der behinderte Therapeut – von Kompensation und keinen Bock mehr haben

Gestern haben wir zum ersten Mal mit einem Psychotherapeuten zu tun gehabt, der eine Behinderung allgemein sichtbar kompensiert.
Das war für uns etwas Besonderes und hat viel bewegt, unter anderem gerade weil er ebenfalls mit einer Behinderung lebt.

Er lebt mit einer Hörbehinderung und trotz Prothese muss er daneben noch viel selbst aktiv kompensieren, um andere Menschen gut zu hören. Für uns war es total gut das zu sehen.
Seine Kompensation ist mir überhaupt nur aufgefallen, weil ich mich davon bedrängt gefühlt habe, dass er immer wieder mein Gesicht bzw. mein Mundbild gesucht hat. Wir können es nicht gut haben, wenn Menschen uns mit ihrem Gesicht den Eingangsbereich in die Welt verstellen oder generell viel Bewegung in den Blickbereich reinbringen, weil es uns überreizt und überanstrengt. Er aber muss das ja machen. Obwohl er die Unterstützung durch ein Cochlea-Implantat hat.

Er war mir in der Situation ein gutes Vor_Bild davon, dass Behinderungen zu kompensieren nicht damit aufhört, dass man die beste™ Unterstützung hat, die möglich ist, um sich an die Menschen anzupassen, die diese Unterstützung nicht brauchen.
Und sein Verhalten hat mir deutlich gemacht, dass Kompensation ein aktiver Prozess ist.

Außer dem Begleitermenschen sagt mir niemand, was ich eigentlich immer übernehme, um meine Schwierigkeiten zu kompensieren. Und dass das einigermaßen viel und in aller Regel sehr viel mehr ist als andere Menschen machen müssen. Alle sagen mir immer nur, wie toll ich sie kompensiere. Wie viel ich so ganz toll schaffe und bliblablö. Was für mich eigentlich irrelevant ist, weil ich in der Regel froh bin, Dinge überhaupt verstanden und dann auch noch geschafft zu haben. Das ist in gewisser Weise das Einserschüler_in-Problem. Man strengt sich unfassbar an, wird aber für die 1 gelobt – nicht für die Anstrengung und auch nicht dafür, dass man sich diese Anstrengung überhaupt gegeben hat. Sie wird einfach als gegeben angenommen. Wie Luft. Oder Bäume. Einfach so da. Ganz selbstverständlich.

Meine eigenen Anstrengungen sind für das Außermir gleichermaßen unsichtbar. Und ich selbst denke oft, dass ich mich erst dann wirklich und richtig aufrichtig angestrengt habe, wenn ich in einem Kontakt in Dissoziation und danach vor Erschöpfung in Tränen zerfalle.
Meine eigene Aktivität, die aktive Kompensation der Behinderung, ist mir selbst nicht als außerordentliche Aktivität bewusst, denn ich kann mich dabei nicht beobachten und die Menschen, mit denen ich zu tun habe, müssen nicht kompensieren, was ich kompensiere. Was bedeutet, dass ich bei niemandem beobachten kann, was ich selbst immer mache.
Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht da ist. Und auch nicht, dass sie selbstverständlich ist.

Bei dem Termin mit dem Therapeuten ging es darum abzuklopfen, ob wir miteinander arbeiten könnten.
Ich sagte ihm, dass ich schon sehr viele Therapeut_innen hatte und keine Haut mehr dafür habe, jemanden an mir lernen zu lassen. Mich als Anstoß für eine eigene berufliche Weiterentwicklung zu benutzen.
Ich habe das vor 8 Jahren auch unserer Therapeutin gesagt und musste in dem Moment daran denken. Wie ich das damals gesagt habe und doch damit okay war, dass sie sich selbst nicht als Expertin bezeichnen würde, aber versicherte, sie würde dafür sorgen, mir nicht zu schaden.
Wie ich damals den Schrei im Kopf und diesmal den Kloß im Hals hatte, als würde er gleich rauskommen und als alles zerstörende Bestie durch das Zimmer fahren. Nein, es ist echt nicht mehr drin. Nein, da ist keine Haut mehr. Da ist ein Ende, eine Grenze. Ein StoppAusEnde.

„Ja, das kann ich verstehen. Also dass man irgendwann keinen Bock mehr hat alles zu erklären und was das bedeutet“, hat er darauf geantwortet. Und ich hab mich verbunden gefühlt. Dass er das kennt, glaub ich. Sofort. Obwohl ich glaube, dass alle Menschen das kennen. Aber behinderte und chronisch kranke Leute kennen es einfach wie ich. Und er.
Für einen Moment war das wie damals in der Wohngruppe mit den ganzen anderen behinderten Mitbewohner_innen, in der wir kurz gewohnt haben. Als würden wir auf dem Sofa sitzen, rauchen und über die Welt, an deren Rand wir leben, reden. Weit weg. Als hätte das nichts mit uns zu tun, dass wir keinen Bock mehr haben uns erklären zu müssen. Als bliebe unsere Verweigerung folgenlos, weil sie nichts bedeutet.

In den letzten Wochen habe ich einen Brief an unsere Therapeutin formuliert. Am Ende, auf Seite 8, schreibe ich ihr, dass ich gemerkt habe, was das eigentlich für eine Aussage ist, wenn ich sage, dass ich keinen Bock mehr habe, mich zu erklären. Ich habe erkannt, dass ich das nur zu anderen Leuten mit meinen Anstrengungen im Leben sagen kann, um ernsthaft darin verstanden zu werden – und alle anderen das als vorübergehende Motivationslosigkeit verstehen. Verstehen müssen, denn sie sehen die Anstrengung ja nicht. Sie begreifen ja auch gar nicht, was ich ihnen damit offenbare. Sie begreifen nicht, dass ich ihnen damit sage, dass ich mich ihnen nicht zeige, mich vor ihren Augen verstecke. Mich ihnen und ihrer Einsicht entziehe. Aus dem Kontakt gehe und ihnen nichts weiter als einen reflexhaft Phrasen und Satzteile ausspuckenden Fleischsack zur Interaktion verfügbar mache, in den sie m.eine Persönlichkeit hineinprojizieren, um ihrem eigenen Handeln Sinn und Raum zu geben. Niemand begreift diese Art von Suizid.

Meine Verweigerung ergibt sich nicht daraus, dass die Kompensation in der Kommunikation, in der Erklärung, zu anstrengend ist. Sie ergibt sich daraus, dass sie nicht dazu führt, dass ich verstanden werde. Daraus, dass sie so oft vergeblich ist.
Und man doch nie umhinkommt, denn ohne Kommunikation keine Ver_Bindung.

Diskriminierung – Diskrimination – Inklusion

Als Diskriminierung wird die Benachteiligung und Abwertung von Individuen aber auch Gruppen bezeichnet, die sich aus bestimmten Wertvorstellungen ergeben, die wiederum durch bestimmtes Verhalten, Urteilen und unbewusste Verknüpfungen (und auch das Herstellen solcher Verknüpfungen) ausgedrückt werden.

Diskrimination ist ein altes Wort für Differenzierung. Man hat es verwendet, um die Absonderung, den Ausschluss, die negative Diskriminierung zu benennen.

Wenn manche Menschen heute versuchen Inklusion zu machen, dann fangen sie meistens beim Ausschluss an. Das ist das einfachste, weil es eindeutig negativ ist. Es geht um Diskrimination. Darum, dass Menschen etwas nicht bekommen oder nicht haben, was andere bekommen und haben. Da ist ein Loch, ein negativer Bereich, wenn man so will und viele Menschen denken, dass, wenn dieses Loch gestopft ist, die Inklusion passiert ist.

Diskriminierung hingegen ist etwas, das durch soziales Miteinander entsteht. Durch soziale Not_wendigkeiten. Durch Prozesse von Kultur, Zivilisation, aufwachsen in einer Gesellschaft, die ableistisch ist und bleibt, weil sie von Ableismus und anderen Formen der Gewalt geprägt ist. Und „geprägt“ meint hier so viel wie „direkt, wie indirekt, wie by proxy davon traumatisiert“.
Niemand steht morgens auf und denkt: „So, heute diskriminier ich mal n paar Leute mit Epilepsie, heute kommt die Flatterbeleuchtung in die Bushaltestelle umme Ecke.“ und reibt sich die Hände vor Vorfreude aufs Leid anderer.
Aber mit jedem Busticket, das man kauft, bezahlt man Leute, die dafür Verantwortung tragen, was für eine Beleuchtung in die Haltestellen kommt. Leute, die zur Schule konnten, weil sie das Recht dazu hatten, die eine Ausbildung, ein Studium machen konnten, weil sie sich an die Bedingungen anpassen konnten, die zu keinem Zeitpunkt auf die Idee kommen mussten und konnten, dass sie vielleicht aktiv Dinge tun, die auch Menschen betreffen, die in mehr als Haarfarbe, Musikgeschmack und Konfliktfähigkeit anders sind, als sie selbst.

Für diese, für die meisten, Leute, die in ihrem Leben nie diskriminiert wurden, sind die Leben behinderter Menschen insgesamt ein negativer Bereich. Es gibt sie einfach nicht. Nicht wirklich. Es gibt ~die Behinderten~ „die Anderen“, die man von sich selbst differenzieren, diskriminieren kann, aber, weil an der Stelle eine Diskrimination passiert, wird da zwischen „Ist“ (oder auch „echter Mensch“, oder „so wie ich/mir gleich“) und „Nichtist“ (also „eigentlich nicht so richtig Mensch“ oder „nicht so wie ich/mir fremd“) unterschieden – und eben nicht nur diskriminiert, wie man das heute so gerne eingrenzt, weil man sich mehr Pragmatismus im Inklusionsgeschehen wünscht, als ginge es um eine Baustelle, die man nur mal richtig glattziehen muss und dann läuft das schon.

Sorry, nee.
Es ist einen Tucken schwieriger als miteinander lieb zu sein. Positiv auf Behinderung und Menschenleben zu gucken. Nicht alles immer so schwer zu nehmen, so persönlich, so kompliziert. Inklusion ist nicht das gute Leben für alle. Es ist Leben für alle. Die anerkennende, beachtende, as in „achtsame“ Differenzierung von Leben in all seinen Formen und Ausgestaltungen.
Inklusion muss Platz haben für Hässlichkeit, für Ekligkeit, für Awkwardness, für nervtötende Klugscheißerei, für kritische Spitzen, für Zähneknirschen und Unzufriedenheit. Für Unterschiede und auch für Unterscheidung. Sonst ist es keine Inklusion.

Man braucht Diskrimination, man braucht Diskriminierung, um zu ordnen. Nicht, um zu hierarchisieren, nicht um zu bewerten, sondern um zu strukturieren, um effizient sein zu können und so das eigene und das Leben anderer Menschen zu sichern.
In unserer Gesellschaft wird aber diskriminiert, um Werte zu kommunizieren und zu legitimieren. Um Macht zu erhalten, auszubauen und zu stabilisieren.

Es ist nicht damit getan Ausschluss zu verhindern. Menschlichkeit zu feiern. Sich gegenseitig immer wieder zu erzählen, alle seien Mensch und ultrawertvoll, einfach, weil man da ist.
Das stimmt so einfach nicht. Man ist wertvoll, sobald man für wertig erklärt wird. Und damit beginnt das ganze Problem schon. Ganz random. Völlig alltäglich. Absolut fest in jede einzelne soziale Geste, die man macht eingebunden – auch in die, die niemandem aktiv, offensichtlich schaden oder Rechte verwehren.

der Thread, in dem Hannah aufschrieb, dass Inklusionsaktivismus nur wie ein Serviervorschlag funktioniert

Ich habe gestern diese Grafik von @PacingPixie bei Instagram entdeckt und sie bei Twitter ausformuliert. Lief nicht. War klar. Ist trotzdem wichtig, deshalb hier nochmal. Für mich, für euch, for whom it may concern. Mit weniger Fehlern und einigen Ergänzungen.
3 Kreise, die sich alle überschneiden und 4 Flächen ergeben1. Does not confront ableism2. Productive under capitalism3. Appearance aligns with beauty standardsergibt 4. Palatable disabled people
Für uns zeigt dieses Bild die deutsche Inklusionsbubble.
Wir haben sie oft kritisiert, aber nie mit den Worten „konfrontiert Ableism nicht“. Aber es ist so wahr! Aufklärung darüber, was Ableism ist; reverse „Witzigkeit“
über ableistische Praxis; sarkastisch-zynische Antworten auf ableistische Diskriminierung sind keine Konfrontation. Das ist Aufzeigen, aufklären, erklären. Und ja, das kann für Leute, die leugnen oder vermeiden wollen, konfrontierend wirken, hat am Ende aber doch immer eher die Wirkung wie der Hinweis „Serviervorschlag“ auf Fertigessen: Man formuliert das Offensichtliche (nämlich, dass Dinge anders sein könnten, als sie es sind, wenn man nichts damit macht), weiter nichts.
Ableism im Grundsatz zu konfrontieren ist etwas, dass (sich) die meisten behinderten (rassistisch, klassistisch … diskriminierten) Leute gar nicht leisten können, denn wir leben in einer Gesellschaft, in der praktisch jede Infrastruktur, jede Interaktion auf dem basiert, was Diskriminierung bewirkt: Ein globales Ungleichgewicht der Macht und also Einflussbereiche und also Kapital, das diese Position sowohl etabliert als auch stabilisiert und sichert (und also auch erweitern hilft). Sich dagegenzustellen, kann jede Lebens- und Schutzgrundlage entziehen und also Lebensgefahr bedeuten.
>Ich weiß, dass das, was ich hier gerade aufschreibe 0 anschlussfähig ist. 0 Mainstream. 0 Komma 000 einfach verständlich, aber genau das ist, was Ableism ist und für behinderte Menschen bedeutet. Das muss konfrontiert werden – da muss der Kampf, wenn man findet, dass es einen braucht – hin. Weg von individuellen Umgängen damit, wie es ist, man zum tausendsten Mal erklärt hat, dass man XY nicht kann oder AB braucht, um Zugang zu bekommen. Weg davon, sich möglichst edgy auszudrücken, wenn jemand übergriffig war oder wenn man nicht zeigen will, dass die Briefe vom Sozialamt richtig krass weh tun oder nerven oder unsinnig sind – gerade, weil man weiß, dass sie eine_n da entmenschlichen.
Wir müssen dahin kommen, zu sagen: „Ich werde ohnmächtig gemacht – ich werde entmachtet, weil ich behindert/chronisch erkrankt bin – mir werden Menschenrechte nicht
gewährt, weil mächtige Menschen etwas davon haben, dass ich behindert bin.“ Als Beispiel. <
Zweiter Punkt: Ist euch aufgefallen, dass die behinderten Aktivist_innen, die ihr im Fernsehen oder im Netz total oft seht, einen Job haben oder ihren Aktivismus zum Beruf gemacht haben (machen mussten)? Ist ein Privileg. Eins, das die wenigsten behinderten Leute haben und das, worüber man aber noch am ehesten relatable für Leute ist, die Behinderungen leicht und einfach kompensieren können. So genannte „Nichtbehinderte“, die DER Maßstab sind. Immer noch. Bei allem. Auch für Sender und Sponsoren. Zum Beispiel.
>Ich halte es für wichtig das aufzuzeigen, weil es bedeutet, dass das eine Achse ist, über die behinderte Leute benutzt werden, während sie für ihre Sache eintreten und dass es also vermutlich total egal ist, ob man in der Rolle über Inklusion und Menschenrechte redet oder eine Erklärfunktion hat oder als Diversity-Marker platziert ist. Jede wie auch immer gestaltete Öffentlichkeit ist in erster Linie von und für das „nicht behinderte“ Publikum gemacht und ja, nein, man wird nicht öffentlich, prominent, berühmt, Publikumsliebling oder eine Stimme, auf die alle hören, wenn man dieser Öffentlichkeit sagt, dass sie 24/7 Unrecht tut (obwohl sie das in der Regel gar nicht will und bewusst bemerkt) und praktisch alles, worauf ihr Welt- und Wertbild fußt sich ändern muss, um das zu beenden.<
Der dritte Punkt: Schönheit. Der Freund hat mir das neulich ganz selbstverständlich aufgezeigt, als ich mich darüber aufgeregt habe, wieso so viele Leute, einer unangenehmen Inklusionsbubbleperson folgen. „Ja, guck sie dir doch an.“
Soziales Kapital über Style zu generieren, geht in Zeiten der Hyperindividualisierung total einfach. Klar hilft es, wenn dein Körper normschön ist, aber wer, wenn nicht behinderte Leute können völlig logisch legitimiert ihren ganz eigenen Style fahren und damit anziehen?
>Ja, viel davon kommt aus der Not und ist keine freie Entscheidung, aber das war auch noch nie anders. Looking at Schwarze Leute, at arme Leute etc. deren Styles sich auch so entwickeln bis sie von mächtigen (weißen, reichen) Leuten übernommen werden, weil es das ist, was sie tun und nur so legitimieren können, dass die deren Style sie übernohmmen und verzerrt haben, überhaupt so aussehen dürfen, wie sie es tun. Bedeutet: Ja, du hast vielleicht keine 90-60-90 mit thigh-gap und Zähne wie ein Gartenzaun, aber deine bunten Haare und die Exzentrik deiner Musterwahl ist für viele Leute einfach nachzumachen – sie können dich spiegeln und dir deshalb nachsehen, dass du behindert bist. So können sie dich als Mensch annehmen und denken – und eben nicht einfach, weil du tatsächlich einer bist.<
Und so, dieser Gemengelage entstehen tatsächlich die „palatable disabled people“ – die angenehmen behinderten Leute, die den Leuten, die an ihrer Diskriminierung aktiv wie passiv beteiligt sind, schmackhafte Inklusionshäppchen servieren. Kostenlos. 24/7. Ohne Kante, ohne Aua, ohne den Gesichtsverlust, der damit einhergeht, wenn man anerkennt, dass man mit behinderten Menschen umgeht als wären sie eigentlich, ja so richtig wirklich, keine Menschen.
Keine Ermächtigung entsteht durch Einsicht der Mächtigen in ihre Privilegien und Verfehlungen. Niemand wird kommen und sagen: „Aah, ja, jetzt hab ich verstanden, wir müssen alles von Grund auf ummodeln und anders denken, damit alle teilhaben können und gleiche Möglichkeiten haben, alles zu machen, was sie wann wie wo wollen – ja dann mal los.“
Won’t happen.
Ich will mit dem Thread sagen, dass wir wegen der Unkonfrontierbarkeit nicht vorankommen mit unseren Forderungen als Aktivist_innen für Inklusion. Seid schön, arbeitet, macht mit ~“Nichtbehinderten“~, was ihr wollt, aber tut nicht so, als würdet ihr damit voll was gegen Ableism machen.
Ableistische Diskriminierung entsteht nicht aus einem Bildungsdefizit darüber, dass es Ableismus gibt oder welche Formen er hat oder mit welchen Worten er kommuniziert wird, sondern aus der ganz alltäglichen Erfahrung, dass jede_r in den Arsch gebissen ist, wenn sie_r irgendetwas (noch) (niemals) so kann, wie es erwartet wird – und dass das niemanden schert außer alle anderen Gebissenen.
Man kann immer nur etwas gegen den Ableismus machen, den man selber hat und den man selber ausübt. Niemand wird etwas gegen Ableismus machen, solange man so viel davon hat. Egal, ob behindert oder (vermeintlich) nicht.
Und ja, so leid es mir tut: Die deutsche Inklusionsbubble, der ganze „Wir machen hier Inklusionsaufklärung, guck der Rollifahrer da ist unser Moderator und der erzählt uns was über seine Arbeit für die Gesellschaft“-Apparat, hat ebenfalls voll was davon, dass es Ableismus gibt.
Und das ist ein Problem.

Buchrezension: „Von den Sternen im Himmel zu den Fischen im Meer“

Cover des Buches "von den Sternen im Himmel zu den Fischen im Meer", auf dem in großen Wellen mit kleinen Fischen und Sternen eine Person mit Fühlern und Schmetterlingsflügeln von rechts nach links geht.

Als „ein Bilderbuch für Kinder ab 3 Jahren zum Vorlesen und -singen, das Hoffnung auf eine Welt jenseits der 2-Geschlechter macht und uns zeigt, wie Akzeptanz in einer diversen Gesellschaft (er-)lebbar ist“ veröffentlichte die edition assemblage in dieser Woche das Kinderbuch „Von den Sternen im Himmel zu den Fischen im Meer“.

Miu Lans Mutter wie sie das Kind in einem schaukelstuhl wiegt und singt, auf der lehne sitzt eine blaue Eule mit Hirschgeweih, zu ihren Füßen ein rosa Fuchs.

Es erzählt die Geschichte von Miu Lan, die_r sich nicht entscheiden kann was sie_r ist. Ob Junge oder Mädchen, ob Vogel oder Fisch, Katze oder Hase, Baum oder Stern – und deshalb von allem etwas ist. Miu Lans Mutter liebt ihn aber sehr und singt ihr immer wieder ein Lied darüber vor, dass sie es immer lieben wird.

Miu Lan ist glücklich, bis xier in die Schule muss und feststellt, dass dort nur Mädchen und Jungen sind. Die vii nicht akzeptieren, sondern ärgern und ausschließen, selbst nachdem sie sich wie einen Jungen hat aussehen lassen. Trotzdem Miu Lan sich so geliebt fühlt, fühlen sie auch Sorge und Traurigkeit.

Nachtszene aus vielen Farbtönen mit blassem Mond und bunten Blumen, darin in weißer Schrift: "Was, wenn den anderen Kindern nicht gefällt, was ich bin?", schniefte Miu Lan."Es erzählt seiner Mutter davon und diese hört nim zu und tröstet sie. So gestärkt verändert sich der Kontakt zu den anderen Kindern und der Prozess der Akzeptanz beginnt.

Dieses liebevoll illustrierte Kinderbuch ist sicherlich für viele Menschen eine neue Erfahrung, ist man es im Alltag doch so gewöhnt, dass alle nur ein Pronomen nutzen, eine Form haben, einer Kategorie zugehörig sind. Doch im Lesen ist zu spüren: Eigentlich ist es überhaupt kein Akt, denn es geht um Respekt. Darum, jemandes Leben und Fühlen zu benennen.
Sehr eindeutig wird in diesem Buch aufgezeigt, dass der Konflikt von Miu Lan gar nicht darin liegt, das Miu Lan keine Entscheidung darüber trifft, was Miu Lan ist, sondern, dass eine Entscheidung erwartet wird und diese eine Bedingung für einen angemessenen Umgang miteinander ist. Der Konflikt wird nicht von Zauberei gelöst, nicht von außen durch Erwachsene oder irgendeine andere Autorität, sondern Miu Lan selbst, gestärkt von der Mutter, was für vorlesende Erwachsene vielleicht eine interessante Perspektive ist.
Miu Lans Pronomen wechseln immer wieder, doch Neopronomen wie in dieser Rezension, werden keine verwendet.

„Von den Sternen am Himmel zu den Fischen im Meer“ wurde von Kai Cheng Thom geschrieben, von Wai-Yant Li und Kai Yun Chong illustriert und von Katja Anton Cronauer aus dem Englischen übersetzt.
Es kostet 14,90 € und ist in jedem Buchhandel und über die Webseite der edition assemblage erhältlich.

Nachtrag: übers Verstecken und versteckt werden – die Helfergewalt

Das Narrativ um Leute, die Viele sind, ist so stark von Geheimhaltung, Schweigen und Unsichtbarkeit-Sichtbarkeit geprägt, dass zumindest bei uns wirklich sehr sehr oft die offensichtlichsten Dinge, die wir zeigen, nicht gesehen werden. Dass die klarsten Dinge, die wir sagen, noch um Ebenen ergänzt werden, die überhaupt nichts mit uns zu tun haben.

Es ist für uns unfassbar schwer uns davon abzugrenzen, ohne anderen Vielen, bei denen diese Ebenen durchaus da sind, zu schaden.
Und gleichzeitig auch uns selbst nicht einzureden, dass diese Ebenen bei uns niemals und nimmer nicht je auch von Bedeutung sein könnten.

Aber.
Es schadet. So sehr. Es hat uns so sehr geschadet, als jemand behandelt zu werden, die_r programmiert wurde. Es hat uns so sehr geschadet, als jemand behandelt zu werden, die_r für alles in Wahrheit ja Kompetenzen hat, weil Leute, die Viele sind, ja für alles immer jemanden haben, weil „die Täter_innen sich gar nicht leisten können, dass jemand auffällig wird“. Es schadet uns, wenn unsere Geschichte von anderen Menschen mit Annahmen darüber ergänzt wird, was welche Gewalthandlung an uns eigentlich bedeutet haben wird (während wir gleichzeitig nie prüfen können, ob das wirklich so war, weil Täter_innenkontakt zum Ende der Behandlung führt oder weil die Bedrohung nach wie vor besteht). Es schadet uns, dass wir als schweigend und aktiv verbergend eingeordnet werden, wenn wir nicht (öffentlich) aussprechen, was uns passiert ist.
Es schadet uns und es macht so viel mehr von uns unsichtbar, wenn alle unsere Schwierigkeiten unter den Mantel der DIS gestopft werden, als würde unsere Persönlichkeitsstruktur wirklich jede einzelne Dys_Funktion von uns erklären oder verursachen und als sei es nicht nötig, sich mit dem zu befassen, was mögliche andere Diagnosen auch bedeuten.

Nicht jedes Schweigen verbirgt ein Geheimnis. Manche Leute sind einfach ohne Worte. Und manche Leute, wir, müssen uns das Sprechenkönnen – besonders in für uns so hochbelasteten Kontexten wie dem einer Psychotherapie nach so viel Übergriffigkeit von anderen Behandler_innen früher – richtig hart erarbeiten.
Und manchmal gibt es einfach (noch) nichts zu sagen.

Vielesein ist kein Synonym für einen bestimmten Opfertyp. Kein eindeutiger Hinweis auf die eine Art der Gewalterfahrung, in dem einen Abschnitt des Lebens, mit dem einen Hintergrund.
Vielesein ist die Beschreibung einer von chronischer Dissoziation geprägten Selbst- und Umweltwahrnehmung einer Person. Nicht mehr, nicht weniger.
Sie ist keine Selbstauskunft über die Biografie, keine umfassende Beschreibung ihrer Fähig- und Fertigkeiten. Sie ist kein Beweis über die Existenz von bestimmten Gewaltformen und für sich allein auch kein Indiz für Umfang, Schwere und Häufigkeit von Gewalttaten.

Was zählt, ist die Person, die Viele ist. Der muss man wirklich aktiv und jedes Mal neu zuhören. Die muss man in allem anerkennen.
Und wenn man das nicht tut, dann schadet man sowohl ihr als auch allen anderen Vielen.
Und macht sie unsichtbar.
Versteckt sie.

übers Verstecken und versteckt werden

„Sie verstecken sich.“
An der letzten Therapiestunde war so vieles problematisch, so viele rote Flaggen wehten im Wind, der sich wohl schon länger unbemerkt von mir gedreht hatte. So viel, dass mir dieser Abschnitt erst jetzt wieder einfällt.
„Sie verstecken sich.“

Ich hatte erzählt, dass es mich manchmal anstrengt, nicht mehr einfach so viele sein zu können wie früher im Bullergeddo. Nicht, weil hier ein striktes Wechselverbot oder Anteilnahmeverbot am Leben mit dem Freund herrscht, sondern, weil wir einfach nicht mehr alleine sind und es heute von Relevanz für jemanden ist, was bei uns los ist.
Unser Sein im Bullergeddo war oft sehr einsam und viel davon beeinflusst, dass wir nicht wissen konnten, was wir nicht wussten. Waren wir nachts draußen auf dem Rad unterwegs oder in Panik durch die Heide rennend? Haben wir gegessen? Wenn ja, was? Wann war ich zuletzt duschen? Das war zwar immer irgendwie wichtig, aber nicht wirklich relevant. Viele Menschen machen sich einfach nicht klar, dass dissoziative (Alltags-)Amnesien vor allem wegen ihres Anspruchs an Bewusstsein für alles überhaupt ein Problem ist oder als krank eingeordnet wird – wenn man damit einfach so lebt, ohne jeden Anspruch oder Notwendigkeit dafür, zeigt sich das aber sehr.
Wenn ich nicht wusste, ob ich geduscht hatte, bin einfach nochmal gegangen. Essen kann man auch mehrfach am Tag. Sich umziehen. Aufräumen. Sich auf Wunden untersuchen. Die eigene Kommunikation nachverfolgen. Man kann viel kompensieren und wenn man nur sich selbst auf die Reihe kriegen muss, dann muss man das nur mit sich in der akuten Situation abstimmen.

Jetzt leben wir mit dem Freund zusammen. Und obwohl wir uns keine Wohnung teilen, so teilen wir doch unsere Leben miteinander und manches müssen wir heute anders kompensieren als in den letzten Jahren. Das ist anstrengend. Für ihn auch, der ebenfalls einige Jahre vorher alleine gelebt hat. Das bedeutet nicht, dass wir uns verstecken.

Wir haben Texte gelesen, in denen Viele beschreiben, wie sie sich Pläne machen, wer was wann wie „dr_außen/vorne machen darf“. Wie viel Kraft es sie kostet und wie sehr es sie kränkt, wenn die Inneren im Außen nicht erwünscht sind. Viele Viele müssen sich wirklich aktiv verstecken und leiden darunter. Bei uns ist das nicht so.
Unser ganzes Konzept dazu ist völlig anders.
Erstens können wir überhaupt nicht nach Plan wechseln oder nach Entscheidung. Wir sind nach wie vor auf Triggermechaniken bzw. Handlungsautomatismen angewiesen und nach dem Modell der strukturellen Dissoziation ist das auch total logisch so – nichts daran ist falsch oder krank, sondern wirklich so richtig knacke logisch.
Zweitens bedeuten Wechsel bei uns nicht, dass wir sie immer sofort selber merken, so nach dem Motto: „Ah jetzt endlich bin ich mal draußen, jetzt kann ich endlich XY machen.“ Es ist viel öfter so, dass wir tun, was wir immer tun, wenn wir da/aktiv/bewusst sind und erst dadurch der Wechsel überhaupt möglich zu erkennen und zu benennen ist. Und noch viel öfter ist es so, dass jemand etwas tut und dann sofort wieder weg ist und es völlig irrelevant ist, ob jetzt X oder Y dieses oder jenes getan hat, weil getan ist getan und relevant ist, mit der Verantwortung für das Getane umgehen zu können. Das ist etwas, das uns so derartig eingeprügelt eintrainiert reintherapiert wurde, dass es uns einzelne Innens unsichtbar – versteckt – macht und gleichzeitig aber auch sehr an das Handeln als Einsmensch bindet, was ja die Realität ist und die Ebene, auf der wir mit der ganzen Mitwelt interagieren.

Drittens ist unser individuelles Unsichtbargemachtsein und -bleiben im Grunde genommen auch genau, was frühere Therapien bewirken sollten. Wir konnten uns über Jahre nicht dagegen wehren, wenn Erwachsene – Behandler_innen, wie Pflegepersonal – uns dafür bestraft haben, was wir getan haben, ohne, dass wir wussten, was wir getan hatten (und warum). Wenn sie uns emotional wie (unter Zuhilfenahme der anderen Patient_innen einer Station) sozial unter Druck gesetzt haben, um uns zu Verhalten zu zwingen, das dieses permanente Nichtwissen kompensiert und unsere individuelle innere Beteiligung verunsichtbart.
Es ist also auch eine Helfertraumafolge, dass wir einerseits unfassbar krasse Panik davor haben, wenn einzelne von uns mit Namen und Funktion sichtbar werden – gleichzeitig aber auch ein Therapieerfolg, dass es keine Relevanz für uns hat, dass es diese Einzelnen von uns überhaupt gibt.

Wenn wir uns Sorgen machen zu wechseln, dann weil wir um die Folgen  und Implikationen wissen.
Es ist der totale Kontrollverlust, wenn zum Beispiel ein Wechsel zu Kinderinnens nicht verhinderbar ist, weil irgendein Traumatrigger greift, der nur über eine Handlung außen kompensierbar ist. Dann haben wir ein ernsthaftes Problem, sind ernsthaft schutzbedürftig und brauchen unter Umständen Reorientierungsreize, um den Zustand zu verlassen bzw. „zurückzuwechseln“. Aber das eigentlich Schlimme ist dann schon passiert. Unser Gehirn hat dann eine Situation fehlinterpretiert und auf einen Zustand umgeschaltet, damit umzugehen. Das Schlimme, das Kranke, das Gefährliche an unserer Traumafolge ist eben diese Fehlinterpretation. Die Annahme, jetzt gerade oder ganz gleich passiere die Wiederholung einer Traumatisierung und das mit dem Wechsel verbundene Wiedererleben.
Für uns, für mich, Hannah, ist es an sich überhaupt nicht schlimm, wenn Kinderinnens außen sind – für mich, für uns, ist daran schlimm, dass wir als Einsmensch innerlich eine Traumatisierung wieder_erleben bzw. wie in Zeiten er_leben, die traumatisch waren. Bei uns ist noch nie ein Kinderinnen draußen gewesen, weil es das so gerne wollte, sondern immer nur, weil wir als Einsmensch auf bestimmte Situationen im Außen noch keine andere Reaktionsmöglichkeit entwickelt haben, als die, wie wir sie als Kind haben entwickeln müssen.
Deshalb sind Kinderinnens im Kontakt mit Behandler_innen oder Freund_innen für uns kein Zeichen von Vertrauen, sondern von einem Macht(Gewalt)verhältnis und also akuter Bedrohung bzw. von einer Situation, in der es so viele Parallelen gibt, dass unser Gehirn sie als (möglicherweise) traumatisierend einordnet.

Als Einsmensch sind wir nicht unsichtbar. Als Einsmensch, der Viele ist auch nicht.
Alle mit denen wir regelmäßig Kontakt haben wissen, dass wir Viele sind. Dass wir sehr lange Gewalt erlebt haben und bis heute davon beeinträchtigt sind.
Wir sind unter dem Namen Hannah C. Rosenblatt Autor_in, die_r offen damit umgeht, dass sie_r gewalterfahren und Viele ist. Podcaster_in, die_r in über 50 Folgen darüber spricht, wie das ist gewalterfahren und Viele zu sein. Dieses seit über 10 Jahren öffentlich zugängliche Blog hat über 1.500 Beiträge darüber, dass ich Viele bin und was ich erlebe.
Ich, wir, sind absolut keine Person, die sich versteckt. Viel eher sind wir eine Person, die nicht erkannt wird. Die nicht verstanden wird. Die in einigen doch einigermaßen relevanten Aspekten nicht gesehen wird. Und das ist eine völlig andere Sache. Eine, die wir nur wenig beeinflussen können, weil das in anderen Menschen passiert und eine, die uns viel öfter versteckt, als wir das je herstellen könnten.

Wir können immer nur sagen: „Hier, dieses Buch erklärt ganz gut, was Vielesein ist.“ Sagen: „Frag mich, wenn du etwas nicht verstehst.“ Erklären. Ressourcen bereitstellen. Aufzeigen, dass man mit uns nicht umgehen muss, als wäre unsere Er_Lebensrealität ein außerordentlich schwer zu entschlüsselndes Geheimrätsel.
Viele Viele müssen sich wirklich verstecken. Sie werden von Täter_innen bedroht, müssen aufpassen, dass sie sich nicht in Situationen bringen, die sie zur Anzeige von Straftaten zwingen. Manche müssen Angst haben, dass man ihnen Sorge- und andere Rechte entzieht. Dass sie ihren Job verlieren, ihre Würde, ihre soziale Stellung. Ihre Zukunft, ihre Gegenwart.
Wir müssen das nicht und halten das für ein Privileg von uns. Wir können es uns leisten so sichtbar zu sein, wie wir es im Moment sind.

Es ist nur nicht leicht.
Das ist es wohl nie.

Diagnose: Kinderwunsch

Auf dem Weg in die Praxis denke ich darüber nach, was ich machen würde, würde bei der Kontrolluntersuchung rauskommen, dass alles kaputt ist. Ich weiß, dass kein Uterus kaputtgeht, weil man über Jahre mit einem Kinderwunsch schwanger ist, aber…
Die Brille beschlägt als ich mit der Maske im Gesicht die Stufen hochschnaufe.
Vor der Tür stehen zwei Leute, die nicht mit in die Praxis dürfen, damit das Wartezimmer leer bleibt. Jetzt ist das enge Treppenhaus voll. Naja.
Die Person an der Rezeption legt auf, tippt ein letztes Mal auf die Tastatur, dreht sich um und schaut mich an. „Bitte“. Ich höre das Lächeln, merke, wie es mich stärkt. „Ich habe um dreiviertel 4 einen Termin, aber ich heiße nicht mehr, wie ich bei ihnen heiße.“ Stille. „Und ich wohne auch nicht mehr da, wo es bei ihnen steht.“ Sie prüft, ob ich war, wer ich war und holt meine Akte aus dem Schrank. Ändert die Daten, fragt nichts, deutet nur auf die Garderobe und sagt, dass ich ins Wartezimmer kann.

Da sitzt eine Person mit Fußballbauch. Ich will sie anstarren und gleichzeitig in ihre Haut kriechen, bin so beschämt davon, dass ich anfange mich in mich selbst zu verkrümeln, zu ohrfeigen und zu fragen, ob ich denn bitte mal langsam wieder zu Verstand kommen kann.
„Wann war ihre letzte Periode? Nehmen Sie Hormone, irgendwas?“, die Blutdruckmanschette drückt meinen Oberarm, niemand drückt mich. Ich nehme Cortison-Spray, das ist auch ein Hormon, aber das ist nicht relevant. Ob es relevant wäre, hätte ich einen Fußballbauch unter meinem zarten Speck?

Dass sich die Gynäkologin meinen Uterus und die Eierstöcke anguckt, bezahlt die Krankenkasse nicht. Ich weiß, dass mir die Untersuchung wehtun wird, weiß, dass ich vom raussickernden Gleitgel noch einige Stunden ins Erinnern an ein vergangenes Danach getriggert sein werde, weiß, dass ich noch 2 Tage später nicht genau weiß, ob ich Schmerzen davon habe oder nur welche erinnere. Dafür bezahle ich 31 Euro 20 und kann davon ausgehen, dass sie mir sagen würde, wäre etwas kaputt oder gewachsen, was dort nicht wachsen sollte.

Ich bin in der Mitte des Zyklus. Mein Uterus sieht aus wie eine dick belegte Klappstulle, um ihn herum sieht es weich und flauschig aus. Im linken Eierstock sehe sogar ich die Eizelle, die sich bereit macht ins Leere zu springen. Da ist nichts, was da nicht hingehört. Da ist nicht, was ich mir dahin wünsche. Wo ich bei dem Anblick bin, bin ich allein.

Die Ärztin legt mir die Visitenkarten der spezialisierten Praxen auf den Tisch und stellt zwei Überweisungsscheine aus. Ich ziehe mich an und schiebe Erinnertes zur Seite. Prüfe unser Gespräch darauf, ob ich wirklich alles angesprochen habe, worüber der Freund und ich Klarheit haben möchten, merke, dass ich getröstet werden, dass ich in meinem Wünschen und Fühlen legitimiert, entschämt, werden will. Kann es aber nicht äußern, weiß sowieso, dass hier gar nicht der richtige Ort dafür ist.

Am Abend lege ich mir die Überweisungen zur kurativen Mit/Weiterbehandlung auf den Schreibtisch.
Diagnose: Kinderwunsch.

40 Mails

„Wichtig ist, dass ich nicht sie brauche, um zu arbeiten, sondern jemanden. Wichtig ist, dass ich jemanden zum Arbeiten brauche, nicht sie.“, ich gebe eine Mailadresse ein, Steuerung C, prüfender Blick über die Mail und senden. „Wichtig ist, dass ich jemanden zum Arbeiten brauche“, neuen Eintrag öffnen, Mailadresse suchen, „Es ist nichts Persönliches, es geht nur um persönliche Themen.“ Adresse eingeben, Steuerung C, letzte Prüfung, absenden.
Ich sollte arbeiten, sollte weinen, sollte laufen gehen, sollte mich strecken und atmen und wenigstens ein Obstfrühstück essen. Stattdessen habe ich meine Tyrannosaurus-Rex-Haltung über der Tastatur des Laptops und halte mich damit zusammen, dass ich nicht abhängig bin. Dass ich Dinge tun kann. Dass mein Gefühl sie zu brauchen eins ist, das dadurch entstanden ist, dass ich gut gebrauchen, be_nutzen kann, dass wir zusammen arbeiten.
Nach 40 Mails höre ich erst einmal auf. Habe Sorge, dass mich mein E-Mailanbieter wegen Spamming-Verdacht sperrt.
K. sagt, dass es sie an den Ex-Mann von F. erinnert. Wie er für sich aus der Ehe ging und F. das immer nur an den Konsequenzen gemerkt hat. Ja, der Vergleich passt. In etwa. Bei uns geht es ja nicht um Liebe, geteilte Verantwortung, Güter, Leben. Es geht nur um geteilte Zeit, in der Dinge möglich sind, die sonst nicht möglich sind. Nicht, weil ich es nicht anders will oder in Wahrheit anders könnte, wenn ich nur wollte, sondern, weil es das ist, was die Zeit ausmacht. Die Zeit, das Bündnis, den Kontakt. Die Behandlung.

Ich schreibe dem Begleitermensch. Denke kurz darüber nach, ob es mich zur_zum Psychopath_in oder Menschenverächter_in macht, wenn ich ihn und die Therapeutin als etwas sehe, das in meinem Werkzeugkoffer ist, um mir behilflich zu sein und alles Nette, angenehme darum herum eigentlich so nötig ist, wie ein Komfortgriff in Trendfarbe. Dann weint es 3 Tränen ohne mich und ich denke, ja, das ist doch genau das Problem. Ich sehe das so, aber unterdrücke das zu äußern oder zu vertreten, weil Menschen es verachten, wenn man über andere Menschen so denkt – und in dem Abgrenzungsdrama, das sich da gerade in der Therapie ereignet, wird mir im Grunde angetragen, genau meine Haltung zu haben, aber irgendwie noch anders. Vielleicht irgendwie so, dass ich nicht die Bedarfe habe, wie ich sie habe. Am besten anders. So, dass sie nichts machen muss. Dass ich eigentlich gar nichts mehr brauche.

Ich schicke meine Nachricht an den Begleitermenschen ab. Kaufe mein Jahrespaar Schuhe, ein Frühstück. Wie können wir arbeiten? Ist das eine Phase? Entweder hat sie mir nichts erklärt oder ich habe nichts verstanden. Wäre es eine Phase, wäre ja alles okay. Halbes Jahr Arbeits-Pause, alle 4 Wochen ein Termin, um den Bezug nicht zu verlieren, kein Ding. Dann weiß ich Bescheid, mache mir einen Plan, stricke mir ein alternatives Netz – aber so? Was ist das? Was wird hier eigentlich von mir erwartet? Um wen geht es?

Die ersten Absagen kommen bei mir an. Wie viele braucht man noch mal für ein Kostenerstattungsverfahren?

die Auseinandersetzung mit der Therapie

„Ich muss mich schon auch hinterfragen, was die Therapie für mich eigentlich ist.“ Ich schaue aus dem Fenster und rolle das Kopfhörerkabel zwischen Daumen und Handinnenfläche. Am Telefon ist der Begleitermensch, dem ich die Therapiesituation zu erklären versuche, während sie für mich selbst noch nicht klar genug ist.
Wir haben alle zwei Wochen einen Termin. Liefern Material, haben Dinge aufgeschrieben, kommen im Grunde aber nicht dazu, das zu bearbeiten, weil Dinge passieren, die wichtiger sind. Same old also, aber verteilt auf alle zwei Wochen.
Ich bin frustriert. Verunsichert. Fühle mich wacklig vor innenkindlicher, innenjugendlicher Überzeugung, dass das alles einfach nur eine neue Art des Verlassenwerdens ist. „Sie entwöhnt uns“, drängt es mir immer wieder in den Kopf, wenn ich darüber nachdenke, was ich beim nächsten Termin besprechen möchte. „Lass es. Es hat keinen Sinn mehr. Du schadest dir selbst. Lass los.“ Und irgendwann, wie genau jetzt an diesem Samstag zum Beispiel, drei Tage vor dem nächsten Termin, merke ich: Ich habe etwas losgelassen, obwohl ich mich nicht dazu entschieden habe. Ich habe nichts notiert, weil es schon genug Aufgeschriebenes gibt, was wir besprechen wollten, sollten, müssen, ich kann es nicht mehr finden. Die Erinnerung, der Eindruck, das Ding ist weg und damit was auch immer ich in der Therapiestunde ordnen und konkretisieren zu können gehofft hatte.
Alles blank, als hätte ich mir nur eingebildet irgendetwas irgendwie mal gehabt zu haben, von dem ich dachte, dass die Therapiestunde dafür ein guter Rahmen sei.

Wir sind schon so lange in Therapie, dass es legitim ist zu fragen, ob es überhaupt noch das bringt, was man erreichen will und braucht. Wir sind in einer Pandemie und es gibt viele Menschen, die genau jetzt akut Hilfe brauchen. Viele meiner akuten Probleme haben weniger mit akuter posttraumatischer Belastung zu tun als damit, dass meine Dysfunktionalität (die praktisch durchgehende Dissoziation) dysfunktional wird – was vielleicht etwas ist, womit man so oder so ohne therapeutische Hilfe klarkommen muss? Weil, tja, also welche Traumatherapie wird je so lange bezahlt, dass diese Phase der Traumaverarbeitung genauso begleitet werden kann, wie die der akuten Symptome?

Ich könnte mein inneres Blanko, mein leeres Regal leer sein lassen und einfach weitermachen. Es funktioniert ja. Das haben wir ja erreicht. Mein leeres Regal beeinträchtigt meine Alltagsfunktionalität nicht mehr, weil ich nicht mehr die krass unkontrollierbaren PTBS-Symptome habe. Wenn eins aufkommt, kann ich es kontrollieren, sofort verkopfen und weiter machen.
Und weil meine Kindheit und Jugend vorbei ist, ist es ja im Grunde eh egal, wenn ich eine oder zwei Erinnerungen daran schon wieder verdisse, bevor sie mir eingeordnet und integriert ist. Niemand wird kommen und mich abfragen. Und ich weiß ja schon, dass es immer nur um irgendwelchen Abfuck geht, nach dem heute kein Hahn mehr kräht.

Im Gespräch mit dem Begleitermensch merke ich, wie ich die Entscheidung der Therapeutin verteidige, wie ich meine Mutter lange verteidigt habe, wenn sie Entscheidungen getroffen hat, die bedeutet haben, dass ich alleine mit Situationen war, die mich hoffnungslos überforderten. Registriere das Mamiding dadrin, bin kurz erschrocken, dann wieder völlig klar. Wieder lasse ich irgendetwas los ohne zu wissen, was genau und werde mir bewusst, dass auch das wieder etwas ist, das in der Therapie unbesprechbar wird.
Wieder bröseln mir Inhalte auf ein Maß zusammen, das ich deutlich spüre, aber nicht zusammenkriege.

Der Begleitermensch bietet an, wieder öfter in Kontakt zu sein. Das verändert etwas.
Ich merke, dass ich weniger Angst davor bekomme, wieder in die alte ohnmächtige Sprach- und Erklärlosigkeit zu geraten. Auch gegenüber der Therapeutin. Und ich merke, wie sehr mich das in meinem Erwachsensein stärkt.
Merke aber auch, dass das etwas ist, was ich brauche – und immer gebraucht habe – um die Therapie so machen zu können, dass ich wirklich auch mal fertig bin und nicht ständig das Gefühl habe, eigentlich nie alles sagen zu können, was ich wichtig finde, weil es den Rahmen sprengt, den Intellekt, den Mut, die Offenheit meines Gegenübers übersteigt oder, weil ich nicht die Kraft Geduld Kraft habe, alles so zu erklären, dass nicht noch mehr Redezeit für solche für mich inhaltlich wie persönlich irrelevanten Schleifen, draufgeht.

Ich will mich nicht dafür verurteilen, dass ich nach so langer Zeit in dieser Therapie bestimmte Schritte nicht schneller, besser, umfassender hinkriege. Merke aber, dass ich auch immer noch nicht richtig dahin komme zu akzeptieren, dass wir uns hier seit Jahren in einer Therapieform abmühen, die einfach größte Barriere für uns beinhaltet: Kommunikation und Interaktion – also: Reden, um zu verstehen.
Wir machen hier nicht nur etwas, was schwerfällt, weil die Dissoziation, Scham oder Täter_innendrohungen dauernd dazwischenfunken und Dinge schwer zu benennen macht, sondern kompensieren auch den Autismus und alles, was da im Gepäck dabei ist. Dazu gehört, dass wir mehr Zeit, mehr Umwege, längere Phasen der Auseinandersetzung brauchen – und ja, das alles auch in total heiklen Momenten, wo links und rechts meterhohe Triggertürme sind, die jederzeit kippen könnten und uns wieder durch das Trauma schicken.

Als Erwachsene_r will ich mir sagen: Hey, take your time. Du machst das nicht mit Absicht, du gibst dein Bestes, die Fortschritte zeigen das. Es ist nicht wirkungslos, diese Therapie zu machen.
Als Patient_in, die_r es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal schafft, sich so an eine_r Behandler_in zu binden denke ich: „Wenn ich nur nicht so scheiße wäre, wie ich bin, dann…“

Als jemand, die_r eine Lösung sucht, bin ich überfordert.
Und das ziemlich.

der Throwback auf „Menstruation als trans Person“

Dieser Artikel enthält Werbung für Kulmine, einem Onlineshop für umweltbewusste Menstruationshygieneprodukte.

Vor 5 Jahren schrieben wir den Artikel „der Bindentest und die Männlichkeit im menstruierenden Körper„.
M., der damals die Binden für uns getestet hat, gibt es so nicht mehr. Er ist so sehr Teil von mir, dass ich seine Männlichkeit nicht mehr als „männlich, so wie M. ist“ fühle, sondern eher als „das männliche, neben allem anderen von mir, das mich zu einer nicht binären und also im weiteren Sinne trans Person macht“.
Was Menstruation für uns heute vor allem bedeutet, ist das Ende einer Woche von zunehmender Genderdysphorie und der Anfang einer Woche der Trauer um eine Schwangerschaft, die hätte sein, aber nicht werden konnte.

Wenn wir heute bluten, dann schwellen die Finger, die Füße, der Bauch, die Brüste wieder ab, die prämenstruelle Stimmungslage hellt sich auf. Es wird wieder leichter Dinge zu machen, die uns guttun – unter anderem auch Umfelder und Kontakte zu verlassen, die unsere geschlechtliche Identität missachten oder ignorieren.
In den letzten 5 Jahren hatten wir keine Ruhe mehr für freies Menstruieren – und auch nicht mehr die dissoziative Distanz zum Trauma sexualisierter Gewalt, die dazu beitrug, dass wir Viele wurden. Es ist uns zuweilen unerträglich zu fühlen, wie man aus der Vagina blutet und wir sind froh, nach wie vor die meiste Zeit der Blutung auf Menstruationstassen zurückgreifen zu können und die Kulmine-Stoffbinden eher für die letzten Tage zu nutzen.

Die Binden sind jetzt nach 5 Jahren immer noch absolut gut in Schuss. Keine raushängenden Fäden, die Nähte sitzen. Der Stoff hat nicht gefranst, nichts ist verzogen. Gerade bei den Flügelbinden mit Druckknopf hatte ich erwartet, bald Rost zu entdecken, doch sie sind immer noch völlig in Ordnung. Verfärbt haben sie sich vom Menstruationsblut auch nicht – aber von einem Medikament, das wir eine Zeit lang nehmen mussten. Das zeigt uns, dass sie ihr Geld wirklich wert sind.
Tatsächlich haben wir in den letzten 5 Jahren kein Geld mehr für Menstruationshygiene ausgegeben, was schon sehr toll ist, wenn man sich mal grob überschlägt, was Tampons pro Monat und Jahr kosten – auch der Umwelt und also unser aller Zukunft.

Vor 5 Jahren war mir wichtig zu vermitteln, dass in vielen Binden und Tampons Pestizid und Bleichmittelrückstände gefunden wurden, der Müll ein Problem ist und das viel des Marketings von Menstruationshygieneprodukten dazu beiträgt, zu definieren, was weiblich ist, was hygienisch ist, was sicher ist. Heute erscheint es mir fern, wie viel Abwehr und Furcht und auch Abwertung ich selbst, bedingt durch sexistisches Marketing und sich im Zusammenspiel mit der patriarchalen cis hetero zentrierten Gesellschaft entwickelnden Wertvorstellungen, meinen Körperfunktionen gegenüber hatte. Und wie schwierig es jedes Mal war, auszuhalten mit verzerrter Bodypositivity konfrontiert zu werden, die mich als trans Person, die Behinderung und Traumafolgen im Leben hat, überhaupt nicht mitdenkt, aber trotzdem den Appell an mich richtet, mich doch zu lieben und meinen Körper zu feiern.

Heute weiß und merke ich sehr deutlich: Mein Körper ist einfach da. Ich bin einfach da. Daran ist nichts positiv und nichts negativ, aber alles lebendig.
Mich darauf zu konzentrieren und zu schauen, wie und womit ich mein Leben mit ihm und all seinen Funktionen, Bedarfen und Potenzialen so gestalten kann, dass ich gut zurechtkomme, mich wohlfühle und an eine lebenswerte Zukunft glauben kann, ist für mich allgemein sehr wichtig geworden. Meine Menstruation ist nur ein kleiner Teil meines Lebens, aber er ist einer, der mein Leben jeden Monat erheblich beeinflusst. Dafür eine gute Lösung gefunden zu haben, ist mir sehr wertvoll geworden.

 

Bei Kulmine gibt es inzwischen ein interessantes neues Stoffbindenmodell – die Hela. Für zwei Lagen, die bleiben, wo sie sein sollen.
Im Shop gibt es aber auch noch Cups, Schwämmchen und vieles mehr. Schaut doch mal rein.