Sprechverbote und “täterloyale” Innens

Eine weitere Frage war, wie mit “täterloyalen” Anteilen/Innens umzugehen sei. Und was man tun solle, wenn sie zu sprechen verbieten.

Auch hier würde ich damit anfangen den Begriff “täterloyal” genauer anzusehen. Und zu fragen, wer diesem Innen/Anteil dieses Wort zugeteilt hat. Und warum. Denn es deutet ja auf zweierlei hin:
1. “nicht in Raum und Zeit orientiert” (siehe: “Wann ist jemand als Täter_in zu bezeichnen und wann vielleicht besser nicht”)
und 2. “nicht opfer- oder zeugenloyal” (also spezifisch (wert)gebunden)

Wir sehen es oft, dass Innens, die sich einer Psychotherapie kritisch gegenüberstellen oder überhaupt auch nur irgendwas, was ein anderer Teil des Systems zu akzeptieren und integrieren versucht, ablehnen, sofort als “täterloyal” oder (eigentlich fast noch schlimmer) “noch im Trauma” verortet werden.
Das ist ein gewaltvolles Vorgehen und sollte nicht passieren.
Weder von Außen, noch von Innen.

Innens/Anteile sind Selbst- und/oder Seinszustände einer Person.
Ich stelle hier nicht zur Diskussion inwiefern man hier von “es sind Menschen” oder “es sind Persönlichkeiten” sprechen könnte, sollte oder müsste.
Was man erforscht hat und immer wieder sieht ist, dass Menschen mit komplexen dissoziativen Traumafolgestörungen diese Zustände als “sehr anders” und manchmal auch als so sehr anders, dass man denkt/glaubt/überzeugt ist/denken könne, es wäre “jemand anders”, erleben und beschreiben.
Und, dass Außenstehende diese Veränderungen ebenfalls beobachten/wahrnehmen können. Und zwar immer wieder.

In unseren Texten über und aus uns selbst, beschreiben wir unsere Sicht auf uns selbst und stehen dabei auch nur für uns und unser Er_Leben.
In diesem Text nehme ich zeitweise die Perspektive einer außenstehenden Person ein, die sowohl “Viele” sieht, als auch “Eine_n mit verschiedenen Anteilen”.
Im Folgenden verwende ich “Innens” synonym für “Anteile”.

Innens mit Adjektiven zu belegen kann verlockend sein. Gerade wenn es um ein System mit vielen Innens geht, erscheinen definierende Begriffe hilfreich, um einen Überblick zu behalten. Doch was ist das für ein Vorgehen? Es ist sortierend und ordnend. Es ist ein- bis maximal zweidimensional.
Innens jedoch sind Zustände. Mehrdimensional erlebte Zustände, wie das Sein im Leben selbst.

Mit einem Begriff wie “täterloyal” legt man etwas fest. Loyalität ist jedoch keine unveränderliche/unbewegliche/starre Eigenschaft. Loyalität ist das Ergebnis einer Bindung an Werte und/oder Personen oder auch Institutionen. Es ist eine Art Erfahrungsergebnis.
Das bedeutet, dass so etwas wie Loyalität nur durch die Dimension der Zeit, der Bewegung… in einer Richtung und der Ausdehnung (Entwicklung) möglich ist.
Entsprechend: 4 Dimensionen, die nicht dann aufhören zu wirken, wenn ein System in Therapie geht oder für einen Ausstieg/Kontaktabbruch entscheidet.

Persönlich bemühen wir uns darum einander zu beschreiben, wenn wir mitteilen wollen, wer oder was wir sind bzw. als wen oder was wir uns selbst sehen und/oder wahrnehmen. Das kann sprachlich anstrengend und frustrierend sein, hat sich jedoch als weit weniger verstümmelnd und auf lange Sicht die Innenarbeit erleichternd herausgestellt.

So beschreiben wir Innens in etwa so:
– Heidi
– erlebt sich
– als X Jahre alt
– ordnet sich Geschlecht * zu
– findet A, B, C wichtig
– macht D, E, F,
– will G, H, I,
– hat Absprache J, K, L, zugestimmt
– lehnt Absprache M, N, O ab
– schlägt Absprache P vor
(- hat Geschichte XY)

Durch dieses Muster können wir einander besser in unseren Gemeinsamkeiten und Unterschieden erkennen.
Wir können sehen, dass wir manchmal die gleichen Ziele haben, obwohl wir einander als fremd und autark erleben und unterschiedliche Motivationen haben, diese Ziele zu erreichen. Vor allem aber können wir uns über die Grenzen eines Gut-Böse-Dyadismus hinweg bewegen.
Trotz unterschiedlicher Wertbindungen und Ansichten können wir zusammenarbeiten und so Raum für einander eröffnen.
Manchmal auch Räume, in denen wir uns die wahren Loyalitäten (im Sinne von Wert_Bindungen) von Innens näher ansehen können.

Wir haben festgestellt, dass wir keine wirklich “täterloyalen” Innens unter uns haben. Sehr wohl aber abhängige, absolut gehorsame, unterworfene Innens, die keinen Widerstand gegenüber Gewalt ausübenden Personen und ihren Forderungen aufbringen oder aufgebracht haben und damit okay sind.
Manchmal, weil sie dissoziiert sind von der Not, die mit der Unterwerfung einher ging und manchmal, weil sie die Not für wichtig/notwendig halten.

Der Begriff “Loyalität” beschreibt eine freiwillig eingenommene Haltung gegenüber Werten und damit einhergehend auch Menschen oder Institutionen, die diese Werte vertreten.
Nun ist zu fragen, wie viel Freiwilligkeit möglich ist, wenn Menschen in Situationen sind, in denen die (auch nur vorgetäuschte oder affektiv reaktiv vorgenommene) Werteübernahme belohnt wird. Zum Beispiel damit nicht zu sterben, nicht verletzt zu werden, nicht (mehr) gequält zu werden. Oder damit Anerkennung von einer sozialen Gruppe zu erfahren und eine bessere Lebensqualität genießen zu dürfen.

Ich halte es für wichtig bei der Kontaktaufnahme mit Innens, die sich an Werte gebunden fühlen, die von Menschen vertreten wurden/werden, die zu Täter_innen wurden, nicht “das Opfer im täterloyalen Innen” zu suchen. Auch dieses Vorgehen kann sich wieder nur im Täter-Opfer-Dyadismus bewegen und damit verstümmelnd wirken.

Der Weg zu einer Kontaktaufnahme und einem Austausch kann schwierig sein.
Früher konnten wir uns überhaupt nur schwer vorstellen, welche Möglichkeiten wir, außer den Gesprächen mit der Therapeutin und unseren eigenen Tagebuchaufzeichnungen, noch haben könnten, um einander zu begegnen und kennenzulernen.
Inzwischen hat sich die aufrichtige Auseinandersetzung mit “unseren Themen” als übliche Alltags- und Freiheitspraxis bewährt.

Wann immer wir Dinge tun, ob das nun Projekte sind oder alltägliche Notwendigkeiten, tun wir das mit aktivem Bewusstsein darum, aus welchen Gründen und für welche (höheren) Ziele wir sie tun. Daraus entsteht immer wieder ein innerer Austausch darüber, in welcher Zeit, in welchem Raum, aufgrund welcher Privilegien oder Limits, welchen Vorwissens und aus welchen Überzeugungen heraus, wir tun, was wir tun (weil wir es heute tun können).
So entsteht eine gewisse Verankerung in der Gegenwart bei gleichzeitig hoher Transparenz der Werte und Motivationen, die wir in dem Moment vertreten.

So entsteht aber auch Arbeit. Arbeit an Angst, an Irritation, an Desorientierung und auch neuen gemeinsamen Zielen aufgrund geteilter Werte.
Es vergeht kein Tag mehr, an dem wir uns nicht damit auseinandersetzen, was manche Innens als verboten, als falsch, als schlimm oder gefährlich erleben bzw. einordnen. Und sei es nur, dass es darum geht, ob wir eines der fünf Grundbedürfnisse dieses Körpers erfüllen dürfen/können/sollten/möchten – oder nicht.

Das ist etwas, das wir lange nicht so durchgehend gemacht haben.
Oft, weil die Kraft gefehlt hat oder der Mut. Manchmal, weil es Ängste gab, die durch nichts und von niemandem gelöst wurden. Lange auch, weil die Vermeidung nicht aufgegeben werden konnte. Und häufig auch, weil der Alltag insgesamt so überfordernd war, dass die etablierten Mechanismen der Dissoziation das Alltagsbewusstsein erneut stark fragmentierten.

Über diese Auseinandersetzung kommen wir nicht mehr umhin eine gewisse Konsequenz in unserem Handeln und Re_Agieren zu entwickeln.
Eine, die nach Außen manchmal als “kompliziert” oder “anstrengend” wahrgenommen wird und uns in soziale Situationen bringt, die von Isolation geprägt ist. Letztlich jedoch konnten wir in den letzten Jahren auch die Erfahrung machen, dass soziale Isolation oder anders ausgedrückt “Dinge anders als andere zu machen” bei aller Not daran, erheblich leichter zu er_tragen ist, wenn es im Innen eine große Kongruenz um die Richtigkeit/Okayheit dessen gibt.

In einem Fall, in dem eine Kongruenz nicht hergestellt werden kann – zum Beispiel wenn Innens eine Therapie ablehnen oder Sprechverbote durchsetzen wollen – entsteht ein Konflikt, den man sich näher ansehen muss.
Es hilft nicht, wenn man Systeme zum “Sprechen trotz Verbot” ermutigt, weil man den hier vertretenen Wert nicht hinterfragt.

Innens, die Werte und Wollen von Menschen (weiter) vertreten, die ihnen (oder dem Körper) Gewalt angetan haben, tun das immer aus Gründen. Und die meisten dieser Gründe haben etwas mit Wert- und sozialen Bindungen zu tun.

Gerade bei Sprechverboten haben wir uns angewöhnt zu fragen, worüber genau wir nicht sprechen sollen.
Einfach schon um klar zu machen, dass es viele Dinge gibt, die man im Laufe eines Tages aussprechen könnte. Man könnte über das Wetter sprechen, aber auch über Dinge, die man früher einmal erlebt hat.
Manchmal bewegt sich schon durch das Aufzeigen der vielen möglichen Optionen, die heute in diesem Leben in relativer Freiheit existieren, etwas bei den Innens. Manchmal ist das nur Irritation. Zum Beispiel wenn sie sich selbst noch in einer Situation verorten, die von Zwang und Gefahr geprägt ist.
Manchmal ist das aber auch Neugier auf Worte. Gerade dann, wenn ein Innen nicht mehr Worte kennt, als jene die es früher gehört hat oder die vom ihm zu sagen verlangt wurden.

Durch unsere Frage danach, was genau wir nicht aussprechen sollen, gehen wir in Kontakt mit diesen Innens. Das ist etwas, dass sie oft nicht kennen.
Innens, die immer wieder durch Appelle, Verbote, Drohungen, Mahnungen, “Slogans”, Ein-Satz-Konstruktionen allgemein auffallen, kennen den Dialog häufig nicht. Sie sind (nicht immer!) das Ergebnis von Situationen, in denen keine Resonanz, kein Mit- oder Nachdenken über die eventuell vorliegenden Gefühle und Absichten der anderen Person, möglich oder erlaubt war.

Sie haben oft etabliert “wie es läuft” – nämlich eingleisig. Eine Person sagt was, die andere Person folgt ihr. Egal, worum es geht, egal, wie die Lage konkret ist, egal, wie das eigene Befinden oder die eigenen Fähigkeiten sind. Antworten, eigene Gedanken, eigene Gefühle, eigene Werte waren oft irrelevant. Und also oft nicht einmal selbst bewusst gemacht oder erforscht – geschweige denn Neugier darauf entwickelt/erlaubt.

Hier kommt der Aspekt der Mehrdimensionalität von Innens allgemein wieder ins Spiel.
Selbst wenn sie ein- oder zwei dimensional erscheinen, so sind sie es doch häufig nicht. (Ausgenommen hier  evtl. States und andere dissoziative Fragmente des Ich oder Selbst) Ihnen nur entsprechend ihrer Erscheinung zu begegnen, bringt sie um die Chance sich gänzlich zu erfassen oder eine Idee von einer Gänze zu entwickeln. Und also auch sich selbst als entwicklungsfähig zu erleben.

Kontaktaufnahmen und Einladungen zum Dialog sind jedoch nicht alles.
Man kann sich das in der Wirkung vielleicht gut übertragen auf die eigenen Reaktionen auf Werbeprospekte und Emails mit Einladungstexten: nicht alles möchte man beantworten, manches erscheint krude und potenziell betrügerisch und manchmal hat man schlicht keine Nerven für irgendetwas mehr, als das eigene. Ähnlich kann es Innens gehen, denen zwar viel daran gelegen ist sich und den eigenen Vorstellungen Raum zu verschaffen, jedoch nicht gelernt haben, dass es Antworten, (Wider-) Worte oder Rückfragen geben kann. Miteinander.

Miteinander kann man auch über konkretere Wege als Worte herstellen.
Bei uns funktioniert konkretes Handeln/Machen am besten. Dinge, die einer gewissen Planung bedürfen, eine Finanzierung für Materialien und auch bestimmte Fähig- und Fertigkeiten erfordern, binden relativ viel von unserer insgesamt zur Verfügung stehenden Aufmerksamkeit und Energie.

Zu Beginn war davon nicht viel da. Wir hatten (und haben heute noch manchmal) nur sehr kurze Konzentrationsspannen und eine geringe Frustrationstoleranz. Doch die Wiederholung hat sich gut ausgewirkt.

Standen wir früher sehr lange im Laden für Bastelbedarf und trafen dann Entscheidungen, die wir bereuten, weil sie sich zu Hause als nicht passend herausstellten, tauschen wir uns heute zu Hause schon aus, wissen auf wessen Meldungen wir warten müssen, wissen, wer uns daran erinnern muss, dass wir etwas tun (wollen), das wir besser nicht tun sollten… Wir wissen, was uns erwartet, wenn wir nicht auf alle diejenigen warten, die irgendwie – und sei es nörgelnd, schimpfend, drohend am Rand stehend – mitbekommen haben, dass wir überhaupt etwas tun wollen.

Und wir wissen, wann es nur im Chaos enden kann Dinge zu tun. Vor allem Dinge, die Menschen, die uns früher verletzt und ausgebeutet haben, nicht gut heißen würden oder könnten. Allein schon, weil wir bestimmt haben, sie zu tun.
Darum hilft es uns insgesamt ein bisschen mehr, als nur tiefenpsychologische oder psychoanalytische Literatur zur eigenen Diagnose bzw. Traumafolgen insgesamt zu lesen.

Mit einem Verstehen der inneren Vorgänge kann man sich sicher fühlen und glauben, dass das alles irgendwie schon klappt, wenn man solche Innens einfach nur gekonnt überzeugt oder sie sehen/spüren/mit_erleben lässt, wie frei man heute ist und wie überholt und evtl. unnötig ihre Wortbeiträge sind.
Mit dem Verständnis der körperlichen Reiz-Reaktionsmöglichkeiten aufgrund der geleisteten Anpassung an toxischen Stress jedoch gibt es einen weiteren Weg zum Begreifen der Perspektive und eigenen tatsächlich vorhandenen Handlungsoptionen.

Zum Beispiel haben wir verstanden, dass uns unser Alltag an vielen Stellen überreizt und überfordert. Heute erheblich weniger als früher und doch genug, um zu sehen, dass die Bereitschaft unseres Körpers in einen traumaassoziierten Zustand zu fallen (also in eine der drei Richtungen von Flucht, Kampf oder Starre) nachwievor besteht. Und wir also schauen müssen, dass wir, so oft es geht, aktiv das mittlere Erregungslevel zu erreichen bzw. zu halten versuchen.
Dieses fühlt sich für uns wie folgt an:

– wir können gut zwischen Vordergrund und Hintergrund trennen
– wir sind motorisch sicher
– wir können Kontexte erkennen

– wir können kreativ sein
– wir können planvoll handeln
– wir können uns mit mittlerer Anstrengung verbal mitteilen (und erleben die Sprache mit dem was wir sagen wollen kongruent)

– wir können uns Texten widmen, die sowohl Worte als auch Zahlen beinhalten
– wir können Sachverhalte herleiten und verstehen (lernen)
– wir haben weniger Probleme uns auszurechnen, wie es anderen Menschen geht

Im Hyperarousel (Übererregung) tendieren wir zu Wechseln (was in der Stress-Trias vielleicht bedeutet “Fähig zu Kampf oder Flucht trotz Starre”).
Darüber verliere ich schnell mein Alltagsbewusstsein. Erlebe mich und meine Umwelt eher fragmentarisch, wenn überhaupt.
Wir haben insgesamt die Tendenz sehr schnell sehr viel körperliche Energie aufzubauen und dann doch an geistige Beschäftigung oder Navigation zu verlieren. So hat sich in der Vergangenheit oftmals eine schwierige Mischung aus massiver Erschöpfung und körperlicher Übererregung entwickelt. (Was als Trigger für Innens aus früheren Gewaltsituationen wirkt und Wiederholungen des Erlebten durch die eigene Hand zur Folge haben kann)

Im Hypoarousel (Untererregung) tendieren wir ebenfalls zu Wechseln, verbleiben dort jedoch meistens in einer Art stumpf stillen Starre.
Es gibt nichts, was die Aufmerksamkeit zieht, es gibt kein konsistentes Ich, kein Wir.
Ohne äußere Unterstützung dauert so ein Zustand eine ganze Weile. Währenddessen tun wir aber auch nichts.

Für uns ist es hilfreich um diese drei Level zu wissen. Zu wissen, wann wir sie erreicht haben. Zu wissen, dass sie im Rahmen unserer neuro-biologischen Reaktions.Möglichkeiten liegen.
Auflösend und entwicklungsfördernd haben sich jedoch die Schritte erwiesen, die uns unsere Beeinflussungsmöglichkeiten dieser Zustände zu begreifen und erleben möglich gemacht haben. Gerade in der Auseinandersetzung mit Innens, die schwierige Forderungen an uns stellten/stellen.

Uns stresst es sehr, wenn die Therapeutin will, dass wir mit ihnen Kontakt gehen. Gerade, wenn es Angst vor diesen Innens gibt. Gerade, wenn es um Innens geht, die nicht nur im Innen wirken, sondern auch nach außen aktiv sind.
Das sind die klassischen drei Engel für Traumascheiße: Überforderung, Stressschleifen aus Selbstverletzung, Selbsthass, Desorientierung um eigene Freiheiten und das Gefühl der Alternativlosigkeit/Ohnmacht/Hilflosigkeit

Es ist für uns besser uns an die Dinge zu erinnern, die uns entspannen, stärken und beweglich  machen. Und konkreter: die Handlungen, die uns entspannen, stärken und beweglich machen.
Was klingt wie eine sinnlose Phrase ist: “Mach doch einfach öfter mal einen Spaziergang/ Sport/ fernöstliche Bewegungsdinger/ Gartenarbeit/*”
Es klingt wie ein Hohn, wenn man da steht mit dem Schrei im Kopf, dem Puls im Hals und dem Gefühl, dass es nie wieder aufhören wird – aber am Ende ist es ein Schritt, den man machen kann. Und dann noch ein Schritt und dann noch ein Schritt.
Oder, wenn man nicht laufen kann, ein Anschieben und dann noch ein Anschieben. Oder eine Hantel hoch, dann die andere. Oder, wenn man gar nichts von allein bewegen kann, eine Hand (eine Körperseite) stimulieren lassen, dann die andere.

Bilaterale Stimulation finden Gehirne megageil. Es entspricht ihrem täglichen Reizverarbeitungsworkflow und wenn man etwas tut, das zufällig genau das viel fordert und ansonsten eher nicht viel daneben, dann können Kapazitäten für mehr frei werden. Mehr Empfinden. Mehr Beweglichkeit (seelisch wie körperlich). Mehr Gefühl für die eigenen Kräfte.

Wir haben, durch unsere Hündin und das Glück eines Wanderwegs auf einem Stück unseres Schulwegs, jeden Tag etwa 10 Kilometer nur für uns und bilaterale Stimulation. Auf diesen 10 Kilometern haben wir unsere inneren Konferenzen und den freien, ruhigen (immer gleichen also vorhersehbaren) Raum für Innens, die noch nie Bewusstseinsräume dafür frei haben konnten, dass es sowas gibt. Bewegung, Licht, die Option zu gehen oder stehen oder sich hinzusetzen oder ein Tier (NakNak*) zu beobachten (ohne etwas tun zu müssen) oder unter sicherer Anleitung zu berühren, zu füttern, Wasser anzubieten oder den Boden unter sich zu fühlen oder Fotos zu machen oder Bäume, Blätter, Früchte anzusehen, anzufassen… oder in Kontakt/Dialog mit etwas/jemand aus dem Inneren zu sein.

Was klingt wie eine dieser furchtbaren rettungsromantischen Szenen in Filmen um Menschen, die zu Opfern wurden, ist für unsere Innenarbeit jeden Tag sehr wichtig. Es reicht nicht solche Erfahrungsräume mal hier und mal da zu haben. Wir brauchen das jeden Tag. Manchmal auch öfter. Einfach, weil wir nicht nur ein Mal im Leben erfahren haben, dass die Welt zerbrechen kann und plötzlich gar nichts mehr ist, wie man glaubt, dass sie es sei.

Wir wissen nicht, wie viel davon von Innens wahrgenommen wird, die Sprechverbote oder andere Limitierungen durchsetzen wollen.
Wir wissen aber, dass viele andere Innens – nicht zuletzt wir, die wir im Alltag aktiv sind – es wahrnehmen und erstarkt daraus hervorgehen. Manchmal auch soweit erstarkt, dass wir über die wahrgenommenen Forderungen aus dem Innen in der Therapie sprechen können.
Und dann darüber sprechen können, von wem wir das wahrnehmen. Und wann.
In der Folge können wir beobachten, ob Aspekte unseres Alltags als Auslöser funktionieren und wie wir sie sichern können.
Manchmal hat es schon geklappt, dass sich solche Innens auch selbst in die Gespräche über ihre Forderungen einbringen konnten.

Überwiegend aber setzen wir auf Entschärfung der Notwendigkeit für Forderungen nach Schweigen.
Wir machen unsere Therapie nicht, um Menschen oder Geheimnisse (Ereignisse) zu verraten, sondern um zu verstehen, welche Ereignisse und Menschen für uns bzw. einzelne Innens so wichtig/dramatisch/grauenhaft/abstoßend/erhebend/befriedigend/* waren, dass das Viele sein sich daraus entwickelt hat bzw. entwickeln musste.
Das ist ein wichtiger Dreh.
Wir machen die Therapie und unser Leben nicht für andere Menschen oder in Richtung anderer Menschen und Werte. Es geht primär nicht darum etwas nach Außen zu bewirken, sondern nach Innen. Was dann auch Aus.Wirkungen nach Außen haben kann, aber nicht muss.

Die andere Seite von Sprechverboten sind also nicht nur die im System, die sich dadurch begrenzt und in Not fühlen, sondern auch die, zu denen nicht zu sprechen gefordert wird.
Unsere Therapeutin erinnert uns immer wieder daran, dass wir nichts aussprechen müssen, was von innen verboten ist oder zu viel Kraft erfordert rauszubringen. Uns hilft das in Balance zu bleiben und nicht aus Versehen oder aus einer inneren Rücksichtslosigkeit heraus Grenzen zu überschreiten, die anderen Innens wichtig sind. Aus Gründen, die wir uns vorgenommen haben zu verstehen.

Für uns ist auch wichtig, dass die Therapeutin wie ein Blinddarm unserer Schilderungen funktioniert.
Existent aber nicht agierend.

Unsere Erfahrungen hatten schon genug Aus.Wirkungen auf uns und unser Er_Leben. In der Vergangenheit und in unserer Gegenwart und vermutlich auch noch ein ganzes Stück in unsere Zukunft hinein. Für uns wäre es unerträglich, würde die Therapeutin einer anderen Person von unseren Erfahrungen erzählen. Nicht nur, weil es ein Bruch unserer Absprachen wäre.
Es wäre auch eine Weitergabe der Gewalt und Not, die wir durch unser Überleben und Verarbeiten zu transformieren versuchen.

Wir wollen etwas aus den Erfahrungen machen und benutzen die Therapie als Raum, sie innerhalb bestimmter Grenzen von Zeit, Raum, emotionaler Beteiligung und Begleitung, zu veräußern und kontrolliert wieder in uns aufzunehmen, um eine Verarbeitung vorzunehmen.
Würde die Therapeutin sie nehmen und mit anderen Menschen teilen, wäre das Gewalt an uns. Auch, wenn wir das nie erfahren würden. (Vielleicht mag man an dieser Stelle einmal kritisch darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn wir als Betroffene Bücher von Therapeut_innen lesen, in denen Erfahrungen ihrer Klient_innen geschildert werden. Wir sehen dort einen gewaltvollen Umgang mit Gewaltüberlebenden/-erfahrenen, der nicht kritisiert oder skandalisiert wird, weil “Hilfe” und gute Absichten mit im Spiel sind.)

In diesem Text schreiben wir sehr selbstverständlich von Psychotherapie als Raum zur Auseinandersetzung mit Erfahrungen und dem Inneren.
So ganz selbstverständlich ist es jedoch für viele nicht in Therapie zu gehen oder sein oder zu bleiben.
Geschweige denn überhaupt einen guten Platz für sich zu finden und so lange, wie er gebraucht wird, behalten zu dürfen.

Persönlich kommt es für uns nicht mehr in Frage, über Erfahrungen und Innens/Inneres zu sprechen, wenn wir ohne psychotherapeutisches Back-up sind.
Für manche Betroffene “reicht” eine gute seelsorgerische Begleitung oder eine psychologische Beratung oder eine (sozial-)pädagogische Begleitung.
Für uns geht das nach diversen Helfersystemcrashs und mehr Bewusstsein um die enormen Kraftaufwendungen, die es für diese Formen der Begleitung oft braucht, nicht mehr.

Auch das ist ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Innens, die Limits durchsetzen wollen, die früher einmal wichtig waren.
Sie werden ihre Forderungen verstärken, je mehr sie spüren, dass das System als ganzes überlastet ist.
Und ja, es kann überlasten hochmotivierte, jedoch nicht gut aus- fort- und weitergebildete Begleiter_innen im Leben zu haben. Die keine Super-, Inter- oder Fallsupervision in Anspruch nehmen. Die strukturell bedingt nicht einmal ansatzweise kontinuierlich und zuverlässig da sein können. Die eine eigene Gewaltgeschichte nicht genug reflektiert und transformiert haben.

Dabei ist es irrelevant, dass “man ja sonst niemanden hat”. Dabei ist auch irrelevant, dass die Person “doch ihr Bestes gibt und das ja noch nie jemand vorher getan hat”. Dabei ist auch irrelevant, dass “man doch schon viel Schlimmeres durchgestanden hat”.
Zu viel ist zu viel und wenn es eins gibt, worauf man zu achten anfangen muss, wenn sich irgendetwas verändern soll, dann ist das an genau dem Punkt achtsam zu sein.

Ein Trauma ist niemals das Ereignis selbst.
Es ist das Zuviel, dass dieses Ereignis bedeutet (hat).

Innens, die toben und fordern zu tun, was sich für sie vielleicht sogar als lebensrettend ausgewirkt hat, können beim Umgang mit allem Zuviel, dass das Leben heute bietet, die besten Verbündeten sein, die man sich auf dem Weg der Verarbeitung vorstellen und wünschen kann.

Wenn man mit Ihnen Bündnisse eingeht.

*Text als PDF zur freien Weitergabe

die Fragen zu “Täter_innen.kontakt” und noch ein bisschen mehr

“Täterkontakt” ist eines der Worte, die im Kontext komplexer Gewalterfahrung bzw. komplexer Traumatisierung nach Gewalt auftauchen und immer wieder Thema sein können.
Einige Fragen dazu haben mich neulich erreicht und während ich darüber nachdachte, wie sie gut zu beantworten seien, entspannen sich darauf mehrere Aspekte, auf die ich nun näher eingehen will.

Täterkontakt.
Worum gehts da eigentlich?

Ganz zu Beginn ein rosenblattscher Wortklaub.
“Täter_in” ist eine Person nur dann, wenn sie sich akut/konkret in einer Situation befindet, die von Täter-Opfer-Dynamik gekennzeichnet ist. Das Gleiche gilt für “Opfer”.

Außerhalb so einer Situation ist eine Dynamik gegeben, die mit anderen Worten besser zu erfassen ist.
Zum Beispiel “Name der Person, di_er Gewalt ausgeübt hat” oder “Name der Person, die Gewalt durch … /in Form von … (üb)erlebt hat” oder oder oder

Ich halte es für wichtig, weder sich selbst auf den Opferbegriff zu reduzieren, noch die Person(en), die Gewalt ausgeübt hat (haben) auf Täter_innenschaft.
Täter_innen wie Opfer sind Menschen. Individuen. Und beide Begriffe können dieselbe Person beschreiben. Je nachdem welche Perspektive man auf ein Ereignis einnimmt, in dem diese Dynamik herrschte.

“Täterkontakt” ist also einer dieser Begriffe, den man sich vielleicht übersetzen muss, um sich bewusst bzw. umfassend damit zu beschäftigen.

Komplexe Gewalterfahrungen sind dadurch gekennzeichnet, dass es um Gewalt im direkten sozialen Umfeld geht. Um Gewalt, die vielleicht erst später als solche begriffen wird (und vorher “einfach so dazu gehört hat”). Um Abhängigkeitsbezüge, die nicht eigenständig aufgelöst bzw. verlassen werden können. Und um Erfahrungen, die über einen längeren Zeitraum hinweg gemacht werden. In unterschiedlicher Erfahrungsqualität, variierenden Umfängen, Dynamiken und unterschiedlicher Schwere.

Es kann bei dieser Form der Gewalt im Konkreten also um Inzesterfahrungen gehen, aber auch um das Leben in einem Kriegs- und Krisengebiet oder Partner_innenschaftsgewalt.
Manchmal spielen (Pseudo-)Religion oder (politische/weltanschauliche) Ideologien eine Rolle. Manchmal organisierte Kriminalität.

So erklärt sich vielleicht besser, warum mir die Auflösung des Täter_innen- und Opferbegriffes wichtig sind.
In der eigenen Familie erlebt man als Kind gewaltvoller Eltern, sowohl die Gewalt als auch die vielleicht manchmal liebevollen Eltern.

Je enger der soziale Bezug ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit beides, wenn nicht alles, was man sich vorstellen kann durch und oder mit einer Person zu erleben.
Was für eine Verstümmelung an den eigenen Erfahrungen wäre es also, sich in der späteren Auseinandersetzung nur auf eine Rolle einer Person zu besinnen, um eine eigene Entscheidung zu treffen?

Im Folgenden beziehe ich mich nur auf Gewalt in Familien, in denen Inzest und oder organisierte Gewalt eine Rolle spielt bzw. gespielt hat und den Fall, dass eine Person mit komplexer PTBS oder ähnlicher Diagnose damit konfrontiert ist, “den Täterkontakt” zu beenden.

Auch hier ist wieder wichtig das Spektrum zu sehen.
Geht es darum keine Post mehr zu öffnen oder jeden Tag zum Essen rüber zu gehen?
Geht es darum immer wieder verletzt, ausgebeutet und selbstbestimmter Entscheidungen beraubt zu werden oder darum, dass die Eltern, die Gewalt ausgeübt haben und weiterhin ausüben wollen, ökonomische bzw. allgemeiner: strukturelle Hebel ansetzen könnten (z.B. Kindergeld einbehalten, BAföG-Verfahren verzögern, Versicherungen kündigen etc.), wenn sich das Kind/die strukturell abhängige erwachsene Person verweigert?
Sind die Personen, die unerwünscht Kontakt aufnehmen auch die Personen, die körperliche Gewalt ausüben?

Der Kontakt zu Personen, die Gewalt ausgeübt haben (und eventuell auch immer wieder ausüben (wollen)) kann unterschiedlich aussehen und unterschiedliche Auswirkungen haben.
Diese Auswirkungen bewusst als solche zu spüren und zu kontextualisieren, steht für manche Menschen zu Beginn im Vordergrund.

Wir begannen unsere Entfernung vom Elternhaus mit 15/16 Jahren.
Nach jedem Brief, jedem Päckchen, jedem Telefonat habe ich mich schlecht gefühlt. Traurig. Schmerzvoll. Obwohl da nie etwas trauriges oder verletzendes drin stand. Oft sogar Geschenke beilagen.
Ein zwei Tage später wurde ich unruhig. Unzufrieden mit mir, meiner Umgebung, den Dingen, die ich eigentlich mochte. Bis ich Gedanken hatte wie: “Ich bin zu Hause einfach besser aufgehoben.” oder “Meine Eltern sind besser zu mir als diese Leute hier.”. Gedanken, die ich üblicherweise nicht hatte.
Tatsächlich waren Gedanken an meine Eltern wirklich kaum vorhanden, seitdem wir das Elternhaus verlassen hatten.
Vielleicht ist das ein Anteil pubertärer Abnabelung, sehr wahrscheinlich aber auch logische Folge des Bezugspersonenwechsels.

Für mich (uns) war es wichtig die Verbindung zwischen “Post von den Eltern” zu “es geht mir nicht gut und plötzlich sind da Gedanken, die vorher nicht da waren” herzustellen. Vor allem, weil sich diese Gedanken im Laufe der Zeit und unserer Versorgungslage auch in ihrer Dringlichkeit veränderten.
War das Helfernetz unzuverlässig, hatten wir Konflikte, waren in irgendwelchen wie auch immer gelagerten Nöten, wurden die durch Post ausgelösten Gedanken zu Wahrheiten, denen zu entsprechen sich immer mehr Druck aufbaute.

In meinem (unseren) Fall hatte sich eine destruktive Schleife entwickelt.
Wir konnten dem Druck nicht nachgeben und ihn häufig auch nicht mit_teilen, ohne uns noch schlechter zu fühlen. Zum Beispiel, weil damalige Therapeut_innen in solchen Momenten mit Bewusstseinsarbeit um traumatische Erfahrungen in der Familie anfangen wollten, obwohl das der denkbar schlechteste Zeitpunkt war.
Es kam zu Selbstverletzungen, suizidalen Episoden, mehr und mehr Psychosomatik.
Das Prinzip “Schmerz für Erleichterung”, das schon vorher etabliert war, nahm Züge einer Selbsthilfe an.

Es hat sich für uns als hilfreich herausgestellt über Selbstverletzung und suizidale Momente zu sprechen. Nachdem sie passierten waren.
In akuten Situation waren uns andere Menschen selten eine Hilfe eine Selbstverletzung zu verhindern. Selbst wenn sich Menschen viel Zeit für uns genommen hatten um eine affektive Selbstverletzung zu verhindern, so war es unser Wissen um die Besonderheit viel Zeit mit anderen Menschen (in unserem Fall Betreuer_innen der Jugendhilfe oder auch Krankenschwestern einer Klinikstation) haben zu dürfen, die ihrerseits schwierige und teilweise unaushaltbare Spannungszustände auslösten. Denen wir damals nur mit Selbstverletzung begegnen konnten.

Es war und ist bis heute hilfreich für uns, nach Selbstverletzungen ganz konkret und sachlich über die auslösenden Gedanken und erlebten Dynamiken zu sprechen. Wir haben Protokolle für diese Momente eingeführt, um unsere Annahmen von Schuldigkeit und Rechtfertigung von körperlicher Versehrung zu falsifizieren.
Folgende  Spalten hatten wir in diesem Protokoll:

  • Was war direkt vorher,
  • Was war in den letzten zwei Wochen,
  • Welche Art der Selbstverletzung gab es,
  • Wer (im Innen) hats gemacht/gewollt/für wichtig befunden,
  • Worum ging es in dem Konflikt (aus dem der Druck entstand),
  • Was hätte helfen können (Ausgedacht als “Was wäre wenn”- Szenario ohne Rücksicht auf Umsetzbarkeit)

Es hat Jahre des Täter_innenkontaktes gebraucht um zu erkennen, dass es immer wir bzw. immer der mit uns verbundene Körper war, der an dem Konflikt um die Trennung von der Herkunftsfamilie gelitten hat. Und nicht die Familie. Und auch nicht die Familie*.
Das ist nicht nur deshalb bitter, weil es hier um viele Jahre ging, die wir auch schöner und insgesamt konstruktiver hätten nutzen können, sondern auch, weil es für diesen Schritt in unserem Fall wirklich den Kontakt zu diesen Menschen gebraucht hat.

Denn:
Unser Konflikt entspann sich immer wieder durch die Aktualisierung des Themas “Herkunftsfamilie” und “Verlassen der Herkunftsfamilie und die Konsequenzen”. Jede weitere Kontaktaufnahme durch fremde Dritte war danach ein leichtes Unterfangen.

Es ist ein Fehler Menschen, die sich von nahen Gewalt ausübenden Personen getrennt haben (oder aus Kriegs- und Krisengebieten geflüchtet sind) zu sagen, dass jetzt alles besser sei und immer besser werden würde.
Macht das nicht. Das ist eine Lüge. Immer.

Egal, wie schlimm, wie krass, wie umfassend die Gewalterfahrung(en) war(en) – darum herum gab es Leben, gab es soziale Bindungen, aber auch Wertebindungen und individuelle Überzeugungssysteme. Es hilft nicht, die Vergangenheit so schwarz wie möglich zu zeichnen (vor allem, wenn die betreffenden Personen noch überhaupt nichts darüber mit.geteilt haben!) um die Gegenwart in den neuen Kontexten und die Zukunft reizvoller und verheißungsvoller wirken zu lassen.

Je krasser der Unterschied zwischen Früher und Jetzt ist, desto mehr Fliehkräfte können sich in einem Konflikt wie unserem entwickeln.
Und eins muss man einfach als Fakt sehen: die Betreuungs- und Unterstützungsangebote für Menschen in diesen Situationen sind nicht ausreichend, um solche Dynamiken gut aufzufangen bzw. von vornherein aufzulösen.

Um das zu illustrieren nehme ich eine unserer Für und Wider-Listen aus dem Jahr 2004.
Da waren wir 18 Jahre alt, hatten 1,5 Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie hinter uns, 3 ziemlich furchtbare Wochen in einer Akutwohngruppe für Jugendliche und 5? Monate andere Kinder- und Jugendpsychiatrie. Unser Besitz war von einer Bulliladung auf 3 Kisten zusammengeschrumpft, in der letzten Klinik hatte man uns emotional wie körperlich miss.be.handelt. Die Mutterfrau war eingeladen worden und gekommen. Die Betreuer_innen der Akutwohngruppe hatten uns angelogen und verraten.

Wir lebten in einer Stadt (in einem Bundesland), in der wir nichts und niemanden kannten. In einem Zustand, in dem die Vorstellung von der eigenen Zukunft nicht über “gleich” hinausging, ohne zu einer Fantasie zu werden, die immer auch ein Früher beinhaltete. Und zwar das Früher, in dem es uns gut ging. Mit den Eltern. Den Geschwistern. Den Großeltern. Onkeln und Tanten. Der Familie* und ihren Versprechen.

Für (in der Einrichtung bleiben)
– ich kann nicht wieder nach Hause – irgendwo muss ich ja sein

Wider (in der Einrichtung bleiben)
– ich gehöre nach Hause
– zu Hause wär ich kein Jugendhilfekind
– es könnte wieder so werden wie früher
– ich wär wieder bei … [Freund_innen in der Herkunftsstadt]
– zu Hause kenne ich alles
– zu Hause wär ich normal und könnte schlafen

Gerade den letzten Punkt möchte ich unterstreichen.
Denn dieser Aspekt ist neben allen Loyalitäts- und Zugehörigkeitskonflikten wichtig: es ist unfassbar anstrengend und zermürbend in so einer Situation zu leben. Und dabei ist schon nicht mitgemeint von Dritten weiterhin misshandelt und ausgebeutet zu werden.

Da ist die nahsoziale Achse auf der man versucht sich zu binden und abzusichern (und dabei vielleicht scheitert, weil man sozial inkompetent unter sozial inkompetenten ist und von bezahlten Bezugspersonen eher gemanaged als umsorgt wird) und da ist die fernsoziale Achse auf der das Stigma von “psychischer Krankheit” und “Jugendhilfe” wirkt und wirkt und wirkt.

Da ist aber auch eine Achse der Klasse.
Für uns war die Jugendhilfe auch ein Sprung ins Prekariat aus dem wir bis heute nicht wieder rausgekommen sind. Prekariat ist das hübsche Wort für arm.
Arm sein ist anstrengend. Und ungesund. Armut bedeutet Limitierungen. Und wo Limits sind, da haben es Menschen, die Versprechen machen extrem leicht.

Sich immer wieder gegen die Versprechen und für die Limits zu entscheiden ist etwas, das nicht einmal gut situierte, sicher gebundene, gut ihre Behindernisse ausgleichen könnende Personen immer gut schaffen. Nun setze man an diese Stelle eine kindjugendliche Person, der es sowohl objektiv als auch subjektiv schlechter geht.

Die Versprechen der Leute, die wir nicht kannten kamen nicht nur von der Seite der Menschen, die uns ausgenutzt haben. Versprechen haben uns auch Klinikkontexte, sogenannte Freund_innen und die Schule gemacht.

Und für uns war jedes Versprechen eine Wahrheit. Alle haben uns immer wieder dazu gebracht Entscheidungen zu treffen, die wir in ihren weiterreichenden Konsequenzen kaum überblicken konnten und zum Teil auch nie vorhersehbar waren.

So machten wir den Realschulabschluss ohne Gefühl und Wissen um die eigenen Fähig- und Fertigkeiten, geschweige denn Selbstbild in einem Beruf.
So ging die Gewalt an uns weiter, ohne Problem- und Unrechtsbewusstsein oder Selbstbild als Opfer_Täter_in.
So gingen wir über Jahre in therapeutische Zusammenarbeiten und hatten nichts weiter als ehrliches Ziel als: Ich will, dass es mir besser geht.
So kämpften wir uns durch Jahre, in denen wir versuchten, irgendwo zwischen Herkunftsfamilienkontakt und dem therapeutischen Verbot desselben in Balance zu bleiben.

Die Ruhe um sich selbst zu sichern (und damit zurecht zu kommen) und das Ausmaß an Miteinander durch Begleitung und Neukontextualisierung der vielen neualltäglichen Erfahrungen hat kein einziges der Hilfsangebote, die wir in Anspruch genommen hatten leisten können.
Weder Betreuung, noch Therapie, noch Klinik, noch irgendeine Einzelperson.

Das bedeutet: Der Abbruch von Täter_innenkontakt ist für abhängige (weil erkrankte oder behinderte) Personen oft nicht nur die Entscheidung gegen Gewalt an sich, sondern auch gegen eine Quelle von Dingen, für die an anderer Stelle überhaupt nicht gesorgt wird.

Das Leben ohne Täter_innenkontakt (und damit auch: ohne weitere Erfahrungen bestimmter Gewaltformen) ist also auch immer eines dem etwas fehlt.
Wir nennen das “Frei_von_heit”-Leben und sind bis heute – 10 Jahre nach dem Ausstieg! – damit beschäftigt es zu füllen bzw. herauszufinden, was ein passender Ersatz sein könnte oder ob vielleicht gar kein Ersatz nötig ist, sondern vielleicht eher ein Umbau.

Wir haben oft den Eindruck, dass sich Helfer- und Behandler_innen dieser Dimension des Lebens von Betroffenen organisierter bzw. komplexer (Familien-)Gewalt nicht klar sind, wenn sie Täter_innenkontaktabbruch zur Bedingung ihrer immer* zeitlich, räumlich und emotional begrenzten Unterstützung/Hilfe machen. (*Ernsthaft: immer! Professionelle Hilfe ist die, die klare Grenzen hat!)

Es ist nachvollziehbar, dass eine Person ihre komplexe PTBS nicht therapeutisch bearbeiten kann, wenn sie immer wieder traumatisiert wird.
Und ja, es ist auch nicht für alle Behandler- und Helfer_innen aushaltbar zu wissen, dass eine Person an, mit und von der man einen Auftrag hat, immer wieder miss.be.handelt wird.
Aber Täter_innenkontakt bedeutet für die Betroffenen in der Regel mehr als das reine Erfahren von Gewalt.

Deshalb sollte man vielleicht mal schauen, ob es auch noch andere Wörter für diese Kontakte geben kann. Vielleicht gibt es ja eine Bezeichnung, die in der Lage ist auch auf die Benefits für die Betroffenen einzugehen? Vielleicht gibt es eine Formulierung, die es den Betroffenen ermöglicht ihr eigenes (Abhängigkeits)Verhältnis zu diesen Personen(kreisen) leichter zu erkennen?

Was erst mal aussieht, als ginge es mir um die reine Dekonstruktion einer Vorgehensweise, die sich über viele Jahre als für viele Menschen oft hilfreich etabliert hat, hat den Hintergrund, dass Sprache nicht nur dafür da ist, die Dinge, die wahrgenommen werden, zu benennen.

Sprache schafft nur die Wirklichkeiten, die man benennt. Mit dem Wort “Täterkontakt” benennt man etwas anderes, als mit der Formulierung “Kontakt zu Menschen/Personen, die etwas davon haben, (das ich nicht auch bekomme), wenn ich mich mit ihnen treffe/mit ihnen telefoniere/ihre Post öffne oder tue, was sie von mir verlangen” (was die für uns hilfreiche Umformulierung war und bis heute ist).

Was wir auch oft sehen ist, dass sich Ausstieg oder Kontaktabbrüche verzögern oder in Pendelbewegungen passieren, weil nicht konkret über das gesprochen wird, was passiert. Da wird nach Täter_innenkontakt gefragt, mit “ja” geantwortet und das war das Gespräch. Vielleicht schaffen es die Betroffenen noch auszudrücken, dass sie sich schlecht fühlen, weil sie Therapievorgaben nicht erfüllt haben oder sich um das Verhältnis zur Therapeutin bzw. zum Therapeuten sorgen. Vielleicht schafft man es dann gerade noch so einen Suizid- oder Selbstverletzungsakt zu verhindern, der sich sowohl aus der neuerlichen Gewalterfahrung als auch dem Konflikt zwischen Selbst- und Fremdanspruch entwickelt hat.
Aber ein Aussprechen dessen, was da wie wann mit wem und warum (und von wem im Innen initiiert oder getragen) war, passiert da oft nicht.
Und das ist schwierig.

Manche Betroffene können vielleicht nicht alle diese Fragen beantworten oder haben dissoziative Brüche in ihren Erinnerungen. Das macht es nochmal schwieriger überhaupt einen Anfang in der Erzählung zu finden.
Wir hatten sehr lange den Anspruch an uns nur Dinge mitzuteilen, um die wir uns zu 100% sicher sind, das sie wirklich passiert sind und eventuell auch justiziabel. Denn “Täter” ist ein Justizwort.

Inzwischen fangen wir immer wieder mit dem an, was uns als Erstes einfällt und prüfen am Ende der Erzählung die Bestandteile auf Wahrscheinlichkeit.
Als harmloses Beispiel: Wenn ich weiß, dass ich mit dem Postboten zu tun hatte, aber nicht mehr weiß, wie es dazu kommen konnte, dann denke ich darüber nach, ob ich einen Brief erwartet oder etwas bestellt habe. Manchmal fällt mir dann ein, wie der Bote geklingelt hat und ich die Treppen runter ging und den Schlüssel in der Hand hatte und …

Bei Täter_innenkontakten haben wir uns gefragt, ob wir Zettel im Briefkasten oder an der Haustür hatten. Ob wir auf dem Schulweg von einem Autofahrer nach dem Weg gefragt worden sind (das war eine Art der Kontaktaufnahme mit uns früher). Ob es insgesamt Begegnungen oder Nachrichten gab, die bei rationaler/objektiver Betrachtung vielleicht irritierend waren.

Das Sprechen über Kontakt mit Personen, die Gewalt ausüben, kann helfen ein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln. Doch dies sollte nicht das oberste Ziel sein.
Es hilft einer abhängigen Person oft nicht eine ohnehin schon schwierige Situation auch noch als ein Unrecht zu markieren, gegen das sie nichts tun kann. Zumindest nicht so, dass sie selbst nicht Gefahr läuft doppelt zu verlieren.

Die Lage ist nachwievor so, dass Personen, die Opfer von Täter_innen wurden, in einer Art Beweisbringschuld sind. Nicht alleinig, aber genug um ständig im Zweifel zu sein, was “genug” Beweis ist.
Da Menschen in der Regel nicht über die Superkraft verfügen das eigene „in einer Gewaltsituation sein“ objektiv und umfassend zu dokumentieren, bleibt ihnen oft nur die eigene Sprache, das eigene Gedächtnis um Zeugnis über die eigenen Erfahrungen abzulegen.
Und das ist weder objektiv, noch zu 100% zuverlässig.
Gehirne sind auch nur überlastbare, täuschungsanfällige Biorechner.
Es gibt Fehler, es gibt Inkongruenzen.
Das ist normal und keinesfalls ein Marker für „wahr“ oder „unwahr“.

Gerade Personen, die in permanentem Terror und Gewalterfahren aufwachsen, entwickeln etwas, das man unter dem Begriff der “Neurodivergenz” zusammenfassen kann.
Das meint Depressionen genauso wie Angstpsychosen und schizophrene Episoden. Genauso wie komplexe posttraumatische Belastungsstörungen, dissoziative Erlebensarten und emotionales Verflachen.
Und vieles mehr, das man in anderen Kontexten unter “durchgeknallt/verrückt/abnorm/psychisch krank” zusammenfasst

Leben Menschen chronisch in toxischem Stress (werden also immer wieder mit Wahrnehmungsinformationen überreizt, sozial, geistig und emotional überfordert) passen sich Körper, Geist und Seele daran an. Die Divergenz wird zur Norm. Zur (er-)lebensrettenden Norm, die hilft eine Funktionalität aufrecht zu erhalten.

Dieser Umstand wird gefährlich oft als etwas betrachtet, das etwas mit der Persönlichkeit/der Seele/*** der betreffenden Personen zu tun hat. Überleben wird mit dieser Perspektive überhöht und drückt am Ende nichts weiter aus als den Blick einer außenstehenden Person.

Überleben ist ein Glück, das nur im Leben passieren kann.

Gewaltüberleben zu etwas zu machen, das große Kraft erfordert, die “irgendwo ungreifbar in einem Menschen drin steckt”, kann es Personen – gerade Personen, die unzählig oft über das belogen wurden, was alles in ihnen steckt, um ausgenutzt werden zu können! – schwer machen, das Erlebte mit dem eigenen Er_Leben der Gegenwart zu verknüpfen.
Denn wenn die Gewalt, der Terror, die akute Not vorbei ist, dann ist ein daran angepasstes Gehirn mehr oder weniger plötzlich dysfunktional.

Es wird schwierig sich und dem eigenen Erleben zu trauen.
Im schlimmsten Fall hat man dann auch noch Helfer-, Begleiter- oder Unterstützer_innen, die ihre Rolle mit der von Retter_innen verwechseln.
Die dann merken, dass das nicht geht und keine professionelle Super- oder Intervision in Anspruch nehmen oder sich sonst irgendwie von jemandem beraten lassen, der nicht selbst in dem Fall involviert ist. Und dann also anfangen an ihren Klient_innen zu zweifeln. Und also anfangen ihnen gegenüber illoyal, unaufrichtig oder gewaltvoll zu werden und sie letztlich an andere Instanzen verraten, um sich ihrer zu entledigen.
Klingt hart, ist aber Realität.
Immer wieder. Und viel zu oft nicht reflektiert.

Zum Beispiel in einem Fall, den wir vor ein paar Jahren am Rande miterlebt haben.

Eine Person wollte in den Ausstieg, hatte massive PTBS-Symptomatiken und hohe soziale Bedarfe. Ihre Lebenssituation war die klassische Abhängigkeit von äußeren Strukturen und Hilfen, die sie allein aber kaum aufrecht halten konnte.
Sie tat also, was man tut: das tun, was gerade noch geht. Das war in ihrem Fall um Hilfe schreien.

Sie wurde gehört. Aber nicht verstanden.
Die Personen, die auf sie reagierten, hatten ihre eigenen Ideen und Vorstellungen dazu, was für Hilfe sie “wirklich braucht”. Sie verpassten es die eigenen Vorstellungen auf internalisierten Ableismus zu prüfen und unterzogen ihr Handeln nicht der Prüfung auf Motive, die in ihnen selbst lagen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Menschen, die Menschen helfen wollen, selbst traumatische Erfahrungen in der Biografie haben.
Manche von ihnen sind der (ebenfalls Ableismus entstammenden) Falle zum Opfer gefallen zu glauben, dass sie ihre Erfahrungen überwunden haben, wenn sie (wieder) arbeitsfähig sind, ohne sich selbst (in Teilen) in den Klient_innen wiederzuerkennen.

Manche benutzen ihre Klient_innen und deren Er_Leben als Raum für die Inszenierung einer bestmöglichen Hilfe/Rettungssituation für sich selbst (in einem Damals, das oft schon lange vorbei ist) oder für ein Szenario, in dem sie sich selbst als so wirksam und kontrollierend (kontrolliert) erleben können, wie sie es im eigenen Er_Leben oft nicht konnten (und manchmal noch immer nicht können).

In dem Fall der Person, die in den Ausstieg wollte, war es so, dass die Personen, die eigentlich nur als Helfer_innen für die bürokratische Achse der Hilfen beauftragt wurden!, ihre Klient_in quasi überwachten, um zu prüfen, ob deren Erzählungen von Täterkontakten stimmten oder nicht.
Als anzunehmen war, dass die Klient_in eher krasse Angstzustände aus noch nicht bewussten Flashbacks erlebte, als tatsächlich 24/7 Täterkontakte, ließen die „Helfer_innen“ sie fallen und zogen sich aus dem Fall raus.

Wir wissen nicht, wie die Geschichte geendet hat. Für uns war sie in dem Moment beendet, als wir bemerkten, dass die Helfer_innen nicht reflektierten, dass sie ihre Rolle verließen, um sich selbst etwas zu ermöglichen. In dem Fall: selbst gemachte Objektivität auf dem Rücken der Klient_in, der sie zugesagt hatten, dass sie sie in allem ernst nehmen würden, was sie ihnen sagt. Der sie auch zugesichert hatten nicht objektiv (wahr/richtig) sein zu müssen.

Sie haben sie angelogen und hinter ihrem Rücken etwas getan, was sie nicht mit ihr abgesprochen haben.
Das ist ein Grundlagenfehler in der Arbeit mit Menschen. Und um den als solchen anzuerkennen braucht es kein Professionalitätsdiplom.

Am Ende ist dieser Fall einer, in dem es mich nicht wundern würde, wäre der Ausstieg nicht geglückt.
Die betroffene Person hatte nichts von dem, was Menschen brauchen, um sich sicher zu lösen, neue Erfahrungen zu machen und diese sicher und gut neu zu kontextualisieren. Und obendrauf haben sich die Personen, die ihr als Hilfe dargestellt wurden, ihr gegenüber sozial gewaltvoll verhalten.

Verloren hat nur diese Person.
Denn oft genug ist so ein misslungener Ausstiegversuch ein potenzielles Todesurteil in beiden Welten.
Organisierte Gruppen, in denen Ausbeutung und Gewalt üblich ist, nehmen “Dissidenten” oft nicht einfach mal eben so wieder in ihre Reihen auf.
Auch Inzestfamilien öffnen sich in der Regel nicht für Angehörige, die mehr oder weniger offen gelegt haben, dass etwas nicht richtig läuft.

Und Hilfen außerhalb dieser Kontexte erneut aufzusuchen oder einzufordern, nachdem man von Helfer_innen für deren Agenda missbraucht wurde, ist für manche Betroffene kaum noch schaffbar. Gerade für jene, die arbeitsunfähig, chronisch erkrankt/schwerbehindert und sozial herausgefordert sind.
Diese Personengruppe hat nirgendwo wirklich Platz, da sie mit ihrer Lebenssituation nirgends mitgedacht werden.

Für diese Menschen geht es um nichts weiter als ihr Leben und eine andere Lebensqualität. Da ist das Ziel gar nicht in Lohn und Brot zu kommen, ein Studium zu beenden oder ein umfassend selbstbestimmtes Leben zu gestalten – da geht es darum, in den bestehenden Abhängigkeiten so wenig wie möglich zu leiden und sich selbst so weit wie es geht zu entfalten.

Nicht alle Menschen, die in Gewalt aufgewachsen sind, können in den Sonnenuntergang reiten und sich rundum “frei und selbstbestimmt in allen Aspekten” nennen.
Manchmal geht es um die Wahl der Freiheit und die Ermächtigung die Lebensaspekte zu wählen, in denen sie gelebt werden kann.
Soviel Demut muss man manchmal auch aufbringen. Sowohl als Helfer-, Begleiter- oder Therapeut_in, als auch als Klient_in.

Eine der Fragen, die mich erreichten war, wie Therapeut_innen einen Ausstieg gut unterstützen können.
Nun muss ich sagen, dass ich keine Therapeut_in bin und nur teilen kann, was ich (wir) als gute Begleitung empfunden habe(n).

In unserem Fall haben Therapeut_innen wenig konkreten Anteil an unserem Ausstieg gehabt. Wir waren in der Zeit des Täterkontaktes, der mit wiederholter Ausbeutung und körperlicher Bedrohung zu tun hatte, nicht in der Lage mehr als halbgare Stabilisierungsarbeit und permanente Krisenintervention in der Therapie zu machen.
Bewusste aktive Innenarbeit konnten wir nicht leisten und vielleicht war das Aushalten dessen, die beste Begleitung durch Therapeut_innen, die uns passieren konnte.

Wir haben in den ersten Jahren (da waren wir 15 bis 21 Jahre alt) viel am Verständnis von Symptomen als Ausdruck für bestehende Belastung gearbeitet.
Und dann daran, nicht an den Symptomen zu sterben. Und dann daran, uns nicht aus Versehen oder aus einem Affekt heraus umzubringen. Oder andere. Menschen wie Tiere.
Und dann daran, keinen Täterkontakt aufzunehmen, nur weil wir keine Therapie mehr hatten und unsere Betreuungssituation so eine Katastrophe war.

Und dann war das äußere ausgestiegen sein irgendwie zur Normalität geworden und es war 2012. Wir waren wir 26 und begannen die Arbeit mit der Therapeutin, die uns noch heute begleitet.
Heute sind wir 30 und in der Innenarbeit, die für den inneren Ausstieg und die Verarbeitung des äußeren Ausstiegs wichtig ist.
Wir erleben an der Begleitung durch die Therapeutin als hilfreich:

– dass wir uns regelmäßig treffen (und wir wissen, mit wem wir uns treffen können, wenn sie krank/im Urlaub/auf Fortbildung/nicht erreichbar ist)
– dass wir gemeinsame Absprachen haben, an die wir uns beide halten können
– dass im Vordergrund der Arbeit das Verstehen und nicht die Kontrolle über uns und unsere Erfahrungen steht

– dass sie ihre Hilflosigkeiten offen legt und daran genauso arbeitet, wie wir
– dass sie sich regelmäßig fortbildet und insgesamt offen ist
– dass sie die Zusammenarbeit mit uns nicht beendet hat, als die Asperger-Diagnose dazu kam

– dass wir sie auch außerhalb der Termine kontaktieren dürfen (dazu gibt es Absprachen, die gut für sie und gut für uns sind)
– dass wir mit unterschiedlichen Mitteln und Techniken arbeiten (je nachdem, was wir gerade brauchen können)
– dass ihr Raum immer gleich aussieht (und weder mit Raumduft noch mit sehr vielen dekorativen Elementen gestaltet ist)

– dass wir eine Stundenroutine haben (Ankommen, Thema besprechen, orientiert und sicher gebunden verabschieden)
– dass wir einen Platz in dem Raum haben (und Dinge von uns neben anderen Dingen dort sein und bleiben dürfen)
– dass Neuerungen und Abweichungen vorhersehbar sind

– dass sie vor uns niemals die Menschen verurteilt, die uns mit Gewalt begegnet sind, sondern deren Handlungen
– dass wir manchmal Stunden machen können, in denen es weniger um uns, als die Welt und ihren Lauf der Dinge geht
– dass sie uns in unseren Wünschen nach mehr Selbstbestimmung und Autonomie bestärkt

– dass wir es schaffen, trotz langer Arbeitszeit miteinander, nicht an Stellen aufzuweichen, die später zu Konflikten und Abgrenzungsschwierigkeiten führen könnten
– dass sie ihre Veranwortungsbereiche aktiv von uns trennt

Uns hilft heute auch, dass wir mehr als nur die Therapie im Leben haben.
Auch wenn wir uns immer wieder mal überfrachten und überfordern mit den Projekten, die wir anfangen und durchziehen.
So sind wir. So ist das Leben.

Unsere Projekte sind selbstbestimmt begonnen, autark umgesetzt und frei gestaltet.
Sie tragen nicht immer und an allen Stellen dazu bei, dass unsere äußere Sicherheit maximal und konstant gewährleistet ist. Projekte, wie das Blog hier, haben uns schon Projekte verunmöglicht und (therapeutische) Zusammenarbeiten verhindert.
Und doch.

Wir sind an unseren Arbeiten gewachsen und haben Fähig- und Fertigkeiten entwickelt, die uns helfen uns als selbstwirksam und befähigt zu erleben.
Und zwar fern ab von psychologischer Deutung(smacht) oder Behandlungsplanung.
Es ist uns wichtig geworden, auch losgelöst von psychiatrisch/psychologischen Kontexten zu sein, zu funktionieren und uns okay zu fühlen, weil wir die Belegung unseres Seins als “krank” als gewaltvoll erleben.

Durch die Auseinandersetzung mit unseren Projekten haben und hatten wir die Gelegenheit das zu erkennen und als auch von uns internalisiert zu begreifen.
Das ist ein Privileg. Und wir nutzen das.

Kontakte zu Menschen, die von dem Körper, mit dem wir verbunden sind, profitieren, würden uns dieses und viele andere Privilegien, die wir in den letzten 10 Jahren erreicht haben, verlieren lassen.
Mit den Jahren wird dies auch nach innen immer bewusster.
Das Heute, in dem wir vor dieser Form des Zugriffs auf uns sicher sind, beginnt eigene neue Spuren in unserem Gehirn zu hinterlassen und die Spuren der Gewalt zu überschreiben.

Heute, 10 Jahre nach dem äußeren Ausstieg, kennen wir beides: das Früher, in dem alles schlimm und vieles schön war und das Heute, in dem alles schön und vieles schlimm ist.
Das gibt uns die Chance auf eine Idee von einer Zukunft.

Und vielleicht haben wir nur dafür den Kontakt zu Menschen, die uns verletzt und ausgenutzt haben, beendet.

*Text als PDF zur freien Weitergabe

der Traum mit Oma und Opa

In letzter Zeit träume ich oft von nahen Menschen, die mir fremd und fern geworden sind, oder nie wirklich nah waren.
Eins meiner Geschwister. Mein Vater. Oma und Opa. Die Person, die unsere Texte auf Informationen scannt, um sie gegen uns zu verwenden. Die Ärztin vom letzten Versuch stationär Hilfe zu bekommen.

Immer wieder wache ich auf und bin mir nicht sicher, wie ich mich fühle. Meistens summt etwas in mir. Versucht irgendein Gedanke sich zu mir durchzudrängeln, doch bleibt stecken und verwest langsam zwischen Morgenroutine und Arbeitsgedanken.
Heute träumte ich von Oma und Opa.
Die noch leben, aber sicher nicht so, wie in meinem Traum.

Dort lebten sie in ihrer Gartenlaube, umgeben vom Grün ihres Obst und Gemüses. Die Sonne schien, der sandige Boden strahlte ihre Hitze an meine hellen Beine. In dem Traum erzählte mir Oma, wie man einweckt und Kirschen entkernt. Noch im Traum wusste ich, dass es kein Erinnerungstraum ist. Einwecken und Entkernen, überhaupt viele Gartenarbeiten, haben wir uns selbst beigebracht. Jemanden, der sich uns auf den Schoß setzt und die Welt erklärt, hatten wir nicht in unserem Leben.
Und doch. Ich ließ es laufen. Drängte mein Bewusstsein zur Seite und lebte mich aktiv in den Traum hinein.
Nicht weil er so heil und schön war. Mehr, weil es die einzige Möglichkeit für mich ist, etwas mit meinen Verwandten zu tun zu haben, ohne Verluste zu erleben oder mir selbst gegenüber inkonsequent und destruktiv zu sein.

Oma war wieder 50, glaube ich. Sie war so alt, wie ich sie als Kind erlebt haben könnte.
Ich glaube nicht, dass Oma und Opa noch einen Garten haben. Sie sind inzwischen auch um die 70 Jahre alt. Glaube ich.
Ich erinnere weder ihre Geburts- noch sonstige Tage, die ihnen wichtig sind. Das ist, was man dann irgendwann bemerkt. Wie wenig man als Kindjugendliche über seine erweiterte Familie weiß und damit auch über die Beziehung zueinander.
Heute würde mich interessieren, wie Oma über Feminismus denkt. Über die DDR. Über Kapitalismus. Über Freiheit. Über Gewalt. Über sich selbst.

In meinem Traum saß ich im Kirschbaum und hielt ein schweres Glas auf dem Schoß. Mit schwarzem Stift  stand “Kirschen” darauf geschrieben. Mein Blick lag auf dem Schnörkelmuster des Löffelstiels in meiner Hand. Der Löffel selbst war so leicht, dass das Gewicht der säuerlichen Früchte, ihn mir leicht in die Fingerkuppen drückte.
Oma und Opa hätten uns nie mit so einem schweren Glas auf den Baum gelassen. Nie.
Meine Großeltern waren nie so sorglos, wie mein Traum von ihnen. Denke ich zumindest.

Von oben konnte ich auf Omas Kopf gucken und ihre schönen Haare anschauen. Schneckenhausmasermuster. Genau wie mein Haar heute. Mittelhellbuntblond, dicht und naturgewellt.
Oma ist fleischig und präsent. Man kann nicht über sie weggucken. Ihre schönen Haare ziehen meinen Blick immer wieder auf ihren Kopf und immer wieder fängt sie an zu sprechen. Mit mir.
Mein Blick auf die schönen Muster schaltet etwas in Oma an. Geschichten, belanglose Satzhüllen, bunte Wörter, die aus ihr herauspurzeln und das mit-ihr-sein bunt machen.
Das ist eine Erinnerung.

Das merke ich daran, das mein Körper sich auf eine tief vertraute Art entspannt und mein Inneres ganz leicht hinein passt.
Wieder schiebe ich mein Bewusstsein zur Seite.
Mein Bewusstsein darum, dass ich da ein Kinderinnen fühle. Eines, dass wir in der Herkunftsstadt zurückgelassen hatten. Vielleicht sogar in diesem Garten. In einer Situation wie dieser, weil es dem Horror woanders nicht gewachsen war.

Am Ende des Traumes fahre ich, auf dem Fahrradgepäckträger sitzend, mit Opa durch die Gartenanlage. Wir sind Rücken an Rücken und meine staubigen Füße fliegen über den Boden. Ich höre eine Flötenmelodie und schaffe es diesmal nicht mein Wachbewusstsein zu verdrängen.
Es ist eine Melodie aus irgendeinem Film oder so.

Als ich wirklich richtig aufwache, bin ich hin- und hergerissen. Bin traurig über das Ende des Traums, traurig über den Verlust meiner Großeltern, mit denen ich heute, selbst wenn wir wieder Kontakt hätten, nie wieder so sein könnte wie damals. Vor vielleicht 25 Jahren.
Ich bin aber auch glücklich sie geträumt zu haben. Dankbar um die Erlebensqualität, die mir dieses Stückchen Zeit mit ihnen geschenkt hat.

Zum Einen, weil es diese eine gute Erinnerung hervorgeholt hat, zum Anderen, weil das Gefühl in Ordnung und Einklang zu sein, auch noch 2 Stunden später in mir schwingen. Als ich am Küchenfenster sitze und dem Gewitter entgegenschaue, das sich – gerade jetzt, wo ich diesen Text niederschreibe – über mir auslässt.

Und, weil ich mich erinnere, dass es um safe spaces ging.
Die ganzen Jahre bis heute geht es mir und uns immer nur darum safe spaces zu haben und behalten zu dürfen.
Räume, in denen Ausdruck und Sein einfach nur sind und auf eine ähnliche Art losgelöst von größeren Kontexten, wie sie Menschen in anderen Lagen für selbstverständlich nehmen.
Wo wir genauso nicht über unsere Außenwirkungen auf andere nachdenken, wie es die Menschen nicht tun, die uns verletzt haben.
Einfach, weil es mal nicht relevant ist für uns. Weil das nicht lebenswichtig ist. Weil es uns nicht angeht – weder auf die Nerven, noch ans Gemüt, noch ins Gewissen.

Einfach sein. In Worten, Bildern, Tönen. Einfach nur so. Ohne Angst um Leib und Leben.
Und nur dann in Kontakt, wenn es wichtig ist. Oder gewünscht. Oder geteilt.
Als Option – nicht als selbstverständlich zu erwartendes Ding.

Gerade klart sich der Himmel über mir auf und ich frage mich, ob der Fehler der war, dieses Gefühl mit_teilen zu wollen. Die Idee von einem Sein zu teilen, in dem man aufschreibt, was man fühlt, weil man es kann und stehen lässt, weil man möchte, dass es bleibt.
Oder, ob der Fehler war zu glauben, dass andere die Fragilität und Zartheit dessen an_erkennen und für uns sein lassen könnten.
Spätestens wenn wir es ihnen sagen. Und obwohl sie uns sehen und bemerken.

Oma hat mich sein lassen.
Wenigstens das eine Mal, an das ich mich durch den Traum neu erinnern kann.
Ich will das in meinem Heuteleben haben.
Genau das.
Als immer und grundsätzlich verlässlich da.
Ohne Bedingungen. Ohne Preis. Ohne Gefahr.
Von jemandem gesehen und doch gelassen werden.

Ich glaube, das ist ein okayer Wunsch. Ein legitimes Verlangen.
Es ist nichts Besonderes.

Der Fehler beginnt dort, wo es jemand besonders macht.
Weil wir besonders gemacht werden.
Und nicht einfach nur anders.

“deine Behinderung ist dein Vorteil…

…“normal” gibts schon genug.”

Einerseits ist so eine Aussage hochtoxisch.
Sie setzt das Leben mit einer Behinderung in einen Wettbewerb, der aufwendig zu kompensierende Behinderungen gar nicht mitdenkt und negiert die Relevanz von Normalität bzw. die Relevanz, die es hat als “normal” gelesen zu werden.

Andererseits gibt es aber doch Dinge, die ich ohne die Behinderungen in meinem Leben, nicht so gelernt hätte, wie ich sie gelernt habe. Und ohne die ich heute manchmal erheblich mehr Unterstützung bräuchte, mehr auffallen würde und auch abhängiger von Menschen wäre. (Doch natürlich ist die Behinderung hier nur der Anlass zur Entwicklung in anderen Kontexten vorteilhafter Fähigkeiten – nicht die Fähigkeit selbst!)

Wir haben gestern am Inklusionscamp in Dortmund teilgenommen und in einer Session über Kommunikation als Herausforderung in der Bildung gesprochen.
Beziehungsweise war das mein Vorhaben, das ich dann aber in etwas umwandelte, das sich auf konkrete Lösungen bezog, was auch gut und hilfreich war.

Aber.
In ebenjener Session wurde mir das gesagt. Dass meine Sicht auf die Dinge, gerade im Bereich der Kunst und Gestaltung etwas sein könnte, das mich abhebt und interessant macht.

Später auf dem Heimweg dachte ich, wie ungut das ist.
In der Kunst geht es miruns um Ausdruck. Manchmal um Abbildung. Manchmal darum, sich Dinge genau ansehen zu können. Es geht aber weder prim- noch sekundär darum angesehen zu werden. Ausgesucht zu werden.
Es geht mehr darum verstanden zu werden. Verbindungen zu schaffen.

Und heute einen Tag später denke ich, dass der Kunst und Kulturbetrieb eben doch wieder ein Betrieb ist.
Und ich das ausgeblendet habe gerade weil meine Wahrnehmung und meine Ausdrucksformen dort überdurchschnittlich oft ge.wert.schätzt werden.
Gerade weil ich oft mit Gewinn daraus hervorgehe. Vielleicht, weil ich einen Vorteil habe, den andere Menschen nicht haben.

Daneben sind und Kunst- und Kulturangebote nichts, was in meiner gesellschaftlichen Schicht passiert. Beziehungsweise nicht in der Form, dass es üblich ist regelmäßig ins Theater, ins Museum oder in Galerien zu gehen.
“Meine Leute” putzen die Toiletten in Galerien oder verkaufen als Aushilfe die Tickets dazu. “Meine Leute” studieren Schauspiel und tingeln zwischen Bühne und Burgerbraterei. “Meine Leute” machen Kunst auf Kopierpapier und teilen sie Instagram, bevor sie sie ins Altpapier geben.

Ich schreibe lieber “freie Autorin” auf meine Selbstdarstellung als “Künstlerin”, damit ich nicht als jemand gelesen werde, di_er entweder Geld hat oder darauf hinarbeitet mal (viel) Geld für etwas zu bekommen, das eigentlich jede_r machen könnte, worin aber nur wenige anerkannt und gewertschätzt werden.
Vielleicht ist das Teil meiner prekären Sozialisierung und damit Teil des Problems, das Kunst und Kultur hat.
Aber was soll ich sagen – ich muss zwischen Kunstkonsum und Kunstproduktion entscheiden. Entweder gehe ich ins Kino oder Theater oder kaufe mir drei vier mittelgroße Leinwände bei Xenos. Entweder lerne ich für meine schulische Berufsausbildung oder ich fahre zu Barcamps und anderen Veranstaltungen um zu netzwerken.

Prekäre Verhältnisse werden in so mancher neuen Kunst zur Performance pervertiert und damit nicht mehr als belastende (strukturelle) Behinderung, sondern als kreative Challenge, die – mit genug Einfallsreichtum begegnet – neue, bessere, besondere Fähig- und Fertigkeiten als Belohnung verheißt, dargestellt.
Diese neue Kunst ist es für mein Gefühl auch zunehmend, die sich behinderten /Künstler_innen/mit Behinderungen öffnet. Aus der gleichen Idee von Bereicherung und Kreativitätsvermehrung durch Teilhabe an den Kämpfen von Menschen, die sich ihre Kämpfe nicht aussuchen können.
Das Wort dazu ist “Inspirationporn” und ausgeblendet wird dort die Unfreiheit behinderter /Menschen/ mit Behinderungen bzw. wird die Auseinandersetzung damit vermieden.

Thema “inklusiver Künste” wird oft die Behinderung, die an den Personen verortet wird. Das kann eine Blindheit genauso wie ein Autismus sein – seltenst jedoch der Umstand, dass die behinderte /Person/ mit Behinderung sich kaum die Materialien und Assistenzen für ihre Kunstproduktion leisten kann und – aller guten Kompensationen zum Trotz – auch oft darum kämpfen muss überhaupt etwas mehr zu er_schaffen, als die Aufrechterhaltung des eigenen Lebens.

Es ist ein Ding geworden, als behinderte /Person/ mit Behinderung die an sich verortete Behinderung zu thematisieren. Nichts dagegen – aber das ist kein “inklusiver Kunst- und Kulturbetrieb”.
Einen solchen würde ich persönlich daran erkennen, dass ich erst in der Auseinandersetzung mit der Kunst selbst oder der Person hinter der Kunst etwas von den Behinderungen, die zur Erschaffung des Stücks zu kompensieren waren, erfahre. Und zwar als ganz üblicher Teil der Präsentation – und nicht als herausgestelltes Merkmal ebenjener Kunst.

Die Behinderungen mit denen Menschen leben, sind keine besonderen Merkmale der Personen.
Sie sind Merkmale der Normalität, die sie leben.

Diese Normalität auszudrücken, passiert wohl kaum in einem Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Prestige.
Viel mehr ist es doch so, dass diese Normalität auszudrücken und mit.zu.teilen, ein noch immer unterschätzter und nachwievor exklusivierter Beitrag zur Inklusion ist, der von behinderten /Menschen/ mit Behinderung selbst kommt.

In diesem Sinne weiter zu arbeiten, darin hat mich das Barcamp gestern sehr bestärkt.
Nicht, weil ich es als Vorteil begreife mit Behinderungen leben und  infolge dessen immer wieder kreativ in der Lösungsfindung sein zu müssen, sondern weil mir noch einmal bewusster wurde, dass es noch ganz viel mehr Bewusstsein für verschiedene Normalitäten braucht. Auch in der Kunst und ihren Betrieben.

fault

Später dachte ich an die Diagnose der “Anpassungsstörung” und sah mir dabei zu, wie ich die Anführungszeichen abmontierte, um sie um das Wort ‘Diagnose’ zu klemmen.

Die Anpassungsstörung ist da.
Ich bin die Störung und ihre Ursache gleichzeitig.

Anpassung ist etwas, das nur vom Außen gesehen und eingeordnet werden kann.
Anpassung ist ein Entwicklungsbegriff.
Ein Wort aus der Verhaltens_Evolution.
Niemand weiß, ob etwas oder jemand angepasst ist oder nicht. Es sei denn, man hat eine Vorstellung von angepasstem Sein und beobachtet ein Scheitern.

 

Menschen machen es sich mir gegenüber leicht.
Manche erklären das unpassende Fehlersein zur Kunst, zur Revolution, zu einem Teil des fernen Laufs der Dinge, der ach so öde und reizlos, kaum mit ihnen selbst verbunden ist.
Sie hören meine Not daran, doch halten sie für meinem Sein immanent. Nicht dem, das ich mit ihnen teile.

Und manche nutzen es für sich.
Werden von dem, worauf ich deute, was ich mit_teile und aufzeige, inspiriert und angestoßen. Sie stehen neben meinen Kämpfen und wärmen sich an der Hitze meiner Gefechte.
Ohne zu hinterfragen welche Rolle sie dabei spielen könnten.
Welche aktive Rolle sie dabei spielen könnten.
Sie denken an sich und vergessen mich.

Manchmal merke ich, wie ich nicht ernstgenommen werde und denke darüber nach, ob ich mich gekränkt oder unverstanden fühle.
Relativierung ist etwas, das meiner Not immanent ist. Klein machen. Entschärfen. Emotionalisieren. Subjektivieren. Und darüber: entwerten.
Nicht vor mir – aber vor denen, an die ich mich richte. Wenn ich mich an jemande richte.

In der Regel richte ich mich nicht mehr an konkrete Gegenüber.
Wenn ich etwas sage, spreche ich in eine diffuse Idee, die ich mir nicht konkreter wünsche.
Wenn ich etwas sage, dann sage ich es nicht, weil ich mir für mich etwas erhoffe. Sondern, weil es da ist. Und oft nicht okay. Oft ein Skandal. Oft ein Fehler.
Oft etwas, das zu ignorieren mir nicht in den Sinn kommt.
Wer ignoriert denn einen Elefanten im Wohnzimmer?

 

Ich weiß nicht mehr, warum ich mich einmal dazu entschieden hatte, mich und das, was ich sehe mit.zu_teilen.
Es gab nie einen Gewinn zu erwarten. Außer den der Gemeinsamkeit mit dem, was um mich herum ist und passiert.
Miteinander.

 

Miteinander ist für Gewinner_innen.
Nicht für Fehler.
Gewinne werden entlang von Verlusten definiert.

Mit anders sein, ist nicht_s zu gewinnen.

„Ausbildung inklusive“ Episode 8 – es läuft schief

Donnerstage.

Donnerstage sind nach Mittwochen inzwischen der schlimmste Tag.
Und der beste Tag.

Die Mittwoche vergehen unter dem schlechten Gewissen einer eigenmächtig entschiedenen Fehlstunde. Schlimm genug, dass wir das selbst entscheiden mussten und auch das ganze Schuljahr über so entscheiden werden müssen.  Denn wir können es nicht aushalten mit der ganzen Klasse zusammen in die Werkstatt gequetscht zu arbeiten. Geht nicht. Haben wir versucht, endete mit Weinkrampf auf dem Schulklo.

Apropos – das Schulklo. Scheinbar unser neuer Pausenraum. Weil es sich da gut heulen, trockenlegen und allein sein lässt, wo niemand länger als nötig bleibt.
Vielleicht bedienen wir ein Klischee, wenn wir das so aufschreiben.
Mir egal – es ist wie es ist und wäre anders, wäre anders möglich.
Ist es aber im Moment nicht.

Vor allem Mittwochs nicht.
Morgens die Werkstattstunde, die uns fehlt und die wir in dem Fach aber eigentlich dringend bräuchten, denn wir brauchen länger als die anderen. Nach meiner Schätzung ist die Klasse nächste Woche fertig – unser Werkstück erst zu einem Drittel. Inmitten von Menschen für die Schule ein Leistungswettbewerb ist, eine Niederlage, die immer wieder Anlass für “nicht so gemeinte” Kränkungen sind.  (Again: für uns ist es nachwievor unnachvollziehbar, was die Intensionen anderer an unseren Gefühlen verändern soll.)

Danach gehts entweder zum Buchbinden (was toll ist) oder zum Arbeiten mit InDesign. An einem Mac.
Also einem Betriebssystem, das wir nicht kennen. Es ist ein Fest.
Ein Fest so toll wie Leichenschmaus mit Todesfall.

Danach: Politik.
In den letzten Wochen sehr gruppenarbeitslastig durch Unterricht von einem Referendar. Der Arme. Muss den ganzen Quatsch für eine Zielgruppe üben, die er – zumindest durch unsere Anwesenheit in der Klasse – gar nicht vor sich hat.
Wir können oft nicht gut teilnehmen und wenn, dann saugt es uns bis zum Letzten aus. Und ich merke das.
Wie ich schrumpfe, einreiße, zerreiße und in dem Krach versickere, auch wenn ich noch so viel trinke, mich kümmere und tue und mache.
Zusammen mit dem sozialen Konflikt und dem daraus entstehenden Isolationsgefühlen ist es einfach nur schlimm.
Aufm Schulklo in graues Klopapier heulen-schlimm.

Und auf so einen tollen Tag folgt der Donnerstag.
Der um halb 8 anfängt und zwar mit der Informatik zu Webdesign. Spannendes Zeug. Allerdings im Vorlesungsstil. Nur,  dass diese Vorlesung wie ein unberechenbares Quiz gestaltet ist und man nie weiß, ob die gestellte Frage rhetorisch oder ernsthaft gemeint ist.
Es ist viel und über meinem Arbeitsplatz flirrt seit 3 Wochen die Leuchtstoffröhre. Schaltet man dort das Deckenlicht aus, sitzen wir im Dunkeln, denn Fenster ohne Blende machen eine ganze Rechnerreihe unbenutzbar, weil man nichts mehr auf den Bildschirmen erkennt.

Danach wirds schön.
Highlight der Woche. Motor durch dieses Schuljahr. Insel in all dem Scheiß.
Die Freistunde, die wir durch die Abwahl des Religionsunterrichtes gewonnen haben. Wenn Klassenarbeiten anstehen, üben wir in der Zeit dafür.
Doch im Moment scheißen wir darauf und es ist gut so.
Statt in dem miefigen Raum zu sitzen, dürfen wir nämlich mit der halben Parallelklasse zusammen nochmal an einem Buchbinden-Unterricht teilnehmen.

Und es ist schön. Es tut uns gut.
Obwohl wir an dem Geheimnis auch schwer tragen und wissen, was für ein Glück wir da haben.
Und daneben steht, dass wir eine Not daran haben, dass nicht alle haben können, was wir da haben. Dass wir uns Sorgen darüber machen, uns vor der Lehrerin nicht als würdig für diese Möglichkeit zu erweisen.

Mit all dem sind wir alleine.
Wie wir mit allen anderen kleinen und großen Gewissenskonflikten an der Schule alleine sind.

Bekommen wir Ausnahmen von der Schulalltagsregel um teilnehmen zu können, dann sollen wir nicht weiter drüber reden – Unmut bei den Schüler_innen
Brauchen wir Hilfe müssen wir das offenlegen und sagen – was immer stört und manchmal nervt – ergo: Unmut bei den Schüler_innen
Fragen wir viel nach, weil die Kommunikation missverständlich ist, sorgen wir für – richtig: Unmut bei den Schüler_innen

Das sollen wir verstehen, weil: die haben Pubertät und wir ne Behinderung.

Das klingt hart und fühlt sich auch so an. Wie harte Scheiße, die einem wo man geht und steht, macht und tut und sich bemüht, vor die Füße geworfen und auf die Nase gebunden wird.
Denn ja: natürlich haben alle ihre Bedürfnisse.
Aber unsere Bedarfe zielen darauf ab, überhaupt gut teilhaben zu können – nicht besser teilhaben zu können, als alle anderen – es ergibt keinen Sinn unsere Bedarfe mit denen der Mitschüler_innen 1:1 gleichzusetzen.

Jedenfalls.
Nach der Oase des Donnerstag kommt der Aufprall. Mathematik.
Ich habs schon mal geschrieben: für uns haben Wörter eine andere Struktur als Zahlen – wir sind schnell aus abstrakten Kontexten rausverwirrbar, wenn jemand konkrete Beispiele benutzt um diese Abstraktion zu erklären.
In Mathe verlieren wir den inhaltlichen Anschluss in aller Regel so nach 5 bis 10 Minuten. Die restlichen 80- 85 Minuten, die diese Veranstaltung hat, sind Kampf um Verstehen und Begreifen. So aktiv wir können. Nicht, weil wir das so unbedingt wissen wollen, sondern, weil es ein Hauptfach ist und wir insgesamt auf dem Zeugnis weder eine Sport- noch eine Religionsnote haben, um mittelprächtige Leistungen im Schnitt auszugleichen.

Die Hauptarbeit und der Grund für unsere relativ guten Noten waren und sind stundenlanges Selbstlernen und üben zu Hause.
Das Problem: irgendwann kriegt man Heimarbeit und Schularbeit nicht mehr übereinander.
Die Irritation wird dem Unterricht immanent. Alles, was es dann noch braucht, um richtig abzuschmieren, liefert unser momentaner Schulalltag frei Haus: unruhige Klasse, noch wenig erfahrene Lehrer_in, die Auflagen rund um Schüler_innenunmut, Pubertät und diese Kleinigkeit, die wir so im Gepäck haben.

Es ist zum Kotzen.
Und zum Heulen.
Überwiegend zum Heulen.

Vor ein paar Tagen dachte ich noch, wie unterschätzt es ist, Inklusion herzustellen, wenn man sie vorher noch nie gelebt hat.
Es liegt unter anderem daran, dass man behinderte Menschen nachwievor zu Menschen mit “speziellen Bedürfnissen” erklärt, “die aber eigentlich ganz leicht zu händeln sind (wenn man nur will)”.
Don’t get me wrong – in vielen Fällen ist das auch so. Aber eben doch nicht immer und schon gar nicht in allen Kontexten.

Die echte Inklusion ist das Ergebnis einer allgemeinen und strukturellen Anerkennung der Behindertenbewegung als Bürgerrechts bzw. Menschenrechtsbewegung.
Es reicht nicht eine Rampe aufzustellen oder wie in unserem Fall zu erlauben, dass NakNak* bei uns sein darf und wir insgesamt hier und da nachteilsausgleichende Ausnahmen gewährt bekommen. Das ist Bedürfnismanagment. So geht man mit Spezialsituationen um.
Man stellt damit aber keine neue Normalität her. Im Gegenteil.

Wenn es schief geht – und bei uns geht es seit ein paar Wochen schon schief – landet alle Verantwortung fürs erfolgreiche Miteinander bei uns. Denn es fordert von uns eine spezielle Dankbarkeit, Geduld, Erklärungs- und Rechtfertigungsbereitschaft und zwar immer für alle und alles.
Wer kann das denn leisten?
Niemand.

Aber wir tragen das. Und wir tragen das alleine.
Wir haben nicht erwartet, dass es einfach wird. Auch nicht, dass es reibungslos wird.
Wir haben aber vor allem nicht erwartet, mit so vielem allein bleiben zu müssen.

Wir haben noch immer keinen Fahrdienst. Der Nachteilsausgleich ist noch immer nicht offiziell beantragt.
Der Begleitermensch schlägt eine I-Kraft vor – wir haben Angst das alles nicht zu packen.

Und morgen klingelt der Wecker wieder um 5 Uhr 15.

Fehler

Manchmal muss man mit sich ins Gericht gehen. Sich auf den Pott setzen. Erklärungen aus dem Inneren einfordern.
Manchmal muss man streng mit sich sein.

Mir wird oft gesagt, ich wäre immer zu streng mit mir. Perfektionistisch. Zu anspruchsvoll.
Blabla – wer hört das denn nicht über sich, wenn es um Enttäuschung vor dem eigenen Versagen geht.
Für mich ist es üblich zu hören, ich würde zu viel verlangen, erwarten, wollen. Dabei ist nicht mein Anspruch das Problem. Jedenfalls nicht meins.
Mein Problem ist das Versagen. Der Fehler. Das Nichtentsprechen.
Vor allem dann, wenn ich die Aus.Wirkungen dessen nicht erfassen und be.greifen kann.

Meine letzte Woche stand unter dem Thema der Fehler, des Versagens und der Menschen, die darauf für mich unverständlich, manchmal sogar irrational, reagieren.

Ich habe einen Mathenachschreibtest abbrechen müssen.
Eine kleine Verwirrung über eine Aufgabenstellung schubste mich ins Blackout, wo es außer Angstschweiß und Beklemmung nichts mehr gab. Der Schultag hatte grade begonnen, ein anderer Test stand noch an – ich musste abbrechen und die 20 Punkte sausen lassen. Es half nichts. Obwohl ich wollte und wusste, dass ich kann. Nur nicht so. Nur nicht zu diesem Zeitpunkt.
Mein Versagen wäre keines gewesen, wären Tests wie dieser nicht das erste Mittel der Wahl.

Es ist kein Problem die Punkte nachzuarbeiten.
Es ist jedoch ein Problem die Punkte anders als die anderen in meiner Klasse nachzuarbeiten.

Mein Versagen, mein Fehler ist, andere Wege zum gleichen Ziel gehen zu müssen.
Und zwar tatsächlich: zu müssen.
Denn ich krampfe, wo Vielviel und Überanstrengung mich fallen lassen.
Und die anderen nicht.

Ich bin streng mit mir und erwarte von mir immer das Beste, was ich geben kann.
Ich merke den Preis, den das hat.
Ich merke aber auch das Ergebnis.

Ich wäre nicht an dieser Schule, hätte ich allem “Ach, das musst du doch nicht…” und jedem “Nach allem, was du durchgemacht hast…” nachgegeben.
Wäre ich noch so weich und zart mit mir, wie zu einem früherem Zeitpunkt, hätte ich nie wieder gesprochen. Hätte ich  nie wieder dieses Schlachtfeld menschlicher Interaktion betreten.
Hätte ich keine Ansprüche an mich, wäre ich noch immer die Patientin auf deren Kosten sich profiliert und selbst versichert wird.
Würde ich nichts von mir verlangen, wäre ich seit Jahren tot.

Mit dem Selbstanspruch ist es jedoch so eine Sache.
Weil ich mich beanspruche, mich immer wieder heraus.fordere und niemals leichtfertig an eine Sache herangehe, bin ich auch nie unbeansprucht, ungefordert und leichtfertig. Ich bin ernst und ange.streng.t.
Wo ich bin, da gibt es den lockerleichten Spaß nicht oft. Ich bin unbequem. Selbst dann, wenn ich nichts tue.

Ich stehe anderen Menschen oft nicht so zur Verfügung, wie sie es von anderen Menschen gewohnt sind. Man kann nicht viel von mir verlangen, denn ich verlange oft schon genug von mir. Man kann nicht viel von mir einfordern, denn ich habe oft nur noch mir ungenügend erscheinende Reste zu geben.

In dieser Woche hatte ich auch einen Streit mit Mitschüler_innen, weil ich einer Forderung von ihnen nicht nachkommen konnte.
Und auch nicht wollte.

Dabei…
Ja – dabei können sie es nicht wissen. Und verstehen.
Niemand kann es wissen und verstehen.
Niemand ist ich. Niemand teilt meinunser Er_Leben als uns, die wir sind, in diesem Lauf der Dinge, wo es das Ergebnis aller geleisteten Anstrengungen ist, am Schul- und sonstigem Alltag teilzunehmen.

Und doch.
Ich habe die Idee, dass sie keine Anforderungen an sich stellen. Dass sie nichts von sich selbst fordern. Aus Gründen, klar. Die denke ich mit.
Aber da denke ich auch, wie tragisch das ist.
Wie junge Menschen nicht mehr dazu kommen, sich selbst ernst zunehmen, das eigene Leben und den eigenen Erfolg ernst zu nehmen und von sich selbst abzufordern, weil die ganze Welt 24/7 von ihnen fordert zu funktionieren. Lieb zu sein, brav zu sein – nicht der Fehler sondern, die Lösung zu sein.
Vielleicht auch: die Er_Lösung zu sein.
Denn Kinder sind ja die Zukunft.

Da denke ich, wie gut ich es habe. Denn von mir erwartet niemand mehr irgendwas.
Ich bin schon rausgefallen, weggefallen, am Boden gelandet und egal was ich tue- es ist die nette inspirierende Kür, nach verkackter Leistungsgesellschaftspflicht.
Egal, was ich tue, es ist etwas anderes als das, was alle machen.

Wir leiden darunter.
Aber das ist nun einmal so.
Wir hättens ja auch besser machen können. Damals.
Wenn wir gekonnt hätten.

Konnten wir aber nicht.
Passiert.
Muss man mit umgehen.
Leben ist, Fehler zu nehmen und als Weggabelung im Lauf der Dinge anzuerkennen.

So kann man manchmal nur noch neben allen anderen herlaufen.
Oder – so wie wir nun schon seit Wochen – neben ihnen stehen, ohne in Kontakt zu kommen.
Obwohl man möchte.

Liebe, Lügen, Labbrigkeiten

Wenn mir in Serien und Filmen eines auf die Nerven geht, dann die Liebe.
Und das Lügen.

Nichts gegen Liebe – Liebe ist toll und gehört zum Leben wie Lügen zu lügen, Wäsche zu waschen, zu kochen und andere Dinge zu tun.
Aber.
Ganz sicher ist Liebe nicht dieses anstrengende Geflecht aus Anspruch, Erwartung, Angst und Abhängigkeit, in dem das eigene Er_Leben zu einer Art Option oder Privileg wird.

Persönlich halte ich Liebe für eine Art Gewöhnungsergebnis.
Man trifft auf etwas oder jemanden, verbringt Zeit miteinander, die Zeit ist schön, das Miteinander ist angenehm – beide sagen: “Bitte mehr davon” und irgendwann, nach einer Zeit der Hochs und Tiefs, der gemeinsam erreichten Ziele, da kann es zu Liebe geworden sein. Das aneinander gewöhnen. Und kennen. Und miteinander sein wollen.

Für mich kommt das Liebesgeständnis in Serien immer viel zu früh. Es will mir nicht in den Kopf, wie jemand nach einem Zeitlupenblick über den Kaffeetassenrand vor Verliebtheit gleich in die absolute Selbstauflösung gehen wollen kann. Ich kann nach einem Blick über einen Kaffeetassenrand maximal feststellen, ob mich etwas an einer Person interessiert oder nicht.

In der Serie, die ich gerade schaue gibt es ein Liebespaar, dass mich nun inzwischen seit 3 Episoden nur noch nervt.
Es begann schon damit, dass er ein Komatyp war, der – ja genau: aufgewacht ist (klar – im Unterhaltungsfernsehen ist kein Platz für sterbende Komatypen) und eigentlich eine Frau hatte, die sich eigentlich von ihm trennen wollte und sich deshalb auch nicht interessierte, als er plötzlich verschwand – die nach seinem Koma aber dann doch nochmal ganz neu von vorn anfangen wollte – obwohl er eigentlich aber die andere Frau interessant fand.
Seine Lügerei beginnt schon in diesem Moment. Oder besser gesagt: seine Unaufrichtigkeit

Und dann “verliebt” sich zeitgleich die andere Frau in ihn. Weil man das ja so kennt: sie pflegt ihn, den Komatypen,  mit dem so durchschnittlichen Gesicht (ich verwechsele die weißen Prinzen/Häscher/Königstypen ständig, weil sie sich alle so ähnlich sehen), der weder eine Geschichte hat, noch sprechen kann, noch mehr tut, als einfach das eigene Leben aufrecht zu erhalten und findet ihn total spannend und ist NATÜRLICH verliebt in ihn, als er dann endlich wach wird.

Sie ist Grundschullehrerin und macht dieses Pflegeding “so nebenbei”. Ich kann mir ihre “Liebesgefühle” nur mit geistig-emotionaler Totalerschöpfung erklären – aber naja – offensichtlich weicht meine Idee von Liebe ja sehr von Serienrealität ab, wer weiß, was da noch alles nicht so passt.

Jedenfalls.
Die beiden finden sich also toll. Aber er ist verheiratet.
“Verheiratet” ist in solchen Serien ein Synonym für “Du darfst keine Freunde haben. Du darfst nur mit deinem geheirateten Menschen Spaß haben. Jeder Kontakt zu anderen Menschen ist gleich eine Affäre.”.

“Verheiratet” bedeutet in solchen Konstellationen nie so etwas wie “sich gemeinsam etwas widmen” (zum Beispiel so etwas wie “Oh ja du warst im Koma – wieso hab ich jetzt, wo du wieder aufgewacht bist, plötzlich so einen Besitzanspruch an dich?” oder “Was stimmt mit mir und unserem Verhältnis eigentlich nicht, dass ich mich dafür verantwortlich fühle, woran du dich erinnern kannst?”).

“Verheiratet mit der falschen Frau” ist ein Volumenthema US-amerikanischer Serien. Es hat wenig Nährwert, ist aber labbrig genug, um Spannungsbögen machen, weil es in alle möglichen Richtungen aufgebläht werden kann. Die weiße Hetenbeziehung, die nicht Fisch nicht Fleisch ist, wird so gern genommen, weil es so möglich ist, noch andere Handlungsstränge daraus hervorgehen zu lassen. Auch dann, wenn es durchaus ginge, diese Handlungsstränge einzeln und entlang des eigentlichen Themas aufzubauen.

Wenn man sich mal mit der Frage nach verschiedensten *ismen in Serien befasst, kann man sehen, wie oft solche labbrigen Themen benutzt werden um Diversität zu versuchen bzw. noch mit reinzuquetschen. So kann ich es nicht für einen Zufall halten, dass genau jetzt, wo das Drama um “Buh du hast den armen verheirateten Mann verführt!”/“Buh du bist ein Lügner!” läuft, nebenbei ein Frauencharakter als Werwolf auftaucht und ein Zwerg und eine Fee zusammenkommen – die bisher magischsten Wesen (aka “Nichtmenschen”) in der ganzen Serie.

Für mich ist das eine Art wie Ableismus in Serien aussehen kann. “Sie sind ja keine richtigen Menschen – sie kriegen Nebenschauplätze”. Auch vorher in der Serie kriegt eine Nichtmensch-Figur als solche keine Gelegenheit, mehr als ihre Funktion zu repräsentieren. Erst eine Episode später erhält sie genug Raum für mehr Tiefe – eine Folge, in der zufällig kein soziales Drama passiert.

Bin ich jetzt abgeschwiffen? Jein.
Meine Anstrengung an Liebesthemen, die so aufgebaut werden, geht sehr stark damit einher, wie die Dynamik zwischen Hauptdarsteller_innen der tragischen Verliebung und “den anderen” ist.
Die ist nämlich selten bis nie von genereller Offenheit und Miteinander geprägt.
Die gleiche Masse von Mitmenschen, die die Krankenschwester-Lehrerin feiert, weil sie sie toll und lieb und sympathisch findet, fängt an sie zu auszugrenzen und zu demütigen, als sie ihnen wie eine Verführerin präsentiert wird.

Liebe ist für mich nie dieses exklusive Ding, das ich nur für eine Person allein “aufspare”, damit ich ohne schlechtes Gewissen Sex mit ihr haben kann oder weiß, (zu) wem ich gehöre.
Liebe ist für mich viel mehr die Bereitschaft mich zu umgeben, zu widmen, mit anderen Personen oder Dingen oder Tätigkeiten zu sein.
Für mich ist Liebe, was passiert, wenn man okay mit sich und seiner Umgebung ist und bleiben möchte.

Für mich ist es verwirrend, wenn in Serien so eine Kluft zwischen der Liebe für die eine Person und der Liebe zum Rest der Welt besteht.
Eine Person, di_er kein liebe.volles Verhältnis zu Mitmenschen aufbaut, ist ja quasi gezwungen, dann alles auf eine Person (oder anderes Gegenüber) zu laden und die Dynamik, die sich daraus entwickelt, kann entsprechend ja auch nur noch so alltagsgewaltvoll sein, wie sie dann in Serien meist wird bzw. zu werden droht.
Mir kommt es unlogisch vor so zu handeln.

Unlogisch kommen mir übrigens auch solche Unaufrichtigkeiten und Lügen vor, die dann innerhalb solcher Liebeshandlungsstränge passieren.
Es ist kein “lügen aus Liebe”, wenn man Angst davor hat, man könnte die andere Person verlieren, wenn man ist, wer und wie man ist. Das ist kein Handeln aus Liebe, sondern Selbstschutz oder Taktieren in Gewaltdynamik aus Abhängigkeit(sgefühlen) heraus.

Für mich ergeben Lügen immer nur dann einen Sinn, wenn man sich im Krieg befindet. Entweder mit sich selbst oder mit der ganzen Welt.
In der Serie haben entsprechend nur die böse Königin und Rumpelstilzchen logische Gründe zur Lüge und Hinterlist.

Ach man.
Tja.

Naja.
Ich hoffe, dieses Liebesdings ist dann jetzt auch bald vorbei oder wenigstens mehr im Hintergrund. Üblicherweise verlieren mich Serien an diesem Punkt, weil es mir zu anstrengend oder langweilig wird.

Selbstverständlichkeiten

Selbstverständlich reagieren wir auf Ansprache.
Selbstverständlich machen wir mit. In diesem Leben. Dieser Welt. Diesem Lauf der Dinge, in dem wir sind, obwohl wir nie wählen konnten, ob wir darin sein wollen.
Selbstverständlich, denn wir sind ja da.
Und wenn man schon mal da ist, dann gibt es auch keine Zweifel mehr daran zu haben, was man wie wann für wen ist.
Oder?

Ich habe heute Nacht davon geträumt, wie meine Freunde von jemandem getötet wurden, der mir in meinem Haus aufgelauert hat.
In diesem Traum sagte ich, was ich meinen Freunden immer sage, wenn sie wissen, dass etwas auf mich zukommt, das schwierig, gefährlich, bedrohlich ist.
“Ich krieg das schon hin. Ist ok.”.
Sie haben das wohl nicht gehört, oder verstanden oder schlicht nicht geglaubt und wurden entsprechend vor meinen Augen abgeschlachtet, weil sie mir in das Haus gefolgt sind.
Alles was ich ab dann noch für sie übrig hatte war Wut, Hass, Aggression, den Willen das Stück Welt um mich herum zu zerstören, um es gleich mit mir zu machen.
In meinem Traum tötete ich dann aus Versehen auch noch die Person, die mir aufgelauert hatte und wachte von meinen eigenen Geräuschen auf.

Den Rest der Nacht verbrachte ich zwischen Hass und Selbst_Mordlust auf dieses Leben.
Dieses Sein, diesen unbeachteten Zwang reagieren zu müssen und doch nie den gleichen Zwang auf gehört und verstanden werden ausüben zu können.
Diese Arroganz der Einweltigen, die eigene Realität als selbstverständlich und ohne jeden Zweifel gesehen und geteilt haben zu wollen.  Diesen Anspruch an uns, uns selbst in ihre Welt einzuordnen und zwar dort, wo sie uns sehen und sein lassen können.

Es ist unser Thema seit wir nicht mehr bei der Herkunftsfamilie leben und massiv verstärkt, seit wir ausgestiegen sind.
Wir gehören nicht dazu. Wir sind kein Teil dieser Gesellschaft. Kein Mitmensch wie alle anderen auch. Und zwar nicht, weil wir uns dazu entscheiden und das so geil finden ständig und in allen Aspekten weder Fisch noch Fleisch, eingekeilt zwischen Baum und Borke zu sein, sondern weil wir nicht in der Lage sind, das was ist, als alleinig gegeben anzunehmen.

Das ist wichtig. Es ist keine Wahl. Wir sind keiner dieser bunten Glitzerleute, die normal langweilig finden und sich in Abgrenzung dessen wer weiß wie special selbstdarstellen und nach ein paar Jahren die Krise kriegen, weil sie merken, wie sehr sich diese Normalität nicht ändern darf, weil sie dann nicht mehr special sind.

Wir erleben uns fremd, weil wir uns fremd sind. Weil uns die Konstruktionen um Wert und Welt der Menschen, mit denen wir heute jeden Tag zu tun haben, fremd sind.
Für uns ist es harte Arbeit jeden Tag neu zu akzeptieren und hinzunehmen, dass wir von heutigen Gegenübern als Mensch gesehen und gedacht werden.
Zu akzeptieren und hinzunehmen, dass wir entsprechend behandelt werden, ohne gefragt zu werden, ob wir das überhaupt mitmachen wollen oder es unserem Selbstbild entspricht.

Es gehört zu dieser Welt und diesem Lauf der Dinge, dass wir in unserem (früheren) Sein nicht akzeptiert und gnadenlos, 24/7, seit inzwischen 14-15 Jahren, ignoriert und missachtet werden. Für uns gehört es dazu den Zweifel über das eigene Menschsein, das eigene Sein überhaupt, weder frei und konsequenzlos artikulieren noch leben zu dürfen.
Denn sich nicht als Mensch zu fühlen in schwierigen Zeiten oder zumindest den Zweifel an der eigenen Menschlich- und Zugehörigkeit zu dieser Welt nicht ausblenden zu können in besseren Zeiten, müssen wir uns verbieten.
Vor den einen, weil sie es als narzisstischen Zug deuten, vor den anderen, weil sie es als von Täter_innen eingeredet sehen und vor den nächsten, weil sie uns mit ihrem Mitleid quälen. Und vor den ganz nächsten, weil sie uns sowieso am liebsten tot sehen wollen, weil wir sie mit unseren ständigen Zweifeln an allem, was sie täglich umgibt und ihr Weltbild ausmacht, stören und verängstigen.

Die bittere Erkenntnis ist, dass wir es hingenommen haben in unserer Präsenz gedeutet und vereinnahmt zu werden.
Dass es unser Fehler war, dem nicht von Anfang an vehement zu widersprechen bzw. in unserem Zweifel an der Richtigkeit sichtbarer zu sein.
Unser Fehler war, den Übergriff für selbstverständlich zu halten.
Für den Preis den es eben hat, wenn man sich wünscht Begleitung, Hilfe, Unterstützung, Miteinander in diesem Hier und Jetzt zu haben.

Unser Fehler war der Illusion aufzusitzen, wir könnten wirklich völlig unabhängig von dem was und wer oder wie wir sind, mit Menschen zu tun haben und in ihre Gesellschaft hineinwachsen, wie ein Fahrrad, das in einen Baum hineingewachsen wird.

Der Fehler war den Zweifel auszublenden, weil die Illusion so schön aussieht.

die Gefahren des Internet? – sicher nicht das Internet! – #sid2017

Heute ist der “Save Internet Day” (oder auch “safer Internet day”, kurz: #sid2017).
Viele Organisationen und Vereine informieren darüber, wie man sich am besten vor dem Internet schützt und geben Tipps zur Netznutzung, die unterm Strich dazu führen, am Besten in klitzekleinen gated online communities zu bleiben.
Ich halte das für nicht sehr sinnvoll.
Und das, obwohl ich sogenannte “safe spaces” unterstütze und wichtig finde.

Was ist also für mich problematisch an so manchen Ansagen, die zum save Internet day (aber allgemein auch immer wieder mal) auftauchen?
Ich sehe die größten Gefahr des Internet im Missverstehen des Internet und damit auch den Gefahren, die mit der Nutzung einhergehen.

First of all: Das Internet als Ort

Das Internet ist ein Kommunikationsnetz!
Früher gab es die Post und das Telefon. Doch als sich diese Netze als Verbreitungsweg von Propaganda, Werbeflut und mitunter Grenzüberschreitung darstellten, gab es noch keine “safer Briefpost/Telefon”-Tage. Warum?
An der globalen Verbreitung des Netz und der Möglichkeit auch anonym eine Nachricht abzusenden, kann es wohl kaum gelegen haben.

Ein weiteres Missverständnis ist meiner Ansicht nach, die Auffassung zur Quelle der Gefahren, mit denen man es über das Internet zu tun hat.
Es ist nicht das Internet. Es ist nie das Internet.
Niemals ist ein Internet auf mich zugekommen und hat mir in die Twittermentions gekackt.
Niemals wird es das internet sein, das es in Ordnung findet, meine persönlichen Daten auszuspähen und zu verkaufen.

Die Gefahren des Internet sind – as always – andere Menschen.

Menschen, die lügen und betrügen.
Ob bei Ebay, Amazon oder Facebook – viele Plattformen ermöglichen den Handel mit Waren oder Dienstleistungen. Und wo der Handel ist, da ist der Beschiss nicht weit.  Nur, weil wir in analogen Geschäften an Mondpreise und andere kundentäuschende Aktionen gewöhnt sind, heißt das nicht, dass die gleichen Mechanismen über die Netzkommunikation gefährlicher für Konsument_innen sind.
Wer macht solche Aktionen? – Menschen.
Warum? – Weil sie es können.

Menschen, die Werbung für ein notwendiges Übel des kapitalisitschen Internet halten.
Hier könnte jetzt viel darüber stehen warum Facebook und andere Plattformen aussehen wie ein Werbekatalog – es ist aber nicht nur die Werbung als solche, die der Gewalt übers Netz immer mehr Vorschub leistet. Es ist die rückschtlose Gier dahinter.
Schon lange bewege ich mich nicht mehr ohne (mehrere) Adblocker von Webseite zu Webseite. Zum Einen weil Werbegewackel mich vom Seiteninhalt ablenkt, zum Anderen aber, weil sich immer häufiger Miniprogramme hinter Werbeanzeigen verstecken, die sich meine Daten zum Frühstück und meinen Rechner zum Mittagessen reinziehen.

Man kann sich einreden, dass man gegen Internetwerbung immun ist. Der Wurm, der dir deine Mails wegfrisst, weil du nichts dagegen hast, während der Recherchen für ein Projekt auch noch über Schuhe, Klamotten und eine mögliche Karibikreise “informiert” zu werden, nutzt aber deine persönliche Konsequenz dieser Überzeugung aus.

Wo kommen solche Schädlinge her? – Von Menschen.
Wer ermöglicht die Platzierung solcher Gefahren? – Menschen.

Was ist das Internet in diesem Szenario? – Das Medium. Und nichts weiter.

Wer macht so einen Scheiß?
Menschen, die (unter anderem) die technische Unversiertheit von User_innen ausnutzen.
In einer Sozialgemeinschaft, in der alle respektvoll und rücksichtsvoll miteinander umgehen, sollte es nicht notwendig sein, einen Abschluss in Kommunikationstechnik oder was weiß ich zu benötigen, um sich der Nutzung des Internet gewappnet genug zu fühlen.
In der vorherrschenden Gewaltgesellschaft, die derzeit existiert jedoch, wird es zur Pflicht, die bei Nichterfüllung zu victim blaming und dem “Rat” das Internet nicht zu nutzen führt.

Jedes Mal, wenn dir dein Antivirenprogramm oder irgendjemand anderes einredet, du müsstest deinen Schutz aufrüsten, weil du sonst selbst schuld am Systemcrash deines PC bist, redet es gerade nicht auf jemanden ein, der einen Virus programmiert oder Spammails mit Trojanern im Anhang versendet.

Das ist wichtig zu sehen.
Am Save Internet Day werden nicht die Menschen angesprochen, von denen sich ein Großteil der Nutzer_innen bedroht fühlen.

Warum? Weil mit Antivirenprogrammen, individuellen Schutzprogrammen und als safe spaces nutzbaren social media-Plattformen mehr Geld zu machen ist.
Weil Menschen in unserer Gesellschaft es verdammt nochmal gewohnt sind, für ihren eigenen Schutz zu bezahlen, statt, dass sich Forderungen nach dem Ende einer Bedrohung als wirksam erweisen.

Ich halte es für falsch, sich immer weiter in diesem gewaltkulturell geprägten und kapitalistisch motiviertem Kreisel zu bewegen, wenn es um das Internet unserer Zeit geht.
Das Internet ist schon immer nichts weiter als ein Kanal, der von Menschen bedient wird.
Zum Guten wie zum Schlechten. Zum Konstruktiven wie zum Destruktiven.

Das Internet ist kein Ort, vor dem man so warnen sollte, wie man Frauen™ davor warnt, nachts allein durch einen Park zu gehen.
Es ist auch kein Ort, wo Fremde mit Süßigkeiten in der Hand nur darauf warten, dass kleine medieninkompetente Kinder an ihnen vorbei laufen.

Das Internet ist ein Kommunikationsmittel mit dem Menschen, die Gewalt ausüben wollen, so geschützt wie sonst nirgendwo sind, weil das Internet an den entscheidenden Stellen schlicht missverstanden ist.

Hier also meine Ansagen zum save Internet day:

– sprecht über das Internet nicht als Ort, sondern als Kanal, der von Menschen mit unterschiedlichsten Interessen benutzt wird
– bringt euren Kindern bei, dass ein Posting eine Aussage ist und, dass man für das, was man aussagt, immer auch die Verantwortung tragen muss – analog, wie digital!
– bringt euch selbst bei, die Verantwortung für das zu tragen, was ihr wann wie wo postet, programmiert, als Plattform zur Verfügung stellt

und: Netzpolitik ist ein Ding – macht mit, wenn ihr könnt, denn es ist unser aller Internet.