das Handtuch

“Jetzt heul doch endlich!” schreie ich in das Hintermich und gehe weiter mit der Bastelschere durch das Handtuch.

Es war das Namensetikett. Das ist da seit 17 Jahren dran. Gestickt, von Oma dran genäht. Die Oma, die niemals auf uns zugekommen ist, um für sich selbst zu fragen, warum wir nicht mehr bei ihrem Sohn leben konnten.
Die von so vielen Kinderinnens geliebt wird bis heute. Die Oma.

Wir besitzen dieses Handtuch, weil sie es uns zu irgendeiner Gelegenheit vor dem ersten Klinikaufenthalt geschenkt hat. Es wurde uns nie geklaut, wie unsere Jacken, Hosen, Shirts, Lieblings-CDs und was nicht sonst noch alles verschwindet, wenn man in Institutionen und Wohngruppen wohnt, in denen alle immer nichts, nichts mehr oder nie genug haben.

Ich musste es waschen, nachdem ich damit das Abtauwasser vom Tiefkühlschrank im Keller aufgewischt hatte. Als ich es zum Trocknen aufhängte, bemerkte ich das Namensschild. Und fühlte nichts. Keinen Kommentar. Nicht einen einzigen anderen Seelenkörper.

Es verunsichert mich, so lange tot zu sein, wenn doch alles in Ordnung ist. Lässt mich meine Therapieerfolge in Frage stellen, wenn ich derartig zurückversetzt werde in mein Bevor-ich-von-den-Anderen-wusste-Er_Leben. Dieses funktionalfreundliche Gedankenträger_in-Sein.

Dann beschloss ich, das Handtuch zu zerschneiden. Brauche sowieso noch Stoffreste für Dinge.
Als ich anfange, drückt der Puls meinen Hals zu. Und dann werde ich wütend. K.-wütend, aber nicht nur. Auch Hannah-wütend. So fühlt sich das also an. Nach Handtuch in der linken und Bastelschere in der rechten Hand, nach Erstickungsfurcht und Druck hinter den Augen.

Ich schneide die erste Bahn, zerteile diese in Quadrate. Oma. Der alte Name. Damals.
Ich kenne Oma nicht und sie wird mich nie kennenlernen.
Im Garten schreien Kinder. Da steht ein aufblasbarer Pool.
Ich sehe mich als 4 jährige im Garten von Oma und Opa, schneide die nächste Bahn. Opa ist tot, die Vierjährige auch. Ich spüre das so deutlich wie den Druck, den ich aufbringen muss, um die Schere durch die Baumwolle zu kriegen.

Meine Augen brennen, mein Gesicht ist dicht. Ich will, dass sie da sind.

Das hab ich mir noch nie gewünscht. Hab noch nie gedacht, dass ich sie mal fühlen will.
Die Anderen.
Die, für die nichts in Ordnung ist.

die ersten Tage

Ich trete in das Büro ein, kurz nach 12. Um 12 arbeitet sie eigentlich nicht mehr. Sie macht eine Ausnahme. Ich reiße meine Aufmerksamkeit von dem Umstand weg, dass schon wieder eine Ausnahme passiert. Und dann auch noch meinetwegen.
Sie klatscht durch den Raum und prallt an allem ab, was sich seit dem letzten Termin hier verändert hat. Die Stille und die Aufmerksamkeit der Standesbeamtin quetschen sich in meine Wahrnehmung, ich sage auf einen neuen Zettel deutend: “Der ist neu.”
Sie sagt: “Ja, das kann sein. Es ist noch mehr neu.” und zieht die Urkunde über die Namensänderung aus einer Akte.

Der Rest ist Rauschen. Eine Unterschrift, die nicht mehr als ein hingeschriebenes Wort ist, ein Gedanke, ausgeleuchtet wie eine Werbung am Straßenrand: “Auskunftsperren beantragen”. Danken. Das Gebäude verlassen. Anders heißen.

Erst kann ich nicht darüber sprechen, zwei Stunden später will ich nicht mehr drüber sprechen.
Ich erfahre meine Abschlussnoten, schaue ihnen zu wie sie langsam von mir weggluckern. Ich schreibe einen Tweet dazu, damit ich nicht vergesse, was heute für ein Tag, was die Note für eine Leistung ist. 171 Leuten gefällt das.
Wie gut das tut, fühle ich erst später.

Die Sekretärin in der Schule ist die erste Person, der wir die Urkunde in die Hand geben. Sie liest den Namen laut vor, sagt wie schön er ist, ich lächle einen unerwartet empfundenen Schmerz weg. “Bitte nicht kommentieren, bitte nicht belächeln, bitte nicht ungewöhnlich machen, bitte bitte tu so, als wär alles normal.” Das denke ich, “Bitte nicht anfassen”, fühle ich. Aber niemandem, nicht einmal der Therapeutin, sage ich das, weil ich denke, dass es niemand versteht. Nicht so, wie es für mich ist.

Die Urkunde, diese Information, ist wie ein Filter, den man auf das Bild von mir legt. Er macht mich auf eine Art nackt, die Situation auf eine Art intim, der ich, der wir alle innen, überhaupt noch nicht gewachsen sind.
Jede Bemerkung berührt mich unangemessen. Jede Frage dazu dringt in mich ein.
Meine Erleichterung darüber, befreit vom alten Namen und dessen Aufladung zu sein, bietet nicht genügend Schutz, erst recht keinen Trost.

Und als am nächsten Tag jemand von einem Callcenter mich selbstverständlich mit dem alten Namen anspricht, merke ich, dass sie das auch gar nicht kann. Ich kann noch gar nicht richtig erleichtert sein, denn es wird in der nächsten Zeit noch viel dieser Ansprache geben. Wir werden jetzt eine ganze Weile noch beide, die_r mit dem neuen und die mit dem alten Namen, und deshalb niemand sein.

Lebensaufgaben

“Man nennt es manchmal “Lebensaufgabe”. Das, womit man im Leben immer wieder konfrontiert ist, bis es vorbei ist. Interessanterweise ist, die Lebensaufgabe zu schaffen selten das, wofür man irgendwann eine Lebenswerk-Ehrung erhält. “

Und dann ist mein Gedanke auch schon wieder vorbei.
Wir sitzen in der neuen Wohnung. Unserem neuen Büro.
Es ist viel lauter als bei uns, unten vor dem Fenster fahren Laster und Kleinwagen von links nach rechts, von hinten zwitschern Vögel dagegen an. Der Freund telefoniert unten und das Klicken meiner Tastatur platscht von Wand zu Wand, denn hier ist noch nichts, außer dem Sofakissen auf dem ich sitze und dem Fußhocker auf dem das Laptop auf dem umgedrehten Besteckkasten steht. Und der beißende Kampfergeruch von dem Polsterreinigungsschaum, den der Freund gestern auf dem Futonbezug verteilt hat.

Hier ist nichts wie zu Hause und das ist anstrengend.
Es ist anstrengend zu zweit, zu viert und obendrein noch mitten in der PMS-Phase des Zyklus zu sein.
Nach 3 Tagen Podstock, nach 6 Wochen Prüfungsphase, nach 3 Wochen Prüfungsvorbereitungsphase. Manchmal merke ich ganz dicht hinter mir, wie es etwas kippelt und ausrasten könnte, aber keine Energie aufbauen kann. Das ist noch schlimmer als wenn es einfach ausbrechen würde, denn es bleibt und wabert und zieht und zieht und zieht an meiner Kraft, statt sich einmal einfach zu entladen und dann wieder abtauchen zu können.

Vorne in der Hecke stecken Gespinstmottennester. Gestern haben wir Brennnesseln aus dem Boden gezogen, die uns bis zur Schulter reichten. Wir haben den Rasen gemäht und gemotorsenst. Wenn wir hier wohnen, wird es neue Routinen geben und ich freue mich auf den Moment, in dem sie einfach da sind.
Im Moment bringt jeder Tag etwas Neues und es ist spürbar schlimmschön.
Wir würden es nicht anders haben wollen, aber wir brauchen es anders und das in der Art zu spüren und im Innen als real zu erleben ist krass. Neu. Schlimm.
Und schön, denn um dahin zu kommen haben wir viele Jahre an uns gearbeitet.

Wir haben noch 6 Wochen vor uns, in denen einfach gar nicht mehr so sein wird, wie in den letzten Jahren.
Ich habe Angst vor einer Erschöpfungsdepression im August/September. Weiß, dass sie kommen wird. Weiß, was ich dann machen muss. Weiß, dass es trotzdem schlimm sein wird und gleichzeitig nicht zu verhindern ist.

Niemand krempelt das ganze Leben um und ist hinterher nicht tief erschöpft.
Niemand schafft eine Lebensaufgabe und ist dann nicht überfordert vor der nächsten.

Fundstücke #70

Ich habe einen amerikanischen DIS-Podcast im Podcatcher, in dessen Beschreibung steht, dass sie dissoziative Symptomatiken und Wechsel nicht rausschneiden. Für die Authentizität.
Das und anderes haben mich dazu gebracht, mich zu fragen, wie authentisch wir hier sind. Und ob das überhaupt geht – authentisch sein, ganz man selbst sein, wenn man gar nicht so recht weiß, wie man denn ist.

Wenn ich einen Podcast aufnehme, dann will ich ihn gut machen, denn ich mache das auch für andere. Und wenn ich etwas gut machen will, dann schneide ich raus, was mir ungut erscheint. Heulen zum Beispiel, weil ein Thema so unfassbar berührt und traurighilflos macht. Wechsel zu Innens, deren Emotionalität ein Thema in den Hintergrund drängen würden. Oder auch Wort- und Sprachlosigkeit, deren Stille zu einer großen Anstrengung für Hörer_innen werden würde.
Vermutlich bin ich also nicht authentisch in der Sache. Vielleicht ist dabei nur authentisch, dass ich das überhaupt mache und so viele andere Betroffene nicht. Denn irgendwie sind wir, bin ich, immer irgendwie die Person, die Dinge tut, obwohl und obwohl.

Das war auch Thema neulich.
Obwohl.
Bloggen, podcasten, workshoppen, für Geld monologisieren vortragen, ein Buch veröffentlichen, rausgehen und Dinge machen, Leute treffen – obwohl bei uns nicht alles gut ist. Obwohl wir auch Angst haben. Obwohl wir auch nicht von uns denken, dass wir die beste Person für das sind, was wir bewirken möchten. Obwohl es schwer ist.

Das sind keine Dinge, die uns abhalten etwas zu tun. Ehrlich gesagt sind das sogar Dinge, die so tief in mich hineingefräst sind, dass sie zu kompensieren ein Teil meines Ich, unseres Rosenblätter-Ich, sind.
Aber sie haben den gleichen Stellenwert wie den Ärger darüber, dass ich meine Schreibfehler in den Texten immer erst Stunden nach der Veröffentlichung sehe oder wie das Gefühl aus der DIS-Blog-Szene ausgeschlossen zu sein, weil mehr als “Gut gemacht”, “Danke” oder Quark von dem klar sein muss, dass wir ihn nicht freischalten, bei uns nicht kommentiert wird.

Es gibt so viele hätte würde könnte wenn’s in unserem Leben. Wir kommen nicht hinterher damit und die Konsequenz dieser Unübersichtlichkeit und unserer Unzulänglichkeit Dinge anders zu machen ist, die Dinge zu machen, die wir machen wollen und zwar so wie wir wollen.
Das ist die Authentizität, die wir leben. Glaube ich.
Dass wir Dinge tun, um sie zu tun, nachdem wir uns entschlossen haben sie zu tun. Nicht trotz oder obwohl da auch Angst, Unzulänglichkeits- und Isolationsgefühle sind, sondern, weil sich diese Gefühle nicht damit verändern, dass wir nichts tun.

Wir machen sie nicht (mehr), damit Dinge besser werden. Wir machen sie, um sie gut zu machen. So gut wir das eben hinkriegen.

Und ja, ich glaube unsere Flashback-Reaktionen aufzunehmen, emotionale Innens andere Leute anpöbeln zu lassen oder Kinderinnens an PC und Handy zu lassen, führt nicht dazu, dass wir etwas gut machen.

Ich glaube auch, dass viele Leute Authentizität mit Nahbarkeit verwechseln.
Viele bezeichnen Menschen authentisch, mit denen sie sich verbunden fühlen. In denen sie sich selbst irgendwie erkennen können. Wir erkennen uns selten in anderen Menschen, und wenn dann nur in Stückchen. Wir ver.binden uns bewusst und auf Grundlage von wohlüberlegten Entscheidungen. Gefühle haben dabei keine leitende Funktion, sondern eher eine beratende.
Wir haben noch nie einen Podcast oder ein Blog abonniert, weil wir authentische Leute lesen oder anhören wollen, sondern, weil wir gut präsentierte Inhalte lesen/anhören wollen.

Vielleicht macht uns das komisch und unnahbar. Vielleicht sind wir auch so.
Keine Ahnung.
Es ist auch nicht relevant.

Wir sind nicht, was wir machen.
Wir sind angstvoll, unzulänglich und oft einsam – und wir machen Dinge.
Gleichzeitigkeit zu leben ist authentisch.

„hey there – look at my butt – whoohoo“*

Vor Kurzem wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass eine Veranstaltung der „Rhein-Main-Skeptiker“ bei der auch L. Benecke von der „Satanic Panic reloaded“ sprechen würde, nach vielstimmigem Protest von Opferschutzorganisationen und Gewaltbetroffenen abgesagt wurde.
An sich schon ein Ereignis – doch kurz darauf veröffentlichte die Betreiberin M. Kreusel von „Blumenwiesen“ (einer schon lange laufenden Webseite zu Themen rund um Traumafolgen und Persönlichkeitsstörungen) einen offenen Brief (bei Facebook) an M. Huber (ihres Zeichens Pionierin auf dem Gebiet der Traumaforschung und Psychotherapeutin) und unterstellte ihr persönlich, „die Aufklärung“ zu stören.

Interessant ist an der ganzen Geschichte eigentlich nichts, wäre da nicht der von allen Parteien als Begründung für das eigene Handeln herangezogene Opferschutz.
Und wäre es nicht genau das, was damals in den 80er Jahren überhaupt zur ersten sogenannten „Satanic Panic“ geführt hat.

Keine Ahnung, worum es dabei ging? Kein Problem – die Times hat eine Retrospektive dazu veröffentlicht:

 

Interessanterweise sprechen manche Journalist_innen heute auch von einer „moral panic“, wenn es darum geht, was damals passiert ist. Hier in Deutschland würde man von einer „Massenhysterie“ sprechen. Wenn man misogyn ist. Ich nenne es „logische Folgen von systematischem Versagen sämtlicher Strukturen“.

Logisch deshalb, weil sexualisierte Gewalt in den 80er Jahren noch ein viel größeres Tabu, noch viel mehr mit Sexualität verknüpftes Thema war und es schlicht keinen etablierten, an Kindern, an Medien, an dem Rechtssystem erprobten Umgang mit Fällen (organisierter) sexualisierter Gewalt an Klein.Kindern gab.

Es war eine von Gefühlen und (eigenen Opferschaftserfahrungen) geleitete Welle, die diese Lücken damals aufzeigte (und die Weiterentwicklung anstieß) und es sind selbst ernannte „Skeptiker“, die bis heute, aller Forschung, aller Weiterentwicklung und aller bisher geschehener Rechtsprechung zum Trotz, immer noch verbreiten, dass Meldungen über (organisierte (rituelle)) Gewalt an Kindern „skeptisch“ zu begegnen sei. Was in ihrer Welt soviel heißt wie Einzelpersonen und Betroffene, die dazu seit Jahren und Jahrzehnten forschten, arbeiten und aufklären, bloßzustellen, zu beschämen und sich ihnen ergo gewaltvoll gegenüber zu verhalten. Weil man ja die „echten Opfer schützen“ will.

Für mich wirkt das, als hielte es jemand für schlau ein Haus anzuzünden, um zu verhindern, dass sich da drin jemand am Herd verbrennt.
Und es ist ein Verhalten, dass mich an das „Oh, my, God Becky – look at her butt – Its so big„- Meme erinnert.

Das Meme der beiden weißen jungen Frauen, die den Po einer schwarzen Frau auf eine abwertende, herablassende Art kommentieren. Ganz so, wie man das eben tut, wenn man sich kolossal überlegen fühlt, aufgrund von wirkmächtigen Strukturen wie Rassismus in dem Beispiel.

Nun kommentiert L. Benecke nicht den Körper von Personen, auf die sie offensichtlich aus Gründen von ableistischer bzw. saneistischer Haltung herabsieht, sondern die Personen als Ganzes. Etwas, das man als professionell arbeitende Psychologin vielleicht mal reflektiert oder eher nicht auch noch aufzeichnen lässt.
Schon der Umstand, das eigene „Aufklärungsprogramm“ auf Füße zu stellen, die in den 80ern und 90ern vielleicht noch Halt gefunden hätten, in den 2010er Jahren, aber nicht mehr, zeigt vor allem das: Selbstüberschätzung durch Blasendynamik. Denn sie spricht in keinem Fall für die Opfer von Gewalt, oder „die Wissenschaft“, sondern für Selbstversicherung vor Leuten in ihrer Privilegienblase. Weiße Akademiker(_innen), die sich selbst aufgrund ihrer Meinungen und Werte als nicht so dumm/verblendet/beeinflusst sehen, wie „die Anderen“. Die Spinner, die Verschwörungstheoretiker, die Nichtwissenschaftler, die Kranken, die Verrückten, die ihres Respektes, ihrer Achtung nicht würdigen Leute.

Hier wollen also Leute, die sich gewaltvoll gegenüber anderen Leuten verhalten, etwas für die Opfer von Gewalt tun. Ja herzlichen Dank, ich verzichte. Egal, wie „fundiert“ ist, was sie formulieren. Egal, wie richtig und wichtig Zweifel und rationale, wissenschaftliche Prüfung bestimmter Aspekte ist.
Wenn das nur passiert, um sich selbst zu versichern und andere Menschen runterzumachen, dann geht es nicht darum, was ~wirklich~ passiert ist oder um den Schutz Gewalt.üb.erlebender, sondern um das, was Gewalt von jeher in diese Welt bringt und darin hält.

Aus dem Grund ist der offene Brief von Webseitenbetreiberin Kreusel so irritierend wie symptomatisch für die Folgen des Opferschutzversuchs der Skeptiker.
Man sollte ja meinen, dass jemand, die_r Verschwörungstheorien gegenüber skeptisch ist, erkennt, wenn sie_r selbst eine produziert bzw. vertritt. Aber nein, offensichtlich verschwören und spinnen in dieser Blase tatsächlich immer nur „die anderen“ auf Kosten Dritter.

Eine nachwievor verbreitete Lüge ist zum Beispiel die, dass es so etwas wie „falsche Erinnerungen“ gibt.
Hier werden zwei völlig verschiedene Komplexe miteinander vermischt und dank einer Medienlandschaft, die es seit Jahren nicht schafft, die bereits geleistete Forschung dazu zu kommunizieren, der False Memory-Truppe und nun auch noch „Skeptikern“ immer weiter am Leben gehalten.
Wie in der Retrospektive der Times beschrieben, ist es nicht schwer – und war es speziell in den 80ern und 90ern nicht schwer, wo es die Erfahrungsgrundlage einfach noch nicht gab – durch bestimmte Fragestellungen und Behandlungsmethoden Menschen dazu zu bringen, bestimmte Dinge als erinnert zu äußern.
Das macht diese Dinge aber nicht zu Erinnerungen. Weder richtigen/echten noch falschen/unechten.

Das aufzuklären passt anscheinend irgendwie nie in einen Skeptiker- oder False Memory-Vortrag von einer Stunde und mehr, zu wohlig anscheinend das Gefühl sich schon seit gut 40 Jahren als letzte Bastion des Rationalen zu inszenieren und sich darin gegenseitig zu bestärken.

In ihrem Brief gibt sich Kreusel als Betroffene zu erkennen, die etwas gegen Behandlungsmethoden machen möchte, die sogenannte „falsche Erinnerungen“ fördern und deshalb die Skeptiker und Vorträge wie die von L. Benecke unterstützt – aber Leuten wie M. Huber, die seit Jahrzehnten an vorderster Front daran arbeiten, dass es vernünftige, passende, bedarfsgerechte Behandlungen für Opfer von Gewalt jeder Art gibt, vorwirft, die Aufklärung zu stören bzw. verhindern zu wollen.

Eine interessante Entscheidung ist das. Sich lieber an weiße Beckys hängen, als an Leute, die allen Widrigkeiten zum Trotz in bald 40 Jahren eine Datenlage erschaffen haben, die erheblich viel schmerzhaftere Schlüsse zulassen als den, dass es „die satanistische Weltverschwörung“ gar nicht gibt und, dass es Menschen gibt, die fabulieren oder lügen, um sich selbst (vor gewaltvoll handelnden Therapeut_innen und Bezugspersonen, also: Autoritäten) zu schützen.

Als Gewaltbetroffene, die mit schwerwiegenden Folgen der Gewalt lebt, ist es ungleich schmerzlicher für mich miterleben zu müssen, wie sich hier um etwas bemüht wird, das zu genau nichts führt, was es mir leichter macht kompetente Traumatherapeut_innen zu finden; was es mir ermöglicht unterscheiden zu können, welche Behandlungsmethoden eigentlich mehr wie Folter auf mich wirken könnten oder, was es mir ermöglicht klar und sicher einordnen zu können, welche Rückschlüsse ich aus meinen Erinnerungen und der Art wie ich erinnere, ziehen kann, ohne fürchten zu müssen, dabei Fehlschlüsse zu machen.

Als Gewaltbetroffene brauche ich niemanden mehr, die_r mir sagt, dass ich niemandem vertrauen kann.
Ich brauche niemanden mehr, die_r mir sagt, dass ich nicht einmal mir selbst vertrauen kann.
Ich weiß schon immer, dass es niemals ich bin, die irgendetwas davon hat, wenn Leute mich für ihre Privilegien und deren Erhalt miss.ge.brauchen oder instrumentalisieren.
Ich weiß, dass die Welt kompliziert ist und niemand jemals da sein wird, die_r sie mir zeigt, wie sie „in Wirklichkeit ist“.

Das sind Wahrheiten, zu denen ich durch meine Gewalterfahrungen gekommen bin und wie sie viele andere Gewaltüberlebende auch in sich tragen. Niemand von uns braucht Skeptiker, False Memory oder inkompetente Psychotherapeut_innen, um uns durch eine („DIE EINZIG WAHRE!!!“) Erklärung der Welt zu schützen.

Aber sie miss.brauchen uns Überlebende, um sich selbst in ihrem gewaltvollen Handeln zu legitimieren und das ist, worauf jeder von Gewaltbetroffenen initiierte Widerstand meiner Ansicht nach fußen sollte.

 

*

** Dieser Text wurde editiert nachdem wir darauf hingewiesen wurden, dass rassistische Diskriminierung nicht in der Form mit ableistischer bzw. saneistischer Diskirminierung gleichzusetzen ist, da sich die ableistische bzw. saneistische Diskriminierung für rassistische diskriminierte Personen als etwas zusätzlich wirkendes und also verstärkend greift.

 

mit freundlichen Grüßen, eine “vermeidende ANP”

Nach manchen Therapiestunden mache ich mir Sorgen darüber, ob wir ~das~ jemals ~richtig~ hinkriegen werden.
Vor allem nach Stunden, wie den letzten, in denen das Vermeiden wieder deutlich spürbar als Verb im Raum stand nicht als das Ich, das in dem Moment da war.

Ich weiß nicht, ob wir unsere Kaputtness irgendwie falsch eingeordnet haben oder auch dort wieder Vermeidung eine Rolle spielt. Vielleicht ist das so, vielleicht ist aber auch der Umstand, dass wir viele Jahre lang als ein zusammenhängendes System gesehen und angesprochen (und entsprechend therapiert) wurden ein Faktor dabei.

Auf der “Fakt-Seite” ist mir klar, dass der strukturelle Aufbau der anderen Funktionssysteme in uns nicht sehr anders ist als der von uns Rosenblättern. Es gibt Innens, die das Trauma direkt an sich erlebten, Innens, die es beobachteten, Innens, die versuchten es zu kommunizieren, Innens, die amnestisch für das Trauma sind und allgemein eher einen Fokus auf die Aufrechterhaltung dessen haben, was sie als funktional und dem eigenen Überleben dienlich oder notwendig einordnen. Und ja, letztere sind bei uns in der Regel die, die – wie ich – mit enormen Fremdheitsgefühlen gegenüber anderen Innens zu kämpfen haben.

Und das ist die Basis. Damit ist noch nicht einmal gemeint, was andere Innens machen oder mögen oder wollen oder finden. Oder, was sie erlebt haben. Es ist schon furchtbar fremd und fern, dass sie da sind – so furchtbar und fremd, dass man es vermeidet, sie genauer zu erspüren.

Das ist die “Fühl-Seite”. Die, auf der ich mich jeden Tag damit konfrontieren muss, dass ich den Impuls einen Schritt zurückzugehen, auszuweichen, mich wegzuducken oder dem Gefühl eines Kontrollverlustes nachzugehen, unterdrücken oder umleiten muss, weil ich ja damit vermeide.
Mir passieren gruselige Dinge an und mit mir selbst – aber Angst haben darf ich nicht davor, denn das bin ja alles ich. Ich erlebe mich so oft so viel kleiner, zarter, durchlässiger, als ich bin – aber das darf mir nicht das Herz in die Hose rutschen lassen, mich ohnmächtig und schutzlos fühlen lassen, denn das bin ja alles ich – das ist ja alles mein Gefühl zu irgendwas und aber in Wahrheit ist ja alles ganz anders.
In Wahrheit bin ich erwachsen und kann meine Dinge tun. Nichts kann mich treffen. Mich berührt gar nichts – außer dieses fremde, in mir drin wühlende Sein der anderen. Und das soll ich irgendwie genuin in mich reinbringen. Dass das in Wahrheit alles gar nicht fremd ist, sondern ich. Obwohl es sich nicht so anfühlt.

Dabei soll ich sonst alles so machen, wie es sich für mich richtig anfühlt. Grenzen beachten, schauen was geht und was nicht. Bei allen möglichen Dingen soll ich das so machen – nur nicht, wenn es um mich und mein Gefühl für mich und meine Vergangenheit geht. Da ist, was sich für mich richtig anfühlt “Vermeidung” und damit die Aufrechterhaltung der Dissoziation. Und also, so fühlt es sich manchmal an, die Sabotage der gesamten Therapie.

Wie ungerecht das ist, habe ich in den letzten Therapiestunden verstanden. Einfach, weil ich es zum ersten Mal mit einem Innen tun hatte, dessen innerer Kosmos absolut nachvollziehbar, ja sogar nach-, mit-, ichlich fühlbar für mich ist. Und die Therapeutin ihm im gleichen spezifisch konfrontativen Ton wie mir sagte, es würde vermeiden, als sei das eine aktive Tätigkeit und nicht der Reflex als den sowohl ich als auch das Innen das erleben.

Für mich ist es nicht mehr die Art von Reflex, die aus Todesangst heraus greift. Das ist vielleicht ein Unterschied. Ich bin nicht so jung wie dieses andere Innen, lebe in unserem Alltag, mir fehlen die Erinnerung an unser Erwachsenwerden nicht. Meine Angst zu sterben ist eine andere als die dieses Innens.
Der Mechanismus hinter unserer Vermeidung ist aber der gleiche: Wir wissen nicht wie wir leben sollen, wenn wir nicht tun, was wir tun oder sind, wie wir sind.

Jedes Mal, wenn ich versucht habe Erinnerungen oder Sein anderer Innens als meines anzunehmen, hatte ich das Gefühl zu lügen und nach einigen Tagen des Aushaltens dessen, bin ich zerfallen. Ob ich wollte oder nicht, ob ich mich tiefenspecial darauf eingelassen habe, dass das alles ich bin und alles zu mir gehört und la la la Es hat mich verdisst, mir fehlten einige Tage und erst irgendwann Monate später in irgendeiner anderen Therapiestunde merkte ich an irgendeiner Kleinigkeit, dass mir die Erinnerungen und Bezüge, die ich doch annehmen wollte, komplett fehlen. Ja, dass ich manchmal nicht einmal mehr weiß, worum es grob dabei ging und in welchem Zusammenhang ich versucht habe, das anzunehmen.

Das ist jedes Mal ein Moment von Versagen für mich. Und jedes Mal denke ich an die ganze Zeit, in der wir schon arbeiten, die ganze Kraft, die es sowohl mich und uns als auch die Therapeutin gekostet hat und möchte im Boden versinken vor Scham.
Obwohl ich weiß, dass das – genau das – das ist, was die DIS zu einer Diagnose macht und, dass es so etwas wie eine Entscheidung zur Vermeidung oder Dissoziation nicht gibt. Ich weiß das und ich ziehe viel Kraft, die Therapie überhaupt weiter zu machen daraus, denn diese “Krankheit” ist ein Zustand. Die Diagnose bezieht sich auf die Zustände und die Desintegration dessen in einer einzelnen Person – ich bin ein Zustand. Ein Ich-Zustand. Die anderen sind ein anderer Ich-Zustand – von mir oder von jemand, die_n es jetzt vielleicht noch gar nicht gibt, weil da einfach nichts genug miteinander verbunden ist, um Selbst zu sein.
Zustände sind veränderlich. Ich kann mich ändern. Ich will mich verändern. Ich weiß nur nicht, wie ich “anders sein” machen muss oder kann. Als Tätigkeit.

Es ist ungerecht das auszublenden, nur weil es nicht der gleiche Lerninhalt ist, wie der mit dem Innens, die nie etwas anderes als Gewalt und Not erlebt haben, zu kämpfen haben.
Ich lerne hier auch gerade, wie man ohne Todesangst haben zu müssen, lebt.

die *ismen an „aber nicht alle können nachhaltig.er ..!“

In den letzten Monaten finden wir uns wieder verstärkt in Veganbashing, in „die halten sich wohl für was Besseres“- Aussagen, wenn es um Imperative in Sachen Nachhaltigkeit und nachhaltigen Konsum geht und als wäre es damit untrennbar verschmolzen: das „not all people can…“ bzw. „aber nicht jede_r kann sich das leisten“, als rhetorischer Versuch einen Punkt in der Diskussion zu machen.

Tatsächlich besteht die Diskussion nachwievor nicht aus sachlicher Argumentation oder aus konstruktiven Überlegungen, was man selbst denn tun könnte, sondern aus Abgrenzungs- und Vermeidungsverhalten.

Da sind auf der einen Seite die Liebliebveganer_innen, die es in Jahren der medialen Präsenz nicht schaffen, mehr als Konsumtipps und Selbstoptimierung zu zelebrieren, statt knallharte Forderungen an politische Entscheidungsträger und real mögliche Umsetzungsmodelle zu erdenken.

Da sind die Ökofaschisten, die das steigende Bewusstsein um die Endlichkeit der Ressourcen und die Notwendigkeit zu nachhaltigeren Mitteln und Wegen der Versorgung zu kommen, ausnutzen, um zum Beispiel völkische und andere grundlegend faschistoide Ideologien zu normalisieren und zu verbreiten.

Da sind die Leute, die Müllseen und Schildkrötenbabys mit Plastikstrohhalmen in der Nase zwar richtig schlimm finden, und auch irgendwie total erschreckend, das aber nicht mit ihrem Konsum und anderen Aspekten ihrer Lebensweise in Verbindung bringen können – und häufig auch gar nicht wollen. Weil “nutzt ja eh nix, wenn man selber in Askese lebt, aber DIE ANDEREN ja weitermachen”.

Es gibt noch mehr Parteien, aber ehrlich gesagt, regen mich die drei genannten im Moment am meisten auf und das nachhaltig. Immerhin das kriegen sie nachhaltig hin.

Vorneweg: Den Zusammenhang zwischen Umweltschäden und dem eigenen Lebenswandel nicht so auf die Kette zu kriegen ist kein persönlicher Makel. Es ist die Folge eines Lebens in kapitalistischer Dauerbeschallung und -manipulation mit Botschaften des Konsums. Und wenn euch jetzt das Wort Kapitalismus hier drin erschreckt, ja mensch, tut mir leid, aber was, wenn nicht kapitalistisch begründet ist es, wenn die Antwort auf jedes – wirklich jedes Problem, jedes Bedürfnis, jeden Konflikt ist, Geld auszugeben, mehr Geld zu brauchen oder, dass einfach die falschen Leute zu viel Geld haben.

Man wächst auf, um zu lernen, wie man gut produziert, um gut einzunehmen, um gut auszugeben. Alles kreiselt darum, sich restlos glücklich zu kaufen. Oder etwas zu kaufen, womit man sich dann restlos glücklich durch selbst hergestellte Produkte machen kann. You see? Es geht kein Weg dran vorbei.
Und nun kommt die Schleife: Nicht alle Menschen können sich restlos glücklich kaufen. Schon gar nicht, wenn das Bewusstsein darum, dass andere mehr haben können, da ist.

Für manche Menschen gibts an dem Punkt nichts mehr nachzudenken oder zu reflektieren.
Die ganz woken wissen sogar was Kapitalismus ist und waren selbst mal in Hartz 4 – und sagen dann deshalb so Dinge wie: “Veganismus können sich nicht alle leisten!!1!11” oder “Nachhaltigkeit darf kein Anspruch an alle sein, weil es sind ja gar nicht alle gleich mit Geld ausgestattet!” und ich frag mich in letzter Zeit immer öfter, ob diese Leute einfach überhaupt mal nachdenken, was sie da sagen.
Und was es für einen Mensch in relativer Armut und klarem Bewusstsein für die Notwendigkeit zur Nachhaltigkeit bedeutet, wenn man ihm pauschal abspricht Teil dieses Wandels sein zu können mit eigenem Handeln.

Ich zeig euch mal unsere aktuelle Co2-Bilanz.

man sieht, dass wir nur etwa halb so viel Co2 verbrauchen, wie der Durchschnitt der Menschen in Deutschland

Wir heizen drei von fünf Räumen, damit wir nicht von Nachzahlungsforderungen überrascht werden.
Wir duschen alle 2 Tage für 10-15 Minuten, weil wir in der ganzen Altbauwohnung ausschließlich Durchlauferhitzer haben. Heißt auch: die Wasserhähne sind alle kalt. Immer. Ein Mal in der Woche waschen wir mit 2 Litern warmem Duschwasser ab.
Wir fahren überwiegend Fahrrad, danach kommt die Straßenbahn, danach kommen Zugreisen und erst danach kommt unsere Nutzung des Individualverkehrs durch Autos (alles nach Streckenlängen gestaffelt).
Wir ernähren uns vegan, kaufen Supermarkt-Bioprodukte, von denen aber von fünf Waren nur drei koninuierlich aus Deutschland kommen. Wir haben einen Tiefkühlschrank und kaufen viele Früchte gefroren, weil wir die Lagerung der meistens unreifen Produkte aus dem Laden in unserer Wohnung nicht hinkriegen.
In der Kategorie “sonstiger Konsum” konnten wir gar nicht so niedrig gehen, wie wir in der Regel sind – dort mussten wir also 150€ angeben. Unser “sonstiger Konsum” liegt bei 50€ bis 80€, was das in Co2 bedeutet, weiß ich jetzt aber nicht.

Ich zähle das alles auf, um zu zeigen: Die meisten unserer Einsparungen haben direkt mit unserer relativen Armut zu tun und nicht damit, dass wir fancy schmänzy öko-Style leben.
Hier ist noch die Grafik mit den gemachten Einsparungen:

man sieht, dass die Hälfte des Verbrauchs eingespart wurde

Die meisten prekär lebenden Leute, die wir kennen, leben ähnlich wie wir. Ja, vielleicht haben sie einen Fernseher und ja vielleicht essen sie nicht vegan, aber die haben dafür auch keinen Tiefkühlschrank im Keller und einen PC wie wir bei sich rumstehen.
Und doch ist ihr Raubbau an dem Planeten kleiner als der von den meisten anderen Menschen. Wobei man hier ganz klar sagen muss, dass “die anderen” in diesem Fall “relativ weniger arme Menschen” und “Menschen in relativem Reichtum” sind.

Das “realtiv” steht hier nicht, um “die Reichen11!!1!” irgendwie zu verschwurbeln, sondern, um das Bewusstsein für die herrschenden Verhältnisse mit zu kommunizieren. In Lohn und Brot zu sein, macht niemanden automatisch reich – es macht ihn nur weniger arm bzw. reicher als arme Menschen.
Relevant, sich das auch im Bewusstsein zu behalten.

Zurück zum Thema.
Dass in jeder Diskussion um nachhaltigeren Konsum schlicht vergessen oder ausgeblendet – ja, vielleicht vielleicht nicht einmal bewusst ist, wie wieviel geringer die Co2-Bilanz von armen Menschen ist, sehe ich als Bestandteil und Folge klassistischer Diskriminerung und der inzwischen bis in den Mainstream gepressten Werbebotschaft von Konsumoptionen als nachhaltigen Akt.
In diesem Denken nämlich können Menschen in relativer Armut nämlich nicht viel konsumieren – schon gar nicht die teuren nachhaltigen Produkte – weil sie ja arm sind und also können sie ja gar nicht mit machen, wie sie schon bei so vielen anderen Dinge nicht mitmachen können. Würde zum Beispiel. Oder Selbstbestimmung. Von armen Menschen kann in diesen Überzeugungen auch einfach nie irgendwas kommen. Die können ja nie mitmachen. Sind ja arm.

Ich, wir, als arme Person spüre das. Und zwar ganz schön schmerzhaft. Es fühlt sich an wie ein Platzverweis. Einer, der mich, der uns, in unserer prekären Lage zurück lässt, in der es später – wenn die Ökologie um uns herum zusammengebrochen ist – wiederum für uns am Schlimmsten werden wird. Denn dann heißt es nicht mehr “Ihr könnt ja nicht mitspielen”, sondern “Jetzt spielt ihr mal für uns, schließlich haben wir ja die ganze Zeit für euch gesorgt”. Wette ich drauf. Man wird den Armen in den Arsch beißen, wenn der Klimawandel die Reichen und die relativ Reichen zu einem anderen Lebenswandel zwingt. Man wird den Armen die Schuld geben, wie man das heute schon mit den armen Ländern tut, die unseren Plastikmüll auf ihre offenen Halden, ihre weniger krass ausentwickelte Infrastruktur schmeißen, um zu Geld zu kommen.

Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass reiche und ermächtigte Menschen vor allem reich in den Optionen Verantwortung von sich zu weisen sind. Die wenigsten Menschen mit viel Entscheidungsmacht oder vielen Finanz- und Gütermitteln setzen diese ein, um viel Verantwortung zu übernehmen und zu tragen. Und wenn sie das tun, dann wollen sie dafür gefeiert werden, weil “Gutes tun” mit “Gut sein” verbunden wird. Was auch nicht passieren würde, würden Menschen einfach mal Gutes tun, um verdammt nochmal einfach nur Gutes zu tun. Aber wie soll das gehen, in einer klassistischen Gesellschaft wie unserer. Geht nämlich nicht so einfach.

Wie oft uns Leute sagen, sie könnten unsere Entscheidungen zu Gunsten von Nachhaltigkeit und niedriger Co2-Bilanz nicht auch fällen, um dann in ihrer Begründung praktisch zu sagen: “Tja ich bin halt ein wertloses Stück Scheiße, von mir kann ja eh auch nichts Gutes kommen – ich kann ja nicht gut sein. Ich bin nur ein einzelner Mensch (in Hartz 4, das mich bremst/ mit kleinen Kindern, die mich in die Rolle des immer scheiternden Menschen bringen/ mit Alltagsverantwortung, an der ich immer versage/ mit Spaß an Konsum, was beschämend ist und mich zu einem schlechten Menschen macht…) – ich kann nicht gut sein. – ICH KANN NICHTS GUTES TUN, DENN ICH BIN SCHLECHT.”
Dazu kommt dann oft noch eine weitere ganz interessante Drehung, in der die Menschen sich selbst als zu schlecht und zu wertlos für einen persönlichen Wandel zu mehr Nachhaltigkeit darstellen, weil sie nicht von jetzt auf gleich alles richtig machen würden, im Sinne von: “gleich sofort alles perfekt ohne Fehler, von allen Menschen gemocht, für niemanden eine Belastung”.

Dabei geht es dann oft nicht einmal wirklich um einen Selbstanspruch. Es ist nicht so, dass sie diese Leute von sich selbst erwarten, alles gleich “richtig” zu machen – es ist viel mehr die Befürchtung, dass alle anderen um sie herum das von ihnen erwarten könnten und sie dann aber im Falle einer echten Perfektness zu jemandem erklären, die_r sich für was Besseres hält – und also nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen.
Oder im Falle der Nichtperfektness für jemanden halten, die_r an den überkrassen Ansprüchen der Ökoperfektness scheitert und dann die Ansicht, dass das eh alles nicht zu schaffen ist, bestätigt wird. Zusätzlich zu dem Ding, dass die Person sich ja wohl für was Besseres halten muss, weil sie hats ja probiert bzw. probierts.

An der Stelle kann ich dann wieder nur Verständnis aufbringen, weil es diesen Fremdanspruch, diese Haltung tatsächlich gibt. Und worin zeigt sie sich? Richtig: Veganbashing, das Aufbauen von Stereotypen, in denen Leute als arrogant und eingebildet, ignorant für “die wirklichen Probleme” dargestellt werden und die ständige Wiederholung, wie hart und überkrass Verzicht (was hier im Westen dann wieder mit Not und Schmerz übersetzt wird, weil man nur in schmerzhaften Notzeiten jemals auf irgendwas verzichtet (hat) ) ist und, Ableismus olé, wie “durchgeknallt”/ ”bescheuert”/ ”geistig umnachtet” Leute sind, die das durchziehen.

Im Moment ist vegan zu leben, sich plastikfrei zu halten, insgesamt weniger Müll zu produzieren und den eigenen Konsum mit Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen, eine radikale politische Haltung, die weit mehr emanzipatorische Elemente enthält als viele Leute glauben. Denn konsumieren müssen wir alle.
Wir alle müssen konsumieren, um zu überleben.

Und statt das zu hinterfragen, werden Leute hinterfragt, die ihren Konsum hinterfragen und eigene, selbstbestimmte Entscheidungen darin fällen, die in jedem Fall dazu führen, dass sich das Verhältnis zum Konsum grundlegend verschiebt. Aus “mehr mehr mehr immer und jederzeit” wird “genug für so lange und ressoucenschonend wie möglich”. Es wird nicht besser oder schlechter, es wird anders, denn der Fokus ist ein anderer.

Als Person in relativer Armut ist diese neue Fokussetzung für uns gar nicht so schwierig gewesen. Aber die Emanzipation von den klassistischen und carnistischen Erwartungen an uns als arme Person war und ist schwierig. Wir haben ständig das Gefühl, der Lüge über unsere Armut bezichtigt zu werden, wenn wir sagen, dass wir Bioprodukte kaufen und vegan leben bzw. auf dem Weg zum ganz veganen Leben sind.
Unter anderen Menschen in prekärer Lage haben wir das Gefühl ständig beweisen zu müssen, dass wir uns nicht über sie erheben; dass wir wirklich und ehrlich auch nicht finden, dass sie eklige Drecksärsche sind, weil sie Fleisch essen; dass wir sie wirklich und echt nicht verurteilen, wenn sie Autofahren oder sich mehr Gedanken um ihr Auskommen machen, als darüber, wie viel Plastikmüll sie produzieren.
Wir und unser Andersmachen funktionieren für so viele Leute als Reibe- und Projektionsfläche, das ist einfach zum Kotzen. Weil das schlicht und einfach Objektifizierung und damit Gewalt ist.

Wir machen, was wir für besser halten, weil es erwiesenermaßen besser für den Planeten und also unsere Lebensgrundlage ist. Like literally: GRUNDLAGE Wir leben auf und in diesem Ding. Es ist einfach nicht gut, sie zu zerstören.

Wie einsam so ein Bewusstsein macht, können sich alle vorstellen. Mit was für Ängsten und Sorgen man sich da plagt. Wie viel mehr Ohnmachtserleben es vor dem gibt, was in der Welt passiert.
Und deshalb wirds vermieden. Deshalb will man lieber von überkandideltem Unnötigquatsch in der ganzen Sache ausgehen. Negieren, Ignorieren, Verdrängen.
Für Menschen in relativer Armut bedeutet das eine weitere Schicht der Ausgrenzung, wenn sie versuchen etwas zu verändern. Sie werden oft schon in ihrer konventionellen Sicht auf Zukunft nicht gesehen und gehört, weil sie als der Armut allein geschuldet eingeordnet wird – fangen diese Menschen dann noch an alternative Modelle für eine gesicherte Zukunft zu leben, gilt das als „einem Hype hinterher rennen“, „als zum Mittelstand hinstreben“, als „kann ja eh nix werden“, als Einladung sich lustig zu machen oder typisch „white savior“-mäßiges Mitleid zu entwickeln.

Und daneben gibt es natürlich auch noch die Leute, die Alternativen leben wollen und dann die Kurve nehmen, sich selbst zum Vorbild oder lebenden Imperativ für alle machen zu wollen. Das sind dann die oben erwähnen Liebliebveganer_innen zum Beispiel oder auch Leute, wie Paulines sie bei sich im Blog skizziert haben.
Um Vorbild zu sein muss man sich erhöhen – sonst wird man nicht gesehen. Das ist logisch und wird doch – besonders von den Leuten selbst natürlich – oft negiert, weil es mit Arroganz und anderen unsympathischen Eigenschaften verknüpft wird. Sich zu erhöhen kann aber auch so gestaltet werden, dass sich niemand scheiße fühlt, sondern eher verbunden in der Sache. Greta Thunberg ist da so ein Beispiel. Sie erhält den Sachbezug aufrecht, wenn sie sich äußert und stellt nicht sich selbst dar. Etwas, was viele andere Leute mit gleichen oder ähnlichen Anliegen einfach nicht machen und dadurch bestimmte Menschen ausschließen.

Tatschlich aber braucht man eigentlich kein Vorbild, um etwas anders zu machen. Es kann manchen Menschen helfen, aber ist keine Bedingung. Und dieses Maß an Demut aufzubringen ist, was wir als etwas gelernt haben, das wichtig ist. Wir werden mit unserem Selbstanspruch und unseren abweichenden Werten, so oder so als das Bild benutzt, das sich andere von uns machen. Ob das ein Vorbild oder ein abschreckendes Beispiel ist – wir haben das nicht in der Hand und also brauchen wir keine Energie da rein invenstieren.

Wir investieren Zeit und Kraft ins Andersmachen, auf dass langfristig so vieles wie möglich besser für alle werden kann. Und weil das Vermeidungsverhalten anderer Leute nervt und klassistisch ausgrenzend wirken kann, habe ich diesen Text geschrieben. Es steckt nicht mehr, nicht weniger dahinter.

tl, dr: Reflektiert eure Haltung zu Armut, Veganismus und den Versuch Konsum und Nachhaltigkeit zusammen zu bringen auf Klassismus, Ableismus und die innere Wahrheit sich für zu scheiße zu halten, um Gutes zu tun.

Buchrezension “I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay”

Dieser Text enthält unbeauftragte Werbung.
Als Teil des Verlagskollektives haben wir das Buch als Freiexemplar erhalten,
jedoch nicht an dessen Umsetzung und Veröffentlichung mitgearbeitet.
Mika Murstein verwendet das Pronomen “mer” für sich, also verwenden wir es in diesem Text auch.

ein Backstein
In jeder Hinsicht ist die 462 Seiten mächtige Gedankensammlung von Mika Murstein, in der unter anderem die Verhältnisse von Be_Hinderung und Geschlecht, von Klassismus und Ableismus, Netzaktivismus und Empowerment besprochen und mit den Diskursen unserer Zeit in Zusammenhang gebracht werden, ein Backstein.

zuweilen erschlagend
Leser_innen jenseits netzaktivistischer Auseinandersetzungen und queerfeministischer Ansichten, dürften Schwierigkeiten haben, sich in Form und Struktur dieser in Text gegossenen Gedankenlandschaft zurecht zu finden. Ja, auch sich selbst zu finden oder in Beziehung zu setzen.
Auch der Satz des Buches und die Sprache, die zwischen amerikanischen wie deutschen Neologismen und Eigennamen springt, erfordern eine sehr hohe intrinsische Lese- und Verständnismotivation, sowie Fähig- und Fertigkeit sich daran anzupassen.

one brick at a time
Murstein leitet und strukturiert mers Gedankengänge von mers eigenen Er_Lebenserfahrungen ab und nterfüttert diese überwiegend mit Theorien und Texten anderer, in Deutschland nicht breit besprochener Aktivist_innen, wobei der Spagat zwischen “zugänglich machen” und “eigenen Punkt machen”, mal mehr mal weniger griffig und allgemein verständlich funktioniert.
Über verschiedenste Aspekte des Er.Lebens zeigt die_r Autor_in auf, wie tief und weitreichend verzweigt ableistische Annahmen, Erzählungen und Handlungen in der Gesellschaft und ihren Strukturen wirken.

Bereits nach wenigen Seiten ist klar: Wo Ableismus beginnt, beginnen auch Klassismus, Rassismus, Sexismus und immer wieder die Aufgabe, sich selbst darin zu verorten, obwohl jedes dieser *ismen mehr oder weniger gezielt zur Ausgrenzung führt und führen soll.
So findet man sich nach einiger Lesezeit in einem vielschichtigen, dicht an dicht gesetztem Gedankengebäude wieder.

Aufbaumaterial
Selbst von Ausschlüssen, aufgrund von Ableismus und/oder anderen Diskriminierungsformen, betroffenen Menschen, erscheinen die eigenen Erfahrungen oft unkonkret und daher auch unbewortbar. Murstein gibt mit “I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay” Beispiel und Grundlage in Worte und Diskussion zu kommen.
Mers Perspektive auf die Themen und Strukturen unserer Zeit, zeigen Wege und Formen des Aktivismus und was darin möglich und nötig ist, aber auch darüber hinaus noch sinnvoll sein könnte.

another brick in the wall
Dieses Buch ist für behinderte Cyborgs, für Schwarze be_hinderte Menschen, für Arme mit Behinderung, für Leute, die dazulernen wollen, für weiße cis Feminist_innen, für Allys … für alle, die das eigene Gedankengebäude zu Inklusion, Netzaktivismus, social justice und die Gleichberechtigungsdiskurse unserer Zeit erweitern oder umbauen wollen, aber auch Anteil an der Dokumentation der Gegenwart be_hinderter und mehrfach marginalisierter Menschen nehmen wollen.

„I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay“ ist im linken, unabhängigen Verlagskollektiv „Edition Assemblage“ erschienen, das sich als Plattform für die Stimmen und Perspektiven mehrfachmarginalisierter Personen.gruppen versteht.
Ihr könnt der Edition Assemblage Rückenwind geben und ihr aktuelles Crowdfunding unterstützen, um Bücher wie dieses auch in Zukunft zu veröffentlichen.

der Song, das Jetzt, das tote Kind

Als ich mein Rad abstelle, setzt einige Meter neben mir der Song “Sweat” ein. Inner Circle, 1992. Sommerhit. Mir schießen Tränen in die Augen. Das Kind, das diesen Sommer erlebt hat, wird von uns seit dem Antrag auf Namensänderung zu Grabe getragen. Jeden Tag einen Millimeter weiter.
Die Sonne scheint. Ich mache meine Beine hart und versuche mein inneres Wanken innen zu lassen. Hier und jetzt in dieser Stadt wohnen wir. Damals war damals. Heute ist heute, ist hier und jetzt. Aaahaa haa haa

Seit der Unterschrift auf dem Zettel stelle ich mir vor, was wir mit dem alten Namen machen. Wir werden ihn nicht verlieren. Und natürlich ist auch die Idee, etwas von uns, das uns, das wir früher, zum Beispiel 1992, waren, zu beerdigen absurd. Das geht nicht, wird nie gehen. Und trotzdem werden wir das tun. Wir müssen das tun. Irgendwie fühlt sich das sicherer an. So, wie die ewige Ruhe, die wir uns an der Stelle einfach wünschen und anders vielleicht auch gar nicht herstellen können.

Und ja, es ist auch wie etwas endlich wirklich sterben zu lassen, an dem wir so lange und immer und immer und immer noch fest gehalten haben. Weil wir uns eben doch seit 17, 18 und in ehrlichster Wahrheit dann doch schon seit mehr als 25 bis vielleicht sogar 27 Jahren mit der Idee bescheißen, irgendwann würde doch alles wieder gut, wieder heil, wieder so, dass man es ohne Zweifel, Zögern, Zagen leben kann. Ohne alles das, was irgendeine Form der Ruhe verhindert.

Es ist Realität, dass wir zu viel in der Herkunftsfamilie gelassen haben, um heute sagen zu können, es sei einfach nur ein Namenswechsel. Das ist einfach nicht. Es ist auch Kapitulation. Eine Kapitulation vor der Tatsache, dass wir niemals in unserem Leben erfahren werden, wer das war. Wer dieses Kind war, das nur 14, vielleicht noch ein bisschen 15 Jahre alt werden konnte und dann da bleiben musste. Für immer. Schlicht und einfach unrettbar.
Nicht nur abdissoziiert und irgendwie verschüttet, sondern wirklich wie das Stück Seele, das man opfern muss, weil sich das Leben zu retten manchmal eben doch so viel kostet.

1992 waren wir 6 Jahre alt. Die Erinnerungen mit dem Song haben einen Sommer mit dichter Wärme, klebrige Teerwürste, Straßenplatten, das Fahren auf der Rückbank eines Autos sich drin. Luft, die nach Staub, nach Gräsern und Zigarettenrauch riecht. Und das überfordernde Angstkippeln zwischen einstürzendem Weinen und vibrierender Steifheit, die sich dagegen auflehnt, an der Aaaaah-Stelle des Songs.
Der Gedanke als 6 jähriges Kind mit so einem Kampf um, gegen, mit Emotionen belastet zu sein, macht mich fertig.

Nicht, weil es ist oder vielleicht war, sondern, weil es wirklich niemals Trost, niemals wieder gut, niemals ganz wieder heil geben wird. Nicht, weil die Wunde so groß ist, sondern weil das Kind schon tot ist. Schon länger, als wir uns das eingestehen wollten. Kinder wie dieses kriegt man mit keiner Traumatherapie wiederbelebt. Solche Kinder setzen sich nicht aus den Erinnerungsplittern zusammen, die man sich Stück für Stück zusammenerinnert.
Die sind tot. Gestorben. Abgenippelt. Verreckt. Abgekratzt. Ausgehaucht. Zu Ende.
Egal, wie toll man um ein Leben danach aufgearbeitet hat.

Die Musik stoppt.
Ich gehe zur Sparkasse. Die Fotokopie des Geburtseintrags im Standesamt der Geburtsstadt kostet 10 Euro, die wir an dem ganzen Wasser im Gesicht vorbei überweisen. Der Geburtsort verbindet uns mit der Mutterfrau genauso wie der Geburtseintrag. Wieso ist sie nicht einfach allein geblieben, so wie sie da allein drin steht. Keine Antwort. Jemals. Irgendwie geht es uns ja auch überhaupt nichts an. Es war ihre Entscheidung, wir waren noch nicht, das Kind damals auch einfach nur da. Zufällig quasi mit aus Versehen reingeschliffen.

Jetzt gehe ich durch meine Heutestadt und schwappe bei jedem Schritt aus dem Kopf auf die Brust auf den Boden ins Hier von 2019. In mir drin rascheln Federn. “Deshalb heißt es ‘Trauerjahr’ und nicht ‘Trauermoment’, mein Herz.”.
Ich denke, dass da was dran ist und verstehe, wieso ich über alles das gerade so vergleichsweise großzügig weinen kann. Denn das Leben danach ist ja auch immer nur Leben, und doch ein anderes Leben. Ein anderes Vorsichhinleben. Man muss alles ein erstes Mal machen. Ein neues weiteres erstes Mal, in dem man tut, was man immer tut, während alles anders ist. Neu. Fremd. So noch nie gewesen.

Das bewusste Loslassen der Hoffnung auf einen Originalzustand, so wie das Kind, das war, bevor wir uns in die Erwachsenheit überlebt haben, ist so noch nie gewesen. Das Gefühl seine unsichtbare Leiche auf uns drauf durch die Gegend zu tragen, während wir darüber nachdenken, wo wir es beerdigen, auch nicht.

Es ist ein zweites Danach.
Ein gutes. Ein wichtiges. Aber auch eins, in dem wieder etwas Unersetzbares für immer fehlt.

Buchrezension: “zusammen gehalten, Dissoziation, Identität, Struktur”

Dieser Text enthält unbeauftragte Werbung.
Das Exemplar haben wir kostenlos von P. Rabe erhalten.

 

Spürbare Fragmente
Als “buntes Puzzlewerk” beschreibt sich die Autor_in Paula Rabe, die ihr Buch “zusammen gehalten, Dissoziation, Identität, Struktur” im Selbstverlag veröffentlicht hat.
Rabe ist Viele, die dissoziative Identitätstruktur nach organisierter Gewalt Kernthema der 93 Seiten starken Broschur. In Gedichten, Kurzgeschichten und aufbereiteten Momentaufnahmen wird das dissoziierte Sein anschaulich und er.fassbar beschrieben.

Stück für Stück
Jeder Text in dem Buch, ob Poesie oder Kurztext, ist Teil und Solitär zugleich. Zusammenhänge zwischen den Texten bieten einzig die Kapitelnamen, die wiederum einzelne Aspekte eines Er_lebens benennen.
”zusammen gehalten” erzählt keine Geschichte, es zeigt auf Geschichten, Er_Leben, Sein und Prozess in jemandem, die_r Viele unter Vielen nach organisierter Gewalt ist.

Intuition statt Kognition
Die Lektüre führt in das bisher für DIS-Literatur eher wenig genutzte Feld der Intuition als Mittel zur Annäherung. Nur wer mitschwingt, kann folgen. Wer das Erfasste kognitiv einordnen möchte, bleibt zuweilen ohne Orientierung.  Was bleibt ist das Weiterlesen. Die Motivation dazu muss intrinsisch sein, denn das multidimensional strukturierte Buch bietet keinen Anreiz linear von Anfang bis Ende zu folgen.
Wer es jedoch tut, wird mit Poetry-Slam tauglichen Gedichten und Einblicken in die innere Kommunikation des_der Autor_in.nen belohnt.

Für alle, die ein Gefühl dafür bekommen wollen
Paula Rabe gelingt mit “zusammen gehalten” eine Sammlung emotional anrührender Stücke, die Verbündeten und Helfer_innen eine Idee von dem vermittelt, was es bedeutet Viele zu sein und sich in Richtung Heilung von komplexer Traumatisierung zu bewegen.
Dies und der Aspekt der Signalwirkung, die jede von selbst konkret betroffenen Menschen verfasste Literatur hat, kann sicherlich auch anderen Vielen hilfreich und wohltuend sein.