch Pfleger_innen, Erzieher_innen, Behandler_innen brauchte, um mich selbst am Leben, bei Verstand, in Kongruenz von Zeit und Raum zu halten (oder zu verstehen, dass ich das tun muss und darf), immer entweder bei anderen Mitbewohner_innen fehlte oder Kosten verursachte, die ich niemals mit nichts aus oder von mir begleichen kann. Mir war trotz aller Fürsprache und auch liebevoller Begegnung von Betreuer_innen immer klar, dass es unseren Kontakt nur auf Basis von Kostenübernahmen gab. Dass mich am Leben und in einer Einrichtung zu halten, zwar auch eine persönliche Note von den Menschen hatte, dies aber Grenzen hatte, die von der Institution, dem gesetzlichen Rahmen, irgendwelchen Verträgen, also einer dritten, wirk_mächtigeren, Instanz, erlaubt oder ermöglicht – oder eben nicht mehr erlaubt oder ermöglicht wurde. Egal, wie nah ich meinen Betreuer_innen hätte kommen können – es brauchte nur einen Federstreich, um dieses Verhältnis ersatzlos zu beenden.
Meine Hilfeerfahrungen im institutionellen Bereich habe ich schon so oft und tief reflektiert. Ich hab mich mit Betreuungskonzepten befasst, während ich das Nachwachshaus konzipierte. Habe sehr erhellende Arbeiten zur Betreuung von Menschen mit DIS bzw. komplexen Traumafolgestörungen gelesen. Die Komplexität, die mit der Betreuung bzw. Hilfe von Menschen mit DIS einhergeht, ist enorm. Und Überforderung ist ein Ding darin. Vor allem, wenn sich Helfer- oder Unterstützer_innen als Menschen kennen, die schon „ganz andere Dinger geregelt gekriegt haben“ oder „es noch nie mit leichten Fällen zu tun hatten“. Und Betroffene noch so sehr instabil sind, dass sie nicht einmal Kontakt zu ihren Wünschen an die Hilfemaßnahme und ihre Ziele aufrechterhalten können. Also wirklich niemand der Beteiligten überhaupt eine reelle Chance hat, sich im gemeinsamen Handeln zu verorten.
Aus meiner Sicht ist es, speziell im institutionellen Rahmen von Hilfe, unmöglich, einem Menschen mit DIS ohne Verletzung zu helfen. Schon die Platzierung in einem solchen Rahmen kann sehr tief verletzen und das Verhältnis bis zum Schluss als gleichzeitig dauerhaft schmerzlich und dauerhaft hilfreich, sicher, angenehm … machen.
Und heute weiß ich, wie wichtig es ist, dass das anerkannt wird.
Wenn meine inneren Jugendlichen für eine verletzte betreute Person mit DIS den Sturm auf die Bastille von mir fordern, dann fordern sie diese Anerkennung ein. Da geht es nicht darum, zu sagen: „Niemand ist perfekt, Fehler passieren“, denn wenn jemand in einem Betreuungsverhältnis gezielt die Erkrankung einer angewiesenen Person benutzt, dann ist das kein Fehler, sondern eine zugefügte Verletzung. Es geht darum, genau zu benennen, was real ist: „Dieses Verhältnis enthält Hilfe und Verletzung gleichzeitig.“, „Unser Kontakt ist gleichzeitig sicher, weil ich für dich da bin – und gleichzeitig unsicher, weil es ein Kontakt ist, der abhängig von strukturellen Grenzen ist, die ich nicht beeinflussen kann.“
Diese Realität zu benennen und zu integrieren, ist etwas, das in Bezug auf die Herkunftsfamilie oder die Kontexte, in denen sich die DIS entwickelt hat, bei vielen einfach nie passiert ist. Viele Viele kommen erst in der Aufarbeitung an den Punkt und müssen sich damit zufriedengeben, dass ihnen die Leute, die die Verantwortung hatten, das niemals von sich aus sagen werden.
Ich selbst lebe bis heute damit und spüre es als immer wieder mal auch sehr schmerzhaften Stachel, dass sich frühere Helfer_innen und Behandler_innen damit so leicht verunsichtbaren können. Es ist einfach nicht fair. Nicht okay. Sie können weitermachen und sich sagen, sie hätten immer auf Augenhöhe gearbeitet und dies und das – und damit die Realität ihrer Betreuten, Behandelten ausblenden, als gäbe es sie nicht. Als hätte sie keine Relevanz. Als wäre sie nicht auch real. Als wäre die Verletzung, die sie zu verantworten haben, nie passiert.
In der Situation mit der es mir gerade nicht gut geht, habe ich keine zugeschriebene Rolle oder Verantwortung. Mehr als hier zu schreiben, kann ich gerade nicht machen.
Es ist mir zu wenig.
Es ist zu wenig.
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