Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe

bäng

2014. Da wurden wir “freie Autorin” und hatten das offiziell auf einem Namensschild stehen.
Das Schild gehörte zu der Konferenz “Wir sind Viele” in Mainz, die Bezeichnung noch nicht zu uns.

Benita hatte gestern einen Text von uns zu dieser Konferenz ausgegraben und ich finde ihn super gut. Jaja lang – schwafelig – es dauert bis der Teil kommt, der wirklich knallt. Aber er knallte nach der Veröffentlichung und das tut er noch.
Damals war mir das wichtig. Es muss knallen, es muss klar sein, was ich denke. Jetzt sind hier schon so viele Leute, die unser Zeugs lesen, dann kann ich ihnen ja auch gleich sagen, was ich denke. Buff bam bäng.

So wie heute.
Nur anders.

Eben habe ich für unseren I-Kraft-Zirkus, der uns nicht weiter belasten soll, aber doch natürlich bedeutet, dass ich schon wieder metertief in Unterlagen stecke, die psychologische und die psychiatrische Stellungnahme zu unserem Hilfe-/Unterstützungsbedarf aufgrund einer vorliegenden autistischen Störung und der bestehenden Komorbiditäten rausgesucht.
Von Anfang und Ende 2015.

Inzwischen sind wir fertig damit es knallen zu lassen.
Die zusätzliche Diagnose des Autismus hat bei uns etwas überlaufen und einen Damm reißen lassen.
Vielleicht einen, der es uns früher ermöglicht hat, uns mit unseren Erfahrungen, in die von uns so wahrgenommene Helfer-/Hilfe-/Behandler_innenblase zu begeben und an ein mögliches Miteinander auf Augenhöhe zu glauben, das „einfach so passiert“.

Vielleicht aber auch einen, der uns daran gehindert hat zu wachsen und zu erfahren, dass wir nicht für alles zwingend immer in ein Miteinander gehen müssen, sondern auch einfach, so wie wir das können, aufzuzeigen, dass wir dafür offen sind, dass andere mit uns in ein Miteinander gehen. Wenn sie wollen und können und so weiter.

Heute vor zwei Jahren lernten wir den Begleitermenschen noch kennen und kletterten durch unsere alten Klinikberichte, Klinikerfahrungen und Erinnerungen daran, wie das alles so war damals. Erster IQ-Test, zweiter IQ-Test, das Geschwist, das ebenfalls hochbegabt und auf dem Spektrum ist, die erste Psychologin, die zweite, die dritte, die erste Klinik… der ganze Scheiß vor der DIS-Diagnose und der ganze Scheiß danach.
Nur um immer klarer zu bemerken, dass wir trotz so vieler Fortschritte auf hohem Niveau, die „banalsten“ Dinge nachwievor nie richtig geschafft und verstanden haben.

Dann kam die lange anstrengende Sitzung mit dem Begleitermensch, von der wir wussten, dass es der letzte Klops der Diagnostik sein würde.
Und danach die Krise.
Nicht sofort, denn erst wars gut.
Gut zu wissen. Das Ding hat einen Namen, viele Menschen laufen damit rum und manchen gehts sogar ganz okay damit. Alles prima.

Und dann – während wir versuchten uns damit zurecht zu finden – die Frage: Wieso erst jetzt?
Mit 29/30, nach so vielen diagnostischen, teilweise wirklich entwürdigenden, demütigenden, tief verletzenden, Beschlechtgutachtungen, nach so viel Expertise. Nach so viel Arbeit von unserer Seite. Durchgehend und über Jahre – zu dem Zeitpunkt 15 an der Zahl.
Wieso so spät?

Und: Wie kann es sein, dass eine so exotisierte Diagnose wie die DIS (die in vielen Fällen erst nach 3-7 Jahren im Hilfesystem überhaupt als solche erkannt wird) bei uns so derartig früh gestellt wurde, nämlich mit 16 Jahren – aber eine Entwicklungsstörung wie Autismus, die schon da war, als wir geboren wurden, erst mit fast 30?

Wir kennen inzwischen alle für uns relevanten Antworten auf diese Frage.
Wir werden als Mädchen/Frau eingeordnet – wir haben eine komplexe, unser Verhalten als Einsmensch massiv beeinflussende, dissoziative Identitätsstruktur – wir werden als “intelligent” eingeordnet – wir sind weiß – wir lebten als Kind nicht in der Unterschicht – Ärzt_innen und Psycholog_innen sind besser auf akute und extreme Symptome geeicht, als auf subtile…

Aber die eine Antwort, die uns fertig gemacht hat, war die, die uns der Klinikaufenthalt, der uns eigentlich helfen sollte uns zu sortieren und klar zu kommen, aus Versehen, zufällig sehr deutlich gegeben hat: zu viele Leute sehen, was sie sehen wollen. Und wenn sie lieber eine narzisstische Arroganzpatientin sehen wollen, als das, was da ist, dann sehen sie eben nur das.
Und dabei ist es scheiß egal, welche Profession dahinter steht, welcher Intention da nachgegangen wird und auch, was die angeguckte Person tut bzw. welche Dynamik gerade greift.

Und so kommt es, dass ich zwei Jahre nach der Diagnose und drei Jahre nach meinem Artikel, der wirklich einen echten Punkt hat, der in den Diskurs gehört, der in die Auseinandersetzung zu guter Traumatherapie und echter Hilfe für Menschen mit Traumafolgestörungen jetzt echt mal ohne Scheiß REINMUSS, hier sitze und denke: “Ach ja … damals…”.
Und den Text wegklicke, wie alle meine Beiträge zu diesen Dingen weggeklickt, weggenickt, abgelächelt und totgeschwiegen werden. Nicht, weil sie von mir kommen. Nicht, weil sie falsch sind.
Sondern, weil sie nicht aussehen.

Weil es nicht aussieht mit Patient_innen anderer Therapeut_innen außerhalb eines Behandlungskontextes irgendwie zu tun zu haben, als seien diese normale Menschen, wie man selbst. Weil es nicht für alle gleich gut kommt, wenn man nicht versteckt, dass man sich für “die Perspektive der anderen Seite” interessiert – geschweige denn aufhört so zu tun, als gäbe es diese andere Seite “in Wahrheit” ja gar nicht, weil man ja ganz “neutral und objektiv über den Dingen steht” (vor allem über jenen, die auch Patient_innen sind).

Es geht um sozialen Heckmeck. Um Statusgekröse und Vermeidungstänze.
Um Dinge für die wir sehr lange, sehr viel Kraft aufgebracht haben, weil wir dachten, irgendwann würden wir das nachvollziehen können. Irgendwann würde der Moment kommen, in dem uns die emotionale Ebene in den Menschen, die das machen und zu wollen scheinen, selbst auch zugänglich. Irgendwann würden wir das auch können und dann mitmachen und das begreifen können.

Und heute sehen wir, dass unsere Fähig- und Fertigkeiten nicht zu so etwas taugen. Zu so einer Blase, zu so einer Art des Miteinanders. Zu so einer Art Zusammen_Arbeit. Zu solchen Menschen.
Für uns, die sich eine Zeitlang wirklich gut vorstellen konnte sich da reinzubegeben, zu helfen, Dinge mit anzustoßen und damit vielleicht auch etwas zurückgeben zu können, ist das jetzt durch.

Wir machen eigene Dinge und öffnen uns für Menschen, die auf uns zukommen, weil sie das gerne wollen. Und siehe da: es funktioniert. Auf eine ganz eigene Weise. Eine, die vielleicht für manche anstrengend und langwierig und zuweilen awkward ist – aber so sind wir und so ist, was wir tun.

Neben aller Abgeklärtheit dazu, sind wir darüber natürlich auch traurig. Weil das Thema einfach mehr verdient hat als die weithin normalisierten Stimmen derer, die etwas davon haben, dass Menschen damit leben und also natürlich auch der eigenen Daseinsberechtigung entgegenarbeiten müssen.
Und auch: weil wir mehr verdient haben, als unsere Sätze und Thesen fancy aufbereitet irgendwo anders wiederzufinden. Wo mehr Reichweite ist, wo mehr “lieb lieb” ist und ja: auch Refinanzierung ist – aber kein Hinweis darauf, von wo der Input kam.

Wir haben mit der Autismusdiagnose so viel über uns und unsere Wirkung auf andere Menschen gelernt, dass wir heute in Interviews oder auch Workshops so Dinge sagen wie: “so bin ich und jetzt müssen wir mal gucken, wie wir damit so zusammen klar kommen” – buff bam bäng
Wir knallen heute anders und finden das gut.

Es hilft zu wissen, dass wir und unsere Punkte gehört werden, auch wenn sie vielleicht nicht da landen, wo wir sie gerne hätten. Wir wissen so: es ist nicht für alle unansehnlich uns anzuhören und mit uns zu denken. Es ist nicht für alle irgendwie weird oder wichtig sich besser zu fühlen, als wir sind – sondern relevant, was wir zu sagen und zu teilen haben.

Unsere Betroffenheit – unser Patient_in sein definiert unsere Perspektive mit und das ist großartig, denn nur wir haben genau diese eine Perspektive.

Wir werden nie die sein, die von irgendwo zu vielen spricht – aber wir sind schon eine von vielen, der zugehört wird. Obwohl wir wir sind und für manche ganz schrecklich. Ist egal – selbst mit denen haben wir was gemeinsam. Besonders toll finden wir uns nachwievor auch nicht. Aber akut etwas dagegen tun können wir nun einmal nicht – also bleibt es auch vor jenen bei Umgangsfragen und Diskurs.

Unser Umgang ist der, dass wir der Überzeugung folgen, dass die Themen Trauma und Traumatherapie, Gewalt und Über_Leben als queere, behinderte, traumatisierte Person, wie unsere.s mystifiziert werden, weil zu wenige etwas davon mit.teilen. Aus genau ihrer ureigensten Perspektive.
Wir denken: Das Drüber_schreiben, reden, mit.teilen ist, was wir machen können. Also machen wir das. Einfach so. Weil wir kein Wunder sind. Weil wir nicht besonders sind. Weil wir und unser Leben so eine scheiß logische Abfolge von Ursache und Wirkung ist, dass es ein Skandal ist, wie viele Menschen bis heute glauben, das könne ja gar nicht wirklich echt real sein.

Und: weil es tragisch ist. Weil wir so viele Tränen geweint und so viele Nöte durchgestanden haben, die nicht hätten sein müssen.
Wenn mehr Leute sich dafür interessieren würden, was verdammt nochmal da ist – und nicht, was sie sehen wollen (möchten/müssen/sollen/dürfen).

 

bäng

das hat gut getan
danke

Lauf der Dinge

escape

Wie sie das machen, weiß ich nicht. Wie sie noch ein Mal mehr die Ärmel hochkrempeln und politische Arbeit, Diskurs und Kampfgeister beschwören können. Wie sie sich ein Mal mehr ganz offen dort positionieren, wo mit Hass und Schmerz zu rechnen ist.

Ich weiß nicht, wie sie das machen.

Ich habe den Finger auf dem Escapeknopf.
Bin froh, wenn es etwas gibt, das mich kurz- bis langfristig von der Angst ablenkt, er könne mir genommen werden. Einfach so und völlig legitimiert von Kräften, die mich berühren, aber nicht spüren.

Auf der Liste der 20 friedlichsten Länder ist Island noch vor Kanada.
Und Deutschland.
Vielleicht gehen wir da hin?

Das Land, in dem alle eine Hütte im Wald am Strand in den Bergen auf einer grünen Wiese haben und von morgens bis abends in Glückseligkeit baden, gibt es nicht. Vielleicht wäre mir das auch zu langweilig. Spätestens, wenn meine Haut vor lauter Baden über meine Muskeln knittert.
Wer kann das schon wollen – den Rest des Lebens in Glückseligkeit baden.

Während des Wahlkampfs hatte ich immer Glück mit den beiden Wandelschildern an der Hauptstraße. Alles, was ich von den riesigen AfD-Plakaten sah, war das untere Viertel, das gerade von einer Autowerbung verdrängt wurde. Ich hatte Glück, denn meine Gedanken konnten sich wie kleine Trabanten um die Frage drehen, wie umweltverträgliche Mobilität aussehen könnte.
Und gestern sah ich sie dann vollständig. Die Forderung “endlich konsequent abschieben”, die sich nicht von meinem Ekel verscheuchen und in eine Autowerbung verwandeln ließ.
“Euch konsequent abschieben”, dachte ich und schob übermäßig viel Kraft in meine Beine, auf die Pedale, in meine Fort_Bewegung.

Ich kann nicht mehr denken, wie ich denken will. Ich will denken, dass man etwas dagegen tun kann, dass Menschen so sind. So denken. So glauben. So hoffen. So leben. So werten. Ich will denken, dass man es unschädlich machen kann, wenn Leute so sind. Ich will denken, dass sie mir nichts können. Die Leute, die so sind.

Ich will so fest glauben, dass eigentlich – in Wahrheit – nichts weiter passiert ist, als dass 94 weitere Sitze im Bundestag an Stimmen und Positionen verloren sind, denen Vielfalt, Inklusion, Gleichberechtigung, Menschlichkeit und die Zukunft dieses Planeten weniger wichtig sind, als kurzfristig einen warmen Arsch zu haben.

Tatsächlich sind es aber nun einmal 94 Sitze mehr für rechte, menschenverachtende, diskriminierende Positionen, die sowieso schon im Bundestag waren.

Am Wahlabend schrieb jemand, ein Escape wie meines sei feige und unsolidarisch.
Es war eine dieser Personen, die Ableismus und Sexismus nicht für “unsolidarisch” gegenüber irgendjemandem hält. Die diskriminierungssensible Sprache für etwas hält, das man nicht einfach machen kann, weil es allgemein stören könnte.
Es gibt so viele von diesen Personen, die nicht einmal merken, wieviele Menschen in ihrem Umfeld mutig und solidarisch für andere sind, wenn sie sich mit ihnen umgeben. Wenn sie sie als etwas ertragen, das ihr ganz alltägliches Leben und Sein schwer, schmerzhaft und obendrein noch unsichtbar macht.

Ich habe keine Angst vor einem neuen Hitler.
Ich habe Angst vor Gesetzen, die mich einmal mehr daran hindern, in Freiheit und Frieden zu leben und zu sein.
Frei genug, zu sagen: “Es gibt mich. Queer, behindert, nicht heterosexuell, traumatisiert. Ich denke und fühle. Daraus entsteht mein Beitrag zu einem guten Miteinander.” und in Frieden genug, zu wissen: “Ich werde dafür nicht bestraft, diskriminiert, bedroht, als weniger wert eingestuft.”

Ich habe Angst davor, dass Hass und Gier weiter normalisiert werden, als jetzt.
Ich habe Angst davor, bald in einem Land zu leben, in dem es unnormal ist, mit liebevoller Anerkennung und Respekt auf Menschen, Tiere und die Welt zu zu gehen.

Es ist mein Finger auf dem Escapeknopf, der mich daran hindert zu verzweifeln. Daran kaputt zu gehen zu wissen, dass ich die nächsten zwei Jahre noch hier bleiben muss, um wenigstens eine minimale Chance zu haben, irgendwo anders für meinen Lebensunterhalt aufkommen zu können.

Das Wissen um meinen Notausgang gibt mir Kraft, all das fertig zu machen, was ich angefangen habe. Die Kraft niemandem ins Gesicht zu springen und zu schütteln, di_er mir sagt: “Naja aber eigentlich ist es ja nicht schlimm.” oder “Ja, naja aber wahrscheinlich zerschießen die sich sowieso.” oder “Ach die Leute werden schon sehen, dass die nichts zu bieten haben” oder “Ich bin total gegen Nazis – aber man muss ja nicht übertreiben.” oder “Also mich überrascht das jetzt nicht, war ja klar…“

Es hilft mir, es tröstet mich, es gibt mir Hoffnung von einer kleinen Wohnung in einem fremden Land, mit anderen Problemen unter anderen Bedingungen zu träumen. Zu googeln was “Mediengestaltung” auf isländisch heißt und wie teuer eine gute Internetverbindung auf der Insel ist. Ich fühle mich fähig und selbstverantwortlich.

Ich habe das Gefühl einer Wahl.
Einer echten Wahl, die zu verantworten mir vor niemandem peinlich sein muss.
Weder jetzt noch später.

Und wer das nicht nachvollziehen kann – wer nicht versteht, wie ein Leben ist, in dem sowas die einzige Wahl ist, die eine echte Chance auf persönliche Freiheit und Frieden zur Folge haben kann, di_er hat nichts verstanden.
Und vielleicht auch nichts anderes verdient, als die AfD im Bundestag.

Momente mit Glitzer drin

Linksspam-Samstag

Bei uns ist es grau und oll – gerade deshalb ziehen wir uns Podcasts auf den MP3-Player und gehen in den Wald zum Laufen.

Was wir uns dabei so anhören und gern mit euch teilen wollen, folgt nun in einem Linkspam.

First of all etwas Eigenwerbung:


Podcasts:

 

Links to follow:

Was uns diese Woche erreicht hat, war die Information, dass es das Projekt mit dem schlanken Titel
Professionelle Begleitung von Menschen, die sexuelle Gewalt und Ausbeutung, im Besonderen organisierte rituelle Gewalt, erlebt haben: Die Perspektive der Betroffenen und der Fachkolleg_innen.“ gibt. Wir begrüßen dies und hoffen, dass sich so viele wie möglich beteiligen.

Außerdem noch einmal der Hinweis auf das Infoportal „Rituelle Gewalt“ von Claudia Fischer, mit der wir auch schon ein Interview für „Viele-Sein“ geführt haben.

 

 

 

Lauf der Dinge

Soldat_innen

Es nervt mich, wenn Leute das machen. Wenn sie posttraumatisch bedingte Schwierigkeiten mit Soldat_innen in Verbindung bringen. Manchmal vielleicht, um einen Impuls für Kollektivbewusstsein zu setzen und ebenjenem frisch empfundenen Kollektiv die Sirenen des Krieges, des Ausnahmezustandes, des NICHTNORMAL in die Ohren zu setzen.

Als ich auch in dieser letzten Nacht aufschreckte und in meinem Puls nach Hier und Jetzt wühlte, war es mir schon wieder normal. Das Zittern, das seine Zeit braucht, um sich in dem Tick Tack meiner Armbanduhr und dem Ein Aus meines Atems aufzulösen. Der saure Geschmack, der mir links und rechts aus der Zungenwurzel quillt und nicht schluckbar ist. Das dumpfe Summen im Kopf. Das Echo eines Früher in der Brust. Die Bilder, die zu krass sind, um sichtbar zu sein.

Das Bewusstsein von “Scheiße verdammt – es geht wieder los.”.
Eine weitere Schleife von Traumascheiß, der sich aufdrängt. Der eine Lücke gefunden hat und gnadenlos einnimmt, weil es geht.
Weil es genau jetzt gerade geht, sich zu erinnern.

Am Morgen sehe ich mich wie eine Soldatin.
Es ist wie die Vorbereitung auf einen Kampf. Sämtliche zur Verfügung stehenden Wörter werden wie Munition in einem Lager aufgeschichtet und verfügbar gemacht. Alltagsstrategien auf dem Reißbrett entworfen. Die Alliierten werden aufgelistet, in Kontakt gebracht. Die inneren Truppen stehen auf Linie und wickeln sich in Abgrenzungsstahl.
Es geht wieder los. Traumatisch bedingte Schwierigkeiten.

Unkontrolliertes Erinnern, das nicht verhindert, doch beendet werden kann.
Anspannung. Angst. Alleingefühle.
Mit Wörterwaffen gegen Schweigewände rennen.

Aufrecht. Ohne Lügen, die es leichter machen wollen, doch das Ist verqueren.
Nein, Traumascheiß ist nicht die Ausnahme. Nein, es ist nichts anderes als Erinnern. Doch, das ist zu überleben.

Ja, es wird aufhören.
Ja, es wird besser.

Wenn ES verarbeitet ist.
Irgendwann.

Innenansichten

Leben triggert

Am Ende einer langen Reihe aneinander klickender Steinchen, berührt eines von ihnen mein Bewusstsein.
Unvermittelt. Einfach so. Wie A auf B folgt, Einatmen auf Ausatmen.
Dann bin ich da und es ist, als wäre das nie anders gewesen.
Und doch braucht es nur einen Gedanken, eine Frage, einen Moment, in dem ich hinter mich schaue, und weiß, dass ich vorübergehend bin.

Selbst ein Dominosteinchen. Auf dem Weg ein nächstes anzustoßen, wie ein Tick ein Tack anstößt.

Leben triggert. Sich selbst. Permanent.
Leben ist Dominosteinchenketten, die stehen und kippen und klicken und standen und kippten und klickten.

Als ich in meinem Bett liege und weiß, dass ich bin, starre ich an die Decke über mir und stelle mir das Rasen unter meiner Haut wie einen Schauer kleiner Dominoketten vor. Domino Night nach Domino Day, denke ich und lasse die Bildersequenzen durch meine Wahrnehmung klicken, wie eine unnötige Zeitlupenaufnahme von etwas, das niemanden mehr interessiert.

NakNak* rollt sich in das C, das mein Körper gerade ist und atmet tief durch. Ich tue es ihr nach.
Wie A auf B folgt.
Es ist vorbei. Ich bin gekippt. Es hat geklickt. Ich bin da und weiß: Es ist wahr.

Einsamer und irdener kann es nicht werden, denke ich. Dieser Moment, in dem es eine Wahrheit ist, die nicht das Ergebnis eines Ausschlussverfahrens ist.
Valide genug zum Weitermachen, doch zu fremd, um als Teil von sich erlebt zu werden.

Neben mir versickert ein gequetschter Schrei. Eine Abwehrbewegung verwest in meinen Muskeln.
Um mich herum sirrt die Nacht, die einem Tag folgte.
Der ein Tag folgen wird.
Leben triggert.

Die Helfer_Innen und die Hilfe

Hilfe ablehnen

Einer meiner Texte wurde in unter einem Text verlinkt, in dem es darum ging, dass “die Traumatisierten” “die Hilfe” “so ungern annehmen können”.
Über die Verlinkung habe ich mich gefreut. Dafür sind die Texte ja hier und haben unten die Sharebuttons.

Zum Thema “Hilfe gar nicht so gern annehmen können”, will ich aber noch einmal etwas schreiben.
Weil das ein Teil meiner Gewalterfahrungsgeschichte ist und damit etwas, was mich jeden Tag mal mehr mal weniger berührt.
Und weil mich der Text, je öfter ich ihn gelesen habe, um mich auf übertriebene Reaktion zu prüfen, geärgert und letztlich fast erschreckt hat.

Deshalb ein Disclaimer.
Üblicherweise nehmen wir hier keine Texte anderer Menschen auseinander. Ich tue das jetzt, um meine Punkte aufzudröseln. Nicht um die Person oder ihre Arbeit oder ihre Intensionen abzuwerten. Wichtig. Nicht vergessen.

Erst dachte ich: “Hannah, das ist dein Sprachknall. Ganz sicher wird dort keine Aussage darüber getroffen, was Menschen, die mit PTBS umgehen müssen, gerne können (wollen) oder nicht.”.
Dann dachte ich: “Aber es wäre nicht das erste Mal, dass jemand, di_er sich als Helfer_in einordnet, zufällig aus Versehen genau sagt/aufschreibt, was si_er denkt. Nämlich, dass es bei Helfer-Hilfe-Dingern eigentlich nur darum geht, was “die Betroffenen” können. Und können wollen müssten.”.

Dann dachte ich, dass ich weiterlesen sollte. Kontext ist wichtig. Und ich mache mir an der Stelle den Kontext sehr klein. Schließlich lese ich nur diesen Text und beobachte einzig, was darauf in mir vorgeht. Vielleicht sind Menschen, die sich mit Trauma im Kontext von Würde auseinandersetzen, auch Menschen, die wir für das Nachwachshaus und andere Dinge später einmal ansprechen wollen.

Der Text ist nicht lang.
Seine Struktur verstehe ich so:
Erstens: Viele lehnen Hilfe ab, verstehen aber gar nicht mehr warum, wenn sie ihnen geholfen hat
Zweitens: Das liegt an ihrer (sexistischen) Erziehung
Drittens: Das liegt aber auch an der fehlenden Unterstützung nach der traumatischen Erfahrung
Viertens: Man muss diesen Menschen erklären, warum sie Hilfe ablehnen, dann können sie sich dafür öffnen

Grundsätzlich sind die Punkte nicht falsch. Es ist wichtig sich die Schlagworte “Ausnahmezustand PTBS”, “Sozialisation”, “strukturelle Mängel” und “kompetente Ansprechpartner_innen” im Gedächtnis zu behalten, wenn man sich damit auseinandersetzt, was Menschen von Hilfen jeder Art trennt. Nicht nur der Hilfe nach einer Traumatisierung. *

Denn – Newsflash – traumatisierte Menschen brauchen oft nicht nur Hilfe, die direkt mit ihrer Erfahrung oder der Verarbeitung dessen zu tun haben.
Es gibt traumatisierte Menschen, die brauchen Hilfe beim Streichen ihres Gartenzauns. Beim Kochen. Beim Einparken. Beim Arbeiten mit Microsoft Office.

Es ist kein Alleinstellungsmerkmal traumatisiert zu sein, wenn es darum geht eventuell angebotene Hilfen abzulehnen oder (was viel häufiger der Fall ist!) gar nicht erst zu suchen. Oder zu wollen. Oder entsprechend der (oft gar nicht so bewussten) Überzeugung zu leben, (“in Wahrheit”) keine zu brauchen. Oder keine verdient zu haben. Oder selbst vor den vielen anderen Menschen, die welche brauchen und wollen und auch “gut nutzen können”, zurückstehen zu müssen/sollen. Oder davon überzeugt zu sein, erst einmal für andere Betroffene hilfreich sein zu müssen, bevor man für sich hilfreich sein kann/darf oder Hilfe wollen darf. Und überhaupt: brauchen darf.

Im Falle monotraumatisierter Menschen kann die Erziehung und alles darum herum, eine alleinige Rolle dabei spielen, weshalb Hilfe abgelehnt wird. Ja.
Wer sein Leben lang gelernt hat, dass nur “Bekloppte” zur Therapie gehen und “Bekloppte” immer Leute sind, mit denen niemand was zu tun haben will, di_er will nicht selbst auch “bekloppt” werden, indem si_er sich für eine Therapie entscheidet.
So simpel ist das.

Doch ganz ehrlich denke ich: Wer so aufgewachsen ist, hat auch Skills gelernt, wie man Dinge tut, die “bekloppte Leute” tun, ohne, dass sie von Leuten bemerkt werden, die “bekloppte Leute” nicht in ihrem Leben haben wollen. Man muss sie nur daran erinnern und ihnen so den Zugang zu ihrer Eigenverantwortlichkeit und Selbstermächtigung zeigen. Der Rest liegt bei ihnen.

Pauschal lässt sich deshalb natürlich nicht sagen, dass das noch das kleinste Problem ist, was Menschen von Hilfen trennt – aber doch kann ich sagen, dass Außenstehende in meinem Hilfeablehnungsding keinen Platz auf meiner Liste der Gründe dafür haben.

Ich bin nicht monotraumatisiert.
Ich bin bin mit dem Wissen aufgewachsen anders zu sein. Bekloppt zu sein. Wertlos zu sein, es sei denn, ich lasse mich, wie auch immer verletzen. Außenstehende Menschen waren für mich noch nie etwas, wo es mich einfach so hingezogen hat. Entweder sollte ich zu ihnen (ohne eine Wahl zu haben) oder ich wollte etwas (wovon mein Überleben abhing), wozu ich sie ge.brauchte.

Traumatisiert zu werden, war mein Alltag. Es war die Norm und keine Ausnahme.
Meine Ausnahmesituation war die Normalität “danach”. Ich brauchte erstmal keine Hilfe, um damit zurecht zu kommen, dass mir passiert war, was passiert ist.
Ich brauchte und brauche bis heute immer wieder eher Hilfe bei Dingen, die ich nicht einmal benennen kann, weil ich nicht weiß, wie sie überhaupt funktionieren. Wie man sie macht und wozu eigentlich.

Man kann es sich natürlich vorstellen, wie einen bloßen positiv-negativ-Verkehrungsdreh.
So einfach ist es aber nicht. Denn auch auf mich haben Erziehungen außerhalb der Familie eingewirkt. Auch ich habe gelernt, dass niemand bekloppte Leute mag. In mir haben sie jedoch keine “in der Familie (im Privaten)” – “außerhalb der Familie (im Öffentlichen)”- Spaltungen aufgemacht, sondern viel mehr einen Grundbaustein für mein gesamtes Weltbild gelegt, weil sie deckungsgleich wirkten.
“Niemand mag bekloppte Leute (wie mich) – überall.”

In dem Text wird auch die Abwertung von Schwäche als Grund für das Ablehnen von Hilfe genannt.
Nicht das Erkennen von Schwäche durch das Angebot von Hilfe selbst.
Das passiert zum Beispiel so:
“Probieren doch mal Sie dieses Shampoo – sie müssen sich aber auch nicht widerlich fühlen, wenn sie das nicht benutzen.”.
Man bekommt überhaupt erst die Idee, sich widerlich fühlen zu können, wenn (weil) man das Produkt nicht kauft.

Ähnlich ging es mir bei meiner ersten Einweisung in eine Klinik. In keiner Sekunde vorher war mir bewusst, dass ich auch hätte nein sagen können. Bis zu dem Moment, in dem mir gesagt wurde, das wäre ja ganz toll, dass ich das mitmache, denn so muss ja niemand mehr unter mir (und dem Ausdruck meiner Not) leiden.
Eine Sicht auf mich, die mich tief traf und sehr lange auch davon abgehalten hatte, in Frage zu stellen, ob das überhaupt stimmte. Oder, ob es wirklich so schlimm ist, wenn die Menschen, die mich jahrelang ausgebeutet und verletzt haben, nun darunter litten, dass es mir schlecht damit ging, dass das passiert war, oder vielleicht doch auch eine Art Arschtritt ihres Karma war.

Persönlich habe ich manchmal den Eindruck, Menschen, die anderen Menschen von Berufswegen her helfen, verlieren manchmal aus dem Blick, wie profan das ist, was sie tun. Oder besser gesagt: wie profan sein sollte, was sie da tun, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.
Es sollte nichts Besonderes sein, Hilfe in Problemlagen zu geben oder zu erhalten.
Durch die Professionalisierung der Helfer_innen und Spezialisierung der Hilfen selbst, ist aber genau das passiert.

Du bist traurig? – Ist bestimmt ne Depression – geh mal zum Psychiater – der kennt sich besser aus als ich. Ich bin ja nur dein_e Freund_in/Lehrer_in/Arbeitskolleg_in …
Du wurdest traumatisiert? – Ouh da gibts bestimmt ne PTBS – geh mal zu einer Psychologin – die kennt sich besser aus als ich. Ich bin ja nur …

Ich erwähnte oben schon eine gewisse Gleichschaltung von Menschen in meinem Weltbild.
Das macht solche Aussagen von “Geh mal weg – ich bin nur…” für mich völlig widersinnig. Auch früher schon.

Mit 15 saß ich neben meinem Rucksack voller Zeug als weggelaufenes Mädchen vor der Schulsozialarbeiterin und teilte mit ihr, was ich heute als “Trauma-Burn-out” bezeichnen würde. Massive Erschöpfung nach Schlafmangel, permanenter Angst-Anspannung und die schlimme Not daran, genau darunter zu leiden. Sie gab mir die Visitenkarte einer Psychologin und schickte mich weg. Sie hätte keine Ahnung und könnte mir nicht helfen.
Mein Problem war aber, dass ich nicht schlafen konnte und keine Ruhe fand.
Logisch, wenn man Anfang Mai auf der Straße unterwegs ist. Weggelaufen von zu Hause. Ohne Geld. Ohne Schutz. Ohne Idee, was wie wo wann zu tun sein könnte.

Sie hätte mir helfen können. Sowohl als Sozialarbeiterin als auch als Mensch. Es hätte ihr klar sein können, dass manche meiner Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind. An dem Nachmittag, an dem ich bei ihr im Zimmer war, wäre es schon viel für mich gewesen zu hören, dass es okay und logisch ist, sich hungrig, müde und voller Angst zu fühlen.

Bis heute ist es mir die größte Hilfe, wenn ich jemanden habe, di_er mir sagt, dass, was ich fühle und wahrnehme einfach ist, was ich fühle und wahrnehme und dass das völlig okay ist.
So ein Satz ist so wenig. Aber er macht so viel.
Und der kann von jedem Menschen kommen. In egal welcher Situation und auch egal mit welcher Profession im Hintergrund.

Ich wurde über Jahre von A nach B geschickt um “das Beste” von “den Profis” zu hören.
Gelernt habe ich dabei vor allem eins: wo ich war – mit wem ich war – war ich nicht okay und musste weg.
Was ich brauchte und selbst wollte, geriet in der Zeit immer mehr in Vergessenheit. Und wenn ich heute in meine Aufzeichnungen von damals schaue, dann denke ich, dass dieses Teenagermädchen von damals eigentlich nie hatte klarer und logischer hätte sagen können, dass es keine Profis und ihre Hilfen braucht, sondern Unterstützung beim Kennen_lernen der Normalität, in der es nicht ständig miss.be.handelt wurde.

Das macht mein Helferhilfeablehnungsding heute aus.
Dass ich Unterstützung brauche und will, aber Hilfe und manchmal auch Rettung angeboten/aufgedrängt(/aufgezwungen) bekomme (bekam). Ohne, dass ich selbst verstehe, was genau die Hilfe sein soll oder woraus man mich retten will.
Es ist ein Missverständnis.
Eines, das mehr als ein Mal tiefgreifende und schreckliche Folgen für mich hatte und bis heute immer wieder haben kann.

Hier beginnt ein Aspekt, den ich wichtig finde.
Der Aspekt, wie Menschen mit meinen Erfahrungen gesehen werden.

Viele Menschen machen mich aufgrund meiner Erfahrungen zu einem Opfer. Und behalten mich als Opfer in ihren Überlegungen darum, was mir helfen könnte und was sie für mich tun könnten. Der Opferbegriff aber, meint einen Menschen in einer akuten Situation globaler Ohnmacht und Ausgeliefertseins. Also einer Person, die selbst nichts tun kann, außer zu sein, was sie gerade ist: ein Opfer.

Meine Gewalterfahrungssituation ist aber vorbei.
Der Umstand mich heute mit Problemen an Menschen zu wenden, hat nichts damit zu tun, dass ich noch immer nichts tun kann und dringend Hilfe oder Rettung brauche. Schließlich gehe ich ja aktiv in Kontakt mit Menschen. Ein Opfer kann das nicht tun. Ein Opfer erlebt immer einen Moment des absoluten Nichtstunkönnens (bzw. der absoluten Überzeugung nichts tun zu können).
In dem Moment, in dem ich auf Menschen zugehe und ein Problem mit.teile, tue ich aber etwas. Ich bin aktiv und will es bleiben. Manchmal weil, manchmal obwohl ich ein Mensch bin, der einmal zum Opfer wurde.

Das ist aber nicht die übliche Idee von Patient_innen, Klient_innen, Opfern, Hilfebedürftigen.
Die Regel ist, dass davon ausgegangen wird: “Wer vor mir (Profi) landet, der muss und will (eigentlich und in Wahrheit) behandelt werden” – es soll also etwas mit ihm_ihr gemacht werden. Als Objekt einer Tätigkeit. Als Gegenstand einer Behandlung. Als Fall, der jemandem passiert.
Nicht als Subjekt, das aktiver Teil des Moments ist. Als Kosmos, der in eigenen Dynamiken passiert und auf den des Gegenübers reagiert.

In dem Text, den ich zu Beginn anspreche, heißt es, dass Menschen lernen müssen, dass es eine Stärke sei, Hilfe anzunehmen.
Tatsächlich empfinde ich es als Stärke angebotene Hilfen (so weit wie es sinnvoll erscheint) abzulehnen und stattdessen die Unterstützungen, die man für sich als möglicherweise hilfreich einordnet, anzusprechen, um zu schauen, ob diese eventuell leistbar sind.
Die Stärke ist, meiner Ansicht nach also, das einzubringen, was man sich selbst für sich wünscht oder gut vorstellt.

Für mich gibt es wenig, das so intim und nah ist, wie das, was man sich vorstellt.
Was man sich als gut und schön vorstellt. Was wichtig für ganz allein sich selbst ist.
Mir kommt es der Schilderung von sexuellen Phantasien gleich, jemandem mitzu.teilen, was man sich für eine hilfreiche (therapeutische) Zusammenarbeit vorstellt. Es ist nah, es ist empfindlich, es ist leicht alles oder etwas davon zu verurteilen oder lächerlich zu machen.
Deshalb erfordert es Stärke.

Mehr Stärke als vor einem ausgebreiteten Hilfebuffet zu stehen und zu wählen, was man probieren will.
Was nicht heißt, dass es keine Stärke erfordert zu wählen und sich die Wahl zu trauen und so weiter. Aber es ist kein großes Ding vor dem Buffet einer fremden Person zu stehen und zu sagen: “Meeh – alles nix für mich”. Denn man selbst hat nichts mit diesem Buffet zu tun – nur mit der Ablehnung dessen.

Wenn man allerdings wochen-, monate –, vielleicht sogar jahrelang überlegt hat, was man möchte oder vielleicht braucht und das als Büfett vor jemandem ausbreitet, dem man zutraut, das irgendwas davon vielleicht geht … Ein “Meeh – alles nix für mich” ist da eine ganz andere Nummer.

Das hat uns die letzte Klinikerfahrung zerstört.
Denn wenn ein Profi dir sagt, deine Vorstellungen von dem, was dir eventuell hilft, sind nicht adäquat oder passend oder angemessen, dann stehst du auf eine Art gedemütigt und verunsichert in der Landschaft, die nicht damit lösbar ist, dir zu denken: “Ja ach – was die sagen – haben ja wohl selbst ein Problem…”.

Wir standen danach in der Gegend und dachten: Siehste. Einen Scheiß wollen sie proaktive Patient_innen. Einen Scheiß geben sie auf Selbstbestimmung. Einen Scheiß sehen sie Patient_innen als eigenständige Subjekte. Einen Scheiß achten sie darauf nicht selbst übergriffig und gewaltvoll zu sein. Einen Scheiß wissen sie davon, was ihre eigene (frühere) Therapie bewirkt, wenn sie geholfen hat.

In dem Text fehlt das Schlagwort “hilflose Helfer_innen”.
Oder “die Helfer_innen selbst”.

Gerade das Phänomen um Therapeut_innen, die Therapiefortschritte oder sagen wir “andere Stadien als die akute Krise” weder sehen noch als valide anerkennen können, fehlt mir so oft in der Auseinandersetzung um die Frage, warum Hilfe und Unterstützung für viele komplex traumatisierte Menschen (mit komplexen dissoziativen Störungen) problematisch sind.

Gerade in der Blase um Therapeut_innen, die mit Menschen mit DIS oder DDNOS arbeiten, fehlt mir das.
Denn – noch ein Newsflash – eine DIS ist kein Akutzustand. Es ist das Ergebnis einer Langzeittraumatisierung. Ein Anpassungergebnis. Eine Selbst- bzw. Persönlichkeitsstruktur, die sich in Anpassung an extreme Gewalt in einem Menschenleben mit noch vielen anderen Dingen drumherum entwickelt hat.

Wir haben lange von Intervalltherapie profitiert, weil wir lange in dauerakuten und kriseligen Lebensumständen lebten. Die Therapie haben wir viel zu selten als Chance bestimmte Erfahrungen zu verarbeiten oder spezifische innere Gegebenheiten zu begreifen nutzen können. Vielmehr war die Klinik für uns der Ort an dem unsere innere Zerschossenheit und diffuses Sein in weniger selbstzerstörerische Bahnen gelenkt wurde.
Was gut war. Immerhin hat es uns das Leben gerettet und den Weg dahin geebnet zu spüren, auszuhalten und anzuerkennen, dass was wir als wichtig erachten, auch wirklich wichtig für uns ist.

Scheiße nur, dass genau das dann später jedes weitere Profitieren von ebenjenem Klinikangebot verunmöglicht.
Denn offenbar kann man dort (und an auch auf anderen Stationen, auf denen DIS behandelt wird) nur das: Menschen retten, die akut dissoziativ zerschossen sind.
Alle anderen – und das werden gefühlt immer mehr, denn langsam häufen sich Schilderungen ganz ähnlicher Situationen – werden abgelehnt, weggeschickt, ähnlich gedemütigt, verunsichert, unter Umständen auch retraumatisiert und damit auf eine gewisse Art wieder zu den Wunschpatient_innen gemacht, mit denen man dort am liebsten arbeitet.

Sorry – aber sowas ist doch scheiße und verlogen hoch zehn.

Entweder man möchte komplex traumatisierten Menschen helfen und/oder sie unterstützen, bis sie das nicht mehr brauchen (man arbeitet also auf die eigene Abschaffung als Helfer-, und/oder Unterstützer_in hin) oder man tut es nicht.
Zu sagen, dass man das will, dann aber nur Menschen mit spezifischem Profil gut zur Seite zu stehen und die anderen zurück in ebenjene Rolle/Konstitution zu drängen, ist meiner Ansicht nach erbärmlich. Mal abgesehen davon, dass ich mich frage, ob das überhaupt mit medizinischer Ethik und Berufsehre vereinbar ist.

Die Folgen für solche “Restpatient_innen” sind nämlich genau solche, die sie erneut in Gefahr bringen, erneut akute Probleme zu bekommen.
Ich erinnere an der Stelle mal an den Arzt in der Anfallsambulanz, der mir unterstellte, ich würde ja gar keine Hilfe wollen, weil ich genau den Klinikaufenthalt nicht bis zum Schluss absolviert hatte.
Batsch, kann ich da nur sagen. Genau so hat es sich nämlich angehört. Volle Klatsche.
Ich, die böse Patient_in, wollte ja gar nicht, dass man mir hilft.
Ich, die sich ja gar nicht angestrengt hatte. Was dieser Superspezi natürlich alles nur daraus ableiten konnte.
Weil er so wahnsinnig viele Kerzen auf der Torte hat.

In meinem Weltbild entsteht durch solche Geschichten folgendes:
Zu der Überzeugung: “Niemand mag bekloppte Leute (wie mich) – überall!” kommt “Niemand hilft (unterstützt) so bekloppten Leuten (wie mir) – überall!”.
Und zwar nicht, weil mir nie jemand geholfen hat – sondern, weil an diese Hilfe Bedingungen geknüpft wurden, die ich selbst nicht erfüllen konnte, ohne mir selbst zu schaden oder Schaden zufügen zu lassen.
Genauso wie es um das Gemochtwerden immer wieder Bedingungen gab, die ich nicht erfüllen konnte, ohne mir zu schaden oder Schaden zufügen zu lassen.

Es geht bei der Nichtannahme von Hilfen und das, was dafür gehalten wird, als auch um Selbsterhaltung.
Sicher – meine Sensoren dafür was mich bedroht oder bedrohen könnte, sind aufgrund meiner Erfahrungen nicht immer und in jedem Fall die einzigen Quellen, auf die ich mich zur Einschätzung von Situationen verlassen sollte. Aber es hat immer einen Grund, weshalb sie mir etwas zurückmelden und das ernst zu nehmen ist ein wichtiger Schritt für meine Therapie gewesen.

Nicht mehr darauf zu achten oder sie gänzlich zu ignorieren, nur um mich den höchstprofessionellen Helfer_innenworten und -taten hinzugeben, wäre strunzendumm falsch und entgegen aller Erfahrungen, die mir verlässlicher und bedingungsloser das Leben gerettet haben, als es ein außenstehender Mensch je könnte.
Und konnte.

Auch das: wichtig.
Mein gewaltvolles Kinder-, Jugendlichen-, junge Erwachsenenleben hatte nicht nur Schmach und Not und Finsternis für mich. Ich hatte meine Momente von Triumph, Kraft, Selbstermächtigung, Selbstwirksamkeit. Sie haben nur nicht den gleichen Anteil in der Masse und auch nicht die gleiche Chance auf Einprägung, wie jene Erfahrungen, die mein Leben bedroht haben.

Das ist so unheimlich wichtig von Anfang an in einem Helfer_innenkontakt.
Dass jede Option der Selbsterfahrung in einem Leben ganz selbstverständlich mit angenommen wird. Auch dann, wenn es den Klient_innen vielleicht erstmal nur darum geht, dass ihnen ihre Not an schlimmen Selbst_Erfahrungen anerkannt wird. Dass ihnen geglaubt wird. Damit sie das selbst anerkennen und glauben können.

Ich für mich bin es so leid, mich immer wieder mit aller Macht aus diesem “Sie wurde Opfer von …”-Blick rausschälen zu müssen. Denn das erstickt meinen Bezug zu den guten und starken Momenten in meinem Leben. Das erstickt mein Sein um das herum, was von der Diagnose benannt wird.
Das zwingt mir Hilfe auf. Denn wie gesagt: Opfer brauchen Hilfe. Opfer brauchen, dass Dinge mit/für/statt ihnen gemacht werden, denn sie selbst können nichts tun, außer zu sein.

Natürlich spielt in meine Ablehnung der Opferrolle auch internalisierte Abwertung von Schwäche hinein. Natürlich. Ich weiß wie sehr Schwäche weh tut – selbstverständlich will ich nicht schwach sein.
Ich lehne es aber auch ab, weil ich mich gleich und miteinander mit Menschen fühlen will.
Ich will aktiv sein und ich will, dass man mir aktiv begegnet. Denn nur so kann man Dinge tun. Miteinander.
Und das gilt in Bezug auf alles.
Das gilt beim Zäune streichen, beim Kochen, beim Dokumente zerschießen in Microsoft Word – und in der therapeutischen Begegnung, in der meine Erfahrungen und ihre Auswirkungen auf mich eine Rolle spielen.

Nein – niemand muss von jemandem “gelernt kriegen”, wie die Welt “eigentlich” ist. Was “eigentlich” hilft.
Niemand. Niemals.
Was alle Menschen brauchen ist ein Raum voller Respekt und Anerkennung dafür, dass es sie gibt. Dass sie Erfahrungen gemacht haben, die sie geformt haben. Die auf sie wirken. Alle Menschen brauchen jemanden, di_er sie anhört und auf dem Stück der Entwicklung begleitet, die sie jeweils gerade durchmachen.

Alle Menschen lernen von ganz allein, was ihnen hilft. Nämlich dann, wenn ihnen etwas hilft. Nicht, weil ihnen jemand sagt, was wann wie geholfen hat oder helfen wird. Eigentlich. In Wahrheit. Wenn sie nur glauben wollen. Wenn sie nur vertrauen (wollen/können/möchten).

Das ist der nächste Punkt.
Ich habe keinen Anlass jemandem zu vertrauen, di_er mir nicht vertraut schon zu wissen, was ich wann wie wo warum und wozu möchte oder brauche oder glaube.

Für mich selbst steht bis heute im Vordergrund, mir selbst gut und immer besser vertrauen zu wollen. Mir selbst und meiner Wahrnehmung glauben zu können, weil ich sicher trennen kann zwischen (spontaner/unbewusster) Erinnerung und aktuellem Ist.
Wer mir aufgrund dessen, dass das bei mir ein bisschen anders funktioniert, als bei anderen Menschen, nicht zutrauen kann, selbst gute und in dem Moment für mich richtige Entscheidung treffen zu können, ist niemand di_er mir Respekt und Anerkennung für mein Sein entgegen bringt.
Das klingt vielleicht flach und unterkomplex – nicht gut durchdacht, nicht differenziert und ach so einfach kann das doch nicht sein.
Aber doch. So einfach kann das sein.

Ich brauche niemanden, di_er mir die Welt erklärt und in dessen_deren starke professionelle Hände ich mich fallen lassen kann.
Ich hab selbst auch einen Blick auf die Welt. Ich hab selbst auch starke professionelle Hände.
Es ist okay alles abzulehnen, das genau das negiert, bezweifelt, aberkennt, verdreht oder so tut, als wäre daran etwas falsch.

Selbst dann, wenn alle Welt, das “Hilfe” nennt.

 

* in dem Text nicht erwähnte Gründe angebotene Hilfen abzulehnen:
– Armut
Auf dem Land gibt es wenige/keine Anlaufstellen für Menschen nach traumatischen Erfahrungen. Zusätzlich zu möglicherweise aufkommenden Therapiekosten und Medikamenten, die (zu)zu zahlen sind, kommen dann noch erhebliche Fahrtkosten und unter Umständen auch Verdienstausfälle

– Zugehörigkeit einer anderen Gesellschaftsschicht als die helfende Person
Wirklich. Es ist ein Problem, dass es überwiegend weiße, akademisch gebildete Personen der mittleren bis oberen Schichten sind, die Menschen als “professionelle Helfer_innen” begegnen.

– Zugehörigkeit zu einer minorisierten Personengruppe
Es ist ein Problem als minorisierte Person überhaupt in irgendeiner Form adäquat behandelt zu werden, da jedes Behandlungsverfahren auf die Mehrheit hin ausgerichtet entwickelt und erprobt wurde.

–  Leben mit Behinderung
Fließt in den letzten Posten mit ein, nehme ich hier jedoch einzeln nochmal auf.
Behindertenfeindlichkeit ist in medizinischer und psychiatrischer Struktur fest verankert – viele traumatisierte Menschen mit Behinderung bekommen keine Hilfen finanziert und haben nicht die Ressourcen dafür zu kämpfen.

– zu lange zu hart für eine bedarfsgerechte Therapie gekämpft
Wir engagieren uns in der Initiative Phönix, weil wir immer wieder erleben müssen, wie Menschen mit kleinen Hilfetropfen auf den heißen Stein vertröstet werden, statt einmal in aller Ruhe die Therapie, die ihnen hilft. Manche geben irgendwann auf.

– innere und äußere Verbote mit Helfer_innen in Konakt zu treten
und real zu erwartende Konsequenzen bei Zuwiderhandlung

– Erfahrungen mit Psychiatriegewalt und Zwangsbehandlungen
und der Erfahrung, dass diese Gewalterfahrungen von Helfer_innen nicht als solche anerkannt werden

Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

„Ausbildung inklusive“, Episode 9: „Solidarität und Mut“

Eigentlich ist meine Reihe “Ausbildung inklusive” tot.
Sie starb den für so manche meiner Textserien natürlichen Tod durch Zeit- und Ressourcenmangel. Doch auch: Fluffmangel
Ich wollte das gerne so: leicht, unterhaltsam, fluffig, augenzwinkernd.
Da meine Ausbildung aber schon damit begann, dass ich bis weit in die Ausbildungsanfänge kein Geld hatte, war von fluffiger Leichtigkeit keine Spur.

Und so ging es weiter.
Auf jedes leichte, schöne Moment, sei es mit meinen Mitschüler_innen oder den Lehrer_innen, folgte ein strukturelles Kackscheißeloch, das sich zusammen mit dem, was ich jeden Tag kompensieren muss, oft genug zu etwas entwickelte, vor dem ich am Ende schlicht die Segel streichen musste.
3 Wochen vor den Ferien und mitten in der Prüfungszeit war für mich Schluss. Mit einer Krampfanfallrate von bis zu 4 pro Woche und einem Nervenkostüm, das mir die blanken Nerven aufscheuerte, konnte ich einfach nicht mehr. Nicht einmal mehr wollen, konnte ich.

Jetzt beginnt das zweite Schuljahr.
Und diesmal wünscht sich die Schule eine Integrationshilfe. Nicht für mich. Für sich.
Dabei spielen Angst vor Verantwortung und Personalmangel in der Schule eine Rolle.
Ich will das nicht. Ich will keine Integrationshilfe.
Ich will aber gut mit der Schule zusammenarbeiten.

Also beantragte ich eine Integrationshilfe beim Sozialamt meiner Stadt.
Das tat ich vor den Sommerferien, denn wie man weiß, werden frische Anträge an Behörden in den tiefen Katakomben unter der Stadt aufgehängt, bis diese von allein zurück ins Büro der zuständigen Bearbeitungsperson laufen können.

Weit vorher beantragte ich übrigens eine Verlängerung meines Bafög. Das kann aber erst im Oktober beschieden werden, weil ich ja sonst frei von existenzieller Angst wäre, was meiner Aus_Bildung eventuell nur schadet.

Ja. Ich bin sarkastisch. Und – das liest sich hier vielleicht nicht so deutlich raus: wütend.
Denn ich habe nun einen Zwischenstand vom Sozialamt zu meinem Antrag auf die Integrationshilfe.
Von dort heißt es, sie wären nicht zuständig. Aber das Jobcenter. Vielleicht. Eventuell. Kann man nicht wissen. Muss man prüfen.

Das muss das gleiche Jobcenter sein, wie das, was es 12 Jahre nicht geschafft hat, mich in eine Berufsausbildung zu bringen, weil ich für vorhandene Stellen nicht genug oder falsch behindert war. Das gleiche Jobcenter, das mich in den letzten Jahren nur noch spricht, um mich als “nicht zur Verfügung stehend” oder als “in Stabilisierung” in die Datenbank einzutragen.
Ganz sicher ist es die Ausbildung, die mich jetzt behindert genug oder richtig behindert für irgendeine Leistung macht, die jetzt für mich infrage kommt.

Daneben – neben dieser strukturellen Achse – ist der konkrete Schulalltag, der jetzt wieder begonnen hat.
Ich war in den Sommerferien 5 Wochen überwiegend allein und selbstbestimmt auf dem Rad durch Deutschland unterwegs. Es hat mich gestärkt, mich erholt, mir “Fell wachsen lassen”. Meine Akkus sind wieder voll, mein Gefühl für meine Bedarfe und Grenzen wieder geschärft.

Eigentlich ist es der beste Start. Ich kenne das Gebäude, die Mitschüler_innen, das Tempo, die Lehrer_innen. Ich weiß, in welchem Fach was wichtig ist und wie lange ich in etwa für welche Aufgaben brauche. Ich weiß, wieviel Essen ich mitnehmen muss und was ich mir für den Resttag noch vornehmen kann und wann ich ins Bett gehen muss, auch wenn ich vielleicht gar nicht will.
Ich bin gut kalibriert. Ein großer Teil der Anstrengungen im letzten Jahr fällt jetzt weg.

Bis auf ein paar neue Lehrer_innen wissen alle, wie ich ticke. Was ich mache, wenn ich etwas brauche und wobei ich etwas Zuspruch brauche.
Wir haben uns kennengelernt und gleichen uns nunmehr ab, ob das immernoch so ist, statt immer wieder zu erforschen, was wie ist.

Nun machen wir es so:
Als Ersatz für eine I-Kraft, war der Begleitermensch die ganze erste Woche mit dabei.
Er saß mit im Klassenraum und verfolgte den Unterricht, war ansprechbar für mich und für die Lehrer_innen. Zwei Mal versuchten Lehrer_innen mit ihm über mich zu sprechen. Einmal in meiner Anwesenheit, einmal nachdem ich weg war.
Jedes Mal blockte er das Gespräch ab. Weil er weiß, dass ich für mich allein sprechen will und kann.
Eine fremde Person hätte das vielleicht (wahrscheinlich) nicht gemacht. Eine fremde Person, die nicht der Begleitermensch ist, hat ja auch nie erlebt, was es mit mir macht, wenn ich mit solcherart Gewalt konfrontiert bin.
Einer fremden Person würde ich nicht erzählen, dass mich sowas in Todesängste triggern kann.
Vor einer fremden Person bin ich lieber behindert als komplex traumatisiert.

Eigentlich sollte am Montag eine Lehrerbesprechung sein. Wie siehts aus – was wird gebraucht – was ist der Stand in Sachen I-Kraft. Diese Besprechung ist jetzt verschoben. Der Begleitermensch kann diese Woche aber nicht jeden Tag kommen.

Meinetwegen braucht er es auch nicht.
Ich komme morgens jetzt mit dem Fahrrad. Nach sportlichen 45 oder ruhigen 55 Minuten Schulweg, bin ich weich, warm und entspannt.
Ich habe Präsenzstunden (Prüfungsfächer) und Projektstunden (praktische Aufgaben bzw. PC-Arbeiten). Jeden Tag bin ich also mindestens für einen Block auf jeden Fall da – für den Rest nur soweit ich kann oder brauche, um meine Aufgaben (zu Hause oder in einem ruhigen Nebenraum) allein zu erledigen.
In jedem Fall fahre ich nach Hause, wenn ich müde werde und weiß, dass ich den Weg nach Hause auf dem Rad noch gut schaffen kann.
Es ist eine gute Anfallsprophylaxe und eine gute Stressregulierungsmaßnahme.

Der Begleitermensch sagte mir heute: Es braucht keine I-Kraft.
Ich denke dazu: Das sagte ich die ganze Zeit.
Was die Schule dazu denkt, werde ich irgendwann bald wohl erfahren.

Ich verstehe, dass es jemanden braucht, der für und mit mir sein kann, wenn ich einen Anfall hatte. Ich bin ja nicht die einzige Schülerin, die beaufsichtigt werden muss. Andererseits ärgere ich mich maßlos darüber, dass die Schule keinen eigenen Geldtopf dafür hat, Menschen einzustellen, die so eine Rolle übernehmen können.

Überhaupt ärgere ich mich darüber, wie, ja, man muss es einmal so sagen: strukturell gefickt so eine wichtige Institution ist, wenn es darum geht, es den Menschen, die darin arbeiten und lernen zu ermöglichen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Es wären ja nicht nur Hilfskräfte gut. Es wären auch Schulungen oder Coachings für die Lehrer_innen gut, die Angst davor haben, eine_n behinderte_n Schüler_in kaputt zu machen, wenn sie sie_ihn wie einen Menschen behandeln.
Und ach, so viele andere Dinge.

Einmal hatte Mareice aufgeschrieben, wie eine Wunschzukunft mit Inklusion drin, für sie aussähe.
In meiner Wunschzukunft ist Schule eigenverantwortlicher und selbstbestimmter. Es gibt Geld und Mittel, Unterstützung von außen sowohl bei Bedarf als auch bei üblichem Lauf der Dinge.

Schule in Deutschland kann nicht inklusiv sein. Jedenfalls nicht im Moment.
Denn bereits die “Schultauglichkeitsprüfung” im Kindergarten ist die ableistische Praxis, die eine Schule “für alle” effektiv verhindert.
Doch selbst wenn es behinderte /Kinder/mit Behinderung in die Schule schaffen, so sind sie nicht mitgedacht, in den Strukturen darum herum.

Selbst die Hilfen, die von/für behinderte Schüler_innen beantragt werden können, werden oft nur bis zu einem bestimmten Alter oder Schulstufe finanziert.
Weil Kinder und Jugendliche mit bestimmten Behinderungen (in dem Fall auch “chronische Erkrankungen”) nicht mitgedacht sind a) so alt zu werden und b) auch etwas von der “höheren Bildung” mitzunehmen (oder mitnehmen zu können, obwohl eine Behinderung vorliegt).
Inklusion, gestärkte Selbstbestimmung und die Ergebnisse ableistischer Förderungspraktiken stellen den strukturellen Apparat vor Zuständigkeitsdilemma.
Ironischerweise sind es Dilemma, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht entständen wären, wären behinderte Menschen an der Konstruktion der Strukturen beteiligt gewesen.

So denke ich im Moment oft: Ja, was habt ihr denn erwartet?
Und weiß: nichts haben sie erwartet. “Sie”, das sind in dem Fall die grauen Herren, die darüber bestimmen, wer was bekommt, weil X und Y vorliegen. Die grauen Herren, die nicht mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten leben. Die lange nicht mehr in einem Schulalltag oder anderen autoritären Kontexten passieren. Sie, die nichts erwarten, weil man nur dort erwartet, wo man Entwicklungen sieht.

“Sie” sind manchmal aber auch “die anderen” für mich. Die, die nicht mein Er_Leben teilen und eigentlich froh darum sind, denn alles, was mit mir zu tun hat ist kompliziert und viel und fremd und schwer und ach – immer gibt es Abhängigkeiten, gegen die man sich nicht entscheiden kann, ohne ganz grundlegend etwas zu verlieren.

Ich kann mich nicht einfach gegen eine I-Kraft entscheiden.
Selbst dann nicht, wenn ich sie nicht brauche. Jemand von meinen Lehrer_innen braucht sie, weil die Person Angst hat.
Angst, etwas falsch zu machen. Angst, nicht genug für mich da zu sein. Angst, nicht zu genügen. Weder sich selbst, noch mir, noch der Gesellschaft oder anderen Beobachter_innen, in dem eigenen Tun zu genügen.
Es tut mir leid, dass da so viel Angst ist.
Und es macht mich wütend.

Denn die Lösung für diese Art der Ängste ist keine I-Kraft, sondern Hannah-Kraft.
Lehrer_innen- und Hannah-Kraft zusammen.

Vor den Ferien habe ich mit einer Freundin darüber geredet, wie bald ich aus dem Schul_Alltag gehen müsste, würde ich nicht jeden Tag aufs neue meine eigenen Grenzen überschreiten.
Würde ich nicht jeden Tag meine Behinderungen auf das Level kompensieren, das meine Umwelt jetzt von mir kennt, würde diese Umwelt nicht einmal wissen, dass es mich gibt.
Und das ist der Punkt.

Das dabei sein – meine bloße Anwesenheit erscheint erstmal immer total selbstverständlich. Doch das Ausmaß an Kraft, das ich in jeden einzelnen Tag hineinpumpe, um an dieser Welt teilzuhaben, ist unvorstellbar für so viele Menschen.
Es ist also auch kein besonders kämpferischer Move von mir, zusammen mit meiner Schule für eine gute Zusammenarbeit zu sein. Für mich ist das normal. Ich weiß, dass ich für Miteinander und mehr als Überleben so weit über meine Grenzen muss, dass ich mich selbst verlasse.

Es ist die Art normal, die am Maßstab anderer Menschen unfassbar belastend, zermürbend und vielleicht auch schrecklich ist.
Nun frag dich mal, wie es ist, wenn ich an mit meinem Maßstab sage: das ist zermürbend, belastend, viel.

Die Schulsache macht mich wütend, weil sie mich ohnmächtig macht. Oder besser gesagt: ohnmächtig fühlen lässt. Denn natürlich kann ich jede Wahl treffen, die ich will. Nur scheiße ist das Ergebnis in jede Richtung. Ich kann nicht sagen: “Okay – ich lasse das hier jetzt sein.” Kann nicht von der Schule verlangen, sich selbst in schwierige Situationen zu bringen, indem sie auf Unterstützung verzichtet. Weiß: Wenn ich sage: “Ich will und kann alles allein verantworten” – dann hat das ein anderes Gewicht, als wenn es jemand sagt, di_er nicht ich ist.

Für mich fühlt es sich an, als müsse ich etwas verlieren, damit eine nicht greifbare Entität mich eventuell vielleicht etwas gewinnen lässt.
Menschen mit Erfahrungen ritueller Gewalt – Hände hoch, wem das bekannt vorkommt.

Vielleicht ist manchen Leser_innen hier nicht ganz klar, was ich verliere, wenn die Schule die Hilfe einer I-Kraft an mir hat. Es gibt ja noch immer Menschen, die glauben, dass behinderte /Menschen/ mit Behinderung jede Hilfe, die nur möglich ist, brauchen. Je mehr, desto besser.
Mehr ist mehr. Ein Dorf für ein Kind. Bla bla bla.

Die gleichen Menschen verpassen es, sich die Frage zu stellen, was Hilfe eigentlich ist. Um wen und um welches Problem es eigentlich geht. Und um wessen Problem.
Im Fall der I-Kraft ist es nämlich so, dass sowohl über die Strukturen, als auch über die Lehrer_innenangst alle Probleme an mir allein verhaftet werden. Es kommt zu einer Problembündelung an mir. Meiner Person.
Und eben nicht am Zusammenspiel von mir und der Schule.

Das Problem für die Schule sind versicherungstechnische und rechtliche Auflagen, bei gleichzeitiger Unfähigkeit diesen aus eigenen Mitteln je nach Bedarf entsprechen zu können. Es ist ihr Problem eine Schülerin zu haben, deren Schulbesuch etwas erforderlich  macht, das sie nicht leisten können.
Was wäre an der Stelle hilfreich?

Aus meiner Sicht: rechtliche Auflagen beim Träger der Schule, dafür zu sorgen, dass jede Schule jederzeit das Personal einstellen und bezahlen kann, das wichtig ist

Würde man an der Stelle sagen: Hilfreich wäre, wenn die Schülerin nicht zum Schulbesuch zugelassen würde, würde man das Menschenrecht auf Nichtbenachteiligung aufgrund einer Behinderung (oder anderen Faktoren) dieser Schülerin beschneiden.
Was ja viele Menschen nicht stört, da sie glauben Sonder- oder Förderschulen, Werkstätten oder Sonderarbeitsbereiche wären das perfekte Äquivalent zu Wahlfreiheit, Bildungschancen und Selbstbestimmung.
Und weil Menschenrechte nicht einklagbar sind. Noch nicht.

Meine Verluste sind aber auch konkreter.
Durch die Schulwoche mit dem Begleitermenschen habe ich ein paar davon gespürt.
Es gibt Kraftverluste, denn ich muss mehr sprechen, mehr Absprachen einhalten, eine weitere Person mit einberechnen (anhören, verstehen und überlegen, was ich wie wo wann sage). Die Anforderung auf Signale zu reagieren ist höher. Ich fühle mich verantwortlich für diesen Nichtschülernichtlehrer, der mit im Klassenzimmer sitzt, weil ein Problem an mir manifestiert wurde.
Zuweilen fühle ich mich als das Problem, das mit der “helfenden Person” wie eine Leuchtboje markiert wird.
Ich fühle mich beobachtet. Und wenn nicht, dann tut mir die Person leid, die sich statt meiner beobachtet fühlt.

Die ganze Zeit denke ich: Ich will das nicht.
Und merke, wie dieser Gedanke so an alte Wunden rührt, dass es sich zuweilen anfühlt, als seien sie frisch geschlagen.
Darüber verliere ich manchmal den Bezug zu Zeit und Raum. Zu mir als erwachsene Person, die selbst bestimmen kann, was sie will und was nicht.

Nach der Schule verbringe ich viel Zeit damit mich meinem Hier und Jetzt zu widmen. Mich so stark und fähig wie ich bin wahrzunehmen und auch: wie unproblematisch meine Anwesenheit eigentlich ist.
Danach verbringe ich viel Zeit damit mich darüber zu ärgern, mich erneut in meinem Leben wie Problemstoff zu fühlen. Deplatziert, falsch, störend, ängstigend. Wie immer wieder in meinem Leben: Die erste, die – neutral gesagt – etwas in Bewegung bringt, was als Unruhe und Belastung bei den Mitbeteiligten ankommt.

“Hilfe ist, was hilfreich ist”, sage ich immer. Und ob mir etwas hilfreich ist, erkenne ich daran, wie nützlich mir etwas ist.
Den Begleitermenschen als I-Kraft in der Schule zu haben, war mir für nichts weiter hilfreich als für das Wissen, dass ich mich gegenüber der Schule absprachegerecht verhalte und niemandem absichtlich Probleme bereite.

Seine Anwesenheit hätte, wäre die Woche anders gelaufen, eher einen Krampfanfall ausgelöst, als ihn verhindert.
So wie das ganze Gesprächstermine haben, Anträge laufen haben und immer wieder zwischen Schule, Begleitermensch, gesetzliche Betreuerin und Behördenperson umhertingeln viel mehr zu Stress und ergo: Krampfanfällen führt, als alles, was man sich für mich wünscht.

Nützlich ist mir das alles nicht.
Mein Ziel ist die Berufsausbildung mit Fachabitur. Nach Möglichkeit in einem Gesamtzustand, der mit einer gewissen Lebensqualität in Einklang zu bringen ist.

Das ist kein besonderes Ziel. Es ist keine besondere Herausforderung, das zu erreichen.
Die Herausforderung ist, dieses Ziel zu erreichen, obwohl die Umgebung und die Strukturen nicht für Menschen wie mich konstruiert ist.
Die Herausforderung ist, manche Dinge neu und anders zu machen.
Und sie normal werden zu lassen.
Jemanden wie mich an diesem Ort normal werden zu lassen.

Ich hoffe, dass die Schule vor dieser Herausforderung nicht einknickt.
Ich hoffe, dass meine Schule solidarisch mit mir ist, wie ich es für sie zu sein versuche.
Ich hoffe, dass das reicht.
Solidarität und Mut zur Herausforderung.