06072020

Ich sitze im Zug. Die Fahrt geht nach Bielefeld, wo meine Psychotherapeutin ihre Praxis hat.
Gut 120 Kilometer sind zu überwinden. Eineinhalb Stunden fahre ich Zug, 20 Minuten fährt der Freund mich vorher zum Bahnhof, manchmal hat er dabei selbst Arbeitstermine vor oder hinter sich.
Ich übernachte bei einer Freundin. Zwei Mal am Tag so eine Fahrt würde mich so erschöpfen, dass ich den Rest der Woche zur Erholung brauche. So dauert es nur 2 Tage bis ich wieder auf meine ganze Arbeitsfähigkeit von 3 Stunden am Tag komme.

Die Therapeutin und ich arbeiten seit 8 Jahren zusammen. Die Krankenkasse hat vielleicht 2 oder 3 davon bezahlt.
Sie ist keine DIS-Spezialistin und auch keine Autismus-Spezialistin. Sie ist eine gute Psychotherapeutin, die sich regelmäßig fortbildet, Supervision in Anspruch nimmt und in den Urlaub geht, wie sie ihn braucht. Wie selten das unter Psychotherapeut_innen ist, habe ich in aller Schmerzlichkeit erleben müssen.

Es gibt für die Psychotherapie der dissoziativen Identitätsstörung noch keinen einheitlichen Behandlungsstandard. Es gibt fundierte Empfehlungen, Behandlungserfahrungen, eine Leitlinie. Und die Behandlung, die jedes Arbeitsteam durch mühsames “Trial-and-Error” entwickelt.

Es gibt keinerlei Erwähnung von autistischen Menschen mit komplexer Traumafolgestörung in der Fachliteratur.
Bei Wirksamkeitsstudien werden Menschen mit ASS aufgrund ihrer Behinderung praktisch prinzipiell ausgeschlossen.

Wenn ich die Stufen zur Praxis hochlaufe, ist mein linker Fuß „Ich lass mich drauf ein“ und mein rechter Fuß „Ich lass mich nicht drauf ein“. In den letzten 8 Jahren endete ich immer auf dem linken Fuß vor der Tür mit ihrem Namen am Klingelschild. Die Praxis ist einige Male umgezogen. Jedes Mal hatte ich Panik, was passieren würde, wäre es eine Stufenanzahl, die mich auf rechts landen lässt.

Ich habe ihr nie davon erzählt.

05072020

Wir sitzen beim Frühstück. Es ist Sonntag und es kommt mir vor, als hätten wir ewig nicht so zusammengesessen. So richtig. So „Sonntag 11 Uhr Frühstück in unserer Küche“- richtig.
Ich mag das. Ich mag die Tischdecke unter unserem schönen Geschirr, ich mag unser Besteck, ich mag, dass alles so aufgeräumt ist, dass ich alles finden kann, weil ich mich auskenne. Wenn wir so frühstücken, kann ich mich entspannen und wirklich so richtig ganz da sein. Beim Freund, bei unseren Gesprächen, ich habe sogar Kapazitäten dafür, dass Kleckerunfälle auf den Stoff oder Abfallschlachten auf dem Teller des Freundes passieren und sich alles mit den Brotkrümeln vermischt.

„Wie viele Autist_innen gibt es denn so?“, fragt der Freund. Viele, finden wir heraus. Aber weniger als Menschen mit (komplexen) dissoziativen Störungen. Und sehr viel weniger als traumatisierte Menschen.
„Und das ist genetisch ~irgendwas~?“, fragt der Freund. „Ja“, sage ich, „das nimmt man neben vielen anderen Faktoren an. Eine möglicherweise vererbbare Prädisposition.“ Ich presse Luft gegen den Druck um mein Zwerchfell. Das Kinderthema. Für mich sofort da, in Worten nicht im Raum.

Ich sage, dass ich froh bin, möglicherweise nur den Autismus und nicht das Vielesein zu vererben. Merke, wie ich für einen Bruchteil einer Sekunde in Tränen zerfließen könnte, aber doch nichts passiert.

sich im Schmerz zu Hause fühlen

Tag 4 mit einem Körper-Gefühl-Flashback, der nicht aufhört.
Wenn ich einschlafe oder zur Ruhe komme, wird es schlimmer. Will ich einen Gedanken konstruieren oder gar festhalten, zerreißt etwas in mir.

Die Sonne scheint, der Wind fährt mal sachte mal ordentlich über die Haut. Die Kätzchen sind zuweilen so aktiv, dass es aus der Scheune rumpelt. Gisela und/oder Bert sitzen mit großer Ausdauer in ihrem Nest. Die Hunde kommen und gehen, zum Schmusen oder zum Spielen. Die Pflanzen wachsen, blühen, tragen Früchte oder Samenkapseln. Eine der Staudenbestellungen im Frühling ist jetzt angekommen. Kleine Babystrubbel, die am Wochenende ihre Füße in unseren Garten stecken können. Heute Nachmittag werden wir zusehen, wie jemand junge Schleiereulen beringt. Alles ist so toll.

Und alles ist so furchtbar, denn mein Körper signalisiert mir akut bedrohlichen Schmerz. Und Schmerz. Und Schmerz. Er ist so durch_dringend, dass es mich verwirrt, wie einfach ich mich gleichzeitig aber bewegen kann. Wie ich doch lebe, wie doch alles geht und niemand da ist, der mir das antut. Wie es keine Quelle für dieses Empfinden gibt, außer meiner Erinnerung bzw. “Erinnerung”. Wohler würde ich mich damit fühlen es “Gedanken” zu nennen, aber ja blabla Vermeidungstanz nein, das machen wir jetzt nicht, aber doch, es fühlt sich stimmiger an.

Ich habe noch nicht viel gemacht, um den Flashback zu beenden, aber das heißt nicht, dass ich es nicht anders will.
Auf eine verwirrend fremde Art fühlt es sich kongruent an, diesen Schmerz zu erleben. In all seiner Furchtbarkeit und in aller Not, die er bedeutet. Ich weiß, dass ich ihn nicht verdient habe, weiß auch, dass stimmt, was die Therapeutin an Tag 0 des Flashbacks sagte: “Schmerz ist Schmerz”.
Er ist eine Konstante.
In all dem, was dieser Flashback mit sich bringt – Bilder, Gedankenfetzen, Impulse, Informationsbrocken, die mir wie zufällig in den Sinn kommen und ab und zu sogar Sinn ergeben – ist er da und ein eindeutiger Ausgangspunkt. Viel eindeutiger als HeuteHierjetzt, obwohl – ja, mega merkwürdig – wir da durchaus einige andere starke Ausgangspunkte haben. Aber die tun nicht weh, die sind nur da.

Andererseits ist genau das die Tücke. Sich im Schmerz zu Hause fühlen, sich darin sicher und klar fühlen, ist so alt. Übersetzt: so früh(kindlich).

Text mit einer weirden Metapher zum Vielesein

Zwischen dem Haupttrieb einer Tomatenpflanze und ihren Austrieben entwickeln sich im Lauf der Zeit Geiztriebe. Wenn man viele Früchte ernten will, dann soll man seine Tomatenpflanze zur Eintriebigkeit erziehen und diese Geiztriebe abknipsen.

Unsere Vielheit kam mir immer so vor. Wir sind einfach viele, schießen und sprießen aus allen Leerstellen, verbuschen und stabilisieren das, was wir sind. Viel von dem was wir tun und uns erarbeiten ist, zulassen zu können, dass es Leerräume und einen starken Haupttrieb gibt. Wir erziehen uns zur Wenigertriebigkeit.

Ich merke selber, dass dieser Texteinstieg irgendwie beknackt ist, aber
Ja, doch so ist es.

So ist Überleben und am Leben sein und so ist Funktionieren in einer Welt, in der das eigene Amlebensein längst nicht reicht, um darin gesichert zu sein. Alle werden wir hier und da ausgegeizt, zurechtgestutzt und immer wieder neu verpflanzt. Krippe, Kindergarten, Grundschule, weiterführende, Beruf oder Uni – einpflanzen, umpflanzen, ernten, wieder neu einpflanzen…
Wir werden alle dazu gezwungen zu produzieren, wir selbst sind das Produkt. Das ist kein negatives Weltbild, das ist Kapitalismus, das ist die Welt, die Gesellschaft, in der unser aller Leben passiert.

Wir arbeiten uns gerade an Erinnerungen ab, die mit einem Kontext zu tun haben, den wir in der Therapie bisher nie besprechen konnten. Sehr frühe Traumatisierungen, die systembildende Auswirkungen hatten und damit auch Basis von uns allen sind.
Für mich fühlt sich das nicht nach einer Sache an, für die ich viel Mut aufbringe und dann besser im Leben klarkomme. Diesmal werde ich nichts ernten könnten, das mich in einen Beruf bringt, in Produktivität, in schützende Unauffälligkeit, in eine Perspektive auf mich und mein, unser Leben, die mich von Kraft und Zuversicht erfüllt.

Diesmal ist es schlimm und ich merke, in welchem Ausmaß ich nicht genug dafür bin. Obwohl ich schon alles weiß. Weiß, dass man das schaffen kann. Weiß, dass das geht. Weiß, dass es auch nötig ist, um unser Amlebensein so selbstbestimmt zu gestalten, wie wir das wollen. Ich weiß aber auch, dass ich kein Wissen darüber habe, wie man Geiztriebe, die genauso stabil, genauso kraftvoll, genauso produktiv wie der Hauptrieb sind, abknipst, ohne eine Wunde zu hinterlassen, die nicht mehr heilen kann.

in der Stadt

In der Stadt ist man alleiner.
Als ich aus der Therapiepraxis gehe, kann ich im Getöse der Bahn, dem Rauschen der Straße verschwinden. Mich im Flackern der Lichter verstecken, meine Bröseligkeit lassen wie sie ist.

Dass es nicht ist wie immer, wie vorher, wie vor der Pandemie, merke ich an der Schließungszeit des Supermarkts. 20 Uhr. Das ist knapp, nicht genug Zeit zu wählen, zu prüfen, noch ein bisschen länger in dem Gefühl zu sein, dass alles da ist. Auf einem Haufen. Fußläufig, straßenbahnfahrig zu erreichen. Die Welt ist kleiner in der Stadt. Ich kann überall hin. Alles und alle sind erreichbar. Alle sind da und ich stehe allein an einer roten Ampel, links den Einkauf, rechts das Trauma in der Hand.
Es ist kongruent. Das macht viel. Ich will niemanden bei mir haben. Will und muss allein sein. Aber wahrnehmen will ich sie. Will die Gewissheit spüren, dass sie alle da sind. Fußläufig, straßenbahnfahrig erreichbar. Von mir allein. Wenn ich will. Und sie.

Der Krach scheppert an mir vorbei, so verdisst bin ich also wirklich. In mir schreit ein Kind, ich laufe im Kreis durch die Altstadt, vorbei an Kneipen, wo Fußball und Bier schon wieder auf 30 Zentimeter verbindet. Ich betrachte neue Graffitis und einen neuen Fitnesspark, schlucke Tränen runter an einer Gedenkstelle für die Menschen, die in Hanau getötet wurden. Scheiß auf meine weißen Tränen, denke ich und laufe weiter.
Mit jedem Schritt ist es besser. Der Boden unter mir, der Lärm um mich herum. Hallo Welt, ich kann dich fühlen. In der Stadt ist Inputseeking nicht stundenlang im Garten racken oder nur noch unter 25kg Quarzsand schlafen können. Es ist 45 Minuten in Stadtgetümmel baden bis die Nervenbahnen aufgeweicht und die eigenen Schritte, der eigene Atem, die alten anders als die gegenwärtigen Schmerzen spürbar sind.
War uns auch noch nie so klar.

Ich schlafe sofort, schlafe 6 Stunden. Das erste Mal seit einiger Zeit.

der neue Lebenstag

Vor einem Jahr hat die Standesbeamtin unsere Namensurkunde erstellt. Diesen Tag feiern wir nun als unseren Geburtstag.

Man kann eine Geburt an vielem festmachen und vielleicht ist es merkwürdig, einen bürokratischen Akt damit zu verbinden, doch ist es die Bürokratie, die uns immer wieder an die Herkunftsfamilie gebunden hat und immer wieder zu binden versucht.
Seit einem Jahr haben wir unsere Geburtsurkunde, haben wir eine Namensänderungsurkunde. Den Grundstock für das eigene bürokratische Ich, das erste Blatt im eigenen Familienstammbuch.
Jetzt gibt es nicht mehr die Person, die von den Eltern benannt wurde, sondern uns, die wir uns selber benennen, die ihre Kinder benennt, die ihren Ehestatus beurkundet, die irgendwann stirbt und dann vielleicht noch jemanden hat, die_r die Sterbeurkunde dazuheftet. Es ist nicht die Scheidung von der Familie, die wir für uns wollen und vom Staat fordern, aber immerhin ein signifikanter Abbruch vom Familien°stammbaum. Ein Ableger, der sich die Umgebung zur Weiterentwicklung selbst ausgesucht hat.

Manchmal kommt mir das auch wie ein Verrat an dem Kind der Eltern vor. Als hätten wir es verlassen und aufgegeben. Wir versuchen gar nicht erst, uns dieses Empfinden zu beruhigen oder wegzumachen. Es stimmt ja. Es ist ja ganz real nie eine echte Lösung aus und von dem, was unseren Geburtsnamen so problematisch für uns (ge)macht (hat) gewesen, sondern ein Kompromiss, eine Möglichkeit, für die wir uns entscheiden konnten, um die Lösungs- und Er_Lebenswege zu erschließen, die sich ergeben, wenn man sich nicht mit jeder Ansprache direkt in Verbotsdruck oder dem Gefühl der absoluten Grenzübertretung befindet.

Wir sind heute nicht frank und frei, glücklich und zufrieden mit allem, was die Namensänderung bedeutet. Aber franker und freier, glücklicher und zufriedener als wir es vorher waren.
Wir haben das Gefühl, eine Entwicklung angestoßen zu haben, die vorher nicht möglich war. Das Begreifen, dass wir nichts mehr für das Kind tun können, sondern nur noch für die erwachsene Person, die es geworden ist.

internationaler Kindertag

Heute ist internationaler Kindertag.
Ich habe darüber nachgedacht, wie man Kinder sieht. Und, wie man sich selbst als Kind sieht.

In dem außerordentlich guten Film „The Tale“ wird deutlich, welche Erzählung die erwachsene Person, die von ihrem Reitlehrer sexualisiert misshandelt wurde, von sich selbst in dieser ihrer Kindheit hatte.
Sie beginnt die Geschichte von sich als „reife junge Frau“, die gewollt (begehrt?) war und kann erst durch ein Foto von sich in dem Alter erkennen, wie jung sie noch war. Wie kind_lich.

Ich habe dieses Bild von mir nicht. Ich war nie jünger als 16 und nie anders als so beladen mit Alleinverantwortung, Pflichten und Anforderungen an „angemessenes Verhalten“, wie ich das heute bin. Kind waren und sind immer die anderen. Es gibt aus meinen Lebensjahren 16 bis 18 nur die Porträts, die man in meine Klapsakten gelegt hat, damit die Polizei mich finden kann, wenn ich „abgängig“ sein sollte. Da bin ich blass und habe rötliches Haar. Ich sehe weder so aus, wie ich mich gefühlt habe, noch jugendlich, geschweige denn kindlich.
Meine Kindlichkeit damals, kann ich heute am ehesten noch aus meiner Un_Reife ableiten. Aus der Unerfahrenheit im Leben nach der Gewalt in der Herkunftsfamilie. Es war ein neues Leben. Ich war dieses neue Leben.

Vor einiger Zeit haben wir uns mit der Therapeutin zusammen Fotos aus unserer Einsmensch-Kindheit angeschaut. Die Therapeutin sagte, man könne schon in den Babyfotos sehen, dass wir das sind. Für mich ist das ein unaushaltbarer Gedanke. Dieses Baby soll ich geworden sein, ich soll dieses Baby gewesen sein. Nein, nein, das kann nicht sein – das würde ja bedeuten, dass ich irgendwann mal global abhängig war und sich gefälligst mal richtig anzustrengen ein völliges Quatschkonzept ist, vor dem man logischerweise überfordert zusammenbrechen muss. Dass ich mal weder sprechen, noch laufen, noch kauen konnte, noch für Dinge verantwortlich war, weil man mir keine Macht über Dinge zusprach. Das würde ja bedeuten, dass es mal eine Zeit in meinem Leben gab, in dem ich nicht an allem (selber) schuld war, nicht krank, durchgeknallt und der Gesellschaft tendenziell eher unzumutbar.

Ich glaube, dass man immer das eigene Kind ist und alle Menschen immer die Kinder ihrer Zeit bleiben, was ihren Blick auf andere Kinder beeinflusst. Dass ich mich selbst als Jugendliche geboren erlebe, bedeutet, dass ich eine Offenheit für Kinder habe, die ihnen viel Raum lässt, sie selbst zu sein. Ich sehe nicht mich in ihnen, sondern sie. Und dafür brauche ich keine spezielle Spezialhaltung und pädagogisches Fachwissen oder irgendeinen esoterischen Dreh, nach dem sich meine Seele für ihre Seele öffnet und trallalala. Es ist mir einfach eigen und macht es mir sehr leicht, respektvoll und achtsam mit Kindern zu sein.
Und das, obwohl ich so eine bekloppte Irre bin. So eine gefährliche „psychisch kranke“ Person. So jemand, „bei der_m man ja nie sicher sein kann“. So jemand, „wo man ganz genau gucken muss“.

Ah Mist – in die Falle getappt – nicht „obwohl“.
Weil.

die Puppe

Als ich durch das Zimmer schaue und überlege, welches kleine Nähprojekt einfach und erfolgversprechend sein könnte, fällt mein Blick auf unsere Baby Born Puppe. „Dir kann man echt nichts, aber auch gar nichts in die Hand geben. Alles machst du kaputt.“
Ich will nähen, weil es mir gerade hilft, Erinnerungen an schwierige Erfahrungen zu distanzieren. Und die Kinderinnens. Ich kann das immer noch nicht mit einer hübschen Idee von einem super sicheren Ort ganz für sie allein und seit einer Weile versuchen wir auch, sie nicht einfach immer wieder in das weiße Nichts des Schwans zu schieben, also eiere ich durch den Alltag. Tue kleine erfolgversprechende Dinge, arbeite mich müde und zufrieden und hoffe auf Nächte, die verkraftbar sind.

„Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
Die Puppe klappert, als ich sie hochnehme. „Du sollst mich angucken, wenn ich mit dir rede!“ Ich halte sie fest, verlasse das Schlafzimmer und die Erinnerung. Ich schaue aus dem Fenster und denke daran, dass ich später noch die Pflanzen gießen muss.
„Eigentlich mache ich gar nicht immer alles kaputt“ denke ich und bleibe ein bisschen länger in dem Gefühl des Schaffens, das der Garten in uns auslöst. Es hat sich schon viel darin verändert und das unter anderem deshalb, weil der Freund nicht glaubt, dass man uns nichts in die Hand geben kann.

Ich google nach Schnittmustern für Puppenkleidung und finde eins, das für Anfänger_innen geeignet ist. Die Puppe, die nie einen Namen hatte und nie mehr als ein Trainingsgerät für die Tätigkeiten war, die allgemein erwartet wurden, liegt in meinem Schoß und starrt in die Luft. Sie ist ziemlich verstaubt und dreckig. Auf dem Kopf sind Farbstreifen, die Kuppe eines Zeigerfingers fehlt, nachdem Fingernägelschneiden daran geübt wurde.

Während der Drucker röchelnd und ächzend das Schnittmuster aus sich rauswürgt, gehe ich in die Küche, wo die Nähsachen stehen. Sie wiegt vielleicht 400 Gramm und besteht komplett aus Kunststoff. Als ich sie aus dem selbstgestrickten Pullover friemele, klappert sie wieder. „Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
„Ja, was soll ich damit gemacht haben, du Arsch. Vermutlich habe ich damit gespielt. Mit diesem 100% Kunststoffscheiß, der doch ganz logisch irgendwann irgendwie auf jeden Fall kaputtgehen musste.“ Ich schüttle sie nochmal. Und nochmal. Und nochmal sehr kräftig. Es ist schon so lange her und immer noch so eine ungerechte Kackscheiße. „Arschloch bescheuertes“, denke ich und lege die halbnackte Figur auf den Küchentisch. Ich leuchte in die Löcher auf ihrer Rückseite und sehe, dass es Kreuzschlitzschrauben sind, die sie zusammenhalten .

Der Drucker ist längst fertig. Draußen zwitschert die Sperlingsgang, die Sonne scheint. Mir ist schlecht und ungreifbarer Erinnerungsmüll wabert mir entgegen wie eine Algenpest aus der Hölle. Ich schraube die Puppe auf und finde das Stück Plastik sofort. Einer der stabilisierenden Pfeiler im Korpus war offensichtlich nicht gut genug mit der Schale verklebt. Das war unmöglich unsere Schuld. Egal, was wir mit der Puppe gemacht hätten, wäre das passiert. Wir hätten sie natürlich auch nie anrühren können, klar. Aber das wäre sicherlich auch wieder als Zeichen von Undankbarkeit, Gefühlskälte oder was weiß ich gedeutet worden. „Beknacktes, dämliches Scheißarschloch.“ denke ich und schraube die Teile wieder zusammen. „Für die 4 Schrauben hats bei dir dann nicht gereicht. Aber sie zu schlagen und fertig zu machen schon. Das war drin.“

Wie sie so da liegt, macht mich fertig. So steif und starr, nackt und einfach nur präsent, weiter nichts. Man kann alles mit ihr machen. Alles, was man will. Sie wird nie irgendetwas sagen, nie irgendetwas ausdrücken, immer nur da sein und starren und Plattform für alles mögliche sein.
In einer Anwandlung fange ich an, sie sauberzumachen. Das hat etwas von Heilmachen und fühlt sich merkwürdig an. Ich bin gegenüber toten Gegenständen nicht fürsorglich, merke aber, dass ich hier gerade etwas Fürsorgliches tue, das ich so konkret nach innen nicht tun kann.

Einen Tag später sind Hose und Shirt fertig.
1992 ist 28 Jahre her. Unsere Baby Born Puppe klappert nicht mehr.

Fundstücke #74

„So will ich nicht sein.“ Das sagt Hannah immer wieder. Obwohl die Situation, in der sie das sagen wollte und auch gesagt hat, schon seit gut 3 Stunden vorbei ist. Draußen regnet es, eine große Fliege versucht sich durch die Schlafzimmerfenster zu bohren. Müdigkeit liegt wie eine Bleischürze auf mir. „So will ich nicht sein.“
Das sagt sie, weil sie nicht verletzen, irritieren, überraschen, überfordern, will. Weil sie „keine Situation entstehen lassen will“.
Ich hatte am Vormittag für unser nächstes Buch aufgeschrieben, wie Hannah entstanden war. Musste weinen, weil ihr keine Traumatisierung mit Todesgeschmodder und dramatische Szenen der Gewalt voranging, sondern einfach nur unsere Angst zu sterben, weil wir von jetzt auf gleich absolut allein auf der Welt waren. In der absoluten Frei_von_heit, wie sie viele Aussteiger_innen erleben, wenn ihre Verbündeten oder, wie in unserem Fall, Behandler_innen, nicht mehr (für sie) da sind oder sein können/wollen/dürfen.

Hannah kann Menschen. Sie ist unsere beste soziale Rechenmaschine und die einzige, die Ver_Bindungen nicht nur ertragen, sondern auch herstellen und gestalten kann. Was unser Leben nach der Gewalt angeht, trägt sie am meisten der Last, die damit einhergeht, es auch zu erhalten. Niemand von uns anderen hat Freund_innen. Niemand von uns kann Menschen. Wir haben Angst und können Menschen aushalten. Manche jedenfalls. Dass unsere Therapie einen anderen Menschen erfordert, war und ist bis heute eine der größten Barrieren der Traumatherapie für uns. Dass wir das Bedürfnis nach menschlicher Nähe, Verbundenheit und Kontakt haben, ist für manche von uns der schlimmste Verrat voreinander. Dass der Freund in unserem Leben ist, liegt an Hannah und ihrem Brückenschlag zwischen ihm und uns.

Warum Hannah so ist, wie sie ist und wir nicht, können wir nicht verstehen. Aber sie ist da und ohne sie wären wir es nicht mehr.

„So will ich nicht sein.“, das fühle ich wie etwas, das von innen durch meinen Kehlkopf nach außen will. Als die Fliege neben dem Lichtkegel der Leselampe landet, rinnt es mir aus den Augen. „Du solltest nie sein“, denke ich in ihre Richtung. Weine fertig, gehe ins Bad, wasche mir das Gesicht.
„Und doch sind wir hier.“

Öffentlichkeitsarbeit zu DIS – der bessere Thread

Manchmal will ich zu viel von meinen Texten oder Twitter-Threads.
Dann erwarte ich, dass Leute ein Video schauen und einen langen Thread lesen und sich dann vielleicht auch noch dazu verhalten. Einerseits sehe ich kein Problem in der Erwartung – schließlich erwarten wir alle immer irgendetwas von einander und es gehört dazu, diese nicht immer und vollständig zu erfüllen. Andererseits war mir auszudrücken, was ich auszudrücken versucht habe, wichtig und ich war so glücklich, zu den Gedanken und Worten gekommen zu sein. Deshalb teile ich sie noch einmal hier und habe einige Änderungen und Hinzufügungen fürs Verständnis vorgenommen.

Gesehen hatte ich das aktuelle Video von Mailab, in dem es um Wissenschaftskommunikation ging und Virologen in ihrer Medienpräsenz verglichen wurden. Mai hat darin aufgezeigt, dass ein Problem der Wissenschaftskommunikation immer das ist, dass Wissenschaftler_innen (Forscher_innen, Expert_innen…) immer vom Gegenstand ihrer Forschung sprechen – das “What” und wir Laien aber vor allem an dem “So What”, also der Bedeutung des Forschungsgegenstandes für uns interessiert sind.

Mir hat diese Verdeutlichung Worte für die Parallelen in der Öffentlichkeitsarbeit zum Thema DIS gegeben. So begann ich den Thread:

Kurz noch eins: Ich beziehe mich in diesem Text auf keine spezielle Veröffentlichung oder
Öffentlichkeitsarbeit zur DIS oder will mit diesem Text auf komplizierte Art ausdrücken, dass
jemand alles falsch macht oder schlecht “für uns Multis” ist. Die Ebene, die ich kritisiere
bzw. auf der ich mich abgrenze, ist eine andere und geht über Individuen hinaus.

”Seit Jahren werden Beiträge zum Thema mit „Es ist nicht wie bei Jekyll und Hyde“, „Es ist keine Schizophrenie“, „… sondern durch Gewalt entstanden“ eingeleitet. Dann gibts ein Fallbeispiel, ein Einzelfallportrait, ICD oder DSM werden vorgetragen und illustriert und fertig. Das liegt daran, dass für mehr oft kein Raum ist. Dem „What“ wird Raum in Form von Behandler_innen-Interviews und Studienlage gegeben (es wird also eine Datenlage präsentiert – Zahlen, Abstraktes) und das „So What“ sollen die Betroffenen sein.
Sie verkörpern die „Krankheit“ und damit – entsprechend der Kommunikation – auch immer ihre Ursachen. Also im Fall der DIS, toxischer Stress durch massive (organisierte, Rituelle, sadistische, langanhaltende) Gewalt.

Das Ergebnis dieser Kommunikation ist: „DIS = Krankheit (durch Gewalt)“ oder „Gewalt = DIS = krank“ oder „Gewalt = krank = DIS“
Es kann und wird so nie sein: Gewalt = „schlecht“ oder DIS = eine von vielen möglichen, und in an allen Menschen angelegte Anpassungsreaktion auf toxischen Stress.

Hinzu kommt: Öffentlichkeits/Aufklärungs/Antistigmaarbeit macht man immer für eine Gesellschaft.
In unserer Gesellschaft ist es schlecht, krank zu sein. Wer krank ist, ist mit Ableismus konfrontiert. Wer psychisch krank ist, zusätzlich noch mit Saneismus und das von allen Seiten, in allen Lebensbereichen.
Bereits das Konzept von Aufklärung – und also Aufklärungsarbeit an sich, ist ableistisch und klassistisch, denn in unserer Gesellschaft wird den (so eingeordneten) Kranken die Fähigkeit von Wissen und Wissensvermittlung nicht gleichermaßen zugesprochen, wie (als so eingeordnet) Gesunden. Zusätzlich dazu sind Mittel- und Oberschicht, die durch ihren leichteren Zugang zu Bildung und Aufstiegsmöglichkeiten durch Bildung, praktisch immer diejenigen, die in der Position sind, als Expert_in, Wissenschaftler_in, Forscher_in, Behandler_in…, aufzuklären.
Aufgrund dessen darf angenommen werden, dass ergo in dem vermittelten Wissen selten bis nie auch drin steckt, was diese Position verunsichert oder delegitimiert. Das wiederum macht das vermittelte Wissen für Unterschicht und Präkariat, (dessen Zugehörige, in Relation zu anderen Klassenangehörigen, häufiger die Betroffenen der Forschungsgegenstände sind) praktisch wertlos, denn es wird wie gesagt grundsätzlich sowieso nur das “What” vermittelt, aber das “So what” gebraucht – nach Möglichkeit angepasst an von Klassismus, Sexismus, Rassismus, Ableismus, Saneismus… geprägte Lebensumstände. Und das bleibt eben oft aus.
Karen, 32, promovierte Extraspezialistin an der Hochschule Schabala, knallgesund und gut versorgt, hat halt keine Ahnung, wie es ist, den Krebs, den sie unterm Mikroskop erforscht, zu haben, in dem Gesundheitssystem, der ableistischen Gesellschaft und der Armut, in der Friedrich 57, Frisör in Poppenhusen, lebt.
Dass es diese Unterschiede gibt, bedeutet nicht, dass Karens Forschung schlecht ist oder sie für speziell Friedrichs Leben eine Verantwortung trägt, aber es bedeutet, dass die Aufklärung über ihren Forschungsgegenstand im Blick haben muss, dass es Menschen wie Friedrich gibt und die Kommunikation das “So what” von ihm mitdenken muss.

Beim Thema DIS, ist es nun leider so, dass Popkultur und Verschwörungstheorien schneller als der wissenschaftliche Fortschritt war. Da gab es Filme, Romane, örtlich eingrenzbare Massenpaniken, die Schlagzeilen gemacht haben und entsprechend wilde Meinungsbildung in der Gesellschaft. Das macht heute den Grat zwischen Ableismus normierender (und ableistische/saneistische Normen verstärkender) Krankenschau  und Verständnisvermehrung durch Wissensvermittlung extrem schmal.
Die meisten Menschen, die sich heute aufklärerisch zum Thema äußern, sind engagierte_r Behandler_innen, eloquent und abgesichert (durch ding dong, hohen Bildungsgrad, sicheres Einkommen, Weißsein und einer Menge Freund_innen, die das alles auch haben) oder Journalist_innen, die_r in irgendeiner Form gestützt sind (oder sich so fühlen) (und oft die genannten Merkmale der Privilegierung haben) oder eben “wir Betroffenen”, von denen viele zwar auch Privilegien haben, es aber genau diese Betroffenen in der Regel nicht sind, die sich äußern oder den Druck verspüren, sich zu äußern. Aus meiner persönlichen Perspektive sind es immer eher Betroffene, die weniger privilegiert sind.
Das Problem für uns Betroffene in der Rolle der Aufklärenden ist: Wir gelten als krank. Und viele von uns sind arm. Manche auch behindert. Alle haben wir wenig bis keine Aussicht auf bedingungslosen Schutz vor Täter_innen oder Leuten, die es aus anderen (in der Regel niederen) Gründen in Ordnung finden, uns zu verletzen, zu demütigen, zu verleumden oder zu einem schlechten, für uns in der Regel direkt existenziell bedrohlichen, Ruf zu bringen. Ich persönlich kenne in der DIS-Aufklärung bzw. Öffentlichkeitsarbeit niemanden, die_r das nicht billigend in Kauf nimmt und halte das für ein Problem.
Zum Einen, weil es ungerecht ist – denn das bedeutet, dass unsere Aufklärungsarbeit immer mehr enthält, als die bloße Kommunikation von “What” und “So what”, nämlich auch noch die Kompensation aller Barrieren auf eigene Kosten, eigene Verantwortung und eigene Sicherheiten. Wir können nicht sagen: “Das ist unser Job.” Denn selbst, wenn wir es zu unserem Job machen würden, so ist es doch auch immer unser Leben, um das es geht. Ob wir wollen oder nicht. Mit allen Konsequenzen.
Und zum Anderen, weil mit der Bereitschaft in Kauf zu nehmen, dass Menschen ohne DIS, Menschen mit DIS (oder irgendeiner anderen sogenannten “Erkrankung”) als krank und quasi “übrig von der Gewalt” verstehen, auch alle Dynamiken und Umgänge der Gesellschaft mit eben diesen Eigenschaften aktiviert werden.

Ich für mich bin nicht krank, sondern angepasst an etwas, das zu erleben ich niemandem wünsche. Für mich ist Gewalt nicht unnormal, denn ich kann mich und mein Leben in Bezug zu dem anderer Menschen setzen. Ich sehe: Andere erlebten es auch und sie erleben es noch. Jeden Tag.
Würde ich machen, was übliche Öffentlichkeitsarbeit ist, würde ich die Vermeidungshaltung der Gesellschaft triggern und quasi noch während ich spreche, eigentlich schon nicht mehr sprechen. Und das würde niemandem weiterhelfen. Es würde an diversen Stellen sogar dazu führen, gewaltvolle Praxen zu unterstützen und Gewalt zu legitimieren. Hier wirds natürlich wieder akademisch. Man kann mich an dieser Stelle kritisieren und mir – ganz der eigenen Vermeidungshaltung entsprechend und dem (internalisierten) Ableismus freien Lauf lassend – unterstellen, meine Psychiatrie- und Behandler_innen-Traumata würden mir hier die Objektivität verunmöglichen und entsprechend ginge ich hier zu weit, wenn ich sage, dass es gewaltvoll ist, sich der Kategorien “krank” und “gesund” zu bedienen und entlang ihrer vermeintlich klaren Definitionen zu be.urteilen. Da mir hier Raum und Geduld fehlt diesen Punkt zu erklären, lasse ich nur einen Beleg dafür hier: Für so eingeordnete “Gesunde” gibt es keine geschlossenen Einrichtungen. Niemand, die_r als gesund gilt, muss um Selbstbestimmung, Würde und Glaubwürdigkeit fürchten. Wo und in welcher Form auch immer es so etwas gibt, ist es Gewalt. Punkt.

Die Abwehr einiger meiner Kritiker_innen ergibt sich aus der Annahme, Gewalt sei nicht normal. Es sei nicht üblich, dass Menschen einander unterdrücken, in ihren Freiheiten beschneiden, einander verletzen. “Gewalt ist nicht normal und deshalb sind wir dagegen (– wie wir ja immer gegen alles sind, das nicht normal ist).”

Ich sehe das so: Nur, weil nicht alle Menschen gleichermaßen in Form, Ziel und Ergebnis Gewalt erleben, ist Gewalt unnormal. Nur, weil nicht alle Menschen gleichermaßen angepasst auf ihre Gewalterfahrungen entwickelt sind und leben, sind einzelne Anpassungsformen unnormal – ergo krank.

Auf diesen Annahmen fußen aber viele (für mein Verständnis alle) Antistigma-/Öffentlichkeitsarbeiten. „Gewalt ist unnormal, Krankheit ist unnormal, DIS ist unnormal und auch noch krank, und jetzt kommt hier FilmTextBuch und zeigt euch… äh ja hier macht mal was gegen Gewalt. Guckt was sie anrichtet.“ Ganz ehrlich, für mich ist das, als würde ich eine Doku über nasse Lappen gucken, die mich gegen Wasser positionieren soll. So funktioniert das aber nicht. Ich brauche Wasser zum Leben. Und ja, auch wenn diese Wahrheit nicht gefällt: Wir als Gesellschaft brauchen Gewalt. Nichts, wirklich kein einziger unserer Bereiche im Leben ist frei davon. Selbst, wenn wir uns hinsetzen & ganz gewaltfrei miteinander sein wollen – wir werden welche ausüben oder ausgeübt haben und es nicht einmal gemerkt haben oder als solche einordnen, weil ihr Ergebnis uns nutzt. Diese Wahrheit und all ihre Implikationen sind ein tiefes Tal für alle, die wirklich und aus tiefstem Herzen gewaltfrei leben wollen. Ein sehr tiefes, glaubt mir. Aber es ist real und deshalb muss man das immer mitbedenken.

Ich will weder hier noch anderswo für alle Vielen sprechen, weiß, viele (die meisten, vielleicht auch alle) sehen das anders. Viele, die wir kennen, sehen sich als Ergebnis der Gewalt, als Mahnmal, als in der Verantwortung irgendetwas gegen die Gewalt, die sie überlebten und andere noch überleben müssen, zu tun. Bitte, fein. Aber.
Ich halte mein Vielesein für ein Ergebnis meiner Möglichkeiten der (individuellen) Ressourcenentwicklung in dieser Gesellschaft. Wir sind viele geworden, weil andere Möglichkeiten nicht zur Verfügung standen, Gewalt zu erleben, auszuüben und mitzutragen. Ich wurde, wir wurden nicht zu Brei geprügelt und jetzt probieren wir Brei-Leben. Der Druck unter dem wir zu Vielen wurden, ergab sich aus Widersprüchen. Aus Schmerz während man Schmerzen zufügte, aus Ohnmacht inmitten krasser Machtausübung. Aus Liebe für Leute, von denen man deutlich spürbar existenziell abhängig war. Aus dem Versuch mit Erfahrungen zurecht zu kommen, die für mich, für uns, ganz normal waren, während sie von Unbeteiligten als extreme Ausnahme angenommen werden. Der tiefe Konflikt in einer Gesellschaft zu leben, die sich Vielesein zuweilen fast showartig erklären lässt, gleichzeitig Tatort und Dschungelcamp zelebriert UND behauptet, Gewalt sei zu verurteilen.

Ich für mich sehe in dem Publikum, das ich mit üblicher DIS-Öffentlichkeitsarbeit erreichen kann, kein Publikum, das begreifen kann, was Gewalt überhaupt wirklich ist und wirklich bedeutet. Es reicht für mich nicht im Mindesten zu sagen: „Gewalt (also hier …dings… schlagen, “sexuell missbrauchen”, vergewaltigen und töten) ist schlecht, denn das macht krank, zum Beispiel mit DIS“.
Das „So what“ einer so gestalteten Arbeit würde am Ende also immer heißen: “Weiter so – nur nicht mehr so, dass niemand weiß, dass es sowas wie DIS gibt. Ach und alle sollen Gewalt (also schlagen, „sexuell missbrauchen“, vergewaltigen, töten) schlecht finden. Natürlich.”
Ich halte es für entsprechend verfehlten Aktivismus gegen Gewalt, sich nur um zwischenmenschliche Gewalt und ihre individuellen Folgen zu kümmern. Hartz 4 bedeutet auch Gewalt und hat 0,0 mit Geprügel zu tun. Heimzwang, Zwangseinweisungen in die Psychiatrie, Knastkultur ist auch Gewalt. Wenn dir einer sagt, du darfst nicht aufs Gymnasium, weil irgendjemand sagt, das dürftest du als Person mit Down-Syndrom nicht, dann ist das auch Gewalt. Und wenn eine Gesellschaft auch diese Formen von Gewalt in sich hat und trägt und kultiviert und in keinerweise zulässt, dass sich daran etwas ändert, dann wird sich auch für Menschen, die geschlagen, “sexuell missbraucht”, vergewaltigt und gequält werden bis sie eine DIS oder irgendeinander andere Anpassungsform entwickeln, um zu überleben nichts – aber auch gar nichts verändern.

Der Affront, der mit dem, was ich hier schreibe einher geht, ist natürlich erheblich viel größer als ein Heft, in dem Peter Meier sein Leben mit DIS beschreibt und die Krankenkasse anklagt oder ein Film über das Leben einer Person, die Viele ist und in die Kamera sagt, wie schwer es manchmal ist.
Was ich hier mache, bedeutet jeder Menge Leute an den Karren zu pieseln, weil ich sie und ihre Herangehensweisen nicht nur feiere, sondern auch als gewaltvoll beschreibe und zuweilen sogar gleichsetze mit dem, was sie verurteilen. Das ist unbequem, passt nicht in die ausgekügelt system- und ergo auch gewalterhaltenden Projekte und Projektchen, die sich im Engagement gegen Gewalt entwickeln konnten, aber es ist das, was ich sehe und finde und vertrete. Allein. Natürlich, ich will ja nicht, was alle wollen und ich vertrete nicht, was alle vertreten. Bis jetzt. Wer weiß, was sich daraus entwickeln kann. In manchen Projekten bin ich ja trotz und manchmal sogar wegen meiner (kritischen) Haltung erwünscht.

Die Frage, was man mit der eigenen Öffentlichkeitsarbeit erreichen will, ist für viele: „Ich will, dass die Gewalt aufhört“ oder „Vielesein, soll anerkannt werden“. Ich frage mich, wie man heute noch auf so ein Ziel kommen kann, in einer Welt und Gesellschaft wie unserer.
Was Menschen können, werden sie tun. Immer. Für mich ist immer die Frage, ob sie es auch tun würden, könnten sie anderes tun. Und ergo die Erkenntnis: In dieser Gesellschaft, hier und heute, können sie nicht anders – ohne rauszufallen, wie Leute mit DIS (oft) rausfallen. Und hier sehe ich eine, meine Schnittstelle.
Ich glaube, dass die DIS zu einer Perspektive auf die Gewalt, das Leben und die Gesellschaft führt, die sie selbst nicht entwickeln kann. Und ich glaube, dass meine oft als “Öffentlichkeitsarbeit“ bezeichnete Selbstvertretung daraus besteht, dieser Perspektive Raum zu verschaffen. Nicht mehr, nicht weniger.
Mein „So what“ meint immer alles. Auch die Gesellschaft als immer an der Gewalt beteiligte Instanz in jedem Aspekt des Lebens und das ist viel. Viel zu viel.
Ich werde nicht mehr miterleben, ob und wenn ja, was mein Zeug hier verändert, aber das muss ich auch nicht. Wenn es in der Welt ist, reicht mir das. Das ist schon viel, weil ich dafür bis hierhin überleben musste und damit klarkommen muss, dass es jetzt so ist wie es ist und, dass ich es nicht immer richtig gemacht empfinde, was Leute, wie ich machen, um auf Leben, wie unsere aufmerksam zu machen.
Demut im Aktivismus ist auch wichtig. Schwierig, schmerzlich, entgegen allen Wollens – aber wichtig.“

Danke, dass du bis hierhin gelesen hast.

 

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