Tag mit Zahnschmerzen

Plätschern„Ich glaub, die Kariusse und Baktusse graben einen Tunnel aus ihrem Zahnhaus raus.“, sie sitzt im Schlafanzug in der Höhle, streichelt NakNak* über den Kopf und spricht ins Telefon.
Sie erzählt der Gemögten die Geschichte von dem Bullergeddo, das Karius und Baktus, wie dereinst die Siedler von Catan, in unserem Mund errichtet haben. „Mit Spielplätzen und Gärten, wo Gemüse wächst für die ganzen Kinder auch noch!“.

Übertreiben kann sie. Ihre Vermeidungstänze sind immer so besonders kreativ aufgebläht. Haarscharf an der Grenze zwischen ehrlich und tonnenschwer aufgelockert weg, von dem was ist.

Zahnschmerz ist ein Schmerz am Kopfinneren. Einer, der nicht von Schonhaltung oder Anpassungsverhalten weggeht.
Das ist ein Schmerz, der uns mit Leichtigkeit in Ohnmachtsgefühle schmeißt und dort auch hält, bis er weg ist.
Aber Ideen sähen und Welten pflücken kann sie noch.

„Konntet ihr ein bisschen schlafen letzte Nacht?“, fragt die Gemögte. Aus meiner Ecke, etwas von ihr entfernt, schaue ich die Kleine fragend an. Sie schüttelt mir den Kopf zu und sagt: „Ich weiß nicht genau.“.
Sie schweigen.

Im Dunkeln hocken Augen und Schreie, die rausquellen, wenn man sie zu lange anguckt.
NakNak*s Herzchen puckert unter der Hand der Kleinen.

Sie will raus. Stößt sich den Kopf. Hat vergessen, dass sie auf einem Auge blind ist. Taumelt kurz gegen den Schmerzschatten, fängt sich kurz vorm Fall und hopst auf einem Bein weiter. „Wie ein Clown“, denke ich. „Das soll so.“, sagt mir ihr ernster Blick.

„Wann geht ihr wieder zur Frau Doktor?“
– „Üüüühmmmmm ich glaub, ich weiß nicht genau aber vielleicht in 2 Stunden?“

Kurze komme ich mir vor wie einer dieser unförmigen Teletubbies, der ein qieksiges „OhOooh!“ in die Kamera quäkt, als mir klar wird, wie lange ich jetzt gerade schon nebenaußer mir herumschwebe, ohne etwas dagegen zu tun.
„Seid ihr schon angezogen?“
„Schon mit NakNak* unten gewesen?“
„Haben schon alle ihre Wachmacher gehabt?“
„Zähne geputzt, Haare gekämmt und Gesicht gewaschen?“

Jetzt prasseln ihre Fragen, überfordern die Kleine und ziehen an mir wie eine Angelschnur. Ich überlege, ob es sinnig ist zur Schmerzprüfung (harrharr) zur Zahnärztin zu gehen und mir vorher die Höchstdosis Ibuprofen in den Kopf zu schmeißen. Es ist erst morgens- der Tag wird sicher sehr lang… Mir fällt die Junkiedenke auf und ich schwanke schon wieder.

„Hey- äh- kannst du mir grad mal bitte sagen, dass ich auch wenn ich heute Abend noch richtig schlimme Schmerzen haben sollte, eine Möglichkeit habe irgendwas dagegen machen zu können?“
Sie sagts. Verspricht mit uns in die Notaufnahme zu fahren, wenn es gar nicht anders geht. Sagt, dass es okay ist. Sagt, dass ich okay bin.

Sagt, dass ich die Hufe schwingen muss, wenn ich nicht zu spät kommen will.
Wir verabschieden uns.
Verabreden uns für den späten Abend.

Ich springe von einem Punkt zum Nächsten. Bin so bewusst wie möglich, bei dem was ich tue. Keine Schmerzen. Nur Handlung. Nicht ohnmächtig.

14 Stunden später bin ich ein Schemen im Schatten der Höhle, der Fetzen des Gesprächs hört und sich fragt, wie der Tag nun abgelaufen ist.
Dieser Ende- Oktober- Tag mit Zahnschmerzen.

Sicherheit* unterm Radar

P1010176„Du musst den Täterkontakt abbrechen und dich anonym halten, sonst bist du nicht sicher.“
Das ist so einer der Sätze, mit denen ich in diesem Bundesland empfangen wurde. In einer „anonymen“ Unterkunft für Jugendliche in Not. Mehrere hundert Kilometer zwischen mir und dem, was noch immer einige Innens „zu Hause“ nennen.
Diese Zeit in der Einrichtung war nicht lang- ich glaube nur 3 Wochen- aber sie hat gereicht, um mich bis heute ziemlich wütend zu machen und immer wieder darüber nachzudenken, wie die Wichtigkeit und Funktionsmechanismen von Schutz durch Anonymität vermittelt werden können.

In meinem Fall hatte sich damals schon niemand an meine Seite gestellt und sich dafür eingesetzt, dass ein Antrag auf Amtshilfe in der neuen Stadt passiert, um mich gänzlich (oder zum Teil) abzulösen.
Stattdessen wurde die ganzen Jahre der Jugend- und später auch Erwachsenen-  Hilfe in schöner Regelmäßigkeit meine Wohnadresse, meine Hilfepläne, so wie sämtliche Aktivitäten an ein Amt geleitet, das immer wieder einen Datenfluss in Täterhände lenkte.
Ich hatte das immer wieder gesagt, hatte es immer wieder als Änderungswunsch angebracht. Im Zuge des Betreuungswechsels dann, versuchte ich es mit juristischen Hebeln, um aus der Sache rauszukommen und scheiterte, weil ich zu schwach war.
Ich hätte mindestens eine Strafanzeige gegen die Täter stellen (Recht bekommen) und dann alles Nötige erwirken lassen müssen.
Aber eine Strafanzeige erstattet sich nicht so einfach. Bis heute nicht.

Das Gemeine für mich- der richtig fiese Haken: meine damalige Therapeutin und alle alle alle Bücher und Tipps für  Menschen mit DIS (und Täterkontakten), die ich damals fand, hackten auf mir als die undichte Stelle im Sicherheitsnetz herum.
Immer wieder wurden dort die inneren Abhängigkeits- , Hörigkeits- , (Todes-) Angstdynamiken thematisiert und verdeutlicht, wie wichtig es ist, die innere Kommunikation so weit aufzubauen, dass sich Innens nicht an die TäterInnen wenden und so weiterhin Gewalt erfahren. Wir haben diese Problematik auch gehabt und mussten daran arbeiten. Was in Bezug auf den Abbruch von Täterkontakten wichtig war, schilderte ich bereits in der Serie „
Täter- Kontakte 1- 5 “ 

Der Punkt meines Ärgers über den Satz in der Einleitung und der Buchinhalte ist, dass das einfach nicht alles war und bis heute ist.
Wir erfahren seit einigen Jahren keine Gewalt mehr- doch befreit von destruktiven Verbindungen sind wir erst, seit wir vor dem Gesetz als „erwachsen“ und damit komplett mündig gelten (Also seit dem 27 sten Geburtstag- dies ein Hinweis an Betroffene mit Schwerbehinderung und darauf fußenden Amtshilfen seit der Jugend).

Die Idee von „es kann mir nichts passieren- ich bin anonym und in Sicherheit“ ist Schwachfug.
Wer wissen will- wer es wirklich wissen und herausfinden will, wie mein Passname ist, wo ich wohne und was sonst noch in Bezug auf mich relevant ist- der wird das auch herausfinden. Wer mir wirklich unbedingt Gewalt antun will, wird das tun können und nichts und niemand wird das verhindern. Aber ich kann es etwas schwieriger machen.

P1010183Das Leben in Anonymität hat für mich viele kleine und große Unsichtbarkeiten und mit ihnen Angstmomente, die völlig unvermittelt kommen können; jeden wie auch immer gearteten Kontakt und auch die Art, wie Kontakte geknüpft werden, beeinflussen.
Die Verluste, die ich mit der Entscheidung zum Leben ohne Gewalt, mit neuem Namen und Dunkelfeld „Vergangenheit“ eben auch „gewählt“ habe, sind unfassbar groß und schmerzhaft.
Ich entfernte nicht nur Destruktivität aus meinem Leben- grenzte mich nicht nur von Gewalt in verschiedenen Gewändern ab. Ich war gezwungen zum Messer zu greifen und mir alles was „vorher“ war abzuschneiden. Das Vorher, das auch viele schöne Momente, tolle Menschen und Möglichkeiten umfasst und mich mit viel mehr Leichtigkeit agieren ließe.

Ich bin gestern via Facebook mal wieder über jemanden aus „dem verbotenen Früher“ gestolpert. Die Folge war nicht: „Ach guck an…“ sondern richtig harte 20 Minuten, in denen ich Tränen aus meinen Augen rausschreien wollte und nicht konnte.
20 Minuten, in denen mir erneut diese Gefühle von emotionaler Zwangsaskese zum Wohle meiner Sicherheit durch die Brust jagten. Erinnerungen an „früher“, alle Wünsche, alle Hoffnungen, alles was ich damals … hätte würde wäre wenn

Mein Heute umfasst eine Achtsamkeit und Vorsicht auf allen Ebenen durch mich selbst, aber auch eine Abhängigkeit von Verbundenheitsgefühlen und gut kommunizierten Beziehungen zu den Menschen, die mich umgeben.
Ich kann noch so oft verschweigen, wo ich eigentlich herkomme; wie mein Passname lautet; darauf verzichten meinen supertollen Hund im Internet zu zeigen oder wie ge-ni-al ich meine Haare frisiert habe. Ich kann noch so oft meine Hand abhacken, wenn sie ins Früher telefonieren will, um dort wieder einzuziehen. Ich kann noch so oft ins Facebook schauen und denken: „Ach dieser Mensch hat mir ja nichts getan- ich könnte…“ und dann doch hart bleiben.
Sobald auch nur eine meiner Gemögten, HelferInnen und Verbündeten oder irgendjemand außerhalb meines Kontrollbereichs mich als diejenige welche mit Passnamen XY im Kontext von AB in Stadt CD outet, ist es vorbei.

Alles was ich tun kann ist in einem Heute zu leben, das kein breit bekanntes Früher hat.

Ich muss mich darum bemühen meine Kontakte auf eine Art zu pflegen, die entweder davon geprägt ist, dass diverse Informationen nie Thema werden bzw. „einfach so unbemerkt in ihrem Fehlen sind“ oder bekannt sind mit einem Mit-Verantwortungsbündel obendrauf, das nicht jeder Mensch tragen kann (und/ oder will).
Keine meiner Gemögten weiß alles über mich und die Tatsache, dass sie es auch nicht zu wissen einfordern, entlastet und schützt mich sehr.
Für die Beziehung, die wir haben sind weitere Informationen nicht wichtig- sie wissen aber alle von den Netzen, in denen wir uns bewegen. Sollte mir etwas passieren, wäre niemand von ihnen allein und direkt mitbedroht.
Das Nichtwissen schützt sie also- solange sie nicht-wissen „dürfen“.

Im Falle der Facebookverbindung musste ich so scheißverdammt mutig sein, wie ich es eigentlich gar nicht war in dem Moment. Ich musste fragen: „Kennst du diesen Menschen persönlich?“

Weiß der Mensch, dass wir uns kennen? Muss ich dich jetzt auch aus meinem Leben streichen, obwohl ich dich toll finde und es mir weh täte? Muss ich schon wieder umziehen und alle meine Hilfsnetze umkrempeln, weil du weißt, wo ich wohne?

Ich musste meine Gemögte irritieren, ihr etwas abverlangen, was sie genauso einfach hätte ablehnen wie annehmen können.
Ich musste sie ins Vertrauen- in meine Scheiße ziehen und konnte nichts weiter tun, als zu hoffen, dass sie vollständig begreift, was ich da sage- die ganze Tragweite sieht, ohne davon erdrückt zu werden.
Ich muss ihr vertrauen diese Schwere zu tragen- nicht nur jetzt, sondern noch eine ganze Weile länger, weil für mich etwas daran hängt.
Ich musste sie wissen lassen- sichtbar(er) werden für sie und hoffen, dass sie diese Sichtbarkeit mit mir vor anderen Menschen unsichtbar hält.


Es klingt immer so einfach: Täterkontakt beenden, neuer Name, neue Adresse, Traumatherapie und fertig.
Im Falle organisierter Gewalt ist es damit einfach nicht getan.
Diese Dinge hängen alle an Privilegien- an Sicherheiten, die extrem instabil sind und von nichts und niemandem bedingungslos und durchgängig gewährt werden. Die Realität nach Ausstieg und in Anonymität wird damit nicht gestreift.

Damit ich direkte Gewaltkontakte beenden konnte, brauchte ich eine starke Gemögte, die mich halten und tragen konnte- die an meiner Seite stand und sich selbst in dieser Zeit total zurückstellte- ohne irgendetwas dafür zu verlangen.
Um meinen Passnamen zu verändern muss ich (neben finanziellen Ressourcen) auch darauf hoffen, dass ich in meinem Leben als Opfer von organisierter Gewalt anerkannt werde, auch ohne eine Strafanzeige zu stellen.
Um anonym zu wohnen muss ich mich darauf verlassen, dass sämtliche Ämter und Behörden meine Rechtsanwältin als meine Fürsprecherin akzeptieren und sämtlicher Informationsfluss über ihre Kanzlei läuft- was nicht selbstverständlich ist.
Um meine Geschichte traumatherapeutisch auf- und verarbeiten zu können, hilft nur hoffen und beten, dass ich in meiner Therapeutin einen Menschen habe, der mutig genug ist, mit mir gegen die Krankenkasse vorzugehen und zu kämpfen um für seine Arbeit auch bezahlt zu werden, wenn diese anfängt ihre Richtlinien zu Gesetzen wachsen zu lassen und mir die Behandlung verwehrt.

Unterm Radar zu fliegen heißt „nicht gleich sichtbar und damit geschützt vor suchenden Blicken zu sein“.
Heißt aber auch, dass jede Untiefe der Berg sein kann, an dem ein Leben zerschellt.
Es heißt sich mehr als fünfmal seiner Unsichtbarkeit zu versichern.
Es heißt unsichtbar zu trauern.
Es heißt Sichtbarkeit als ein Privileg einzuordnen, das genauso instabil ist, wie alles andere.

Es heißt, dass eine Ebene der Angst auch dann noch da ist, wenn „eigentlich“ alles* „gut“ und sicher* ist.
Es heißt, dass nichts sicher ist.
Es heißt, dass die Begrifflichkeit der Sicherheit* ein Sternchen braucht, um die Fragilität und Vielschichtigkeit zu markieren, die sie für mich hat.

abnorme Achsen

Heute morgen rief meine Therapeutin an, um sich zu vergewissern, dass wir ihr die richtige Klinik genannt hatten, in der wir so lange waren und deren Bericht auch als, ich glaube, fast einziger einen umfassenden Abriss der Biographie und Krankengeschichte enthält.

Ich sagte ja und begann meine Unterlagen noch einmal durchzuschauen, ob ich nicht doch auch eine Kopie davon besaß. Ich weiß, ich hatte mal eine. Aber das Ganze ist jetzt 9 Jahre her. Wer weiß, ob nicht doch die erste Einrichtung, die uns gar nicht schnell genug loswerden konnte und nicht wieder zurückwollte, jede Menge unserer Sachen weggeschmissen hatte.
Oder, vielleicht ist er auch in dieser furchtbaren Klinik, in sie uns abschoben, verschwunden. Oder in der Wohngruppe. Oder ich habe ihn der ersten ambulanten Therapeutin gegeben. Oder in der Klinik abgegeben. Oder der Psychiaterin. Oder… vielleicht brütet er in irgendeinem Ordner vor sich hin, wie der Bericht, den ich dann heute wiederfand.

Er enthielt keinen biographischen Abriss, war nicht an eine behandelnde Instanz gerichtet, sondern an ein Amt.
Es ist eine Aufzählung meiner Defizite.
Eine Sichtbarmachung der „abnormen Achsen“.

Ich rief die Therapeutin an und… naja, eigentlich könnte hier jetzt gut stehen, dass ich darum bettelte dieses Ding nicht, wie einen heißen Stein, bei mir tragen zu müssen, bis wir uns morgen sehen. Eventuell vielleicht auch nicht, denn schon wieder wurde das Haus, in dem die Praxis ist, eingerüstet.
Ich sagte, ich fühlte mich angeditscht. Ich hätte eigentlich auch zugeben können, dass mir der Hulk die Faust in den Bauch gehauen hat.

Nicht, weil ich die Klinik furchtbar fand.
Sondern, weil mir heute zum ersten Mal klar wurde, was da eigentlich steht.

Da steht nicht: „Ach keine Bange- in 10 Jahren wird sie mehr schaffen als heute.“
Da steht: „Diese 17 Jährige ist tiefgreifend gestört, kaputt, dysfunktional auf vielen Ebenen, traumatisiert.“.

Ich weiß noch, dass mir damals das Gefühl von Unzulänglichkeit, vielleicht auch Unnormalität – Abgestoßenennormierung sehr nah war. So nah, dass ich oft diese Art kitschig aufdrängender Pseudogedichte schrieb. So etwas wie:
„Wieso ist mein Normal so unnormal für dich?
Wieso ist dein Biest mein Spiegelbild?“
mit Zeilen über mehrere Seiten.
Klar, ich saß permanent in irgendwelchen Kliniken oder Gruppen, wo man sich mehr über mich erschreckte, wenn ich etwas anderes tat, als die Milliardste Runde Phase 10 zu spielen oder eben eine dieser Pseudoblüten der Literatur zu verfassen.

Aber ich konnte nie genau sagen, was es ausgemacht hat.
Vielleicht das Gruppe sein. Das die Gruppe der Bekloppten, der Irren, der Auf-Ver-Abgestoßenen, der Ungebetenen zu sein… obwohl nein, das war normal. Es war ja eine Gruppe- eine Gruppe stellt die Norm. Eine Andere, als die der Menschen, die uns nicht haben wollten. Dies allein aber hatte mir nicht das Gefühl einer Unzulänglichkeit gegeben.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass jemand in mir abnorme Achsen sah. Oder Defizite.
Oder ich wollte es nicht sehen.

Vermutlich wollte ich es nicht sehen. Wer weiß, ob ich die anderthalb Jahre in der Klinik so hätte nutzen können, wie ich es tat, wenn mir die ganze Zeit über klar gewesen wäre, was für ein Objekt der wissenschaftlich- psychologischen Neugier- was für ein Fall, dessen A-Normalität als Reaktion auf eine krankmachende Realität, irgendwie vage doch völlig normal erscheint und doch im letzten Schlenker der Definitionsmacht gänzlich unnormal benannt wird…,  ich vielleicht doch auch darstellte. Neben all der Normalität, die in mir drin ist und dort auch eben zu sehen, hören und spüren war.

Die Therapeutin sagte, es sei okay den Bericht direkt heute bei ihr vorbeizubringen.
Ich war froh, dass ich mich nicht in Erwachsensein üben und das jetzt aushalten musste, dieses schmerzende Zetteldings so bewusst zu haben und zu wissen, dass es da und bei mir ist. Anklagend vom Turm herunterdonnernd auf mich einbrüllend: Du unzulänglich defizitär- abnormes Ding!

Und dann stieg der Wegegänger zwei Stationen früher als sonst aus. Ich weiß nicht was ihn dazu getrieben hat. Ich verstehe ihn ja meistens nicht. Wir liefen fast den gleichen Weg, wie wir ihn mit der Kliniktherapeutin, die diesen schweren Papierklotz in meinem Rucksack geschrieben hatte, gegangen waren, bevor wir hier her zogen.

Ich versuchte mich zu erinnern, ob es damals auch geregnet hatte. Ich weiß nicht einmal mehr, welche Jahreszeit wir da hatten. Winter? Frühling? Ich weiß nicht einmal mehr wirklich, wie sie aussieht. Ich ertappte mich dabei wie ich dachte: „Ach- in 9 Jahren wird sie sicher einen wundervollen Wust weißer Haare bekommen haben und sitzt nun glücklich und zufrieden…“
Ja, es hätte auch ein Gong oder eines dieser Domgeläute sein können, dass mir den Kopf berührte.

9 Jahre. Und ich empfinde so eine Momentaufnahme von damals in Form eines Berichtes, als aktuell schmerzhaft?!
Suche immer noch den ultimativen Beweis für mein nichtreichen, mein nichtgutgenug, mein puttgehtnichtheilezumachen, mein letztes Quäntchen zur Legitimation meiner Selbstentsorgung?
Es hat sich doch soviel verändert, warum kann ich es nicht sein lassen?

Ist dies allein am Ende meine abnorme Achse? Einfach nicht glauben zu können, dass es nichts Abnormes an mir gibt, was meine Selbstzerstörung legitimiert?
Vielleicht ist es damals schon mit aufgelistet gewesen. Vielleicht gibt es dafür auch keine Bezeichnung außer „Selbsthass“. Vielleicht ist es alles der absolute Bullshit. Vielleicht hat sich in 9 Jahren bei mir eigentlich nichts verändert. Die meisten Dinge, die man dem Leben übergibt und von sich stößt, kommen in einer Maskerade wieder zurück. Oder in einer anderen Form. Manchmal kann man sie so versteckt oder in neuer Form leichter annehmen und verändern, als vorher.

Vielleicht ist der Bericht etwas, dass ich genau so brauchte, wie er war. Ich habe ihn in den Briefkasten meiner Therapeutin geschmissen und mich vom Wegegänger tragen lassen. Ich spüre ihn heute, während er damals einfach nur Löcher in meine Stadtbilder fraß. Ich spürte den Regen, die Kälte, die Schwere der Kleidung. Ich bewegte mich in der Stadt, die wir zuerst mit der Kliniktherapeutin zusammen betreten hatten. Alles das beachtete ich bewusster als sonst. Noch aktiver, vielleicht lauernder, als vor dem Moment, in dem ich den Bericht las.

Während einem Moment, in dem der Regen auf das Gesicht platschte, dachte ich: „Hauptsache da sind Achsen. Eigentlich ist es egal, für wen da was normal oder abnormal ist. Es ist fast 10 Jahre her. Für mich ist es normal, wie es ist.“.

über meine Lebensrealität

15849_web_R_by_Maclatz_pixelio.deIch habe da diese Macke fürs Blindsein über mich selbst als ganzer Mensch.
Für mich sind Dinge eine Definitionsfrage, die für andere Menschen scheinbar felsenfest klar sind. Meine Lebensrealität ist eine Mischung aus unterschiedlicher Sehstärke und absoluter Blindheit.

Ich nehme Dinge in all ihrer Unsicherheit auf und passe mich ihr an. Bin permanent gezwungen dem Fakt gegenüber zu stehen, dass ich nichts beeinflussen kann- nicht einmal mein Handeln, Fühlen, Denken. Wenn ich nicht da bin, sind andere Innens da. Sie handeln manchmal in meinem Sinne, meistens jedoch in ihrem allein. Kompromisse beziehen sich allein auf einen Entsprechungs- , Anpassungs- , früher, wie heute auch Überlebensdrang. Vor allem, wenn es eine Bündelung braucht, weil es (noch) kein eigenständiges Innen gibt, das von sich aus bereits komplett darauf abgestimmt ist.

So zum Beispiel heute, der Umgang mit Menschen die uns positiv gegenüber stehen. Oder auch Menschen, die unser früheres Leben anders bewerten als wir, mitsamt allen geistig-sozialen Normen und Werten. Im flachen Miteinander gibt es Innens die daran angepasst sind. Sie nicken, lächeln, sagen was gehört werden will. Es ist ein zurechtgespaltenes Anpassen. Ohne Bezug zu dem was für andere Innens wahr und echt ist. „Das Außen lebt Wahrheit XY und erfordert die Vertretung von Norm und Wertesystem AB? – Kein Problem- finde ich auch- mache ich auch- das Außen ist Chef- ich kann das vertreten.“.

Diese Trennung der heutigen Welt mit allem was in ihr passiert, von der in der wir früher lebten, ist selten besprochen. Der Umstand beides nebeneinander stehen lassen zu müssen, weil es keine klare, wirklich ganzheitliche, Positionsentscheidung darüber gibt, ist zeitgleich quälend, wie aber doch auch schlichte Realität in unserem derzeitigen Dasein. Sie ist so sehr Alltag, dass ich sie lebe, ohne sie wirklich oft zu erwähnen oder zu hinterfragen. Oder auch zu spüren. Die Anpassung ist fertig, weil lebbar. Mehr braucht es nicht. Für mich ist es dann so wie ein Buch, das man ausgelesen hat. Inhalt ist im Kopf, man klappt es zu und legt es im Bücherregal ab.

Gestern habe ich mit unserer Therapeutin telefoniert. Am Ende sagte sie, was sie irgendwie immer sagt: „Wir sehen uns nächste Woche“. Als wäre das ein Fakt, der in jedem Fall so einträte und als gäbe es keinen Grund daran zu zweifeln. Das ist so die Sparte „Es gibt immer ein Morgen und wir werden es erleben.“

Ich weiß nicht warum, vielleicht war ich einfach entspannt und „auf“, als ich da so auf dem Schlafzimmerboden saß und den Hund am Bauch hatte, keine Ahnung. Aber ich sagte so etwas wie: „Ja, wenn wir es bis dahin schaffen, dann sehen wir uns dann.“.

Ich glaube, für sie klang das wie eine Suiziddrohung oder etwas Ähnliches. Als hätte ich gerade gesagt: „Ja das können wir uns vormerken, aber ich halte mir hier meinen Notausgang frei, mir das Leben zu nehmen, wenn ich es nicht mehr aushalte.“. Wir sprachen also kurz über Verantwortung und darüber was unser Tod so verursachen könnte. Sie sprach über Einschätzbarkeit- genau wie ich, als ich das sagte. Nur jeweils von einer anderen Grundlage aus betrachtet.
Sie folgte einem Kontrollimpuls (oder sollte ich besser sagen „Kontrollzwang, der ihr aufgedrückt wird“?) und ich deutete den zentralsten Teil meiner Lebensrealität an: in weiten Teilen des Alltags absolute Kontrolllosigkeit.

Therapeuten sollen einschätzen können, ob sich jemand das Leben nimmt oder nicht.
(By the way- ein beschissener Anspruch an Menschen in diesem Beruf, denn Suizid ist so ziemlich das Selbstbestimmteste, das es gibt für ihre Klienten- wenn sie sich dafür entscheiden, haben sie nichts damit zu tun. Die Handlung ist von Klienten geplant und durchgeführt- nicht vom Therapeuten initiiert, eingefordert oder gar durchgeführt. Nur, weil sie diese Menschen begleiten, haben sie, meiner Meinung nach, keine Verantwortung dafür. Weder, weil sie die „Profis“ sind, noch weil sie Kontakt zu ihnen hatten.)

Wir haben für die Therapie eine Vereinbarung getroffen, keinen Suizid zu begehen, solange wir bei ihr in Behandlung sind und uns zu melden, wenn es Impulse in diese Richtung gibt bzw. Hilfen in Anspruch zu nehmen, um diese Impulse im Durchbruch nach außen zu verhindern. Entsprechend dieser Vereinbarung bin ich gezwungen eine gewisse Selbstkontrolle durchzuführen, ob es diese Impulse gibt oder nicht und die Wahrscheinlichkeit für eine entsprechende Handlung nach außen einzuschätzen.
Schätze ich sie hoch ein, rufe ich bei ihr an- manchmal auch, ohne das genau so zu formulieren. Es steht immer eine Not dahinter, die auch ohne die Erwähnung von Suizidimpulsen, weniger groß erscheint, wenn wir sie ihr gegenüber ausdrücken und/ oder sortieren können.

Ich wurde fast wütend, weil ich glaubte, sie hielte es für wahrscheinlich, dass ich mir jederzeit einen Suizid quasi freihalte- anstatt meinen Wahrnehmungsalltag zu benennen.
Doch dann raunte es mich von innen an, dass sie es vielleicht einfach nicht weiß, oder gerade nicht so bewusst hat. Wir vielleicht auch einfach noch gar nicht darüber gesprochen haben, was wir Innens jeweils so wahrnehmen und erinnern im Alltag.

Ich bin eine Frontgängerin. Ich mache viel Alltag, bin nach Außen aktiv. Ich bin ein Produkt dieses Anpassungsdrangs an „die andere Welt“. Der Welt in der es Menschenrechte, Ethik, Moral und Respekt gibt. Ich vertrete diese Normen und Werte nach außen hin und kann mich einigermaßen sicher darin bewegen.
Doch von einem Tag erlebe ich etwa 10%- wenn wir aktiver sind als jetzt (also ohne Arbeit oder viel Sozialleben) sind es etwa 15-20%. Der Rest wird von den anderen gelebt- erlebt- wahrgenommen. Sie leben ihr Leben in meinem drin, oder auch nebenher. Ich erfahre davon in Stichworten im Tagebuch, finde hier und da mal etwas davon in meiner Wohnung oder bügle ihre Konflikte aus, auch ohne wirklich (als ich) damit zu tun zu haben. Es ist normal für mich. Ich rechne jeden Tag damit mit einer fetten Kaufhausrechnung konfrontiert zu sein, Dinge die mir lieb sind, zerstört, tot oder weggeworfen zu finden, den Körper verletzt, benutzt zu erfahren. Das ist einfach so der Alltag mit dissoziativen Amnesien. Alles kann passieren, jeden Tag, jeden Moment- ob ich es will oder nicht. Egal, wie ich das einschätze und es gerne hätte.
Und eben leider auch eigentlich egal, welche Absprachen ich allein mache.

Sobald eine Absprache alle von uns betrifft (auch die, die sich nicht als Teil von „uns allen“ betrachten), klappt es. Da habe ich einen Haken zum dran Festhalten, Schwung holen und Handeln. So zum Beispiel eben bei den Vereinbarungen zur Therapie. Doch eine Antisuizidvereinbarung allein bedeutet eben nicht, dass ich so ganz sicher zum nächsten Termin auch erscheine.
Natürlich habe ich noch nie einen Termin versäumt oder absagen müssen- aber es gab bereits genug Termine zu denen ich erschien, nachdem ich einige Kilometer rennen musste, um pünktlich zu sein. Etwa, weil 15 Stunden vorher jemand geflüchtet ist und ich mich irgendwo im Nirgendwo wiederfand. Oder auch Termine vor denen ich erst mal noch nicht einschätzbar lange irgendwo zu warten hatte, um etwas zu erledigen, weil es gerade der letzte Fristtag war.

Das passiert mir heute nicht mehr so oft wie früher, als es noch Zeiten gab in denen uns Täter zu Therapieterminen fuhren, oder von dort direkt mitnahmen. Als es noch Zeiten gab, in denen wir alle diesen Fakt der Selbstblindheit- der Amnesie für sich und sein Leben, als ein von Therapeuten eingeredetes Konstrukt hielten und noch viel weiter von einander weg dissoziiert waren.

Aber es passiert. Es ist wahr und echt und eben mein Alltag.
Ich habe gestern etwas gesagt wofür ich mich heute irgendwie ohrfeigen könnte, obwohl es stimmt.
„Nein, es ist nur eine Perspektivenfrage. Ich lebe mit Todesangst und sie nicht.“.
Ich hätte richtigerweise sagen müssen, dass ich mit Amnesien und Kontrollverlusten lebe. Noch richtiger, dass ich mit einem Maß von Dissoziation lebe, dass sie nicht von sich kennt.

Doch Todesangst ist auch richtig.
Wir würden nicht so viel dissoziieren, hätten wir keine Todesängste oder Ängste, die uns an Todesängste erinnern.
Wer Todesangst hat lebt ausschließlich in der Gegenwart, mit mehr oder weniger bewusstem Bezug zur Vergangenheit. Das Morgen ist immer mehr nebulöse Option, schwammiges Hoffnungsschimmern an dem man sich festzuhalten versuchen kann. Man kann das machen, man kann es tun. Wir tun das auch.

Doch wir tun das nicht in der festen Überzeugung, es auch wirklich zu erleben.
Das Morgen ist für uns noch immer die Belohnung für die Mühen das Gestern und Heute geschafft zu haben.

Barbie™

MarsAttacksBarbieStell dir vor, es ist Kunst und keiner merkts.
Stell dir vor, du begegnest Sexismus gegen Männer.
Stell dir vor, du sollst mit Irrealität fürs Leben üben.
Stell dir vor, du kennst jemanden, der keinen Nachnamen hat.

Ich spreche von Barbie™ und von der Barbie™ -The Dreamhouse Experience™ in Berlin.

Als wir ein kleines Mädchen waren, hatten wir keine Barbie™ und so wie ich das sehe, fanden wir das auch gar nicht so schlimm. Wir hatten eine BabyBorn™ und eine dieser gesichtslosen Waldorfpuppen zum Spielen, ansonsten jede Menge Lego und Fröbelbausteine von den Geschwistern.
Schminken, hübsch machen, erwachsen spielen, haben wir irgendwie übersprungen. Es ging gleich in die Sparte der Sprache und der Kunst und erst dann wurde Barbie™ für uns interessant. So etwa mit 12-13 Jahren, als auch Sailor Moon™ spannend wurde.
Damals war die Sparte „Barbie™“ allerdings bereits nicht mehr auf unsere biologische Altersgruppe ausgelegt. In dem Alter nach einer Barbie
zu verlangen, war deutlich spürbar nicht das, was die Klassenkameradinnen und auch die Erwachsenen für legitim hielten.
Ich weiß noch, dass meine Mutter vor mir stand und sagte, jetzt wo ich schon über ein Jahr menstruierte, sei das Spielen mit Puppen doch nun wirklich nicht mehr das, womit ich meine Zeit verbringen solle. Ich sei ja nun erwachsen und eine richtige Frau.

Dabei wollte ich nie mit der Puppe spielen.
Was hätte ich denn auch spielen sollen? Man spielt um soziale Interaktionsmuster einzuüben, Lebensrealitäten auszuprobieren, sich selbst und seine Umgebung frei zu positionieren- oder eben auch nicht.
Das Leben von Barbie™ entsprach (und entspricht) in nicht einem einzigen Punkt dem meinen, auch ihre Hobbies, Berufe und Neigungen waren (und sind) maximal von mir entfernt.
Ich wollte so eine Puppe haben, weil ich die Perfektion schön fand und es mich faszinierte wie glatt und flach ihr Leben ist. Es gibt nie Probleme, sie hat nie Angst, sie lächelt immer. Sie hat keine Persönlichkeit- sie hat nicht einmal einen Nachnamen- doch niemanden stört es. Es ist immer die perfekte Harmonie- Stasis die so tut, als sei die Dynamik.
Kunst eben.
Ich wollte sie nur angucken. So einen Ständer basteln, sie mir auf den Schreibtisch stellen und anschauen.

Damals gab es bereits die Sammlerbarbies. Besonders schön frisierte Puppen, mit echtem Metallschmuck und Kleidern die nicht aus Polyacryl, sondern aus Seide und Baumwolle bestehen.

Noch heute fasse ich persönlich Barbie™ und ihr ganzes Universum als Kunstform auf- nicht als Spielzeug.
Selbst vorhin, als ich für diesen Artikel ins Kaufhaus ging, spürte ich von den Kinderinnens nicht direkt den Wunsch mit den Puppen zu spielen, sondern nur sie zu berühren und anzugucken.
Auf meine Frage, warum sie nicht mit so einer Puppe spielen wollten, antworteten meine Kinderinnens O. (etwa 10 Jahre alt) und I. (etwa 7 Jahre alt): „Sie sieht so fein aus- so hübsch…“, kurze Pause, „und so wie eine Erwachsene. Weißt du, so wie gar nicht echt zum Spielen gemacht.“. Vorsichtiges Berühren der Packung. „Sie geht bestimmt schnell kaputt, wenn man spielt, dass sie Sport macht oder so.“.

Mir ist in dem Geschäft aufgefallen, dass Barbie™ ein verdammt teurer Spaß ist. Eine Puppe mit einem Set Kleidung und vielleicht 3-5 Zusatzteilen kostet fast 20€, ihre Fahrzeuge etwa 30- 60€, eine Ausstattung Möbel und Einrichtungsgegenstände etwa 18€- das 1,10m hohe Traumhaus schlappe 180€. Pinkes Plastik made in China, mit unverrückbaren Möbeln, einem Bett mit eingegossenem Bettzeug und aufgeklebtem Ausblick aus dem Fenster. Eine Berufebarbie habe ich gar nicht gefunden und festgestellt, dass die Hunde mit denen sie manchmal in den Park geht, kein Fell haben, sondern nur gegossene Plastikstruktur.

Barbie™ hat allerdings ziemlich coole Freunde. „Skipper“, „Chelsea“ und „Stacie“ fahren Jetski. Sie sind kleiner als Barbie™ und passen da auch drauf- Barbie™s Beine hingegen sind schon zu lang, um überhaupt die Steuerung zu erreichen. Soviel dann auch zur körperlichen Behinderung mit der Barbie™ so leben muss. Sie kann nicht einmal ihre Beine so weit spreizen, dass sie auf einem Pferd sitzen kann.

Ken, den Freund und ewig heiratenden Mann im Barbie™- Universum, habe ich auch gefunden. Und „Liam“, den ich so gar nicht einordnen konnte, weil er auch ein „Ken“ hätte sein können. Beide werden direkt mal zur männlichen Deko degradiert- was an sich interessant ist- passiert dies doch sonst eher den Frauen. Er hat kein Auto, kein Motorrad, nicht mal ein Fahrrad- ein Ken-Traumhaus gabs auch nicht. Einzig eine Ken-Puppe bei der man die Plastikhaare austauschen kann, wie bei Playmobilfiguren und ein Set Kleidung (sprich den Anzug zum Heiraten- statt des obligatorischen Surferoutfits) gibts für den einzigen Mann in Barbie™land.
Also liebe Männer, die ihr Probleme habt das Problem mit Sexismus zu verstehen: Stellt euch vor ihr wärt Ken
– und übertragt das bitte (vielleicht weniger totalitär) auf unsere Realität.

Die Konkurrenz hat mir besser gefallen.
Die Steffi Love™ von Simba, kann Kinder bekommen, hab ich als Kinderärztin, als Turnierreiterin, als Rennfahrerin und als Anwältin gefunden. Sie trägt auch mal lange Hosen, ihr Pferd hat Fell und ihr Freund Kevin hat eine bessere Garderobe. Außerdem ist sie bis zu 20% billiger und hat bunte Kleidung- der Pinkanteil ist ebenfalls da- doch nicht gleich hoch, wie bei Barbie™.

Heteronormativ sind beide. Genauso wie kapitalistisch und auch rassistisch. Freunde mit anderer Hautfarbe habe ich nicht gefunden- obwohl ich mich erinnere, dass eine meiner Klassenkameradinnen früher eine Puppe mit dunkler Haut hatte (klar total exotisiert mit pseudoafrikanischer Tradionstracht- aber immerhin).

Als die Barbie™ -The Dreamhouse Experience™ in Berlin eröffnete, gab es Proteste. Viele AktivistInnen hatten sich versammelt und Kritik geäußert.
Ich habe nicht alle Artikel dazu gelesen, aber die meisten Stimmen bezogen sich auf die Illusion zu der Barbie™ verführt, auf die soziale Rolle, die sie lebt und naja, was genau die FEMEN-Frau sagen wollte, habe ich irgendwie nicht verstanden. Ich fands jedenfalls schade, dass sie sich gezwungen sah, sich auszuziehen und eine 20€ Puppe zu verbrennen- und das auch noch an einem Kreuz. Symbolik die wohl irgendwie nur die FEMEN selbst verstehen.

Natürlich ist es keine Realität die Barbie™ lebt. Natürlich ist das, was sie so tut, nichts weiter als (bereits fertige) Nahrung zu produzieren, Essen, Kleidung einkaufen, sich schön machen und Spaß haben. Es ist eine traumhafte- nicht reale Welt. Es ist etwas, das fern von Belastendem ist, eine Insel.
Ich finde es eigentlich- so ganz grundsätzlich- schön, wenn es etwas gibt, dass Kindern so eine Insel bereitstellt. Schade ist es aber, dass es bei Barbie™ viel um „Ich bin du“ geht, die Vermarktung allein auf kleine Mädchen ausgerichtet und damit tatsächlich limitierend ist.

Es ist ein klares Signal: Barbie™ und alles was damit zu tun hat, ist nur für Mädchen. Der logische Schluss ist, das für Mädchen genau das geeignet ist- für Jungen nicht. Als würden Jungen nicht auch gerne Kochen, Essen, Einkaufen und Spaß haben. Nicht auch die Farbe Pink mögen können und Glitzer meiden. Und- wenn man sich mal das derzeitige ausschließlich für Jungen bereitgestellte Angebot anguckt- als hätten sie kein Anrecht auf eine ruhige, harmonische Umgebung!
Jungen sind mit teilweise so krasser Gewalt durch Spielzeug (und auch Kleidungsaufdrucke) konfrontiert, dass ich mich ernsthaft frage, wie die Eltern und sonstigen Erwachsenen um sie herum, das kompensieren sollen- ein Gegengewicht herstellen können. Dass sie das müssen, steht für mich außer Frage. Kein Kind kann den ganzen Tag „kämpfen spielen“- irgendwann kämpft es tatsächlich, weil der Radius seiner Spielfiguren zu klein ist.
Das Gleiche haben wir bei der „Mädchensparte“. Irgendwann ist der Punkt erreicht an dem „so tun als ob“ mit Stellvertretern nicht mehr reicht- es muss sich selbst geschminkt werden, schick angezogen werden, mit Lebensmitteln herumgemacht werden.

Der Punkt meiner Kritik ist, dass das Ausagieren der Barbie™welt bei Mädchen wohlwollend betrachtet wird und sozial erwünscht bzw. mindestens akzeptiert wird. „Es könnte ja auch schlimmer sein“ mit einem strengen Seitenblick auf die Jungs, die sich gerade mal wieder prügeln, weil sie ihre Pillen nicht gekriegt haben.

Ich denke, dass Kinder spielen dürfen sollen, womit sie wollen- doch mit dem Spielzeug selbst keine Realitätsnähe vorgegaukelt bekommen sollten, wenn sie ganz ganz klar, keine Realität ist. Und vor allem sollten sie ihre Lebensrealität mit der ihrer Spielzeuge vermischen können, ohne zig Hilfsmittel des Herstellers dazu zu brauchen.

Meiner BabyBorn™puppe fehlen zwei Fußspitzen- irgendwann hab ich ihr wohl mal die Nägel geschnitten. Sie klappert, weil ich ihr mal, statt des Instantbreis, echte wohlbekömmliche Sandsuppe serviert habe. Sie kann nicht mehr „weinen“, weil sie mit mir im Meer gebadet hat und das Salzwasser die Löcher verstopfte. Sie ist also eigentlich irgendwie kaputt. Aber sie ist unsere Begleiterin bis heute, selbst in diesem Zustand. Ich konnte ihr auch Babysachen von echten Babys anziehen, konnte sie auch in meinem Bett schlafen lassen, konnte sie auch aufs echte Klo setzen.
Eine Barbie™puppe wäre in wenigen Wochen zum stets nachzufüllendem Schlund geworden. Barbie™ gibt es eben nur mit Barbie™ -Kleidung, Möbeln… ihrer Realität.

Und wo wir gerade bei der Realität sind- einen Kritikpunkt an der Barbie™ -The Dreamhouse Experience™ habe ich noch. Sie ist gruselig!
„Das Nuf“ hat die Ausstellung (ne- man merkts doch eigentlich: Kunst wird „ausgestellt“- Realität wird „dargestellt“) besucht und ein Kurzvideo von Barbie™s Toilette gemacht.
Klick mich
ALTER!
Ich weiß ja nicht, wie sich Kinderköpfe den Umstand erklären, dass ihnen ein Delfin daraus entgegen guckt, aber ich muss dabei an eine Folge bei AkteX denken, in der aus einer öffentlichen Toilette lauter Ratten heraus kamen. Ich war damals 15 und doch hatte ich eine ganze Weile mit der Vorstellung zu kämpfen. Meine Beziehung zu Abwasserrohren war nie wieder die Alte…

Wie gehen die kleinen AusstellungsbesucherInnen (bitte bitte- sagt mir nicht, dass da gar keine Jungs hingehen) mit dem um, was sie dort sehen? Was entwickeln sich für Wünsche? Wie ist es für sie, lauter Plastikdinge zu sehen, die sie nicht anfassen dürfen? Es ist dort so viel hinter Glas und nicht erspürbar. Laut Homepage des Veranstalters ist das interaktivste eine Schlittenfahrt vor einem Bildschirm, ein paar Schminkplätze, ein Spiegel, ein elektronisches Klavier (das man doch kaum hören können wird, wenn die Bude voll ist) und wieder Computer an denen etwas gemacht werden kann. Gibts Barbies mit denen man spielen kann? Gibts wenigstens eine dieser Torten oder Cupcakes zum Essen?
Wenigsten eine Zuckerexperience muss es doch dort geben…

„der Weg“ ist der Weg- nicht das Ziel

Nach einem Tag wie gestern, in dem viel ums Wachsen ging,553608_web_R_K_by_Andreas Hermsdorf_pixelio.de
kommt auch die Gedankenwuselei um die Zukunft auf und damit die Unsicherheiten, unbequeme Realitäten und Fakten.
Wir selbst und die Steine, die wir sowohl uns selbst, als auch von außen in den Weg gelegt bekamen.

Wie geht es weiter mit den Rosenblatts?
Sie sind noch keine 30, haben eine mittlere Reife, geistiges und körperliches Potenzial. Sie sind motiviert grundsätzlich etwas zu schaffen und leicht zu begeistern.
Aber was denn nun zum Geier? Und vor Allem: Wie?

Letztes Jahr haben wir 152 Bewerbungen rausgeschickt, um im Handwerk einen Platz zu bekommen. Doch trotz lautstarkem Gejaule der Branche, konnte es sich selbige dann doch noch leisten 17 jährige männliche Menschen zu bevorzugen.
In den letzten 5 Jahren haben wir so viele Absagen und Zettel über Teilnahmen an diversen Trainings, Praktika und Probearbeitszeiten kassiert, dass wir einen Aktenordner füllen konnten und haben es dann aufgegeben.

Dann die Idee doch das Abitur zu machen. Abendschule. Wieder. Obwohl wir doch eigentlich genau wissen, dass das so derartig kräfteraubend und auch systemverändernd ist. Es ist für jeden Menschen- egal, ob multipel oder nicht, klar, dass kein Mensch, der in der Woche ca. x Stunden schläft, permanent körperliche Verletzungen heilt und einfach grottig schlecht in Sachen Ernährung gestellt ist, in der Lage ist, so funktional zu sein, dass er es ohne Versehrung irgendeiner Ebene schafft, sich an 5 Tagen in der Woche auf Lerninhalte zu konzentrieren. Die Rosenblatts aber- die melden sich für die Schule an. Könnte ja klappen- hat ja immer geklappt.

Die Zeit nach der letzten Abendschule- ach- war doch toll so dünn! War doch trotzdem geschafft und hey- wir haben uns gut regeneriert danach, so mit dem ganzen Krams drumrum, den Pflegetieren und den Jobs und so…

Eigentlich haben wir gerade ein Level erreicht in dem es uns „okay“ geht.
Am Tag werden zwei Artikel geschrieben. Sich weitergebildet, damit man keinen Quatsch schreibt und damit auch ja keiner merkt, was für eine minderwertige Abfallexistenz diese Worte aneinandergereiht hat.
Das Buch wächst langsam vor sich hin und wird vielleicht eventuell etwas, von dem viele Menschen etwas haben. Oh ja das Buch wird etwas, das vielleicht endlich mal etwas ist, dass die Rosenblatts zu jemandem macht, der auch etwas zurückgibt. Endlich!

Aber noch ist es so, dass jeder Artikel, jeder Satz ,jede Aktivität die verrichtet wird, sowas von ein inneres Verbrechen ist, dass das Leben außerhalb dessen, eigentlich nur eine Bezeichnung zulässt: Qual an deren Ende gearbeitet werden muss.

Es ist subtil- man merkt es nicht, wenn man mit uns zu tun hat und die Spaltungen, die wir in uns und im Außen haben, generieren nur allzu leicht ein Leben damit. Dinge die uns belasten könnten, belasten niemals die leidende Ebene, sondern ausschließlich die Kompensierende. Jene Ebene, die eigentlich die Leidende unterstützen könnte. Doch das ist schmerzhaft und konfrontiert mit einer Ohnmacht.

Wer wählt die Ohnmacht, wenn er Macht und Aktivität wählen kann?
Wir haben die ganzen Bewerbungen immer rausgeschickt, weil wir davon ausgingen, dass wir auch mit Abstrichen zwar, in jedem Fall in der Lage gewesen wären, das alles auszubalancieren.
Jetzt ist da der Freiheitsschock. Da ist eine Bombe hochgegangen und es ist nicht mehr die Frage, wie man Schutt und Asche aus der Vergangenheit verschiebt, um neue Häuser aufzubauen, sondern die Frage, wie man verhindert, dass einem die Verletzten wegsterben, die Brände gelöscht und die umherfliegenden Schrabnellen der Vergangenheitstrümmer, das neu aufgebaute Strohüttchen und Lazarettzelt noch kaputt fetzen- noch WÄHREND man sich auf den Weg macht, neue Häuser zu bauen, Bäume zu pflanzen und Bedingungen zu erschaffen, die ein gesellschaftlich höher anerkanntes Verdingen ermöglichen.

Es ist ein Schwanken zwischen alt und neu- bekannt, doch einfach nur furchtbar und unbekannt, doch so sehr gewollt. Dann sind da Rosenblätter die sachte rauschen: „Hey- es ist Zeit! Keiner außer das Arbeitsamt drängelt, dass wir etwas machen sollen. Dafür haben wir die Zettel auf denen draufsteht, dass wir chronisch krank sind- das impliziert, dass man zwar Absprachen machen kann, aber nie und immer genauso wie chronisch gesunde Menschen auch dem so zu entsprechen in der Lage ist. Wir können doch jetzt die Kraft in die Therapie stecken- nicht arbeiten oder lernen. Keine Vermeidungstänze machen mit zig Jobs und Parallelleben aneinander vorbei… Einfach erst mal wieder ein Plateau erschaffen, das man nicht „Stück für Stück- Suizid“ nennen sollte. Schlafen, Essen, keine körperliche Selbstversehrung mehr. Das ist doch die Basis. Wir würden doch anderen Menschen die genauso überleben, wie wir es tun- und auch noch gezwungen sind das „Leben“ zu nennen, weil wir gerade in diesem Zustand existieren und zurecht kommen- auch nicht auferlegen, zur Schule zu gehen, gefälligst niemandem auf der Tasche zu liegen, sich jetzt aber endlich doch mal aufzuraffen etwas Anderes zu tun, als das, was ihnen Kraft und Hoffnung, ein Ausleben ihrer Begabungen ermöglicht…“

Doch dann sind da die Rosenblätter, die genervt sind. Die sich aufbäumen und sich gefangen fühlen. Stets und ständig abhängig gemacht sehen: „Wir sind doch jetzt nicht mehr so bedürftig! Wir haben schon das das das das und das geschafft! Jetzt muss doch endlich mal ein Schritt vorwärts kommen, der uns auch nach außen autonom macht! Wie soll das denn werden in der Zukunft? Hartz4 und Kinderwunsch- ein absolutes no-go! Kinderwunsch und DIS- oh man- man kann ja schon richtig hören was „die Leute“ dazu denken! DIS und die Welt besser machen- das kann doch nur schief gehen! Wir machen das jetzt einfach alles gleichzeitig- jetzt kurz 3 Jahre zusammenreißen, Abi, Studium, bezahlte Arbeit, Familie mit Kind. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wir kriegen das schon hin irgendwie. Es geht immer irgendwie…“

Und dann sind da die beobachtenden Rosenblätter, die daneben stehen und sehen, dass sich das gesamte Rosenblättergemisch mittels Zukunftsgedanken einfach nur wieder ein Werkzeug für den Suizid schnitzt.
Also schreiben sie ein Artikel darüber, merken, wie Kraft des Tages wieder in Worte geflossen ist und nicht in das Abschicken der Hartz4-Zettel für die vollständige Anmeldung in der Schule, nicht in die Selbstfürsorge und auch nicht in die Veränderung dessen, was man verändert haben will.

Vielleicht schafft man es heute endlich mal darüber zu weinen. Vielleicht mal so etwas wie eine Trauer darüber, dass man nun frei ist, zuzulassen. Nicht zu wissen, wo man jetzt steht und auch nicht zu wissen, wo man steht, wenn „Zukunft ist“. Vielleicht ist es dran zuzugeben, dass man das Ende seiner Gefangenschaft, trotz aller Schmerzen und Leiden, auch als unglaublich großen Verlust empfindet und nur deshalb in zu hohe Ansprüche geht, weil man so etwas noch nie von anderen AussteigerInnen wahrgenommen hat.
Bei denen steht immer soviel bockige Energie- da steht immer was von Kampf und Mut. Vom Annehmen, der inneren Dunkelbunten und „ihnen beibringen, dass es jetzt alles toller ist“. Da steht immer so viel Zukunft.

Aber irgendwie selten die Gegenwart, die sich in festumklammerten Selbst-s-Foltermethoden aus bekannter Verpflichtung heraus und Sturmdrang in Richtung Leben und Freiheit in Gänze vermischt. Diese Episode, in der man wie mit Vollgas und angezogener Handbremse auf das Ergebnis des Todes zuschießt- Stückchen für Stückchen, total subtil, händchenhaltend mit all seinen Gemögten und Begleitern und Verbündeten.

Einfach so- noch während man ein anderes Ziel für sich konstruiert und von den Wellen der Kraft auf denen man manchmal so reitet, auch zu ertrinken Gefahr läuft.

Vielleicht hat es auch mit einem Akzeptanzprozess (einem Wachsen) zu tun, dass man aktuell zu einem Opfertäter an sich wird. Und der Akzeptanz, dass man dies erst wirklich genau weiß, wenn man in dem Bereich ausgewachsen ist. Dann, wenn Zukunft ist.

die andere Seite

Wir stehen gerade bei zwei Menschen so ganz flüchtig peripher im Ausstiegsprozess und irgendwie…

Es frisst uns nicht auf, wir fühlen uns nicht getriggert im Sinne von „Oh weh, oh weh“. Wir ziehen uns raus und nehmen mehr die Position ein, in der man Mut zuspricht und eine Richtung zeigt. Die Menschen bestärkt und den richtig professionellen Helfern hier und da eine Info gibt (und ihnen Mut macht und sie bestärkt).

Aber zwischendurch kommt da doch schon auch sowas hoch von: „Wieso hatte ich das nicht? Wieso mussten wir uns so lange quälen und die bekommen in mir jemanden an die Seite, der so viel gibt?“
Ich weiß, dass wir den Menschen viel geben. Ich weiß, wie krass man in der Situation danach lechzt, dass einem jemand sagt: „Es wird ein Ende haben, es wird in einer Eigenmacht enden, du bist so weit, du kannst das, ihr schafft das, es ist keine übergroße Sache, es ist nicht mehr, als das was es ist…“

Wir haben das so gebraucht damals. So sehr. Aber damals kam das nicht.
Unser mit uns verbündeter Mensch hat uns Sicherheit vermittelt, hat auf uns aufgepasst und war da. Doch es war nie formuliert und nie auf dieser Ebene genährt.
Der Mensch hat immer gehandelt und uns zur Handlung gebracht- was gut war!- doch „das Gefühlsding“ haben wir uns selbst einbringen müssen. Wir haben uns in etwas hineinsteigern müssen, dass manche hier jetzt so sehr suchen: Dieses Gefühl, dass alles richtig und gut ist und, dass man es wirklich geschafft hat.

Doch das Gefühl stellt sich nicht ein. Logisch- das kann es auch nicht, weil, dass was wir geschafft haben so einfach im Sinne von basisch, so ungegenständlich ist.
Man merkt Gefangenschaft nicht daran, dass man sich gefangen fühlt, sondern daran, dass es weh tut, wenn sich frei bewegen will.
Freiheit bemerkt man ja auch anhand der Dinge, die man plötzlich kann, ohne Schmerzen oder einen Schaden zu ertragen zu haben.

Vielleicht ist es Neid, vielleicht ist es Trauer, vielleicht ist aber irgendwie auch die Emotionskeule, die uns während des „aus- dem- Gewaltkontakt- Aussteigens“ selber erspart geblieben ist, weil wir uns nicht damit befasst haben.

Diese Menschen so zu beobachten, ist natürlich auch ein Spiegel in die Vergangenheit für uns. Diese Zerrissenheit, diese erzwungene und doch gefühlt selbst gewählte Loyalität zu den Tätern, dieser (Über-)Lebenswunsch, diese Ängste, die Abhängigkeit, der Druck, die Schlaflosigkeit, die Gewalt…
Uns wird klar, wie groß das Ding ist, dass wir vor ein paar Jahren da eben einfach mal so durchgezogen haben- einfach nur überlebt haben, ohne darüber nachzudenken- ohne wirklich so klar und fest vor sich selbst davon überzeugt zu sein, das Richtige zu tun.

Wir stehen jetzt auf der anderen Seite. Erwachsen, frei, mächtig, hilfreich für andere. Doch wie wir damit umgehen wissen wir nicht. Wir sind nicht verpflichtet etwas zu tun. Dafür stehen wir nur in der Peripherie und können auch jederzeit sagen, dass eine Grenze der Belastbarkeit erreicht ist.
In dem großen Hilfeapparat sind wir wirklich nur das kleine Stimmchen, dass immer wieder sagt, dass es sich lohnt, dass diese Menschen ein Recht darauf haben frei zu sein und so weiter.
Aber ich weiß, wie groß genau das für uns gewesen wäre, hätten wir das so immer zu hören bekommen.

Vielleicht habe ich tatsächlich Angst davor, von jemandem als wirklich so erwachsen, mächtig und hilfreich gesehen zu werden, weil es mit einer Verantwortung einher geht.
Vielleicht ist es einfach ein Symptom von asynchronem Wachstum. Wir haben das Eine fertig- doch das Andere noch nicht. Vielleicht sind wirklich noch nicht fertig gereift.

Jetzt um diese Zeit vor ein paar Jahren, haben wir auf einem Sofa gelegen und haben innerlich geschrien vor Schmerzen, haben die Hölle vor Augen immer wieder und wieder und wieder ablaufen sehen. Wir hatten so eine Scheißangst um unser Leben und hatten einen Bewegungsradius von 2 Metern um dieses Bett herum. WC, Kotzeimer, Kühlschrank, Bett, Hölle. Augen auf, Augen zu- es war egal-  immer nur Angst Angst Angst
Und obwohl wir nicht allein waren, war dieses Gemisch nicht wegzukriegen. Wir mussten dadurch und alles was wir nutzen konnten, war das „gemacht bekommen“ von dem mit uns verbündeten Menschen.

Ich bin unsicher in dem was wir tun. Aber nicht vor den Menschen, sondern nur vor mir selbst.
Merke, dass in mir Anspruch an mich ist, der weit über das hinausgeht, was von mir zu erwarten ist. Doch es ist so ungreifbar einfach. Das ist nichts von dem man irgendwie sagen kann: „Ja dann mach doch das und das“.
Das ist etwas Inneres, das irgendwie offenbar einfach nicht so groß ist, wie ich es gerne hätte…
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Es ist das Bild, dass ich immer von „der anderen Seite“ hatte, das sich nun auflöst und zeigt, was wirklich dort steht: Menschen, die es auch nicht besser wissen, besser können. Die nicht mehr als das geben können, was sie können- obwohl sie doch vermeintlich so viel besser da stehen, weil sie nicht diese Art von Hilfe brauchen.

Es wird so deutlich, dass es keine Götter sind, die mit einem Fingerschnippen alles beenden können. Sondern einfach Menschen, die vielleicht genau wie man selbst irgendwann mal genau die gleiche Hilfe gebraucht haben.
Es wird klar, dass es die andere Seite nur gibt, weil man sie dazu gemacht hat. Machen musste, weil es anders nicht zu ertragen war.

ein paar behinderte Gedanken zu Menschen mit Behinderungen und Behinderungen an sich

Morgen haben wir einen Termin in der Abendschule.
Es geht darum sich vorzustellen, seine Bewerbung, seine letzten Zeugnisse und Unterlagen zur Person abzugeben. Es wird darum gehen zu schauen, ob wir dort sein können, was wir für Unterstützung bekommen können, was für Anforderungen gestellt werden.
Ich bin schon angekritzt darüber, nicht einfach nur meine Unterlagen dorthin schicken zu können und dann nur noch auf einen Anmeldebestätigung warten zu müssen.
Aber wir fallen aus den Aufnahmekriterien heraus, also bleibt uns keine andere Wahl.
Voraussetzung ist eine abgeschlossene Berufsausbildung und 2 Jahre Arbeit, sowie Arbeit oder ein zu versorgendes Familienmitglied nebenbei.
Tja, damit können wir leider nicht dienen- und wenn wir es könnten, würden wir uns sicher nicht noch mal 3 Jahre Abendschule geben.

Ich fand mich richtig gut in dem Telefonat mit der Sekretärin. Ich war sachlich, logisch und nicht defensiv.
Ich sagte, ich hätte gerne einen Termin mit dem Schulleiter, um abzuklären ob und wenn ja was für Möglichkeiten es für mich gibt, auch mit meiner Schwerbehinderung (Bumms! Ich habe das Wort gesagt!) teilnehmen zu können und wie die Lage in Bezug auf Unterstützung von Seiten der Schule aussieht.
Die Sekretärin gab mir einen Termin und stellte dann die Preisfrage: „Darf ich Sie fragen- sitzen Sie im Rollstuhl?“. Ich antwortete, das sie mich natürlich fragen darf und, dass ich nicht im Rollstuhl sitze.
(Btw: Was ist das bitte für eine Sprachführung?! Den Rest des Tages fragte ich mich, ob sie mich nur fragen wollte, ob ich einen Rollstuhl benutze oder, ob sie mich fragen wollte, mich etwas zu fragen zu dürfen und dann die Frage nach der Behinderung stellte, und ob ich nun richtig reagiert hatte oder nicht.)

Es ist eine kleine Episode. Total normal und nicht schlimm.
Aber wieder kreiseln in meinem Kopf viele Gedanken wüst hin und her.
Da ist zum Beispiel der Gedanke zum „Standartbehinderten“ in der breiten Masse.
Ich bin mir nicht sicher, aber viele Menschen auf die ich so treffe, oder gerade so in Bezug auf normierende Bürokratie, wie jetzt zum Beispiel in der Verwaltung der Schule, scheint es die Verknüpfung: Schwerbehinderung= das Plakat von „Aktion Mensch“ zu geben.
Schwerbehinderung, das heißt, Rollstuhl, Blindenführhund, Gebärdensprache, eine futuristische Prothese oder die spezifische Physiognomik von Menschen mit Down-Syndrom. Schwerbehinderung das heißt: „Himmel wie kommt der Mensch bloß klar?! Der muss ja total viele Sachen im Alltag anders machen. Der braucht ja richtig viel Hilfe, weil er was nicht kann, was sein Körper (und hier biologistisch eingeflochten der „Geist“ wie der derzeit einzig ausmessbare Intellekt falsch benannt wird bei „geistiger Behinderung“) ihm verweigert.“
Schwerbehinderung heißt auch: „Boa guck mal, was der Mensch TROTZDEM (nicht etwa MIT) kann.“ Heißt auch: Aussagen von den betreffenden Menschen „Ich leide nicht unter meiner Behinderung- ich leide darunter, wie meine Umwelt mit mir umgeht.“. Heißt immer und immer und immer: anders als „DIE ANDEREN“.

Nun ist es so, dass man, wenn man länger als 6 Monate an der gleichen Sache erkrankt ist, als chronisch krank gilt. Und damit ebenso als schwerbehindert.
Und Peng!- steht man vor einer Gruppe von Menschen mit Behinderungen die sogar „anders als die anderen Schwerbehinderten“ ist.
So wie ich.

Für mich ist es eine Bombenhürde zu diesem Termin zu gehen. So bombig, dass ich den Termin höchstwahrscheinlich nicht einmal erinnere. Der Besuch der Schule ist für ich eine Ansammlung von Barrieren, die nicht weggeräumt werden können (und um Himmels Willen auch nicht sollen), um mir den Zugang zu erleichtern. An mein reflexhaftes Umschalten auf Todesangst und in der Folge anpassendes Dissoziieren, kann man weder Rampe, noch Bildtafel, noch Audiomitteilung, noch leichte Sprache dran stellen, um sie (wenigstens in Teilen) zu kompensieren. Ich kompensiere ja selbst bereits in der Situation und breche erst nach einer Überbeanspruchung dieser Fähigkeit zusammen und werde handlungsunfähig. Erst dann kann ich Unterstützung erhalten.
Ich kann sehr gut verstehen, warum es dann schwer fällt, mich als „jemand mit grünem Ausweis“ wahrzunehmen. Wir turnen in der Schule rum, sind produktiv, motiviert, engagiert, geistig fit, aktiv und zuverlässig… bis ich vielleicht das Pech habe, von einem Lehrer in zwei Fächern gleichzeitig unterrichtet zu werden. Bis Mitschüler versuchen außerhalb des Unterrichtes mit mir Kontakt zu haben. Bis es eine Hausarbeit oder ein Projekt über einen Zeitraum wie die Ferien gibt. Bis es außerhalb des Schulkontextes eine so schwere Krise gibt, dass die Somatik sogar bei den Schulgängern ankommt. Also bis zu ziemlich genau dem Zeitpunkt in dem unser Kompensationsmodus zur Kompensation des Gesamtzustandes werden muss.
Es ist gut, wenn ich zum Beispiel jetzt in der Schule einen Menschen habe, dem ich das so erkläre und mit dem ich Absprachen treffe, die mich davor bewahren, mich vor Lehrkräften auch noch erklären zu müssen oder indem sie mich nicht rausschmeißen, weil ich dauernd fehle, mir den Stoff nach Hause bringen oder ein Pauschalattest für Fehlzeiten akzeptieren und mir Gelegenheit geben Tests nachzuholen.
Doch mit der Kompensation der Behinderung selbst bleibe ich auf eine Art allein, die unsichtbar und der als Krankheit bezeichnete Zustand ist. Man sieht sie von außen nicht, man merkt sie mir nur an, wenn man drauf achtet und sogar ich selbst kann dies erst formulieren, wenn ich nicht mehr mehr genau dort in der Schule sitze, sondern hier bei mir zu Hause. Dann nämlich, wenn ich hier sitze und halbgeist-kopfig Hausaufgaben zu erledigen versuche, die ich nicht verstehe und einen Tag nachzuvollziehen versuche, den ich nicht gelebt habe.

Ich könnte nun auch sagen: „Ja ich leide ja nicht unter meiner Behinderung- meine Umwelt geht nur falsch mit mir um“. Das stimmt ja aber nicht. Meine Umwelt geht total richtig und entsprechend mit meinem Verhalten und Wirken mit mir um. Was kann denn meine Umwelt dafür, wenn mein Gehirn nicht für diese Normalität ausgerüstet ist und mein Verhalten und Wirken eben nicht mit MIR(in jedem meiner Zustände) zusammen passiert?
Meine Umwelt hat gar keine andere Chance als für mich unpassend zu sein und ich bin dankbar dafür. Doch das ist etwas das konträr zur stetigen Forderung steht, Barrieren für Menschen mit Behinderung abzuschaffen. Meine Barriere bin in erster Linie mein Erleben meiner selbst (und meiner Umwelt) und erst dann die ungünstigen Normen und Bestimmungen außen.
Wir könnten ja auch das Abitur im Fernlehrgang machen. Ich bin aber abhängig davon in diesen „Schulgängerzustand“ zu geraten, um Zugriff auf das Schulwissen der Abendrealschule und der Schulen zu erhalten. Ich bin also abhängig davon „unter meiner Behinderung zu leiden“, weil ich sonst gar nicht erst die Chance auf Bildung und damit dann später vielleicht ein Studium und noch später vielleicht einen Beruf und damit dann endlich Unabhängigkeit habe.P5310032

Ich stelle mir viele Fragen rund um die Themen der Menschen mit Behinderung und fühle mich dabei behindert.
Da sind die Normen der Leistungsgesellschaft und da die Kritik und die Änderungswünsche derer, die ihnen nicht entsprechen können.
Da ist der Nutzen von pränataler Diagnostik und da die 95% der Fälle von Abtreibung der Föten mit nachgewiesener Wuchsrichtung jenseits der Norm.
Da ist der Ruf nach Inklusion und da das Unterstreichen (müssen) von Andersartigkeit.
Da ist das Leiden und da die Verneinung eines solchen.
Da ist das Versprechen mehr für Menschen mit Behinderung zu tun und da die Förderung von Werkstätten in denen des schlechte Bezahlung und keine Aufstiegschancen gibt.
Da gibt es die Entwicklung von bionischen Prothesen und da die strukturelle Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen, die dafür sorgt, dass sie nie genug Geld für genau diese Prothesen haben werden.
Da gibt es den Beruf des Inklusionshelfers und da aber die Ablehnung von Bewerbern darauf, die selbst einen grünen Ausweis haben. (Boa! Ich hab mich so so so sehr darüber geärgert!)

Manchmal bin ich froh darum, dass wir mit vielen Menschen „anderer Wuchsrichtung“ zusammen gelebt und mit ihnen zusammen gearbeitet haben. Auch wenn wir natürlich keine globale Ahnung von ihrer Lebensrealität haben, haben wir so doch das Bewusstsein, dass die Menschen mit Behinderungen sind- nicht „Behinderte“.
Doch komme ich nicht umhin mich doch noch anders zu fühlen.
Ich bin bis jetzt die einzige Multiple, die ich kenne, die sich diese Störung als Schwerbehinderung hat anerkennen lassen.
Ich hätte es auch anders machen können. Aber in einem Anflug von politischem Trotz war es wichtig für uns gewesen, zu unterstreichen, dass die erlebte Gewalt so schwer war, dass die Folgen heute uns so sehr beeinträchtigen, wie das Fehlen einer körperlichen Fähigkeit.

Es war gut und richtig das zu tun. Wir lassen uns in der Hinsicht nichts anderes mehr sagen, weil es für uns bedeutet hätte, wieder etwas unsichtbar zu machen, wenn wir das nicht getan hätten.
Aber es war auch das Übernehmen einer Aufgabe, die ich mit allen Menschen mit Behinderung teile: Das Eingestehen und Vermitteln meiner (hochprivaten) Probleme an Menschen die genau dieses oben benannte Bewusstsein nicht unbedingt auch haben.
Eine Aufgabe, an der ich, als Innen in diesem Einsmensch hier, genau wegen dieser Probleme scheitern werde.