Ich habe wieder das Podstock-Festival besucht.
Es war toll, hat Spaß gemacht und war wie immer mein Flauschtankpunkt.
Am letzten Tag gab es eine kleine Diskussionsrunde zum Thema der sogenannten „künstlichen Intelligenz“. Auslöser war ein Click-Adventure, das Teddy für Esel für ihren Podcast erstellt hatte. Toby, ein langjähriger Fan der „Esel und Teddy Show“ und ebenfalls Podcaster, hatte jeden Spaß an der Folge verloren, als klar wurde, dass das Adventure KI-generiert war.
Die Diskussion sollte Positionen klären. Ausloten: Wo stehen wir da eigentlich miteinander?
Mir war die Runde zu kurz. Und Jörn hat am Montag in seinem feinen Podcast auch noch seine Gedanken zu KI geteilt. Jetzt teile ich meine Gedanken hier.
Mir geht es wie Toby, wenn ich erfahre, dass etwas, das ich im weitesten Sinne mit Kunst verbinde, „mit Hilfe von KI“ entstanden ist. Der Spaß am Produkt ist sofort weg.
Und nicht nur das. Auch die Annahme, dass es bei der Funktion des Produktes um einen gezielten Kontaktversuch mit mir geht, wird enttäuscht. Ich fühle mich zum Konsumenten degradiert. Zum Vernutzungsendpunkt. Aufgrund meiner sinnlichen Täuschungsfähigkeit sogar missbraucht, wenn es um Videos geht, die sehr realistisch und emotional aktivierend sind. Und ich erlebe mich als Mitmensch ausgeklammert, ausgeschlossen, egalisiert, wenn es um den Akt der Produktion geht.
Hintergrund dieser Empfindungen ist mein Leben mit Behinderung, als Person im Kreativbetrieb, welcher heute im kommerziellen Bereich weitgehend digitalisiert ist.
Weil ich mit einer Behinderung lebe, war der kreative Bereich für mich gewissermaßen schon immer einfach „gebucht“. Da wird Leistung einfach anders bewertet und Anpassung eher individualisiert als in anderen Arbeitsbereichen. Bisher galt dort oft: Gut Ding will Weile haben. Die Muße muss kommen und angemessen wirken können, nicht alles ist Handwerk. Wenn etwas wirklich schön werden soll, dann funktioniert Zeitdruck nicht, sondern Auftrags- und Versorgungssicherheit. Raum. Zeit. Prozess. Kommunikation.
Diese Auffassung verändert sich seit der Industrialisierung immer mehr. Seit Maschinen Dinge produzieren, wird anders über Produktionszeit gedacht. Als schnell gilt heute zum Beispiel nicht mehr die Erstellung eines Logos oder einer Wortmarke in einer Woche, sondern innerhalb weniger Stunden, wenns denn nicht in wenigen Minuten geht.
Ich habe schon mit einer Wochendeadline Probleme. Ich kann nicht jeden Tag die gleiche Anzahl Stunden in die Erstellung von Entwürfen, Einarbeitung von Verbesserungen oder Änderungen stecken. Habe nicht immer die gleichen Kapazitäten für die Entschlüsselung von Kundenkommunikation und das, was passiert, wenn die Adobe Creative Cloud, mein Hauptwerkzeugkasten, ihren Nutzer_innen mit dem neuen Update auch neue Funktionen und Ansprüche an deren Fähigkeiten aufdrängt.
Ich bin nicht nur in meiner Arbeitsfähigkeit stark begrenzt, sondern auch in meinen Lebensfähig- und ‑fertigkeiten. Daraus ergeben sich meine Grenzen der Produktivität. „KI“ wird mir diesbezüglich als etwas angeboten, das meine Grenzen erweitern könnte. Hinterfragt wird dabei nie, ob ich das überhaupt möchte. Ob meine Langsamkeit eventuell Vorteile hat oder Prozesse begünstigt, die unter anderen Umständen gar nicht erst entstehen würden.
Da ich langsam bin, entstehen für meine Kund_innen und ihre Mitarbeitenden freie Zeiträume. Manchmal entstehen so Räume zur Prüfung des Gesamtprojektes. Zeit und Raum dafür, die Kommunikation für mich leichter zu gestalten. Detaillierte Fehlersuchen zu begleiten. Entspannte Feierabende. Kürzere Listen für Tages-To-dos. Raum für Orgakram, der sonst zu kurz kommt. Solange meine Grenzen der Geschwindigkeit mit den Grenzen des Produktionsdrucks meiner Auftraggeber_innen zusammenpassen, kann die Zusammenarbeit gut gelingen. – Weil keine Grenzen überschritten werden müssen.
Das, was aktuell alles als „Künstliche Intelligenz“, kurz KI, bezeichnet wird, verschiebt diese Grenzen extrem durch eine scheinbar mühelose, verlustfreie und ständig bereitstehende Produktionsbereitschaft. Der Produktionsdruck erhöht sich bereits allein durch die inzwischen allgemeine Kenntnis von der Technologie, über die es heißt, sie könnte alles immer, schneller und besser. Denn wozu sich an Tageszeiten, menschlichen Grenzen und strukturellen Bedingungen orientieren, wenn etwas immer und überall von jedem gemacht werden kann? So ist ja im Grunde jede Konvention, jede Grenze obsolet – und hat ja eh auch immer hart genervt, wenn man nicht nur ableistisch, sondern auch ehrlich ist.
Auch was meine Grenzen bedingt sowie die grundlegende Motivation hinter meiner Arbeit bleiben vom Angebot, meine Arbeitsweise mit „KI“ zu ergänzen oder zu verändern, gänzlich ignoriert.
Wenn ich offensichtlich ineffiziente Arbeitsabläufe präferiere, dann ist das für viele nicht behinderte Menschen unverständlich oder schnell mit meiner Behinderung erklärt. Da gibt es die Annahme, ich wäre einfach nicht anpassungsfähig. Oder könnts halt einfach nicht. Da müsste irgendwie viel für mich angepasst werden oder extra sein.
Ob ich vielleicht einfach gerne jeden Schritt meiner Produktion selbst machen oder sehen möchte, weil es mir ein Genuss ist, verstehen in meiner Branche oft nur noch die älteren Menschen, die nie digitale oder mechanische Abkürzungen zur Verfügung hatten und ihre Arbeit einfach leidenschaftlich gerne gemacht haben. Ich scanne freudig stundenlang Dokumente. Ich klicke klaglos auch tage- und wochenlang Kästchen an. Es befriedigt mich enorm, aufzuräumen, zu sortieren, zu ordnen, mir Ordnungen auszudenken, zu kontrollieren und durchzusetzen, Effizienzstudien zu machen, Testreihen anzulegen, Abgleiche vorzunehmen, abzuzählen oder drei bis fünf immergleiche Handgriffe zu tun. Das sind alles Dinge, die überschaubar sind. Vorhersehbar. Und heutzutage nun leider auch weitgehend automatisierbar.
Aufgrund dieser Automatisierbarkeit verkommen Arbeiten dieser Art zu „nix“. Waren es mal „geringfügige Arbeiten“ oder „leichte Tätigkeiten“, sind sie inzwischen fast überall komplett im Aufgabenkatalog von Maschinen verschwunden. Für Menschen bleibt nur noch, was die Maschine nicht kann. Das betrifft häufig Sonderfälle, Ausnahmen und spezielle oder komplexe Konstellationen. Das wiederum führt dazu, dass Arbeit im technischen Service etwa extrem anspruchsvoll wird. Hat man vor wenigen Jahren noch primär dazu angeleitet, ein Gerät aus- und wieder einzuschalten, hat man es jetzt überwiegend mit Kund_innen zu tun, die anstrengende Probleme haben. Auch hier also ein Schauplatz, der mich als behinderte Person bei der Arbeitssuche betrifft.
In der Kunst und freien Arbeit in der Text- bzw. Buchbranche hingegen liegt der Wert für mich nicht im Produkt, sondern in der Produktion (mit anderen Menschen). Ich selbst mache auch noch die in den Augen anderer Menschen bekloppteste Kleinteil-Wurschtelarbeit in der Regel deshalb, weil ich mich selbst dabei fühlen kann, wie ich etwas tue, das etwas ist. Ich mag das Gefühl. Selbst dann, wenn mir dabei langweilig wird oder ich merke, dass ich damit jetzt nicht gerade die ganz großen Schrauben der Welt bewege. Solange ich nicht als Verbesserungstool einer Maschine benutzt oder ökonomisch als weniger wertvoll behandelt werde, bin ich zufrieden. Einfach, weil ich mich als ich selbst erleben kann, während ich in Kontakt mit anderen Menschen bin. Etwas, das für mich aufgrund meiner Behinderung einen extrem hohen Stellenwert hat. Ich bin nicht gut im sozialen Einblenden. Ich halte oberflächliches Geplänkel nicht lange durch. Ich verpasse soziale Hinweise, verletze manchmal unabsichtlich, irritiere praktisch immer mit irgendwas – all das rückt sehr in den Hintergrund, wenn ich mit Menschen zusammen an etwas arbeiten kann. Wenn unsere Kommunikationen einen gemeinsamen Bezugspunkt hat.
Diesen kommunikativen Aspekt von Produktion finde ich in allen Auseinandersetzungen mit „KI“ unterbeleuchtet und auch unterschätzt. Denn was bei der Erstellung KI-generierten Inhalten passiert, ist sowohl gewisse Abtrennung vom Selbst bei der Produktion als auch von anderen Menschen bei ihrer Anbahnung.
Benannt wird häufig, dass Menschen verdummen, wenn sie sich Wissen nicht mehr durch Selbst.Erfahrung aneignen, sondern stets kurzfristig leihen und ohne Anspruch auf Aneignung nutzen. Diese sogenannte Verdummung allein verhindert aber nicht, dass Menschen ein erfülltes Leben führen können.
Was aber dazu führt, ist Vereinzelung und die konstante Überschreitung natürlicher Grenzen. Die bei „digital verdummten“ Menschen immer enger werden, obwohl sie immer kompetenter erscheinen. Und zwar, weil sie nicht mehr kooperieren. Und die Lust dazu oder die Einsicht in die Sinnhaftigkeit dessen immer weiter abnimmt. „Ich kann was nicht, ich weiß was nicht – ich frag mal ChatGPT, bevor ich ein Gespräch oder Treffen mit jemandem anstoße, die_r es mir sagen, mir beibringen kann.“ – das ist der Pfad weg von anderen Menschen und zusätzlich auch von sich selbst. Über die Erkenntnis, dass man selbst ungenügend ist oder etwas weder weiß noch kann, hinaus passiert in der Person nur noch die Wahrnehmung des Unwillens, sich mit anderen Menschen dazu auszutauschen, (neu) zu lernen oder etwas dafür zu tun, dass Lernverhalten und soziale Kooperation stattfinden.
Die KI-gestützte Wissens- oder Kunst- oder Textproduktion funktioniert in diesen Fällen kompensierend. Nicht perfekt, aber besser als nichts – und alles, was man früher, in vordigitalen Zeiten, als selbstverständliche Arbeit verrichtet hat. Hauptsache, es ist was da. Das hilft enorm dabei, das Unwohlsein über die eigene Unzulänglichkeit oder Unfähigkeit zu überdecken.
In meiner Welt ist „Hauptsache, es ist was da“ das Stück, das mir zeigt, was ich kann, was ich noch lernen oder üben muss, aber auch, ob meine verfügbaren Ressourcen reichen. Es ist eine erste Markierung an dem, was ein Bezugspunkt werden kann. Es ist niemals genug, um als fertig eingeordnet zu werden. Oder eben: genug.
Ich verstehe, dass Menschen unterschiedliche Ansprüche an ihre Produkte und Werke haben. Nicht jedes Gebrauchsobjekt muss die Qualität eines Meisterstücks haben. Aber wenn der Anspruch so weit runtergeht, dass etwas nur aussehen oder wirken muss, als sei es ein Gebrauchsobjekt, dann ist das ein Problem. Dann verkennen wir den kommunikativen Wert der Dinge, die uns umgeben und Wirkung auf uns haben.
Teddy beschrieb zum Beispiel, dass er auch mal ein Bingo „mit KI“ generiert hat, weil er jemandem eine Freude machen wollte. Er konnte es schön machen, konnte jemandem auch eine Freude machen – aber Zeit und groß Gedanken oder Energie hat er nicht dafür aufgebracht. Das sind zwei einander widersprechende kommunikative Signale. „Ich mache gerne was für dich, du bist ja mein_e Freund_in“ einerseits und „Ich mache das nicht selbst, nicht investiert, nicht mit echter Aufmerksamkeit (Ich räume dem Akt keinen oder nur sehr wenig Platz neben meinen eigenen Interessen ein)“ andererseits.
Kommunikative Signale wirken immer. Vor allem, wenn wir sie einmal bewusst wahrgenommen haben.
Als Mensch im Kreativbetrieb und in der Textproduktion spüre ich aktuell hauptsächlich das Signal der Ablehnung und Abwertung. „Nein, dich frag’ ich nicht – ich frag’ die Maschine, die mir eine Antwort ohne Profession und ausgebildete Perspektive errechnet.“, „Mit dir red’ ich nicht – ich lass’ mir lieber was erzählen, das wie etwas wirkt, das jemand wie du sagen würde.“, „Ach, das, womit du Stunden verbringen würdest, bevor du es (aufgrund deiner Expertise und Fachkenntnis) für fertig hältst – ist mir 10 Minuten wert, weil ich es am Ende eh gar nicht weiter beachte und entsprechend eigentlich gar nicht wertschätze. (Ich will hier eigentlich nur verdecken, dass ich’s für unnötig halte.)“
Die Abwertung der Dinge und unserer Bezug nehmenden Kommunikation schreitet voran. Und damit wird uns KI meiner Ansicht nach töten.
Wer die starre Heuristik dem fluiden Prozess menschlichen Miteinanders vorzieht, wird über kurz oder lang nicht mehr angemessen auf Gefahren und Herausforderungen reagieren können, die über längere Zeit nicht eindeutig sind. Sei es, weil wir einander einfach zu lange vermitteln, dass weder wir einander wirklich wichtig sind, noch die Dinge, die wir einander geben und zeigen – oder sei es, weil es zu lange dauert, bis genug Menschen an den relevanten Stellen verstanden haben, dass Intelligenz wenig mit korrekter Faktenwiedergabe zu tun hat.
Ich spreche hier nicht davon, dass man verhindern muss, dass „der KI“ „zuviel“ Macht gegeben wird oder dass man sie nur als Werkzeug betrachten darf. Ich bin der Ansicht, dass wir besonders LLMs (also ChatGPT und ähnliche Apps und Komponenten) und Mediengeneratoren in ihrer Wirkung als Gegenspieler zu unserer zwischenmenschlichen Kommunikation begreifen müssen. Und entsprechend begrenzt einsetzen.
Da wir allerdings in der Endphase des Turbokapitalismus leben – und das auf einem Planeten, der diese Phase wahrscheinlich nicht auf eine Art überleben kann, die vereinbar ist mit dem menschlichen Leben – wird eine solche Entscheidung extrem erschwert.
Viele Menschen sind sogar überzeugt, man könne „der KI“ heute nicht mehr entkommen. Und bitte allein diese Formulierungen. „Wir kommen da nicht mehr drumrum“, „Wir können uns dem nicht entziehen“ – würden wir so über etwas sprechen, von dem wir das Gefühl haben, es wäre wirklich gut für uns?
Die für mich logische Reaktion auf solche Aussagen ist Alarmierung.
Doch gesamtgesellschaftlich sehe ich diese Reaktion nicht.
Ich sehe Besorgnis über den Ressourcenverbrauch der Datenzentren und ableistische Argumentation gegen die Nutzung. Aber Angst darüber, wie einverstanden die Menschen damit erscheinen, sich mit immer mehr Müll und langfristig unnützlichem Kram, eingebettet in eine nicht zur Kooperation und gegenseitigen Ver.Bindung führenden Kommunikation, zu umgeben – die sehe ich nicht.
Und das kann ich wirklich nicht verstehen. Wie können wir das nur zulassen? Liegt es daran, dass nicht-autistische, nicht behinderte Menschen so wenig Probleme damit haben, sozial passend zu kommunizieren? Ist da die Ansicht: „Och das kriegt man schon schnell genug wieder hin“? Was ist da los? Woher kommt dieses mir schlafwandlerisch anmutende Einverständnis in die gegenseitige Isolation für leere, lose, unnütze Müllproduktion?
Ich habe viele Ideen dazu, nicht alles, werde ich mir im Leben wohl erklären können.
Sicher bin ich mir aber darüber, dass Menschen an KI und ihren Folgen sterben werden, wenn sich das Nutzungs- und Anspruchsverhalten nicht verändert. Einfach, weil das schon jetzt passiert und im Hinblick auf das, was nötig ist, um KI bereitzustellen (Wasser, Strom, Hardware zum Beispiel), eine Frage der Zeit ist.
Es ist nur noch nicht klar, ob es uns irgendwann wirklich alle erwischt.
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